Von Prunk bis Stunk – Sitzungen im Kölner Karneval

Für jeden etwas dabei: Karnevalssitzungen in Kölle
Für jeden etwas dabei: Karnevalssitzungen in Kölle

Früher, bis etwa Mitte der 1980er Jahre, war das ganz einfach, wenn man zu einer Karnevalssitzung wollte: Frack oder Abendkleid anziehen und ab zur Prunksitzung im Gürzenich oder im Kostüm zu einer der zahlreichen Pfarrsitzungen im Gemeindesaal im Veedel.

Heute ist (gottseidank!) das Angebot an Karnevalssitzungen viel breiter gefächert. Und es gibt für nahezu jeden Geschmack das passende Format. Erstaunlich: Egal wie alternativ die Sitzungen auch sind, das Grundgerüst einer „klassischen“ Sitzung mit Präsident oder Präsidentin, einer Abfolge von Nummern wie in einer Revue, bleibt bestehen. Lediglich ein oft sehr steifer  Elferrat und die endlose Begrüßung der Ehrengäste gehören zum Glück heute fast immer der Vergangenheit an.

Doch welche Sitzung ist die richtige für mich?
Wo fühle ich mich wohl ?
Wie will ich Fastelovend feiern?
Antworten auf diese Fragen gibt diese Übersicht „Von Prunk bis Stunk – eine Erläuterung der wichtigsten Karnevalssitzungen in Kölle“.


Elferrat der Stunksitzung mit Präsidentin Biggi Wanninger, Bild Niklasi58
Elferrat der Stunksitzung mit Präsidentin Biggi Wanninger, Bild Niklasi58

Stunksitzung

DIE Mutter aller alternativen Karnevalssitzungen. Seit 1983 bringen die Stunker Schwung in den Karneval. Zuerst in der Alten Mensa an der Universitätsstraße, heute im E-Werk. Und das mit einem unglaublichen Erfolg: Die insgesamt etwa 65.000 Tickets sind regelmäßig binnen Minuten ausverkauft. Wer nicht das Glück hat, die Stunksitzung live zu sehen, kann das im Fernsehen nachholen oder im Radio hören.
Im Internet: http://www.stunksitzung.de/


Auch die Kehrmännchen treten in der Puppensitzung auf, Bild: Kölsch Hänneschen
Auch die Kehrmännchen treten in der Puppensitzung auf, Bild: Kölsch Hänneschen

Puppensitzung

Diese Sitzung muss jeder Kölsche mindestens einmal im Leben gesehen haben. Und es ist so schwer an Karten zu kommen. Schon 24 Stunden vor dem offiziellen Vorverkauf im September richten sich die ersten Jecken am Eisenmarkt vor dem Hänneschen-Theater auf die lange Wartezeit bis zum ersehnten Ticketkauf ein. In der Sitzung selber persiflieren die Puppenspieler liebevoll den traditionellen Karneval. Und haben dabei alle Größen des Fastelovends auf der Bühne: Bläck Föös, Kasalla, Brings, das Dreigestirn, Funken in allen Farben und viele mehr. Und alle mit Holzköpfen. Denn selbstverständlich treten die genannten Personen und Gruppen nicht persönlich, sondern als Puppen auf. Dass hier ausschließlich tiefstes Kölsch gesprochen wird, ist selbstverständlich. Für die Kinder gibt es eine spezielle Puppensitzung. Nachdem der WDR die Puppensitzung nicht mehr überträgt, ist RTL eingesprungen und zeigt die Sitzung als Stream im Internet.


Prunksitzung

Kalte Ente, Abendkleid, Frack, Weinzwang, Preise wie im Pascha: Die klassische Prunksitzung erfüllt regelmäßig alle Vorurteile. Egal ob im Sartory, Gürzenich oder Maritim – hier trifft man sich nicht unbedingt, um eine Sitzung zu sehen, sondern weil man gesehen wird. Vorsicht beim Kartenkauf, denn dieses Format tritt auch schon mal als „Festsitzung“ oder „Galasitzung“ auf. Und ganz besondere Vorsicht, wenn auf dem Ticket „um Abendgarderobe wird gebeten“ steht. Aber wer es mag …


Röschen Sitzung

Hier, so die Macher dieser schwullesbischen Alternative zum klassischen Karneval, tummeln sich „warme Jecken aus aller Welt“. Gestartet als Rosa Sitzung stellte der WDR 2004 die TV-Übertragung ein. Wegen der wegbrechenden Fernsehgelder konnte diese Sitzung nicht mehr finanziert werden. Die Macher konzentrierten sich auf ihre Wurzeln und feiern seitdem eine kleine, aber feine Sitzung in Mülheim op dä Schäl Sick.
Im Internet: http://www.roeschensitzung.de/


Pfarrsitzungen sind bunt, bodenständig und bezahlbar, wie hier in St. Pius, Köln-Zollstock, Bild: Uli Kievernagel
Pfarrsitzungen sind bunt, bodenständig und bezahlbar, wie hier in St. Pius, Köln-Zollstock, Bild: Uli Kievernagel

Pfarrsitzungen

Die regelmäßig wunderschönen Pfarrsitzungen sind eine der Grundfesten des kölschen Fasteleers. Grundsätzlich handelt es sich dabei um Kostümsitzungen, die in den Veedeln gefeiert werden. Hier schunkelt die Nachbarschaft miteinander – übrigens vollkommen unabhängig von der Religion. Bei Eintritt und auch Bewirtung zu normalen Preisen können sich diese Sitzungen die Top-Bands und Redner des Karnevals nur selten leisten. Sehr lobenswert: Einige Karnevalisten bieten speziell diesen Sitzungen günstigere Preise an, denn so Jörg Runge, der als „Tuppes vom Land“ über die Karnevalsbühnen zieht: „Sterben die kleinen Vereine, stirbt das Fundament des Karnevals.“.  Und wenn es dann doch eng wird mit der Programm, steigt eben der Kirchenvorstand oder sogar der Pfarrer selber in die Bütt. Meine Empfehlung: Werft mal einen Blick in die Schaukästen der Gemeinde in eurem Veedel und holt euch (falls noch verfügbar) Tickets. Das lohnt sich immer!


Die Hausband der Immisitzung rockt das Bürgerhaus Stollwerck, Bild: Jassin Eghbal
Die Hausband der Immisitzung rockt das Bürgerhaus Stollwerck, Bild: Jassin Eghbal

Immisitzung

Unter dem Motto „Jeder Jeck ist von woanders“ feiern die Immis seit 2010 im Bürgerhaus Stollwerck. Als „Imi“ (abgeleitet von „imitiert“) werden in Köln alle Zugezogenen oder „unechten“ Kölner bezeichnet. Bei der Immisitzung kommt das zweite „m“ hinzu. Hier sind tatsächlich Menschen gemeint, die nicht in Köln geboren wurden sondern „Immigranten“. Sehr sympathisch (und sehr Kölsch) wird der „Immi“-Begriff hier sehr weit ausgelegt, sogar Immis aus Bayern und Düsseldorf arbeiten im Ensemble mit Menschen aus acht weiteren Nationen unter der souveränen Leitung von Myriam Chebabi als Immi-Mymmi I. zusammen.
Im Internet: https://www.immisitzung.de/


Flüstersitzung

Die Flüster- oder Nostalgiesitzungen sind der Gegenentwurf zum „Party-Karneval“. Statt lautem Remmi-Demmi gibt es hier die leisen Töne. Alle Musiker spielen „usjestöpselt“, den Rednern wird tatsächlich zugehört (was auf anderen Sitzungen nicht immer der Fall ist). Hier treten auch oft Künstler auf, die eigentlich schon im karnevalistischen Ruhestand sind, wie zum Beispiel der Kölsche Schutzmann Jupp Menth.


Herrensitzung

Okay – einmal sollte man das mitgemacht haben. Man trifft sich, in der Regel sonntags zur besten Frühschoppenzeit, trinkt die ersten Kölsch („vorglühen“) und geht dann gemeinsam zur Sitzung. Dort steht oft das Kölsch als Getränk und nicht als Sprache im Vordergrund. Die Bands stellen ihre Verstärker etwas lauter und ab geht es. Redner haben hier spätestens ab der zweiten Stunde keine Chance mehr. Und regelmäßig sorgen die leicht bekleideten Nummerngirls für Ärger mit den Offiziellen des Karnevals.


Damensitzung

Zugegeben: Kenne ich nur vom Hörensagen. Ist das Pendant zur Herrensitzung, nur stehen hier „Kleiner Feigling“ und Prosecco im Vordergrund. Und statt des Nummerngirls gibt es auch schon mal einen Nummernboy.


Nur an Karneval wird die Lanxess-Arena zur "Kölnarena"
Nur an Karneval wird die Lanxess-Arena zur „Kölnarena“

Lachende Kölnarena

Eine echte Besonderheit im Sitzungskarneval: Hier ist es erlaubt, Essen und Getränke selber mitzubringen. Und so schleppen die Karnevalsjecken hunderte Fässer, kiloweise Frikadellen und viele, viele Eimer Kartoffelsalat nach Deutz. Mit etwa 10.000 Besuchern für jede der 15 Veranstaltungen (in der langen Session 2018/19) ist die Lachende Kölnarena das Schwergewicht unter den Sitzungen. Und hier spielen wirklich ALLE wichtigen Akteure. Besonders schön ist der „Mini-Rosenmontagszug“ zu Beginn jeder Sitzung. Hier ziehen Gruppen und Korps aus dem Fastelovend einmal durch das Rund der Arena – mit dem Dreigestirn als Höhepunkt.
Im Internet: https://www.lachende-koelnarena.de/


Jeckespill

Jeckespill – de Weetschaffsitzung

Bereits im zehnten Jahr tourt diese Sitzung mit Krätzjer, Klaaf un Kalverei durch verschiedene Kneipen in Köln. Immer restlos ausverkauft, immer „ballermannfrei und viel mit dem Publikum.“, so Erfinder und Sitzungspräsident Helmut Frangenberg. Dazu gehört auch das gemeinsame Singen von Karnevalsklassikern, die (fast) schon in Vergessenheit geraten sind.
Im Internet: http://www.jeckespill.de/


Das 2019er Motto von :Loss mer singe lautet "Mer levve uns Leeder"
Das 2019er Motto von :Loss mer singe lautet „Mer levve uns Leeder“

Loss mer singe-Sitzung

Mitsingen, Mitfeiern, Mitstimmen, Mitmachen. So einfach und genial kann Karneval sein. Entstanden in einer Wohnküche, wo Erfinder Georg Hinz seine Freunde für den Kneipenkarneval textsicher gemacht hat, ist „Loss mer singe“ (LMS) fester Bestandteil des kölschen Fasteleers. Durchaus fraglich ist es, ob Bands wie Kasalla, Cat Ballou oder die Klüngelköpp ohne LMS den Durchbruch geschafft hätten. 2006 war dann klar, dass auch LMS eine eigene Sitzung veranstaltet. Und das Konzept, gemeinsames Singen mit den traditionellen Elementen des Karnevals zu verbinden, funktioniert. Ein echtes Highlight ist der regelmäßige Auftritt des „Raketenmanns“, der immer dann auftritt, wenn ein Künstler eine ganz besonders gute Leistung auf die Bühne  gezaubert hat.


Kindersitzungen

Auch die Jüngsten werden kindgerecht an den Karneval herangeführt. Immer im Kostüm und mit viel Platz für die notwendige Bewegung geht es mit den Pänz in den Sälen hoch her. Neben Clowns und viel Musik ist regelmäßig der Besuch des Kinderdreigestirns Höhepunkt dieser Sitzungen. Mit der „Puppensitzung für Kinder“ bietet das Hänneschen eine spezielle und unbedingt empfehlenswerte Sitzung.


Fatal Banal - alternativer Karneval aus Ehrenfeld
Fatal Banal – alternativer Karneval aus Ehrenfeld

Fatal Banal

Garantiert „tuschfrei“, gerne mit (lokal-) politischen Seitenhieben und herrlich respektlos wird seit 1992 im BÜZE / Bürgerzentrum Köln-Ehrenfeld frecher, alternativer Karneval gefeiert. Mit „Spielmann’s Zoch“ hat diese Sitzung eine hervorragend aufgelegte Hausband. Übrigens: Nach dem offiziellen Sitzungsprogramm wird immer gemeinsam weitergefeiert.
Im Internet:  https://fatalbanal.de/


Deine Sitzung wird im Klettenberger Brunosaal und in den Bolloni-Hallen gefeiert
Deine Sitzung wird im Klettenberger Brunosaal und in den Balloni-Hallen gefeiert

Deine Sitzung

Die einzige Sitzung mit dem „Winkemariechen“, welches auf der Bühne das Publikum zum Mitmachen animiert. Auf dieser Sitzung wird mit dem gemeinsamen Ausruf „Backen, Hacken uuuund Mett!“ dem kölschen Grundnahrungsmittel Mett gehuldigt. Es werden METTleys gesungen, dieses Jahr unter dem Motto „God save the Mett“. Das „Orchester der Liebe“ spielt mit Inbrunst Lieder wie „Mett is in the air“ und die Sitzungspräsidentin Karolin Kebekus kommt als Mettwoman auf die Bühne.
Im Internet:  https://www.deine-sitzung.de/


Fremdensitzung

Ich dachte eigentlich, das gäbe es heute nicht mehr. Bis ich bei der Recherche die „Große Prunk- und Fremdensitzung“ der Ehrengarde gefunden habe. Tatsächlich hat man früher auf Fremdensitzungen die kölschen Elemente und insbesondere die Verwendung der kölschen Sprache auf ein für „auswärtige Gäste“ vertretbares Maß heruntergeschraubt. Und das, obwohl doch eigentlich immer die Kölschen den größten Teil der Gäste gestellt haben. Wer  ausgelassen Karneval feiern will, ist hier nicht richtig aufgehoben, so lautet es in der Ankündigung der Ehrengarde: „Auch diese Sitzung eignet sich insbesondere für unsere auswärtigen Gäste. Abendgarderobe bzw. Smoking ist wünschenswert. Achtung: keine Kostümsitzung!“


Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Immer kurz & knackig, immer subjektiv und voreingenommen.

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


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Silvesterfeuerwerk am Dom – FROHES NEUES JAHR!

Zugegeben – ich bin etwas neidisch: Mein Nachbar Thomas war pünktlich um 12 Uhr auf dem Vierungsturm des Doms – es gibt in Köln keinen besseren Platz, um das Feuerwerk zu sehen. Gleichzeitig bin ich ihm aber auch dankbar, dass er uns alle daran teilnehmen lässt.

Ich wünsche euch allen ein FROHES NEUES JAHR.

Uli

Rettet das Funkhaus in Köln-Raderthal!

Früher Heimat rauschender Feste, heute ein vernachlässigter Ort, : Das Raderthaler Funkhaus, Bild: Peter Funk

    Früher Heimat rauschender Feste, heute ein vernachlässigter Ort: Das Funkhaus in Raderthal, Bild: Peter Funk

Köln ist eine Medienstadt. WDR, RTL, ntv, Deutschlandradio, weitere Radiosender sowie zahlreiche Verlage haben ihre Heimat in unserer Stadt. Und das hat eine lange Tradition: Schon 1927 gab es einen Sender der Westdeutschen Rundfunk AG (WERAG), eine Vorläuferin des heutigen WDR in Köln-Raderthal.

Adenauer holt Sender nach Köln

Während der Besatzungszeit nach dem 1. Weltkrieg war der Bau deutschsprachiger Sender verboten. Erst nach dem Abzug der britischen Truppen Anfang 1926 war es erlaubt, Sendeanlagen aufzubauen. Und so ging am 15. Januar 1927 der WERAG-Sender in Langenberg (Velbert) auf Sendung. Für die Kölner Radiohörer eine Zumutung: Statt Musik nur Rauschen und Knirschen – die Sendeleistung in Langenberg reichte nicht aus, um auch den Kölnern einen störungsfreien Empfang zu ermöglichen. Also: Ein neuer Sender muss her. Oberbürgermeister Konrad Adenauer legte sich mächtig ins Zeug und bot den WERAG-Verantwortlichen ein Gelände in Köln-Raderthal an, direkt am Park gelegen. Bereits im Mai 1927 begannen dort die Bauarbeiten für ein Sendehaus und die mächtige Sendeanlage. Diese bestand aus zwei Sendemasten mit 80 Metern Höhe, gefertigt aus speziell präparierten Kiefernholz, da Eisenmasten einen negativen Einfluss auf die Sendeleistung haben. Zwischen die Masten wurde Drähte gespannt – die eigentliche Sendeanlage.

Historische Sendeanlage mit sogenannter „T-Antenne“, so hat auch der Sender in Raderthal ausgesehen: Zwei 80 m hohe Tragmasten mit der mehrdrähtigen, 6 m breiten und 40 m lange T-Antenne, Bild: Rundfunksender um 1925
Historische Sendeanlage mit sogenannter „T-Antenne“, so hat auch der Sender in Raderthal ausgesehen: Zwei 80 m hohe Tragmasten mit der mehrdrähtigen, 6 m breiten und 40 m lange T-Antenne, Bild: Rundfunksender um 1925
Wechselvolle Geschichte des Funkhauses

Ab 1932 wurde die Sendeleistung des Senders Langenberg massiv ausgebaut – und somit der Kölner Sender überflüssig. Der Sendebetrieb wurde am 14. März 1932 eingestellt, die Sendeanlage abgebaut. Das Sendehaus aber blieb erhalten und stand zunächst leer.

Um das Jahr 1950 begann in Raderthal – rund um das Funkhaus – eine rege Bautätigkeit. Für die in Köln stationierten britischen und belgischen Offiziere wurden großzügige Häuser angelegt. Und auch das Funkhaus wurde von der Britischen Rheinarmee requiriert, in die Siedlung einbezogen und für Veranstaltungen verwendet. Anwohner berichten noch heute von dem großen Saal mit Parkettboden, Kronleuchtern und rauschenden Festen im Funkhaus. Im Jahr 1997 wurde das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt.

Seit dem Abzug der Rheinarmee wird das Funkhaus von der Stadt Köln genutzt, zuletzt als Notunterkunft für Flüchtlinge. Heute steht Haus leer, aber die Jahre sind nicht spurlos  vorbeigegangen. Das Dach ist undicht, das gesamte Gebäude ist sanierungsbedürftig, die Fenster notdürftig mit Blechen zugeschlagen.

Teilansicht des Funkhauses, links der Eingang zur großen Halle, Bild: Heinz Reutersberg
Ein Bild aus besseren Tagen, heute verschandeln Bleche das Haus, Bild: Heinz Reutersberg
Initiative „Radiomuseum ins Funkhaus“

Fraglich ist, wie es mit dem diesem geschichtsträchtigen Objekt weitergeht. Es besteht die Gefahr, dass der Denkmalschutz aufgehoben wird, die Stadt das Areal an einen Investor verkauft und dort Wohnungen errichtet werden. Damit wäre das Schicksal des Sendehauses endgültig besiegelt und Köln würde wieder ein Stück Geschichte unwiderruflich verlieren.

Ein Lichtblick ist die Initiative „Radiomuseum ins Funkhaus“.  Die Idee ist, das Haus zu sanieren und das in Köln bestehende Radiomuseum im Raderthaler Funkhaus unterzubringen. „Wir wollen das markante Gebäude wieder einer ursprungsnahen Nutzung zuführen.“ so der Sprecher der Initiative, Andreas Henseler. Zahlreiche Initiativen, Vereine und Bürgerpersonen haben sich dem Netzwerk bereits angeschlossen.
Ich wünsche dem Netzwerk dabei VIEL ERFOLG!


Im Dezember 2018 hat der Rheinische Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz e.V. das WERAG-Funkhaus zum Denkmal des Monats erkannt. Weitere Infos dazu in diesem Video:


Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Immer kurz & knackig, immer subjektiv und voreingenommen.

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Das „Kölner Brückengrün“ – oder „Adenauer-Grün“

Die Severinsbrücke im "Kölner Brückengrün", Bild: Rolf Heinrich
Die Severinsbrücke im „Kölner Brückengrün“, Bild: Rolf Heinrich

Wer täglich den Rhein überqueren muss, kennt das Drama um die Brücken in Köln: Zu voll, ständig Baustellen, Staus und lange Wartezeiten. Dabei könnte man die Wartezeit im Auto oder in der Bahn auch einmal damit verbringen, sich die Brücken anzusehen. Schnell fällt auf: Was ist das denn für eine Farbe? Irgendwie „grün“, aber was ist das denn für eine grüne Farbe?

Das ist – wir sind schließlich in Kölle – nicht irgendein Grün sondern das „Kölner Brückengrün“ oder auch „Adenauer-Grün“. In dieser durchaus speziellen Farbe sind die Brücken, die von der Stadt unterhalten werden, sowie die Rodenkirchener Autobahnbrücke gestrichen:

  • Die Mülheimer Brücke,
  • die Zoobrücke,
  • die Deutzer Brücke (hier allerdings nur der ältere Stahlteil und nicht der neuere Betonteil) und
  • die Severinsbrücke.

Jetzt könnte man auf die Idee kommen, dass die Stadt einfach noch flott alle Farbreste aufbrauchen will, bevor man die Brücken auch mal in anderen Farben streicht. Weit gefehlt!

Nein, die Stadt will nicht die Farbreste für die Brücken loswerden; Hier ein Farbeimer mit originalem "Adenauer-Grün".
Nein, die Stadt will nicht die Farbreste für die Brücken loswerden; Hier ein Farbeimer mit original „Adenauer-Grün“.

Chromoxidgrün – lichtbeständig und wetterfest

Diese Farbe wurde ausdrücklich von Konrad Adenauer ausgesucht. Adenauer, damals Kölner Oberbürgermeister, wünschte sich für die 1929 eingeweihte Mülheimer Brücke eine patinagrüne Farbe. Und die Bayer-Werke kamen diesem speziellen Wunsch nach. Damit nicht alle paar Monate nachgestrichen werden musste, wählte man ein spezielles Chromoxidgrün (amorphes Chrom(III)-oxid Cr2O3), welches als besonders lichtbeständig und wetterfest gilt. Obwohl die exakte Mischung der Farbe bekannt ist, lagern beim Kölner Amt für Brücken und Stadtbahnbau immer noch Musterplatten. So kann das Adenauer-Grün immer exakt neu angemischt werden.

Im Vordergrund die Zoobrücke, im Hintergrund die Mülheiemr Brücke. Beide im "Adenauer-Grün", Bild: Gerd Franke, (http://www.ebertplatz.de/)
Im Vordergrund die Zoobrücke, im Hintergrund die Mülheimer Brücke. Beide im „Adenauer-Grün“, Bild: Gerd Franke, (http://www.ebertplatz.de/)

Adenauer-Grün für die Ewigkeit

In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Versuche, die Brücken auch einmal in einer anderen Farbe zu streichen. So sollte die Zoobrücke, 1966 eingeweiht, blau gestrichen werden, doch der zuständige Ausschuss der Stadt lehnte dieses Vorhaben denkbar knapp mit vier gegen fünf Stimmen ab. Hauptargument war das „harmonische Gesamterscheinungsbild der Stadt Köln“. Schon lustig, so etwas vom Stadtrat zu hören, deren Nachfolger seit Jahren am Dom eine riesengroße blaue Mülltüte (wird auch als „Musical Dome“ bezeichnet) dulden oder aktuell auf dem neugestalteten Breslauer Platz ein Containerdorf für die Polizei errichten lassen.

Tatsächlich stehen mittlerweile alle Kölner Brücken bis auf die Zoobrücke unter Denkmalschutz. Und somit bleibt uns das durchaus gewöhnungsbedürftige „Adenauer-Grün“ wohl für die Ewigkeit erhalten. Es soll ja schließlich ein „harmonisches Gesamtbild der Stadt“ entstehen. Bitte unbedingt im nächsten Stau auf einer der Brücken dran denken. Und angesichts eines Blicks auf die große blaue Mülltüte nicht in lautes Lachen ausbrechen.


Bevor wir Kölner uns jetzt zu viel auf „unsere“ Farbe einbilden sei der Hinweis erlaubt, dass es auch das „Braunschweiger Grün“, das „Bremer Grün“ und das „Schweinfurter Grün“ gibt.


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Der Düxer Bock – oder Romeo und Julia auf der Schäl Sick

Der Düxer Bock, Bild: Uli Kievernagel
Der Düxer Bock, Bild: Uli Kievernagel

Obwohl es heute um einen Ziegenbock geht, handelt diese Geschichte nicht vom ruhmreichen 1. FC Köln. Vielmehr geht es, wie bei Romeo und Julia, um die Liebesgeschichte zweier junger Menschen und ihrer verfeindeten Familien. Ort der Handlung ist nicht Verona, sondern die Schäl Sick. Erfreulich ist aber, dass diese Geschichte einen weit weniger tragischen Ausgang hat als bei Shakespeare. Und es ging um profanere Dinge wie Singvögel und einen Bock.

Es war einmal in Deutz, auf der „Schäl Sick“ …

Es gab einen armen Schneider in Deutz. Um sein kärgliches Dasein aufzubessern, züchtete der Mann Singvögel. Nicht unüblich in vergangenen Zeiten. Allerdings haben Singvögel einen entscheidenden Nachteil: Sie singen. Und das bevorzugt am frühen Morgen. Dies missfiel dem Nachbarn des armen Schneiders, einem reichen Steuereintreiber. Der wollte gerne länger schlafen, konnte dies aber wegen der singenden Singvögel nicht.

Und anscheinend wurden schon in vergangenen Zeiten Nachbarschaftsstreitigkeiten ausgetragen wie heute: Erst Zank, dann Schreierei und dann ging es vor das Gericht. Doch der arme Schneider hatte Glück: Da auch der Richter Singvögel züchtete, unterlag der Steuereinnehmer vor Gericht. Doch dieser konnte noch immer nicht klein beigeben. So kaufte er sich einen Ziegenbock und setzte diesen bei geringem Futter in einen Korb vor sein Fenster. Wo heute nach zwei Stunden der Tierschutz eingeschritten wäre, war damals nur Häme zu spüren: Das Tier meckerte laut den ganzen Tag und war über die ganze Straße zu hören. Und der arme Schneider wurde nur noch „Schneidermeckmeckmeck“ gerufen. Als das bemitleidenswerte Tier verendete, hoffte der Schneider vergeblich auf Ruhe und Frieden in der Nachbarschaft. Doch da hatte er die Rechnung ohne seinen reichen Nachbarn gemacht. Der hatte zwischenzeitlich einen Steinmetz beauftragt, einen Bock aus Stein am Haus anzubringen. Alles Bitten und Flehen des Schneiders war vergeblich: Der Bock blieb genauso an der Wand wie der Spott im Veedel. Der Schneider gab klein bei und verließ Deutz.

Detailansicht Düxer Bock, Skulptur von Gerhard Macks, Bld: Uli Kievernagel
Detailansicht Düxer Bock, Skulptur von Gerhard Macks, Bld: Uli Kievernagel
Aber: Wo die Liebe hinfällt

Doch es gibt noch eine Liebesgeschichte in der Geschichte vom Bock. Während sich die Väter bitter stritten, hatte Gertrud, die Tochter des Schneiders, ein Fisternöllchen mit Fritz, dem Sohn des Steuereintreibers. Als die Familie des Schneiders Deutz verließ, war Fritz unglücklich – hatte er doch seine große Liebe verloren. Da wir aber in Kölle sind, wo et noch immer jood jejange hät, kam Gertrud viele Jahre später zurück nach Köln. Anders als bei Romeo und Julia heiraten Fritz und Gertrud, kaufen das Haus des Steuereintreibers und leben glücklich zusammen.

Ein Funken Wahrheit in der Geschichte?

Tatsächlich stand schon im 16. Jahrhundert auf der (heutigen) Siegburger Straße in Deutz ein Haus „Im Bock“. Dort war ein Bock über dem Hauseingang angebracht. Dieses Gebäude wurde 1936 abgerissen, um Platz für die Auffahrten zur Deutzer Brücke zu schaffen. Die Stadt hatte damals den Deutzern versprochen, ein neues Denkmal aufzustellen, Doch es sollte noch bis 1964 dauern, bis der von Gerhard Marcks gestaltete Ziegenbock auf einer 2,5 Meter großen Säule auf einem kleinen, namenlosen Plätzchen an der Lorenzstraße aufgestellt wurde. Und noch weitere 53 Jahre, bis sich die Deutzer durchgesetzt hatten und dieser Platz den Namen „Am Düxer Bock“ erhielt. Der Bezirksbürgermeister Andreas Hupke hätte den Platz gerne anders getauft „.. aber die Deutzer Bürger sind dem Bock ähnlich – ein bisschen dickköpfig. So habe ich mich denn der demokratischen Abstimmung geschlagen gegeben.“, so Hupke in einem Interview der Kölnischen Rundschau.

Initiative "Bock auf Garten" aus Deutz, Bild: www.bockaufgarten.de/
Initiative „Bock auf Garten“ aus Deutz, Bild: www.bockaufgarten.de/

Bock auf Garten

Treiber dieser Idee war die Deutzerin Olga Moldaver. Sie hat die Initiative „Bock auf Garten“ gestartet. Heute lädt der gemütliche Platz am Düxer Bock mit einem Bücherregal und einer Sitzecke ein, einfach mal ein paar Minuten oder Stunden mit und an dem Düxer Bock zu verbringen.

 

 

 


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Unbekannte Oase in der Großstadt: Der Garten der Religionen

Der Garten der Religionen - Ruheoase mitten in der Großstadt, Bild: Uli Kievernagel
Der Garten der Religionen – Ruheoase mitten in der Großstadt, Bild: Uli Kievernagel

Es sind gerade mal 400 Meter Luftlinie vom Barbarossaplatz, Kölns hässlichster Platz, zu einem der schönsten und zugleich unbekanntesten Plätze der Domstadt: Dem „Garten der Religionen“.

Versteckt, nur durch einen Durchgang zwischen den Häusern zu erreichen, liegt diese Oase der Ruhe. Noch bis 1999 haben hier Jesuiten ihren Klostergarten gepflegt – abgeschieden von der Welt außerhalb des Klosters. Heute lädt der Garten jeden ein und hat trotzdem die klösterliche Ruhe behalten.

Symbole weisen den Weg zu den einzelnen Religionen, Bild: Uli Kievernagel
Symbole weisen den Weg zu den einzelnen Religionen, Bild: Uli Kievernagel

Der Verein IN VIA Köln – Katholischer Verband für Mädchen- und Frauensozialarbeit – hat den Anstoß zu diesem außergewöhnlichen Ort gegeben. Auf knapp 1.800 Quadratmetern und somit immerhin halb so groß wie ein Fußballfeld, wurden jeder der fünf Weltreligionen (Christentum, Judentum, Islam, Buddhismus und Hinduismus) eine spezielle Fläche zugeordnet. Der Besucher entdeckt bei seinem Rundgang diese nacheinander. „Hier hat jede Glaubensrichtung ihren Platz“, so die Geschäftsführerin des Vereins, Sybille Klings, im Kölner Stadt-Anzeiger.

Keine Belehrung, sondern Dialog

Lehrtafeln und Erläuterungen der Religionen sucht man vergebens. „Wir wollen nicht über Religion belehren, sondern Religion ins Gespräch bringen“, so der Theologie-Professor und Pfarrer Joachim Windolph, der als geistlicher Beirat das Projekt unterstützt. Die Idee dahinter ist, das Thema Religion in die Öffentlichkeit zu bringen. Dabei ist „mitmachen“ hier besonders gefragt: So wird mit Kreide auf dem Pflaster gemalt oder kleine Holzscheiben, auf welche die Besucher ihre Sorgen geschrieben haben, verwandeln sich im Osterfeuer in Rauch. Sogar ein Grillplatz ist vorhanden. Durch die Verwendung unterschiedlicher Baumaterialien und Bepflanzungen bietet der Garten der Religionen ein genauso abwechslungsreiches Bild wie die Religionen.

Feuerstelle im Garten der Religionen, Bild: Uli Kievernagel
Feuerstelle im Garten der Religionen, Bild: Uli Kievernagel

Und so vergisst man bei einem Rundgang glatt, dass man wirklich mitten in der Großstadt ist. Der Barbarossplatz ist gefühlt tausende Kilometer entfernt. Und dabei doch so nah. Gerade mal 400 Meter entfernt.


Der Garten der Religionen befindet sich im Innenhof des Gebäudes Stolzestraße 1a und ist von der Straße aus nicht zu sehen. Besucher müssen durch die Toreinfahrt in den Innenhof gehen. Der Garten ist von Montag bis Freitag von 8 bis 18 Uhr frei zugänglich. Zusätzlich ist ein Besuch auch an ausgewählten Samstagen möglich. Für Gruppen bietet IN VIA Köln Führungen und Seminare an. Dieses Angebot haben bis heute schon mehr als 850 Gruppen angenommen.


Für alle, die sich mit dem Thema „Interreligiöser Dialog“ beschäftigen, empfehle ich den „Kalender der Kulturen“  . Dieser Kalender ist ein speziell für Kinder und Jugendliche konzipierter Schuljahreskalender. Der Kalender erklärt anschaulich und verständlich die wichtigsten Feiertage der verschiedenen Kulturen.


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Die Deutzer Platte

Der schwimmende Eimerkettenbagger auf dem Rhein, Bild: Silke Kievernagel
Der schwimmende Eimerkettenbagger auf dem Rhein, Bild: Silke Kievernagel

Nein: die „Deutzer Platte“ kann man nicht essen. Das wäre auch etwas viel – immerhin ist das Ding mehr als 700 Meter lang. Und mit 1 Mio. Euro pro Jahr auch etwas teuer.

Tatsächlich handelt es sich bei der Deutzer Platte um eine für die Schifffahrt durchaus gefährliche Untiefe im Rhein. Diese liegt zwischen der Severinsbrücke und der Deutzer Brücke. Also genau in Höhe der Uferpromenade auf der linksrheinischen Seite und dem Rheinboulevard auf der rechtsrheinischen Seite.

Untiefe führt zu Havarien

Für die Rheinschiffer wird über dem gesamten Rhein eine Fahrrinne mit einem Tiefgang von 2,50 Meter garantiert. Dafür muss der Rhein an verschiedenen Stellen regelmäßig vertieft werden. Das Problem mitten in Köln: Der Rhein ist in Höhe der Altstadt fast 400 Meter breit. Zusätzlich gibt es die Hafenausfahrten zum Deutzer- und zum Rheinauhafen. Die dadurch auftretenden ungünstigen Strömungsverhältnisse führen dazu, dass sich genau dort Sand und Kies ablagern – die Untiefe „Deutzer Platte“ entsteht. Und diese hat auch schon zu Havarien geführt. So lief zuletzt im Juni 2014 hier ein Frachter auf Grund.

Um diesen Unfällen vorzubeugen, werden jährlich ca. 30.000 Kubikmeter Sand und Kies von speziellen schwimmenden „Eimerkettenbaggern“ dort abgetragen. Das entspricht immerhin dem Inhalt von 1.500 LKW. Das abgebaggerte Material ist für den Rhein aber nicht verloren. Es wird an anderen Stellen als Ausgleich für sogenannte „Übertiefen“ wieder in den Fluß gekippt, unter anderem auch, um Uferböschungen zu schützen. Diese Arbeiten kosten etwa 1 Mio. Euro pro Jahr.

Wer jetzt immer noch Appetit auf Deutz hat, sollte die „Deutzer Platte“ im Deutzer Brauhaus essen: Für knapp 25 Euro gibt es dort Käse, Schinken und Flönz für vier Personen. Bitte dabei das notwendige Kölsch nicht vergessen!


Der von der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes betriebene Elektronische Wassersstraßen-Informationsservice (ELWIS) bietet einen detaillierten Lageplan der „Deutzer Platte“.


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Baubeginn Nord-Süd U-Bahn vor 14 Jahren – Ende offen

Streckenverlauf der Nord-Süd Bahn, Quelle: www.openstreetmap.org,
Streckenverlauf der Nord-Süd Bahn – wenn sie dann man irgendwann fertig sein sollte. Quelle: www.openstreetmap.org,

Kommenden Dienstag feiert Kölns größte Baustelle Geburtstag: Am 5. Juni 2004 begann offiziell der Bau der Nord-Süd U-Bahn. Vor 14 Jahren. Und noch immer gilt: Ende offen. Nun haben wir Kölner ja reichlich Erfahrung mit Dauer-Baustellen. Der Bau des Doms war immerhin schon nach 632 Jahren vollendet.

Die neue U-Bahn soll eine direkte Verbindung des Hauptbahnhofes mit den südlichen Stadtteilen sicherstellen. Dazu soll eine etwa 6 km lange U-Bahn mit sechs Haltestellen sorgen. Die ursprünglich geplanten Baukosten lagen bei 1,1 Mrd. Euro. Fertigstellung sollte 2010 oder spätestens 2011 sein.

Chaos bereits am ersten Tag

Bereits am ersten Tag der U-Bahn-Baustelle brach in Köln das Chaos aus. Durch die Sperrung in der Innenstadt brach der Verkehr gleich am ersten Tag des Baus, ein Samstag, zusammen. Der Kölner Stadt-Anzeiger befragte genervte Kölner. So auch Rolf L. aus Zollstock. Der rüstige Rentner empörte sich, dass er wegen der Sperrungen zu spät zu einer Hochzeit ins Rathaus käme.

Der "Schiefe Turm" St. Johann Baptist mit Stahlstreben zur Sicherung, Bild: Gerd Bernau / pixelio.de
Der „Schiefe Turm“ St. Johann Baptist mit Stahlstreben zur Sicherung, Bild: Gerd Bernau / pixelio.de

Doch das Verkehrschaos war erst der Anfang. Am 29. September 2004 neigt sich der Turm der Kirche St. Johann Baptist im Severinsviertel gefährlich zur Seite. U-Bahn Bauarbeiten unter dem Fundament haben zur der Schieflage geführt. Glück im Unglück: Niemand kommt zu Schaden, der Turm wird durch massive Stahlträger gestützt und später wieder aufgerichtet. Kurios war allerdings, dass die Schieflage genau zur Kölner Fotomesse „photokina“ passierte. Die Messe reagierte prompt und richtete, insbesondere für fotofreudige Japaner, einen Shuttle-Service zum „Schiefen Turm von Kölle“ ein.

Die Bauarbeiten im historischen Kern der Stadt führten zu weiteren Schäden an der alten Bausubstanz. In der Kirche St. Maria im Kapitol bröselte im November 2004 die Gewölbedecke, im August 2007 wurde festgestellt, dass sich der Rathausturm um fast 1 cm gesenkt hatte. Daraufhin wurde ein Keller unter dem Turm gesperrt.

Einsturz des Stadtarchivs

Das Unfassbare geschah am 3. März 2009: Unter dem Stadtarchiv auf der Severinstraße brach das Erdreich ein. In dem dort entstandenen Krater stürzte das gesamte Archivgebäude zusammen mit zwei weiteren Wohngebäuden, zwei junge Männer starben in den Trümmern. Um weitere Schäden zu vermeiden, wurden mehr als 500 Häuser auf der Severinstraße untersucht. Mehr als die Hälfte der Gebäude wiesen Schäden auf.

Einsturzstelle des Stadtarchivs (Panoramabild), Quelle: Uli Kievernagel
Einsturzstelle des Stadtarchivs (Panoramabild), Quelle: Uli Kievernagel

Die Hiobsbotschaften zum U-Bahnbau nahmen kein Ende. Im Februar 2010 wurde bekannt, dass Bauarbeiter Metallarmierungen nicht verbaut sondern illegal verkauft haben. In einzelnen Bauabschnitten wurden demnach weniger als 20% der ursprünglich geplanten Stahlarmierungen verbaut. Im Jahr 2013 erwischte es dann auch den Dom. Der Betrieb der Linie 5 unter der Kathedrale war deutlich zu hören und durch Vibrationen zu spüren. Die Kölner Verkehrs Betriebe reagierten prompt – die Bahnen durften nur noch langsam unter dem Dom fahren.

Heute, 14 Jahr nach Baubeginn, ist immer noch kein Ende abzusehen. Der Gerichtsprozess um den Archiveinsturz läuft, letzte Meldungen gehen von einem Betriebsbeginn nicht vor 2026 aus. Die Summe der Kosten ist noch nicht abzusehen. Allein der Einsturz des Archivs wird mit ca. 1,2 Mrd. Euro veranschlagt.

Mal sehen – ich bin zuversichtlich, dass die U-Bahn keine 632 Jahre bis zu Vollendung braucht und somit schneller ist als die Fertigstellung des Doms. Angstschweiß bricht bei mir aber aus, wenn die Stadt bereits die nächste U-Bahn plant: Von Deutz quer unter dem Rhein bis nach Melaten. Mal sehen, ob ich das noch erlebe.


Die Kölner Verkehrsbetriebe haben eine Website zur Nord-Süd Stadtbahn eingerichtet.


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Die schwimmende Universität auf dem Rhein

 

Die "Ökologische Rheinstation der Universität zu Köln", Bild: Uli Kievernagel
Die „Ökologische Rheinstation der Universität zu Köln“, Bild: Uli Kievernagel

Der Rhein ist nicht nur für die riesenlangen Containerschiffe und die oft nervenden Jet-Ski-Fahrer da. Der Rhein ist auch Lebensraum unzähliger Tiere: Seit den Verschmutzungen der 70er und 80er Jahre haben sich mit der stetig verbesserten Wasserqualität wieder Fische, Muscheln, Schnecken, Krebse und viele weitere Organismen im Rhein angesiedelt. Diese Erkenntnis haben wir auch der „Rheinstation“ der Uni Köln zu verdanken.

Das Problem bei der Erforschung von fließenden Gewässern ist, dass die Entnahme von Proben schwierig ist: Nimmt man nur eine Probe vom Ufer? Oder mit Hilfe von Tauchern aus der Mitte des Flusses? Und dann muss diese Probe noch in ein Labor gebracht werden und verändert sich dabei mit jeder Minute Transportzeit. Die Uni in Köln hat dafür einen anderen Weg gefunden: Ein schwimmendes Labor, mitten auf dem Rhein. Die „Ökologische Rheinstation“. Hier wird Wasser aus dem Rhein unmittelbar ins Labor geleitet – fast unter den gleichen Bedingungen wie im fließenden Gewässer. „Die Forschungsbedingungen auf der Ökologischen Rheinstation sind einmalig in Deutschland und Europa, wahrscheinlich sogar weltweit“, so Dr. Georg Georg Becker, stellvertretender Leiter der Ökologischen Rheinstation in einem Interview des Kölner Stadt-Anzeigers.

Aus zwei mach eins

Basis dieses schwimmenden Labors waren zwei alte Rheinschiffe. Die „Baden 24“ und die „Desdemona“. Die beiden alten Damen, die Baden stammt aus dem Jahr 1885 und die Desdemona ist Baujahr 1912, wurden 1953 zu einem Bootshaus umfunktioniert. Heute bildet die Baden den vorderen und die „Desdemona“ den hinteren Teil des immerhin 60 Meter langen Bootshauses. Fünf Wissenschaftler und einige Studenten forschen hier. Ständiger Bewohner der Rheinstation ist seit Bootswart Michael Weicht. Er hat im Jahr 2006 Lothar Rosbach abgelöst, der mehr als 50 Jahre als Bootswart auf dem schwimmenden Labor gelebt hat.

Nur für Wissenschaftler & Sportler: Das Bootshaus der Uni Köln", Bild: Uli Kievernagel
Nur für Wissenschaftler & Sportler: Das Bootshaus der Uni Köln, Bild: Uli Kievernagel

Neben seiner Funktion als Labor ist das Bootshaus auch Heimat der Ruderer der Uni Köln. Etwa 150 Studenten lernen jedes Semester hier diesen schweißtreibenden Mannschaftssport. Für Rettungskräfte wie die Wasserschutzpolizei und Rettungssanitäter ist die Rheinstation eine offizielle Anlegemöglichkeit. Allerdings nur für diese – „normale“ Boote dürfen dort nicht anlegen. Und von Land aus dürfen auch nur die Wissenschaftler, Studenten und Ruderer an Bord.

So bleibt uns nur der Blick vom Ufer auf dieses einmalige Labor.


Das Bootshaus der Uni­ver­si­tät zu Köln liegt direkt auf dem Rhein,  in Höhe Köln-Marienburg.  Weitere Infos gibt es auf der Website der Rheinstation.


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Die Kölsch-Konvention

Mit Siegel: Die Kölsch-Konvention der Kölner Brauer, Bild: Kölner Brauerei-Verband e.V.
Mit Siegel: Die Kölsch-Konvention der Kölner Brauer, Bild: Kölner Brauerei-Verband e.V.

Puh – Glück gehabt: Zwar hat unser geliebtes Kölsch bundesweit nur einen Marktanteil von 3,8% am gesamten Biermarkt ABER damit liegen wir immer noch weit vor dem Düsseldoofer Alt, welches es nur auf 2,5% Marktanteil bringt.

Dass es überhaupt ein einheitliches „Kölsch“ gibt ist tatsächlich recht jung: Erst am 6. März 1986, also letzten Dienstag vor 32 Jahren, haben sich die Kölner Brauer auf die „Kölsch-Konvention“ geeinigt. Diese Konvention legt die wesentlichen Bestimmungen zu Kölsch fest. Kölsch muss demnach

  • obergärig sein, das bedeutet, dass der Bläschen des Hefeschaums bei der Gärung oben schwimmen, und sich nicht wie z.B. beim Pils, auf dem Boden absetzen,
  • hell sein,
  • gefiltert sein (also nicht naturtrüb),
  • hopfenbetont sein und
  • darf ausschließlich in Köln hergestellt werden. Ausnahme: Brauereien außerhalb des Stadtgebiets von Köln, die bereits vor Inkrafttreten der Konvention Kölsch gebraut haben. Dazu gehört zum Beispiel das Zunft-Kölsch der Erzquell-Brauerei in Wiehl-Bielstein.
  • Außerdem verpflichten sich die Brauer, Kölsch nur in der sogenannten „Kölsch-Stange“ (Kölner Stange) auszuschenken. Damit sind die von Bayern scherzhaft als „Reagenzgläser“ bezeichneten 0,2-Liter Kölsch Gläser gemeint.

Grut- und Dollbier im Mittelalter

Vor der Kölsch-Konvention gab es einen regelrechten „Wildwuchs“ an Bier in Köln. Bier wurde im Mittelalter statt mit Hopfen mit „Grut“ gewürzt. Grut ist eine Kräutermischung aus Beifuß, Rosmarin, Thymian, Salbei, Lorbeer, Anis, Kümmel, Wacholder und weiteren Kräutern. Na Prost – wer das heute mal probieren will, kann ja mal „Porse“, ein „Grut-Bier“ der Ricklinger Brauerei (ricklinger-landbrauerei.de, in der Nähe von Bad Segeberg) probieren. Gut für den Kölner Erzbischof, der ein Monopol auf Grut besaß und die Einfuhr von Hopfenbieren verbot. Noch interessanter wäre es, heute mal ein sogenanntes „Dollbier“ zu probieren. Dieses wurde mit berauschenden Kräutern wie zum Beispiel Bilsenkraut versetzt. Zwar war der Ausschank dieser Biere in Köln verboten – für den findigen Kölner war das aber kein Problem: Einfach mal schnell raus aus der Stadt, durch die Stadtmauer durch und schon konnte das „doll machende Bier“ gekauft und genossen werden.

Ab 1918 war es dann die Sünner-Brauerei, die als erste mit dem Begriff „Kölsch“ für ihr Bier warb. Und das erfolgreich bis zum 2. Weltkrieg. Danach gab es zunächst nur zwei Kölsch-Brauereien: Dom und Sünner. Bis in die 80er Jahre wuchs die Zahl der Kölsch-Brauereien wieder auf 24 an. Hans Sion, der wesentlich die Kölsch-Marke „Sion-Kölsch“ prägte, erkannte früh das Potenzial dieses regionalen Bieres und war wesentlicher Treiber der Kölsch-Konvention. Im März 1986 wurde dann – im Hotel Excelsior – feierlich die Kölsch-Konvention unterschrieben. Zu den Unterzeichnern gehörten unter anderem Reissdorf, Gaffel , Früh, Sünner und Sion. Heute ist Kölsch eine durch EU-Recht geschützte Spezialität. Zwar ist es erlaubt, nach kölscher Brauart Bier herzustellen, allerdings darf dieses dann nicht Kölsch genannt werden. Dies führte zu Wortschöpfungen wie Bönsch (Bonn) oder Mölmsch (Mühlheim).

Ganz schlimm wurde es dann aber an Weiberfastnacht 2018: Monheimer Brauer stellten einen Zwilling aus Alt und Kölsch her – Költ. Ganz ehrlich: Dann würde ich schon lieber das Dollbier aus dem Mittelalter trinken…


Die Kölsch-Konvention im Volltext gibt es beim Kölner Brauerei-Verband.


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