Kölsche Tön & ihre Geschichte: „Mer losse d´r Dom in Kölle“

Da steht er – und da bleibt er: Der Kölner Dom, Bild: KölnTourismus GmbH, Andreas Möltgen
Da steht er – und da bleibt er: Der Kölner Dom, Bild: KölnTourismus GmbH, Andreas Möltgen

Nach „Heidewitzka, Herr Kapitän“ und „Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien“ geht es heute um ein Lied, was zwar schon 1973 veröffentlicht wurde, aber tatsächlich topaktuell ist: „Mer losse d´r Dom in Kölle“ von den Bläck Föös.

Ein kritischer Blick auf Köln heute zeigt, dass die Veränderung der Stadt kaum noch aufzuhalten ist. Immer mehr zahlungskräftige Menschen ziehen in die Veedel, die alteingesessenen Bewohner werden „wegsaniert“. So werden ganze Bevölkerungsgruppen einfach ausgetauscht. Das Schlagwort dafür ist  „Gentrifizierung“. Dieses Wort war in den 70ern noch nicht bekannt. Aber der Vorgang sehr wohl.

Sanierung im Severinsviertel

Der Rat der Stadt Köln beschloss 1973 die Sanierung des Severinsviertels. Bis zu 50% der Gebäude des „Vringsveedels“ waren betroffen. Und schnell wurde klar: Die entstehenden Neubauten waren nichts für den oft schmalen Geldbeutel der Menschen in der Südstadt. So formierte sich – angetrieben von Studenten und weiteren Sanierungsgegnern – der Widerstand.

Der Bläck Föös Haus- und Hoftexter Hans Knipp und Hartmut Priess, Bassist der Band, griffen diesen Protest auf. Die Idee war, die Stadtverwaltung zu mahnen, doch bitte „die Kirche im Dorf zu lassen“. Übersetzt auf Kölner Verhältnisse: „Den Dom in Kölle zu lassen.“

Kölscher Größenwahn

Und Hans Knipp nimmt dann noch – mit einem Augenzwinkern – den typisch kölschen Größenwahn  auf die Schippe: Die „Sixth Avenue“ mit der Ehrenstraße zu vergleichen oder die Akropolis einfach neben das Rathaus zu setzen, ist Ausdruck dieser kölschen Großmannssucht.

Heute ist das Lied aktueller denn je. Luxussanierungen, horrende Mieten und Preise von locker 5.000 Euro für einen Quadratmeter Wohnraum führen dazu, dass sozial schwächere Gesellschaftsschichten aus der Stadt an den Rand oder in die Peripherie gedrängt werden. Der Charakter ganzer Veedel verändert sich. Eine Hoffnung: Bürgervereine wie zum Beispiel RADERBERG und -THAL stemmen sich gegen diese Entwicklung. Ich wünsche den Verantwortlichen dabei viel Erfolg!

Kurios: „Mer losse d´r Dom en Kölle“ war die A-Seite der dritten Bläck Föös Single. Der Song auf der B-Seite kann berechtigterweise als Hymne unserer Stadt bezeichnet werden. Es handelt sich um „En uns´rem Veedel“.


Bläck Föös: Mer losse d’r Dom en Kölle

Hier anhören: https://youtu.be/m9Ph0AHYgQE

Refrain:
Mer losse d’r Dom en Kölle,
denn do jehöt hä hin.
Wat soll dä dann woanders,
dat hät doch keine Senn.

Mer losse d’r Dom en Kölle,
denn do es hä zo Hus
un op singem ahle Platz
bliev hä och jot en Schoss,
un op singem ahle Platz
bliev hä och jot en Schoss.

Stell d’r für d’r Kreml stünd am Ebertplatz,
stell d’r für d’r Louvre stünd am Rhing,
do wör für die zwei doch vell zo winnich Platz,
dat wör doch e unvührstellbar Ding.

Am Jürzenich, do wör villeich et Pentajon,
am Rothus stünd dann die Akropolis,
do wöss mer övverhaup nit wo mer hinjon sollt,
un doröm es dat eine janz jewess:

Mer losse d’r Dom en Kölle, …

Die Ihrestross die hiess villeich Sixth Avenue,
oder die Nord-Süd-Fahrt Brennerpass.
D’r Mont Klamott dä heiss op eimol Zuckerhot.
Do köm dat Panorama schwer en Brass.

Jet froch ich üch, wem domet jeholfe es,
wat nötz die janze Stadtsanierung schon,
do soll doch leever alles blieve wie et es
un mir behalde uns’re schöne Dom.
Mer losse d’r Dom en Kölle, …


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Kölsche Tön & ihre Geschichte: „Der Trizonesien-Song“

Die Besatzungszonen nach dem 2. Weltkrieg, Bildquelle: Elymnus
Die Besatzungszonen nach dem 2. Weltkrieg, Bildquelle: Elymnus

Mit dem Klassiker „Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien“ von Karl Berbuer setze ich heute die Mini-Reihe „Kölsche Tön & ihre Geschichte“ fort. Ziel ist, dass ihr an Karneval textsicher mitsingen könnt und auch die Hintergründe der Lieder kennt.

Als Karl Berbuer das Lied 1948 schrieb, sollte es eigentlich der „Bizonesien-Song“ werden. Damit war die Amerikanisch-Britische-Besatzungszone nach dem 2. Weltkrieg gemeint. Tatsächlich trat aber Frankreich auch der Bizone bei – und so wurde es eine Trizone. Berbuer änderte den Refrain noch vor der Veröffentlichung und sorgte mit dem Lied schnell für Ärger bei den Alliierten.

Verhöhnung der Nazis, kein Revanchismus

„Die Deutschen werden wieder frech“ titelte die britische „Times“ und witterte Revanchismus gegenüber den Siegermächten. Gemeint war die Textzeile „Ein kleines Häuflein Diplomaten macht heut die große Politik, sie schaffen Zonen, ändern Staaten“. Gewiss war hier eine Kritik an den Besatzungsmächten enthalten, aber das Lied ist nicht als deutsche Kraftmeierei zu verstehen. Vielmehr verhöhnt Berbuer mit dem Reim „Wir haben Mägdelein mit feurig wildem Wesien“  das nationalsozialistische Schlagwort vom „Deutschen Wesen“.

Auch die Briten akzeptierten irgendwann den Trizonesien-Song, und so konnte sich dieses Lied zur mehr oder weniger heimlichen Nationalhymne entwickeln.  So erklang das Lied bei einem Fußballspiel zwischen Engländern und deutschen Kriegsgefangenen, direkt nach „God save the King“. Auch in Köln wurde diese Ersatzhymne bei der Siegerehrung nach einem Radrennen gespielt. Konrad Adenauer erinnerte sich sehr gut daran: „Es war auch manches belgische Militär in Uniform da vertreten, und schließlich wurden die Nationalhymnen angestimmt, und die Musikkapelle, … hat ohne besonderen Auftrag, als die deutsche Nationalhymne angestimmt werden sollte, das schöne Karnevalslied „Ich bin ein Einwohner von Trizonesien“ angestimmt. … Da sind zahlreiche belgische Soldaten aufgestanden und haben salutiert, weil sie glaubten, das wäre die Nationalhymne.“

Doch Adenauer wollte eine „echte“ Nationalhymne und setzte das „Lied der Deutschen“, und zwar nur die dritte Strophe, als Hymne durch. Doch das war erst 1952. Nur am Rande: Ich persönlich hätte nichts gegen den Trizonesien-Song als Hymne gehabt. Ganz im Gegenteil. Etwas mehr Humor hätte vielleicht schon manche diplomatische Krise entschärft.

Nächste Woche geht es weiter mit der Reihe Kölsche Tön & ihre Geschichte, dann mit dem Bläck-Föös Klassiker „Mer losse d’r Dom en Kölle“ von 1973.


Auf der Lotsentour Südfriedhof besuchen wir das Grab von Karl Berbuer.


Karl Berbuer: Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien

Anhören unter: https://youtu.be/JqIr3Ffgz7Q

Mein lieber Freund, mein lieber Freund,
die alten Zeiten sind vorbei,
ob man da lacht, ob man da weint,
die Welt geht weiter, eins, zwei, drei.

Ein kleines Häuflein Diplomaten
macht heut die große Politik,
sie schaffen Zonen, ändern Staaten.
Und was ist hier mit uns im Augenblick?

Refrain:
Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien,
Hei-di-tschimmela-tschimmela-tschimmela-tschimmela-bumm!
Wir haben Mägdelein mit feurig wildem Wesien,
Hei-di-tschimmela-tschimmela-tschimmela-tschimmela-bumm!
Wir sind zwar keine Menschenfresser,
doch wir küssen um so besser.
Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien,
Hei-di-tschimmela-tschimmela-tschimmela-tschimmela-bumm!

Doch fremder Mann, damit du’s weißt,
ein Trizonesier hat Humor
er hat Kultur, er hat auch Geist,
darin macht keiner ihm was vor.

Selbst Goethe stammt aus Trizonesien,
Beethovens Wiege ist bekannt.
Nein, sowas gibt’s nicht in Chinesien,
darum sind wir auch stolz auf unser Land.

Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien …


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Kölsche Tön & ihre Geschichte: „Heidewitzka Herr Kapitän“

Das "Müllemer Böötche", Fotograf unbekannt, Bildquelle: Die Handelskammer für den Kreis Mülheim am Rhein (1871-1914) Heinz Hermanns
Das „Müllemer Böötche“, Fotograf unbekannt, Bildquelle: Die Handelskammer für den Kreis Mülheim am Rhein (1871-1914), Heinz Hermanns

Damit ihr an Fastelovend textsicher mitsingen könnt, gibt es bis Karneval die Mini-Reihe „Kölsche Tön & ihre Geschichte“. Wir starten mit dem Klassiker von Karl Berbuer „Heidewitzka Herr Kapitän“:

Vordergründig geht es um einen klassischen Ausflug von Köln-Mülheim zum Drachenfels. Dass dabei ordentlich gefeiert und getrunken wird, versteht sich von selbst, immerhin ist dä Schmitz „ald jetz su voll wie en Spritz“. Und als dann auch noch ein Sturm mit Windstärke 11 aufkommt, wird „selvs de Frau Dotz, die met dem Wallfeschformat“ davon seekrank.

Tatsächlich ist aber der Refrain von besonderer Bedeutung. Dazu muss man wissen, dass Berbuer das Lied 1936 veröffentlicht hat. Und dann bekommt „Heidewitzka“ auf einmal eine ganz andere Bedeutung – als Verhöhnung des nationalsozialistischen „Heil Hitler“ Grußes.

Das „Müllemer Böötche“ gab es übrigens tatsächlich. Bis 1888 verkehrte eine Fähre zwischen dem damals noch nicht eingemeindeten Mülheim und den linksrheinischen Kölner Stadtteilen. Erst eine Schiffsbrücke und 1929 die mächtige Mülheimer Brücke machten den Fährbetrieb überflüssig.

Das Lied kam 1949 zu besonderen Ehren: Konrad Adenauer wurde bei einem Besuch in Chicago mit „Heidewitzka“ begrüßt – eine Verlegenheitslösung der Amerikaner, da es noch keine deutsche Nationalhymne gab. Auch Berbuers Trizonesien-Lied übernahm die Funktion der Ersatz-Hymne.


Auf der Lotsentour Südfriedhof besuchen wir das Grab von Karl Berbuer.


Karl Berbuer: „Heidewitzka Herr Kapitän“

Unbedingt anhören: https://youtu.be/kMAHqLIdTqg

Eimol em Johr dann weed en Scheffstour gemaht,
denn su en Faht, hät keinen Baat.
Eimol em Johr well mer der Drachenfels sin
wo köme mer söns hin?
Liebchen ade, mer stechen he
mem Müllemer Böötche endlich en See,
un wenn et ovends spät op Heim ahn dann geiht,
dann rofe mer vör luter Freud:

Refrain:
Heidewitzka, Herr Kapitän!
Mem Müllemer Böötche fahre mer su jähn,
m’r kann su schön em Dunkle schunkele,
wenn üvver uns de Sterne funkele.
Heidewitzka, Herr Kapitän!
Mem Möllemer Böötche fahre mer su jähn.

Volldampf voraus! Et geiht d’r Rhing jetzt entlang
met Sang un Klang, de Fesch wähde bang,
met hundert Knöddele dat litt klor ob d’r Hand,
wink uns et blaue Band.
Süch ens d’r Schmitz, met singem Fitz,
die sin ald jetz su voll wie an Spritz,
hä fällt dem Zigarettenboy öm d’r Hals
brüllt met’ner Stemm su voller Schmalz

Heidewitzka, Herr Kapitän! …

Jung, ob dem Scheff ham’mer ald Windstärke 11,
bal Halver Zwölf un gar kein Hölf,
selvs de Frau Dotz, die met dem Wallfeschformat,
wood dovun seekrank grad.
Heimlich un stell bütz doch dat Bell
en der Kajütt ne knochige Böll,
nä et wed Zick met uns, mer müsse ahn Land,
mer sin jo wie us Rand und Band.

Heidewitzka, Herr Kapitän! …


Kurios: In den 1930er Jahren wurde auch eine niederländische Variante von Heidewitzka veröffentlicht. Allerdings geht es hier nicht um einen Ausflug sondern um den wachsenden Autoverkehr .


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Der Kölner Flaschenkrieg

Weingärten der Kartäuser, ca. 1571. Das Gelände liegt am heutigen Kartäuserwall.

Köln und Kölsch zusammen klingt hervorragend – Köln und Wein hingegen passt auf den ersten Blick nicht wirklich gut zusammen.

Schon den Römern war es auf die Dauer zu lästig, das Grundnahrungsmittel Wein in Amphoren aus dem Süden einzuführen. Also selber anbauen. Fraglich bleibt die Qualität der in Köln produzierten Weine – man kann wohl eher von einem „Suuren Hungk“ (Kölsch für „Saurer Hund“) als von einem Edelgewächs ausgehen.

Steuerfreier Verkauf in Klöstern missfällt Kölner Kaufleuten

Der Weinbau wurde im Laufe der Jahrhunderte professionalisiert. Für das Mittelalter sind etliche Anbauflächen in der Stadt nachgewiesen, der größte Teil davon auf dem Gelände von Klöstern. Ein einträgliches Geschäft für die Geistlichkeit: Immerhin war der Verkauf von Wein aus den Klostergärten steuerfrei. Und genau das war dem Rat der Stadt Köln mehr als nur ein Dorn im Auge. Die kölschen Kaufleute wollten den Wettbewerbsvorteil der Klöster beim Weinverkauf unterbinden. Dieser Streit im Jahr 1369 ging als „Kölner Flaschenkrieg“ in die Geschichte ein.

Während die Klöster und Stifte auf ihr Recht pochten, auch weiterhin steuerfrei Wein auszuschenken und zu verkaufen, ging der Rat gewaltsam dagegen vor und beschlagnahmte etliche Flaschen des Domstifts. Die Geistlichen wiederum wandten sich an den damals für Köln zuständigen Erzbischof Kuno von Trier. Zunächst blieb dieser untätig, doch als die Auseinandersetzungen um die Weinsteuer in Köln weiter eskalierten und viele Geistliche die Stadt verließen, verhängte Kuno ein Interdikt über Köln, die schärfste Waffe der Kirche.

Interdikt zur Verteidigung der kirchlichen Einkünfte

Das Interdikt bedeutet faktisch das Verbot der Ausübung aller kirchlichen Handlungen – inklusive aller Gottesdienste und Sakramente. Somit war das Interdikt für Menschen im Mittelalter eine direkte Gefahr für das Seelenheil. Und der Kölner Stadtrat knickte ein. Bereits im Jahr 1370 wurde das Steuerprivileg für die Klöster und Stifte vom Rat bestätigt und Kuno zog das Interdikt zurück.

Heute spielt der Weinbau in der Stadt keine Rolle mehr – Köln ist und bleibt die Stadt des Kölschs. Der nördlichste Weinberg am Rhein liegt in Königswinter – und das sind satte 35 Kilometer weiter südlich.


Mit „urban winemaking“ bezeichnet man den Anbau vom Wein in der Großstadt. Der Kölner Stadtwinzer Thomas Eichert kümmert sich um eigene und fremde Reben an Häuserwänden.


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