„Allahu akbar“ – Muslime feierten vor 57 Jahren das Ende des Ramadan im Kölner Dom

Der Kölner Dom und die DITIB-Zentralmoschee Köln, Bild Kölner Dom: KölnTourismus GmbH, Andreas Möltgen, Bild Moschee: Raimond Spekking
Der Kölner Dom und die DITIB-Zentralmoschee Köln, Bild Kölner Dom: KölnTourismus GmbH, Andreas Möltgen, Bild Moschee: Raimond Spekking

Äußerst ungewohnte Töne schallten vor 57 Jahren durch den Dom: „Allahu akbar“ („Gott ist groß“) hieß es. Und Gläubige rollten ihre Gebetsteppiche in einem Seitenschiff der Kathedrale aus und beteten. Dass es sich dabei nicht um das übliche Publikum eines katholischen Sonntagsgottesdiensts handelte, ist offensichtlich.

Tatsächlich beteten am 3. Februar 1965 mehrere Hunderte Muslime im Kölner Dom. An diesem Tag endete der Fastenmonat Ramadan. Das Ende des Ramadan feiern die Muslime mit einem dreitägigen Fest. Dazu gehört auch das feierliche Gebet. Das Problem vor 57 Jahren aber war: Es gab keine geeignete Moschee für die Gläubigen.

Kardinal Josef Frings war Gegner dieser Aktion

So gab es eine Absprache, dass die Gläubigen ihre Gebetsteppiche im Dom ausrollen durften. Doch dieses Gebet der Muslime in dem katholischen Gotteshaus war durchaus umstritten. Denn die Zusage für diese Aktion wurde nur von einem einzelnen Mitglied des Domkapitels gegeben.1Das Domkapitel ist das oberste Leitungsgremium des Doms und besteht aus Dompropst, Domdechant, zehn residierenden und vier nichtresidierenden Domkapitularen. Die nichtresidierenden Kapitulare sind Geistliche des Erzbistums Köln mit Priester- oder Bischofsweihe, von denen einer möglichst der Bonner KatholischTheologischen Fakultät angehören soll. Die residierenden Domkapitulare sind für die Gestaltung der Gottesdienste, den Erhalt des Domes und die Verwaltung des Vermögens verantwortlich.

Norbert Feldhoff, Kölner Domprobst von 2004 bis 2015, Bild: Raimond Spekking
Norbert Feldhoff, Kölner Domprobst von 2004 bis 2015, Bild: Raimond Spekking

„Sicher ist aber, dass das Domkapitel nachträglich die Entscheidung mitgetragen hat“, so der ehemalige Domprobst Norbert Feldhoff. Übrigens war der damalige Kölner Erzbischof Kardinal Josef Frings gegen dieses Gebet in der christlichen Kirche, so Feldhoff.

Einmaliges Ereignis – Dom jetzt eine Moschee?

Bleibt die Frage, ob es rechtens war, den Dom zu einem muslimischen Gebet zu öffnen. Auf der einen Seite hatte das gerade erst beendete Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) ausdrücklich den Respekt gegenüber dem Islam bekundet. Es gab sogar eine Empfehlung, dass die Bistümer den Muslimen Räume zur Verfügung stellen sollten.

Auf der anderen Seite wurden hier ausdrücklich Kirchen und Kapellen ausgenommen, weil Kruzifixe, Bilder und Statuen für Muslime ein Ärgernis sein könnten. Für die Gläubigen, die im Februar 1965 im Dom beteten, stellte dies wohl kein Problem dar. Ganz im Gegenteil: Entsprechend des islamischen Gebots, auch für Gotteshäuser zu spenden, bedankten sich die Betenden, indem sie nach dem Gebet großzügig für den Erhalt des Doms spendeten.

Trotzdem blieb diese Aktion ein einmaliges Ereignis, auch wenn die Kölnische Rundschau dieses besondere Gebet als „Tag, der Religionsgeschichte gemacht hat“ bezeichnete. Denn nach dem Verständnis bestimmter muslimischer Gruppen, so Norbert Feldhoff, gehen Räume, in denen einmal gebetet würde, in ihr Eigentum über. So könnte man den Dom seit diesem Tag  im Februar 1965 auch als Moschee bezeichnen.

Debatte über den Muezzin-Ruf in Köln

Heute gehen die Meinungen über die Religionen weit auseinander, wie die zum Teil hitzig geführte Debatte über den Muezzin-Ruf zeigen: Die Stadt erlaubt in einem auf zunächst zwei Jahre befristeten Modellprojekt, dass der Gebetsruf zum Gebet am Freitag zwischen zwölf und 15 Uhr erschallen darf.

Die Kommentare in den sogenannten „Sozialen Medien“ zeigen die ganze Bandbreite: Von der „Islamisierung des Abendlands“ bis „Wenn einer religiösen Krach machen darf, dürfen es alle anderen auch.“ sind alle Meinungen vertreten.

Ich halte es da eher mit dem Kölschen Grundgesetz,
Artikel 3: „Et hätt noch immer jot jejange.


 

Der Kalender der Kulturen, speziell für Kinder und Jugendliche
Der Kalender der Kulturen

Andere Religionen besser verstehen

Um andere Religionen – und auch die eigene Religion – besser zu verstehen, lohnt sich ein Blick in den „Kalender der Kulturen“. Dieser Kalender erklärt die wichtigsten Feiertage. So erfährt man nicht nur, wann das jüdische Laubhüttenfest gefeiert wird, sondern auch, wann Holi gefiert wird und was es mit Fronleichnam auf sich hat.


Das Richter-Fenster am Kölner Dom, Bild: Raimond Spekking
Das Richter-Fenster am Kölner Dom, Bild: Raimond Spekking

Kardinal Meissner: Richter-Fenster passt eher in eine Moschee

Kardinal Meissner (1933 – 2017) hatte dem wunderschönen und vielbeachteten Richter-Fenster schnell attestiert, dass dieses „eher in eine Moschee oder ein anderes Gebetshaus“ passen würde, aber nicht in eine gotische Kathedrale. 

Aber da hatte der „Gottesmann“ Meissner eindeutig Unrecht: Rund 80 Prozent aller Besucher im Dom sind von dem Richter-Fenster begeistert. 


Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Immer kurz & knackig, immer subjektiv und voreingenommen.

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Kölsche Originale: Bolze Lott – gewiefte Schmugglerin mit losem Mundwerk

Ein " Cul de Paris", hier auf einem Bild von Renoir, ist ein extrem ausladender Reifrock, welcher sich hervorragend eignet, darunter Schmuggelgut zu verstecken.
Ein „Cul de Paris“, hier auf einem Bild von Renoir, ist ein extrem ausladender Reifrock, welcher sich hervorragend eignet, darunter Schmuggelgut zu verstecken.

Es muss ein ganz besonderer Anblick gewesen sein, der sich den Kölner Zöllnern etwa um das Jahr 1850 geboten hat: Eine Frau, kaum noch Zähne im Mund, aber gekleidet nach der neuesten Mode mit einem extrem ausladenden „Cul de Paris“, watschelt schwerfällig über die Deutzer Schiffsbrücke. Dabei verdeckt der ausladende Reifrock mit der starken Überbetonung des Hinterteils nicht nur den Frauenkörper, sondern auch mehrere Pfund Mehl und Speck, welche die Dame unter ihrem Rock versteckt an den Beamten vorbei in das linksrheinische Köln schmuggelt.

Die Zöllner hatten eindeutig Respekt vor dieser ganz besonderen Gestalt, die da über die Brücke kam. Handelte es sich doch um niemand geringeres als Scholastika Steinhausen, geb. Bolz. In Köln besser bekannt als „Bolze Lott“ und der Schrecken eines jeden Zollbeamten. Denn jede Leibesvisitation wird von der Dame lautstark und mit Worten, die selbst einen Bierkutscher rot werden lassen, als Grabscherei bezichtigt und die Zöllner als Föttchesföhler verunglimpft. Dabei wollten die Beamten nur ihrer Aufgabe nachgehen und die im Jahr 1856 neu eingeführte Mehl- und Schlachtsteuer einziehen.

Bolze Lott lebte in einer rauen Welt

Geboren wurde Scholastika Lott (lat. scholastica „die Lernende) am 8. Dezember 1825 in der Kostgasse am (heutigen) Breslauer Platz. Zu Zeiten der Bolze Lott wurde die Straße Kotsgasse (von „kut“ für Innereien) genannt, weil hier Metzger Eingeweide und Abfälle des Schlachtviehs verarbeiteten. Eine raue Gegend, in der sich Bolze Lott aber durch ihr vorlautes Mundwerk durchzusetzen wusste.

Ihr Eheglück – im Jahr 1846 heiratet sie den Rhingroller1Rhingroller waren billige Tagelöhner, die die Rheinschiffe mit reiner Muskelkraft be- und entladen mussten. Johann Friedrich Steinhausen – währte nur sehr kurz. Der bekannte Schläger und Raufbold Steinhausen muss noch während der Flitterwochen ins Gefängnis und stirbt kurz darauf. So ist Bolze Lott bereits mit 22 Jahren Witwe und muss alleine für ihren Lebensunterhalt sorgen.

Karriere als gewiefte Schmugglerin

Als „Käätzemöhn“ verkauft Bolze Lott vor den Kirchen Kerzen an Gläubige – inklusive dem Service, diese Kerzen auch aufzustellen und anzuzünden. Um das Geschäft etwas lukrativer zu machen, „vergisst“ sie regelmäßig, die Kerzen auch tatsächlich in der Kirche  aufzustellen. Als sich das herumspricht, bleiben die Kunden aus.

Wie gut für Bolze Lott, dass ab 1856 zwei Dinge zusammenkommen: Die neue Steuer für Produkte aus dem Rechtsrheinischen und die Mode der ausladenden Röcke. So verdient sie sich als Schmugglerin ihren Lebensunterhalt.

Die listige Lotte wurde so der Albtraum der Zöllner. Denn sie verstand es auch ohne Schmuggelgut unter dem Reifrock, so zu gehen, als ob sie einen Zentner Mehl und ein halbes Schwein darunter verstecken würde. Die dann fälligen Kontrollen der Zöllner konterte die Dame lautstark als unsittliche Berührung. So waren sich die Zöllner nie sicher, ob die als Schmugglerin bekannte Bolze Lott jetzt gerade tatsächlich schmuggelte oder die Zöllner nur aufs Glatteis führen wollte. Die Beamten wurden immer unsicherer: Manche vergebliche Leibesvisitation endete in einer wüsteten Schlägerei, immer aber in üblen Beschimpfungen durch Bolze Lott, die sich vor den herbeieilenden Bürgern, davon viele selber als Schmuggler unterwegs, als unschuldiges Opfer darstellte.  

Et Bolze Lott, Bild: rs-bierdeckel.de, Reinhold Schäfer
Et Bolze Lott, Bild: rs-bierdeckel.de, Reinhold Schäfer

Abschaffung der Steuer beendet Schmuggelei der Bolze Lott

1874 wurde die Mehl – und Schlachtsteuer abgeschafft. Und Bolze Lott musste sich ein neues Betätigungsfeld für ihren Lebensunterhalt suchen. So verkaufte sie in einem Bauchladen Kerzen, Heiligenbildchen und anderes Jedöns vor Kirchen, an Wallfahrtsorten oder auf den umliegenden Kirchweihfesten.

Doch auch hier stand ihr ihr loses Mundwerk oft im Weg. Kunden, die nicht sofort kaufen, sondern zunächst nur schauen wollen, werden übel beschimpft. Auf einer Kirmes beleidigt sie den örtlichen Geistlichen, der ebenfalls nichts für ihren Tand übrig hat, mit den Worten „Paafgott – Raafgott. Düvel. Halt der Sack op!“2„Pfaffengut – Raffgut, Teufel halt den Sack auf!“

Tod mit 76 Jahren im Jahr 1902

Erstaunlich, dass Bolze Lott das stolze Alter von 76 Jahren erreicht. Ihre letzten Jahre verbringt sie in einer Wohnung in der Große Spitzengasse, heute als Tel-Aviv-Straße ein Teil der Nord-Süd-Fahrt. Doch auch im hohen Alter sind ihre Schimpftiraden noch berüchtigt. Als sie einen herumziehenden Kesselflicker beleidigt, entgegnet dieser „Lott, ich krigge alles gefleck, nur ding Schnüß, do kann ich och nix mache.“

Scholastika Steinhausen, geborene Bolz, stirbt am 3. September 1902. Über ihren Tod schreibt der Arzt und Heimatschriftsteller Josef Bayer:

„Ob sie bis hart an der Pforte des Todes ihr wüstes Schimpfen fortgesetzt hat oder ob sie, als Freund Hein sie beim Schopfe nahm, zu guter Letzt doch noch Reu und Leid erweckte, ist nicht bekannt, denn man hat sie an dem genannten Tage entseelt im Bett gefunden.“


In einem wunderschönen Kölsch hat Michael Waßerfuhr von den Kölschgängern die Geschichte von Bolze Lott erzählt. Schaut mal rein, lohnt sich!


Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Immer kurz & knackig, immer subjektiv und voreingenommen.

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Das „Friedenspulvermagazin“ wird zum Fritz-Encke-Volkspark in Raderthal

Luftbild Raderthaler Volkspark, etwa um 1930, im Vordergrund der Sender Raderthal
Luftbild Raderthaler Volkspark, etwa um 1930, im Vordergrund der Sender Raderthal

Bis zu 50.000 Tonnen hochexplosives Pulver lagerten noch bis 1918 im Kölner Süden. Im „Friedenspulvermagazin Raderthal“ wurde in friedlichen Zeiten die Munition gelagert, welche im Kriegsfall von den Festungswerken im äußeren Festungsring abgeschossen worden wäre. Zum Glück ist Köln in preußischer Zeit nie angegriffen worden – so wurde kein einziger „echter“ Schuss von den Verteidigungswerken abgegeben.

Gefährlicher Transport

Der zentrale linksrheinische Lagerort des Pulvers1Neben dem Raderthaler Pulvermagazin gab es noch das rechtsrheinische Friedenspulvermagazin Westhoven. war notwendig, weil die Munitionsräume der Forts in der Regel unterirdisch lagen und das Pulver dort wegen der Feuchtigkeit schnell unbrauchbar geworden wäre. Daher wurde das Pulvermagazin direkt am Militärring angelegt. Von dort aus hätten Pferdefuhrwerke die Verteidigungsforts mit dem Pulver versorgt. Mit solchen Pferdefuhrwerken wurde das Pulver auch in das Pulvermagazin transportiert. Offensichtlich keine ungefährliche Angelegenheit, wie diese Beschreibung zeigt:

„Die Beförderung des Pulvers erfolgte … mittelst Pferdefuhrwerks. … Vorn am Wagen war eine rote Fahne angebracht, die mit einem P versehen war (Pulver!). Der Fuhrmann ging stets neben seinen beiden Pferden. Alle Personen waren, sobald der Wagen in Sicht kam, verpflichtet, die Pfeife oder Zigarre aus dem Mund zu nehmen und auf den Rücken zu halten. Erst wenn das Gefährt wieder verschwunden war, durfte weitergeraucht werden. Getreulich wurde diese Anordnung befolgt.“2 Quelle: „Friedenspulvermagazin Raderthal”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/O-96481-20140716-2 (Abgerufen: 13. März 2022)]

Erst 1914 wurde auf dem Militärring nur für die Versorgung der Forts eine Bahnstrecke angelegt.

Umwandlung in Volkspark

Gemäß den Bestimmungen des Versailler Vertrages wurden die meisten Verteidigungsanlagen Anfang der 1920er Jahre geschliffen oder zu anderen Zwecken umgewidmet. In Raderthal entstand 1923/24 auf dem großzügigen Gelände des Friedenspulvermagazins der Volkspark Raderthal, geplant von dem Gartenarchitekt Fritz Encke (1861 – 1931).

Die Hauptwiese des Fritz-Encke-Parks, Bild: Uli Kievernagel
Die Hauptwiese des Fritz-Encke-Parks, Bild: Uli Kievernagel

Enckes gestalterische Idee war, den Menschen der großen Mietskasernen ein „soziales Grün“ als Gartenersatz zu bieten. Daher waren seine Parkanlagen immer multifunktional angelegt: Blumenanlagen zum Flanieren, Sportanlagen und auch weite Grünflächen, die z.B. für ein Picknick genutzt werden konnten. Das Gelände des Pulvermagazins bot Encke ganz besondere Möglichkeiten.

Als "Reigenplatz" gedachtes Platz im Volkspark Raderthal, Bild: Uli Kievernagel
Als „Reigenplatz“ gedachter Platz im Volkspark Raderthal, Bild: Uli Kievernagel

Freiluft-Leseraum, Reigenplatz, Kaffeehaus und Brunnentempel

Ausgehend von einer großen, zentralen Wiese schuf Encke eine ursprünglich völlig symmetrisch gestaltete Anlage. Die in dem Gelände angelegten ringförmigen Wälle, welche ursprünglich im Falle einer Explosion den Sprengdruck aufhalten und nach oben ableiten sollten, integrierte der Gartenarchitekt in den Gesamtplan. Aus einem der Wälle wurde ein Freiluft-Leseraum mit integrierter Ausleihmöglichkeit für Bücher und Zeitschriften. Die weiteren Wälle sollten als Reigenplatz zum Tanz, als Naturtheater oder Planschbecken genutzt werden.

Der als "Freiluft-Leseraum" geplante Bereich im Fritz-Encke-Park, Bild: Uli Kievernagel
Der als „Freiluft-Leseraum“ geplante Bereich im Fritz-Encke-Park, Bild: Uli Kievernagel

Großzügige, mit vielen Blumen bepflanzte Schmuckgärten fassten den neuen Park ein. Durch spezielle Nischen mit Sitzmöglichkeiten entstanden kleine, intime Gärten. Ein Raderthaler Bürger dazu „In dä Ecke ham mer uch festjestallt, dat et zweierlei Minsche jov.“3In dem Park haben wir auch festgestellt, dass es zweierlei Menschen gibt.

Lauschige Ecken im heutigen Fritz-Encke-Park, früher von Jugendlichen gern zum gegenseitigen intensiven Kennenlernen genutzt,. Bild: Uli Kievernagel
Lauschige Ecken im heutigen Fritz-Encke-Park, früher von Jugendlichen gern zum gegenseitigen intensiven Kennenlernen genutzt,. Bild: Uli Kievernagel

Angeschlossen war der attraktive Brunnentempel mit einem Trinkbrunnen. Zusätzlich war eine Schänke oder ein Café vorgesehen.

Der vergessene Park

Leider wurden die reichhaltigen Angebote des Volksparks Raderthal nie entsprechend genutzt. Der Heimatforscher Josef Rosenzweig schreibt dazu:

„Der im Oktober 1923 begonnene Raderthaler Volkspark war 1926 fertiggestellt. Leider wurde er von der Bevölkerung nicht in dem Maße genutzt, wie er es verdient hätte. … Das vorgesehene Planschbecken und die Kaffeewirtschaft sowie das Volkshaus sind nicht über die Planung hinausgekommen.“4Josef Rosenzweig: „Zwischen Judenbüchel und Sauacker“

So wurde der Raderthaler Volkspark zum „vergessenen Park“. An der Stelle, an der ein Kaffeehaus geplant war, entstand 1927 der Sender Raderthal.

Ab 1950 wurden weitere Flächen des Parks genutzt, um für die britischen Besatzer eine Gartenstadt nach englischem Vorbild zu erschaffen – der Park schrumpfte auf etwa ein Drittel seiner ursprünglichen Größe, und es entstand auf dem Gelände des Parks die „Englische Siedlung“ mit Naafi-Shop5Navy, Army and Air Force Institutes, mit speziellen Einkaufsmöglichkeiten für die im Ausland stationierten Soldaten und einer Schule, welche heute von der Bundeswehr genutzt wird.

Umbenennung in Fritz-Encke-Volkspark

Seit 1980 stand der Raderthaler Volkspark als ursprüngliches Gartenbaudenkmal ersten Ranges unter Denkmalschutz – und verrottete zunehmend. Erst seit etwa 2001 wird der Park behutsam wieder gepflegt – auch Dank einer vorbildlichen Anwohnerinitiative. So wurden Beschilderungen angebracht, Bänke repariert, Rankgerüste angebracht und auch der Reigenplatz sowie der ursprünglich als „Leseraum“ geplante Platanenwall wiederhergestellt.

Um den genialen Gartenarchitekten Encke zu ehren6Encke hat neben diesem Park unter anderem auch den Blücherpark, den Friedenspark, den Beethovenpark und den Klettenbergpark sowie die Erweiterung des Zoos erschaffen. hat, wurde der Park im Jahr 2002 in „Fritz-Encke-Volkspark“ umbenannt.

Schmuckstück des Parks heute ist der Brunnentempel. Der bereits 1920 erbaute offene Rundbau wurde im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört. Im Jahr 2006 konnte der wiederhergestellte Brunnentempel neu eingeweiht werden. Der Brunnentempel ist mit acht Figuren von Kindern geschmückt. Jeweils zwei Kinder stellen eine Jahreszeit dar.  Mein persönlicher Favorit ist der Junge mit däm Trömmelche (Bild 6 in der Bildergalerie).

Der Brunnentempel im Fritz-Encke-Volkspark Raderthal, Bild: Uli Kievernagel

Bild 1 von 11

Der Brunnentempel im Fritz-Encke-Volkspark Raderthal, Bild: Uli Kievernagel

2019 wurde die Anlage noch einmal vollständig saniert. Doch leider verschmieren immer wieder unbelehrbare und untalentierte Schmutzfinken den Brunnentempel mit hässlichen Graffits.

Schämt euch!


Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Immer kurz & knackig, immer subjektiv und voreingenommen.

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Der Barlach-Engel „Der Schwebende“ ist ein Friedensdenkmal

"Der Schwebende" von Ernst Barlach in der Kölner Antoniterkirche, Bild: Uli Kievernagel
„Der Schwebende“ von Ernst Barlach in der Kölner Antoniterkirche, Bild: Uli Kievernagel

Es ist eine späte Genugtuung: Dort, in der Antoniter-Kirche, wo in den braunen Zeiten Deutschlands am Seitenaltar eine Hakenkreuz-Flagge zu finden war, befindet sich seit 1952 „Der Schwebende“ von Ernst Barlach. Ausgerechnet eine Skulptur Barlachs, dessen Werke von den Nationalsozialisten als „entartet“ bezeichnet wurden, ersetzt das Symbol faschistischer Diktatur. Ein idealer Platz für dieses ganz besondere Friedensmahnmal.

Nationalsozialisten schmelzen Figur ein

Dabei war der Barlach-Engel eigentlich schon verloren. Ernst Barlach (1870 – 1938) erschuf die Figur des Engels als Mahnmal für die im Ersten Weltkrieg Gefallenen. Zur 700-Jahr-Feier des Güstrower Doms im Jahr 1927 wurde die Figur der Öffentlichkeit vorgestellt.

Der Engel selber strahlt eine Ruhe und Gelassenheit aus. Friedlich schwebt er in der Kirche. Barlach selber wollte erreichen, dass der Engel einen Raum der Ruhe entstehen lässt. Die Figur trägt die Gesichtszüge der von Barlach so hoch geschätzten Käthe Kollwitz. Dazu Barlach selbst: „In den Engel ist mir das Gesicht von Käthe Kollwitz hineingekommen, ohne dass ich es mir vorgenommen hatte. Hätte ich sowas gewollt, wäre es mir wahrscheinlich missglückt.“

Der Engel lässt einen Raum der Ruhe entstehen, Bild: Uli Kievernagel
Der Engel lässt einen Raum der Ruhe entstehen, Bild: Uli Kievernagel

Dieses Mahnmal war so anders als die bis zu diesem Zeitpunkt üblichen Kriegsdenkmäler. Keine Glorifizierung, keine heldenhaften Soldaten, sondern ein Denkmal im ursprünglichen Sinne des lateinischen Wortes monumentum („gemahnen“, „erinnern“).

Wenig verwunderlich, dass die Nationalsozialisten mit diesem Ansatz und auch mit der gesamten Kunst Ernst Barlachs nicht viel anfangen konnten. So diffamierten sie auch dieses Werk als „Entartete Kunst“, und der Engel wurde am 23. August 1937 aus dem Güstrower Dom entfernt und später eingeschmolzen. Aus dem Material wurden dann ausgerechnet Rüstungsgüter, z.B. Geschosshülsen, hergestellt.

Heimlicher Zweitguss aus gerettetem Gipsmodell

Allerdings gelang es Freunden von Barlach, das originale Gipsmodell zu retten und davon heimlich im Jahr 1939 einen Zweitguss herzustellen. Dieses Exemplar wurde in der Lüneburger Heide bei dem Maler Hugo Körtinger versteckt. Das originale Gipsmodell wurde 1943 oder 1944 bei einem Bombenangriff in Berlin zerstört.

Dieser Zweitguss wurde nach dem Zweiten Weltkrieg in Köln ausgestellt. Viele Museen waren an dem Erwerb der Skulptur interessiert, doch der Engel sollte seinen Platz wieder in einer Kirche finden. Die Gemeinde der Antoniterkirche hatte nach dem Krieg den damals unglaublichen Betrag von 10.000 Mark gesammelt1Dieser Betrag entsprach 1952 dem Gegenwert von zwei fabrikneuen VW-Käfer. um den Engel kaufen zu können.

Gedenkplatte unter dem Barlach-Engel mit den Zahlen "1914-1918 und 1933-1945", Bild: Uli Kievernagel
Gedenkplatte unter dem Barlach-Engel mit den Zahlen „1914-1918 und 1933-1945“, Bild: Uli Kievernagel

Und so hängt der Schwebende von Ernst Barlach seit 1952 in der Antoniterkirche. Genau dort, wo früher die Hakenkreuzfahne hing. Unter dem Engel befindet sich eine mit den Jahreszahlen „1914 – 1918, 1933 – 1945“ gravierte Platte. Ungewöhnlich, da in der Regel die Kriegsjahre 1939-1945 bei Kriegsdenkmälern genannt werden. Allerdings greift die Inschrift auch die Jahre der nationalsozialistischen Diktatur auf. Die Zeit, in welcher die Kunst von Barlach und vielen weiteren als „entartet“ bezeichnet wurden.

Ernst Barlach, Selbstporträt, 1928
Ernst Barlach, Selbstporträt, 1928

Barlach stirbt 1938 an Herzversagen

Barlach selber hat die Diffamierung seiner Kunst so schwer getroffen, dass auch sein Lebenswillen darunter litt. Im Jahr 1937 sagte er: „Mein Kahn sinkt und sinkt immer rapider. Die Zeit ist gekommen, in der ich ersaufe.“ Ernst Barlach stirbt am 24. Oktober 1938 im Alter von 68 Jahren an Herzversagen.


"Der Schwebende" im Dom zu Güstrow, Bild: Bundesarchiv, Bild 183-J0724-0301-004 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE via Wikimedia Commons
„Der Schwebende“ im Dom zu Güstrow, Bild: Bundesarchiv, Bild 183-J0724-0301-004 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE via Wikimedia Commons

Drittguss der Figur wieder im Güstrower Dom

Der Guss, welcher in Köln hängt, diente bereits 1952 als Vorlage für einen Drittguss der Figur. Die Evangelische Gemeinde Köln finanzierte diesen Guss und schenkte die Skulptur 1953 der Gemeinde in Güstrow. Und so hängt „Der Schwebende“ heute auch wieder im Güstrower Dom.


Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Immer kurz & knackig, immer subjektiv und voreingenommen.

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Der Friedenswald in Rodenkirchen: Symbol für die Freundschaft der Staaten

Diese Zierkirsche im Friedenspark symbolisiert Äthiopien, Bild: Uli Kievernagel
Diese Zierkirsche im Friedenspark symbolisiert Äthiopien, Bild: Uli Kievernagel

In Eintracht stehen im Friedenswald die ehemalige Sowjetunion (Zirbelkiefer) und Polen (Lärche) nebeneinander. Nur ein paar Meter weiter findet sich die USA (Coloradotanne). Von Finnland (Sandbirke) bis nach Monaco (Esskastanie) sind es nur wenige Meter. Unterwegs kommt man noch an Kambodscha (Mammutbaum), Kolumbien (Amberbaum) und der Libanonzeder vorbei. Die ganze Welt spielt sich hier auf gerade mal 26 Hektar ab. Friedlich und in Harmonie. Der Friedenswald in Rodenkirchen, direkt am Fortbotanischen Garten gelegen, bildet mit jeweils typischen Bäumen aus aller Welt insgesamt 141 Länder ab.

Die Sibirische Zirbelkiefer, auch Sibirische Zeder genannt, symbolisiert die ehemalige Sowjetunion, Bild: Uli Kievernagel
Die Sibirische Zirbelkiefer, auch Sibirische Zeder genannt, symbolisiert die ehemalige Sowjetunion, Bild: Uli Kievernagel

Vielfalt, Offenheit und Freundschaft der Staaten

Die landestypischen Bäume stehen im Friedenswald für die Vielfalt, Offenheit und Freundschaft der Staaten. Dabei stellt diese Anpflanzung die Welt im Jahr 1980 dar. Berücksichtigt wurden Länder, zu denen die Bundesrepublik Ende im Jahr 1980 diplomatische Beziehungen unterhielt. Neue, seitdem gegründete Staaten sucht man im Friedenswald vergebens.1Deswegen ist auch die Ukraine dort nicht vertreten: Die Ukraine erklärte sich erst am 24. August 1991 unabhängig. Lediglich einzelne Tafeln wurden angepasst. So wurde z.B. aus der Sowjetunion mit der Zirbelkiefer die „ehemalige Sowjetunion“ und auch die DDR wird als „ehemalige Deutsche Demokratische Republik“ (Winterlinde) gekennzeichnet.

Da die typischen Bäume der tropischen Länder in unserem Klima nicht überleben würden, werden diese durch symbolische Bäume vertreten. Das erklärt auch den Zürgelbaum für Costa Rica oder die Schwarzbirke für Malaysia.

Die Anordnung der Bäume erfolgt nach Kontinenten. So ist es möglich, innerhalb von weniger als einer Stunde von Europa durch Afrika, weiter nach Australien und Asien bis Amerika zu spazieren. In der Mitte des Parks befindet sich ein großer, gut gepflegter Spielplatz. Und der kleine, aufgeschüttete Hügel im Friedenswald ist, sobald im Winter auch nur zwei Zentimeter Schnee in Köln fallen, ein beliebtes Rodelrevier für die Pänz.

Schöner ist es im Friedenswald allerdings im Frühling und Sommer, wenn man sich die Zeit nimmt und immer wieder rechts und links die typischen Bäume und die Flaggen der Welt anschaut. Und so auch lernt, dass die Flagge der Seychellen (Baum: Steinweichsel) zu den schönsten Flaggen der Welt gehört.

Im Friedenspark symbolisiert eine Steinweichsel (auch als Felsenkirsche oder Weichselkirsche bekannt) die Seychellen. Bild: Uli Kievernagel
Im Friedenspark symbolisiert eine Steinweichsel (auch als Felsenkirsche oder Weichselkirsche bekannt) die Seychellen. Bild: Uli Kievernagel

Der Friedenspark – ein Kind des Kalten Kriegs

Michael Waßerfuhr von den Kölschgängern hat noch vor knapp zwei Jahren, am 25. April 2020, über den Friedenswald geschrieben: „Er ist ein Kind des Kalten Krieges, der von 1947 bis 1991 ging, und der Wunsch nach Frieden wuchs. Wir wissen ja noch alle, als wir aufrüsteten, weil wir fast täglich auf Raketen aus dem Ostblock gewartet haben – die nie gekommen sind. Der Krieg blieb kalt.“

Heute haben wir auf einmal keinen „Kalten Krieg“ mehr. Der Krieg ist da. Ganz nah. Und die Aufrüstung läuft auf Hochtouren. Nur die Bäume im Friedenswald stehen in friedlicher Eintracht nebeneinander. Auch die Zirbelkiefer für die ehemalige Sowjetunion, die Lärche für Polen und die 139 anderen Bäume.


Bitte nicht verwechseln: Friedenspark und Friedenswald

Der Friedenspark mit dem Imagine-Denkmal befindet sich rund um das alte Fort I, direkt am Rheinufer, nicht weit weg von der Südbrücke. Der hier beschriebene Friedenswald ist in Rodenkirchen, direkt am Forstbotanischen Garten.


Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Immer kurz & knackig, immer subjektiv und voreingenommen.

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung