„Lans Schmitz Backes“

Schmitz-Backes auf der Severinsstraße, Bild: Uli Kievernagel
Schmitz-Backes auf der Severinsstraße, Bild: Uli Kievernagel

Schon mal gehört? „Do bes noch nit lans Schmitz Backes“. Oder auch „Dä Jupp is och noch nit lans Schmitz Backes“.

Mit dieser Formulierung will der Kölner ausdrücken, dass etwas noch nicht überstanden ist. Der Jupp hat zum Beispiel eine ernsthafte Krankheit noch nicht überstanden.

Doch woher kommt der Spruch „Lans Schmitz Backes“?

Fangen wir zunächst mal mit der wortwörtlichen Übersetzung an: „Lans“ kann mit „vorbei“ übersetzt werden. „Schmitz Backes“ war und ist eine Backstube an der Severinstraße, direkt an der Severinstorburg gelegen und somit unmittelbar an der Grenze der mittelalterlichen Stadt. Somit ist – im wörtlichen Sinn –  unser Jupp noch nicht an der Bäckerei Schmitz vorbei. Klingt dubios, wenn man den „Staupenschlag“ nicht kennt.

Der „Staupenschlag“

Eine gängige Bestrafung im Mittelalter war der „Staupenschlag“. Stratfäter wurden dabei vom Gefängnis mitten in der Stadt bis vor die Stadtgrenzen getrieben und – ähnlich wie bei einem Spießrutenlauf – konnte jeder, der noch eine Rechnung mit dem Delinquenten offen hatte, diesen schlagen oder peitschen. Erst wenn der arme Teufel es lebend über die Stadtgrenze, das Severinstor, geschafft hatte, war die Bestrafung vorbei. Dabei ging es kurz vor der rettenden Freiheit noch vorbei an der Backstube Schmitz. Erst wenn der Verurteilte „lans“, also „vorbei“, am Schmitz Backes war, konnte er sicher sein, es überstanden zu haben.

Übersetzt für den kranken Jupp bedeutet das jetzt, dass er es – im übertragenen Sinn – geschafft hat und seine Krankheit überwunden hat.

Eine Legende ohne echte Beleg

Ob das alles so stimmt? Der renommierte Kölner Brauchtumsforscher Reinold Louis ist skeptisch: Legenden, dass die Gefangenen früher am Backes vorbei aus der Stadt geprügelt wurden, sind laut Louis falsch. „Wenn man an Schmitz Backes vorbei war, war man raus aus dem Trubel, raus aus der Stadt“, erklärt er im Kölner Express.

Und unser Jupp? Schlussendlich ist es ihm egal, solange er seine Krankheit überlebt und somit „lans Schmitz Backes“ ist.


Weitere kölsche Sprichwörter & Redewendungen gibt es auch im Kölsch Wörterbuch.


Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Immer kurz & knackig, immer subjektiv und voreingenommen.

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Frohe Weihnachten – mit einem Gedicht

Der Wein war ein Gedicht, Bild: Hajo Rebers / pixelio.de

Hallo zusammen!

Zu Weihnachten gibt es eine absolute Ausnahme – das  „Köln-Ding der Woche“ beschäftigt sich nicht mit Köln und stammt auch nicht aus meiner Feder. Ihr solltet das lesen, bevor ihr mit der Zubereitung eures opulenten Weihnachtsmahls beginnt.

Ein großes DANKE geht ausgerechnet an einen Westfalen: Fritz Eckenga, der mir erlaubt hat, euch mit diesem Gedicht FROHE WEIHNACHTEN wünschen. Mein Tipp: Hört euch das Gedicht auch unbedingt mal an.

Feiert ordentlich!

Uli, der Köln-Lotse

PS Als Gegenleistung für das Gedicht haben wir dem Dortmund-Fan Eckenga unseren Peter Stöger geliehen. An Fritz Eckenga: Bitte gut darauf aufpassen, den hätten wir gerne irgendwann zurück.


Der Wein war ein Gedicht
(Fritz Eckenga)

Kartoffeln schälen,
Möhren schaben,
Derweil schon sich am Weißen laben.
Fisch beträufeln
Und gelassen
Den Roten abseits atmen lassen.

Tomaten vierteln,
Schoten waschen,
Na gut – noch mal vom Weißen naschen.
Fischbett machen,
Ofen wärmen,
Vom Bukett des Roten schwärmen.

Fisch ins Bett,
Bett ins Rohr,
Schmeckt der Weiße nach wie vor?
Durchaus! Chapeau!
War auch nicht billig!
Der Rote riecht extrem vanillig.

Geiter Zwang –
Quatsch: Zweiter Gang!
Weißer – bist ein guter Fang!
Wühnchen haschen?
Hühnchen waschen!
Wird daschu der Rote paschen?

Mussich kosten
Junge Junge,
Der liegt ewig auf der Zunge!
Tut mir lei – Hicks –
Tut mir leiter!
Dagegen ist der Weiße Zweiter!

Huhn muss raten?
Braaaten! Rohr –
Fisch vergessen – kommt mal vor!
Kann nix machen,
Muss zum Müll.
Der Rote macht mich lall und lüll.

Dummes Huhn,
Bis morgen dann.
Heut leg’ ich keine Hand mehr an
Dein Fl – Dein Fl –
Dein tzartes Fleisch.
Wo far denn noch die Wlasche gleisch?

Versteckdichnich!
Ich finde dich!
Heutkochichnich heuttrinkichdich!
Da bissuja,
Mein roter Bruder,
Dadi Dadu Dadi Daduda!

Quelle: Fritz Eckenga „Der Wein war ein Gedicht“, in: Fritz Eckenga „Mit mir im Reimen“, Verlag Antje Kunstmann, München


Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Immer kurz & knackig, immer subjektiv und voreingenommen.

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

„Schäng“ Löring – Ich als Verein musste reagieren!

Hans "Jean" Löring
Der Schäng, Patriarch der Fortuna, Bild: DFB

Es ist der 15. Dezember 1999, ein normaler Dezembertag. Die Fortuna liegt zur Pause im Heimspiel gegen Waldhof Mannheim 0:2 zurück. Für die leidgeplagten Fans im Südstadion kein Grund zur Aufregung. Ganz anders jedoch für Fortunas Präsident und Mäzen Hans „Jean“ Löring, genannt „Schäng“. Mit unfeinen Worten schmeißt er in der Halbzeitpause den verdutzten Trainer Harald „Toni“ Schumacher raus. Ein in der Fußballwelt bisher noch unbekannter Vorgang. Immerhin schafft des dank dieser Aktion der kleine Verein aus der Kölner Südstadt mit der Schlagzeile „Trainer in der Halbzeitpause gefeuert“ auch in die überregionalen Blätter, sogar die italienische „Gazzetta dello Sport“ berichtete damals.

Löring, stadtbekannter Unternehmer und Baulöwe, war das Herz (und der Geldbeutel) der Fortuna. Selber aktiver Fußballer musste er nach Hüftproblemen seine aktive Karriere beenden. Doch er blieb seiner Leidenschaft treu und war von 1966 bis 2001 Präsident des Vereins, in welchen er mehrere Millionen Mark (manche sprechen von über 20 Mio. DM) seines Privatvermögens investierte. Er war ein Präsident „vom altem Schlag“:  Löring bestimmte nicht nur die strategische Richtung der Fortuna sondern auch die Aufstellung. Oft über den Kopf der jeweiligen Trainer hinweg. Dabei gab er sich der Schäng immer volksnah. Unvergessen sind die Partys nach gewonnen Spielen im „Bacchus“ – dem Vereinslokal gleich gegenüber des Südstadions. Da lagen sich freude- und biertrunken Spieler, Präsident,  Sponsoren und viele Fans in den Armen. Nur Bernd Schuster (Fortuna-Trainer in der Saison 1997/98) verweigerte sich diesen Gelagen und wurde deswegen prompt vom Schäng entlassen, trotz sportlicher Erfolge.

Die Fortuna war unter Löring eine feste Größe in der 2. Bundesliga – immerhin 26 Jahre lang. Als ab Mitte 2000 sein Unternehmen in die Krise gerät, geht es auch mit der Fortuna bergab, bis hinunter in die Verbandsliga. Löring stirbt am 6. März 2005. Sein Grab ist auf dem Kölner Südfriedhof.

Das besagte Spiel gegen Waldhof Mannheim ging ohne Toni Schumacher mit 1:5 verloren. Lörings Kommentar nach dem Spiel ist legendär und zeigt sein Selbstverständnis:  „Ich als Verein musste reagieren.“


Auf der Lotsentour Südfriedhof besuchen wir das Grab von Schäng Löring.


„Sie nannten ihn Schäng“ – Die Zeitschrift 11Freunde hat über Löring einen lesenswerten Artikel veröffentlicht: https://www.11freunde.de/artikel/jean-loering-bei-fortuna-koeln


Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Immer kurz & knackig, immer subjektiv und voreingenommen.

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

„Am Dude Jüd“: Der alte jüdische Friedhof in Raderberg

Ausschnitt aus einem Stich von Friedrich W. Delkeskamp (1794–1872)
„Am toten Juden“ (Ausschnitt aus einem Stich von Friedrich W. Delkeskamp (1794–1872). Gut zu erkennen ist die Lage des Friedhofs vor der Stadtmauer.

„Parkstadt Süd“ ist das große Stadtentwicklungsprojekt im Kölner Süden. Bis zu 4.000 Wohnungen, Büros und Ladenlokale sollen im „Inneren Grüngürtel“ zwischen Bayenthal, Raderberg, Zollstock und Sülz entstehen. Teil des Projekts ist auch der Großmarkt. Dieser soll umziehen, das ist schon für das Jahr 2020 geplant. Doch sowohl die Standortfrage als auch der konkrete Umzugstermin sind noch offen. Die Debatte der Beteiligten  (Stadt, Händler, Anwohner am potenziellen neuen Standort in Marsdorf) ist im vollen Gange.

Eine ganz andere Herausforderung an die Planer wird allerdings kaum diskutiert: Auf dem heutigen Großmarktgelände liegt der „Judenbüchel“, der alte Friedhof der jüdischen Gemeinde. Die Kölschen nannten dieses Gelände „Dude Jüd“ – der „Tote Jude“. Die exakte Lage des Friedhofs ist nicht bekannt, doch es ist davon auszugehen, dass dieser rund um die heutige Sechtemer Straße lag. Erste schriftliche Erwähnungen des Judenbüchels stammen aus der Mitte des 12. Jahrhunderts. Bei den wiederholten Pogromen kam es auch regelmäßig zu Schändungen des Friedhofes. So wurden ganze Grabsteine als Baumaterial in Köln und im Umland genutzt. Besonders pikant: Auch im „Hansa-Saal“ des historischen Rathauses wurden diese Grabsteine verbaut.

Schon ab ca. Anfang des 13. Jahrhunderts wurde das Gelände rund um den „Dude Jüd“ auch als Veranstaltungsgelände genutzt. So fanden hier Hinrichtungen oder auch Turniere statt. Der jüdische Friedhof geriet dabei über die Jahrhunderte in Vergessenheit. Erst im Jahr 1922, bei Bauarbeiten zur Errichtung des Güterbahnhofs, wurde der Friedhof wiederentdeckt. Grabstätten und Gebeine wurden auf den neuen jüdischen Friedhof in Bocklemünd umgebettet. Allerdings: Im jüdischen Glauben gehören Gräber zum ewigen Eigentum der Toten und dürfen nie berührt werden. Daher kann davon ausgegangen werden, dass im Jahr 1936 die Errichtung des Großmarkts auf dem Gelände des Friedhofs durch die Nationalsozialisten als bewusster Affront gegen die jüdische Bevölkerung zu verstehen war.

Info-Tafel am Großmarkt, eine eher bescheidene Erinnerung an den Jüdischen Friedhof. Bild: Uli Kievernagel
Info-Tafel am Großmarkt, eine eher bescheidene Erinnerung an den Jüdischen Friedhof. Bild: Uli Kievernagel

Heute erinnert nur noch eine bescheidene Informationstafel an der Markthalle an den jüdischen Friedhof. Und mit diesem Wissen stellt sich nun die Frage, wie mit diesem Erbe im Rahmen des Neubauprojekts „Parkstadt Süd“ umgegangen werden soll.


Wer sich grundsätzlich für Friedhöfe interessiert, sollte an der Lotsen-Tour Südfriedhof teilnehmen.


Bekannter als der eigentliche Friedhof ist in Köln das Lied „Am dude Jüdd“ von Willi Ostermann über ein Tanzlokal, welches sich gegenüber des Friedhofs befunden haben soll. Ob es sich bei dem Wirt allerdings um einen Juden, wie in einem Video der Bläck Föös (dargestellt von King Size Dick) gehandelt hat, darf durchaus bezweifelt werden.

Informationen zum Planungsstand der „Parkstadt Süd“ bietet die Stadt Köln. Ausführliche, aktuelle Informationen (Stand: Oktober 2017)  enthält auch der  „Sachstandsbericht Parkstadt Süd 3. Quartal 2017“.


Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Immer kurz & knackig, immer subjektiv und voreingenommen.

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Müllers Aap – Ungebändigte Kraft un e kölsch Hätz

Grab Peter Müller auf dem Südfriedhof
Peter Müllers Grab auf dem Südfriedhof

Der bekannteste K.O.-Schlag des kölschen Boxers Peter Müller traf Max Pippow. Doch leider war Pippow nicht der Gegner sondern der Ringrichter. Müller fühlte sich von Pippow benachteiligt und schickte ihn mit einem satten Haken auf die Bretter. Dieser Schlag machte den Mittelgewichtler Müller zwar weltberühmt – brachte ihm aber auch eine zunächst lebenslange Sperre ein. Doch der bei den Zuschauern überaus beliebte Müller war ein Publikumsmagnet. Daher wurde diese Sperre bereits 10 Monate später wieder aufgehoben.

Für die Kölschen war er nur „Müllers Aap“, das „Äffchen“: Gerade mal 1,65 Meter groß, immer geduckt kämpfend und mit unbändigem Siegeswillen. Geboren am Karnevalssonntag 1927 in Sülz war ihm schon früh klar, dass er Profiboxer werden wollte. Kraft hatte Müller mehr als genug. So schlug er einen Straßenbahnschaffner, der ihn nicht erkannte, mit einem einzigen Schlag bewusstlos. Allerdings war in der harten Schale des Boxers wohl auch „vell Hätz“ versteckt. Ältere Kölner Damen berichten davon, dass die „Aap“ ihnen regelmäßig die steilen Stufen der alten Kölner Straßenbahnen hinauf half – ob sie denn wollten oder nicht.

Die ganz große internationale Boxer-Karriere blieb dem mehrfachen Deutschen Meister im Mittelgewicht verwehrt. Technisch versiertere Kämpfer wie Bubi Scholz waren ihm überlegen. Vielleicht stand er sich auch selbst im Weg. So verwechselte er 1953 bei einem Kampf in den USA das Horst-Wessel-Lied mit der Nationalhymne und spielte die Parteihymne der NSDAP auf einer Mundharmonika. „Das hatte ich noch im Ohr“ meinte er später dazu nur. Die Kölner haben ihm alle Eskapaden verziehen. Irgendwie war der „Underdog“ Müller einer von ihnen: `ne Jung uss dem Lääve.

Anfang 1966 beendete Peter Müller seine Karriere mit dem 175. Kampf – gewonnen hatte er davon 132. Um Geld zu verdienen betrieb er Spielautomaten in Kölner Kneipen oder trat im Karneval auf. Mit nur 65 Jahren stirbt „de Aap“ im Juni 1992. Mehr als 4.000 Menschen kommen zu seiner Beerdigung auf den Südfriedhof. Auch die kölsche Prominenz gibt sich die Ehre, zusammen mit den Bläck Föös und den Höhnern. Die Stadtspitze fehlte allerdings. Vielleicht auch, weil die Stadtverwaltung seinen letzten Wunsch ablehnte: Ein Grab mitten zwischen den kölschen Berühmtheiten auf dem Hauptweg des Südfriedhofs. Ürbigens: Auf der Lotsentour Südfriedhof besuchen wir das Grab von Peter Müller.


Sehenswert ist ein kurzes Video von dem legendären Kampf mit Schiedsrichter-K.O. Zwar ist der der sagenhafte Schlag im Video leider nicht eindeutig zu sehen, aber dafür umso deutlicher die unbändige Wucht Müllers, der nicht nur auf seinen Gegner einprügelt, sondern auch einen Betreuer einfach aus dem Ring schmeißt (ab etwa 1.20 Minute).

Wer Peter Müller im Original hören und sehen will, sollte dieses Video nicht verpassen.


Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Immer kurz & knackig, immer subjektiv und voreingenommen.

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung