Die Siedlung Wilhelmsruh – sozialer Wohnungsbau im 19. Jahrhundert

Die Arbeitersiedlung "Wilhelmsruh", Aquarell von Jakob Scheiner aus dem Kölnischen Stadtmuseum
Die Arbeitersiedlung „Wilhelmsruh“, Aquarell von Jakob Scheiner aus dem Kölnischen Stadtmuseum

Es war eine echte Zeitenwende – und auch Köln sollte Ende des 19. Jahrhunderts in der modernen Zeit ankommen. Für die stark wachsende Zahl der Kölner Bürger wurde dringend Wohnraum benötigt – immerhin verdoppelte sich zwischen 1880 und 1890 die Einwohnerzahl Kölns von etwa 145.000 Menschen auf 282.000 Menschen.

Die enge, mittelalterlich geprägte Stadt musste also wachsen. Aber wie? Die massive Stadtmauer behinderte die Erweiterung der Stadt. Nach langen Verhandlungen mit der preußischen Regierung begann ab 1881 der Abriss der Befestigungen. Und es entstanden die Vororte und die klassischen Arbeitersiedlungen.

Früher wie heute: Knapper Wohnraum – hohe Preise

Wie sich die Zeiten gleichen: Wie auch heute war damals der Wohnraum in der Stadt knapp. Das betraf insbesondere die Menschen mit großen Familien und wenig Geld. Man lebte – nach heutigem Maßstab – viel zu beengt in völlig überfüllten Wohnungen. Bis zu sechs Personen pro Zimmer war die Normalität. In diesem Zimmer wurde gekocht, gegessen, sich gewaschen und geschlafen. Für uns heute undenkbar.

Der Maler Heinrich Zille hat es dokumentiert: Im 19. Jahrhundert ist es völlig normal dass in einem einzigen Zimmer geschlafen, gegessen und sich gewaschen wird.
Der Maler Heinrich Zille hat es dokumentiert: Im 19. Jahrhundert ist es völlig normal, dass in einem einzigen Zimmer geschlafen, gegessen und sich gewaschen wird, Bild: Stiftung Stadtmuseum Berlin

Dies brachte Unternehmer dazu, für ihre Mitarbeiter besseren und preiswerten Wohnraum zu schaffen. Ein sehr schönes Beispiel dafür ist die Arbeiter-Kolonie „Wilhelmsruh“ an der Bonner Straße im heutigen Stadtteil Raderberg. Der Name der Siedlung erinnert an den im Jahr des Baubeginns 1888 gestorbenen Kaiser Wilhelm I.

Die Siedlung Wilhelmsruh um ca. 1920, Bild: Klaus Krämer
Die Siedlung Wilhelmsruh um ca. 1920, Bild: Klaus Krämer

Das Kapital für den Bau der Siedlung stammt aus einer Stiftung von Prof. Dr. Gerhard vom Rath, dem Mitinhaber des „Rheinischen Actienvereins für Zuckerfabrication“. Dieses Unternehmen betrieb unter anderem Zuckerfabriken am Holzmarkt und in der Machabäerstraße im Kunibertsviertel. Vom Rath stiftete im Jahr 1888 einen großen Teil seines Vermögens zum Bau einer Arbeiter-Kolonie an der Bonner Straße, da seine Erben bereits verstorben waren. Insgesamt handelte es sich bei der Stiftung um 450.000 Mark. Ein stolzer Betrag. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Jahresverdienst eines Arbeiters lag bei etwa 660 Mark.

Eine schmucke Siedlung - die Wilhelmsruh heute, Bild: Annette Full
Eine schmucke Siedlung – die Wilhelmsruh heute, Bild: Annette Full

Gebaut wurden zweigeschossige Wohnungszeilen. Das gesamte Wohngebiet wurde mit breiten Wegen großzügig aufgeteilt, jedes Wohngebäude hatte zur Selbstversorgung einen Nutzgarten und Stallungen. In den Häusern aus rötlichen und gelben Ziegeln waren Vierzimmerwohnungen. Ursprünglich wurden auch noch eine Badeanstalt, ein Versammlungssaal, ein Lesezimmer und ein Kaufladen geplant, die allerdings nie realisiert wurden.

Der Grundsatz für die Miete der Wohnungen war, dass der Preis einer Wohnung in der Wilhelmsruh in etwa dem Preis einer Zweizimmerwohnung in der Stadt entsprechen sollte. Allerdings für eine Wohnung, die doppelt so groß war und zusätzlich über einen Keller, einen Speicher, den Garten und Stallungen verfügte.

Trotz dieser Annehmlichkeiten und dem fairen Mietpreis taten sich viele Arbeiter schwer damit, ihre geliebten Veedel, allen voran das Severinsviertel, in dem es alles gab, zu verlassen um „draußen auf das Land“ zu ziehen. Der Weg war tatsächlich weit, es gab zunächst auch keine Anbindung an die Straßenbahn. So wurden Pendelverkehre eingerichtet. Ein Arbeiter der Stollweck-Schokoladenfabrik berichtete „Wäge däm wigge Wäg leeten uns die Stollwercks noh der Arbeit fahre, die eeschte Johre met Päd und Wage, dann m´em Laßwage, wo Bänk drop stundte.“

Die Wilhelmsruh, Blick von der Bonner Straße, Bild: Annette Full
Die Wilhelmsruh, Blick von der Bonner Straße, Bild: Annette Full
Gleiche Herausforderungen wie vor 140 Jahren

Die Arbeiter-Kolonie der Wilhelmsruh war ein positives Beispiel für den sozialen Wohnungsbau. Die lockere, großzügige Bauweise beweist, so der Historiker Josef Rosenzweig „ … dass es auch damals anstatt enger und dunkler Mietskasernen schon helle und schmucke Sozialwohnungen gab“.

Und da Köln heute wieder vor der großen Herausforderung steht, erschwinglichen Wohnraum für alle zu schaffen, sollten sich die Verantwortlichen daran mal ein Beispiel nehmen und sich einfach mal die Wilhelmsruh in Raderberg anschauen.


Die letzte Zuckerfabrik des „Rheinischen Actienvereins für Zuckerfabrication“ am Holzmarkt wurde 1912 geschlossen, die Stadt Köln übernahm die Stiftung und auch die Häuser der Wilhelmsruh. Ein Teil der Häuser wurde in den 1980ern zugunsten eines Altenheims abgebrochen, die übrigen Häuser (heute Bonner Straße 304 und 310) wurden saniert.


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Bestemo, Besteva, Bap und dä Ühm: Kölsche Wörter für die Verwandtschaft

Ich widme dieses Köln-Ding der Woche ausdrücklich minger Familich. Auch wenn die Bagage schon mal anstrengend ist – ich würde keinen davon hergeben! Bilder: Uli Kievernagel
Ich widme dieses Köln-Ding der Woche ausdrücklich minger Familich. Auch wenn die Bagage schon mal anstrengend ist – ich würde keinen davon hergeben! Bilder: Uli Kievernagel

Die Bläck Föös singen ein wunderschönes Lied über Familienfeste:

Wenn sich de Famillich triff
kütt nur von allem et Bess op de Desch.
Dann wed jesonge, jeschwaad un jelaach.
Dat jit en herrlich, herrlich, herrlich –
Dat jit en herrlich lange Naach.

Und wenn sich eine kölsche Familich trifft, dann kommen die Bestemo, der Besteva, dä Bap und dä Ühm zusammen. Doch wer ist wer? Wie sind die kölschen Bezeichnungen für die verschiedenen Verwandten?

Fangen wir mit den älteren Herrschaften an:

Bestemo – die Oma

Bestemo kommt von „Beste Moder“. Im Hänneschen gibt es die Figur der Bestemo. Sie ist eine herzensgute alte Frau, die jedoch ihre Liebe regelmäßig durch Gekeife ausdrückt. Der Besteva hat regelmäßig unter ihr zu leiden.

Besteva – der Opa

Der Begriff „Besteva“ für den Opa stammt von „Bester Vader“. Auch diese Figur gibt es im Hänneschen. Der Besteva ist dort ein gutmütiger, ruhiger Opa mit einer Schäche für das Kartenspiel und Kölsch. Er steht unter der Fuchtel der Bestemo.

Dä Ühm – der Onkel

Ühm (oder auch Ohm) ist abgeleitet von Oheim. Dieser Begriff meint ursprünglich nicht jeden Onkel, sondern nur den Bruder der eigenen Mutter, also den Onkel mütterlicherseits. Diese Verwandtschaftsbeziehung hatte früher eine ganz besondere Bedeutung: Der Bruder übernahm die Vormundschaft über ledige oder verwitwete Frauen.

Die Möhn – die Tante

Der Begriff wird heute oft als „Ahl Möhn“ abschätzig für ältere Frauen verwendet. Im Karneval gibt es, je weiter man in Richtung Eifel oder Niederrhein kommt, jede Menge Frauenkarnevalsvereine, die sich selbst „Möhne“ nennen und auch Veranstaltungen, wie z.B. der Möhneball. Übrigens ist „Möhnebier“ Malzbier, da es als Frauenbier gilt.

Koelsche_Paenz_S. Hofschaeger_pixelio.de
Kölsche Pänz, Bild: S. Hofschaeger / pixelio.de

Die Pänz – die Kinder

Dieser Begriff meint schlichtweg „Kinder“. Früher war dieser Begriff eher negativ belegt, doch diese Bedeutung ist im Laufe der Zeit verschwunden. Mehr dazu gibt es hier: Wo mer jeit un steit nur Pänz, Pänz, Pänz

Dä Broder – der Bruder

Okay – das ist einfach. Schwieriger wird es bei der Schwester.

Die Söster – die Schwester

Im kölschen Karneval gab es sogar die (zwischenzeitlich aufgelöste) Band „Sösterhätz“. Gegründet (na klar) von zwei Schwestern.

Wolfgang Niedecken mit Background-Sängerin Karen Schweitzer-Faust bei einem BAP-Konzert in der Sporthalle (1991) , Bild: Achim Scheidemann
Wolfgang Niedecken mit Background-Sängerin Karen Schweitzer-Faust bei einem BAP-Konzert in der Sporthalle (1991) , Bild: Achim Scheidemann

Dä Papp oder Bap – der Vater

Das wohl berühmteste Denkmal für einen Bap hat Wolfgang Niedecken mit seiner Band BAP für seinen Vater gesetzt.

Die Mamm – die Mutter

Das Herz der Familie. Und auch die Ernährerin, nicht zuletzt, wenn Sie Rievkooche macht. In dem passenden Lied der Bläck Fööss lautet es: „Mamm, Mamm, schnapp d’r de Pann, Fuffzehn Stück pack op d’r Mann.“


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Nicolaus Otto und der Ottomotor: Eine kölsche Erfindung

Der Erfinder Nicolaus Otto
Der Erfinder Nicolaus Otto (1832-1891)

Okay – der erste von Erfinder Nicolaus Otto gebaute Motor hatte nur 3 PS. Das war im Jahr 1877. Bei diesem Motor handelte es sich um einen sogenannten „Flugkolbenmotor“, welcher sich noch wesentlich vom Prinzip des Ottomotors unterscheidet. Wenn wir heute vom Ottomotor sprechen, geht es um einen „Hubkolbenmotoren mit Fremdzündung“. Der Begriff „Ottomotor“ wurde erst 45 Jahre nach dem Tod des Erfinders eingeführt.

Weltweit erste Motorenfabrik war in Köln

Nicolaus Otto war, zusammen mit Eugen Langen, der Gründer der weltweit ersten Motorenfabrik. Diese Fabrik, gegründet 1864 als „N.A. Otto & Cie“ in der Servasgasse gleich hinter dem Kölner Hauptbahnhof, bildete die Keimzelle der Deutz AG, heute ein Konzern mit mehr als 4.600 Mitarbeitern und etwa 1,8 Milliarden Euro Jahresumsatz.

Abbildung einer Otto-Gaskraftmaschine von 1876, (aus dem Lexikon der gesamten Technik, 1904)
Abbildung einer Otto-Gaskraftmaschine von 1876, (aus dem Lexikon der gesamten Technik, 1904)
Otto, Maybach und Daimler entwickeln gemeinsam den ersten Viertaktmotor

Die Anfänge der Motorenfabrik waren eher bescheiden. Der Erfolg stellte sich erst ein, als sich das junge Unternehmen auf der Pariser Weltausstellung 1867 präsentierte. Der dort vorgestellte Motor war wesentlich sparsamer und benötige nur ein Drittel des Kraftstoffs der vergleichbaren Motoren seiner Zeit. Der Erfolg führte zum Umzug des Unternehmens und zur Gründung der „Gasmotoren-Fabrik Deutz AG“. Wesentliche Investoren waren die Brüder Eugen, Gustav und Jacob Langen sowie Emil und Valentin Pfeifer. Wem diese Namen jetzt bekannt vorkommen, der sollte mal im Küchenschrank nachschauen, ob er nicht auch Zucker von Pfeifer und Langen verwendet.

Weitere bekannten Namen waren als Mitarbeiter in dem Deutzer Unternehmen tätig: Die beiden Konstrukteure Wilhelm Maybach und Gottlieb Daimler waren maßgeblich an der Weiterentwicklung bis hin zur Serienreife des ersten Viertaktmotors beteiligt. Dieses im Jahr 1876 entwickelte technische Prinzip bildet bis heute die Grundlage für jeden konstruierten Verbrennungsmotor.

Nicolaus Otto – ein Autodidakt

Nikolaus Otto, geboren am 14. Juni 1832 in Nassau, hat, anders als zum Beispiel Maybach oder Daimler, nie eine Hochschule besucht. Sein Vater starb früh und so musste er seinen Teil für den Unterhalt der Familie beitragen. So arbeitete er tagsüber in einem Kolonialwarenladen. Erst abends konnte er sich seiner eigentlichen Leidenschaft widmen: der Technik. Die Zeiten waren gut für Otto. Die Welt veränderte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts rasant: Die Telegrafie kam auf, Eisenbahnen erschlossen das Land und Maschinen übernahmen zunehmend die vorher von Mensch und Tier geleistete, kraftraubende Arbeit.

Der Erfolg seines Unternehmens führte Otto auch zu seinem privaten Glück. Er hatte bereits im Jahr 1858 an Karneval  – wie sollte es in Köln auch anders sein? – Anna Gossi-Rouply kennengelernt. Doch an eine Heirat war zunächst nicht zu denken. Der nahezu mittellose Otto konnte erst mit dem Aufstieg der Firma über ein Einkommen verfügen, welches die Familie absicherte. So heirateten Anna Gossi-Rouply und Otto erst 1868.

Briefmarke von 1952 zu "75 Jahre Otto-Motor"
Briefmarke von 1952 zu „75 Jahre Otto-Motor“
Späte Ehrung: Der Begriff Ottomotor

Im Unternehmen gab es persönliche Auseinandersetzungen zwischen Otto auf der einen Seite und Maybach und Daimler auf der anderen Seite. Beide verließen 1881 das Unternehmen. Gleichzeitig führten Patentstreitigkeiten dazu, dass 1884 Ottos Patent für den Viertaktmotor annulliert wurde. Seine Verdienste als Motoren-Entwickler sind allerdings unbestritten. Zu seinen Ehren werden seit 1936 alle Hubkolbenmotoren mit Fremdzündung als Ottomotoren bezeichnet.

Nicolaus Otto starb am 26. Januar 1891 in Köln. Sein Grab ist auf dem Melatenfriedhof zu finden, seine Motoren in der ganzen Welt. Und heute auch mit wesentlich mehr als nur 3 PS.


En originaler "atmosphärischer Gasmotor“ zur Erinnerung an Nicolaus Otto am Deutzer Bahnhof Bild: Tohma [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)]
En originaler „atmosphärischer Gasmotor“ zur Erinnerung an Nicolaus Otto am Deutzer Bahnhof, Bild: Tohma [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)]
Jeder Kölner kennt den Ottoplatz in Deutz. Aber kaum einem ist klar, dass es bei dem hier geehrten „Otto“ um Nicolaus Otto handelt. Und dann fragt sich auch noch jeder : „Wat is dat denn?“ Auf dem Bahnhofsvorplatz in Deutz steht ein originaler, zwei Tonnen schwerer „atmosphärischer Gasmotor“ von Nicolaus Otto. Weitere Infos zu diesem Denkmal gibt es im Informationssystem KuLaDig – Kultur. Landschaft. Digital.


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Das Dom-Hotel: Treffpunkt der Reichen & Schönen

Das Domhotel vor dem Krieg - mit den Kuppeln und Türmchen
Das Domhotel vor dem Krieg – noch mit den Kuppeln und Türmchen

Wenn sie in Köln waren, gab es für gekrönte Häupter wie etwa Kaiser Wilhelm II. und Queen Elizabeth oder Schauspieler wie Peter Ustinov und Sophia Loren nur eine Adresse: Das Dom-Hotel. Bei der Beerdigung von Konrad Adenauer im April 1967 im nahegelegen Dom sollen angeblich US-Präsident Lyndon B. Johnson und der sowjetische Staatschef Leonid Breshnew sich zufällig in der Toilette des Dom-Hotels getroffen haben.

Dieser prächtige Bau war der Treffpunkt für alle, die reich, mächtig oder einfach nur schön waren. Die Pracht des Nobelbaus ist allerdings vergänglich. Und stand schon einmal, genau wie heute, vor dem Abriss: 1885 stürzte bei Renovierungsarbeiten der Mittelteil des Hotels ein. Die Statiker hatten sich schlichtweg verrechnet. Und auch 125 Jahre später, im Jahr 2010, wurde wohl nicht richtig kalkuliert: Der neue Eigentümer, die Bayerische Versorgungskasse, hatte kaum mit dem maroden Zustand des Gebäudes gerechnet. Aktuell wird – bis auf die historische Fassade – das gesamte Gebäude abgerissen.

Das erste Dom-Hotel, noch am Domhof (heute Roncalliplatz), Bild: Rheinisches Bildarchiv Köln
Das erste Dom-Hotel, noch am Domhof (heute Roncalliplatz), Bild: Rheinisches Bildarchiv Köln
Treffpunkt der Reichen und Schönen

Doch der Reihe nach: Bekanntlich zog sich ja der Bau des Doms etwas länger hin: Ganze 632 Jahre wurde an der Kathedrale bis zur Vollendung im Jahr 1880 gebaut. Bis zur Fertigstellung war der Dom eng umbaut. Eines dieser Häuser war das Haus „Domhof 9“, am heutigen Roncalliplatz. In diesem Haus wurde seit 1779 getanzt – es war ein Ballsaal. Damals übrigens, neben dem Gürzenich, der einzige größere Saal für solche Veranstaltungen. Nach einigen Erweiterungen wurde hier 1840 das “Hotel du Dôme“ eröffnet. Das Geschäft florierte, denn immerhin war seit 1842 die Fertigstellung des Doms in vollem Gange und Köln prosperierte. Das Hotel wurde erweitert und mit dem Einsturz des Mittelteils 1885 sogar komplett neu gebaut. Doch die enge Bebauung rund um den Dom verdeckte die Kathedrale, für den prächtigen Dom sollte Platz geschaffen werden. So stimmte die Eigentümerfamilie des Dom-Hotels einem Grundstücktausch zu. Etwa 30 Meter vom ursprünglichen Standort entfernt wurde der wesentlich größere Neubau errichtet. Mit 180 Zimmern bot dieser Prachtbau alles, was Stars und Sternchen von einem Grandhotel erwarten: Eine attraktive Lobby, Arkadengänge, glänzende Kronleuchter, glanzvolle Zimmer und Suiten und Champagner in der edlen Hotelbar. Kein Wunder, dass die Spionin Mata Hari 1916 ausgerechnet in diesem Haus ein „heißes Spionage-Rendezvouz“ gehabt haben soll.

Marode Bausubstanz

Die Bombenangriffe des zweiten Weltkriegs legten ganz Köln und auch das Dom-Hotel in Schutt und Asche. Nach dem Krieg wurde das Hotel schnell wieder aufgebaut. Die Probleme dieses schnellen Wiederaufbaus sollten sich später zeigen, denn in den Jahren des Mangels wurde alles Mögliche in dem Gebäude verbaut. Einzelne Träger stammten sogar aus dem Stahl der zerstörten Rheinbrücken. Erst mit der Sanierung ab 2013 erkannte man, wie groß die Mängel an dem Bau tatsächlich waren: „Das Problem ist die Bausubstanz“, so der Bauingenieur Turadj Zarinfar in einem Interview der Welt 1Die Welt, 18.08.2017. Tatsächlich, so Zarinfar, „hätten hier keine Gäste mehr absteigen dürfen.“ Die Lösung: Bis auf die Fassade wird der gesamte Bau abgerissen und es entsteht ein komplett neues Gebäude, welches an die bestehende Fassade gebaut wird. Diese Fassade wird aktuell durch massive Stahlstreben gestützt.

Masssive Stahlstreben stürzen die historische Fassade des Dom-Hotels, Bild: Uli Kievernagel
Massive Stahlstreben stützen die historische Fassade des Dom-Hotels, Bild: Uli Kievernagel

Der Wiedereröffnungstermin, ursprünglich für 2017 und später für 2020 geplant, wird wohl nicht zu halten sein. Daran sind, neben dem massiv gestiegenen Umfang der Arbeiten, auch der Streit um die Dachkonstruktion und die deswegen verzögerte Baugenehmigung schuld.

Stützstreben wurden für den Rosenmontagszug passgenau angefertigt.

Allerdings kann man nicht sagen, dass in Köln nichts funktioniert. Denn wenn es um den Karneval geht, wird auch Unmögliches möglich gemacht.

Das Problem:
Der Rosenmontagszoch muss auf seiner Route auch südlich am Dom-Hotel vorbei. Allerdings nehmen die massiven Stützstreben für die Fassade so viel Platz ein, dass die großen Festwagen nicht mehr durch dieses Nadelöhr gepasst hätten.

JA - das passt: Die für die großen Festwagen an Rosenmontag maßgeschneiderte Durchfahrt, Bild: Uli Kievernagel
JA – das passt: Die für die großen Festwagen an Rosenmontag maßgeschneiderte Durchfahrt, Bild: Uli Kievernagel

Die Lösung:
Die Streben wurden entsprechend der Breite der großen Festwagen exakt soweit nach außen versetzt, dass der Zoch genau durchpasst.

Merke:
In Kölle funktioniert nix – es sei denn, es geht um den Karneval. Dann geht alles. Alaaf!


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Eau de Cologne von Farina: Ein Duft, der den Geist inspiriert

Das Farina-Stammhaus am prominenten Platz gegenüber dem Jülichs-Platz, Bild: Johann Maria Farina gegenüber dem Jülichs-Platz GmbH
Das Farina-Stammhaus am prominenten Platz gegenüber dem Jülichs-Platz, Bild: Johann Maria Farina gegenüber dem Jülichs-Platz GmbH

Abfälle auf der Straße, geleerte Nachttöpfe im Rinnstein, Gerber, die mit Urin das Leder behandelten, kaum gekühlte Heringe auf dem Markt – in den europäischen Städten hat es noch bis zur vorletzten Jahrhundertwende bestialisch gestunken. Und glaubt man den Berichten von Zeitzeugen, war Köln die am schlimmsten stinkendste Stadt in Europa.

Dabei hatte der Stadtrat bereits sehr früh erste Versuche unternommen, die Stadt sauberer und somit geruchsfreier zu halten, auch durch die Reinigung von Wasserabflüssen und Rinnsteinen. Allerdings war dies Sache der Anlieger, die ihre Aufgaben wohl nicht so richtig ernst nahmen. In einem Ratsprotokoll vom 9. Juli 1688 lautet es: „Die Straßen seien mit Kot und Mist angefüllt, auch dieselben widerwilligs mit Umgehung dieserhalb erlassener Verordnung nicht gesäubert werden“.

Johann Maria Farina der Mann mit der „goldenen Nase“

Kein Wunder, dass in einem solchen Gestank Duftwasser sehr begehrt sind. In Köln sind um 1830 insgesamt 64 Produzenten von Duft- und Heilwasser bekannt, darunter auch das Haus Klosterfrau der geschäftstüchtigen Nonne Maria Clementine Martin und natürlich das Kölnisch Wasser von Johann Maria Farina. Und dieser Mann hatte eine „goldene Nase“. Geboren am 8. Dezember 1685 in Norditalien wurde er bereits mit 14 Jahren zu seinem Onkel, einen Händler in Maastricht, zur Ausbildung geschickt. Bei seinen Geschäftsreisen quer durch Europa bis nach Konstantinopel erkundete er fremde Städte und Länder hauptsächlich mit seiner feinen Nase. Farina war begeistert von Düften und experimentierte mit Duftstoffen, bis er 1709 den Duft kreierte, der ihn unsterblich machen sollte und den er später im Jahr 1742 – zu Ehren seiner Wahlheimat – „Eau de Cologne“ nennen wird. Er selber schrieb über eben diesen Duft „Ich habe einen Duft gefunden, der mich an einen italienischen Frühlingsmorgen kurz nach dem Regen erinnert, an Bergnarzissen, Orangenblüten und Kräuter meiner Heimat. Er erfrischt mich und stärkt meine Sinne und Phantasie.“

Der Mann mit der äußerst feinen Nase: Johann Maria Farina (1685-1766), Bild: Johann Maria Farina / CC BY-SA 4.0.
Der Mann mit der äußerst feinen Nase: Johann Maria Farina (1685-1766), Bild: Johann Maria Farina / CC BY-SA 4.0.

Das Rezept hält das Haus Farina streng geheim – bis heute. Dabei ist die größte Herausforderung, den richtigen Duft jedes Jahr immer wieder exakt zu reproduzieren. Denn die verwendeten Grundstoffe, unter anderem Jasmin, Lavendel, Limette, Bitterorange, sind Naturprodukte, deren Intensität mit jeder Ernte anders ausfällt. Der Journalist und Historiker Christoph Driessen erklärt das Geheimnis der Herstellung so: „Darum ist auch nicht so sehr eine starre Rezeptur das große Geheimnis von Farina, es sind seine Arbeitsanweisungen, wie man den Duft herstellt muss, auf was man zu achten hat.“2Quelle: Eigentum aktuell, 02/2017, Seite 20

Eine Flasche kostet das halbe Jahresgehalt eines Beamten

Mit diesem Duft trifft er im allgemeinen Gestank seiner Zeit exakt den Geschmack seiner gutbetuchten Kunden. Dazu gehörten insbesondere die europäischen Königshäuser, die auch den geforderten Preis für das Eau de Cologne zahlen konnten: Eine Flasche kostet so viel, wie ein Beamter in sechs Monaten verdient.

Ein edler Duft: Farina 1709 Original Eau de Cologne, Bild: Johann Maria Farina gegenüber dem Jülichs-Platz GmbH
Ein edler Duft: Farina 1709 Original Eau de Cologne, Bild: Johann Maria Farina gegenüber dem Jülichs-Platz GmbH

Selbstverständlich hat ein solches Produkt unmittelbar viele Nachahmer, darunter hat sich einer durch sein ganz spezielles „Marketing“ hervorgetan: Wilhelm Mülhens. Dieser gewiefte Kaufmann bezahlte einem gewissen Franz Maria Farina aus Bonn Geld dafür, dass er unter seinem Namen Duftwasser vertreiben durfte. Bis auf den Nachnamen hatte dieser Bonner Farina nichts mit Erfinder Johann Maria Farina zu tun. Aber egal: Der Markenname Farina zog die Kunden an. Übrigens hatte dieser Wilhelm Mülhens seine Produktion und Verkaufsstätte in der Glockengasse, Hausnummer 4711. Diese Geschichte wird irgendwann mal ein eigenes „Köln-Ding-Woche werden.

Johann Maria Farina, der Mann mit der goldenen Nase, starb am 25. November 1766. Sein Unternehmen hat ihn überdauert und ist bis heute in Familienbesitz. Der Name des aktuellen Chefs: Johann Maria Farina. Tradition verpflichtet!


Ein großes DANKE für die Bilder geht an Johann Maria Farina gegenüber dem Jülichs-Platz GmbH seit 1709. Im Farina-Stamhaus ist auch das Duftmuseum untergebracht. Hier kann man 300 Jahre Duftgeschichte erkunden.

Das Nachahmer-Produkt „4711“ gibt es im Brunnen in der Sparkasse sogar umsonst.


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