Die Simultanhalle – ein dauerhaftes Provisorium

Die Simultanhalle in Volkhoven, Bild: Elke Wetzig (Elya), CC BY-SA 3.0
Die Simultanhalle in Volkhoven, Bild: Elke Wetzig (Elya), CC BY-SA 3.0

Nichts ist in Kölle so beständig wie die vielen Provisorien: Die „Blaue Mülltüte“, auch bekannt als Musical-Dome, sollte drei Jahre bestehen. Aktuell steht das hässliche Ding bereits 25 Jahre neben dem Dom. Und auch die „Sackgassen-U-Bahn Linie 17“ wird uns wohl auch noch viele weitere Jahre erhalten bleiben.

Selbstverständlich können wir auf die beiden oben genannten Provisorien gerne verzichten. Aber es gibt auch besondere Dinge, die eigentlich nur auf Zeit angelegt waren, die aber trotzdem erhalten bleiben sollten. Dazu gehört zum Beispiel die Seilbahn, die eigentlich nur für die Bundesgartenschau 1957 ihre Runden drehen sollte, und auch unbedingt die Simultanhalle.

Ein „Architektur-Dummy“

Wenn man vor der Simultanhalle steht erkennt man sofort die Ähnlichkeit. „Hä?“ denkt sich der Kölsche „Dat süht jo uss wie dat Museum.“ Und damit hat er recht. Die Simultanhalle in Volkhoven sieht tatsächlich aus wie das Museum Ludwig. Nur in klein.

Das Museum Ludwig, Bild: Raimond Spekking
Unverkennbar: Die „große Schwester“ der Simultanhalle: Das Museum Ludwig, Bild: Raimond Spekking

Errichtet als Testbau im Jahr 1979 hatte dieses Gebäude den einzigen Zweck, als Modell für das große Museum Ludwig zu dienen. Mit der für ein Museum neuen Variante eines Sheddachs waren neue Herausforderungen zur Lichtführung verbunden. Bevor viel Geld in die „echte“ Konstruktion in der Innenstadt gesteckt werden sollte, wollte man die Praktikabilität dieser speziellen Dachkonstruktion in kleinem Maßstab testen. Und da man ein solches Testobjekt zur Verfügung hatte, konnte man auch gleich verschiedene Fassadenvarianten, Wand- und Bodenbeläge testen.

Gut zu erkennen: Testflächen von verschiedenen Fassadenvarianten an der Simultanhalle, Bild: Elke Wetzig (Elya), CC BY-SA 3.0
Gut zu erkennen: Testflächen von verschiedenen Fassadenvarianten an der Simultanhalle, Bild: Elke Wetzig (Elya), CC BY-SA 3.0

Ungewöhnlich ist dieses Vorgehen bei großen Bauvorhaben nicht. Doch während üblicherweise nur Teile von Dächern, Mauern oder Fassaden zum Test errichtet werden, baute man in Volkhoven direkt ein ganzes Haus. In der städtischen Verwaltung bürgerte sich für das Provisorium schnell der Begriff „Simultanhalle“ ein.

Ein Ort der Kultur im Norden Kölns

Mit dem Bau der Simultanhalle war der Abriss im Jahr 1983 fest eingeplant. Wenn da nicht die Künstlerin Eva Jansková den ganz besonderen Wert dieses Bauwerks entdeckt hätte. Um Fakten zu schaffen organisierte sie Ausstellungen in dieser Halle. Durchaus eine Besonderheit in der nicht durch Kunst geprägten nördlichen Peripherie Kölns. Dies wurde auch von der Stadtverwaltung erkannt, die 1984 die Trägerschaft über die Simultanhalle übernahm.

Die spektakulärste Ausstellung in der Simultanhalle fand am 6. September 1986 statt: Während in der Innenstadt das große Museum Ludwig mit Gala-Konzert, Lasershow und Feuerwerk am Rhein eröffnet wurde, fand in Volkhoven die Eröffnung des „Klaus Peter Schnüttger-Webs-Museum“ statt – ein Gag des Künstlers Ulrich Tillman. Dieses fiktive Museum schließt gleich am nächsten Tag „wegen der enormen Folgekosten“ wieder, doch die Aktion hat den gewünschten Erfolg, und die Simultanhalle wird überregional bekannt.

Schließung wegen statischer Bedenken

Bis 2017 läuft der Ausstellungsbetrieb in der zunehmend baufälliger werdenden Halle, dann schließt die Stadt das Gebäude wegen statischer Bedenken. Erstaunlich ist, dass das Provisorium überhaupt so lange durchgehalten hat. Damit der Kulturbetrieb nicht völlig zum Erliegen kommt, organisieren Künstler und ein Förderverein Ausstellungen auf dem Gelände rund um die Halle.

Eine Sanierung wurde mit 200.000 Euro veranschlagt. Die Stadt will das Geld nicht aufbringen, weil das Provisorium weder eine besondere Bedeutung für die Baugeschichte oder Stadtgeschichte habe, so die Stadt. Gleichzeitig erkennt aber das Kulturamt die Bedeutung der Simultanhalle als Ort für Kunst und Kultur an und fördert den Betrieb durch Zuschüsse.

Der Charme des Provisorischen oder eine moderne Infrastruktur?

Der Plan der Stadt ist es, das gesamte Gelände in Erbpacht an einen Investor zu vergeben. Dabei soll ein niedriger Erbbauzins, gekoppelt mit strengen Vorgaben, das Areal als Kunstort zu erhalten, um den weiteren Kulturbetrieb sicherstellen. Allerdings ohne ausdrücklich den Erhalt der Simultanhalle festzuschreiben. Stattdessen soll eine neue, moderne Halle entstehen.

Dies ist nicht im Interesse des Fördervereins, der eine Petition zur Rettung der Simultanhalle veröffentlicht hat. Abzuwarten bleibt, ob sich ein Investor findet, der beide Welten vereint: Den Charme des Provisorischen der Simultanhalle bei gleichzeitiger Schaffung einer modernen Infrastruktur.

Die Chancen stehen aktuell nicht schlecht: Im Bündnisvertrag vom 8. März 2021 des neuen Kölner Mehrheitsbündnisses aus CDU, GRÜNE und VOLT steht ausdrücklich „Für den Erhalt der Simultanhalle werden wir uns einsetzen.“1(Seite 84, Zeile 2716 des Bündnisvertrags).

Aber bis zu einer endgültigen Entscheidung läuft noch viel Wasser den Rhein herunter. Merke: Provisorien leben in Köln immer viel länger als geplant.

 


Gedenktafel zum Attentat in Volkhoven am 11. Juni 1964, Bild: Raimond Spekking
Gedenktafel zum Attentat in Volkhoven am 11. Juni 1964, Bild: Raimond Spekking

Das Attentat von Volkhoven

Die Simultanhalle steht auf dem Schulhof der Volksschule Volkhoven. Am  11. Juni 1964 stürmte ein 42jähriger Mann, bewaffnet mit einer Lanze und einem selbstgebauten Flammenwerfer, diese Schule und tötete acht Schulkinder und zwei Lehrerinnen. Das Ehrengrab von Ursula Kuhr, einer der beiden getöteten Lehrerinnen, befindet sich auf dem Südfriedhof.


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