Gaea: Die doppelte Göttin

Die Gaea II von Gerhard Marcks in der Kölner Stollwerckpassage, Bild: © Raimond Spekking
Die Gaea II von Gerhard Marcks in der Kölner Stollwerckpassage, Bild: © Raimond Spekking

Da stand sie jahrelang in aller Ruhe zufrieden in der Stollwerckpassage: Die Skulptur der Göttin Gaea. Gaea ist gemäß der griechischen Mythologie als eine der ersten Gottheiten überhaupt die personifizierte Erde. Eine solche Göttin bringt selbstverständlich nichts aus der Ruhe: Weder die gestressten Menschen beim Shopping noch die lauten Krakeeler, die im Brauhaus Früh ein paar Meter weiter das ein oder andere Kölsch zu viel getrunken haben.

Und wenn da nicht ein etwas zu gieriger Schweizer Schokoladenkonzern gewesen wäre, stände sie auch noch heute dort. Doch was sich tatsächlich abspielte, war dann ein klassisches Drama in fünf Akten.

1. Akt: Gerhard Marcks erschafft die Skulptur

Der renommierte Künstler Gerhard Marcks (1889 – 1981) verbrachte ab 1964 viel Zeit in seinem griechischen Sommerhaus. Sichtlich inspiriert durch antike Skulpturen erschuf er 1965 die Gaea: Eine Frauenfigur als Akt, umgeben von einem fallenden Mantel.

Kunstwerke von Gerhard Marcks finden sich auch anderen Stellen in der Stadt: Er hat den „Düxer Bock“ erschaffen und auch der sinnierende Albertus Magnus direkt am Haupteingang der Universität stammen von ihm.

Detailansicht Düxer Bock, Skulptur von Gerhard Macks, Bild: Uli Kievernagel
Der Düxer Bock, Skulptur von Gerhard Macks, Bild: Uli Kievernagel

2. Akt: Aufstellung der Gaea in der Stollwerckpassage

Die Stollwerckpassage ist der Durchgang von der Hohe Straße zum Brauhaus Früh und zum Heinzelmännchenbrunnen. Eisenbahnfans erinnern sich noch an den Modellbauladen, welcher sich jahrelang mitten in der Passage befand. Heute befinden sich in der Passage unter anderem ein Juwelier und ein Schuhgeschäft.

Und genau hier findet die Gaea ab 1986 ihren Platz: Hans Imhoff, der „Mann mit dem Herz aus Schokolade“ und Eigentümer der Stollwerck-Fabriken, kauft die Figur der Gaea. In enger Absprache mit den Verantwortlichen der Stadt wird die Figur öffentlich mitten in der Stollwerckpassage ausgestellt. Ein idealer Platz für die Gottheit, so Kurator Arie Hartog vom Bremer Gerhard-Marcks-Haus: „Die Skulptur stand da fantastisch“

3. Akt: Ein Konzern will schnell Kasse machen

Im April 2002 verkauft Imhoff den gesamten Stollwerck-Konzern an den Schweizer Schokoladenkonzern Barry Callebaut AG. Die Manager von Barry Callebaut wollen möglichst schnell möglichst viel Kasse machen und flexen die Figur am 29. September 2005 einfach vom Sockel, um diese bei einem Auktionator unter den Hammer zu bringen.

Pikant ist aber, dass die Eigentumsverhältnisse an dem Kunstwerk nicht geklärt waren: Gehörte die Figur zum veräußerten Firmenvermögen? Oder doch noch der Familie Imhoff? Oder handelte es sich gar um öffentliches Eigentum?

In jedem Fall war die Figur bereits abmontiert, als sich der Barry Callebaut Aufsichtsratschef einschaltet und in letzten Moment die Versteigerung der Figur verhindert. Sein Plan damals: Zur Ehrenrettung schenkt der Konzern die Figur der Stadt. Doch wie will er der Stadt Köln eine Skulptur schenken, die ihr vielleicht schon längst gehört?

Die Plakette der Gaea II in der Stollwerckpassage, Bild: Frank Vincentz, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
Die Plakette der Gaea II in der Stollwerckpassage, Bild: Frank Vincentz, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

4. Akt: Der Retter ist da!

Noch während der Schokoladen-Konzern aus der Schweiz fieberhaft bemüht ist, den Imageschaden möglichst klein zu halten, wird in Köln bereits gehandelt. Die Imhoff-Stiftung wollte einen langwierigen Rechtsstreit um die Gaea verhindern und ließ kurzentschlossen eine neue Gaea gießen. Dabei war es ein großes Glück, dass die Gussformen noch vorhanden waren. Satte 62.000 Euro investierte die Stiftung in die Neuauflage der Göttin.

Was dann kam, war tatsächlich eine große Überraschung: Gerhard Marcks hatte die Gussformen noch einmal überarbeitet. In der neuen Form umschließt der Mantel die Unterschenkel der Figur, in der ursprünglichen Version war der Mantel komplett offen.

Die Dombauhütte errichtete einen neuen Sockel für die Skulptur und so steht jetzt seit dem 21. Dezember 2005 mitten in der Stollwerckpassage die Gaea II. Und diese Figur ist – durch die Veränderung der Gussformen – keine Kopie sondern ein echtes Unikat. „Es ist doch erstaunlich, wie sich oft ein großer Verlust im Nachhinein auch als Gewinn herausstellen kann“, so der damalige Oberbürgermeister Fritz Schramma.

Die Skulptur Gaea I steht seit 2007 im Rheinpark, Bild: I, HOWI, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons Die Skulptur Gaea II steht seit 2005 in der Stollwerckpassage, Bild: Raimond Spekking

5. Akt: Die doppelte Göttin!

Weil der Barry Callebaut-Konzern aber irgendwie noch das Gesicht wahren wollte, bot man die ursprüngliche Gaea der Stadt als Geschenk an. Und diese nahm an. Allerdings war klar, dass nach dieser Vorgeschichte die „neue Gaea“ in der Stollwerckpassage mit Sicherheit nicht mehr Platz für ihre Vorgängerin machen würde.

Und so steht seit 2007 im Rosengarten des Rheinparks die ursprüngliche Gaea und Köln verfügt gleich über zwei Skulpturen der Erdgöttin.

Merke: Lieber eine doppelte Göttin als gar keine!


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Zirkus in der Kirche? Zirkus in der Kirche!

Die Artisten des Cirque Buffon bändigen einen Elefanten auf der Bühne - mitten in der Kirche. Bild: Uli Kievernagel
Die Artisten des Cirque Bouffon bändigen einen Elefanten auf der Bühne – mitten in der Kirche. Bild: Uli Kievernagel

In diesen Tagen fällt es allen – und ganz besonders uns Kölnern – leicht, auf die Kirche draufzuhauen. Die unrühmlichen Nachrichten rund um das Vertuschen, Verdrängen und Verleugnen sind inzwischen Alltag. Es ist momentan echt Zirkus in der Kirche!

Und das mit dem Zirkus ist wörtlich zu nehmen: Ein kleines Häufchen Aufrechter in der „Kirche für Köln“ macht die Türen auf. Für den Zirkus. Und was für ein Zirkus!

Die Weihnachtsshow Cupido des Cirque Bouffon

Aktuell1Vom 23. November 2022 bis zum 8. Januar 2023 gastiert der Cirque Bouffon in St. Michael. In einer Kirche. Ein Zirkus. Hoffentlich erfährt das der Papst nicht! Dabei bietet der Cirque Bouffon genau das, was eigentlich auch die Kirche bieten soll: „Wir wollen die Herzen berühren und die Zeit entschleunigen“ so der französische Regisseur Frédéric Zipperlin über die Weihnachtsshow „Cupido“.

Cupido, besser bekannt als „Amor“, ist der römische Gott der Liebe. Wenn er mit seinen Pfeilen trifft, erweckt er genau diese Liebe. Und im Cirque Bouffon schaffen das die Clowns Helena Bittencourt und Goos Meeuwsen, beide als Amor mit Flügeln verkleidet. Ihre (imaginären) Pfeile treffen das Publikum und bilden den roten Faden der Show, in der sich Tanz, Musik, Komik und die Akrobatik der Artisten zu einem Gesamtkunstwerk verbinden.

Die Clowns Helena Bittencourt und Goos Meeuwsen, beide als Amor mit Flügeln verkleidet. Bild: Uli Kievernagel
Die Clowns Helena Bittencourt und Goos Meeuwsen, beide als Amor mit Flügeln verkleidet. Bild: Uli Kievernagel

„Herzlich willkommen zu einem Abend voller Liebe und Wollust“

Dass überhaupt ein Zirkus in einer Kirche auftreten kann, hat das Team von „Kirche für Köln“ möglich gemacht. In St. Michael am Brüsseler Platz, mitten im Belgischen Viertel, verwirklicht das Team unter der geistlichen Leitung von Uli Merz und Lisa Brentano ihren Traum von Kirche: Ein Haus mit vielen offenen Türen, in dem alle Menschen etwas Gutes für ihr Leben finden.

Verstärkt wird ihr Team durch Priester Thomas Frings, der in seiner Begrüßung zur neuen Show deutlich machte, um was es bei Cupido geht: „Letzte Woche stand hier noch ein Altar, heute treten hier die Artisten auf. Herzlich willkommen zu einem Abend voller Liebe und Wollust.“ Durchaus ungewöhnliche Worte eines Priesters in einer Kirche.

Akrobatik am Seil - die Artistin Anna Abrams nutzt die ganze Höhe des Kirchenbaus, Bild: Uli Kievernagel
Akrobatik am Seil – die Artistin Anna Abrams nutzt die ganze Höhe des Kirchenbaus, Bild: Uli Kievernagel

Cupido nutzt den ganz besonderen Raum einer Kirche konsequent aus

Doch Frings trifft den Nagel auf den Kopf. Der Zirkus nutzt konsequent die ganz besonderen Möglichkeiten, die die drittgrößte Kirche Kölns2nach dem Dom und St. Agnes bietet: Die große Höhe des Hauptschiffs bildet die angedeutete Kuppel des Zirkuszelts und ermöglicht der Seilartistin Anna Abrams, ihre artistischen Übungen in schwindelerregender Höhe zu präsentieren. Die eigens von Sergej Sweschinski komponierte Musik nutzt die großartige Akustik des neoromanischen Baus der Kirche aus – inklusive Orgel.

Eine wunderbare Gelegenheit für Jeden, der mal für ein paar Stunden der hektischen Vorweihnachtszeit entfliehen möchte. In der perfekt inszenierten Show wechseln sich berührende Momente und urkomische Situationen ab. Wie etwa, wenn der Jongleur Evgeny Pimoneko mit federleichten Ringen jongliert. Direkt danach mündet der zunächst anmutige Tanz zweier Ballerinas in einer wüsten Schlägerei, welche man sonst nur aus Wrestling-Arenen kennt.

Was für ein Zirkus. In einer Kirche.


Der Cirque Buffon
Der Cirque Buffon

Cupido – Die Weihnachtsshow

Noch bis zum 8. Januar 2023, Spielzeiten:

  • Mittwoch bis Freitag 19:30 Uhr
  • Samstag 14:30 und 19:30 Uhr
  • Sonntag 14:30 und 17:30 Uh,
  • Montag und Dienstag keine Vorstellungen (Ausnahme: Montag, 26. Dezember 2022).
  • Am 24. Dezember finden die Weihnachtsgottesdienste unter Beteiligung des Cirque Bouffon statt. Der Eintritt ist kostenlos.
Zirkustage im Cirque Buffon
Zirkustage im Cirque Buffon

Tickets ab 25 Euro für Kinder, Schüler und Studenten bzw. ab 35 Euro über koelnticket (zzgl. VVK-Gebühr) oder an der Abendkasse in/vor St. Michael (ohne VVK-Gebühr, ab 2 Stunden vor jeder Vorstellung) gekauft werden.

Gespielt wird in der Kirche St. Michael, Brüsseler Platz 24, 50674 Köln


Kirche für Köln. eine neue Gemeinde
Kirche für Köln. eine neue Gemeinde

Kirche für Köln. Eine neue Gemeinde.
Stellt dir vor, die Kirche macht auf – und jeder geht hin

Während (zumindest bei gutem Wetter) das Leben im Schatten von St. Michael auf dem Brüsseler Platz tobt, war die Kirche immer leer und verlassen.

Die neu gegründete Gemeinde Kirche für Köln will das verändern. Dabei sind die Leitlinien „modern, offen, zugewandt“ nicht nur Lippenbekenntnisse, sondern finden ihren Ausdruck in unterschiedlichen Veranstaltungen, die nicht typisch für die Kirche sind – wie zum Beispiel der Zirkus in der Kirche.


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Vor 30 Jahren: Arsch huh, Zäng ussenander auf dem Chlodwigplatz

Arsch huh, Zäng ussenander
 Im August 1992 griffen in Rostock-Lichtenhagen rechtsextreme Randalierer unter dem Applaus (!) von etwa 3.000 Zuschauern das „Sonnenblumenhaus“ an. Dort waren zahlreiche Vietnamesen untergebracht. Besonders erschreckend: Als die Ausschreitungen ihren Höhepunkt erreichten, zog sich die Polizei zurück. Die im brennenden Sonnenblumenhaus eingeschlossenen Menschen waren im Kampf gegen den rechten Mob und die applaudierende Mittelmäßigkeit auf sich selbst gestellt.

Ähnliche Bilder gab es zuvor bereits aus Hoyerswerda und vielen weiteren Orten nicht nur im Osten Deutschlands. Auch im Westen gab es vergleichbare Angriffe wie zum Beispiel im Mai 1993 der Brandanschlag auf das Haus der Familie Genç in Solingen, bei dem fünf Menschen starben und 17 weitere Menschen zum Teil schwer verletzt wurden.

Asyldebatte wurde von CDU/CSU und der BILD-Zeitung befeuert

Hintergrund der ausländerfeindlichen Überfälle war die hitzig geführte Asyldebatte. Im Jahr 1992 wurden 440.000 Asylsuchende in Deutschland registriert. CDU und CSU griffen das Thema auf und setzten auf Kampagnen mit den Titeln „Asylbetrug“ oder „Wirtschaftsflüchtlinge“. Beide befürchteten, Wähler an die stark wachsenden rechtsradikalen Parteien „Die Republikaner“ oder „DVU“ zu verlieren.

Schlagzeilen der BILD-Zeitung vom 2. April 1992 (links) und 1. September 1992 (rechts)

Sie konnten dabei auf die Unterstützung der BILD-Zeitung bauen. Der Historiker Ulrich Herbert bezeichnet diese Kampagnen als „eine der schärfsten, polemischsten und folgenreichsten Auseinandersetzungen der deutschen Nachkriegsgeschichte“.1Ulrich Herbert: Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland. Saisonarbeiter, Zwangsarbeiter, Gastarbeiter, Flüchtlinge. München 2001, S. 299.

Fremdenfeindliche Straftaten auch in Köln und Umgebung

Das Bundeskriminalamt berichtet im September, dass in den ersten acht Monaten Jahres 1992 bereits 2.220 Straftaten gegen Ausländer begangen wurden. Die Gewalt gegen Ausländer, so die Behörde, „… habe sich qualitativ verschärft, deutlich sei eine Tendenz zur Brutalisierung und eine Steigerung der Gefährlichkeit der Angriffe.“

Auch im Rheinland randalieren die rechten Scharfmacher, hier eine Auswahl der rassistisch motivierten Straftaten innerhalb von nur sechs Tagen:

  • 3. September 1992:
    Brandanschlag auf eine Aussiedlerunterkunft in Bonn und auf eine weitere Unterkunft in Düsseldorf
  • 4. September 1992:
    Brandanschlag in Leverkusen auf eine Container-Siedlung, in der Aussiedler aus Polen und der GUS untergebracht sind.
  • 6. September 1992:
    In Alfter bei Bonn wird ein Schuss in den Wohnraum eines Asylbewerberheimes abgegeben.
  • 8. September 1992:
    Brandanschlag auf ein Flüchtlingswohnheim in Rösrath

Die Künstlerszene in Köln ist alarmiert. Die gut vernetzten Kölner Musiker wollen ein Zeichen gegen die rechte Gewalt setzen. Auslöser dieser Überlegung war der Musiker und Journalist Nedim Hazar, Vater von Eko Fresh. Hazar hatte in einem Gespräch den Musikern Anke Schweitzer und Rolf Lammers erzählt, dass er sich in Köln wegen der spürbaren rassistischen Tendenzen zunehmend unwohl fühle. Lammers sprach daraufhin den umtriebigen Musikmanager Karl Heinz Pütz (1954-2013) an.

Pütz fackelte nicht lange und trommelte die Kölner Musikerszene zusammen. So trafen sich am 22. Oktober 1992 unter anderem Stephan Brings, Arno Steffen von L.S.E., Wolfgang Niedecken und „Effendi“ Büchel von BAP, Hannes Schöner von den Höhnern, Tommy Engel sowie Gerd Köster und Matthias Keul von „The Piano has been drinking“ im Stadtgarten. Sie und viele weitere wollen eindeutig Position beziehen. Dabei entstand die Idee, unter dem Titel „Arsch huh, Zäng ussenander“ eine Kundgebung auf dem Chlodwigplatz zu veranstalten.

Als Termin für das Konzert wurde der geschichtsträchtige 9. November 1992 ausgewählt, der Jahrestag der Pogromnacht gegen die jüdische Bevölkerung im Jahr 1938. Von da an muss es schnell gehen – es bleiben gerade noch 18 Tage bis zur Veranstaltung.

Wie wöhr et, wemmer selver jet däät?

Die Veranstaltungsplanung lief sofort auf Hochtouren. Aber neben der kompletten Logistik und Organisation wollten die Musiker auch noch unbedingt ein Lied als Statement veröffentlichen. „Nick“ Nikitakis schreibt die Musik, Wolfgang Niedecken steuert den Text bei.

Dieser Text handelt von einem realen Erlebnis Niedeckens bei der Bäckerei Brochmann in der Südstadt. Er war Zeuge, wie ein Handwerker dort unwidersprochen rassistische Parolen von sich geben konnte, ohne dass jemand einschritt – Niedecken inklusive. Der Musiker später: „Erst auf dem Weg an den Frühstückstisch war mir bewusst geworden, dass ich schlicht gekniffen hatte“.

So kam es zu den legendären Zeilen:

Du jehß ding Brühtcher holle,
Su wie jeden Morje waatste an dä Thek.
Do löht ne Typ em Blaumann Sprüch aff,
Bei dänne et dir nur kotzschlääsch weed.
Du denks: Nur russ he, wat ess bloss passiert,
Dat kein Sau reajiert?
Wiesu’s e janz Land am kusche,
Als wöhr et paralisiert?

Wie wöhr et wenn du dämm Blaumann jetz sähs,
Dat du Rassistesprüch janit verdrähs?
Wenn du en vüür dä Lück blamiers,
Endämm du’n einfach oplaufe löhß?
Un övverhaup: wemmer selver jet däät,
Wemmer die Zäng ens ussenander kräät?
Wenn mir dä Arsch nit huh krieje,
Ess et eines Daachs zu spät.2
Du gehst dir Brötchen holen,
Wie jeden Morgen wartest du an der Theke.
Da klopft ein Typ im Blaumann Sprüche,
Bei denen dir kotzschlecht wird.
Du denkst: Nur raus hier, was ist bloß passiert,
Dass keiner reagiert?
Wieso kuscht ein ganzes Land,
Als wär es paralysiert?


Wie wär es, wenn du dem Blaumann jetzt sagst,
Dass du Rassistensprüche gar nicht verträgst?
Wenn du ihn vor allen blamierst,
Indem du ihn einfach auflaufen lässt?
Und überhaupt: Wird Zeit, dass man was tut,
Dass man den Mund endlich aufbekommt!
Wenn wir den Arsch nicht hochkriegen,
Ist es eines Tages zu spät.

Tommy Engel bezieht eindeutig Stellung gegen Rassismus, Bild: Uli Kievernagel
Tommy Engel bezieht auch heute noch eindeutig Stellung gegen Rassismus, Bild: Uli Kievernagel

Köln war da!

Auch Tommy Engel war einer der Initiatoren des Konzerts: „Die Idee des Konzertes ist relativ spontan entstanden. Wir konnten überhaupt nicht einschätzen, ob die Leute kommen würden. Wir hätten uns da total blamieren können und keiner wäre gekommen. Ich erinnere mich, wir standen oben in der Severinstorburg und schauten auf den Chlodwigplatz. Und langsam fing der Platz an, sich zu füllen. Aus allen Ecken kamen sie plötzlich herbeigeströmt. Das war total beeindruckend. Köln war da!“

Tatsächlich ist es etwa 90 Minuten vor Konzertbeginn noch erschreckend leer auf dem Chlodwigplatz, nur ein paar Hundert Menschen verlieren sich dort – die Organisatoren haben mit etwa 20.000 Teilnehmern gerechnet. Doch dann entwickelt sich eine unglaubliche Dynamik. Unvorstellbare 100.000 Menschen strömten zum Chlodwigplatz und auf die angrenzenden Straßen der Südstadt. Die Bahnen der KVB kommen nicht mehr durch und stellen rund um den Chlodwigplatz den Betrieb ein. Aber der gesamte Abend verläuft ohne Zwischenfälle.

Auf der Bühne waren Karnevalisten, Intellektuelle, Rocker, Alt und Jung vereint

Das Programm der Kundgebung war extrem breit gefasst: Die Höhner spielten „Wann jeit dr Himmel widder op?“, Willy Millowitsch rezitierte Carl Zuckmayers „Des Teufels General“ und der Widerstandskämpfer Jean Jülich berichtete von seiner Zeit als Edelweißpirat. Jürgen Zeltinger singt vom „Müngersdorfer Stadion“, der schwule Männerchor Triviatas steuert Brechts Kinderhymne bei. Und Tommy Engel muss auf der Bühne angesichts der unüberschaubaren Menschenmenge um Fassung ringen, als er das Lied vom „Veedel“ singt. Auf der Bühne stehen Karnevalisten, Intellektuelle, Rocker, Alt und Jung vereint.

Zum Finale kommen alle Künstler auf die Bühne und spielen den Titel „Arsch huh, Zäng ussenander“. Die Lieder des Abends inklusive des Titelsongs wurden vorher im Weilerswister CAN-Studio aufgenommen und erschienen auf einer eilig produzierten CD, deren Verkauf die Finanzierung der Veranstaltung sicherstellen soll.

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Nach der Kundgebung waren die Künstler zunächst nur „platt“. Der Stress der letzten Wochen mit der Organisation der Veranstaltung und der Produktion der CD sowie das aufwühlende Konzert hatte viel Kraft gekostet. Keiner der beteiligten Menschen realisiert in diesem Moment, was eigentlich passiert ist.

Musikmanager Karl Heinz Pütz (1954-2013) meinte 20 Jahre später: “Die Idee war, den Rassisten das Spielfeld zu entziehen. Es war ein emotionales Zeichen, mit dem wir klargestellt haben: Wir sind der Mentalitätsfaktor Köln. Besser als mit der Musik konnte man das nicht klarstellen. Ich glaube, das ist seitdem auch erledigt. Weil vom Apotheker über den Schützenbruder bis zum Philharmoniebesucher alle dabei waren.“

Aus dem losen Zusammenschluss wird eine dauerhafte Einrichtung

Die CD verkauft sich außerordentlich gut und spielte schnell 1 Mio. DM ein. Damit wurde der Grundstein für eine äußerst erfolgreiche und langlebige Initiative gelegt und der Verein Arsch Huh e.V. gegründet.

Dieser Verein versteht sich als sich als Sprachrohr für ein offenes, tolerantes, solidarisches Köln und setzt sich vielfach für die Verbesserung des Zusammenlebens und eine solidarische Stadtgesellschaft ein. So haben sich, nach Angaben von Arsch Huh e.-V., bisher mehr als 1.000 Kulturschaffende beteiligt, es wurden mehr als 1 Million Menschen erreicht.

Anküdigung zum Konzert "30 Jahre Arsch Huh - Wachsam bleiben!" am 10. November in der Lanxess Arena
Anküdigung zum Konzert „30 Jahre Arsch Huh – Wachsam bleiben!“ am 10. November in der Lanxess Arena

Jubiläumskonzert in der Kölnarena

Die Überlegungen, zum 30. Jahrestag des legendären Konzerts auf dem Chlodwigplatz eine Wiederauflage an gleicher Stelle zu veranstalten, wurden schnell verworfen. Zu groß sind die Sicherheitsbedenken bei einem solchen Mammutprojekt. Eine Veranstaltung an alternativen Standorten wie dem Heumarkt oder auf der Deutzer Werft scheiterte an den hohen Kosten von bis zu 200.000 Euro.

Doch dann meldete sich der Chef der Lanxess-Arena Stefan Löcher und bot seine Spielstätte an. Hier fand nun am 10. November 2022 unter dem Motto „Wachsam bleiben!“die Jubiläumsveranstaltung statt.

Wachsam bleiben! Das Album zu 30 Jahre Arsch Huh
Wachsam bleiben! Das Album zu 30 Jahre Arsch Huh

Passend dazu wurde auch ein neues Album unter dem Titel „30 Jahre Arsch Huh. Wachsam bleiben!“ veröffentlicht. 

Und auch danach geht es mit Aktionen gegen Rechts und für eine freie Stadtgesellschaft weiter. Denn, so die AG Arsch Huh:

Arsch huh, Zäng ussenander bleibt eine Daueraufgabe – in Köln und überall!


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Kölner Köpfe – Kunst im Untergrund

Acht der 40 "Kölner Köpfe" in der U-Bahnhaltestelle Appellhofplatz, Bild: Uli Kievernagel
Acht der 40 „Kölner Köpfe“ in der U-Bahnhaltestelle Appellhofplatz, Bild: Uli Kievernagel

Etwa 25.000 Menschen sehen täglich die Mona Lisa im Louvre. Dafür steht man stundenlang an und zahlt einen hohen Eintritt. Ebenfalls ungefähr 25.000 Menschen steigen täglich am Appellhofplatz in die Bahn. Und sehen nicht nur ein Portrait, sondern gleich 40. Und das völlig kostenlos. Ohne anzustehen.

Seit 1990 gibt es die „Kölner Köpfe“ in der U-Bahnhaltestelle. Hier kann man dem Schauspieler Willy Millowitsch, der Franziskanerin Schwester Ansgaria, dem Fußballer Pierre Littbarski und 37 weiteren bekannten und unbekannten Kölnerinnen und Kölnern in die Augen sehen.

Stencil – aus Schablonen entstehen Kunstwerke

Urheber dieses Kunstwerks sind die vier Freunde Justus Herrmann, Ralf Jesse, Hans-Peter Dürhager und Andreas Paulun, die sich Ende der 1980er  regelmäßig in Ehrenfeld trafen. Bei einem dieser Treffen im Jahr 1988 zeigte Paulun seinen Kumpels ein sogenanntes „Stencil“. Stencil ist der englische Begriff für Schablone. Mit einer solchen Schablone werden Graffitis hergestellt. Stencils stammen ursprünglich aus den 1970er Jahren aus Frankreich und werden dort „pochoir“, nach dem französischen Wort für Schablone, genannt.

Bei dem Stencil wird eine vorgefertigte Schablone auf einen Untergrund gedrückt und die Farbe durchgesprüht. Kombiniert man mehrere Schablonen, entstehen bunte Motive. Und diese können dann beliebig oft und sehr schnell in unterschiedlichen Farben wiederholt dargestellt werden – ideal für illegale Graffitis.

Doch den vier Freunden kam ein anderer Gedanke: Kein eilig nachts gesprühtes Graffiti irgendwo an einer Mauer in der Stadt, sondern geschützt an einem Ort. Nicht der Vergänglichkeit preisgegeben, sondern zeitlos.

Die Haltestelle Appellhofplatz, auf den Säulen in der Mitte: Die Kölner Köpfe, Bild: ReferenceBK, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
Die Haltestelle Appellhofplatz, auf den Säulen in der Mitte: Die Kölner Köpfe, Bild: ReferenceBK, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Die U-Bahnhaltestelle als idealer Ort

Eine U-Bahnhaltestelle erschien den Künstlern als idealer Ort: Viele Passanten steigen dort täglich ein und aus, die kurze Wartezeit kann dem Kunstwerk gewidmet werden. Heute würde das so nicht mehr funktionieren: Die Menschen nutzen jede noch so kurze Möglichkeit und starren in ihr Smartphone. Daran war 1990, zur Eröffnung des Kunstwerks „Kölner Köpfe“ an der Haltestelle Appellhofplatz, noch nicht zu denken.

Zusätzlich ist eine U-Bahnhaltestelle nicht der Witterung ausgesetzt. Als idealer Ort für die Stencils wurden die Säulen zwischen den Gleisen ausgemacht: Geschützt, aber trotzdem frei einsehbar.

Auch die Motive waren schnell klar: Menschen aus Köln, prominent oder unbekannt. Dabei ging es dem Künstlerkollektiv nicht darum, „einzelne Menschen hervorzuheben aus der anonymen Masse, sondern mit neuen Mitteln die alte Geschichte von Einzigartigkeit und Vielfalt, von deren gegenseitiger Bedingtheit und ihrer Bedrohung durch Anonymität und Masse neu zu erzählen.“1KölnTakt 2-2019, Zeitungsbeilage der KVB, September 2019

Idealerweise gibt es in der Haltestelle 20 Säulen. Auf jede Säule passen drei Portraits auf die Vorder- und drei auf die Rückseite. Macht insgesamt Platz für 120 Portraits. So konnte jeder der vier Künstler zehn Portraits in dreifacher Ausfertigung anfertigen.  

Thomas Kehr, Fahrradkurier

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"Kölner Köpfe", Appellhofplatz, Bild: Uli Kievernagel

Die Auswahl der „Kölner Köpfe“

Gezeigt werden die Portraits von 40 Menschen, die in Stadt leben. Prominente und Lück wie ich und du. Und so ist ebenso der Kopf von Alfred Biolek neben dem Portrait von Thomas Kehr, einem Fahrradkurier, zu finden wie auch das Bild der Nonne Schwester Ansgaria, das neben Willy Millowitsch seinen Platz findet.  Der Travestiekünstler Fine de Cologne wurde abgebildet, genau wie der Boxer Milorad Jevremovic oder Anja Friehoff, die als „Frau des Augenblicks“ ihren Platz gefunden hat. Abgebildet wurden auch der Imbissbesitzer Adnan, Musiker Jürgen Zeltinger, Philosophieprofessor Günter Schulte und der Kölner Sammler Hermann Götting. Und 29 weitere Menschen.

Ein "Kölner Kopf": Straßenbahnfahrerin Lydia Prangenberg, geb. Rick, Bild: Uli Kievernagel
Ein „Kölner Kopf“: Straßenbahnfahrerin Lydia Prangenberg, geb. Rick, Bild: Uli Kievernagel

Auch die KVB-Mitarbeiterin Lydia Prangenberg, geb. Rick, ist ein „Kölner Kopf“. Früher wurde sie oft auf das Portrait angesprochen, heute zeigen ihre Enkel und Urenkel stolz das Bild von Oma oder Uroma ihren Freunden.  

Der unbekannte Künstler „Tabot Velud“

Für heutige Verhältnisse nahezu unvorstellbar: KVB und Stadt Köln stimmten der flott skizzierten Idee schnell und unkompliziert zu, als Hauptsponsor wurde Reynolds Tobaccos (Camel, Lucky Strike oder Pall Mall) gewonnen.

Plakette "Kölner Köpfe" in der U-Bahnhaltestelle Appellhofplatz, Bild: Uli Kievernagel
Plakette „Kölner Köpfe“ in der U-Bahnhaltestelle Appellhofplatz, Bild: Uli Kievernagel

Als Künstler hinter dem Kunstwerk wurde „Talbot Velud“ genannt. Dieser Name hat keinerlei Bedeutung. Justus Herrmann dazu „Damit wollten wir nur möglichst viel Nebel verbreiten.“ Das ist bestens gelungen. In einem Artikel der ehemaligen Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner zu den Kunstwerken in der Kölner U-Bahn schreibt die Architektin und Kunsthistorikerin zu den „Kölner Köpfen“: “Ein Schild an der Schmalseite eines der Bahnsteige nennt neben dem Namen des Kunstwerks „Kölner Köpfe“ und seines Gestalters Tabot Velud auch einen großen Tabakkonzern als Sponsor. Über Velud habe ich sonst nichts weiter in Erfahrung bringen können.“2Barbara Schock-Werner: Kölner U-Bahn-Stationen in der Kritik  – Die Kunst in Kölns Untergrund, Kölner Stadt-Anzeiger vom 2.Dezember 2014.

Kunstwerk ist heute „rechtslos“

Heute würde man sich wünschen, dass die Verantwortlichen mal ein paar Eimer Farbe an die Säulen der Haltestelle werfen und insgesamt mal etwas saubermachen würden. Allerdings: Wieso sollte es hier anders sein, wenn doch die ganze Stadt eher knüsselich daherkommt?

Der ursprüngliche Nutzungsvertrag für die Säulen mit den „Kölner Köpfen“ wurde für zehn Jahre unterschrieben und ist bereits im Jahr 2000 ausgelaufen. Seitdem ist das Kunstwerk eigentlich „rechtslos“. Aber das kümmert in Köln keinen Menschen. Auch nicht die seit der Eröffnung des Kunstwerks im Jahr 1990 bereits etwa 300 Millionen Menschen, die dieses mittlerweile gesehen haben.

Da kann noch nicht einmal die Mona Lisa mithalten.


Die leere, verlassene Station Heumarkt. Und trotzdem fährt eine Bahn durch. Zumindest akustisch. Bild: Uli Kievernagel
Die leere, verlassene Station Heumarkt. Und trotzdem fährt eine Bahn durch. Zumindest akustisch. Bild: Uli Kievernagel

Noch mehr Kunst in der U-Bahn gibt es am Heumarkt. Dort fährt täglich der Ghosttrain durch.


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Die riesige Eistüte am Neumarkt – „Wat soll dä Quatsch?“

Neumarkt-Galerie, Köln mit Skulptur Dropped Cone - Claes Oldenburg und Coosje van Bruggen, Bild: Raimond Spekking
Neumarkt-Galerie, Köln mit Skulptur „Dropped Cone“ von Claes Oldenburg und Coosje van Bruggen, Bild: Raimond Spekking

Kölns größte Eistüte befindet sich am Neumarkt. Mehr als zwölf Meter hoch ragt das riesige Objekt in den Himmel. Satte drei Tonnen, oder umgerechnet so schwer wie 37.500 Eisbällchen, wiegt das Kunstwerk „Dropped Cone“ von Claes Oldenburg am Gebäude der Neumarktgalerie.  

Wat soll dä Quatsch?

Touristen rätseln und auch Einheimische fragen sich „Wat soll dä Quatsch?“. Und damit hat Claes Oldenburg sein Ziel erreicht. Er selbst hat die Bedeutungslosigkeit seiner Kunst zum Konzept erklärt: „Die Bedeutung darin wird zweifelhaft und uneinheitlich bleiben – und genau so sollte es sein.“ Und so formte Oldenburg reichlich Alltagsgegenstände – immer in XXL-Varianten. Etwa eine riesige Spitzhacke, einen gigantischen Lippenstift, einen Stecker in der Größe einer Garage oder die gigantische Kölner Eistüte.

Oldenburg-Skulptur "Spitzhacke", Bild: Cherubino, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons
Oldenburg-Skulptur „Spitzhacke“, Bild: Cherubino, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Mit seinen Kolossalobjekten wurde der 1929 in Stockholm geborene und am 18. Juli 2022 in New York verstorbene Oldenburg neben Roy Lichtenstein und Andy Warhol zu einem der bedeutendsten Vertreter der Pop Art.

Oldenburg-Skulptur "Plantoir", Bild: Manuelvbotelho, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Oldenburg-Skulptur „Plantoir“, Bild: Manuelvbotelho, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Vielfältige Interpretationen der Kölner Eistüte

Die Kölner Eistüte wurde im März 2001 auf dem Gebäude der Neumarkt Galerie, ein Einkaufszentrum direkt am Neumarkt, installiert. Die Betreiber der Neumarkt Galerie zahlten auch die Kosten in Höhe von 3 Mio. DM für dieses Kunstwerk. 

Ganz im Sinne von Oldenburg wurde seit dem Tag der Installation munter interpretiert, was denn die Bedeutung der Skulptur sein könnte. So wurde das schmilzende Eis schnell als Symbol der „Vergänglichkeit des Konsums“ ausgelegt. Eine andere Sichtweise wird auf Oldenburgs Kollegin und Ehefrau Coosje van Bruggen (1942 – 2009) zurückgeführt. Oldenburg und seine Frau hatten sich Postkarten von Köln zeigen lassen und Coosje van Bruggen hatte angemerkt, dass Köln offensichtlich eine Stadt der Kirchtürme sei. Und somit wurde der Eistüte eine fast schon sakrale Aussage angedichtet, weil diese an die Kirchtürme der Kölner Skyline erinnern würde. Unbestätigten Aussagen zufolge waren urspünglich sogar zwei Eishörnchen geplant, die an die beiden Türme des Doms erinnern sollten.

Noch einen Schritt weiter geht die Auslegung, dass mit diesem „Kirchturm aus Eis“ die Neumarktgalerie mit ihren Geschäften zum „Tempel des Konsums“ uminterpretiert wird.

Die Künstler selber wiesen auch darauf hin, dass im Namen der Skulptur „Dropped Cone“ sogar Buchstaben des Stadtnamens „Cologne“ zu finden sind. 

Claes Oldenburg (1929 - 2022), hier im Jahr 2012, Bild: Raimond Spekking
Humorvoll und ein bisschen „dumm wie das Leben selber“ – so sollte für Claes Oldenburg  (1929 – 2022) Kunst sein. Hier ein Bild des Künstlers aus dem Jahr 2012, Bild: Raimond Spekking

Ganz einfach: Köln bietet zu wenig Platz für Kunst!

Eindeutig hingegen ist der Hintergrund für die Platzierung der Skulptur. Oldenburg dazu: „Da wir den genauen Standort für das Werk frei wählen konnten, suchten wir nach einem Platz im Freien und entschieden uns, unsere Skulptur auf dem Dach des Einkaufszentrums zu platzieren, da die Straßen in Köln so überfüllt sind.“

Und wer den verkehrsumtosten Neumarkt und die beengten Kölner Verhältnisse kennt, kann dem weltberühmten Künstler nur beipflichten.


Sehenswürdigkeiten rund um den Kölner Neumarkt, Bilder: Uli Kievernagel, Raimond Spekking
Sehenswürdigkeiten rund um den Kölner Neumarkt, Bilder: Uli Kievernagel, Raimond Spekking

Rund um den Neumarkt gibt es viel zu erkunden!

Am Neumarkt steht nicht nur die riesige Eistüte von Claes Oldenburg, sondern auch die von Rodin geschaffene Skulptur des französischen Schriftstellers Balzac. Etwas versetzt hinter der Neumarktgalerie, in der Richmodstraße, findet sich der Richmodisturm mit den beiden sagenumwobenen Päädsköpp. Auf der Südseite des Platzes steht ein Gebäude mit bewegter Geschichte: Das Bing-Haus. Und zu Geschäftszeiten lohnt sich ein Abstecher in die benachbarte Schalterhalle der Kreissparkasse – dort gibt es 4711 kostenlos.


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Balzac auf dem Neumarkt – oder: Et kütt wie kütt!

Die Statue des Künstlers Auguste Rodin stellt den Schriftsteller Honoré de Balzac dar, Bild: Uli Kievernagel
Die Statue des Künstlers Auguste Rodin stellt den Schriftsteller Honoré de Balzac dar, Bild: Uli Kievernagel

Jetzt steht er da: Balzac. Am Neumarkt. Riesig, schwarz. Mehr als vier Meter hoch und acht Tonnen schwer. Köln ist um ein Kunstwerk im öffentlichen Raum reicher: Die von Rodin geschaffene Skulptur des französischen Schriftstellers Balzac befindet sich auf der östlichen Seite des Neumarkts.

Bewegte Geschichte des Kunstwerks

Um es gleich den Kritikern vorwegzunehmen: Die Stadt hat weder für die Skulptur noch für den Sockel etwas bezahlen müssen. Henrik Hanstein, Inhaber des Kunsthauses Lempertz, hat alle Kosten getragen.

Die Statue selber hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Der renommierte Bildhauer François-Auguste-René Rodin (1840 – 1917) fertigte bereits 1891 ein lebensgroßes Gipsmodell des Dichters Honoré de Balzac an. Dieses Modell wurde in Paris ausgestellt – und kam überhaupt nicht gut an. Die, so die Kritiker, groteske Darstellung des Schriftstellers Balzac wäre unangemessen. Rodin, mindestens leicht beleidigt, brachte das Gipsmodell in sein Haus in Meudon, einem Vorort von Paris.

Detailansicht der Balzac-Statue von Rodin, Bild: Uli Kievernagel
Detailansicht der Balzac-Statue von Rodin, Bild: Uli Kievernagel

Mehr oder minder vergessen lagerte dort das Gipsmodell. Erst 1939, immerhin 22 Jahre nach dem Tod Rodins, wurde die Statue erstmals in Bronze gegossen und in Paris an der Ecke Boulevard du Montparnasse, Boulevard Raspail aufgestellt. Die in Köln aufgestellte Skulptur ist ein Bronzeabdruck des in Paris ausgestellten Originals.

Der Plan, die Skulptur mitten auf dem Neumarkt aufzustellen, wurde schnell verworfen, da damit die nutzbare Fläche des Platzes stark eingeschränkt wäre. So müsste zum Beispiel der Zirkus Roncalli, welcher regelmäßig seine Zelte auf dem Neumarkt aufschlägt, seine Artisten um Balzac drumherum jonglieren lassen.

Daher wurde der Bereich am Rand des Platzes gewählt – unmittelbar vor dem Ladenlokal des Stifters. Kurios: Die Genehmigung zur Aufstellung gilt zunächst nur für ein Jahr und endet am 31. März 2023.

Problemzone Neumarkt

Andere Städte würden Köln um den Neumarkt beneiden: Ein großer, repräsentativer Platz. Mitten in der Stadt. Top Lage. Und auch verkehrstechnisch perfekt angebunden. Und genau hier liegt das  wesentliche Problem: Der Neumarkt ist ein verkehrsumtoster Platz. Bis zu drei Fahrspuren trennen den Platz von den Fußgängerbereichen, der tägliche Stau ist Normalität. Die Aufenthaltsqualität dort ist gleich Null.

Der Neumarkt - eine verkehrsumtoste Insel in der Stadt, Bild: Raimond Spekking
Der Neumarkt – eine verkehrsumtoste Insel in der Stadt, Bild: Raimond Spekking

Gleichzeitig ist der Neumarkt der Hotspot für Kölns Drogenszene. Es wird gedealt, und man muss sich nicht besonders anstrengen, Junkies zu finden, die sich auf offener Straße eine Nadel in die Vene rammen.

Kurzum: Auf dem Neumarkt hält man sich – wenn überhaupt- nur auf, um auf die Bahn zu warten, oder man versucht, sich diesen Platz auf dem Weihnachtsmarkt mit reichlich Glühwein schönzutrinken.

Aufwertung Neumarkt als Teil des Speer-Masterplans

Die Skulptur ist Teil einer Initiative, den Neumarkt aufzuwerten. Und diese Aufwertung ist wiederum Teil des „Masterplan Innenstadt Köln“, auch bekannt als „Speer-Masterplan“, welcher bereits seit 2009 vorliegt.

Aus ein paar Meter Entfernung wirkt die Rodin-Statue etwas verloren zwischen Ampeln, Autos und Leuchtreklame, Bild: Uli Kievernagel
Aus ein paar Meter Entfernung wirkt die Rodin-Statue etwas verloren zwischen Ampeln, Autos und Leuchtreklame, Bild: Uli Kievernagel

Die konkrete Idee im Masterplan zum Neumarkt: Die Nordseite (die Seite, an welcher die Schildergasse einmündet) soll vollständig autofrei werden und zusammen mit der Apostelnstraße eine große Fußgängerzone werden.

Und bis dies irgendwann mal geschieht, kann Balzac dem lauten Treiben und den Staus rund um den Neumarkt zusehen. Und irgendwie war Balzac extrem weitsichtig. Ihm wird dieses Zitat zugeschrieben, welches perfekt seine Sicht auf den Neumarkt und die Aufwertung des Platzes zusammenfasst:

Alle Macht des Menschen besteht
aus einer Mischung von Zeit und Geduld.
Honoré de Balzac (1799-1850)

Die kölsche Übersetzung dazu lautet:
Et kütt wie et kütt.


Sehenswürdigkeiten rund um den Kölner Neumarkt, Bilder: Uli Kievernagel, Raimond Spekking
Sehenswürdigkeiten rund um den Kölner Neumarkt, Bilder: Uli Kievernagel, Raimond Spekking

Rund um den Neumarkt gibt es viel zu erkunden!

Am Neumarkt steht nicht nur die riesige Eistüte von Claes Oldenburg, sondern auch die von Rodin geschaffene Skulptur des französischen Schriftstellers Balzac. Etwas versetzt hinter der Neumarktgalerie, in der Richmodstraße, findet sich der Richmodisturm mit den beiden sagenumwobenen Päädsköpp. Auf der Südseite des Platzes steht ein Gebäude mit bewegter Geschichte: Das Bing-Haus. Und zu Geschäftszeiten lohnt sich ein Abstecher in die benachbarte Schalterhalle der Kreissparkasse – dort gibt es 4711 kostenlos.


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Der Barlach-Engel „Der Schwebende“ ist ein Friedensdenkmal

"Der Schwebende" von Ernst Barlach in der Kölner Antoniterkirche, Bild: Uli Kievernagel
„Der Schwebende“ von Ernst Barlach in der Kölner Antoniterkirche, Bild: Uli Kievernagel

Es ist eine späte Genugtuung: Dort, in der Antoniter-Kirche, wo in den braunen Zeiten Deutschlands am Seitenaltar eine Hakenkreuz-Flagge zu finden war, befindet sich seit 1952 „Der Schwebende“ von Ernst Barlach. Ausgerechnet eine Skulptur Barlachs, dessen Werke von den Nationalsozialisten als „entartet“ bezeichnet wurden, ersetzt das Symbol faschistischer Diktatur. Ein idealer Platz für dieses ganz besondere Friedensmahnmal.

Nationalsozialisten schmelzen Figur ein

Dabei war der Barlach-Engel eigentlich schon verloren. Ernst Barlach (1870 – 1938) erschuf die Figur des Engels als Mahnmal für die im Ersten Weltkrieg Gefallenen. Zur 700-Jahr-Feier des Güstrower Doms im Jahr 1927 wurde die Figur der Öffentlichkeit vorgestellt.

Der Engel selber strahlt eine Ruhe und Gelassenheit aus. Friedlich schwebt er in der Kirche. Barlach selber wollte erreichen, dass der Engel einen Raum der Ruhe entstehen lässt. Die Figur trägt die Gesichtszüge der von Barlach so hoch geschätzten Käthe Kollwitz. Dazu Barlach selbst: „In den Engel ist mir das Gesicht von Käthe Kollwitz hineingekommen, ohne dass ich es mir vorgenommen hatte. Hätte ich sowas gewollt, wäre es mir wahrscheinlich missglückt.“

Der Engel lässt einen Raum der Ruhe entstehen, Bild: Uli Kievernagel
Der Engel lässt einen Raum der Ruhe entstehen, Bild: Uli Kievernagel

Dieses Mahnmal war so anders als die bis zu diesem Zeitpunkt üblichen Kriegsdenkmäler. Keine Glorifizierung, keine heldenhaften Soldaten, sondern ein Denkmal im ursprünglichen Sinne des lateinischen Wortes monumentum („gemahnen“, „erinnern“).

Wenig verwunderlich, dass die Nationalsozialisten mit diesem Ansatz und auch mit der gesamten Kunst Ernst Barlachs nicht viel anfangen konnten. So diffamierten sie auch dieses Werk als „Entartete Kunst“, und der Engel wurde am 23. August 1937 aus dem Güstrower Dom entfernt und später eingeschmolzen. Aus dem Material wurden dann ausgerechnet Rüstungsgüter, z.B. Geschosshülsen, hergestellt.

Heimlicher Zweitguss aus gerettetem Gipsmodell

Allerdings gelang es Freunden von Barlach, das originale Gipsmodell zu retten und davon heimlich im Jahr 1939 einen Zweitguss herzustellen. Dieses Exemplar wurde in der Lüneburger Heide bei dem Maler Hugo Körtinger versteckt. Das originale Gipsmodell wurde 1943 oder 1944 bei einem Bombenangriff in Berlin zerstört.

Dieser Zweitguss wurde nach dem Zweiten Weltkrieg in Köln ausgestellt. Viele Museen waren an dem Erwerb der Skulptur interessiert, doch der Engel sollte seinen Platz wieder in einer Kirche finden. Die Gemeinde der Antoniterkirche hatte nach dem Krieg den damals unglaublichen Betrag von 10.000 Mark gesammelt1Dieser Betrag entsprach 1952 dem Gegenwert von zwei fabrikneuen VW-Käfer. um den Engel kaufen zu können.

Gedenkplatte unter dem Barlach-Engel mit den Zahlen "1914-1918 und 1933-1945", Bild: Uli Kievernagel
Gedenkplatte unter dem Barlach-Engel mit den Zahlen „1914-1918 und 1933-1945“, Bild: Uli Kievernagel

Und so hängt der Schwebende von Ernst Barlach seit 1952 in der Antoniterkirche. Genau dort, wo früher die Hakenkreuzfahne hing. Unter dem Engel befindet sich eine mit den Jahreszahlen „1914 – 1918, 1933 – 1945“ gravierte Platte. Ungewöhnlich, da in der Regel die Kriegsjahre 1939-1945 bei Kriegsdenkmälern genannt werden. Allerdings greift die Inschrift auch die Jahre der nationalsozialistischen Diktatur auf. Die Zeit, in welcher die Kunst von Barlach und vielen weiteren als „entartet“ bezeichnet wurden.

Ernst Barlach, Selbstporträt, 1928
Ernst Barlach, Selbstporträt, 1928

Barlach stirbt 1938 an Herzversagen

Barlach selber hat die Diffamierung seiner Kunst so schwer getroffen, dass auch sein Lebenswillen darunter litt. Im Jahr 1937 sagte er: „Mein Kahn sinkt und sinkt immer rapider. Die Zeit ist gekommen, in der ich ersaufe.“ Ernst Barlach stirbt am 24. Oktober 1938 im Alter von 68 Jahren an Herzversagen.


"Der Schwebende" im Dom zu Güstrow, Bild: Bundesarchiv, Bild 183-J0724-0301-004 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE via Wikimedia Commons
„Der Schwebende“ im Dom zu Güstrow, Bild: Bundesarchiv, Bild 183-J0724-0301-004 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE via Wikimedia Commons

Drittguss der Figur wieder im Güstrower Dom

Der Guss, welcher in Köln hängt, diente bereits 1952 als Vorlage für einen Drittguss der Figur. Die Evangelische Gemeinde Köln finanzierte diesen Guss und schenkte die Skulptur 1953 der Gemeinde in Güstrow. Und so hängt „Der Schwebende“ heute auch wieder im Güstrower Dom.


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Das Imagine-Denkmal im Friedenspark am Rheinufer

Das Imagine-Denkmal im Friedenspark am Rheinufer, Bild: Uli Kievernagel
Das Imagine-Denkmal im Friedenspark am Rheinufer, Bild: Uli Kievernagel

Imagine there’s no countries,
it isn’t hard to do.
Nothing to kill or die for
and no religion, too.

Imagine all the people
living life in peace.
(John Lennon, Imagine)

Vielleicht war Lennons Utopie vom Frieden nie wichtiger als heute. Lennon beschreibt eine Welt ohne Länder und somit nichts, wofür es sich lohnt zu töten oder zu sterben. In New York erinnert daran das „Imagine“-Denkmal im Central Park. Und auch Köln erinnert mit einem eigenen Imagine-Denkmal an den großen Künstler und seine Mahnung, zusammen in Frieden zu leben.

Der Friedenspark ist ein geschichtsträchtiger Ort

Das Kölner Imagine-Denkmal befindet sich im Friedenspark am Rheinufer, fast direkt an der Südbrücke. Etwas bescheidener als das New Yorker Vorbild ist es doch an einem idealen und sehr geschichtsträchtigen Ort platziert. Denn der heutige Friedenspark befindet sich im ehemaligen Fort I des preußischen Verteidigungsrings.

Das Fort I im Friedenspark, Bild: Uli Kievernagel
Das Fort I im Friedenspark, Bild: Uli Kievernagel

Ab 1816 begannen die Preußen mit der massiven Befestigung Kölns. Als das Bauvorhaben 1863 beendet wurde, war Köln die am besten befestigte Stadt Europas. 182 einzelne Bauwerke rund um die Stadt bildeten die „Festung Cöln“.

Und mittendrin das Fort I – der heutige Friedenspark. Dieses Fort, ursprünglich als „Rheinschanze“ bezeichnet und nach dem Umbau zwischen 1882 bis 1891 „Erbgroßherzog Paul von Mecklenburg“ gewidmet, wurde aber bereits 1911 als Festungsbauwerk aufgegeben und zu einer Gartenanlage umgebaut. Zwischendurch (ab 1919) diente das Fort als Mensa für die nahe gelegenen Universität.

Kriegerisch wurde es dort erst wieder im Zweiten Weltkrieg, als auf dem Dach eine Flugabwehrstellung aufgebaut wurde. In der Nachkriegszeit wurde das Fort zwischenzeitlich als Außenstelle des Finanzamts und Lager des städtischen Gartenamts genutzt,  bis 1978 durch eine Elterninitiative der Bauspielplatz  entstand.

Logo des Bauspielplatz Friedenspark. Bild: Jugendzentren Köln gGmbH
Logo des Bauspielplatz Friedenspark. Bild: Jugendzentren Köln gGmbH

Die Stadt bezeichnete die Spielplatznutzung als „Besetzung“ und ließ die hölzernen Aufbauten am Nikolaustag 1978 abbrennen. Heute geht es im Friedenspark friedlicher zu. Seit 1998 ist der Bauspielplatz ein Teil der städtischen Tochtergesellschaft Jugendzentren Köln gGmbh.  

Rekordverdächtig: Realisierung des Imagine-Denkmals in nur einem Jahr

Das Kölner Imagine-Denkmal wurde auf Initiative des ausgesprochenen Lennon-Fans und „kölschen Franzosen“ Maitre Sardou errichtet. Etwas bescheidener als das New Yorker Vorbild ist der Gestaltung des Kölner Denkmals aber ganz ähnlich: Ein Kreis aus grauen Basaltsteine – etwa vier Meter im Durchmesser –  enthält in der Mitte das Wort „Imagine“.

Obwohl für den Imagine-Schriftzug sogar Carrara-Marmor verwendet wurde, kostete das Kölner Denkmal kein Geld. Es wurde im Rahmen ihrer Ausbildung von drei Azubis, Stefan Vonnahme, Dustin Busack und Christian Blum unter Leitung des Gartenbauingenieurs Werner Becker vom Grünflächenamt angelegt. Die verwendeten Materialien waren Reste anderer städtischer Bauvorhaben. Nach nur einem Jahr Vorlaufzeit – für Köln absolut rekordverdächtig – wurde das das Imagine-Denkmal am 9. Oktober 2012 eröffnet.  

Das Imagine-Denkmal in Strawberry Fields , Central Park New York. Bild: Ralph Wilfing. pixabay
Das Imagine-Denkmal in Strawberry Fields, Central Park New York. Bild: Ralph Wilfing. pixabay

Imagine – eine zeitlose Hymne voller Trost und Hoffnung

Lennons Lied handelt von seinem aufrichtigen Glauben an eine friedliche Welt. Der „Rolling Stone“ schreibt: „Aber der Song ist noch mehr, hat eine Bedeutung bekommen, die weit über das Werk Lennons hinausweist – eine zeitlose Hymne voller Trost und Hoffnung, die ihre Hörer durch tiefe Trauer getragen hat […] Man kann sich heute eine Welt ohne „Imagine“ kaum mehr vorstellen.“

Und gerade in diesen finsteren Zeiten, in welchen der russische Despot Putin glaubt, sich über alle Grenzen der Menschlichkeit hinwegsetzen zu können, braucht es eine Welt, die einig ist. Gegen Aggression. Gegen den Krieg. Für den Frieden.

You may say I’m a dreamer,
but I’m not the only one.
I hope someday you’ll join us
and the world will be as one.
(John Lennon, Imagine)


 
Der Hans-Abraham-Ochs-Weg, offizielle Adresse des Bauspielplatzes im Friedenspark, Bild: Uli Kievernagel
Der Hans-Abraham-Ochs-Weg, offizielle Adresse des Bauspielplatzes im Friedenspark, Bild: Uli Kievernagel

Der Hans-Abraham-Ochs-Weg

Hans Abraham Ochs wurde im Alter von nur acht Jahren am 30. September 1936 im Römerpark von Mitgliedern der Hitlerjugend zu Tode geprügelt, nachdem diese sich durch den „Halbjuden“ provoziert gefühlt haben. Diese traten auf den bereits am Boden liegenden Hans Abraham immer weiter ein.

In der offiziellen Untersuchung wurde als Todesursache eine angebliche  Bauchfellentzündung festgestellt. Die Familie Ochs verzichtete – vermutlich aus Angst vor Rache der braunen Machthaber – auf eine Anzeige. In der Todesanzeige stand daher auch nur

„Am 30. September 1936, 19 Uhr, wurde mein liebes Kind, unser lieber Bruder, Neffe und Enkel Hans nach kurzer schwerer Krankheit von uns genommen. In tiefer Trauer Frau Witwe Luise Ochs und Anverwandte. Köln, 1. Oktober 1936, Trajanstraße.“

Die Mörder wurden nie zur Rechenschaft gezogen. Heute erinnert der Hans- Abraham-Ochs-Weg an dieses Verbrechen. 


Der Adler im Friedenspark als Mahnmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs, Bild Uli Kievernagel
Der Adler im Friedenspark als Mahnmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs, Bild Uli Kievernagel

Bläck Fööss: „Ungerm Adler“

Auch die „kölschen Beatles“, die Bläck Fööss, haben dem Friedenspark ein Antikriegslied gewidmet. Der Song „Ungerm Adler“ bezieht sich auf den riesigen, aus eingeschmolzenen Kanonen des Ersten Weltkriegs errichteten Adler im Friedenspark. Dieses Mahnmal erinnert an die im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten.

Die Fööss stellen in dem Lied meisterhaft den Kontrast zwischen dem friedlichen Zusammenleben auf dem Bauspielplatz und im Friedenspark auf der einen Seite und dem „fliegenden Adler“ als Symbol für den Krieg dar. So lautet es in dem Text:

Ungen ahn d’r Südbröck do ess ne Park, nit wigg vum Rhing,
do hührste Kinder laache, do blöhen dausend Ruuse im Sunnesching.
Do treffen sich die Ahle, zum Kaate un zum Schwaade,
un sitzen do die künnen uns verzälle wie et dohmols wor.

Mitten in dem Park do steiht ne Bronzeadler huh ob enem Stein
erinnert an Soldate, die kohmen uss dem Kreech nit mieh Heim.

Doch sulang der Adler steiht op dem Stein, sulang ess et jood.
Denn als he dohmols floch, jo do braat he, nur Elend un Nut.
wenn ich su vüür em stonn, in singem Schatten
dann denk ich an dich un mich und ich han nur dr eine Wunsch
dat d´r Adler nie widder flüüch.
(Bläck Fööss, Ungerm Adler)


Der Bolzplatz am Friedenspark - maßgeblich gefördert durch die Lukas-Podolski-Stiftung. Bild: Uli Kievernagel
Der Bolzplatz am Friedenspark – maßgeblich gefördert durch die Lukas-Podolski-Stiftung. Bild: Uli Kievernagel

Lukas-Podolski-Stiftung fördert Bolzplatz am Friedenspark

Poldi, Lukas Podolski, besitzt eine Wohnung in den Kranhäusern, nicht weit weg vom Friedenspark. Und seine Stiftung hat mit 300.000 Euro zu der 600.000 Euro teuren Sanierung des Bolzplatzes am Friedenspark beigetragen. Übrigens nicht die erste Spende der Stiftung zur Sanierung maroder Sportanlagen in der Stadt.

Auf die Frage, ob Poldi auch mal am Bolzplatz anzutreffen sei, antwortet er im Kölner Stadt-Anzeiger: „Ich wohne hier in der Nähe und bin ein Kind des Bolzplatzes. Ich werde sicher in den nächsten Tagen auch selber mal hier sein und ein bisschen Fußball spielen. Bolzplätze waren schon immer meine Lieblingsplätze.“

Ein Kölner Idol: Lukas Podolski, Bild: Sven Mandel, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Ein Kölner Idol: Lukas Podolski, Bild: Sven Mandel, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Mal sehen, wann der von den Kölnern so geliebte Poldi seine Statue am Rathaus bekommt. Und Ehrenbürger wird. Und Karnevalsprinz. Mindestens.


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Plakat „Nie wieder Krieg“ im Kölner Käthe Kollwitz Museum

Käthe Kollwitz: Nie wieder Krieg, 1924, Bild: Public domain, via Wikimedia Commons
Käthe Kollwitz: Nie wieder Krieg, 1924, Bild: Public domain, via Wikimedia Commons

Die weltweit umfangreichste Sammlung von Werken der Künstlerin Käthe Kollwitz (1867 – 1945) ist im Kölner Käthe Kollwitz Museum zu finden. Direkt am Neumarkt werden Werke der Graphikerin, Zeichnerin und Bildhauerin ausgestellt.

Käthe Kollwitz hat in ihrem eigenem Leben Leid und Trauer durch den Krieg erfahren. Ihr Sohn Peter fiel im Oktober 1914 mit nur 18 Jahren beim Kampf an der belgischen Kanalküste in Westflandern. Zur Erinnerung an ihren Sohn hat sie die Plastik „Trauerndes Elternpaar“ geschaffen. Das Original dieser Plastik steht auf dem Deutschen Soldatenfriedhof Vladslo in Belgien. Eine Kopie, angefertigt von Joseph Beuys und Erwin Heerich, steht in Alt St. Alban in der Innenstadt.

Plastik "Trauerende Eltern", Kopie in Alt St. Alban, Köln. Das Original von Käthe Kollwitz steht auf dem Soldatenfriedhof in Vladslo, Belgien, Bild: Uli Kievernagel
Plastik „Trauerende Eltern“, Kopie in Alt St. Alban, Köln. Das Original von Käthe Kollwitz steht auf dem Soldatenfriedhof in Vladslo, Belgien, Bild: Uli Kievernagel

Zentrale Themen im Werk von Käthe Kollwitz sind auf der einen Seite Krieg, Armut und Tod, auf der anderen Seite aber auch das Ringen um Frieden. Dieses eindringliche Bekenntnis zum Frieden spiegelt sich auch in dem Plakat „Nie wieder Krieg“ wieder.

Plakat „Nie wieder Krieg“

Zum 10. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs finden im Jahr 1924 in Deutschland Massenkundgebungen statt, die vor den Gefahren eines neuen Kriegs warnen. Auch die Sozialistische Arbeiterjugend beteiligt sich mit dem „Mitteldeutschen Jugendtag“ an diesen Veranstaltungen. Als Auftragsarbeit fertigt Käthe Kollwitz das Plakat „Nie wieder Krieg“ an.

Es zeigt einen jungen Menschen, der laut „Nie wieder Krieg“ ausruft. Die rechte Hand ist zum Schwur erhoben, die linke Hand liegt auf seinem Herz. Der junge Mann scheint im Gegenwind zu stehen, die Haare wehen, der Gesichtsausdruck ist angestrengt. Die erhobene rechte Hand beherrscht das ganze Bild und überlagert wie ein Ausrufezeichen die handschriftliche Eintragung. Um die Eindringlichkeit der Forderung „Nie wieder Krieg“ ganz deutlich zu machen, sind die Worte unterstrichen, der Begriff „Krieg“ sogar doppelt.

Ich bin einverstanden damit, daß meine Kunst Zwecke hat.“

Käthe Kollwitz ist stark in der Friedensbewegung der 1920er Jahre engagiert. So notiert sie am 21. Oktober 1922 in ihrem Tagebuch:

„Wenn ich mich mitarbeiten weiß in einer internationalen Gemeinschaft gegen den Krieg, habe ich ein warmes, durchströmtes und befriedigtes Gefühl. … Ich bin einverstanden damit, daß meine Kunst Zwecke hat.“

Käthe Kollwitz (1906), Bild: Philipp Kester, Public domain, via Wikimedia Commons
Käthe Kollwitz (1906), Bild: Philipp Kester, Public domain, via Wikimedia Commons

Kollwitz wendet sich damit ausdrücklich gegen die Position „L’art pour l’art“ (sinngemäß „die Kunst um der Kunst willen“). Nach dieser Auffassung soll die Kunst sich selbst genügen und keinen eigenen Zweck verfolgen. Dies ist der Künstlerin Kollwitz zu wenig, sie will ausdrücklich eine nachhaltige Wirkung erzielen. Zum Plakat „Nie wieder Krieg“ schreibt sie im Dezember 1922 in einem Brief:

„Vom internationalen Gewerkschaftsbund habe ich den Auftrag bekommen, ein Plakat gegen den Krieg zu arbeiten. Das ist eine Aufgabe, die mich freut. Mag man tausendmal sagen, daß das nicht reine Kunst ist, die einen Zweck in sich schließt. Ich will mit meiner Kunst, solange ich arbeiten kann, wirken.“

Diese eindringliche Wirkung des Plakats hat die Zeit überdauert. Auch die Friedensbewegung der 1970er Jahre bis heute nutzt dieses Plakat, um für den Frieden zu werben.

Somit lag Käthe Kollwitz in ihrer Einschätzung, dass ihre „Kunst Zwecke hat.“ eindeutig richtig.


Das Käthe Kollwitz Museum am Neumarkt in Köln
Das Käthe Kollwitz Museum am Neumarkt in Köln

Das Kölner Käthe Kollwitz Museum bietet aktuell eine hochaufgelöste Version des Plakats für private, nicht kommerzielle Zwecke, kostenlos zum Download an.


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Das Kölner Schokoladenmuseum – eine Liebeserklärung an die Schokolade

Hans Imhoffs Vermächtnis: Das Schokoladenmuseum, Bild: Raimond Spekking
Hans Imhoffs Vermächtnis: Das Schokoladenmuseum, Bild: Raimond Spekking

Im Kölner Schokoladenmuseum steht der weltberühmte Schokoladenbrunnen. Eine kleine Rechnung: Wenn jeder Besucher des Schokoladenmuseums nur 5 Gramm aus dem Brunnen nascht, macht das drei Tonnen Schokolade pro Jahr. Aus einem Brunnen.

Auch hier hatte der Kölner Unternehmer Hans Imhoff wieder den richtigen Riecher. Bei der Konzeption des Museums sah er ausdrücklich diesen Brunnen mit Schokolade vor. Dem Mann mit dem „Herz aus Schokolade“ war klar, dass nur durch eine solch sinnliche Erfahrung das Erlebnis eines Besuchs im Schokoladenmuseums abgerundet wird.

Und damit hatte er Recht. Das Schokoladenmuseum ist eine Institution in Köln. Mit etwa 600.000 Besuchern pro Jahr ist dieses Museum unangefochtener Spitzenreiter bei den Kölner Museen. Auf den weiteren Plätzen landen das Museum Ludwig (216.000 Besucher), das Wallraf-Richartz-Museum (178.000 Besucher), das Museum für Angewandte Kunst und das Kölnische Stadtmuseum (jeweils etwa 80.000 Besucher). Allein dieser Erfolg würde Hans Imhoff vor Stolz platzen lassen – hatte er damit doch auch seinen Rivalen Peter Ludwig aus Aachen, der ebenfalls seine Millionen mit Schokolade verdient hatte, ausgestochen.

Imhoff vor seinem wahr gewordenen Traum: Der Schokoladenbrunnen in seinem Schokoladenmuseum, Bild: Schokoladenmuseum Köln
Imhoff vor seinem wahr gewordenen Traum: Der Schokoladenbrunnen in seinem Schokoladenmuseum, Bild: Schokoladenmuseum Köln

Stollwerck-Fundus ist Grundstock für Museum

Für die Schokoladen-Millionäre in Deutschland gehören Museen zum guten Ton: Die Kunstsammlungen von Peter Ludwig sind neben dem Kölner Museum Ludwig in achtzehn weiteren Museen in fünf Ländern zu finden. Die Familie Sprengel überließ der Stadt Hannover ihre Kunstsammlung, die heute im Sprengel Museum zu finden ist. Doch Kunst war nicht das Metier von Hans Imhoff. Ihm schwebte ein Denkmal in Form eines Museums für Schokolade vor. Oder – um es mit seinen eigenen Worten zu sagen „Köln braucht ein Schokoladenmuseum“.

Wie gut, dass dem Unternehmer Imhoff beim Umzug der Stollwerck-Produktion von der Kölner Südstadt in die modernen Produktionsstätten nach Westhoven zahlreiche „Schätzchen“ auffielen. Darunter waren alte Plakate, Fotos, Maschinen, Akten oder Verkaufsautomaten, die entsorgt werden sollten. Imhoff erkannte sofort den Wert dieses Schatzes und sorgte dafür, dass diese zunächst eingelagert und später aufgearbeitet wurden. Somit gab es bereits einen Grundstock für ein Museum.

Exponate aus der Stollwerck-Geschichte im Schokoladenmuseum, Bild: Palickap, CC BY-SA 4.0
Exponate aus der Stollwerck-Geschichte im Schokoladenmuseum, Bild: Palickap, CC BY-SA 4.0

Ausstellung „Kulturgeschichte der Schokolade“ als Generalprobe im Gürzenich

Doch es gab große Skepsis: Kann ein Museum zur Schokolade interessant sein? Imhoff wagte ein Experiment: Zum 150jährigen Stollwerck-Firmenjubiläum wurde im Kölner Gürzenich vom 8. Juli bis 20. August 1989 die große Ausstellung „Kulturgeschichte der Schokolade“ gezeigt. Mit Informationen zur Herkunft des Kakaos, einer kleinen Schokoladenfabrik, welche die Produktion praktisch vorführte und den Exponaten, die eigentlich für den Müll bestimmt waren. Herzstück der Ausstellung: Ein erster Schokoladenbrunnen, den die Techniker des Unternehmens auf Anordnung des Firmenchefs eigens entwickeln mussten.

Imhoffs Wette mit sich selbst: Sollten zu der Ausstellung mehr als 60.000 Besucher kommen, will er anschließend sein Schokoladenmuseum realisieren. Tatsächlich kamen mehr als 320.00 Besucher. Ein unglaublicher Erfolg. Und somit der Beweis für Imhoff, sein Lebenswerk mit einem Schokoladenmuseum zu krönen.

Mehr als 50 Millionen Mark aus Privatvermögen

Dem Unternehmer Imhoff war klar, dass er hier nicht halbherzig agieren konnte: „Was braucht Köln? Köln braucht ein Schokoladenmuseum. Köln braucht das DAS Schokoladenmuseum. Einzigartig in der Welt. Es kann uns keiner vormachen, es kann uns keiner nachmachen, es kann noch nicht mal jemand kritisieren. Es ist einmalig. Es wird so schön, dass Ihnen das Herz höherschlägt.“, so der Unternehmer in einem Interview des WDR-Fernsehens.

Imhoff stellte mehr als 50 Millionen Mark aus seinem Privatvermögen zur Verfügung. Doch wo sollte das Museum seinen Platz finden? Mit der Aufgabe der Standortsuche betraute er seine Frau Gerburg Klara Imhoff. Die Stadt offerierte den Imhoffs eine alte, baufällige Halle mitten im Rheinauhafen – zu einer Zeit, als der Rheinauhafen noch nicht das edle Gelände voller schicker Wohnungen, der Kranhäuser und nobler Restaurants war. Das Unternehmerpaar lehnte ab und sichtete weiter – ein repräsentatives, großes Grundstück näher an der Innenstadt.

Schließlich kaufte Imhoff am 23. Januar 1992 das alte preußische Zollamtsgebäude am Rhein inklusive Malakoffturm und Drehbrücke. Und schnell rückten die Baukräne an. Schon am 31. Oktober 1993, wurde das Museum feierlich eröffnet. Hans Imhoff hatte sein Ziel erreicht: Er verewigte sich selbst in der Geschichte Kölns.

Partner des Schokoladenmuseums ist der Schweizer Schokoladenhersteller Lindt & Sprüngli. Bild: Schokoladenmuseum Köln GmbH
Partner des Schokoladenmuseums ist der Schweizer Schokoladenhersteller Lindt & Sprüngli. Bild: Schokoladenmuseum Köln GmbH

Immer noch zentral: Der Schokoladenbrunnen

Heute bietet das Museum einen Rundgang durch 5.000 Jahre Kulturgeschichte der Schokolade. Inklusive einem Tropenhaus mit Kakaobäumen, den von Imhoff geretteten Plakaten, alten Maschinen und Stollwerck-Archivalien und einer gläsernen Schokoladenfabrik, in der tatsächlich produziert wird.

Das Tropenhaus im Kölner Schokoladenmuseum mit echten Kakaopflanzen, Bild: Schokoladenmuseum Köln GmbH
Das Tropenhaus im Kölner Schokoladenmuseum mit echten Kakaopflanzen, Bild: Schokoladenmuseum Köln GmbH

Im April 2002 verkaufte Imhoff den gesamten Stollweck-Konzern für 175 Millionen Euro an den Schweizer Schokoladenkonzern Barry Callebaut AG. In Köln wurde noch bis in das Jahr 2005 Schokolade produziert – dann endet die Ära der Stollwerck-Schokolade in Köln. Das Schokoladenmuseum kooperiert heute mit Lindt & Sprüngli aus der Schweiz und wird von Annette Imhoff, einer Tochter von Hans Imhoff, und ihrem Ehemann Dr. Christian Unterberg-Imhoff geleitet.

Der Schokoladenbrunnen im Kölner Schokoladenmuseum, Bild: I, Noebse, CC BY-SA 2.5
Der Schokoladenbrunnen im Kölner Schokoladenmuseum, Bild: I, Noebse, CC BY-SA 2.5

Und immer noch ist der riesige Schokoladenbrunnen das zentrale Erlebnis eines Besuchs im Schokoladenmuseums. Ein Anblick, an dem man sich kaum sattsehen kann. Folgt man dem Imhoff-Biographen Hans-Josef Joest, verkörpert dieser Brunnen das, was Imhoff einst in diese Branche gebracht hat: Der Heißhunger auf Schokolade. „Ohne einen solchen Genussmoment wie dieser Schokoladenbrunnen wäre für ihn nie ein Museum denkbar gewesen.“


Madeleine Albright, Außenministerin der USA von 1997 bis 2001, Bild: United States Department of State
Madeleine Albright, Außenministerin der USA von 1997 bis 2001, Bild: United States Department of State

Im Schokoladenmuseum wird geheiratet und  wurde Geschichte geschrieben

Das Schokoladenmuseum bietet mit der Bel Etage auch einen Raum für Feiern an. Und als Außenstelle des Standesamts sind hier auch Hochzeiten möglich. Domblick inklusive.

Hier wurde auch Geschichte geschrieben: Als 1999 der G8-Gipfel in Köln stattfindet, nutzt die amerikanische Außenministerin Madeleine Albright das Büro der Museumsdirektorin. Und so kommt im Schokoladenmuseum zuerst die Nachricht an, dass es Frieden im Kosovo-Krieg gibt.


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