59 Sekunden Bewegung – sieben Minuten Pause: „Licht und Bewegung“ von Otto Piene

Installation "Licht und Bewegung" von Otto Piene. Leider seit vielen Jahren ohne Licht und Bewegung, Bild: Raimond Spekking
Installation „Licht und Bewegung“ von Otto Piene. Leider seit vielen Jahren ohne Licht und Bewegung, Bild: Raimond Spekking

59 Sekunden Bewegung – sieben Minuten Pause –
59 Sekunden Bewegung – sieben Minuten Pause –
59 Sekunden Bewegung – …

In genau diesem Takt rotierten einst die Kugeln des Kunstwerks „Licht und Bewegung“ auf der Hohe Straße. Doch am ehemaligen Wormland-Haus dreht sich schon lange nichts mehr. Weder „Licht“ noch „Bewegung“ sind zu erkennen. Wenn überhaupt einer der Passanten mal den Blick nicht auf die austauschbaren Auslagen in den Allerwelts-Schaufenster der Kölner Einkaufsmeile wirft sondern nach oben schaut, dann denkt man nur: „Huch – sind hier Außerirdische gelandet?“

Stiftung von Modeunternehmer Theo Wormland

Dabei steht man vor einem der wichtigsten Kunstwerke in der Kölner Innenstadt. 1966 hat der Künstler Otto Piene (* 18. April 1928, † 17. Juli 2014) diese Plastik geschaffen. Piene gilt als ein Wegbereiter der Lichtkunst und hatte damals im Auftrag des Modeunternehmers und Kunstsammler Theo Wormland „Licht und Bewegung“ an der Kölner Filiale der Modekette Wormland installiert.

Piene verkleidete das Modegeschäft mit einzelnen Platten aus Edelstahl. Dabei sind die diese Platten so beschaffen, dass sie das einfallende Licht stark reflektieren. Zusätzlich brachte Piene verschiedene runde Elemente an. Mit ein wenig Phantasie erinnert diese Installation an das Sonnensystem.

Dieses Kunstwerk ist noch heute, obwohl stark verschmutzt, beindruckend. Aber wie beindruckend muss es gewesen sein, als sich die einzelnen Elemente noch bewegt haben und auch selber gestrahlt haben? „Die Kugeln rotierten erstaunlich schnell“, so die ehemalige Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner in einem Bericht des Kölner Stadtanzeigers im Juli 2015. „Das Ganze erinnert an ein Feuerrad, das um seine eigene Achse jagt“, so Schock-Werner. Tagsüber strahlte das ganze Haus und spiegelte die Sonne, nachts fiel das Licht direkt aus den sich drehenden Kugeln.

Detailansicht "Licht und Bewegung" von Otto Piene, Bild: Uli Kievernagel
Detailansicht „Licht und Bewegung“ von Otto Piene, Bild: Uli Kievernagel

Viele Dinge dauern in Kölle immer länger

Doch bis es soweit ist, dass wir diesen dynamischen Effekt von „Licht und Bewegung“ wieder bestaunen dürfen, wird es wohl noch länger dauern. Obwohl Barbara Schock-Werner bereits 2015 das Heft in die Hand genommen und versprochen hat, aufs Tempo zu drücken, ist wenig passiert. Dabei sollte es nur an einem defekten Steuerungselement für die Bewegung liegen. Das ist allerdings auch bereits wieder fünf Jahre her. Wir sind halt in Kölle! Da dauern Dinge, die nichts mit Karneval oder dem EffZeh zu tun haben, schon mal etwas länger.

Tatsächlich erschwerte aber auch ein Eigentümerwechsel die Aktivitäten. Die Wormland-Stiftung verkaufte zwischenzeitlich die Immobilie und der neue Besitzer des denkmalgeschützten Hauses erwarb selbstverständlich auch gleichzeitig die Plastik. Seitdem stehen die Reparaturarbeiten still.

"Licht und Bewegung" von Otto Piene, Bild: Uli Kievernagel
„Licht und Bewegung“ von Otto Piene, Bild: Uli Kievernagel

Neuer Anlauf – doch das Geld fehlt

Doch noch müssen wir die Hoffnung nicht aufgeben. Das Architekturbüro Pannhausen + Lindener ist mit dem mit dem Ausbau des Ladenlokals beauftragt worden. Die Architektin Claudia Pannhausen will auch in einem Zug das Kunstwerk sanieren. Geplant ist die Instandsetzung der Motoren und eine Umstellung auf moderne LED-Technik. Das Problem: Es fehlt an Geld. Daher sollen Spenden der Kölner wieder „Licht und Bewegung“ in das Kunstwerk bringen. Außerdem wird ein Sachspender für den Strom gesucht. An dieser Stelle ein freundlicher Gruß an die RheinEnergie: Habt ihr das gelesen?


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Der „Ruhende Verkehr“

Der "Ruhende Verkehr" von Wolf Vostell auf dem Hohenzollernring, Bild: VollwertBIT / CC BY-SA
Der „Ruhende Verkehr“ von Wolf Vostell auf dem Hohenzollernring, Bild: VollwertBIT / CC BY-SA

„Autogerechte Städte“ waren Anfang der 1960er Jahre das Maß aller Dinge. Die Stadtarchitektur vieler deutschen Städte war vollständig an den Interessen des motorisierten Individualverkehrs orientiert. Ein wesentlicher Wegbereiter dieser Idee war der Architekt Hans Bernhard Reichow, der 1959 das Buch „Die autogerechte Stadt – Ein Weg aus dem Verkehrs-Chaos“ veröffentlicht hat.

Man kann also sagen, dass Reichow auch ein Teil der Verantwortung dafür trägt, dass die Stadtplanung unserer Stadt maßgeblich an den Bedürfnissen der Autofahrer ausgerichtet ist. Ein berüchtigtes Beispiel dafür ist der Bau der Nord-Süd-Fahrt, welche nach zehnjähriger Bauzeit 1974 fertiggestellt wurde.

Der ruhende Verkehr nervt

In Köln sind etwa 550.000 Kraftfahrzeuge zugelassen, darunter etwa 476.000 PKWs 1zusätzlich 33.000 LKWs und 38.000 Motorräder, Quelle: Stadt Köln. Und diese vielen Autos müssen auch irgendwo abgestellt werden. In der Fachsprache ist das der „ruhende Verkehr“. Und dieser ruhende Verkehr nervt:

  • Alles ist zugeparkt, Gehwege werden zu Schneisen zwischen den Autos, Fahrradfahrer zu Slalom-Fahrern.
  • Die Feuerwehr hat regelmäßig Probleme, an im Parkverbot geparkten Autos vorbeizukommen.
  • Und wenn man selber Teil des ruhenden Verkehrs werden will, dreht man ewig lang seine Runden um den Block bei der Suche nach einem Parkplatz.

Alles nicht neu! Den Ärger um den „ruhenden Verkehr“ gibt es bereits seit Ewigkeiten.

Ein einbetonierter Opel Kapitän

Den kreativsten Umgang damit zeigte der Künstler Wolf Vostell (* 14. Oktober 1932, † 3. April 1998). Vostell war Maler, Bildhauer und Happeningkünstler. Ein wesentliches Merkmal seiner Werke war das Einbetonieren. Und so staunten die Kölner nicht schlecht, als Vostell am 4. Oktober 1969 mit seinem Opel Kapitän auf der Domstraße vorfuhr und das Auto mit laufendem Motor und angeschaltetem Radio einbetonierte.

Einen solchen Opel Kapitän (Modell P 2,6 / Baujahr 1960) betonierte Vostell ein, Bild: Guido Radig / CC BY
Einen solchen Opel Kapitän (Modell P 2,6 / Baujahr 1960) betonierte Vostell ein, Bild: Guido Radig / CC BY

Ein großer Betonmischer kippte tonnenweise Frischbeton in die vorbereite Verschalung über das Auto. Ein Dokumentarfilm zeigt diese Aktion und auch die Aufregung der Passanten. Ein Mann, mit hörbar kölschen Einschlag in der Stimme, meint in dem Film dazu: „Ich würde sagen, grober Unfug ist noch zu glimpflich ausgedrückt. Stell dir vor, dass würde jeder machen, der ein paar Mark in der Tasche hat … wie es in einem Jahr in Köln aussähe.“ Vostell hatte sein Ziel erreicht: Der „Ruhende Verkehr“, so der Name des Kunstwerks, war mit einem Schlag mitten in der Diskussion.

Doch der Künstler hatte die Rechnung ohne die Stadt Köln gemacht. Die zweckentfremdete Nutzung von Parkraum wurde von Ordnungsamt geahndet und das tonnenschwere Kunstwerk nach etwa drei Wochen in der Domstraße auf den Neumarkt verfrachtet. Dort sollte ein (nie realisierter) Skulpturenpark aufgebaut werden. Doch die Reise des einbetonierten Autos war noch lange nicht vorbei. Der Betonklotz, der rudimentär die ursprünglichen Form des einbetonierten Autos zeigt, wurde in Paris und in Berlin ausgestellt.

Mittelstreifen statt regulärer Parkplatz

Mittlerweile steht der „Ruhende Verkehr“ auf dem Mittelstreifen des Hohenzollernrings. Ein äußerst schlechter Platz, denn Vostell wollte ausdrücklich einen Parkplatz besetzen. „Das eingefrorene Auto“, so Vostell, „mitten zwischen anderen, noch verkehrstüchtigen Autos.“. Doch jetzt umflutet der Verkehr den Betonklotz.

Fahrradstadt Köln?

Ausgerechnet auf den Ringen, auch direkt an der Skulptur, soll jetzt der Autoverkehr zurückgedrängt werden: Eine der beiden Fahrspuren wurde zum Radweg umfunktioniert. Köln auf dem Weg von der Auto- zur Fahrradstadt? Mal abwarten …


Vostell Plastik "Concrete Traffic" in einem Parkhaus der Universität Chicago, Bild: University of Chicago
Vostell Plastik „Concrete Traffic“ in einem Parkhaus der Universität Chicago, Bild: University of Chicago

Besser platziert ist die Vostell-Plastik „Concrete Traffic“ auf dem Campus der University of Chicago. Ein einbetonierter Cadillac steht dort seit 2016 auf einer regulären Parkfläche in einem öffentlichen Parkhaus.


Hommage "Ruhender Verkehr" (Wolf Vostell), eine einbetonierte Mercedes A-Klasse von Cornel Wachter, Bild: Leonce49 / CC BY-SA 2.0
Hommage „Ruhender Verkehr“ (Wolf Vostell), eine einbetonierte Mercedes A-Klasse von Cornel Wachter, Bild: Leonce49 / CC BY-SA 2.0

Der Kölner Künstler Cornel Wachter betonierte – als Hommage an Vostell – 2007 seine Mercedes A-Klasse ein. Dieses Werk steht heute vor dem Rheinischen Landesmuseum in Bonn.


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Der Drüje Pitter und seine „Wanderung“ rund um den Dom

Der "Drüje Pitter" macht auf diesem Bild hier seinem Namen alle Ehre: Mit "drüsch" oder "drüg" meint der Kölsche "trocken", Bild: Uli Kievernagel
Der „Drüje Pitter“ macht auf diesem Bild seinem Namen alle Ehre: Mit „drüsch“ oder „drüg“ meint der Kölsche „trocken“, Bild: Uli Kievernagel

VORSICHT: Bitte nicht verwechseln:
Der „Drüje Pitter“ ist ein Brunnen, der „Decke Pitter“ ist die Petrusglocke und das „Pittermännchen“ ist ein 10-Liter-Fass


Die „Papstterrasse“ war bis 2010 einer der beliebtesten Pinkelplätze der Stadt. Dort, direkt am Dom, nur geschützt durch ein paar Bäume, ließen viele Männer die Hosen runter. Die ehemalige Dombaumeistern Barbara Schock-Werner berichtete im Stadt-Anzeiger1in der Ausgabe vom 18./19. April 2020 davon, dass bei Messungen bis zu acht Liter Urin pro Tag (!) zusammengekommen wären. Und das an unserem staatsen Dom. Geht gar nicht.

Es musste also dringend Abhilfe her. Gut, dass im Magazin der Dombauhütte noch der „Drüje Pitter“ lagerte: Der von den Kölschen als „Trockene Peter“ bezeichnete Petrusbrunnen, hatte in den letzten 150 Jahren schon an fast jeder Ecke des Doms einmal gestanden. Schock-Werner entschied daher, diesen Brunnen dort, an der Papstterrasse, wieder aufzubauen und so diese Schmuddelecke aufzuwerten.

Der Namensgeber Petrus auf der Spitze des Brunnens, Bild: Uli Kievernagel
Der Namensgeber Petrus auf der Spitze des Brunnens, Bild: Uli Kievernagel
Ne drüje Brunnen, der nur selten und dann wenig Wasser führt

Der erste Platz des Petrusbrunnen war hinter dem Chor, Richtung Rhein. Die Stadt wünschte sich für die damals aufwändige Treppenanlage dort einen sprudelnden Brunnen. Wie auch heute noch war die Stadt aber mal wieder klamm – es war schlichtweg kein Geld für einen Brunnen aufzutreiben. Doch dann kam die preußische Königin und spätere Kaiserin Augusta als Stifterin ins Spiel. Mit ihrem Geld konnte im Jahr 1870 der ursprünglich bescheiden geplante Brunnen pompöser und viel größer gebaut werden. So, wie es einer königlichen Schenkung würdig ist. Seltsam war nur, dass der Brunnen zunächst keine Wasserzuleitung hatte. Auch später, nach dem Anschluss an eine Zisterne, sprudelte der Brunnen nur sehr selten. Für den Kölner war der Brunnen daher nur „Drüje Pitter“.2Mit „drüg“ oder „drüsch“ meint der Kölner „trocken“

Stifterin des Petrusbrunnens: Die Kaiserin und Königin von Preußen Augusta, Bild: Franz Xaver Winterhalter
Stifterin des Petrusbrunnens: Die Kaiserin und Königin von Preußen Augusta, Bild: Franz Xaver Winterhalter

Mit dem Bau der Domplatte Ende der 1960er Jahre war an dieser Stelle kein Platz mehr für den Brunnen, und er wurde an die Nordseite, Richtung Bahnhof, versetzt. Und weil wir in Kölle sind, wurde auch diesmal nicht daran gedacht, dass ein Brunnen viel Wasser braucht. Mit der auch an seinem neuen Standort eher notdürftigen Wasserversorgung machte der „Drüje Pitte“ seinem Namen alle Ehre.

Spätestens 1999 war klar, dass der Brunnen saniert werden musste. Daher wurde er von der Dombauhütte abgebaut und eingelagert. Gleichzeitig sollte auch ein neuer Standort gefunden werden – mit einem vernünftigen Wasseranschluss.

Als Referenz an die königliche Stifterin tragen Löwen die Wasserschale des Brunnens, Bild: Uli Kievernagel
Als Referenz an die königliche Stifterin tragen Löwen die Wasserschale des Brunnens, Bild: Uli Kievernagel
Klassisches Eigentor der Stadtverwaltung

Kaum war der Brunnen ordnungsgemäß abgebaut, flatterte der Dombauhütte ein böses Schreiben der Stadtverwaltung ins Haus. Der Dom, so ein übereifriger städtischer Beamter, wolle sich an städtischem Eigentum vergreifen. Es handele sich schließlich um eine Schenkung der Kaiserin Augusta an die Stadt.

Die Mitarbeiter der Dombauhütte konnten sich vor Lachen kaum halten: War doch somit klar, wer auch die Sanierung des Brunnens bezahlen muss: Die Stadt Köln. Ohne die Bezichtigung des „Diebstahls“ hätte die Dombauhütte die Kosten getragen.

Der damalige Oberbürgermeister Burger hat vor Wut über seine Verwaltung geschäumt. Und er musste einräumen, dass der Stadt die finanziellen Mittel für eine Sanierung des Brunnens fehlten. Gut, dass mal wieder die Bürger der Stadt eingesprungen sind. Die „Bürgergesellschaft Köln von 1863“ ging kötten und konnte immerhin gut 100.000 Euro für die Sanierung auftreiben. Somit musste die Stadt nur noch die fehlenden 50.000 Euro bezahlen.

Plakette zur Erinnerung an die Spender im Jahr 2010, Bild: Uli Kievernagel
Plakette zur Erinnerung an die Spender im Jahr 2010, Bild: Uli Kievernagel

Der neue Platz des Brunnens ist nun die ehemals verwahrloste Papstterrasse. Und er macht sich gut hier, unser „Drüje Pitter“. Weil der Grundbesitz des Doms exakt mit dem Fundament endet, steht der Petrusbrunnen jetzt korrekt auf städtischen Grund. So kann sich kein Beamter mehr aufregen, dass der Dom einen „Brunnendiebstahl“ begehen würde.

Hoffentlich hält der „Drüje Pitter“ diesen Platz noch lange trocken und vertreibt nachhaltig die Wildpinkler von unserem staatsen Dom.


Ein anderer „Pitter“ hängt exakt 53 Meter über dem „Drüje Pitter“: Der „Decke Pitter“, die mit 24 Tonnen schwerste Glocke des Doms schlägt nur an bestimmten Festtagen. Der Lieblings-Pitter der Kölsche ist aber eher das handliche Pittermännchen.  


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Funkhaus der Deutschen Welle: Asbestverseuchtes Relikt des Kalten Kriegs

Das schmalste Hochhaus Kölns, Bild: Uli Kievernagel
Das schmalste Hochhaus Kölns, Bild: Uli Kievernagel

Preisfrage: Wo steht Kölns schmalstes Hochhaus?
Antwort: Im Kölner Süden, am Raderberggürtel.

Es sieht tatsächlich etwas seltsam aus: Ein Hochhaus mit knapp 140 Meter Höhe aber nur 12 x 15 Meter Grundfläche – wie ein riesiger, in den Boden gerammter Bleistift. Unwillkürlich fragt man sich: Was ist das?

Bei diesem Bleistift handelt es sich um den Aufzugsturm des ehemals aus drei Bauteilen bestehenden Gebäudes der Deutschen Welle. Ein imposanter Komplex, prägend für die Skyline des Kölner Südens. Tatsächlich handelt es sich nach dem Kölnturm im Mediapark und dem Colonia-Haus um das dritthöchste Hochhaus in Köln. Das allerdings nur noch für kurze Zeit – der Abbruch ist in vollem Gange. Spätestens im Jahr 2021 wird das Gebäude verschwunden sein und das Uni-Center auf Platz drei der Kölner Hochhäuser vorrücken.

Das Gebäude entsteht im Kalten Krieg

Die Deutsche Welle ist der Auslandsrundfunk Deutschlands. Die Aufgabe des Senders ist sogar im „Deutsche-Welle-Gesetz“ festgeschrieben. Im § 4 lautet es: „Die Angebote der Deutschen Welle sollen Deutschland als europäisch gewachsene Kulturnation und freiheitlich verfassten demokratischen Rechtsstaat verständlich machen. Sie sollen deutschen und anderen Sichtweisen zu wesentlichen Themen vor allem der Politik, Kultur und Wirtschaft … ein Forum geben mit dem Ziel, das Verständnis und den Austausch der Kulturen und Völker zu fördern. … “.

Mitten im Kalten Krieg begannen 1974 die Bauarbeiten für das Funkhaus am Raderberggürtel. Das Gebäude war so konzipiert, dass selbst nach einem Atombombenangriff der Sendebetrieb weitergehen sollte. Dafür wurden eigens Bunker unter dem Gebäude angelegt und riesige Notstromaggregate hätten den für den Sendebetrieb notwendigen Strom geliefert. Fraglich ist allerdings, ob bei einem tatsächlichen Angriff noch viel vom Kölner Süden übriggeblieben wäre: Immerhin befindet sich in fast unmittelbarer Nachbarschaft die Zentrale des Militärischen Abschirmdiensts, dem mit Sicherheit mindestens ein eigener Kernsprengkopf gewidmet war.

Im Jahr 1980 wurde das riesige Gebäude bezogen. Dabei diente der blau-türkis verkleidete Teil des Gebäudes als Büroturm und der rote Teil als Studioturm. In der Mitte befand sich der 138 Meter hohe, schwarz verkleidete Aufzugsturm, der heute noch als „Bleistift“ zu sehen ist. Mehr als 1.100 Mitarbeiter produzierten hier zunächst Radio, ab 1992 auch TV-Sendungen. Und das in immerhin 30 Sprachen, darunter auch  Kisuaheli und Haussa.

Das Funkhaus der Deutschen Welle. Links der rote Studioturm, rechts der blau-türkise Büroturm und in der Mitte der Aufzugsturm. Bild: Riadismat
Das Funkhaus der Deutschen Welle. Links der rote Studioturm, rechts der blau-türkise Büroturm und in der Mitte der Aufzugsturm. Bild: Riadismat

Asbest-Belastung verursacht Probleme

Problematisch war die Asbest-Belastung. In dem Gebäude wurden nach Expertenschätzungen mehr als 500 Tonnen Asbest verbaut: Als Spritzasbest um die Stahlträger, im Putz, auf den Platten der Außenfassade, den Feuerschutztüren und vielen weiteren Bauteilen. Im Jahr 2003 zog die Deutsche Welle daher aus dem Gebäude aus. Neue Zentrale wurde der ursprünglich für Abgeordnetenbüros geplante Schürmannbau im Bonner Regierungsviertel.

Das Gebäude am Raderberggürtel fiel daraufhin für fast 15 Jahre in einen Dornröschenschlaf. Alle Ideen einer neuen Nutzung, wie zum Beispiel Büros oder Studentenwohnungen, scheiterten an den baulichen Voraussetzungen und an der Asbest-Belastung. Das war auch der Grund, weshalb Investoren sich scheuten, in dieser sehr attraktiven Lage neu zu bauen.

Im Rahmen eines Architektenwettbewerbs wurde 2015 die städtebauliche Planung für ein Konsortium, bestehend aus DIE WOHNKOMPANIE NRW GmbH und Bauwens Development GmbH & Co. KG, entwickelt und festgelegt.

Der Beginn des Rückbaus. Im Einsatz: Einer der größten mobilen Kräne Europas, Bild: Hans Jörg Michell, www.lindenthal.blog
Der Beginn des Rückbaus. Im Einsatz: Einer der größten mobilen Kräne Europas, Bild: Hans Jörg Michell, www.lindenthal.blog

Rückbau statt Sprengung

Bevor gebaut werden kann, muss erst das alte Gebäude abgerissen werden. Ursprünglich war eine Sprengung aller drei Gebäudeteile geplant. Das wäre ein Weltrekord geworden: Noch nie wurde ein so hohes Gebäude gezielt gesprengt. Dies rief allerdings den benachbarten Deutschlandfunk auf den Plan: Eine Sprengung der durch eine gemeinsame Bodenplatte verbundenen Gebäude würden den Sendebetrieb gefährden. Auch die Nachbarschaft befürchtete, dass bei der Entkernung nicht gefundene Asbestfasern sich über den gesamten Kölner Süden verbreiten würden.

Die Gegner der Sprengung setzten sich schließlich durch und so wird das Gebäude seit November 2019 konventionell von „oben nach unten“ abgerissen. Dazu werden die größten mobilen Kräne Europas eingesetzt. Die Zahlen sind so eindrucksvoll wie das Gebäude selbst: 360.000 Kubikmeter umbauter Raum mit etwa 18.000 Tonnen Stahl und etwa 140.000 Tonnen Beton werden zurückgebaut. Die Kosten für Rückbau und Entsorgung des asbestbelasteten Materials werden auf mehr als 14 Mio. Euro geschätzt. Immerhin: Große Teile des Abbruchmaterials, selbstverständlich asbestfrei, werden vor Ort aufbereitet und für die Verfüllung der Baugruben verwendet. Das spart, so die beauftragte Entsorgungsfirma, mehr als 10.000 LKW-Betriebsstunden.

Zukünftige Wohnbebauung auf dem Welle-Areal, Bild: Bauwens

Zukünftige Wohnbebauung auf dem Welle-Areal, Bild: Bauwens

Hohe Verdichtung

Wegen der hohen Kosten hat die Stadt auch das kooperative Baulandmodell für dieses Areal ausgesetzt. Dieses Modell sieht bei solchen Bauprojekten einen Anteil von 30 Prozent Sozialwohnungen vor. Diese Quote wird nicht erfüllt werden. Gleichzeitig wird auf dem Gelände mit bis zu 700 Wohnungen auf etwa 55.000 Quadratmetern eine extreme Verdichtung des Wohnraums stattfinden. Franz-Josef Höing, von 2012 bis 2017 Kölner Baudezernent konstatierte daher auch: „Die hohe Dichte, die dort erforderlich ist, hat mir zunächst Kopfschmerzen bereitet“. Allerdings hätte sich beim Festhalten an der Quote für die Sozialwohnungen und bei einer geringeren Verdichtung wohl kein Investor gefunden. So laufen die Arbeiten jetzt auf Hochtouren: Bis März 2021 der Abriss, anschließend die Neubauten. Die Vermarktung beginnt voraussichtlich im Sommer 2021.

Doch zunächst muss auch der „Bleistift“ dran glauben. Wer Kölns schmalstes Hochhaus noch sehen will, sollte sich beeilen.


Gerade mal 900 Meter Luftlinie entfernt befindet sich das alte WERAG-Funkhaus aus den 1920ern. Damit dieses nicht auch noch Opfer der Abrissbagger wird, hat sich die Initiative „Radiomuseum ins Funkhaus“ gegründet.

Weniger als 300 Meter stadteinwärts findet ihr die sehenswerte Siedlung Wilhemsruh.


Das verlassene Gebäude der Welle hatte vor dem Abriss immer wieder Abenteuerer animiert, dort herumzuklettern. Das spektakulärste Video dazu stammt von Bennet Encke

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Besonders sehenswert sind auch die Drohnenaufnahmen vom Abriss des Aufzugsturms. 

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Ein großes DANKE an das Bauwens-Team, besonders an Christina Hansen. Die Fachleute des Unternehmens haben mich mit Informationen rund um den Bau versorgt und auch das Bild der zukünftigen Wohnbebauung zur Verfügung gestellt.


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Der Frauenbrunnen: 2000 Jahre Kölner Frauen im Wandel der Zeit

Der Frauenbrunnen am Farina-Haus, Bild: Uli Kievernagel
Der Frauenbrunnen am Farina-Haus, Bild: Uli Kievernagel

Egal, ob als Marketing-Fachfrau, Tennis-Star, Umweltschützerin, Nonne oder Schauspielerin:  In Köln lebten und leben starke Frauen. Ganz plastisch gezeigt wird das im Innenhof des Farina-Hauses mitten in der Innenstadt am Frauenbrunnen.

Der offizielle Name dieses Brunnens lautet „Frauen im Wandel der Zeit“. Dargestellt werden zehn Frauen in jeweilig typischen Gewändern. Jede steht dabei für eine Epoche in der Stadtgeschichte. 

Nur durch diese, hier am Beispiel der Frauen gezeigte ständige Veränderung konnte unsere Stadt zu dem werden, was sie heute ist.


Die Ubierin, Bild: Uli Kievernagel
Die Ubierin, Bild: Uli Kievernagel

Ubierin (50 n. Chr.)

Die ersten Kölschen Frauen waren Ubierinnen. Dieser ursprünglich auf der „Schäl Sick“, der rechten Rheinseite, beheimatete Germanenstamm wurde von den Römern um 20/19 v. Chr. auf die linke Seite des Rheins umgesiedelt. Die neue Siedlung wurde „Oppidum Ubiorum“, also „Siedlung der Ubier“ genannt.

 

 

 


Die Römerin, Bild: Uli Kievernagel
Die Römerin, Bild: Uli Kievernagel

Römerin (50 n. Chr.)

Mit den Römern kam der Aufschwung an den Rhein. Eine – nicht ganz unumstrittene – Dame spielte dabei eine besondere Rolle: Agrippina, Nichte und gleichzeitig Gattin von Kaiser Claudius, sorgte dafür, dass Köln die Rechte einer Kolonie bekam. CCAA – Colonia Claudia Ara Agrippinensium entstand.

 

 

 


Die Fränkin, Bild: Uli Kievernagel
Die Fränkin, Bild: Uli Kievernagel

Fränkin (um 400)

Etwa 455 eroberten die Franken die damals wichtigste Stadt nördlich der Alpen. Damit endete die römische Herrschaft über Köln. In der Stadt lebten damals Franken, andere Germanen und auch Römer gemeinsam.

 

 

 


Die Heilige Ursula, Bild: Uli Kievernagel
Die Heilige Ursula, Bild: Uli Kievernagel

Die heilige Ursula

Sie ist nicht nur Schutzpatronin der Stadt, sondern auch Basis der Legende um die 11.000 Jungfrauen und dem damit verbundenen Reliquienkult. Ihre Darstellung auf dem Brunnen zeigt auch fünf dieser Jungfrauen. Die Legende besagt, dass Ursula eine Prinzessin aus der Bretagne war. Übrigens: Die elf als Tropfen, Flammen oder Tränen bezeichneten Elemente unseres Stadtwappens stellen tatsächlich Hermelinschwänze dar, die sich auf dem alten Wappen der Bretagne befanden.

 


Die Kölnerin um das Jahr 1400, Bild: Uli Kievernagel
Die Kölnerin um das Jahr 1400, Bild: Uli Kievernagel

Frau aus dem Mittelalter (um 1400)

Köln, als größte Stadt des Heiligen Römischen Reichs, hatte etwa 40.000 Einwohner. Der Gürzenich und der Rathausturm werden gebaut. In der Freien Reichsstadt genießen Frauen eine größere Freiheit als in jeder anderen Stadt. Sie gründen eigene Zünfte z.B. die Zunft der Garnmacherinnen, Seidenmacherinnen und Goldspinnerinnen.

 

 

 


Die Jüdin, Bild: Uli Kievernagel
Die Jüdin, Bild: Uli Kievernagel

Jüdin (1424)

Die jüdische Gemeinde Kölns war die die älteste jüdische Gemeinschaft nördlich der Alpen. Der Frauenbrunnen befindet sich fast mitten im alten jüdischen Viertel. Im Jahr 1424 werden die Juden aus Köln vertrieben.

 

 

 

 


Die Niederländerin, Bild: Uli Kievernagel
Die Niederländerin, Bild: Uli Kievernagel

Niederländerin (um 1600)

Insbesondere durch den Rhein als Handelsweg bestehen enge Bindungen zu den Niederlanden. Köln wird der Marktplatz für z.B. Heringe und Muscheln aus der Nordsee. In umgekehrter Richtung wird insbesondere viel Wein verschifft. Der Geusenfriedhof ist nach niederländischen Glaubensflüchtlingen benannt.

 

 

 


Die Italienerin, Bild: Uli Kievernagel
Die Italienerin, Bild: Uli Kievernagel

Italienerin (18. Jahrhundert)

Der Erfinder des „Eau de Cologne“ war der Italiener Johann Maria Farina. Der Brunnen steht inmitten des ehemaligen Farina-Fabrikgeländes.

 

 

 

 

 


Preussin (1832)

Die Preussin, Bild: Uli Kievernagel
Die Preussin, Bild: Uli Kievernagel

Im Jahr 1814 besetzen die Preussen Köln. Keine besonders gute Zeit für Frauen in einer von säbelschwingenden Männern dominierten Welt. Wilhelm II. spricht den Frauen jegliche Bedeutung ab und sorgt ausdrücklich dafür, dass auf der Siegesallee im Berliner Tiergarten nur Statuen von Männern aufzustellen sind. Gut, dass hier in Köln auch an die preussischen Frauen gedacht wird.

 

 

 


Die moderne Kölnerin, Bild: Uli Kievernagel
Die moderne Kölnerin, Bild: Uli Kievernagel

Kölnerin (1987)

Die moderne Frau aus Köln zeigt sich auf dem Brunnen mit Kind.

 

 

 

 

 


Mehr als nur Darstellung der Bekleidung

Der Frauenbrunnen wurde von der Bildhauerin Anneliese Langenbach (1926-2008) geschaffen. Besonderen Wert bei der Gestaltung des Frauenbrunnens hat sie auf die Kleidung der Frauen gelegt, geleitet von der Kernfrage: Welche Kleider haben wohl die Frauen in den jeweiligen Epochen getragen?

Doch der Brunnen zeigt mehr als Kleider: Ronald Füllbrandt von den Kölschgängern verweist in seinen Betrachtungen des Frauenbrunnens ausdrücklich darauf: „Ja, Köln hatte schon immer starke und hübsche Frauen, darauf sollten wir stolz sein.“

Und damit hat Ronald recht!


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Der Vierungsturm: Die „Warze“ des Doms

109 Meter hoch und nicht wirklich geliebt: Der Vierungsturm des Kölner Doms, Bild: CEphoto, Uwe Aranas
109 Meter hoch und nicht wirklich geliebt: Der Vierungsturm des Kölner Doms, Bild: CEphoto, Uwe Aranas

Wenn der Dom fertig ist, geht die Welt unter.
(… glaubt der Kölner)

Der Kölsche liebt seine Provisorien. Daher hat er regelrecht Angst davor, dass der staatse Dom eines Tages tatsächlich mal fertig werden könnte. Gut, dass das nie passieren wird. Am Dom wird immer weiter gearbeitet. Und wenn irgendwann mal keine Baugerüste mehr den Dom zieren, wäre das sogar ein schlechtes Zeichen: Dann würde nichts mehr geschraubt, gebaut und repariert.

Ein gutes Beispiel für diese stetige Bautätigkeit ist die „Warze“ auf unserer Kathedrale. So hat Philippe Villeneuve, der französische Chef-Architekt der Pariser Kathedrale Notre-Dame, den Vierungsturm bezeichnet. Und diese „Warze“ in der aktuellen Form ist auch erst 50 Jahre alt und bereits die dritte Variante des Turms.

Grundsätzlicher Streit: Vierungsturm ja oder nein?

Die Vierung einer Kirche ist die Stelle, wo das Haupt- und das Querschiff sich treffen. In kreuzförmigen Kirchen wie im Dom trennt die Vierung den Chor vom Langhaus. Im Dom sollte ursprünglich der Dreikönigsschrein in der Vierung aufgestellt werden. Da die Kölschen allerdings bekanntlich etwas länger am Dom bauten1um genau zu sein 632 Jahre, waren das Lang- und das Querhaus schlichtweg nicht fertig und so fand der Schrein seinen Platz im Chor und in der Vierung steht der Vierungsaltar.

Der Vierungsaltar im Kreuzungspunkt des Lang- und des Querhauses, Bild: Willy Horsch, CC BY 3.0
Der Vierungsaltar im Kreuzungspunkt des Lang- und des Querhauses, Bild: Willy Horsch, CC BY 3.0

Auf dem Dach steht über der Vierung der Vierungsturm. Fraglich ist aber, ob dies so geplant war. In den ursprünglichen Entwürfen ist kein solcher Turm zu finden. Allerdings wurde bereits 1322 ein Dachreiter2Ein Dachreiter ist ein i.d.R. aus Holz gebautes Türmchen, welches oft als Glockenstuhl dient. auf den Chor gesetzt.

Erst eine barocke Variante, danach ein neugotischer Turm

Im Jahr 1744 wurde ein neuer, barocker Dachreiter errichtet. Auf alten Stichen ist dieser kleine bauchige Turm zu sehen. Über Geschmack lässt sich ja trefflich streiten, doch diese Konstruktion will so gar nicht zum Rest des gotischen Doms passen. Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner meinte im Kölner Stadt-Anzeiger Ausgabe3vom 29. April 2020 dazu, dass dieses Türmchen „eher wie eine Laterne aussah“.

Ein Stich aus dem Jahr 1806 zeigt den barocken Dachreiter des Doms
Ein Stich aus dem Jahr 1806 zeigt den barocken Dachreiter des Doms

Gut, dass der damalige Dombaumeister Zwirner im Jahr 1859 dieses eher unpassende Ding abreißen lies und einen neugotischen Turm an dessen Stelle setzte.

Der Dom im Jahr 1865 vor der Vollendung der Domtürme mit freier Sicht auf den Vierungs­turm
Der Dom im Jahr 1865 vor der Vollendung der Domtürme mit freier Sicht auf den neugotischen Vierungs­turm.

Dass überhaupt ein Turm an dieser Stelle geplant war, ist stark zu bezweifeln. Auf den Plänen ist kein solcher Turm zu finden. Allerdings war Sulpiz Boisserée, einer der Hauptinitiatoren der Dom-Fertigstellung im 19. Jahrhundert, der festen Überzeugung, dass dort ein Vierungsturm gebaut werden sollte. Sein Argument: Auch andere gotische Kathedralen des 13. Jahrhunderts würden über einen solchen Turm verfügen und überhaupt sähe der Dom mit Vierungsturm viel schöner aus. Gutes Argument. Sein Entwurf sah einen massiven achteckiger Vierungsturm vor. 

Sulpiz Boisserée „Idealansicht“ des fertigen Doms (1821). Gut zu erkennen: Der massive, achteckige Vierungsturm
Sulpiz Boisserée „Idealansicht“ des fertigen Doms (1821). Gut zu erkennen: Der massive, achteckige Vierungsturm

Das Problem war aber, dass die Säulen der Vierung so berechnet waren, dass sie nur das Gewölbe der Vierung zu tragen hatten. Bei der Errichtung eines massiven Turms bestand die Gefahr, dass die übermäßige Belastung zum Einstürzen der östlichen Vierungspfeiler führen könnte. So entschied sich Dombaumeister Zwirner für eine Eisenkonstruktion. Angenehmer Nebeneffekt dieser leichteren Variante: Es wurde wesentlich billiger.

Ansicht des Vierungsturms mit Details, ca. 1860
Ansicht des aus Eisen gebauten Vierungsturms, ca. 1860

Heute dritthöchster Kirchturm Kölns – Gestaltung umstritten

Dieser Turm hatte die Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs recht gut überstanden. Zwar waren einige Verkleidungselemente vom Druck der Bomben abgerissen, aber die die eiserne Unterkonstruktion wurde als sehr solide bezeichnet.

Die fehlenden Verzierungen waren aber nach Einschätzung des Dombaumeisters Willy Weyres (Dombaumeister von 1947–1972) nicht mehr zu ersetzen, wobei das durchaus als Vorwand zu sehen ist. Weyres wollte alle neugotischen Elemente des Doms zurückbauen. Dazu gehörte auch der Vierungsturm. Statt einer einfachen Instandsetzung wurde der Turm daher radikal neu gestaltet. Ab 1965 wurden an der bestehenden Konstruktion neue Verkleidungen und Schmuckelemente im Art déco Stil angebracht. Prägendes Element dabei sind die acht großen Engel. Die von unten recht klein aussehenden Engel sind tatsächlich 4,10 m hoch und wiegen jeweils mehr als zwei Tonnen.

Acht Engel im Art déco Stil prägen den Vierungsturm, Bild: Fritz Jörn, CC BY 3.0
Acht Engel im Art déco Stil prägen den Vierungsturm, Bild: Fritz Jörn, CC BY 3.0

Mit 109 Metern Höhe ist der Vierungsturm heute, nach den beiden Domtürmen, der dritthöchste Kirchturm in Köln. Und er bleibt umstritten. Weder Weyres Nachfolger im Amt des Dombaumeisters, Arnold Wolff, noch dessen Nachfolgerin Barbara Schock-Werner konnten sich je mit der Gestaltung des Vierungsturm anfreunden. Allerdings scheuten beide, den aktuellen Turm umzubauen. Mal sehen, ob der aktuelle Dombaumeister Peter Füssenich sich dieses Themas annimmt. Doch selbst wenn er das nicht tut: Der Dom bleibt auf ewig eine Baustelle.

Gut so, denn sonst ginge ja die Welt unter.
(… glaubt der Kölner)


Auf der Spitze des Vierungsturms ist nicht, wie sonst bei Kirchen üblich, ein Kreuz, sondern ein vergoldeter Stern zu sehen. Dieser Stern erinnert an den Stern von Betlehem, welchem die Heiligen Drei Könige gefolgt sind. Hoch oben, über den Dächern der Stadt, weist dieser Stern den Pilgern den Weg zu deren Gebeinen im Dreikönigsschrein.

Auf 109 Metern Höhe weist der Stern von Betlehem darauf hin, dass im Dom die Gebeine der Heiligen Drei Könige zu finden sind, Bild: CEphoto, Uwe Aranas
Auf 109 Metern Höhe weist der Stern von Betlehem darauf hin, dass im Dom die Gebeine der Heiligen Drei Könige zu finden sind, Bild: CEphoto, Uwe Aranas

Mein Nachbar Thomas hatte das große Glück, Silvester pünktlich um 12 Uhr auf dem Vierungsturm des Doms zu stehen. Es gibt in Köln keinen besseren Platz, um das Feuerwerk zu sehen. 


Wie hoch ist der Dom?
Wie viele Stufen sind es bis nach oben?
Wie viele Menschen kommen täglich?

Alles zum Dom in Zahlen: Von 4 bis 10 Milliarden


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Der Kölner Wasserkrieg: Streit um den Duffesbach

Das Wasser des Flusses wird genutzt, um den Wassergraben des Herrenhauses „Weißhaus“ in Klettenberg zu füllen. Bild: Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)
Das Wasser des Duffesbachs wird auch genutzt, um den Wassergraben des Herrenhauses „Weißhaus“ in Klettenberg zu füllen. Bild: Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Der Duffesbach ist heute, da unterirdisch und kanalisiert, fast unbekannt. Das war in früheren Zeiten ganz anders. Das Wasser des Bachs war für die Kölner extrem wichtig. Schon ab etwa 1320 gab es daher einen städtischen „Bachmeister“ mit der Aufgabe, für eine ausreichende Menge Wasser im Duffesbach zu sorgen.

Dieser Bach läuft, bevor er nach Köln kommt, durch Hürth. Und auch die Hürther nutzten intensiv das Wasser des Duffesbachs. Nach Sicht des Kölner Bachmeisters unerlaubt, da es sich beim Duffesbach nicht um einen Fluss sondern um ein künstlich im Fluss gehaltenes Gewässer handeln würde, dessen Quellen sich im Besitz der Stadt Köln befinden würden. Folglich musste eine Vereinbarung getroffen werden.

Unter Woche Waser für die Kölner – am Wochenende für die Hürther

Eine erste Einigung über die Wassernutzung mit den verschiedenen Grundeigentümern am Verlauf des Bachs gab es bereits im Jahr 1321. Diese Einigung bestand darin, dass die Grundeigentümer in Hürth immer nur samstags und sonntags das Wasser des Duffesbachs, der in Hürth „Hürther Bach“ hieß, nutzen durften. So wurde sichergestellt, dass werktags für die Kölner Handwerker wie Gerber oder Färber ausreichend Wasser zur Verfügung stand.

Die Hürther Bäche um 1800, Fotograf/Zeichner: Tranchot / von Müffling / Public domain
Die Hürther Bäche um 1800, Fotograf/Zeichner: Tranchot / von Müffling / Public domain

Diese Vereinbarung hielt. Mehr als 200 Jahre lang gab es nur kleinere, eher unbedeutende, Reibereien zwischen den Hürthern und den Kölnern um das Wasser. Doch im heißen Sommer 1560 nutzten die Hürther auch unter der Woche das Wasser mit der Folge, dass die Kölner Handwerker kein Wasser mehr zur Verfügung hatten. Zur Klärung machte sich der Kölner Bachmeister  mit einer kleinen Abordnung auf den Weg nach Hürth. Dort wurden die Kölner vom Hürther Schultheiß Damian Bell von Efferen und einer Horde mit Mistgabeln und Knüppeln bewaffneten Bauern empfangen und gefangen genommen.

Der Kölner Wasserkrieg entbrennt

Das konnte die stolze Reichsstadt Köln nicht hinnehmen und stellte mit 1.000 Mann eine große Streitmacht auf, die den Bauern zeigen sollte, wer in der Region das Sagen hatte. Schwer bewaffnet ging es Richtung Hürth in den „Kölner Wasserkrieg“. Zu einer Schlacht kam es allerdings nicht. Damian Bell wurde gefangen genommen und in den Kerker geworfen.

Damit hätte der ausgebrochene Wasserkrieg bereits am gleichen Tag beendet sein können, wenn nicht beide Seiten den juristischen Streit in dieser Sache gesucht hätten. Kern des Problems war dabei allerdings weniger der Tatbestand des „Wasserdiebstahls“ sondern vielmehr, welches Gericht zuständig war. Köln als Reichsstadt wollte den Streit vor das Reichskammergericht bringen. Die Hürther hingegen unterstanden den Herzogen von Brabant und wollten Fall vor deren Hof in Brüssel verhandeln. Und schon zog der „Kölner Wasserkrieg“ eine vorher nicht absehbare Welle nach sich.

Ferdinand I., (1503 - 1564), Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und römisch-deutscher König, Bild: Dominicus Custos / Public domain
Ferdinand I., (1503 – 1564), Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und römisch-deutscher König, Bild: Dominicus Custos / Public domain

Die Argumentation der Hürther: Da Brabant dem spanischen König unterstand, könne nur dieser als Gerichtsbarkeit anerkannt werden. Die Kölner wiederum berufen sich auf Kaiser Ferdinand I., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und römisch-deutscher König, der jeden anderen Gerichtsstand als das Reichskammergericht schlichtweg ablehnte.

Und dieser juristische Streit sollte mehr als 50 Jahre lang währen. Erst 1617, nach unzähligen Klagen, Schriftsätzen und Verhandlungen, kam es zu einer Einigung, die sehr bekannt vorkommt: Die Hürther durften am Wochenende das Wasser des Duffesbachs nutzen, die Kölner unter der Woche.

Das hätte man einfacher haben können.


Etwas früher, bereits 1369, kam es zum „Kölner Flaschenkrieg“.


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Der Duffesbach – ja wo ist er denn?

Verlauf des Duffesbachs, Karte: Stadtentwässerungsbetriebe Köln
Verlauf des Duffesbachs, Karte: Stadtentwässerungsbetriebe Köln

Blaubach, Rothgerberbach, Mühlenbach, Weidenbach, Am Duffesbach – die Kölner Innenstadt ist voller Bäche. Der Kölsche spricht deswegen für die Strecke vom Eifelplatz, über St. Pantaleon und Waidmarkt bis zum Rhein auch nur von „den Bächen“. Aber wo sind diese Bäche? Und wie viele Bäche sind es denn überhaupt?

Ein Bach – viele Namen

Eigentlich ist es ganz einfach: Es gibt nur einen Bach – den Duffesbach. Dieser hat allerdings an verschiedenen Stellen unterschiedliche Namen. Und die Suche nach dem Duffesbach ist vergeblich: Der Bach ist heute durchgehend kanalisiert und läuft fast ausschließlich unterirdisch. Bei der Wasserqualität ist das auch besser, denn der niedrige Sauerstoffgehalt und die hohe Konzentration an Gift lässt im Wasser kaum Leben zu, so Hannah Brüggemann von der NABU-Naturschutzstation Leverkusen-Köln.1„Duffesbach”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/O-108535-20141126-7, abgerufen: 2. März 2020

Der Fluss entspringt in Hürth-Knapsack – auch hier ist er heute nicht mehr zu sehen. Unterirdisch und kanalisiert tritt dieser erst für ein kurzes Stück im Grüngürtel an die Oberfläche. Und wenn nicht bereits die Römer den Bachlauf verlängert hätten, wäre schon im heutigen Zollstock Schluss gewesen – der Duffesbach versickerte schlichtweg.

Wer heute aber einen echten Fluss erwartet, wird enttäuscht. Zu sehen ist der Fluss nur auf einem kurzen Stück im Grüngürtel. Je nach Wetter ist kaum mehr als ein schmales Rinnsal auszumachen.

Trockengefallener Duffesbach im Grüngürtel, Bild: Travus / CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)
Trockengefallener Duffesbach im Grüngürtel, Bild: Travus / CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)

Auch seine Mündung in den Rhein ist unspektakulär: Aus einem Rohr läuft der Duffesbach unterhalb der Wasseroberfläche direkt in den Rhein und ist nicht zu sehen – es sei denn, es ist extremes Niedrigwasser. Dann kann man zumindest das Rohr des Baches in Höhe der Rheingasse sehen. Hauptgrund dafür, dass der Duffesbach kaum noch Wasser führt, ist der Braunkohleabbau in der Ville. Damit sich die riesigen Tagebauten nicht mit Wasser füllten, musste der Grundwasserspiegel stark abgesenkt werden. So wurde dem Duffesbach schlichtweg das Wasser entzogen.

Mündung des Duffesbachs in den Rhein, Höhe Rheingasse. Nur zu sehen bei extremen Niedrigwasser, Bild: Marcus Bentfeld / CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)
Mündung des Duffesbachs in den Rhein, Höhe Rheingasse. Nur zu sehen bei extremen Niedrigwasser, Bild: Marcus Bentfeld / CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)
Bedeutende Wasserversorgung für die Stadt

Früher war das anders. Bevor die römische Wasserleitung aus der Eifel die Stadt mit Frischwasser versorgte, stellte der Duffesbach die wichtigste Wasserversorgung der Stadt dar, trieb unzählige Mühlen an und war existenziell für unterschiedliche Gewerbe. Die Namen „der Bäche“ weisen auf diese Nutzung hin:

  • Am Duffesbach
    Der Name leitet sich wahrscheinlich von einer Mühle, die „tuifhaus“ genannt wurde, her.
  • Rothgerberbach
    Hier waren viele Gerber im mittelalterlichen Köln ansässig.
  • Weidenbach und Blaubach
    An diesem Abschnitt waren die Färber zu finden, die mit Färberwaid Stoffe färbten.
  • Mühlenbach
    Dieser Name erschließt sich von selbst. Der Kölsche kennt heute noch die „Malzmühle“ wegen des dort gebrauten, süffigen Mühlen-Kölschs.

Die Nutzung des Wassers war für die Handwerker existenziell und jahrhundertelang Gegenstand von Streit: Wer durfte das Wasser wann nutzen? Dies führte 1560 sogar zum „Kölner Wasserkrieg“.

Unter dem "Rothgerberbach" verläuft der kanalisierte Fluss, Bild: HOWI - Horsch, Willy / CC BY-SA (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)
Unter dem „Rothgerberbach“ verläuft der kanalisierte Fluss, Bild: HOWI – Horsch, Willy / CC BY-SA (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)
Der Duffesbach bleibt kanalisiert

Es ist nicht zu erwarten, dass der Duffesbach eines Tages wieder an die Oberfläche geholt und zur Naherholung beitragen wird. Hintergrund ist, dass der Bach nie ein natürliches Bett gehabt hat und schon seit der römischen Zeit in Köln durch Menschen kanalisiert wurde. Außerdem ist schlichtweg kein Platz für eine Führung des Gewässers an der Oberfläche vorhanden.

Typisch Kölsch: Wenn man den Bach schon nicht sieht, kann man aber immerhin darüber singen. So haben die Bläck Föös dem Duffesbach in dem Lied der „Drei vun d´r Eierquell“ eine wunderschöne Zeile gewidmet:

„Mer trofe e Mädche am Duffesbach,
do kräte met däm singem Tuppes Krach.“


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Der Bismarck-Turm – Abschluss des Gürtels am Rhein

Luftaufnahme des Kölner Bismarckturms aus einem Zeppelin im Jahr 1914, Bild: Bismarcktuerme.de
Luftaufnahme des Kölner Bismarckturms aus einem Zeppelin im Jahr 1914, Bild: Bismarcktuerme.de

Vor ein paar Wochen in der Linie 16: „Wat is dat eijentlich für e Ding?“ fragt ein mittelalter Herr die neben ihm sitzende Dame, als wir an der Haltestelle Bayenthalgürtel halten. „Dat is e Stöck vun d´r ahle Stadtmauer“ entgegnet sie. Und liegt damit leider völlig falsch. Das vermeintliche Stück Stadtmauer ist der Bismarck-Turm am Rhein. Und dieser hat mit der Stadtbefestigung definitiv nichts zu tun.

Bauwerke zu Ehren des „Reichsgründers“

Zu Ehren Otto von Bismarcks wurden zwischen 1869 und 1934 insgesamt 240 Bismarcktürme und -säulen im deutschsprachigen Raum errichtet. Davon sind heute noch 174 Exemplare erhalten. Einer davon ist der Bismarck-Turm bei uns am Rheinufer. Diese Türme sollten die Verdienste Bismarcks bei der Gründung des Deutschen Reichs deutlich machen.

Jörg Bielefeld betreibt die Seite Bismarck-Türme und erläutert die Besonderheit dieser Denkmäler: „Die Bismarcktürme wurden meist vom Bürgertum durch Spendensammlungen finanziert und finden sich an exponierten Standorten. Oft wurden diese mit einer Feuervorrichtung versehen, die an bestimmten Tagen entzündet wurde. Die Türme sehen nicht alle gleich aus. Vorbild ist der im Jahr 1899 entstandene Bismarckturm-Entwurf „Götterdämmerung“ in Form einer wuchtigen Feuersäule“. Allerdings, so Jörg Bielefeld, wich man aus verschiedenen Gründen in vielen Orten vom Einheitsentwurf ab und beauftragte einen eigenen Architekten. So entstanden Bismarcktürme mit sehr unterschiedlichen architektonischen Formen. Dazu gehört auch der Kölner Bismarck-Turm, einer der ungewöhnlichsten Bismarcktürme.

Kölner Darstellung als Rolandsfigur 

Der Kölner Turm sollte individuell sein. Und so entschied man sich für einen Entwurf des Architekten Arnold Hartmann. Bismarck wurde hier als „Rolandsfigur“ dargestellt. Mit einer Rüstung wie ein Ritter und einem großen Schild wacht der 15 Meter große Bismarck über das Reich. Ab 1900 wurde mit der Sammlung von Spenden für einen Bismarckturm begonnen, größter Einzelspender war der Kölner Schokoladeproduzenten Heinrich Stollwerck. Er wohnte in der Villa Bismarckburg, fast um die Ecke.

Skizze von Architekt Arnold Hartmann mit ursprünglich vorgesehenem Unterbau, Bild: Bismarcktuerme.de
Skizze von Architekt Arnold Hartmann mit ursprünglich vorgesehenem Unterbau, Bild: Bismarcktuerme.de

Bereits im Juni 1903 wurde der Turm feierlich eingeweiht. Allerdings konnte aus Geldmangel der ursprünglich geplante breite Sockel nicht realisiert werden. Aber es gab eine Befeuerung des Turms durch Öl. Dieses Öl qualmte allerdings mehr als es einen echten Feuerschein entwickelte. Daher wurde der Turm bereits 1907 an eine Gasleitung angeschlossen. Doch auch damit war man unzufrieden, und man verwendete wieder Öl zur Befeuerung. Im Jahr 1939 brannte auf dem Turm letztmalig ein Feuer.

Der Bismarck-Turm am Rheinufer, Bild: CEphoto, Uwe Aranas
Der Bismarck-Turm am Rheinufer, Bild: CEphoto, Uwe Aranas
Vorschlag: Nutzung als Kletteranlage

Im Jahr 1980 wurde der Turm unter Denkmalschutz gestellt und ab 2001 regelmäßig saniert. So flossen mehrere Hunderttausend Euro in das wenig bekannte und nicht wirklich beliebte Denkmal. Das findet nicht nur der Kölner Historiker Martin Stankowski befremdlich. Er wohnt an der Bottmühle in der Südstadt, nicht weit vom Bismarck-Turm entfernt und hat 2015 in der Technischen Hochschule einen Wettbewerb zur Umnutzung des Turms angeregt. Die Studenten waren äußerst kreativ. Ihre Vorschläge gingen von der Einrichtung gastronomischer Betriebe, einer mit einem gläsernen Aufzug zu erreichende Aussichtsplattform über eine Kletteranlage bis hin zum Abriss des Turms – nur der steinerne Bismarck sollte übrig bleiben.

In einem Interview mit der Stadtrevue lobt Stankowski insbesondere die Idee mit der Kletteranlage: „Aus städtebaulicher Sicht erfüllt das Denkmal noch immer eine Funktion, weil es den Abschluss des Gürtels bildet. Politisch und künstlerisch hat es aber keine Bedeutung“. Und mit der Kletteranlage, so Stankowski, hätten die Menschen immerhin etwas davon.

Wir sind aber in Köln. Passiert ist – bis auf die Pflege der Grünanlage rund um das Denkmal – nichts. Und solange werden auch die Kölschen damit wenig  anfangen können. Und den Bismarckturm fälschlicherweise der Stadtmauer zuordnen.


Ein großes DANKE an Jörg Bielefeld von der Website „Bismarcktürme“ , der mich mit Informationen und Bildern bei diesem Artikel unterstützt hat.


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Das Kastell Alteburg – Hauptquartier der römischen Kriegsflotte in Germanien

Das Flottenlager Alteburg, Zeichnung: Erich Hermans
Das Flottenlager Alteburg, Zeichnung: Erich Hermans

Heute flaniert man durch die Straßen der Marienburg. Große Bäume säumen die breiten Straßen, noble Autos der Marienburger stehen am Straßenrand. Kein Müll liegt herum, keine Plakate verschandeln die Landschaft. Die noblen Villen mit ihren gepflegten Vorgärten lassen einen glatt vergessen, dass man sich immer noch Köln befindet.

Vor 2.000 Jahren sah es hier ganz anders aus: Das Flottenkastell Alteburg war das Hauptquartier der römischen Kriegsflotte in Germanien. Die römische Rheinflotte wurde um 13 v. Chr. aufgestellt und war eine Teilstreitkraft der römischen Flotte in den römischen Provinzen Ober- und Niedergermanien. Ihr Hauptquartier befand sich zunächst im Legionslager Vetera Castra bei Xanten und ab 50 n. Chr. im Kastell Alteburg. Heute erinnert kaum noch etwas an dieses große römische Kastell mit einer Stammbesatzung von mehr als 1.000 Mann. Lediglich die Straßennamen „Auf dem Römerberg“ und „Am Römerkastell“ lassen darauf schließen, dass es hier eine der wichtigsten römischen Verteidigungsanlagen am Rhein gab.

Da es kaum schriftliche Belege zu dem Kastel Alteburg gibt, kann auch die exakte Gründung nicht bestimmt werden. Die Römische Rheinflotte kann ab 13 v. Chr. nachgewiesen werden. Ganz im Sinne einer modernen Armee führten die Römer kombinierte Landeunternehmen der Flussstreitkräfte mit der Landarmee durch. Auf Patrouillenfahrten wurde der Rhein als wichtigster Verkehrsweg gesichert – immerhin war die Colonia Claudia Ara Agrippinensium ein extrem wichtiges Handelszentrum und der Rhein die Lebensader. Folglich ist es verständlich, dass die Flotte zum Schutz der Colonia und des Rheins auch ein entsprechendes Lager benötigte. Dieses Flottenkastell wurde etwa Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. im heutigen Marienburg errichtet.

Unterkünfte für mehr als 1.000 Soldaten

Es gibt wenig gesicherte Erkenntnisse zu dem Lager Alteburg. Lediglich Grabungen aus den Jahren 1926/27 und später in den Jahren 1995/96 und 1998 bieten Informationen zu diesem strategisch bedeutsamen Lager. Das Kastell nahm mit rund 90.000 Quadratmetern eine Fläche von ungefähr sechs Fußballfeldern ein. Hier wurden Werkstätten, Unterkünfte, Verwaltung und auch ein eigener Tempel für die Soldaten errichtet. Zunächst nur in einfacher Lehmwerktechnik, später als Steinbauten.

Ansicht der Alteburg von Osten, Zeichnung: Erich Hermans
Ansicht der Alteburg von Osten, Zeichnung: Erich Hermans

Dabei waren die Marinesoldaten privilegiert: Sie hatten bessere Unterkünfte und es ist auch davon auszugehen, dass sie besser versorgt wurden. Bei Grabungen wurden neben Keramik und Tierknochen auch Waffen, Werkzeuge und Geräte gefunden. Eine Besonderheit des Kastells Alteburg waren die von den Archäologen gefunden großen, schweren Webgewichte. Diese kamen bei Webstühlen zum Einsatz, auf denen grobe Stoffe hergestellt wurden – Segel für die auf dem Rhein verkehrenden Kriegsschiffe.

Rekonstruktion eines römischen Flusskampfschiffs im Museum für Antike Schifffahrt in Main, Bild: Martin Bahmann [CC BY-SA (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)]
Rekonstruktion eines römischen Flusskampfschiffs im Museum für Antike Schifffahrt in Main, Bild: Martin Bahmann [CC BY-SA (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)]
Zerstört durch die Franken

Das Kastell wurde im dritten Jahrhundert n.Chr. bei einem Angriff durch die Franken zerstört. Da auch der Rhein in den Jahrhunderten immer wieder sein Bett verlassen hat, wurden die Gebäude vernichtet. Zumindest das, was die Kölner davon übriggelassen haben. Denn es ist davon auszugehen, dass Teile der Steingebäude abgerissen und diese als Baumaterial an anderer Stelle wieder eingesetzt wurden. Ende des 18. Jahrhunderts wurde auf dem früheren Gelände des Kastells die bis heute erhalten gebliebene Alteburger Mühle (An der Alteburger Mühle 6) errichtet.

Heute in dem friedlichen Stadtteil Marienburg – bis auf die Straßennamen – nichts mehr an das Hauptquartier der römischen Kriegsflotte in Germanien.

Plan des Flottenlagers Alteburg, Zeichnung: Erich Hermans


Im Jahr 2017 ging der Geisterzoch unter dem Motto „Dr römischen Flott ze Ihre: Öm de Alteburch eröm“ vom Chlodwigplatz aus bis zum ehemaligen Kastell und zurück.  


Ein großes DANKE an Erich Hermans, der mir erlaubt hat, die Zeichnungen des Flottenlagers für diesen Beitrag zu verwenden und an Franz-Josef Knöchel von KuLaDig, der mir historische Informationen zum Kastell zur Verfügung gestellt hat.


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