Kölner Brücken: Die Südbrücke – vernachlässigtes Schmuckstück

Die Südbrücke in Köln, Bild: Michael Musto, CC BY-SA 4.0
Die Südbrücke in Köln, Bild: Michael Musto, CC BY-SA 4.0

Op dä Südbröck stonn ich off Stunde,
immer widder
luhr ich dä Möwe
un dä Schleppkähn noh,

loss ming Jedanke frei.

BAP: Met Wolke schwaade1Übersetzung:
Auf der Südbrücke stehe ich oft Stunden, immer wieder
sehe ich den Möwen und den Schleppkähnen nach,
lasse meine Gedanken frei.

Bevor man, wie der kölsche Musiker Wolfgang Niedecken von BAP, sich auf der Kölner Südbrücke seinen Träumen hingeben kann, ist zunächst mal der Aufstieg angesagt: Es geht am linken Rheinufer 53 Stufen, knapp vier Stockwerke, hoch. Besonders anstrengend ist diese Treppe, wenn man mit dem Fahrrad unterwegs ist: Mangels Rampe hilft nur hochtragen.

Oben angekommen entschädigt das erhabene Gefühl, mitten über dem Rhein zu stehen. Und wenn dann noch ein Güterzug vorbeikommt, ist das Gefühl perfekt: Die leichten Schwingungen der Brücke spürt man im ganzen Körper, das laute Gerumpel des Zugs hört man, und den majestätischen Rhein sieht man.

Weniger majestätisch ist der leider etwas heruntergekommene Zustand der Südbrücke. Die gewaltigen Brückentürme auf der linken Rheinseite sind gesperrt, alles ist von wenig talentierten Sprayern vollgeschmiert. „Die Südbrücke ist richtig versaut, die ist ein Objekt von Schmierereien von oben bis unten.“ so der ehemalige Stadtkonservator Ulrich Krings.2im Kölner Stadt-Anzeiger vom 6. Januar 2022.


Steckbrief Südbrücke

  • Länge: 368 m
  • Breite: 10,34 m
  • Baubeginn: 1906 / 1946
  • Fertigstellung: 1910 / provisorisch Mai 1946 / endgültig 1950
  • Eröffnung: 5. April 1910 / 1. Oktober 1950

Speziell für den Güterverkehr konzipiert

Die Südbrücke ist Teil der grundsätzlichen Erneuerung des Kölner Bahnverkehrs ab etwa 1906. Die damalige Dombrücke war, wie heute die Hohenzollernbrücke, hoffnungslos überlastet. Um den wachsenden Bedürfnissen des Bahnverkehrs gerecht zu werden, entstanden neue Eisenbahnringe um die Stadt. Auch die Dombrücke wurde mit dem Schwerpunkt Personenverkehr erneuert. So entstand im Jahr 1911 die Hohenzollernbrücke. Die Südbrücke hingegen wurde hauptsächlich für den Güterverkehr konzipiert.

Schwerer Unfall in Bauphase

Der Bau begann im Jahr 1906. Etwa zwei Jahre nach Baubeginn ereignete sich ein tragisches Unglück: Am 9. Juli 1908 stürzte ein Baugerüst ein, 40 Arbeiter stürzten in den Rhein. Es wurden acht Tote und 14 Verletzte gezählt.

Das Unglück an der Südbrücke forderte acht Tote und 14 Verletzte, Bild: Ludwig Geus (1864-1939), Public domain, via Wikimedia Commons
Das Unglück an der Südbrücke forderte acht Tote und 14 Verletzte, Bild: Ludwig Geus (1864-1939), Public domain, via Wikimedia Commons

Trotz dieses tragischen Unglücks konnten die Bauarbeiten an der eigentlichen Brücke bereits im September 1909 fertig gestellt werden – zwei Monate vor dem eigentlichen Plan. Ende des Jahres 1909 waren dann auch die Arbeiten an den Brückentürmen beendet, und am 5. April 1910 fuhr der erste Zug über die Brücke.

Stahl und Stein

Bei der Südbrücke handelt es sich um eine Fachwerk-Bogenkonstruktion mit einer Einfassung durch vier massive Türme. Das entsprach exakt dem Zeitgeist: Nackter Stahl wurde als hässlich empfunden, erst durch die Kombination mit steinernen Elementen galt ein Bauwerk als gelungen. So wurden die Türme der Südbrücke auch reichlich verziert: Auf der stromabwärts gelegenen Seite wurden Reliefs zur Industrialisierung angebracht. Auf der stromaufwärts gelegenen Seite fanden sich Darstellungen zum Rhein, zu den Sagen und zur Geschichte.

Tatsächlich hatten die massiven Brückentürme aber auch eine praktische Funktion: Dort wurden Soldaten stationiert und es wurden Waffen gelagert. Schließlich war ein Krieg gegen den „Erzfeind“ Frankreich jederzeit möglich und große Brücken waren wichtige strategische Ziele. Und genau das sollte der Südbrücke im Zweiten Weltkrieg zum Verhängnis werden.

Zerstörung im Krieg

Bombentreffer im Januar 1945 zerstörten wesentliche Teile der Südbrücke. Die im Rhein liegenden Brückenteile, insbesondere der etwa 160 Meter lange Mittelteil, waren ein erhebliches Hindernis für den Schiffsverkehr und wurden daher gesprengt. Ab Mai 1946 war ein zunächst nur eingleisiger Verkehr auf der Brücke möglich. Erst am 1. Oktober 1950 konnte die Brücke wieder vollständig genutzt werden.

Allerdings wurden Steine der massiven Brückentürme für den Wiederaufbau verwendet, der aufwendige Schmuck wurde nicht wieder hergestellt, die Brückentürme wurden nur noch mit Flachdächern gedeckt.

Und so führt der Weg nach unten auf der rechtsrheinischen Seite durch die begehbaren Brückentürme – verschandelt durch hässliche Graffitis. Auch hier gilt: Keine Rampe – Radfahrer müssen ihren Drahtesel die 47 Stufen heruntertragen, bevor man sich auf den Poller Wiesen von der Schlepperei erholen kann.

Blick über den schmalen Fuß-und Radweg der Südbrücke. Leider auch zu sehen: Eines der unsäglichen Graffitis auf der Brücke. Bild: Velopilger, CC BY-SA 4.0
Blick über den schmalen Fuß-und Radweg der Südbrücke. Leider auch zu sehen: Eines der unsäglichen Graffitis auf der Brücke. Bild: Velopilger, CC BY-SA 4.0

Ausbau der Brücke

Alle Jahre wieder kommt die Forderung der Radfahrer auf, doch endlich Rampen und breitere Radwege für die Südbrücke zu bauen. Doch dabei wird es kompliziert: Da die Bahn als Eigentürmer der Südbrücke bereits beim Bau kein Interesse an den Rad- und Fußwegen hatte und diese nur auf Drängen der Stadt Köln errichtete, ist bis heute die Stadt für die Unterhaltung und Pflege der Gehwege zuständig – ein programmiertes Zuständigkeits-Chaos.

Allerdings keimt Hoffnung auf: Die Südbrücke wird ein wichtiger Teil des neuen S-Bahn-Rings rund um die Stadt. Und das, so der ehemalige Stadtkonservator Krings im Kölner Stadt-Anzeiger „wäre die ideale Gelegenheit, sie aus ihrem Dämmerzustand zu lösen.“

Mal sehen! Und solange schleppen wir halt unsere Fahrräder 53 Stufen hoch – und losse wie Wolfgang Niedecken  op dä Südbröck die Jedanke frei.


Historische Bilder

Auf der Website DSV-KölnTV sind historische Fotos der Südbrücke mit noch kompletten Brückentürmen zu sehen.


Alle bisher erschienenen Geschichten zu den Kölner Brücken 


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Das Kölner Schokoladenmuseum – eine Liebeserklärung an die Schokolade

Hans Imhoffs Vermächtnis: Das Schokoladenmuseum, Bild: Raimond Spekking
Hans Imhoffs Vermächtnis: Das Schokoladenmuseum, Bild: Raimond Spekking

Im Kölner Schokoladenmuseum steht der weltberühmte Schokoladenbrunnen. Eine kleine Rechnung: Wenn jeder Besucher des Schokoladenmuseums nur 5 Gramm aus dem Brunnen nascht, macht das drei Tonnen Schokolade pro Jahr. Aus einem Brunnen.

Auch hier hatte der Kölner Unternehmer Hans Imhoff wieder den richtigen Riecher. Bei der Konzeption des Museums sah er ausdrücklich diesen Brunnen mit Schokolade vor. Dem Mann mit dem „Herz aus Schokolade“ war klar, dass nur durch eine solch sinnliche Erfahrung das Erlebnis eines Besuchs im Schokoladenmuseums abgerundet wird.

Und damit hatte er Recht. Das Schokoladenmuseum ist eine Institution in Köln. Mit etwa 600.000 Besuchern pro Jahr ist dieses Museum unangefochtener Spitzenreiter bei den Kölner Museen. Auf den weiteren Plätzen landen das Museum Ludwig (216.000 Besucher), das Wallraf-Richartz-Museum (178.000 Besucher), das Museum für Angewandte Kunst und das Kölnische Stadtmuseum (jeweils etwa 80.000 Besucher).1Quelle: https://offenedaten-koeln.de/dataset/besucherzahlen-koelner-museen Allein dieser Erfolg würde Hans Imhoff vor Stolz platzen lassen – hatte er damit doch auch seinen Rivalen Peter Ludwig aus Aachen, der ebenfalls seine Millionen mit Schokolade verdient hatte, ausgestochen.

Imhoff vor seinem wahr gewordenen Traum: Der Schokoladenbrunnen in seinem Schokoladenmuseum, Bild: Schokoladenmuseum Köln
Imhoff vor seinem wahr gewordenen Traum: Der Schokoladenbrunnen in seinem Schokoladenmuseum, Bild: Schokoladenmuseum Köln

Stollwerck-Fundus ist Grundstock für Museum

Für die Schokoladen-Millionäre in Deutschland gehören Museen zum guten Ton: Die Kunstsammlungen von Peter Ludwig sind neben dem Kölner Museum Ludwig in achtzehn weiteren Museen in fünf Ländern zu finden. Die Familie Sprengel überließ der Stadt Hannover ihre Kunstsammlung, die heute im Sprengel Museum zu finden ist. Doch Kunst war nicht das Metier von Hans Imhoff. Ihm schwebte ein Denkmal in Form eines Museums für Schokolade vor. Oder – um es mit seinen eigenen Worten zu sagen „Köln braucht ein Schokoladenmuseum“.

Wie gut, dass dem Unternehmer Imhoff beim Umzug der Stollwerck-Produktion von der Kölner Südstadt in die modernen Produktionsstätten nach Westhoven zahlreiche „Schätzchen“ auffielen. Darunter waren alte Plakate, Fotos, Maschinen, Akten oder Verkaufsautomaten, die entsorgt werden sollten. Imhoff erkannte sofort den Wert dieses Schatzes und sorgte dafür, dass diese zunächst eingelagert und später aufgearbeitet wurden. Somit gab es bereits einen Grundstock für ein Museum.

Exponate aus der Stollwerck-Geschichte im Schokoladenmuseum, Bild: Palickap, CC BY-SA 4.0
Exponate aus der Stollwerck-Geschichte im Schokoladenmuseum, Bild: Palickap, CC BY-SA 4.0

Ausstellung „Kulturgeschichte der Schokolade“ als Generalprobe im Gürzenich

Doch es gab große Skepsis: Kann ein Museum zur Schokolade interessant sein? Imhoff wagte ein Experiment: Zum 150jährigen Stollwerck-Firmenjubiläum wurde im Kölner Gürzenich vom 8. Juli bis 20. August 1989 die große Ausstellung „Kulturgeschichte der Schokolade“ gezeigt. Mit Informationen zur Herkunft des Kakaos, einer kleinen Schokoladenfabrik, welche die Produktion praktisch vorführte und den Exponaten, die eigentlich für den Müll bestimmt waren. Herzstück der Ausstellung: Ein erster Schokoladenbrunnen, den die Techniker des Unternehmens auf Anordnung des Firmenchefs eigens entwickeln mussten.

Imhoffs Wette mit sich selbst: Sollten zu der Ausstellung mehr als 60.000 Besucher kommen, will er anschließend sein Schokoladenmuseum realisieren. Tatsächlich kamen mehr als 320.00 Besucher. Ein unglaublicher Erfolg. Und somit der Beweis für Imhoff, sein Lebenswerk mit einem Schokoladenmuseum zu krönen.

Mehr als 50 Millionen Mark aus Privatvermögen

Dem Unternehmer Imhoff war klar, dass er hier nicht halbherzig agieren konnte: „Was braucht Köln? Köln braucht ein Schokoladenmuseum. Köln braucht das DAS Schokoladenmuseum. Einzigartig in der Welt. Es kann uns keiner vormachen, es kann uns keiner nachmachen, es kann noch nicht mal jemand kritisieren. Es ist einmalig. Es wird so schön, dass Ihnen das Herz höherschlägt.“, so der Unternehmer in einem Interview des WDR-Fernsehens.

Imhoff stellte mehr als 50 Millionen Mark aus seinem Privatvermögen zur Verfügung. Doch wo sollte das Museum seinen Platz finden? Mit der Aufgabe der Standortsuche betraute er seine Frau Gerburg Klara Imhoff. Die Stadt offerierte den Imhoffs eine alte, baufällige Halle mitten im Rheinauhafen – zu einer Zeit, als der Rheinauhafen noch nicht das edle Gelände voller schicker Wohnungen, der Kranhäuser und nobler Restaurants war. Das Unternehmerpaar lehnte ab und sichtete weiter – ein repräsentatives, großes Grundstück näher an der Innenstadt.

Schließlich kaufte Imhoff am 23. Januar 1992 das alte preußische Zollamtsgebäude am Rhein inklusive Malakoffturm und Drehbrücke. Und schnell rückten die Baukräne an. Schon am 31. Oktober 1993, wurde das Museum feierlich eröffnet. Hans Imhoff hatte sein Ziel erreicht: Er verewigte sich selbst in der Geschichte Kölns.

Partner des Schokoladenmuseums ist der Schweizer Schokoladenhersteller Lindt & Sprüngli. Bild: Schokoladenmuseum Köln GmbH
Partner des Schokoladenmuseums ist der Schweizer Schokoladenhersteller Lindt & Sprüngli. Bild: Schokoladenmuseum Köln GmbH

Immer noch zentral: Der Schokoladenbrunnen

Heute bietet das Museum einen Rundgang durch 5.000 Jahre Kulturgeschichte der Schokolade. Inklusive einem Tropenhaus mit Kakaobäumen, den von Imhoff geretteten Plakaten, alten Maschinen und Stollwerck-Archivalien und einer gläsernen Schokoladenfabrik, in der tatsächlich produziert wird.

Das Tropenhaus im Kölner Schokoladenmuseum mit echten Kakaopflanzen, Bild: Schokoladenmuseum Köln GmbH
Das Tropenhaus im Kölner Schokoladenmuseum mit echten Kakaopflanzen, Bild: Schokoladenmuseum Köln GmbH

Im April 2002 verkaufte Imhoff den gesamten Stollweck-Konzern für 175 Millionen Euro an den Schweizer Schokoladenkonzern Barry Callebaut AG. In Köln wurde noch bis in das Jahr 2005 Schokolade produziert – dann endet die Ära der Stollwerck-Schokolade in Köln. Das Schokoladenmuseum kooperiert heute mit Lindt & Sprüngli aus der Schweiz und wird von Annette Imhoff, einer Tochter von Hans Imhoff, und ihrem Ehemann Dr. Christian Unterberg-Imhoff geleitet.

Der Schokoladenbrunnen im Kölner Schokoladenmuseum, Bild: I, Noebse, CC BY-SA 2.5
Der Schokoladenbrunnen im Kölner Schokoladenmuseum, Bild: I, Noebse, CC BY-SA 2.5

Und immer noch ist der riesige Schokoladenbrunnen das zentrale Erlebnis eines Besuchs im Schokoladenmuseums. Ein Anblick, an dem man sich kaum sattsehen kann. Folgt man dem Imhoff-Biographen Hans-Josef Joest, verkörpert dieser Brunnen das, was Imhoff einst in diese Branche gebracht hat: Der Heißhunger auf Schokolade. „Ohne einen solchen Genussmoment wie dieser Schokoladenbrunnen wäre für ihn nie ein Museum denkbar gewesen.“


Madeleine Albright, Außenministerin der USA von 1997 bis 2001, Bild: United States Department of State
Madeleine Albright, Außenministerin der USA von 1997 bis 2001, Bild: United States Department of State

Im Schokoladenmuseum wird geheiratet und  wurde Geschichte geschrieben

Das Schokoladenmuseum bietet mit der Bel Etage auch einen Raum für Feiern an. Und als Außenstelle des Standesamts sind hier auch Hochzeiten möglich. Domblick inklusive.

Hier wurde auch Geschichte geschrieben: Als 1999 der G8-Gipfel in Köln stattfindet, nutzt die amerikanische Außenministerin Madeleine Albright das Büro der Museumsdirektorin. Und so kommt im Schokoladenmuseum zuerst die Nachricht an, dass es Frieden im Kosovo-Krieg gibt.


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Ghosttrain – der etwas andere Geisterzug am Heumarkt

Die leere, verlassene Station Heumarkt. Und trotzdem fährt eine Bahn durch. Zumindest akustisch. Bild: Uli Kievernagel
Die leere, verlassene Station Heumarkt. Und trotzdem fährt eine Bahn durch. Zumindest akustisch. Bild: Uli Kievernagel

Um gleich die Erwartungen zu dämpfen: NEIN – es geht nicht um „den“ Geisterzug. Sondern um einen ganz anderen Geisterzug: Den Ghosttrain. Dieser Ghosttrain ist auch nicht nur an Karnevalssamstag unterwegs, sondern täglich. Nur leider  kann man ihn nicht sehen. Nur hören. Und sich wundern.

Nächster Zug: Bitte Zugbeschilderung beachten

Haltestelle Heumarkt, jeden Tag, irgendwann zwischen 20 Uhr und 0 Uhr: Die in Köln bestens bekannte Stimme der KVB kündigt einen Zug an: „Nächster Zug: Bitte Zugbeschilderung beachten.“ Auf der Anzeigentafel erscheint „Sonderzug! Bitte nicht einsteigen“.

Und dann rattert eine durchaus flotte Bahn durch die Haltestelle. Zumindest hört man diese Bahn. Zu sehen ist nichts. Garnichts. Nach zehn Sekunden ist der Spuk vorbei. Und man fragt sich: Was war das denn?

Lautsprecher an!  So hört sich der Ghosttrain an:

Kunstprojekt Ghost Train

Es handelt sich dabei um ein Kunstprojekt des Wiener Künstlers Werner Reiterer (*1964). Dabei fährt ein Geisterzug durch die Haltstelle, lediglich angekündigt durch eine Durchsage und das Geräusch des Zugs.

Dafür wurde zunächst mit 28 Mikrofonen das Geräusch einer durchfahrenden Bahn aufgenommen. Dann wurden  28 Lautsprecher an der Bordsteinunterkante des Bahnsteiges montiert, die für den wartenden Fahrgast unsichtbar sind.

Und täglich, irgendwann zwischen 20 Uhr und 0 Uhr ist es dann soweit: Die Ankündigung ertönt und der Zug fährt durch. Zumindest akustisch. Zu sehen ist nichts. Besonders trickreich: Es gibt keinen festen Fahrplan für den Ghosttrain. Die Fahrt wird von einem Zufallsgenerator ausgelöst. Es ist lediglich technisch sichergestellt, dass der Ghosttrain nur fährt, wenn sich kein anderer Zug in der Haltstellle befindet. Genau dieses „irritierende Moment“ ist erwünscht.

Spiegelung der flüchtigen Mobilität

Dieser Ghosttrain soll, so der Künstler, die flüchtige Mobilität spiegeln. Reiterer spricht hier von einem „Platzebo“, einem Kunstwort aus „Platz“ und „Placebo“. Dieser Platzebo soll einen realen Platz mit einer vermeintlich tatsächlich existierenden, neuen Realität manipulieren.

Dabei ist es dem Künstler wichtig, dass nicht der von ihm bewusst gesetzte Platzebo das Thema ist, sondern der Prozess, der durch ihn ausgelöst wird: Das darüber Sprechen und die daraus resultierende Entwicklung von Gerüchten sollen der eigentliche Effekt sein. Damit sich dieser Effekt nicht abnutzt, fährt der Ghosttrain nur einmal jeden Abend – zu einer vom Zufall bestimmten Zeit. Werner Reiterer dazu: „Jemand der also das Glück haben sollte, die Arbeit in kurzer Zeit mehrmals zu erleben, sollte unbedingt mit Lotto-Spielen anfangen.“

Die attraktive und riesige Zwischenebene der Haltstelle Heumarkt. Gut zu erkennen: Falls es jemals eine Ost-West-U-Bahn geben sollte, sind die Bahnsteige bereits vorbereitet, Bild: Uli Kievernagel
Die attraktive und riesige Zwischenebene der Haltstelle Heumarkt. Gut zu erkennen: Falls es jemals eine Ost-West-U-Bahn geben sollte, sind die Bahnsteige bereits vorbereitet, Bild: Uli Kievernagel

Stationen sollen zum Anziehungspunkt werden

Die Installation Ghosttrain ist Teil eines Wettbewerbs der Kölner Verkehrs Betriebe zur Gestaltung der Haltestellen der neuen Nord-Süd-Bahn. Das dafür bereitgestellte Budget wurde vom Rat auf 1,75 Millionen Euro festgesetzt. Der KVB-Vorstand verspricht sich von den Kunstwerken: „Die hochwertigen und spannenden Entwürfe der ausgewählten namhaften Künstler lassen erwarten, dass die Stationen nicht nur zum Ein-, Um- und Aussteigen genutzt werden. Vielmehr ist anzunehmen, dass sie auch zu einem Anziehungspunkt für Menschen werden, die ein Interesse an Kunst haben und die Kunstwerke im Untergrund betrachten möchten.

Weitere Kunstwerke der neuen Nord-Süd-Bahn sind die großformatigen Wandmalereien am Chlodwigplatz, eine künstlerische Darstellung des Schriftzugs WANDGESTALTUNGNORDSÜDSTADTBAHNKÖLN in der Station Rathaus sowie die Live-Übertragung von Bildern der Halsbandsittiche und der Alexandersittiche am Breslauer Platz.

Dank dieser Kunstwerke ist Köln zumindest im Untergrund sehenswert.


Falls ihr sehen wollt, wie es aussieht, wenn man den Ghosttrain zwar hört aber nicht sehen kann, schaut euch dieses Video von Ralph Sterck (Vorsitzender der FDP-Ratsfraktion im Rat der Stadt Köln) an.


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Das Pumpwerk Schönhauser Straße – Kölns größter Wasserstandsmelder

Das Pumpwerk an der Schönhauser Straße. Die blaue Illumination bedeutet "Pegel unter 2,4 Meter", Bild: Uli Kievernagel
Das Pumpwerk an der Schönhauser Straße. Die blaue Illumination bedeutet „Pegel unter 2,4 Meter“, Bild: Uli Kievernagel

Direkt am Rhein, an der KVB-Haltestelle Schönhauser Straße, befindet sich ein großer, dunkler Kubus.  Auf einer geschwungenen Rampe, die wie eine Welle wirkt, sitzt dieser riesige Klotz. Tagsüber wirkt die dunkle Metallverkleidung abweisend. Aber die begrünte Rampe ist einladend und wird als Rastplatz mit wunderschönem Blick auf den Rhein gerne genutzt.

Tagsüber eher unscheinbar - das Pumpwerk Schönhauser Straße, Bild: Uli Kievernagel
Tagsüber eher unscheinbar – das Pumpwerk Schönhauser Straße, Bild: Uli Kievernagel

Erst mit Einbruch der Dunkelheit entfaltet dieses Gebäude seine ganze Wirkung: Die metallische Außenhaut ist mit tausenden Lämpchen versehen und diese lassen das ganze Gebäude in verschiedenen Farben leuchten. Rot, blau, gelb, grün … der Kubus wechselt die Farben nach einem ganz bestimmten Schema.

Der Pegelstand liegt bei mindestens 5 Metern, das Pumpwerk leuchtet weithin sichtbar in orange, Bild: Superbass, CC BY-SA 3.0
Der Pegelstand liegt bei mindestens 5 Metern, das Pumpwerk leuchtet weithin sichtbar in orange, Bild: Superbass, CC BY-SA 3.0

Unverzichtbar für den Hochwasserschutz

Tatsächlich verbirgt sich hier das große und für den Hochwasserschutz wichtige Pumpwerk Schönhauser Straße. Und sichtbar ist nur der kleinste Teil dieser gewaltigen Anlage. Die starken Pumpen befinden sich unter dem Kubus.

Auslöser für den Bau waren die Hochwasser in den Jahren 1993 und 1995. Als Reaktion verabschiedete der Stadtrat am 1. Februar 1996 das millionenschwere Hochwasserschutzkonzept Köln. Mehr als 470 Millionen DM wurden bewilligt, um die Stadt vor weiteren Hochwasserkatastrophen zu schützen. Gegenstand des umfassenden Konzepts waren die Anschaffung der mobilen Hochwasserschutzwände, die Schaffung von Retentionsräumen und die Investition in starke Pumpwerke.

3.600 Liter Wasser pro Sekunde

Ab einem Pegelstand von sieben Metern schließen sich im Kölner Kanalnetz etwa 700 Absperrschieber, um den Rhein daran zu hindern, das Kanalnetz zu überfluten. Gleichzeitig fällt aber weiterhin Wasser (hauptsächlich Regenwasser) an, welches in den Rhein abgeführt werden muss. Dieses Wasser muss über die Absperrschieber hinweg gepumpt werden. Und genau hier kommen die Pumpwerke ins Spiel.

Das Pumpwerk leuchtet rot - der Wasserstand liegt bei mindestens 6,2 Metern, Bild: Stefan Schilling / Kaspar Kraemer Architekten BDA, CC BY-SA 3.0
Das Pumpwerk leuchtet rot – der Wasserstand liegt bei mindestens 6,2 Metern, Bild: Stefan Schilling / Kaspar Kraemer Architekten BDA, CC BY-SA 3.0

Mit gewaltigen Pumpen wird ein Rückstau im Kanalnetz vermieden. Insgesamt gibt es 35 Hochwasserpumpanlagen in Köln. Allein das im Jahr 2008 gebaute Pumpwerk Schönhauser Straße kann 3.600 Liter pro Sekunde über die Absperrschieber heben. Nur zum Vergleich: Das Pumpwerk würde einen großen Tankwagen in maximal zehn Sekunden füllen. Und um die komplette Jahresmenge an Kölsch aller Kölner Brauereien zu bewegen, bräuchte das Pumpwerk gerade mal 14 Stunden.

Diese maximale Leistung wird bei einem Rheinpegel von 9,50 Metern nötig. Nur so kann verhindert werden, dass die Veedel auch weiter entfernt vom Rhein nicht überflutet werden. Erst ab einem Pegel von 12,40 Metern müssen auch die Pumpwerke kapitulieren – die Stadt würde zu großen Teilen überflutet. Allerdings wurde dieser Wasserstand selbst bei den Jahrhunderthochwassern von 1993 und 1995 nicht erreicht, hier lag der Pegel bei maximal 10,69 Metern.

Bei rot liegt der Pegel über 6 Meter

Mit der Konstruktion des Pumpwerks wurde der Architekt Kaspar Kraemer beauftragt. Und Kraemer gab dem eher funktionalen Gebäude den richtigen „Anstrich“. Denn bestimmend für die jeweils aktuelle Farbe ist der Pegel des Rheins:

  • blau = Pegel unter 2,4 Metern
  • gelb = 2,4 bis 3 Meter
  • mint = 3 bis 3,5 Meter
  • grün = 3,5 bis 4 Meter
  • gelb-orange = 4 bis 5 Meter
  • orange = 5 bis 6,2 Meter
  • rot = Pegel über 6,2 Meter
Fast wie bei Andy Warhol: Das Pumpwerk Schönhauser Straße bei unterschiedlichen Pegelständen, Bilder: Uli Kievernagel
Fast wie bei Andy Warhol: Das Pumpwerk Schönhauser Straße bei unterschiedlichen Pegelständen.

Und so kann der Kölsche schon von weiter Entfernung den Pegelstand des Rheins erkennen und sich bei blau, mint, grün oder orange noch entspannt zurücklehnen.

Und dass es selbst bei rot nicht kritisch wird, ist dem Hochwasserschutzkonzept und den mächtigen Pumpwerken zu verdanken.


Der Kölner Pegel, Bild: Dietmar Rabich
Der Kölner Pegel, Bild: Dietmar Rabich

Sehr bekannt ist auch der Kölner Pegel an der Rheinpromenade in der Altstadt. Mit seinem großen Ziffernblatt zeigt dieser den jeweils aktuellen Pegelstand an.


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Kölner Brücken: Die Severinsbrücke – die schönste Brücke Kölns

Die Severinsbrücke - ein architektonisches Meisterwerk, Bild: datort, CC BY 2.0 DE
Die Severinsbrücke – ein architektonisches Meisterwerk, Bild: datort, CC BY 2.0 DE

Sie ist ein echter Hingucker: Die Severinsbrücke überspannt den Rhein, aufgehangen an einem einzigen, mächtigen Pylon. Gleichzeitig ist die Severinsbrücke aber auch ein Resultat des Umbaus Kölns zur „autogerechten Stadt“.

Ende der 1950er Jahren zeigt Köln auf der einen Seite zwar noch viele Kriegswunden, auf der anderen Seite starten zahlreiche Neubauprojekte. Dabei haben ausgerechnet die Zerstörungen durch die Bombardierungen „Köln zur autogerechten Stadt gemacht“, so der ehemalige Stadtkonservator Ulrich Krings1im Kölner Stadt-Anzeiger vom 21. Oktober 2021. Hauptzweck der städtischen Baupolitik war, dem massiv wachsenden Autoverkehr immer mehr Raum einzuräumen. Und noch heute leiden wir unter dieser Planung der „autogerechten Städte“ – eine Stadtplanung, die maßgeblich an den Bedürfnissen der Autofahrer ausgerichtet ist.

„Projekt Gotenring“

Weil die bis dahin bestehenden Brücken die Verkehrsmassen nicht mehr bewältigen konnten, wurde im Generalverkehrsplan der Stadt Köln neben der Zoobrücke auch die Severinsbrücke geplant. Doch ganz einfach war die Planung nicht: Ganze 39 Entwürfe (!) für das zunächst „Projekt Gotenring“ genannte Bauvorhaben wurden eingereicht und geprüft, bis der Stadtrat sich 1955 dafür entschied, eine mit Schrägseilen seilverspannte Balkenbrücke mit nur einem Pylon zu errichten.

Die Severinsbrücke im Jahr 1961 - noch ohne die Schienen für die Straßenbahn, Bild: Bundesarchiv, B 145 Bild-F010264-0006 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE
Die Severinsbrücke im Jahr 1961 – noch ohne die Schienen für die Straßenbahn, Bild: Bundesarchiv, B 145 Bild-F010264-0006 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE

Steckbrief Severinsbrücke

  • Länge: 691 m
  • Breite: 29,50 m
  • Baubeginn: ab 1956
  • Fertigstellung: 1959
  • Umbau: 1979/80
  • Eröffnung: 7. November 1959

Neben der heute noch attraktiven Optik der Severinsbrücke gab es noch weitere ausschlaggebende Gründe für diese neuartige Konstruktion:

  • Ein praktischer Grund: Ein einziger Pylon im Rhein behindert die Schifffahrt weniger.
  • Ein ästhetischer Grund: Die Sicht auf den Dom wurde die asymmetrische Platzierung des Pylons nicht eingeschränkt.

Schwerer Unfall beim Bau des Fundaments

Um den Pylon zu errichten, war mitten im Rhein ein massives Fundament erforderlich. Für diese Arbeiten wurde ein sogenannter Senkkasten verwendet, ähnlich einer Taucherglocke, ein übliches Verfahren für Unterwasserarbeiten.

Doch am 21. September 1956 bekam dieser Kasten in der Strömung des Rhein Schieflage und lief blitzschnell voller Wasser. Dabei starben fünf Arbeiter. Angeblich sollen noch weitere Arbeiter bei dem Unglück ums Leben gekommen sein, deren Leichen nie geborgen wurden und die somit Teil des Fundamentes wurden. Der Kölner Journalist Hermann Rheindorf hat sich intensiv mit der Brücke und dem Unfall beschäftigt. Aber auch er geht davon aus, dass es sich bei dieser Gruselgeschichte nur um ein Gerücht handelt.

Uns Bröck is fädich

Mit den Worten „Uns Bröck is fädich“ eröffnete am 7. November 1959 der damalige Oberbürgermeister Theo „Döres“ Burauen die Brücke. Adenauer war dabei, Kardinal Frings segnete das Bauwerk und die Brücke war einen ganzen Tag lang nur für Fußgänger zugängig. Doch schon am nächsten Tag wurde die Severinsbrücke für den Autoverkehr freigegeben. Ziel erreicht: Einfach mit dem Auto quer durch die Stadt, auch über den Rhein. Erst 1979 wurde die Brücke umgebaut. Seitdem fahren auch Straßenbahnen hier über den Rhein.

Vier Jahre Kunst auf der Brücke

Im Jahr 1996 erreichte die Brücke einen gewissen Ruhm in der Kunstwelt – und auch bei den Kölschen. Der Künstler HA Schult ließ seine acht Meter große, mit Neonröhren illuminierte Weltkugel per Helikopter ganz oben auf den Pylon der Severinsbrücke installieren.

Früher in schwindelerregender Höhe auf der Severinsbrücke, heute auf dem Dach der DEVK-Versicherung: Die Weltkugel von HA Schult, Bild: DEVK
Früher in schwindelerregender Höhe auf der Severinsbrücke, heute auf dem Dach der DEVK-Versicherung: Die Weltkugel von HA Schult, Bild: DEVK

Doch das beleuchtete Kunstwerk in über 70 Metern Höhe gefiel nicht allen. So wurde die Weltkugel bereits im Jahr 2000 wieder abmontiert und schmückt seitdem das Dach einer Versicherung in der Nähe des Zoos.

Mit ausgebreiteten Armen wacht der Heilige Severin über die nach ihm benannte Severinsbrücke, Bild: Franz-Josef Knöchel
Mit ausgebreiteten Armen wacht der Heilige Severin über die nach ihm benannte Severinsbrücke, Bild: Franz-Josef Knöchel

Nadelöhr Severinsbrücke

Heute wacht der Namensgeber der Brücke, der Heilige Severin, über die Brücke. Und wehe, wenn der Heilige einen Moment mal nicht aufpasst: „Wenn auf der Brücke Störungen auftreten, merkt man das sofort im ganzen Straßennetz.“, so Roman Suthold vom ADAC. Das Nadelöhr Severinsbrücke ist und bleibt unverzichtbar, um den Verkehr in Köln aufrecht zu erhalten.


Kölner Brückengrün

Selbstverständlich erstrahlt die Severinsbrücke im üblichen „Kölner Brückengrün“, auch als „Adenauer-Grün“ bekannt.

Die Severinsbrücke im "Kölner Brückengrün", Bild: Rolf Heinrich
Die Severinsbrücke im „Kölner Brückengrün“, Bild: Rolf Heinrich

Ein Zeitzeuge berichtet

 
Ich habe zu diesem Artikel Post von Günter bekommen, er war damals bei der Eröffnung live dabei:
 
Die Eröffnung ist mir noch ganz gut in Erinnerung. Wir sind mit der ganzen Klasse, wahrscheinlich sogar mit der ganzen Schule dabei gewesen. Ich in vorderster Reihe. An Adenauer und Burauen kann ich mich noch gut erinnern. An Frings nicht mehr. Eines der wenigen Ereignisse aus frühester Kindheit, das haften geblieben ist.

Alle bisher erschienenen Geschichten zu den Kölner Brücken 


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Das Richter-Fenster im Dom – ein Meisterwerk

Das Richter-Fenster am Kölner Dom, Bild: Raimond Spekking
Das Richter-Fenster am Kölner Dom, Bild: Raimond Spekking

Mittags, von etwa 12 Uhr bis 13 Uhr, bei gutem Wetter mit Sonnenschein, ist die Wirkung am stärksten: Das bunte Licht „fällt“ in die Kathedrale, wandert über den Boden und umspielt die massiven Säulen der gigantischen Kathedrale. Das Richter-Fenster im Dom ist vielleicht der Höhepunkt eines Besuchs im Dom. Farbige Lichtpunkte versetzen die Besucher in Erstaunen. Die Kombination aus der majestätischen Kathedrale und dem bunten Licht ist ein echtes Erlebnis.

Meisner: „Eher ein Fenster für eine Moschee“

Unter den Namen „Südquerhausfenster“ kennt kaum einer dieses Kunstwerk. Alle sprechen vom Richter-Fenster. Der Künstler Gerhard Richter (geb. 1932) hat das Fenster entworfen. Und damit zunächst alle vor den Kopf gestoßen.

Der damalige Erzbischof von Köln, Kardinal Joachim Meisner, meinte, dass das Fenster „eher in eine Moschee oder ein anderes Gebetshaus“ passen würde, aber nicht in eine gotische Kathedrale. Seine Abneigung ging so weit, dass er plante, seinen Bischofsstuhl im Dom umsetzen zu lassen, um nicht auf das von ihm so verhasste Fenster blicken zu müssen. Nur durch gutes Zureden vom Dompropst Norbert Feldhoff konnte der sture Meisner von dieser Idee abgebracht werden. 

Rekonstruktion der zerstörten Fenster unmöglich

Geistige Urheberin der Idee, Richter das Fenster gestalten zu lassen, war die Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner. Sie hatte, mit Beginn ihrer Amtszeit im Jahr 1999, vom Domkapitel den Auftrag bekommen, die Neuverglasung des Domquerhauses in Angriff zu nehmen.

Seit dem zweiten Weltkrieg war dort nur eine Notverglasung angebracht: Helle Scheiben mit Ornamenten, die vielleicht einer etwas in die Jahre gekommenen Kneipe angemessen waren. Aber nicht dem wunderbaren Dom.

Das ursprünglich dort angebrachte Fenster zeigte drei Könige und drei Bischöfe. Dieses Fenster wurde bei den Bombenangriffen auf Köln zerstört und konnte nicht wiederhergestellt werden: Die Vorlage der Abbildung lagerte in Berlin und war dort verbrannt, so dass eine Rekonstruktion unmöglich war. Was sich nachträglich als Glück herausstellen sollte.

Erste Ideen, das Fenster mit Bildern von Märtyrern des 20. Jahrhunderts zu gestalten, erwiesen sich als nur sehr schwer realisierbar: Die ausgewählten Personen, darunter die Nonne Edith Stein und Pater Maximilian Kolbe, trugen schwarze Ordensgewänder. Und eine große Fläche mit schwarzem Glas bezeichnete Schock-Werner als „denkbar unglückliches Ansinnen“. Zudem stellte sich die Frage, wie riesige Portraits in etwa 30 Metern Höhe wirken sollten.

Detailansicht des Richters-Fensters, Bild: Geolina163, CC BY-SA 3.0
Detailansicht des Richters-Fensters, Bild: Geolina163, CC BY-SA 3.0

11.263 Farbquadrate

So kam es, dass die Dombaumeisterin bei einem Empfang eher zufällig auf Gerhard Richter stieß. Und ihn bei einem Glas Sekt ungeniert fragte, ob er nicht die Gestaltung des Fensters übernehmen könnte. Richters direkte Antwort: „Ich kann das ja mal probieren. Aber damit das gleich klar ist: Dafür werde ich kein Geld nehmen.“

Und Richter machte sich an die Arbeit. Nach einem halben Jahr präsentierte er die ersten Entwürfe: Der Künstler hatte eine Reproduktion seines Bildes „4096 Farben“ zerschnitten und hinter das Maßwerk der Fenster geklebt. Farbige Quadrate, scheinbar willkürlich hinter einem gotischen Kirchenfenster. Barbara Schock-Werner war fassungslos, das Domkapitel zunächst konsterniert: Farbige Quadrate statt figürliche Darstellungen von Heiligen?

Erst 18 Entwürfe und vier Jahre später waren nicht nur die Dombaumeisterin sondern auch das Domkapitel überzeugt: Das 106 Quadratmeter große Fenster wurde mit insgesamt 11.263 Farbquadraten in Bierdeckelgröße in 72 Farben gestaltet. Die einzelnen Quadrate wurden nach dem Zufallsprinzip angeordnet, wobei Wiederholungen und Spiegelungen von Richter ausdrücklich vorgesehen waren. So spiegeln sich die Bahnen eins und drei, zwei und fünf sowie vier und sechs.

An einigen wenigen Stellen korrigierte Richter die zufällige Verteilung, um eine Gegenständlichkeit zu vermeiden, wie etwa eine durch blaue Quadrate gebildete Ziffer „1“ im unteren Bereich.

Strenge Geometrie

Gerhard Richter arbeitete wie versprochen ohne Honorar, trotzdem mussten die Herstellungskosten von etwa 370.000 Euro aufgebracht werden. Das Domkapitel ging dafür kötten und etwa 1.200 Spender finanzierten das neue Fenster.

Dann ging es an die konkrete Umsetzung und den Einbau des Fensters. Kein leichtes Unterfangen, denn die einzelnen Quadrate mussten exakt zueinander ausgerichtet werden. Sollte auch nur ein kleiner Versatz entstehen, würde das bei der zugrundeliegenden strengen Geometrie sofort auffallen.

Das Richter-Fenster "malt" bunte Farben in den Dom, Bild: Geolina163, CC BY-SA 3.0
Das Richter-Fenster „malt“ bunte Farben in den Dom, Bild: Geolina163, CC BY-SA 3.0

Grandiose Wirkung

Bis zur feierlichen Einweihung des Fensters stieg die Spannung in der gesamten Stadt. Die Baustelle war durch eine Plane abgedeckt, nach dem Einbau verhinderte ein schwarzer Vorhang den Blick auf das Fenster.

Als der Vorhang am 25. August 2007 fiel1Kardinal Meiser war bei der feierlichen Einweihung nicht dabei – er hatte sich  an diesem Tag eine Dienstreise nach Polen gegönnt., fielen auch Barbara Schock-Werner und Gerhard Richter ganze Felsbrocken vom Herzen. Die Wirkung des Fensters war vom ersten Moment an grandios – und ist es heute noch.

Schock-Werner dazu: „Rund 80 Prozent aller Besucher im Dom finden das Richter-Fenster ganz toll und kommen immer wieder, um zu gucken. Viele Fans kommen sogar zu unterschiedlichen Zeiten, um das Fenster in verschiedenen Lichtsituationen zu erleben.“

Und das solltet ihr auch tun! Am besten mittags zwischen 12 und 13 Uhr, wenn die Sonne genau ins Fenster scheint.


Erinnerung an Karneval?

Böse Zungen behaupten, das Richter-Fenster würde den Kölschen nur deshalb so gut gefallen, weil es sie an ein beliebtes Karnevalskostüm erinnert:
`Ne Lappenclown. Ist natürlich Quatsch. Wobei …

Detailansichten: Lappenclown (links), Richter-Fenster (rechts), Bilder: Uli Kievernagel
Detailansichten: Lappenclown (links), Richter-Fenster (rechts), Bilder: Uli Kievernagel

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Abbau des Gerüstes am Nordturm des Doms

Mit einem riesigen Kran wird im Oktober 2021 das Gerüst am Nordturm entfernt, Bild: Klaus Wilsberg
Mit einem riesigen Kran wird im Oktober 2021 das Gerüst am Nordturm entfernt, Bild: Klaus Wilsberg

Mit einem Kran wurde am Donnerstag, 7. Oktober 2021, das Gerüst am Nordturm abgehangen. Dieses Gerüst hing dort seit 2011.

Geht mal hin und genießt den Blick auf unseren staatsen Dom. Zumindest beim Blick auf die Westfassade mit dem Hauptportal und den beiden Türmen stört kein Gerüst den Blick auf das majestätische Bauwerk.

Woanders wird aber weitergearbeitet – denn am Dom wird immer irgendwo geschraubt, gehämmert, gesägt. Und das ist gut, denn:

„Wenn der Dom fertig ist, geht die Welt unter.“

Aber das wird ja nicht passieren.

Kurz bevor der Kran das Gerüst abnimmt, Bild: Klaus Wilsberg
Kurz bevor der Kran das Gerüst abnimmt, Bild: Klaus Wilsberg

Der kölsche Knast Teil V: Die JVA Ossendorf

Ein Teil der 1,3 Kilometer langen Gefängnismauer der JVA Ossendorf, Bild: Knöchel, Franz-Josef / CC-BY-SA-4.0
Ein Teil der 1,3 Kilometer langen Gefängnismauer der JVA Ossendorf, Bild: Knöchel, Franz-Josef / CC-BY-SA-4.0

1969 war es soweit: Der legendäre Klingelpütz in der Kölner Innenstadt wurde geschlossen und in Ossendorf die neue, damals sehr moderne,  Justizvollzugsanstalt (JVA) eröffnet: Bei etwa gleicher Anzahl von Haftplätzen (ca. 1.100) fast hat die JVA Ossendorf eine etwa 10fach größere Grundfläche als der alte Klingelpütz in der Innenstadt. Und: Es gibt fast ausschließlich Einzelzellen.

Prominenz in der JVA Ossendorf

Im Laufe der Zeit haben etliche durchaus prominente Häftlinge in der JVA Ossendorf eingesessen, darunter:

  • Iwan Herstatt, der mit der Herstatt-Bank im Jahr 1974 eine spektakuläre Bankenpleite zu verantworten hatte.
"Kanzlerspion" Günter Guillaume und Kanzler Willy Brandt bei einem Parteitag zwischen 1970 und 1974 in Düsseldorf, Bild: Pelz, CC BY-SA 3.0
„Kanzlerspion“ Günter Guillaume und Kanzler Willy Brandt bei einem Parteitag zwischen 1970 und 1974 in Düsseldorf, Bild: Pelz, CC BY-SA 3.0
  • Der „Kanzlerspion“ Günter Guillaume, der für die DDR im Bundeskanzleramt spionierte und im April 1974 enttarnt wurde.
Ulrike Meinhof wird in der JVA Köln-Ossendorf mit Gewalt bei einer Gegenüberstellung Zeugen vorgeführt (1973), Bild: Bundesarchiv / Presse- und Informationsamt der Bundesregierung / CC-BY-SA 3.0
Ulrike Meinhof wird in der JVA Köln-Ossendorf mit Gewalt bei einer Gegenüberstellung Zeugen vorgeführt (1973), Bild: Bundesarchiv / Presse- und Informationsamt der Bundesregierung / CC-BY-SA 3.0
  • Die RAF-Terroristen Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin, Andreas Baader, Holger Meins, Jan-Carl Raspe waren in Ossendorf inhaftiert, bevor sie 1974 nach Stuttgart-Stammheim verlegt wurden.
  • Von November 2011 bis März 2013 war Beate Zschäpe, Angeklagte im NSU-Prozess, in Ossendorf inhaftiert.
  • Auch die Kölner Unterweltgröße Anton „Lange Tünn“ Claaßen hat zweieinhalb Jahre im Klingelpütz gesessen.
  • Aktuell (Stand September 2021) sitzt auch der als Reemtsma-Entführer bekannt gewordene Thomas Drach in Ossendorf in Haft.

Mehr als nur „Verwahrung“ 

Häftlinge in Ossendorf haben die Möglichkeit, einen Schulabschluss einen Schulabschluss (Hauptschule, Mittlere Reife oder Fachabitur) nachzuholen oder eine Berufsausbildung abzuschließen. Aktuell stehen 73 Ausbildungsplätze zur Verfügung, ausgebildet wird in den folgenden Berufen:

  • Friseurhandwerk
  • Schneiderhandwerk 
  • Bürokommunikation 
  • Textilreinigung.

Geschichte wiederholt sich: JVA Ossendorf soll abgerissen werden

Genau wie auch der Klingelpütz in den 1960er Jahren ist mittlerweile auch die JVA Ossendorf in die Jahre gekommen. Es schimmelt in den Zellen, der Brandschutz ist veraltet und auch die Elektrik entspricht nicht mehr dem Stand der Technik. Außerdem sind die Zellen zu klein: Das Gesetz schreibt mindestens 10,5 Quadratmeter vor – die Einzelzellen in Ossendorf sind mit 8,5 Quadratmeter zu klein.

Besuchereingang der JVA Ossendorf, Bild: A. Savin / CC BY-SA 3.0
Besuchereingang der JVA Ossendorf, Bild: A. Savin / CC BY-SA 3.0

Nach ersten Planungen sollte der Spatenstich für den Neubau bereits 2020 erfolgen. Tatsächlich verzögert sich der Baubeginn, weil zunächst die Ausweichquartiere für die Häftlinge in Willich und Münster fertig sein sollten. Allerdings haben massive Anwohnerproteste in Münster dazu geführt, dass dort bis jetzt noch nicht gebaut werden konnte. Dies hat für die JVA Ossendorf zur Folge, dass sich auch dieser Bau um mehrere Jahre verzögert.

So bleibt den Kölnern der „neue Klingelpütz“ noch länger erhalten. Und egal, wie es auch immer mit dem kölschen Knast weitergeht: Für Kölner Spitzbuben gehörte eine Zeit im Klingelpütz – egal ob in Ossendorf oder im alten Klingelpütz in der Innenstadt – einfach zur Ganovenehre:

„Ein richtiger Kölscher aus dem Milieu,
der musste mal im Klingelpütz gewesen sein.
Das musste sein, um mitsprechen zu können.“
Hans-Jürgen „de Duv“ Kuhl, Geldfälscher


Die Geschichte und Geschichten zum Kölschen Knast 


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Der kölsche Knast Teil IV: Der legendäre Klingelpütz

Historische Aufnahme des Klingelpütz, undatiert, vermutlich 1900-1930, Bild: gemeinfrei.
Historische Aufnahme des Klingelpütz, undatiert, vermutlich 1900-1930, Bild: gemeinfrei.

Gute vier Kilometer Luftlinie trennen die Straße Klingelpütz in der Innenstadt und die Justizvollszugsanstalt Ossendorf. Und trotzdem sprechen die Kölner auch beim Ossendorfer Knast nur vom Klingelpütz, manche nennen es auch den „neuen Klingelpütz“. Tatsächlich hat sich im Rheinland der Begriff Klingelpütz für ein Gefängnis eingebürgert. Und wer in den Knast geht, dä jeiht in de Blech.

Der eigentliche Klingelpütz verdankt seinen Namen verschiedenen Brunnen und der Familie Clingelmann. Diese Familie besaß im 13. Jahrhundert am Gereonswall ein Stück Land mit dem Flurnamen domus clingilsmanshus. Auf diesem Land waren mehrere Brunnen. Solche Brunnen nennt der Kölner „Pütz“ (abgeleitet vom lateinischen Wort „puteus“ für Brunnen). Packt man beides zusammen, wird aus dem Land der Familie Clingelmann mit den Brunnen der Klingelpütz.

Hostienwunder führt zu Klostergründung am Klingelpütz

Wie gut für die Familie Klingelmann, dass sich im frühen 14. Jahrhundert ein nicht näher definiertes Hostienwunder dort ereignete. Eine Hostie ist das in den christlichen Kirchen verwendete Brot im Gottesdienst. Als „Hostienwunder“ werden unerklärliche Erscheinungen an geweihten Hostien bezeichnet, zum Beispiel Blut an einer Hostie. Zu Ehren dieses Hostienwunders in Köln stand am Klingelpütz eine Kapelle, zu der sich zahlreiche Pilger aufmachten. Dies wiederum veranlasste den Augustinerorden, 1420 das Land für eine stattliche Summe von der Familie Clingelmann  zu erwerben und dort ein Kloster zu errichten.

1787 geben die Augustiner das Kloster auf. Im Jahr 1833 erwirbt der preußische Staat das Gelände, um hier ein neues, modernes Gefängnis zu errichten. Das war wohl auch bitter nötig, denn die Zustände in der “Bleche Botz“, dem bis dahin genutzten Gefängnis an der Schildergasse, müssen abenteuerlich gewesen sein: Völlige Überbelegung und katastrophale hygienische Zustände.

Arrest- und Correctionshaus am Klingelpütz zu Cöln

Im Mai 1835 beginnen die Bauarbeiten für „Arrest- und Correctionshaus am Klingelpütz zu Cöln“. Gemäß einer Verfügung des preußischen Innenministeriums sollte dieses Gefängnis Platz für 800 Insassen bieten. Knifflig war dabei, dass innerhalb des Klingelpütz die Klassen von Gefangenen strikt getrennt werden sollten.

Verfügung der Kölner Regierung im Jahr 1833 zum Klingelpütz von 1833. Mit "Höherer Bestimmung" war der preussische Innenminister gemeint.
Verfügung der Kölner Regierung im Jahr 1833 zum Klingelpütz von 1833. Mit „Höherer Bestimmung“ war der preußische Innenminister gemeint.

Diese Trennung der Klassen machte es erforderlich, einen Bau mit vier Flügel zu errichten. Allerdings waren die Kassen schon damals leer, sodass zunächst nur drei der vier geplanten Flügel gebaut und 1838 eröffnet werden konnten. Das zur damaligen Zeit top-moderne Gefängnis war aber schnell zu klein. Daher wurden bis zur endgültigen Fertigstellung des vierten Flügels Notgefängnisse im Bayenturm und der Severinstorburg eingerichtet.

Mit Errichtung des vierten, im Jahr 1845 eingeweihten Flügels wurden nicht nur die Notgefängnisse aufgegeben, sondern auch eine wichtige Neuerung im Gefängnisbau eingeführt. Durch den Verzicht auf sämtliche Decken in den Geschoßfluren wurde die Aufsichtsführung wesentlich erleichtert. Licht kam durch ein großes Dachfenster. Somit sah dieser Flügel im Klingelpütz schon so aus, wie man heutige Gefängnisse (hoffentlich nur aus dem Fernsehen) kennt.

Grundriss des Klingelpütz, undatiert, vermutlich um 1900
Grundriss des Klingelpütz, undatiert, vermutlich um 1900

Kontaktaufnahme durch Dachfenster

Der Klingelpütz lag damals mitten in der Stadt, rundherum wurde alles erschlossen und mit Privathäusern bebaut. Dies führte nur dazu, „… dass von einzelnen umliegenden Häusern … Verständigungen mit den Gefangenen durch Zeichen und Winke erfolgten. Selbst Speicherfenster wurden gemietet … um Verbindungen mit den Gefangenen anknüpfen zu können.“, so Blankenhorn, der damalige Direktor des Klingelpütz.

Das zweite Problem war die mangelnde Verfügbarkeit von Grund und Boden, denn der Klingelpütz platzte aus allen Nähten. Es gab verschiedene Erweiterungsentwürfe durch Neubauten oder Aufstockungen. So wurden ab 1892 bis 1896 unter anderem ein spezielles Hafthaus in einem der Innenhöfe errichtet. Vorher musste jedoch das Obergeschoß des mittig gelegenen Oktagons zu einer Anstaltskirche umgebaut werden, da die alte Kapelle dem neuen Hafthaus weichen musste.

Mit diesen und weiteren Umbauten blieb der Klingelpütz bis zum 29. Juni 1943 nahezu baulich unverändert. In dieser Nacht aber fand der Peter-und-Paul-Angriff statt. Dabei wurde auch der Klingelpütz massiv beschädigt. Zwei Drittel der gesamten Bausubstanz wurden zerstört. Erst 1946 wurde mit dem Wiederaufbau begonnen, sechs Jahre später konnten dort wieder knapp 1.000 Häftlinge untergebracht werden.

Unrühmliche Rolle in der NS-Diktatur

Die Nazis machten den Klingelpütz bereits 1933 zur zentralen Hinrichtungsstätte im Rheinland, weil es einen nicht einsehbaren Innenhof gab. Mehr als 1.000 Menschen wurden dort meistens mit einem Fallbeil hingerichtet. Das NS-Dokumentationszentrum listet verschiedene Beispiele für vollstreckte Todesurteile auf:

  • Paul H., geboren 1921 in Saarbrücken: Todesurteil vom 31. Mai 1944, Vollstreckung am 20. Juli 1944 im Klingelpütz. Paul H. wurde nur 23 Jahre alt.
  • Friedrich K., geboren 1918 in Düsseldorf: Todesurteil vom 12. Januar 1943 in Wuppertal wegen Fahnenflucht in 3 Fällen. Am 1. Februar 1944 vom Chef des Ersatzheeres Fromm bestätigt. Am 3. März 1944 wird das Urteil in Köln durch Enthaupten vollstreckt. Friedrich K. wurde nur 26 Jahre alt.
  • Heinrich L., geboren 1917 in Essen: Am 10. März 1944 „aufgrund einer Anzeige aufgegriffen und festgenommen“. Todesurteil vom 30. März 1944 in Wuppertal. Am 21. April 1944 Bestätigung des Urteils durch den Chef des Ersatzheeres Fromm. In den Akten findet sich eine handschriftliche Notiz: „Das Urteil ist am 30. Juni 1944 in Köln durch Enthaupten vollstreckt worden.“. Heinrich L. wurde nur 27 Jahre alt.

Eine weitere Hinrichtungsstätte in Köln war der Dünnwalder Schießplatz.

Verscharrte Leichen im Gefängnishof

Ab 1944 war ein gesamter Flügel des Klingelpütz für die Gestapo reserviert. Die Haftbedingungen müssen unbeschreiblich gewesen sein. Einmannzellen werden dreifach, Zellen für sieben Häftlinge mit bis zu zehn Personen belegt.

Bereits kurz nach Kriegsende im Mai 1945 wurden sieben eilig verscharrte Leichen im Gelände des Klingelpütz ausgegraben. Im Oktober 1945 wurden weitere 80 Leichen gefunden. Diese Menschen wurden erschlagen oder erdrosselt. Es ist davon auszugehen, dass es sich dabei um politische Häftlinge handelte, die eigentlich im Januar 1945 vom Klingelpütz in das Konzentrationslager Buchenwald verlegt werden sollten.

Klingelpütz-Affäre der 1960er Jahre:
„Gelitten und gestorben im Klingelpütz“

In den 1960er Jahren war dem Klingelpütz deutlich anzusehen, dass es sich um ein mittlerweile 120 Jahre altes Gefängnis handelte. Auch aufgrund unzureichender Sicherheitsbedingungen konnten zwischen 1960 und 1969 insgesamt 27 Häftlinge fliehen.

Gleichzeitig wurden im Jahr 1965 massive Misshandlungen im Klingelpütz aufgedeckt. Unter dem Titel „Gelitten und gestorben im Klingelpütz“ berichtete der Kölner Express von den Umständen, welche im Juli 1964 zum Tod des Untersuchungshäftlings Anton Wasilenko geführt hatten.

Wasilenko war wegen Einbruchsverdacht im Klingelpütz in Untersuchungshaft. 28 Tage nach seiner Einlieferung verstarb er. Auf dem Totenschein stand nur „Herzschwäche“. Der Express-Journalist Hans Wüllenweber nahm diesen Todesfall zum Anlass, sich intensiv mit dem Klingelpütz zu beschäftigen.

Der Journalist recherchierte acht Monate lang und deckte auf, dass Häftlinge im Klingelpütz nicht nur mit Fäusten und Knüppel, sondern auch durch Zwangsbäder und Elektroschockbehandlungen misshandelt wurden.

Verletzungen und Misshandlungen durch Aufsichtsbeamte

Auch aufgrund der durch Wüllenweber aufgedeckten Missstände wurde der Leichnam des an vermeintlicher Herzschwäche gestorbenen Häftlings Anton Wasilenkos 1966 exhumiert. Der SPIEGEL schrieb in seiner Ausgabe vom 26. November 1967 dazu: „Das Ergebnis war für die Düsseldorfer Justizherren offenbar so bestürzend, daß sie es fünf Wochen lang geheim hielten. Erst Mitte April gaben sie den Obduktionsbefund preis: Schädelbruch, Rippenbruch, Anzeichen für einen Bluterguß über dem rechten Auge — es war »nicht auszuschließen«, daß die Verletzungen »auf Mißhandlungen durch Aufsichtsbeamte zurückzuführen sind«“. Die Kölner Staatsanwaltschaft war von diesen Berichten offensichtlich wenig beeindruckt: Es wurden zwar fast 80 Zeugen zum Fall Wasilenko angehört, das Verfahren aber „mangels Beweis“ eingestellt.

Zusätzlich wurden auch weitere Misshandlungen bekannt. Ein 19jähriger Häftling hatte sich nach vergeblichem Wunsch um Verlegung erhängt, ein türkischer Gastarbeiter wurde von Mithäftlingen unter „aktivem Wegschauen“ der Wärter erschlagen. Deshalb schaltete sich eine Sonderabteilung der Staatsanwaltschaft ein. Das gesamte Verfahren wurde als „Klingelpütz-Affäre“ bekannt, es wurden 131 Ermittlungsverfahren eingeleitet, 79 dieser Verfahren wurden sehr schnell wieder eingestellt, nur vier Klingelpütz-Wärter wurden verurteilt und einige leitende Beamte suspendiert.

Der Klingelpützpark, im Hintergrund der Kölnturm im Mediapark, Bild: HOWI - Horsch, Willy, CC BY-SA 4.0
Der Klingelpützpark, im Hintergrund der Kölnturm im Mediapark, Bild: HOWI – Horsch, Willy, CC BY-SA 4.0

Sprengung des Klingelpütz

Schon lange vor der Aufdeckung der Klingelpütz-Affäre wurde ein Ersatz für den in die Jahre gekommenen Klingelpütz gesucht. Die Stadt Köln stellte dem Land NRW ein Grundstück in Ossendorf zum Bau der neuen Justizvollzugsanstalt zur Verfügung. Im Tausch dafür erhielt die Stadt Köln das Grundstück des Klingelpütz in der Innenstadt. Allerdings mit der Auflage, dort einen Park zu errichten.

Grundsteinlegung für den neuen Knast in Ossendorf war am 3. November 1961, die offizielle Eröffnung war im Mai 1969. Bereits im Juni 1969 wurde der alte Klingelpütz in der Innenstadt gesprengt. Aus dem Bauschutt der abgerissenen Gebäude wurden Hügel aufgeschüttet und der Klingelpützpark errichtet.

Gedenkstein für die während des Nationalsozialismus im Klingelpütz hingerichteten Menschen. Bildhauer: Hans Karl Burgeff. Bild: Hps-poll, CC BY-SA 3.0
Gedenkstein für die während des Nationalsozialismus im Klingelpütz hingerichteten Menschen. Bildhauer: Hans Karl Burgeff. Bild: Hps-poll, CC BY-SA 3.0

Zur Erinnerung an den Klingelpütz als NS-Hinrichtungsstätte wurde 1979 in diesem Park ein Gedenkstein mit folgender Inschrift enthüllt:

 „Hier wurden von 1933-1945 über tausend von der nationalsozialistischen Willkürjustiz unschuldig zum Tod Verurteilte hingerichtet.“


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Kastell Divitia – Weltkulturerbe op dä „Schäl Sick“

Modell des Kastells Divitia, Bild: Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0

Seit 27. Juli 2021 ist es amtlich: Neben dem Dom haben wir in Köln jetzt ein zweites Weltkulturerbe. Der Niedergermanische Limes ist in die Liste des Welterbes aufgenommen worden.

Bei dem Limes handelt es sich um die von den Römern bis ca. 600 nach Christus angelegten Grenzen. Der aktuell geehrte Abschnitt des Limes beginnt in Rheinbrohl (Rheinland-Pfalz) und endet an der Nordsee. Neben den eigentlichen römischen Grenzanlagen sind auch die dazugehörigen Militäranlagen Teil des Titels Weltkulturerbe.

Das römische Köln im 3. und 4. Jahrhundert in einem Schaubild des Römisch-Germanischen Museums. Gut zu erkennen: Die Konstantinbrücke endet exakt im Kastell Divitia, Bild: Nicolas von Kospoth
Das römische Köln im 3. und 4. Jahrhundert in einem Schaubild des Römisch-Germanischen Museums. Gut zu erkennen: Die Konstantinbrücke endet exakt im Kastell Divitia, Bild: Nicolas von Kospoth

Kastell Divitia als Machtdemonstration

Von außerordentlicher Bedeutung ist dabei das Kastell Castrum Divitensium, von den Rheinländern zu „Divitia“ abgekürzt, im heutigen Deutz. Diese stark befestigte Anlage ist die einzige römische Wehranlage auf der „Schäl Sick“, also im Rechtsrheinischen. Der Rhein bildete die eigentliche Grenze, das Kastell diente als Brückenkopf der Römer im rechtsrheinischen „Land der Barbaren“. Cäsar sprach den „rechtsrheinischen Barbaren jegliches Ro­ma­ni­sie­rungs­po­ten­ti­al ab“.1Lambrecht, Ulrich, Der Rhein im Denken der Römer, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/der-rhein-im-denken-der-roemer/DE-2086/lido/5d63a243246c37.82044604, abgerufen am 18.05.2021.

Dabei diente das Kastell Divitia als Machtdemonstration der Römer. Eusebius von Caesarea, ein ausgesprochener Bewunderer Kaiser Kontantins, schreibt im Jahr 310, noch während des Baus der Konstantinbrücke und des Kastells:

„… Dagegen sind die in Abständen an unserer Seite aufgereihten Kastelle ja mehr als Schmuck denn als Schutz der Grenze gedacht.  … Darüber hinaus verhöhnst Du2hier spricht er Kaiser Konstantin direkt an durch den Brückenbau in Köln die Reste des hart geschlagenen Stammes der Franken. Sie sollen niemals ihr Angstgefühl verlieren, ständig in Schrecken leben, immer um Gnade flehen. Aber Du machst das ja mehr zum Ruhme Deiner Herrschaft und zur Verschönerung der Grenze als um die Möglichkeit zu haben, so oft du willst, ins Feindliche hinüberzuwechseln … „

Das Bronze-Modell des Kastells in einer ganz besonderen Perspektive, Bild: Silke Koenen
Das Bronze-Modell des Kastells in einer ganz besonderen Perspektive, Bild: Silke Koenen

Der Bau des Kastells fand nahezu zeitgleich mit dem Bau der Konstantinbrücke, der ersten festen Brücke über den Rhein, ab etwa 308 nach Christus statt. Das Kastell war quadratisch mit einer Seitenlänge von etwa 140 Metern angelegt. Und die von Eusebius von Caesarea beschriebene Machtdemonstation spiegelt sich in der extrem stark befestigten Anlage wider:

  • Eine rundumlaufende Mauer mit einer Stärke von 3,30 Meter,
  • 14 Wachtürme,
  • zwei massive Tore mit Fallgittern,
  • ein zwölf Meter breiter und drei Meter tiefer Gaben vor der Mauer.

Das Kastell lag exakt in der verlängerten Achse der Konstantinbrücke. So konnten sehr schnell Truppen verlegt werden. Ausgehend von der Größe des Kastells kann man von einer Besatzung von etwa 900 Legionären ausgehen.

Bronze-Modell des Kastell Deutz, Bild: Uli Kievernagel
Bronze-Modell des Kastell Deutz, Bild: Uli Kievernagel

 Wechselvolle Geschichte 

Etwa 40 Jahre nach Fertigstellung des Kastells wurde Köln im Herbst des Jahres Jahr 355 von den Franken belagert. Im Dezember des gleichen Jahres gaben die Römer Köln auf. Nach einer nur kurz währenden Rückeroberung durch Römer in der Zeit von 435 bis 446 endete die römische Vorherrschaft endgültig im Jahr 454. Das Kastell Divitia wurde bereits 401 aufgegeben, die Franken errichteten dort einen Königshof. Im Jahr 1003 wurde das Gelände in ein Benediktinerkloster umgewandelt.

Zum konkreten Abriss des Kastells Divita und der Konstantinbrücke gibt es keine gesicherten Quellen. Möglicherweise wurden beide Bauwerke zwischen zwischen 957 und 965 abgerissen, die Steine wurden zum Bau von St. Pantaleon verwendet. Anfang des 19. Jahrhunderts entstand auf dem Gelände eine preußische Kaserne.

Name bleibt im Ortsteil Düx erhalten

Heute ist von dem Kastell nur noch wenig sichtbar erhalten, da das Gelände im Rahmen der Uferregulierung des Rheins im 19. Jahrhundert, komplett umgestaltet wurde. Der nordwestliche Turm ist Teil des Rheinboulevards, Teile der Außenmauern finden sich in den Gewölbekellern des Klosters Alt St. Heribert.

Der Förderverein Historischer Park Deutz e.V. setzt sich für die Vermittlung von Deutzer Geschichte und Archäologie ein und hat wesentlich darauf hingewirkt, dass das Gelände trotz massiver Baumaßnahmen heute noch einen Einblick in die 1.700jährige Geschichte ermöglicht. Ein besonderer Hingucker: Ein Bronze-Modell des Kastells als Dauerleihgabe an die Stadt. 

Aber auch wen von den ursprünglichen Mauern nicht viel erhalten gelieben ist – der Name des Kastells lebt weiter. Aus Castrum Divitensium wurde DivitiaDuiza, Duytz, Dutze, Duitze, Deutsch, Teutsch bis hin zu Deutz.

Oder – wie die Kölschen es liebevoll nennen: Düx.


Virtuelle Führung

Der Förderverein Historischer Park Deutz e.V. bietet auf seiner Website eine sehenswerte virtuelle Führung an. Lohnt sich!  


Ein weiteres wichtiges Kastell der Römer war das Flottenkastell Alteburg im heutigen Stadtteil Marienburg.


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