100 Jahre Butzweilerhof – Aufstieg, Bedeutung und Wandel eines Kölner Erinnerungsortes

Gemälde des neuen Kölner Flughafen Butzweilerhof aus dem Jahr 1928, Bild: Historisches Luftfahrtarchiv Köln, Werner Müller
Gemälde des neuen Kölner Flughafen Butzweilerhof aus dem Jahr 1928, Bild: Historisches Luftfahrtarchiv Köln, Werner Müller

Gastautor dieses Artikels ist Werner Müller. Seine Leidenschaft gehört der Luftfahrt und insbesondere der Verbindung der Luftfahrt zur Geschichte der Stadt Köln. Werner Müller ist der Initiator des „1. Tag der Kölner Stadtgeschichte“ und Eigentümer des Historischen Luftfahrtarchiv Köln.

Das Historische Luftfahrtarchiv Köln

Das Historische Luftfahrtarchiv Köln erforscht die Geschichte der Kölner Luftfahrt und veröffentlicht diese Geschichte auf der Webseite, in Fernsehdokumentationen und Berichten sowie in Ausstellungen und Vorträgen. Nach über zwanzig Jahren Forschung wurden bisher mehr als 150 Themen1 auf der Website des Luftfahrtarchivs veröffentlicht. Weitere Kapitel sind in Vorbereitung. Diese Webseite ist die weltweit größte Webseite zur Luftfahrtgeschichte einer Stadt – auch deswegen, weil Köln die weltweit reichste Luftfahrtgeschichte hat. Für zukünftige Ausstellungen sind Anschauungsmodelle zur Kölner Luftfahrtgeschichte in Planung.

Werner Müller, Inhaber von Kölns Historischem Luftfahrtarchiv, Bild: Werner Müller
Werner Müller, Inhaber von Kölns Historischem Luftfahrtarchiv, Bild: Werner Müller

Historisches Luftfahrtarchiv Köln
Werner Müller
Fürstenbergstr. 33
51065 Köln
Mobil OI78/62225OO
E-Mail: WM51065@Yahoo.de
www.luftfahrtarchiv-koeln.de/

Bitte beachten: Das Historische Luftfahrtarchiv Köln ist ein rein privates und kein öffentliches Archiv.

In diesem Artikel erläutert Werner Müller die wechselvolle Geschichte des Flughafens „Butzweilerhof“.


Das Portal der Abfertigungshalle des Flughafens Butzweiler Hof aus dem Jahr 1936 , hier ein Foto aus dem Jahr 2009. Bild: Superbass, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Das Portal der Abfertigungshalle des Flughafens Butzweilerhof aus dem Jahr 1936 , hier ein Foto aus dem Jahr 2009. Bild: Superbass, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

100 Jahre Butzweilerhof

Der Butzweilerhof ist einer jener Orte, an denen sich Kölner Stadtgeschichte in ungewöhnlicher Dichte ablesen lässt. Kaum ein anderes Areal der Stadt hat innerhalb von hundert Jahren so viele Funktionen, Bedeutungen und Zuschreibungen erfahren: Militärischer Flugplatz, internationaler Verkehrsflughafen, architektonisches Prestigeprojekt, militärische Kaserne, Konversionsfläche – und heute ein Ort, an dem Mobilität vor allem inszeniert wird. Wer den Butzweilerhof verstehen will, muss ihn als Spiegel technischer, politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen lesen.

Die Fliegerstation Cöln Butzweilerhof im Winter 1912/13, noch im Bau, hier die rückwärtige Ansicht der beiden Fliegerhallen. Bild: Bild: Historisches Luftfahrtarchiv Köln, Werner Müller
Die Fliegerstation Cöln Butzweilerhof im Winter 1912/13, noch im Bau, hier die rückwärtige Ansicht der beiden Fliegerhallen. Bild: Historisches Luftfahrtarchiv Köln, Werner Müller

1913: Die Entscheidung für den Westen der Stadt

Mit der Eröffnung der Fliegerstation Cöln-Butzweilerhof am 1. April 1913 begann die Geschichte eines Luftfahrtstandorts, der von Beginn an strategisch gedacht war. Das Gelände westlich der Stadt auf dem Gelände des Bauernhof Butzweiler Hof, bot flache Flächen und ausreichend Abstand zur dichten Bebauung. Außerdem wurden dort bereits Flugversuche durchgeführt. Die Nutzung war klar militärisch geprägt: Ausbildung, Erprobung, Organisation.

Der Ort war funktional, nicht repräsentativ. Gebäude, Startflächen und Infrastruktur dienten dem Zweck, nicht der Öffentlichkeit.

Der Butzweilerhof - von 1913 bis 1926 Fliegerstation und von 1926 bis 1936 Flughafen, Bild: Historisches Luftfahrtarchiv Köln, Werner Müller
Der Butzweilerhof – von 1913 bis 1926 Fliegerstation und von 1926 bis 1936 Flughafen, Bild: Historisches Luftfahrtarchiv Köln, Werner Müller

„Luftkreuz des Westens“

Zwischen dem 1. Weltkrieg und dem 31. Januar 1926 wurde der Butz als Fliegerstation der britischen RAF und des Australischen Flying Corps genutzt. Mit der Öffnung für den zivilen Luftverkehr ab 1926 begann dann eine Phase, in der der Flughafen zunehmend als Verkehrsinfrastruktur gedacht wurde – nicht mehr ausschließlich als militärischer Raum.

In kurzer Zeit entwickelte sich der Butzweilerhof zu einem bedeutenden Knotenpunkt des westdeutschen Luftverkehrs. Linienflüge verbanden Köln mit nationalen und internationalen Zielen, der Flughafen gewann an wirtschaftlicher und symbolischer Bedeutung. In dieser Phase entstand der Begriff vom „Luftkreuz des Westens“, das Köln, neben Berlin-Tempelhof, zu einem der wichtigsten Luftfahrtstandorte Deutschlands machte.

Der Butzweilerhof, hier nach dem Umbau 1936, war ein beliebtes Ausglugsziel für die Kölner. Bild: Historisches Luftfahrtarchiv Köln, Werner Müller
Der Butzweilerhof, hier nach dem Umbau 1936, war ein beliebtes Ausglugsziel für die Kölner. Bild: Historisches Luftfahrtarchiv Köln, Werner Müller

1936: Architektur als Ausdruck von Macht und Moderne

Mit der Eröffnung des neuen Empfangsgebäudes im Jahr 1936 erreichte diese Entwicklung ihren architektonischen Höhepunkt. Entworfen von Hans Mehrtens, war das Terminal weit mehr als ein Funktionsbau. Es verband moderne Verkehrstechnik mit monumentaler Gestaltung und klaren Achsen – ein Bauwerk, das bewusst Wirkung entfalten sollte.

Der Flughafen wurde zum Schaufenster – nicht nur für Reisende, sondern auch für politische Botschaften.

Auf Grund der Provisorien der ersten zehn Jahre wusste man nun, wie eine Flughafenanlage konzipiert sein muss, um dem steigenden Flugverkehr zu bewältigen. Überall in Deutschland wurden die bisherigen Provisorien in den Jahren 1935 und 1936 durch komplett durchgeplante Flughafenensemble ersetzt.

Brüche und Kontinuitäten: Der Zweite Weltkrieg

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs endete die zivile Nutzung. Der Butzweilerhof wurde nun wieder komplett militärisch genutzt, der Luftverkehr diente nun anderen Zwecken. Zerstörungen, Einschränkungen und Umnutzungen prägten diese Phase. Der Ort verlor seine Rolle als offenes Verkehrstor und wurde Teil der Kriegsinfrastruktur.

Der Flughafen überstand den Krieg zwar nicht unbeschadet, aber als klar lesbare Anlage. Während die Gebäude (Bretterbuden) des „ersten“ Butzweilerhofs am Heiligen Abend 1944 zerstört wurden, blieb der Neubau von 1936 komplett erhalten.

Der Neubau des Butzweiler Hofs von 1936 war erstaunlichwerweise nach dem Krieg überraschend gut erhalten. Bild: Historisches Luftfahrtarchiv Köln, Werner Müller
Der Neubau des Butzweilerhofs von 1936 war erstaunlichwerweise nach dem Krieg überraschend gut erhalten. Bild: Historisches Luftfahrtarchiv Köln, Werner Müller

Nach 1945: Funktionsverlust und Übergang

Nach Kriegsende übernahmen zunächst die britischen Streitkräfte das Gelände. Mit der Eröffnung des Flughafens Köln-Bonn im Jahr 1957 war endgültig klar, dass der Butzweilerhof seine Rolle als internationaler Verkehrsflughafen verloren hatte. Dies lag auch am Standort, der auch auf Grund der größeren Verkehrsflugzeuge, zu nah an der Stadt lag.

Dennoch wurde das Gelände militärisch genutzt. Über Jahrzehnte hinweg war der Butzweilerhof Kaserne, Verwaltungsstandort und logistischer Raum für die britische RAF, die Belgischen Heeresflieger und die Bundeswehr. Diese Phase ist weniger spektakulär, aber entscheidend für das Verständnis des Ortes: Der Flughafen verschwand nicht, er veränderte seine Funktion, ohne seine Identität vollständig zu verlieren.

Das denkmalgeschütztes Hauptgebäude des ehemaligen Flughafens Butzweilerhof, hier im Jahr 2009. Bild: superbass
Das denkmalgeschütztes Hauptgebäude des ehemaligen Flughafens Butzweilerhof, hier im Jahr 2009. Bild: superbass

Konversion und neue Stadtlandschaft

Mit dem Ende der militärischen Nutzung begann eine neue Phase: die Konversion. Der Butzweilerhof wurde Teil eines größeren städtebaulichen Transformationsprozesses. Gewerbe, Medien, Dienstleistungen und neue Verkehrsachsen prägten das Umfeld. Die Historische Gebäude von 1936 wurden unter Denkmalschutz gestellt, die Gebäude der RAF und der Belgier wurden abgerissen.

Dadurch entfernte sich dieser Ort zunehmend von seiner ursprünglichen Funktion. Der Flughafen wurde fragmentiert: Teile blieben sichtbar, andere verloren ihren historischen Zusammenhang. Die Flughafenarchitektur wurde durch die städtebauliche Planung sowie die neuen Wohngebäude erdrückt.

Dass es auch anders geht, zeigt der Flughafen Berlin Tempelhof. Hier wurde die historische Architektur erhalten, wozu auch die Weite des Rollfelds gehört.

Heute: Motorworld Köln Rheinland

Aber nun stand die Frage im Raum was mit diesen Gebäuden passieren sollte. Das Angebot eines Mäzens in diesem historischen Flughafenensemble ein Luftfahrt- und Technikmuseum zu eröffnen, wurde von der Stadt Köln nicht einmal beantwortet.

Der Butzweiler Hof beherbergt heut die „Motorworld Köln“ und ist ein Dienstleistungszentrum rund um Oldtimer- und Sammlerfahrzeuge. Bild: 1971markus@wikipedia.de, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons
Der Butzweilerhof beherbergt heut die „Motorworld Köln“ und ist ein Dienstleistungszentrum rund um Oldtimer- und Sammlerfahrzeuge. Bild: 1971markus@wikipedia.de, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Mit der Eröffnung der „Motorworld Köln Rheinland“ erhielt der Butzweilerhof eine neue, öffentlichkeitswirksame Nutzung. Die denkmalgeschützten Hallen wurden saniert, ergänzt und mit neuen Funktionen versehen. Aber die reiche Luftfahrtgeschichte des Butzweilerhofs wurde nicht mehr beachtet. Automobile Ausstellungen, Werkstätten, Gastronomie und Eventflächen prägen heute das Bild. Dazu wurden umfangreiche Abbruchmaßnahmen innerhalb und außerhalb der historischen Gebäude durchgeführt. Es gab um 2000 in der Stadtpolitik sogar Überlegungen die Hallen abzureißen und nur noch das Hauptportal stehen zu lassen.

Ohne diese Nutzung bestand die Gefahr, dass Teile der historischen Substanz möglicherweise verloren gegangen wären. Trotz Umgestaltung bleiben die Gebäude zugänglich, der Ort ist belebt. Aber ohne die Geschichte sind es nur noch tote Steine.

Kritische Betrachtung: Sichtbarkeit ist nicht gleich Verständlichkeit

Gleichzeitig wirft die Umgestaltung grundlegende Probleme auf: Durch massive bauliche Eingriffe, neue Fassaden, große Durchbrüche und Inszenierungen werden historische Strukturen überformt. [Fußnote: „Überformung“ in der Architektur bezeichnet den gestalterischen Eingriff in ein bestehendes Gebäude (Bestandsbau), bei dem dessen ursprüngliche Struktur, Form oder Erscheinung durch neue architektonische Elemente wesentlich verändert, überlagert oder neu interpretiert werden.] Der Flughafen wird zur Kulisse, seine ursprüngliche Funktion tritt in den Hintergrund. Auf Grund der massiven Umbauten steht auch die Frage im Raum ob der Denkmalschutz noch besteht oder „hintenrum“ abgeschafft wurde.

Der Schwerpunkt auf automobilen Erlebniswelten verschiebt die Erzählung: Der Ort der Luftfahrt wird zum Ort der Mobilitätsvermarktung. Die Luftfahrtgeschichte ist nur noch in externen Archiven vorhanden und somit nicht mehr leitend. Der Zusammenhang zwischen Architektur, Funktion und Zeitgeschichte ist für viele Besucher nicht mehr nachvollziehbar.

Die repräsentative Empfangshalle des Butzweiler Hofs, hier ein Foto aus dem Jahr 2009. Bild: F.412, CC BY 3.0 via Wikimedia Commons
Die repräsentative Empfangshalle des Butzweilerhofs, hier ein Foto aus dem Jahr 2009. Bild: F.412, CC BY 3.0 via Wikimedia Commons

Fazit: Ein Ort mit Verantwortung

Der Butzweilerhof ist kein beliebiges Gelände. Er ist ein historischer Ort mit klarer Identität. Seine Zukunft entscheidet sich nicht allein an wirtschaftlicher Tragfähigkeit, sondern an der Frage, wie Geschichte vermittelt wird.

100 Jahre Butzweilerhof bedeuten Verantwortung: für den Umgang mit Bausubstanz, für historische Zusammenhänge und für die Rolle dieses Ortes im kollektiven Gedächtnis der Stadt. Nutzung und Erinnerung müssen kein Widerspruch sein – aber sie verlangen Sensibilität. Das ist auf dem Butzweilerhof nicht passiert.

Auch der Butzweilerhof bleibt damit einer der vielen Orte in Köln, an dem sich zeigt, dass die Kölner Politik und Verwaltung nicht mit der eigenen Stadtgeschichte umgehen kann.

Autor: Werner Müller, Historisches Luftfahrtarchiv Köln


Ausstellung zum 100. Geburtstag des „Butz“

Am 13. Mai 1926 ging der Flughafen Köln Butzweilerhof in Dienst. Ein Grund, um dies mit einer Ausstellung zu würdigen. Neben dem Historischen Luftfahrtarchiv Köln wird auch das Luftkriegsarchiv Köln und der Verein Industriedenkmal Clouth e.V. eine Ausstellung präsentieren.

  •  Ort: Kulturbunker Mülheim, Berliner Str. 20, 51063 Köln, 1. OG 
  • Haltestelle „Von-Sparr-Straße“ der Linie 4 / Haltestelle „Neuer Mülheimer Friedhof“ Buslinie 153
  • Der Eintritt ist FREI

Öffnungszeiten (alle Zeiten unter Vorbehalt)

  • Samstag, 11. Juli 11:00 – 20:00 Uhr          
  • Sonntag, 12. Juli 11:00 – 20:00 Uhr          
  • Montag,  13. Juli 15:00 – 19:00 Uhr          
  • Dienstag, 14. Juli 15:00 – 19:00 Uhr          
  • Mittwoch, 15. Juli 15:00 – 20:00 Uhr
    Kuratorenführung
  • Donnerstag, 16. Juli 15:00 – 19:00 Uhr          
  • Freitag,  17. Juli 15:00 – 19:00 Uhr
    Vortrag: „Flughafen Köln Butzweilerhof“
  • Samstag, 18. Juli 11:00 – 20:00 Uhr          
  • Sonntag, 19. Juli 11:00 – 20:00 Uhr          
  • Montag, 20. Juli 15:00 – 19:00 Uhr          
  • Dienstag, 21. Juli 15:00 – 19:00 Uhr          
  • Mittwoch, 22. Juli 15:00 – 20:00 Uhr
    Kuratorenführung
  • Donnerstag, 23. Juli 15:00 – 19:00 Uhr          
  • Freitag 14. Juli 15:00 – 19:00 Uhr
    Vortrag: „Die Geschichte der Kölner Luftfahrt“
  • Samstag, 25. Juli 11:00 – 20:00 Uhr          
  • Sonntag, 26. Juli 11:00 – 20:00 Uhr

 
Das Historische Luftfahrtarchiv Köln
Das Historische Luftfahrtarchiv Köln

Das Historische Luftfahrtarchiv Köln

Das Historische Luftfahrtarchiv Köln dokumentiert und erforscht die Geschichte der Kölner Luftfahrt, insbesondere des Flughafens Butzweilerhof. Initiiert wurde es von Werner Müller, der Fotos, Pläne und Zeitzeugnisse sammelt, um dieses Kapitel Kölner Stadt- und Technikgeschichte dauerhaft zu bewahren und öffentlich zugänglich zu machen.

Historisches Luftfahrtarchiv Köln
Werner Müller
Fürstenbergstr. 33
51065 Köln
Mobil OI78/62225OO
E-Mail: WM51065@Yahoo.de
www.luftfahrtarchiv-koeln.de/

Bitte beachten: Das Historische Luftfahrtarchiv Köln ist ein rein privates und kein öffentliches Archiv. 


  • E-Mail-Newsletter

    Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Zum Hören als Podcast oder zum Lesen im Blog.

    Aber immer kurz & knackig, immer subjektiv & voreingenommen. Und immer kostenlos!
    Datenschutz 

    Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


    *Datenschutzerklärung                                               

Ein paar Fragen an Dr. Joachim Oepen – Wie Kölns Neustadt ihre Kirchen bekam

Dr. Joachim Oepen, Leiter des Historischen Archivs des Erzbistums Köln. Bild: Elke Wetzig, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Dr. Joachim Oepen, Leiter des Historischen Archivs des Erzbistums Köln. Bild: Elke Wetzig, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Frank & Uli vom Köln-Ding der Woche sind zu Gast bei Dr. Joachim Oepen. Der Historiker und Archivar leitet das Historische Archiv des Erzbistums Köln. Joachim Oepen hat in Köln Geschichte und Latein studiert. Er ist auch Lehrbeauftragter für für mittelalterliche und frühneuzeitliche Geschichte am Historischen Institut der Universität zu Köln.

Er hat bereits bei den Kölner-Podcast-Tagen mitgewirkt und ist für seine Veröffentlichungen zur Kölner Stadtgeschichte und Kölner Kirchengeschichte bekannt.

Historisches Archiv des Erzbistums Köln

Hier, im Historischen Archiv des Erzbistums, lagern die Erinnerungen der Kölner Kirche in kilometerlangen Regalreihen. Und „kilometerlang“ ist hier keine Übertreibung: Tatsächlich finden sich hier mehr als 13 Regalkilometer Aktenmaterial in diesem Archiv: Urkunden seit dem Mittelalter, unzählige Akten, Kirchenbücher, Briefe und Dokumente.

Zufälligerweise liegt ein ganz besonderes Prunkstück auf dem Tisch von Dr. Joachim Oepen: Die Koelhoffsche Chronik, eine Chronik der Stadt Köln aus dem Jahr 1499.

Die "Koelhoffsche Chronik", eine Chronik über die Stadt Köln aus dem Jahr 1499. Bild: Frank Mausbach
Die „Koelhoffsche Chronik“, eine Chronik über die Stadt Köln aus dem Jahr 1499. Bild: Frank Mausbach

Rund 6000 mittelalterliche Urkunden gehören zu den ältesten Stücken des Archivs. Doch zwischen all den Regalen und Kartons verbirgt sich nicht nur kirchliche Verwaltungsgeschichte, sondern auch ein Stück Stadtgeschichte. Denn ohne die Kirche lässt sich Köln kaum erzählen.

Die Kirchen der Kölner Neustadt

In diesem Podcast geht es um die Kirchen der Kölner Neustadt. Ein wichtiges Thema in Köln, denn immer, wenn man an Kirchen an Köln denkt, kommt zuerst der Dom, dann lange nichts, dann die Romanischen Kirchen.

Aber auch die Kirchen der Neustadt sind beachtenswert. Dr. Oepen ist ein ausgewiesener Fachmann zu diesen Bauten. Er hat bereits 2006 zusammen mit Wolfgang Schaffer das Buch „Kirche, Kanzel, Kloster. Pfarrgründungen, Kirchenbau und Seelsorge in der Kölner Neustadt 1880-1920“ (Greven Verlag, Köln 2006) herausgegeben. 

Oepen / Schaffer: „Kirche, Kanzel, Kloster. Pfarrgründungen, Kirchenbau und Seelsorge in der Kölner Neustadt 1880-1920“ (Greven Verlag, Köln 2006)  
Oepen / Schaffer: „Kirche, Kanzel, Kloster. Pfarrgründungen, Kirchenbau und Seelsorge in der Kölner Neustadt 1880-1920“ (Greven Verlag, Köln 2006)

Als Köln plötzlich doppelt so groß wurde

Wer heute über die Kölner Ringe spaziert, ahnt kaum, was hier vor gut 140 Jahren passierte. Damals verwandelte sich Köln in wenigen Jahrzehnten von einer mittelalterlichen Festungsstadt in eine moderne Metropole. Die Stadtmauer fiel 1881 und rund um die Altstadt entstand ein völlig neues Köln: die Neustadt.

Innerhalb von nur zwei bis drei Jahrzehnten verdoppelte sich Köln – sowohl in der Fläche als auch in der Bevölkerung. Für damalige Verhältnisse war das ein gigantisches Projekt. Mit neuen Straßen, neuen Vierteln und – ganz selbstverständlich – neuen Kirchen. Denn wo plötzlich Zehntausende Menschen wohnen, müssen auch neue Pfarrgemeinden entstehen. Und so begann in der Kölner Neustadt ein Kirchenbauprogramm, welches bis heute das Stadtbild prägt.

Ein „Kirchenkranz“ um die Altstadt

Entlang der Neustadt entstand daher ein Halbkreis großer Kirchenbauten. Von Norden nach Süden gehören dazu:

  • St. Agnes
  • St. Michael
  • Herz Jesu
  • St. Paul
  • Maria Hilf
  • St. Maternus

Sie bilden bis heute so etwas wie einen „kirchlichen Ring“ um die Altstadt.

Auffällig ist dabei: Diese Kirchen wurden bewusst nicht direkt an den Ringen gebaut, sondern meist in der zweiten Reihe – mit ihrer Schauseite zur Ringstraße hin. Das war städtebaulich geplant. An den Ringen selbst standen repräsentative öffentliche Gebäude, während die Kirchen leicht zurückgesetzt waren, aber dennoch sichtbar blieben.

Die Agneskirche, Bild: Harald Ernst, CC BY-SA 3.0 DE
Die Agneskirche, Bild: Harald Ernst, CC BY-SA 3.0 DE

St. Agnes – die Kirche eines Immobilienkönigs

Ganz im Norden steht St. Agnes. Die zweitgrößte Kirche Kölns verdankt ihre Existenz einem Mann, dessen Lebensgeschichte fast schon kölschen Romanstoff liefert: Peter Joseph Roeckerath.

Roeckerath heiratete reich, seine Frau Agnes Schmitz brachte ihm Land vor der Stadtmauer mit in die Ehe. Als die Neustadt bebaut wurde, verwandelte sich dieses Ackerland plötzlich in wertvolles Bauland. Roeckerath wurde zu einem der großen Immobiliengewinner der Stadterweiterung.

Die Kritik kam prompt. Eine Zeitung schrieb damals spöttisch, Roeckerath habe es verstanden, „einen großen Teil des Geldstroms, der mit der Stadterweiterung aus der Erde hervorquoll, in die eigenen Taschen zu lenken“.

Doch der Unternehmer ließ sich nicht lumpen. Er finanzierte die komplette St.-Agnes-Kirche – als Gedächtniskirche für seine verstorbene Frau Agnes. Und weil die Gemeinde ihrem großzügigen Stifter dankbar war, bekam Roeckerath später sogar ein Grab in der Kirche selbst. Ein für einen Laien äußerst seltenes Privileg.

St. Michael am Brüsseler Platz, Bild: HOWI - Horsch, Willy, CC BY 3.0 via Wikimedia Commons
St. Michael am Brüsseler Platz, Bild: HOWI – Horsch, Willy, CC BY 3.0 via Wikimedia Commons

St. Michael – das belgische Viertel bekommt seine Kirche

Weiter südwestlich liegt St. Michael am Brüsseler Platz. Heute kennt man den Platz eher wegen seiner Kneipen und Cafés – und auch dem Ärger über regelmäßige Lärmbelästigung. Die Kirche selbst wird oft übersehen – dabei gehört sie zu den größten Kirchen Kölns.

Sie entstand in einem Viertel, das damals schnell wuchs und vom gehobenen Mittelstand geprägt war. Zunächst wurde dort eine Notkirche errichtet, bevor Anfang des 20. Jahrhunderts der heutige monumentale Bau entstand.

Architektonisch fällt St. Michael aus dem Rahmen: Während die meisten Neustadt-Kirchen neugotisch sind, ist sie neuromanisch gebaut.

Heute geht die Kirche neue Wege: Im Rahmen des Konzepts „Kirche für Köln“ werden hier Konzerte, Theater, Ausstellungen oder Podcast-Events durchgeführt. Dies zeigt, wie Kirchenräume in der modernen Stadt genutzt werden können.

Die Herz-Jesu-Kirche, Bild: Cmcmcm1, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons
Die Herz-Jesu-Kirche, Bild: Cmcmcm1, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Herz Jesu – Kirche mit politischer Botschaft

Eine Besonderheit ist Herz Jesu am Zülpicher Platz. Sie ist die einzige Neustadtkirche, die direkt an den Ringen steht. Das war kein Zufall. Der Bau war ein Statement.

Der Name „Herz Jesu“ hat nämlich eine politische Dimension. Nach dem Kulturkampf zwischen dem preußischen Staat und der katholischen Kirche gewann die Herz-Jesu-Verehrung enorme Bedeutung. Die Kirche wurde so zu einem sichtbaren Zeichen katholischer Identität.

Auch architektonisch setzte man auf große Namen: Mit Vinzenz Statz und Friedrich von Schmidt verpflichtete man zwei der bedeutendsten neugotischen Architekten ihrer Zeit.

Dir Kirche St. Paul in der Neustadt-Süd. Bild: Raimond Spekking
Dir Kirche St. Paul in der Neustadt-Süd. Bild: Raimond Spekking

St. Paul – Schokolade für den Papst

Im Volksgarten-Viertel entstand St. Paul. Hier lebte vor allem wohlhabendes Bürgertum – darunter der berühmte Schokoladenfabrikant Ludwig Stollwerck.

Und der wusste, wie man Werbung macht. Bei einer Audienz überreichte er dem Papst eine Schachtel Stollwerck-Pralinen. Außen war der Kölner Dom abgebildet, innen ein Bild der zukünftigen Kirche St. Paul. Eine frühe Form von kirchlichem Marketing – oder, wie man heute sagen würde: Produktplatzierung.

Der Turm der Kirche wurde im Krieg zerstört und nie vollständig wieder aufgebaut. Deshalb wirkt er bis heute ein wenig „abgeschnitten“.

Die Maria-Hilf-Kirche in der Kölner Südstadt, Bild: HOWI - Horsch, Willy, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons
Die Maria-Hilf-Kirche in der Kölner Südstadt, Bild: HOWI – Horsch, Willy, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons

Maria Hilf – die übersehene Kirche

Zwischen St. Paul und St. Maternus liegt Maria Hilf – eine Kirche, die viele Kölner kaum wahrnehmen. Das liegt auch daran, dass sie nicht frei auf einem Platz steht, sondern direkt in die Häuserzeile integriert ist.

Ursprünglich war sie die Kirche eines Klosters und später eine Pfarrkirche für das Arbeiterviertel rund um die Elsassstraße. Dort wollte die Kirche gezielt soziale Arbeit leisten – auch als Antwort auf die starke Arbeiterbewegung jener Zeit.

Heute erinnert nur noch wenig an den ursprünglichen neugotischen Bau, da die Kirche im Krieg stark zerstört wurde.

St. Maternus in der Kölner Südstadt, Bild: Cmcmcm1, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
St. Maternus in der Kölner Südstadt, Bild: Cmcmcm1, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

St. Maternus – die unvollendete Kirche

Ganz im Süden der Neustadt steht St. Maternus. Sie ist die jüngste der Neustadtkirchen und wurde 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, fertiggestellt. Der geplante hohe Turm wurde jedoch nie vollendet. Bis heute ragen nur zwei „Türmchen“ ein wenig über das Kirchendach hinaus.

Architektonisch zeigt sich hier bereits ein Übergang: Neben neugotischen Elementen finden sich erste Einflüsse des Jugendstils.

Kirchen zwischen Vergangenheit und Zukunft

Die Neustadtkirchen erzählen viel über Köln: Vom rasanten Wachstum der Stadt, reichen Stiftern und sozialem Engagement, von politischen Konflikten und vom Wandel kirchlichen Lebens.

Viele dieser Kirchen sind heute keine klassischen Pfarrkirchen mehr. Gemeinden wurden zusammengelegt, Mitgliederzahlen sinken. Doch gleichzeitig entstehen neue Ideen: kulturelle Nutzung oder soziale Projekte.

Wer durch die Neustadt spaziert, merkt schnell: Diese Kirchen sind nicht nur Bauwerke – sie sind steinerne Kapitel der Kölner Stadtgeschichte.

Vielleicht zeigt sich auch in diesen Bauwerken wieder einmal eine typisch kölsche Fähigkeit: Sich zu verändern, ohne die Geschichte zu vergessen.


Dr. Wolfgang Oepen (Mitte), Leiter des Historischen Archivs des Erzbistums Köln, Bild: Yannick Mausbach
Dr. Joachim Oepen (Mitte), Leiter des Historischen Archivs des Erzbistums Köln, Bild: Yannick Mausbach

Kölsche Fragen an Joachim Oepen

Genau wie alle anderen Menschen in der Rubrik „Ein paar Fragen an …“ hat auch Joachim Oepen zu unseren „kölschen Fragen“ Rede und Antwort gestanden.

Wenn nicht in Köln, wo sonst könnten Sie wohnen? Und warum gerade dort?

Da gibt es gleich zwei Städte: Brügge oder in Rom. Beide, wie Köln, mit einer ähnlich reichen Geschichte und einfach wundervolle Städte.

Welche kölsche Eigenschaft zeichnet Sie persönlich aus?

Dazu sollte man bitte andere Menschen, die mich gut kennen,  wie zum Beispiel meien Frau oder meine Kinder fragen, denn sonst wäre es am Ende nur gestrunzt.1„Strunzen“ meint laut Adam Wrede „prahlen, großtun, großsprecherich übertreiben“.

Nehmen wir mal an, Sie sind übermorgen Oberbürgermeister in Kölle. Was würden Sie ändern?

Da würde mir ganz viel einfallen. Aber aus aktuellem Anlass würde ich dafür sorgen, dass das Kölner Stadtmuseum wieder ins Zeughaus kommt. In ein Umfeld, in dem die Stadtgeschichte Kölns angemessen präsentiert werden kann.

St. Ursula, eine der zwölf großen romanischen Kirchen Kölns, Bild: Hans Peter Schaefer, Hps-poll, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
St. Ursula, eine der zwölf großen Romanischen Kirchen Kölns, Bild: Hans Peter Schaefer, Hps-poll, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Wo ist Ihr Lieblingsplatz in Köln?

Da halte ich es mit Heinrich Böll: Genau wie er liebe ich die Romanischen Kirchen Kölns.

Welche Kölnerinnen oder Kölner haben Sie beeinflusst oder beeindruckt?

Finde ich ganz schwierig. Da könnte ich mit meinen Eltern anfangen. Dazu zählen aber auch allerhand Menschen, die ich in meinem Lebensweg kennengelernt habe.

Was machen Sie zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch?

Fastelovend fiere!

Wie heißt Ihre kölsche Lieblingskneipe?

Auch da gibt es mehrere. Zum einen wird der Wirtz in der Isabellenstraße, da haben sich meine Großeltern kennengelernt. Dann noch die Schreckenskammer und die „Kleine Glocke“.

Welches ist ihr Lieblingskölsch?

Ganz klar Reissdorf. Das kommt, wie ich, aus dem Severinsviertel.

Halve Hahn, Bild: Superbass / CC-BY-SA-4.0 (via Wikimedia Commons)
Der Halve Hahn, das kölsche Lieblingsgericht von Dr. Joachim Oepen, Bild: Superbass / CC-BY-SA-4.0 (via Wikimedia Commons)

Haben Sie auch ein kölsches Lieblingsgericht?

Ja, klar: Halve Hahn. Kleine Mahlzeit zwischendurch und schön vegetarisch. Immer mit vell Öllig und Mostert.

Ihr Lieblingsschimpfwort auf Kölsch?

Da fallen mir auch mehrere ein, zum Beispiel Pimock, Flaabes oder Kniesbüggel. Ich finde die kölschen Schimpfworte sind nicht verletzend, bringen aber die Dinge klar auf den Punkt.

Bitte vervollständigen Sie den Satz:  Köln ist …

… ein Traum!


E-Mail-Newsletter

Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Zum Hören als Podcast oder zum Lesen im Blog.

Aber immer kurz & knackig, immer subjektiv & voreingenommen. Und immer kostenlos!
Datenschutz 

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Der Tanzbrunnen: Vom „Messebrunnen“ zur kölschen Kultstätte

Der Kölner Tanzbrunnen direkt am Rheinufer, Bild: Koelncongress GmbH
Der Kölner Tanzbrunnen direkt am Rheinufer, Bild: Koelncongress GmbH

Wer heute am Tanzbrunnen steht, sieht Bühne, Schirme und genießt den Blick auf Dom und Rhein. Was man nicht sofort sieht: Hier liegt ein echtes Stück Kölner Stadtgeschichte unter den Füßen.

Im Rahmen der Kölner Werkbundausstellung legten Theodor Nußbaum und Josef Giesen am heutigen Tanzbrunnen um 1930 eine Schmuckanlage mit einem mittigen Kreisbecken und einer Brunnenanlage an. Vorher stand dort das Preußischen Fort XV, als Teil des inneren Festungsrings. Die gesamte Anlage bekam den eher nüchternen Namen „Messebrunnen“.

Ab 1939 Messelager Köln

Ab 1939 entstand auf dem Gelände der Messe das „Messelager Köln“. Teil dieses Lagers war auch ein Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald. Die dort untergebrachten Häftlinge wurden in der ab etwa 1941 von Bomben zunehmend zerstörten Stadt zur Trümmerbeseitigung, zur Bergung von Leichen und zur Blindgängerentschärfung gezwungen.

Gedenktafel an den Rheinhallen (ehemalige Messehallen) zur Erinnerung an das Messelager. Bild: Raimond Spekking
Gedenktafel an den Rheinhallen (ehemalige Messehallen) zur Erinnerung an das Messelager. Bild: Raimond Spekking

Neben diesem Lager gab es auf dem Gelände auch noch ein Gefängnis der Gestapo, ein Kriegsgefangenenlager und ein spezielles Lager für Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Die Inschrift auf dem Mahnmal lautet: 

„Messegebäude, Messegelände und der anschließende Bereich bis hin zum Tanzbrunnen waren währen des zweiten Weltkrieges ein zentraler Ort der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Köln.
Hier befand sich eine Reihe von Lagern: Ein Außenlager des KZ Buchenwald, Lager für Kriegsgefangene sowie Zwangsarbeiter, ein Sonderlager der Gestapo für deutsche und ausländische Häftlinge. Von hier aus gingen die Transporte in die Konzentrationslager ab und 1940 wurden Sinti und Roma sowie zwischen 1941 und 1944 Juden deportiert.
Hunderte kamen in den Lagern und bei Arbeitseinsätzen ums Leben.
Tausende Männer, Frauen und Kinder wurden von hier aus in den Tod geschickt.“

An die Deportation der Sinti und Roma heute auch noch der Schriftzug „Mai 1940 – 1000 Roma und Sinti“. Dieser Schriftzug wurde von Gunter Demnig verlegt. Im Portal KuLaDig1Antonia Frinken: „Mai 1940 – 1000 Roma und Sinti“. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-355659 , abgerufen: 4. Mai 2026 lautet es dazu: 

Bereits vor dem Projekt „Stolpersteine“, das heute das weltweit größte dezentrale Mahnmal ist, betätigte sich Gunter Demnig erinnerungspolitisch.
50 Jahre nach den ersten Deportationen aus Köln entstand im Mai 1990 in Zusammenarbeit mit dem Kölner Rom e.V., der sich für vor dem Jugoslawienkrieg geflüchtete Rom*nja einsetzt, und mit Erlaubnis der Stadt Köln der Schriftzug „Mai 1940 – 1000 Roma und Sinti“. Demnig brachte ihn zunächst als Spur mit weißer Lackfarbe und einer selbst gebauten Druckwalze auf die Gehwege entlang der Straßen auf, die die verfolgten Familien im Mai 1940 auf ihrem Weg zum Sammellager auf dem Messegelände nahmen.
Daraufhin erhielt der Rom e.V. sowohl Unterstützungsbekundungen als auch Aufforderungen, den Schriftzug zu entfernen.
Inzwischen wurde die Spur an verschiedenen Stellen als Messing-Schriftzug verewigt, unter anderem an der Kreuzblume vor dem Kölner Dom, auf der Venloer Straße, vor dem NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln und in der Bobstraße nahe der Mauritiuskirche.“

Schriftzug zur Erinnerung an die Deportation der Sinti und Roma, Bild: Avi1111 dr. avishai teicher, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Schriftzug zur Erinnerung an die Deportation der Sinti und Roma, Bild: Avi1111 dr. avishai teicher, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Architektur, die Geschichte schreibt

Nach dem Krieg wurde hier ein neuer Brunnen gebaut. Der Clou: Ein begehbares Rondell über der Wasserfläche, welches auch als Tanzfläche diente. Fortan wurde aus dem „Messebrunnen“ der Tanzbrunnen. Mit der Bundesgartenschau 1957 bekam der Tanzbrunnen ein Gesicht, das bis heute prägt: Frei Otto entwarf das legendäre Sternwellenzelt. Leicht, elegant, fast schwebend – und später Vorbild für die Dächer des Münchner Olympiaparks.

In den 70er Jahren wurde nachgelegt. Die charakteristischen Schirme vor der Bühne – gedacht als stilisierte Tulpen – kamen hinzu. Sie konnten ursprünglich sogar eingeklappt werden.

Das begehbare Rondell über dem Brunnen, auf dem auch getanzt werden konnte, sorgte für den Namen "Tanzbrunnen". Bild: Koelncongress GmbH
Das begehbare Rondell über dem Brunnen, auf dem auch getanzt werden konnte, sorgte für den Namen „Tanzbrunnen“. Bild: Koelncongress GmbH

Der Tanzbrunnen war nie exklusiv. Hier standen Weltstars – und gleichzeitig ganz normale Menschen auf der Bühne. Die legendäre „Talentprobe“ ist bis heute ein Stück kölscher Kulturgeschichte: laut, direkt, manchmal gnadenlos. Seit den 60er Jahren prägen Konzerte den Ort. Jazzfestival, Karneval, internationale Acts – bis zu 12.500 Menschen passen auf das Gelände. Und trotzdem fühlt sich vieles hier erstaunlich nah an. Seit 1994 gibt es auch die Indoor-Bühne „Theater am Tanzbrunnen“ mit Platz für etwa 2.000 Menschen.

Zur Sessionseröffnung am 11.11. am Tanzbrunnen kommen jedes Jahr 11.111 Jecke. Bild: Joachim E. Zöller, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Zur Sessionseröffnung am 11.11. am Tanzbrunnen kommen jedes Jahr 11.111 Jecke. Bild: Joachim E. Zöller, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Seit 2013 feiert Kölns erster Karnevalsgesellschaft, „Die Grosse von 1823“ am 11.11. den großen Kölschen Countdown zur Sessionseröffnung am Tanzbrunnen. Diese Party für 11.111 Jecke stimmt mit zehn Stunden Musikprogramm (!) auf den Karneval ein. Alle Größen des Karnevals stehen dann hier auf der Bühne.

Berühmt-berüchtigt war „Udo Werners Talentprobe“. Bei dieser ersten deutschen Castingshow konnten aufstrebende Talente ihr Können auf der großen Bühne zeigen. Dazu brauchte es viel Mut, denn die Talentprobe war berüchtigt für das gnadenloses und schadenfrohe Publikum. Höchststrafe war, wenn sich das gesamte Publikum umdrehte und in die falsche Richtung applaudierte. Auch ein gewisser Michael Büttgen sammelte dort erste Bühnenerfahrung, bevor er 1990, mittlerweile in Köln besser bekannt als „Linus“ selber bis 2017 die Talentprobe am Tanzbrunnen moderierte.

Die "Wall of Fame" am Kölner Tanzbrunnen, Bild: Koelncongress GmbH
Die „Wall of Fame“ am Kölner Tanzbrunnen, Bild: Koelncongress GmbH

Die Wall of Fame: Ruhm ohne Allüren

Wer genau hinschaut, entdeckt sie irgendwann: Die Wall of Fame. Kein großes Spektakel, sondern eher leise. Und genau das passt. Auf kleinen Plaketten werden Künstlerinnen und Künstler verewigt, die den Tanzbrunnen über Jahre geprägt haben. Die Mischung ist äußerst bunt: Internationale Namen wie Joe Cocker oder Chris de Burgh stehen neben kölschen Größen wie Bläck Fööss, Brings, Höhner oder Kasalla.

Und wer hat bis heute die meisten Auftritte? Natürlich die Bläck Fööss. Sie gehören quasi zum Inventar des Tanzbrunnens.

Sanierung: Vieles neu – und alles im Zeit- und Kostenrahmen

Der Tanzbrunnen wurde 2025/2026 umfassend saniert – und das fast schon unkölsch zuverlässig. Man blieb sowohl im Zeit- als auch im Kostenrahmen. Rund 16 Millionen Euro wurden investiert. Kein leichtes Unterfangen, denn der Tanzbrunnen steht unter Denkmalschutz.

Die bekannten Schirme wurden erneuert, höher gebaut und um vier zusätzliche ergänzt. Mehr Schutz vor Regen, bessere Sicht auf die Bühne. Das Bühnenhaus blieb erhalten, wurde aber erweitert – mit einem neuen Baukörper im Messing-Gold-Ton.

Selbst der Boden ist Geschichte: Teile stammen noch von 1971. Sie wurden aufgenommen und neu verlegt.

Der Spaß am Tanzbrunnen endet immer um 22 Uhr. Pünktlich. Bild: Koelncongress GmbH
Der Spaß am Tanzbrunnen endet immer um 22 Uhr. Pünktlich. Bild: Koelncongress GmbH

Der Ton macht die Musik – und manchmal auch den Ärger

So schön der Tanzbrunnen ist: Ganz ohne Konflikte geht es auch heute nicht. Das Dauerthema heißt Lärm. Seit einem Gerichtsurteil aus dem Jahr 1997 gilt hier eine klare Grenze: um 22 Uhr ist Schluss. Ohne Ausnahme. Und zwar so strikt, dass selbst internationale Top-Acts mitten im Konzert abbrechen müssen.

Das Problem: Geklagt hatten damals keine direkten Nachbarn, sondern Anwohner auf der linken Rheinseite. Der Rhein trägt den Schall erstaunlich gut. Die 22-Uhr-Regel ist für Kölncongress-Chef Ralf Nüsser längst nicht mehr zeitgemäß. Viele Politiker sehen das ähnlich. Die 22-Uhr-Grenze wird inzwischen wieder diskutiert.

Mit der Sanierung ist der Tanzbrunnen technisch auf der Höhe der Zeit. Neue Soundanlagen, bessere Infrastruktur, mehr Komfort. Über 40 Veranstaltungen sind bereits geplant. Dabei steht der Tanzbrunnen zwischen Denkmalschutz und Moderne und zwischen wischen Konzert und Nachtruhe. Was sicher ist: Dieser Ort wird bleiben. Weil er mehr ist als nur eine Bühne.

Der Tanzbrunnen ist ein Stück Köln.


E-Mail-Newsletter

Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Zum Hören als Podcast oder zum Lesen im Blog.

Aber immer kurz & knackig, immer subjektiv & voreingenommen. Und immer kostenlos!
Datenschutz 

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Die Holweider Bachkreuzung

Michael Kriegel: Kölns andere Seite Ein historischer Stadtführer für die Schäl Sick Verlag Ralf Liebe, ISBN: 978-3-948682-73-6, 14 Euro
Michael Kriegel: Kölns andere Seite
Ein historischer Stadtführer für die Schäl Sick
Verlag Ralf Liebe, ISBN: 978-3-948682-73-6, 14 Euro

Gastautor: Michael Kriegel

Michael Kriegel ist in Berlin geboren und in der Westpfalz aufgewachsen. Im März 1975 nahm er die Kölner Stadtangehörigkeit an und bekannte sich uneingeschränkt zum „Kölschen Grundgesetz“. Der konvertierte Imi kommt aus der Erwachsenenbildung und ist seit vielen Jahren Stadtführer, Autor und leidenschaftlicher Laienhistoriker.

Michael Kriegel, Kölner Stadtteil-Guide und Autor, Bild: Kriegel
Michael Kriegel, Kölner Stadtteil-Guide und Autor, Bild: Kriegel

Sein Spezialgebiet“ ist das rechtsrheinische Köln. Ganz aktuell hat er das Buch „Kölns andere Seite – Ein historischer Stadtführer für die Schäl Sick“ veröffentlicht. Das Buch ist in jeder Buchhandlung oder über den Verlag Ralf Liebe erhältlich. Mehr zu seiner Person, seinen Veröffentlichungen und seine Touren gibt es auf seiner Website:
Michael Kriegel – Kölner Stadtteil-Guide und Autor

In  diesem Gastbeitrag geht es um den fleißigen und den faulen Bach.
Ein großes DANKE an Michael dafür.


Die "Bachkreuzung" vom "faulen" und "fleißigem" Bach, Bild: Michael Kriegel
Die „Bachkreuzung“ vom „faulen“ und „fleißigem“ Bach, Bild: Michael Kriegel

Die Geschichte vom fleißigen und faulen Wasser

In Grimms Märchen kommen am Ende immer die Fleißigen zu Ruhm und Ehre. Goldmarie zum Beispiel in „Frau Holle“ oder der fleißige Handwerksbursche in dem Hausmärchen „Der Faule und Fleißige“. Andererseits gibt es keine Regel ohne Ausnahme. Zwei Bäche in Köln haben das schon vor langer Zeit bestätigt. Die Rede ist von der Strunde (auch Strunder Bach genannt) und dem Faulbach.

Der „fleißigste Bach Deutschlands“

Die Strunde hatte dem Faulbach einiges voraus. Durch ihren konstanten Wasserfluss und ihre Neigung von gut 100 Metern trieb die Strunde auf ihrem Weg zwischen Bergisch-Gladbach Herrenstrunden (Quelle) bis zur Mündung in den Rhein in Mülheim Dutzende Mühlen an. Dies veranlasste den bergischen Schriftsteller Vinzenz Jakob von Zuccalmaglio (1806-1876), die Strunde als „fleißigsten Bach Deutschlands“ zu bezeichnen.

Schon ander Quelle der Strunde weist eein Inschrift auf den "fleißgen" Bach hin: "Sprudelt Segen bringende Quellen Die ihr speiset die fleißige Strunde" Bild: FairbanksCityTransitSystem, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
Schon ander Quelle der Strunde weist eein Inschrift auf den „fleißgen“ Bach hin:
„Sprudelt Segen bringende Quellen
Die ihr speiset die fleißige Strunde“
Bild: FairbanksCityTransitSystem, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Vom 11. bis ins 20. Jahrhundert hinein war der Bach die Lebensader der gesamten nördlichen Schäl Sick. Die ältesten der schätzungsweise 50 wassergetriebenen Geräte waren Getreidemühlen. Im Laufe der Zeit kamen Frucht- und Ölmühlen, Pulvermühlen, Wollspinnmühlen, Tabak- und Papiermühlen hinzu.

Faulbach – der „faule“ Bach

Im Gegensatz zur „fleißigen“ Strunde trieb der Faulbach keine einzige Mühle an. Das Wasser floss einfach zu langsam und hatte nicht die Kraft, ein Mühlrad anzutreiben. So kam der „faule“ Bach zu seinem Namen. Trotz ihrer unterschiedlichen Eigenschaften sind die beiden Bäche auf merkwürdige Weise miteinander verbunden. Sie kreuzen sich, ohne ineinander zu fließen.

Das war allerdings nur möglich, weil der Mensch bereits vor vielen Jahrhunderten Hand anlegte und eine Brücke über den Faulbach baute, die den Strunder Bach seit jeher darüber führt. Die ersten Brückenkonstruktionen reichen vermutlich bis ins 12. Jahrhundert zurück. So lange gibt es die künstliche Bachkreuzung schon, und noch heute kann man sie in Holweide besichtigen.

Allerdings besteht das dafür geschaffene Bauwerk nicht mehr aus Holz wie seine Vorgänger, sondern aus Beton der frühen 1970 Jahre. Aber was waren eigentlich die Gründe für diese seltsame Konstruktion?

Eine „Bachkreuzung“ zur Wasserrettung

Ursprünglich versickerte die im Bergischen Land entspringende Strunde in den Sumpfgebieten Thielenbruchs. Weg war das antreibende Wasser. Für viele Mühlenbetreiber, die die Wasserkraft für ihre Zwecke nutzen wollten, war dies bloße Verschwendung. Also wurde der fleißige Bach künstlich verlängert, indem ein höher gelegenes Bachbett geschaffen wurde, das ein vorzeitiges Verschwinden der Strunde im Sumpf verhinderte.  

Auf dem Weg zum Rhein gab es aber ein nicht unwesentliches Hindernis: der Faulbach. Er musste überquert werden. So entstand die Idee, eine Brücke über diesen Bach zu bauen. Dies hatte zudem den Vorteil, die Hochwassergefahr zu verringern. So konnte die Strunde bei Hochwasser an der Kreuzung in den Faulbach überlaufen und die Wasserstände ausgleichen.

Ein kölscher Aquädukt: Hier wird der "fleißige Bach" Strunde über den Faulbach geführt. Bild: Pingsjong, GFDL, via Wikimedia Commons
Ein kölscher Aquädukt: Hier wird der „fleißige Bach“ Strunde über den Faulbach geführt. Bild: Pingsjong, GFDL, via Wikimedia Commons

Klares Wasser führte zu spätem Ruhm für den faulen Bach 

Es gab aber wohl noch einen anderen Grund für den Brückenbau. Infolge der intensiven Wasserkraftnutzung durch die ortsansässigen Betriebe war die Strunde so stark verschmutzt, dass sie nicht mehr als Trinkwasser genutzt werden konnte.

Die ungeklärten und verunreinigten Abwässer wurden teilweise zu einer regelrechten Plage für die umliegenden Ortschaften. Der Faulbach hat sein sauberes Wasser hingegen behalten, da er sich dank der Brücke nicht mit der Strunde vereinigte. So konnten sich die Anwohner am klaren Wasser des Faulbachs bedienen und der „faule“ Bach erwarb unerwartetes Ansehen. Er floss zwar immer noch langsam – aber sehr sauber – vor sich hin.

Doch schon Laotse wusste um 600 v. Chr.:
„Die Natur eilt nicht, und dennoch wird alles erreicht.“


 

Michael Kriegel: Deutz – Vom römischen Kastell zur Köln Arena Emons Verlag Köln ISBN 978-3-7408-1565-3 12,00 Euro, erhältlich in jeder Buchhandlung
Michael Kriegel: Deutz – Vom römischen Kastell zur Köln Arena, Emons Verlag Köln, ISBN 978-3-7408-1565-3
erhältlich bei Emons oder in jeder Buchhandlung, 12 Euro

Deutz – Vom römischen Kastell zur Köln Arena
Die Geschichte eines Stadtviertels

Der Deutz-Kenner Michael Kriegel hat auch ein Buch über diesen lange unterschätzten Stadtteil veröffentlicht. Lange war Deutz für viel Kölner so etwas wie Ausland – es lag ja auf der vermeintlich „falschen Seite“ des Rheins. Und damit lag man nicht ganz falsch, denn Deutz war bis zur Eingemeindung eine selbstständige Stadt. Kriegel beschreibt den Weg des von den Kölschen liebevoll „Düx“ genannten Stadtteils von der Gründung des Kastells Divitia im Jahr 310 bis hin zum heute angesagten Viertel mit Messe, Köln-Arena und Rheinboulevard.


E-Mail-Newsletter

Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Zum Hören als Podcast oder zum Lesen im Blog.

Aber immer kurz & knackig, immer subjektiv & voreingenommen. Und immer kostenlos!
Datenschutz 

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung  

Die Zukunft des Kölnischen Stadtmuseums und des historischen Zeughauses

Das Zeughaus, bis 2017 Heimat des Kölnischen Stadtmuseums. Bild: Raimond Spekking
Das Zeughaus, hier ein Bild aus besseren Zeiten, Bild: Raimond Spekking

Das Zeughaus – der ideale Ort für das Stadtmuseum

Wenn man sich aktuell1März 2026 rund um das Zeughaus umschaut kann man sich tatsächlich für Köln schämen. Bauzäune dominieren das Bild, Müll liegt herum und sogar die schönen rot-weißen Fensterläden mussten demontiert werden, weil diese ansonsten abgestützt wären.  

Das Zeughaus selber, ein zwischen 1594 und 1606 als städtisches Waffenarsenal erbautes Gebäude, ist seit Jahren ungenutzt. Und auch der Blickfang, das „Flügelauto“ von H.A. Schult, wird wegen der Baufälligkeit des Turms in den kommenden Wochen umgesetzt.

Dabei bietet das Zeughaus ein sehr großes Potenzial: Beste Lage, große Flächen, historisches Ambiente. Es wird also höchste Zeit, sich um dieses attraktive Gebäude zu kümmern. 

Bereits vor zwei Jahren haben einige Kölner Geschichtsvereine schon einmal die Initiative ergriffen und eine Stellungnahme zur Zukunft des Kölnischen Stadtmuseums im Zeughaus erstellt. Sie hat seinerzeit in der Stadtpolitik und bei den Medien ein durchweg positives Echo erfahren, aber keinerlei konkrete Folgen gehabt.

Daher starten die Vereine und Initiativen eine neue Petition an Oberbürgermeister Burmester. Diese enthält die die dringende Bitte, das Zeughaus wieder als Heimat des Kölnischen Stadtmuseums zu nutzen.

Unterschrieben haben 48 Akteure der Kölnischen Stadtgesellschaft, darunter der Zentral-Dombau-Verein zu Köln, die Bürgerstiftung Köln, das Centrum Schwule Geschichte, Fortis Colonia. Willem Fromm von „Eine Geschichte der Stadt Köln“, Freunde und Förderer des Kölnischen Brauchtums, Louise Farina, die Kölner Stadtführer und auch wir vom Köln-Ding der Woche.


Hier der vollständige Text des offenen Briefes an Oberbürgermeister Torsten Burmester. Ein großes DANKE an Dr. Joachim Oepen vom Förderverein Geschichte in Köln, der dieses Anliegen maßgeblich organisiert hat.

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,

Ihr entschlossenes und tatkräftiges Handeln in den ersten Wochen Ihrer Amtszeit ermuntert uns, einen dringenden Appell an Sie zu richten. Es geht um die Zukunft unseres Stadtmuseums, um das Zeughaus und um den Umgang mit dem kulturellen Erbe unserer Stadt.

Seit dem katastrophalen Wasserschaden im Juni 2017 ist das Zeughaus fast ungenutzt. Das Stadtmuseum musste ausziehen, sollte in einem prestigeträchtigen Neubau am Dom einziehen, kam für den Zeitraum von zehn Jahren zur Miete in einem ehemaligen Modekaufhaus unter. Dank seiner attraktiven Inszenierung und dem interessanten Programm ist das Museum dort erfolgreich, und doch sind die Möglichkeiten sehr begrenzt. Die Ausstellungsfläche beträgt etwa 700 Quadratmeter – viel zu klein für eine Metropole von einer solch herausragenden historischen Bedeutung wie Köln. Die unfassbar reichen Bestände des Hauses sind in unzureichend ausgestatteten Depots gelagert. Zentrale Themen der Kölner Geschichte – zu Wirtschaft, Technik, Sport, Migration und anderen sozialen Fragen – können nicht gezeigt werden. Wir erleben eine Verzwergung unseres historischen Erbes.

Zugleich verfallen das Zeughaus und die Alte Wache daneben – und damit zwei einzigartige Bauwerke der Kölner Vergangenheit. Auch das gesamte umgebende Areal ist zunehmender Verwahrlosung ausgesetzt. Das Zeughaus als ehemalige Waffenkammer Kölns war das Herzstück der wehrhaften Bürgerstadt. Die Wache ist eines von nur drei verbliebenen Gebäuden des frühen Klassizismus in der Domstadt. Die Römermauer, die hinter beiden verläuft, bildet ihr stützendes Rückgrat. Dieses einmalige Ensemble darf nicht weiter verfa llen. Es ist kein Ort für ein Hotel, für städtische Verwaltung oder für eine Eventlocation; dies alles wurde bereits angedacht und zu Recht verworfen. Das Zeughausareal ist der geborene Platz für unser Stadtmuseum.

Hier lässt sich ein Ort schaffen, der ein kultureller Anziehungspunkt für das Bankenviertel ist, eine erste Anlaufstelle für die vielen Touristengruppen, die am Börsenplatz aussteigen, ein Ort, der selbst und im Dialog mit dem nahen NS-Dokumentationszentrum wichtige Bildungsarbeit leistet, der aber auch ein Treffpunkt für unzählige Kölnerinnen und Kölner ist. Gerade in unsicheren Zeiten wie diesen braucht unsere Stadt einen Ort der Selbstbefragung und der Selbstvergewisserung. Es braucht eine Einrichtung, die als Leuchtturm für die vielen Vereine und Initiativen dient, die sich um die Kölner Vergangenheit und das kölnische Brauchtum verdient machen. Und es braucht einen Ort, an dem die Kölner Pänz, die Erwachsenen, die Imis etwas über die hellen und die dunklen Zeiten ihrer Heimatstadt erfahren.

Köln hat schwierige Jahre vor sich, das ist uns bewusst. Mit Ihrer Idee der Olympiabewerbung haben Sie einen gewichtigen Aufschlag gemacht. Falls dies gelingt, dann ist ein elementarer Meilenstein gesetzt auf dem Weg zur Zweitausendjahrfeier Kölns, die unsere Stadt und ihre Bevölkerung 2050 begehen werden. Wir halten es für unabdingbar, dass die Darstellung unserer Geschichte dafür einen würdigen Rahmen bekommt, hinter dem sich die ganze Stadt versammeln kann. Wir sind überzeugt, dass das ein Unterfangen ist, das viele Unterstützerinnen und Unterstützer finden wird. Daher bitten wir Sie dringend: Bereiten Sie der Kölner Stadtgeschichte, dem Stadtmuseum und den Menschen, die sich um Kölns Identität und sein Bild nach außen große Sorgen machen, den Weg. Bitte bündeln Sie die Kräfte in Verwaltung und Stadtgesellschaft, damit noch in diesem Jahr der Startschuss fällt, um unsere Geschichte im Zeughaus erlebbar zu machen.

Download des Schreibens


Logo Kölnisches Stadtmuseum
 

Hintergrund: Das Kölnische Stadtmuseum

Die Ausstellung zur kölschen Stadtgeschichte hat bereits eine lange Reise hinter sich: Wie bei so vielen Museen in Köln bildete die umfangreiche Sammlung Ferdinand Franz Wallrafs den Grundstock. Ab 1888 wurde die Stadtgeschichte in der Hahnentorburg ausgestellt und ab 1902 zusätzlich in der Eigelsteintorburg. Da die Aufteilung auf zwei Standorte alles andere als optimal war, erwog man bereits 1912, das Zeughaus als Ausstellungsort zu nutzen. Allerdings machte der Erste Weltkrieg diese Pläne zunichte.

Auch der Plan, die alte Kürassierkaserne der Preußen in Deutz als „Rheinisches Museum“ zu nutzen, musste wegen der Weltwirtschaftskrise verschoben werden. Die Nationalsozialisten erkannten das propagandistische Potenzial eines solches Museums und eröffneten dort am 21. Mai 1936 das „Haus der Rheinischen Heimat“ in Deutz, welches aber im Krieg erhebliche Schäden erlitt und abgerissen wurde. 

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam erneut der Gedanke auf, dem Stadtmuseum im Zeughaus eine Heimat zu geben. Doch der Wiederaufbau des im Krieg stark beschädigten Gebäudes verzögerte sich. Erst 1958 wurde die Dauerausstellung eröffnet, die dort bis zu dem Wasserschaden im Jahr 2017 gezeigt wurde.

Der schlechte Zustand des Zeughauses machte eine Fortführung der Ausstellung unmöglich. Daher gab es 2018 einen Ratsbeschluss, das ehemalige Modehaus Franz Sauer als Interimsquartier zu nutzen. Doch es sollte noch bis 2024 dauern, bis die Ausstellung dort eröffnet werden konnte.

Das Kölnische Stadtmuseum, Bild: Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0
Das Kölnische Stadtmuseum im ehemaligen Modehaus Franz Sauer, Bild: Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0

Die Kuratoren machten aus der Platz-Not eine Tugend und stellten das Ausstellungs-Konzept komplett neu auf. Statt einer klassischen Chronologie werden acht aktuelle Fragen, die die Besucher beschäftigen und emotional berühren gestellt. Fragen wie: „Was lieben wir?“, „Worauf hoffen wir?“, „Was macht uns Angst?“, „Was verbindet uns?“, „Was macht uns wütend?“, „Worauf haben wir Lust?“, „Woran glauben wir?“ und „Was bewegt uns?“ bilden das Grundgerüst der neuen Dauerausstellung.

Eine perfekte Darstellung – mit nur 0,1% aller möglichen Exponante

Das Problem aber bleibt: Platzmangel. Nur 750 Quadratmeter stehen am neuen Standort für die Dauerausstellung zur Verfügung. Allerdings gibt es etwa 500.000 Ausstellungsstücke, gezeigt werden können davon nur etwa 650 Exponate, weniger als 0,1%.

Kölnisches Stadtmuseum

Minoritenstraße 13
50667 Köln

Öffnungszeiten: 

  • Dienstag bis Sonntag: 10 bis 17 Uhr
  • 1. Donnerstag im Monat: 10 bis 22 Uhr (außer an Feiertagen)
  • An Feiertagen: 10 bis 17 Uhr

Eintritt:

  • 5 Euro, ermäßigt 3 Euro
  • Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre: frei

E-Mail-Newsletter

Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Zum Hören als Podcast oder zum Lesen im Blog.

Aber immer kurz & knackig, immer subjektiv & voreingenommen. Und immer kostenlos!
Datenschutz 

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Der „Rosa Winkel“: Das Mahnmal für die schwulen und lesbischen Opfer des Nationalsozialismus in Köln

Das Mahnmal für die schwulen und lesbischen Opfer des Nationalsozialismus in Köln, Bild: Franz-Josef Knöchel / LVR
Das Mahnmal für die schwulen und lesbischen Opfer des Nationalsozialismus in Köln, Bild: Franz-Josef Knöchel / LVR

Regelmäßig besuche ich bei der Lotsentour Innenstadt mit meinen Gruppen auch das „Rosa Winkel Mahnmal“. Und immer wieder stelle ich fest, dass selbst Urkölsche dieses Denkmal nicht kennen – obwohl sie schon hundertmal daran vorbeigelaufen sind. Die Rede ist von dem „Mahnmal für die schwulen und lesbischen Opfer des Nationalsozialismus in Köln“. Dabei steht dieses Denkmal an sehr prominenter Stelle: direkt am Rhein, fast unterhalb der Hohenzollernbrücke. Und trotzdem laufen alle daran vorbei. Und das bereits seit 1995. Damals wurde das Denkmal feierlich im Rahmen der Cologne Pride enthüllt. Aus heutiger Sicht erstaunlich: Der damalige Oberbürgermeister Norbert Burger hatte bei der feierlichen Enthüllung des Mahnmals seinen ersten Auftritt im Rahmen eines CSD. Heute ist die Teilnahme an den Feierlichkeiten des CSD Pflichtprogramm für die Vertreter der Politik. 

Streit um Aufstellungsort

Die Vorgeschichte des Denkmals beginnt bereits 1990. Die Initiative ging von Jörg Lenk, aktiv im Arbeitskreis Lesben und Schwule der Gewerkschaft ÖTV in Köln, aus. Drei Jahre später gab es eine Ausschreibung zur Gestaltung des Denkmals. Kritisch diskutiert wurde vor allem der sehr prominente Aufstellungsort.

Dabei ist gerade dieser Platz für die homosexuellen Kölner von besonderer Bedeutung. Hier stand bis zum Zweiten Weltkrieg ein Pissoir, welches zum beliebten Treffpunkt schwuler Männer wurde. Nach der Zerstörung des Pissoirs verlagerte sich die Szene in die (heute geschlossenen) Treppentürme der Hohenzollernbrücke.

Der „Schwulen-Paragraph“ 175

Nicht vergessen: Noch bis in das Jahr 1994 galt der „Schwulen-Paragraph “ 175. Dieser Paragraph stellte homosexuelle Handlungen unter Strafe. Anonyme Treffpunkte für Schwule waren daher von besonderer Bedeutung.

Bereits 1922 veröffentlichte der Publizist Kurt Hiller unter dem Titel "Die Schmach des Jahrhunderts" eine Aufsatzsammlung gegen den Paragrafen 175
Bereits 1922 veröffentlichte der Publizist Kurt Hiller unter dem Titel „Die Schmach des Jahrhunderts“ eine Aufsatzsammlung gegen den Paragraphen 175

Paragraph 175 Strafgesetzbuches wurde bereits im Deutschen Kaiserreich eingeführt

Ein großes DANKE an Antonia Frinken. Sie hat sich mit der Geschichte des Paragraph 175 auseinandergesetzt und mir erlaubt, ihre Zusammenfassung hier zu veröffentlichen.

„Der Paragraph 175 des Strafgesetzbuches galt von 1871 bis 1994 und bezog sich auf sexuelle Handlungen zwischen Männern. Im Nationalsozialismus wurde er im Jahr 1935 verschärft: Waren bis dahin „beischlafähnliche Handlungen“ strafbar, so drohten nun Haftstrafen für das bloße Anschauen oder Berühren.

Während dieser Paragraph in der DDR zunächst auf unterschiedliche Weise ad acta gelegt wurde, bestand er in der Bundesrepublik bis zur ersten Reformierung 1969 in der Fassung von 1935 fort. Die Große Koalition unter Bundeskanzler Kiesinger hob das Totalverbot gleichgeschlechtlicher Handlungen zwischen Männern auf. Aber homosexuelle Prostitution und Ausnutzung von Dienstverhältnissen und Machtgefällen standen weiterhin unter Strafe. Das Schutzalter für homosexuelle Handlungen zwischen männlichen Personen lag zudem bei 21 Jahren und war somit höher als für heterosexuelle Handlungen.

Eine zweite, weitreichendere Reformierung des Paragraphen 175 erfolgte 1973 unter dem Kabinett Brandt II, die unter anderem die Absenkung des Schutzalters von 21 auf 18 Jahre beinhaltete. Erst 1994 wurde der Paragraphf 175 ersatzlos gestrichen und das Schutzalter für homosexuelle und heterosexuelle Handlungen angeglichen.

2002 beschloss der Bundestag gegen Stimmen von CDU/CSU und FDP die Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile und damit auch die Rehabilitierung der zwischen 1935 und 1945 unter dem Paragraphfen 175 Verurteilten. Nachfolgende Anträge zur Rehabilitation der Verurteilten nach 1945 wurden bis 2017 abgelehnt, als alle Verurteilten, deren Sexualpartner seinerzeit 16 Jahre oder älter waren, rehabilitiert wurden. Zahlreiche Opfer des Paragraphen 175 erlebten die Rehabilitationen von 2002 beziehungsweise 2017 jedoch nicht mehr mit.

Sexuelle Handlungen unter Frauen wurden unter dem Paragraphen 175 zu keiner Zeit verfolgt, waren aber gesellschaftlich stigmatisiert. Die lange Geschichte der Verfolgung sexueller Minderheiten zeigt die Wichtigkeit geheimer Treffpunkte zur Schaffung von Gemeinschaft auf.“

Kameradschafts-Ehe
„Kameradschaft-Ehe“

Um der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entgehen waren Scheinehen ein häufig gewählter Ausweg. Dabei heirateten homosexuelle Männer und Frauen, um den Schein der Konformität zu wahren. Es gab aber auch Ehen zwischen homosexuellen Männern und heterosexuellen Frauen. Der Vorteil für beide Seiten: Absicherung gegenüber der Verfolgung bei den Männern und soziale Absicherung der Frauen.  

In Zeitungsanzeigen wurden für diese Arrangements spezielle Begriffe wie „Kameradschafts-Ehe“ oder „Heirat vor der Welt“ verwendet. Auch Formulierungen in den Anzeigen wie „Eine Frau, die mich versteht.“ oder „… die meine Neigungen respektiert“ wurden verwendet. 

Aus dem Lehrmaterial der SS: Übersicht der Kennzeichnungen für Häftlinge, Bild: Bundesarchiv, Bild 146-1993-051-07 / Unknown / CC-BY-SA 3.0
Aus dem Lehrmaterial der SS: Übersicht der Kennzeichnungen für Häftlinge, Bild: Bundesarchiv, Bild 146-1993-051-07 / Unknown / CC-BY-SA 3.0

Rosa Winkel kennzeichnete homosexuelle Männer im Konzentrationslager

Das Mahnmal ist dem „Rosa Winkel“ nachempfunden. In den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten musste jeder Häftling eine spezielle Kennung als Aufnäher an der Jacke oder Hemd tragen. Zwei gegenläufige Winkel, die den „Judenstern“ ergaben, kennzeichneten Juden. Ein roter Winkel stand für politische Gefangene. Einen lila Winkel mussten Zeugen Jehovas tragen. Weitere Aufnäher standen z.B. für Sinti und Roma oder  Berufsverbrecher. Der „Rosa Winkel“ war die Kennzeichnung homosexueller Männer.

  • Dieser „Rosa Winkel“ wurde später international zum Symbol der Homosexuellen. Heute hat allerdings die Regenbogenflagge eine wesentlich größere Popularität in der LGBT1Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender, also Lesbisch, Schwul, Bisexuell und Transgender-Szene.
Der "Rosa Winkel", gehalten durch graue Keile, Bild: Franz-Josef Knöchel, LVR
Der „Rosa Winkel“, gehalten durch graue Keile, Bild: Franz-Josef Knöchel, LVR

Das Denkmal besteht aus diesem „Rosa Winkel“, welcher links und rechts von grauen Keilen gehalten wird. Der Künstler Achim Zinkann dazu:
„ … In der Skulptur entsteht eine Korrespondenz zwischen den Keilen. Druck, Gegendruck und Reibung sind Voraussetzungen für den Gesamtzusammenhalt. Wird einer der Keile entfernt, verliert mindestens ein anderer den Halt. Das Gefüge wird zerstört …“

Inschrift des Mahnmal für die schwulen und lesbischen Opfer des Nationalsozialismus in Köln, Bild: Uli Kievernagel
Inschrift des Mahnmal für die schwulen und lesbischen Opfer des Nationalsozialismus in Köln, Bild: Uli Kievernagel

Auf der Oberseite ist die Inschrift:

Totgeschlagen – Totgeschwiegen
Den schwulen und lesbischen Opfern des Nationalsozialismus

eingemeißelt. In den Konzentrationslagern des NS-Regimes wurden etwa 10.000 homosexuelle Männer inhaftiert und mehr als die Hälfte davon ermordet, schätzt der Soziologe Rüdiger Lautmann.

Wenn ihr demnächst in der Innenstadt unterwegs seid, nehmt euch die Zeit und schaut euch dieses Denkmal an. Leider stelle ich regelmäßig fest, dass sich der „Rosa Winkel“ nicht im besten Zustand befindet.

Es wäre wünschenswert, wenn dort öfters mal jemand vorbeischaut und die Würde des Mahnmals sicherstellt.


Das Denkmal hat auch eine eigene Website mit weiteren Informationen. Außerdem gibt es noch ein Köln-Ding der Woche zum schwul-lesbischen Köln und der CSD-Parade.


E-Mail-Newsletter

Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Zum Hören als Podcast oder zum Lesen im Blog.

Aber immer kurz & knackig, immer subjektiv & voreingenommen. Und immer kostenlos!
Datenschutz 

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Ein paar Fragen an: Marc Neumann – der „Herr der kölschen Brücken“

Marc Neumann, Brücken
Der Ingenieur Marc Neumann ist bei der Stadt Köln im Amt für Brücken, Tunnel und Stadtbahnbau tätig. Bild Neumanmn: privat, Bilder Brücken: Raimond Spekking

 

Marc Neumann kennt sich mit den Brücken Kölns aus wie kaum ein anderer. Er hat „konstruktiven Ingenieurbau“ studiert und ist heute bei der Stadt Köln im Amt für Brücken, Tunnel und Stadtbahnbau tätig. Dort betreut er die Kölner Brücken, die über den Rhein führen und die der Stadt Köln gehören:

Marc berichtet uns in diesem Podcast von den Herausforderungen bei den Brücken, von der Historie dieser Bauwerke und auch von der ganz speziellen Farbe unserer Brücke.


Genau wie alle anderen Menschen in der Rubrik „Ein paar Fragen an …“ hat auch Marc zu den „Kölschen Fragen“ Rede und Antwort gestanden.

Der "Herr der Brücken" Marc Neuman (in der Mitte) war zu Gast beim "Köln-Ding der Woche" , Bild: Uli Kievernagel
Der „Herr der Brücken“ Marc Neuman (in der Mitte) war zu Gast beim „Köln-Ding der Woche“ , Bild: Uli Kievernagel

Wenn nicht Köln – wo sonst könntest du wohnen? Und warum gerade dort?

Ich verstehe die Frage nicht. 😊

Welche kölschen Eigenschaften zeichnet dich aus?

Für mich gilt: „Jönne künne, dat künne mer joot.“ – also die Großzügigkeit der Kölner, auch anderen etwas zu gönnen. Und ich denke, ich habe auch „dat Hätz am rechten Fleck“, also eine „gesunde“ Einstellung zum Leben und zu seinen Mitmenschen.

Was würdest du morgen in unserer Stadt ändern?

Da ich nicht unter Profilneurose leide, würde ich mich mal um das kümmern, was da ist, und nicht das, was man gerne hätte.

Nenne ein/zwei/drei Gründe, warum man Köln morgen verlassen sollte.

Ich würde Köln nur verlassen, nur, um nach zwei, drei Wochen wiederzukommen, weil ich ja sehr heimatverbunden bin. Ich bin sehr verwurzelt hier in Köln.

Die Poller Wiesen heute, rechts der Deutzer Hafen, Bild: ToLo46, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons
Marc liebt den Rhein und sitzt gerne am Rheinufer, zum Beispiel auf den Poller Wiesen, Bild: ToLo46, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Wo ist dein Lieblingsplatz in Köln?

Irgendwo am Rhein sitzen, gerne mit einem gekühlten Getränk in der Hand. Ungefähr so, wie AnnenMayKantereit das in „Tommi“ beschreiben:

Tommi, ich glaub‘, ich hab‘ Heimweh
Ich will mal wieder am Rhein stehen
Einfach hineinsehen
Zuschauen, wie Schiffe vorbeiziehen

Welche KölnerInnen haben dich beeinflusst / beeindruckt?

Eindeutig meine Eltern.

Was machst du zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch?

Viel feiern, wenig essen, viel trinken, wenig schlafen.

Und was zwischen Aschermittwoch und Weiberfastnacht?

Da bin ich gerne mit meiner Frau unterwegs, wir haben einen Campingbus. Mit dem fahren wir gerne in die Sonne, ans Wasser.

Wat hät für dich noch immer jood jejange?

Bisher mein ganzes Leben.

Wo drüber laachs de dich kapott?

Ich kann sehr herzlich über Loriot, Victor von Bülow, lachen. Schade, dass er tot ist. Den finde ich sensationell.

Kult: Die Gaststätte Lommerzheim in Deutz, Bild: Andreas Lofner
Der „Lommi“, die Gaststätte Lommerzheim in Deutz, gehört zu Marcs Lieblingskneipen . Bild: Andreas Lofner

Dein Kölsche Lieblingskneipe?

Ich mag eine ganze Reihe Kneipen – zum Beispiel das Brauhaus Pütz, den Wirtz in der Südstadt, das Birkenbäumchen und auch das Lommi. Ich mag gerne diese ursprünglichen Kneipen. Aber grundsätzlich gilt: Ich bin gerne mit Menschen zusammen und dann kommt es mir eher auf die Leute an als auf die Kneipe.

Dein Lieblingskölsch?

Das hat sich im Laufe der Zeit etwas gewandelt: Früher eher Früh oder Reissdorf, dann hin zum etwas herberen Gaffel. Und ganz aktuell ist Schreckenskammer mein Lieblingskölsch.

Was ist dein kölsches Lieblingsgericht?

Ganz eindeutig Himmel un Ääd. Man kann das zwar nicht überall essen, aber wenn das gut gemacht ist, ist das mein kölsches Lieblingsessen. Ganz wichtig: Die gebratene Flönz dabei darf nicht matschig sein, die muss kross gebraten sein.

Himmel un Ääd - eine rheinische Spezialität aus Kartoffelpüree, Apfelmus, Zwiebeln und gebratener Blutwurst, Bild: Anagonia
Himmel un Ääd – eine rheinische Spezialität aus Kartoffelpüree, Apfelmus, Zwiebeln und gebratener Blutwurst, Bild: Anagonia

Dein Lieblingsschimpfwort auf Kölsch?

„Seiverlappen“, eigentlich ein Lätzchen, als kölsches Schimpfwort eine Bezeichnung für einen Menschen, der viel redet und wenig aussagt.

Bitte vervollständige den Satz: Köln ist …

… ming Stadt. Die ist zwar furchtbar hässlich,
ävver uch esu schön!


Alle bisher erschienenen Geschichten zu den Kölner Brücken 


E-Mail-Newsletter

Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Zum Hören als Podcast oder zum Lesen im Blog.

Aber immer kurz & knackig, immer subjektiv & voreingenommen. Und immer kostenlos!
Datenschutz 

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Ein paar Fragen an Annette Imhoff vom Schokoladenmuseum – Köln ist immer ein Zuhause

Anette Imhoff leitet das Kölner Schokoladenmuseum, Bild: Schokoladenmuseum
Anette Imhoff leitet das Kölner Schokoladenmuseum, Bild: Schokoladenmuseum

 

Diese Folge vom „Köln Ding der Woche“ ist diesmal nicht in unserem Studio entstanden, sondern ein Auswärtsspiel: Im Schokoladenmuseum, mit Blick auf Rhein, Dom und Riesenrad.

Wir dürfen mit Annette Imhoff sprechen. Sie ist die Chefin des Hauses. Und natürlich versorgt uns Annette bestens – auf dem Tisch liegt Schokolade, bevor überhaupt jemand „Aufnahme“ sagen kann.

„Museum für Schokolade? Das ist doch völlig verrückt!“

Annette erzählt die Geschichte, als wäre sie schon immer da gewesen – aber am Anfang stand eine ziemlich verrückte Idee. Ihr Vater, Hans Imhoff, übernimmt 1972 das marode Traditionsunternehmen Stollwerck, rettet alte Maschinen, Schilder, Sammelbilder und Akten vor der Verschrottung und lagert alles erstmal in Porz ein. Ein bisschen wie ein Sammler, der sagt: „Wegschmeißen? Auf keinen Fall! Das hat doch Geschichte!“

Daraus entsteht zunächst nur eine interne „Schokokammer“. Aber Imhoff denkt größer. Er wettet mit sich selbst: Wenn zu einer großen Jubiläumsausstellung im Gürzenich genügend Besucher kommen, baut er ein echtes Museum. Die Ausstellung wird ein Volltreffer – der Gürzenich voll mit Schokolade, der erste Schokoladenbrunnen, der anfangs eher Explosion als Installation ist. Die Schokolade spritzt bis an die Decke, die Flecken kann Annette Jahre später in einer Doku noch zeigen. Wette gewonnen, Ausrede weg: Das Museum muss her.

Die Stadt ist anfangs alles andere als begeistert. Ein Museum für Kunst? Klar. Für Stadtgeschichte? Auch gut. Aber für Schokolade? „Dat kann doch nix werden“ so einige Miesmacher aus der Stadtgesellschaft.

Annettes Mutter bekommt von ihrem Mann den Auftrag: „Such uns einen Standort.“ Sie findet die Rheinauhafen-Spitze – damals noch eher Baracke als Designviertel. Dass heute genau diese Lage ein Schlüssel zum Erfolg ist, erzählt Annette mit einem leisen Schmunzeln. Man merkt: Da oben sitzt einer auf einer Schokoladenwolke und freut sich, dass die Skeptiker von damals neidisch auf sein Museum schauen.

Das Schokoladenmuseum bietet einen Blick in die "Weltreise des Kakaos". Bild: Schokoladenmuseum
Das Schokoladenmuseum bietet einen Blick in die „Weltreise des Kakaos“. Bild: Schokoladenmuseum

Vom Tropenhaus bis zur Trembleuse – Schokolade mit allen Sinnen

In dem Gespräch führt Annette uns nochmal gemeinsam durch das Museum. Los geht es für Besucher im Foyer, dann direkt in die Tropen: Anbaugebiete, Schattenbäume, feuchte Luft. Man schwitzt, die Brille beschlägt, und Annette erklärt, dass Kakao zwar Sonne mag, aber nicht unbedingt die pralle Hitze – daher die Schattenbäume. Im Tropenhaus wachsen echte Kakaopflanzen, die Früchte werden sogar geerntet und zu Schokolade verarbeitet. Mehr Gag als Massenproduktion, aber total echt.

Dann geht es weiter: Plantagen in Afrika und Lateinamerika, der Kreislauf von Armut, kleine Anbauflächen, Kinderarbeit – und gleichzeitig positive Beispiele, wie versucht wird, etwas zu verbessern. Ein echtes Holzboot, mit dem früher Kakaosäcke zu den Schiffen gebracht wurden, steht mitten im Museum. Kein Deko-Objekt, sondern Zeitzeuge.

Die Reise führt dann in die Industie: Wie kommt der Kakao nach Europa? Was passiert in Hamburg im Hafen? Warum sind die Weltmarktpreise für Kakao aktuell völlig verrückt? Im Museum läuft ein Live-Ticker, der die aktuellen Preise zeigt – und Annette meint trocken: „Darüber könnten wir einen eigenen Podcast machen.“

Ein echtes Holzboot, mit dem früher Kakaosäcke zu den Schiffen gebracht wurden, steht mitten im Museum. Kein Deko-Objekt, sondern Zeitzeuge.
Ein echtes Holzboot, mit dem früher Kakaosäcke zu den Schiffen gebracht wurden, steht mitten im Museum. Kein Deko-Objekt, sondern Zeitzeuge.

Danach stehen die Zutaten im Mittelpunkt: Wie wird aus Kakaobohnen Milch-, Zartbitter- oder weiße Schokolade? Unten im Haus gibt es eine kleine echte Fabrik, in der Mini-Täfelchen produziert werden. Der Clou: Ein Roboterarm fischt auf Knopfdruck eine Tafel aus der laufenden Produktion – wenn man im richtigen Moment drückt. Das ist schon allein vom Spieltrieb her genial.

Oben wird es feiner: handwerkliche Manufaktur, Schokoladenfiguren, Pralinenherstellung, Dragees mit Nüssen oder Espressobohnen, selbst gestaltete individuelle Tafeln. Annette grenzt es charmant ab: Unten ist Industrie, oben Handwerk – und alles dazwischen ist ein Schokotraum.

Die gläserne Schokoladenfabrik im Schokoladenmuseum, Bild: Schokoladenmuseum
Die gläserne Schokoladenfabrik im Schokoladenmuseum, Bild: Schokoladenmuseum

5000 Jahre Schokolade, barocke Schaumshow und ein Zäunchen fürs Bett

Annette holt im Interview weit aus: Als das Museum 1993 eröffnet wurde, sprach man von 3000 Jahren Kulturgeschichte der Schokolade. Heute weiß man durch Funde in Ecuador, dass es eher 5000 Jahre sind. Und genau das will das Museum zeigen: nicht nur die Süßigkeit aus dem Supermarkt, sondern die ganze Kultur dahinter.

Ein Highlight ist der neue immersive Raum, intern „Holodeck“ genannt. Vier Projektoren, Surround-Sound, und plötzlich steht man mittendrin. Weiter geht es. Man kann den Weg des Kakaos nach Europa und die Geschichte dahinter erkunden, wie aus einem rituellen Getränk ein Luxusgut für den Adel wurde.

Eine Reise durch 5000 Jahre Geschichte des Kakaos, Bild: Schokoladenmuseum
Eine Reise durch 5000 Jahre Geschichte des Kakaos, Bild: Schokoladenmuseum

Dann kommt eine von Annettes Lieblingsgeschichten: Warum sind alte Kakaotassen so schlank und hoch? Früher wurde das Fett der Kakaobohnen nicht getrennt, der Kakao war also richtig fettig und bildete oben eine Schicht, wie bei einer Vinaigrette. Also musste man kräftig schäumen. Schlanke, hohe Tassen sorgten dafür, dass man nicht nur Schaum trank – Kölsch-Fans fühlen sich hierverstanden.

Und dann die „Trembleuse“ – eine Tasse mit Zäunchen in der Untertasse, damit bei der Aufstehzeremonie der Dame im Bett nichts verschüttet wird.  Die Kombination aus Bett, Adel und Kakao hat irgendwas herrlich Übertriebenes.

Natürlich kommt Annette nicht daran vorbei, auch über dunkle Kapitel zu sprechen: Kolonialismus, rassistische Figuren wie der „Sarotti-Mohr“, historische Werbung. Das Museum zeigt diese Dinge nicht nostalgisch verklärt, sondern kritisch und einordnend. Man spürt: Hier soll niemand mit blinden Zuckerglasaugen durch die Geschichte stolpern.

Zum Finale eines Besuchs im Schokoladenmuseum wird es bunt. Bild: Schokoladenmuseum
Zum Finale eines Besuchs im Schokoladenmuseum wird es bunt. Bild: Schokoladenmuseum

Ganz oben endet der Rundgang dann mit einem lauten, bunten Finale: Markenwelten, Milka-Kuh, Ü-Ei, Ritter Sport und Co. Es blinkt, es rauscht, es ist ein bisschen Instagram-Playground, ein bisschen Kindheitserinnerung – und einfach der perfekte Ort für Selfies nach so viel Input.

„Lindt“ steht  am Haus – eine besondere Partnerschaft

Die Frage, warum draußen am Museum groß „Lindt“ steht, kommt natürlich. Annette erklärt nüchtern: Stollwerck wurde verkauft und Lindt aus Aachen ist der neue Partner geworden.

Partner des Schokoladenmuseums ist der Schweizer Schokoladenhersteller Lindt & Sprüngli. Bild: Schokoladenmuseum Köln GmbH
Partner des Schokoladenmuseums ist der Schweizer Schokoladenhersteller Lindt & Sprüngli. Bild: Schokoladenmuseum Köln GmbH

Die Kooperation ist eng, aber klar geregelt: Im Museum wird mit Lindt-Masse produziert, der Name steht am Gebäude – inhaltlich bleibt das Museum unabhängig. In den Ausstellungen tauchen auch andere Marken auf, im Shop werden viele unterschiedliche Hersteller präsentiert. Es ist kein Lindt-Showroom, sondern ein Schokoladenmuseum mit besonderer Partnerschaft, sagt Annette – und man hört raus, dass ihr diese Unterscheidung wichtig ist.

Wer kommt – und wer erstaunlich selten

Auf die Frage nach dem „typischen“ Besucher lacht Annette fast ein bisschen. Das Bild sei extrem bunt: Schulklassen, Familien, Technikfans, Nachhaltigkeitsmenschen, Akademiker, Leute, die noch nie in einem Museum waren und hier zum ersten Mal erleben, dass Kultur nicht weh tun muss.

Fast die Hälfte der Gäste kommt aus dem Ausland. Kölsche dagegen? Nur etwa sechs Prozent der Besucher kommen aus einem Umkreis von zehn Kilometern. Für ein Haus, das so bekannt ist, findet Annette das „ein bisschen wenig“ – und nutzt den Podcast charmant als Steilvorlage: „Ihr könnt ruhig öfter kommen. Es ist alles neu!“ Seit 2020 wurden über zwölf Millionen Euro investiert, viele Bereiche komplett umgebaut. Wer „vor Corona“ das letzte Mal da war, erkennt vieles nicht wieder.

Keine Zuschüsse, aber eine Menge Wirkung

Ein spannender Teil des Gesprächs dreht sich um die Struktur: Das Museum ist eine Kultur- und Bildungseinrichtung – aber ohne städtische oder staatliche Zuschüsse. Es funktioniert wie ein mittelständisches Unternehmen, zahlt Miete an eine Gesellschaft, die zu großen Teilen der gemeinnützigen Imhoff-Stiftung gehört.  In Gastronomie, Shop und Museum werden rund 300 Menschen beschäftigt..

Die Imhoff-Stiftung wiederum fördert in Köln, was oft hinten runterfallen würde: Freizeit- und Therapieangebote, Kunst- und Kulturprojekte, Bildungsinitiativen, Karnevalsprojekte, Unterstützung für Menschen, die es schwerer haben als andere.

Zum 25-jährigen Jubiläum hat die Stiftung die „Bessermacher von Köln“ ausgezeichnet – 25 Vereine und Initiativen, deren Geschichten aus über 600 Einsendungen ausgewählt wurden. Alle schwärmen noch vom Gala-Abend im Rathaus: viel Emotion, viel Stolz und ganz viel Köln-Gefühl. Annette fasst es pointiert zusammen: „Wir verdienen mit dem Museum einen Teil des Geldes, das wir in der Stiftung wieder ausgeben.“

Für die Bescucher des Schokoladenmuseums heißt das: Wer ein Ticket kauft, bezahlt nicht nur den Besuch am Schokobrunnen, sondern unterstützt indirekt Projekte in der ganzen Stadt.

Hans Imhoffs Vermächtnis: Das Schokoladenmuseum, Bild: Raimond Spekking
Hans Imhoffs Vermächtnis: Das Schokoladenmuseum, Bild: Raimond Spekking

Zukunftspläne, Besuchertipps – und ein Versprechen in Schokolade

Zum Schluss geht der Blick nach vorne. Die Partnerschaft mit Lindt läuft langfristig, der Hafenweihnachtsmarkt bekommt einen neuen Betreiber, es stehen Umbauten an: neue WCs, moderne Garderobe, ein komplett neu gestalteter Shop. Bei den Besucherzahlen will man nochmal zulegen – vor allem an den Tagen, die bisher nicht völlig überfüllt sind.

Auf die Frage, ob die eine Million Besucher im Jahr drin wäre, sagt Annette: Rein rechnerisch ja – wenn alle ein bisschen weniger auf die Idee kämen, gleichzeitig am zweiten Weihnachtstag zu kommen. Januar-Montage dagegen hätten noch Luft nach oben.

Praktischer Tipp von ihr: Online Zeitfenstertickets buchen, besonders an Wochenenden, Feiertagen und in den Ferien. So wird niemand weggeschickt, weil „heute leider ausverkauft“ ist – und drinnen tritt man sich weniger auf die Füße.

Ein Versprechen:
Der millionste Besucher in einem Jahr wird in Schokolade aufgewogen

Zum Abschied wird es dann noch einmal herrlich kölsch: Unseren Vorschlag, den einmillionsten Besucher in einem Jahr in Schokolade aufzuwiegen nimmt Annette sofort begeistert auf:  „Dafür wäre ich sofort.“ 

Und vielleicht sitzt irgendwo da oben wirklich Hans Imhoff auf einer Schokoladenwolke, guckt runter auf Rhein, Dom und sein Museum – und ist stolz auf sein Lebenswerk.


Annette Imhoff im Gespräch mit Frank und Uli vom Köln-Dng der Woche, Bild: Uli Kievernagel
Annette Imhoff im Gespräch mit Frank und Uli vom Köln-Dng der Woche, Bild: Uli Kievernagel

Genau wie alle anderen Menschen in der Rubrik „Ein paar Fragen an …“ hat auch Annette Imhoff zu den „Kölschen Fragen“ Rede und Antwort gestanden.

Wenn nicht Köln – wo sonst könntest du wohnen? Und warum gerade dort?

Ich lebe sehr gern hier. Hier lebt meine Familie, die meisten meiner Freunde wohnen hier, meine Arbeit ist hier. Aktuell wüsste ich nicht, wo ich sonst leben könnte.

Welche kölsche Eigenschaft zeichnet dich aus?

Vielleicht die kölsche Mischung aus Bodenständigkeit und Offenheit.

Was würdest du morgen in unserer Stadt ändern?

Im Wahlkampf1Annette meint den Kommunalwahlkampf 2025 ist viel darüber geredet worden. Ich glaube, Sicherheit, Ordnung, Sauberkeit sind sicherlich die großen Themen. Dazu noch bezahlbarer Wohnraum und weniger Baustellen in der Stadt. Aber die Umsetzung ist ein dickes Brett und ich wünsche unserem neuen Oberbürgermeister Torsten Burmester Mut und Ausdauer.

Einer der schönsten Plätze Kölns: Die Terrasse des Schokoladenmuseums,. Bild: Schokoladenmuseum
Einer der schönsten Plätze Kölns: Die Terrasse des Schokoladenmuseums,. Bild: Schokoladenmuseum

Wo ist dein Lieblingsplatz in Köln?

Mit einem Cappuccino bei uns im Schokoladenmuseum auf der Terrasse – mit Blick auf den Rhein.

Welche KölnerInnen haben dich beeinflusst / beeindruckt?

Mein Vater Hans Imhoff mit seiner Freude am Unternehmertum und seiner Entscheidungsfreude hat mich stark geprägt.

Hans Imhoff - Vollblutunternehmer mit einem "Herz aus Schokolade". Bild: Schokoladenmuseum Köln
Hans Imhoff – Vollblutunternehmer mit einem „Herz aus Schokolade“. Bild: Schokoladenmuseum Köln

Was machst du zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch?

Der Straßenkarneval reizt mich nicht, bis auf den Rosenmontagszug. Ich durfte bereits dreimal dort mitgehen. Und das ist großartig. Wenn man das einmal miterleben darf – das ist hochemotional und extrem beeindruckend.

Und was zwischen Aschermittwoch und Weiberfastnacht?

Den Rest des Lebens.

Wat hät für dich noch immer jood jejange?

Das ist eine schwierige Frage. Ich versuche immer positiv und mit Optimismus in die Zukunft zu schauen. Die Frage nach „jood jejange“ richtet sich eher auf die Vergangenheit. Ich denke eher an das, was vor uns liegt. Hier sollte jeder seinen Beitrag zu leisten. Ich zum Beispiel habe einen gestalterischen Anspruch und möchte Verantwortung übernehmen und Dinge besser machen.

Wo drüber laachs de dich kapott?

Wenn jemand mit viel Selbstironie über sich selber lachen kann.

Rievkooche, Klaus Steves / pixelio.de
Frisch gebackene Rievkooche sind Annettes kölsche Lieblingsessen, Bild: Klaus Steves / pixelio.de

Was ist dein kölsches Lieblingsgericht?

Eindeutig Rieevkooche.

Dein Lieblingsschimpfwort auf Kölsch?

Fiese Möpp.

Bitte vervollständige den Satz: Köln ist …

… ein Gefühl! Auch ein bisschen chaotisch, sehr herzlich und immer ein Zuhause.


E-Mail-Newsletter

Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Zum Hören als Podcast oder zum Lesen im Blog.

Aber immer kurz & knackig, immer subjektiv & voreingenommen. Und immer kostenlos!
Datenschutz 

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Die „Iran-Villa“ – ein „Lost Place“ mitten in Marienburg

Verfallende Pracht in Marienburg: Die ehmalige Botschaft des Iran in der Parkstraße 5, Bild: Uli Kievernagel
Verfallende Pracht in Marienburg: Die ehemalige Residenz des Iran in der Parkstraße 5, Bild: Uli Kievernagel

Die Villa an der Parkstraße 5 in Köln-Marienburg, ein denkmalgeschütztes Anwesen mit mehr als 110 Jahren Geschichte, verfällt zunehmend. Einst Residenz wohlhabender Kölner Verleger, später Botschaftssitz und als „Iran-Haus“ oder „Iran-Villa“ bekannt, wirkt das Gebäude heute wie ein Geisterhaus zwischen Glanz vergangener Zeiten und sichtbarem Zerfall. Ein „Lost Place“ mitten im schicken Marienburg.

Die Fassade der Villa zeigt deutliche Spuren des Verfalls. Die Farbe blättert ab, zerborstene Fensterscheiben und verwitterte Rolladen prägen das Bild. Wer die Villa betritt, findet Räume mit großflächigem Wasserschaden, Schimmelbefall und ausgerissenen Sanitäranlagen. Der Kölner Stadt-Anzeiger1„Iran-Haus in Marienburg verfällt weiter“, Kölner Stadt-Anzeiger vom 3. Januar 2025 berichtet, dass ein Durchgangszimmer mit kuppelartiger Decke von grünem Schimmel überzogen sei, ein Büro verwüstet wäre und die Akten durcheinander auf dem Boden liegen würden.

Offensichtlich wurde das Anwesen geplündert, dennoch ist seine architektonische Formschönheit erhalten: Holzvertäfelungen, großzügige Räume mit Erkern, Kamine und große Fenster, die den Blick in den Garten mit Pool freigeben, zeugen von seiner einstigen Bedeutung.

Die Villa wurde 1913/1914 für den Kölner Verleger Josef Neven DuMont nach Plänen des Architekten Paul Pott erbaut. Nach dem Tod Neven DuMonts 1915 übernahm seine Familie das Anwesen. In den 1930er-Jahren nutzte die NSDAP-Ortsgruppe Bayenthal das Gebäude, es verblieb aber weiter im Besitz der Familie DuMont. Während des Zweiten Weltkriegs entstanden Schäden, die teilweise noch vor Kriegsende behoben wurden. Nach der Gründung der Bundesrepublik wurde Bonn Regierungssitz, und viele Staaten verlegten ihre Vertretungen nach Marienburg.

Prinzessin Soraya in der Villa

Ab 1958 zog die iranische Botschaft in die Villa ein, die sowohl Kanzlei als auch Residenz des Botschafters beherbergte. Zu dieser Zeit lebte dort auch für kurze Zeit Prinzessin Soraya, die zweite Frau des Schahs von Persien. Sie machte die Villa zu einem Ort internationaler Aufmerksamkeit.

Prinzessin Soraya bei einem Bankett im Jahr 1962, Bild: Wolfgang Fischer, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Prinzessin Soraya bei einem Bankett im Jahr 1962, Bild: Wolfgang Fischer, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Am 24. Februar 1958 kam Soraya zusammen mit ihrem Lieblingshund in Köln an. Die Klatschpresse berichtete ausführlich über ihre Ankunft und die kaiserlichen Freizeitbeschäftigungen: Spaziergänge durch die Stadt, Einkehr in Cafés und Kinobesuche zogen die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich. Soraya bemühte sich zwar um Privatsphäre, doch Verfolgungsjagden von Fotografen bei Spazierfahrten von der Villa durch den Grüngürtel zeugen vom regen Medieninteresse.2„Eine Prinzessin verzauberte Köln“, Kölnische Rundschau vom 21. Juni 2016

Leerstand und gesellschaftliche Bedeutung

Die Villa, bekannt als „Iran-Haus“, diente nach dem Iran-Irak-Krieg zeitweise der Unterbringung und Behandlung von Verwundeten. Daneben nutzten verschiedene iranische Organisationen das Anwesen für Veranstaltungen, und es bestand lange eine Moschee, die bis in die 2010er Jahre betrieben wurde. Presseberichte aus den 1980er- und 1990er-Jahren machten zudem auf die Nutzung durch den iranischen Geheimdienst VEVAK aufmerksam. Heute ist die Villa vermutlich in privatem Besitz, doch sie steht leer und droht zunehmend zu verfallen.

Die Fenster nur notdürftig mit Holz zugeschlagen, wucherndes Unkraut und abblätternde Farbe - die "Iran-Villa" ist in befindet sich in einem äußerst schlechten Zustand. Bild: Uli Kievernagel
Die Fenster nur notdürftig mit Holz zugeschlagen, wucherndes Unkraut und abblätternde Farbe – die „Iran-Villa“ ist in befindet sich in einem äußerst schlechten Zustand. Bild: Uli Kievernagel

Ein Aktionsbündnis hat auf den Leerstand aufmerksam gemacht. Es steht ein Investor bereit, der das Anwesen übernehmen möchte, um es dem Wohnungsmarkt wieder zugänglich zu machen – das Gebäude bietet immerhin etwa 30 Zimmer.

Die Stadt Köln sieht sich jedoch außerstande, einzugreifen. Laut einer Sprecherin fällt die Villa nicht unter die Wohnraumschutzsatzung, da das Gebäude nie dem Wohnungsmarkt zur Verfügung stand. Bußgelder oder Ordnungsverfügungen gegen den Leerstand sind daher nicht möglich.

Architektur und Gestaltung

Die Architektur der Villa bleibt eindrucksvoll. Der renommierte Architekt Paul Pott, der zahlreiche repräsentative Villen in Marienburg entwarf, setzte hier auf eine Mischung aus englischem Landhausstil und Elementen der Renaissance, wie Giebel, Erker und Kamine. Das dreiflügelige Ensemble umfasst das zweigeschossige Herrenhaus, ein Gärtnerhaus inklusive Treibhaus, ein eingeschossiges Garagen- und Chauffeurshaus sowie einen Gartenpavillon und eine zentral gelegenen, reich mit Stuck verzierten Halle. Weitere Räume mit Parkettböden, Deckenvertäfelungen und Vitrinenschränken zeugen von dem ursprünglichen Luxus.

Der vom renommierten Gartenbauarchitekt Fritz Encke konzipierte Garten der Villa ist völlig verwildert. Bild :Uli Kievernagel
Der vom renommierten Gartenbauarchitekt Fritz Encke konzipierte Garten der Villa ist völlig verwildert. Bild :Uli Kievernagel

Die Lage der Villa in Marienburg, auf einem Gelände leicht erhöht über dem Oberländer Ufer mit freiem Blick auf den Rhein, war für den ersten Besitzer, den Verleger Neven DuMont, ideal. Ursprünglich befand sich hier die Maschinenfabrik P. Kyll, deren Werkhallen für die Villenbebauung abgerissen wurden.

Besonders schade: Der Garten wurden von dem renommierten Kölner Gartenbaudirektor Fritz Encke geplant. Doch von der ursprünglichen Planung ist heute nichts mehr zu sehen, der Garten ist vollkommen verwildert. Den ursprünglichen Plan von Encke zeigt das Architekturmuseum der TU Berlin.

Ungewisse Zukunft für ein historisches Anwesen

Die Zukunft der „Iran-Villa“ in der Parkstraße 5 bleibt ungewiss. Die Eigentumsverhältnisse sind kompliziert, der Eigentümer derzeit nicht erreichbar. Solange sich keine Lösung findet, droht das Anwesen, das einmal ein bedeutender Ort für Kultur, Diplomatie und Religion war, unaufhaltsam weiter zu verfallen. Für Marienburg bedeutet dies auch den Verlust eines geschichtsträchtigen Bauwerks.

Diese Villa steht damit exemplarisch für das Spannungsfeld zwischen Denkmalschutz, städtischer Wohnraumnot und internationaler Geschichte. Ihr Zustand zeigt, wie historische Gebäude ohne Nutzung und Pflege rapide zerfallen können – und wie schwierig es ist, private Interessen, städtische Verantwortung und kulturelles Erbe in Einklang zu bringen.


Ruhig, schick und gediegen: Die "Professorensiedlung" in Köln-Marienburg, Bild: Uli Kievernagel
Ruhig, schick und gediegen: Die Professorensiedlung in Köln-Marienburg, Bild: Uli Kievernagel

In direkter Nachbarschaft: Die „Professorensiedlung

In direkter Nachbarschaft der Iran-Villa befindet sich die wunderschöne
„Professorensiedlung“. In den 1920er Jahren drohten der renommierten Kölner Universität die Professoren auszugehen. Hintergrund war der (wie heute) schwierige Wohnungsmarkt: Die Hochschullehrer fanden keine angemessene Bleibe und gingen daher lieber in andere Universitätsstädte. 

Zur Lösung des Problems handelten die Professoren selbst und gründeten die „Baugenossenschaft Kölner Universität“. Ziel war es, attraktive Wohnmöglichkeiten für die Kölner Professoren zu schaffen. So entstand die Professorensiedlung in Marienburg.


E-Mail-Newsletter

Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Zum Hören als Podcast oder zum Lesen im Blog.

Aber immer kurz & knackig, immer subjektiv & voreingenommen. Und immer kostenlos!
Datenschutz 

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Die „Poller Köpfe“- Köln ohne Rhein?

Bei Hochwasser gab es einen zweiten Verlauf des Rheins östlich von Deutz. Ein große Gefahr für die Stadt Köln. Karte: OpenStreetMap
Bei Hochwasser gab es einen zweiten Verlauf des Rheins östlich von Deutz. Ein große Gefahr für die Stadt Köln. Karte: OpenStreetMap


 Es wäre für die Stadt Köln eine Katastrophe gewesen! Der Rhein fließt nicht im gewohnten Flussbett, sondern sucht sich einen neuen Verlauf. Statt westlich verläuft der Fluss auf einmal ab Poll östlich an Deutz vorbei, um dann erst in Mülheim ins alte Flussbett zurückzukehren.

Klingt aberwitzig – aber diese Gefahr drohte ab ca. dem 12. Jahrhundert. Und es passierte bereits vereinzelt bei Hochwasser und Eisgängen: In Köln kam nur noch ein flaches Rinnsal an, der Fluss suchte sich ein neues Bett. Höchste Alarmstufe für die Stadt, denn damit war die grundsätzliche Schiffbarkeit des Rheins gefährdet und somit Kölns Wohlstand. Ohne den Handel, welcher zum größten Teil über den Rhein abgewickelt wurde, und ohne das äußerst lukrative Stapelrecht wäre Köln bedeutungslos geworden.

Köln ohne Rhein? Undenkbar!

Daher wurde bereits seit dem 12. Jahrhundert das Poller Rheinufer befestigt, um eine solche „Umleitung“ zu verhindern. Durch Anpflanzungen und Dämme entlang der heutigen Poller Wiesen sollte verhindert werden, dass Köln vom Rheinstrom abgeschnitten würde.

Problematisch war allerdings, dass Poll damals noch nicht zur Stadt gehörte, sondern zu den Besitztümern des Erzbischofs, mit dem die Kölner regelmäßig im handfesten Streit lagen. Doch auch der Erzbischof war nicht daran interessiert, dass Köln seinen Rang als Handelsmetropole verlieren könnte. Großzügig erlaubte der Kirchenmann, dass die Kölner Weiden zur Uferbefestigung auf seinem Grund pflanzen durften – allerdings auf Kosten der Kölner Bürgerschaft.

Ausschnitt aus einer Federzeichnung von 1583 mit den "Poller Köpfen", Bild: Stadtarchiv Köln
Ausschnitt aus einer Federzeichnung von 1583 mit den „Poller Köpfen“, Bild: Stadtarchiv Köln

Mammutprojekt „Poller Köpfe“

Doch diese Uferbefestigung war nicht stark genug, um bei Hochwasser nachhaltig eine mögliche Veränderung des Flussbettes zu unterbinden. Daher nahm die Stadt Köln im Jahr 1557 das Poller Ufer in Erbpacht, um ein Mammutprojekt in Angriff zu nehmen: Die „Poller Köpfe“. Auch hier bat der Erzbischof die Kölner kräftig zur Kasse: Die Pachtzahlung bestand in zwei Tonnen Heringen pro Jahr und zusätzlich in einem vergoldeten Geschirr – und für jeden neuen Erzbischof auch ein neues Goldgeschirr.

Ab 1560 begannen die Bauarbeiten. Es wurden schwere Uferbefestigungen („Köpfe“) angelegt. Dafür wurden massive Eichenstämme mit Querbalken im Flussgrund befestigt. Die so entstanden Kästen wurden mit Basaltbrocken gefüllt. Die Dimensionen dieser Anlage waren gewaltig: Mehrere Hundert Meter lange und etwa acht Meter breite Konstruktionen, welche bis zu 3 Meter aus dem Wasser herausragten. Zur Beschaffung des nötigen Bauholzes erwarb die Stadt Köln ein eigenes Waldgrundstück.

Um das Bollwerk gegen die Kräfte des Rheins noch weiter zu sichern, wurden alte und beschädigte Rheinschiffe angekauft und – beschwert mit Steinen und gesichert durch in den Boden getriebene Eichenpfähle – gezielt unmittelbar vor den Poller Köpfen versenkt. Damit die Pflege des Bauwerks gesichert war, stellte die Stadt eigens einen „Weidenhüter“ ein: Ein städtischer Beamter mit Wohnsitz auf der Anlage, der diese ständig im Blick hatte.

Im Jahr 1641 wurde ein steinernes Wehr zur Unterstützung der Anlage eingebaut. Aber erst mit Bau des Deutzer Hafens ab 1895 wurden die weit in den Rhein ragenden Bestandteile der Poller Köpfe entfernt und durch moderne Befestigungsanlagen ersetzt. Die Halbinsel „Poller Werth“ wurde zum Deutzer Hafen.

Die Poller Wiesen heute, rechts der Deutzer Hafen, Bild: ToLo46, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons
Die Poller Wiesen heute, rechts der Deutzer Hafen, Bild: ToLo46, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Poller Wiesen sind heute Bodendenkmal 

Als Uferbefestigung sind heute nur noch die in den Rhein ragenden Buhnen auf den Poller Wiesen zu sehen, die Reste der „Poller Köpfe“ liegen unter den Poller Wiesen.

Diese sind nicht nur ein beliebtes Erholungsgebiet, sondern auch als Bodendenkmal geschützt. Im Jahr 2003 wurden dort bei Niedrigwasser zwei im 16. Jahrhundert gezielt zur Verstärkung der „Poller Köpfe“ versenkte „Niederländer“1Ein spezieller Schiffstyp zum Frachttransport auf dem Rhein. gefunden. Doch die Archäologen kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus: Bei Probegrabungen stellte sich heraus, dass bis zu 100 weitere Schiffe dort gezielt versenkt wurden.

Sogenannte "Niederländer" für Fahrten auf dem Rhein bis zur Nordsee. Am linken Bildrand ist das Holzgestell zu erkennen, welches die Anlegestellen der Ober- und Niederländer trennt, Bild: Ausschnitt aus der Stadtansicht von Anton Woensam, 1531
Sogenannte „Niederländer“ für Fahrten auf dem Rhein bis zur Nordsee, Bild: Ausschnitt aus der Stadtansicht von Anton Woensam, 1531

Als dann noch Kampfmittelräumer die Poller Wiese für den Papstbesuch anlässlich des Weltjugendtags 2005 in Köln – der Papst hielt vom Schiff aus eine Ansprache für die auf den Poller Wiese versammelten Gläubigen – auf eventuell im Schlick verborgene Weltkriegsbomben untersuchten, fanden sie auch mit Hilfe der dabei eingesetzten Metalldetektoren Teile der alten Befestigungsanlagen der „Poller Köpfe“, wie Eisenschuhe zur Verankerung der Eichenbalken. Daher wurden die Poller Wiesen am 24. Oktober 2005 in die Bodendenkmalliste eingetragen.

Der Papst beim Weltjugendtag 2005 in Köln. Die Gläubigen im Vordergrund stehen auf den Poller Wiesen, Bild: Ingrid Schultz, Copyrighted free use, via Wikimedia Commons
Der Papst beim Weltjugendtag 2005 in Köln. Die Gläubigen im Vordergrund stehen auf den Poller Wiesen, Bild: Ingrid Schultz, Copyrighted free use, via Wikimedia Commons

Und wenn man sich heute bei gutem Wetter auf den Poller Wiesen sonnt und den Drachen, die dort regelmäßig steigen, zusieht, ahnt man kaum, dass genau hier massive Uferbefestigungen gestanden haben. Ohne diese wäre Köln eventuell vom Rhein abgeschnitten  worden. 

Und dann wäre es aus gewesen mit „Köln am Rhein“. 


E-Mail-Newsletter

Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Zum Hören als Podcast oder zum Lesen im Blog.

Aber immer kurz & knackig, immer subjektiv & voreingenommen. Und immer kostenlos!
Datenschutz 

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung