Kölsche Originale: Der Lehrer Welsch – Dreimol Null es Null, bliev Null

Gedenktafel, in d'r Kayjass Nummer Null (Kaygasse, Ecke Großer Griechenmarkt),Bild: 1971markus@wikipedia.de, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Gedenktafel, in d’r Kayjass Nummer Null (Kaygasse, Ecke Großer Griechenmarkt),Bild: 1971markus@wikipedia.de, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Jedes kölsche Schulkind kennt diesen Text:

„En d’r Kayjass Nummer Null steiht en steinahl Schull,
un do hammer dren studeet.
Unser Lehrer, dä hieß Welsch,
sproch en unverfälschtes Kölsch ...
… Dreimol Null es Null, bliev Null,
denn mer woren en d‘r Kayjass en d’r Schull.“

Bei dem von den „Drei Laachduve“ in der Session 1938/39 besungenen Lehrer handelt es sich um Heinrich Welsch, und genau dieser Lehrer Welsch hat tatsächlich ein musikalisches Denkmal verdient.

Allerdings war Welsch nie in der Kaygasse tätig, sondern leitete im rechtsrheinischen Kalk eine Sonderschule für Kinder, die einer besonderen Fürsorge bedurften. Man kann davon ausgehen, dass die „Drei Laachduve“ Welsch wegen des Reims in die Kaygasse versetzt haben, denn die ursprüngliche Schule lag in der Hollweghstraße . Das hätte doch das Reimschema arg strapaziert.

Geburtshaus von Heinrich Welsch in Arzdorf, Bild: Wolfgang Lietzau
Geburtshaus von Heinrich Welsch in Arzdorf, Bild: Wolfgang Lietzau
Welsch – ein Pädagoge mit Herz

Heinrich Welsch wurde 1848 in Arzdorf, heute ein Ortsteil von Wachtberg, geboren. Er war ausgebildeter Lehrer mit einem Examen des Königlich Preußischen Lehrerseminars in Brühl. Nach verschiedenen Stationen, unter anderem in Worringen und Sülz, kam er 1881, mitten in der industriellen Revolution, nach Kalk. Erschreckt über die Verhältnisse in der Arbeiterschaft erkannte Welsch sehr schnell, dass Bildung der Schlüssel zum sozialen Erfolg seiner Schüler war. Im Jahr 1905 gründete er die „Hilfsschule“ in Kalk. Der Lehrer Welsch kümmerte sich rührend um seine Schüler – nicht selbstverständlich in einer Zeit, in der der Rohrstock noch als pädagogisches Mittel galt. So brachte er zum Beispiel Mädchen, die wegen einer ungewollten Schwangerschaft verstoßen wurden, wieder zurück zu ihren Familien.

Das Ehrengrab von Heinrich Welsch auf dem Kalker Friedhof, Bild: A.Savin
Das Ehrengrab von Heinrich Welsch auf dem Kalker Friedhof, Bild: A.Savin

Zu seinen Bemühungen um die Bildung gehört auch, dass Welsch 1884 mit 1.700 von ansässigen Betrieben gespendeten Büchern die erste Volksbibliothek in Kalk gründete. Heinrich Welsch schied im Jahr 1914 aus dem Schuldienst aus und verstarb 1935. Sein Grab auf der dem Friedhof in Kalk ist ein Ehrengrab, die Stadt Köln kümmert sich um die Grabpflege.

Lehrer-Welsch-Preis

Neben dem bekannten Lied lebt Heinrich Welsch aber auch im Lehrer-Welsch-Sprachpreis weiter. Die Kölner Sektion des Vereins Deutsche Sprache verleiht diesen seit 2004 an Personen oder Institutionen, die sich um die Hochsprache und den Erhalt der kölschen Sprache verdient gemacht haben. 

Der Sänger Ludwig Sebus, selbst Preisträger im Jahr 2008, dazu im Kölner-Stadt-Anzeiger „Das Vermächtnis des legendären Lehrers Welsch ist doch viel mehr als Drei mal Null. Er verkörperte die kölsche Seele. Als Lehrer hat er alle Menschen gleich gesehen und gleich behandelt.“. 

Erster Preisträger im Jahr 2004 war Alexander von Chiari der im Motto des Rosenmontagszugs das Wort „Kids“ durch „Pänz“ ersetzte.

Die weiteren Preisträger sind:

2005
Andreas Henseler, Geschäftsführer des Kölner Wissenschaftsmuseums Odysseum

2006
Wise Guys, Kölner A-cappella-Musikgruppe

2007
Peter Herbolzheimer, deutscher Jazz-Posaunist und Bandleader.

2008
Ludwig Sebus, Krätzchensänger

2009
Die Sendung mit der Maus, Kindersendung vom WDR

2010
Höhner, kölsche Band

2011
Heimatverein Alt-Köln von 1902

2012
center.tv, regionaler Fernsehsender

2013
Wolfgang Bosbach, Politiker

2014
Akademie för uns kölsche Sproch

2015
Wilma Overbeck, Chorleiterin

2016
Freunde und Förderer des Kölnischen Brauchtums e. V.

2017
Gerhard Uhlenbruck, Mediziner und Autor

2018
Wicky Junggeburth, Moderator und Sänger

2019
Festkomitee Kölner Karneval von 1823 e. V.

2023
Kölner Karnevalsgesellschaft Nippeser Bürgerwehr von 1903

2024
Kölner Hänneschen-Theater, Puppenspieler: Jacky von Guretzky-Cornitz, Charly Kemmerling, Udo Müller und Josef Schönberg

2025
„Bömmel“ Lückerath, Gründungsmitglied der Bläck Fööss


Peter Kievernagel (1935 - 2023) war bei seinen Schülern als "Papa gnädig" bekannt. Bild: Uli Kievernagel
Peter Kievernagel (1935 – 2023) war bei seinen Schülern als „Papa gnädig“ bekannt. Bild: Uli Kievernagel

Ein anderer Lehrer, bekannt als „Papa gnädig“

Ich widme dieses „Köln-Ding der Woche“ ausdrücklich meinem am 2. April 2023 verstorbenen Vater Peter Kievernagel, ebenfalls Lehrer. Seine Schüler sprachen von ihm als „Papa gnädig“, weil er bei Prüfungen auch schon mal gerne ein Auge zudrückte. Ganz in der Tradition von Heinrich Welsch.


Tief im kollektiven Gedächtnis der Stadt verankert: Die "Kölschen Originale"
Tief im kollektiven Gedächtnis der Stadt verankert: Die „Kölschen Originale“

Weitere Geschichten zu den „Kölschen Originalen“ gibt es hier:


Vier Botze

Zwar stammt das Lied von der „steinahl Schull“ im Original von den  „Drei Laachduve“, allerdings ist die überarbeitete Version der „Vier Botze“ einer der heimlichen Hymne Kölns.


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Die „Rheingräfin“ Sibylle Mertens-Schaaffhausen

Die "Rheingräfin" Sibylle Mertens-Schaafhausen (1797 - 1857)
Die „Rheingräfin“ Sibylle Mertens-Schaaffhausen (1797 – 1857)

Historikerin, Numismatikerin, Musikerin, Mäzenatin, Archäologin, Kunstsammlerin, Mitgründerin des Kölner Dombauvereins – Sibylle Mertens-Schaaffhausen war „eine der bemerkenswerten Frauen des 19. Jahrhunderts“.1Monika Salchert in ihrem Buch „Schräge Typen der Kölner Stadtgeschichte

Wäre Sie ein Mann gewesen, so würden wir heute nach ihr benannte Plätze, Straßen und Schulen kennen. Doch Sibylle Mertens-Schaaffhausen war eine Frau. Noch dazu eine Frau, die Frauen liebte. Und das in der hausbackenen und konservativen Zeit des Biedermeier. Ungeheuerlich.

Ein Mädchen der besseren Gesellschaft

Sibylle Mertens-Schaaffhausen wurde am 29. Januar 1797 in Köln geboren. Ihr Vater war der Bankier Abraham Schaaffhausen, einer der reichsten Männer des Rheinlands. Ihre Mutter Anna, geb. Giesen, starb wenige Tage nach der Geburt ihrer Tochter Sibylle.

Entsprechend der finanziellen Verhältnisse der Familie wurde sie als Mädchen der „feinen Gesellschaft“ erzogen. Sie sprach neben Italienisch auch Französisch und spielte hervorragend Klavier. Alles Attribute, die ein Mädchen aus der besseren Gesellschaft auszeichnen. Und so teilte sie auch das Schicksal vieler junger Mädchen der damaligen Zeit: Sie wurde im Rahmen eines Ehe-Arrangements im Alter von 19 Jahren mit dem fast doppelt so alten Bonner Kaufmann Ludwig „Louis“ Mertens verheiratet.

„Höllenehe“

Von Liebe war in der Ehe keine Spur zu finden. Louis Mertens teilte keine der feinsinnigen Interessen seiner jungen Frau. Aber er war Geschäftsführer in der Bank ihres Vaters.

Die Lyrikerin Annette von Droste-Hülshoff gehörte zum Freundeskreis von  Sibylle Mertens-Schaaffhausen. In einem Brief bezeichnete sie die Ehe ihrer Freundin als „Höllenehe“, Sibylle wäre vom ersten Tag der Ehe an an unglücklich gewesen. Aus der unglücklichen Ehe gingen aber sechs Kinder hervor. Kinder, die später das Lebenswerk ihrer Mutter vernichten sollten.

Zumindest erlaubten die finanziellen Mittel der Familie, dass man sich aus dem Weg gehen konnte. Man wohnte zwar offiziell zusammen im repräsentativen Haus der Familie in der Trankgasse in Köln, jedoch verbrachte Sibylle zunehmend mehr Zeit in ihrer Villa in Bonn, in ihrer Wohnung in Rom oder in ihrer Sommerresidenz auf dem Petersberg, wo heute das Hotel Steigenberger Grandhotel steht. 

Liebesbeziehung zu Adele Schopenhauer

Zwei Dinge wären im Leben von Mertens-Schaaffhausen undenkbar gewesen: Eine Scheidung und ein Coming-out. Damit wäre die von ihren Freunden zur „Rheingräfin“ geadelte Sibylle gesellschaftlich geächtet gewesen.

Mit Adele Schopenhauer, dee Schwester des Philosophen Arthur Schopenhauer, pflegte Mertens-Schaaffhausen einen sehr engen Umgang: Die beiden waren ein Paar, was dem Gatten selbstverständlich nicht gefiel und er Adele Schopenhauer Hausverbot erteilte.

Adele Schopenhauer in einem Porträt von Alexander von Sternberg aus dem Jahr 1841
Adele Schopenhauer in einem Porträt von Alexander von Sternberg aus dem Jahr 1841

Doch Sibylle war in Adele so sehr verliebt, dass sie in ihrem Tagebuch notierte:

„Stürbe sie, so spräng ich jetzt in den Rhein,
denn ich könnte nicht ohne sie bestehen.“

Um den gesellschaftlichen Konventionen zu entsprechen, waren die gegenseitigen Besuche und das Leben unter einem Dach immer als Pflege getarnt. Sobald eine der beiden erkrankte, was regelmäßig vorkam, zog die jeweils andere zu ihr und pflegte sie.

Nach einer zwischenzeitlichen Entfremdung – mehr als sieben Jahre gab es kaum Kontakt zwischen den beiden – sollten die beiden Frauen wieder zueinander finden. Schopenhauer zog in die Bonner Villa von Sibylle Mertens-Schaaffhausen und lebte dort bis zu ihrem Tod im Jahr 1849.

Sibylle Mertens-Schaafhausen im Jahr 1842, Zeichnung von Adolf Schlesinger, Public domain, via Wikimedia Commons
Sibylle Mertens-Schaaffhausen im Jahr 1842, Zeichnung von Adolf Schlesinger, Public domain, via Wikimedia Commons

Erfolge als Denkmalschützerin und Archäologin

Sibylle Mertens-Schaaffhausen engagierte sich leidenschaftlich für Musik, Kunst und Denkmalschutz. In ihrer Bonner Villa veranstaltete sie Konzerte und unterstützte das Beethoven-Denkmal. Sie förderte den Kölner Dom und den Wiederaufbau des Rolandsbogens. In Genua pflegte sie während einer Choleraepidemie im Sommer 1835 Kranke, wofür sie mit einer Medaille geehrt wurde. Sie notierte damals „Ich bin an die­sem un­ge­heu­ren Elend geis­tig ge­sun­det, er­kann­te sie. “ 

Nach dem Tod ihres Mannes 1842 blieb Sibylle Mertens-Schaaffhausen länger in Italien. In Genua erforschte sie mit dem Künstler Santo Varni mittelalterliche Kunstschätze. 1836 erkannte sie dort ein Fragment des Mausoleums von Halikarnassos. Später lebte sie in Rom und entdeckte 1846 ein Fragment der „Fasti Capitolini“2Eine Inschrift mit einer Liste römischer Konsuln und Feldherren, das heute in den Vatikanischen Museen aufbewahrt wird.

Der Totenzettel der „Rheingräfin“ Sibylle Mertens-Schaafhausen. Als Geburtsdatum wird hier fälschlicherweise der 3. Februar 1797 (statt dem korrekten Datum 29. Januar 1797) angegeben. Vermutlich hat der Verfasser des Totenzettels das Taufdatum, welches in den Kirchenbüchern in der Regel immer an erster Stelle steht, mit dem Geburtsdatum verwechselt. Danke für diesen Hinweis an Michael Osieka aus Köln. Bild: Totenzettel Sammlung der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln
Der Totenzettel der „Rheingräfin“ Sibylle Mertens-Schaaffhausen. Als Geburtsdatum wird hier fälschlicherweise der 3. Februar 1797 (statt dem korrekten Datum 29. Januar 1797) angegeben. Vermutlich hat der Verfasser des Totenzettels das Taufdatum, welches in den Kirchenbüchern in der Regel immer an erster Stelle steht, mit dem Geburtsdatum verwechselt. Danke für diesen Hinweis an Michael Osieka aus Köln. Bild: Totenzettel Sammlung der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln

Vernichtung des Lebenswerks

Bereits 1842 war Louis Mertens verstorben. Die sechs gemeinsamen Kinder bestanden darauf, sofort ihren Erbteil ausgezahlt zu bekommen. So wurde Sibylle Mertens-Schaaffhausen gezwungen, große Teile ihres Vermögens  zu veräußern, um die Erben auszuzahlen.  

Die „Rheingräfin“ verstarb am 22. Oktober 1857 in Rom. Sie wurde auf dem Friedhof „Campo Santo Teutonico“, dem Friedhof der Deutschen und der Flamen, neben dem Petersdom in Rom bestattet.

Grabtafel für Sibylle Mertens auf dem Campo Santo Teutonico in Rom, Bild: Dadamax, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Grabtafel für Sibylle Mertens-Schaaffhausen auf dem Campo Santo Teutonico in Rom, Bild: Dadamax, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Nach ihrem Tod wurde alles, was an Vermögensgegenständen übrig war, von ihren Kindern verkauft. Dazu gehörten unter anderem

  • ihre wertvolle Bibliothek,
  • kostbare Möbel,
  • mehr als 1.800 Gem­men,3Eine Gemme ist ein Schmuck- bzw. bzw. Edelstein.
  • 50 Sta­tu­et­ten aus Bron­ze und in Edel­me­tall,
  • vie­le all­täg­li­che Ob­jek­te (Ge­wich­te und Waa­gen, Par­füm­kap­seln),
  • cir­ca 6.000 Mün­zen,
  • Glä­ser, El­fen­bei­ne und Ton­ge­fä­ße,
  • die mit­tel­al­ter­li­che Samm­lung mit wich­ti­gen El­fen­bein­re­liefs (eins be­fin­det sich heu­te im Vic­to­ria and Al­bert Mu­se­um in Lon­don) und
  • 60 historische Waf­fen.4Quelle: Fabbri, Francesca, Sibylle Mertens-Schaaffhausen, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/sibylle-mertens-schaaffhausen/DE-2086/lido/65e706849c1845.63339519 (abgerufen am 16.04.2025)
Der Umgang ihrer Kinder mit ihrem Vermächtnis kommt einer Vernichtung aller Erinnerungen nahe. So wurde das Erbe einer selbstbestimmten Frau, die den Konventionen in der damaligen Zeit trotzte, in alle Winde verstreut. Ganz im Interesse ihrer Nachkommen, die alle Erinnerungen an ihre Mutter auslöschen wollten. Wie gut, dass Sibylle Mertens-Schaaffhausen bereits zu Lebzeiten ihre gesamte Korrespondenz der Bibliothek der Bonner Universität vermacht hat.
 
So sind – sehr zum Verdruss der Erben – viele zum Teil intime Briefe und Tagebucheinträge heute noch erhalten.

Das "Zeitzeichen" des WDR ist eine Radiosendung und greift täglich historische Daten auf, Bild: WDR
Das „Zeitzeichen“ des WDR ist eine Radiosendung und greift täglich historische Daten auf, Bild: WDR

Zeitzeichen zum 225. Geburtstag der Rheingräfin

Der WDR hat in seiner Sendung Zeitzeichen vom 30. Januar 2022 eine hörenswerte Sendung zu Sibylle Mertens-Schaaffhausen veröffentlicht.


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100 Jahre Butzweilerhof – Aufstieg, Bedeutung und Wandel eines Kölner Erinnerungsortes

Gemälde des neuen Kölner Flughafen Butzweilerhof aus dem Jahr 1928, Bild: Historisches Luftfahrtarchiv Köln, Werner Müller
Gemälde des neuen Kölner Flughafen Butzweilerhof aus dem Jahr 1928, Bild: Historisches Luftfahrtarchiv Köln, Werner Müller

Gastautor dieses Artikels ist Werner Müller. Seine Leidenschaft gehört der Luftfahrt und insbesondere der Verbindung der Luftfahrt zur Geschichte der Stadt Köln. Werner Müller ist der Initiator des „1. Tag der Kölner Stadtgeschichte“ und Eigentümer des Historischen Luftfahrtarchiv Köln.

Das Historische Luftfahrtarchiv Köln

Das Historische Luftfahrtarchiv Köln erforscht die Geschichte der Kölner Luftfahrt und veröffentlicht diese Geschichte auf der Webseite, in Fernsehdokumentationen und Berichten sowie in Ausstellungen und Vorträgen. Nach über zwanzig Jahren Forschung wurden bisher mehr als 150 Themen1 auf der Website des Luftfahrtarchivs veröffentlicht. Weitere Kapitel sind in Vorbereitung. Diese Webseite ist die weltweit größte Webseite zur Luftfahrtgeschichte einer Stadt – auch deswegen, weil Köln die weltweit reichste Luftfahrtgeschichte hat. Für zukünftige Ausstellungen sind Anschauungsmodelle zur Kölner Luftfahrtgeschichte in Planung.

Werner Müller, Inhaber von Kölns Historischem Luftfahrtarchiv, Bild: Werner Müller
Werner Müller, Inhaber von Kölns Historischem Luftfahrtarchiv, Bild: Werner Müller

Historisches Luftfahrtarchiv Köln
Werner Müller
Fürstenbergstr. 33
51065 Köln
Mobil OI78/62225OO
E-Mail: WM51065@Yahoo.de
www.luftfahrtarchiv-koeln.de/

Bitte beachten: Das Historische Luftfahrtarchiv Köln ist ein rein privates und kein öffentliches Archiv.

In diesem Artikel erläutert Werner Müller die wechselvolle Geschichte des Flughafens „Butzweilerhof“.


Das Portal der Abfertigungshalle des Flughafens Butzweiler Hof aus dem Jahr 1936 , hier ein Foto aus dem Jahr 2009. Bild: Superbass, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Das Portal der Abfertigungshalle des Flughafens Butzweilerhof aus dem Jahr 1936 , hier ein Foto aus dem Jahr 2009. Bild: Superbass, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

100 Jahre Butzweilerhof

Der Butzweilerhof ist einer jener Orte, an denen sich Kölner Stadtgeschichte in ungewöhnlicher Dichte ablesen lässt. Kaum ein anderes Areal der Stadt hat innerhalb von hundert Jahren so viele Funktionen, Bedeutungen und Zuschreibungen erfahren: Militärischer Flugplatz, internationaler Verkehrsflughafen, architektonisches Prestigeprojekt, militärische Kaserne, Konversionsfläche – und heute ein Ort, an dem Mobilität vor allem inszeniert wird. Wer den Butzweilerhof verstehen will, muss ihn als Spiegel technischer, politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen lesen.

Die Fliegerstation Cöln Butzweilerhof im Winter 1912/13, noch im Bau, hier die rückwärtige Ansicht der beiden Fliegerhallen. Bild: Bild: Historisches Luftfahrtarchiv Köln, Werner Müller
Die Fliegerstation Cöln Butzweilerhof im Winter 1912/13, noch im Bau, hier die rückwärtige Ansicht der beiden Fliegerhallen. Bild: Historisches Luftfahrtarchiv Köln, Werner Müller

1913: Die Entscheidung für den Westen der Stadt

Mit der Eröffnung der Fliegerstation Cöln-Butzweilerhof am 1. April 1913 begann die Geschichte eines Luftfahrtstandorts, der von Beginn an strategisch gedacht war. Das Gelände westlich der Stadt auf dem Gelände des Bauernhof Butzweiler Hof, bot flache Flächen und ausreichend Abstand zur dichten Bebauung. Außerdem wurden dort bereits Flugversuche durchgeführt. Die Nutzung war klar militärisch geprägt: Ausbildung, Erprobung, Organisation.

Der Ort war funktional, nicht repräsentativ. Gebäude, Startflächen und Infrastruktur dienten dem Zweck, nicht der Öffentlichkeit.

Der Butzweilerhof - von 1913 bis 1926 Fliegerstation und von 1926 bis 1936 Flughafen, Bild: Historisches Luftfahrtarchiv Köln, Werner Müller
Der Butzweilerhof – von 1913 bis 1926 Fliegerstation und von 1926 bis 1936 Flughafen, Bild: Historisches Luftfahrtarchiv Köln, Werner Müller

„Luftkreuz des Westens“

Zwischen dem 1. Weltkrieg und dem 31. Januar 1926 wurde der Butz als Fliegerstation der britischen RAF und des Australischen Flying Corps genutzt. Mit der Öffnung für den zivilen Luftverkehr ab 1926 begann dann eine Phase, in der der Flughafen zunehmend als Verkehrsinfrastruktur gedacht wurde – nicht mehr ausschließlich als militärischer Raum.

In kurzer Zeit entwickelte sich der Butzweilerhof zu einem bedeutenden Knotenpunkt des westdeutschen Luftverkehrs. Linienflüge verbanden Köln mit nationalen und internationalen Zielen, der Flughafen gewann an wirtschaftlicher und symbolischer Bedeutung. In dieser Phase entstand der Begriff vom „Luftkreuz des Westens“, das Köln, neben Berlin-Tempelhof, zu einem der wichtigsten Luftfahrtstandorte Deutschlands machte.

Der Butzweilerhof, hier nach dem Umbau 1936, war ein beliebtes Ausglugsziel für die Kölner. Bild: Historisches Luftfahrtarchiv Köln, Werner Müller
Der Butzweilerhof, hier nach dem Umbau 1936, war ein beliebtes Ausglugsziel für die Kölner. Bild: Historisches Luftfahrtarchiv Köln, Werner Müller

1936: Architektur als Ausdruck von Macht und Moderne

Mit der Eröffnung des neuen Empfangsgebäudes im Jahr 1936 erreichte diese Entwicklung ihren architektonischen Höhepunkt. Entworfen von Hans Mehrtens, war das Terminal weit mehr als ein Funktionsbau. Es verband moderne Verkehrstechnik mit monumentaler Gestaltung und klaren Achsen – ein Bauwerk, das bewusst Wirkung entfalten sollte.

Der Flughafen wurde zum Schaufenster – nicht nur für Reisende, sondern auch für politische Botschaften.

Auf Grund der Provisorien der ersten zehn Jahre wusste man nun, wie eine Flughafenanlage konzipiert sein muss, um dem steigenden Flugverkehr zu bewältigen. Überall in Deutschland wurden die bisherigen Provisorien in den Jahren 1935 und 1936 durch komplett durchgeplante Flughafenensemble ersetzt.

Brüche und Kontinuitäten: Der Zweite Weltkrieg

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs endete die zivile Nutzung. Der Butzweilerhof wurde nun wieder komplett militärisch genutzt, der Luftverkehr diente nun anderen Zwecken. Zerstörungen, Einschränkungen und Umnutzungen prägten diese Phase. Der Ort verlor seine Rolle als offenes Verkehrstor und wurde Teil der Kriegsinfrastruktur.

Der Flughafen überstand den Krieg zwar nicht unbeschadet, aber als klar lesbare Anlage. Während die Gebäude (Bretterbuden) des „ersten“ Butzweilerhofs am Heiligen Abend 1944 zerstört wurden, blieb der Neubau von 1936 komplett erhalten.

Der Neubau des Butzweiler Hofs von 1936 war erstaunlichwerweise nach dem Krieg überraschend gut erhalten. Bild: Historisches Luftfahrtarchiv Köln, Werner Müller
Der Neubau des Butzweilerhofs von 1936 war erstaunlichwerweise nach dem Krieg überraschend gut erhalten. Bild: Historisches Luftfahrtarchiv Köln, Werner Müller

Nach 1945: Funktionsverlust und Übergang

Nach Kriegsende übernahmen zunächst die britischen Streitkräfte das Gelände. Mit der Eröffnung des Flughafens Köln-Bonn im Jahr 1957 war endgültig klar, dass der Butzweilerhof seine Rolle als internationaler Verkehrsflughafen verloren hatte. Dies lag auch am Standort, der auch auf Grund der größeren Verkehrsflugzeuge, zu nah an der Stadt lag.

Dennoch wurde das Gelände militärisch genutzt. Über Jahrzehnte hinweg war der Butzweilerhof Kaserne, Verwaltungsstandort und logistischer Raum für die britische RAF, die Belgischen Heeresflieger und die Bundeswehr. Diese Phase ist weniger spektakulär, aber entscheidend für das Verständnis des Ortes: Der Flughafen verschwand nicht, er veränderte seine Funktion, ohne seine Identität vollständig zu verlieren.

Das denkmalgeschütztes Hauptgebäude des ehemaligen Flughafens Butzweilerhof, hier im Jahr 2009. Bild: superbass
Das denkmalgeschütztes Hauptgebäude des ehemaligen Flughafens Butzweilerhof, hier im Jahr 2009. Bild: superbass

Konversion und neue Stadtlandschaft

Mit dem Ende der militärischen Nutzung begann eine neue Phase: die Konversion. Der Butzweilerhof wurde Teil eines größeren städtebaulichen Transformationsprozesses. Gewerbe, Medien, Dienstleistungen und neue Verkehrsachsen prägten das Umfeld. Die Historische Gebäude von 1936 wurden unter Denkmalschutz gestellt, die Gebäude der RAF und der Belgier wurden abgerissen.

Dadurch entfernte sich dieser Ort zunehmend von seiner ursprünglichen Funktion. Der Flughafen wurde fragmentiert: Teile blieben sichtbar, andere verloren ihren historischen Zusammenhang. Die Flughafenarchitektur wurde durch die städtebauliche Planung sowie die neuen Wohngebäude erdrückt.

Dass es auch anders geht, zeigt der Flughafen Berlin Tempelhof. Hier wurde die historische Architektur erhalten, wozu auch die Weite des Rollfelds gehört.

Heute: Motorworld Köln Rheinland

Aber nun stand die Frage im Raum was mit diesen Gebäuden passieren sollte. Das Angebot eines Mäzens in diesem historischen Flughafenensemble ein Luftfahrt- und Technikmuseum zu eröffnen, wurde von der Stadt Köln nicht einmal beantwortet.

Der Butzweiler Hof beherbergt heut die „Motorworld Köln“ und ist ein Dienstleistungszentrum rund um Oldtimer- und Sammlerfahrzeuge. Bild: 1971markus@wikipedia.de, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons
Der Butzweilerhof beherbergt heut die „Motorworld Köln“ und ist ein Dienstleistungszentrum rund um Oldtimer- und Sammlerfahrzeuge. Bild: 1971markus@wikipedia.de, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Mit der Eröffnung der „Motorworld Köln Rheinland“ erhielt der Butzweilerhof eine neue, öffentlichkeitswirksame Nutzung. Die denkmalgeschützten Hallen wurden saniert, ergänzt und mit neuen Funktionen versehen. Aber die reiche Luftfahrtgeschichte des Butzweilerhofs wurde nicht mehr beachtet. Automobile Ausstellungen, Werkstätten, Gastronomie und Eventflächen prägen heute das Bild. Dazu wurden umfangreiche Abbruchmaßnahmen innerhalb und außerhalb der historischen Gebäude durchgeführt. Es gab um 2000 in der Stadtpolitik sogar Überlegungen die Hallen abzureißen und nur noch das Hauptportal stehen zu lassen.

Ohne diese Nutzung bestand die Gefahr, dass Teile der historischen Substanz möglicherweise verloren gegangen wären. Trotz Umgestaltung bleiben die Gebäude zugänglich, der Ort ist belebt. Aber ohne die Geschichte sind es nur noch tote Steine.

Kritische Betrachtung: Sichtbarkeit ist nicht gleich Verständlichkeit

Gleichzeitig wirft die Umgestaltung grundlegende Probleme auf: Durch massive bauliche Eingriffe, neue Fassaden, große Durchbrüche und Inszenierungen werden historische Strukturen überformt. [Fußnote: „Überformung“ in der Architektur bezeichnet den gestalterischen Eingriff in ein bestehendes Gebäude (Bestandsbau), bei dem dessen ursprüngliche Struktur, Form oder Erscheinung durch neue architektonische Elemente wesentlich verändert, überlagert oder neu interpretiert werden.] Der Flughafen wird zur Kulisse, seine ursprüngliche Funktion tritt in den Hintergrund. Auf Grund der massiven Umbauten steht auch die Frage im Raum ob der Denkmalschutz noch besteht oder „hintenrum“ abgeschafft wurde.

Der Schwerpunkt auf automobilen Erlebniswelten verschiebt die Erzählung: Der Ort der Luftfahrt wird zum Ort der Mobilitätsvermarktung. Die Luftfahrtgeschichte ist nur noch in externen Archiven vorhanden und somit nicht mehr leitend. Der Zusammenhang zwischen Architektur, Funktion und Zeitgeschichte ist für viele Besucher nicht mehr nachvollziehbar.

Die repräsentative Empfangshalle des Butzweiler Hofs, hier ein Foto aus dem Jahr 2009. Bild: F.412, CC BY 3.0 via Wikimedia Commons
Die repräsentative Empfangshalle des Butzweilerhofs, hier ein Foto aus dem Jahr 2009. Bild: F.412, CC BY 3.0 via Wikimedia Commons

Fazit: Ein Ort mit Verantwortung

Der Butzweilerhof ist kein beliebiges Gelände. Er ist ein historischer Ort mit klarer Identität. Seine Zukunft entscheidet sich nicht allein an wirtschaftlicher Tragfähigkeit, sondern an der Frage, wie Geschichte vermittelt wird.

100 Jahre Butzweilerhof bedeuten Verantwortung: für den Umgang mit Bausubstanz, für historische Zusammenhänge und für die Rolle dieses Ortes im kollektiven Gedächtnis der Stadt. Nutzung und Erinnerung müssen kein Widerspruch sein – aber sie verlangen Sensibilität. Das ist auf dem Butzweilerhof nicht passiert.

Auch der Butzweilerhof bleibt damit einer der vielen Orte in Köln, an dem sich zeigt, dass die Kölner Politik und Verwaltung nicht mit der eigenen Stadtgeschichte umgehen kann.

Autor: Werner Müller, Historisches Luftfahrtarchiv Köln


Ausstellung zum 100. Geburtstag des „Butz“

Am 13. Mai 1926 ging der Flughafen Köln Butzweilerhof in Dienst. Ein Grund, um dies mit einer Ausstellung zu würdigen. Neben dem Historischen Luftfahrtarchiv Köln wird auch das Luftkriegsarchiv Köln und der Verein Industriedenkmal Clouth e.V. eine Ausstellung präsentieren.

  •  Ort: Kulturbunker Mülheim, Berliner Str. 20, 51063 Köln, 1. OG 
  • Haltestelle „Von-Sparr-Straße“ der Linie 4 / Haltestelle „Neuer Mülheimer Friedhof“ Buslinie 153
  • Der Eintritt ist FREI

Öffnungszeiten (alle Zeiten unter Vorbehalt)

  • Samstag, 11. Juli 11:00 – 20:00 Uhr          
  • Sonntag, 12. Juli 11:00 – 20:00 Uhr          
  • Montag,  13. Juli 15:00 – 19:00 Uhr          
  • Dienstag, 14. Juli 15:00 – 19:00 Uhr          
  • Mittwoch, 15. Juli 15:00 – 20:00 Uhr
    Kuratorenführung
  • Donnerstag, 16. Juli 15:00 – 19:00 Uhr          
  • Freitag,  17. Juli 15:00 – 19:00 Uhr
    Vortrag: „Flughafen Köln Butzweilerhof“
  • Samstag, 18. Juli 11:00 – 20:00 Uhr          
  • Sonntag, 19. Juli 11:00 – 20:00 Uhr          
  • Montag, 20. Juli 15:00 – 19:00 Uhr          
  • Dienstag, 21. Juli 15:00 – 19:00 Uhr          
  • Mittwoch, 22. Juli 15:00 – 20:00 Uhr
    Kuratorenführung
  • Donnerstag, 23. Juli 15:00 – 19:00 Uhr          
  • Freitag 14. Juli 15:00 – 19:00 Uhr
    Vortrag: „Die Geschichte der Kölner Luftfahrt“
  • Samstag, 25. Juli 11:00 – 20:00 Uhr          
  • Sonntag, 26. Juli 11:00 – 20:00 Uhr

 
Das Historische Luftfahrtarchiv Köln
Das Historische Luftfahrtarchiv Köln

Das Historische Luftfahrtarchiv Köln

Das Historische Luftfahrtarchiv Köln dokumentiert und erforscht die Geschichte der Kölner Luftfahrt, insbesondere des Flughafens Butzweilerhof. Initiiert wurde es von Werner Müller, der Fotos, Pläne und Zeitzeugnisse sammelt, um dieses Kapitel Kölner Stadt- und Technikgeschichte dauerhaft zu bewahren und öffentlich zugänglich zu machen.

Historisches Luftfahrtarchiv Köln
Werner Müller
Fürstenbergstr. 33
51065 Köln
Mobil OI78/62225OO
E-Mail: WM51065@Yahoo.de
www.luftfahrtarchiv-koeln.de/

Bitte beachten: Das Historische Luftfahrtarchiv Köln ist ein rein privates und kein öffentliches Archiv. 


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Ein paar Fragen an Dr. Joachim Oepen – Wie Kölns Neustadt ihre Kirchen bekam

Dr. Joachim Oepen, Leiter des Historischen Archivs des Erzbistums Köln. Bild: Elke Wetzig, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Dr. Joachim Oepen, Leiter des Historischen Archivs des Erzbistums Köln. Bild: Elke Wetzig, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Frank & Uli vom Köln-Ding der Woche sind zu Gast bei Dr. Joachim Oepen. Der Historiker und Archivar leitet das Historische Archiv des Erzbistums Köln. Joachim Oepen hat in Köln Geschichte und Latein studiert. Er ist auch Lehrbeauftragter für für mittelalterliche und frühneuzeitliche Geschichte am Historischen Institut der Universität zu Köln.

Er hat bereits bei den Kölner-Podcast-Tagen mitgewirkt und ist für seine Veröffentlichungen zur Kölner Stadtgeschichte und Kölner Kirchengeschichte bekannt.

Historisches Archiv des Erzbistums Köln

Hier, im Historischen Archiv des Erzbistums, lagern die Erinnerungen der Kölner Kirche in kilometerlangen Regalreihen. Und „kilometerlang“ ist hier keine Übertreibung: Tatsächlich finden sich hier mehr als 13 Regalkilometer Aktenmaterial in diesem Archiv: Urkunden seit dem Mittelalter, unzählige Akten, Kirchenbücher, Briefe und Dokumente.

Zufälligerweise liegt ein ganz besonderes Prunkstück auf dem Tisch von Dr. Joachim Oepen: Die Koelhoffsche Chronik, eine Chronik der Stadt Köln aus dem Jahr 1499.

Die "Koelhoffsche Chronik", eine Chronik über die Stadt Köln aus dem Jahr 1499. Bild: Frank Mausbach
Die „Koelhoffsche Chronik“, eine Chronik über die Stadt Köln aus dem Jahr 1499. Bild: Frank Mausbach

Rund 6000 mittelalterliche Urkunden gehören zu den ältesten Stücken des Archivs. Doch zwischen all den Regalen und Kartons verbirgt sich nicht nur kirchliche Verwaltungsgeschichte, sondern auch ein Stück Stadtgeschichte. Denn ohne die Kirche lässt sich Köln kaum erzählen.

Die Kirchen der Kölner Neustadt

In diesem Podcast geht es um die Kirchen der Kölner Neustadt. Ein wichtiges Thema in Köln, denn immer, wenn man an Kirchen an Köln denkt, kommt zuerst der Dom, dann lange nichts, dann die Romanischen Kirchen.

Aber auch die Kirchen der Neustadt sind beachtenswert. Dr. Oepen ist ein ausgewiesener Fachmann zu diesen Bauten. Er hat bereits 2006 zusammen mit Wolfgang Schaffer das Buch „Kirche, Kanzel, Kloster. Pfarrgründungen, Kirchenbau und Seelsorge in der Kölner Neustadt 1880-1920“ (Greven Verlag, Köln 2006) herausgegeben. 

Oepen / Schaffer: „Kirche, Kanzel, Kloster. Pfarrgründungen, Kirchenbau und Seelsorge in der Kölner Neustadt 1880-1920“ (Greven Verlag, Köln 2006)  
Oepen / Schaffer: „Kirche, Kanzel, Kloster. Pfarrgründungen, Kirchenbau und Seelsorge in der Kölner Neustadt 1880-1920“ (Greven Verlag, Köln 2006)

Als Köln plötzlich doppelt so groß wurde

Wer heute über die Kölner Ringe spaziert, ahnt kaum, was hier vor gut 140 Jahren passierte. Damals verwandelte sich Köln in wenigen Jahrzehnten von einer mittelalterlichen Festungsstadt in eine moderne Metropole. Die Stadtmauer fiel 1881 und rund um die Altstadt entstand ein völlig neues Köln: die Neustadt.

Innerhalb von nur zwei bis drei Jahrzehnten verdoppelte sich Köln – sowohl in der Fläche als auch in der Bevölkerung. Für damalige Verhältnisse war das ein gigantisches Projekt. Mit neuen Straßen, neuen Vierteln und – ganz selbstverständlich – neuen Kirchen. Denn wo plötzlich Zehntausende Menschen wohnen, müssen auch neue Pfarrgemeinden entstehen. Und so begann in der Kölner Neustadt ein Kirchenbauprogramm, welches bis heute das Stadtbild prägt.

Ein „Kirchenkranz“ um die Altstadt

Entlang der Neustadt entstand daher ein Halbkreis großer Kirchenbauten. Von Norden nach Süden gehören dazu:

  • St. Agnes
  • St. Michael
  • Herz Jesu
  • St. Paul
  • Maria Hilf
  • St. Maternus

Sie bilden bis heute so etwas wie einen „kirchlichen Ring“ um die Altstadt.

Auffällig ist dabei: Diese Kirchen wurden bewusst nicht direkt an den Ringen gebaut, sondern meist in der zweiten Reihe – mit ihrer Schauseite zur Ringstraße hin. Das war städtebaulich geplant. An den Ringen selbst standen repräsentative öffentliche Gebäude, während die Kirchen leicht zurückgesetzt waren, aber dennoch sichtbar blieben.

Die Agneskirche, Bild: Harald Ernst, CC BY-SA 3.0 DE
Die Agneskirche, Bild: Harald Ernst, CC BY-SA 3.0 DE

St. Agnes – die Kirche eines Immobilienkönigs

Ganz im Norden steht St. Agnes. Die zweitgrößte Kirche Kölns verdankt ihre Existenz einem Mann, dessen Lebensgeschichte fast schon kölschen Romanstoff liefert: Peter Joseph Roeckerath.

Roeckerath heiratete reich, seine Frau Agnes Schmitz brachte ihm Land vor der Stadtmauer mit in die Ehe. Als die Neustadt bebaut wurde, verwandelte sich dieses Ackerland plötzlich in wertvolles Bauland. Roeckerath wurde zu einem der großen Immobiliengewinner der Stadterweiterung.

Die Kritik kam prompt. Eine Zeitung schrieb damals spöttisch, Roeckerath habe es verstanden, „einen großen Teil des Geldstroms, der mit der Stadterweiterung aus der Erde hervorquoll, in die eigenen Taschen zu lenken“.

Doch der Unternehmer ließ sich nicht lumpen. Er finanzierte die komplette St.-Agnes-Kirche – als Gedächtniskirche für seine verstorbene Frau Agnes. Und weil die Gemeinde ihrem großzügigen Stifter dankbar war, bekam Roeckerath später sogar ein Grab in der Kirche selbst. Ein für einen Laien äußerst seltenes Privileg.

St. Michael am Brüsseler Platz, Bild: HOWI - Horsch, Willy, CC BY 3.0 via Wikimedia Commons
St. Michael am Brüsseler Platz, Bild: HOWI – Horsch, Willy, CC BY 3.0 via Wikimedia Commons

St. Michael – das belgische Viertel bekommt seine Kirche

Weiter südwestlich liegt St. Michael am Brüsseler Platz. Heute kennt man den Platz eher wegen seiner Kneipen und Cafés – und auch dem Ärger über regelmäßige Lärmbelästigung. Die Kirche selbst wird oft übersehen – dabei gehört sie zu den größten Kirchen Kölns.

Sie entstand in einem Viertel, das damals schnell wuchs und vom gehobenen Mittelstand geprägt war. Zunächst wurde dort eine Notkirche errichtet, bevor Anfang des 20. Jahrhunderts der heutige monumentale Bau entstand.

Architektonisch fällt St. Michael aus dem Rahmen: Während die meisten Neustadt-Kirchen neugotisch sind, ist sie neuromanisch gebaut.

Heute geht die Kirche neue Wege: Im Rahmen des Konzepts „Kirche für Köln“ werden hier Konzerte, Theater, Ausstellungen oder Podcast-Events durchgeführt. Dies zeigt, wie Kirchenräume in der modernen Stadt genutzt werden können.

Die Herz-Jesu-Kirche, Bild: Cmcmcm1, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons
Die Herz-Jesu-Kirche, Bild: Cmcmcm1, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Herz Jesu – Kirche mit politischer Botschaft

Eine Besonderheit ist Herz Jesu am Zülpicher Platz. Sie ist die einzige Neustadtkirche, die direkt an den Ringen steht. Das war kein Zufall. Der Bau war ein Statement.

Der Name „Herz Jesu“ hat nämlich eine politische Dimension. Nach dem Kulturkampf zwischen dem preußischen Staat und der katholischen Kirche gewann die Herz-Jesu-Verehrung enorme Bedeutung. Die Kirche wurde so zu einem sichtbaren Zeichen katholischer Identität.

Auch architektonisch setzte man auf große Namen: Mit Vinzenz Statz und Friedrich von Schmidt verpflichtete man zwei der bedeutendsten neugotischen Architekten ihrer Zeit.

Dir Kirche St. Paul in der Neustadt-Süd. Bild: Raimond Spekking
Dir Kirche St. Paul in der Neustadt-Süd. Bild: Raimond Spekking

St. Paul – Schokolade für den Papst

Im Volksgarten-Viertel entstand St. Paul. Hier lebte vor allem wohlhabendes Bürgertum – darunter der berühmte Schokoladenfabrikant Ludwig Stollwerck.

Und der wusste, wie man Werbung macht. Bei einer Audienz überreichte er dem Papst eine Schachtel Stollwerck-Pralinen. Außen war der Kölner Dom abgebildet, innen ein Bild der zukünftigen Kirche St. Paul. Eine frühe Form von kirchlichem Marketing – oder, wie man heute sagen würde: Produktplatzierung.

Der Turm der Kirche wurde im Krieg zerstört und nie vollständig wieder aufgebaut. Deshalb wirkt er bis heute ein wenig „abgeschnitten“.

Die Maria-Hilf-Kirche in der Kölner Südstadt, Bild: HOWI - Horsch, Willy, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons
Die Maria-Hilf-Kirche in der Kölner Südstadt, Bild: HOWI – Horsch, Willy, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons

Maria Hilf – die übersehene Kirche

Zwischen St. Paul und St. Maternus liegt Maria Hilf – eine Kirche, die viele Kölner kaum wahrnehmen. Das liegt auch daran, dass sie nicht frei auf einem Platz steht, sondern direkt in die Häuserzeile integriert ist.

Ursprünglich war sie die Kirche eines Klosters und später eine Pfarrkirche für das Arbeiterviertel rund um die Elsassstraße. Dort wollte die Kirche gezielt soziale Arbeit leisten – auch als Antwort auf die starke Arbeiterbewegung jener Zeit.

Heute erinnert nur noch wenig an den ursprünglichen neugotischen Bau, da die Kirche im Krieg stark zerstört wurde.

St. Maternus in der Kölner Südstadt, Bild: Cmcmcm1, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
St. Maternus in der Kölner Südstadt, Bild: Cmcmcm1, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

St. Maternus – die unvollendete Kirche

Ganz im Süden der Neustadt steht St. Maternus. Sie ist die jüngste der Neustadtkirchen und wurde 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, fertiggestellt. Der geplante hohe Turm wurde jedoch nie vollendet. Bis heute ragen nur zwei „Türmchen“ ein wenig über das Kirchendach hinaus.

Architektonisch zeigt sich hier bereits ein Übergang: Neben neugotischen Elementen finden sich erste Einflüsse des Jugendstils.

Kirchen zwischen Vergangenheit und Zukunft

Die Neustadtkirchen erzählen viel über Köln: Vom rasanten Wachstum der Stadt, reichen Stiftern und sozialem Engagement, von politischen Konflikten und vom Wandel kirchlichen Lebens.

Viele dieser Kirchen sind heute keine klassischen Pfarrkirchen mehr. Gemeinden wurden zusammengelegt, Mitgliederzahlen sinken. Doch gleichzeitig entstehen neue Ideen: kulturelle Nutzung oder soziale Projekte.

Wer durch die Neustadt spaziert, merkt schnell: Diese Kirchen sind nicht nur Bauwerke – sie sind steinerne Kapitel der Kölner Stadtgeschichte.

Vielleicht zeigt sich auch in diesen Bauwerken wieder einmal eine typisch kölsche Fähigkeit: Sich zu verändern, ohne die Geschichte zu vergessen.


Dr. Wolfgang Oepen (Mitte), Leiter des Historischen Archivs des Erzbistums Köln, Bild: Yannick Mausbach
Dr. Joachim Oepen (Mitte), Leiter des Historischen Archivs des Erzbistums Köln, Bild: Yannick Mausbach

Kölsche Fragen an Joachim Oepen

Genau wie alle anderen Menschen in der Rubrik „Ein paar Fragen an …“ hat auch Joachim Oepen zu unseren „kölschen Fragen“ Rede und Antwort gestanden.

Wenn nicht in Köln, wo sonst könnten Sie wohnen? Und warum gerade dort?

Da gibt es gleich zwei Städte: Brügge oder in Rom. Beide, wie Köln, mit einer ähnlich reichen Geschichte und einfach wundervolle Städte.

Welche kölsche Eigenschaft zeichnet Sie persönlich aus?

Dazu sollte man bitte andere Menschen, die mich gut kennen,  wie zum Beispiel meien Frau oder meine Kinder fragen, denn sonst wäre es am Ende nur gestrunzt.1„Strunzen“ meint laut Adam Wrede „prahlen, großtun, großsprecherich übertreiben“.

Nehmen wir mal an, Sie sind übermorgen Oberbürgermeister in Kölle. Was würden Sie ändern?

Da würde mir ganz viel einfallen. Aber aus aktuellem Anlass würde ich dafür sorgen, dass das Kölner Stadtmuseum wieder ins Zeughaus kommt. In ein Umfeld, in dem die Stadtgeschichte Kölns angemessen präsentiert werden kann.

St. Ursula, eine der zwölf großen romanischen Kirchen Kölns, Bild: Hans Peter Schaefer, Hps-poll, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
St. Ursula, eine der zwölf großen Romanischen Kirchen Kölns, Bild: Hans Peter Schaefer, Hps-poll, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Wo ist Ihr Lieblingsplatz in Köln?

Da halte ich es mit Heinrich Böll: Genau wie er liebe ich die Romanischen Kirchen Kölns.

Welche Kölnerinnen oder Kölner haben Sie beeinflusst oder beeindruckt?

Finde ich ganz schwierig. Da könnte ich mit meinen Eltern anfangen. Dazu zählen aber auch allerhand Menschen, die ich in meinem Lebensweg kennengelernt habe.

Was machen Sie zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch?

Fastelovend fiere!

Wie heißt Ihre kölsche Lieblingskneipe?

Auch da gibt es mehrere. Zum einen wird der Wirtz in der Isabellenstraße, da haben sich meine Großeltern kennengelernt. Dann noch die Schreckenskammer und die „Kleine Glocke“.

Welches ist ihr Lieblingskölsch?

Ganz klar Reissdorf. Das kommt, wie ich, aus dem Severinsviertel.

Halve Hahn, Bild: Superbass / CC-BY-SA-4.0 (via Wikimedia Commons)
Der Halve Hahn, das kölsche Lieblingsgericht von Dr. Joachim Oepen, Bild: Superbass / CC-BY-SA-4.0 (via Wikimedia Commons)

Haben Sie auch ein kölsches Lieblingsgericht?

Ja, klar: Halve Hahn. Kleine Mahlzeit zwischendurch und schön vegetarisch. Immer mit vell Öllig und Mostert.

Ihr Lieblingsschimpfwort auf Kölsch?

Da fallen mir auch mehrere ein, zum Beispiel Pimock, Flaabes oder Kniesbüggel. Ich finde die kölschen Schimpfworte sind nicht verletzend, bringen aber die Dinge klar auf den Punkt.

Bitte vervollständigen Sie den Satz:  Köln ist …

… ein Traum!


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Der Tanzbrunnen: Vom „Messebrunnen“ zur kölschen Kultstätte

Der Kölner Tanzbrunnen direkt am Rheinufer, Bild: Koelncongress GmbH
Der Kölner Tanzbrunnen direkt am Rheinufer, Bild: Koelncongress GmbH

Wer heute am Tanzbrunnen steht, sieht Bühne, Schirme und genießt den Blick auf Dom und Rhein. Was man nicht sofort sieht: Hier liegt ein echtes Stück Kölner Stadtgeschichte unter den Füßen.

Im Rahmen der Kölner Werkbundausstellung legten Theodor Nußbaum und Josef Giesen am heutigen Tanzbrunnen um 1930 eine Schmuckanlage mit einem mittigen Kreisbecken und einer Brunnenanlage an. Vorher stand dort das Preußischen Fort XV, als Teil des inneren Festungsrings. Die gesamte Anlage bekam den eher nüchternen Namen „Messebrunnen“.

Ab 1939 Messelager Köln

Ab 1939 entstand auf dem Gelände der Messe das „Messelager Köln“. Teil dieses Lagers war auch ein Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald. Die dort untergebrachten Häftlinge wurden in der ab etwa 1941 von Bomben zunehmend zerstörten Stadt zur Trümmerbeseitigung, zur Bergung von Leichen und zur Blindgängerentschärfung gezwungen.

Gedenktafel an den Rheinhallen (ehemalige Messehallen) zur Erinnerung an das Messelager. Bild: Raimond Spekking
Gedenktafel an den Rheinhallen (ehemalige Messehallen) zur Erinnerung an das Messelager. Bild: Raimond Spekking

Neben diesem Lager gab es auf dem Gelände auch noch ein Gefängnis der Gestapo, ein Kriegsgefangenenlager und ein spezielles Lager für Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Die Inschrift auf dem Mahnmal lautet: 

„Messegebäude, Messegelände und der anschließende Bereich bis hin zum Tanzbrunnen waren währen des zweiten Weltkrieges ein zentraler Ort der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Köln.
Hier befand sich eine Reihe von Lagern: Ein Außenlager des KZ Buchenwald, Lager für Kriegsgefangene sowie Zwangsarbeiter, ein Sonderlager der Gestapo für deutsche und ausländische Häftlinge. Von hier aus gingen die Transporte in die Konzentrationslager ab und 1940 wurden Sinti und Roma sowie zwischen 1941 und 1944 Juden deportiert.
Hunderte kamen in den Lagern und bei Arbeitseinsätzen ums Leben.
Tausende Männer, Frauen und Kinder wurden von hier aus in den Tod geschickt.“

An die Deportation der Sinti und Roma heute auch noch der Schriftzug „Mai 1940 – 1000 Roma und Sinti“. Dieser Schriftzug wurde von Gunter Demnig verlegt. Im Portal KuLaDig1Antonia Frinken: „Mai 1940 – 1000 Roma und Sinti“. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-355659 , abgerufen: 4. Mai 2026 lautet es dazu: 

Bereits vor dem Projekt „Stolpersteine“, das heute das weltweit größte dezentrale Mahnmal ist, betätigte sich Gunter Demnig erinnerungspolitisch.
50 Jahre nach den ersten Deportationen aus Köln entstand im Mai 1990 in Zusammenarbeit mit dem Kölner Rom e.V., der sich für vor dem Jugoslawienkrieg geflüchtete Rom*nja einsetzt, und mit Erlaubnis der Stadt Köln der Schriftzug „Mai 1940 – 1000 Roma und Sinti“. Demnig brachte ihn zunächst als Spur mit weißer Lackfarbe und einer selbst gebauten Druckwalze auf die Gehwege entlang der Straßen auf, die die verfolgten Familien im Mai 1940 auf ihrem Weg zum Sammellager auf dem Messegelände nahmen.
Daraufhin erhielt der Rom e.V. sowohl Unterstützungsbekundungen als auch Aufforderungen, den Schriftzug zu entfernen.
Inzwischen wurde die Spur an verschiedenen Stellen als Messing-Schriftzug verewigt, unter anderem an der Kreuzblume vor dem Kölner Dom, auf der Venloer Straße, vor dem NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln und in der Bobstraße nahe der Mauritiuskirche.“

Schriftzug zur Erinnerung an die Deportation der Sinti und Roma, Bild: Avi1111 dr. avishai teicher, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Schriftzug zur Erinnerung an die Deportation der Sinti und Roma, Bild: Avi1111 dr. avishai teicher, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Architektur, die Geschichte schreibt

Nach dem Krieg wurde hier ein neuer Brunnen gebaut. Der Clou: Ein begehbares Rondell über der Wasserfläche, welches auch als Tanzfläche diente. Fortan wurde aus dem „Messebrunnen“ der Tanzbrunnen. Mit der Bundesgartenschau 1957 bekam der Tanzbrunnen ein Gesicht, das bis heute prägt: Frei Otto entwarf das legendäre Sternwellenzelt. Leicht, elegant, fast schwebend – und später Vorbild für die Dächer des Münchner Olympiaparks.

In den 70er Jahren wurde nachgelegt. Die charakteristischen Schirme vor der Bühne – gedacht als stilisierte Tulpen – kamen hinzu. Sie konnten ursprünglich sogar eingeklappt werden.

Das begehbare Rondell über dem Brunnen, auf dem auch getanzt werden konnte, sorgte für den Namen "Tanzbrunnen". Bild: Koelncongress GmbH
Das begehbare Rondell über dem Brunnen, auf dem auch getanzt werden konnte, sorgte für den Namen „Tanzbrunnen“. Bild: Koelncongress GmbH

Der Tanzbrunnen war nie exklusiv. Hier standen Weltstars – und gleichzeitig ganz normale Menschen auf der Bühne. Die legendäre „Talentprobe“ ist bis heute ein Stück kölscher Kulturgeschichte: laut, direkt, manchmal gnadenlos. Seit den 60er Jahren prägen Konzerte den Ort. Jazzfestival, Karneval, internationale Acts – bis zu 12.500 Menschen passen auf das Gelände. Und trotzdem fühlt sich vieles hier erstaunlich nah an. Seit 1994 gibt es auch die Indoor-Bühne „Theater am Tanzbrunnen“ mit Platz für etwa 2.000 Menschen.

Zur Sessionseröffnung am 11.11. am Tanzbrunnen kommen jedes Jahr 11.111 Jecke. Bild: Joachim E. Zöller, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Zur Sessionseröffnung am 11.11. am Tanzbrunnen kommen jedes Jahr 11.111 Jecke. Bild: Joachim E. Zöller, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Seit 2013 feiert Kölns erster Karnevalsgesellschaft, „Die Grosse von 1823“ am 11.11. den großen Kölschen Countdown zur Sessionseröffnung am Tanzbrunnen. Diese Party für 11.111 Jecke stimmt mit zehn Stunden Musikprogramm (!) auf den Karneval ein. Alle Größen des Karnevals stehen dann hier auf der Bühne.

Berühmt-berüchtigt war „Udo Werners Talentprobe“. Bei dieser ersten deutschen Castingshow konnten aufstrebende Talente ihr Können auf der großen Bühne zeigen. Dazu brauchte es viel Mut, denn die Talentprobe war berüchtigt für das gnadenloses und schadenfrohe Publikum. Höchststrafe war, wenn sich das gesamte Publikum umdrehte und in die falsche Richtung applaudierte. Auch ein gewisser Michael Büttgen sammelte dort erste Bühnenerfahrung, bevor er 1990, mittlerweile in Köln besser bekannt als „Linus“ selber bis 2017 die Talentprobe am Tanzbrunnen moderierte.

Die "Wall of Fame" am Kölner Tanzbrunnen, Bild: Koelncongress GmbH
Die „Wall of Fame“ am Kölner Tanzbrunnen, Bild: Koelncongress GmbH

Die Wall of Fame: Ruhm ohne Allüren

Wer genau hinschaut, entdeckt sie irgendwann: Die Wall of Fame. Kein großes Spektakel, sondern eher leise. Und genau das passt. Auf kleinen Plaketten werden Künstlerinnen und Künstler verewigt, die den Tanzbrunnen über Jahre geprägt haben. Die Mischung ist äußerst bunt: Internationale Namen wie Joe Cocker oder Chris de Burgh stehen neben kölschen Größen wie Bläck Fööss, Brings, Höhner oder Kasalla.

Und wer hat bis heute die meisten Auftritte? Natürlich die Bläck Fööss. Sie gehören quasi zum Inventar des Tanzbrunnens.

Sanierung: Vieles neu – und alles im Zeit- und Kostenrahmen

Der Tanzbrunnen wurde 2025/2026 umfassend saniert – und das fast schon unkölsch zuverlässig. Man blieb sowohl im Zeit- als auch im Kostenrahmen. Rund 16 Millionen Euro wurden investiert. Kein leichtes Unterfangen, denn der Tanzbrunnen steht unter Denkmalschutz.

Die bekannten Schirme wurden erneuert, höher gebaut und um vier zusätzliche ergänzt. Mehr Schutz vor Regen, bessere Sicht auf die Bühne. Das Bühnenhaus blieb erhalten, wurde aber erweitert – mit einem neuen Baukörper im Messing-Gold-Ton.

Selbst der Boden ist Geschichte: Teile stammen noch von 1971. Sie wurden aufgenommen und neu verlegt.

Der Spaß am Tanzbrunnen endet immer um 22 Uhr. Pünktlich. Bild: Koelncongress GmbH
Der Spaß am Tanzbrunnen endet immer um 22 Uhr. Pünktlich. Bild: Koelncongress GmbH

Der Ton macht die Musik – und manchmal auch den Ärger

So schön der Tanzbrunnen ist: Ganz ohne Konflikte geht es auch heute nicht. Das Dauerthema heißt Lärm. Seit einem Gerichtsurteil aus dem Jahr 1997 gilt hier eine klare Grenze: um 22 Uhr ist Schluss. Ohne Ausnahme. Und zwar so strikt, dass selbst internationale Top-Acts mitten im Konzert abbrechen müssen.

Das Problem: Geklagt hatten damals keine direkten Nachbarn, sondern Anwohner auf der linken Rheinseite. Der Rhein trägt den Schall erstaunlich gut. Die 22-Uhr-Regel ist für Kölncongress-Chef Ralf Nüsser längst nicht mehr zeitgemäß. Viele Politiker sehen das ähnlich. Die 22-Uhr-Grenze wird inzwischen wieder diskutiert.

Mit der Sanierung ist der Tanzbrunnen technisch auf der Höhe der Zeit. Neue Soundanlagen, bessere Infrastruktur, mehr Komfort. Über 40 Veranstaltungen sind bereits geplant. Dabei steht der Tanzbrunnen zwischen Denkmalschutz und Moderne und zwischen wischen Konzert und Nachtruhe. Was sicher ist: Dieser Ort wird bleiben. Weil er mehr ist als nur eine Bühne.

Der Tanzbrunnen ist ein Stück Köln.


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Die Himmelssäule am Dom – 29 Jahre Unklarheit über den Stifter

Die Himmelssäule auf dem Roncalliplatz, Bild: © Raimond Spekking
Die Himmelssäule auf dem Roncalliplatz, Bild: © Raimond Spekking

 

Das Ding ist 62 Tonnen schwer, etwa zehn Meter hoch und steht fast mitten auf dem Roncalliplatz am Dom. Doch trotz ihrer Größe geht die „Himmelssäule“ eher unter. Ganz selten fragen Teilnehmer bei Stadtführungen, was es denn mit diesem Monolithen auf sich hat.

Dabei verbirgt sich eine durchaus kuriose Geschichte hinter dem Kunstwerk. Im Mittelpunkt: Der Lions Club und unbezahlte Rechnungen.

Ein sichtbares Zeichen der Lions an einem markanten Platz

Im Jahr 1984 fand eine Versammlung aller deutschen Lions-Clubs in Köln statt. Lions Club International ist eine Institution mit mehr als 1,4 Millionen Mitgliedern, die sich weltweit in fast 50.000 Clubs organisiert haben. Allein für Köln listet die Website des Lions-Club 15 Clubs auf. Unter dem Motto „We Serve“ („Wir dienen“) engagieren sich die Lions bei sozialen und kulturellen Projekten.

Logo des Lions Club International
Logo des Lions Club International

Zur Versammlung 1984 in Köln wollten die Lions eine Skulptur stiften, die „ … auf einem markanten Platz im innerstädtischen Bereich aufgestellt werden“ sollte, schrieb der damalige Vorsitzende des rheinischen Lions-Districts Günter Huhn am 19. September 1983 an den Oberbürgermeister der Stadt Köln, Dr. Norbert Burger. [Quelle: Die Zeit Nr. 17/1986].

Mit Sicherheit war es für das Vorhaben hilfreich, dass es sich bei Dr. Norbert Burger ebenfalls um ein Lions-Mitglied handelte. Und für städtische Verhältnisse ging es ungewohnt schnell: Bereits am 7. Oktober 1983 kam es zu einem Vorgespräch mit dem renommierten Künstler Heinz Mack – selbstverständlich auch ein Lions-Mitglied.

Heinz Mack (*geboren am 8. März 1931) ist ein deutscher Bildhauer und Maler und war zusammen mit Otto Piene Mitbegründer der international renommierten Künstlergruppe ZERO. Mack sollte im Auftrag des Lions Club ein Kunstwerk schaffen, welches „als sichtbares Zeichen von uns Lions in die Stadt Köln ausstrahlt.“1Quelle: Die Zeit Nr. 17/1986

Aufstellung der Himmelssäule direkt am Kölner Dom, Bild: Ulrich Stoltenberg
Aufstellung der Himmelssäule direkt am Kölner Dom, Bild: Ulrich Stoltenberg

Aufstellung fast direkt am Dom

Der gewünschte markante Platz war schnell gefunden: Das Kunstwerk sollte auf dem Roncalli-Platz, fast direkt am Dom, platziert werden. Den Beteiligten war auch klar, dass diese exponierte Lage eine besondere Herausforderung darstellte. Der Künstler Heinz Mack im „LION“, dem offiziellen Magazin von Lions Clubs International2Ausgabe vom Januar 2013 dazu:

„Ja, es ist eine künstlerische Provokation gewesen. Die besondere Einladung, etwas unmittelbar vor den Dom zu stellen, war die eigentliche Herausforderung. Der Dom in seiner architektonischen und auch strukturalen Macht hat mich gefordert.“

Diese „künstlerische Provokation“ setzte Mack in der Säule Columne pro Caelo  – Himmelssäule –  aus Granit um. 10 Meter hoch, 62 Tonnen schwer. Um die Säule laufen waagerecht Rillen, deren Abstände zum Boden immer kleiner werden.

Der Künstler will mit der Himmelssäule einen direkten Bezug zum Dom herstellen: „Der Dom besteht aus tausenden, unzählbar vielen Steinen. Die Stele ist ein einziger Stein, dieser eine steht den vielen gegenüber. Umgekehrt können sich die vielen Steine durch den einen repräsentiert sehen.“ [Heinz Mack im „LION“, dem offiziellen Magazin von Lions Clubs International, Ausgabe vom Januar 2013]

J. Keller sieht in dem Beitrag „Ein Geschenk des Himmels?“  einen „Dialog“ zwischen Säule und Dom:

„Durch ihre aufwändige Kannelierung,3Kannelierung ist die Auskehlung eines Objektes mit Furchen. die die Säule wie ein Band umschließt und nach unten hin enger wird, könnte man glauben, dass der Monolith unter seinem eigenen Gewicht in sich zusammensackt. Durch ihre Platzierung gegenüber des Doms geht die Himmelssäule gewissermaßen einen Dialog mit der gigantischen Kirche ein. Zum einen strecken sich beide Gebäude nach oben, dem Himmel entgegen, zum anderen symbolisiert ihre pure steinerne Masse geistiges und geistliches Gewicht.

Eben dieses Gewicht stellte auch jenseitig aller geistigen und geistlichen Symbolik ein Problem dar: So mussten Statiker aufwändig prüfen, ob der ausgewählte Platz die Himmelssäule tragen konnte und ob der Transport der Säule an diesen Platz überhaupt möglich war. Immerhin befindet sich unter dem Roncalliplatz eine Tiefgarage.

Nachdem diese technische Hürde genommen wurde, warb Oberbürgermeister und Lions-Mitglied Dr. Norbert Burger beim Domkapitel und im Rat der Stadt Köln um Verständnis. Mit Erfolg: Am 24. Mai 1984 nahm die Stadt die Schenkung der Lions dankend an.

Im "Dialog": Die Himmelssäule und der Dom, Bild: Uli Kievernagel
Im „Dialog“: Die Himmelssäule und der Dom, Bild: Uli Kievernagel

29 Jahre Unklarheit über Stifter 

Grundsätzlich hätte damit alles gut sein können. Doch aus damals unerklärlichen Gründen distanzierte sich der Vorstand der Kölner Lions wenige Stunden vor der feierlichen Übergabe von dem Kunstwerk. Allerdings waren ja bereits Fakten geschaffen worden und die Säule stand, zehn Meter hoch, gut sichtbar auf dem Roncalliplatz.

Die konkreten Hintergründe dafür waren lange nicht bekannt. Erst ein Gespräch mit Chefredakteur Ulrich Stoltenberg, dem

„Es ging um 93.500 DM. Das waren die Kosten für den Transport und die Aufstellung der Säule. Heinz Mack hatte die Säule gestiftet, auch das Material war eine Stiftung. Allerdings sollte der Betrag für Transport und Aufstellung von den Kölner Lions alleine aufgebracht werden.“

Doch die Kassen waren leer und der betroffene Kölner Lions Club bestand nur aus 30 Mitgliedern, die dann alleine den Betrag hätten aufbringen müssen, so Pressesprecher Stoltenberg.

Die Lösung war, den Betrag auf viele Schultern zu  verteilen. So legten die Lions Deutschland zusammen, der Betrag wurde noch im Jahr 1984 bezahlt. Stoltenberg war auch Initiator einer neuen Plakette, die den Stifter eindeutig benannte.

Alte & neue Plakette mit der korrekten Bezeichnung der Stifter der Himmelssäule, Bilder: Ulrich Stoltenberg
Im Jahr 2013 wurde die neue Plakette an der Säule angebracht und auch der Künstler Heinz Mack zeigte sich erleichtert:

„Jahrelang gab es eine Unsicherheit in dem Sinne: Die Skulptur hat irgendwas mit uns Lions zu tun. Viele andere haben das auch so empfunden. Da kam schon die Frage auf, ob die Lions wirklich stolz auf dieses Werk sind und sich damit identifizieren können.“4Heinz Mack im „Lion“, dem offiziellen Magazin von Lions Clubs International, Ausgabe vom Januar 2013

Jürgen Roters, Kölner Oberbürgermeister 2009 - 2015, setzt gemeinsam mit Heinz-Joachim Kersting, Governorratsvorsitzender Lions Deutschland, die neue Plakette an der Himmelssäule ein. Bild: Ulrich Stoltenberg
Jürgen Roters, Kölner Oberbürgermeister 2009 – 2015, setzt gemeinsam mit Heinz-Joachim Kersting, Governorratsvorsitzender Lions Deutschland, die neue Plakette an der Himmelssäule ein. Bild: Ulrich Stoltenberg

Kletterer auf der Himmelssäule

Der Granit der Säule ist in jedem Fall beständig. Und auch recht rauh und griffig. Daher nutzen Freeclimber jahrelang die Säule als Kletterobjekt. Der Künstler Mack sieht diese Zweckentfremdung völlig gelassen:

„Wir haben in Köln eine Hochschule für Sport, und die jungen Leute klettern dort mit ihren zehn Fingern hoch, zerstören aber nichts. Dieser Granit hält das aus. In zehn Metern Höhe angekommen, postieren sie sich und lassen Fotos machen. Das ist natürlich eine liebenswerte Geschichte, ich habe überhaupt nichts dagegen einzuwenden.“5Heinz Mack im „Lion“, dem offiziellen Magazin von Lions Clubs International , Ausgabe vom Januar 2013

Und damit beschreibt der Hessen geborene Mack liebevoll Artikel 1 des Kölsche Grundgesetzes:
Et es wie et es.
Auch bei einer Himmelssäule.

Ideal für Freeclimber: Die Himmelssäule mit ihren Rillen und dem griffigen Granit, Bild: Uli Kievernagel
Ideal für Freeclimber: Die Himmelssäule mit ihren Rillen und dem griffigen Granit, Bild: Uli Kievernagel

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Die Holweider Bachkreuzung

Michael Kriegel: Kölns andere Seite Ein historischer Stadtführer für die Schäl Sick Verlag Ralf Liebe, ISBN: 978-3-948682-73-6, 14 Euro
Michael Kriegel: Kölns andere Seite
Ein historischer Stadtführer für die Schäl Sick
Verlag Ralf Liebe, ISBN: 978-3-948682-73-6, 14 Euro

Gastautor: Michael Kriegel

Michael Kriegel ist in Berlin geboren und in der Westpfalz aufgewachsen. Im März 1975 nahm er die Kölner Stadtangehörigkeit an und bekannte sich uneingeschränkt zum „Kölschen Grundgesetz“. Der konvertierte Imi kommt aus der Erwachsenenbildung und ist seit vielen Jahren Stadtführer, Autor und leidenschaftlicher Laienhistoriker.

Michael Kriegel, Kölner Stadtteil-Guide und Autor, Bild: Kriegel
Michael Kriegel, Kölner Stadtteil-Guide und Autor, Bild: Kriegel

Sein Spezialgebiet“ ist das rechtsrheinische Köln. Ganz aktuell hat er das Buch „Kölns andere Seite – Ein historischer Stadtführer für die Schäl Sick“ veröffentlicht. Das Buch ist in jeder Buchhandlung oder über den Verlag Ralf Liebe erhältlich. Mehr zu seiner Person, seinen Veröffentlichungen und seine Touren gibt es auf seiner Website:
Michael Kriegel – Kölner Stadtteil-Guide und Autor

In  diesem Gastbeitrag geht es um den fleißigen und den faulen Bach.
Ein großes DANKE an Michael dafür.


Die "Bachkreuzung" vom "faulen" und "fleißigem" Bach, Bild: Michael Kriegel
Die „Bachkreuzung“ vom „faulen“ und „fleißigem“ Bach, Bild: Michael Kriegel

Die Geschichte vom fleißigen und faulen Wasser

In Grimms Märchen kommen am Ende immer die Fleißigen zu Ruhm und Ehre. Goldmarie zum Beispiel in „Frau Holle“ oder der fleißige Handwerksbursche in dem Hausmärchen „Der Faule und Fleißige“. Andererseits gibt es keine Regel ohne Ausnahme. Zwei Bäche in Köln haben das schon vor langer Zeit bestätigt. Die Rede ist von der Strunde (auch Strunder Bach genannt) und dem Faulbach.

Der „fleißigste Bach Deutschlands“

Die Strunde hatte dem Faulbach einiges voraus. Durch ihren konstanten Wasserfluss und ihre Neigung von gut 100 Metern trieb die Strunde auf ihrem Weg zwischen Bergisch-Gladbach Herrenstrunden (Quelle) bis zur Mündung in den Rhein in Mülheim Dutzende Mühlen an. Dies veranlasste den bergischen Schriftsteller Vinzenz Jakob von Zuccalmaglio (1806-1876), die Strunde als „fleißigsten Bach Deutschlands“ zu bezeichnen.

Schon ander Quelle der Strunde weist eein Inschrift auf den "fleißgen" Bach hin: "Sprudelt Segen bringende Quellen Die ihr speiset die fleißige Strunde" Bild: FairbanksCityTransitSystem, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
Schon ander Quelle der Strunde weist eein Inschrift auf den „fleißgen“ Bach hin:
„Sprudelt Segen bringende Quellen
Die ihr speiset die fleißige Strunde“
Bild: FairbanksCityTransitSystem, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Vom 11. bis ins 20. Jahrhundert hinein war der Bach die Lebensader der gesamten nördlichen Schäl Sick. Die ältesten der schätzungsweise 50 wassergetriebenen Geräte waren Getreidemühlen. Im Laufe der Zeit kamen Frucht- und Ölmühlen, Pulvermühlen, Wollspinnmühlen, Tabak- und Papiermühlen hinzu.

Faulbach – der „faule“ Bach

Im Gegensatz zur „fleißigen“ Strunde trieb der Faulbach keine einzige Mühle an. Das Wasser floss einfach zu langsam und hatte nicht die Kraft, ein Mühlrad anzutreiben. So kam der „faule“ Bach zu seinem Namen. Trotz ihrer unterschiedlichen Eigenschaften sind die beiden Bäche auf merkwürdige Weise miteinander verbunden. Sie kreuzen sich, ohne ineinander zu fließen.

Das war allerdings nur möglich, weil der Mensch bereits vor vielen Jahrhunderten Hand anlegte und eine Brücke über den Faulbach baute, die den Strunder Bach seit jeher darüber führt. Die ersten Brückenkonstruktionen reichen vermutlich bis ins 12. Jahrhundert zurück. So lange gibt es die künstliche Bachkreuzung schon, und noch heute kann man sie in Holweide besichtigen.

Allerdings besteht das dafür geschaffene Bauwerk nicht mehr aus Holz wie seine Vorgänger, sondern aus Beton der frühen 1970 Jahre. Aber was waren eigentlich die Gründe für diese seltsame Konstruktion?

Eine „Bachkreuzung“ zur Wasserrettung

Ursprünglich versickerte die im Bergischen Land entspringende Strunde in den Sumpfgebieten Thielenbruchs. Weg war das antreibende Wasser. Für viele Mühlenbetreiber, die die Wasserkraft für ihre Zwecke nutzen wollten, war dies bloße Verschwendung. Also wurde der fleißige Bach künstlich verlängert, indem ein höher gelegenes Bachbett geschaffen wurde, das ein vorzeitiges Verschwinden der Strunde im Sumpf verhinderte.  

Auf dem Weg zum Rhein gab es aber ein nicht unwesentliches Hindernis: der Faulbach. Er musste überquert werden. So entstand die Idee, eine Brücke über diesen Bach zu bauen. Dies hatte zudem den Vorteil, die Hochwassergefahr zu verringern. So konnte die Strunde bei Hochwasser an der Kreuzung in den Faulbach überlaufen und die Wasserstände ausgleichen.

Ein kölscher Aquädukt: Hier wird der "fleißige Bach" Strunde über den Faulbach geführt. Bild: Pingsjong, GFDL, via Wikimedia Commons
Ein kölscher Aquädukt: Hier wird der „fleißige Bach“ Strunde über den Faulbach geführt. Bild: Pingsjong, GFDL, via Wikimedia Commons

Klares Wasser führte zu spätem Ruhm für den faulen Bach 

Es gab aber wohl noch einen anderen Grund für den Brückenbau. Infolge der intensiven Wasserkraftnutzung durch die ortsansässigen Betriebe war die Strunde so stark verschmutzt, dass sie nicht mehr als Trinkwasser genutzt werden konnte.

Die ungeklärten und verunreinigten Abwässer wurden teilweise zu einer regelrechten Plage für die umliegenden Ortschaften. Der Faulbach hat sein sauberes Wasser hingegen behalten, da er sich dank der Brücke nicht mit der Strunde vereinigte. So konnten sich die Anwohner am klaren Wasser des Faulbachs bedienen und der „faule“ Bach erwarb unerwartetes Ansehen. Er floss zwar immer noch langsam – aber sehr sauber – vor sich hin.

Doch schon Laotse wusste um 600 v. Chr.:
„Die Natur eilt nicht, und dennoch wird alles erreicht.“


 

Michael Kriegel: Deutz – Vom römischen Kastell zur Köln Arena Emons Verlag Köln ISBN 978-3-7408-1565-3 12,00 Euro, erhältlich in jeder Buchhandlung
Michael Kriegel: Deutz – Vom römischen Kastell zur Köln Arena, Emons Verlag Köln, ISBN 978-3-7408-1565-3
erhältlich bei Emons oder in jeder Buchhandlung, 12 Euro

Deutz – Vom römischen Kastell zur Köln Arena
Die Geschichte eines Stadtviertels

Der Deutz-Kenner Michael Kriegel hat auch ein Buch über diesen lange unterschätzten Stadtteil veröffentlicht. Lange war Deutz für viel Kölner so etwas wie Ausland – es lag ja auf der vermeintlich „falschen Seite“ des Rheins. Und damit lag man nicht ganz falsch, denn Deutz war bis zur Eingemeindung eine selbstständige Stadt. Kriegel beschreibt den Weg des von den Kölschen liebevoll „Düx“ genannten Stadtteils von der Gründung des Kastells Divitia im Jahr 310 bis hin zum heute angesagten Viertel mit Messe, Köln-Arena und Rheinboulevard.


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Dä Appel-Jupp – ein ganz besonderer kölscher Heiliger

Die Marienstatue in St. Maria im Kapitol mit Äpfeln zur Erinnerung an den Appel-Jupp, Bild: Uli Kievernagel
Die Marienstatue in St. Maria im Kapitol mit Äpfeln zur Erinnerung an den Appel-Jupp, Bild: Uli Kievernagel


Touristen, die es nicht nur in den Dom, sondern bis in die Kirche St. Maria im Kapitol schaffen, wundern sich: Wieso liegen an der Marienstatue im Chor immer frische Äpfel? Der Kölsche schmunzelt, packt seinen mitgebrachten Apfel aus, legt ihn an die Marienstatue und freut sich diebisch, mal wieder für Verwirrung gesorgt zu haben.

Ein frommer, kleiner Junge aus Köln

Um das Jahr 1150 rum lebte in Köln der kleine Hermann. Ein ganz normaler Junge seiner Zeit, der sich mit seinen Freunden die Zeit vertrieb. Hermann war aber auch sehr, sehr fromm. Und so ging er, immer wenn er Zeit hatte, für ein kurzes Gebet in seine Pfarrkirche St. Maria im Kapitol.

In bester rheinisch-katholischer Art führte er regelmäßig Gespräche mit Maria, der Mutter Gottes. Sie wurde für ihn zu einer Freundin, der er in tiefstem Kölsch von seinen Sorgen, Nöten aber auch von seinen Freuden erzählte. Und er wartete vergeblich darauf, dass ihm die Statue auch einmal antwortete.

Ein Apfel für das Jesuskind

Bis zum Nikolaustag. An diesem Tag hatte der fromme Hermann vom Nikolaus einen besonders schönen Apfel bekommen. Hermann war schnell klar: Diesen Apfel wird er dem Jesuskind schenken.

Sofort ging er in die Kirche, und dann geschah das ersehnte Wunder: Die Statue der Maria erwachte zum Leben, nahm den Apfel und gab diesem dem Jesuskind. Für Hermann wurde ein Traum wahr. In Zukunft besuchte er noch öfters Maria mit dem Jesuskind, er spielte mit dem kleinen Jesus und brachte ihm noch weitere Geschenke mit. Für moderne, aufgeklärte Menschen eine eher bizarre Vorstellung.

Anthonis van Dyck,: Vision des Hermann Joseph, um 1630, Bild: Public domain, via Wikimedia Commons
Anthonis van Dyck,: Vision des Hermann Joseph, um 1630, Bild: Public domain, via Wikimedia Commons

Der Theologe Manfred Becker-Huberti sieht hinter dieser Geschichte einen ganz anderen Sinn. In einem Interview im Domradio erklärt er: „Das sieht für heutige Leute eher komisch aus. … Aber der Sinn, der dahinter steckt, ist ein anderer. Die Maria ist die neue Eva. Und die alte Eva hat die Schuld in die Welt gebracht, indem sie einen Apfel vom Baum der Erkenntnis heruntergenommen hat und rein gebissen hat. Dieser Apfel ist in den Händen der Eva das Symbol für die Erbschuld und in den Händen der Maria für die Befreiung von der Schuld. Der Hermann-Joseph ist derjenige, der sie um diese Erlösung bittet, das heißt, den Apfel an das Jesuskind weiterzugeben.“1Quelle: Domradio Ob der eher volkstümlich geprägte Glaube im 12. Jahrhundert diese Interpretation geteilt hätte, kann aber durchaus bezweifelt werden.

Große Marienverehrung

Hermann trat mit zwölf Jahren in das Kloster der Prämonstratenser in Steinfeld in der Eifel ein, studierte in Friesland, kehrte nach Steinfeld zurück und wurde dort zum Priester geweiht. Er war als Seelsorger im Umkreis des Klosters tätig.

Hermann war zeitlebens ein großer Marienverehrer und bekam, durch eine „mystische Vermählung mit der Gottesmutter Maria“ den Beinamen Joseph. Seine große Frömmigkeit führte zu weiteren Wundern. So sollen bei seinen Gottesdiensten regelmäßig in dem Kelch Rosen erschienen sein, deren Duft ganze Gotteshäuser erfüllt habe.

Hermann schrieb auch erbauliche Texte und Lieder. So wird ihm auch das älteste bekannte Herz-Jesu-Lied „Gruß an das heiligste Herz-Jesu“ zugeschreiben. Dort lautet es:

Öffne dich gleich einer Rose,
Duftend aus dem Blätterschoße,
Und vereine meinem Herzen
Deinen Duft und deine Schmerzen.
Wer liebt, was muss der leiden nicht?

Bis in das fast schon biblische Alter von 90 Jahren hielt Hermann an der Marienverehrung fest. Er starb am 7. April 1241 oder 1252.

Der Hermann-Joseph-Brunnen am Waidmarkt zeigt die entscheidende Szene: Maria nimmt von Hermann dem Apfel entgegen, Bild: Raimond Spekking
Der Hermann-Joseph-Brunnen am Waidmarkt zeigt die entscheidende Szene: Maria nimmt von Hermann dem Apfel entgegen, Bild: Raimond Spekking

Erinnerung in Köln als Appel-Jupp

Heute erinnern sich Kölner an ihren Hermann Joseph als „Appel-Jupp“, also „Apfel-Joseph“. Und so finden sich regelmäßig besagte Äpfel an der Marienstatue in St. Maria im Kapitol.

Zusätzlich wurde ihm ein Brunnen gewidmet. Dieser Brunnen steht am Waidmarkt und zeigt an seiner Spitze die ganz entscheidende Szene für das Leben vom Appel-Jupp: Maria nimmt von ihm dem Apfel entgegen.

Hermann-Josef-Brunnen am Waidmarkt um 1895, Fotograf: unbekannt
Damals noch im Mittelpunkt des Platzes, heute eher „an den Rand geschoben“: Der Hermann-Joseph-Brunnen am Waidmarkt um 1895, Fotograf: unbekannt

Heute geht der Brunnen am Waidmarkt etwas unter. Werner Schmidt schreibt, der Brunnen wirke „wie ein an den Platzrand geschobenes sperriges Möbel“.2Werner Schmidt: Der Bildhauer Wilhelm Albermann (1835–1913). Leben und Werk. In: Werner Schäfke (Hrsg.): Publikationen des Kölnischen Stadtmuseums. Band 3. Köln 2001 Auch Ronald Füllbrandt von den Kölschgängern sieht den Standort kritisch: „Der Brunnen stand am Platzeingang und war ein herrlicher Blickfang. Heute, nachdem sich das Stadtbild grundlegend verändert hat, ist sein Platz nicht mehr besonders schön. Er steht da, wie in die Ecke gedrängt und wird kaum beachtet.“3Quelle: Kölschgänger

Dann doch lieber – in bester kölscher Tradition – Äpfel zur Marienstatue in St. Maria im Kapitol bringen.


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Olympia in Kölle: Loss mer maache – oder leever nit?

Olympia in Köln: ja oder nein?

Köln und Olympia – das klingt erstmal wie eine dieser kölschen Ideen, bei denen man nicht so genau weiß: Genial oder größenwahnsinnig? Zwischen Domspitzen und Dauerbaustellen, zwischen „Weltstadt-Attitüde“ und „Et hätt noch immer jot jejange“ stellt sich die Frage: Würde Olympia an den Rhein passen – oder eher nicht? Kölner*innen haben aktuell1Noch bis zum 19. April 2026 die Möglichkeit, abzustimmen. Dabei geht es nur um „ja“ oder „nein“. Schwierig. Daher wird es Zeit für einen Blick auf die Chancen und Risiken. Ganz ehrlich: Das ist alles stark verkürzt und auf keinen Fall erschöpfend. Weiter unten gibt es noch Link-Empfehlungen, um sich intensiver mit dem Thema zu beschäftigen.

Olympia in Köln: JA!

OlympiJA – Argumente dafür

Köln kann Atmosphäre

Köln ist kein graues Verwaltungszentrum, sondern eine Stadt, die sich gerne zeigt. Ob Karneval, CSD oder große Konzerte – Köln kann Atmosphäre. Olympische Spiele leben genau davon: Emotion, Begegnung, Ausnahmezustand. Und davon hat Köln reichlich im Repertoire.

Kurze Wege, großes Netzwerk

Im Gegensatz zu vielen Metropolen könnte Köln Olympia nicht allein stemmen – müsste es aber auch gar nicht. Mit den vielen bestehenden Sportstätten im Ruhrgebiet, Reiten in Aachen, ja – auch zusammen mit Leverkusen und Düsseldorf – liegt ein ganzes Netzwerk vor der Tür. Die Idee: Spiele der kurzen Wege, verteilt auf mehrere Städte. Rhein-Ruhr statt Gigantismus.

Infrastruktur? Schon da!

Müngersdorfer Stadion, Kölnarena, Fühlinger See, Messe – vieles ist vorhanden. Klar, nicht alles olympiatauglich, aber einiges näher dran, als man denkt. Und ein Olympia-Stadion auf Zeit, welches anschließend zentraler Teil eines neuen Stadtteils wird. Das könnte Kosten und Bauwahnsinn reduzieren. Zugegeben – zumindest in der Theorie.

Image-Booster

Beachvolleyball am Dom – Bogenschießen auf den Poller Wiesen – Fechten im Gürzenich: Olympia wäre eine Einladung an die Welt: „Komm vorbei, wir sind mehr als Dom und Kölsch.“ Köln könnte sich modern, weltoffen und leistungsfähig präsentieren – ein Imagegewinn, der über Jahre nachwirkt.

Olympia in Köln: nein!

OlympiNä – Argumente dagegen

Köln und Großprojekte –  ganz schlechte Erfahrungen

Wer in Köln „Großprojekt“ sagt, denkt schnell an Dauerbaustellen, explodierende Kosten und verschobene Zeitpläne. Beispiele gibt es genug. Olympia aber verzeiht keine Verspätung – der Zeitplan steht, egal ob Köln fertig ist oder nicht.

Infrastruktur? Eben doch nicht genug

Ja, einiges ist da. Aber eben nicht alles. Verkehrswege, Unterkünfte, Sicherheitskonzepte – das alles müsste massiv erweitert werden. Und genau hier wird’s knifflig: Köln kämpft schon im Alltag mit Stau, Bahnproblemen und Wohnraummangel.

Kosten – das große Fragezeichen

Olympische Spiele sind selten ein Schnäppchen. Viele Gastgeberstädte kämpfen noch Jahre später mit Schulden. Die Frage ist also nicht, ob es teuer wird – sondern wie teuer. Und ob sich das für Köln wirklich rechnet – und natürlich, ob wir uns das angesichts eines desolaten Haushalts überhaupt leisten können.

Die Stadt im Ausnahmezustand

Schon jetzt ist Köln bei Großevents am Limit. Olympia würde alles nochmal potenzieren: Sicherheitszonen, Einschränkungen, Menschenmassen. Für Besucher spannend – für Kölner im Alltag möglicherweise anstrengend.


Fazit: Köln hät et Hätz für Olympia – ävver künne mer dat uch? 

Olympia in Köln ist keine einfache Ja-Nein-Frage. Es ist eher ein kölsches „Kommt drauf an“. Auf Planung, Umsetzung, Ehrlichkeit bei den Kosten – und darauf, ob man den Mut hat, es richtig zu machen. Köln hätte das Herz für Olympia, keine Frage. Aber ob auch die Organisation und die Nervenstärke mithalten können? Genau da liegt der Knackpunkt. Am Ende bleibt die Entscheidung irgendwo zwischen Aufbruch und Augenmaß.

Oder, um es kölsch zu sagen:
Zwischen „Loss mer maache!“ und „Nä, dat weed nix.“


Wer sich eingehender mit der Fragestellung beschäftigen will, ob Olympia zu Köln passt, sollte sich unbedingt diese beiden Websites ansehen:

Logo Olympia Bewerbung, Quelle: Stadt Köln
Logo Olympia Bewerbung, Quelle: Stadt Köln

Olympia und Paralympics KölnRheinRuhr

Logo "NOlympia-Colonia", Quelle: www.nolympia-colonia.de
Logo „NOlympia-Colonia“, Quelle: www.nolympia-colonia.de

NOlympia-Colonia


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Maria Clementine Martin: Unternehmerin und Marketing-Profi

Weltbekanntes Logo: Die drei Nonnen im gotischen Spitzbogen stehen für Klosterfrau Melissengeist, Bild: Klosterfrau Gesundheits-Service

Weltbekanntes Logo: Die drei Nonnen im gotischen Spitzbogen stehen für Klosterfrau Melissengeist, Bild: Klosterfrau Gesundheits-Service

 Consumer Centric, Brand Awareness, Storytelling – alles Begriffe aus dem modernen Marketing. Die selbsternannten Experten wollen uns allen immer das Gefühl geben, sie alleine hätten das Marketing erfunden. Weit gefehlt. Experten für die Vermarktung von Produkten gibt es schon ewig. Und in Köln hat sich eine Marketing-Expertin besonders hervorgetan: Maria Clementin Martin, die „Erfinderin“ von Klosterfrau Melissengeist. Diese Frau hat bereits vor fast 200 Jahren geschafft, ein Produkt perfekt zu vermarkten, dass es noch heute gibt: Klosterfrau Melissengeist. Dabei hat sie alle Register des Marketings gezogen: Klösterliche Herkunft des Rezepts, Verwendung vom königlichen Wappen, Platzierung als medizinisches Produkt und Abmahnungen gegen Wettbewerber, die dies auch behaupteten.

Eine selbstbewusste Unternehmerin

Köln im Jahr 1826. Im Schatten des noch unvollendeten Doms tut sich was: Maria Clementine Martin gründet unter dem Namen „Maria Clementine Martin Klosterfrau“ ihr Unternehmen. Mit einer Anzeige in der Kölnischen Zeitung bewarb sie ihr selbst destilliertes Kölnisch Wasser:

„Ein sich selbst empfehlend ächtes Kölnische Wasser,
ist zu haben auf der Litsch Nro. 1, die große Flasche zu 6 Sgr. 3Pf.“

Das Gründungskapital stammt aus einer königlichen Rente, welche sich Maria in der Schlacht von Waterloo bei der Pflege von verletzten Soldaten verdient hatte.

Wundermittel gegen alle möglichen Beschwerden

Die 1775 als Wilhelmine Martin geborene Unternehmerin hatte zu diesem Zeitpunkt bereits reichlich Erfahrungen in verschiedenen Klöstern mit der Krankenpflege und mit Heilpflanzen machen können. Diese Kenntnisse setzt sie jetzt in bare Münze um. Besonders ihr neues Produkt, eine spezieller Melissengeist, wird noch heute bei Beschwerden aller Art empfohlen:

  • Bei Erkältung und grippalen Infekt,
  • bei Magen-Darm-Beschwerden,
  • bei Wetterfühligkeit, Spannungs- und Erregungszuständen,
  • bei innerer Unruhe und
  • bei Schlafstörungen.

Kein Wunder, dass bei einem solchen Wundermittel der Markt hart umkämpft war. In der Domstadt buhlen immerhin 64 Hersteller von Heilwassern und Kölnisch Wasser um Kunden. Deshalb strebte Maria bereits im Jahr 1828 eine „Prüfung und Bescheinigung der Qualität des von ihr verfertigten Melissenwassers durch die königliche Medizinal Behörde“ an. Leider vergeblich – die Behörde wies darauf hin, dass die Ähnlichkeit mit bestehenden Produkten zu groß sei und tatsächlich jeder Apotheker ein solches Heilwasser herstellen könne. Auch ein zweiter Versuch im Jahr 1831, den nur als Parfum zugelassenen Melissengeist als Arznei zuzulassen, scheiterte. Trotzdem positionierte die findige Unternehmerin dieses Produkt durch Hinweise auf die Heilwirkung mehr oder weniger deutlich als Arznei. Und ging gleichzeitig mit Abmahnungen gegen Wettbewerber vor, die dies ebenfalls taten – Marketing mit harten Bandagen.

Klosterfrau Melissengeist, in der Mitte des Etiketts ist noch heute das königliche Wappen zu finden, Bild: Klosterfrau Gesundheits-Service
Klosterfrau Melissengeist, in der Mitte des Etiketts ist noch heute das königliche Wappen zu finden, Bild: Klosterfrau Gesundheits-Service
Das königliche Wappen als Wettbewerbsvorteil

Ihr größter Marketing-Erfolg war aber die Anfrage bei König Friedrich Wilhelm III. im Jahr 1827: Dieser gestatte Ihr, das preußische Wappen auf dem Etikett ihrer Produkte zu führen. Andere Unternehmer mit vergleichbaren Produkten klagten vergeblich darauf, auch dieses Wappen nutzen zu dürfen. Tatsächlich schmückt dieses Wappen noch heute das Etikett jeder Flasche Klosterfrau Melissengeist.

Das Grab von Maria Clementine Martin auf dem Melatenfriedhof, Bild: Factumquintus
Das Grab von Maria Clementine Martin auf dem Melatenfriedhof, Bild: Factumquintus

Maria Clementine Martin starb am 9. August 1843. Ihr Unternehmen gibt es noch heute unter dem Namen „Klosterfrau Healthcare Group“. Und die erfolgreiche Tradition wurde fortgesetzt: Heute stellen ca. 1.000 Mitarbeiter 220 unterschiedliche Klosterfrau-Produkte her.


Die erste Adresse des Unternehmens im Jahr 1826 war durchaus prominent: „Auf der Litsch“ war eine Gasse an der Westfassade des Doms. Diese wurde bei der Domvollendung komplett abgerissen. Der Dom hatte damals die Adresse „Auf der Litsch 2“. Heute kann jeder dem Dom unter der Adresse „Domkloster 4, 50667 Köln“ schreiben.


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