Das repräsentative Familiengrab Mauser auf dem Kölner Südfriedhof, Bild: Uli Kievernagel
Der Name Mauser lässt viele sofort an Waffen denken. An Gewehre, Militärgeschichte und an das berühmte Motto „Si vis pacem, para bellum“ – „Wenn du Frieden willst, bereite den Krieg vor“. Ausgerechnet ein „eingekölschtes“ Mitglied der Familie Mauser stellte dieses Prinzip auf den Kopf: Alfons Mauser.
Alfons Mauser, Sohn des Mitgründers der ältesten und international bekannten deutschen Waffenschmiede Mauser, wollte nicht den Krieg vorbereiten, sondern den Frieden. Er nannte seine erste Firma deshalb bewusst „Para Pacem – Bereite den Frieden vor“. Statt Gewehre zu bauen, entwickelte er Gartenzäune und Metallfässer. Und Köln wurde zur Heimat dieses ungewöhnlichen Unternehmers.
Geboren wurde Alfons Mauser am 25. Mai 1872 im schwäbischen Oberndorf am Neckar. Sein Vater Wilhelm gehörte zu den Gründern der berühmten Gewehrfabriken. Doch Alfons schlug einen anderen Weg ein. Zwar lernte er zunächst alle Bereiche des Familienunternehmens kennen und wurde von seinem Onkel, dem legendären Konstrukteur Peter Paul Mauser, nach England und in die USA geschickt. Dort beschäftigte er sich mit modernen Fertigungstechniken bei führenden Industriebetrieben wie Pratt & Whitney oder Waffenherstellern wie Remington.
Alfons Mauser (1872-1927)
Verbesserungsvorschläge wurden abgelehnt
Zurück in Deutschland studierte er an der Technischen Hochschule Stuttgart und brachte neue Ideen mit. Doch sein Onkel Paul, der die Geschäfte der Mauser Werke verantwortete, wollte davon wenig wissen. Alfons Mauser hatte unter anderem eine verbesserte Schlagbolzenkonstruktion am Mauser-Gewehr entwickelt. Doch seine Verbesserungsvorschläge wurden abgelehnt, die Zusammenarbeit mit seinem Onkel Paul Mauser endete im Streit. Für Alfons Mauser war das ein Wendepunkt in seinem Leben.
Mit nur 24 Jahren gründete er 1896 seine eigene Fabrik für Stahlblechwaren. Sein bekanntestes Produkt trug einen fast poetischen Namen: „Zaunkönig“. Hinter der Marke verbargen sich kunstvoll gefertigte Stahlzäune, Tore und Gitterelemente, die Sicherheit schaffen sollten, ohne bedrohlich zu wirken. Eine bemerkenswerte Idee für jemanden, dessen Familienname eigentlich mit Waffen verbunden war.
Ehrenfeld als bedeutender Industriestandort
Nur zwei Jahre später zog es Mauser nach Köln-Ehrenfeld. Das Viertel war damals ein pulsierender Industriestandort. Hier entstanden Maschinen, Lokomotiven, Motoren und Chemieprodukte. Zwischen all diesen Fabriken fand auch Mausers friedliche Idee mit den Zäunen ihren Platz.
Doch er blieb nicht beim Gartenzaun stehen. Die Industrialisierung verlangte nach neuen Transportlösungen. Chemische Rohstoffe wurden häufig in großen Glasballons befördert, die empfindlich und schwer zu handhaben waren. Mauser entwickelte dafür robuste Körbe aus Stahlband, die den Transport deutlich sicherer machten.
Das „Mauser-Patent-Fass“, Bild: treffpunkt-kunst.net, Public domain, via Wikimedia Commons
„Mauser-Patent-Fässer“
Sein größter Wurf folgte 1903. Er konstruierte ein luftdicht verschließbares Stahlfass aus Eisenblech. Was zunächst unspektakulär klingt, revolutionierte den Transport von Chemikalien und Erdöl. Die „Mauser-Patent-Fässer“ wurden zum Exportschlager und fanden weltweit Abnehmer. Noch heute erinnern moderne Industriefässer an die Konstruktionen, die einst in Köln entwickelt wurden.
1921 kaufte Mauser eine ehemalige Karbidfabrik im hessischen Waldeck und baute sie zu einem modernen Produktionsstandort um. Dort entstanden nicht nur Stahlfässer, sondern auch Gasflaschen, Tanks, landwirtschaftliche Geräte und sogar Möbel. Das Unternehmen entwickelte sich zu einem der größten Arbeitgeber der Region.
Ehrendoktorwürde als späte Anerkennung
Ein Jahr später verlegte Alfons Mauser den Firmensitz von Köln-Ehrenfeld nach Brühl und benannte das Unternehmen in Mauser-Werke GmbH um. Die Verbindung zu Köln blieb jedoch bestehen. Hier hatte seine Erfolgsgeschichte begonnen, hier entstanden die entscheidenden Erfindungen.
1922 erhielt er von der Technischen Hochschule Stuttgart die Ehrendoktorwürde. Eine späte Anerkennung für jemanden, dessen innovative Ideen im Familienunternehmen einst abgelehnt worden waren.
Selbstverständlich nicht ohne den „Ehrendoktor“: Die Grabinschrift für Alfons Mauser auf dem Familiengrab, Maria Mauser, geb. Zwick-Sieber, war seine Ehefrau, die Ehe wurde 1897 geschlossen. Bild: Uli Kievernagel
Alfons Mauser starb am 11. August 1927 im Alter von nur 55 Jahren in Köln. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Kölner Südfriedhof. Aus einer Familie, die weltberühmt für Waffen wurde, stammte ein Mann, der mit seiner Firma „Para Pacem – Bereite den Frieden vor“ den Frieden zum Unternehmensziel erklärte und der lieber Zäune als Gewehre baute und Fässer statt Gewehre erfand.
Cilly Aussem, Tennisstar der 1930er Jahre, Bild: Agence de presse Meurisse – Bibliothèque nationale de France
Lange vor Steffi Graf und Angelique Kerber gab es bereits eine deutsche Wimbledonsiegerin: Cäcilia Edith, genannt „Cilly“, Aussem konnte bereits im Jahr 1931 das Turnier des „All England Lawn Tennis and Croquet Club” für sich entscheiden. Ein kölsches Mädchen gewinnt in Wimbledon.
Cilly Aussem wurde am 4. Januar 1909 in Köln geboren. Ihr Vater Johann „Jean“ Aussem war als deutscher Generalverteter der französischen Käsemarke Gervais sehr vermögend. Ihre Mutter Ursula nannte sich „Helen“ und wollte ihre Tochter auf Biegen und Brechen in die Weltspitze des Tennis bringen. Die ersten Schritte auf dem Court machte Cilly im Jahr 1923 beim Tennisclub Rot-Weiß Köln und zeigte schnell ihr Talent: Bereits im Sommer 1924 konnte sie gleich ihr erstes Turnier gewinnen.
Eine schwierige, ehrgeizige Mutter
Cilly schlug sich danach auf diversen Turnieren in ganz Europa durchaus respektabel – und wäre da nicht ihre über-ehrgeizige Mutter gewesen, hätte sie sich auch in Ruhe entwickeln können. Doch „Helen“ Aussem machte ihrer Tochter das Leben durchaus schwer.
Bei einem Turnier in Hamburg beschuldigte sie die Gegnerin, Cilly hypnotisiert zu haben. Dieser Vorwurf mündete in einer wüsten Schlägerei zwischen „Helen“ Aussem und der Gegnerin von Cilly, Paula von Reznicek. Kolportiert wird auch, dass Cillys Tennistrainer Bill Tilden auf die Frage ihrer Mutter, wie Cilly eine wirklich große Spielerin werden könnte, geantwortet habe „Indem Sie, Frau Aussem, den nächsten Zug nach Deutschland nehmen!“
Cilly Aussem auf einem Ölgemälde von Leo von König (1932), Bild: Raimond Spekking
Cilly gewinnt in Wimbledon
Das Training von Bill Tilden war erfolgreich: Cillys harte Vorhand war auf dem Tennisplatz gefürchtet. Und so schlug sie am 3. Juli 1931 im Finale von Wimbledon Hilde Krahwinkel und war somit die erste Deutsche, die das prestigeträchtige Turnier gewinnen konnte.
Adenauer, damals Oberbürgermeister von Köln, schickte ihr per Telegramm „Cilly, ganz Köln gratuliert zum großen Sieg. Ihre Heimatstadt ist stolz auf Sie“. Und tatsächlich wurde ihr nach dem Wimbledon-Sieg ein triumphaler Empfang in ihrer Heimatstadt bereitet.
Leider konnte ihr Körper die Strapazen des Leistungssports nicht aushalten. Eine verschleppte Blindarmentzündung und ein schon früher auftretendes Augenleiden machte es ihr zunehmend schwerer, an die Spitzenleistung des Jahres 1931 anzuknüpfen. Im Jahr 1935 beendete Cilly ihre Karriere.
Briefmarke „Cilly Aussem“
Tod im Nobelort Portofino
Ein Jahr später heiratete sie den italienischen Offizier Graf Fermo Murari dalla Corte Brà und zog mit ihm nach Ostafrika. Dort infizierte sie sich mit Malaria, gleichzeitig verschlechterte sich ihre Sehkraft rapide. Zusätzlich trat eine starke Überempfindlichkeit gegen das Sonnenlicht auf.
Cilly zog mit ihrem Mann nach Italien, ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich massiv und sie zog sich, mittlerweile fast blind, völlig von der Öffentlichkeit zurück. Cilly Aussem starb am 22. März 1963 im Alter von nur 54 Jahren. Ihr Grab ist auf dem Friedhof San Giorgio im Nobelort Portofino.
Köln vergisst seinen Tennisstar
Nur per Zufall wurde in Deutschland überhaupt bekannt, dass Cilly Aussem gestorben war. Ein Journalist erkannte, dass es sich bei der Todesanzeige einer gewissen „Gräfin Cecilie Editha Murari dalla Corte Brà“ um den deutschen Tennisstar der 30er Jahre handelte.
In ihrer Heimatstadt Köln war die ehemals prominente Sportlerin mittlerweile völlig vergessen. Immerhin erinnert eine 1988 erschienene Briefmarke an die erste deutsche Wimbledonsiegerin. Und der Energieversorger RheinEnergie hat in seiner Zentrale alle Konferenzräume nach kölschen Persönlichkeiten benannt – und so trägt einer der Räume den Namen „Cilly Aussem“.1DANKE an Sebastian für diesen Hinweis.
Das Vereinsheim des KTHC findet sich am Olympiaweg in Müngersdorf, Bild: Jörg Michell
Erinnerungen an Cilly Aussem beim KTHC
Im Vereinsheim von Rot-Weiß Köln, direkt neben dem Müngersdorfer Stadion, sind Erinnerungsstücke an Cilly Aussem ausgestellt.2DANKE für diese Info an Maik aus Bonn.
Laura von Oelbermann (1846 – 1929), Bild: Archiv Evangelischer Kirchenverband Köln und Region
Wenn man heute über den Hohenstaufenring spaziert, ist von den einstigen Prunkpalais auf dieser Straße kaum noch etwas zu sehen. Geschäftshäuser und Autoverkehr dominieren die Ringe. Und doch stand hier einmal eines der imposantesten Privathäuser Kölns – und davor sammelten sich Menschen, nur um einen kurzen Blick auf Laura von Oelbermann zu erhaschen. Wenn die „reiche Frau“ das Haus verließ, brachte dies regelmäßig den Verkehr vor der Tür zum Erliegen. Jeder wollte dieses Spektakel sehen.
Geboren wurde sie am 18. Mai 1846 am Alter Markt – mitten im geschäftigen Herzen der Stadt. Dass sie einmal zu den reichsten und einflussreichsten Frauen Kölns gehören würde, war ihr nicht in die Wiege gelegt.
Vom Alter Markt in die Welt
Laura von Oelbermann wurde als Laura Nickel geboren und wuchs in eher einfachen Verhältnissen auf. Ihr Vater war Bürstenwarenhändler, die Familie protestantisch. Das war eher schwierig im zumindest damals deutlich katholisch geprägten Köln, wo Protestanten noch als „Blauköpp“ bezeichnet wurden. Laura besuchte das evangelische Lyzeum – eine für Mädchen ihrer Zeit bemerkenswerte Bildungslaufbahn.
1866 heiratete sie den Kaufmann Emil Oelbermann. Sein beruflicher Weg führte früh über den Atlantik: Handel, Versicherungsgeschäfte, deutsch-amerikanische Netzwerke. Immer wieder wird berichtet, dass er auch in den amerikanischen Sklavenhandel verwickelt gewesen wäre. Nach Aussage und Recherchen von Peter Oelbermann, ein entfernter Verwandter, entbehrt diese Aussage jeglicher Grundlage, da dazu bis heute kein wissenschaftlicher Beleg vorliegt.1Laura von Oelbermann – eine „bemerkenswerte“ Frau, Stellungnahme von Peter Oelbermann, https://www.udo-w-hombach.de/texte/Laura-von-Oelbermann-eine-bemerkenswerte-Frau.pdf, abgerufen am 27.02.206
Laura folgte ihrem Ehemann nach New York, nahm die amerikanische Staatsbürgerschaft an und bekam dort mehrere Söhne. Köln blieb jedoch Lebensmittelpunkt, spätestens als die Familie 1878 dauerhaft zurückkehrte.
Das prunkvolle Palais Olbermann am Hohenstaufenring, Bild: Rheinisches Bildarchiv, Public domain, via Wikimedia Commons
Ein prunkvolles Palais für die Neustadt
1891 bezogen die Oelbermanns ihr neues Stadtpalais am Hohenstaufenring 57. Entworfen vom Architekten Hermann Otto Pflaume war das freistehende Gebäude im Stil der italienischen Renaissance ein architektonischer Ausreißer in der geschlossenen Ringbebauung. Zeitgenössische Berichte sprechen vom „großartigsten Privathaus der Neustadt“. Schmuck, Kunst, Personal, großer Hausstand – Laura Oelbermann war sichtbar wohlhabend. Und offensichtlich zeigte sie ihren Reichtum gerne, wie ein Zeitgenosse berichtete:
„Da stauten sich zu früheren Zeiten so um die Mittagsstunde vor ihrem großen Hause am Hohenstaufenring die Menschen, und wenn man einen Schutzmann erwischen konnte und ihn oder auf der Elektrischen den Schaffner fragte, was denn eigentlich los wäre, ob es einen Krawall gäbe oder einen Zusammenstoß, so wurde einem ziemlich von oben herab geantwortet, als ob man das wissen müßte: „Die reiche Frau Oelbermann jeht aus“. Das war damals ein Ereignis.“2 Schmidt, Klaus, Laura von Oelbermann, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/laura-von-oelbermann/DE-2086/lido/5dc018ad4661e2.56554166 (abgerufen am 27.02.2026)
Ältere Kölner erinnern sich auch noch an den Spruch »Bin ich denn de Frau Oelbermann, dat is mir zo dür!«3Übersetzung: „Bin ich denn die Frau Oelbermann, das ist mir zu teuer!“ wenn Dinge unerreichbar teuer waren.4DANKE an Irene für diesen Hinweis.
Reichtum und Verlust – ein tragisches Familienleben
Hinter der glanzvollen Fassade lag jedoch ein Leben voller Verluste. 1897 starb ihr Mann Emil. Noch im gleichen Jahr verunglückte der jüngste Sohn Harry auf Korsika. Vier Jahre später starb ihr ältester Sohn, weitere drei Jahre später, im Jahr 1904, der mittlere und letzte überlebende Sohn Alfred. Keiner ihrer Söhne wurde älter als 30 Jahre.
Laura Oelbermann war nun Multimillionärin und allein. Ein mondänes Leben mit Reisen und Festen hätte sie sich leisten können. Stattdessen entschied sie sich für einen anderen Weg und engagierte sich im sozialen Bereich – Köln sollte davon stark profitieren.
Soziale Arbeit mit persönlichem Einsatz
Ihr Engagement beschränkte sich nicht auf Überweisungen. Laura Oelbermann ging selbst in die Wohnungen armer Familien, vor allem in evangelisch geprägte Milieus. Sie fragte nach dem Bedarf an Lebensmitteln, Schuhen, Betten oder Schulgeld und sorgte dafür, dass Hilfe unmittelbar ankam.
Ein zentrales Projekt war die Frauenhilfe des evangelisch-kirchlichen Hilfsvereins, die sie ab 1900 mit aufbaute und lange leitete. Bis zu 250 Familien wurden jährlich mit Krankenpflege, Armenspeisung, Erholungsaufenthalten und der Vermittlung von Heimarbeit unterstützt. Frauen sollten sich selbst helfen können – ein Gedanke, der für seine Zeit bemerkenswert modern war.
Das Evangelische Krankenhaus Weyertal im Jahr 2009. Bild: HOWI – Horsch, Willy, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons
Das evangelische Krankenhaus Weyertal
Zu den sichtbarsten Spuren ihres Wirkens gehört das Evangelische Krankenhaus. Mit enormen Summen ermöglichte sie den Bau des ersten linksrheinischen evangelischen Krankenhauses Kölns, eröffnet 1902 am Weyertal. Mehr als ein Viertel der erforderlichen Gesamtsumme spendete Laura Oelbermann.
Ihre Stiftungen reichten weit über Köln hinaus. Besonders bedeutend war ihre Millionenspende für die Auguste-Victoria-Stiftung auf dem Ölberg in Jerusalem, aus der das bis heute bestehende Hospital hervorging. 1910 reiste sie selbst dorthin – ein außergewöhnliches Erlebnis für eine Frau ihrer Zeit.
Das Auguste-Victoria-Hospital in Jerusalem um 1910, Bild: Fotoabteilung der American Colony oder deren Nachfolger, dem Matson Photo Service; gemeinfrei, über Wikimedia Commons
Für ihr Engagement wurde sie am 15. August 1918 von Kaiser Wilhelm II. in den Adelsstand erhoben. Aus Laura Oelbermann wurde Laura von Oelbermann. Kurz darauf endete das Kaiserreich. Kurios: Sie war eine der letzten Personen, die noch in diesen Stand erhoben wurden. Darüber hinaus wurde sie mit vielen Orden und Ehrungen ausgezeichnet. Darunter waren:
das Ehrenzeichen für Kriegsfürsorge,
das Lippischen Kriegsverdienstkreuz,
das Ölberg-Kreuz,
das Verdienstkreuz für Frauen und Jungfrauen in Gold,
das Verdienstkreuz für Kriegshilfe,
der Sachsen-Meiningschen Verdienstorden für Frauen und Jungfrauen in der Kriegsfürsorge,
der Luisenorden Erster Klasse,
der Wilhelm-Orden,
die Rot-Kreuz-Medaille,
die Schaumburg-Lippischen Kriegs-Ehrenmedaille.
die Schwedische Medaille in Gold für Kunst und Wissenschaft am blauen Bande.5Schmidt, Klaus, Laura von Oelbermann, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/laura-von-oelbermann/DE-2086/lido/5dc018ad4661e2.56554166 (abgerufen am 27.02.2026)
Das Grabmal der Familie Oelbermann auf Melaten. Bild: Geolina163, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Tod, Vermächtnis und das Ende eines Hauses
Laura von Oelbermann starb am 3. Juni 1929 im Alter von 83 Jahren, sie wurde auf dem Melaten-Friedhof beigesetzt. Ihr Testament regelte alles genau: Zunächst die Versorgung der Angestellten, dann finanzielle Mittel für ihren Hund. Der weitaus größte Teil des Vermögens aber ging an ihre Stiftungen.
Das große Palais am Hohenstaufenring wurde zur Unterkunft für berufstätige evangelische Frauen. Erst Anfang der 1980er Jahre wurde das Gebäude abgerissen. Erhalten blieb das Grabmal auf dem Melaten-Friedhof.
Wo Köln sich dankbar erinnert
Seit 2005 trägt eine Promenade im Rheinauhafen ihren Namen. Sie erinnert an eine Frau, die ihren Reichtum nicht versteckte – sondern einsetzte. Und deren Vermächtnis bis heute fortdauert: Die Emil-und-Laura-von-Oelbermann-Stiftungen bestehen weiterhin. Das Stiftungskapital liegt bei rund 2,5 Millionen Euro. Das Krankenhaus am Weyertal genießt einen guten Ruf, das Hospital in Ostjerusalem versorgt vor allem palästinensische Patientinnen und Patienten.
So hat sie nicht nur in Köln soziale Strukturen hinterlassen, die bis heute wirken.
Blick in das Haus Oelbermann um 1895, Fotograf unbekannt, gemeinfrei, via Wikimedia Commons
Das Oelbermannhaus – ein züchtiges Haus!
Gabriele Kaspar hat als Auszubildende im Oelbermann-Haus gelebt und mir geschrieben:
Ich habe von 1968 bis 1972 im Oelbermannhaus, Hohenstaufenring 57, gewohnt. Zu dieser Zeit lebten überwiegend Studentinnen im Haus.
Ich hatte ein eingerichtetes Zimmer mit Waschgelegenheit. Handtücher wurden gestellt und gewaschen, das Zimmer gereinigt. Auf jeder Etage gab es gemeinschaftlicher Nutzung Toiletten, und eine Küche. Letztere hatte neben Kochgelegenheiten auch Kühlschränke in dem jede Mitbewohnerin ein abschließbares Fach hatte. Für jede Etage war eine Mitarbeiterin zuständig, die zum Teil auch im Haus wohnten. Es gab auch weitere Gemeinschaftsräume und Waschmöglichkeiten.
An die Höhe der Miete, die bar bei der Hausleitung bezahlt werden musste, kann ich mich nicht erinnern. Sie beinhaltete alle vorher genannten Leistungen sowie Strom und Heizung. Im Winter war sie wegen der Heizung etwas höher. Sie war jedenfalls sehr günstig und in meinem Fall sogar reduziert, da ich am Anfang noch in der Ausbildung war.
Neben diversen Hausregeln, die unbedingt eingehalten werden mussten, sonst bekam man eine Ansprache, hier eine die mir in Erinnerung geblieben ist.
An der von 8:30 oder 9:00 bis 22:00 Uhr besetzten Hauspforte lag ein Besucherbuch aus. In dieses musste sich jeder Besucher eintragen. Herrenbesuch war erlaubt, allerdings nur bis 21:30 Uhr und soweit ich mich erinnern kann auch nur für vier Stunden.
Eingehende Post wurde an der Pforte gesammelt, die Zimmerschlüssel sollten dort abgegeben werden. Falls man später als 22:00 Uhr nach Hause kommen wollte erhielt man einen Haustürschlüssel und seinen Zimmerschlüssel. Länger Abwesenheit musste angegeben werden.
Ein im ganzen „züchtiges“ Haus.
Gabriele Kasper
Vielen Dank an Gabriele Kasper für diese Informationen!
Fast direkt am Krankenhaus Weyertal liegt der Geusenfriedhof. Dies ist der älteste evangelische Friedhof des Rheinlands. Die erste Beerdigung fand dort im Jahr 1584 statt. Und bis weit in das 19. Jahrhundert war dieser Friedhof die einzige mögliche Begräbnisstätte für Protestanten in Köln. Auf diesem Freidhof wurde 1875 die letzte Bestattung durchgeführt. Und danach geriet diese Fläche in Vergessenheit – bis 1981. Der Friedhof wurde unter Denkmalschutz gestellt und die evangelische Gemeinde hat sich der verwilderten Fläche angenommen, Grabsteine wieder aufgerichtet und die Wege wieder hergestellt.
Gedenktafel, in d’r Kayjass Nummer Null (Kaygasse, Ecke Großer Griechenmarkt),Bild: 1971markus@wikipedia.de, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Jedes kölsche Schulkind kennt diesen Text:
„En d’r Kayjass Nummer Null steiht en steinahl Schull, un do hammer dren studeet. Unser Lehrer, dä hieß Welsch, sproch en unverfälschtes Kölsch ... … Dreimol Null es Null, bliev Null, denn mer woren en d‘r Kayjass en d’r Schull.“
Bei dem von den „Drei Laachduve“ in der Session 1938/39 besungenen Lehrer handelt es sich um Heinrich Welsch, und genau dieser Lehrer Welsch hat tatsächlich ein musikalisches Denkmal verdient.
Allerdings war Welsch nie in der Kaygasse tätig, sondern leitete im rechtsrheinischen Kalk eine Sonderschule für Kinder, die einer besonderen Fürsorge bedurften. Man kann davon ausgehen, dass die „Drei Laachduve“ Welsch wegen des Reims in die Kaygasse versetzt haben, denn die ursprüngliche Schule lag in der Hollweghstraße . Das hätte doch das Reimschema arg strapaziert.
Geburtshaus von Heinrich Welsch in Arzdorf, Bild: Wolfgang Lietzau
Welsch – ein Pädagoge mit Herz
Heinrich Welsch wurde 1848 in Arzdorf, heute ein Ortsteil von Wachtberg, geboren. Er war ausgebildeter Lehrer mit einem Examen des Königlich Preußischen Lehrerseminars in Brühl. Nach verschiedenen Stationen, unter anderem in Worringen und Sülz, kam er 1881, mitten in der industriellen Revolution, nach Kalk. Erschreckt über die Verhältnisse in der Arbeiterschaft erkannte Welsch sehr schnell, dass Bildung der Schlüssel zum sozialen Erfolg seiner Schüler war. Im Jahr 1905 gründete er die „Hilfsschule“ in Kalk. Der Lehrer Welsch kümmerte sich rührend um seine Schüler – nicht selbstverständlich in einer Zeit, in der der Rohrstock noch als pädagogisches Mittel galt. So brachte er zum Beispiel Mädchen, die wegen einer ungewollten Schwangerschaft verstoßen wurden, wieder zurück zu ihren Familien.
Das Ehrengrab von Heinrich Welsch auf dem Kalker Friedhof, Bild: A.Savin
Zu seinen Bemühungen um die Bildung gehört auch, dass Welsch 1884 mit 1.700 von ansässigen Betrieben gespendeten Büchern die erste Volksbibliothek in Kalk gründete. Heinrich Welsch schied im Jahr 1914 aus dem Schuldienst aus und verstarb 1935. Sein Grab auf der dem Friedhof in Kalk ist ein Ehrengrab, die Stadt Köln kümmert sich um die Grabpflege.
Lehrer-Welsch-Preis
Neben dem bekannten Lied lebt Heinrich Welsch aber auch im Lehrer-Welsch-Sprachpreis weiter. Die Kölner Sektion des Vereins Deutsche Sprache verleiht diesen seit 2004 an Personen oder Institutionen, die sich um die Hochsprache und den Erhalt der kölschen Sprache verdient gemacht haben.
Der Sänger Ludwig Sebus, selbst Preisträger im Jahr 2008, dazu im Kölner-Stadt-Anzeiger „Das Vermächtnis des legendären Lehrers Welsch ist doch viel mehr als Drei mal Null. Er verkörperte die kölsche Seele. Als Lehrer hat er alle Menschen gleich gesehen und gleich behandelt.“.
2023
Kölner Karnevalsgesellschaft Nippeser Bürgerwehr von 1903
2024
Kölner Hänneschen-Theater, Puppenspieler: Jacky von Guretzky-Cornitz, Charly Kemmerling, Udo Müller und Josef Schönberg
2025
„Bömmel“ Lückerath, Gründungsmitglied der Bläck Fööss
Peter Kievernagel (1935 – 2023) war bei seinen Schülern als „Papa gnädig“ bekannt. Bild: Uli Kievernagel
Ein anderer Lehrer, bekannt als „Papa gnädig“
Ich widme dieses „Köln-Ding der Woche“ ausdrücklich meinem am 2. April 2023 verstorbenen Vater Peter Kievernagel, ebenfalls Lehrer. Seine Schüler sprachen von ihm als „Papa gnädig“, weil er bei Prüfungen auch schon mal gerne ein Auge zudrückte. Ganz in der Tradition von Heinrich Welsch.
Zwar stammt das Lied von der „steinahl Schull“ im Original von den „Drei Laachduve“, allerdings ist die überarbeitete Version der „Vier Botze“ einer der heimlichen Hymne Kölns.
Die „Rheingräfin“ Sibylle Mertens-Schaaffhausen (1797 – 1857)
Historikerin, Numismatikerin, Musikerin, Mäzenatin, Archäologin, Kunstsammlerin, Mitgründerin des Kölner Dombauvereins – Sibylle Mertens-Schaaffhausen war „eine der bemerkenswerten Frauen des 19. Jahrhunderts“.1Monika Salchert in ihrem Buch „Schräge Typen der Kölner Stadtgeschichte
Wäre Sie ein Mann gewesen, so würden wir heute nach ihr benannte Plätze, Straßen und Schulen kennen. Doch Sibylle Mertens-Schaaffhausen war eine Frau. Noch dazu eine Frau, die Frauen liebte. Und das in der hausbackenen und konservativen Zeit des Biedermeier. Ungeheuerlich.
Ein Mädchen der besseren Gesellschaft
Sibylle Mertens-Schaaffhausen wurde am 29. Januar 1797 in Köln geboren. Ihr Vater war der Bankier Abraham Schaaffhausen, einer der reichsten Männer des Rheinlands. Ihre Mutter Anna, geb. Giesen, starb wenige Tage nach der Geburt ihrer Tochter Sibylle.
Entsprechend der finanziellen Verhältnisse der Familie wurde sie als Mädchen der „feinen Gesellschaft“ erzogen. Sie sprach neben Italienisch auch Französisch und spielte hervorragend Klavier. Alles Attribute, die ein Mädchen aus der besseren Gesellschaft auszeichnen. Und so teilte sie auch das Schicksal vieler junger Mädchen der damaligen Zeit: Sie wurde im Rahmen eines Ehe-Arrangements im Alter von 19 Jahren mit dem fast doppelt so alten Bonner Kaufmann Ludwig „Louis“ Mertens verheiratet.
„Höllenehe“
Von Liebe war in der Ehe keine Spur zu finden. Louis Mertens teilte keine der feinsinnigen Interessen seiner jungen Frau. Aber er war Geschäftsführer in der Bank ihres Vaters.
Die Lyrikerin Annette von Droste-Hülshoff gehörte zum Freundeskreis von Sibylle Mertens-Schaaffhausen. In einem Brief bezeichnete sie die Ehe ihrer Freundin als „Höllenehe“, Sibylle wäre vom ersten Tag der Ehe an an unglücklich gewesen. Aus der unglücklichen Ehe gingen aber sechs Kinder hervor. Kinder, die später das Lebenswerk ihrer Mutter vernichten sollten.
Zumindest erlaubten die finanziellen Mittel der Familie, dass man sich aus dem Weg gehen konnte. Man wohnte zwar offiziell zusammen im repräsentativen Haus der Familie in der Trankgasse in Köln, jedoch verbrachte Sibylle zunehmend mehr Zeit in ihrer Villa in Bonn, in ihrer Wohnung in Rom oder in ihrer Sommerresidenz auf dem Petersberg, wo heute das Hotel Steigenberger Grandhotel steht.
Liebesbeziehung zu Adele Schopenhauer
Zwei Dinge wären im Leben von Mertens-Schaaffhausen undenkbar gewesen: Eine Scheidung und ein Coming-out. Damit wäre die von ihren Freunden zur „Rheingräfin“ geadelte Sibylle gesellschaftlich geächtet gewesen.
Mit Adele Schopenhauer, dee Schwester des Philosophen Arthur Schopenhauer, pflegte Mertens-Schaaffhausen einen sehr engen Umgang: Die beiden waren ein Paar, was dem Gatten selbstverständlich nicht gefiel und er Adele Schopenhauer Hausverbot erteilte.
Adele Schopenhauer in einem Porträt von Alexander von Sternberg aus dem Jahr 1841
Doch Sibylle war in Adele so sehr verliebt, dass sie in ihrem Tagebuch notierte:
„Stürbe sie, so spräng ich jetzt in den Rhein,
denn ich könnte nicht ohne sie bestehen.“
Um den gesellschaftlichen Konventionen zu entsprechen, waren die gegenseitigen Besuche und das Leben unter einem Dach immer als Pflege getarnt. Sobald eine der beiden erkrankte, was regelmäßig vorkam, zog die jeweils andere zu ihr und pflegte sie.
Nach einer zwischenzeitlichen Entfremdung – mehr als sieben Jahre gab es kaum Kontakt zwischen den beiden – sollten die beiden Frauen wieder zueinander finden. Schopenhauer zog in die Bonner Villa von Sibylle Mertens-Schaaffhausen und lebte dort bis zu ihrem Tod im Jahr 1849.
Sibylle Mertens-Schaaffhausen im Jahr 1842, Zeichnung von Adolf Schlesinger, Public domain, via Wikimedia Commons
Erfolge als Denkmalschützerin und Archäologin
Sibylle Mertens-Schaaffhausen engagierte sich leidenschaftlich für Musik, Kunst und Denkmalschutz. In ihrer Bonner Villa veranstaltete sie Konzerte und unterstützte das Beethoven-Denkmal. Sie förderte den Kölner Dom und den Wiederaufbau des Rolandsbogens. In Genua pflegte sie während einer Choleraepidemie im Sommer 1835 Kranke, wofür sie mit einer Medaille geehrt wurde. Sie notierte damals „Ich bin an diesem ungeheuren Elend geistig gesundet, erkannte sie. “
Nach dem Tod ihres Mannes 1842 blieb Sibylle Mertens-Schaaffhausen länger in Italien. In Genua erforschte sie mit dem Künstler Santo Varni mittelalterliche Kunstschätze. 1836 erkannte sie dort ein Fragment des Mausoleums von Halikarnassos. Später lebte sie in Rom und entdeckte 1846 ein Fragment der „Fasti Capitolini“2Eine Inschrift mit einer Liste römischer Konsuln und Feldherren, das heute in den Vatikanischen Museen aufbewahrt wird.
Der Totenzettel der „Rheingräfin“ Sibylle Mertens-Schaaffhausen. Als Geburtsdatum wird hier fälschlicherweise der 3. Februar 1797 (statt dem korrekten Datum 29. Januar 1797) angegeben. Vermutlich hat der Verfasser des Totenzettels das Taufdatum, welches in den Kirchenbüchern in der Regel immer an erster Stelle steht, mit dem Geburtsdatum verwechselt. Danke für diesen Hinweis an Michael Osieka aus Köln. Bild: Totenzettel Sammlung der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln
Vernichtung des Lebenswerks
Bereits 1842 war Louis Mertens verstorben. Die sechs gemeinsamen Kinder bestanden darauf, sofort ihren Erbteil ausgezahlt zu bekommen. So wurde Sibylle Mertens-Schaaffhausen gezwungen, große Teile ihres Vermögens zu veräußern, um die Erben auszuzahlen.
Die „Rheingräfin“ verstarb am 22. Oktober 1857 in Rom. Sie wurde auf dem Friedhof „Campo Santo Teutonico“, dem Friedhof der Deutschen und der Flamen, neben dem Petersdom in Rom bestattet.
Grabtafel für Sibylle Mertens-Schaaffhausen auf dem Campo Santo Teutonico in Rom, Bild: Dadamax, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Nach ihrem Tod wurde alles, was an Vermögensgegenständen übrig war, von ihren Kindern verkauft. Dazu gehörten unter anderem
ihre wertvolle Bibliothek,
kostbare Möbel,
mehr als 1.800 Gemmen,3Eine Gemme ist ein Schmuck- bzw. bzw. Edelstein.
50 Statuetten aus Bronze und in Edelmetall,
viele alltägliche Objekte (Gewichte und Waagen, Parfümkapseln),
circa 6.000 Münzen,
Gläser, Elfenbeine und Tongefäße,
die mittelalterliche Sammlung mit wichtigen Elfenbeinreliefs (eins befindet sich heute im Victoria and Albert Museum in London) und
Der Umgang ihrer Kinder mit ihrem Vermächtnis kommt einer Vernichtung aller Erinnerungen nahe. So wurde das Erbe einer selbstbestimmten Frau, die den Konventionen in der damaligen Zeit trotzte, in alle Winde verstreut. Ganz im Interesse ihrer Nachkommen, die alle Erinnerungen an ihre Mutter auslöschen wollten. Wie gut, dass Sibylle Mertens-Schaaffhausen bereits zu Lebzeiten ihre gesamte Korrespondenz der Bibliothek der Bonner Universität vermacht hat.
So sind – sehr zum Verdruss der Erben – viele zum Teil intime Briefe und Tagebucheinträge heute noch erhalten.
Das „Zeitzeichen“ des WDR ist eine Radiosendung und greift täglich historische Daten auf, Bild: WDR
Die Marienstatue in St. Maria im Kapitol mit Äpfeln zur Erinnerung an den Appel-Jupp, Bild: Uli Kievernagel
Touristen, die es nicht nur in den Dom, sondern bis in die Kirche St. Maria im Kapitol schaffen, wundern sich: Wieso liegen an der Marienstatue im Chor immer frische Äpfel? Der Kölsche schmunzelt, packt seinen mitgebrachten Apfel aus, legt ihn an die Marienstatue und freut sich diebisch, mal wieder für Verwirrung gesorgt zu haben.
Ein frommer, kleiner Junge aus Köln
Um das Jahr 1150 rum lebte in Köln der kleine Hermann. Ein ganz normaler Junge seiner Zeit, der sich mit seinen Freunden die Zeit vertrieb. Hermann war aber auch sehr, sehr fromm. Und so ging er, immer wenn er Zeit hatte, für ein kurzes Gebet in seine Pfarrkirche St. Maria im Kapitol.
In bester rheinisch-katholischer Art führte er regelmäßig Gespräche mit Maria, der Mutter Gottes. Sie wurde für ihn zu einer Freundin, der er in tiefstem Kölsch von seinen Sorgen, Nöten aber auch von seinen Freuden erzählte. Und er wartete vergeblich darauf, dass ihm die Statue auch einmal antwortete.
Ein Apfel für das Jesuskind
Bis zum Nikolaustag. An diesem Tag hatte der fromme Hermann vom Nikolaus einen besonders schönen Apfel bekommen. Hermann war schnell klar: Diesen Apfel wird er dem Jesuskind schenken.
Sofort ging er in die Kirche, und dann geschah das ersehnte Wunder: Die Statue der Maria erwachte zum Leben, nahm den Apfel und gab diesem dem Jesuskind. Für Hermann wurde ein Traum wahr. In Zukunft besuchte er noch öfters Maria mit dem Jesuskind, er spielte mit dem kleinen Jesus und brachte ihm noch weitere Geschenke mit. Für moderne, aufgeklärte Menschen eine eher bizarre Vorstellung.
Anthonis van Dyck,: Vision des Hermann Joseph, um 1630, Bild: Public domain, via Wikimedia Commons
Der Theologe Manfred Becker-Huberti sieht hinter dieser Geschichte einen ganz anderen Sinn. In einem Interview im Domradio erklärt er: „Das sieht für heutige Leute eher komisch aus. … Aber der Sinn, der dahinter steckt, ist ein anderer. Die Maria ist die neue Eva. Und die alte Eva hat die Schuld in die Welt gebracht, indem sie einen Apfel vom Baum der Erkenntnis heruntergenommen hat und rein gebissen hat. Dieser Apfel ist in den Händen der Eva das Symbol für die Erbschuld und in den Händen der Maria für die Befreiung von der Schuld. Der Hermann-Joseph ist derjenige, der sie um diese Erlösung bittet, das heißt, den Apfel an das Jesuskind weiterzugeben.“1Quelle: DomradioOb der eher volkstümlich geprägte Glaube im 12. Jahrhundert diese Interpretation geteilt hätte, kann aber durchaus bezweifelt werden.
Große Marienverehrung
Hermann trat mit zwölf Jahren in das Kloster der Prämonstratenser in Steinfeld in der Eifel ein, studierte in Friesland, kehrte nach Steinfeld zurück und wurde dort zum Priester geweiht. Er war als Seelsorger im Umkreis des Klosters tätig.
Hermann war zeitlebens ein großer Marienverehrer und bekam, durch eine „mystische Vermählung mit der Gottesmutter Maria“ den Beinamen Joseph. Seine große Frömmigkeit führte zu weiteren Wundern. So sollen bei seinen Gottesdiensten regelmäßig in dem Kelch Rosen erschienen sein, deren Duft ganze Gotteshäuser erfüllt habe.
Hermann schrieb auch erbauliche Texte und Lieder. So wird ihm auch das älteste bekannte Herz-Jesu-Lied „Gruß an das heiligste Herz-Jesu“ zugeschreiben. Dort lautet es:
Öffne dich gleich einer Rose, Duftend aus dem Blätterschoße, Und vereine meinem Herzen Deinen Duft und deine Schmerzen. Wer liebt, was muss der leiden nicht?
Bis in das fast schon biblische Alter von 90 Jahren hielt Hermann an der Marienverehrung fest. Er starb am 7. April 1241 oder 1252.
Der Hermann-Joseph-Brunnen am Waidmarkt zeigt die entscheidende Szene: Maria nimmt von Hermann dem Apfel entgegen, Bild: Raimond Spekking
Erinnerung in Köln als Appel-Jupp
Heute erinnern sich Kölner an ihren Hermann Joseph als „Appel-Jupp“, also „Apfel-Joseph“. Und so finden sich regelmäßig besagte Äpfel an der Marienstatue in St. Maria im Kapitol.
Zusätzlich wurde ihm ein Brunnen gewidmet. Dieser Brunnen steht am Waidmarkt und zeigt an seiner Spitze die ganz entscheidende Szene für das Leben vom Appel-Jupp: Maria nimmt von ihm dem Apfel entgegen.
Damals noch im Mittelpunkt des Platzes, heute eher „an den Rand geschoben“: Der Hermann-Joseph-Brunnen am Waidmarkt um 1895, Fotograf: unbekannt
Heute geht der Brunnen am Waidmarkt etwas unter. Werner Schmidt schreibt, der Brunnen wirke „wie ein an den Platzrand geschobenes sperriges Möbel“.2Werner Schmidt: Der Bildhauer Wilhelm Albermann (1835–1913). Leben und Werk. In: Werner Schäfke (Hrsg.): Publikationen des Kölnischen Stadtmuseums. Band 3. Köln 2001 Auch Ronald Füllbrandt von den Kölschgängern sieht den Standort kritisch: „Der Brunnen stand am Platzeingang und war ein herrlicher Blickfang. Heute, nachdem sich das Stadtbild grundlegend verändert hat, ist sein Platz nicht mehr besonders schön. Er steht da, wie in die Ecke gedrängt und wird kaum beachtet.“3Quelle: Kölschgänger
Dann doch lieber – in bester kölscher Tradition – Äpfel zur Marienstatue in St. Maria im Kapitol bringen.
Weltbekanntes Logo: Die drei Nonnen im gotischen Spitzbogen stehen für Klosterfrau Melissengeist, Bild: Klosterfrau Gesundheits-Service
Consumer Centric, Brand Awareness, Storytelling – alles Begriffe aus dem modernen Marketing. Die selbsternannten Experten wollen uns allen immer das Gefühl geben, sie alleine hätten das Marketing erfunden. Weit gefehlt. Experten für die Vermarktung von Produkten gibt es schon ewig. Und in Köln hat sich eine Marketing-Expertin besonders hervorgetan: Maria Clementin Martin, die „Erfinderin“ von Klosterfrau Melissengeist. Diese Frau hat bereits vor fast 200 Jahren geschafft, ein Produkt perfekt zu vermarkten, dass es noch heute gibt: Klosterfrau Melissengeist. Dabei hat sie alle Register des Marketings gezogen: Klösterliche Herkunft des Rezepts, Verwendung vom königlichen Wappen, Platzierung als medizinisches Produkt und Abmahnungen gegen Wettbewerber, die dies auch behaupteten.
Eine selbstbewusste Unternehmerin
Köln im Jahr 1826. Im Schatten des noch unvollendeten Doms tut sich was: Maria Clementine Martin gründet unter dem Namen „Maria Clementine Martin Klosterfrau“ ihr Unternehmen. Mit einer Anzeige in der Kölnischen Zeitung bewarb sie ihr selbst destilliertes Kölnisch Wasser:
„Ein sich selbst empfehlend ächtes Kölnische Wasser,
ist zu haben auf der Litsch Nro. 1, die große Flasche zu 6 Sgr. 3Pf.“
Das Gründungskapital stammt aus einer königlichen Rente, welche sich Maria in der Schlacht von Waterloo bei der Pflege von verletzten Soldaten verdient hatte.
Wundermittel gegen alle möglichen Beschwerden
Die 1775 als Wilhelmine Martin geborene Unternehmerin hatte zu diesem Zeitpunkt bereits reichlich Erfahrungen in verschiedenen Klöstern mit der Krankenpflege und mit Heilpflanzen machen können. Diese Kenntnisse setzt sie jetzt in bare Münze um. Besonders ihr neues Produkt, eine spezieller Melissengeist, wird noch heute bei Beschwerden aller Art empfohlen:
Bei Erkältung und grippalen Infekt,
bei Magen-Darm-Beschwerden,
bei Wetterfühligkeit, Spannungs- und Erregungszuständen,
bei innerer Unruhe und
bei Schlafstörungen.
Kein Wunder, dass bei einem solchen Wundermittel der Markt hart umkämpft war. In der Domstadt buhlen immerhin 64 Hersteller von Heilwassern und Kölnisch Wasser um Kunden. Deshalb strebte Maria bereits im Jahr 1828 eine „Prüfung und Bescheinigung der Qualität des von ihr verfertigten Melissenwassers durch die königliche Medizinal Behörde“ an. Leider vergeblich – die Behörde wies darauf hin, dass die Ähnlichkeit mit bestehenden Produkten zu groß sei und tatsächlich jeder Apotheker ein solches Heilwasser herstellen könne. Auch ein zweiter Versuch im Jahr 1831, den nur als Parfum zugelassenen Melissengeist als Arznei zuzulassen, scheiterte. Trotzdem positionierte die findige Unternehmerin dieses Produkt durch Hinweise auf die Heilwirkung mehr oder weniger deutlich als Arznei. Und ging gleichzeitig mit Abmahnungen gegen Wettbewerber vor, die dies ebenfalls taten – Marketing mit harten Bandagen.
Klosterfrau Melissengeist, in der Mitte des Etiketts ist noch heute das königliche Wappen zu finden, Bild: Klosterfrau Gesundheits-Service
Das königliche Wappen als Wettbewerbsvorteil
Ihr größter Marketing-Erfolg war aber die Anfrage bei König Friedrich Wilhelm III. im Jahr 1827: Dieser gestatte Ihr, das preußische Wappen auf dem Etikett ihrer Produkte zu führen. Andere Unternehmer mit vergleichbaren Produkten klagten vergeblich darauf, auch dieses Wappen nutzen zu dürfen. Tatsächlich schmückt dieses Wappen noch heute das Etikett jeder Flasche Klosterfrau Melissengeist.
Das Grab von Maria Clementine Martin auf dem Melatenfriedhof, Bild: Factumquintus
Maria Clementine Martin starb am 9. August 1843. Ihr Unternehmen gibt es noch heute unter dem Namen „Klosterfrau Healthcare Group“. Und die erfolgreiche Tradition wurde fortgesetzt: Heute stellen ca. 1.000 Mitarbeiter 220 unterschiedliche Klosterfrau-Produkte her.
Die erste Adresse des Unternehmens im Jahr 1826 war durchaus prominent: „Auf der Litsch“ war eine Gasse an der Westfassade des Doms. Diese wurde bei der Domvollendung komplett abgerissen. Der Dom hatte damals die Adresse „Auf der Litsch 2“. Heute kann jeder dem Dom unter der Adresse „Domkloster 4, 50667 Köln“ schreiben.
Der Ingenieur Marc Neumann ist bei der Stadt Köln im Amt für Brücken, Tunnel und Stadtbahnbau tätig. Bild Neumanmn: privat, Bilder Brücken: Raimond Spekking
Marc Neumann kennt sich mit den Brücken Kölns aus wie kaum ein anderer. Er hat „konstruktiven Ingenieurbau“ studiert und ist heute bei der Stadt Köln im Amt für Brücken, Tunnel und Stadtbahnbau tätig. Dort betreut er die Kölner Brücken, die über den Rhein führen und die der Stadt Köln gehören:
Marc berichtet uns in diesem Podcast von den Herausforderungen bei den Brücken, von der Historie dieser Bauwerke und auch von der ganz speziellen Farbe unserer Brücke.
Genau wie alle anderen Menschen in der Rubrik „Ein paar Fragen an …“ hat auch Marc zu den „Kölschen Fragen“ Rede und Antwort gestanden.
Der „Herr der Brücken“ Marc Neuman (in der Mitte) war zu Gast beim „Köln-Ding der Woche“ , Bild: Uli Kievernagel
Wenn nicht Köln – wo sonst könntest du wohnen? Und warum gerade dort?
Ich verstehe die Frage nicht. 😊
Welche kölschen Eigenschaften zeichnet dich aus?
Für mich gilt: „Jönne künne, dat künne mer joot.“ – also die Großzügigkeit der Kölner, auch anderen etwas zu gönnen. Und ich denke, ich habe auch „dat Hätz am rechten Fleck“, also eine „gesunde“ Einstellung zum Leben und zu seinen Mitmenschen.
Was würdest du morgen in unserer Stadt ändern?
Da ich nicht unter Profilneurose leide, würde ich mich mal um das kümmern, was da ist, und nicht das, was man gerne hätte.
Nenne ein/zwei/drei Gründe, warum man Köln morgen verlassen sollte.
Ich würde Köln nur verlassen, nur, um nach zwei, drei Wochen wiederzukommen, weil ich ja sehr heimatverbunden bin. Ich bin sehr verwurzelt hier in Köln.
Marc liebt den Rhein und sitzt gerne am Rheinufer, zum Beispiel auf den Poller Wiesen, Bild: ToLo46, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons
Wo ist dein Lieblingsplatz in Köln?
Irgendwo am Rhein sitzen, gerne mit einem gekühlten Getränk in der Hand. Ungefähr so, wie AnnenMayKantereit das in „Tommi“ beschreiben:
Tommi, ich glaub‘, ich hab‘ Heimweh
Ich will mal wieder am Rhein stehen
Einfach hineinsehen
Zuschauen, wie Schiffe vorbeiziehen
Welche KölnerInnen haben dich beeinflusst / beeindruckt?
Eindeutig meine Eltern.
Was machst du zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch?
Viel feiern, wenig essen, viel trinken, wenig schlafen.
Und was zwischen Aschermittwoch und Weiberfastnacht?
Da bin ich gerne mit meiner Frau unterwegs, wir haben einen Campingbus. Mit dem fahren wir gerne in die Sonne, ans Wasser.
Wat hät für dich noch immer jood jejange?
Bisher mein ganzes Leben.
Wo drüber laachs de dich kapott?
Ich kann sehr herzlich über Loriot, Victor von Bülow, lachen. Schade, dass er tot ist. Den finde ich sensationell.
Ich mag eine ganze Reihe Kneipen – zum Beispiel das Brauhaus Pütz, den Wirtz in der Südstadt, das Birkenbäumchen und auch das Lommi. Ich mag gerne diese ursprünglichen Kneipen. Aber grundsätzlich gilt: Ich bin gerne mit Menschen zusammen und dann kommt es mir eher auf die Leute an als auf die Kneipe.
Das hat sich im Laufe der Zeit etwas gewandelt: Früher eher Früh oder Reissdorf, dann hin zum etwas herberen Gaffel. Und ganz aktuell ist Schreckenskammer mein Lieblingskölsch.
Ganz eindeutig Himmel un Ääd. Man kann das zwar nicht überall essen, aber wenn das gut gemacht ist, ist das mein kölsches Lieblingsessen. Ganz wichtig: Die gebratene Flönz dabei darf nicht matschig sein, die muss kross gebraten sein.
Himmel un Ääd – eine rheinische Spezialität aus Kartoffelpüree, Apfelmus, Zwiebeln und gebratener Blutwurst, Bild: Anagonia
Konrad Adenauer, Bild: Bundesarchiv, Katherine Young, CC BY-SA 3.0 DE
Ein Gastbeitrag von Markus Zens
Markus Zens ist Stadtführer aus Leidenschaft in Köln und Gründer von „Echt Köln Stadtführungen“. Für ihn ist Köln mehr als Dom und Geschichte – es sind die Menschen, ihre Lebensfreude und ihre Geschichten. Auf seinen Touren geht es nicht nur um Daten und Fakten, sondern um Schicksale, Erinnerungen und das kölsche Miteinander.
Markus Zens, in der Mitte😊, ist Kölner Stadtführer mit Leidenschaft, Bild: Echt Köln
Markus hat sich intensiv mit Adenauer in Köln beschäftigt und bietet auch die Stadtführung „Konrad Adenauer in Köln“ in Köln an. Dabei geht es um die Orte in unserer Stadt, die mit seinem Leben in Verbindung stehen. Diese Tour ist eine Zeitreise in das Köln vor einhundert Jahren. Alle Termine zur „Adenauer-Führung“ gibt es auf der Website von Echt Köln.
In diesem Beitrag beschreibt er als „Köln-Ding der Woche“-Gastautor das Wirken von Adenauer in Köln.
150 Jahre Konrad Adenauer von Markus Zens
Am 5. Januar 1876 wurde Konrad Adenauer geboren und die Medien sind voll von Nachrufen auf ihn. Adenauer war wohl der bedeutendste Politiker in der Stadtgeschichte und die Aufzählung der Dinge, die wir Konrad Adenauer zu verdanken haben und von denen wir heute noch profitieren, ist lang: Die Grüngürtel, die Messe, Ford, den WDR, die Universität, das Müngersdorfer Stadion, den „Dicken Pitter“, die erste Autobahn, all das haben wir auch Adenauer zu verdanken. Ich möchte den Blick darauf lenken, in welchen Zeiten Adenauer gelebt hat und wie er mit den Anforderungen der Zeit umgegangen ist.
Konrad Adenauer im Alter von 20 Jahren, Fotograf: unbekannt
Vom Stadtkind zum Stadtlenker
Als Adenauer geboren wurde, stand die mittelalterliche Stadtmauer noch. Sozialisiert wurde er im Kaiserreich. Es herrschte Recht und Ordnung, die Gesellschaft war streng hierarchisch aufgebaut. 1904 heiratet Adenauer Emma Weyer, deren Onkel Max Wallraf 1906 Oberbürgermeister wird. Wallraf ist zwar Liberaler, Adenauer beim Zentrum, aber Wallraf hilft ihm, in die Stadtverwaltung zu kommen. 1909 wird Adenauer zum ersten Beigeordneten gewählt, obwohl er dafür eigentlich noch sehr jung ist. Als Wallraf 1917 als Staatssekretär nach Berlin ging wurde Adenauer ohne Gegenstimme vom Stadtrat zum Bürgermeister gewählt, mit 41 Jahren einer der jüngsten Bürgermeister einer deutschen Großstadt.
Adenauer war also schon zur Kaiserzeit Oberbürgermeister, aber er war kein Monarchist. Er war loyal zur Regierung und akzeptierte es, aber den Übergang zur Weimarer Republik gestaltete er mit. Dabei war er auch kein glühender Demokrat. Er hielt Demokratie für die beste Staatsform, gleichzeitig war sie ihm lästig, weil er immer Mehrheiten suchen musste. Denn er stand schon immer im Verdacht, zu glauben, er allein wüsste es sowieso besser. Kein Wunder, dass er gelegentlich „der Kölner Diktator“ oder der „Napoleon von Köln“ genannt wurde.
Adenauer war vor allem katholisch. Sein Glaube war für ihn eine unverrückbare Leitlinie. Das bedeutete für ihn aber auch große soziale Verantwortung, und zwar für alle Menschen. Das zeigte sich besonders in schwierigen Zeiten. Als Adenauer Oberbürgermeister wurde, war der Weltkrieg in vollem Gange. Die Lebensmittelversorgung war katastrophal, die Menschen hungerten. Jetzt zeigte sich Adenauers Pragmatismus. Zusammen mit den Brüdern Oebel entwickelte er ein Kriegsbrot aus Reismehl, Maismehl und Gerste, das wohl fürchterlich schmeckte, aber satt machte. Auf Beschwerden antwortete er: „Es geht nicht darum, was schmeckt, sondern was satt macht.“
Mit ruhiger Hand durch wilde Zeiten
Adenauer war sehr pragmatisch. Er stellte sich den Problemen, die auftauchten und suchte eine sinnvolle Lösung. Als im November 1918 meuternde Matrosen der Marine auf dem Weg nach Köln waren, forderte er den Standortkommandanten auf, die Matrosen mit Waffengewalt zu stoppen und zu inhaftieren. Als der das ablehnte, wechselte Adenauer die Taktik und stellte sich zusammen mit Wilhelm Sollmann von den Sozialdemokraten an die Spitze der Bewegung. Er überließ dem Arbeiter- und Soldatenrat Räume im Rathaus und übernahm selbst die Leitung des wichtigen Wohlfahrtsausschuss. So schaffte er es, dass der Aufstand in Köln ohne Blutvergießen ablief.
Berittene englische Soldaten paradieren im Dezember 1918 vor dem Kölner Dom, Bild: Sammlung Brokmeier
Am 6. Dezember 1918 marschierten die Engländer in Köln ein und besetzten die Stadt. 55.000 englische Soldaten wurden in Köln stationiert. Für die Stadt bedeutete die Besatzung erhebliche Belastungen und die Einschränkung von Grundrechten wie der Presse- und Versammlungsfreiheit. Adenauer akzeptierte die britische Besatzung, aber schützte aktiv die Selbstverwaltung und die Interessen der Stadt, er arrangierte sich und wirkte so auch auf die Bevölkerung ein. Zwei Zitate aus dieser Zeit von ihm finde ich sehr treffend: „Die Kölner kommen gut mit den Engländern aus – sie sind selbst ein Mischvolk aus Römern, Franken und anderen“ und „Die Stadt Köln steht nicht unter britischer Verwaltung, sondern unter britischer Aufsicht. Das ist ein Unterschied, den ich täglich verteidige.“
Bauen für die Zukunft, nicht für den Applaus
Der Frieden von Versailles legte fest, dass die preußischen Verteidigungsringe rund um Köln abgerissen werden müssen. Adenauer wollte unbedingt diese unbebauten Gebiete als Erholungsorte für die Bevölkerung anlegen und konnte sich gegen Interessen der Wirtschaft durchsetzen, die hier viel Potential für gewinnbringende Immobiliengeschäfte sahen. Hier waren ihm die Interessen der einfachen Bevölkerung deutlich wichtiger. Die Grüngürtel ließ er dann vor allem von Arbeitslosen angelegen, die dadurch eine sinnvolle Beschäftigung hatten und Geld verdienen konnten.
Adenauer nutzte die Zeit der politischen Unordnung nach der Abdankung des Kaisers, um die Universität wieder neu zu begründen. Die Preußen hatten vorher beschlossen, die Uni in Bonn wieder zu eröffnen und sich gegen Köln entschieden. Adenauer betrieb die Wiedereröffnung trotzdem weiter und bekam letztlich eine Genehmigung, allerdings musste die Stadt alle Kosten selbst tragen. Das brachte ihm viel Kritik im Stadtrat ein, da die Verschuldung der Stadt immer weiter anstieg. Adenauer hielt die Uni aber für eine sinnvolle Investition in die Zukunft und konnte sich letztlich durchsetzen. Sitz der Universität war die bisherige Handelshochschule am Römerpark. 1929 wurde dann der Grundstein gelegt für das neue Universitätsgebäude an der Universitätsstraße.
Für mich beeindruckend war sein Umgang mit der Wohnungsnot. Innerhalb von 15 Jahren war Köln um 100.000 Einwohner gewachsen. 1913 war die GAG gegründet worden, nicht von Adenauer, aber mit seiner Unterstützung als Beigeordneter. Das Problem der Wohnungsnot wurde angegangen, indem große Wohnsiedlungen gebaut wurden, in denen die Menschen einfache Wohnungen fanden. Als um 1930 die Weltwirtschaftskrise für eine hohe Arbeitslosigkeit sorgte, baute man Siedlungen mit Einfamilienhäusern und Garten für Arbeitslose mit ihren Familien, damit die sich selbst versorgen konnten. Teure, aber hilfreiche Maßnahmen, von denen wir heute noch profitieren. Die Germania-Siedlung oder die Nibelungensiedlung gibt es auch heute noch, Stadtteile wie Buchforst sind dadurch entstanden.
Die Siedlung „Weiße Stadt“ in Köln-Buchforst, Bild: Grkauls, Public domain, via Wikimedia Commons
Visionär – auch gegen Widerstände
Adenauer dachte weit voraus und wollte aus Köln eine europäische Metropole machen. Dafür war er bereit, hohe Schulden zu machen. Er war sicher, diese Investitionen würden sich mit der Zeit auszahlen. Und wenn man darüber nachdenkt, wie die Stadt über Jahrzehnte von Projekten wie der Messe, Ford, dem Müngersdorfer Stadion oder auch dem Niehler Hafen profitiert hat, waren diese Projekte für die Stadt richtig und wichtig.
Nicht alle dieser Projekte waren alleinige Ideen von Adenauer, er hatte fähige Mitarbeiter und wer es mit und unter ihm aushielt, konnte durchaus auch eigene Ideen umsetzen. Ein wichtiges Beispiel dafür ist Hertha Kraus.
Adenauers Frauenbild war konservativ katholisch geprägt, für ihn gehörten Frauen in die Familie und sie sollten sich da um alles kümmern. Das hinderte ihn nicht, 1923 Hertha Kraus nach Köln zu holen. Sie war 26 Jahre alt und Soziologieprofessorin in Frankfurt, stammte aus einer jüdischen Familie und war zum Quäkertum übergetreten. Genug Gründe, um damals vom Stadtrat vehement abgelehnt zu werden. Aber Adenauer setzte sich durch und machte sie verantwortlich für die Wohlfahrtspflege. Letztlich richtete sie in einer früheren englischen Kaserne die Riehler Heimstätten ein1heute SBK Sozial-Betriebe-Köln, die größte Wohnanlage in Deutschland für alte und behinderte Menschen.
Am 13. Oktober 1929 eröffnete Konrad Adenauer die Mülheimer Hängebrücke, damals die grösste Hängebrücke Europas. Bild: Bundesarchiv, Bild 102-18302, via Wikimedia Commons
Adenauer arbeitete mit allen politischen Kräften zusammen, solange sie ihm nutzten. Ausnahme waren die Nationalsozialisten und die Kommunisten. Die Nazis verabscheute er, vor allem auch wegen ihres Judenhasses. Auch als überzeugter Katholik unterstützte er die jüdische Gemeinde in Köln und hielt zum Beispiel die Eröffnungsrede bei der Einweihung der neuen Synagoge in der Roonstraße.
Bei den Kommunisten macht er eine Ausnahme, als sie ihm die notwendigen Stimmen für den Bau der Mülheimer Brücke als Hängeseilbrücke verschaffen mussten. Er wollte unbedingt eine Hängeseilbrücke bauen. Diese Brücke war ihm so wichtig, dass er selber die Farbe dafür aussuchte. Adenauer wünschte sich eine patinagrüne Farbe. Reinhard Thon, ehemaliger Leiter des Amtes für Brücken- und Stadtbahnbau der Stadt Köln dazu: „Adenauer wollte so etwas wie eine Patinafarbe haben, er wollte die Kupferfarben von Kirchen nachempfinden.“1
Die Severinsbrücke erstrahlt im „Adenauer Grün“, Bild: Rolf Heinrich
In dieser Farbe, von den Kölnern „Adenauer Grün“ genannt, wurden neben der Mülheimer Brücke auch die Zoobrücke, die Deutzer Brücke2hier allerdings nur der ältere Stahlteil und nicht der neuere Betonteil und die Severinsbrücke gestrichen.
Eigensinnig, gläubig – und dem Menschen verpflichtet
Adenauer war also tief verwurzelt in seiner rheinischen Heimat und seinem katholischen Glauben. Sein Selbstbewusstsein war unerschütterlich und er hatte durchaus autokratische Züge. Zitate wie „Was stört mich mein Geschwätz von gestern?“ oder „Wir leben alle unter dem gleichen Himmel, aber wir haben nicht alle den gleichen Horizont.“ unterstreichen das. Gleichzeitig war er visionär, pragmatisch, den Menschen verpflichtet und sozial eingestellt.
Wenn ich die schwierigen Zeiten sehe, in denen er in Köln gewirkt hat und die aktuelle Politik betrachte, würde uns heute wohl durchaus ein bisschen mehr Adenauer guttun.
Statue von Adam Schal von Bell an der Minoritenkirche, Bild: Uli Kievernagel
Ein Kölner war 1658 einer der wichtigsten Berater des Kaisers von China: Der Jesuit und Wissenschaftler Adam Schall von Bell. Geboren am 1. Mai 1591 (oder, je nach Quelle, 1. Mai 1592) in Köln, besuchte er das Gymnasium Tricoronatum in der Marzellenstraße. Später studierte Schall von Bell in Rom Astronomie. Zusammen mit einer Gruppe Missionare reist er im Jahr 1618 nach China und gerät dort in die Wirren des Kolonialkriegs. Sein Wissen über moderne Waffentechnik – Schall von Bell repariert erfolgreich alte Kanonen – sichert den Chinesen den Sieg über die Niederländer und führt ihn an den kaiserlichen Hof.
Grabstein von Adam Schall von Bell auf dem Pekinger Zhalan Friedhof, Bild: Uli Linnenberg, aufrome.de
Dort wird er mit er mit der enorm wichtigen Aufgabe beauftragt, den chinesischen Kalender zu reformieren. Durch seine erfolgreiche Arbeit wird er wichtigster Berater des Kaisers Shunzhi, der ihn zum Mandarin befördert. Den Tod Shunzhis nutzen die Schall von Bells Gegner, um ihn zu diskreditieren – in einem Schauprozess wird er zum Tod durch Zerstückelung bei lebendigem Leib verurteilt. Ein paar Tage vor der Hinrichtung rettet ihn ein Zufall vor dem grausamen Tod, weil ein Erdbeben als Beweis seiner Unschuld gedeutet wird. Schall von Bell stirbt eines natürlichen Todes im Alter von 74 Jahren.
In seiner Heimatstadt erinnert eine stark verwitterte Statue in Nähe der Minoritenkirche an den „Kölschen Mandarin“.
Schall von Bell in Köln und die Brauerei AufRome
Es gibt eine ganz erstaunliche – und mir völlig unbekannte – kölsche Querverbindung zwischen der Brauerei AufRome und Adam Schall von Bell. Davon hat mir Uli Linnenberg erzählt:
Der Brauunternehmer Linnenberg ist Eigentümer der Brauerei AufRome. Und vermutlich ein Onkel von Adam Schall von Bell war auch von 1599-1605 Betreiber dieser Brauerei. Um genau zu sein war es seine Frau, Anna Reuffers bekannt als „die Brauersche auf Rome/up ruim“. Sie hat in dritter Ehe den Edlen Ruprecht Schall von Bell geheiratet und dann mit ihm die Brauerei geführt. Es sei sogar möglich, so Linnenberg, dass Adam Schall von Bell während seiner Zeit am Gymnasium Tricoronatum in der Marzellenstraße bei seiner Kölner Familie gewohnt haben könnte, schließlich war das Gymnasium nur ein paar Meter von der Brauerei entfernt.
Die Brauerei AufRome – ein geschichtsträchtiges kölsches Unternehmen, Bild: aufrome.de
Die ganze, wechselvollen fast 700-jährige Geschichte dieser Brauerei findet ihr auf der Website AufRome.de. Schaut mal rein. Lohnt sich. Genau wie ein Schluck des dort gebrauten Biers: Der Düxer Bock. Ein Genuss.