„Die Frauenfrage interessiert mich! Da ich aber unglücklich war und wohl etwas unterdrückt, habe ich mir fest vorgenommen, in dieser Frage kein Wort mehr zu sagen, bis ich innerlich abgeklärt und meine Ansichten von allen persönlichen Verhältnissen frei sind. Meine Erfahrungen kann ich nützen – meine Erbitterung nicht! Ich will suchen ins Ganze zu sehen über mein erbärmliches Ich weg.“1Tagebucheintrag von Mathilde von Mevissen im Jahr 1890
Dieser Satz aus ihrer eigenen Feder fasst das Leben der Kölner Frauenrechtlerin Mathilde von Mevissen hervorragend zusammen:
Unterdrückung durch den Vater
Hunger nach Bildung
Drang nach Veränderung.
So lässt sich auch ihr Leben in drei Abschnitte unterteilen:
Teil I: Kindheit und (gescheiterte) Vorbereitung auf eine spätere Rolle als Ehefrau (1848 – 1890)
Am 30. Juli 1848 wird Mathilde von Mevissen als zweite von fünf Töchtern des Unternehmers Gustav Mevissen (1815 – 1899, ab 1884 Gustav von Mevissen) und Elise Mevissen, geb. Leiden (1822 – 1857), geboren.
Ihr Vater war ein schwerreicher Industrieller und Bänker, nach heutigen Maßstäben ein Multimillionär. Ihre Mutter verstarb bereits 1857 nach der Geburt des fünften Kindes. Gustav von Mevissen heiratete im Jahr 1860 Therese Leiden, die Schwester seiner ersten Frau. Ein damals nicht unübliches Arrangement.
Als Tochter „aus guten Hause“ im 19.Jahrhundert war Mathildes Lebensweg eindeutig vorgezeichnet: Die Ausbildung diente alleine dazu, sie auf ihre spätere Rolle als Hausfrau und Mutter vorzubereiten. Um dieses Ziel zu erreichen, wurden eigens Hauslehrer engagiert. Deren vorrangiges Ziel war die „sittliche Erziehung“ der Mädchen, um sie später gut in vornehmen Kreisen verheiraten zu können.
Dafür wurde im Hause Mevissen ein strenges Regiment geführt. Die Töchter durften ohne Begleitung das Haus nicht verlassen, die Post wurde kontrolliert und auch das, was sie lesen durften, war vorgeschrieben.
Gustav Mevissen, hier im Jahr 1848, kontrollierte streng das Leben seiner fünf Töchter. Bild: Valentin Schertle, Public domain, via Wikimedia Commons
Diese Zeit der fehlenden Bildung empfand Mathilde als Qual. Als „inhaltsleeres Dasein einer unverheirateten Frau im Großbürgertum des 19. Jahrhunderts ohne echte Aufgabe und ohne intellektuellen Anspruch“ bezeichnete die Frauenrechtlerin Helene Lange diese Phase im Leben von Mathilde von Mevissen.
Ein kleiner Lichtblick: Heimlich schlich sich Mathilde in die riesige Privatbibliothek ihres Vaters.2Diese umfasste rund 25.000 Bücher. Sie versteckte die Bücher vor dem Zugriff der Eltern und Hauslehrer und las mit Begeisterung alles, was sie finden konnte.
Das repräsentative Wohnhaus der Familie Mevissen in der Zeughausstraße. Das Gebäude ist nicht mehr erhalten, heute steht dort das Regierungspräsidium. Bild: Kunst des 19. Jahrhunderts im Rheinland. Bd. 2. Architektur: II, Profane Bauten u. Städtebau, Schwann, Düsseldorf 1980
Teil II: Aufkommendes Engagement in der Frauenfrage (ab 1890)
Nachdem immerhin drei der fünf Mevissen-Töchter in wohlhabende Kölner Familien verheiratet wurden3Nur Mathilde und ihre Schwester Melanie sollten unverheiratet bleiben.lockerte der Patriarch Gustav von Mevissen etwas die Zügel. Sie übernahm Sekretariatsaufgaben für ihn und verwaltete die große Bibliothek.
Mathilde von Mevissen als Figur auf dem Rathausturm, Bild: Raimond Spekking
In dieser Zeit fiel auch ihr „Erweckungserlebnis“. Sie las ein Buch über die Ende des 19. Jahrhunderts aufkommende Frauenfrage. Eckart von Mevissen, ein Verwandter, beschrieb die damit ausgelöste Veränderung eindrücklich: „Ihre vielseitige Bildung, ihr Hunger nach Betätigung, nach wirklicher Leistung … ihr trostloses Dasein in den Fesseln strenger Konvenienz, all das ließ das Wort von der Befreiung der Frau wie eine Erlösung auftauchen.“
Und Mathilde wird aktiv: Sie gründet, gemeinsam mit Elisabeth von Mumm (1860 – 1933), den „Kölner Frauenfortbildungsverein“. Dies gilt als heute als Anfang der Kölner Frauenbewegung.
Ihrem Vater konnten diese Aktivitäten nicht gefallen, er warf ihr ungebührliches Verhalten vor. Aber Mathilde hatte mittlerweile das Selbstbewusstsein entwickelt, ihre Ziele auch gegen den Willen des Vaters zu verfolgen.
Teil III: Leben und Wirken nach dem Tod des Vaters (1899 – 1924)
Doch erst mit dem Tod ihrs Vaters 1899 konnte Mathilde von Mevissen endlich ihr eigenes Leben frei gestalten. Und dieses Leben widmete sie der Frauenfrage mit dem Schwerpunkt Mädchen- und Frauenbildung. Ihr Ansatz: Mädchen bzw. Frauen müssen die gleichen Bildungsvoraussetzungen geboten bekommen wie Männer. So war sie treibende Kraft des „Vereins Mädchengymnasium Köln“, welcher 1899 gegründet wurde. Dieses Gymnasium nahm aber erst nach einem von Mathilde von Mevissen beharrlich ausgeführten Kampf mit den preußischen Bildungsbehörden am 29. April 1903 den Betrieb auf.
Mitgliederverzeichnis der Mitglieder des „Vereins Mädchengymnasium zu Köln“ Mathilde von Mavissen stiftetet mit 60.000 Mark alleine 75% der Gesamtsumme
Mathilde von Mevissen setzte das vom Vater geerbte riesige Vermögen für die Frauenbildung und Frauenrechte ein. Sie richtete Stipendien speziell für junge Frauen ein und unterstützte großzügig das von ihr initiierte Mädchengymnasium.
In der Gründungsurkunde des „Vereins für Mädchenbildung“ wird deutlich, dass Sie diese Initiative fast im Alleingang finanzierte. Zwar wurden 26 Stifter und Patrone aufgeführt, doch mit einer Stiftungssumme von 60.000 Mark finanzierte Mathilde von Mevissen alleine 75% des gesamten Stiftungskapitals.
Zusätzlich unterstützte sie die bereits von ihrem Vater initiierte Handelshochschule. Diese wurde im Jahre 1919 als Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät in die neu gegründete Universität zu Köln integriert. Schon seit 1920 wurde die jährliche Gründungsfeier der Uni als „Mevissenfeier“ bezeichnet. Zum speziellen Dank wurde Mathilde von Mevissen im Jahr 1923 – anlässlich ihres 75. Geburtstags – der Titel „Ehrenbürgerin der Universität“ verliehen.
Familiengrabstätte Mevissen auf dem Melaten-Friedhof. Die Gedenkplatte für Mathilde von Mevissen befindet sich auf der Kopfseite (zweite von links). Bild: Geolina163, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons
Am 19. März 1924 stirbt Mathilde von Mevissen. Sie wird im Familiengrab auf dem Melaten-Friedhof beigesetzt. Ihr wurde eine der 124 Rathausfiguren gewidmet, und seit 2005 heißt die älteste Grundschule im Stadtteil Nippes „Mathilde-von-Mevissen-Grundschule“.
Mathilde von Mevissen hat das Leben der Frauen – nicht nur in Köln – verändert. Sie hat nachhaltig Bildungschancen für Mädchen eröffnet.
Somit hat sie ihren bereits 1890 geäußerten Wunsch „Ich will suchen ins Ganze zu sehen…“
erfüllt.
Das Zillchen-Balett, hier im Jahr 2024, im Stück „Zillche in Gefahr“, Bild: Kölner Männer-Gesang-Verein
Mathilde von Mevissen kommt auf die Bühne
Mathilde von Mevissen wird zur Hauptfigur des Divertissementchens 2028. Erstmals hatte die Cäcilia Wolkenburg, die Bühnenspielgemeinschaft des Kölner Männer-Gesang-Vereins, einen Wettbewerb für neue Stückideen ausgeschrieben. Unter 17 Einsendungen setzte sich der Autor Harald van Bonn mit seinem Stück „Kölsche Mädcher, aff noh bovve!“ durch.
Und natürlich darf bei einem echten Divertissementchen auch die kölsche Fantasie nicht fehlen: Mathilde von Mevissen und ihre Mitstreiterin Elisabeth von Mumm werden auf der Bühne kurzerhand zum Liebespaar. Historisch nicht belegt, aber schließlich ist das Zillche keine Geschichtsvorlesung!
Einen ganz großen Glückwunsch an Harald van Bonn zum Gewinn des Wettbewerbs. Die Premiere ist für 2028 geplant.
Mathilde-von-Mevissen-Promovendinnenförderung
Die TH Köln hat es sich zur Aufgabe gemacht, sich im Hinblick auf Nachwuchsförderung und Personalentwicklung zu engagieren, um der stetigen Abnahme des Frauenanteils bei den voranschreitenden Karrierestufen, zu begegnen.
Stolperstein für Max Zienow in der Virchowstraße 3, Lindenthal. Bild: 1971markus@wikipedia.de, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons
Wer heute durch die Virchowstraße in Köln-Lindenthal geht, kann vor dem Haus Nummer 1–3 auf ein kleines Denkmal im Bürgersteig stoßen. Wie Tausende andere Stolpersteine erinnert auch dieser an einen Menschen, der von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet wurde. Auf der Messingplatte steht der Name Max Zienow.
Zienow war Kölner Bauingenieur, Familienvater und überzeugter Katholik. Er gehörte keiner Widerstandsgruppe an, verteilte keine Flugblätter und plante keine Anschläge. Sein Widerstand bestand darin, dass er seine Überzeugung nicht verbarg. Er widersprach der nationalsozialistischen Ideologie, pflegte weiterhin Kontakte zu jüdischen Mitbürgern und sagte offen, was er dachte.
Dafür wurde er denunziert, verhaftet und zum Tode verurteilt. Am 9. Oktober 1944 wurde Max Zienow im Alter von 53 Jahren im Zuchthaus Brandenburg-Görden hingerichtet.
Von Münster nach Köln
Geboren wurde Max Bernhard Friedrich Ernst Zienow am 12. März 1891 in Saerbeck im Münsterland. Noch vor seiner Einschulung zog die Familie nach Münster. Dort besuchte Zienow zunächst die Volksschule und anschließend das Gymnasium. Nach dem Abitur studierte er Architektur an der Ingenieurschule in Münster. Während des Ersten Weltkriegs war er als Soldat in Frankreich.
Nach Kriegsende führte ihn sein Weg nach Köln. Die Stadt wurde zu seinem Lebensmittelpunkt. Hier lernte er Maria Berta Teuber kennen. Am 20. März 1920 heiratete das Paar in St. Agnes. Zunächst lebte die junge Familie in Sülz. 1921 wurde die Tochter Maria Augusta Elisabeth geboren.
Auch beruflich war Zienow eng mit Köln verbunden. Als Bauingenieur arbeitete er für die Stadt. Zu seinen Aufgaben gehörte der Bau der Volksschule an der Kyllburger Straße in Sülz, die 1923 fertiggestellt wurde.
Glaube und Nationalsozialismus
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 änderte sich auch in Köln das gesellschaftliche Klima grundlegend. Für Max Zienow war die nationalsozialistische Weltanschauung nicht mit seinem christlichen Glauben vereinbar. Und er machte aus dieser Haltung offenbar keinen Hehl.
Dabei war Zienow nach den überlieferten Informationen kein Mitglied einer organisierten Widerstandsgruppe. Er gehörte keiner politischen Widerstandsorganisation an und scheint auch sonst nicht gezielt nach Möglichkeiten gesucht zu haben, gegen das Regime vorzugehen. Sein Verhalten entsprang vielmehr einer persönlichen, christlich geprägten, Haltung.
Widerstand gegen den Nationalsozialismus bestand nicht ausschließlich aus organisierten Gruppen, geheimen Treffen oder spektakulären Aktionen. Dieser Widerstand konnte auch darin bestehen, sich der geforderten Ausgrenzung zu verweigern, Kontakte eben nicht abzubrechen und in Gesprächen nicht das zu sagen, was das totalitäre Regime hören wollte.
Ein erhaltenes Fotoalbum der Familie zeigt Max Zienow mit einem jüdischen Nachbarn, der später ins Exil ging. Auch andere Erinnerungen berichten davon, dass die Familie ihre Kontakte zu jüdischen Freunden und Nachbarn nicht aufgab, als solche Beziehungen von den Nationalsozialisten unerwünscht waren und zunehmend gefährlich wurden.
Für Zienow scheint dies keine demonstrative politische Aktion gewesen zu sein. Er behandelte Menschen weiterhin so, wie es seinem eigenen Verständnis von Anstand und christlichem Glauben entsprach.
Razzia an Nikolaus 1943
Ende der 1930er zog die Familie zunächst nach Ehrenfeld, später nach Lindenthal. Die Zienows lebten in der Virchowstraße 1–3. Dort sollte Max Zienow im Dezember 1943 verhaftet werden.
Aus Erinnerungen von Angehörigen und Zeitzeugen ergibt sich das Bild eines Mannes, der nur schwer schweigen konnte, wenn etwas seiner Überzeugung widersprach. Warnungen, vorsichtiger zu sein, soll er nicht befolgt haben. Überliefert ist auch, Zienow habe in seinem Büro Adolf Hitler als „Schwein“ bezeichnet. Wer ihn daraufhin denunzierte, ist nicht bekannt. Ebenso lässt sich heute nicht mehr sicher feststellen, welches Motiv hinter der Anzeige stand.
Fest steht: Am 6. Dezember 1943 kamen Nationalsozialisten in die Wohnung der Familie in der Virchowstraße. Die Räume wurden durchsucht, Schränke geöffnet. Belastendes Material wurde offenbar nicht gefunden. Trotzdem nahmen die Männer Max Zienow mit. Damit begann sein Weg durch das nationalsozialistische System von Haft, Justiz und Terror. Dieser Weg begann mitten in Köln – im Klingelpütz.
Zienow wurde, wie viele politische Gefangene und andere vom Regime Verfolgte im „Klingelpütz“ inhaftiert. Die Haftbedingungen waren hart, die Anstalt überfüllt.
Später wurde er in das Zuchthaus Siegburg verlegt, anschließend nach Berlin gebracht und dort vor den Volksgerichtshof gestellt. Dieses Gericht war eines der zentralen Instrumente der nationalsozialistischen Terrorjustiz. Unter seinem Präsidenten Roland Freisler wurden insbesondere politische Verfahren geführt, bei denen Todesurteile keine Ausnahme waren.
Roland Freisler – ein Täter in Richterrobe
Dem Kölner Max Zienow saß mit Roland Freisler einer der berüchtigtsten Vertreter der nationalsozialistischen Terrorjustiz gegenüber. Seit 1942 war Freisler Präsident des Volksgerichtshofs und machte das Gericht zu einem Instrument der Einschüchterung und Vernichtung politischer Gegner. Unter seiner Präsidentschaft wurden Tausende Todesurteile gefällt.
Roland Freisler (Mitte) bei einer Sitzungseröffnung während des Prozesses gegen die Mitglieder des Kreisauer Kreises und dessen Umfeld nach dem Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944, Bild: Bundesarchiv, Bild 151-39-23 / CC-BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Besonders berüchtigt war Freisler für die Art, wie er Angeklagte behandelte: Er schrie sie nieder, verhöhnte und beleidigte sie und nahm ihnen immer wieder die Möglichkeit, sich überhaupt angemessen zu verteidigen. Die erhaltenen Filmaufnahmen aus Prozessen gegen Beteiligte des Widerstands vom 20. Juli 1944 vermitteln bis heute einen Eindruck von seiner menschenverachtenden Prozessführung.
Freisler verkörperte damit auf besonders erschreckende Weise eine Justiz, die nicht mehr Recht sprechen, sondern Menschen im Sinne der nationalsozialistischen Diktatur vernichten sollte. Am 3. Februar 1945 kam Freisler bei einem amerikanischen Luftangriff auf Berlin ums Leben.
„Zu schade für eine deutsche Kugel“
Max Zienow wurde von dem menschenverachtenden Freisler zum Tode verurteilt. Nach der Erinnerung seiner Familie soll Freisler ihm dabei zugerufen haben, er sei „zu schade für eine deutsche Kugel“.
Freisler warf Max Zienow vor, sich im September 1943 „zersetzend geäußert“ zu haben. Er wurde wegen „Wehrkraftzersetzung“ nach § 5 der Kriegssonderstrafrechtsverordnung angeklagt. Das Urteil lautete auf Tod. Nach der Verurteilung wurde Max Zienow in das Zuchthaus Brandenburg-Görden gebracht. Die Haftanstalt war nach Berlin-Plötzensee eine der bedeutendsten Hinrichtungsstätten des nationalsozialistischen Staates. Gegner des Regimes wurden dort inhaftiert und getötet.
Am 9. Oktober 1944 wurde Max Zienow hingerichtet. Er wurde nur 53 Jahre alt. Die genauen Umstände seines Todes sind nicht vollständig geklärt. Hinrichtungen in Brandenburg-Görden wurden üblicherweise mit dem Fallbeil vollzogen. Nach der Erinnerung seiner Familie wurde Zienow jedoch erhängt. Anschließend wurde sein Leichnam eingeäschert.
Lageplan des „Alten Friedhofs“ in Weiden (Gartenweg, 50859 Köln). Max Zienow wurde in dem Bereich des Friedhofs beigesetzt, der mit „Kriegsgräber“ bezeichnet ist. Bild: Stadt Köln
Der katholische Pfarrer Albrecht Jochmann, der zeitweise im Zuchthaus Brandenburg-Görden tätig war, schickte die Urne an Zienows Witwe. Nach Kriegsende lebte sie mit ihrer Tochter in einer kleinen Dachkammer in Köln-Weiden. Dort wurde die Urne auf dem Ehrenfriedhofsteil des Weidener Friedhofs beigesetzt.
75 Jahre nach seinem Tod wird der Stolperstein verlegt
Lange blieb Max Zienow außerhalb eines kleinen persönlichen Umfelds weitgehend unbekannt. Er gehörte nicht zu den bekannten Köpfen des Widerstands. Er war ein städtischer Angestellter, ein Bauingenieur und Familienvater – ein ganz normaler Mann in einer nicht normalen Zeit. Aber er war ein Mann, der seine Überzeugungen nicht verleugnete.
Sein Schicksal zeigt zugleich, wie wenig es im nationalsozialistischen Deutschland brauchte, um in die Maschinerie der Verfolgung zu geraten. Eine Äußerung, eine Denunziation und die Weigerung, sich vollständig anzupassen, konnten genügen.
Das Wohnhaus von Max Zienow in der Virchowstraße 3. Bild: 1971markus@wikipedia.de, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons
75 Jahre nach seinem Tod kehrte sein Name sichtbar in das Kölner Stadtbild zurück. Am 26. September 2019 wurde vor dem früheren Wohnhaus der Familie in der Virchowstraße 1–3 in Lindenthal ein Stolperstein für Max Zienow verlegt.
So gibt es eine Erinnerung an einen aufrechten Mann in tiefbrauner Zeit.
„Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts“, Herausgegeber: Helmut Moll
Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts
Max Zienow wird auch im zweibändigen Werk „Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts‘“ aufgeführt. Das deutsche Martyrologium sammelt die Biografien katholischer Christen im 20. Jahrhundert, die um ihres Glaubens willen einen gewaltsamen Tod erlitten. Es handelt sich um widerständige Personen aus den Verfolgungen des Nationalsozialismus, des Kommunismus und der Missionsgebiete.
Die größte Gruppe bilden die Männer und Frauen aus der Gegnerschaft zur NS-Ideologie. Die Personen stammten aus allen Regionen des Deutschen Reiches, waren Priester und Laien, Junge und Alte aus verschiedensten Berufen und Aufgaben. Mehr als 170 Fachleute aus dem In- und Ausland haben die etwa 1000 Lebensbilder gesammelt und mit einem Werk-, Quellen- und Literaturverzeichnis und, soweit möglich, einem Porträtfoto, versehen.
Zeugen für Christus: Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts
Herausgegeben von Helmut Moll ISBN 978-3-506-79130-6
99 Euro Bezug über den Verlag Schöningh
Wer heute am Aachener Weiher sitzt, durch den Inneren Grüngürtel spaziert, am Decksteiner Weiher seine Runde dreht oder auf der Jahnwiese einem Ball hinterherläuft, macht sich vermutlich wenig Gedanken darüber, warum mitten in einer Millionenstadt überhaupt so viel Platz für Grün geblieben ist.
Dabei hätte Köln auch ganz anders aussehen können: dichter bebaut, steinerner und mit deutlich weniger Luft zwischen den Häusern. Dass es nicht so gekommen ist, hat viel mit einem Mann zu tun, der eigentlich gar kein Kölner war und nur drei Jahre hier arbeitete: Fritz Schumacher.
Der Architekt und Stadtplaner kam 1920 nach Köln. Oberbürgermeister Konrad Adenauer hatte ihn an den Rhein geholt. Schumacher blieb nur bis 1923 – doch diese kurze Zeit reichte, um Köln bis heute zu prägen.
Fritz Schumacher um 1916, Bild: Radierung von Leopold von Kalckreuth, gemeinfrei, via Wikimedia Commons
Ein Bremer kommt über Hamburg nach Köln
Fritz Schumacher wurde am 4. November 1869 in Bremen geboren. Seine Kindheit war ungewöhnlich international: Einige Jahre verbrachte er in Bogotá und New York. Später studierte er in Berlin und München, arbeitete im Leipziger Stadtbauamt und wurde 1901 an die Technische Hochschule Dresden berufen. 1909 wechselte er schließlich als Baudirektor und Leiter des Hochbauwesens nach Hamburg.
Dort machte er sich einen Namen als Architekt und Stadtplaner. Schumacher dachte nicht nur über einzelne Häuser nach. Ihn interessierte das große Ganze: Wie funktioniert eine wachsende Stadt? Wo wird gewohnt, wo gearbeitet? Wie bewegen sich die Menschen? Und vor allem: Wo bleibt zwischen all den Straßen und Häusern noch Platz zum Leben?
Genau solche Fragen beschäftigten zu dieser Zeit auch Köln. Nach dem Ersten Weltkrieg stand die Stadt vor gewaltigen Veränderungen. Die alten Festungsanlagen hatten ihre militärische Bedeutung verloren. Gleichzeitig rechneten die Verantwortlichen mit einem enormen Bevölkerungswachstum. Köln sollte wachsen – aber möglichst nicht zu einem endlosen Häusermeer werden.
Konrad Adenauer suchte deshalb jemanden, der nicht nur einzelne Bauprojekte plante, sondern Köln als Ganzes betrachten konnte. Und dieser Mann war Fritz Schumacher.
Köln darf keine Steinwüste werden
1919 ließ Adenauer einen Wettbewerb zur Gestaltung des ehemaligen Inneren Festungsrayons ausschreiben. Schumacher setzte sich mit seinem Entwurf durch. Ein Jahr später holte Adenauer ihn nach Köln. Dafür ließ sich der Hamburger Baudirektor für drei Jahre von seinen dortigen Verpflichtungen beurlauben.
Schumacher sollte einen Generalsiedlungs- beziehungsweise Generalbebauungsplan für Köln entwickeln. Dabei ging es nicht mehr nur darum, einzelne Straßen zu ziehen und Grundstücke aufzuteilen. Er wollte die Stadt als zusammenhängenden Organismus betrachten. Industrie, Verkehr, Wohnen und Erholung mussten zusammengedacht werden. Vor allem die Grünflächen waren für Schumacher keine hübsche Dekoration zwischen den Häusern. Sie gehörten zur Struktur der Stadt.
Eine historische Chance
Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg ergab sich durch die Bestimmungen des Versailler Vertrags eine historische Chance für Köln: Die Forts der beiden Festungsringe mussten geschliffen werden. Dadurch entstanden zwei große halbkreisförmige, unbebaute Flächen: Der Innere und der Äußeren Grüngürtel.
Diese beiden grünen Ringe sollten wiederum durch radiale Grünzüge miteinander verbunden werden. Damit entstand eine Idee, die jeder Kölner heute ganz selbstverständlich kennt: Grün sollte nicht irgendwo am Stadtrand liegen, sondern sich durch die ganze Stadt ziehen.
Der Plan für den Inneren Grüngürtel, Bild: Stadt Köln
Vom Festungsgürtel zum Grüngürtel
Das Geniale an der Planung war, aus einem Problem eine Chance zu machen. Über Jahrzehnte hatten die Festungsanlagen die Entwicklung Kölns geprägt. Nun verloren sie ihre Funktion. Wo vorher militärische Flächen lagen, konnte etwas völlig Neues entstehen.
Der Innere Grüngürtel wurde zwischen 1922 und 1924 angelegt. Dabei wurden nach der weitgehenden Schleifung der militärischen Anlagen auch Arbeitslose im Rahmen eines Beschäftigungsprogramms eingesetzt.
Schumacher wollte dort allerdings nicht einfach nur eine große Wiese schaffen. Seine ursprünglichen Vorstellungen gingen wesentlich weiter. Der Grüngürtel sollte Teil einer neuen Stadterweiterung werden. Wohngebiete und öffentliche Gebäude waren vorgesehen, am Aachener Weiher sogar ein zweiter Hauptbahnhof.
Doch die wirtschaftlichen Krisen der Weimarer Republik machten vielen dieser Pläne einen Strich durch die Rechnung. Aus heutiger Sicht war das für das Kölner Grün möglicherweise gar nicht so schlecht. Denn große Teile des Inneren Grüngürtels blieben unbebaut. Von der geplanten umfangreichen Bebauung wurde letztlich nur wenig verwirklicht. Das Grün setzte sich durch. Und genau davon profitiert Köln noch heute.
Der innere Grüngürtel im zwischen Köln-Ehrenfeld und Neustadt, Bild: Raimond Spekking
Grün nicht zum Angucken, sondern zum Benutzen
Dabei änderte sich auch die Vorstellung davon, was ein Park eigentlich sein sollte. Grünanlagen waren lange Zeit vor allem Schmuck. Man spazierte auf Wegen, betrachtete Blumenbeete und hielt sich ansonsten besser an die Regeln. Der Kölner Grüngürtel sollte anders funktionieren.
Hier sollte Platz für Sport, Spiel und Erholung sein. Im Äußeren Grüngürtel entstanden Sportplätze, Wälder, Kleingärten und im Raderthaler Volkspark ein Freilichttheater, eine Freiluftbibliothek und der „Reigenplatz“. Teile der ehemaligen Festungswerke wurden erhalten und als sogenannte „grüne Forts“ weitergenutzt. So wurde der Grüngürtel tatsächlich zu einem Park für alle. Was heute selbstverständlich klingt, war Anfang der 1920er Jahre revolutionär.
Der entscheidende Gedanke lautete: Eine Großstadt braucht nicht nur Wohnungen, Straßen und Arbeitsplätze. Sie braucht Räume, in denen Menschen durchatmen können. Oder ganz praktisch auf Köln übertragen: Man muss auf einer Wiese eben auch mal Fußball spielen dürfen.
Verbindungen zwischen den „grünen Ringen“
Besonders clever war Schumachers Idee, den Inneren und Äußeren Grüngürtel nicht isoliert nebeneinander bestehen zu lassen. Grüne Radialen sollten die beiden Bereiche verbinden. Ein besonders markantes Beispiel entstand mit dem Lindenthaler Kanal. Aber auch Flächen wie zum Beispiel der Vorgebirgspark stellen eine Verbindung zwischen den Großflächen dar. Das ist der eigentliche Clou von Schumachers Planung: Es entstand kein einzelner Park, sondern ein ganzes Grünsystem. Die konkrete Umsetzung der Grünanlagen übernahm Gartenbaudirektor Fritz Encke.
Wer sich heute vom Inneren Grüngürtel nach Westen bewegt, erlebt diese Struktur noch immer. Aachener Weiher, Lindenthaler Kanal, Stadtwald und schließlich der Äußere Grüngürtel erscheinen wie einzelne Grünanlagen. Tatsächlich folgen sie aber einer gemeinsamen städtebaulichen Idee. Köln sollte nicht nur wachsen. Die Stadt sollte dabei durchlüftet und aufgelockert bleiben.
Der innere Grüngürtel im zwischen Köln-Ehrenfeld und Neustadt, Bild: Raimond Spekking
Für den Grüngürtel musste gekämpft werden
Ganz freiwillig machten allerdings nicht alle mit. Gerade beim Äußeren Grüngürtel gab es handfeste Konflikte. Viele Grundstücke gehörten Landwirten, die ihre Flächen keineswegs begeistert an die Stadt abtreten wollten. Die Auseinandersetzung ging so weit, dass Grundstücksbesitzer damit drohten, keine Milch mehr zu liefern.
Erst das 1920 verabschiedete Reichsrayongesetz gab der Stadt die Möglichkeit, Enteignungsverfahren einzuleiten. Die Eigentümer konnten finanziell entschädigt werden oder Ersatzgrundstücke im Umland erhalten. Auch hier zeigt sich: Der Grüngürtel, den wir heute als selbstverständlichen Teil Kölns betrachten, fiel nicht einfach vom Himmel.
Er musste geplant, politisch durchgesetzt und gegen Widerstände verwirklicht werden. Adenauer spielte dabei eine entscheidende Rolle. Doch Schumacher lieferte das städtebauliche Konzept. Und auch heute noch wird um jedes Stück grün im Grüngürtel gerungen – schon seit Jahren versucht der 1. FC Köln rund um das Geißbockheim zusätzliche Fußballplätze anzulegen.
So wird es einmal im „Inneren Grüngürtel“ aussehen: Die Parkstadt Süd. Die rote Markierung kennzeichnet die aktuelle Lage des Pionierparks, Bild: Lenzen, Landschaftsarchitekturbüro RMP, Markierung: Uli Kievernagel
Und auch der Innere Grüngürtel wird sich durch die „Parkstadt Süd“ wesentlich verändern. „Parkstadt Süd“ ist das große Stadtentwicklungsprojekt im Kölner Süden. Bis zu 4.000 Wohnungen, Büros und Ladenlokale sollen im „Inneren Grüngürtel“ zwischen Bayenthal, Raderberg, Zollstock und Sülz entstehen
Selbst Schrebergärten gehörten zum Plan
Schumachers Vorstellung vom grünen Köln war ausgesprochen praktisch. Dazu gehörten auch Kleingärten. Die Nachfrage nach solchen Parzellen war besonders während und nach den Kriegen groß. Bei der Planung des Äußeren Grüngürtels wurden Kleingärten deshalb von Anfang an berücksichtigt. Vorgesehen waren sogar 12.000 Dauerkleingärten mit einer durchschnittlichen Größe von 300 Quadratmetern. Eine der ersten Anlagen entstand an der Gleueler Straße.
Schumachers sozialer Gedanke hinter der Planung: Das Grün sollte nicht exklusiv sein. Es ging nicht um repräsentative Anlagen für einige wenige, sondern um nutzbare Freiräume für die Bevölkerung.
Nach dem Zweiten Weltkrieg bekamen manche dieser Flächen sogar eine ganz andere Bedeutung. In zahlreichen Kölner Schrebergärten entstanden zeitweise Behelfsunterkünfte für Menschen, deren Wohnungen und Häuser zerstört worden waren. Erst später kehrten die Anlagen wieder zu ihrer ursprünglichen Nutzung zurück.
Nicht alles blieb grün
Natürlich hat Köln Schumachers Erbe nicht immer mit Samthandschuhen behandelt. Spätestens mit der Idee der „autogerechten Stadt“ gerieten Grünflächen unter Druck. Zeitweise gab es sogar Pläne für eine Stadtautobahn quer durch den Inneren Grüngürtel. Andere Eingriffe wurden tatsächlich umgesetzt. Anfang der 1970er Jahre entstanden das Autobahnkreuz Köln-Ost und das Gremberger Kreuz – mit entsprechenden Folgen für die Merheimer Heide und das Gremberger Wäldchen. Trotzdem blieb die Grundidee erhalten.
Eingezwängt zwischen Autobahn und S-Bahnstrecke: Das Gremberger Wäldchen. Der geplante Ausbau der A4 gefährdet das Wäldchen und die NS-Gedenkstätte dort, Karte: OpenStreetMap
Das Kölner Grünsystem überdauerte Jahrzehnte, politische Systeme, Kriege und wechselnde Vorstellungen von moderner Stadtplanung. Es wurde weiterentwickelt und schließlich auch wegen seiner Bedeutung für die Frischluftzufuhr aus dem Umland in die Innenstadt unter Landschaftsschutz gestellt. Und vielleicht ist genau das die größte Leistung von Schumachers Konzept: Es war stark genug, um die Veränderungen der letzten 100 Jahre auszuhalten.
Drei Jahre, die Köln bis heute prägen
1923 endete Fritz Schumachers Zeit in Köln. Er kehrte nach Hamburg zurück, wo er zum Oberbaudirektor ernannt wurde. Bis 1943 lebte er dort und veröffentlichte zahlreiche Arbeiten über Architektur und Städtebau. Am 5. November 1947 starb er in Hamburg. Gerade einmal drei Jahre hatte er unmittelbar für Köln gearbeitet.
Das klingt nach einer kurzen Episode in einem langen Berufsleben. Tatsächlich aber hinterließ Schumacher in dieser kurzen Zeit etwas, das bis heute zum Lebensgefühl der Stadt gehört. Denn der Grüngürtel ist längst mehr als eine städtebauliche Planung aus den 1920er Jahren.
Ein Luftbild der Jahnwiesen, Heimat der „Bunten Liga Köln“, Bild: dronepicr, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons
Hier wird gejoggt, spaziert, Fußball gespielt, gepicknickt oder einfach auf der Wiese gelegen. Aachener Weiher, Jahnwiese, Decksteiner Weiher, Lindenthaler Kanal und die großen Grünflächen gehören für viele Kölner so selbstverständlich zur Stadt wie Straßen, Plätze und Häuser.
Wer also demnächst im Grüngürtel unterwegs ist, kann sich kurz daran erinnern: Dass Köln an vielen Stellen eben keine „Steinwüste“ geworden ist, verdanken wir auch Fritz Schumacher, einem Bremer, der eigentlich in Hamburg arbeitete – und für gerade einmal drei Jahre an den Rhein kam.
Das repräsentative Familiengrab Mauser auf dem Kölner Südfriedhof, Bild: Uli Kievernagel
Der Name Mauser lässt viele sofort an Waffen denken. An Gewehre, Militärgeschichte und an das berühmte Motto „Si vis pacem, para bellum“ – „Wenn du Frieden willst, bereite den Krieg vor“. Ausgerechnet ein „eingekölschtes“ Mitglied der Familie Mauser stellte dieses Prinzip auf den Kopf: Alfons Mauser.
Alfons Mauser, Sohn des Mitgründers der ältesten und international bekannten deutschen Waffenschmiede Mauser, wollte nicht den Krieg vorbereiten, sondern den Frieden. Er nannte seine erste Firma deshalb bewusst „Para Pacem – Bereite den Frieden vor“. Statt Gewehre zu bauen, entwickelte er Gartenzäune und Metallfässer. Und Köln wurde zur Heimat dieses ungewöhnlichen Unternehmers.
Geboren wurde Alfons Mauser am 25. Mai 1872 im schwäbischen Oberndorf am Neckar. Sein Vater Wilhelm gehörte zu den Gründern der berühmten Gewehrfabriken. Doch Alfons schlug einen anderen Weg ein. Zwar lernte er zunächst alle Bereiche des Familienunternehmens kennen und wurde von seinem Onkel, dem legendären Konstrukteur Peter Paul Mauser, nach England und in die USA geschickt. Dort beschäftigte er sich mit modernen Fertigungstechniken bei führenden Industriebetrieben wie Pratt & Whitney oder Waffenherstellern wie Remington.
Alfons Mauser (1872-1927)
Verbesserungsvorschläge wurden abgelehnt
Zurück in Deutschland studierte er an der Technischen Hochschule Stuttgart und brachte neue Ideen mit. Doch sein Onkel Paul, der die Geschäfte der Mauser Werke verantwortete, wollte davon wenig wissen. Alfons Mauser hatte unter anderem eine verbesserte Schlagbolzenkonstruktion am Mauser-Gewehr entwickelt. Doch seine Verbesserungsvorschläge wurden abgelehnt, die Zusammenarbeit mit seinem Onkel Paul Mauser endete im Streit. Für Alfons Mauser war das ein Wendepunkt in seinem Leben.
Mit nur 24 Jahren gründete er 1896 seine eigene Fabrik für Stahlblechwaren. Sein bekanntestes Produkt trug einen fast poetischen Namen: „Zaunkönig“. Hinter der Marke verbargen sich kunstvoll gefertigte Stahlzäune, Tore und Gitterelemente, die Sicherheit schaffen sollten, ohne bedrohlich zu wirken. Eine bemerkenswerte Idee für jemanden, dessen Familienname eigentlich mit Waffen verbunden war.
Ehrenfeld als bedeutender Industriestandort
Nur zwei Jahre später zog es Mauser nach Köln-Ehrenfeld. Das Viertel war damals ein pulsierender Industriestandort. Hier entstanden Maschinen, Lokomotiven, Motoren und Chemieprodukte. Zwischen all diesen Fabriken fand auch Mausers friedliche Idee mit den Zäunen ihren Platz.
Doch er blieb nicht beim Gartenzaun stehen. Die Industrialisierung verlangte nach neuen Transportlösungen. Chemische Rohstoffe wurden häufig in großen Glasballons befördert, die empfindlich und schwer zu handhaben waren. Mauser entwickelte dafür robuste Körbe aus Stahlband, die den Transport deutlich sicherer machten.
Das „Mauser-Patent-Fass“, Bild: treffpunkt-kunst.net, Public domain, via Wikimedia Commons
„Mauser-Patent-Fässer“
Sein größter Wurf folgte 1903. Er konstruierte ein luftdicht verschließbares Stahlfass aus Eisenblech. Was zunächst unspektakulär klingt, revolutionierte den Transport von Chemikalien und Erdöl. Die „Mauser-Patent-Fässer“ wurden zum Exportschlager und fanden weltweit Abnehmer. Noch heute erinnern moderne Industriefässer an die Konstruktionen, die einst in Köln entwickelt wurden.
1921 kaufte Mauser eine ehemalige Karbidfabrik im hessischen Waldeck und baute sie zu einem modernen Produktionsstandort um. Dort entstanden nicht nur Stahlfässer, sondern auch Gasflaschen, Tanks, landwirtschaftliche Geräte und sogar Möbel. Das Unternehmen entwickelte sich zu einem der größten Arbeitgeber der Region.
Ehrendoktorwürde als späte Anerkennung
Ein Jahr später verlegte Alfons Mauser den Firmensitz von Köln-Ehrenfeld nach Brühl und benannte das Unternehmen in Mauser-Werke GmbH um. Die Verbindung zu Köln blieb jedoch bestehen. Hier hatte seine Erfolgsgeschichte begonnen, hier entstanden die entscheidenden Erfindungen.
1922 erhielt er von der Technischen Hochschule Stuttgart die Ehrendoktorwürde. Eine späte Anerkennung für jemanden, dessen innovative Ideen im Familienunternehmen einst abgelehnt worden waren.
Selbstverständlich nicht ohne den „Ehrendoktor“: Die Grabinschrift für Alfons Mauser auf dem Familiengrab, Maria Mauser, geb. Zwick-Sieber, war seine Ehefrau, die Ehe wurde 1897 geschlossen. Bild: Uli Kievernagel
Alfons Mauser starb am 11. August 1927 im Alter von nur 55 Jahren in Köln. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Kölner Südfriedhof. Aus einer Familie, die weltberühmt für Waffen wurde, stammte ein Mann, der mit seiner Firma „Para Pacem – Bereite den Frieden vor“ den Frieden zum Unternehmensziel erklärte und der lieber Zäune als Gewehre baute und Fässer statt Gewehre erfand.
Cilly Aussem, Tennisstar der 1930er Jahre, Bild: Agence de presse Meurisse – Bibliothèque nationale de France
Lange vor Steffi Graf und Angelique Kerber gab es bereits eine deutsche Wimbledonsiegerin: Cäcilia Edith, genannt „Cilly“, Aussem konnte bereits im Jahr 1931 das Turnier des „All England Lawn Tennis and Croquet Club” für sich entscheiden. Ein kölsches Mädchen gewinnt in Wimbledon.
Cilly Aussem wurde am 4. Januar 1909 in Köln geboren. Ihr Vater Johann „Jean“ Aussem war als deutscher Generalverteter der französischen Käsemarke Gervais sehr vermögend. Ihre Mutter Ursula nannte sich „Helen“ und wollte ihre Tochter auf Biegen und Brechen in die Weltspitze des Tennis bringen. Die ersten Schritte auf dem Court machte Cilly im Jahr 1923 beim Tennisclub Rot-Weiß Köln und zeigte schnell ihr Talent: Bereits im Sommer 1924 konnte sie gleich ihr erstes Turnier gewinnen.
Eine schwierige, ehrgeizige Mutter
Cilly schlug sich danach auf diversen Turnieren in ganz Europa durchaus respektabel – und wäre da nicht ihre über-ehrgeizige Mutter gewesen, hätte sie sich auch in Ruhe entwickeln können. Doch „Helen“ Aussem machte ihrer Tochter das Leben durchaus schwer.
Bei einem Turnier in Hamburg beschuldigte sie die Gegnerin, Cilly hypnotisiert zu haben. Dieser Vorwurf mündete in einer wüsten Schlägerei zwischen „Helen“ Aussem und der Gegnerin von Cilly, Paula von Reznicek. Kolportiert wird auch, dass Cillys Tennistrainer Bill Tilden auf die Frage ihrer Mutter, wie Cilly eine wirklich große Spielerin werden könnte, geantwortet habe „Indem Sie, Frau Aussem, den nächsten Zug nach Deutschland nehmen!“
Cilly Aussem auf einem Ölgemälde von Leo von König (1932), Bild: Raimond Spekking
Cilly gewinnt in Wimbledon
Das Training von Bill Tilden war erfolgreich: Cillys harte Vorhand war auf dem Tennisplatz gefürchtet. Und so schlug sie am 3. Juli 1931 im Finale von Wimbledon Hilde Krahwinkel und war somit die erste Deutsche, die das prestigeträchtige Turnier gewinnen konnte.
Adenauer, damals Oberbürgermeister von Köln, schickte ihr per Telegramm „Cilly, ganz Köln gratuliert zum großen Sieg. Ihre Heimatstadt ist stolz auf Sie“. Und tatsächlich wurde ihr nach dem Wimbledon-Sieg ein triumphaler Empfang in ihrer Heimatstadt bereitet.
Leider konnte ihr Körper die Strapazen des Leistungssports nicht aushalten. Eine verschleppte Blindarmentzündung und ein schon früher auftretendes Augenleiden machte es ihr zunehmend schwerer, an die Spitzenleistung des Jahres 1931 anzuknüpfen. Im Jahr 1935 beendete Cilly ihre Karriere.
Briefmarke „Cilly Aussem“
Tod im Nobelort Portofino
Ein Jahr später heiratete sie den italienischen Offizier Graf Fermo Murari dalla Corte Brà und zog mit ihm nach Ostafrika. Dort infizierte sie sich mit Malaria, gleichzeitig verschlechterte sich ihre Sehkraft rapide. Zusätzlich trat eine starke Überempfindlichkeit gegen das Sonnenlicht auf.
Cilly zog mit ihrem Mann nach Italien, ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich massiv und sie zog sich, mittlerweile fast blind, völlig von der Öffentlichkeit zurück. Cilly Aussem starb am 22. März 1963 im Alter von nur 54 Jahren. Ihr Grab ist auf dem Friedhof San Giorgio im Nobelort Portofino.
Köln vergisst seinen Tennisstar
Nur per Zufall wurde in Deutschland überhaupt bekannt, dass Cilly Aussem gestorben war. Ein Journalist erkannte, dass es sich bei der Todesanzeige einer gewissen „Gräfin Cecilie Editha Murari dalla Corte Brà“ um den deutschen Tennisstar der 30er Jahre handelte.
In ihrer Heimatstadt Köln war die ehemals prominente Sportlerin mittlerweile völlig vergessen. Immerhin erinnert eine 1988 erschienene Briefmarke an die erste deutsche Wimbledonsiegerin. Und der Energieversorger RheinEnergie hat in seiner Zentrale alle Konferenzräume nach kölschen Persönlichkeiten benannt – und so trägt einer der Räume den Namen „Cilly Aussem“.1DANKE an Sebastian für diesen Hinweis.
Das Vereinsheim des KTHC findet sich am Olympiaweg in Müngersdorf, Bild: Jörg Michell
Erinnerungen an Cilly Aussem beim KTHC
Im Vereinsheim von Rot-Weiß Köln, direkt neben dem Müngersdorfer Stadion, sind Erinnerungsstücke an Cilly Aussem ausgestellt.2DANKE für diese Info an Maik aus Bonn.
Laura von Oelbermann (1846 – 1929), Bild: Archiv Evangelischer Kirchenverband Köln und Region
Wenn man heute über den Hohenstaufenring spaziert, ist von den einstigen Prunkpalais auf dieser Straße kaum noch etwas zu sehen. Geschäftshäuser und Autoverkehr dominieren die Ringe. Und doch stand hier einmal eines der imposantesten Privathäuser Kölns – und davor sammelten sich Menschen, nur um einen kurzen Blick auf Laura von Oelbermann zu erhaschen. Wenn die „reiche Frau“ das Haus verließ, brachte dies regelmäßig den Verkehr vor der Tür zum Erliegen. Jeder wollte dieses Spektakel sehen.
Geboren wurde sie am 18. Mai 1846 am Alter Markt – mitten im geschäftigen Herzen der Stadt. Dass sie einmal zu den reichsten und einflussreichsten Frauen Kölns gehören würde, war ihr nicht in die Wiege gelegt.
Vom Alter Markt in die Welt
Laura von Oelbermann wurde als Laura Nickel geboren und wuchs in eher einfachen Verhältnissen auf. Ihr Vater war Bürstenwarenhändler, die Familie protestantisch. Das war eher schwierig im zumindest damals deutlich katholisch geprägten Köln, wo Protestanten noch als „Blauköpp“ bezeichnet wurden. Laura besuchte das evangelische Lyzeum – eine für Mädchen ihrer Zeit bemerkenswerte Bildungslaufbahn.
1866 heiratete sie den Kaufmann Emil Oelbermann. Sein beruflicher Weg führte früh über den Atlantik: Handel, Versicherungsgeschäfte, deutsch-amerikanische Netzwerke. Immer wieder wird berichtet, dass er auch in den amerikanischen Sklavenhandel verwickelt gewesen wäre. Nach Aussage und Recherchen von Peter Oelbermann, ein entfernter Verwandter, entbehrt diese Aussage jeglicher Grundlage, da dazu bis heute kein wissenschaftlicher Beleg vorliegt.1Laura von Oelbermann – eine „bemerkenswerte“ Frau, Stellungnahme von Peter Oelbermann, https://www.udo-w-hombach.de/texte/Laura-von-Oelbermann-eine-bemerkenswerte-Frau.pdf, abgerufen am 27.02.206
Laura folgte ihrem Ehemann nach New York, nahm die amerikanische Staatsbürgerschaft an und bekam dort mehrere Söhne. Köln blieb jedoch Lebensmittelpunkt, spätestens als die Familie 1878 dauerhaft zurückkehrte.
Das prunkvolle Palais Olbermann am Hohenstaufenring, Bild: Rheinisches Bildarchiv, Public domain, via Wikimedia Commons
Ein prunkvolles Palais für die Neustadt
1891 bezogen die Oelbermanns ihr neues Stadtpalais am Hohenstaufenring 57. Entworfen vom Architekten Hermann Otto Pflaume war das freistehende Gebäude im Stil der italienischen Renaissance ein architektonischer Ausreißer in der geschlossenen Ringbebauung. Zeitgenössische Berichte sprechen vom „großartigsten Privathaus der Neustadt“. Schmuck, Kunst, Personal, großer Hausstand – Laura Oelbermann war sichtbar wohlhabend. Und offensichtlich zeigte sie ihren Reichtum gerne, wie ein Zeitgenosse berichtete:
„Da stauten sich zu früheren Zeiten so um die Mittagsstunde vor ihrem großen Hause am Hohenstaufenring die Menschen, und wenn man einen Schutzmann erwischen konnte und ihn oder auf der Elektrischen den Schaffner fragte, was denn eigentlich los wäre, ob es einen Krawall gäbe oder einen Zusammenstoß, so wurde einem ziemlich von oben herab geantwortet, als ob man das wissen müßte: „Die reiche Frau Oelbermann jeht aus“. Das war damals ein Ereignis.“2 Schmidt, Klaus, Laura von Oelbermann, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/laura-von-oelbermann/DE-2086/lido/5dc018ad4661e2.56554166 (abgerufen am 27.02.2026)
Ältere Kölner erinnern sich auch noch an den Spruch »Bin ich denn de Frau Oelbermann, dat is mir zo dür!«3Übersetzung: „Bin ich denn die Frau Oelbermann, das ist mir zu teuer!“ wenn Dinge unerreichbar teuer waren.4DANKE an Irene für diesen Hinweis.
Reichtum und Verlust – ein tragisches Familienleben
Hinter der glanzvollen Fassade lag jedoch ein Leben voller Verluste. 1897 starb ihr Mann Emil. Noch im gleichen Jahr verunglückte der jüngste Sohn Harry auf Korsika. Vier Jahre später starb ihr ältester Sohn, weitere drei Jahre später, im Jahr 1904, der mittlere und letzte überlebende Sohn Alfred. Keiner ihrer Söhne wurde älter als 30 Jahre.
Laura Oelbermann war nun Multimillionärin und allein. Ein mondänes Leben mit Reisen und Festen hätte sie sich leisten können. Stattdessen entschied sie sich für einen anderen Weg und engagierte sich im sozialen Bereich – Köln sollte davon stark profitieren.
Das Evangelische Krankenhaus Weyertal im Jahr 2009. Bild: HOWI – Horsch, Willy, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons
Soziale Arbeit mit persönlichem Einsatz
Ihr Engagement beschränkte sich nicht auf Überweisungen. Laura Oelbermann ging selbst in die Wohnungen armer Familien, vor allem in evangelisch geprägte Milieus. Sie fragte nach dem Bedarf an Lebensmitteln, Schuhen, Betten oder Schulgeld und sorgte dafür, dass Hilfe unmittelbar ankam.
Ein zentrales Projekt war die Frauenhilfe des evangelisch-kirchlichen Hilfsvereins, die sie ab 1900 mit aufbaute und lange leitete. Bis zu 250 Familien wurden jährlich mit Krankenpflege, Armenspeisung, Erholungsaufenthalten und der Vermittlung von Heimarbeit unterstützt. Frauen sollten sich selbst helfen können – ein Gedanke, der für seine Zeit bemerkenswert modern war.
Das evangelische Krankenhaus Weyertal
Zu den sichtbarsten Spuren ihres Wirkens gehört das Evangelische Krankenhaus. Mit enormen Summen ermöglichte sie den Bau des ersten linksrheinischen evangelischen Krankenhauses Kölns, eröffnet 1902 am Weyertal. Mehr als ein Viertel der erforderlichen Gesamtsumme spendete Laura Oelbermann.
Am Eingang des Evangelischen Krankenhauses Weyertal sind die Namen der Spender aufgeführt. Gespendet hatte die kölsche Hautevolee. Bilder: Uli Kievernagel
Ihre Stiftungen reichten weit über Köln hinaus. Besonders bedeutend war ihre Millionenspende für die Auguste-Victoria-Stiftung auf dem Ölberg in Jerusalem, aus der das bis heute bestehende Hospital hervorging. 1910 reiste sie selbst dorthin – ein außergewöhnliches Erlebnis für eine Frau ihrer Zeit.
Das Auguste-Victoria-Hospital in Jerusalem um 1910, Bild: Fotoabteilung der American Colony oder deren Nachfolger, dem Matson Photo Service; gemeinfrei, über Wikimedia Commons
Für ihr Engagement wurde sie am 15. August 1918 von Kaiser Wilhelm II. in den Adelsstand erhoben. Aus Laura Oelbermann wurde Laura von Oelbermann. Kurz darauf endete das Kaiserreich. Kurios: Sie war eine der letzten Personen, die noch in diesen Stand erhoben wurden. Darüber hinaus wurde sie mit vielen Orden und Ehrungen ausgezeichnet. Darunter waren:
das Ehrenzeichen für Kriegsfürsorge,
das Lippischen Kriegsverdienstkreuz,
das Ölberg-Kreuz,
das Verdienstkreuz für Frauen und Jungfrauen in Gold,
das Verdienstkreuz für Kriegshilfe,
der Sachsen-Meiningschen Verdienstorden für Frauen und Jungfrauen in der Kriegsfürsorge,
der Luisenorden Erster Klasse,
der Wilhelm-Orden,
die Rot-Kreuz-Medaille,
die Schaumburg-Lippischen Kriegs-Ehrenmedaille.
die Schwedische Medaille in Gold für Kunst und Wissenschaft am blauen Bande.5Schmidt, Klaus, Laura von Oelbermann, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/laura-von-oelbermann/DE-2086/lido/5dc018ad4661e2.56554166 (abgerufen am 27.02.2026)
Das Grabmal der Familie Oelbermann auf Melaten. Bild: Geolina163, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Tod, Vermächtnis und das Ende eines Hauses
Laura von Oelbermann starb am 3. Juni 1929 im Alter von 83 Jahren, sie wurde auf dem Melaten-Friedhof beigesetzt. Ihr Testament regelte alles genau: Zunächst die Versorgung der Angestellten, dann finanzielle Mittel für ihren Hund. Der weitaus größte Teil des Vermögens aber ging an ihre Stiftungen.
Das große Palais am Hohenstaufenring wurde zur Unterkunft für berufstätige evangelische Frauen. Erst Anfang der 1980er Jahre wurde das Gebäude abgerissen. Erhalten blieb das Grabmal auf dem Melaten-Friedhof.
Wo Köln sich dankbar erinnert
Seit 2005 trägt eine Promenade im Rheinauhafen ihren Namen. Sie erinnert an eine Frau, die ihren Reichtum nicht versteckte – sondern einsetzte. Und deren Vermächtnis bis heute fortdauert: Die Emil-und-Laura-von-Oelbermann-Stiftungen bestehen weiterhin. Das Stiftungskapital liegt bei rund 2,5 Millionen Euro. Das Krankenhaus am Weyertal genießt einen guten Ruf, das Hospital in Ostjerusalem versorgt vor allem palästinensische Patientinnen und Patienten.
So hat sie nicht nur in Köln soziale Strukturen hinterlassen, die bis heute wirken.
Blick in das Haus Oelbermann um 1895, Fotograf unbekannt, gemeinfrei, via Wikimedia Commons
Das Oelbermannhaus – ein züchtiges Haus!
Gabriele Kaspar hat als Auszubildende im Oelbermann-Haus gelebt und mir geschrieben:
Ich habe von 1968 bis 1972 im Oelbermannhaus, Hohenstaufenring 57, gewohnt. Zu dieser Zeit lebten überwiegend Studentinnen im Haus.
Ich hatte ein eingerichtetes Zimmer mit Waschgelegenheit. Handtücher wurden gestellt und gewaschen, das Zimmer gereinigt. Auf jeder Etage gab es gemeinschaftlicher Nutzung Toiletten, und eine Küche. Letztere hatte neben Kochgelegenheiten auch Kühlschränke in dem jede Mitbewohnerin ein abschließbares Fach hatte. Für jede Etage war eine Mitarbeiterin zuständig, die zum Teil auch im Haus wohnten. Es gab auch weitere Gemeinschaftsräume und Waschmöglichkeiten.
An die Höhe der Miete, die bar bei der Hausleitung bezahlt werden musste, kann ich mich nicht erinnern. Sie beinhaltete alle vorher genannten Leistungen sowie Strom und Heizung. Im Winter war sie wegen der Heizung etwas höher. Sie war jedenfalls sehr günstig und in meinem Fall sogar reduziert, da ich am Anfang noch in der Ausbildung war.
Neben diversen Hausregeln, die unbedingt eingehalten werden mussten, sonst bekam man eine Ansprache, hier eine die mir in Erinnerung geblieben ist.
An der von 8:30 oder 9:00 bis 22:00 Uhr besetzten Hauspforte lag ein Besucherbuch aus. In dieses musste sich jeder Besucher eintragen. Herrenbesuch war erlaubt, allerdings nur bis 21:30 Uhr und soweit ich mich erinnern kann auch nur für vier Stunden.
Eingehende Post wurde an der Pforte gesammelt, die Zimmerschlüssel sollten dort abgegeben werden. Falls man später als 22:00 Uhr nach Hause kommen wollte erhielt man einen Haustürschlüssel und seinen Zimmerschlüssel. Länger Abwesenheit musste angegeben werden.
Ein im ganzen „züchtiges“ Haus.
Gabriele Kasper
Vielen Dank an Gabriele Kasper für diese Informationen!
Fast direkt am Krankenhaus Weyertal liegt der Geusenfriedhof. Dies ist der älteste evangelische Friedhof des Rheinlands. Die erste Beerdigung fand dort im Jahr 1584 statt. Und bis weit in das 19. Jahrhundert war dieser Friedhof die einzige mögliche Begräbnisstätte für Protestanten in Köln. Auf diesem Freidhof wurde 1875 die letzte Bestattung durchgeführt. Und danach geriet diese Fläche in Vergessenheit – bis 1981. Der Friedhof wurde unter Denkmalschutz gestellt und die evangelische Gemeinde hat sich der verwilderten Fläche angenommen, Grabsteine wieder aufgerichtet und die Wege wieder hergestellt.
Gedenktafel, in d’r Kayjass Nummer Null (Kaygasse, Ecke Großer Griechenmarkt),Bild: 1971markus@wikipedia.de, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Jedes kölsche Schulkind kennt diesen Text:
„En d’r Kayjass Nummer Null steiht en steinahl Schull, un do hammer dren studeet. Unser Lehrer, dä hieß Welsch, sproch en unverfälschtes Kölsch ... … Dreimol Null es Null, bliev Null, denn mer woren en d‘r Kayjass en d’r Schull.“
Bei dem von den „Drei Laachduve“ in der Session 1938/39 besungenen Lehrer handelt es sich um Heinrich Welsch, und genau dieser Lehrer Welsch hat tatsächlich ein musikalisches Denkmal verdient.
Allerdings war Welsch nie in der Kaygasse tätig, sondern leitete im rechtsrheinischen Kalk eine Sonderschule für Kinder, die einer besonderen Fürsorge bedurften. Man kann davon ausgehen, dass die „Drei Laachduve“ Welsch wegen des Reims in die Kaygasse versetzt haben, denn die ursprüngliche Schule lag in der Hollweghstraße . Das hätte doch das Reimschema arg strapaziert.
Geburtshaus von Heinrich Welsch in Arzdorf, Bild: Wolfgang Lietzau
Welsch – ein Pädagoge mit Herz
Heinrich Welsch wurde 1848 in Arzdorf, heute ein Ortsteil von Wachtberg, geboren. Er war ausgebildeter Lehrer mit einem Examen des Königlich Preußischen Lehrerseminars in Brühl. Nach verschiedenen Stationen, unter anderem in Worringen und Sülz, kam er 1881, mitten in der industriellen Revolution, nach Kalk. Erschreckt über die Verhältnisse in der Arbeiterschaft erkannte Welsch sehr schnell, dass Bildung der Schlüssel zum sozialen Erfolg seiner Schüler war. Im Jahr 1905 gründete er die „Hilfsschule“ in Kalk. Der Lehrer Welsch kümmerte sich rührend um seine Schüler – nicht selbstverständlich in einer Zeit, in der der Rohrstock noch als pädagogisches Mittel galt. So brachte er zum Beispiel Mädchen, die wegen einer ungewollten Schwangerschaft verstoßen wurden, wieder zurück zu ihren Familien.
Das Ehrengrab von Heinrich Welsch auf dem Kalker Friedhof, Bild: A.Savin
Zu seinen Bemühungen um die Bildung gehört auch, dass Welsch 1884 mit 1.700 von ansässigen Betrieben gespendeten Büchern die erste Volksbibliothek in Kalk gründete. Heinrich Welsch schied im Jahr 1914 aus dem Schuldienst aus und verstarb 1935. Sein Grab auf der dem Friedhof in Kalk ist ein Ehrengrab, die Stadt Köln kümmert sich um die Grabpflege.
Lehrer-Welsch-Preis
Neben dem bekannten Lied lebt Heinrich Welsch aber auch im Lehrer-Welsch-Sprachpreis weiter. Die Kölner Sektion des Vereins Deutsche Sprache verleiht diesen seit 2004 an Personen oder Institutionen, die sich um die Hochsprache und den Erhalt der kölschen Sprache verdient gemacht haben.
Der Sänger Ludwig Sebus, selbst Preisträger im Jahr 2008, dazu im Kölner-Stadt-Anzeiger „Das Vermächtnis des legendären Lehrers Welsch ist doch viel mehr als Drei mal Null. Er verkörperte die kölsche Seele. Als Lehrer hat er alle Menschen gleich gesehen und gleich behandelt.“.
2023
Kölner Karnevalsgesellschaft Nippeser Bürgerwehr von 1903
2024
Kölner Hänneschen-Theater, Puppenspieler: Jacky von Guretzky-Cornitz, Charly Kemmerling, Udo Müller und Josef Schönberg
2025
„Bömmel“ Lückerath, Gründungsmitglied der Bläck Fööss
Peter Kievernagel (1935 – 2023) war bei seinen Schülern als „Papa gnädig“ bekannt. Bild: Uli Kievernagel
Ein anderer Lehrer, bekannt als „Papa gnädig“
Ich widme dieses „Köln-Ding der Woche“ ausdrücklich meinem am 2. April 2023 verstorbenen Vater Peter Kievernagel, ebenfalls Lehrer. Seine Schüler sprachen von ihm als „Papa gnädig“, weil er bei Prüfungen auch schon mal gerne ein Auge zudrückte. Ganz in der Tradition von Heinrich Welsch.
Zwar stammt das Lied von der „steinahl Schull“ im Original von den „Drei Laachduve“, allerdings ist die überarbeitete Version der „Vier Botze“ einer der heimlichen Hymne Kölns.
Die „Rheingräfin“ Sibylle Mertens-Schaaffhausen (1797 – 1857)
Historikerin, Numismatikerin, Musikerin, Mäzenatin, Archäologin, Kunstsammlerin, Mitgründerin des Kölner Dombauvereins – Sibylle Mertens-Schaaffhausen war „eine der bemerkenswerten Frauen des 19. Jahrhunderts“.1Monika Salchert in ihrem Buch „Schräge Typen der Kölner Stadtgeschichte
Wäre Sie ein Mann gewesen, so würden wir heute nach ihr benannte Plätze, Straßen und Schulen kennen. Doch Sibylle Mertens-Schaaffhausen war eine Frau. Noch dazu eine Frau, die Frauen liebte. Und das in der hausbackenen und konservativen Zeit des Biedermeier. Ungeheuerlich.
Ein Mädchen der besseren Gesellschaft
Sibylle Mertens-Schaaffhausen wurde am 29. Januar 1797 in Köln geboren. Ihr Vater war der Bankier Abraham Schaaffhausen, einer der reichsten Männer des Rheinlands. Ihre Mutter Anna, geb. Giesen, starb wenige Tage nach der Geburt ihrer Tochter Sibylle.
Entsprechend der finanziellen Verhältnisse der Familie wurde sie als Mädchen der „feinen Gesellschaft“ erzogen. Sie sprach neben Italienisch auch Französisch und spielte hervorragend Klavier. Alles Attribute, die ein Mädchen aus der besseren Gesellschaft auszeichnen. Und so teilte sie auch das Schicksal vieler junger Mädchen der damaligen Zeit: Sie wurde im Rahmen eines Ehe-Arrangements im Alter von 19 Jahren mit dem fast doppelt so alten Bonner Kaufmann Ludwig „Louis“ Mertens verheiratet.
„Höllenehe“
Von Liebe war in der Ehe keine Spur zu finden. Louis Mertens teilte keine der feinsinnigen Interessen seiner jungen Frau. Aber er war Geschäftsführer in der Bank ihres Vaters.
Die Lyrikerin Annette von Droste-Hülshoff gehörte zum Freundeskreis von Sibylle Mertens-Schaaffhausen. In einem Brief bezeichnete sie die Ehe ihrer Freundin als „Höllenehe“, Sibylle wäre vom ersten Tag der Ehe an an unglücklich gewesen. Aus der unglücklichen Ehe gingen aber sechs Kinder hervor. Kinder, die später das Lebenswerk ihrer Mutter vernichten sollten.
Zumindest erlaubten die finanziellen Mittel der Familie, dass man sich aus dem Weg gehen konnte. Man wohnte zwar offiziell zusammen im repräsentativen Haus der Familie in der Trankgasse in Köln, jedoch verbrachte Sibylle zunehmend mehr Zeit in ihrer Villa in Bonn, in ihrer Wohnung in Rom oder in ihrer Sommerresidenz auf dem Petersberg, wo heute das Hotel Steigenberger Grandhotel steht.
Liebesbeziehung zu Adele Schopenhauer
Zwei Dinge wären im Leben von Mertens-Schaaffhausen undenkbar gewesen: Eine Scheidung und ein Coming-out. Damit wäre die von ihren Freunden zur „Rheingräfin“ geadelte Sibylle gesellschaftlich geächtet gewesen.
Mit Adele Schopenhauer, dee Schwester des Philosophen Arthur Schopenhauer, pflegte Mertens-Schaaffhausen einen sehr engen Umgang: Die beiden waren ein Paar, was dem Gatten selbstverständlich nicht gefiel und er Adele Schopenhauer Hausverbot erteilte.
Adele Schopenhauer in einem Porträt von Alexander von Sternberg aus dem Jahr 1841
Doch Sibylle war in Adele so sehr verliebt, dass sie in ihrem Tagebuch notierte:
„Stürbe sie, so spräng ich jetzt in den Rhein,
denn ich könnte nicht ohne sie bestehen.“
Um den gesellschaftlichen Konventionen zu entsprechen, waren die gegenseitigen Besuche und das Leben unter einem Dach immer als Pflege getarnt. Sobald eine der beiden erkrankte, was regelmäßig vorkam, zog die jeweils andere zu ihr und pflegte sie.
Nach einer zwischenzeitlichen Entfremdung – mehr als sieben Jahre gab es kaum Kontakt zwischen den beiden – sollten die beiden Frauen wieder zueinander finden. Schopenhauer zog in die Bonner Villa von Sibylle Mertens-Schaaffhausen und lebte dort bis zu ihrem Tod im Jahr 1849.
Sibylle Mertens-Schaaffhausen im Jahr 1842, Zeichnung von Adolf Schlesinger, Public domain, via Wikimedia Commons
Erfolge als Denkmalschützerin und Archäologin
Sibylle Mertens-Schaaffhausen engagierte sich leidenschaftlich für Musik, Kunst und Denkmalschutz. In ihrer Bonner Villa veranstaltete sie Konzerte und unterstützte das Beethoven-Denkmal. Sie förderte den Kölner Dom und den Wiederaufbau des Rolandsbogens. In Genua pflegte sie während einer Choleraepidemie im Sommer 1835 Kranke, wofür sie mit einer Medaille geehrt wurde. Sie notierte damals „Ich bin an diesem ungeheuren Elend geistig gesundet, erkannte sie. “
Nach dem Tod ihres Mannes 1842 blieb Sibylle Mertens-Schaaffhausen länger in Italien. In Genua erforschte sie mit dem Künstler Santo Varni mittelalterliche Kunstschätze. 1836 erkannte sie dort ein Fragment des Mausoleums von Halikarnassos. Später lebte sie in Rom und entdeckte 1846 ein Fragment der „Fasti Capitolini“2Eine Inschrift mit einer Liste römischer Konsuln und Feldherren, das heute in den Vatikanischen Museen aufbewahrt wird.
Der Totenzettel der „Rheingräfin“ Sibylle Mertens-Schaaffhausen. Als Geburtsdatum wird hier fälschlicherweise der 3. Februar 1797 (statt dem korrekten Datum 29. Januar 1797) angegeben. Vermutlich hat der Verfasser des Totenzettels das Taufdatum, welches in den Kirchenbüchern in der Regel immer an erster Stelle steht, mit dem Geburtsdatum verwechselt. Danke für diesen Hinweis an Michael Osieka aus Köln. Bild: Totenzettel Sammlung der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln
Vernichtung des Lebenswerks
Bereits 1842 war Louis Mertens verstorben. Die sechs gemeinsamen Kinder bestanden darauf, sofort ihren Erbteil ausgezahlt zu bekommen. So wurde Sibylle Mertens-Schaaffhausen gezwungen, große Teile ihres Vermögens zu veräußern, um die Erben auszuzahlen.
Die „Rheingräfin“ verstarb am 22. Oktober 1857 in Rom. Sie wurde auf dem Friedhof „Campo Santo Teutonico“, dem Friedhof der Deutschen und der Flamen, neben dem Petersdom in Rom bestattet.
Grabtafel für Sibylle Mertens-Schaaffhausen auf dem Campo Santo Teutonico in Rom, Bild: Dadamax, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Nach ihrem Tod wurde alles, was an Vermögensgegenständen übrig war, von ihren Kindern verkauft. Dazu gehörten unter anderem
ihre wertvolle Bibliothek,
kostbare Möbel,
mehr als 1.800 Gemmen,3Eine Gemme ist ein Schmuck- bzw. bzw. Edelstein.
50 Statuetten aus Bronze und in Edelmetall,
viele alltägliche Objekte (Gewichte und Waagen, Parfümkapseln),
circa 6.000 Münzen,
Gläser, Elfenbeine und Tongefäße,
die mittelalterliche Sammlung mit wichtigen Elfenbeinreliefs (eins befindet sich heute im Victoria and Albert Museum in London) und
Der Umgang ihrer Kinder mit ihrem Vermächtnis kommt einer Vernichtung aller Erinnerungen nahe. So wurde das Erbe einer selbstbestimmten Frau, die den Konventionen in der damaligen Zeit trotzte, in alle Winde verstreut. Ganz im Interesse ihrer Nachkommen, die alle Erinnerungen an ihre Mutter auslöschen wollten. Wie gut, dass Sibylle Mertens-Schaaffhausen bereits zu Lebzeiten ihre gesamte Korrespondenz der Bibliothek der Bonner Universität vermacht hat.
So sind – sehr zum Verdruss der Erben – viele zum Teil intime Briefe und Tagebucheinträge heute noch erhalten.
Das „Zeitzeichen“ des WDR ist eine Radiosendung und greift täglich historische Daten auf, Bild: WDR
Die Marienstatue in St. Maria im Kapitol mit Äpfeln zur Erinnerung an den Appel-Jupp, Bild: Uli Kievernagel
Touristen, die es nicht nur in den Dom, sondern bis in die Kirche St. Maria im Kapitol schaffen, wundern sich: Wieso liegen an der Marienstatue im Chor immer frische Äpfel? Der Kölsche schmunzelt, packt seinen mitgebrachten Apfel aus, legt ihn an die Marienstatue und freut sich diebisch, mal wieder für Verwirrung gesorgt zu haben.
Ein frommer, kleiner Junge aus Köln
Um das Jahr 1150 rum lebte in Köln der kleine Hermann. Ein ganz normaler Junge seiner Zeit, der sich mit seinen Freunden die Zeit vertrieb. Hermann war aber auch sehr, sehr fromm. Und so ging er, immer wenn er Zeit hatte, für ein kurzes Gebet in seine Pfarrkirche St. Maria im Kapitol.
In bester rheinisch-katholischer Art führte er regelmäßig Gespräche mit Maria, der Mutter Gottes. Sie wurde für ihn zu einer Freundin, der er in tiefstem Kölsch von seinen Sorgen, Nöten aber auch von seinen Freuden erzählte. Und er wartete vergeblich darauf, dass ihm die Statue auch einmal antwortete.
Ein Apfel für das Jesuskind
Bis zum Nikolaustag. An diesem Tag hatte der fromme Hermann vom Nikolaus einen besonders schönen Apfel bekommen. Hermann war schnell klar: Diesen Apfel wird er dem Jesuskind schenken.
Sofort ging er in die Kirche, und dann geschah das ersehnte Wunder: Die Statue der Maria erwachte zum Leben, nahm den Apfel und gab diesem dem Jesuskind. Für Hermann wurde ein Traum wahr. In Zukunft besuchte er noch öfters Maria mit dem Jesuskind, er spielte mit dem kleinen Jesus und brachte ihm noch weitere Geschenke mit. Für moderne, aufgeklärte Menschen eine eher bizarre Vorstellung.
Anthonis van Dyck,: Vision des Hermann Joseph, um 1630, Bild: Public domain, via Wikimedia Commons
Der Theologe Manfred Becker-Huberti sieht hinter dieser Geschichte einen ganz anderen Sinn. In einem Interview im Domradio erklärt er: „Das sieht für heutige Leute eher komisch aus. … Aber der Sinn, der dahinter steckt, ist ein anderer. Die Maria ist die neue Eva. Und die alte Eva hat die Schuld in die Welt gebracht, indem sie einen Apfel vom Baum der Erkenntnis heruntergenommen hat und rein gebissen hat. Dieser Apfel ist in den Händen der Eva das Symbol für die Erbschuld und in den Händen der Maria für die Befreiung von der Schuld. Der Hermann-Joseph ist derjenige, der sie um diese Erlösung bittet, das heißt, den Apfel an das Jesuskind weiterzugeben.“1Quelle: DomradioOb der eher volkstümlich geprägte Glaube im 12. Jahrhundert diese Interpretation geteilt hätte, kann aber durchaus bezweifelt werden.
Große Marienverehrung
Hermann trat mit zwölf Jahren in das Kloster der Prämonstratenser in Steinfeld in der Eifel ein, studierte in Friesland, kehrte nach Steinfeld zurück und wurde dort zum Priester geweiht. Er war als Seelsorger im Umkreis des Klosters tätig.
Hermann war zeitlebens ein großer Marienverehrer und bekam, durch eine „mystische Vermählung mit der Gottesmutter Maria“ den Beinamen Joseph. Seine große Frömmigkeit führte zu weiteren Wundern. So sollen bei seinen Gottesdiensten regelmäßig in dem Kelch Rosen erschienen sein, deren Duft ganze Gotteshäuser erfüllt habe.
Hermann schrieb auch erbauliche Texte und Lieder. So wird ihm auch das älteste bekannte Herz-Jesu-Lied „Gruß an das heiligste Herz-Jesu“ zugeschreiben. Dort lautet es:
Öffne dich gleich einer Rose, Duftend aus dem Blätterschoße, Und vereine meinem Herzen Deinen Duft und deine Schmerzen. Wer liebt, was muss der leiden nicht?
Bis in das fast schon biblische Alter von 90 Jahren hielt Hermann an der Marienverehrung fest. Er starb am 7. April 1241 oder 1252.
Der Hermann-Joseph-Brunnen am Waidmarkt zeigt die entscheidende Szene: Maria nimmt von Hermann dem Apfel entgegen, Bild: Raimond Spekking
Erinnerung in Köln als Appel-Jupp
Heute erinnern sich Kölner an ihren Hermann Joseph als „Appel-Jupp“, also „Apfel-Joseph“. Und so finden sich regelmäßig besagte Äpfel an der Marienstatue in St. Maria im Kapitol.
Zusätzlich wurde ihm ein Brunnen gewidmet. Dieser Brunnen steht am Waidmarkt und zeigt an seiner Spitze die ganz entscheidende Szene für das Leben vom Appel-Jupp: Maria nimmt von ihm dem Apfel entgegen.
Damals noch im Mittelpunkt des Platzes, heute eher „an den Rand geschoben“: Der Hermann-Joseph-Brunnen am Waidmarkt um 1895, Fotograf: unbekannt
Heute geht der Brunnen am Waidmarkt etwas unter. Werner Schmidt schreibt, der Brunnen wirke „wie ein an den Platzrand geschobenes sperriges Möbel“.2Werner Schmidt: Der Bildhauer Wilhelm Albermann (1835–1913). Leben und Werk. In: Werner Schäfke (Hrsg.): Publikationen des Kölnischen Stadtmuseums. Band 3. Köln 2001 Auch Ronald Füllbrandt von den Kölschgängern sieht den Standort kritisch: „Der Brunnen stand am Platzeingang und war ein herrlicher Blickfang. Heute, nachdem sich das Stadtbild grundlegend verändert hat, ist sein Platz nicht mehr besonders schön. Er steht da, wie in die Ecke gedrängt und wird kaum beachtet.“3Quelle: Kölschgänger
Dann doch lieber – in bester kölscher Tradition – Äpfel zur Marienstatue in St. Maria im Kapitol bringen.
Weltbekanntes Logo: Die drei Nonnen im gotischen Spitzbogen stehen für Klosterfrau Melissengeist, Bild: Klosterfrau Gesundheits-Service
Consumer Centric, Brand Awareness, Storytelling – alles Begriffe aus dem modernen Marketing. Die selbsternannten Experten wollen uns allen immer das Gefühl geben, sie alleine hätten das Marketing erfunden. Weit gefehlt. Experten für die Vermarktung von Produkten gibt es schon ewig. Und in Köln hat sich eine Marketing-Expertin besonders hervorgetan: Maria Clementin Martin, die „Erfinderin“ von Klosterfrau Melissengeist. Diese Frau hat bereits vor fast 200 Jahren geschafft, ein Produkt perfekt zu vermarkten, dass es noch heute gibt: Klosterfrau Melissengeist. Dabei hat sie alle Register des Marketings gezogen: Klösterliche Herkunft des Rezepts, Verwendung vom königlichen Wappen, Platzierung als medizinisches Produkt und Abmahnungen gegen Wettbewerber, die dies auch behaupteten.
Eine selbstbewusste Unternehmerin
Köln im Jahr 1826. Im Schatten des noch unvollendeten Doms tut sich was: Maria Clementine Martin gründet unter dem Namen „Maria Clementine Martin Klosterfrau“ ihr Unternehmen. Mit einer Anzeige in der Kölnischen Zeitung bewarb sie ihr selbst destilliertes Kölnisch Wasser:
„Ein sich selbst empfehlend ächtes Kölnische Wasser,
ist zu haben auf der Litsch Nro. 1, die große Flasche zu 6 Sgr. 3Pf.“
Das Gründungskapital stammt aus einer königlichen Rente, welche sich Maria in der Schlacht von Waterloo bei der Pflege von verletzten Soldaten verdient hatte.
Wundermittel gegen alle möglichen Beschwerden
Die 1775 als Wilhelmine Martin geborene Unternehmerin hatte zu diesem Zeitpunkt bereits reichlich Erfahrungen in verschiedenen Klöstern mit der Krankenpflege und mit Heilpflanzen machen können. Diese Kenntnisse setzt sie jetzt in bare Münze um. Besonders ihr neues Produkt, eine spezieller Melissengeist, wird noch heute bei Beschwerden aller Art empfohlen:
Bei Erkältung und grippalen Infekt,
bei Magen-Darm-Beschwerden,
bei Wetterfühligkeit, Spannungs- und Erregungszuständen,
bei innerer Unruhe und
bei Schlafstörungen.
Kein Wunder, dass bei einem solchen Wundermittel der Markt hart umkämpft war. In der Domstadt buhlen immerhin 64 Hersteller von Heilwassern und Kölnisch Wasser um Kunden. Deshalb strebte Maria bereits im Jahr 1828 eine „Prüfung und Bescheinigung der Qualität des von ihr verfertigten Melissenwassers durch die königliche Medizinal Behörde“ an. Leider vergeblich – die Behörde wies darauf hin, dass die Ähnlichkeit mit bestehenden Produkten zu groß sei und tatsächlich jeder Apotheker ein solches Heilwasser herstellen könne. Auch ein zweiter Versuch im Jahr 1831, den nur als Parfum zugelassenen Melissengeist als Arznei zuzulassen, scheiterte. Trotzdem positionierte die findige Unternehmerin dieses Produkt durch Hinweise auf die Heilwirkung mehr oder weniger deutlich als Arznei. Und ging gleichzeitig mit Abmahnungen gegen Wettbewerber vor, die dies ebenfalls taten – Marketing mit harten Bandagen.
Klosterfrau Melissengeist, in der Mitte des Etiketts ist noch heute das königliche Wappen zu finden, Bild: Klosterfrau Gesundheits-Service
Das königliche Wappen als Wettbewerbsvorteil
Ihr größter Marketing-Erfolg war aber die Anfrage bei König Friedrich Wilhelm III. im Jahr 1827: Dieser gestatte Ihr, das preußische Wappen auf dem Etikett ihrer Produkte zu führen. Andere Unternehmer mit vergleichbaren Produkten klagten vergeblich darauf, auch dieses Wappen nutzen zu dürfen. Tatsächlich schmückt dieses Wappen noch heute das Etikett jeder Flasche Klosterfrau Melissengeist.
Das Grab von Maria Clementine Martin auf dem Melatenfriedhof, Bild: Factumquintus
Maria Clementine Martin starb am 9. August 1843. Ihr Unternehmen gibt es noch heute unter dem Namen „Klosterfrau Healthcare Group“. Und die erfolgreiche Tradition wurde fortgesetzt: Heute stellen ca. 1.000 Mitarbeiter 220 unterschiedliche Klosterfrau-Produkte her.
Die erste Adresse des Unternehmens im Jahr 1826 war durchaus prominent: „Auf der Litsch“ war eine Gasse an der Westfassade des Doms. Diese wurde bei der Domvollendung komplett abgerissen. Der Dom hatte damals die Adresse „Auf der Litsch 2“. Heute kann jeder dem Dom unter der Adresse „Domkloster 4, 50667 Köln“ schreiben.