2.000 Jahre Köln: Historisches
In Köln ist in den letzten 2.000 Jahren viel passiert. Hier findet ihr ein paar der vielen, vielen Geschichten aus der Kölner Geschichte.
Bauwerke & Plätze
Auch die im 2. Weltkrieg so stark zerstörte Stadt Köln hat wunderschöne Bauwerke, Orte und Plätze. Oft sind diese allerdings gut versteckt.
Ein paar Fragen an …
In meiner Reihe „Ein paar Fragen an …“ befrage ich Menschen aus Köln, die etwas zu erzählen haben.
Karneval
Selbstverständlich nimmt die 5. Jahreszeit einen breiten Raum in unserer Stadt ein. Un et is härrlisch, Fastelovend ze fiere!
Köln im Krieg
Der Krieg hat tiefe Wunden in der Domstadt hinterlassen. Zur „Stunde Null“ waren 80% der Gebäude in der Innenstadt zerstört.
Kölsche Persönlichkeiten
Die alte Stadt am Rhein hat in den letzten zwei Jahrtausenden viele Persönlichkeiten hervorgebracht.
Kölsche Stöckelche
Wenn der Kölsche von „Stöckelche“ spricht, dann meint er damit Anekdötchen.
Kölsche Tön
Es gibt wahrscheinlich keine Stadt auf der Welt, die so oft besungen wird wie Köln.
Kölsche Wörter
Die kölsche Sprache bietet wunderschöne Wörter. Und ein paar davon werden hier erklärt.
Kunst & Kultur
Auch wenn es angesichts mancher Fehlplanungen oft schwer zu glauben ist: Köln ist auch eine Kulturstadt.
Karte zum Köln-Ding der Woche
Fast alle „Köln-Dinger der Woche“ kann man sich anschauen. Falls ihr, unabhängig von einer Lotsentour, euch diese speziellen Seiten von Köln anschauen wollt, nutzt einfach diese Karte.
Luftaufnahme des Kölner Bismarckturms aus einem Zeppelin im Jahr 1914, Bild: Bismarcktuerme.net
Vor ein paar Wochen in der Linie 16: „Wat is dat eijentlich für e Ding?“ fragt ein mittelalter Herr die neben ihm sitzende Dame, als wir an der Haltestelle Bayenthalgürtel halten. „Dat is e Stöck vun d´r ahle Stadtmauer“ entgegnet sie. Und liegt damit leider völlig falsch. Das vermeintliche Stück Stadtmauer ist der Bismarck-Turm am Rhein. Und dieser hat mit der Stadtbefestigung definitiv nichts zu tun.
Bauwerke zu Ehren des „Reichsgründers“
Zu Ehren Otto von Bismarcks wurden zwischen 1869 und 1934 insgesamt 240 Bismarcktürme und -säulen im deutschsprachigen Raum errichtet. Davon sind heute noch 174 Exemplare erhalten. Einer davon ist der Bismarck-Turm bei uns am Rheinufer. Diese Türme sollten die Verdienste Bismarcks bei der Gründung des Deutschen Reichs deutlich machen.
Jörg Bielefeld betreibt die Seite Bismarck-Türme und erläutert die Besonderheit dieser Denkmäler: „Die Bismarcktürme wurden meist vom Bürgertum durch Spendensammlungen finanziert und finden sich an exponierten Standorten. Oft wurden diese mit einer Feuervorrichtung versehen, die an bestimmten Tagen entzündet wurde. Die Türme sehen nicht alle gleich aus. Vorbild ist der im Jahr 1899 entstandene Bismarckturm-Entwurf „Götterdämmerung“ in Form einer wuchtigen Feuersäule“. Allerdings, so Jörg Bielefeld, wich man aus verschiedenen Gründen in vielen Orten vom Einheitsentwurf ab und beauftragte einen eigenen Architekten. So entstanden Bismarcktürme mit sehr unterschiedlichen architektonischen Formen. Dazu gehört auch der Kölner Bismarck-Turm, einer der ungewöhnlichsten Bismarcktürme.
Kölner Darstellung als Rolandsfigur
Der Kölner Turm sollte individuell sein. Und so entschied man sich für einen Entwurf des Architekten Arnold Hartmann. Bismarck wurde hier als „Rolandsfigur“ dargestellt. Mit einer Rüstung wie ein Ritter und einem großen Schild wacht der 15 Meter große Bismarck über das Reich. Ab 1900 wurde mit der Sammlung von Spenden für einen Bismarckturm begonnen, größter Einzelspender war der Kölner Schokoladeproduzenten Heinrich Stollwerck. Er wohnte in der Villa Bismarckburg, fast um die Ecke.
Skizze von Architekt Arnold Hartmann mit ursprünglich vorgesehenem Unterbau, Bild: Bismarcktuerme.net
Bereits im Juni 1903 wurde der Turm feierlich eingeweiht. Allerdings konnte aus Geldmangel der ursprünglich geplante breite Sockel nicht realisiert werden. Aber es gab eine Befeuerung des Turms durch Öl. Dieses Öl qualmte allerdings mehr als es einen echten Feuerschein entwickelte. Daher wurde der Turm bereits 1907 an eine Gasleitung angeschlossen. Doch auch damit war man unzufrieden, und man verwendete wieder Öl zur Befeuerung. Im Jahr 1939 brannte auf dem Turm letztmalig ein Feuer.
Der Bismarck-Turm am Rheinufer, Bild: CEphoto, Uwe Aranas
Vorschlag: Nutzung als Kletteranlage
Im Jahr 1980 wurde der Turm unter Denkmalschutz gestellt und ab 2001 regelmäßig saniert. So flossen mehrere Hunderttausend Euro in das wenig bekannte und nicht wirklich beliebte Denkmal. Das findet nicht nur der Kölner Historiker Martin Stankowski befremdlich. Er wohnt an der Bottmühle in der Südstadt, nicht weit vom Bismarck-Turm entfernt und hat 2015 in der Technischen Hochschule einen Wettbewerb zur Umnutzung des Turms angeregt. Die Studenten waren äußerst kreativ. Ihre Vorschläge gingen von der Einrichtung gastronomischer Betriebe, einer mit einem gläsernen Aufzug zu erreichende Aussichtsplattform über eine Kletteranlage bis hin zum Abriss des Turms – nur der steinerne Bismarck sollte übrig bleiben.
In einem Interview mit der Stadtrevue lobt Stankowski insbesondere die Idee mit der Kletteranlage: „Aus städtebaulicher Sicht erfüllt das Denkmal noch immer eine Funktion, weil es den Abschluss des Gürtels bildet. Politisch und künstlerisch hat es aber keine Bedeutung“. Und mit der Kletteranlage, so Stankowski, hätten die Menschen immerhin etwas davon.
Wir sind aber in Köln. Passiert ist – bis auf die Pflege der Grünanlage rund um das Denkmal – nichts. Und solange werden auch die Kölschen damit wenig anfangen können. Und den Bismarckturm fälschlicherweise der Stadtmauer zuordnen.
Ein großes DANKE an Jörg Bielefeld von der Website „Bismarcktürme“ , der mich mit Informationen und Bildern bei diesem Artikel unterstützt hat. Auf seiner Seite sind auch noch mehr Bilder und sehenswerte alte Postkarten vom Kölner Bismarckturm zu finden.
Die als „Bismarckburg“ bekannte Villa Stollwerck am Bayenthalgürtel, Bild: gemeinfrei
Noch bis in die Mitte der 1930er Jahre stand neben dem Bismarckturm die „Bismarckburg“ – eines der ungewöhnlichsten Privathäuser Kölns. Eine burgartige Villa mit Turm, Zinnen und mittelalterlichem Flair. Ihr Bauherr war der steinreiche Schokoladenfabrikant Heinrich Stollwerck.
Die berühmte KVB-Minute: Ob die Linie 12 nach Zollstock tatsächlich in einer Minute, in einer Stunde oder in einem Tag kommt, ist völlig ungewiss. Bild: Uli Kievernagel
Jeder Kölner kennt sie: die KVB-Minute.1Für die Nicht-Kölner: Mit „KVB“ ist die Kölner Verkehrs-Betriebe AG gemeint, in Köln allerdings besser bekannt als „kommt vielleicht bald“. DANKE an Mario für diese Ergänzung. Laut Anzeige soll die Bahn in einer Minute kommen. Fünf Minuten oder fünf Stunden oder fünf Tage später steht dann immer noch „1 Minute“ auf der Anzeige. Aber irgendwann rollt die Bahn tatsächlich ein.
Diese eher flexible Einteilung von „Zeit“ ist typisch kölsch. Denn der Kölner hat eine völlig andere Beziehung zur Zeit als der Rest der Welt,
Zeit ist in Köln erstaunlich elastisch
Wer neu nach Köln zieht, lernt schnell zwei Dinge. Erstens: Einen „Halven Hahn“ sollte man niemals wörtlich nehmen. Und zweitens: Das kölsche „gleich“ hat mit dem hochdeutschen „gleich“ nichts gemeinsam. Im Hochdeutschen bedeutet „gleich“ meist: sofort oder in wenigen Minuten. In Köln dagegen ist „gleich“ eher eine freundliche Absichtserklärung.
So versteht ein Norddeutscher den Satz „Ich komme gleich.“ als verbindliche Zeitangabe. Ein Kölner hört dagegen vor allem eines: Ich komme. Der Zeitpunkt bleibt dabei flexibel.
Das kann in fünf Minuten sein. Vielleicht in einer halben Stunde. Oder eben später am Nachmittag. Oder nächste Woche. Das sogenannte „Kölsche gleich“ beschreibt deshalb weniger einen exakten Zeitpunkt als vielmehr einen Zeitraum mit bemerkenswerter Dehnbarkeit.
In Köln gehen die Uhren oft anders – der Begriff „Zeit“ ist äußerst dehnbar. Bild: Uli Kievernagel
Es geht um Menschen, nicht um Minuten
Wer daraus mangelnde Pünktlichkeit ableitet, greift zu kurz. Hinter dem „Kölschen gleich“ steckt vielmehr eine Haltung. Denn wenn unterwegs ein Nachbar den neuesten Verzäll aus dem Veedel loswerden will, ein Freund auf ein Kölsch einlädt oder der Köbes ungefragt das nächste Kölsch hinstellt, dann verschiebt sich das „gleich“ eben ein wenig. Nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil Begegnungen und Genuss wichtiger sind als die Stoppuhr. Vielleicht erklärt gerade dieses kleine Wort das kölsche Lebensgefühl besser als viele wissenschaftliche Abhandlungen.
So gesehen ist die KVB-Minute eigentlich die kleine Schwester des „Kölschen gleich“ . Beide gehorchen nämlich derselben Logik: Zeit wird nicht auf die Sekunde genau verstanden, sondern mit einer gewissen Gelassenheit betrachtet. Während die KVB-Minute beschreibt, wie sich eine Minuten überraschend ausdehnen kann, schafft es das „Kölsche gleich“ sogar, ganze Stunden oder Tage in einem einzigen Wort unterzubringen.
Eine kölsche Maßeinheit
Vielleicht müsste man das rheinische Gleich tatsächlich als eigene Zeiteinheit einführen. Sie läge irgendwo zwischen „sofort“ und „irgendwann“, wäre abhängig von der Zahl zufälliger Begegnungen, spontaner Brauhausbesuche und der aktuellen Verkehrslage der KVB. Physiker würden vermutlich verzweifeln. Kölner hingegen wüssten sofort, was gemeint ist.
Denn am Ende zählt nicht, ob etwas exakt um 14.03 Uhr geschieht. Entscheidend ist nur, dass es überhaupt passiert. Oder, wie man in Köln wohl sagen würde:
„Et weed alles fäädisch – nur nit unbedingt jliich.2“Es wird alles fertig – nur nicht unbedingt gleich.“
Er ist stattlich, massiv, wehrhaft. Und mehr als drei Meter hoch. Und genau das wird ihm jetzt zum Verhängnis: Der „Kölsche Boor en Iser“ passt nicht in das Übergangsquartier des Stadtmuseums im ehemaligen Kaufhaus Sauer. „Man würde keinen Museums-Neubau so planen.“ sagt Stefan Lewejohann, Kurator im Stadtmuseum, und meint damit, dass ein ehemaliges Kaufhaus nur bedingt als Museum genutzt werden kann. Derzeit ist offen, was mit der geschichtsträchtigen Figur des Kölschen Boors passiert.
Spenden sammeln durch Nägel einschlagen
Vielleicht könnte man dä Boor wieder dort aufstellen, wo die ganze Geschichte im Jahr 1915 begann: Am Gürzenich. Dort wurde am 20. Juni 1915 die 3,25 Meter hohe Statue aus vergoldetem Lindenholz in einem Pavillon aufgestellt. Es handelte sich um eine der zu dieser Zeit populären Nagelfiguren. Solche Figuren wurden aufgestellt, um Spenden zu sammeln. Die Idee stammte aus Österreich, wo man in Wien das Ritterstandbild „Wehrmann in Eisen“ aufgestellt hatte. Jeder konnte für einen bestimmten Betrag einen Nagel in die Figur schlagen.
Plakat von Franz Brantzky zum Kölsche Boor
Die Variante in Köln, der „Kölsche Boor in Iser“ („Der Kölsche Bauer in Eisen“), entpuppte sich als gigantischer Spendensammel-Erfolg. Nach zwölf Monaten wurden bereits mehr als 700.000 Reichsmark an Spenden eingenommen, bis 1919 verdoppelte sich diese Summe auf ca. 1,5 Millionen Reichsmark. Umgerechnet auf heutige Verhältnisse wären das mehr als 14 Millionen Euro.
Die gesammelten Spenden gingen vorrangig an Kriegswaisen und Kriegswitwen., zum Teil abe4r auch an dei Rüstungsindustrie.
Eine Schulklasse im Jahr 1916 vor dem „Kölsche Boor“. Auf der linken Seite sind noch Teile des Schriftzugs „Witwen- und Waisenfond“ zu erkennen, rechts steht eine Geschütz-Lafette. Bild: Privatbesitz Michael Osieka
Symbol der Wehrhaftigkeit der Stadt
Dabei war es kein Zufall, dass ausgerechnet der „Kölsche Bauer“ als Galionsfigur für die Spenden-Kampagne in Köln ausgewählt wurde. Bis heute steht der Kölner Bauer für die Wehrhaftigkeit und Unsterblichkeit der Stadt. Auch der Bauer im Dreigestirn verkörpert diese Eigenschaften.
Wer meint, dass dieser Bauer nur einen harmlosen Landwirt darstellen soll, liegt vollkommen falsch. Der „Kölsche Boor“ repräsentiert die Wehrhaftigkeit der Stadt. Er trägt ein Kettenhemd, auf sehr alten Darstellungen auch ein Schwert. Der schwere, eisenbewehrte Dreschflegel des Bauern ist weniger dafür gedacht, Korn zu dreschen, sondern eher die Feinde der Stadt zu Brei zu schlagen.
Ne staatse Buur! Deutlich zu erkennen: Das Kettenhemd. Bild: Norbert Bröcheler
Ostermann schreibt patriotisches Marschlied
Die Nagelfigur des Kölsche Boor ist schnell über und über mit Nägeln gespickt, nur noch der Kopf zeigt die ursprüngliche goldene Lackierung. Wieviele Nägel es tatsächlich sind, kann niemand sagen. Neben der „Nagel-Spende“ werden die Kölner auch im nahegelegenen „Geschäftslokal des Kölschen Boor“1Bitte nicht mit der schönen Gaststätte „Em Kölsche Boor“ am Eigelstein verwechseln, diese beiden Einrichtungen haben nur den Namen gemeinsam.zur Kasse gebeten. Waren es anfangs noch Spenden für die Witwen und Waisen der aus Köln stammenden gefallenen Soldaten, sollten die Kölner in dem Geschäftslokal Gold gegen Papiergeld tauschen, um die Rüstungsindustrie bezahlen zu können.
Größere Spender werden per Plakette namentlich genannt und in einer eigens zu diesem Zweck erscheinenden Wochenzeitschrift aufgeführt. Der Besuch beim Boor und die entsprechende Spende wurde zur patriotischen Pflicht hochstilisiert, Spendenunwillige werden als Vaterlandsverräter verunglimpft.
„Kölschen Boor, do ließ dich kamisöle, kölschen Boor, wat ließ do dich vernäle; dat es rääch, do kölschen Boor, halt Stand! Et jeiht för dich un för et Vaterland.
Et es nit jedemein jejevve, met vören an der Front zo sin. Doch jeder, der doheim jeblevve, jitt wat hä kann met Freuden hin. …“
Übersetzung: Kölscher Bauer, du lässt dich verprügeln, Kölscher Bauer, was lässt du dich vernageln; Das ist recht, du Kölscher Bauer, halte Stand! Es geht um dich und um das Vaterland.
Es ist nicht jedem gegeben, mit vorne an der Front zu sein. Doch jeder, der daheim geblieben, gibt was er kann mit Freuden hin.
Der User „Swanny Swenumsen“ hat dieses Lied auf YouTube veröffentlicht. Swanny Sewmunsen dazu auf YouTube: „Tatsächlich ist dies die einzige Platte, die mir in allen Jahren begegnet ist. Der Text ist vor dem Hintergrund zu sehen, daß man 1915 noch an einen Sieg in diesem Krieg glaubte und sich der Schrecken der folgenden Materialschlachten noch nicht gezeigt hatte.“
Wohin jetzt mit dem Koloss?
Im Januar 1919 wurde der von oben bis unten mit Nägeln beschlagene Kölsche Boor in den Gürzenich gebracht, anschließend stand er im „Haus der Rheinischen Geschichte“ am Rheinufer. Seit 1984 ist er im Stadtmuseum zu finden. Doch wohin mit dem Koloss nach dem Umzug ins Übergangsquartier?
Ist doch ganz einfach: Bringt ihn dahin zurück, wo er herkam: In den Gürzenich.
Es ist weit über die Stadtgrenzen bekannt, dass der kölsche „Jupp“ der hochdeutsche Josef ist. Und auch der „Tünn“ kann ohne große Schwierigkeiten als „Anton“ identifiziert werden. Kein Problem. Aber woher kommt der Döres? Wie heißt Drück auf hochdeutsch? Und wer is et Züff?
Lateinischer Klang im Mittelalter
Viele, aber bei weitem nicht alle der typisch kölschen Vornamen lassen sich aus der Latinisierung im Mittelalter herleiten. So war es durchaus üblich, Vornamen einen lateinischen Klang zu geben. So wurde aus dem Albert der Albertus, aus dem Jakob der Jakobus oder dem Reiner der Reinerus.
Damals gab es noch keine „Kölsche Sprache“ nach unserem heutigen Verständnis. Erst ab etwa dem frühen 17. Jahrhundert wurde in Köln zunehmend die sich entwickelnde neuhochdeutsche Schriftsprache verwendet. Einhergehend damit ist auch eine Trennung von gesprochener und geschriebener Sprache zu beobachten – die Kölner Mundart, wie wir sie heute kennen, entsteht. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war dann Kölsch die Umgangssprache in der Domstadt.
Und in dieser Umgangssprache wurden auch die Vornamen „verkölscht“. Bevorzugt aus den Endungen der vormals lateinischen Fassungen wurden die kölschen Namen gebildet: Der Theodorus wird zum „Döres“, der Jakobus zum „Köbes“ und der Albertus zum „Bätes“. Tatsächlich erklärt das nicht alle kölschen Namensschöpfungen. So ist insbesondere bei den weiblichen Vornamen festzustellen, dass diese meist stark verkürzt werden, oft auf eine einzige Silbe: Aus der Cäcilie wird et Zill oder aus der Katharina et Tring. Ein großes DANKE an meine kölsche Lieblingslyrikerin Juliane Poloczek für diesen Hinweis.
Um eine Übersicht der kölschen Vornamen zu bekommen, habe ich eine Liste zusammengestellt. Selbstverständlich ist diese Liste nicht vollständig. Habt ihr weitere Kölsche Namen? Schickt sie mir rüber. Ich ergänze diese Liste regelmäßig.
Traditionelle Namen bei heute Neugeborenen
Bei den im Jahr 2025 Neugeborenen ist ein traditioneller Name bei den Mädchen Spitzenreiter: Sophia (Züff). Es folgen
Emilia
Emma
Mia
Lina
Mila
Lia
Hannah
Clara
Ella
Bei den Jungs führt im Jahr 2025 Noah, es folgen
Matteo (Matthes)
Henry (Heinrich, somit Hein oder Drickes)
Leo
Paul
Luca
Elias
Mohammed
Theo (Düres oder Döres)
Felix
Liste Kölsche Namen
Adam = Addi
Ägidius = Jilles oder Gilles auch Jiljen oder Jid, im ländlichen Bereich auch Gelis, Jelis, Gilliß, Gilleß, Giel, Egil, Gick
Agnes = Nieß Agnes Margaretha Roeckerath, geb. Schmitz war die Namensgeberin der Agneskirche
Andreas = Drickes oder Andres(s)1Danke an Günter für diesen Hinweis.
Anna-Maria = Annemie
Anna, Änne, Anja = Änn, Änni, Ännsche
Annette = Nettche, Nett
Antonio „Tünn“ Dos Santos, Wirt des „Brauhaus am Kloster“ in Raderberg, Bild: Uli Kievernagel
Antonius, Anton = Tünn, Tünnes
Mein Lieblingswirt kommt aus Portugal und trägt den schönen Namen Antonio Dos Santos. In unserem Veedel ist er aber nur als der Tünn bekannt. Und dass er als Portugiese ein typisch Kölsches Brauhaus betreibt, wundert keinen. Auch dafür liebe ich mein Veedel.
Tünnes, mit bürgerlichen Namen Anton Schmitz, ist gutmütig, hilfsbereit und ein einfach gestrickter Charakter, Bild: Hänneschen-Theater
Ein ganz anderer „Tünnes“ ist Anton Schmitz, DER Tünnes aus dem Hänneschen. Das Hänneschen beschreibt die Figur wie folgt: Tünnes ist ruhig, gutmütig, versöhnlich, hilfsbereit, einfach, geradeheraus, bäuerlich bieder, doch nicht dumm, humorvoll, aber mit einer Schwäche für Alkohol. Er repräsentiert den bäuerlich-biederen Typ aus dem Kölner Umland.
Appolonia = Plünn
Der Musikant Arnold Wenger, bekannt als Fleuten-Arnöldche, auf dem Karl-Berbuer-Brunnen Bild: Uli Kievernagel
Et Bärbelchen uss dem Hänneschen-Theater, Bild: Hänneschen-Theater
Barbara = Bärbelche
Et Bärbelchen ist eine der wichtigsten Figuren im Hänneschen-Theater. Dabei spielt sie eine Doppelrolle: In den Aufführungen für Kinder ist sie die Schwester vom Hänneschen, in den Abendstücken für die Erwachsenen die Geliebte und Verlobte vom Hänneschen.
In der Version für erwachsene Frauen wird aus dem „Bärbelche“ et „Bärb“. 2Danke an Mario für diesen Hinweis.
Bartholomäus = Bätes oder Bartel3Danke an Bätes für diesen Hinweis.
Bernhard = Bätes
Bruno = Pünn
Das Zillchen-Balett im Jahr 2024 im Stück „Zillche in Gefahr“, Bild: Kölner Männer-Gesang-Verein
Christina = Stina oder Sting4Danke an Bätes für diesen Hinweis.
Die wohl bekannteste Stina spielt die Hauptrolle in Willi Ostermanns Lied „Et Stina muß ’ne Mann han, et weed die höchste Zick!“ Dort lautet es weiter „Et Stina muß ’ne Mann han, söns wähde mer’t nit mie quitt Et Stina muß ’ne Mann han, ov alt hä oder jung, denn bliev et Stina setze, wör’t schad för dat Fazzung.“
Cornel Wachter, Künstler, bekennender Kölner und Fortuna-Fan, Bild: Cornel Wachter
Cornelius = Nelles, Cornel Immer aktiv für seine Stadt: Der renommierte Künstler Cornel Wachter aus der Südstadt.
Gregor = Görres5Ein großes DANKE an Rainer für diessen Hinweis. Der deutsche Gregor war im lateinischen der Gregorius. Nimmt man nun, wie bei so vielen Namen, die erste Silbe weg, bleibt “Gorius“. Ein historisch bedingter Lautwandel macht aus dem „o“ ein „ö“ und dann ist es nur noch ein kleiner Weg zum „Görres“.
Dat Spillche vun Jan und Griet vom Reiter-Korps Jan von Werth, zu sehen jedes Jahr an Wieverfastelovend an d´r Vringsporz, Bild: Uli Kievernagel
Grete, Margret = Griet, Jriet
Die Marktverkäuferin Griet spielt alljährlich die weibliche Hauptrolle im Spillche vun Jan und Griet vom Reiter-Korps Jan von Werth, zu sehen jedes Jahr an Wieverfastelovend an d´r Vringsporz.
Hans = Schäng
Hier denkt nicht nur jeder Fan von Fortuna Köln natürlich sofort an den Präsident und Mäzen des Vereins: Hans „Jean“ Löring, genannt „Schäng“.
Heinrich, Heinz = Hein, Drickes
Herbert = Bätes, Bäätes
Der Herbert ist einer der vielen Namen die auf -bert enden und im Kölschen einheitlich zum Bätes oder Bäätes werden.
Speimanes, der mit der feuchten Aussprache, Bild: Hänneschen-Theater
Hermann = Manes
Ein sehr bekannter „Manes“ ist Hermann Speichel, besser bekannt als Speimanes aus dem Hänneschen. Der Speimanes stottert, hat einen Buckel und spuckt, insbesondere beim „B“ und beim „P“.
Jodokus = Dökes6Danke an Günter für diesen Hinweis
Die Sängerin Marita Köllner ist in Köln besser bekannt als „Et fussisch Julche“. Bild: Oliver Abels (SBT), CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Julia = Julche
Jeder kölsche Jeck kennt dei Sängerin „Et fussisch Julche“ Marita Köllner . „Fuss“ steht für rothaarig.
Klara / Clara = Klör
Im Lied „Am Dude Jüdd“ von Willi Ostermann hat auch eine Klara als „Seife-Klör“ ihren Auftritt: Et Schäfersch Nett, et Schruppe Zillige, et Leppenbell, dat danz gewöhnlich d’r Kadrillje, et Seife-Klör em Sonndagsstaat, alles War vum Tietze Leienad, et Schmitze Plünn em fußfrei Röckche, et fussich Julche met de lila, lila Söckcher un et „Juß“, o stäänekränk, meschtendeils d’r Dreitritt schwenk.
Norbert = Bäätes
Ein Köbes bei der Arbeit, Bild: Privatbrauerei Gaffel
Geißbock Hennes, das Maskottchen des 1. FC Köln, hier Hennes VIII. mit seinem Betreuer Ingo Reipka, Bild: Nicola, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0
Jean, Johann, Johannes = Hennes, Schäng, Hännesje
Dass der ruhmreiche 1. FC Köln auch weiter erfolgreich Fußball spielt, ist weniger den Akteuren auf dem Platz, sondern mehr dem Maskottchen neben dem Platz zu verdanken: Der Geißbock Hennes IX. sorgt für erfolgreichen Fußball.
Josef = Jupp Man solte unbedingt den „Appel-Jupp“ kennen. Das war ein ganz besonderer kölscher Heiliger, dem am Waidmarkt ein Brunnen gewidmet wurde. Außerdem findet man wegen ihm regelmäßig frische Äpfel in St. Maria im Kapitol.
Julia = Jul
„Finchen“, die legendäre Straßenbahn, Bild: Manuel Franz, CC BY-SA 4.0
Josefine, Josephine = Finche
Den Namen „Finchen“ trägt eine durchaus eigenwillige historische Straßenbahn aus dem Jahr 1911. Im Juni 2016 machte sich das Gefährt, nachdem der Fahrer nur kurz auf Toilette war, selbstständig und rollte ohne Fahrer etwa zwei Kilometer das abschüssige Stück vom Thielenbrucher Straßenbahn-Museum zum Dellbrücker Mauspfad. Aber Finchen war umsichtig: Niemand kam zu Schaden.
Die Karnevalsgesellschaft Schnüsse Tring von 1901, Bild: KG Schnüsse Tring
Katharina = Kättche, Tring Et „Schnüsse Tring“ war ein selbstbewusstes Dienstmädchen aus Ossendorf. Der Komponist Joseph Roesberg widmete ihr bereits 1859 das „Lied der Schnüsse Tring“. Ihr zu Ehren wurde 1901 die Karnevalsgesellschaft „Schnüsse Tring“ gegründet.
Im Hänneschen stiftet et „Zänkmanns Kätt“ regelmäßig Unruhe. Die Dame sieht alles, hört alles und versteht trotzdem alles falsch.
Liselotte = Lottche7DANKE an Willi für diesen Hinweis
Das Funkemariechen wird auf „Händen getragen“, Bild: Raimond Spekking
Maria = Marie, Marieche
Das „Funkemarieche“ wird in Köln regelmäßig auf Händen getragen.
Maria Sibylla = Maritzebill
Marianne = Marielche, Mariejelchen
Ein sehr selbstbewusstes Mariejelchen besingen die Höhner in ihrem Hit „Ich ben ene Räuber“. Sie versetzt dem Macho Pitter nach nur einer gemeinsamen Nacht mit den Worten: „Ich ben och ene Räuber, leeve Pitter. Ben ne Räuber durch un durch. Ich kann nit treu sin, läv en dr Daach ren. Ich ben ne Räuber, maach mir kein Sorch.“
Der Zinte Mätes verteilt traditionell Weckmänner an die Pänz, Bild: Flammingo, CC BY-SA 3.0
Martin = Mätes
Am 11.11. ist nicht nur Sessionsbeginn sondern auch „Zinte Mätes“ – Sankt Martin. Der Zinte Mätes verteilt dann traditionell Weckmänner an die Pänz.
Matthias = Mattes, Mattschö
Der Kopf des Nikolaus Gülich von der abgerissenen Schandsäule, heute im Kölnischen Stadtmuseum zu sehen, Bild: Willy Horsch CC BY 3.0
Nikolaus, Klaus = Klööß Nikolaus Gülich war „Der kölnische Rebell“ und kämpfte gegen den Klüngel.
Und ein Finger des Heiligen Nikolaus rettete im Februar 1347 Köln vor den Fluten des Rheins.
Der „Drüje Pitter“ macht auf diesem Bild hier seinem Namen alle Ehre: Mit „drüsch“ oder „drüg“ meint der Kölsche „trocken“, Bild: Uli Kievernagel
Der Kölner Oberbürgermeister Theo „Döres“ Burauen, Bild: Bundesarchiv
Theodor = Düres, Döres, Düüres, Dööres
Ein ganz wichtiger Döres für Köln war der Kölner Oberbürgermeister Theo Burauen (geb. 1906, gestorben 1987). Der überaus beliebte Politiker wurde von den Kölnern nur „Döres“ genannt und hatte eine Menge Erfolge zu verbuchen, unter anderem den Neubau des Opernhauses, der Sporthochschule sowie der Severins– und Zoobrücke. Und der Döres hatte auch das legendäre Kamelrennen in Weidenpesch eingefädelt.
Eine Ursulabüste mit Schauöffnung. Die Büsten sind hohl, der Deckel in Form des Kopfes kann abgenommen werden. Gefüllt werden die Büsten mit einem Schädel oder anderen Knochen, Bild: Raimond Spekking
Ursula = Öschel, Oorschel, Ürschel Das Martyrium der Heiligen Ursula und der damit verbundene Reliquienkult hat der Stadt viel Ruhm und Pilger und den Kölschen viel Geld gebracht.
Das Sankt Vinzenz-Hospitals in Nippes (2021), Bild: Sebastian Löder / CC BY 4.0
Vinzenz = Zenses 8Ein großes DANKE an Rainer für diesen Hinweis.
Der „berühmteste Vinzenz“ in Köln ist das St. Vinzenz-Hospital in Nippes.
Werner = Neeres, Neres
Wilhelm = Wellem, Will, Willi
Wilhelmine = Mina
Selbstverständlich ist diese Liste nicht vollständig. Habt ihr weitere kölsche Namen? Schickt sie mir rüber. Ich ergänze diese Liste regelmäßig.
Das repräsentative Familiengrab Mauser auf dem Kölner Südfriedhof, Bild: Uli Kievernagel
Der Name Mauser lässt viele sofort an Waffen denken. An Gewehre, Militärgeschichte und an das berühmte Motto „Si vis pacem, para bellum“ – „Wenn du Frieden willst, bereite den Krieg vor“. Ausgerechnet ein „eingekölschtes“ Mitglied der Familie Mauser stellte dieses Prinzip auf den Kopf: Alfons Mauser.
Alfons Mauser, Sohn des Mitgründers der ältesten und international bekannten deutschen Waffenschmiede Mauser, wollte nicht den Krieg vorbereiten, sondern den Frieden. Er nannte seine erste Firma deshalb bewusst „Para Pacem – Bereite den Frieden vor“. Statt Gewehre zu bauen, entwickelte er Gartenzäune und Metallfässer. Und Köln wurde zur Heimat dieses ungewöhnlichen Unternehmers.
Geboren wurde Alfons Mauser am 25. Mai 1872 im schwäbischen Oberndorf am Neckar. Sein Vater Wilhelm gehörte zu den Gründern der berühmten Gewehrfabriken. Doch Alfons schlug einen anderen Weg ein. Zwar lernte er zunächst alle Bereiche des Familienunternehmens kennen und wurde von seinem Onkel, dem legendären Konstrukteur Peter Paul Mauser, nach England und in die USA geschickt. Dort beschäftigte er sich mit modernen Fertigungstechniken bei führenden Industriebetrieben wie Pratt & Whitney oder Waffenherstellern wie Remington.
Alfons Mauser (1872-1927)
Verbesserungsvorschläge wurden abgelehnt
Zurück in Deutschland studierte er an der Technischen Hochschule Stuttgart und brachte neue Ideen mit. Doch sein Onkel Paul, der die Geschäfte der Mauser Werke verantwortete, wollte davon wenig wissen. Alfons Mauser hatte unter anderem eine verbesserte Schlagbolzenkonstruktion am Mauser-Gewehr entwickelt. Doch seine Verbesserungsvorschläge wurden abgelehnt, die Zusammenarbeit mit seinem Onkel Paul Mauser endete im Streit. Für Alfons Mauser war das ein Wendepunkt in seinem Leben.
Mit nur 24 Jahren gründete er 1896 seine eigene Fabrik für Stahlblechwaren. Sein bekanntestes Produkt trug einen fast poetischen Namen: „Zaunkönig“. Hinter der Marke verbargen sich kunstvoll gefertigte Stahlzäune, Tore und Gitterelemente, die Sicherheit schaffen sollten, ohne bedrohlich zu wirken. Eine bemerkenswerte Idee für jemanden, dessen Familienname eigentlich mit Waffen verbunden war.
Ehrenfeld als bedeutender Industriestandort
Nur zwei Jahre später zog es Mauser nach Köln-Ehrenfeld. Das Viertel war damals ein pulsierender Industriestandort. Hier entstanden Maschinen, Lokomotiven, Motoren und Chemieprodukte. Zwischen all diesen Fabriken fand auch Mausers friedliche Idee mit den Zäunen ihren Platz.
Doch er blieb nicht beim Gartenzaun stehen. Die Industrialisierung verlangte nach neuen Transportlösungen. Chemische Rohstoffe wurden häufig in großen Glasballons befördert, die empfindlich und schwer zu handhaben waren. Mauser entwickelte dafür robuste Körbe aus Stahlband, die den Transport deutlich sicherer machten.
Das „Mauser-Patent-Fass“, Bild: treffpunkt-kunst.net, Public domain, via Wikimedia Commons
„Mauser-Patent-Fässer“
Sein größter Wurf folgte 1903. Er konstruierte ein luftdicht verschließbares Stahlfass aus Eisenblech. Was zunächst unspektakulär klingt, revolutionierte den Transport von Chemikalien und Erdöl. Die „Mauser-Patent-Fässer“ wurden zum Exportschlager und fanden weltweit Abnehmer. Noch heute erinnern moderne Industriefässer an die Konstruktionen, die einst in Köln entwickelt wurden.
1921 kaufte Mauser eine ehemalige Karbidfabrik im hessischen Waldeck und baute sie zu einem modernen Produktionsstandort um. Dort entstanden nicht nur Stahlfässer, sondern auch Gasflaschen, Tanks, landwirtschaftliche Geräte und sogar Möbel. Das Unternehmen entwickelte sich zu einem der größten Arbeitgeber der Region.
Ehrendoktorwürde als späte Anerkennung
Ein Jahr später verlegte Alfons Mauser den Firmensitz von Köln-Ehrenfeld nach Brühl und benannte das Unternehmen in Mauser-Werke GmbH um. Die Verbindung zu Köln blieb jedoch bestehen. Hier hatte seine Erfolgsgeschichte begonnen, hier entstanden die entscheidenden Erfindungen.
1922 erhielt er von der Technischen Hochschule Stuttgart die Ehrendoktorwürde. Eine späte Anerkennung für jemanden, dessen innovative Ideen im Familienunternehmen einst abgelehnt worden waren.
Selbstverständlich nicht ohne den „Ehrendoktor“: Die Grabinschrift für Alfons Mauser auf dem Familiengrab, Maria Mauser, geb. Zwick-Sieber, war seine Ehefrau, die Ehe wurde 1897 geschlossen. Bild: Uli Kievernagel
Alfons Mauser starb am 11. August 1927 im Alter von nur 55 Jahren in Köln. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Kölner Südfriedhof. Aus einer Familie, die weltberühmt für Waffen wurde, stammte ein Mann, der mit seiner Firma „Para Pacem – Bereite den Frieden vor“ den Frieden zum Unternehmensziel erklärte und der lieber Zäune als Gewehre baute und Fässer statt Gewehre erfand.
Fast die ganze Stadt auf einen Blick: Das Kölner Stadtmodell. Bild: Uli Kievernagel
Von der Südbrücke bis zum Gürzenich sind es nur ein paar Schritte. Auch vom Barbarossaplatz zum Rathausturm ist es nur ein Katzensprung. Einfach fantastisch: Eine Stadtbesichtigung im Schnelldurchlauf.
Möglich macht dies das Kölner Stadtmodell. Dabei handelt es sich um ein Modell der Innenstadt im Maßstab 1:500. So werden die 1,5 Kilometer von der Kölnarena zum Schokoladenmuseum zu gerade mal drei Metern, von der Hohenzollernbrücke zum Südstadion sind es nur sechs Meter. Und wie bei einem Rundflug über Köln kann man große Teile der Stadt auf einen Blick erfassen.
Im Modell gute 30 cm hoch: Der Kölner Dom, im Vordergrund der Hauptbahnhof, Bild: Uli Kievernagel
1993 entstehen erste Teile des Modells
Das Kölner Stadtmodell ist ein detailgenauer Nachbau der Stadt – ein Kölner Miniaturwunderland. Bereits seit den 1950er Jahren wurde von Architekten über ein solches Projekt diskutiert. Die Idee: In einem solchen Modell können Bauprojekte im städtebaulichen Zusammenhang geprüft und beurteilt werden bevor die Bagger rollen.
Doch erst im Jahr 1991 wurde die Idee für ein solches Stadtmodell von den beiden Architekten Dörte Gatermann und Kaspar Kraemer1Kraemer ist auch der Architekt von Kölns größtem Wasserstandsmelder: Dem Pumpwerk Schönhauser Straße. konkretisiert. 1993 entstanden die ersten jeweils 1 x 1 Meter großen Platten des Modells. Danach unternimmt das stetig wachsende Modell – es umfasst 1996 bereits 30 Platten – eine wahre Odyssee durch die Stadt. Aufstellungsorte waren die alte Druckereihalle des Stadthauses und die Halle des Technischen Rathauses in Deutz. Seit 2004 steht das Modell im Spanischen Bau des Rathauses.
Aktuell umfasst das Modell 64 einzelne Platten und deckt den innerstädtischen Bereich zwischen Mediapark und Südbrücke (Nord-Süd-Richtung) sowie Kalk und Belgisches Viertel (Ost-West-Richtung) ab.
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Modellbau ist aufwändig
Zu den ersten Modellbauern gehörte Christof Krautwig. Obwohl schon längst im Ruhestand kümmert er sich immer noch liebevoll um das Modell. Alleine seine regelmäßige Reinigung des gesamten Modells dauert etwa zwei Monate.
Heute baut seine Nachfolgerin, die Aachenerin Anikó Krén, weiter an dem „Klein-Köln“. Sobald neue Veedel in das Modell aufgenommen werden, nutzt die Architektin und Modellbauerin zunächst die bestehenden Pläne. Zusätzliche Luftaufnahmen geben eine Information über Gebäudehöhen und Dachformen. Um auch wirklich alle Besonderheiten zu berücksichtigen, fährt Anikó Krén zu den Veedeln in „echt“ und fotografiert Fassaden, Gebäude und Straßenzüge. Erst dann beginnt der aufwändige Modellbau.
Im Modell wird die besondere Architektur sichtbar: Der Mediapark im Kölner Stadtmodell, Bild: Uli Kievernagel
Die Gebäude im Modell werden aus speziellen Kunstharzen (Ureol oder Ecpocel) hergestellt. Die durchgängig weiße Lackierung hilft, den Überblick zu behalten. Um Neubauvorhaben umsetzen zu können, sind die Modelle aller Gebäude so auf den Platten verschraubt, dass diese sehr einfach ausgetauscht werden können.
Ausgewählte Bauwerke werden detailliert ausgeführt. Dazu gehören zum Beispiel die Kölnarena, die Brücken, die romanischen Kirchen und selbstverständlich der Dom. Allein die Dom-Nachbildung besteht aus über 20.000 Einzelteilen.
Die Kölnarena im Kölner Stadtmodell, Bild: Uli Kievernagel
Dieser Aufwand hat seinen Preis: Die Erstellung eines Quadratzentimeters des Modells kostet 1,50 Euro, eine ganze Platte 15.000 Euro. Deswegen ist der Trägerverein des Modells auf Spenden angewiesen. Spender können zum Beispiel den Modellnachbau ihres eigenen Hauses, den Bau ausgewählter städtischer Gebäude oder eine gesamte Modellplatte finanzieren.
Als Spender ist man in guter Gesellschaft – bisher haben mehr als 200 Personen, Unternehmen und Initiativen das Modell unterstützt. Die Liste reicht von A wie ADAC über K wie Kaufhof bis hin zu Z wie Züblin Bauunternehmung AG.
Die neue, noch nicht realisierte, Bebauung des Deutzer Hafens ist im Kölner Stadtmodell bereits zu sehen. Bild: Uli Kievernagel
Planung von Neubauprojekten
Besonders spannend ist der Einsatz des Modells für geplante Bauprojekte. Mit Hilfe des Modells können Planungen sehr frühzeitig im Gesamtzusammenhang visualisiert, überprüft und gegebenenfalls angepasst werden. So ist schon heute der geplante Endausbau des Deutzer Hafens mit der ehemaligen Ellmühle im Modell integriert. Das Modell dient Bauherren, Rat und Architekten als praktische Entscheidungshilfe im Städtebau.
Und für den interessierten Kölner ist es einfach spannend, Orte wie das Südstadion, den Volksgarten oder die Messe von oben zu sehen ohne in ein Flugzeug steigen zu müssen.
Hinter diesem Eingang des Spanischen Baus (Rathausplatz) befindet sich das Kölner Stadtmodell, Bild: Raimond Spekking
Besichtigung des Kölner Stadtmodells
Das Kölner Stadtmodell kann während der Öffnungszeiten des Rathauses im Spanischen Bau besichtigt werden, der Eintritt ist frei.
Cilly Aussem, Tennisstar der 1930er Jahre, Bild: Agence de presse Meurisse – Bibliothèque nationale de France
Lange vor Steffi Graf und Angelique Kerber gab es bereits eine deutsche Wimbledonsiegerin: Cäcilia Edith, genannt „Cilly“, Aussem konnte bereits im Jahr 1931 das Turnier des „All England Lawn Tennis and Croquet Club” für sich entscheiden. Ein kölsches Mädchen gewinnt in Wimbledon.
Cilly Aussem wurde am 4. Januar 1909 in Köln geboren. Ihr Vater Johann „Jean“ Aussem war als deutscher Generalverteter der französischen Käsemarke Gervais sehr vermögend. Ihre Mutter Ursula nannte sich „Helen“ und wollte ihre Tochter auf Biegen und Brechen in die Weltspitze des Tennis bringen. Die ersten Schritte auf dem Court machte Cilly im Jahr 1923 beim Tennisclub Rot-Weiß Köln und zeigte schnell ihr Talent: Bereits im Sommer 1924 konnte sie gleich ihr erstes Turnier gewinnen.
Eine schwierige, ehrgeizige Mutter
Cilly schlug sich danach auf diversen Turnieren in ganz Europa durchaus respektabel – und wäre da nicht ihre über-ehrgeizige Mutter gewesen, hätte sie sich auch in Ruhe entwickeln können. Doch „Helen“ Aussem machte ihrer Tochter das Leben durchaus schwer.
Bei einem Turnier in Hamburg beschuldigte sie die Gegnerin, Cilly hypnotisiert zu haben. Dieser Vorwurf mündete in einer wüsten Schlägerei zwischen „Helen“ Aussem und der Gegnerin von Cilly, Paula von Reznicek. Kolportiert wird auch, dass Cillys Tennistrainer Bill Tilden auf die Frage ihrer Mutter, wie Cilly eine wirklich große Spielerin werden könnte, geantwortet habe „Indem Sie, Frau Aussem, den nächsten Zug nach Deutschland nehmen!“
Cilly Aussem auf einem Ölgemälde von Leo von König (1932), Bild: Raimond Spekking
Cilly gewinnt in Wimbledon
Das Training von Bill Tilden war erfolgreich: Cillys harte Vorhand war auf dem Tennisplatz gefürchtet. Und so schlug sie am 3. Juli 1931 im Finale von Wimbledon Hilde Krahwinkel und war somit die erste Deutsche, die das prestigeträchtige Turnier gewinnen konnte.
Adenauer, damals Oberbürgermeister von Köln, schickte ihr per Telegramm „Cilly, ganz Köln gratuliert zum großen Sieg. Ihre Heimatstadt ist stolz auf Sie“. Und tatsächlich wurde ihr nach dem Wimbledon-Sieg ein triumphaler Empfang in ihrer Heimatstadt bereitet.
Leider konnte ihr Körper die Strapazen des Leistungssports nicht aushalten. Eine verschleppte Blindarmentzündung und ein schon früher auftretendes Augenleiden machte es ihr zunehmend schwerer, an die Spitzenleistung des Jahres 1931 anzuknüpfen. Im Jahr 1935 beendete Cilly ihre Karriere.
Briefmarke „Cilly Aussem“
Tod im Nobelort Portofino
Ein Jahr später heiratete sie den italienischen Offizier Graf Fermo Murari dalla Corte Brà und zog mit ihm nach Ostafrika. Dort infizierte sie sich mit Malaria, gleichzeitig verschlechterte sich ihre Sehkraft rapide. Zusätzlich trat eine starke Überempfindlichkeit gegen das Sonnenlicht auf.
Cilly zog mit ihrem Mann nach Italien, ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich massiv und sie zog sich, mittlerweile fast blind, völlig von der Öffentlichkeit zurück. Cilly Aussem starb am 22. März 1963 im Alter von nur 54 Jahren. Ihr Grab ist auf dem Friedhof San Giorgio im Nobelort Portofino.
Köln vergisst seinen Tennisstar
Nur per Zufall wurde in Deutschland überhaupt bekannt, dass Cilly Aussem gestorben war. Ein Journalist erkannte, dass es sich bei der Todesanzeige einer gewissen „Gräfin Cecilie Editha Murari dalla Corte Brà“ um den deutschen Tennisstar der 30er Jahre handelte.
In ihrer Heimatstadt Köln war die ehemals prominente Sportlerin mittlerweile völlig vergessen. Immerhin erinnert eine 1988 erschienene Briefmarke an die erste deutsche Wimbledonsiegerin. Und der Energieversorger RheinEnergie hat in seiner Zentrale alle Konferenzräume nach kölschen Persönlichkeiten benannt – und so trägt einer der Räume den Namen „Cilly Aussem“.1DANKE an Sebastian für diesen Hinweis.
Das Vereinsheim des KTHC findet sich am Olympiaweg in Müngersdorf, Bild: Jörg Michell
Erinnerungen an Cilly Aussem beim KTHC
Im Vereinsheim von Rot-Weiß Köln, direkt neben dem Müngersdorfer Stadion, sind Erinnerungsstücke an Cilly Aussem ausgestellt.2DANKE für diese Info an Maik aus Bonn.
Wenn Investoren an ein „Einhorn“ denken, geht es selten um Fabelwesen und Regenbogen. Ein „Einhorn“ ist ein nicht börsennotiertes Startup-Unternehmen, das von Investoren mit mindestens 1 Milliarde US-Dollar bewertet wird. Und mitten in Ehrenfeld sitzt tatsächlich ein solches Unternehmen: DeepL, das kölsche Einhorn.
Millionen von Menschen nutzen seine Dienste fast täglich. Wer einen fremdsprachigen Text übersetzen lässt oder sich von einer KI beim Schreiben helfen lässt, landet nicht selten bei DeepL. Dabei ist das Unternehmen ein Phänomen. Es tritt gegen Giganten wie Google, Microsoft oder OpenAI, Betreiber von ChatGPT, an und hat sich einen festen Platz auf dem Weltmarkt erobert.
Angefangen hat alles mit einer Suchmaschine
Die Wurzeln von DeepL reichen zurück ins Jahr 2008. Damals gründeten die Informatiker Jarosław Kutylowski und Gereon Frahling in Köln die Übersetzungs-Suchmaschine Linguee. Die Idee war ebenso einfach wie genial: Statt nur einzelne Wörter zu übersetzen, sollte Linguee Millionen bereits übersetzter Texte durchsuchen und passende Beispiele anzeigen.
DeepL Gründer und CEO Dr. Jaroslaw Kutylowski, Bild: DeepL SE
Über Jahre entstand so ein riesiger Datenschatz aus professionellen Übersetzungen. Was zunächst wie ein praktisches Hilfsmittel für Studenten, Journalisten und Übersetzer aussah, entwickelte sich bald zu etwas viel Größerem. Denn die Gründer erkannten, dass diese Daten die ideale Grundlage für eine neue Generation von Übersetzungssoftware bilden könnten – eine Software, die nicht einfach Wörter ersetzt, sondern Sprache versteht.
2017 war es so weit: DeepL wurde vorgestellt. Der Name setzt sich aus „Deep“ und dem Buchstaben „L“ für Learning zusammen. Gemeint ist „Deep Learning“, eine Methode der künstlichen Intelligenz, bei der neuronale Netzwerke aus riesigen Datenmengen lernen und eigenständig Zusammenhänge erkennen.
Im Jahr 2017 war künstliche Intelligenz noch längst nicht das allgegenwärtige Schlagwort, das es heute ist. ChatGPT, Claude & Co. gab es noch nicht und nur wenige Menschen ahnten, welche Bedeutung KI einmal haben würde – DeepL war seiner Zeit eindeutig voraus.
DeepL – das „kölsche Einhorn“, Bild: Wolf Strack, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Warum DeepL so erfolgreich wurde
Wer DeepL zum ersten Mal benutzt, merkt schnell, dass die Übersetzungen oft natürlicher wirken als bei vielen Konkurrenten. Die Software versucht nicht, einzelne Wörter möglichst exakt zu übertragen. Sie analysiert den gesamten Satz, berücksichtigt den Kontext und sucht nach Formulierungen, die sich für Muttersprachler natürlich anhören. Das ist technisch enorm anspruchsvoll.
Hinzu kommt ein Aspekt, der oft unterschätzt wird: Sprache ist Kultur. Ein deutscher Satz lässt sich eben nicht immer eins zu eins ins Englische, Französische oder Japanische übertragen. Redewendungen, Ironie oder doppeldeutige Begriffe erfordern ein Verständnis für Nuancen. Aber genau hier liegt die Stärke von DeepL.
Während andere Anbieter ihre Dienste möglichst breit aufstellen, konzentrierte sich das Kölner Unternehmen lange Zeit fast ausschließlich auf Sprache. Diese Spezialisierung zahlte sich aus. Wissenschaftliche Untersuchungen bescheinigten DeepL immer wieder eine besonders hohe Übersetzungsqualität.
Die Folge: Immer mehr Unternehmen setzten auf die Software. Internationale Konzerne, Behörden, Universitäten und Medienhäuser gehören inzwischen zu den Kunden. Zu den auf der Website des Unternehmens aufgeführten Referenzen gehören unter anderem Adobe, Amazon, Apple, Boeing, Deutsche Bahn, Fords, Hitachi, Microsoft, Pirelli, Porsche und Visa. Und viele Millionen Menschen weltweit nutzen die kostenlose Version.
Echtzeit-Sprachübersetzung
Bislang war das Unternehmen vor allem für schriftliche Übersetzungen bekannt. Jetzt will das Kölner Einhorn auch die letzte große Sprachbarriere überwinden: das gesprochene Wort. Mit „DeepL Voice-to-Voice“ hat das Unternehmen im April 2026 eine Technologie vorgestellt, die Gespräche in Echtzeit übersetzt. Menschen sollen künftig in ihrer Muttersprache sprechen können, während ihr Gegenüber die Übersetzung nahezu zeitgleich hört – bei Videokonferenzen ebenso wie bei persönlichen Gesprächen oder im Kundenservice.
DeepL: Übersetzungen von Meetings in Echtzeit, Bild: DeepL SE
Für die Kölner Firma ist das mehr als nur eine neue Funktion. Es ist der Versuch, den Traum vom universellen Übersetzer Wirklichkeit werden zu lassen – eine Idee, die bislang vor allem aus Science-Fiction-Filmen bekannt war. DeepL kombiniert dafür seine hochgelobte Übersetzungs-KI mit neuen Sprachmodellen, die nicht nur Wörter übertragen, sondern auch Tonfall und Sprachrhythmus möglichst natürlich wiedergeben sollen. Wenn dieser Ansatz gelingt, könnte aus dem besten Übersetzer der Welt ein Unternehmen werden, das Menschen über Sprachgrenzen hinweg nahezu ohne Verzögerung miteinander sprechen lässt.
Ein Unternehmen, das lieber schweigt
Fast ebenso bemerkenswert wie die Technologie ist die Unternehmenskultur. In der Start-up-Welt gehört es inzwischen fast zum guten Ton, sich möglichst laut zu präsentieren. Gründer geben Interviews, veröffentlichen Erfolgszahlen und inszenieren sich auf Konferenzen. Aber DeepL geht einen anderen Weg.
Interviews mit Gründer und Geschäftsführer Jarosław Kutylowski sind selten. Das Unternehmen kommuniziert zurückhaltend und konzentriert sich lieber auf die Weiterentwicklung seiner Produkte. Diese Zurückhaltung wirkt beinahe unmodern – und vielleicht gerade deshalb sympathisch. Denn während andere Firmen mit Visionen werben, liefert DeepL schlicht Ergebnisse.
Das hat dem Unternehmen eine besondere Reputation eingebracht. In Fachkreisen gilt DeepL längst als eines der wichtigsten europäischen KI-Unternehmen. Gleichzeitig wissen viele Menschen gar nicht, dass die Technologie aus Köln stammt.
Kölns einziges Einhorn
Im Jahr 2022 wurde endgültig klar, welche Dimension das Unternehmen inzwischen erreicht hatte. Bei einer Finanzierungsrunde wurde DeepL mit mehr als einer Milliarde US-Dollar bewertet und erreichte damit den sogenannten Einhorn-Status. Dieser Begriff stammt aus der Start-up-Welt und bezeichnet junge Unternehmen, die eine Milliardenbewertung erzielen – so selten wie einst das sagenhafte Einhorn.
Für Köln war das ein Meilenstein. Denn die Stadt gilt zwar als bedeutender Wirtschaftsstandort mit zahlreichen Konzernen und erfolgreichen Familienunternehmen. Doch im Bereich der jungen Technologieunternehmen fehlte lange Zeit eine echte Erfolgsgeschichte mit internationaler Strahlkraft. DeepL änderte das. Und bis heute ist das Unternehmen das einzige Kölner Einhorn.
Die Zukunft wird nicht einfacher
Doch auch für DeepL gilt: Erfolg ist keine Garantie für die Zukunft. Die Entwicklung künstlicher Intelligenz hat in den vergangenen Jahren ein atemberaubendes Tempo erreicht. Neue Modelle entstehen in immer kürzeren Abständen, die Konkurrenz ist gewaltig und die Erwartungen der Nutzer steigen ständig.
Anfang 2026 überraschte DeepL deshalb mit einer weitreichenden Entscheidung. Das Unternehmen kündigte an, rund ein Viertel seiner Stellen abzubauen. Etwa 250 Mitarbeitende sind betroffen. Gleichzeitig betonte Geschäftsführer Jarosław Kutylowski, dass DeepL weiterhin wachsen wolle – allerdings mit einer anderen Organisation.
Kleinere Teams sollen schneller Entscheidungen treffen, künstliche Intelligenz noch stärker in interne Prozesse eingebunden werden. Das Ziel, so Gründer und Geschäfstführer Kutylowski: Ein Unternehmen, das konsequent auf Künstliche Intelligenz ausgerichtet ist und sich in einem immer härteren Wettbewerb behaupten kann. Ob diese Strategie aufgeht, wird die Zukunft zeigen.
Fest steht allerdings schon heute: In Ehrenfeld sitzt ein Unternehmen, das die Art verändert hat, wie Menschen miteinander kommunizieren.
Keine laute Erfolgsgeschichte, kein großes Spektakel. Sondern ein stilles Einhorn aus Köln, das die Welt ein kleines Stück verständlicher macht.
DeepL sprach für kurze Zeit sogar Kölsch
Im November 2024 sorgte DeepL mit einer ungewöhnlichen Aktion für Aufmerksamkeit: Pünktlich zum Sessionsstart gab es für eine Woche eine Kölsch-Funktion. Hochdeutsche Texte konnten automatisch in die kölsche Sprache übertragen werden – passend zum Sessionsmotto „Mir stonn zo dir, Kölle“.
Mit der zeitlich begrenzten Aktion wollte das Unternehmen seine Verbundenheit zur Domstadt zeigen. Die Übersetzungen trafen den kölschen Ton nicht immer perfekt, wurden aber von vielen Nutzern mit einem Augenzwinkern aufgenommen.
Diese Aktion war sympathischer Beweis dafür, dass selbst die Künstloche Intelligenz Kölsch entdeckt – auch wenn echtes Kölsch am Ende wohl doch am besten immer noch von echten Kölnern gesprochen wird.
Trotzdem: Lieber Jarosław Kutylowski, liebes Deepl-Team: Bitte gebt uns die Kölsch-Übersetzung zurück!
Seit dem Turmbau zu Babel gilt die Vielfalt der Sprachen als Symbol dafür, dass sich Menschen nicht mehr ohne Weiteres verstehen. Deepl schafft hier Abhilfe und sorgt für weltweite Verständigung. Bild: Turmbau zu Babel aus der Wittenberg-Bibel von Martin Luther (1586)
Von Telugu bis Latein – die Sprachvielfalt von DeepL
Aktuell1Stand: 26. Juni 2026 spricht DeepL 123 Sprachen und Dialekte. Zu den am häufigsten genutzten Sprachen, die von DeepL gesprochen und übersetzt werden gehören:
Es gibt aber auch Übersetzungen in zum Beispiel Telugu, welches von über 80 Millionen Muttersprachlern in den indischen Bundesstaaten Andhra Pradesh und Telangana gesprochen wird. Und es werden Übersetzungen in exotischen Sprachen, wie zum Beispiel Aragonesisch, welches nur noch von etwa 10.000 Menschen in den Tälern der spanischen Pyrenäen gesprochen wird, angeboten.
Asterix-Freunde und geplagte Schüler haben mit Sicherheit Freude daran, dass es auch eine Übersetzung in Latein gibt. Und diese Funktion bietet so viel mehr als nur die bekannten Aussprüche „Alea iacta est!“2Der Würfel ist gefallen!, „Veni, vidi, vici.“3Ich kam, sah und siegte. oder „Errare humanum est.“4Irren ist menschlich.
Eine vollständige Liste aller aktuell verfügbaren Sprachen bietet die offizielle DeepL-Sprachdokumentation.
Die als „Bismarckburg“ bekannte Villa Stollwerck am Bayenthalgürtel, Bild: gemeinfrei
Wer heute am Bayenthalgürtel unterwegs ist, vermutet kaum, dass hier bis in die 1930er Jahre eines der ungewöhnlichsten Privathäuser Kölns stand: Eine burgartige Villa mit Turm, Zinnen und mittelalterlichem Flair. Die Kölner nannten sie die „Bismarckburg“. Ihr Bauherr war der steinreiche Schokoladenfabrikant Heinrich Stollwerck.
Doch die Geschichte dieses Hauses erzählt weit mehr als die eines wohlhabenden Unternehmers. Sie handelt vom Aufstieg Kölns zur Industriemetropole, von den Träumen des Großbürgertums und von den politischen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts.
Um 1900 veränderte sich Köln rasant. Die Stadt wuchs weit über ihre ehemaligen Grenzen hinaus, neue Wohnviertel entstanden. Während die Kölner Oberschicht zunächst die Ringe bevorzugte, zog es viele wohlhabende Familien bald in den Süden. Marienburg entwickelte sich zur Villenkolonie der Reichen und Erfolgreichen. Große Grundstücke, Rheinnähe und repräsentative Architektur machten das Viertel zur ersten Adresse der Stadt.
An der Grenze zwischen Bayenthal und dem gerade entstehenden Marienburg ließ Heinrich Stollwerck zwischen 1902 und 1904 eine Villa errichten, die alles bisher Dagewesene übertreffen sollte. Mit der Planung beauftragte er Bruno Schmitz, einen der bekanntesten Architekten seiner Zeit, der auch das riesige Leipziger Völkerschlachtdenkmal geplant hat.
Heinrich Stollwerck (1843 – 1915) auf einem Gemälde aus dem Jahr 1910, Bild: gemeinfrei
Ein Kölner Schokoladenpionier
Heinrich Stollwerck wurde 1843 in Köln geboren. Gemeinsam mit seinen Brüdern machte er aus einem Familienbetrieb eines der bedeutendsten Süßwarenunternehmen Europas. Dabei war er weit mehr als Kaufmann. Sein eigentliches Talent lag in der Technik.
Immer wieder entwickelte er neue Maschinen, verbesserte Produktionsverfahren und meldete Patente an. Seine Innovationen machten die Schokoladenherstellung schneller, effizienter und qualitativ besser. Die von ihm entwickelte Maschinentechnik wurde nicht nur in Köln genutzt, sondern später in ganz Europa verkauft. Aus der Kölner Firma entstand ein Weltunternehmen.
Dabei dachte Stollwerck nicht nur an Gewinne. Auf dem Werksgelände entstanden Sozial- und Erholungseinrichtungen für die Beschäftigten. Mit der „Heimstätte Frieden“ ließ er Arbeiterwohnungen errichten. In Köln war er außerdem für seine Großzügigkeit bekannt. Bedürftige fanden nicht selten unerwartet Geldscheine auf Fensterbänken oder in Briefkästen. Die sogenannten „Heinzelmännchen-Gaben“ machten ihn in der Stadt fast ebenso bekannt wie seine Schokolade.
Eine Burg für Bismarck
Sein größtes privates Prestigeprojekt entstand jedoch nicht im Severinsviertel, sondern am Rhein. Heinrich Stollwerck verehrte Otto von Bismarck. Als wenige Jahre nach dessen Tod die Idee eines Kölner Bismarck-Turms entstand, gehörte Stollwerck zu den wichtigsten Unterstützern.
Direkt gegenüber des Turms ließ er seine eigene Villa errichten. Das Haus war mehr als nur ein Wohnsitz. Es war ein steingewordenes Bekenntnis zu seiner Bewunderung für den Reichskanzler. Selbst der Name „Bismarckburg“ machte keinen Hehl daraus.
Grundriss der Bismarckburg, Bild: Die Architektur des XX. Jahrhunderts, Zeitschrift für moderne Baukunst, Jahrgang 1905, Tafel 90
Architektonisch griff die Villa mittelalterliche Formen auf. Der mächtige Turm, die Dachzinnen und die rustikalen Sandsteinfassaden erinnerten an eine Ritterburg. Über dem Eingang prangte ein stilisiertes Abbild Bismarcks in mittelalterlicher Rüstung. Auch damit traf Stollwerck den Zeitgeist. Kaiser Wilhelm II. liebte historische Inszenierungen, Burgen und nationale Symbolik. Die Bismarckburg vereinte all das in einem einzigen Gebäude.
Ein Schloss mit Blick auf den Rhein
Die Villa gehörte zu den spektakulärsten Privathäusern Kölns. Die Fassaden bestanden aus graugelbem Heilbronner Sandstein und Tuffstein. Zur Rheinseite öffnete sich eine Pergola. Im Inneren gruppierten sich Salon, Bibliothek, Speisezimmer, Rauchzimmer und mehrere Gesellschaftsräume um eine großzügige Diele.
Die Baukosten betrugen rund 460.000 Mark – eine enorme Summe für die damalige Zeit.1Zum Vergleich: Der durchschnittliche Jahresverdienst eines Industriearbeiters im Deutschen Reich lag im Jahr 1903 bei etwa 800 bis 900 Mark. Somit hätte ein Arbeiter knapp 550 Jahre arbeiten müssen, um sich dieses Haus kaufen zu können. Entsprechend groß war die Aufmerksamkeit. Schon wenige Jahre nach ihrer Fertigstellung wurde die Bismarckburg sogar in Reiseführern als Sehenswürdigkeit erwähnt. Besucher konnten vom Rheinufer aus sowohl den Bismarck-Turm als auch die imposante Villa bewundern. Zusammen bildeten sie eines der markantesten Ensembles im Kölner Süden.
Jedes Jahr fanden hier Bismarckfeiern statt. Dabei trat sogar ein Schauspieler als „Geist Bismarcks“ auf und zitierte Reden des ehemaligen Reichskanzlers. Das wirkt heute skurril, zeigt aber, welche Bedeutung Bismarck für viele Vertreter des damaligen Bürgertums besaß.
Die Bismarckburg auf einer Postkarte aus dem Jahr 1908, Bild: http://www.ansichtskarten-center.de, gemeinfrei via Wikimedia Commons
Ein Haus im Schatten der Geschichte
Nach dem Tod Heinrich Stollwercks ging die Villa zunächst an seine Familie über. 1917 wurde sie an den Industriellen Ottmar Edwin Strauss verkauft. Der erfolgreiche Unternehmer hatte gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Otto Wolff ein bedeutendes Industrieunternehmen aufgebaut und gehörte zu den einflussreichsten Wirtschaftspersönlichkeiten seiner Zeit.
Doch Strauss war Jude. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann für ihn der wirtschaftliche und persönliche Niedergang. Bereits 1933 drangen SA-Männer in die Villa ein und erpressten ihn. Schritt für Schritt verlor Strauss seinen wirtschaftlichen Einfluss und große Teile seines Vermögens. Später emigrierte er in die Schweiz.
Angeblich ließ Strauss, bevor die Nationalsozialisten die Villa in Besitz nehmen konnten, diese abreißen. Allerdings gibt es dafür keine Belege. Ulrich Soénius, Direktor des Rheinisch-Westfälischen Wirtschaftsarchivs, dazu im Kölner Stadt-Anzeiger: “Ob die Aussage stimmt, dass Strauss das Haus abreißen ließ, um es nicht in die Hände der Nationalsozialisten fallen zu lassen, lässt sich mit den Akten hier nicht verifizieren“.2Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger vom 3. November 2025: Wie die „Bismarckburg“ zum Spitznamen kam“ Mit dem Abriss der „Bismarckburg“ verschwand eines der auffälligsten Bauwerke Kölns aus dem Stadtbild.
Mehr als eine extravagante Villa – ein Spiegel der Zeit
Heute erinnert nichts mehr an die Bismarckburg. Das Grundstück wurde nach dem Krieg neu bebaut. Das ehemalige Stall- und Gesindehaus verschwand ebenfalls. Geblieben ist der Bismarck-Turm, der direkt am Rheinufer steht und vielen Kölnern kaum auffällt.
Dabei erzählt kaum ein Ort im Kölner Süden so viel über die Geschichte der Stadt. Die Bismarckburg steht für den Aufstieg Kölns zur Industriemetropole, für den Wohlstand des Großbürgertums und für den Glauben an Fortschritt und nationale Größe. Gleichzeitig erinnert ihr Verschwinden an ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte, in dem Menschen wie Ottmar Edwin Strauss ausgegrenzt, enteignet und vertrieben wurden.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Bedeutung dieses verschwundenen Schlosses am Rhein. Die Bismarckburg war mehr als eine extravagante Villa. Sie war ein Spiegel ihrer Zeit.
Und manchmal erzählen die Gebäude, die nicht mehr existieren, sogar mehr über eine Stadt als die, die bis heute stehen geblieben sind.
Der Bismarck-Turm am Rheinufer, Bild: CEphoto, Uwe Aranas
Während von der Bismarckburg nichts mehr zu sehen ist, ragt der 15 Meter Bismarck-Turm noch heute am Rheinufer auf und wird von vielen Kölnern fälschlich für ein Stück der alten Stadtmauer gehalten.
Tatsächlich entstand das Denkmal 1903 zu Ehren von Otto von Bismarck und gehört zu den ungewöhnlichsten seiner Art. Als mittelalterliche Rolandsfigur gestaltet, bildet es bis heute den Abschluss des Gürtels am Rhein. Trotz Denkmalschutz und teurer Sanierungen bleibt der Turm umstritten – Ideen für eine neue Nutzung gibt es viele, umgesetzt wurde bislang keine.
Otto von Bismarck (1815-1898), Bild: Franz von Lenbach, Public domain, via Wikimedia Commons
Otto von Bismarck: „Der Eiserne Kanzler“
Otto von Bismarck gilt als einer der prägendsten Politiker der deutschen Geschichte. Geboren wurde er am 1. April 1815 im preußischen Schönhausen. Nach einem Jurastudium und einigen Jahren als Gutsbesitzer begann seine politische Karriere in der preußischen Politik.
Berühmt wurde Bismarck vor allem als Architekt der deutschen Einigung. Als Ministerpräsident von Preußen verfolgte er eine machtpolitische Strategie, die er selbst als „Realpolitik“ bezeichnete. Durch die Kriege gegen Dänemark (1864), Österreich (1866) und Frankreich (1870/71) schuf er die Voraussetzungen für die Gründung des Deutschen Reiches. Am 18. Januar 1871 wurde im Spiegelsaal von Versailles der preußische König Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser ausgerufen, Bismarck wurde erster Reichskanzler.
In der Innenpolitik versuchte Bismarck zunächst, den Einfluss der katholischen Kirche im sogenannten Kulturkampf einzuschränken. Später führte er mit der Kranken-, Unfall- und Rentenversicherung die ersten modernen Sozialversicherungen der Welt ein. Gleichzeitig bekämpfte er die aufstrebende Sozialdemokratie mit den Sozialistengesetzen. Sein politisches Handeln war deshalb stets von Gegensätzen geprägt: Er war konservativer Monarchist und zugleich ein Reformpolitiker, der den modernen Sozialstaat mitbegründete.
Außenpolitisch bemühte sich Bismarck nach 1871 vor allem darum, den Frieden in Europa zu sichern und Deutschland diplomatisch abzusichern. Mit einem komplizierten Bündnissystem wollte er verhindern, dass sich andere Großmächte gegen das Deutsche Reich zusammenschlossen.
1890 wurde Bismarck von Kaiser Wilhelm II. entlassen. Er zog sich auf sein Gut Friedrichsruh zurück und starb dort am 30. Juli 1898. Noch zu Lebzeiten wurde er zu einer nationalen Symbolfigur. Überall im Deutschen Reich entstanden Denkmäler, Türme und Straßen, die seinen Namen trugen.
Bis heute wird Bismarck unterschiedlich bewertet: Die einen sehen in ihm den genialen Staatsmann und Gründer des Deutschen Reiches, die anderen kritisieren seinen autoritären Regierungsstil und die langfristigen Folgen seiner Machtpolitik. Unbestritten ist jedoch, dass kaum ein anderer Politiker die deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts so nachhaltig geprägt hat wie Otto von Bismarck.
Laura von Oelbermann (1846 – 1929), Bild: Archiv Evangelischer Kirchenverband Köln und Region
Wenn man heute über den Hohenstaufenring spaziert, ist von den einstigen Prunkpalais auf dieser Straße kaum noch etwas zu sehen. Geschäftshäuser und Autoverkehr dominieren die Ringe. Und doch stand hier einmal eines der imposantesten Privathäuser Kölns – und davor sammelten sich Menschen, nur um einen kurzen Blick auf Laura von Oelbermann zu erhaschen. Wenn die „reiche Frau“ das Haus verließ, brachte dies regelmäßig den Verkehr vor der Tür zum Erliegen. Jeder wollte dieses Spektakel sehen.
Geboren wurde sie am 18. Mai 1846 am Alter Markt – mitten im geschäftigen Herzen der Stadt. Dass sie einmal zu den reichsten und einflussreichsten Frauen Kölns gehören würde, war ihr nicht in die Wiege gelegt.
Vom Alter Markt in die Welt
Laura von Oelbermann wurde als Laura Nickel geboren und wuchs in eher einfachen Verhältnissen auf. Ihr Vater war Bürstenwarenhändler, die Familie protestantisch. Das war eher schwierig im zumindest damals deutlich katholisch geprägten Köln, wo Protestanten noch als „Blauköpp“ bezeichnet wurden. Laura besuchte das evangelische Lyzeum – eine für Mädchen ihrer Zeit bemerkenswerte Bildungslaufbahn.
1866 heiratete sie den Kaufmann Emil Oelbermann. Sein beruflicher Weg führte früh über den Atlantik: Handel, Versicherungsgeschäfte, deutsch-amerikanische Netzwerke. Immer wieder wird berichtet, dass er auch in den amerikanischen Sklavenhandel verwickelt gewesen wäre. Nach Aussage und Recherchen von Peter Oelbermann, ein entfernter Verwandter, entbehrt diese Aussage jeglicher Grundlage, da dazu bis heute kein wissenschaftlicher Beleg vorliegt.1Laura von Oelbermann – eine „bemerkenswerte“ Frau, Stellungnahme von Peter Oelbermann, https://www.udo-w-hombach.de/texte/Laura-von-Oelbermann-eine-bemerkenswerte-Frau.pdf, abgerufen am 27.02.206
Laura folgte ihrem Ehemann nach New York, nahm die amerikanische Staatsbürgerschaft an und bekam dort mehrere Söhne. Köln blieb jedoch Lebensmittelpunkt, spätestens als die Familie 1878 dauerhaft zurückkehrte.
Das prunkvolle Palais Olbermann am Hohenstaufenring, Bild: Rheinisches Bildarchiv, Public domain, via Wikimedia Commons
Ein prunkvolles Palais für die Neustadt
1891 bezogen die Oelbermanns ihr neues Stadtpalais am Hohenstaufenring 57. Entworfen vom Architekten Hermann Otto Pflaume war das freistehende Gebäude im Stil der italienischen Renaissance ein architektonischer Ausreißer in der geschlossenen Ringbebauung. Zeitgenössische Berichte sprechen vom „großartigsten Privathaus der Neustadt“. Schmuck, Kunst, Personal, großer Hausstand – Laura Oelbermann war sichtbar wohlhabend. Und offensichtlich zeigte sie ihren Reichtum gerne, wie ein Zeitgenosse berichtete:
„Da stauten sich zu früheren Zeiten so um die Mittagsstunde vor ihrem großen Hause am Hohenstaufenring die Menschen, und wenn man einen Schutzmann erwischen konnte und ihn oder auf der Elektrischen den Schaffner fragte, was denn eigentlich los wäre, ob es einen Krawall gäbe oder einen Zusammenstoß, so wurde einem ziemlich von oben herab geantwortet, als ob man das wissen müßte: „Die reiche Frau Oelbermann jeht aus“. Das war damals ein Ereignis.“2 Schmidt, Klaus, Laura von Oelbermann, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/laura-von-oelbermann/DE-2086/lido/5dc018ad4661e2.56554166 (abgerufen am 27.02.2026)
Ältere Kölner erinnern sich auch noch an den Spruch »Bin ich denn de Frau Oelbermann, dat is mir zo dür!«3Übersetzung: „Bin ich denn die Frau Oelbermann, das ist mir zu teuer!“ wenn Dinge unerreichbar teuer waren.4DANKE an Irene für diesen Hinweis.
Reichtum und Verlust – ein tragisches Familienleben
Hinter der glanzvollen Fassade lag jedoch ein Leben voller Verluste. 1897 starb ihr Mann Emil. Noch im gleichen Jahr verunglückte der jüngste Sohn Harry auf Korsika. Vier Jahre später starb ihr ältester Sohn, weitere drei Jahre später, im Jahr 1904, der mittlere und letzte überlebende Sohn Alfred. Keiner ihrer Söhne wurde älter als 30 Jahre.
Laura Oelbermann war nun Multimillionärin und allein. Ein mondänes Leben mit Reisen und Festen hätte sie sich leisten können. Stattdessen entschied sie sich für einen anderen Weg und engagierte sich im sozialen Bereich – Köln sollte davon stark profitieren.
Soziale Arbeit mit persönlichem Einsatz
Ihr Engagement beschränkte sich nicht auf Überweisungen. Laura Oelbermann ging selbst in die Wohnungen armer Familien, vor allem in evangelisch geprägte Milieus. Sie fragte nach dem Bedarf an Lebensmitteln, Schuhen, Betten oder Schulgeld und sorgte dafür, dass Hilfe unmittelbar ankam.
Ein zentrales Projekt war die Frauenhilfe des evangelisch-kirchlichen Hilfsvereins, die sie ab 1900 mit aufbaute und lange leitete. Bis zu 250 Familien wurden jährlich mit Krankenpflege, Armenspeisung, Erholungsaufenthalten und der Vermittlung von Heimarbeit unterstützt. Frauen sollten sich selbst helfen können – ein Gedanke, der für seine Zeit bemerkenswert modern war.
Das Evangelische Krankenhaus Weyertal im Jahr 2009. Bild: HOWI – Horsch, Willy, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons
Das evangelische Krankenhaus Weyertal
Zu den sichtbarsten Spuren ihres Wirkens gehört das Evangelische Krankenhaus. Mit enormen Summen ermöglichte sie den Bau des ersten linksrheinischen evangelischen Krankenhauses Kölns, eröffnet 1902 am Weyertal. Mehr als ein Viertel der erforderlichen Gesamtsumme spendete Laura Oelbermann.
Ihre Stiftungen reichten weit über Köln hinaus. Besonders bedeutend war ihre Millionenspende für die Auguste-Victoria-Stiftung auf dem Ölberg in Jerusalem, aus der das bis heute bestehende Hospital hervorging. 1910 reiste sie selbst dorthin – ein außergewöhnliches Erlebnis für eine Frau ihrer Zeit.
Das Auguste-Victoria-Hospital in Jerusalem um 1910, Bild: Fotoabteilung der American Colony oder deren Nachfolger, dem Matson Photo Service; gemeinfrei, über Wikimedia Commons
Für ihr Engagement wurde sie am 15. August 1918 von Kaiser Wilhelm II. in den Adelsstand erhoben. Aus Laura Oelbermann wurde Laura von Oelbermann. Kurz darauf endete das Kaiserreich. Kurios: Sie war eine der letzten Personen, die noch in diesen Stand erhoben wurden. Darüber hinaus wurde sie mit vielen Orden und Ehrungen ausgezeichnet. Darunter waren:
das Ehrenzeichen für Kriegsfürsorge,
das Lippischen Kriegsverdienstkreuz,
das Ölberg-Kreuz,
das Verdienstkreuz für Frauen und Jungfrauen in Gold,
das Verdienstkreuz für Kriegshilfe,
der Sachsen-Meiningschen Verdienstorden für Frauen und Jungfrauen in der Kriegsfürsorge,
der Luisenorden Erster Klasse,
der Wilhelm-Orden,
die Rot-Kreuz-Medaille,
die Schaumburg-Lippischen Kriegs-Ehrenmedaille.
die Schwedische Medaille in Gold für Kunst und Wissenschaft am blauen Bande.5Schmidt, Klaus, Laura von Oelbermann, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/laura-von-oelbermann/DE-2086/lido/5dc018ad4661e2.56554166 (abgerufen am 27.02.2026)
Das Grabmal der Familie Oelbermann auf Melaten. Bild: Geolina163, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Tod, Vermächtnis und das Ende eines Hauses
Laura von Oelbermann starb am 3. Juni 1929 im Alter von 83 Jahren, sie wurde auf dem Melaten-Friedhof beigesetzt. Ihr Testament regelte alles genau: Zunächst die Versorgung der Angestellten, dann finanzielle Mittel für ihren Hund. Der weitaus größte Teil des Vermögens aber ging an ihre Stiftungen.
Das große Palais am Hohenstaufenring wurde zur Unterkunft für berufstätige evangelische Frauen. Erst Anfang der 1980er Jahre wurde das Gebäude abgerissen. Erhalten blieb das Grabmal auf dem Melaten-Friedhof.
Wo Köln sich dankbar erinnert
Seit 2005 trägt eine Promenade im Rheinauhafen ihren Namen. Sie erinnert an eine Frau, die ihren Reichtum nicht versteckte – sondern einsetzte. Und deren Vermächtnis bis heute fortdauert: Die Emil-und-Laura-von-Oelbermann-Stiftungen bestehen weiterhin. Das Stiftungskapital liegt bei rund 2,5 Millionen Euro. Das Krankenhaus am Weyertal genießt einen guten Ruf, das Hospital in Ostjerusalem versorgt vor allem palästinensische Patientinnen und Patienten.
So hat sie nicht nur in Köln soziale Strukturen hinterlassen, die bis heute wirken.
Blick in das Haus Oelbermann um 1895, Fotograf unbekannt, gemeinfrei, via Wikimedia Commons
Das Oelbermannhaus – ein züchtiges Haus!
Gabriele Kaspar hat als Auszubildende im Oelbermann-Haus gelebt und mir geschrieben:
Ich habe von 1968 bis 1972 im Oelbermannhaus, Hohenstaufenring 57, gewohnt. Zu dieser Zeit lebten überwiegend Studentinnen im Haus.
Ich hatte ein eingerichtetes Zimmer mit Waschgelegenheit. Handtücher wurden gestellt und gewaschen, das Zimmer gereinigt. Auf jeder Etage gab es gemeinschaftlicher Nutzung Toiletten, und eine Küche. Letztere hatte neben Kochgelegenheiten auch Kühlschränke in dem jede Mitbewohnerin ein abschließbares Fach hatte. Für jede Etage war eine Mitarbeiterin zuständig, die zum Teil auch im Haus wohnten. Es gab auch weitere Gemeinschaftsräume und Waschmöglichkeiten.
An die Höhe der Miete, die bar bei der Hausleitung bezahlt werden musste, kann ich mich nicht erinnern. Sie beinhaltete alle vorher genannten Leistungen sowie Strom und Heizung. Im Winter war sie wegen der Heizung etwas höher. Sie war jedenfalls sehr günstig und in meinem Fall sogar reduziert, da ich am Anfang noch in der Ausbildung war.
Neben diversen Hausregeln, die unbedingt eingehalten werden mussten, sonst bekam man eine Ansprache, hier eine die mir in Erinnerung geblieben ist.
An der von 8:30 oder 9:00 bis 22:00 Uhr besetzten Hauspforte lag ein Besucherbuch aus. In dieses musste sich jeder Besucher eintragen. Herrenbesuch war erlaubt, allerdings nur bis 21:30 Uhr und soweit ich mich erinnern kann auch nur für vier Stunden.
Eingehende Post wurde an der Pforte gesammelt, die Zimmerschlüssel sollten dort abgegeben werden. Falls man später als 22:00 Uhr nach Hause kommen wollte erhielt man einen Haustürschlüssel und seinen Zimmerschlüssel. Länger Abwesenheit musste angegeben werden.
Ein im ganzen „züchtiges“ Haus.
Gabriele Kasper
Vielen Dank an Gabriele Kasper für diese Informationen!
Fast direkt am Krankenhaus Weyertal liegt der Geusenfriedhof. Dies ist der älteste evangelische Friedhof des Rheinlands. Die erste Beerdigung fand dort im Jahr 1584 statt. Und bis weit in das 19. Jahrhundert war dieser Friedhof die einzige mögliche Begräbnisstätte für Protestanten in Köln. Auf diesem Freidhof wurde 1875 die letzte Bestattung durchgeführt. Und danach geriet diese Fläche in Vergessenheit – bis 1981. Der Friedhof wurde unter Denkmalschutz gestellt und die evangelische Gemeinde hat sich der verwilderten Fläche angenommen, Grabsteine wieder aufgerichtet und die Wege wieder hergestellt.