Köln-Ding der Woche

Jede Woche sonntags per e-mail ein Detail zu Köln. Lerne die Lieblingsplätze des Köln-Lotsens kennen, erweitere deinen kölschen Wortschatz und dein Wissen über prominente und unbekannte Kölner. Immer kurz & knackig, immer subjektiv und voreingenommen. Und immer rund um die schönste Stadt der Welt. 

Inhalt

  • 2.000 Jahre Köln: Historisches
    In Köln ist in den letzten 2.000 Jahren viel passiert. Hier findet ihr ein paar der vielen, vielen Geschichten aus der Kölner Geschichte.  
  • Bauwerke & Plätze
    Auch die im 2. Weltkrieg so stark zerstörte Stadt Köln hat wunderschöne Bauwerke, Orte und Plätze. Oft sind dies allerdings gut versteckt.
  • Ein paar Fragen an …
    In meiner Reihe „Ein paar Fragen an …“ befrage ich Menschen aus Köln, die etwas zu sagen haben.
  • Karneval
    Selbstverständlich nimmt die 5. Jahreszeit einen breiten Raum in unserer Stadt ein. Un et is härrlisch, Fastelovend ze fiere!
  • Köln im Krieg
    Der Krieg hat tiefe Wunden in der Domstadt hinterlassen. Zur „Stunde Null“ waren 80% der Gebäude in der Innenstadt zerstört.
  • Kölsche Persönlichkeiten
    Die alte Stadt am Rhein hat in den letzten zwei Jahrtausenden viele Persönlichkeiten hervorgebracht.
  • Kölsche Stöckelche
    Wenn der Kölsche von „Stöckelche“ spricht, dann meint er damit Anekdötchen.
  • Kölsche Tön
    Es gibt wahrscheinlich keine Stadt auf der Welt, die so oft besungen wird wie Köln.
  • Kölsche Wörter
    Die kölsche Sprache bietet wunderschöne Wörter. Und ein paar davon werden hier erklärt.
  • Kunst & Kultur
    Auch wenn es angesichts mancher Fehlplanungen oft schwer zu glauben ist: Köln ist auch eine Kulturstadt. 
  • Stimmen zum Köln-Ding der Woche
    Ein paar Abonnenten haben mir eine Rückmeldung zum „Köln-Ding der Woche“ gegeben. 
  • Karte zum Köln-Ding der Woche
    Fast alle „Köln-Dinger der Woche“ kann man sich anschauen. Falls ihr, unabhängig von einer Lotsentour, euch diese speziellen Seiten von Köln anschauen wollt, nutzt einfach diese Karte.

Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Immer kurz & knackig, immer subjektiv und voreingenommen.

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Kölner Brücken: Die Konstantinbrücke – Kölns erste feste Rheinquerung

Darstellung der Konstantinbrcke aus dem Jahr 1608 mit viel künstlerischer Freiheit, so gab es z.B. keinen Turm in der Brückenmitte
Darstellung der Konstantinbrücke aus dem Jahr 1608 mit viel künstlerischer Freiheit, so gab es z.B. keinen Turm in der Brückenmitte

Ich ben en kölsche Bröck
üvver die halv Kölle jöck.
Ich hald‘ minge Puckel hin
für üch he am Rhing.

(Kölsche Bröck von den Bläck Fööss)

Wie schön, dass es „Köln am Rhein“ heißt. Die Stadt hat sich in den letzten 2.000 Jahren links und rechts vom Fluss gebildet. Soweit alles gut. Doch das Drama beginnt, sobald man von einer Rheinseite auf die andere wechseln will. Wenn man nicht gerade mit der Personenfähre „Krokodil“ oder der Langeler Autofähre unterwegs ist, muss man eine Brücke nehmen. Deren gibt es heute insgesamt acht. Aber es gab auch einige Vorläufer, die heute nicht mehr existieren.

Die „Konstantinbrücke“ oder auch „Römerbrücke“

Unstrittig ist, dass es diese erste Brücke über den Rhein in Köln tatsächlich gab. Strittig ist allerdings, wie sie tatsächlich ausgesehen hat und vor allem, bis wann die Konstantinbrücke genutzt wurde.


Steckbrief Konstantinbrücke

  • Konstruktion: Steinpfeiler, Holz
  • Länge: 420 m
  • Breite: 10 m
  • Fertigstellung: ca. 310 n. Chr.

Der Rhein als Grenze

Strategisch war diese Brücke ein entscheidender Vorteil für die Römer: Der Rhein bildete die Grenze zwischen den links­rhei­ni­schen von den Römern besetzten Gebieten und den rechts­rhei­ni­schen Ger­ma­nen. Während Cäsar die Gebiete links vom Rhein für „zi­vi­li­sie­rungs­fä­hig“ hielt, sprach er den „rechtsrheinischen Barbaren jegliches Ro­ma­ni­sie­rungs­po­ten­ti­al ab“1Lambrecht, Ulrich, Der Rhein im Denken der Römer, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/der-rhein-im-denken-der-roemer/DE-2086/lido/5d63a243246c37.82044604, abgerufen am 18.05.2021

Um die wichtige Colonia Claudia Ara Agrippinensium, unser heutiges Köln, vor den „rechtsrheinischen Barbaren“ zu schützen, wurde im heutigen Deutz etwa 308 n. Chr. das Kastell Divitia als Brückenkopf errichtet.

Goldmünze, geprägt um 315 n. Chr. in Trier. Deutlich zu erkennen ist das Kastell Divitia, seitlich des Kastells sitzen ein besiegter Franke und Alemanne. Von der Konstantinbrücke sind zwei Bögen zu sehen, Bild: Radnoti-Alföldi 1991
Goldmünze, geprägt um 315 n. Chr. in Trier. Deutlich zu erkennen ist das Kastell Divitia, seitlich des Kastells sitzen ein besiegter Franke und Alemanne. Von der Konstantinbrücke sind zwei Bögen zu sehen, Bild: Radnoti-Alföldi 1991

Und dieser Schutz der linksrheinischen Gebiete war dringend notwendig. Bereits 261 n. Chr. kam es zu ersten Plünderungen durch die Franken im Römischen Reich – auf der linksrheinischen, also römischen, Seite des Flusses. Danach gab es regelmäßig weitere Überfälle von den Germanen rechtsrheinisch auf die römischen Provinzen linksrheinisch. Um auf diese Überfälle angemessen reagieren zu können, mussten schnell Truppen verlegt werden können.

So wurde 307 bis 309 n. Chr. mit dem Bau der Konstantinbrücke begonnen, was sich durch ein spezielles Verfahren zur Bestimmung des Alters von Holz mithilfe der Jahresringe nachweisen lässt.

Geborgene Eichenholzpfähle der Konstantinbrücke, heute im Römisch-Germanischen Museum, Bild: HOWI - Horsch, Willy
Geborgene Eichenholzpfähle der Konstantinbrücke, heute im Römisch-Germanischen Museum, Bild: HOWI – Horsch, Willy

Lage entspricht ungefähr der heutigen Deutzer Brücke

Es liegen keine gesicherten, endgültigen Erkenntnisse über die Konstruktion dieser ersten Rheinbrücke vor. Eindeutig ist, dass es sich um eine Brücke in Mischbauweise gehandelt hat. „Auf Pfahlrosten mit eingefüllten Steinen ruhten die aus Quadermauerwerk bestehenden Brückenpfeiler, während der Oberbau aus Hölzern mit einer hölzernen Fahrbahn errichtet war.“2 Frank/Hanel: Die Frankenfeldzüge der Kaiser Konstantin I. und Valentinian I. – Überlegungen zur spätrömischen Rheinbrücke zwischen der Colonia Agrippina und dem rechtsrheinischen castrum Divitensium anhand dendrochronologischer Daten, https://books.ub.uni-heidelberg.de/propylaeum/reader/download/492/492-30-85880-1-10-20190802.pdf, abgerufen am 12.05.2021

Die Brücke hat sich ungefähr dort befunden, wo sich heute die Deutzer Brücke über den Rhein spannt. Vermutlich lag sie linksrheinisch zwischen der Einmündung der Salzgasse in die Frankenwerft, rechtsrheinisch führte sie unmittelbar in das Kastell Deutz, heute etwa Alt St. Heribert.

Um wieviele Brückenpfeiler es sich gehandelt hat, ist unklar. 15 Pfeiler konnten nachgewiesen werden, vermutlich handelte es sich aber um 19 Pfeiler. Die These, dass die Konstantinbrücke in der Mitte tatsächlich eine Öffnung für den Schiffsverkehr gehabt haben soll, konnte bis heute nicht belegt werden.

900 Jahre bis zur nächsten Rheinquerung

Erste, umfangreichere Reparaturen der Brücke waren um etwa 335 n. Chr. fällig. Weitere Instandhaltungen können um 365 n. Chr. nachgewiesen werden. Unklar ist aber, wie lange die Brücke bestand. Dr. Marion Euskirchen vom Römisch-Germanischen Museum geht davon aus, dass die Brücke in karolingischer Zeit nicht mehr existierte. Denn: Bei einem Besuch Karls des Großen (747-814) in Köln wird Konstantinbrücke nicht erwähnt.3Uta Kristina Maul: Erster Brückenschlag um 310 nach Christus, https://www.koeln-deutz-extra.de/home/erster-br%C3%BCckenschlag-um-310-nach-christus-heumarkt-ausstellung-widmet-sich-auch-der-geschichte-der-r/, abgerufen am 12.05.2021

Und dann dauerte es fast 900 Jahre, bis Köln mit der Deutzer Schiffsbrücke wieder eine Rheinquerung bekommen sollte, allerdings nur als schwimmende Pontonbrücke.

Es bleibt die die Hoffnung, dass es jetzt nicht weitere 900 Jahre dauert, bis das aktuelle Kölner Brücken-Chaos beendet ist.


Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Immer kurz & knackig, immer subjektiv und voreingenommen.

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Der Bierbrunnen – besser bekannt als „Pippimann-“, „Pimmel-“ oder „Penis-“ Brunnen

Der Bierbunnen in Köln, Bild: Uli Kievernagel
Der Bierbrunnen in Köln, Bild: Uli Kievernagel

Es ist der Schnittpunkt der beiden wichtigsten römischen Straßen Kölns: Die heutige Hohe Straße und die Schildergasse. Hier lag das Forum des römischen Kölns: Ein großer Platz von etwa 180 x 180 Meter. Prächtige Bauten säumten die Ränder.  Richtung Rhein stand eine Basilika und Richtung Westen ein ringförmiger Säulengang mit mehr als 100 Metern Durchmesser,  geschmückt mit Standbildern. Es muss ein grandioser Anblick gewesen sein.

Heute sieht man dort H&M, Sport Scheck und den Kaufhof. Der gestalterische Höhepunkt ist der Apple Store. Irgendwie ernüchternd. Und als Blickfang in der Mitte dient eine steil aufragende, schmale Granitsäule, gesäumt von neun kreisrunden Sitzflächen. Oben fließt Wasser heraus und an der Stele entlang. Es handelt sich um den Bierbrunnen.

Nur die wenigsten Kölner können den Namen dieses Gebildes korrekt benennen. Unter den Kölschen ist diese knapp acht Meter hohe Säule eher bekannt als „Pippimann-“, „Pimmel-“ oder „Penis-“ Brunnen.  Warum? Wenn man sich den Brunnen so anschaut, ist der Vergleich nicht allzu abwegig. 

Moderne Kunst in der ersten Fußgängerzone Kölns

Auch wenn an dieser Stelle ästhetisch noch eine Menge Luft nach oben ist, sieht es heute immer noch besser aus als in den 1960er Jahren. Erst am 23. Februar 1966 wurde die Schildergasse zur ersten Fußgängerzone in Köln. Bis dahin war auch dort dichter Autoverkehr üblich.

Auf der neuartigen, autofreien Fläche sollte auch Kunst ausgestellt werden. Für diese Ecke an der Schildergasse war ein Brunnen als moderne Plastik vorgesehen. 1971 wurde dazu ein Wettbewerb an der gerade neu errichteten Fachhochschule Köln ausgeschrieben. Diesen Wettbewerb gewann der damals 24 Jahre alte Harald Frehen. Sein Entwurf sah eine schlanke, etwas in sich verdrehte Granitsäule vor, welche dann am 6. Mai 1972 feierlich eingeweiht wurde.

Tatsächlich könnte die schlanke Säule irgendwie als stilisiertes Kölschglas verstanden werden. Dafür braucht es allerdings etwas Phantasie. Eigentlich hätte dieser bedeutende Platz auch eine bedeutendere Konstruktion verdient. Ronald Füllbrandt (1961 – 2021) von den Kölschgängern bezeichnete den Brunnen daher als nicht besonders aufsehenerregend

Haus Mirweiler, das Zunfthaus der Kölner Brauer in der Schildergasse, Bild: unbekannter Künstler
Haus Mirweiler, das Zunfthaus der Kölner Brauer in der Schildergasse, Bild: unbekannter Künstler

Der Bierbrunnen erinnert an das Zunfthaus der Brauer

Finanziert wurde der Bierbrunnen von der Matthias Harzheim KG, der zu dieser Zeit bedeutendsten Biergroßhandlung in Deutschland. Der Brunnen soll an das nur ein paar Meter entfernte ehemalige Haus Mirweiler erinnern. Dort war bis 1927 das Zunfthaus der Brauer. Und so erklärt sich auch der Name des Brunnens: Aus dem Bierbrunnen floss tatsächlich Kölsch. Zumindest bei der Einweihung. Möglich wurde dies durch eine versteckt angelegte, unterirdische Leitung, die bis zu einem in einer Seitenstraße stehenden Kühlwagen verlegt wurde. Leider wurde diese Leitung aber nur selten benutzt, heute fließt nur noch Wasser aus dem Brunnen.

Kinder planschen am Bierbrunnen, Bild: Uli Kievernagel
Kinder planschen am Bierbrunnen, Bild: Uli Kievernagel

Aber immerhin haben bei gutem Wetter die Pänz Spaß daran, am Bierbrunnen zu planschen. Und auch eine weitere Funktion erfüllt der Brunnen: Als eindeutiger Treffpunkt mitten in der Stadt. Denn es heißt bis heute:

„Wir treffen uns am Pippimann-Brunnen.“


Brunnen in Köln
Brunnen in Köln

Neben dem Bierbrunnen haben wir auch beeindruckendere Brunnen in Köln:


Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Immer kurz & knackig, immer subjektiv und voreingenommen.

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Das Denkmal der grauen Busse – WOHIN BRINGT IHR UNS?

Das Denkmal der "Grauen Busse" in Deutz, Bild: Elke Wetzig, CC BY-SA 4.0
Das Denkmal der „Grauen Busse“ in Deutz, Bild: Elke Wetzig, CC BY-SA 4.0

Es wirkt auf den ersten Blick seltsam: Ein Bus, mitten auf einer Rasenfläche am Rhein. Aufgeschnitten in zwei Hälften, aus Beton, massiv, grau. Ohne Erläuterung erschließt sich dieses Mahnmal nicht. Auch die Inschrift im Inneren des aufgeschnitten Busses lässt den Betrachter mit Fragezeichen zurück: WOHIN BRINGT IHR UNS? 1940 / 1941

Inschrift auf dem Denkmal der "Grauen Busse", Bild: Elke Wetzig
Inschrift „WOHIN BRINGT IHR UNS? 1940 / 1941“  auf dem Denkmal der „Grauen Busse“, Bild: Elke Wetzig, CC BY-SA 4.0

Massenmord an Psychiatriepatienten

Dieses Mahnmal erinnert an die „Aktion T4“ in der Zeit des Nationalsozialismus. Mit dem euphemistischen Begriff „Gnadentod“ wurde im Nazi-Jargon die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ bezeichnet.

Mehr als 70.000 Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen wurden in  den Jahren 1940 und 1941 systematisch ermordet, bis 1945 fielen dieser unmenschlichen Behandlung mehr als 200.000 Menschen zum Opfer. Der Begriff „Aktion T4“ wurde erst in der Nachkriegszeit geläufig. In der Tiergartenstraße 4 in Berlin war die zentrale Verwaltungsstelle für die Leitung der Ermordung behinderter Menschen im Deutschen Reich untergebracht.

Per Erlass Hitlers, datiert auf den 1. September 1939, wird der „Gnadentod“ im NS-Staat legitimiert: Bild: Marcel (Fotograf), via Wikimedia Commons
Per Erlass Hitlers, datiert auf den 1. September 1939, wird der „Gnadentod“ im NS-Staat legitimiert: Bild: Marcel (Fotograf), via Wikimedia Commons

Die Nazis rechtfertigten die Ermordung der Menschen mit Behinderung durch ihre Vorstellung der „Rassenhygiene“:  Der „Deutsche Volkskörper“ sollte nicht durch die Fortpflanzung von unerwünschten Menschen „verunreinigt“ werden.

Ein Omnibus als Mahnmal

Elf graue Omnibusse vom Typ Mercedes-Benz O 3750 wurden von der NS-Tarnorganisation „Gemeinnützige Krankentransport GmbH“ (GEKRAT) eingesetzt, um in den Jahren 1940/41 insgesamt 691 Patienten der Heilanstalt Weißenau in das Vernichtungslager Grafeneck (Landkreis Reutlingen) zu transportieren. Das Zitat „WOHIN BRINGT IHR UNS?“ ist die überlieferte Frage eines Mannes, der von den Bussen abgeholt wurde, um in einem  Vernichtungslager umgebracht zu werden.

Ein GEKRAT Bus, ursprünglich von der Deutschen Reichspost, benutzt. Bild: Dokumentationsstelle Hartheim
Ein GEKRAT Bus, ursprünglich von der Deutschen Reichspost, benutzt. Bild: Dokumentationsstelle Hartheim

Die „Aktion T4“ lief zwar unter strikter Geheimhaltung ab. Das Schicksal der Insassen in den grauen Bussen war aber sowohl den Mitarbeitern der psychiatrischen Anstalten, den Busfahrern und auch den Bürgern in den Orten, durch welche die Busse rollten, bekannt.

So gehörte der Anblick der Busse in Nordhessen zum alltäglichen Anblick. In der NS-Tötungsanstalt Mönchsberg in Hadamar wurden fast 15.000 „lebensunwerte“ Menschen umgebracht. In dem Roman „Wenn nur der Sperber nicht kommt“ der Schriftstellerin Maria Marthi (1889-1961) wird detailliert der Weg eines solchen grauen Busses beschrieben. Als der Bus über die Nepomuk-Brücke mitten in Hadamar fährt, erkennen die Bürger in dem Bus Kindergesichter und wissen genau: „Die gehen jetzt in den Feuerofen.“.

Standort vor der Hauptverwaltung des LVR

Aus dem Rheinland wurden fast 10.000 Psychiatriepatienten umgebracht, zum Beispiel aus der Klinik Bedburg-Hau unter Verwaltung des Rheinischen Provinzialverbandes. Und so erklärt sich auch der Standort des Mahnmals: Der aufgeschnittene Bus steht in unmittelbarer Nähe der Hauptverwaltung des Landschaftsverbands Rheinland (LVR), welcher in der Nachfolge des Rheinischen Provinzialverbandes tätig ist.

Das Denkmal der "Grauen Busse", Bild: Uli Kievernagel
Das Denkmal der „Grauen Busse“, Bild: Uli Kievernagel

Denkmal an festen Orten und in Bewegung

Ursprünglich war geplant, neben einem fest installierten Bus-Denkmal an der Gedenkstätte in Weißenau, welches symbolisch die Einfahrt versperrt, ein zweites, transportables Bus-Denkmal an wechselnden Standorten aufzustellen. Nach Stationen unter anderem in Berlin, Brandenburg und Stuttgart wurde der Betonbus im September 2011 vor der LVR-Hauptverwaltung in Deutz aufgestellt. Im April 2012 wurde das Denkmal in Deutz ab- und in Zwiefalten in Baden-Württemberg wieder aufgebaut. Nach weiteren Stationen steht das Denkmal aktuell in Emmendingen. Wegen der Corona-Pandemie verzögerte sich der Weitertransport.

Das Denkmal der "Grauen Busse", im Hintergrund die LVR-Hauptverwaltung, Bild: Uli Kievernagel
Das Denkmal der „Grauen Busse“, im Hintergrund die LVR-Hauptverwaltung, Bild: Uli Kievernagel

Dauerhafter Standort in Deutz

Im Februar 2012 hat sich die Landschaftsversammlung Rheinland dazu entschlossen, das Denkmal dauerhaft in Deutz stehen zu lassen. Dazu wurde ein modellgleicher Nachguss der Betonbusse in Auftrag gegeben. Der aufgeschnittene Bus steht dort in Originalgröße mit einer Länge von fast neun Metern und einem Gesamtgewicht von 70 Tonnen. Somit gibt es heute zwei dauerhafte Standorte sowie das transportable Monument der „Grauen Busse“.

Vielleicht können andere Unternehmen und Institutionen vom LVR lernen:
Mit dem „Grauen Bus“ an prominenter Stelle setzt der LVR ein starkes Zeichen der Auseinandersetzung mit seiner Geschichte während der NS-Zeit. 


LVR – Unbekannter Riese mitten in Deutz

Obwohl der Landschaftsverband Rheinland (LVR) einer der größten Arbeitgeber in Köln ist und mit dem Landeshaus (das Gebäude auf Stelzen) auch einen Teil des Rhein-Panoramas darstellt, kennen diesen Kommunalverband nur wenige Menschen. Dabei betreibt der LVR mit seinen insgesamt 20.000 Beschäftigten 41 Schulen und zehn Kliniken. Zu den 20 LVR-Museen gehören unter anderem auch das LandesMuseum in Bonn, die beiden Freilichtmuseen in Kommern und Lindlar, der Archäologische Park Xanten oder das Max-Ernst- Museum in Brühl. 

Der LVR betreibt auch das Portal „KuLaDig – Kultur. Landschaft. Digital.“  (ein Informationssystem über die historische Kulturlandschaft und das landschaftliche kulturelle Erbe) sowie das Portal „Rheinische Geschichte“.

Das Deutzer Rheinpanorama. Prominent in der Mitte (auf Stelzen) das Landeshaus, die Hauptverwaltung des LVR, Bild: dronepicr, CC BY 2.0
Das Deutzer Rheinpanorama. Prominent in der Mitte (auf Stelzen) das Landeshaus, die Hauptverwaltung des LVR, Bild: dronepicr, CC BY 2.0

 


Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Immer kurz & knackig, immer subjektiv und voreingenommen.

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Es geht wieder los! Stadtführungen sind wieder erlaubt

Nach sieben langen Monaten geht es endlich wieder los: Stadtführungen sind wieder erlaubt. Gestern (Samstag, 29. Mai) lag der Inzidenzwert in Köln bei 42,74. Ab Montag dürfen wir wieder ein Kölsch draußen trinken und auch endlich wieder gemeinsam die schönste Stadt der Welt entdecken.

Für den Juni biete ich folgende Termine an:

Samstag, 12. Juni 2021, 14 Uhr
Lotsentour Innenstadt

Samstag, 19. Juni 2021, 14 Uhr
Lotsentour Marienburg

Sonntag, 27. Juni 2021, 14 Uhr
Lotsentour Südfriedhof

Auch alle, die Gutscheine z.B. über Veedelsretter gekauft haben, (nochmal ein großes DANKE dafür!) können diese ab sofort einlösen.

Bitte meldet euch rechtzeitig an. Ich benötige eure Anmeldung für die Nachverfolgbarkeit gemäß den gültigen Anordnungen. Alle weiteren Corona-Bedingungen habe ich hier aufgeführt.

Und noch eine Bitte an alle, die Erkältungssymptome verspüren: Ihr könnt unter diesen Umständen auch kurzfristig eure Tour absagen.

Hauptsache wir alle bleiben gesund!

Freue mich drauf, euch zu sehen,
vell Jröööß 

Uli, der Köln-Lotse


Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Immer kurz & knackig, immer subjektiv und voreingenommen.

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Die Hacht – ein Knast direkt am Dom

Wenn heute Touristen über die Domplatte streifen und Selfies vor der majestätischen Kathedrale machen, ist es kaum vorstellbar, dass noch bis 1893 dort die Hacht stand – ein Gefängnis und Gericht. Unzählige Delinquenten mussten sich dort unmittelbar vor ihrer Hinrichtung diesen Spruch vom Henker anhören:

Ich stoße Dich an den blauen Stein,
Du kommst zu Vater und Mutter nimmer heim.

Diese zum Tode verurteilten Menschen verbrachten ihre letzte Nacht in der Hacht auf der (heutigen) Domplatte. Mit Sonnenaufgang kam der Henker und führte sie hinaus. Der Stab wurde sie über gebrochen. Das war damals tatsächlich wörtlich zu verstehen, denn als Zeichen der richterlichen Gewalt wurde ein dünner, zuvor eingekerbter Holzstab zerbrochen. Der besagte „blaue Stein“ war eine an der Kirche St. Johann-Evangelist1Diese Kirche wurde 1828/1829 abgebrochen. eingemauerte Schieferplatte. Unter dem Läuten des Armesünderglöckchens ging es dann zum Richtplatz, in der Regel Melaten, wo das Todesurteil vollzogen wurde.

Lage der Hacht und der Hachtpforte. Deutlich zu erkennen: Der "Blaue Stein" auf dem heutigen Roncalliplatz, Bild: Hermann Keussen, Topographie der Stadt Köln im Mittelalter, 1910, Bd. 2)
Lage der Hacht und der Hachtpforte. Deutlich zu erkennen: Der „Blaue Stein“ auf dem heutigen Roncalliplatz, Bild: Hermann Keussen, Topographie der Stadt Köln im Mittelalter, 1910, Bd. 2)

Unüberschaubare Gerichtsbarkeit

Das Hachtgericht mit Gefängnis an der heutigen Straße Am Hof gehörte zu einer unüberschaubaren Vielzahl von Gerichten in Köln. Franz-Josef Knöchel bezeichnet die Organisation der Gerichtsbarkeit in Köln als unüberschaubar: So können für das Jahr 1806 in Köln 60 Gerichte nachgewiesen werden, darunter das Bürgermeister-, Rats- und Amtsgericht, aber auch ein Turmgericht, ein Gewaltgericht, ein Fiskalgericht oder das „Unterlahngericht“, welches für Erbschaftsstreitereien zuständig war. Kurios: Auch für die Belange der Winzer und Weinhändler gab es ein eigenes Gericht.2„Gefängnis und Gericht Hacht in Altstadt-Nord”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-296981 (Abgerufen: 21. April 2021)

Basis für die spezielle Rechtsprechung des Hachtgerichts waren die vom Erzbischof auf seinen Vogt übertragenen Befugnisse. In diesem Gericht wurden alle möglichen Straftaten verhandelt, von einfachem Diebstahl bis hin zu Kapitalverbrechen. Aber auch Hexenprozesse fanden in der Hacht statt.

Ein finsterer Ort

Der Name Hacht leitet sich wahrscheinlich von dem Begriff „Haft“ ab. Mit Hacht wurde aber nicht nur das Gericht und das Gefängnis, sondern weite Teile des Bereichs um den Dom bezeichnet. Allerdings war diese Ecke, die ungefähr am heutigen Heinzelmännchenbrunnen liegt, damals wenig ansehnlich: Es stank erbärmlich, ein offener Abwasserkanal zog sich quer über das Gelände. Die heutige Straße Am Hof markierte mit dem bereits 1165 errichteten Hachttor die Grenze des bischöflichen Immunitätsbezirks.3Diese Bereiche grenzten den Bereich der Freien Reichsstadt Köln von dem juristisch eigenständigen Areal der Klöster und Kirchen ab. Wer sich in einem Immunitätsbezirk aufhielt, unterlag dem Kirchenrecht.

Die Hacht selber war ein finsterer Ort, mit engen Zellen und in die Wände eingelassenen Eisen- und Halsringen, an welche die Gefangenen gekettet wurden. 1404 brannte die Hacht ab, wurde aber wieder als schmuckloses Funktionsgebäude aufgebaut, um das sich wohl nicht ausreichend gekümmert wurde. Im Jahr 1621 war die Hacht dann so baufällig, dass das Gebäude abgerissen und neu aufgebaut wurde.

Holzmodell der Hacht von 1726, Bild: Die Kunstdenkmäler der Stadt Köln, 1930, S. 346
Holzmodell der Hacht von 1726, Bild: Die Kunstdenkmäler der Stadt Köln, 1930, S. 346

Die Hacht führt zum Streit zwischen Kurfürsten und Stadt

Und wieder wurde die Hacht vernachlässigt, und es kam 1726 zu einem Streit zwischen der kurkölnischen Verwaltung und der Stadt. Gegenstand des Streits waren die Kosten zur dringend notwendigen Renovierung der Hacht. Beide Parteien konnten sich nicht einigen, so wurde der Kaiser zum Schiedsrichter berufen. Zur Klärung des Sachverhalts wurde eigens ein Modell des Gebäudes aus Holz nachgebaut. Das Urteil des vom Kaiser eingesetzten Schiedsrichter war salomonisch: Die Reparatur des Mauerwerks hatte der Kurfürst, die des Oberhauses die Stadt zu bezahlen.

Die Hachpforte um 1890, Bild: Rheinisches Bildarchiv Köln
Die Hachpforte um 1890, Bild: Rheinisches Bildarchiv Köln

Heute wird wieder gebaut

In der Folgezeit waren in der Hacht eine Schnapsbrennerei und ein Antiquitätenhändler untergebracht. 1820 wurden die Gebäude abgerissen und das Hotel Francfort dort errichtet. Wie anscheinend an dieser Stelle üblich wurde auch das Hotel nicht ausreichend gepflegt. So war es kein Verlust, als das baufällige Gebäude 1893 abgerissen wurde, um eine freie Sicht auf den zwischenzeitlich fertiggestellten Dom zu ermöglichen.

Heute gibt es quer über den Roncalliplatz den freien Blick auf den Dom. Aber die Bautätigkeit dort geht wieder los: Das Dom-Hotel wird kernsaniert, das Kurienhaus an der zum Rhein gelegenen Seite und auch das gegenüberliegende Laurenz-Carré werden demnächst abgerissen. Hier wird vollständig neu gebaut.

Aber schon in 20 Jahren ist dann alles fertig.
Darauf freue ich mich schon heute.


Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Immer kurz & knackig, immer subjektiv und voreingenommen.

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Der „Kölsche Boor en Iser“: Spenden sammeln durch Nägel einschlagen

Der Kölsche Boor in Iser, Bild: Uli Kievernagel
Der Kölsche Boor in Iser, Bild: Uli Kievernagel

Er ist stattlich, massiv, wehrhaft. Und mehr als drei Meter hoch. Und genau das wird ihm jetzt zum Verhängnis: Der „Kölsche Boor en Iser“ passt nicht in das Übergangsquartier des Stadtmuseums im ehemaligen Kaufhaus Sauer. „Man würde keinen Museums-Neubau so planen.“ sagt Stefan Lewejohann, Kurator im Stadtmuseum, und meint damit, dass ein ehemaliges Kaufhaus nur bedingt als Museum genutzt werden kann. Derzeit ist offen, was mit der geschichtsträchtigen Figur des Kölschen Boors passiert.

Spenden sammeln durch Nägel einschlagen

Vielleicht könnte man dä Boor wieder dort aufstellen, wo die ganze Geschichte vor 106 Jahren begann: Am Gürzenich. Dort wurde im Juni 1915 die 3,25 Meter hohe Statue aus vergoldetem Lindenholz in einem Pavillon aufgestellt. Es handelte sich um eine der zu dieser Zeit populären Nagelfiguren. Solche Figuren wurden aufgestellt, um Spenden zu sammeln. Die Idee stammte aus Österreich, wo man in Wien das Ritterstandbild „Wehrmann in Eisen“ aufgestellt hatte. Jeder konnte für einen bestimmten Betrag einen Nagel in die Figur schlagen.

Plakat von Franz Brantzky zum Kölsche Boor
Plakat von Franz Brantzky zum Kölsche Boor

Die Variante in Köln, der „Kölsche Boor in Iser“ („Der Kölsche Bauer in Eisen“), entpuppte sich als gigantischer Spendensammel-Erfolg. Nach zwölf Monaten wurden bereits mehr als 700.000 Reichsmark an Spenden eingenommen, bis 1919 verdoppelte sich diese Summe auf ca. 1,5 Millionen Reichsmark. Umgerechnet auf heutige Verhältnisse wären das mehr als 14 Millionen Euro.

Symbol der Wehrhaftigkeit der Stadt

Dabei war es kein Zufall, dass ausgerechnet der „Kölsche Bauer“ als Galionsfigur für die Spenden-Kampagne in Köln ausgewählt wurde. Bis heute steht der Kölner Bauer für die Wehrhaftigkeit und Unsterblichkeit der Stadt. Auch der Bauer im Dreigestirn verkörpert diese Eigenschaften. Wer meint, dass dieser Bauer nur einen harmlosen Landwirt darstellen soll, liegt vollkommen falsch. Der „Kölsche Boor“ repräsentiert die Wehrhaftigkeit der Stadt. Er trägt ein Kettenhemd, auf sehr alten Darstellungen auch ein Schwert. Der schwere, eisenbewehrte Dreschflegel des Bauern ist weniger dafür gedacht, Korn zu dreschen, sondern eher die Feinde der Stadt zu Brei zu schlagen. 

Ne staatse Buur! Deutlich zu erkennen: Das Kettenhemd. Bild: Norbert Bröcheler
Der Bauer im Dreigestirn steht für die Wehrhaftigkeit der Stadt.  Deutlich zu erkennen: Das Kettenhemd. Bild: Norbert Bröcheler

Ostermann schreibt patriotisches Marschlied  

Die Nagelfigur des Kölsche Boor ist schnell über und über mit Nägeln gespickt, nur noch der Kopf zeigt die ursprüngliche goldene Lackierung. Wieviele Nägel es tatsächlich sind, kann niemand sagen. Neben der „Nagel-Spende“ werden die Kölner auch im nahegelegenen „Geschäftslokal des Kölschen Boor“1Bitte nicht mit der schönen Gaststätte „Em Kölsche Boor“ am Eigelstein verwechseln, diese beiden Einrichtungen haben nur den Namen gemeinsam.zur Kasse gebeten. Waren es anfangs noch Spenden für die Witwen und Waisen der aus Köln stammenden gefallenen Soldaten, sollten die Kölner in dem Geschäftslokal Gold gegen Papiergeld tauschen, um die Rüstungsindustrie bezahlen zu können.

Größere Spender werden per Plakette namentlich genannt und in einer eigens zu diesem Zweck erscheinenden Wochenzeitschrift aufgeführt. Der Besuch beim Boor und die entsprechende Spende wurde zur patriotischen Pflicht hochstilisiert, Spendenunwillige werden als Vaterlandsverräter verunglimpft. Im Zuge dieser Euphorie dichtet Willi Ostermann 1915 das Marschlied „Dä kölsche Boor en Iser“:

„Kölschen Boor, do ließ dich kamisöle,
kölschen Boor, wat ließ do dich vernäle;
dat es rääch, do kölschen Boor, halt Stand!
Et jeiht för dich un för et Vaterland.

Et es nit jedemein jejevve,
met vören an der Front zo sin.
Doch jeder, der doheim jeblevve,
jitt wat hä kann met Freuden hin. …“

Übersetzung:
Kölscher Bauer, du lässt dich verprügeln,
Kölscher Bauer, was lässt du dich vernageln;
Das ist recht, du Kölscher Bauer, halte Stand!
Es geht um dich und um das Vaterland.

Es ist nicht jedem gegeben,
mit vorne an der Front zu sein.
Doch jeder, der daheim geblieben,
gibt was er kann mit Freuden hin.

Wohin jetzt mit dem Koloss?

Im Januar 1919 wurde der von oben bis unten mit Nägeln beschlagene Kölsche Boor in den Gürzenich gebracht, anschließend stand er im „Haus der Rheinischen Geschichte“ am Rheinufer. Seit 1984 ist er im Stadtmuseum zu finden. Doch wohin mit dem Koloss nach dem Umzug ins Übergangsquartier?

Ist doch ganz einfach: Bringt ihn dahin zurück, wo er herkam: In den Gürzenich.


Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Immer kurz & knackig, immer subjektiv und voreingenommen.

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Der Stadt Bestes – Das Gute in der Krise

Toni Schumacher hat das ruhigere Leben genossen, Bild: Studio157.info
Toni Schumacher hat das ruhigere Leben genossen, Bild: Studio157.info

Lockdown – Impfneid – Inzidenz – Aerosole: Noch vor etwas mehr als einem Jahr hätte niemand verstanden, was diese Begriffe bedeuten. Und auch das, was damit zusammenhängt. Wir erleben Einschränkungen unseres Lebens, kranke Menschen, Isolation. Jeder hat seine ganz persönliche Geschichte mit der Pandemie.

Doch so schwer das zu glauben ist: Es gibt auch positive Aspekte. Und diese positiven Seiten hat der Fotograf Thomas Ahrendt aus Dellbrück gesammelt. Seine Idee ist bestechend: Er will, dass wir alle mal überlegen „Gab es nicht doch bei all der Misere etwas Positives, was uns so ein Stück weit aus der Krise hebt? Damit wir eben auch positiv in die Zukunft blicken können.“ Ahrendt hat deswegen prominente und unbekannte Kölner gefragt: Was war das Gute in der Krise? Begonnen hat er damit im Oktober 2020. „Ich wollte Köln als Keimzelle eines neuen Optimismus zeigen, einer Bewegung von Menschen, die Mut machen wollen.“, so Ahrendt.

Biggi Wanninger hält schlechte Laune für Zeitverschwendung, Bild: Studio157.info
Biggi Wanninger hält schlechte Laune für Zeitverschwendung, Bild: Studio157.info

Bekannte und unbekannte Kölner stehen Rede und Antwort

Ahrendt hat den Menschen ganz konkrete Fragen gestellt:

  • Wie haben Sie selbst persönlich die Krise wahrgenommen?
  • Was haben Sie aus der Krise Positives mitgenommen oder ist Ihnen durch Dritte widerfahren?

Auf seine Fragen haben mittlerweile 70 Personen Rede und Antwort gestanden, darunter FC-Legende Harald „Toni“ Schumacher, Entertainer Guido Cantz, Künstler Cornel Wachter oder Biggi Wanninger, Präsidentin der Stunksitzung. Aber auch „Lück wie ich und du“ haben vor der Kamera gestanden und erzählt. Darunter die bewegende Geschichte von Angelika Reitz, deren Mann an Covid-19 gestorben ist. Sie betont, ihre Dankbarkeit gegenüber den Pflegerinnen und Pflegern: „Ich fand das so berührend. Man hat gesehen, wie liebevoll und achtsam die Pflegerinnen und die Ärzte mit ihm umgegangen sind.“

Der liebevolle Umgang der Pfleger und Ärzte mit ihrem sterbenden Mann hat Angelika Reitz berührt, Bild: Studio157.info
Der liebevolle Umgang der Pfleger und Ärzte mit ihrem sterbenden Mann hat Angelika Reitz berührt, Bild: Studio157.info

Mit jeder fotografierten Person hat Fotograf Ahrendt ein Interview geführt. Daraus hat Mitinitiator Ulrich Kock-Blunk, evangelischer Pfarrer der Christusgemeinde in Dellbrück, die prägnantesten Zitate ausgewählt. Und jeder Teilnehmende wurde für ein Ganzkörperportrait fotografiert. Jeweils mit einem Gegenstand, welcher zum Kerngedanken passt. So zeigt Biggi Wanninger stolz einen Schwingschleifer und meint „Auch in diesen ver-rückten Zeiten ist schlechte Laune Zeitverschwendung. Ich habe alles abgeschliffen, was nicht bei drei auf dem Sperrmüll war.“ Und Pit Hupperten von den Bläck Fööss freut sich, dass „Leute Musik wieder anders gehört haben. Ich hoffe, dass die Menschen sich auch besser zuhören, das wäre ein schöner Nebeneffekt.“ Alle Fotos sind in einer virtuellen Ausstellung der Evangelischen Christusgemeinde in Dellbrück zu sehen.

Cornel Wachter sieht die Welt auch nach der Pandemie noch in bunt. Bild: Studio157.info
Cornel Wachter sieht die Welt auch nach der Pandemie noch in bunt. Bild: Studio157.info

Noch ein positiver Effekt: Die Ausstellung nutzt die größte Galerie Kölns

Ihre volle Wirkung zeigen die 2 x 1 Meter großen Portraits, wenn man diese „in echt“ sehen kann. Und so kamen die Macher von „Der Stadt Bestes“ auf die Idee, die Lanxess-Arena zu nutzen. Denn: Auch in der Lanxess-Arena herrscht seit Monaten gähnende Leere – Corona hat den Betrieb lahmgelegt. Aber wieso sollte man die Arena trotz Corona nicht doch nutzen?

Und so ist die Arena noch bis zum 20. Mai Kölns größte Galerie. Dafür wird das gläserne Foyer genutzt: Besucher dürfen zwar nicht rein – aber von draußen reinschauen ist erlaubt. So hat Arena-Chef Stefan Löcher der Ausstellung #derstadtbestes einen idealen Raum gegeben.

Guido Cantz bleibt Optimist, Bild: Studio157.info
Guido Cantz bleibt Optimist, Bild: Studio157.info

Und bei euch? Was bleibt positiv im Gedächtnis?

Und so kommt jeder selbst in Grübeln: Welche positiven Aspekte hat die Pandemie gebracht? Vielleicht seht ihr das genau wie Guido Cantz:

Ich wünsche uns allen mehr Zeit für weniger Abstand.


Uli Kievernagel dankt der Nachbarschaft, Bild: Kievernagel
Uli, der Köln-Lotse, dankt der Nachbarschaft. Dieses Bild ist nicht Bestandteil des Projektes und auch nicht der Lanxess-Arena zu finden.  Bild: Kievernagel

Auch meine Frau und ich waren Corona-positiv und fast drei Wochen in Quarantäne. Meine ganz persönliche positive Erfahrung aus der Pandemie ist, dass wir eine wahnsinnig tolle Nachbarschaft haben, die sich während der Quarantäne rührend um uns gekümmert hat. Auch hier noch einmal ein großes DANKE an Christa, Eva, Gabi, Jasmin, Jürgen, Norbert, Henning und alle um uns herum, die mit aufmunternden Worten und Care-Paketen Licht in die Quarantäne gebracht haben. 


 

Alle Infos zu „Der Stadt Bestes“ gibt es auf der Website von Thomas Ahrendt und unter den Hashtags #derstadtbestes | #thomas-ahrendt |#studio157.


Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Immer kurz & knackig, immer subjektiv und voreingenommen.

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Der Kölner Stapel – ein gutes Geschäft für die Kölner

Das Stapelhaus war lange Zeit ein wichtiger Umschlagsplatz für verderbliche Güter, insbesondere Fisch, Postkarte von ca. 1900, Wizico Verlag
Das Stapelhaus war lange Zeit ein wichtiger Umschlagsplatz für verderbliche Güter, insbesondere Fisch, Postkarte von ca. 1900, Wizico Verlag

Stellt euch mal vor, ihr wärt ein Winzer in Mainz. Und ihr hättet Kunden in Amsterdam, die bei euch 20 Fässer Wein bestellen. Ihr packt den Wein in Mainz auf ein Schiff und dann geht es ab nach Amsterdam. Doch in Köln müsstet ihr erstmal den ganzen Wein ausladen und mindestens drei Tage allen Kölnern zum Verkauf anbieten, bevor ihr mit den nicht verkauften Resten nach Amsterdam weiterfahren dürftet. Klingt verrückt – war aber von der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts bis ins neunzehnte Jahrhundert gelebte Praxis in Köln und nannte sich Stapelrecht.

Der Kölner Stapel

Der 7. Mai 1259 war für die Kölner ein Tag zu Freude. An diesem Tag gewährte der Erzbischof von Köln, Konrad von Hochstaden, der Stadt das Stapelrecht. Vereinfacht ausgedrückt bedeutete das Stapelrecht: Alle Waren, die durch Köln transportiert wurden, mussten den Kölner Bürgern drei Tage lang zum Kauf angeboten werden. Tatsächlich gab es bereits lange vorher spezielle Zollregeln. Doch neu war, dass auch die Waren, die nur im Transit und somit nicht für Köln bestimmt waren, angeboten werden mussten. Der Begriff Stapelrecht leitet sich davon ab, dass die Händler ihre Waren zum Verkauf stapeln mussten, daher auch der Begriff „Kölner Stapel“.

Vergleichbare Stapelreche hatten auch andere große Handelsstädte, zum Beispiel Mainz, Frankfurt am Main, Erfurt, Wien und die Hansestädte Hamburg, Lübeck oder Rostock. Allerdings hatte Köln einen ganz entscheidenden Vorteil: Mit dem Rhein verlief auch der wichtigste Transportweg des Reichs mitten durch die Stadt. Und das Stapelrecht wurde auch auf alle Waren angewendet, die auf dem Fluss transportiert wurden.

Kupferstich von Abraham Hogenberg (1578-1653)
Kupferstich von Abraham Hogenberg (1578-1653)

Zwar gab es trickreiche Händler, die das Stapelrecht umgehen wollten, indem sie Waren weit vor der Stadt und außerhalb des Stapel-Privilegs von den Schiffen ausluden. Die Waren wurden auf Karren um Köln herum transportiert und danach wieder auf Schiffe geladen. Beliebt waren dafür die Häfen in Zündorf und Mülheim. Noch heute erinnert der „Mauspfad“ (als Ableitung von „Mautpfad“) an diese Praxis. Allerdings war diese Variante teuer und zeitaufwändig.

Umschlag von Nieder- auf Oberländer

Neben dem Stapelrecht gab es auch noch das Umschlagsrecht. Hier spielten die Bedingungen der Schifffahrt auf dem Rhein den Kölnern in die Karten. Auf dem Weg von der Nordsee bis nach Köln konnten Schiffe mit größerem Tiefgang eingesetzt werden – sogenannte Niederländer. Allerdings konnten diese nicht rheinaufwärts durch das enge und felsige Mittelrheintal fahren. Deswegen wurden die Waren auf sogenannte Oberländer umgeladen. Oberländer sind Frachtschiffe mit geringem Tiefgang, die besonders gut für die schwierigen Stromverhältnisse im Mittelrheintal geeignet waren.

Der Schiffstyp "Oberländer", perfekt geeignet für Fahrten durch das Mittelrheintal, Bild: Ausschnitt aus der Stadtansicht von Anton Woensam, 1531
Der Schiffstyp „Oberländer“, perfekt geeignet für Fahrten durch das Mittelrheintal, Bild: Ausschnitt aus der Stadtansicht von Anton Woensam, 1531

Die Niederländer fuhren in etwas bis Höhe Salzgasse. Dort stellte die Stadt spezielle Möglichkeiten zum Umladen auf die Oberländer und umgekehrt zur Verfügung. Auf der Stadtansicht von Anton Woensam aus dem Jahr 1531 kann man die verschiedenen Schifftypen sowie ein abgeschrägtes Holzgestell als Trennlinie zwischen den Oberländer und Niederländer Schiffen gut erkennen. Noch heute erinnern die Kölner Straßennamen „Niederländer Ufer“ und „Oberländer Ufer“ an diesen speziellen Warenumschlag.

Sogenannte "Niederländer" für Fahrten auf dem Rhein bis zur Nordsee. Am linken Bildrand ist das Holzgestell zu erkennen, welches die Anlegestellen der Ober- und Niederländer trennt, Bild: Ausschnitt aus der Stadtansicht von Anton Woensam, 1531
Sogenannte „Niederländer“ für Fahrten auf dem Rhein bis zur Nordsee. Am linken Bildrand ist das Holzgestell zu erkennen, welches die Anlegestellen der Ober- und Niederländer trennt, Bild: Ausschnitt aus der Stadtansicht von Anton Woensam, 1531

Mittelsmänner für den Warenumschlag und der „Kölner Brand“

Für die Kölner war das Stapelrecht eine hervorragende Möglichkeit, nicht nur an die besten Waren zu kommen, sondern auch Geschäfte zu machen. Denn das Stapelrecht regelte auch, dass die Händler von außerhalb nicht untereinander Geschäfte machen durften, sondern dafür einen Kölner Mittelsmann brauchten. Hier boten sich die Wirte an, bei denen die Händler, die in Köln ihre Waren stapeln mussten, untergebracht waren. Und diese ließen sich für diese Tätigkeit gut bezahlen.

Die Stadt profitierte aber auch von den unterschiedlichen Abgaben in Zusammenhang mit dem Stapelrecht: Steuern, Benutzungsgebühren für die Kräne, Wiegegeld und Ha­fen­ge­bühren füllten die Stadtkassen. Außerdem wurden Qualitätskontrollen für sogenannte „Ventgüter“ eingeführt. Zu den Ventgütern gehörten empfindliche und verderbliche Waren wie zum Beispiel Fi­sch, But­ter oder Speck. Bei dieser Kontrolle wurden diese Waren geprüft und umgepackt. Nach dem Umpacken erhielten zum Beispiel Fässer mit Heringen, die neu eingesalzen wurden, ein spezielles Brandzeichen: Drei Kronen, den „Kölner Brand“. Auch für dieses Qualitätskennzeichen wurden Gebühren an die Stadt fällig.

Das Kölner Stapelhaus heute, Bild: Michael Musto, CC BY-SA 4.0
Ein wichtiger Umschlagplatz für Ventgüter, insbesondere Fisch, war das Stapelhaus. Über speziell Abflussöffnungen konnten Abfälle direkt in den Rhein gespült werden, Bild: Michael Musto, CC BY-SA 4.0

Die „Zweite Rhein­schiff­fahrts­ak­te“ löst das Stapelrecht auf 

Ab etwa Mit­te des 16. Jahr­hun­derts verlor das Kölner Stapelrecht an Bedeutung. Doch die Kölner hielten trotz gegenteiliger Bestimmungen daran fest, obwohl das Stapelrecht spätestens ab etwa 1800 nur noch als Umschlags­recht ausgeübt wurde. Erst die „Main­zer Rhein­schiff­fahrts­ak­te“ vom 31. März 1831 beendete nach immerhin 572 Jahren offiziell das Stapelrecht.

Ganz umsonst mussten sich die Kölner aber nicht von ihrem geliebten Kölner Stapel verabschieden: Preußen zahlte eine Entschädigung in Höhe von 50.000 Talern pro Jahr. So erwirtschaftete die Stadt immerhin noch 232.000 Ta­ler, bevor die „Zweite Rhein­schiff­fahrts­ak­te“ im Jahr 1868 ganz offiziell das Umschlags- und Stapelrecht auflöste.

Und so trauern die Kölner heute noch immer einem Recht nach,
welches ihnen wirklich gut gefiel:
Wenig machen, dafür aber viel Geld kassieren.


Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Immer kurz & knackig, immer subjektiv und voreingenommen.

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Die Simultanhalle – ein dauerhaftes Provisorium

Die Simultanhalle in Volkhoven, Bild: Elke Wetzig (Elya), CC BY-SA 3.0
Die Simultanhalle in Volkhoven, Bild: Elke Wetzig (Elya), CC BY-SA 3.0

Nichts ist in Kölle so beständig wie die vielen Provisorien: Die „Blaue Mülltüte“, auch bekannt als Musical-Dome, sollte drei Jahre bestehen. Aktuell steht das hässliche Ding bereits 25 Jahre neben dem Dom. Und auch die „Sackgassen-U-Bahn Linie 17“ wird uns wohl auch noch viele weitere Jahre erhalten bleiben.

Selbstverständlich können wir auf die beiden oben genannten Provisorien gerne verzichten. Aber es gibt auch besondere Dinge, die eigentlich nur auf Zeit angelegt waren, die aber trotzdem erhalten bleiben sollten. Dazu gehört zum Beispiel die Seilbahn, die eigentlich nur für die Bundesgartenschau 1957 ihre Runden drehen sollte, und auch unbedingt die Simultanhalle.

Ein „Architektur-Dummy“

Wenn man vor der Simultanhalle steht erkennt man sofort die Ähnlichkeit. „Hä?“ denkt sich der Kölsche „Dat süht jo uss wie dat Museum.“ Und damit hat er recht. Die Simultanhalle in Volkhoven sieht tatsächlich aus wie das Museum Ludwig. Nur in klein.

Das Museum Ludwig, Bild: Raimond Spekking
Unverkennbar: Die „große Schwester“ der Simultanhalle: Das Museum Ludwig, Bild: Raimond Spekking

Errichtet als Testbau im Jahr 1979 hatte dieses Gebäude den einzigen Zweck, als Modell für das große Museum Ludwig zu dienen. Mit der für ein Museum neuen Variante eines Sheddachs waren neue Herausforderungen zur Lichtführung verbunden. Bevor viel Geld in die „echte“ Konstruktion in der Innenstadt gesteckt werden sollte, wollte man die Praktikabilität dieser speziellen Dachkonstruktion in kleinem Maßstab testen. Und da man ein solches Testobjekt zur Verfügung hatte, konnte man auch gleich verschiedene Fassadenvarianten, Wand- und Bodenbeläge testen.

Gut zu erkennen: Testflächen von verschiedenen Fassadenvarianten an der Simultanhalle, Bild: Elke Wetzig (Elya), CC BY-SA 3.0
Gut zu erkennen: Testflächen von verschiedenen Fassadenvarianten an der Simultanhalle, Bild: Elke Wetzig (Elya), CC BY-SA 3.0

Ungewöhnlich ist dieses Vorgehen bei großen Bauvorhaben nicht. Doch während üblicherweise nur Teile von Dächern, Mauern oder Fassaden zum Test errichtet werden, baute man in Volkhoven direkt ein ganzes Haus. In der städtischen Verwaltung bürgerte sich für das Provisorium schnell der Begriff „Simultanhalle“ ein.

Ein Ort der Kultur im Norden Kölns

Mit dem Bau der Simultanhalle war der Abriss im Jahr 1983 fest eingeplant. Wenn da nicht die Künstlerin Eva Jansková den ganz besonderen Wert dieses Bauwerks entdeckt hätte. Um Fakten zu schaffen organisierte sie Ausstellungen in dieser Halle. Durchaus eine Besonderheit in der nicht durch Kunst geprägten nördlichen Peripherie Kölns. Dies wurde auch von der Stadtverwaltung erkannt, die 1984 die Trägerschaft über die Simultanhalle übernahm.

Die spektakulärste Ausstellung in der Simultanhalle fand am 6. September 1986 statt: Während in der Innenstadt das große Museum Ludwig mit Gala-Konzert, Lasershow und Feuerwerk am Rhein eröffnet wurde, fand in Volkhoven die Eröffnung des „Klaus Peter Schnüttger-Webs-Museum“ statt – ein Gag des Künstlers Ulrich Tillman. Dieses fiktive Museum schließt gleich am nächsten Tag „wegen der enormen Folgekosten“ wieder, doch die Aktion hat den gewünschten Erfolg, und die Simultanhalle wird überregional bekannt.

Schließung wegen statischer Bedenken

Bis 2017 läuft der Ausstellungsbetrieb in der zunehmend baufälliger werdenden Halle, dann schließt die Stadt das Gebäude wegen statischer Bedenken. Erstaunlich ist, dass das Provisorium überhaupt so lange durchgehalten hat. Damit der Kulturbetrieb nicht völlig zum Erliegen kommt, organisieren Künstler und ein Förderverein Ausstellungen auf dem Gelände rund um die Halle.

Eine Sanierung wurde mit 200.000 Euro veranschlagt. Die Stadt will das Geld nicht aufbringen, weil das Provisorium weder eine besondere Bedeutung für die Baugeschichte oder Stadtgeschichte habe, so die Stadt. Gleichzeitig erkennt aber das Kulturamt die Bedeutung der Simultanhalle als Ort für Kunst und Kultur an und fördert den Betrieb durch Zuschüsse.

Der Charme des Provisorischen oder eine moderne Infrastruktur?

Der Plan der Stadt ist es, das gesamte Gelände in Erbpacht an einen Investor zu vergeben. Dabei soll ein niedriger Erbbauzins, gekoppelt mit strengen Vorgaben, das Areal als Kunstort zu erhalten, um den weiteren Kulturbetrieb sicherstellen. Allerdings ohne ausdrücklich den Erhalt der Simultanhalle festzuschreiben. Stattdessen soll eine neue, moderne Halle entstehen.

Dies ist nicht im Interesse des Fördervereins, der eine Petition zur Rettung der Simultanhalle veröffentlicht hat. Abzuwarten bleibt, ob sich ein Investor findet, der beide Welten vereint: Den Charme des Provisorischen der Simultanhalle bei gleichzeitiger Schaffung einer modernen Infrastruktur.

Die Chancen stehen aktuell nicht schlecht: Im Bündnisvertrag vom 8. März 2021 des neuen Kölner Mehrheitsbündnisses aus CDU, GRÜNE und VOLT steht ausdrücklich „Für den Erhalt der Simultanhalle werden wir uns einsetzen.“1(Seite 84, Zeile 2716 des Bündnisvertrags).

Aber bis zu einer endgültigen Entscheidung läuft noch viel Wasser den Rhein herunter. Merke: Provisorien leben in Köln immer viel länger als geplant.

 


Gedenktafel zum Attentat in Volkhoven am 11. Juni 1964, Bild: Raimond Spekking
Gedenktafel zum Attentat in Volkhoven am 11. Juni 1964, Bild: Raimond Spekking

Das Attentat von Volkhoven

Die Simultanhalle steht auf dem Schulhof der Volksschule Volkhoven. Am  11. Juni 1964 stürmte ein 42jähriger Mann, bewaffnet mit einer Lanze und einem selbstgebauten Flammenwerfer, diese Schule und tötete acht Schulkinder und zwei Lehrerinnen. Das Ehrengrab von Ursula Kuhr, einer der beiden getöteten Lehrerinnen, befindet sich auf dem Südfriedhof.


Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Immer kurz & knackig, immer subjektiv und voreingenommen.

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Ein paar Fragen an Ronald Füllbrandt – 24 Stunden am Tag ein „Kölschgänger“

Der Kölschgänger Ronald Füllbrandt (1961 - 2021), Bild: www.koelschgaenger.de
Der Kölschgänger Ronald Füllbrandt (1961 – 2021), Bild: www.koelschgaenger.net

Es gibt unendlich viele Menschen, die sich mit Köln beschäftigen. Eine kreative Truppe ragt allerdings heraus: Die Kölschgänger. Die Kölschgänger sagen über sich selbst, dass sie Geschichte und Geschichten über unsere Stadt und ihre Menschen schreiben. Tatsächlich aber bieten die Kölschgänger noch viel mehr: Spannende Details zu unserer Stadt, mit viel Liebe geschrieben und immer sehr gut recherchiert. Übrigens alles aus Spaß an d´r Freud – die Kölschgänger haben keinerlei kommerzielles Interesse.  

Dahinter steht eine kleine Truppe von Menschen, deren Kopf und Antreiber Ronald Füllbrandt war. Ich durfte Ronald kennenlernen. Er hatte etwas ansteckendes Positives – et hät Freud jemaht, mit ihm über Gott und die Welt und ganz besonders über Kölle zu sprechen. Ronald brachte ein beeindruckendes Wissen über unsere Stadt mit – alles persönlich „erlaufen“ auf seinen Spaziergängen durch die Stadt und anschließend sauber recherchiert und pointiert aufgeschrieben.

Die Kölschgänger bieten spannende Details zu unserer Stadt, mit viel Liebe geschrieben und immer sehr gut recherchiert.
Die Kölschgänger bieten spannende Details zu unserer Stadt, mit viel Liebe geschrieben und immer sehr gut recherchiert.

Eine letzte Ehre

Am 3. April 2021 ist Ronald vollkommen überraschend gestorben. Ronald, Jahrgang 1961, war ´ne echte kölsche Jung und hatte mit seinen Kölschgängern noch so viel vor. Um Ronald auch beim Köln-Lotsen die letzte Ehre zu erweisen, haben mir die Kölschgänger erlaubt, ein kurzes Interview mit ihm hier zu veröffentlichen, welches aus dem April 2020 stammt und bereits auf der Seite der Kölschgänger veröffentlicht wurde.
Dafür ein großes DANKE.

Und wenn dä Ronald vom Himmelspötzje op uns luurt, denk hä bestemmp: 
Maht wigger! Et jitt noch su vill övver Kölle ze verzälle.


11 Fragen an Ronald Füllbrandt

Wie bist du zu Kölschgänger gekommen?

Aus Heimweh. Ich wohnte damals nicht in Köln, schaute immer wieder im Netz nach Kölner Seiten. Leider stellte ich fest, es gab nur sehr wenig über unsere Stadtgeschichte zu lesen. Und was macht man, wenn man eine grobe Vorstellung hat, wie so eine Seite aussehen sollte und es sie nicht gibt? Richtig, man baut sie selber auf. Gesagt, getan. Mittlerweile gibt es Kölschgänger rund 3 Jahre. Etwa 370 (dreihundertsiebzig !!!!) Beiträge sind erschienen und ein Ende ist nicht in Sicht. Und, ganz nebenbei bin ich auch ein wenig stolz auf das Erreichte. Knapp 11.000 Follower sind eine klare Ansage. So in etwa war der Plan.1Diese Angaben stammen aus dem April 2020. Bis heute, Stand April 2021, haben die  Kölschgänger über 600 Beiträge veröffentlicht und mehr als 12.700 Follower bei Facebook.

Wie schaffst du es, einmal die Woche einen neuen Beitrag zu schreiben?

Einen? Oftmals sind es ja zwei, da ich die Serie „Kölschgänger zwischendurch“ ebenfalls schreibe und hin und wieder auch noch ein Interview einstreue. Unsere Homepage pflege ich auch. Kölschgänger ist halt „mein Kind“ und ich hänge mit meinem ganzen Herzen an dieser Seite. Köln ist meine Heimat, diese Stadt und ihre wunderbar verrückten Menschen geben mir sehr viel und wer nimmt, der sollte auch zurückgeben. Mit dieser Seite versuche ich meinen Teil beizutragen, damit unsere Stadtgeschichte, die Legenden und selbst der kleinste Brunnen nicht untergehen, sondern das Wissen weitergegeben wird, und das möglichst verständlich und unterhaltsam.

Hat sich dein Leben verändert, seitdem du für Kölschgänger schreibst?

Auf jeden Fall. Es ist Lebensinhalt geworden. Bei Kölschgänger hat jeder so seine Art zu schreiben und zu recherchieren. Ich liebe es, durch die Stadt zu streifen, genau hinzuschauen und gerade die „Kleinigkeiten“ sind mein Steckenpferd. Wer kennt schon jedes Veedel (und die Veedel in den Veedeln). Ich lerne die Stadt immer besser kennen, komme in Ecken, die ich wohl sonst nie gesehen hätte. Jede Geschichte ist ein Erlebnis, will entdeckt werden, jedes Gefühl gelebt werden. Böse Zungen behaupten, ich stehe mit den Gedanken an Kölschgänger auf, lebe es den ganzen Tag und gehe mit den Gedanken an Kölschgänger schlafen. Na ja, ganz so schlimm ist es nicht…oder?

Bist du auch an anderer Stelle im Netz oder im richtigen Leben zu finden?

Eigentlich nicht. Früher habe ich mich um Wildkräuter gekümmert, auch einige kleine Bücher geschrieben, aber das ist lange her. Ich gehöre sicherlich nicht zu den Leuten, die ohne Handy nicht leben können. Oft genug stelle ich unterwegs fest, Handy vergessen, Mist. Wie komme ich jetzt an die Fotos, die ich brauche? Ich fürchte, ohne Kölschgänger hätte ich kein Facebook und den anderen Kram. Es ist Mittel zum Zweck für mich. Nicht mehr.

Was verbindet dich mit Köln?

Heimat. Ich bin viel „rumgekommen“ in meinem Leben. Aber wie singen die Klüngelköpp so schön „… irgendwann packe ich ein und komme heim.“. Letztes Jahr war es soweit. Und ja, in einigen Beiträgen wird es bei mir sehr persönlich, dann reise ich in die Vergangenheit. Der Worringer Bahnhof, morgens um 5, mein Hauptbahnhof – das sind diese ganz persönlichen Momente, da kann es passieren, dass ich beim Schreiben eine Träne vergieße und es sehr tief geht. Dann weiß ich, endlich zohus.

Welcher Ort gefällt dir in Köln am besten?

Mein neues Veedel. Niehl. Ich bin glücklich hier. Super aufgenommen worden, hier gibt es alles, was man braucht. Ich bin in 2 Minuten im Nordpark, in 5 Minuten an der Bahn, in einer Viertelstunde am Rhein (der hier in Niehl einfach wunderschön ist) und in 10 Minuten mit der Bahn in der City, oder in knapp 30 wenn ich laufe. Und, was gaaanz wichtig ist: Ich genieße von meiner Wohnung aus den Blick auf den Dom.

Hast du ein Lieblingslokal?

Ja, ganz klar. Das Gaffel im Linkewitz. Mein zweites Wohnzimmer, im Sommer auch gerne auf der Terrasse. Lecker Kölsch, den Rhein im Blick, nette Menschen um mich herum und die Inhaber Kalle und Karo sind einfach herzlich. Ansonsten trinke ich gerne mal einen Kaffee am Wallrafplatz im Funkhaus-Cafe.

Wer ist für dich eine „echte“ kölsche Persönlichkeit?

Jeder, der sich als Kölner fühlt, Weltoffenheit lebt und sich für unsere Stadtgeschichte interessiert. Es kommt nicht darauf an, ob die Person „weltbekannt in Köln“ ist, herzlich und offen muss sie sein und gerne auch etwas „kölnpatriotisch chaotisch“.

Wo würdest du leben wollen, wenn nicht in Köln?

Nirgends, hier kriegt mich keiner mehr weg.

Wenn du einen Tag Oberbürgermeister wärst, was würdest du ändern?

Meinen Mitarbeitern erklären, dass wir Dienstleister sind, dass es nicht schadet, freundlich zu seinem Gegenüber zu sein und seine Sorgen und Probleme ernst zu nehmen.

Und was mir ganz besonders auf den Sa… geht, dieser Bau-Wahn. Unsere Architekten sollten sich mal anschauen, wie schön es früher aussah. Heute werden nur noch hässliche Klötze gebaut. Schrecklich. Nachhaltigkeit ist auch so ein Thema, bei dem ich aus der Hose springen könnte. Haltet lieber die alten Sachen in Ehren und in Ordnung. Egal ob Stadtmauer, Brunnen etc., ein Trauerspiel.

Was ist für dich das kölsche Jeföhl?

Kein Fernweh zu kennen. Bauchweh zu bekommen, wenn ich ein paar Tage weg muss. Im Veedel ein Kölsch zu trinken, den Leuten zuzuhören, feststellen, dass wir bekloppt sind und Köln ein Dorf ist.

Und was noch?

Ein ganz herzliches Dankeschön an meine verrückten Mitstreiter, die meinen Traum mit leben, mich und meine verrückten Ideen ertragen, unsagbar viel Arbeit in dieses Projekt stecken ohne jemals einen Euro Lohn zu sehen für ihre Mühe. Ohne euch wäre dieses Projekt nicht möglich gewesen. Dankeschön dafür.


Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Immer kurz & knackig, immer subjektiv und voreingenommen.

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung