2.000 Jahre Köln: Historisches
In Köln ist in den letzten 2.000 Jahren viel passiert. Hier findet ihr ein paar der vielen, vielen Geschichten aus der Kölner Geschichte.
Bauwerke & Plätze
Auch die im 2. Weltkrieg so stark zerstörte Stadt Köln hat wunderschöne Bauwerke, Orte und Plätze. Oft sind diese allerdings gut versteckt.
Ein paar Fragen an …
In meiner Reihe „Ein paar Fragen an …“ befrage ich Menschen aus Köln, die etwas zu erzählen haben.
Karneval
Selbstverständlich nimmt die 5. Jahreszeit einen breiten Raum in unserer Stadt ein. Un et is härrlisch, Fastelovend ze fiere!
Köln im Krieg
Der Krieg hat tiefe Wunden in der Domstadt hinterlassen. Zur „Stunde Null“ waren 80% der Gebäude in der Innenstadt zerstört.
Kölsche Persönlichkeiten
Die alte Stadt am Rhein hat in den letzten zwei Jahrtausenden viele Persönlichkeiten hervorgebracht.
Kölsche Stöckelche
Wenn der Kölsche von „Stöckelche“ spricht, dann meint er damit Anekdötchen.
Kölsche Tön
Es gibt wahrscheinlich keine Stadt auf der Welt, die so oft besungen wird wie Köln.
Kölsche Wörter
Die kölsche Sprache bietet wunderschöne Wörter. Und ein paar davon werden hier erklärt.
Kunst & Kultur
Auch wenn es angesichts mancher Fehlplanungen oft schwer zu glauben ist: Köln ist auch eine Kulturstadt.
Karte zum Köln-Ding der Woche
Fast alle „Köln-Dinger der Woche“ kann man sich anschauen. Falls ihr, unabhängig von einer Lotsentour, euch diese speziellen Seiten von Köln anschauen wollt, nutzt einfach diese Karte.
Gemälde des neuen Kölner Flughafen Butzweilerhof aus dem Jahr 1928, Bild: Historisches Luftfahrtarchiv Köln, Werner Müller
Gastautor dieses Artikels ist Werner Müller. Seine Leidenschaft gehört der Luftfahrt und insbesondere der Verbindung der Luftfahrt zur Geschichte der Stadt Köln. Werner Müller ist der Initiator des „1. Tag der Kölner Stadtgeschichte“ und Eigentümer des Historischen Luftfahrtarchiv Köln.
Das Historische Luftfahrtarchiv Köln erforscht die Geschichte der Kölner Luftfahrt und veröffentlicht diese Geschichte auf der Webseite, in Fernsehdokumentationen und Berichten sowie in Ausstellungen und Vorträgen. Nach über zwanzig Jahren Forschung wurden bisher mehr als 150 Themen1 auf der Website des Luftfahrtarchivs veröffentlicht. Weitere Kapitel sind in Vorbereitung. Diese Webseite ist die weltweit größte Webseite zur Luftfahrtgeschichte einer Stadt – auch deswegen, weil Köln die weltweit reichste Luftfahrtgeschichte hat. Für zukünftige Ausstellungen sind Anschauungsmodelle zur Kölner Luftfahrtgeschichte in Planung.
Werner Müller, Inhaber von Kölns Historischem Luftfahrtarchiv, Bild: Werner Müller
Bitte beachten: Das Historische Luftfahrtarchiv Köln ist ein rein privates und kein öffentliches Archiv.
In diesem Artikel erläutert Werner Müller die wechselvolle Geschichte des Flughafens „Butzweilerhof“.
Das Portal der Abfertigungshalle des Flughafens Butzweilerhof aus dem Jahr 1936 , hier ein Foto aus dem Jahr 2009. Bild: Superbass, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
100 Jahre Butzweilerhof
Der Butzweilerhof ist einer jener Orte, an denen sich Kölner Stadtgeschichte in ungewöhnlicher Dichte ablesen lässt. Kaum ein anderes Areal der Stadt hat innerhalb von hundert Jahren so viele Funktionen, Bedeutungen und Zuschreibungen erfahren: Militärischer Flugplatz, internationaler Verkehrsflughafen, architektonisches Prestigeprojekt, militärische Kaserne, Konversionsfläche – und heute ein Ort, an dem Mobilität vor allem inszeniert wird. Wer den Butzweilerhof verstehen will, muss ihn als Spiegel technischer, politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen lesen.
Die Fliegerstation Cöln Butzweilerhof im Winter 1912/13, noch im Bau, hier die rückwärtige Ansicht der beiden Fliegerhallen. Bild: Historisches Luftfahrtarchiv Köln, Werner Müller
1913: Die Entscheidung für den Westen der Stadt
Mit der Eröffnung der Fliegerstation Cöln-Butzweilerhof am 1. April 1913 begann die Geschichte eines Luftfahrtstandorts, der von Beginn an strategisch gedacht war. Das Gelände westlich der Stadt auf dem Gelände des Bauernhof Butzweiler Hof, bot flache Flächen und ausreichend Abstand zur dichten Bebauung. Außerdem wurden dort bereits Flugversuche durchgeführt. Die Nutzung war klar militärisch geprägt: Ausbildung, Erprobung, Organisation.
Der Ort war funktional, nicht repräsentativ. Gebäude, Startflächen und Infrastruktur dienten dem Zweck, nicht der Öffentlichkeit.
Der Butzweilerhof – von 1913 bis 1926 Fliegerstation und von 1926 bis 1936 Flughafen, Bild: Historisches Luftfahrtarchiv Köln, Werner Müller
„Luftkreuz des Westens“
Zwischen dem 1. Weltkrieg und dem 31. Januar 1926 wurde der Butz als Fliegerstation der britischen RAF und des Australischen Flying Corps genutzt. Mit der Öffnung für den zivilen Luftverkehr ab 1926 begann dann eine Phase, in der der Flughafen zunehmend als Verkehrsinfrastruktur gedacht wurde – nicht mehr ausschließlich als militärischer Raum.
In kurzer Zeit entwickelte sich der Butzweilerhof zu einem bedeutenden Knotenpunkt des westdeutschen Luftverkehrs. Linienflüge verbanden Köln mit nationalen und internationalen Zielen, der Flughafen gewann an wirtschaftlicher und symbolischer Bedeutung. In dieser Phase entstand der Begriff vom „Luftkreuz des Westens“, das Köln, neben Berlin-Tempelhof, zu einem der wichtigsten Luftfahrtstandorte Deutschlands machte.
Der Butzweilerhof, hier nach dem Umbau 1936, war ein beliebtes Ausglugsziel für die Kölner. Bild: Historisches Luftfahrtarchiv Köln, Werner Müller
1936: Architektur als Ausdruck von Macht und Moderne
Mit der Eröffnung des neuen Empfangsgebäudes im Jahr 1936 erreichte diese Entwicklung ihren architektonischen Höhepunkt. Entworfen von Hans Mehrtens, war das Terminal weit mehr als ein Funktionsbau. Es verband moderne Verkehrstechnik mit monumentaler Gestaltung und klaren Achsen – ein Bauwerk, das bewusst Wirkung entfalten sollte.
Der Flughafen wurde zum Schaufenster – nicht nur für Reisende, sondern auch für politische Botschaften.
Auf Grund der Provisorien der ersten zehn Jahre wusste man nun, wie eine Flughafenanlage konzipiert sein muss, um dem steigenden Flugverkehr zu bewältigen. Überall in Deutschland wurden die bisherigen Provisorien in den Jahren 1935 und 1936 durch komplett durchgeplante Flughafenensemble ersetzt.
Brüche und Kontinuitäten: Der Zweite Weltkrieg
Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs endete die zivile Nutzung. Der Butzweilerhof wurde nun wieder komplett militärisch genutzt, der Luftverkehr diente nun anderen Zwecken. Zerstörungen, Einschränkungen und Umnutzungen prägten diese Phase. Der Ort verlor seine Rolle als offenes Verkehrstor und wurde Teil der Kriegsinfrastruktur.
Der Flughafen überstand den Krieg zwar nicht unbeschadet, aber als klar lesbare Anlage. Während die Gebäude (Bretterbuden) des „ersten“ Butzweilerhofs am Heiligen Abend 1944 zerstört wurden, blieb der Neubau von 1936 komplett erhalten.
Der Neubau des Butzweilerhofs von 1936 war erstaunlichwerweise nach dem Krieg überraschend gut erhalten. Bild: Historisches Luftfahrtarchiv Köln, Werner Müller
Nach 1945: Funktionsverlust und Übergang
Nach Kriegsende übernahmen zunächst die britischen Streitkräfte das Gelände. Mit der Eröffnung des Flughafens Köln-Bonn im Jahr 1957 war endgültig klar, dass der Butzweilerhof seine Rolle als internationaler Verkehrsflughafen verloren hatte. Dies lag auch am Standort, der auch auf Grund der größeren Verkehrsflugzeuge, zu nah an der Stadt lag.
Dennoch wurde das Gelände militärisch genutzt. Über Jahrzehnte hinweg war der Butzweilerhof Kaserne, Verwaltungsstandort und logistischer Raum für die britische RAF, die Belgischen Heeresflieger und die Bundeswehr. Diese Phase ist weniger spektakulär, aber entscheidend für das Verständnis des Ortes: Der Flughafen verschwand nicht, er veränderte seine Funktion, ohne seine Identität vollständig zu verlieren.
Das denkmalgeschütztes Hauptgebäude des ehemaligen Flughafens Butzweilerhof, hier im Jahr 2009. Bild: superbass
Konversion und neue Stadtlandschaft
Mit dem Ende der militärischen Nutzung begann eine neue Phase: die Konversion. Der Butzweilerhof wurde Teil eines größeren städtebaulichen Transformationsprozesses. Gewerbe, Medien, Dienstleistungen und neue Verkehrsachsen prägten das Umfeld. Die Historische Gebäude von 1936 wurden unter Denkmalschutz gestellt, die Gebäude der RAF und der Belgier wurden abgerissen.
Dadurch entfernte sich dieser Ort zunehmend von seiner ursprünglichen Funktion. Der Flughafen wurde fragmentiert: Teile blieben sichtbar, andere verloren ihren historischen Zusammenhang. Die Flughafenarchitektur wurde durch die städtebauliche Planung sowie die neuen Wohngebäude erdrückt.
Dass es auch anders geht, zeigt der Flughafen Berlin Tempelhof. Hier wurde die historische Architektur erhalten, wozu auch die Weite des Rollfelds gehört.
Heute: Motorworld Köln Rheinland
Aber nun stand die Frage im Raum was mit diesen Gebäuden passieren sollte. Das Angebot eines Mäzens in diesem historischen Flughafenensemble ein Luftfahrt- und Technikmuseum zu eröffnen, wurde von der Stadt Köln nicht einmal beantwortet.
Der Butzweilerhof beherbergt heut die „Motorworld Köln“ und ist ein Dienstleistungszentrum rund um Oldtimer- und Sammlerfahrzeuge. Bild: 1971markus@wikipedia.de, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons
Mit der Eröffnung der „Motorworld Köln Rheinland“ erhielt der Butzweilerhof eine neue, öffentlichkeitswirksame Nutzung. Die denkmalgeschützten Hallen wurden saniert, ergänzt und mit neuen Funktionen versehen. Aber die reiche Luftfahrtgeschichte des Butzweilerhofs wurde nicht mehr beachtet. Automobile Ausstellungen, Werkstätten, Gastronomie und Eventflächen prägen heute das Bild. Dazu wurden umfangreiche Abbruchmaßnahmen innerhalb und außerhalb der historischen Gebäude durchgeführt. Es gab um 2000 in der Stadtpolitik sogar Überlegungen die Hallen abzureißen und nur noch das Hauptportal stehen zu lassen.
Ohne diese Nutzung bestand die Gefahr, dass Teile der historischen Substanz möglicherweise verloren gegangen wären. Trotz Umgestaltung bleiben die Gebäude zugänglich, der Ort ist belebt. Aber ohne die Geschichte sind es nur noch tote Steine.
Kritische Betrachtung: Sichtbarkeit ist nicht gleich Verständlichkeit
Gleichzeitig wirft die Umgestaltung grundlegende Probleme auf: Durch massive bauliche Eingriffe, neue Fassaden, große Durchbrüche und Inszenierungen werden historische Strukturen überformt. [Fußnote: „Überformung“ in der Architektur bezeichnet den gestalterischen Eingriff in ein bestehendes Gebäude (Bestandsbau), bei dem dessen ursprüngliche Struktur, Form oder Erscheinung durch neue architektonische Elemente wesentlich verändert, überlagert oder neu interpretiert werden.] Der Flughafen wird zur Kulisse, seine ursprüngliche Funktion tritt in den Hintergrund. Auf Grund der massiven Umbauten steht auch die Frage im Raum ob der Denkmalschutz noch besteht oder „hintenrum“ abgeschafft wurde.
Der Schwerpunkt auf automobilen Erlebniswelten verschiebt die Erzählung: Der Ort der Luftfahrt wird zum Ort der Mobilitätsvermarktung. Die Luftfahrtgeschichte ist nur noch in externen Archiven vorhanden und somit nicht mehr leitend. Der Zusammenhang zwischen Architektur, Funktion und Zeitgeschichte ist für viele Besucher nicht mehr nachvollziehbar.
Die repräsentative Empfangshalle des Butzweilerhofs, hier ein Foto aus dem Jahr 2009. Bild: F.412, CC BY 3.0 via Wikimedia Commons
Fazit: Ein Ort mit Verantwortung
Der Butzweilerhof ist kein beliebiges Gelände. Er ist ein historischer Ort mit klarer Identität. Seine Zukunft entscheidet sich nicht allein an wirtschaftlicher Tragfähigkeit, sondern an der Frage, wie Geschichte vermittelt wird.
100 Jahre Butzweilerhof bedeuten Verantwortung: für den Umgang mit Bausubstanz, für historische Zusammenhänge und für die Rolle dieses Ortes im kollektiven Gedächtnis der Stadt. Nutzung und Erinnerung müssen kein Widerspruch sein – aber sie verlangen Sensibilität. Das ist auf dem Butzweilerhof nicht passiert.
Auch der Butzweilerhof bleibt damit einer der vielen Orte in Köln, an dem sich zeigt, dass die Kölner Politik und Verwaltung nicht mit der eigenen Stadtgeschichte umgehen kann.
Autor: Werner Müller, Historisches Luftfahrtarchiv Köln
Am 13. Mai 1926 ging der Flughafen Köln Butzweilerhof in Dienst. Ein Grund, um dies mit einer Ausstellung zu würdigen. Neben dem Historischen Luftfahrtarchiv Köln wird auch das Luftkriegsarchiv Köln und der Verein Industriedenkmal Clouth e.V. eine Ausstellung präsentieren.
Ort: Kulturbunker Mülheim, Berliner Str. 20, 51063 Köln, 1. OG
Haltestelle „Von-Sparr-Straße“ der Linie 4 / Haltestelle „Neuer Mülheimer Friedhof“ Buslinie 153
Der Eintritt ist FREI
Öffnungszeiten (alle Zeiten unter Vorbehalt)
Samstag, 11. Juli 11:00 – 20:00 Uhr
Sonntag, 12. Juli 11:00 – 20:00 Uhr
Montag, 13. Juli 15:00 – 19:00 Uhr
Dienstag, 14. Juli 15:00 – 19:00 Uhr
Mittwoch, 15. Juli 15:00 – 20:00 Uhr
Kuratorenführung
Das Historische Luftfahrtarchiv Köln dokumentiert und erforscht die Geschichte der Kölner Luftfahrt, insbesondere des Flughafens Butzweilerhof. Initiiert wurde es von Werner Müller, der Fotos, Pläne und Zeitzeugnisse sammelt, um dieses Kapitel Kölner Stadt- und Technikgeschichte dauerhaft zu bewahren und öffentlich zugänglich zu machen.
Dr. Joachim Oepen, Leiter des Historischen Archivs des Erzbistums Köln. Bild: Elke Wetzig, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Frank & Uli vom Köln-Ding der Woche sind zu Gast bei Dr. Joachim Oepen. Der Historiker und Archivar leitet das Historische Archiv des Erzbistums Köln. Joachim Oepen hat in Köln Geschichte und Latein studiert. Er ist auch Lehrbeauftragter für für mittelalterliche und frühneuzeitliche Geschichte am Historischen Institut der Universität zu Köln.
Er hat bereits bei den Kölner-Podcast-Tagen mitgewirkt und ist für seine Veröffentlichungen zur Kölner Stadtgeschichte und Kölner Kirchengeschichte bekannt.
Historisches Archiv des Erzbistums Köln
Hier, im Historischen Archiv des Erzbistums, lagern die Erinnerungen der Kölner Kirche in kilometerlangen Regalreihen. Und „kilometerlang“ ist hier keine Übertreibung: Tatsächlich finden sich hier mehr als 13 Regalkilometer Aktenmaterial in diesem Archiv: Urkunden seit dem Mittelalter, unzählige Akten, Kirchenbücher, Briefe und Dokumente.
Zufälligerweise liegt ein ganz besonderes Prunkstück auf dem Tisch von Dr. Joachim Oepen: Die Koelhoffsche Chronik, eine Chronik der Stadt Köln aus dem Jahr 1499.
Die „Koelhoffsche Chronik“, eine Chronik über die Stadt Köln aus dem Jahr 1499. Bild: Frank Mausbach
Rund 6000 mittelalterliche Urkunden gehören zu den ältesten Stücken des Archivs. Doch zwischen all den Regalen und Kartons verbirgt sich nicht nur kirchliche Verwaltungsgeschichte, sondern auch ein Stück Stadtgeschichte. Denn ohne die Kirche lässt sich Köln kaum erzählen.
Die Kirchen der Kölner Neustadt
In diesem Podcast geht es um die Kirchen der Kölner Neustadt. Ein wichtiges Thema in Köln, denn immer, wenn man an Kirchen an Köln denkt, kommt zuerst der Dom, dann lange nichts, dann die Romanischen Kirchen.
Aber auch die Kirchen der Neustadt sind beachtenswert. Dr. Oepen ist ein ausgewiesener Fachmann zu diesen Bauten. Er hat bereits 2006 zusammen mit Wolfgang Schaffer das Buch „Kirche, Kanzel, Kloster. Pfarrgründungen, Kirchenbau und Seelsorge in der Kölner Neustadt 1880-1920“ (Greven Verlag, Köln 2006) herausgegeben.
Oepen / Schaffer: „Kirche, Kanzel, Kloster. Pfarrgründungen, Kirchenbau und Seelsorge in der Kölner Neustadt 1880-1920“ (Greven Verlag, Köln 2006)
Als Köln plötzlich doppelt so groß wurde
Wer heute über die Kölner Ringe spaziert, ahnt kaum, was hier vor gut 140 Jahren passierte. Damals verwandelte sich Köln in wenigen Jahrzehnten von einer mittelalterlichen Festungsstadt in eine moderne Metropole. Die Stadtmauer fiel 1881 und rund um die Altstadt entstand ein völlig neues Köln: die Neustadt.
Innerhalb von nur zwei bis drei Jahrzehnten verdoppelte sich Köln – sowohl in der Fläche als auch in der Bevölkerung. Für damalige Verhältnisse war das ein gigantisches Projekt. Mit neuen Straßen, neuen Vierteln und – ganz selbstverständlich – neuen Kirchen. Denn wo plötzlich Zehntausende Menschen wohnen, müssen auch neue Pfarrgemeinden entstehen. Und so begann in der Kölner Neustadt ein Kirchenbauprogramm, welches bis heute das Stadtbild prägt.
Ein „Kirchenkranz“ um die Altstadt
Entlang der Neustadt entstand daher ein Halbkreis großer Kirchenbauten. Von Norden nach Süden gehören dazu:
Sie bilden bis heute so etwas wie einen „kirchlichen Ring“ um die Altstadt.
Auffällig ist dabei: Diese Kirchen wurden bewusst nicht direkt an den Ringen gebaut, sondern meist in der zweiten Reihe – mit ihrer Schauseite zur Ringstraße hin. Das war städtebaulich geplant. An den Ringen selbst standen repräsentative öffentliche Gebäude, während die Kirchen leicht zurückgesetzt waren, aber dennoch sichtbar blieben.
Die Agneskirche, Bild: Harald Ernst, CC BY-SA 3.0 DE
Ganz im Norden steht St. Agnes. Die zweitgrößte Kirche Kölns verdankt ihre Existenz einem Mann, dessen Lebensgeschichte fast schon kölschen Romanstoff liefert: Peter Joseph Roeckerath.
Roeckerath heiratete reich, seine Frau Agnes Schmitz brachte ihm Land vor der Stadtmauer mit in die Ehe. Als die Neustadt bebaut wurde, verwandelte sich dieses Ackerland plötzlich in wertvolles Bauland. Roeckerath wurde zu einem der großen Immobiliengewinner der Stadterweiterung.
Die Kritik kam prompt. Eine Zeitung schrieb damals spöttisch, Roeckerath habe es verstanden, „einen großen Teil des Geldstroms, der mit der Stadterweiterung aus der Erde hervorquoll, in die eigenen Taschen zu lenken“.
Doch der Unternehmer ließ sich nicht lumpen. Er finanzierte die komplette St.-Agnes-Kirche – als Gedächtniskirche für seine verstorbene Frau Agnes. Und weil die Gemeinde ihrem großzügigen Stifter dankbar war, bekam Roeckerath später sogar ein Grab in der Kirche selbst. Ein für einen Laien äußerst seltenes Privileg.
St. Michael am Brüsseler Platz, Bild: HOWI – Horsch, Willy, CC BY 3.0 via Wikimedia Commons
St. Michael – das belgische Viertel bekommt seine Kirche
Weiter südwestlich liegt St. Michael am Brüsseler Platz. Heute kennt man den Platz eher wegen seiner Kneipen und Cafés – und auch dem Ärger über regelmäßige Lärmbelästigung. Die Kirche selbst wird oft übersehen – dabei gehört sie zu den größten Kirchen Kölns.
Sie entstand in einem Viertel, das damals schnell wuchs und vom gehobenen Mittelstand geprägt war. Zunächst wurde dort eine Notkirche errichtet, bevor Anfang des 20. Jahrhunderts der heutige monumentale Bau entstand.
Architektonisch fällt St. Michael aus dem Rahmen: Während die meisten Neustadt-Kirchen neugotisch sind, ist sie neuromanisch gebaut.
Heute geht die Kirche neue Wege: Im Rahmen des Konzepts „Kirche für Köln“ werden hier Konzerte, Theater, Ausstellungen oder Podcast-Events durchgeführt. Dies zeigt, wie Kirchenräume in der modernen Stadt genutzt werden können.
Die Herz-Jesu-Kirche, Bild: Cmcmcm1, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons
Herz Jesu – Kirche mit politischer Botschaft
Eine Besonderheit ist Herz Jesu am Zülpicher Platz. Sie ist die einzige Neustadtkirche, die direkt an den Ringen steht. Das war kein Zufall. Der Bau war ein Statement.
Der Name „Herz Jesu“ hat nämlich eine politische Dimension. Nach dem Kulturkampf zwischen dem preußischen Staat und der katholischen Kirche gewann die Herz-Jesu-Verehrung enorme Bedeutung. Die Kirche wurde so zu einem sichtbaren Zeichen katholischer Identität.
Auch architektonisch setzte man auf große Namen: Mit Vinzenz Statz und Friedrich von Schmidt verpflichtete man zwei der bedeutendsten neugotischen Architekten ihrer Zeit.
Dir Kirche St. Paul in der Neustadt-Süd. Bild: Raimond Spekking
St. Paul – Schokolade für den Papst
Im Volksgarten-Viertel entstand St. Paul. Hier lebte vor allem wohlhabendes Bürgertum – darunter der berühmte Schokoladenfabrikant Ludwig Stollwerck.
Und der wusste, wie man Werbung macht. Bei einer Audienz überreichte er dem Papst eine Schachtel Stollwerck-Pralinen. Außen war der Kölner Dom abgebildet, innen ein Bild der zukünftigen Kirche St. Paul. Eine frühe Form von kirchlichem Marketing – oder, wie man heute sagen würde: Produktplatzierung.
Der Turm der Kirche wurde im Krieg zerstört und nie vollständig wieder aufgebaut. Deshalb wirkt er bis heute ein wenig „abgeschnitten“.
Die Maria-Hilf-Kirche in der Kölner Südstadt, Bild: HOWI – Horsch, Willy, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons
Maria Hilf – die übersehene Kirche
Zwischen St. Paul und St. Maternus liegt Maria Hilf – eine Kirche, die viele Kölner kaum wahrnehmen. Das liegt auch daran, dass sie nicht frei auf einem Platz steht, sondern direkt in die Häuserzeile integriert ist.
Ursprünglich war sie die Kirche eines Klosters und später eine Pfarrkirche für das Arbeiterviertel rund um die Elsassstraße. Dort wollte die Kirche gezielt soziale Arbeit leisten – auch als Antwort auf die starke Arbeiterbewegung jener Zeit.
Heute erinnert nur noch wenig an den ursprünglichen neugotischen Bau, da die Kirche im Krieg stark zerstört wurde.
St. Maternus in der Kölner Südstadt, Bild: Cmcmcm1, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
St. Maternus – die unvollendete Kirche
Ganz im Süden der Neustadt steht St. Maternus. Sie ist die jüngste der Neustadtkirchen und wurde 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, fertiggestellt. Der geplante hohe Turm wurde jedoch nie vollendet. Bis heute ragen nur zwei „Türmchen“ ein wenig über das Kirchendach hinaus.
Architektonisch zeigt sich hier bereits ein Übergang: Neben neugotischen Elementen finden sich erste Einflüsse des Jugendstils.
Kirchen zwischen Vergangenheit und Zukunft
Die Neustadtkirchen erzählen viel über Köln: Vom rasanten Wachstum der Stadt, reichen Stiftern und sozialem Engagement, von politischen Konflikten und vom Wandel kirchlichen Lebens.
Viele dieser Kirchen sind heute keine klassischen Pfarrkirchen mehr. Gemeinden wurden zusammengelegt, Mitgliederzahlen sinken. Doch gleichzeitig entstehen neue Ideen: kulturelle Nutzung oder soziale Projekte.
Wer durch die Neustadt spaziert, merkt schnell: Diese Kirchen sind nicht nur Bauwerke – sie sind steinerne Kapitel der Kölner Stadtgeschichte.
Vielleicht zeigt sich auch in diesen Bauwerken wieder einmal eine typisch kölsche Fähigkeit: Sich zu verändern, ohne die Geschichte zu vergessen.
Dr. Joachim Oepen (Mitte), Leiter des Historischen Archivs des Erzbistums Köln, Bild: Yannick Mausbach
Kölsche Fragen an Joachim Oepen
Genau wie alle anderen Menschen in der Rubrik „Ein paar Fragen an …“ hat auch Joachim Oepen zu unseren „kölschen Fragen“ Rede und Antwort gestanden.
Wenn nicht in Köln, wo sonst könnten Sie wohnen? Und warum gerade dort?
Da gibt es gleich zwei Städte: Brügge oder in Rom. Beide, wie Köln, mit einer ähnlich reichen Geschichte und einfach wundervolle Städte.
Welche kölsche Eigenschaft zeichnet Sie persönlich aus?
Dazu sollte man bitte andere Menschen, die mich gut kennen, wie zum Beispiel meien Frau oder meine Kinder fragen, denn sonst wäre es am Ende nur gestrunzt.1„Strunzen“ meint laut Adam Wrede„prahlen, großtun, großsprecherich übertreiben“.
Nehmen wir mal an, Sie sind übermorgen Oberbürgermeister in Kölle. Was würden Sie ändern?
Da würde mir ganz viel einfallen. Aber aus aktuellem Anlass würde ich dafür sorgen, dass das Kölner Stadtmuseum wieder ins Zeughaus kommt. In ein Umfeld, in dem die Stadtgeschichte Kölns angemessen präsentiert werden kann.
St. Ursula, eine der zwölf großen Romanischen Kirchen Kölns, Bild: Hans Peter Schaefer, Hps-poll, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Wo ist Ihr Lieblingsplatz in Köln?
Da halte ich es mit Heinrich Böll: Genau wie er liebe ich die Romanischen Kirchen Kölns.
Welche Kölnerinnen oder Kölner haben Sie beeinflusst oder beeindruckt?
Finde ich ganz schwierig. Da könnte ich mit meinen Eltern anfangen. Dazu zählen aber auch allerhand Menschen, die ich in meinem Lebensweg kennengelernt habe.
Was machen Sie zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch?
Fastelovend fiere!
Wie heißt Ihre kölsche Lieblingskneipe?
Auch da gibt es mehrere. Zum einen wird der Wirtz in der Isabellenstraße, da haben sich meine Großeltern kennengelernt. Dann noch die Schreckenskammer und die „Kleine Glocke“.
Welches ist ihr Lieblingskölsch?
Ganz klar Reissdorf. Das kommt, wie ich, aus dem Severinsviertel.
Der Halve Hahn, das kölsche Lieblingsgericht von Dr. Joachim Oepen, Bild: Superbass / CC-BY-SA-4.0 (via Wikimedia Commons)
Haben Sie auch ein kölsches Lieblingsgericht?
Ja, klar: Halve Hahn. Kleine Mahlzeit zwischendurch und schön vegetarisch. Immer mit vell Öllig und Mostert.
Da fallen mir auch mehrere ein, zum Beispiel Pimock, Flaabes oder Kniesbüggel. Ich finde die kölschen Schimpfworte sind nicht verletzend, bringen aber die Dinge klar auf den Punkt.
Der Kölner Tanzbrunnen direkt am Rheinufer, Bild: Koelncongress GmbH
Wer heute am Tanzbrunnen steht, sieht Bühne, Schirme und genießt den Blick auf Dom und Rhein. Was man nicht sofort sieht: Hier liegt ein echtes Stück Kölner Stadtgeschichte unter den Füßen.
Im Rahmen der Kölner Werkbundausstellung legten Theodor Nußbaum und Josef Giesen am heutigen Tanzbrunnen um 1930 eine Schmuckanlage mit einem mittigen Kreisbecken und einer Brunnenanlage an. Vorher stand dort das Preußischen Fort XV, als Teil des inneren Festungsrings. Die gesamte Anlage bekam den eher nüchternen Namen „Messebrunnen“.
Ab 1939 Messelager Köln
Ab 1939 entstand auf dem Gelände der Messe das „Messelager Köln“. Teil dieses Lagers war auch ein Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald. Die dort untergebrachten Häftlinge wurden in der ab etwa 1941 von Bomben zunehmend zerstörten Stadt zur Trümmerbeseitigung, zur Bergung von Leichen und zur Blindgängerentschärfung gezwungen.
Gedenktafel an den Rheinhallen (ehemalige Messehallen) zur Erinnerung an das Messelager. Bild: Raimond Spekking
Neben diesem Lager gab es auf dem Gelände auch noch ein Gefängnis der Gestapo, ein Kriegsgefangenenlager und ein spezielles Lager für Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Die Inschrift auf dem Mahnmal lautet:
„Messegebäude, Messegelände und der anschließende Bereich bis hin zum Tanzbrunnen waren währen des zweiten Weltkrieges ein zentraler Ort der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Köln.
Hier befand sich eine Reihe von Lagern: Ein Außenlager des KZ Buchenwald, Lager für Kriegsgefangene sowie Zwangsarbeiter, ein Sonderlager der Gestapo für deutsche und ausländische Häftlinge. Von hier aus gingen die Transporte in die Konzentrationslager ab und 1940 wurden Sinti und Roma sowie zwischen 1941 und 1944 Juden deportiert.
Hunderte kamen in den Lagern und bei Arbeitseinsätzen ums Leben.
Tausende Männer, Frauen und Kinder wurden von hier aus in den Tod geschickt.“
An die Deportation der Sinti und Roma heute auch noch der Schriftzug „Mai 1940 – 1000 Roma und Sinti“. Dieser Schriftzug wurde von Gunter Demnig verlegt. Im Portal KuLaDig1Antonia Frinken: „Mai 1940 – 1000 Roma und Sinti“. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-355659 , abgerufen: 4. Mai 2026 lautet es dazu:
„Bereits vor dem Projekt „Stolpersteine“, das heute das weltweit größte dezentrale Mahnmal ist, betätigte sich Gunter Demnig erinnerungspolitisch. 50 Jahre nach den ersten Deportationen aus Köln entstand im Mai 1990 in Zusammenarbeit mit dem Kölner Rom e.V., der sich für vor dem Jugoslawienkrieg geflüchtete Rom*nja einsetzt, und mit Erlaubnis der Stadt Köln der Schriftzug „Mai 1940 – 1000 Roma und Sinti“. Demnig brachte ihn zunächst als Spur mit weißer Lackfarbe und einer selbst gebauten Druckwalze auf die Gehwege entlang der Straßen auf, die die verfolgten Familien im Mai 1940 auf ihrem Weg zum Sammellager auf dem Messegelände nahmen. Daraufhin erhielt der Rom e.V. sowohl Unterstützungsbekundungen als auch Aufforderungen, den Schriftzug zu entfernen. Inzwischen wurde die Spur an verschiedenen Stellen als Messing-Schriftzug verewigt, unter anderem an der Kreuzblume vor dem Kölner Dom, auf der Venloer Straße, vor dem NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln und in der Bobstraße nahe der Mauritiuskirche.“
Schriftzug zur Erinnerung an die Deportation der Sinti und Roma, Bild: Avi1111 dr. avishai teicher, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Architektur, die Geschichte schreibt
Nach dem Krieg wurde hier ein neuer Brunnen gebaut. Der Clou: Ein begehbares Rondell über der Wasserfläche, welches auch als Tanzfläche diente. Fortan wurde aus dem „Messebrunnen“ der Tanzbrunnen. Mit der Bundesgartenschau 1957 bekam der Tanzbrunnen ein Gesicht, das bis heute prägt: Frei Otto entwarf das legendäre Sternwellenzelt. Leicht, elegant, fast schwebend – und später Vorbild für die Dächer des Münchner Olympiaparks.
In den 70er Jahren wurde nachgelegt. Die charakteristischen Schirme vor der Bühne – gedacht als stilisierte Tulpen – kamen hinzu. Sie konnten ursprünglich sogar eingeklappt werden.
Das begehbare Rondell über dem Brunnen, auf dem auch getanzt werden konnte, sorgte für den Namen „Tanzbrunnen“. Bild: Koelncongress GmbH
Der Tanzbrunnen war nie exklusiv. Hier standen Weltstars – und gleichzeitig ganz normale Menschen auf der Bühne. Die legendäre „Talentprobe“ ist bis heute ein Stück kölscher Kulturgeschichte: laut, direkt, manchmal gnadenlos. Seit den 60er Jahren prägen Konzerte den Ort. Jazzfestival, Karneval, internationale Acts – bis zu 12.500 Menschen passen auf das Gelände. Und trotzdem fühlt sich vieles hier erstaunlich nah an. Seit 1994 gibt es auch die Indoor-Bühne „Theater am Tanzbrunnen“ mit Platz für etwa 2.000 Menschen.
Zur Sessionseröffnung am 11.11. am Tanzbrunnen kommen jedes Jahr 11.111 Jecke. Bild: Joachim E. Zöller, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Seit 2013 feiert Kölns erster Karnevalsgesellschaft, „Die Grosse von 1823“ am 11.11. den großen Kölschen Countdown zur Sessionseröffnung am Tanzbrunnen. Diese Party für 11.111 Jecke stimmt mit zehn Stunden Musikprogramm (!) auf den Karneval ein. Alle Größen des Karnevals stehen dann hier auf der Bühne.
Berühmt-berüchtigt war „Udo Werners Talentprobe“. Bei dieser ersten deutschen Castingshow konnten aufstrebende Talente ihr Können auf der großen Bühne zeigen. Dazu brauchte es viel Mut, denn die Talentprobe war berüchtigt für das gnadenloses und schadenfrohe Publikum. Höchststrafe war, wenn sich das gesamte Publikum umdrehte und in die falsche Richtung applaudierte. Auch ein gewisser Michael Büttgen sammelte dort erste Bühnenerfahrung, bevor er 1990, mittlerweile in Köln besser bekannt als „Linus“ selber bis 2017 die Talentprobe am Tanzbrunnen moderierte.
Die „Wall of Fame“ am Kölner Tanzbrunnen, Bild: Koelncongress GmbH
Die Wall of Fame: Ruhm ohne Allüren
Wer genau hinschaut, entdeckt sie irgendwann: Die Wall of Fame. Kein großes Spektakel, sondern eher leise. Und genau das passt. Auf kleinen Plaketten werden Künstlerinnen und Künstler verewigt, die den Tanzbrunnen über Jahre geprägt haben. Die Mischung ist äußerst bunt: Internationale Namen wie Joe Cocker oder Chris de Burgh stehen neben kölschen Größen wie Bläck Fööss, Brings, Höhner oder Kasalla.
Und wer hat bis heute die meisten Auftritte? Natürlich die Bläck Fööss. Sie gehören quasi zum Inventar des Tanzbrunnens.
Sanierung: Vieles neu – und alles im Zeit- und Kostenrahmen
Der Tanzbrunnen wurde 2025/2026 umfassend saniert – und das fast schon unkölsch zuverlässig. Man blieb sowohl im Zeit- als auch im Kostenrahmen. Rund 16 Millionen Euro wurden investiert. Kein leichtes Unterfangen, denn der Tanzbrunnen steht unter Denkmalschutz.
Die bekannten Schirme wurden erneuert, höher gebaut und um vier zusätzliche ergänzt. Mehr Schutz vor Regen, bessere Sicht auf die Bühne. Das Bühnenhaus blieb erhalten, wurde aber erweitert – mit einem neuen Baukörper im Messing-Gold-Ton.
Selbst der Boden ist Geschichte: Teile stammen noch von 1971. Sie wurden aufgenommen und neu verlegt.
Der Spaß am Tanzbrunnen endet immer um 22 Uhr. Pünktlich. Bild: Koelncongress GmbH
Der Ton macht die Musik – und manchmal auch den Ärger
So schön der Tanzbrunnen ist: Ganz ohne Konflikte geht es auch heute nicht. Das Dauerthema heißt Lärm. Seit einem Gerichtsurteil aus dem Jahr 1997 gilt hier eine klare Grenze: um 22 Uhr ist Schluss. Ohne Ausnahme. Und zwar so strikt, dass selbst internationale Top-Acts mitten im Konzert abbrechen müssen.
Das Problem: Geklagt hatten damals keine direkten Nachbarn, sondern Anwohner auf der linken Rheinseite. Der Rhein trägt den Schall erstaunlich gut. Die 22-Uhr-Regel ist für Kölncongress-Chef Ralf Nüsser längst nicht mehr zeitgemäß. Viele Politiker sehen das ähnlich. Die 22-Uhr-Grenze wird inzwischen wieder diskutiert.
Mit der Sanierung ist der Tanzbrunnen technisch auf der Höhe der Zeit. Neue Soundanlagen, bessere Infrastruktur, mehr Komfort. Über 40 Veranstaltungen sind bereits geplant. Dabei steht der Tanzbrunnen zwischen Denkmalschutz und Moderne und zwischen wischen Konzert und Nachtruhe. Was sicher ist: Dieser Ort wird bleiben. Weil er mehr ist als nur eine Bühne.
Das Ding ist 62 Tonnen schwer, etwa zehn Meter hoch und steht fast mitten auf dem Roncalliplatz am Dom. Doch trotz ihrer Größe geht die „Himmelssäule“ eher unter. Ganz selten fragen Teilnehmer bei Stadtführungen, was es denn mit diesem Monolithen auf sich hat.
Dabei verbirgt sich eine durchaus kuriose Geschichte hinter dem Kunstwerk. Im Mittelpunkt: Der Lions Club und unbezahlte Rechnungen.
Ein sichtbares Zeichen der Lions an einem markanten Platz
Im Jahr 1984 fand eine Versammlung aller deutschen Lions-Clubs in Köln statt. Lions Club International ist eine Institution mit mehr als 1,4 Millionen Mitgliedern, die sich weltweit in fast 50.000 Clubs organisiert haben. Allein für Köln listet die Website des Lions-Club 15 Clubs auf. Unter dem Motto „We Serve“ („Wir dienen“) engagieren sich die Lions bei sozialen und kulturellen Projekten.
Logo des Lions Club International
Zur Versammlung 1984 in Köln wollten die Lions eine Skulptur stiften, die „ … auf einem markanten Platz im innerstädtischen Bereich aufgestellt werden“ sollte, schrieb der damalige Vorsitzende des rheinischen Lions-Districts Günter Huhn am 19. September 1983 an den Oberbürgermeister der Stadt Köln, Dr. Norbert Burger. [Quelle: Die Zeit Nr. 17/1986].
Mit Sicherheit war es für das Vorhaben hilfreich, dass es sich bei Dr. Norbert Burger ebenfalls um ein Lions-Mitglied handelte. Und für städtische Verhältnisse ging es ungewohnt schnell: Bereits am 7. Oktober 1983 kam es zu einem Vorgespräch mit dem renommierten Künstler Heinz Mack – selbstverständlich auch ein Lions-Mitglied.
Heinz Mack (*geboren am 8. März 1931) ist ein deutscher Bildhauer und Maler und war zusammen mit Otto Piene Mitbegründer der international renommierten Künstlergruppe ZERO. Mack sollte im Auftrag des Lions Club ein Kunstwerk schaffen, welches „als sichtbares Zeichen von uns Lions in die Stadt Köln ausstrahlt.“1Quelle: Die Zeit Nr. 17/1986
Aufstellung der Himmelssäule direkt am Kölner Dom, Bild: Ulrich Stoltenberg
Aufstellung fast direkt am Dom
Der gewünschte markante Platz war schnell gefunden: Das Kunstwerk sollte auf dem Roncalli-Platz, fast direkt am Dom, platziert werden. Den Beteiligten war auch klar, dass diese exponierte Lage eine besondere Herausforderung darstellte. Der Künstler Heinz Mack im „LION“, dem offiziellen Magazin von Lions Clubs International2Ausgabe vom Januar 2013 dazu:
„Ja, es ist eine künstlerische Provokation gewesen. Die besondere Einladung, etwas unmittelbar vor den Dom zu stellen, war die eigentliche Herausforderung. Der Dom in seiner architektonischen und auch strukturalen Macht hat mich gefordert.“
Diese „künstlerische Provokation“ setzte Mack in der Säule Columne pro Caelo – Himmelssäule – aus Granit um. 10 Meter hoch, 62 Tonnen schwer. Um die Säule laufen waagerecht Rillen, deren Abstände zum Boden immer kleiner werden.
Der Künstler will mit der Himmelssäule einen direkten Bezug zum Dom herstellen: „Der Dom besteht aus tausenden, unzählbar vielen Steinen. Die Stele ist ein einziger Stein, dieser eine steht den vielen gegenüber. Umgekehrt können sich die vielen Steine durch den einen repräsentiert sehen.“ [Heinz Mack im „LION“, dem offiziellen Magazin von Lions Clubs International, Ausgabe vom Januar 2013]
„Durch ihre aufwändige Kannelierung,3Kannelierung ist die Auskehlung eines Objektes mit Furchen. die die Säule wie ein Band umschließt und nach unten hin enger wird, könnte man glauben, dass der Monolith unter seinem eigenen Gewicht in sich zusammensackt. Durch ihre Platzierung gegenüber des Doms geht die Himmelssäule gewissermaßen einen Dialog mit der gigantischen Kirche ein. Zum einen strecken sich beide Gebäude nach oben, dem Himmel entgegen, zum anderen symbolisiert ihre pure steinerne Masse geistiges und geistliches Gewicht.
Eben dieses Gewicht stellte auch jenseitig aller geistigen und geistlichen Symbolik ein Problem dar: So mussten Statiker aufwändig prüfen, ob der ausgewählte Platz die Himmelssäule tragen konnte und ob der Transport der Säule an diesen Platz überhaupt möglich war. Immerhin befindet sich unter dem Roncalliplatz eine Tiefgarage.
Nachdem diese technische Hürde genommen wurde, warb Oberbürgermeister und Lions-Mitglied Dr. Norbert Burger beim Domkapitel und im Rat der Stadt Köln um Verständnis. Mit Erfolg: Am 24. Mai 1984 nahm die Stadt die Schenkung der Lions dankend an.
Im „Dialog“: Die Himmelssäule und der Dom, Bild: Uli Kievernagel
29 Jahre Unklarheit über Stifter
Grundsätzlich hätte damit alles gut sein können. Doch aus damals unerklärlichen Gründen distanzierte sich der Vorstand der Kölner Lions wenige Stunden vor der feierlichen Übergabe von dem Kunstwerk. Allerdings waren ja bereits Fakten geschaffen worden und die Säule stand, zehn Meter hoch, gut sichtbar auf dem Roncalliplatz.
Die konkreten Hintergründe dafür waren lange nicht bekannt. Erst ein Gespräch mit Chefredakteur Ulrich Stoltenberg, dem Pressesprecher der deutschen Lions, bringt Aufklärung:
„Es ging um 93.500 DM. Das waren die Kosten für den Transport und die Aufstellung der Säule. Heinz Mack hatte die Säule gestiftet, auch das Material war eine Stiftung. Allerdings sollte der Betrag für Transport und Aufstellung von den Kölner Lions alleine aufgebracht werden.“
Doch die Kassen waren leer und der betroffene Kölner Lions Club bestand nur aus 30 Mitgliedern, die dann alleine den Betrag hätten aufbringen müssen, so Pressesprecher Stoltenberg.
Die Lösung war, den Betrag auf viele Schultern zu verteilen. So legten die Lions Deutschland zusammen, der Betrag wurde noch im Jahr 1984 bezahlt. Stoltenberg war auch Initiator einer neuen Plakette, die den Stifter eindeutig benannte.
Im Jahr 2013 wurde die neue Plakette an der Säule angebracht und auch der Künstler Heinz Mack zeigte sich erleichtert:
„Jahrelang gab es eine Unsicherheit in dem Sinne: Die Skulptur hat irgendwas mit uns Lions zu tun. Viele andere haben das auch so empfunden. Da kam schon die Frage auf, ob die Lions wirklich stolz auf dieses Werk sind und sich damit identifizieren können.“4Heinz Mack im „Lion“, dem offiziellen Magazin von Lions Clubs International, Ausgabe vom Januar 2013
Jürgen Roters, Kölner Oberbürgermeister 2009 – 2015, setzt gemeinsam mit Heinz-Joachim Kersting, Governorratsvorsitzender Lions Deutschland, die neue Plakette an der Himmelssäule ein. Bild: Ulrich Stoltenberg
Kletterer auf der Himmelssäule
Der Granit der Säule ist in jedem Fall beständig. Und auch recht rauh und griffig. Daher nutzen Freeclimber jahrelang die Säule als Kletterobjekt. Der Künstler Mack sieht diese Zweckentfremdung völlig gelassen:
„Wir haben in Köln eine Hochschule für Sport, und die jungen Leute klettern dort mit ihren zehn Fingern hoch, zerstören aber nichts. Dieser Granit hält das aus. In zehn Metern Höhe angekommen, postieren sie sich und lassen Fotos machen. Das ist natürlich eine liebenswerte Geschichte, ich habe überhaupt nichts dagegen einzuwenden.“5Heinz Mack im „Lion“, dem offiziellen Magazin von Lions Clubs International , Ausgabe vom Januar 2013
Und damit beschreibt der Hessen geborene Mack liebevoll Artikel 1 des Kölsche Grundgesetzes:
Et es wie et es.
Auch bei einer Himmelssäule.
Ideal für Freeclimber: Die Himmelssäule mit ihren Rillen und dem griffigen Granit, Bild: Uli Kievernagel
Michael Kriegel ist in Berlin geboren und in der Westpfalz aufgewachsen. Im März 1975 nahm er die Kölner Stadtangehörigkeit an und bekannte sich uneingeschränkt zum „Kölschen Grundgesetz“. Der konvertierte Imi kommt aus der Erwachsenenbildung und ist seit vielen Jahren Stadtführer, Autor und leidenschaftlicher Laienhistoriker.
Michael Kriegel, Kölner Stadtteil-Guide und Autor, Bild: Kriegel
In diesem Gastbeitrag geht es um den fleißigen und den faulen Bach.
Ein großes DANKE an Michael dafür.
Die „Bachkreuzung“ vom „faulen“ und „fleißigem“ Bach, Bild: Michael Kriegel
Die Geschichte vom fleißigen und faulen Wasser
In Grimms Märchen kommen am Ende immer die Fleißigen zu Ruhm und Ehre. Goldmarie zum Beispiel in „Frau Holle“ oder der fleißige Handwerksbursche in dem Hausmärchen „Der Faule und Fleißige“. Andererseits gibt es keine Regel ohne Ausnahme. Zwei Bäche in Köln haben das schon vor langer Zeit bestätigt. Die Rede ist von der Strunde (auch Strunder Bach genannt) und dem Faulbach.
Der „fleißigste Bach Deutschlands“
Die Strunde hatte dem Faulbach einiges voraus. Durch ihren konstanten Wasserfluss und ihre Neigung von gut 100 Metern trieb die Strunde auf ihrem Weg zwischen Bergisch-Gladbach Herrenstrunden (Quelle) bis zur Mündung in den Rhein in Mülheim Dutzende Mühlen an. Dies veranlasste den bergischen Schriftsteller Vinzenz Jakob von Zuccalmaglio (1806-1876), die Strunde als „fleißigsten Bach Deutschlands“ zu bezeichnen.
Schon ander Quelle der Strunde weist eein Inschrift auf den „fleißgen“ Bach hin: „Sprudelt Segen bringende Quellen Die ihr speiset die fleißige Strunde“ Bild: FairbanksCityTransitSystem, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
Vom 11. bis ins 20. Jahrhundert hinein war der Bach die Lebensader der gesamten nördlichen Schäl Sick. Die ältesten der schätzungsweise 50 wassergetriebenen Geräte waren Getreidemühlen. Im Laufe der Zeit kamen Frucht- und Ölmühlen, Pulvermühlen, Wollspinnmühlen, Tabak- und Papiermühlen hinzu.
Faulbach – der „faule“ Bach
Im Gegensatz zur „fleißigen“ Strunde trieb der Faulbach keine einzige Mühle an. Das Wasser floss einfach zu langsam und hatte nicht die Kraft, ein Mühlrad anzutreiben. So kam der „faule“ Bach zu seinem Namen. Trotz ihrer unterschiedlichen Eigenschaften sind die beiden Bäche auf merkwürdige Weise miteinander verbunden. Sie kreuzen sich, ohne ineinander zu fließen.
Das war allerdings nur möglich, weil der Mensch bereits vor vielen Jahrhunderten Hand anlegte und eine Brücke über den Faulbach baute, die den Strunder Bach seit jeher darüber führt. Die ersten Brückenkonstruktionen reichen vermutlich bis ins 12. Jahrhundert zurück. So lange gibt es die künstliche Bachkreuzung schon, und noch heute kann man sie in Holweide besichtigen.
Allerdings besteht das dafür geschaffene Bauwerk nicht mehr aus Holz wie seine Vorgänger, sondern aus Beton der frühen 1970 Jahre. Aber was waren eigentlich die Gründe für diese seltsame Konstruktion?
Eine „Bachkreuzung“ zur Wasserrettung
Ursprünglich versickerte die im Bergischen Land entspringende Strunde in den Sumpfgebieten Thielenbruchs. Weg war das antreibende Wasser. Für viele Mühlenbetreiber, die die Wasserkraft für ihre Zwecke nutzen wollten, war dies bloße Verschwendung. Also wurde der fleißige Bach künstlich verlängert, indem ein höher gelegenes Bachbett geschaffen wurde, das ein vorzeitiges Verschwinden der Strunde im Sumpf verhinderte.
Auf dem Weg zum Rhein gab es aber ein nicht unwesentliches Hindernis: der Faulbach. Er musste überquert werden. So entstand die Idee, eine Brücke über diesen Bach zu bauen. Dies hatte zudem den Vorteil, die Hochwassergefahr zu verringern. So konnte die Strunde bei Hochwasser an der Kreuzung in den Faulbach überlaufen und die Wasserstände ausgleichen.
Ein kölscher Aquädukt: Hier wird der „fleißige Bach“ Strunde über den Faulbach geführt. Bild: Pingsjong, GFDL, via Wikimedia Commons
Klares Wasser führte zu spätem Ruhm für den faulen Bach
Es gab aber wohl noch einen anderen Grund für den Brückenbau. Infolge der intensiven Wasserkraftnutzung durch die ortsansässigen Betriebe war die Strunde so stark verschmutzt, dass sie nicht mehr als Trinkwasser genutzt werden konnte.
Die ungeklärten und verunreinigten Abwässer wurden teilweise zu einer regelrechten Plage für die umliegenden Ortschaften. Der Faulbach hat sein sauberes Wasser hingegen behalten, da er sich dank der Brücke nicht mit der Strunde vereinigte. So konnten sich die Anwohner am klaren Wasser des Faulbachs bedienen und der „faule“ Bach erwarb unerwartetes Ansehen. Er floss zwar immer noch langsam – aber sehr sauber – vor sich hin.
Doch schon Laotse wusste um 600 v. Chr.: „Die Natur eilt nicht, und dennoch wird alles erreicht.“
Michael Kriegel: Deutz – Vom römischen Kastell zur Köln Arena, Emons Verlag Köln, ISBN 978-3-7408-1565-3 erhältlich bei Emons oder in jeder Buchhandlung, 12 Euro
Der Deutz-Kenner Michael Kriegel hat auch ein Buch über diesen lange unterschätzten Stadtteil veröffentlicht. Lange war Deutz für viel Kölner so etwas wie Ausland – es lag ja auf der vermeintlich „falschen Seite“ des Rheins. Und damit lag man nicht ganz falsch, denn Deutz war bis zur Eingemeindung eine selbstständige Stadt. Kriegel beschreibt den Weg des von den Kölschen liebevoll „Düx“ genannten Stadtteils von der Gründung des Kastells Divitia im Jahr 310 bis hin zum heute angesagten Viertel mit Messe, Köln-Arena und Rheinboulevard.
Die Marienstatue in St. Maria im Kapitol mit Äpfeln zur Erinnerung an den Appel-Jupp, Bild: Uli Kievernagel
Touristen, die es nicht nur in den Dom, sondern bis in die Kirche St. Maria im Kapitol schaffen, wundern sich: Wieso liegen an der Marienstatue im Chor immer frische Äpfel? Der Kölsche schmunzelt, packt seinen mitgebrachten Apfel aus, legt ihn an die Marienstatue und freut sich diebisch, mal wieder für Verwirrung gesorgt zu haben.
Ein frommer, kleiner Junge aus Köln
Um das Jahr 1150 rum lebte in Köln der kleine Hermann. Ein ganz normaler Junge seiner Zeit, der sich mit seinen Freunden die Zeit vertrieb. Hermann war aber auch sehr, sehr fromm. Und so ging er, immer wenn er Zeit hatte, für ein kurzes Gebet in seine Pfarrkirche St. Maria im Kapitol.
In bester rheinisch-katholischer Art führte er regelmäßig Gespräche mit Maria, der Mutter Gottes. Sie wurde für ihn zu einer Freundin, der er in tiefstem Kölsch von seinen Sorgen, Nöten aber auch von seinen Freuden erzählte. Und er wartete vergeblich darauf, dass ihm die Statue auch einmal antwortete.
Ein Apfel für das Jesuskind
Bis zum Nikolaustag. An diesem Tag hatte der fromme Hermann vom Nikolaus einen besonders schönen Apfel bekommen. Hermann war schnell klar: Diesen Apfel wird er dem Jesuskind schenken.
Sofort ging er in die Kirche, und dann geschah das ersehnte Wunder: Die Statue der Maria erwachte zum Leben, nahm den Apfel und gab diesem dem Jesuskind. Für Hermann wurde ein Traum wahr. In Zukunft besuchte er noch öfters Maria mit dem Jesuskind, er spielte mit dem kleinen Jesus und brachte ihm noch weitere Geschenke mit. Für moderne, aufgeklärte Menschen eine eher bizarre Vorstellung.
Anthonis van Dyck,: Vision des Hermann Joseph, um 1630, Bild: Public domain, via Wikimedia Commons
Der Theologe Manfred Becker-Huberti sieht hinter dieser Geschichte einen ganz anderen Sinn. In einem Interview im Domradio erklärt er: „Das sieht für heutige Leute eher komisch aus. … Aber der Sinn, der dahinter steckt, ist ein anderer. Die Maria ist die neue Eva. Und die alte Eva hat die Schuld in die Welt gebracht, indem sie einen Apfel vom Baum der Erkenntnis heruntergenommen hat und rein gebissen hat. Dieser Apfel ist in den Händen der Eva das Symbol für die Erbschuld und in den Händen der Maria für die Befreiung von der Schuld. Der Hermann-Joseph ist derjenige, der sie um diese Erlösung bittet, das heißt, den Apfel an das Jesuskind weiterzugeben.“1Quelle: DomradioOb der eher volkstümlich geprägte Glaube im 12. Jahrhundert diese Interpretation geteilt hätte, kann aber durchaus bezweifelt werden.
Große Marienverehrung
Hermann trat mit zwölf Jahren in das Kloster der Prämonstratenser in Steinfeld in der Eifel ein, studierte in Friesland, kehrte nach Steinfeld zurück und wurde dort zum Priester geweiht. Er war als Seelsorger im Umkreis des Klosters tätig.
Hermann war zeitlebens ein großer Marienverehrer und bekam, durch eine „mystische Vermählung mit der Gottesmutter Maria“ den Beinamen Joseph. Seine große Frömmigkeit führte zu weiteren Wundern. So sollen bei seinen Gottesdiensten regelmäßig in dem Kelch Rosen erschienen sein, deren Duft ganze Gotteshäuser erfüllt habe.
Hermann schrieb auch erbauliche Texte und Lieder. So wird ihm auch das älteste bekannte Herz-Jesu-Lied „Gruß an das heiligste Herz-Jesu“ zugeschreiben. Dort lautet es:
Öffne dich gleich einer Rose, Duftend aus dem Blätterschoße, Und vereine meinem Herzen Deinen Duft und deine Schmerzen. Wer liebt, was muss der leiden nicht?
Bis in das fast schon biblische Alter von 90 Jahren hielt Hermann an der Marienverehrung fest. Er starb am 7. April 1241 oder 1252.
Der Hermann-Joseph-Brunnen am Waidmarkt zeigt die entscheidende Szene: Maria nimmt von Hermann dem Apfel entgegen, Bild: Raimond Spekking
Erinnerung in Köln als Appel-Jupp
Heute erinnern sich Kölner an ihren Hermann Joseph als „Appel-Jupp“, also „Apfel-Joseph“. Und so finden sich regelmäßig besagte Äpfel an der Marienstatue in St. Maria im Kapitol.
Zusätzlich wurde ihm ein Brunnen gewidmet. Dieser Brunnen steht am Waidmarkt und zeigt an seiner Spitze die ganz entscheidende Szene für das Leben vom Appel-Jupp: Maria nimmt von ihm dem Apfel entgegen.
Damals noch im Mittelpunkt des Platzes, heute eher „an den Rand geschoben“: Der Hermann-Joseph-Brunnen am Waidmarkt um 1895, Fotograf: unbekannt
Heute geht der Brunnen am Waidmarkt etwas unter. Werner Schmidt schreibt, der Brunnen wirke „wie ein an den Platzrand geschobenes sperriges Möbel“.2Werner Schmidt: Der Bildhauer Wilhelm Albermann (1835–1913). Leben und Werk. In: Werner Schäfke (Hrsg.): Publikationen des Kölnischen Stadtmuseums. Band 3. Köln 2001 Auch Ronald Füllbrandt von den Kölschgängern sieht den Standort kritisch: „Der Brunnen stand am Platzeingang und war ein herrlicher Blickfang. Heute, nachdem sich das Stadtbild grundlegend verändert hat, ist sein Platz nicht mehr besonders schön. Er steht da, wie in die Ecke gedrängt und wird kaum beachtet.“3Quelle: Kölschgänger
Dann doch lieber – in bester kölscher Tradition – Äpfel zur Marienstatue in St. Maria im Kapitol bringen.
Köln und Olympia – das klingt erstmal wie eine dieser kölschen Ideen, bei denen man nicht so genau weiß: Genial oder größenwahnsinnig? Zwischen Domspitzen und Dauerbaustellen, zwischen „Weltstadt-Attitüde“ und „Et hätt noch immer jot jejange“ stellt sich die Frage: Würde Olympia an den Rhein passen – oder eher nicht? Kölner*innen haben aktuell1Noch bis zum 19. April 2026 die Möglichkeit, abzustimmen. Dabei geht es nur um „ja“ oder „nein“. Schwierig. Daher wird es Zeit für einen Blick auf die Chancen und Risiken. Ganz ehrlich: Das ist alles stark verkürzt und auf keinen Fall erschöpfend. Weiter unten gibt es noch Link-Empfehlungen, um sich intensiver mit dem Thema zu beschäftigen.
OlympiJA – Argumente dafür
Köln kann Atmosphäre
Köln ist kein graues Verwaltungszentrum, sondern eine Stadt, die sich gerne zeigt. Ob Karneval, CSD oder große Konzerte – Köln kann Atmosphäre. Olympische Spiele leben genau davon: Emotion, Begegnung, Ausnahmezustand. Und davon hat Köln reichlich im Repertoire.
Kurze Wege, großes Netzwerk
Im Gegensatz zu vielen Metropolen könnte Köln Olympia nicht allein stemmen – müsste es aber auch gar nicht. Mit den vielen bestehenden Sportstätten im Ruhrgebiet, Reiten in Aachen, ja – auch zusammen mit Leverkusen und Düsseldorf – liegt ein ganzes Netzwerk vor der Tür. Die Idee: Spiele der kurzen Wege, verteilt auf mehrere Städte. Rhein-Ruhr statt Gigantismus.
Infrastruktur? Schon da!
Müngersdorfer Stadion, Kölnarena, Fühlinger See, Messe – vieles ist vorhanden. Klar, nicht alles olympiatauglich, aber einiges näher dran, als man denkt. Und ein Olympia-Stadion auf Zeit, welches anschließend zentraler Teil eines neuen Stadtteils wird. Das könnte Kosten und Bauwahnsinn reduzieren. Zugegeben – zumindest in der Theorie.
Image-Booster
Beachvolleyball am Dom – Bogenschießen auf den Poller Wiesen – Fechten im Gürzenich: Olympia wäre eine Einladung an die Welt: „Komm vorbei, wir sind mehr als Dom und Kölsch.“ Köln könnte sich modern, weltoffen und leistungsfähig präsentieren – ein Imagegewinn, der über Jahre nachwirkt.
OlympiNä – Argumente dagegen
Köln und Großprojekte – ganz schlechte Erfahrungen
Wer in Köln „Großprojekt“ sagt, denkt schnell an Dauerbaustellen, explodierende Kosten und verschobene Zeitpläne. Beispiele gibt es genug. Olympia aber verzeiht keine Verspätung – der Zeitplan steht, egal ob Köln fertig ist oder nicht.
Infrastruktur? Eben doch nicht genug
Ja, einiges ist da. Aber eben nicht alles. Verkehrswege, Unterkünfte, Sicherheitskonzepte – das alles müsste massiv erweitert werden. Und genau hier wird’s knifflig: Köln kämpft schon im Alltag mit Stau, Bahnproblemen und Wohnraummangel.
Kosten – das große Fragezeichen
Olympische Spiele sind selten ein Schnäppchen. Viele Gastgeberstädte kämpfen noch Jahre später mit Schulden. Die Frage ist also nicht, ob es teuer wird – sondern wie teuer. Und ob sich das für Köln wirklich rechnet – und natürlich, ob wir uns das angesichts eines desolaten Haushalts überhaupt leisten können.
Die Stadt im Ausnahmezustand
Schon jetzt ist Köln bei Großevents am Limit. Olympia würde alles nochmal potenzieren: Sicherheitszonen, Einschränkungen, Menschenmassen. Für Besucher spannend – für Kölner im Alltag möglicherweise anstrengend.
Fazit: Köln hät et Hätz für Olympia – ävver künne mer dat uch?
Olympia in Köln ist keine einfache Ja-Nein-Frage. Es ist eher ein kölsches „Kommt drauf an“. Auf Planung, Umsetzung, Ehrlichkeit bei den Kosten – und darauf, ob man den Mut hat, es richtig zu machen. Köln hätte das Herz für Olympia, keine Frage. Aber ob auch die Organisation und die Nervenstärke mithalten können? Genau da liegt der Knackpunkt. Am Ende bleibt die Entscheidung irgendwo zwischen Aufbruch und Augenmaß.
Oder, um es kölsch zu sagen:
Zwischen „Loss mer maache!“ und „Nä, dat weed nix.“
Wer sich eingehender mit der Fragestellung beschäftigen will, ob Olympia zu Köln passt, sollte sich unbedingt diese beiden Websites ansehen:
Weltbekanntes Logo: Die drei Nonnen im gotischen Spitzbogen stehen für Klosterfrau Melissengeist, Bild: Klosterfrau Gesundheits-Service
Consumer Centric, Brand Awareness, Storytelling – alles Begriffe aus dem modernen Marketing. Die selbsternannten Experten wollen uns allen immer das Gefühl geben, sie alleine hätten das Marketing erfunden. Weit gefehlt. Experten für die Vermarktung von Produkten gibt es schon ewig. Und in Köln hat sich eine Marketing-Expertin besonders hervorgetan: Maria Clementin Martin, die „Erfinderin“ von Klosterfrau Melissengeist. Diese Frau hat bereits vor fast 200 Jahren geschafft, ein Produkt perfekt zu vermarkten, dass es noch heute gibt: Klosterfrau Melissengeist. Dabei hat sie alle Register des Marketings gezogen: Klösterliche Herkunft des Rezepts, Verwendung vom königlichen Wappen, Platzierung als medizinisches Produkt und Abmahnungen gegen Wettbewerber, die dies auch behaupteten.
Eine selbstbewusste Unternehmerin
Köln im Jahr 1826. Im Schatten des noch unvollendeten Doms tut sich was: Maria Clementine Martin gründet unter dem Namen „Maria Clementine Martin Klosterfrau“ ihr Unternehmen. Mit einer Anzeige in der Kölnischen Zeitung bewarb sie ihr selbst destilliertes Kölnisch Wasser:
„Ein sich selbst empfehlend ächtes Kölnische Wasser,
ist zu haben auf der Litsch Nro. 1, die große Flasche zu 6 Sgr. 3Pf.“
Das Gründungskapital stammt aus einer königlichen Rente, welche sich Maria in der Schlacht von Waterloo bei der Pflege von verletzten Soldaten verdient hatte.
Wundermittel gegen alle möglichen Beschwerden
Die 1775 als Wilhelmine Martin geborene Unternehmerin hatte zu diesem Zeitpunkt bereits reichlich Erfahrungen in verschiedenen Klöstern mit der Krankenpflege und mit Heilpflanzen machen können. Diese Kenntnisse setzt sie jetzt in bare Münze um. Besonders ihr neues Produkt, eine spezieller Melissengeist, wird noch heute bei Beschwerden aller Art empfohlen:
Bei Erkältung und grippalen Infekt,
bei Magen-Darm-Beschwerden,
bei Wetterfühligkeit, Spannungs- und Erregungszuständen,
bei innerer Unruhe und
bei Schlafstörungen.
Kein Wunder, dass bei einem solchen Wundermittel der Markt hart umkämpft war. In der Domstadt buhlen immerhin 64 Hersteller von Heilwassern und Kölnisch Wasser um Kunden. Deshalb strebte Maria bereits im Jahr 1828 eine „Prüfung und Bescheinigung der Qualität des von ihr verfertigten Melissenwassers durch die königliche Medizinal Behörde“ an. Leider vergeblich – die Behörde wies darauf hin, dass die Ähnlichkeit mit bestehenden Produkten zu groß sei und tatsächlich jeder Apotheker ein solches Heilwasser herstellen könne. Auch ein zweiter Versuch im Jahr 1831, den nur als Parfum zugelassenen Melissengeist als Arznei zuzulassen, scheiterte. Trotzdem positionierte die findige Unternehmerin dieses Produkt durch Hinweise auf die Heilwirkung mehr oder weniger deutlich als Arznei. Und ging gleichzeitig mit Abmahnungen gegen Wettbewerber vor, die dies ebenfalls taten – Marketing mit harten Bandagen.
Klosterfrau Melissengeist, in der Mitte des Etiketts ist noch heute das königliche Wappen zu finden, Bild: Klosterfrau Gesundheits-Service
Das königliche Wappen als Wettbewerbsvorteil
Ihr größter Marketing-Erfolg war aber die Anfrage bei König Friedrich Wilhelm III. im Jahr 1827: Dieser gestatte Ihr, das preußische Wappen auf dem Etikett ihrer Produkte zu führen. Andere Unternehmer mit vergleichbaren Produkten klagten vergeblich darauf, auch dieses Wappen nutzen zu dürfen. Tatsächlich schmückt dieses Wappen noch heute das Etikett jeder Flasche Klosterfrau Melissengeist.
Das Grab von Maria Clementine Martin auf dem Melatenfriedhof, Bild: Factumquintus
Maria Clementine Martin starb am 9. August 1843. Ihr Unternehmen gibt es noch heute unter dem Namen „Klosterfrau Healthcare Group“. Und die erfolgreiche Tradition wurde fortgesetzt: Heute stellen ca. 1.000 Mitarbeiter 220 unterschiedliche Klosterfrau-Produkte her.
Die erste Adresse des Unternehmens im Jahr 1826 war durchaus prominent: „Auf der Litsch“ war eine Gasse an der Westfassade des Doms. Diese wurde bei der Domvollendung komplett abgerissen. Der Dom hatte damals die Adresse „Auf der Litsch 2“. Heute kann jeder dem Dom unter der Adresse „Domkloster 4, 50667 Köln“ schreiben.
Das Zeughaus, hier ein Bild aus besseren Zeiten, Bild: Raimond Spekking
Das Zeughaus – der ideale Ort für das Stadtmuseum
Wenn man sich aktuell1März 2026 rund um das Zeughaus umschaut kann man sich tatsächlich für Köln schämen. Bauzäune dominieren das Bild, Müll liegt herum und sogar die schönen rot-weißen Fensterläden mussten demontiert werden, weil diese ansonsten abgestützt wären.
Das Zeughaus selber, ein zwischen 1594 und 1606 als städtisches Waffenarsenal erbautes Gebäude, ist seit Jahren ungenutzt. Und auch der Blickfang, das „Flügelauto“ von H.A. Schult, wird wegen der Baufälligkeit des Turms in den kommenden Wochen umgesetzt.
Dabei bietet das Zeughaus ein sehr großes Potenzial: Beste Lage, große Flächen, historisches Ambiente. Es wird also höchste Zeit, sich um dieses attraktive Gebäude zu kümmern.
Bereits vor zwei Jahren haben einige Kölner Geschichtsvereine schon einmal die Initiative ergriffen und eine Stellungnahme zur Zukunft des Kölnischen Stadtmuseums im Zeughaus erstellt. Sie hat seinerzeit in der Stadtpolitik und bei den Medien ein durchweg positives Echo erfahren, aber keinerlei konkrete Folgen gehabt.
Daher starten die Vereine und Initiativen eine neue Petition an Oberbürgermeister Burmester. Diese enthält die die dringende Bitte, das Zeughaus wieder als Heimat des Kölnischen Stadtmuseums zu nutzen.
Unterschrieben haben 48 Akteure der Kölnischen Stadtgesellschaft, darunter der Zentral-Dombau-Verein zu Köln, die Bürgerstiftung Köln, das Centrum Schwule Geschichte, Fortis Colonia. Willem Fromm von „Eine Geschichte der Stadt Köln“, Freunde und Förderer des Kölnischen Brauchtums, Louise Farina, die Kölner Stadtführer und auch wir vom Köln-Ding der Woche.
Hier der vollständige Text des offenen Briefes an Oberbürgermeister Torsten Burmester. Ein großes DANKE an Dr. Joachim Oepen vom Förderverein Geschichte in Köln, der dieses Anliegen maßgeblich organisiert hat.
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
Ihr entschlossenes und tatkräftiges Handeln in den ersten Wochen Ihrer Amtszeit ermuntert uns, einen dringenden Appell an Sie zu richten. Es geht um die Zukunft unseres Stadtmuseums, um das Zeughaus und um den Umgang mit dem kulturellen Erbe unserer Stadt.
Seit dem katastrophalen Wasserschaden im Juni 2017 ist das Zeughaus fast ungenutzt. Das Stadtmuseum musste ausziehen, sollte in einem prestigeträchtigen Neubau am Dom einziehen, kam für den Zeitraum von zehn Jahren zur Miete in einem ehemaligen Modekaufhaus unter. Dank seiner attraktiven Inszenierung und dem interessanten Programm ist das Museum dort erfolgreich, und doch sind die Möglichkeiten sehr begrenzt. Die Ausstellungsfläche beträgt etwa 700 Quadratmeter – viel zu klein für eine Metropole von einer solch herausragenden historischen Bedeutung wie Köln. Die unfassbar reichen Bestände des Hauses sind in unzureichend ausgestatteten Depots gelagert. Zentrale Themen der Kölner Geschichte – zu Wirtschaft, Technik, Sport, Migration und anderen sozialen Fragen – können nicht gezeigt werden. Wir erleben eine Verzwergung unseres historischen Erbes.
Zugleich verfallen das Zeughaus und die Alte Wache daneben – und damit zwei einzigartige Bauwerke der Kölner Vergangenheit. Auch das gesamte umgebende Areal ist zunehmender Verwahrlosung ausgesetzt. Das Zeughaus als ehemalige Waffenkammer Kölns war das Herzstück der wehrhaften Bürgerstadt. Die Wache ist eines von nur drei verbliebenen Gebäuden des frühen Klassizismus in der Domstadt. Die Römermauer, die hinter beiden verläuft, bildet ihr stützendes Rückgrat. Dieses einmalige Ensemble darf nicht weiter verfa llen. Es ist kein Ort für ein Hotel, für städtische Verwaltung oder für eine Eventlocation; dies alles wurde bereits angedacht und zu Recht verworfen. Das Zeughausareal ist der geborene Platz für unser Stadtmuseum.
Hier lässt sich ein Ort schaffen, der ein kultureller Anziehungspunkt für das Bankenviertel ist, eine erste Anlaufstelle für die vielen Touristengruppen, die am Börsenplatz aussteigen, ein Ort, der selbst und im Dialog mit dem nahen NS-Dokumentationszentrum wichtige Bildungsarbeit leistet, der aber auch ein Treffpunkt für unzählige Kölnerinnen und Kölner ist. Gerade in unsicheren Zeiten wie diesen braucht unsere Stadt einen Ort der Selbstbefragung und der Selbstvergewisserung. Es braucht eine Einrichtung, die als Leuchtturm für die vielen Vereine und Initiativen dient, die sich um die Kölner Vergangenheit und das kölnische Brauchtum verdient machen. Und es braucht einen Ort, an dem die Kölner Pänz, die Erwachsenen, die Imis etwas über die hellen und die dunklen Zeiten ihrer Heimatstadt erfahren.
Köln hat schwierige Jahre vor sich, das ist uns bewusst. Mit Ihrer Idee der Olympiabewerbung haben Sie einen gewichtigen Aufschlag gemacht. Falls dies gelingt, dann ist ein elementarer Meilenstein gesetzt auf dem Weg zur Zweitausendjahrfeier Kölns, die unsere Stadt und ihre Bevölkerung 2050 begehen werden. Wir halten es für unabdingbar, dass die Darstellung unserer Geschichte dafür einen würdigen Rahmen bekommt, hinter dem sich die ganze Stadt versammeln kann. Wir sind überzeugt, dass das ein Unterfangen ist, das viele Unterstützerinnen und Unterstützer finden wird. Daher bitten wir Sie dringend: Bereiten Sie der Kölner Stadtgeschichte, dem Stadtmuseum und den Menschen, die sich um Kölns Identität und sein Bild nach außen große Sorgen machen, den Weg. Bitte bündeln Sie die Kräfte in Verwaltung und Stadtgesellschaft, damit noch in diesem Jahr der Startschuss fällt, um unsere Geschichte im Zeughaus erlebbar zu machen.
Die Ausstellung zur kölschen Stadtgeschichte hat bereits eine lange Reise hinter sich: Wie bei so vielen Museen in Köln bildete die umfangreiche Sammlung Ferdinand Franz Wallrafs den Grundstock. Ab 1888 wurde die Stadtgeschichte in der Hahnentorburg ausgestellt und ab 1902 zusätzlich in der Eigelsteintorburg. Da die Aufteilung auf zwei Standorte alles andere als optimal war, erwog man bereits 1912, das Zeughaus als Ausstellungsort zu nutzen. Allerdings machte der Erste Weltkrieg diese Pläne zunichte.
Auch der Plan, die alte Kürassierkaserne der Preußen in Deutz als „Rheinisches Museum“ zu nutzen, musste wegen der Weltwirtschaftskrise verschoben werden. Die Nationalsozialisten erkannten das propagandistische Potenzial eines solches Museums und eröffneten dort am 21. Mai 1936 das „Haus der Rheinischen Heimat“ in Deutz, welches aber im Krieg erhebliche Schäden erlitt und abgerissen wurde.
Nach dem Zweiten Weltkrieg kam erneut der Gedanke auf, dem Stadtmuseum im Zeughaus eine Heimat zu geben. Doch der Wiederaufbau des im Krieg stark beschädigten Gebäudes verzögerte sich. Erst 1958 wurde die Dauerausstellung eröffnet, die dort bis zu dem Wasserschaden im Jahr 2017 gezeigt wurde.
Der schlechte Zustand des Zeughauses machte eine Fortführung der Ausstellung unmöglich. Daher gab es 2018 einen Ratsbeschluss, das ehemalige Modehaus Franz Sauer als Interimsquartier zu nutzen. Doch es sollte noch bis 2024 dauern, bis die Ausstellung dort eröffnet werden konnte.
Das Kölnische Stadtmuseum im ehemaligen Modehaus Franz Sauer, Bild: Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0
Die Kuratoren machten aus der Platz-Not eine Tugend und stellten das Ausstellungs-Konzept komplett neu auf. Statt einer klassischen Chronologie werden acht aktuelle Fragen, die die Besucher beschäftigen und emotional berühren gestellt. Fragen wie: „Was lieben wir?“, „Worauf hoffen wir?“, „Was macht uns Angst?“, „Was verbindet uns?“, „Was macht uns wütend?“, „Worauf haben wir Lust?“, „Woran glauben wir?“ und „Was bewegt uns?“ bilden das Grundgerüst der neuen Dauerausstellung.
Eine perfekte Darstellung – mit nur 0,1% aller möglichen Exponante
Das Problem aber bleibt: Platzmangel. Nur 750 Quadratmeter stehen am neuen Standort für die Dauerausstellung zur Verfügung. Allerdings gibt es etwa 500.000 Ausstellungsstücke, gezeigt werden können davon nur etwa 650 Exponate, weniger als 0,1%.
Das Mahnmal für die schwulen und lesbischen Opfer des Nationalsozialismus in Köln, Bild: Franz-Josef Knöchel / LVR
Regelmäßig besuche ich bei der Lotsentour Innenstadt mit meinen Gruppen auch das „Rosa Winkel Mahnmal“. Und immer wieder stelle ich fest, dass selbst Urkölsche dieses Denkmal nicht kennen – obwohl sie schon hundertmal daran vorbeigelaufen sind. Die Rede ist von dem „Mahnmal für die schwulen und lesbischen Opfer des Nationalsozialismus in Köln“. Dabei steht dieses Denkmal an sehr prominenter Stelle: direkt am Rhein, fast unterhalb der Hohenzollernbrücke. Und trotzdem laufen alle daran vorbei. Und das bereits seit 1995. Damals wurde das Denkmal feierlich im Rahmen der Cologne Pride enthüllt. Aus heutiger Sicht erstaunlich: Der damalige Oberbürgermeister Norbert Burger hatte bei der feierlichen Enthüllung des Mahnmals seinen ersten Auftritt im Rahmen eines CSD. Heute ist die Teilnahme an den Feierlichkeiten des CSD Pflichtprogramm für die Vertreter der Politik.
Streit um Aufstellungsort
Die Vorgeschichte des Denkmals beginnt bereits 1990. Die Initiative ging von Jörg Lenk, aktiv im Arbeitskreis Lesben und Schwule der Gewerkschaft ÖTV in Köln, aus. Drei Jahre später gab es eine Ausschreibung zur Gestaltung des Denkmals. Kritisch diskutiert wurde vor allem der sehr prominente Aufstellungsort.
Dabei ist gerade dieser Platz für die homosexuellen Kölner von besonderer Bedeutung. Hier stand bis zum Zweiten Weltkrieg ein Pissoir, welches zum beliebten Treffpunkt schwuler Männer wurde. Nach der Zerstörung des Pissoirs verlagerte sich die Szene in die (heute geschlossenen) Treppentürme der Hohenzollernbrücke.
Der „Schwulen-Paragraph“ 175
Nicht vergessen: Noch bis in das Jahr 1994 galt der „Schwulen-Paragraph “ 175. Dieser Paragraph stellte homosexuelle Handlungen unter Strafe. Anonyme Treffpunkte für Schwule waren daher von besonderer Bedeutung.
Bereits 1922 veröffentlichte der Publizist Kurt Hiller unter dem Titel „Die Schmach des Jahrhunderts“ eine Aufsatzsammlung gegen den Paragraphen 175
Paragraph 175 Strafgesetzbuches wurde bereits im Deutschen Kaiserreich eingeführt
Ein großes DANKE an Antonia Frinken. Sie hat sich mit der Geschichte des Paragraph 175 auseinandergesetzt und mir erlaubt, ihre Zusammenfassung hier zu veröffentlichen.
„Der Paragraph 175 des Strafgesetzbuches galt von 1871 bis 1994 und bezog sich auf sexuelle Handlungen zwischen Männern. Im Nationalsozialismus wurde er im Jahr 1935 verschärft: Waren bis dahin „beischlafähnliche Handlungen“ strafbar, so drohten nun Haftstrafen für das bloße Anschauen oder Berühren.
Während dieser Paragraph in der DDR zunächst auf unterschiedliche Weise ad acta gelegt wurde, bestand er in der Bundesrepublik bis zur ersten Reformierung 1969 in der Fassung von 1935 fort. Die Große Koalition unter Bundeskanzler Kiesinger hob das Totalverbot gleichgeschlechtlicher Handlungen zwischen Männern auf. Aber homosexuelle Prostitution und Ausnutzung von Dienstverhältnissen und Machtgefällen standen weiterhin unter Strafe. Das Schutzalter für homosexuelle Handlungen zwischen männlichen Personen lag zudem bei 21 Jahren und war somit höher als für heterosexuelle Handlungen.
Eine zweite, weitreichendere Reformierung des Paragraphen 175 erfolgte 1973 unter dem Kabinett Brandt II, die unter anderem die Absenkung des Schutzalters von 21 auf 18 Jahre beinhaltete. Erst 1994 wurde der Paragraphf 175 ersatzlos gestrichen und das Schutzalter für homosexuelle und heterosexuelle Handlungen angeglichen.
2002 beschloss der Bundestag gegen Stimmen von CDU/CSU und FDP die Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile und damit auch die Rehabilitierung der zwischen 1935 und 1945 unter dem Paragraphfen 175 Verurteilten. Nachfolgende Anträge zur Rehabilitation der Verurteilten nach 1945 wurden bis 2017 abgelehnt, als alle Verurteilten, deren Sexualpartner seinerzeit 16 Jahre oder älter waren, rehabilitiert wurden. Zahlreiche Opfer des Paragraphen 175 erlebten die Rehabilitationen von 2002 beziehungsweise 2017 jedoch nicht mehr mit.
Sexuelle Handlungen unter Frauen wurden unter dem Paragraphen 175 zu keiner Zeit verfolgt, waren aber gesellschaftlich stigmatisiert. Die lange Geschichte der Verfolgung sexueller Minderheiten zeigt die Wichtigkeit geheimer Treffpunkte zur Schaffung von Gemeinschaft auf.“
„Kameradschaft-Ehe“
Um der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entgehen waren Scheinehen ein häufig gewählter Ausweg. Dabei heirateten homosexuelle Männer und Frauen, um den Schein der Konformität zu wahren. Es gab aber auch Ehen zwischen homosexuellen Männern und heterosexuellen Frauen. Der Vorteil für beide Seiten: Absicherung gegenüber der Verfolgung bei den Männern und soziale Absicherung der Frauen.
In Zeitungsanzeigen wurden für diese Arrangements spezielle Begriffe wie „Kameradschafts-Ehe“ oder „Heirat vor der Welt“ verwendet. Auch Formulierungen in den Anzeigen wie „Eine Frau, die mich versteht.“ oder „… die meine Neigungen respektiert“ wurden verwendet.
Aus dem Lehrmaterial der SS: Übersicht der Kennzeichnungen für Häftlinge, Bild: Bundesarchiv, Bild 146-1993-051-07 / Unknown / CC-BY-SA 3.0
Rosa Winkel kennzeichnete homosexuelle Männer im Konzentrationslager
Das Mahnmal ist dem „Rosa Winkel“ nachempfunden. In den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten musste jeder Häftling eine spezielle Kennung als Aufnäher an der Jacke oder Hemd tragen. Zwei gegenläufige Winkel, die den „Judenstern“ ergaben, kennzeichneten Juden. Ein roter Winkel stand für politische Gefangene. Einen lila Winkel mussten Zeugen Jehovas tragen. Weitere Aufnäher standen z.B. für Sinti und Roma oder Berufsverbrecher. Der „Rosa Winkel“ war die Kennzeichnung homosexueller Männer.
Dieser „Rosa Winkel“ wurde später international zum Symbol der Homosexuellen. Heute hat allerdings die Regenbogenflagge eine wesentlich größere Popularität in der LGBT1Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender, also Lesbisch, Schwul, Bisexuell und Transgender-Szene.
Der „Rosa Winkel“, gehalten durch graue Keile, Bild: Franz-Josef Knöchel, LVR
Das Denkmal besteht aus diesem „Rosa Winkel“, welcher links und rechts von grauen Keilen gehalten wird. Der Künstler Achim Zinkann dazu: „ … In der Skulptur entsteht eine Korrespondenz zwischen den Keilen. Druck, Gegendruck und Reibung sind Voraussetzungen für den Gesamtzusammenhalt. Wird einer der Keile entfernt, verliert mindestens ein anderer den Halt. Das Gefüge wird zerstört …“
Inschrift des Mahnmal für die schwulen und lesbischen Opfer des Nationalsozialismus in Köln, Bild: Uli Kievernagel
Auf der Oberseite ist die Inschrift:
Totgeschlagen – Totgeschwiegen Den schwulen und lesbischen Opfern des Nationalsozialismus
eingemeißelt. In den Konzentrationslagern des NS-Regimes wurden etwa 10.000 homosexuelle Männer inhaftiert und mehr als die Hälfte davon ermordet, schätzt der Soziologe Rüdiger Lautmann.
Wenn ihr demnächst in der Innenstadt unterwegs seid, nehmt euch die Zeit und schaut euch dieses Denkmal an. Leider stelle ich regelmäßig fest, dass sich der „Rosa Winkel“ nicht im besten Zustand befindet.
Es wäre wünschenswert, wenn dort öfters mal jemand vorbeischaut und die Würde des Mahnmals sicherstellt.