Köln und Olympia – das klingt erstmal wie eine dieser kölschen Ideen, bei denen man nicht so genau weiß: Genial oder größenwahnsinnig? Zwischen Domspitzen und Dauerbaustellen, zwischen „Weltstadt-Attitüde“ und „Et hätt noch immer jot jejange“ stellt sich die Frage: Würde Olympia an den Rhein passen – oder eher nicht? Kölner*innen haben aktuell1Noch bis zum 19. April 2026 die Möglichkeit, abzustimmen. Dabei geht es nur um „ja“ oder „nein“. Schwierig. Daher wird es Zeit für einen Blick auf die Chancen und Risiken. Ganz ehrlich: Das ist alles stark verkürzt und auf keinen Fall erschöpfend. Weiter unten gibt es noch Link-Empfehlungen, um sich intensiver mit dem Thema zu beschäftigen.
OlympiJA – Argumente dafür
Köln kann Atmosphäre
Köln ist kein graues Verwaltungszentrum, sondern eine Stadt, die sich gerne zeigt. Ob Karneval, CSD oder große Konzerte – Köln kann Atmosphäre. Olympische Spiele leben genau davon: Emotion, Begegnung, Ausnahmezustand. Und davon hat Köln reichlich im Repertoire.
Kurze Wege, großes Netzwerk
Im Gegensatz zu vielen Metropolen könnte Köln Olympia nicht allein stemmen – müsste es aber auch gar nicht. Mit den vielen bestehenden Sportstätten im Ruhrgebiet, Reiten in Aachen, ja – auch zusammen mit Leverkusen und Düsseldorf – liegt ein ganzes Netzwerk vor der Tür. Die Idee: Spiele der kurzen Wege, verteilt auf mehrere Städte. Rhein-Ruhr statt Gigantismus.
Infrastruktur? Schon da!
Müngersdorfer Stadion, Kölnarena, Fühlinger See, Messe – vieles ist vorhanden. Klar, nicht alles olympiatauglich, aber einiges näher dran, als man denkt. Und ein Olympia-Stadion auf Zeit, welches anschließend zentraler Teil eines neuen Stadtteils wird. Das könnte Kosten und Bauwahnsinn reduzieren. Zugegeben – zumindest in der Theorie.
Image-Booster
Beachvolleyball am Dom – Bogenschießen auf den Poller Wiesen – Fechten im Gürzenich: Olympia wäre eine Einladung an die Welt: „Komm vorbei, wir sind mehr als Dom und Kölsch.“ Köln könnte sich modern, weltoffen und leistungsfähig präsentieren – ein Imagegewinn, der über Jahre nachwirkt.
OlympiNä – Argumente dagegen
Köln und Großprojekte – ganz schlechte Erfahrungen
Wer in Köln „Großprojekt“ sagt, denkt schnell an Dauerbaustellen, explodierende Kosten und verschobene Zeitpläne. Beispiele gibt es genug. Olympia aber verzeiht keine Verspätung – der Zeitplan steht, egal ob Köln fertig ist oder nicht.
Infrastruktur? Eben doch nicht genug
Ja, einiges ist da. Aber eben nicht alles. Verkehrswege, Unterkünfte, Sicherheitskonzepte – das alles müsste massiv erweitert werden. Und genau hier wird’s knifflig: Köln kämpft schon im Alltag mit Stau, Bahnproblemen und Wohnraummangel.
Kosten – das große Fragezeichen
Olympische Spiele sind selten ein Schnäppchen. Viele Gastgeberstädte kämpfen noch Jahre später mit Schulden. Die Frage ist also nicht, ob es teuer wird – sondern wie teuer. Und ob sich das für Köln wirklich rechnet – und natürlich, ob wir uns das angesichts eines desolaten Haushalts überhaupt leisten können.
Die Stadt im Ausnahmezustand
Schon jetzt ist Köln bei Großevents am Limit. Olympia würde alles nochmal potenzieren: Sicherheitszonen, Einschränkungen, Menschenmassen. Für Besucher spannend – für Kölner im Alltag möglicherweise anstrengend.
Fazit: Köln hät et Hätz für Olympia – ävver künne mer dat uch?
Olympia in Köln ist keine einfache Ja-Nein-Frage. Es ist eher ein kölsches „Kommt drauf an“. Auf Planung, Umsetzung, Ehrlichkeit bei den Kosten – und darauf, ob man den Mut hat, es richtig zu machen. Köln hätte das Herz für Olympia, keine Frage. Aber ob auch die Organisation und die Nervenstärke mithalten können? Genau da liegt der Knackpunkt. Am Ende bleibt die Entscheidung irgendwo zwischen Aufbruch und Augenmaß.
Oder, um es kölsch zu sagen:
Zwischen „Loss mer maache!“ und „Nä, dat weed nix.“
Wer sich eingehender mit der Fragestellung beschäftigen will, ob Olympia zu Köln passt, sollte sich unbedingt diese beiden Websites ansehen:
Weltbekanntes Logo: Die drei Nonnen im gotischen Spitzbogen stehen für Klosterfrau Melissengeist, Bild: Klosterfrau Gesundheits-Service
Consumer Centric, Brand Awareness, Storytelling – alles Begriffe aus dem modernen Marketing. Die selbsternannten Experten wollen uns allen immer das Gefühl geben, sie alleine hätten das Marketing erfunden. Weit gefehlt. Experten für die Vermarktung von Produkten gibt es schon ewig. Und in Köln hat sich eine Marketing-Expertin besonders hervorgetan: Maria Clementin Martin, die „Erfinderin“ von Klosterfrau Melissengeist. Diese Frau hat bereits vor fast 200 Jahren geschafft, ein Produkt perfekt zu vermarkten, dass es noch heute gibt: Klosterfrau Melissengeist. Dabei hat sie alle Register des Marketings gezogen: Klösterliche Herkunft des Rezepts, Verwendung vom königlichen Wappen, Platzierung als medizinisches Produkt und Abmahnungen gegen Wettbewerber, die dies auch behaupteten.
Eine selbstbewusste Unternehmerin
Köln im Jahr 1826. Im Schatten des noch unvollendeten Doms tut sich was: Maria Clementine Martin gründet unter dem Namen „Maria Clementine Martin Klosterfrau“ ihr Unternehmen. Mit einer Anzeige in der Kölnischen Zeitung bewarb sie ihr selbst destilliertes Kölnisch Wasser:
„Ein sich selbst empfehlend ächtes Kölnische Wasser,
ist zu haben auf der Litsch Nro. 1, die große Flasche zu 6 Sgr. 3Pf.“
Das Gründungskapital stammt aus einer königlichen Rente, welche sich Maria in der Schlacht von Waterloo bei der Pflege von verletzten Soldaten verdient hatte.
Wundermittel gegen alle möglichen Beschwerden
Die 1775 als Wilhelmine Martin geborene Unternehmerin hatte zu diesem Zeitpunkt bereits reichlich Erfahrungen in verschiedenen Klöstern mit der Krankenpflege und mit Heilpflanzen machen können. Diese Kenntnisse setzt sie jetzt in bare Münze um. Besonders ihr neues Produkt, eine spezieller Melissengeist, wird noch heute bei Beschwerden aller Art empfohlen:
Bei Erkältung und grippalen Infekt,
bei Magen-Darm-Beschwerden,
bei Wetterfühligkeit, Spannungs- und Erregungszuständen,
bei innerer Unruhe und
bei Schlafstörungen.
Kein Wunder, dass bei einem solchen Wundermittel der Markt hart umkämpft war. In der Domstadt buhlen immerhin 64 Hersteller von Heilwassern und Kölnisch Wasser um Kunden. Deshalb strebte Maria bereits im Jahr 1828 eine „Prüfung und Bescheinigung der Qualität des von ihr verfertigten Melissenwassers durch die königliche Medizinal Behörde“ an. Leider vergeblich – die Behörde wies darauf hin, dass die Ähnlichkeit mit bestehenden Produkten zu groß sei und tatsächlich jeder Apotheker ein solches Heilwasser herstellen könne. Auch ein zweiter Versuch im Jahr 1831, den nur als Parfum zugelassenen Melissengeist als Arznei zuzulassen, scheiterte. Trotzdem positionierte die findige Unternehmerin dieses Produkt durch Hinweise auf die Heilwirkung mehr oder weniger deutlich als Arznei. Und ging gleichzeitig mit Abmahnungen gegen Wettbewerber vor, die dies ebenfalls taten – Marketing mit harten Bandagen.
Klosterfrau Melissengeist, in der Mitte des Etiketts ist noch heute das königliche Wappen zu finden, Bild: Klosterfrau Gesundheits-Service
Das königliche Wappen als Wettbewerbsvorteil
Ihr größter Marketing-Erfolg war aber die Anfrage bei König Friedrich Wilhelm III. im Jahr 1827: Dieser gestatte Ihr, das preußische Wappen auf dem Etikett ihrer Produkte zu führen. Andere Unternehmer mit vergleichbaren Produkten klagten vergeblich darauf, auch dieses Wappen nutzen zu dürfen. Tatsächlich schmückt dieses Wappen noch heute das Etikett jeder Flasche Klosterfrau Melissengeist.
Das Grab von Maria Clementine Martin auf dem Melatenfriedhof, Bild: Factumquintus
Maria Clementine Martin starb am 9. August 1843. Ihr Unternehmen gibt es noch heute unter dem Namen „Klosterfrau Healthcare Group“. Und die erfolgreiche Tradition wurde fortgesetzt: Heute stellen ca. 1.000 Mitarbeiter 220 unterschiedliche Klosterfrau-Produkte her.
Die erste Adresse des Unternehmens im Jahr 1826 war durchaus prominent: „Auf der Litsch“ war eine Gasse an der Westfassade des Doms. Diese wurde bei der Domvollendung komplett abgerissen. Der Dom hatte damals die Adresse „Auf der Litsch 2“. Heute kann jeder dem Dom unter der Adresse „Domkloster 4, 50667 Köln“ schreiben.
Das Zeughaus, hier ein Bild aus besseren Zeiten, Bild: Raimond Spekking
Das Zeughaus – der ideale Ort für das Stadtmuseum
Wenn man sich aktuell1März 2026 rund um das Zeughaus umschaut kann man sich tatsächlich für Köln schämen. Bauzäune dominieren das Bild, Müll liegt herum und sogar die schönen rot-weißen Fensterläden mussten demontiert werden, weil diese ansonsten abgestützt wären.
Das Zeughaus selber, ein zwischen 1594 und 1606 als städtisches Waffenarsenal erbautes Gebäude, ist seit Jahren ungenutzt. Und auch der Blickfang, das „Flügelauto“ von H.A. Schult, wird wegen der Baufälligkeit des Turms in den kommenden Wochen umgesetzt.
Dabei bietet das Zeughaus ein sehr großes Potenzial: Beste Lage, große Flächen, historisches Ambiente. Es wird also höchste Zeit, sich um dieses attraktive Gebäude zu kümmern.
Bereits vor zwei Jahren haben einige Kölner Geschichtsvereine schon einmal die Initiative ergriffen und eine Stellungnahme zur Zukunft des Kölnischen Stadtmuseums im Zeughaus erstellt. Sie hat seinerzeit in der Stadtpolitik und bei den Medien ein durchweg positives Echo erfahren, aber keinerlei konkrete Folgen gehabt.
Daher starten die Vereine und Initiativen eine neue Petition an Oberbürgermeister Burmester. Diese enthält die die dringende Bitte, das Zeughaus wieder als Heimat des Kölnischen Stadtmuseums zu nutzen.
Unterschrieben haben 48 Akteure der Kölnischen Stadtgesellschaft, darunter der Zentral-Dombau-Verein zu Köln, die Bürgerstiftung Köln, das Centrum Schwule Geschichte, Fortis Colonia. Willem Fromm von „Eine Geschichte der Stadt Köln“, Freunde und Förderer des Kölnischen Brauchtums, Louise Farina, die Kölner Stadtführer und auch wir vom Köln-Ding der Woche.
Hier der vollständige Text des offenen Briefes an Oberbürgermeister Torsten Burmester. Ein großes DANKE an Dr. Joachim Oepen vom Förderverein Geschichte in Köln, der dieses Anliegen maßgeblich organisiert hat.
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
Ihr entschlossenes und tatkräftiges Handeln in den ersten Wochen Ihrer Amtszeit ermuntert uns, einen dringenden Appell an Sie zu richten. Es geht um die Zukunft unseres Stadtmuseums, um das Zeughaus und um den Umgang mit dem kulturellen Erbe unserer Stadt.
Seit dem katastrophalen Wasserschaden im Juni 2017 ist das Zeughaus fast ungenutzt. Das Stadtmuseum musste ausziehen, sollte in einem prestigeträchtigen Neubau am Dom einziehen, kam für den Zeitraum von zehn Jahren zur Miete in einem ehemaligen Modekaufhaus unter. Dank seiner attraktiven Inszenierung und dem interessanten Programm ist das Museum dort erfolgreich, und doch sind die Möglichkeiten sehr begrenzt. Die Ausstellungsfläche beträgt etwa 700 Quadratmeter – viel zu klein für eine Metropole von einer solch herausragenden historischen Bedeutung wie Köln. Die unfassbar reichen Bestände des Hauses sind in unzureichend ausgestatteten Depots gelagert. Zentrale Themen der Kölner Geschichte – zu Wirtschaft, Technik, Sport, Migration und anderen sozialen Fragen – können nicht gezeigt werden. Wir erleben eine Verzwergung unseres historischen Erbes.
Zugleich verfallen das Zeughaus und die Alte Wache daneben – und damit zwei einzigartige Bauwerke der Kölner Vergangenheit. Auch das gesamte umgebende Areal ist zunehmender Verwahrlosung ausgesetzt. Das Zeughaus als ehemalige Waffenkammer Kölns war das Herzstück der wehrhaften Bürgerstadt. Die Wache ist eines von nur drei verbliebenen Gebäuden des frühen Klassizismus in der Domstadt. Die Römermauer, die hinter beiden verläuft, bildet ihr stützendes Rückgrat. Dieses einmalige Ensemble darf nicht weiter verfa llen. Es ist kein Ort für ein Hotel, für städtische Verwaltung oder für eine Eventlocation; dies alles wurde bereits angedacht und zu Recht verworfen. Das Zeughausareal ist der geborene Platz für unser Stadtmuseum.
Hier lässt sich ein Ort schaffen, der ein kultureller Anziehungspunkt für das Bankenviertel ist, eine erste Anlaufstelle für die vielen Touristengruppen, die am Börsenplatz aussteigen, ein Ort, der selbst und im Dialog mit dem nahen NS-Dokumentationszentrum wichtige Bildungsarbeit leistet, der aber auch ein Treffpunkt für unzählige Kölnerinnen und Kölner ist. Gerade in unsicheren Zeiten wie diesen braucht unsere Stadt einen Ort der Selbstbefragung und der Selbstvergewisserung. Es braucht eine Einrichtung, die als Leuchtturm für die vielen Vereine und Initiativen dient, die sich um die Kölner Vergangenheit und das kölnische Brauchtum verdient machen. Und es braucht einen Ort, an dem die Kölner Pänz, die Erwachsenen, die Imis etwas über die hellen und die dunklen Zeiten ihrer Heimatstadt erfahren.
Köln hat schwierige Jahre vor sich, das ist uns bewusst. Mit Ihrer Idee der Olympiabewerbung haben Sie einen gewichtigen Aufschlag gemacht. Falls dies gelingt, dann ist ein elementarer Meilenstein gesetzt auf dem Weg zur Zweitausendjahrfeier Kölns, die unsere Stadt und ihre Bevölkerung 2050 begehen werden. Wir halten es für unabdingbar, dass die Darstellung unserer Geschichte dafür einen würdigen Rahmen bekommt, hinter dem sich die ganze Stadt versammeln kann. Wir sind überzeugt, dass das ein Unterfangen ist, das viele Unterstützerinnen und Unterstützer finden wird. Daher bitten wir Sie dringend: Bereiten Sie der Kölner Stadtgeschichte, dem Stadtmuseum und den Menschen, die sich um Kölns Identität und sein Bild nach außen große Sorgen machen, den Weg. Bitte bündeln Sie die Kräfte in Verwaltung und Stadtgesellschaft, damit noch in diesem Jahr der Startschuss fällt, um unsere Geschichte im Zeughaus erlebbar zu machen.
Die Ausstellung zur kölschen Stadtgeschichte hat bereits eine lange Reise hinter sich: Wie bei so vielen Museen in Köln bildete die umfangreiche Sammlung Ferdinand Franz Wallrafs den Grundstock. Ab 1888 wurde die Stadtgeschichte in der Hahnentorburg ausgestellt und ab 1902 zusätzlich in der Eigelsteintorburg. Da die Aufteilung auf zwei Standorte alles andere als optimal war, erwog man bereits 1912, das Zeughaus als Ausstellungsort zu nutzen. Allerdings machte der Erste Weltkrieg diese Pläne zunichte.
Auch der Plan, die alte Kürassierkaserne der Preußen in Deutz als „Rheinisches Museum“ zu nutzen, musste wegen der Weltwirtschaftskrise verschoben werden. Die Nationalsozialisten erkannten das propagandistische Potenzial eines solches Museums und eröffneten dort am 21. Mai 1936 das „Haus der Rheinischen Heimat“ in Deutz, welches aber im Krieg erhebliche Schäden erlitt und abgerissen wurde.
Nach dem Zweiten Weltkrieg kam erneut der Gedanke auf, dem Stadtmuseum im Zeughaus eine Heimat zu geben. Doch der Wiederaufbau des im Krieg stark beschädigten Gebäudes verzögerte sich. Erst 1958 wurde die Dauerausstellung eröffnet, die dort bis zu dem Wasserschaden im Jahr 2017 gezeigt wurde.
Der schlechte Zustand des Zeughauses machte eine Fortführung der Ausstellung unmöglich. Daher gab es 2018 einen Ratsbeschluss, das ehemalige Modehaus Franz Sauer als Interimsquartier zu nutzen. Doch es sollte noch bis 2024 dauern, bis die Ausstellung dort eröffnet werden konnte.
Das Kölnische Stadtmuseum im ehemaligen Modehaus Franz Sauer, Bild: Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0
Die Kuratoren machten aus der Platz-Not eine Tugend und stellten das Ausstellungs-Konzept komplett neu auf. Statt einer klassischen Chronologie werden acht aktuelle Fragen, die die Besucher beschäftigen und emotional berühren gestellt. Fragen wie: „Was lieben wir?“, „Worauf hoffen wir?“, „Was macht uns Angst?“, „Was verbindet uns?“, „Was macht uns wütend?“, „Worauf haben wir Lust?“, „Woran glauben wir?“ und „Was bewegt uns?“ bilden das Grundgerüst der neuen Dauerausstellung.
Eine perfekte Darstellung – mit nur 0,1% aller möglichen Exponante
Das Problem aber bleibt: Platzmangel. Nur 750 Quadratmeter stehen am neuen Standort für die Dauerausstellung zur Verfügung. Allerdings gibt es etwa 500.000 Ausstellungsstücke, gezeigt werden können davon nur etwa 650 Exponate, weniger als 0,1%.
Das Mahnmal für die schwulen und lesbischen Opfer des Nationalsozialismus in Köln, Bild: Franz-Josef Knöchel / LVR
Regelmäßig besuche ich bei der Lotsentour Innenstadt mit meinen Gruppen auch das „Rosa Winkel Mahnmal“. Und immer wieder stelle ich fest, dass selbst Urkölsche dieses Denkmal nicht kennen – obwohl sie schon hundertmal daran vorbeigelaufen sind. Die Rede ist von dem „Mahnmal für die schwulen und lesbischen Opfer des Nationalsozialismus in Köln“. Dabei steht dieses Denkmal an sehr prominenter Stelle: direkt am Rhein, fast unterhalb der Hohenzollernbrücke. Und trotzdem laufen alle daran vorbei. Und das bereits seit 1995. Damals wurde das Denkmal feierlich im Rahmen der Cologne Pride enthüllt. Aus heutiger Sicht erstaunlich: Der damalige Oberbürgermeister Norbert Burger hatte bei der feierlichen Enthüllung des Mahnmals seinen ersten Auftritt im Rahmen eines CSD. Heute ist die Teilnahme an den Feierlichkeiten des CSD Pflichtprogramm für die Vertreter der Politik.
Streit um Aufstellungsort
Die Vorgeschichte des Denkmals beginnt bereits 1990. Die Initiative ging von Jörg Lenk, aktiv im Arbeitskreis Lesben und Schwule der Gewerkschaft ÖTV in Köln, aus. Drei Jahre später gab es eine Ausschreibung zur Gestaltung des Denkmals. Kritisch diskutiert wurde vor allem der sehr prominente Aufstellungsort.
Dabei ist gerade dieser Platz für die homosexuellen Kölner von besonderer Bedeutung. Hier stand bis zum Zweiten Weltkrieg ein Pissoir, welches zum beliebten Treffpunkt schwuler Männer wurde. Nach der Zerstörung des Pissoirs verlagerte sich die Szene in die (heute geschlossenen) Treppentürme der Hohenzollernbrücke.
Der „Schwulen-Paragraph“ 175
Nicht vergessen: Noch bis in das Jahr 1994 galt der „Schwulen-Paragraph “ 175. Dieser Paragraph stellte homosexuelle Handlungen unter Strafe. Anonyme Treffpunkte für Schwule waren daher von besonderer Bedeutung.
Bereits 1922 veröffentlichte der Publizist Kurt Hiller unter dem Titel „Die Schmach des Jahrhunderts“ eine Aufsatzsammlung gegen den Paragraphen 175
Paragraph 175 Strafgesetzbuches wurde bereits im Deutschen Kaiserreich eingeführt
Ein großes DANKE an Antonia Frinken. Sie hat sich mit der Geschichte des Paragraph 175 auseinandergesetzt und mir erlaubt, ihre Zusammenfassung hier zu veröffentlichen.
„Der Paragraph 175 des Strafgesetzbuches galt von 1871 bis 1994 und bezog sich auf sexuelle Handlungen zwischen Männern. Im Nationalsozialismus wurde er im Jahr 1935 verschärft: Waren bis dahin „beischlafähnliche Handlungen“ strafbar, so drohten nun Haftstrafen für das bloße Anschauen oder Berühren.
Während dieser Paragraph in der DDR zunächst auf unterschiedliche Weise ad acta gelegt wurde, bestand er in der Bundesrepublik bis zur ersten Reformierung 1969 in der Fassung von 1935 fort. Die Große Koalition unter Bundeskanzler Kiesinger hob das Totalverbot gleichgeschlechtlicher Handlungen zwischen Männern auf. Aber homosexuelle Prostitution und Ausnutzung von Dienstverhältnissen und Machtgefällen standen weiterhin unter Strafe. Das Schutzalter für homosexuelle Handlungen zwischen männlichen Personen lag zudem bei 21 Jahren und war somit höher als für heterosexuelle Handlungen.
Eine zweite, weitreichendere Reformierung des Paragraphen 175 erfolgte 1973 unter dem Kabinett Brandt II, die unter anderem die Absenkung des Schutzalters von 21 auf 18 Jahre beinhaltete. Erst 1994 wurde der Paragraphf 175 ersatzlos gestrichen und das Schutzalter für homosexuelle und heterosexuelle Handlungen angeglichen.
2002 beschloss der Bundestag gegen Stimmen von CDU/CSU und FDP die Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile und damit auch die Rehabilitierung der zwischen 1935 und 1945 unter dem Paragraphfen 175 Verurteilten. Nachfolgende Anträge zur Rehabilitation der Verurteilten nach 1945 wurden bis 2017 abgelehnt, als alle Verurteilten, deren Sexualpartner seinerzeit 16 Jahre oder älter waren, rehabilitiert wurden. Zahlreiche Opfer des Paragraphen 175 erlebten die Rehabilitationen von 2002 beziehungsweise 2017 jedoch nicht mehr mit.
Sexuelle Handlungen unter Frauen wurden unter dem Paragraphen 175 zu keiner Zeit verfolgt, waren aber gesellschaftlich stigmatisiert. Die lange Geschichte der Verfolgung sexueller Minderheiten zeigt die Wichtigkeit geheimer Treffpunkte zur Schaffung von Gemeinschaft auf.“
„Kameradschaft-Ehe“
Um der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entgehen waren Scheinehen ein häufig gewählter Ausweg. Dabei heirateten homosexuelle Männer und Frauen, um den Schein der Konformität zu wahren. Es gab aber auch Ehen zwischen homosexuellen Männern und heterosexuellen Frauen. Der Vorteil für beide Seiten: Absicherung gegenüber der Verfolgung bei den Männern und soziale Absicherung der Frauen.
In Zeitungsanzeigen wurden für diese Arrangements spezielle Begriffe wie „Kameradschafts-Ehe“ oder „Heirat vor der Welt“ verwendet. Auch Formulierungen in den Anzeigen wie „Eine Frau, die mich versteht.“ oder „… die meine Neigungen respektiert“ wurden verwendet.
Aus dem Lehrmaterial der SS: Übersicht der Kennzeichnungen für Häftlinge, Bild: Bundesarchiv, Bild 146-1993-051-07 / Unknown / CC-BY-SA 3.0
Rosa Winkel kennzeichnete homosexuelle Männer im Konzentrationslager
Das Mahnmal ist dem „Rosa Winkel“ nachempfunden. In den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten musste jeder Häftling eine spezielle Kennung als Aufnäher an der Jacke oder Hemd tragen. Zwei gegenläufige Winkel, die den „Judenstern“ ergaben, kennzeichneten Juden. Ein roter Winkel stand für politische Gefangene. Einen lila Winkel mussten Zeugen Jehovas tragen. Weitere Aufnäher standen z.B. für Sinti und Roma oder Berufsverbrecher. Der „Rosa Winkel“ war die Kennzeichnung homosexueller Männer.
Dieser „Rosa Winkel“ wurde später international zum Symbol der Homosexuellen. Heute hat allerdings die Regenbogenflagge eine wesentlich größere Popularität in der LGBT1Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender, also Lesbisch, Schwul, Bisexuell und Transgender-Szene.
Der „Rosa Winkel“, gehalten durch graue Keile, Bild: Franz-Josef Knöchel, LVR
Das Denkmal besteht aus diesem „Rosa Winkel“, welcher links und rechts von grauen Keilen gehalten wird. Der Künstler Achim Zinkann dazu: „ … In der Skulptur entsteht eine Korrespondenz zwischen den Keilen. Druck, Gegendruck und Reibung sind Voraussetzungen für den Gesamtzusammenhalt. Wird einer der Keile entfernt, verliert mindestens ein anderer den Halt. Das Gefüge wird zerstört …“
Inschrift des Mahnmal für die schwulen und lesbischen Opfer des Nationalsozialismus in Köln, Bild: Uli Kievernagel
Auf der Oberseite ist die Inschrift:
Totgeschlagen – Totgeschwiegen Den schwulen und lesbischen Opfern des Nationalsozialismus
eingemeißelt. In den Konzentrationslagern des NS-Regimes wurden etwa 10.000 homosexuelle Männer inhaftiert und mehr als die Hälfte davon ermordet, schätzt der Soziologe Rüdiger Lautmann.
Wenn ihr demnächst in der Innenstadt unterwegs seid, nehmt euch die Zeit und schaut euch dieses Denkmal an. Leider stelle ich regelmäßig fest, dass sich der „Rosa Winkel“ nicht im besten Zustand befindet.
Es wäre wünschenswert, wenn dort öfters mal jemand vorbeischaut und die Würde des Mahnmals sicherstellt.