DeepL: Kölns stilles Einhorn

Deepl - das "kölsche Einhorn", Bild: KI-generiert
Deepl – das „kölsche Einhorn“, Bild: KI-generiert

Wenn Investoren an ein „Einhorn“ denken, geht es selten um Fabelwesen und Regenbogen. Ein „Einhorn“ ist ein nicht börsennotiertes Startup-Unternehmen, das von Investoren mit mindestens 1 Milliarde US-Dollar bewertet wird. Und mitten in Ehrenfeld sitzt tatsächlich ein solches Unternehmen: DeepL, das kölsche Einhorn.

Millionen von Menschen nutzen seine Dienste fast täglich. Wer einen fremdsprachigen Text übersetzen lässt oder sich von einer KI beim Schreiben helfen lässt, landet nicht selten bei DeepL. Dabei ist das Unternehmen ein Phänomen. Es tritt gegen Giganten wie Google, Microsoft oder OpenAI, Betreiber von ChatGPT, an und hat sich einen festen Platz auf dem Weltmarkt erobert. 

Angefangen hat alles mit einer Suchmaschine

Die Wurzeln von DeepL reichen zurück ins Jahr 2008. Damals gründeten die Informatiker Jarosław Kutylowski und Gereon Frahling in Köln die Übersetzungs-Suchmaschine Linguee. Die Idee war ebenso einfach wie genial: Statt nur einzelne Wörter zu übersetzen, sollte Linguee Millionen bereits übersetzter Texte durchsuchen und passende Beispiele anzeigen.

DeepL Gründer und CEO Dr. Jaroslaw Kutylowski, Bild: DeepL SE
DeepL Gründer und CEO Dr. Jaroslaw Kutylowski, Bild: DeepL SE

Über Jahre entstand so ein riesiger Datenschatz aus professionellen Übersetzungen. Was zunächst wie ein praktisches Hilfsmittel für Studenten, Journalisten und Übersetzer aussah, entwickelte sich bald zu etwas viel Größerem. Denn die Gründer erkannten, dass diese Daten die ideale Grundlage für eine neue Generation von Übersetzungssoftware bilden könnten – eine Software, die nicht einfach Wörter ersetzt, sondern Sprache versteht.

2017 war es so weit: DeepL wurde vorgestellt. Der Name setzt sich aus „Deep“ und dem Buchstaben „L“ für Learning zusammen. Gemeint ist „Deep Learning“, eine Methode der künstlichen Intelligenz, bei der neuronale Netzwerke aus riesigen Datenmengen lernen und eigenständig Zusammenhänge erkennen.

Im Jahr 2017 war künstliche Intelligenz noch längst nicht das allgegenwärtige Schlagwort, das es heute ist. ChatGPT, Claude & Co. gab es noch nicht und nur wenige Menschen ahnten, welche Bedeutung KI einmal haben würde – DeepL war seiner Zeit eindeutig voraus.

DeepL - das "kölsche Einhorn", Bild: Wolf Strack, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
DeepL – das „kölsche Einhorn“, Bild: Wolf Strack, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Warum DeepL so erfolgreich wurde

Wer DeepL zum ersten Mal benutzt, merkt schnell, dass die Übersetzungen oft natürlicher wirken als bei vielen Konkurrenten. Die Software versucht nicht, einzelne Wörter möglichst exakt zu übertragen. Sie analysiert den gesamten Satz, berücksichtigt den Kontext und sucht nach Formulierungen, die sich für Muttersprachler natürlich anhören. Das ist technisch enorm anspruchsvoll.

Hinzu kommt ein Aspekt, der oft unterschätzt wird: Sprache ist Kultur. Ein deutscher Satz lässt sich eben nicht immer eins zu eins ins Englische, Französische oder Japanische übertragen. Redewendungen, Ironie oder doppeldeutige Begriffe erfordern ein Verständnis für Nuancen. Aber genau hier liegt die Stärke von DeepL.

Während andere Anbieter ihre Dienste möglichst breit aufstellen, konzentrierte sich das Kölner Unternehmen lange Zeit fast ausschließlich auf Sprache. Diese Spezialisierung zahlte sich aus. Wissenschaftliche Untersuchungen bescheinigten DeepL immer wieder eine besonders hohe Übersetzungsqualität.

Die Folge: Immer mehr Unternehmen setzten auf die Software. Internationale Konzerne, Behörden, Universitäten und Medienhäuser gehören inzwischen zu den Kunden. Zu den auf der Website des Unternehmens aufgeführten Referenzen gehören unter anderem Adobe, Amazon, Apple, Boeing, Deutsche Bahn, Fords, Hitachi, Microsoft, Pirelli, Porsche und Visa. Und viele Millionen Menschen weltweit nutzen die kostenlose Version.

Echtzeit-Sprachübersetzung

Bislang war das Unternehmen vor allem für schriftliche Übersetzungen bekannt. Jetzt will das Kölner Einhorn auch die letzte große Sprachbarriere überwinden: das gesprochene Wort. Mit „DeepL Voice-to-Voice“ hat das Unternehmen im April 2026 eine Technologie vorgestellt, die Gespräche in Echtzeit übersetzt. Menschen sollen künftig in ihrer Muttersprache sprechen können, während ihr Gegenüber die Übersetzung nahezu zeitgleich hört – bei Videokonferenzen ebenso wie bei persönlichen Gesprächen oder im Kundenservice.

DeepL: Übersetzungen von Meetings in Echtzeit, Bild: DeepL SE
DeepL: Übersetzungen von Meetings in Echtzeit, Bild: DeepL SE

Für die Kölner Firma ist das mehr als nur eine neue Funktion. Es ist der Versuch, den Traum vom universellen Übersetzer Wirklichkeit werden zu lassen – eine Idee, die bislang vor allem aus Science-Fiction-Filmen bekannt war. DeepL kombiniert dafür seine hochgelobte Übersetzungs-KI mit neuen Sprachmodellen, die nicht nur Wörter übertragen, sondern auch Tonfall und Sprachrhythmus möglichst natürlich wiedergeben sollen. Wenn dieser Ansatz gelingt, könnte aus dem besten Übersetzer der Welt ein Unternehmen werden, das Menschen über Sprachgrenzen hinweg nahezu ohne Verzögerung miteinander sprechen lässt. 

Ein Unternehmen, das lieber schweigt

Fast ebenso bemerkenswert wie die Technologie ist die Unternehmenskultur. In der Start-up-Welt gehört es inzwischen fast zum guten Ton, sich möglichst laut zu präsentieren. Gründer geben Interviews, veröffentlichen Erfolgszahlen und inszenieren sich auf Konferenzen. Aber DeepL geht einen anderen Weg.

Interviews mit Gründer und Geschäftsführer Jarosław Kutylowski sind selten. Das Unternehmen kommuniziert zurückhaltend und konzentriert sich lieber auf die Weiterentwicklung seiner Produkte. Diese Zurückhaltung wirkt beinahe unmodern – und vielleicht gerade deshalb sympathisch. Denn während andere Firmen mit Visionen werben, liefert DeepL schlicht Ergebnisse.

Das hat dem Unternehmen eine besondere Reputation eingebracht. In Fachkreisen gilt DeepL längst als eines der wichtigsten europäischen KI-Unternehmen. Gleichzeitig wissen viele Menschen gar nicht, dass die Technologie aus Köln stammt.

Kölns einziges Einhorn

Im Jahr 2022 wurde endgültig klar, welche Dimension das Unternehmen inzwischen erreicht hatte. Bei einer Finanzierungsrunde wurde DeepL mit mehr als einer Milliarde US-Dollar bewertet und erreichte damit den sogenannten Einhorn-Status. Dieser Begriff stammt aus der Start-up-Welt und bezeichnet junge Unternehmen, die eine Milliardenbewertung erzielen – so selten wie einst das sagenhafte Einhorn.

Für Köln war das ein Meilenstein. Denn die Stadt gilt zwar als bedeutender Wirtschaftsstandort mit zahlreichen Konzernen und erfolgreichen Familienunternehmen. Doch im Bereich der jungen Technologieunternehmen fehlte lange Zeit eine echte Erfolgsgeschichte mit internationaler Strahlkraft. DeepL änderte das. Und bis heute ist das Unternehmen das einzige Kölner Einhorn.

Die Zukunft wird nicht einfacher

Doch auch für DeepL gilt: Erfolg ist keine Garantie für die Zukunft. Die Entwicklung künstlicher Intelligenz hat in den vergangenen Jahren ein atemberaubendes Tempo erreicht. Neue Modelle entstehen in immer kürzeren Abständen, die Konkurrenz ist gewaltig und die Erwartungen der Nutzer steigen ständig.

Anfang 2026 überraschte DeepL deshalb mit einer weitreichenden Entscheidung. Das Unternehmen kündigte an, rund ein Viertel seiner Stellen abzubauen. Etwa 250 Mitarbeitende sind betroffen. Gleichzeitig betonte Geschäftsführer Jarosław Kutylowski, dass DeepL weiterhin wachsen wolle – allerdings mit einer anderen Organisation.

Kleinere Teams sollen schneller Entscheidungen treffen, künstliche Intelligenz noch stärker in interne Prozesse eingebunden werden. Das Ziel, so Gründer und Geschäfstführer Kutylowski: Ein Unternehmen, das konsequent auf Künstliche Intelligenz ausgerichtet ist und sich in einem immer härteren Wettbewerb behaupten kann. Ob diese Strategie aufgeht, wird die Zukunft zeigen.

Fest steht allerdings schon heute: In Ehrenfeld sitzt ein Unternehmen, das die Art verändert hat, wie Menschen miteinander kommunizieren.

Keine laute Erfolgsgeschichte, kein großes Spektakel. Sondern ein stilles Einhorn aus Köln, das die Welt ein kleines Stück verständlicher macht.


DeepL sprach für kurze Zeit sogar Kölsch

Im November 2024 sorgte DeepL mit einer ungewöhnlichen Aktion für Aufmerksamkeit: Pünktlich zum Sessionsstart gab es für eine Woche eine Kölsch-Funktion. Hochdeutsche Texte konnten automatisch in die kölsche Sprache übertragen werden – passend zum Sessionsmotto „Mir stonn zo dir, Kölle“.

Mit der zeitlich begrenzten Aktion wollte das Unternehmen seine Verbundenheit zur Domstadt zeigen. Die Übersetzungen trafen den kölschen Ton nicht immer perfekt, wurden aber von vielen Nutzern mit einem Augenzwinkern aufgenommen.

Diese Aktion war sympathischer Beweis dafür, dass selbst die Künstloche Intelligenz Kölsch entdeckt – auch wenn echtes Kölsch am Ende wohl doch am besten immer noch von echten Kölnern gesprochen wird.

Trotzdem: Lieber Jarosław Kutylowski, liebes Deepl-Team:  Bitte gebt uns die Kölsch-Übersetzung zurück!


Seit dem Turmbau zu Babel gilt die Vielfalt der Sprachen als Symbol dafür, dass sich Menschen nicht mehr ohne Weiteres verstehen. Deepl schafft hier Abhilfe und sorgt für weltweite Verständigung. Bild: Turmbau zu Babel aus der Wittenberg-Bibel von Martin Luther (1586)
Seit dem Turmbau zu Babel gilt die Vielfalt der Sprachen als Symbol dafür, dass sich Menschen nicht mehr ohne Weiteres verstehen. Deepl schafft hier Abhilfe und sorgt für weltweite Verständigung. Bild: Turmbau zu Babel aus der Wittenberg-Bibel von Martin Luther (1586)

Von Telugu bis Latein – die Sprachvielfalt von DeepL

Aktuell1Stand: 26. Juni 2026 spricht DeepL 123 Sprachen und Dialekte. Zu den am häufigsten genutzten Sprachen, die von DeepL gesprochen und übersetzt werden gehören:

  • Arabisch
  • Chinesisch (vereinfacht)
  • Dänisch
  • Deutsch
  • Englisch
  • Estnisch
  • Finnisch
  • Französisch
  • Griechisch
  • Indonesisch
  • Italienisch
  • Japanisch
  • Koreanisch
  • Lettisch
  • Litauisch
  • Niederländisch
  • Norwegisch (Bokmål)
  • Polnisch
  • Portugiesisch (inkl. brasilianischem Portugiesisch)
  • Russisch
  • Schwedisch
  • Slowakisch
  • Slowenisch
  • Spanisch
  • Tschechisch
  • Türkisch
  • Ukrainisch
  • Ungarisch

Es gibt aber auch Übersetzungen in zum Beispiel Telugu, welches von über 80 Millionen Muttersprachlern in den indischen Bundesstaaten Andhra Pradesh und Telangana gesprochen wird. Und es werden Übersetzungen in exotischen Sprachen, wie zum Beispiel Aragonesisch, welches nur noch von etwa 10.000 Menschen in den Tälern der spanischen Pyrenäen gesprochen wird, angeboten.

Asterix-Freunde und geplagte Schüler haben mit Sicherheit Freude daran, dass es auch eine Übersetzung in Latein gibt. Und diese Funktion bietet so viel mehr als nur die bekannten Aussprüche „Alea iacta est!“2Der Würfel ist gefallen!, „Veni, vidi, vici.“3Ich kam, sah und siegte. oder „Errare humanum est.“4Irren ist menschlich.

Eine vollständige Liste aller aktuell verfügbaren Sprachen bietet die offizielle DeepL-Sprachdokumentation.


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Die Bismarckburg: Kölns verschwundenes Schloss am Rhein

Die als "Bismarckburg" bekannte Villa Stollwerck am Bayenthalgürtel, Bild: gemeinfrei
Die als „Bismarckburg“ bekannte Villa Stollwerck am Bayenthalgürtel, Bild: gemeinfrei

Wer heute am Bayenthalgürtel unterwegs ist, vermutet kaum, dass hier bis in die 1930er Jahre eines der ungewöhnlichsten Privathäuser Kölns stand: Eine burgartige Villa mit Turm, Zinnen und mittelalterlichem Flair. Die Kölner nannten sie die „Bismarckburg“. Ihr Bauherr war der steinreiche Schokoladenfabrikant Heinrich Stollwerck.

Doch die Geschichte dieses Hauses erzählt weit mehr als die eines wohlhabenden Unternehmers. Sie handelt vom Aufstieg Kölns zur Industriemetropole, von den Träumen des Großbürgertums und von den politischen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts.

Als Marienburg zur guten Adresse wurde

Um 1900 veränderte sich Köln rasant. Die Stadt wuchs weit über ihre ehemaligen Grenzen hinaus, neue Wohnviertel entstanden. Während die Kölner Oberschicht zunächst die Ringe bevorzugte, zog es viele wohlhabende Familien bald in den Süden. Marienburg entwickelte sich zur Villenkolonie der Reichen und Erfolgreichen. Große Grundstücke, Rheinnähe und repräsentative Architektur machten das Viertel zur ersten Adresse der Stadt.

An der Grenze zwischen Bayenthal und dem gerade entstehenden Marienburg ließ Heinrich Stollwerck zwischen 1902 und 1904 eine Villa errichten, die alles bisher Dagewesene übertreffen sollte. Mit der Planung beauftragte er Bruno Schmitz, einen der bekanntesten Architekten seiner Zeit, der auch das riesige Leipziger Völkerschlachtdenkmal geplant hat.

Heinrich Stollwerck (1843 - 1915) auf einem Gemälde aus dem Jahr 1910, Bild: gemeinfrei
Heinrich Stollwerck (1843 – 1915) auf einem Gemälde aus dem Jahr 1910, Bild: gemeinfrei

Ein Kölner Schokoladenpionier

Heinrich Stollwerck wurde 1843 in Köln geboren. Gemeinsam mit seinen Brüdern machte er aus einem Familienbetrieb eines der bedeutendsten Süßwarenunternehmen Europas. Dabei war er weit mehr als Kaufmann. Sein eigentliches Talent lag in der Technik.

Immer wieder entwickelte er neue Maschinen, verbesserte Produktionsverfahren und meldete Patente an. Seine Innovationen machten die Schokoladenherstellung schneller, effizienter und qualitativ besser. Die von ihm entwickelte Maschinentechnik wurde nicht nur in Köln genutzt, sondern später in ganz Europa verkauft. Aus der Kölner Firma entstand ein Weltunternehmen.

Dabei dachte Stollwerck nicht nur an Gewinne. Auf dem Werksgelände entstanden Sozial- und Erholungseinrichtungen für die Beschäftigten. Mit der „Heimstätte Frieden“ ließ er Arbeiterwohnungen errichten. In Köln war er außerdem für seine Großzügigkeit bekannt. Bedürftige fanden nicht selten unerwartet Geldscheine auf Fensterbänken oder in Briefkästen. Die sogenannten „Heinzelmännchen-Gaben“ machten ihn in der Stadt fast ebenso bekannt wie seine Schokolade.

Eine Burg für Bismarck

Sein größtes privates Prestigeprojekt entstand jedoch nicht im Severinsviertel, sondern am Rhein. Heinrich Stollwerck verehrte Otto von Bismarck. Als wenige Jahre nach dessen Tod die Idee eines Kölner Bismarck-Turms entstand, gehörte Stollwerck zu den wichtigsten Unterstützern.

Direkt gegenüber des Turms ließ er seine eigene Villa errichten. Das Haus war mehr als nur ein Wohnsitz. Es war ein steingewordenes Bekenntnis zu seiner Bewunderung für den Reichskanzler. Selbst der Name „Bismarckburg“ machte keinen Hehl daraus.

Grundriss der Bismarckburg, Bild: Die Architektur des XX. Jahrhunderts, Zeitschrift für moderne Baukunst, Jahrgang 1905, Tafel 90
Grundriss der Bismarckburg, Bild: Die Architektur des XX. Jahrhunderts, Zeitschrift für moderne Baukunst, Jahrgang 1905, Tafel 90

Architektonisch griff die Villa mittelalterliche Formen auf. Der mächtige Turm, die Dachzinnen und die rustikalen Sandsteinfassaden erinnerten an eine Ritterburg. Über dem Eingang prangte ein stilisiertes Abbild Bismarcks in mittelalterlicher Rüstung. Auch damit traf Stollwerck den Zeitgeist. Kaiser Wilhelm II. liebte historische Inszenierungen, Burgen und nationale Symbolik. Die Bismarckburg vereinte all das in einem einzigen Gebäude.

Ein Schloss mit Blick auf den Rhein

Die Villa gehörte zu den spektakulärsten Privathäusern Kölns. Die Fassaden bestanden aus graugelbem Heilbronner Sandstein und Tuffstein. Zur Rheinseite öffnete sich eine Pergola. Im Inneren gruppierten sich Salon, Bibliothek, Speisezimmer, Rauchzimmer und mehrere Gesellschaftsräume um eine großzügige Diele.

Die Baukosten betrugen rund 460.000 Mark – eine enorme Summe für die damalige Zeit.1Zum Vergleich: Der durchschnittliche Jahresverdienst eines Industriearbeiters im Deutschen Reich lag im Jahr 1903 bei etwa 800 bis 900 Mark. Somit hätte ein Arbeiter knapp 550 Jahre arbeiten müssen, um sich dieses Haus kaufen zu können. Entsprechend groß war die Aufmerksamkeit. Schon wenige Jahre nach ihrer Fertigstellung wurde die Bismarckburg sogar in Reiseführern als Sehenswürdigkeit erwähnt. Besucher konnten vom Rheinufer aus sowohl den Bismarck-Turm als auch die imposante Villa bewundern. Zusammen bildeten sie eines der markantesten Ensembles im Kölner Süden.

Jedes Jahr fanden hier Bismarckfeiern statt. Dabei trat sogar ein Schauspieler als „Geist Bismarcks“ auf und zitierte Reden des ehemaligen Reichskanzlers. Das wirkt heute skurril, zeigt aber, welche Bedeutung Bismarck für viele Vertreter des damaligen Bürgertums besaß.

Die Bismarckburg auf einer Postkarte aus dem Jahr 1908, Bild: http://www.ansichtskarten-center.de, gemeinfrei via Wikimedia Commons
Die Bismarckburg auf einer Postkarte aus dem Jahr 1908, Bild: http://www.ansichtskarten-center.de, gemeinfrei via Wikimedia Commons

Ein Haus im Schatten der Geschichte

Nach dem Tod Heinrich Stollwercks ging die Villa zunächst an seine Familie über. 1917 wurde sie an den Industriellen Ottmar Edwin Strauss verkauft. Der erfolgreiche Unternehmer hatte gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Otto Wolff ein bedeutendes Industrieunternehmen aufgebaut und gehörte zu den einflussreichsten Wirtschaftspersönlichkeiten seiner Zeit.

Doch Strauss war Jude. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann für ihn der wirtschaftliche und persönliche Niedergang. Bereits 1933 drangen SA-Männer in die Villa ein und erpressten ihn. Schritt für Schritt verlor Strauss seinen wirtschaftlichen Einfluss und große Teile seines Vermögens. Später emigrierte er in die Schweiz.

Angeblich ließ Strauss, bevor die Nationalsozialisten die Villa in Besitz nehmen konnten, diese abreißen. Allerdings gibt es dafür keine Belege. Ulrich Soénius, Direktor des Rheinisch-Westfälischen Wirtschaftsarchivs, dazu im Kölner Stadt-Anzeiger: “Ob die Aussage stimmt, dass Strauss das Haus abreißen ließ, um es nicht in die Hände der Nationalsozialisten fallen zu lassen, lässt sich mit den Akten hier nicht verifizieren“.2Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger vom 3. November 2025: Wie die „Bismarckburg“ zum Spitznamen kam“ Mit dem Abriss der „Bismarckburg“ verschwand eines der auffälligsten Bauwerke Kölns aus dem Stadtbild.

Mehr als eine extravagante Villa – ein Spiegel der Zeit

Heute erinnert nichts mehr an die Bismarckburg. Das Grundstück wurde nach dem Krieg neu bebaut. Das ehemalige Stall- und Gesindehaus verschwand ebenfalls. Geblieben ist der Bismarck-Turm, der direkt am Rheinufer steht und vielen Kölnern kaum auffällt.

Dabei erzählt kaum ein Ort im Kölner Süden so viel über die Geschichte der Stadt. Die Bismarckburg steht für den Aufstieg Kölns zur Industriemetropole, für den Wohlstand des Großbürgertums und für den Glauben an Fortschritt und nationale Größe. Gleichzeitig erinnert ihr Verschwinden an ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte, in dem Menschen wie Ottmar Edwin Strauss ausgegrenzt, enteignet und vertrieben wurden.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Bedeutung dieses verschwundenen Schlosses am Rhein. Die Bismarckburg war mehr als eine extravagante Villa. Sie war ein Spiegel ihrer Zeit.

Und manchmal erzählen die Gebäude, die nicht mehr existieren, sogar mehr über eine Stadt als die, die bis heute stehen geblieben sind.


Der Bismarck-Turm am Rheinufer, Bild: CEphoto, Uwe Aranas
Der Bismarck-Turm am Rheinufer, Bild: CEphoto, Uwe Aranas

Der Bismarck-Turm

Während von der Bismarckburg nichts mehr zu sehen ist, ragt der 15 Meter  Bismarck-Turm noch heute am Rheinufer auf und wird von vielen Kölnern fälschlich für ein Stück der alten Stadtmauer gehalten.

Tatsächlich entstand das Denkmal 1903 zu Ehren von Otto von Bismarck und gehört zu den ungewöhnlichsten seiner Art. Als mittelalterliche Rolandsfigur gestaltet, bildet es bis heute den Abschluss des Gürtels am Rhein. Trotz Denkmalschutz und teurer Sanierungen bleibt der Turm umstritten – Ideen für eine neue Nutzung gibt es viele, umgesetzt wurde bislang keine.

Alle Informationen dazu: 
Der Bismarck-Turm – Abschluss des Gürtels am Rhein


 

Otto von Bismarck (1815-1898), Bild: Franz von Lenbach, Public domain, via Wikimedia Commons
Otto von Bismarck (1815-1898), Bild: Franz von Lenbach, Public domain, via Wikimedia Commons

Otto von Bismarck: „Der Eiserne Kanzler“

Otto von Bismarck gilt als einer der prägendsten Politiker der deutschen Geschichte. Geboren wurde er am 1. April 1815 im preußischen Schönhausen. Nach einem Jurastudium und einigen Jahren als Gutsbesitzer begann seine politische Karriere in der preußischen Politik.

Berühmt wurde Bismarck vor allem als Architekt der deutschen Einigung. Als Ministerpräsident von Preußen verfolgte er eine machtpolitische Strategie, die er selbst als „Realpolitik“ bezeichnete. Durch die Kriege gegen Dänemark (1864), Österreich (1866) und Frankreich (1870/71) schuf er die Voraussetzungen für die Gründung des Deutschen Reiches. Am 18. Januar 1871 wurde im Spiegelsaal von Versailles der preußische König Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser ausgerufen, Bismarck wurde erster Reichskanzler.

In der Innenpolitik versuchte Bismarck zunächst, den Einfluss der katholischen Kirche im sogenannten Kulturkampf einzuschränken. Später führte er mit der Kranken-, Unfall- und Rentenversicherung die ersten modernen Sozialversicherungen der Welt ein. Gleichzeitig bekämpfte er die aufstrebende Sozialdemokratie mit den Sozialistengesetzen. Sein politisches Handeln war deshalb stets von Gegensätzen geprägt: Er war konservativer Monarchist und zugleich ein Reformpolitiker, der den modernen Sozialstaat mitbegründete.

Außenpolitisch bemühte sich Bismarck nach 1871 vor allem darum, den Frieden in Europa zu sichern und Deutschland diplomatisch abzusichern. Mit einem komplizierten Bündnissystem wollte er verhindern, dass sich andere Großmächte gegen das Deutsche Reich zusammenschlossen.

1890 wurde Bismarck von Kaiser Wilhelm II. entlassen. Er zog sich auf sein Gut Friedrichsruh zurück und starb dort am 30. Juli 1898. Noch zu Lebzeiten wurde er zu einer nationalen Symbolfigur. Überall im Deutschen Reich entstanden Denkmäler, Türme und Straßen, die seinen Namen trugen.

Bis heute wird Bismarck unterschiedlich bewertet: Die einen sehen in ihm den genialen Staatsmann und Gründer des Deutschen Reiches, die anderen kritisieren seinen autoritären Regierungsstil und die langfristigen Folgen seiner Machtpolitik. Unbestritten ist jedoch, dass kaum ein anderer Politiker die deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts so nachhaltig geprägt hat wie Otto von Bismarck.


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Laura von Oelbermann: Die reiche und wohltätige Frau vom Ring

Laura von Oelbermann (1846 - 1929), Bild: Archiv Evangelischer Kirchenverband Köln und Region
Laura von Oelbermann (1846 – 1929), Bild: Archiv Evangelischer Kirchenverband Köln und Region

Wenn man heute über den Hohenstaufenring spaziert, ist von den einstigen Prunkpalais auf dieser Straße kaum noch etwas zu sehen. Geschäftshäuser und Autoverkehr dominieren die Ringe. Und doch stand hier einmal eines der imposantesten Privathäuser Kölns – und davor sammelten sich Menschen, nur um einen kurzen Blick auf Laura von Oelbermann zu erhaschen. Wenn die „reiche Frau“ das Haus verließ, brachte dies regelmäßig den Verkehr vor der Tür zum Erliegen. Jeder wollte dieses Spektakel sehen.

Geboren wurde sie am 18. Mai 1846 am Alter Markt – mitten im geschäftigen Herzen der Stadt. Dass sie einmal zu den reichsten und einflussreichsten Frauen Kölns gehören würde, war ihr nicht in die Wiege gelegt.

Vom Alter Markt in die Welt

Laura von Oelbermann wurde als Laura Nickel geboren und wuchs in eher einfachen Verhältnissen auf. Ihr Vater war Bürstenwarenhändler, die Familie protestantisch. Das war eher schwierig im zumindest damals deutlich katholisch geprägten Köln, wo Protestanten noch als „Blauköpp“ bezeichnet wurden. Laura besuchte das evangelische Lyzeum – eine für Mädchen ihrer Zeit bemerkenswerte Bildungslaufbahn.

1866 heiratete sie den Kaufmann Emil Oelbermann. Sein beruflicher Weg führte früh über den Atlantik: Handel, Versicherungsgeschäfte, deutsch-amerikanische Netzwerke. Immer wieder wird berichtet, dass er auch in den amerikanischen Sklavenhandel verwickelt gewesen wäre. Nach Aussage und Recherchen von Peter Oelbermann, ein entfernter Verwandter, entbehrt diese Aussage jeglicher Grundlage, da dazu bis heute kein wissenschaftlicher Beleg vorliegt.1Laura von Oelbermann – eine „bemerkenswerte“ Frau, Stellungnahme von Peter Oelbermann, https://www.udo-w-hombach.de/texte/Laura-von-Oelbermann-eine-bemerkenswerte-Frau.pdf, abgerufen am 27.02.206

Laura folgte ihrem Ehemann nach New York, nahm die amerikanische Staatsbürgerschaft an und bekam dort mehrere Söhne. Köln blieb jedoch Lebensmittelpunkt, spätestens als die Familie 1878 dauerhaft zurückkehrte.

Das prunkvolle Palais Olbermann am Hohenstaufenring, Bild: Rheinisches Bildarchiv, Public domain, via Wikimedia Commons
Das prunkvolle Palais Olbermann am Hohenstaufenring, Bild: Rheinisches Bildarchiv, Public domain, via Wikimedia Commons

Ein prunkvolles Palais für die Neustadt

1891 bezogen die Oelbermanns ihr neues Stadtpalais am Hohenstaufenring 57. Entworfen vom Architekten Hermann Otto Pflaume war das freistehende Gebäude im Stil der italienischen Renaissance ein architektonischer Ausreißer in der geschlossenen Ringbebauung. Zeitgenössische Berichte sprechen vom „großartigsten Privathaus der Neustadt“. Schmuck, Kunst, Personal, großer Hausstand – Laura Oelbermann war sichtbar wohlhabend. Und offensichtlich zeigte sie ihren Reichtum gerne, wie ein Zeitgenosse berichtete:

„Da stauten sich zu früheren Zeiten so um die Mittagsstunde vor ihrem großen Hause am Hohenstaufenring die Menschen, und wenn man einen Schutzmann erwischen konnte und ihn oder auf der Elektrischen den Schaffner fragte, was denn eigentlich los wäre, ob es einen Krawall gäbe oder einen Zusammenstoß, so wurde einem ziemlich von oben herab geantwortet, als ob man das wissen müßte: „Die reiche Frau Oelbermann jeht aus“. Das war damals ein Ereignis.“2 Schmidt, Klaus, Laura von Oelbermann, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/laura-von-oelbermann/DE-2086/lido/5dc018ad4661e2.56554166 (abgerufen am 27.02.2026)

Ältere Kölner erinnern sich auch noch an den Spruch »Bin ich denn de Frau Oelbermann, dat is mir zo dür!«3Übersetzung: „Bin ich denn die Frau Oelbermann, das ist mir zu teuer!“ wenn Dinge unerreichbar teuer waren.4DANKE an Irene für diesen Hinweis.

Reichtum und Verlust – ein tragisches Familienleben

Hinter der glanzvollen Fassade lag jedoch ein Leben voller Verluste. 1897 starb ihr Mann Emil. Noch im gleichen Jahr verunglückte der jüngste Sohn Harry auf Korsika. Vier Jahre später starb ihr ältester Sohn, weitere drei Jahre später, im Jahr 1904, der mittlere und letzte überlebende Sohn Alfred. Keiner ihrer Söhne wurde älter als 30 Jahre.

Laura Oelbermann war nun Multimillionärin und allein. Ein mondänes Leben mit Reisen und Festen hätte sie sich leisten können. Stattdessen entschied sie sich für einen anderen Weg und engagierte sich im sozialen Bereich – Köln sollte davon stark profitieren.

Soziale Arbeit mit persönlichem Einsatz

Ihr Engagement beschränkte sich nicht auf Überweisungen. Laura Oelbermann ging selbst in die Wohnungen armer Familien, vor allem in evangelisch geprägte Milieus. Sie fragte nach dem Bedarf an Lebensmitteln, Schuhen, Betten oder Schulgeld und sorgte dafür, dass Hilfe unmittelbar ankam.

Ein zentrales Projekt war die Frauenhilfe des evangelisch-kirchlichen Hilfsvereins, die sie ab 1900 mit aufbaute und lange leitete. Bis zu 250 Familien wurden jährlich mit Krankenpflege, Armenspeisung, Erholungsaufenthalten und der Vermittlung von Heimarbeit unterstützt. Frauen sollten sich selbst helfen können – ein Gedanke, der für seine Zeit bemerkenswert modern war.

Das Evangelische Krankenhaus Weyertal im Jahr 2009. Bild: HOWI - Horsch, Willy, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons
Das Evangelische Krankenhaus Weyertal im Jahr 2009. Bild: HOWI – Horsch, Willy, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons

Das evangelische Krankenhaus Weyertal

Zu den sichtbarsten Spuren ihres Wirkens gehört das Evangelische Krankenhaus. Mit enormen Summen ermöglichte sie den Bau des ersten linksrheinischen evangelischen Krankenhauses Kölns, eröffnet 1902 am Weyertal. Mehr als ein Viertel der erforderlichen Gesamtsumme spendete Laura Oelbermann.

Ihre Stiftungen reichten weit über Köln hinaus. Besonders bedeutend war ihre Millionenspende für die Auguste-Victoria-Stiftung auf dem Ölberg in Jerusalem, aus der das bis heute bestehende Hospital hervorging. 1910 reiste sie selbst dorthin – ein außergewöhnliches Erlebnis für eine Frau ihrer Zeit.

Das Auguste-Victoria-Hospital in Jerusalem um 1910, Bild: Fotoabteilung der American Colony oder deren Nachfolger, dem Matson Photo Service; gemeinfrei, über Wikimedia Commons
Das Auguste-Victoria-Hospital in Jerusalem um 1910, Bild: Fotoabteilung der American Colony oder deren Nachfolger, dem Matson Photo Service; gemeinfrei, über Wikimedia Commons

Für ihr Engagement wurde sie am 15. August 1918 von Kaiser Wilhelm II. in den Adelsstand erhoben. Aus Laura Oelbermann wurde Laura von Oelbermann. Kurz darauf endete das Kaiserreich. Kurios: Sie war eine der letzten Personen, die noch in diesen Stand erhoben wurden. Darüber hinaus wurde sie mit vielen Orden und Ehrungen ausgezeichnet. Darunter waren:

  • das Ehrenzeichen für Kriegsfürsorge,
  • das Lippischen Kriegsverdienstkreuz,
  • das Ölberg-Kreuz,
  • das Verdienstkreuz für Frauen und Jungfrauen in Gold,
  • das Verdienstkreuz für Kriegshilfe,
  • der  Sachsen-Meiningschen Verdienstorden für Frauen und Jungfrauen in der Kriegsfürsorge,
  • der Luisenorden Erster Klasse,
  • der Wilhelm-Orden,
  • die Rot-Kreuz-Medaille,
  • die Schaumburg-Lippischen Kriegs-Ehrenmedaille.
  • die Schwedische Medaille in Gold für Kunst und Wissenschaft am blauen Bande.5Schmidt, Klaus, Laura von Oelbermann, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/laura-von-oelbermann/DE-2086/lido/5dc018ad4661e2.56554166 (abgerufen am 27.02.2026)
Das Grabmal der Familie Oelbermann auf Melaten. Bild: Geolina163, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Das Grabmal der Familie Oelbermann auf Melaten. Bild: Geolina163, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Tod, Vermächtnis und das Ende eines Hauses

Laura von Oelbermann starb am 3. Juni 1929 im Alter von 83 Jahren, sie wurde auf dem Melaten-Friedhof beigesetzt. Ihr Testament regelte alles genau: Zunächst die Versorgung der Angestellten, dann finanzielle Mittel für ihren Hund.  Der weitaus größte Teil des Vermögens aber ging an ihre Stiftungen.

Das große Palais am Hohenstaufenring wurde zur Unterkunft für berufstätige evangelische Frauen. Erst Anfang der 1980er Jahre wurde das Gebäude abgerissen. Erhalten blieb das Grabmal auf dem Melaten-Friedhof.

Wo Köln sich dankbar erinnert

Seit 2005 trägt eine Promenade im Rheinauhafen ihren Namen. Sie erinnert an eine Frau, die ihren Reichtum nicht versteckte – sondern einsetzte. Und deren Vermächtnis bis heute fortdauert: Die Emil-und-Laura-von-Oelbermann-Stiftungen bestehen weiterhin. Das Stiftungskapital liegt bei rund 2,5 Millionen Euro. Das Krankenhaus am Weyertal genießt einen guten Ruf, das Hospital in Ostjerusalem versorgt vor allem palästinensische Patientinnen und Patienten.

So hat sie nicht nur in Köln soziale Strukturen hinterlassen, die bis heute wirken.


Blick in das Haus Oelbermann um 1895, Fotograf unbekannt, gemeinfrei, via Wikimedia Commons
Blick in das Haus Oelbermann um 1895, Fotograf unbekannt, gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Das Oelbermannhaus – ein züchtiges Haus! 

Gabriele Kaspar hat als Auszubildende im Oelbermann-Haus gelebt und mir geschrieben:
 
Ich habe von 1968 bis 1972 im Oelbermannhaus, Hohenstaufenring 57, gewohnt.  Zu dieser Zeit lebten überwiegend Studentinnen im Haus.
Ich hatte ein eingerichtetes Zimmer mit Waschgelegenheit. Handtücher wurden gestellt und gewaschen, das Zimmer gereinigt. Auf jeder Etage gab es gemeinschaftlicher Nutzung Toiletten, und eine Küche. Letztere hatte neben Kochgelegenheiten auch Kühlschränke in dem jede Mitbewohnerin ein abschließbares Fach hatte. Für jede Etage war eine Mitarbeiterin zuständig, die zum Teil auch im Haus wohnten. Es gab auch weitere Gemeinschaftsräume und Waschmöglichkeiten.
 
An die Höhe der Miete, die bar bei der Hausleitung bezahlt werden musste, kann ich mich nicht erinnern. Sie beinhaltete alle vorher genannten Leistungen sowie Strom und Heizung. Im Winter war sie wegen der Heizung etwas höher. Sie war jedenfalls sehr günstig und in meinem Fall sogar reduziert, da ich am Anfang noch in der Ausbildung war.
 
Neben diversen Hausregeln, die unbedingt eingehalten werden mussten, sonst bekam man eine Ansprache, hier eine die mir in Erinnerung geblieben ist.
An der von 8:30 oder 9:00 bis 22:00 Uhr besetzten Hauspforte lag ein Besucherbuch aus. In dieses musste sich jeder Besucher eintragen. Herrenbesuch war erlaubt, allerdings nur bis 21:30 Uhr und soweit ich mich erinnern kann auch nur für vier Stunden. 
 
Eingehende Post wurde an der Pforte gesammelt, die Zimmerschlüssel sollten dort abgegeben werden. Falls man später als 22:00 Uhr nach Hause kommen wollte erhielt man einen Haustürschlüssel und seinen Zimmerschlüssel. Länger Abwesenheit musste angegeben werden.
 
Ein im ganzen „züchtiges“ Haus.
 
Gabriele Kasper

Vielen Dank an Gabriele Kasper für diese Informationen! 


Der Geusenfriedhof, Bild: Uli Kievernagel
Der Geusenfriedhof, Bild: Uli Kievernagel

Der Geusenfriedhof

Fast direkt am Krankenhaus Weyertal liegt der Geusenfriedhof. Dies ist der älteste evangelische Friedhof des Rheinlands. Die erste Beerdigung fand dort im Jahr 1584 statt. Und bis weit in das 19. Jahrhundert war dieser Friedhof die einzige mögliche Begräbnisstätte für Protestanten in Köln. Auf diesem Freidhof wurde 1875 die letzte Bestattung durchgeführt. Und danach geriet diese Fläche in Vergessenheit – bis 1981. Der Friedhof wurde unter Denkmalschutz gestellt und die evangelische Gemeinde hat sich der verwilderten Fläche angenommen, Grabsteine wieder aufgerichtet und die Wege wieder hergestellt.  

Adresse: Kerpener Straße 13.

Öffnungszeiten:

April – September: 9 -19 Uhr
Oktober: 10-17 Uhr
November-März: geschlossen
ACHTUNG:  Öffnungszeiten an Sonn- und Feiertagen: 10-17 Uhr


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Der Kallendresser zeigt uns die bläcke Fott

Der Kallendresser am Alter Markt, Bild: Elke Wetzig (elya) [CC BY-SA (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)]
Der Kallendresser am Alter Markt, Bild: Elke Wetzig (elya) [CC BY-SA (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)]
 

Unerhört!

Da hockt ein kleines Männlein hoch über unseren Köpfen und streckt uns die bläcke Fott (hochdeutsch: das nackte Gesäß) entgegen. Offensichtlich ist es gerade dabei, in de Kall ze drisse (hochdeutsch: seine Notdurft in der Regenrinne zu verrichten). Und das mitten in der Stadt. Am Alter Markt. Diese kleine Männlein wird von den Kölschen liebevoll Kallendresser genannt. Ihr findet es am Alter Markt, Hausnummer 24.

Das Kallendresser-Leed

Die Kölschen lieben diese kleine Figur, es gibt sogar ein eigenes Lied dazu:

Ki-Ka Kallendresser,
hev et Hembche huh!
Kik-Ka Kallendresser,
mähs de Minsche fruh.
Häste Ärger un Verdross,
mähste deer nix druus,
denkste nor wie Goldschmitsjung
un stipps dä Mond erus. 

Übersetzung:
Ki-Ka Kallendresser,
hebt das Hemdchen hoch,
Kik-Ka Kallendresser,
machst die Menschen froh.
Hast du Ärger und Verdruss,
mach dir nichts draus,
denke nur wie ein Lehrling der Goldschmiedekunst1Denken wie ein Goldschmittsjung“ ist eine (heute kaum noch gebräuchliche) Redensart für (vornehm gesagt) „Du kannst mich mal.“
und streckst den Mond2hier: Das Hinterteil heraus.

Verschiedene Legenden zur Herkunft

Genau wie beim Halven Hahn gibt es auch beim Kallendresser verschiedene Legenden zur Entstehung:

  • Am Alter Markt war es anscheinend schon immer etwas lauter. Besonders jedoch störte sich ein Schneider daran, dass unter ihm ein – offensichtlich weniger talentierter – Musiker Tuba übte. Nach vielen Ermahnungen wegen der Ruhestörung wurde es dem Schneider zu bunt, und er hockte sich an die Dachkall und zielte ganz genau …

oder

  • Für Dachdecker ist es natürlich mühsam, für das „Geschäft“ eine Toilette aufzusuchen. Viel einfacher ist es doch, die Regenrinne zu benutzen.

oder

  • Die oberen Stockwerke wurden früher von den Dienstboten bewohnt. Selbstverständlich gab es dort oben keine Toilette. Und dann war der Weg zur Dachrinne nicht so weit wie der Weg zum Plumpsklo im Hinterhof.

oder:

  • Meine Lieblingsgeschichte leitet sich vom Standort des Kallendressers ab: Dreht man sich einmal um, sieht man das Rathaus. Und plötzlich wird der nackte Hintern der Figur zum politischen Statement.

Wie in Kölle so üblich: Zu vielen Legenden gibt es eine ganze Reihe Erklärungen, wobei gilt: Was am Ende richtig ist, ist egal. Hauptsache, die Geschichten sind schön!

Der Kallendressers als Symbol für das Aufbegehren gegen die Obrigkeit

Tatsächlich gab es einen Vorläufer der Figur des Kallendressers. Dieser erste Kallendresser wurde von den Kölner Bürgern am „Haus zur Sonne“ am Alter Markt angebracht. Besonders pikant: Ausgerichtet war der nackte Hintern in Richtung des Klostereingangs von St. Martin.

Die Mönche des Klosters hatten sich den Zorn der Bürgerschaft zugezogen, als sie einen Verbrecher, der sich in der vermeintlichen Immunität des Klosters sicher fühlte, an die städtischen Behörden auslieferten. Die empörten Bürger errichteten daraufhin die provokante Figur. Auch eine Klage des Klosters gegen die Figur des Kallendressers wurde abgewiesen. 

Drastischere Darstellung von Ewald Mataré

Dieser „Vorläufer“ des heutigen Kallendressers, der im Krieg stark beschädigt wurde, war in der Darstellung etwas zurückhaltender. Man erkannte zwar, welcher Beschäftigung die Figur nachging, jedoch war diese mit einem langen Hemd bekleidet. Also war kein Blick auf bläcke Fott möglich. Leider konnte man diese Figur wegen der Beschädigungen nicht mehr aufhängen. 

Dass der Kallendresser überhaupt noch existiert, ist der Initiative von Josef „Jupp“ Engels (1909–1991)3Jupp Engels stiftete übrigens auch das Geld und Material zur Schmitz-Säule. verdanken. Der Mäzen und Freund des kölschen Brauchtums sicherte sich in einem typisch kölschen Deal die Figur des Kallendressers: Er tauschte einen mittalterlichen Torbogen, den er beim Bau eines Hauses gefunden hatte, gegen die Rechte an der Figur des Kallendressers ein.

Nachdem er sich die Rechte gesichert hatte, beauftragte Engels seinen Freund, den renommierten, in Düsseldorf tätigen Künstler Ewald Mataré, eine neue Figur zu schaffen. Und – genau wie beim Rosenmontagszug – scheinen die Düsseldorfer immer etwas drastischer in ihren Darstellungen zu sein. Mataré gestaltete die Nachbildung in grünpatiniertem Kupferblech. Ohne Nachthemd, dafür aber mit freiem Blick auf das entblößte Gesäß. Und so hängt er da oben – sehr zu Belustigung der Passanten.

Der Kallendresser-Orden

Jupp Engels gründete auch den Kallendresser-Orden. In diesen Orden können nur Menschen aufgenommen werden, die sich um das Kölner Brauchtum verdient gemacht haben. Selbstverständlich war Engels als Oberkallendresser Präsident dieses Ordens.

HELLERS Kallendresser ist ein wohlschmeckender und wohltuender Kräuterlikör mit 32% Alkohol, Bezug über https://www.hellers.koeln/
HELLERS Kallendresser ist ein wohlschmeckender und wohltuender Kräuterlikör mit 32% Alkohol

Verschiedene Versionen des Kallendresser in ganz Köln – und sogar in Rumänien und Barcelona

Die Brauerei Heller vertreibt den Kallendresser als Getränk: Ein wohlschmeckender Kräuterlikör mit 32% Alkohol.  Und über der Theke im Hellers Brauhaus an der Roonstraße reckt auch ein kleiner Kallendresser seinen Hintern in Richtung Besucher. 

In Junkersdorf und in Seeberg zeigen jeweils kleine Kallendresser ihre bläcke Fott, wobei die Figur in Seeberg ihren Hintern ausdrücklich in Richtung eines ungeliebten Nachbarn streckt.

Genau wie in Rumänien: In der Kleinstadt Braila hat ein Kölner Unternehmer einen Kallendresser an seinem Haus montiert – ebenfalls als Zeichen gegen einen missgünstigen Nachbarn.

Der Caganer, unverzichtbarer Bestandteil jeder katalanischen Weihnachtskrippe und offensichtlich ein Verwandter des kölschen Kallendressers. Bild: Slastic, via Wikimedia Commons
Der Caganer, unverzichtbarer Bestandteil jeder katalanischen Weihnachtskrippe und offensichtlich ein Verwandter des kölschen Kallendressers. Bild: Slastic, via Wikimedia Commons

Der „Caganer“ – die spanische Version des Kallendressers

Und dann gibt es auch noch einen entfernten Verwandten des Kallendressers: In keiner katalanischen Krippe darf der Caganer4katalanisch für Scheißer fehlen. Diese Figur stellt stellt eine Person mit heruntergelassenen Hosen dar, die sich im Umfeld der Geburt Jesu erleichtert. Es ist für Kinder aus Barcelona ein beliebtes Spiel, den Caganer in der Krippe zu finden.

Das "Brückenmännchen" links und das "Brückenweibchen" rechts. Bild links: Qualle, Bild rechts: Sir James, beide CC BY 3.0,via Wikimedia Commons
Das „Brückenmännchen“ links und das „Brückenweibchen“ rechts. Bild links: Qualle, Bild rechts: Sir James, beide CC BY 3.0,via Wikimedia Commons

Die Version aus Bonn: Das  „Brückenmännchen“ und „Bröckeweibchen“

Das Bonner Brückenmännchen (bönnsch: Bröckemännsche) ist eine Steinskulptur, die 1898 beim Bau der ersten Bonner Rheinbrücke angebracht wurde. Ihren Platz erhielt sie am rechten Turm des Beueler Strompfeilers, direkt über dem Fußgängerdurchlass – mit dem Hinterteil demonstrativ in Richtung Beuel. Der Hintergrund: Die Brücke wurde ausschließlich von Bonner Seite finanziert, weil sich die Beueler Bürger nicht an den Baukosten beteiligen wollten.

Diese ließen aber diese Spitze nicht unbeantwortet. Als Gegenreaktion entstand die Figur des “ Bröckeweibchen„: Eine keifende Waschfrau am linken Turm des Beueler Strompfeilers. Sie zeigt eine Frau mit finsterem Blick und einem erhobenen Pantoffel, der jederzeit zum Wurf auf die andere Rheinseite bereit scheint.5Danke an Rolf Brenner für diesen Hinweis.

Und die Moral von der Geschichte?

Der Kölner Filmemmacher Bruno Neurath1-Wilson fasst in seinem Film „Der Kallendresser lebt“ die Intention des Kallendressers perfekt zusammen:

  1. Welche der Legenden zur Entstehung des Kallendressers richtig ist, ist am Ende egal – Hauptsache, die Geschichten sind schön! 
  2. Etwas mehr Kallendresser würde uns allen gut tun: Weniger Streiterei, weniger Gerichtsverfahren. Stattdessen einfach mal die bläcke Fott zeigen und gut ist.

Bei der Lotsentour Innenstadt werfen wir auch einen Blick auf den Kallendresser.


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