Die Gaffeln – 400 Jahre lang prägende Institutionen der Politik in Köln

Der Kölner Stadtrat, Kupferstich nach einer Zeichnung von Johann Toussyn (1608-nach 1660), Original im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, um 1655. (Gemeinfrei)
Der Kölner Stadtrat, Kupferstich nach einer Zeichnung von Johann Toussyn (1608-nach 1660), Original im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, um 1655. (Gemeinfrei)

Bis weit in das 14. Jahrhundert bestimmten in Köln die „Geschlechter“ die Geschicke der Stadt. Die „Geschlechter“ waren Familien mit so klangvollen Namen wie Lyskirchen, Quattermart, Hardevust oder Overstolz. Mit absolutem Selbstverständnis regierten diese Familien aus der Oberschicht selbstherrlich Köln.

Um diese Macht zu untermauern, hatten die Geschlechter die Abstammungssage erfunden: Sie wären die Nachfahren der von Kaiser Trajan in die Colonia Claudia Ara Agrippinensium (CCAA) geschickten römischen Senatoren. Und deshalb hätten nur sie nur das Recht, die Stadt zu regieren.

Diese von den Geschlechtern erfundene Sage stammt aus dem frühen 14. Jahrhundert. Offensichtlich schwand war die Macht der Geschlechter, daher mussten irgendwelche Geschichten zur Sicherung des Einflusseses dieser Familien erfunden werden.  

Proteste gegen die Geschlechter

Tatsächlich kam die Vorherrschaft der Geschlechter ab etwa der zwei­ten Hälf­te des 14. Jahr­hun­derts erheblich ins Wanken. Die Handwerker, in Handwerksbruderschaften organisiert und die Gilden, als Zusammenschluss von Kaufleuten, begannen sich gegen die Ge­schlech­ter zu weh­ren.

Dafür organisierten sie sich in sogenannten „Gaffeln“.  Der eigentliche „Startschuss“ für die Bildung der Gaffeln war die Verabschiedung des Kölner Verbundbriefs im Jahre 1396. Zwar gab es auch schon vereinzelt „Gaffeln“ als Zusammenschlüsse. Diese entstanden aber eher aus einem sozial-religiösem Anspruch, wie zum Beispiel die für 1354 nachgewiesene “fra­ter­ni­tas S. Spi­ri­tus de fo­ro Fer­ri et de Sub­lo­biis“. Diese Bru­der­schaft von Kauf­leu­ten war mit hoher Wahrscheinlichkeit der Vorläufer der Gaf­fel „Ei­sen­markt“ und warb Spenden für die Leprakranken auf Melaten ein.

Eine „Gaffel“ ist eine Tranchier- oder Vorlegegabel

Klaus Militzer weist in seinem Aufsatz „Gaffeln, Amter, Zünfte – Handwerker und Handel vor 600 Jahren“ [Jahrbuch 67 des kölnischen Geschichtsvereins e. V. 1996, Seite 41 ff] darauf hin, dass ab ca. 1350 der Begriff „Gaffel“ für Zusammenschlüsse von Personen unterschiedlicher Art verwendet wurde.

Die „Gaffel“ ist ursprünglich eine Gabel, allerdings geht es hier um eine Tranchier- oder Vorlegegabel. Denn im 14. Jahrhundert war es nicht üblich, eine Gabel zu benutzen. Es gab Messer, mit denen das Essen in handliche Stücke geschnitten wurde. Gegessen wurde mit den Fingern. Größere Fleischstücke wurde auf einem Holzbrett mit einer Tranchiergabel, der „Gaffel“, fixiert, mit einem Messer klein geschnitten und dann auf die einzelnen Teller gelegt. 

So wurde auch bei den feierlichen Essen der Zusammenschlüsse verfahren und schnell wurden die Vereinigungen der Handwerker und Kaufleute als „Gaffeln“ bezeichnet.

Die „Gaffel“ ist ursprünglich eine Gabel, allerdings geht es hier um eine Tranchier- oder Vorlegegabel.
Die „Gaffel“, eine Tranchier- oder Vorlegegabel.

 

Eine Gaffel war nicht unbedingt eine bestimmte Zunft oder Gilde, sondern mehrere Zünfte bzw. Gilden konnten sich zu einer Gaffel zusammenschließen. Und da jeder Bürger einer Gaffel beitreten musste, standen die Gaffeln auch für weitere Mitglieder offen.

Aufstand der Weber und die „no­va or­di­na­tio“

Diese ersten Gaffeln und die Zünfte begannen sich ab ca. 1360 gegen die Vorherrschaft der Geschlechter zu wehren. Ein erstes, einschneidendes Ereignis war ein bestimmter Zoll, der völlig ohne vorherige Absprache oder Information auf In­itia­ti­ve der Geschlechter eingeführt wurde. Mit­glie­der der Gaf­feln Ei­sen­mark­t und Wol­len­am­t führten den Widerstand gegen diese Willkür an protestierten erfolgreich gegen diese Abgabe.  

Im Jahr 1370 kam es zum Aufstand der Weber und diese setzten eine Neuordnung, die „no­va or­di­na­tio“, der städtischen Verfassung am 2. Juli 1370 durch. So wurde der Rat im Sinne der machtbewussten Weber neu zusammengesetzt und Mit­glie­der von Zünf­ten, Kor­po­ra­tio­nen und Gaf­feln dorthin entsandt. Somit wurden die Gaffeln zum ersten Mal Teil der städtischen Verfassung.

Allerdings nutzten die die Weber ihre einflussreiche Stellung, um Beschlüsse zu ihrem Vorteil zu fassen. Dazu gehörten eine Steuer auf Wein (Weinfuhrakzise) oder eine Vermögensteuer (Schoß). Während die Weinfuhrakzise die Weinkaufleute benachteiligte, wurden durch den „Schoß“ reiche Kaufleute und Patrizier belastet. Die Weber aber, gerade frisch an der Macht, wurden bei diese speziellen Abgaben verschont.

Die sogenannte „Weberherrschaft“ wird dann auch in der Koelhoffschen Chronik [Eine aus dem Jahr 1499 stammende Chronik über die Stadt Köln von Johann Koelhoff dem Jüngeren] wie folgt beschrieben:

Es war wunderlich und fremd anzusehen, als Köln … allzeit regiert war … von fünfzehn adeligen Geschlechtern … An deren Stelle saßen nun die Weber.“

Daher bildete sich eine Koalition aus Gaffeln und Geschlechtern um die „Weberherrschaft“ zu beseitigen. Es kam zur „Kölner Weberschlacht von 1371“, die We­ber erlitten eine ver­nich­ten­de Nie­der­la­ge und die „no­va or­di­na­tio“ wur­de au­ßer Kraft ge­setzt.

Die Kölner Weberschlacht von 1371, Holzschnitt aus der Koelhoffschen Chronik von 1499. (Gemeinfrei)
Die Kölner Weberschlacht von 1371, Holzschnitt aus der Koelhoffschen Chronik von 1499. (Gemeinfrei)

Die „Freunde“ gegen die „Greifen“

Aber auch innerhalb der Geschlechter rumorte es und es bildeten sich zwei Fraktionen heraus: Die „Freunde“ und die „Greifen“. In den „Freunden“ waren vorrangig die alten, machtbewussten Geschlechter vertreten, mit den „Grei­fen“ sym­pa­thi­sier­ten vor allem Grup­pie­run­gen, die bisher noch nicht in den städtischen Machtzirkeln vertreten waren.

An­geb­li­che Über­le­gun­gen der „Freun­de“ be­züg­lich der Auf­lö­sung der bestehenden Kauf­leu­te- und Hand­wer­ker­ge­sell­schaf­ten ließen die Situation 1396 eskalieren. Der Kölner Stadtschreiber Gerlach vom Hauwe schrieb in seinem „Neuen Buch“:

„Als die Partei der „Freunde“ und deren Angehörige im Schöffenkolleg und im Rat gewahr geworden seien, daß die Ämter und Gaffeln beschlossen hätten, sich zusammenzuschließen, und daß sie an Macht gewönnen, hätten sie beraten, wie sie Gaffeln und Gesellschaften hätten unterdrücken können. Ein Ausgleich sei nicht zu erzielen gewesen. Schließlich hätten sich die „Freunde“ im Amtleutehaus von Airsburg am Mühlenbach am 16. Juni 1396, einem Freitag, abends versammelt und am folgenden Tag ein Gebot erlassen, über dessen genauen Inhalt wir nicht unterrichtet sind. Dieses Gebot habe der Gemeinde und den Gaffeln mißfallen. Am Sonntag seien die „Freunde“ wieder im Amtleutehaus von Airsburg zusammengekommen, nun aber bewaffnet. Am Abend desselben Tages habe Constantin von Lyskirchen vom Heumarkt, ein Schöffe, die Versammlung verlassen, habe sein Pferd bestiegen, sei zu den Gaffeln geritten und habe die dort wartenden Männer gefragt, ob sie nicht schlafen gehen wollten. Daraufhin hätten die Befragten geantwortet, daß sie schlafen gehen würden, wenn sie die Zeit dafür gekommen sähen.“

Diese hochnäsige Anweisung des Patriziers von Lyskirchen sollte das Fass zum Überlaufen bringen. Der adlige Herr wurde vom Pferd gerissen und gefangen genommen. Neben von Lyskirchen nahmen die Gaffeln „Ei­sen­mark­t“, „Wind­eck“ und „Him­mel­reich“ etwa weitere 50 „Freunde“ gefangen.

Es wurde ein pro­vi­so­ri­scher Rat mit der Aufgabe gebildet, ei­ne neue Ver­fas­sung aus­zu­ar­bei­ten. 1396 entstand der Verbundbrief und wurde so etwas wie das „Grundgesetz“ der Stadt Köln.

Ausschnitt des Verbundbriefes mit den Siegeln der Gaffeln, Bild: HOWI - Horsch, Willy, CC BY 3.0 via Wikimedia Commons
Ausschnitt des Verbundbriefes mit den Siegeln der Gaffeln, Bild: HOWI – Horsch, Willy, CC BY 3.0 via Wikimedia Commons

Der Verbundbrief – das „Grundgesetz“ der Stadt Köln.

In Verbundbrief wurden die Gaffeln ausdrücklich genannt und mit weitreichenden Kompetenzen ausgestattet. Es gab 22 Gaffeln:

  • Wollenwebergaffel
    zugehörige Zünfte: Wollenweber, Tuchscherer, Weißgerber
  • Eysenmarkt
    Gesellschaft von Kaufleuten, vielleicht ursprünglich Gilde der Eisenhändler
  • Schwartzhauß
    zugehörige Zünfte: Blauleinenfärber, Waidhändler
  • Goldschmiedegaffel
    zugehörige Zünfte: Goldschläger, Goldspinnerinnen
  • Windeck
    Gesellschaft der Kaufleute auf dem Altermarkt
  • Buntwerkergaffel
    zugehörige Zünfte: Kürschner
  • Himmelreich
    Korporation von Kaufleuten
  • Bindelmacher
    zugehörige Zünfte: Gürtler, Drechsler, Bürstenbinder, Nadelmacher, Kammmacher, Blechschlager
  • Aren
    zugehörige Zünfte: Riemenschneiderzunft
  • Fischmengergaffel
    zugehörige Zünfte: Fischmenger, Schiffer, Buchbinder
  • Schmiedegaffel
    zugehörige Zünfte: Schmiede, Schlosser, Messerschmiede, Stückgießer, Achsenmacher
  • Schilderer und Glaswörter
    zugehörige Zünfte: Maler, Glaser, Sattler
  • Steinmetze und Zimmerleute
    zugehörige Zünfte: Steinmetzer, Zimmerleute, Schreiner, Kannenbäcker, Bildhauer, Bildschneider, Leyendecker, Pflasterer
  • Bäckergaffel
    zugehörige Zünfte: Bäcker
  • Fleischergaffel
    zugehörige Zünfte: Fleischer
  • Schneidergaffel
    zugehörige Zünfte: Schneider, Hutstoffierer
  • Schuhmacher
    zugehörige Zünfte: Schuhmacher, Altschuhmacher, Lederreider
  • Sarwörtergaffel1Sar = Pflugschar, Wörter = Werker, hier: Rüstungswerkleute
    zugehörige Zünfte: Harnischmacher, Schwertfeger, Barbiere, Handschuhmacher, Taschenmacher, Hutmacher, Korbmacher
  • Kannengießergaffel
    zugehörige Zünfte: Kannengießer, Hammacher, Seiler
  • Fassbindergaffel
    zugehörige Zünfte: Fassbinder
  • Leinenwebergaffel
    zugehörige Zünfte: Zeichenweber, Sartuchmacher, Decklackenweber, Bombassin-, Caffee-, u. Baratamt
  • Brewer
    zugehörige Zünfte: Brauer

Wappen der Kölner Gaffeln, Ausschnitt aus: Birboum, Michel L.; Rieger [Verl.] Quelle: http://tudigit.ulb.tu-darmstadt.de/show/Ansicht3949_090/0001

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Wappen der Kölner Gaffeln, Ausschnitt aus: Birboum, Michel L.; Rieger [Verl.] Quelle: http://tudigit.ulb.tu-darmstadt.de/show/Ansicht3949_090/0001

Je­der Kölner Bür­ger und auch die sogenannten „Ein­ge­ses­se­nen“ (Ein­woh­ner oh­ne Bür­ger­recht) waren gezwungen, sich ei­ner die­ser Gaf­feln an­zu­schließen. Falls ein Bürger oder „Ein­ge­ses­se­ner“ kei­ner Zunft oder Gilde an­ge­hör­te, konn­te dieser sei­ne Gaf­fel frei wäh­len.

Kompetenzen und Pflichten der Gaffeln

Zu den Kompetenzen der Gaffel gehörte insbesondere das aktive Wahlrecht: Nur die Mitglieder einer Gaffel konnten den Rat wählen. Dies schloss ca. 80 Prozent der Bevölkerung aus. So waren Frauen, Tagelöhner, alle nichtkatholischen Menschen, Geistliche und nichtehelich Geborene von allen politischen Einflussmöglichkeiten ausgeschlossen.

Zu den wesentlichen Pflichten der Gaffeln gehörte die Verteidigung der Stadt. So wurde in der „Wachtordnung“ exakt festgelegt, welchen Teil der Stadtmauer bzw. welche Torburg die einzelnen Gaffeln zu bewachen hatten. Die Gaffeln übernahmen auch die Sicherung hochrangiger Besucher und repräsentierten bei Veranstaltungen die Stadt. Zwar war der Rat weiterhin alleiniger Vertreter Kölns nach außen, doch die Gaffeln gehörten mit der Verabschiedung des Verbundbriefs im Jahr 1396 zu den wich­tigs­ten Ver­fas­sungs­or­ga­nen.

Le­dig­lich ein Wech­sel der städ­ti­schen Eli­ten

Die Gaf­feln repräsentierten zwar nur knapp 20 Prozent der Kölner Bevölkerung, hatten aber die politischen Entscheidungen fest in der Hand. Auch weil sowohl das aktive als auch das passive Wahlrecht an eine Mitgliedschaft in einer der Gaffeln gebunden war. So kommt Christian Hillen in seiner Darstellung „Die Kölner Gaffeln“2Portal Rheinische Geschichte, https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-koelner-gaffeln/DE-2086/lido/5e98015879dc69.22344533^, abgerufen am 2. Juni 2024 zu dem Schluss:

„Ei­ne de­mo­kra­ti­sche Ver­fas­sung im heu­ti­gen Sin­ne war dies si­cher nicht, wenn­gleich sich der Kreis der­je­ni­gen Bür­ger, die Zu­gang zu po­li­ti­scher Mit­wir­kung und Ent­schei­dungs­fin­dung hat­ten, deut­lich er­wei­tert hat­te. Vor al­lem wa­ren die stän­di­schen Schran­ken be­sei­tigt wor­den. … Zwar wur­den die po­li­ti­schen und ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Ver­hält­nis­se ver­än­dert, aber im Grun­de ge­nom­men fand le­dig­lich ein Wech­sel der städ­ti­schen Eli­ten statt. Die al­ten Eli­ten wur­den aber nicht völ­lig ver­prellt, son­dern man ver­such­te sie in die neue Ord­nung zu in­te­grie­ren.“

Man kann also festhalten, dass es einen Austausch der Herrschaft gegeben hatte: Weg von den Geschlechtern hin zu den Gaffeln. Die Privilegien der Gaffeln sollten etwa 400 Jahre lang Bestand haben, bis die Franzosen Köln einnahmen.

Und heute noch erinnert die Marke Gaffel-Kölsch
an die Zeiten der Kölner Gaffeln.

Der Name "Gaffel-Kölsch" erinnert an die Gaffeln, Bild: Privatbrauerei Gaffel
Der Name „Gaffel-Kölsch“ erinnert an die Gaffeln, Bild: Privatbrauerei Gaffel

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Kölner Köpfe – Kunst im Untergrund

Acht der 40 "Kölner Köpfe" in der U-Bahnhaltestelle Appellhofplatz, Bild: Uli Kievernagel
Acht der 40 „Kölner Köpfe“ in der U-Bahnhaltestelle Appellhofplatz, Bild: Uli Kievernagel

Etwa 25.000 Menschen sehen täglich die Mona Lisa im Louvre. Dafür steht man stundenlang an und zahlt einen hohen Eintritt. Ebenfalls ungefähr 25.000 Menschen steigen täglich am Appellhofplatz in die Bahn. Und sehen nicht nur ein Portrait, sondern gleich 40. Und das völlig kostenlos. Ohne anzustehen.

Seit 1990 gibt es die „Kölner Köpfe“ in der U-Bahnhaltestelle. Hier kann man dem Schauspieler Willy Millowitsch, der Franziskanerin Schwester Ansgaria, dem Fußballer Pierre Littbarski und 37 weiteren bekannten und unbekannten Kölnerinnen und Kölnern in die Augen sehen.

Stencil – aus Schablonen entstehen Kunstwerke

Urheber dieses Kunstwerks sind die vier Freunde Justus Herrmann, Ralf Jesse, Hans-Peter Dürhager und Andreas Paulun, die sich Ende der 1980er  regelmäßig in Ehrenfeld trafen. Bei einem dieser Treffen im Jahr 1988 zeigte Paulun seinen Kumpels ein sogenanntes „Stencil“. Stencil ist der englische Begriff für Schablone. Mit einer solchen Schablone werden Graffitis hergestellt. Stencils stammen ursprünglich aus den 1970er Jahren aus Frankreich und werden dort „pochoir“, nach dem französischen Wort für Schablone, genannt.

Bei dem Stencil wird eine vorgefertigte Schablone auf einen Untergrund gedrückt und die Farbe durchgesprüht. Kombiniert man mehrere Schablonen, entstehen bunte Motive. Und diese können dann beliebig oft und sehr schnell in unterschiedlichen Farben wiederholt dargestellt werden – ideal für illegale Graffitis.

Doch den vier Freunden kam ein anderer Gedanke: Kein eilig nachts gesprühtes Graffiti irgendwo an einer Mauer in der Stadt, sondern geschützt an einem Ort. Nicht der Vergänglichkeit preisgegeben, sondern zeitlos.

Die Haltestelle Appellhofplatz, auf den Säulen in der Mitte: Die Kölner Köpfe, Bild: ReferenceBK, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
Die Haltestelle Appellhofplatz, auf den Säulen in der Mitte: Die Kölner Köpfe, Bild: ReferenceBK, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Die U-Bahnhaltestelle als idealer Ort

Eine U-Bahnhaltestelle erschien den Künstlern als idealer Ort: Viele Passanten steigen dort täglich ein und aus, die kurze Wartezeit kann dem Kunstwerk gewidmet werden. Heute würde das so nicht mehr funktionieren: Die Menschen nutzen jede noch so kurze Möglichkeit und starren in ihr Smartphone. Daran war 1990, zur Eröffnung des Kunstwerks „Kölner Köpfe“ an der Haltestelle Appellhofplatz, noch nicht zu denken.

Zusätzlich ist eine U-Bahnhaltestelle nicht der Witterung ausgesetzt. Als idealer Ort für die Stencils wurden die Säulen zwischen den Gleisen ausgemacht: Geschützt, aber trotzdem frei einsehbar.

Auch die Motive waren schnell klar: Menschen aus Köln, prominent oder unbekannt. Dabei ging es dem Künstlerkollektiv nicht darum, „einzelne Menschen hervorzuheben aus der anonymen Masse, sondern mit neuen Mitteln die alte Geschichte von Einzigartigkeit und Vielfalt, von deren gegenseitiger Bedingtheit und ihrer Bedrohung durch Anonymität und Masse neu zu erzählen.“1KölnTakt 2-2019, Zeitungsbeilage der KVB, September 2019

Idealerweise gibt es in der Haltestelle 20 Säulen. Auf jede Säule passen drei Portraits auf die Vorder- und drei auf die Rückseite. Macht insgesamt Platz für 120 Portraits. So konnte jeder der vier Künstler zehn Portraits in dreifacher Ausfertigung anfertigen.  

Thomas Kehr, Fahrradkurier

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"Kölner Köpfe", Appellhofplatz, Bild: Uli Kievernagel

Die Auswahl der „Kölner Köpfe“

Gezeigt werden die Portraits von 40 Menschen, die in Stadt leben. Prominente und Lück wie ich und du. Und so ist ebenso der Kopf von Alfred Biolek neben dem Portrait von Thomas Kehr, einem Fahrradkurier, zu finden wie auch das Bild der Nonne Schwester Ansgaria, das neben Willy Millowitsch seinen Platz findet.  Der Travestiekünstler Fine de Cologne wurde abgebildet, genau wie der Boxer Milorad Jevremovic oder Anja Friehoff, die als „Frau des Augenblicks“ ihren Platz gefunden hat. Abgebildet wurden auch der Imbissbesitzer Adnan, Musiker Jürgen Zeltinger, Philosophieprofessor Günter Schulte und der Kölner Sammler Hermann Götting. Und 29 weitere Menschen.

Ein "Kölner Kopf": Straßenbahnfahrerin Lydia Prangenberg, geb. Rick, Bild: Uli Kievernagel
Ein „Kölner Kopf“: Straßenbahnfahrerin Lydia Prangenberg, geb. Rick, Bild: Uli Kievernagel

Auch die KVB-Mitarbeiterin Lydia Prangenberg, geb. Rick, ist ein „Kölner Kopf“. Früher wurde sie oft auf das Portrait angesprochen, heute zeigen ihre Enkel und Urenkel stolz das Bild von Oma oder Uroma ihren Freunden.  

Der unbekannte Künstler „Tabot Velud“

Für heutige Verhältnisse nahezu unvorstellbar: KVB und Stadt Köln stimmten der flott skizzierten Idee schnell und unkompliziert zu, als Hauptsponsor wurde Reynolds Tobaccos (Camel, Lucky Strike oder Pall Mall) gewonnen.

Plakette "Kölner Köpfe" in der U-Bahnhaltestelle Appellhofplatz, Bild: Uli Kievernagel
Plakette „Kölner Köpfe“ in der U-Bahnhaltestelle Appellhofplatz, Bild: Uli Kievernagel

Als Künstler hinter dem Kunstwerk wurde „Talbot Velud“ genannt. Dieser Name hat keinerlei Bedeutung. Justus Herrmann dazu „Damit wollten wir nur möglichst viel Nebel verbreiten.“ Das ist bestens gelungen. In einem Artikel der ehemaligen Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner zu den Kunstwerken in der Kölner U-Bahn schreibt die Architektin und Kunsthistorikerin zu den „Kölner Köpfen“: “Ein Schild an der Schmalseite eines der Bahnsteige nennt neben dem Namen des Kunstwerks „Kölner Köpfe“ und seines Gestalters Tabot Velud auch einen großen Tabakkonzern als Sponsor. Über Velud habe ich sonst nichts weiter in Erfahrung bringen können.“2Barbara Schock-Werner: Kölner U-Bahn-Stationen in der Kritik  – Die Kunst in Kölns Untergrund, Kölner Stadt-Anzeiger vom 2.Dezember 2014.

Kunstwerk ist heute „rechtslos“

Heute würde man sich wünschen, dass die Verantwortlichen mal ein paar Eimer Farbe an die Säulen der Haltestelle werfen und insgesamt mal etwas saubermachen würden. Allerdings: Wieso sollte es hier anders sein, wenn doch die ganze Stadt eher knüsselich daherkommt?

Der ursprüngliche Nutzungsvertrag für die Säulen mit den „Kölner Köpfen“ wurde für zehn Jahre unterschrieben und ist bereits im Jahr 2000 ausgelaufen. Seitdem ist das Kunstwerk eigentlich „rechtslos“. Aber das kümmert in Köln keinen Menschen. Auch nicht die seit der Eröffnung des Kunstwerks im Jahr 1990 bereits etwa 300 Millionen Menschen, die dieses mittlerweile gesehen haben.

Da kann noch nicht einmal die Mona Lisa mithalten.


Die leere, verlassene Station Heumarkt. Und trotzdem fährt eine Bahn durch. Zumindest akustisch. Bild: Uli Kievernagel
Die leere, verlassene Station Heumarkt. Und trotzdem fährt eine Bahn durch. Zumindest akustisch. Bild: Uli Kievernagel

Noch mehr Kunst in der U-Bahn gibt es am Heumarkt. Dort fährt täglich der Ghosttrain durch.


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Die Kölsch-Konvention

Mit Siegel: Die Kölsch-Konvention der Kölner Brauer, Bild: Kölner Brauerei-Verband e.V.
Mit Siegel: Die Kölsch-Konvention der Kölner Brauer, Bild: Kölner Brauerei-Verband e.V.

 

Dass es überhaupt ein einheitliches „Kölsch“ gibt ist tatsächlich recht jung: Erst am 6. März 1986 haben sich die Kölner Brauer auf die „Kölsch-Konvention“ geeinigt. Diese Konvention legt die wesentlichen Bestimmungen zu Kölsch fest. Kölsch muss demnach

  • obergärig sein, das bedeutet, dass der Bläschen des Hefeschaums bei der Gärung oben schwimmen, und sich nicht wie z.B. beim Pils, auf dem Boden absetzen,
  • hell sein,
  • gefiltert sein (also nicht naturtrüb),
  • hopfenbetont sein und
  • darf ausschließlich in Köln hergestellt werden. Ausnahme: Brauereien außerhalb des Stadtgebiets von Köln, die bereits vor Inkrafttreten der Konvention Kölsch gebraut haben. Dazu gehört zum Beispiel das Zunft-Kölsch der Erzquell-Brauerei in Wiehl-Bielstein.

„Kölner Stange “ nicht verpflichtend

Kölsch wird üblicherweise in der „Kölner Stange“ ausgeschenkt. Damit sind die schlanken 0,2-Liter-Gläser gemeint, die von Bayern oder anderen auswärtigen Gästen nur als „Reagenzgläser“ bezeichnet werden.

Ein frischgezapftes Kölsch im klassischen Glas, der "Kölner Stange"
Ein frischgezapftes Kölsch im klassischen Glas, der „Kölner Stange“

So lautet es in der Kölsch-Konvention im § 3: 

„Die Hersteller von „Kölsch“ werden sich nach besten Kräften dafür einsetzen, daß „Kölsch“ nur in der sogenannten „Kölsch-Stange“ (Kölner Stange) zum Ausschank kommt, wie sie üblicherweise heim Ausschank von „Kölsch“ verwendet wird. „

Die kleinen Kölsch-Gläser machen durchaus Sinn: Kölsch wird direkt aus einem Faß gezapft, ohne Zugabe von CO2.  Daher wird Kölsch relativ schnell schal und der Schaum fällt in sich zusammen. Deswegen trinkt der Kölsche lieber „5 x 0,2“ als „1 x 1 Liter“, wie es in anderen Gegenden üblich ist.

Für den notwendigen, regelmäßigen Kölsch-Nachschub im Brauhaus sorgt der Köbes. Diese kölsche Institution ist übrigens nicht in der Kölsch-Konvention festgeschrieben. 

Ein Köbes mit einem Kranz Kölsch bei der Arbeit
Ein Köbes mit einem Kranz Kölsch bei der Arbeit

Grut- und Dollbier im Mittelalter

Vor der Kölsch-Konvention gab es einen regelrechten „Wildwuchs“ an Bier in Köln. Bier wurde im Mittelalter statt mit Hopfen mit „Grut“ gewürzt. Grut ist eine Kräutermischung aus Beifuß, Rosmarin, Thymian, Salbei, Lorbeer, Anis, Kümmel, Wacholder und weiteren Kräutern. Na Prost! Wer das heute mal probieren will, kann ja mal „Porse“, ein „Grut-Bier“ der Ricklinger Brauerei (aus der Nähe von Bad Segeberg) probieren. Das „Grut-Monopol“ hatte zwischenzeitlich Hermann von Goch und wurde damit im 14. Jahrhundert zu einem der reichsten Kölner. 

Noch interessanter wäre es, heute mal ein sogenanntes „Dollbier“ zu probieren. Dieses wurde mit berauschenden Kräutern wie zum Beispiel Bilsenkraut versetzt. Zwar war der Ausschank dieser Biere in Köln verboten – für den findigen Kölner war das aber kein Problem: Einfach mal schnell raus aus der Stadt, durch die Stadtmauer durch und schon konnte das „doll machende Bier“ gekauft und genossen werden.

Das Sünner-Brauereigelände in Köln-Kalk im Jahre 1900, Bild: Scan aus Gereon Roeseling, Zwischen Rhein und Berg, Bachem Verlag, Köln
Sünner ist die älteste Kölsch-Brauerei der Welt. Hier das Sünner-Brauereigelände in Köln-Kalk im Jahre 1900, Bild: Scan aus Gereon Roeseling, Zwischen Rhein und Berg, Bachem Verlag, Köln

Unterzeichnung der Kölsch-Konvention

Ab 1918 war es dann die Sünner-Brauerei, die als erste mit dem Begriff „Kölsch“ für ihr Bier warb. Und das erfolgreich bis zum 2. Weltkrieg. Danach gab es zunächst nur zwei Kölsch-Brauereien: Dom und Sünner. Bis in die 1980er Jahre wuchs die Zahl der Kölsch-Brauereien wieder auf 24 an. Hans Sion, der wesentlich die Kölsch-Marke „Sion-Kölsch“ prägte, erkannte früh das Potenzial dieses regionalen Bieres und war wesentlicher Treiber der Kölsch-Konvention.

Im März 1986 wurde dann – im Hotel Excelsior – feierlich die Kölsch-Konvention unterschrieben. Zu den Unterzeichnern gehörten unter anderem Reissdorf, Gaffel, Früh, Sünner und Sion. Heute ist Kölsch eine durch EU-Recht geschützte Spezialität. Zwar ist es erlaubt, nach kölscher Brauart Bier herzustellen, allerdings darf dieses dann nicht Kölsch genannt werden. Dies führte zu lustigen Wortschöpfungen wie Bönsch (Bonn) oder Mölmsch (Mühlheim).

Für den echten Kölner aber ist die Wortschöpfung „Költ“ und was dahinter steckt erschreckend: Eine Monheimer Brauerei stellt einen Zwilling aus Alt und Kölsch her – Költ.

Ganz ehrlich: Dann würde ich schon lieber das Dollbier aus dem Mittelalter trinken…


Jede Menge Fässer, die kleinen 10-Liter-Fässer sind die Pittermännchen, Bild: Superbass
Jede Menge Fässer, die kleinen 10-Liter-Fässer sind die Pittermännchen, Bild: Superbass

Kölsch nach Möglichkeit zapffrisch vom Faß geniessen 

Am besten schmeckt Kölsch frisch aus dem Faß. Und für zu Hause gibt es das beliebte Pittermännchen.


Die Kölsch-Konvention im Volltext gibt es beim Kölner Brauerei-Verband.


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Das Attentat von Volkhoven: „Das Herz der Stadt stand still.“

Gedenktafel zum Attentat in Volkhoven am 11. Juni 1964, Bild: Raimond Spekking
Gedenktafel zum Attentat in Volkhoven am 11. Juni 1964, Bild: Raimond Spekking

Es war der 11. Juni 1964 gegen 10 Uhr: Der 42jährige Attentäter S. drang mit einem selbstgebastelten Flammenwerfer und einer rasiermesserscharfen Lanze in die Volksschule in Köln-Volkhoven ein. Er ermordete acht Kinder und zwei Lehrinnen. Weitere 20 Kinder und zwei Lehrerinnen erlitten schwere Verletzungen, die sie in ihrem ganzen Leben beeinträchtigen sollten. Der Name des Attentäters ist bekannt. Um ihm nicht auch noch posthum eine Bühne zu bieten und auch aus Respekt vor den Opfern nenne ich in diesem Artikel den Namen des Täters nicht.

Ein ganz normaler Donnerstag wird zum Inferno

Es war ein ganz normaler Donnerstag in der Volkhovener Volksschule. Etwa 380 Kinder und acht Lehrkräfte hielten sich auf dem Schulgelände auf. Ein sonniger Tag, auf dem Schulhof turnte eine Gruppe Mädchen, es war die Sportstunde bei Lehrerin Anna Langohr. In den Klassen wurde Rechnen und Schreiben unterrichtet – Schulbetrieb wie immer.

Doch dann kam S. auf den Schulhof. Bewaffnet mit einem selbstgebauten Flammenwerfer und einer etwa 1,50 Meter langen Lanze betritt er das Schulgelände. Besonders perfide: Er hatte speziell angefertigte Keile dabei, mit denen er das Tor zum Schulhof verkeilte. Vor der Tür wurde S. von drei Schülerlotsen angesprochen. Sie hielten ihn für einen Handwerker, der das Tor reparieren wollte. Der Attentäter reagierte nicht auf die Schülerlotsen.

Das Schulhofs-Tor. Der Attentäter hatte dieses verkeilt. Zur Zeit des Attentats waren im Hof zusätzlich Baracken als Schulräume aufgebaut. Bild: Lucia Clemens, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Das Schulhofs-Tor. Der Attentäter hatte dieses verkeilt. Zur Zeit des Attentats waren im Hof zusätzlich Baracken als Schulräume aufgebaut. Bild: Lucia Clemens, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

In der Ecke des Schulhofs bemerkte die Lehrerin Anna Langohr den Täter und stellte sich schützend vor die Kinder. S. zögerte nicht und richtete den Flammenwerfer auf die Lehrerin, deren Kleidung sofort in Brand gerät. Danach ging er zum Pavillon der vierten Klasse, schlägt ein Fenster ein und richtete den Flammenwerfer durch das Fenster in das Klassenzimmer. Sofort stand die Kleidung zahlreicher Kinder und der Lehrerin in Brand. Ein Junge schaffte es, den Raum zu verlassen, wurde aber direkt von S. mit dem Flammenwerfer angegriffen und ebenfalls in Brand gesetzt.

Danach greift der Attentäter einen zweiten Klassenraum an. Er schlägt auch hier Fenster ein und setzte den Flammenwerfer solange ein, bis der Tank leer war. In diesem Klassenraum gelang es der Lehrerin Gertrud Bollenrath, bei einigen Kindern die Flammen zu ersticken. Erst danach läuft sie auf den Schulhof, um sich den S. in den Weg zu stellen. Dieser sticht die Lehrerin mit der Lanze nieder. 

Die ehemaligen Baracken auf dem Schulgelände wurden abgerissen, das Schulhaus steht noch heute. Bild: Superbass, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Die ehemaligen Baracken auf dem Schulgelände wurden abgerissen, das Schulhaus steht noch heute. Bild: Superbass, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Täter nimmt Pflanzengift

In den beiden noch nicht angegriffenen Pavillons versuchen die beiden Lehrerinnen, Frau Kuhr und Frau Kunz, von innen die Türen zu blockieren und halten die Türklinken fest. Dem Attentäter gelingt es aber, die Tür aufzureißen. Ursula Kuhr stürzt ihm entgegen und wird von Lanzenstichen in den Oberschenkel verletzt. Sie kann sich zwar wieder erheben, wird aber von S. mit einem weiteren Lanzenstich in den Rücken getroffen.

S. nimmt noch auf dem Schulhof in suizidaler Absicht das hochgiftige Pflanzenschutzmittel E 605 zu sich, bevor er vom Schulhof über einen Zaun klettert und flieht.  Zwischenzeitlich sind Polizisten am Tatort eingetroffen und verfolgen S. Sie könnten ihn auf einem Bahndamm stellen und werden von dem Täter mit der Lanze angegriffen. Erst nach einem gezielten Pistolenschuss in den Oberschenkel konnte S. überwältigt werden.

Der aus einer Pflanzenspritze selbstgebaute Flammenwerfer wird im Kölner Stadtmuseum ausgestellt, Bild: Uli Kievernagel
Der aus einer Pflanzenspritze selbstgebaute Flammenwerfer wird im Kölner Stadtmuseum ausgestellt, Bild: Uli Kievernagel

Versorgung der Opfer

Zufällig vorbeikommende Mitarbeiter der städtischen Müllabfuhr gelingt es, dass durch den Keil blockierte Tor aufzubrechen und die immer noch brennenden Kinder zu löschen. Zur Versorgung der Opfer halten sie vorbeifahrende Fahrzeuge an und sorgen so dafür, dass viele Kinder so noch vor dem Eintreffen der Rettungskräfte in umliegenden Krankenhäusern versorgt werden. Währenddessen treffen Sanitäter der Feuerwehr und des Malteser Hilfsdienstes ein. Außerdem verstärken Bundeswehr-Sanitäter aus der (heutigen) Lüttich-Kaserne die Kräfte.

In den Krankenhäusern – die verletzen Kinder wurden in die Kliniken Heilig-Geist-Krankenhaus, Kinderkrankenhaus Amsterdamer Straße, Vinzenz-Krankenhaus in Nippes und die Kölner Universitätsklinik gebracht – konnten die durch die massiven Brandverletzungen entstellten Kinder zunächst nicht alle zweifelsfrei identifiziert werden. Später wurde eine Lehrerin mit der Rettungsmedaille des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet, weil sie die Kinder in den Krankenhäusern identifizierte.

Bei einzelnen Kindern wurden durch die Verbrennungen bis zu 90% der Körperoberfläche zerstört. Noch vier Wochen nach der Tat schwebten zehn Kinder in Lebensgefahr, erst zwei Monate später waren alle Kinder außer Lebensgefahr. Allerdings mussten 19 Kinder sowie die Lehrerin Anna Langohr noch Monate im Krankenhaus verbringen, ein Jahr nach der Tat war ein Mädchen immer noch im Krankenhaus. Alle Opfer mussten weiter ärztlich behandelt werden.

Bericht aus der Honnefer Volkszeitung vom 12. Juni 1964 zum Attentat in Volkhoven
Bericht aus der Honnefer Volkszeitung vom 12. Juni 1964 zum Attentat in Volkhoven

Wochenlange Vorbereitung auf das Attentat

Die späteren Ermittlungen zeigen, dass S. das Attentat sehr akribisch geplant hatte. Der gelernte Dreher hatte an die Spitze seiner Lanze einen extrem scharfen Dreikantschaber montiert. Die brennbare Flüssigkeit in dem selbstgebauten Flammenwerfer hatte er speziell aus Benzin, Öl und Lackverdünner gemischt.

Bei der Vernehmung kurz vor seinem Tod, den er selbst durch das Pflanzengift E605 herbeigeführt hatte, gab er an, die Tat schon seit mehr als acht Wochen geplant zu haben. Als Motiv für die Tat gab er an, dass man ihn töten wollte. Er würde weder die Kinder noch die Lehrerinnen kennen, weitere Angaben wären, so S., „zu langatmig“.

Vorher hatten Ärzte bei S. einen „Schizophrenen Defektzustand und paranoide Entwicklung“ festgestellt. Da er aber als nicht gefährlich eingestuft wurde, konnte er auch nicht in eine Anstalt eingewiesen werden. Der Attentäter verstarb am Abend des 11. Juni 1964.

Grabstätte Ursula Kuhr auf dem Südfriedhof, Bild: Thomas Salditt
Grabstätte Ursula Kuhr auf dem Südfriedhof, Bild: Thomas Salditt

Die Opfer

Die Lehrerin Ursula Kuhr verstarb noch am Tatort. Die ebenfalls mit der Lanze attackierte Gertrud Bollenrath erlag noch am gleichen Tag im Heilig-Geist-Krankenhaus ihren Verletzungen.

In den folgenden drei Wochen sollten acht der schwer durch Brandwunden verletzen Kinder sterben: Dorothea Binner, Klara Kröger, Stephan Lischka, Renate Fühlen, Rosel Röhrig, Ruth Hoffmann, Karin Reinhold und Ingeborg Hahn.

Diese acht Kinder wurden auf dem Friedhof in Weiler gemeinsam beigesetzt. An der Beerdigung der ersten vier verstorbenen Kinder am 20. Juni 1964 nahmen mehr als 2.000 Menschen teil. Die Trauerfeier hielt der Kölner Erzbischof Josef Kardinal Frings. Fünf Jahre später wurde auf dem gemeinsamen Grab der getöteten Kinder eine Säule aufgestellt, auf der sich von Flammen umschlungene Blätter finden.

Das Grabmal für die acht getöteten Kinde bei dem Attentat in Volkhoven. In der Mitte ist ein Denkmal des Kölner Bildhauers Elmar Hillebrand aufgestellt. Auf dieser Säule sind von Flammen umschlungene Blätter dargestellt. Bild: Lucia Clemens, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Das Grabmal für die acht getöteten Kinde bei dem Attentat in Volkhoven. In der Mitte ist ein Denkmal des Kölner Bildhauers Elmar Hillebrand aufgestellt. Auf dieser Säule sind von Flammen umschlungene Blätter dargestellt. Bild: Lucia Clemens, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Ursula Kuhr wurde in einem Ehrengrab auf dem Südfriedhof bestattet. Zur Erinnerung trägt die Grundschule Volkhovener Weg in Köln-Heimersdorf den Namen Ursula-Kuhr-Schule. Außerdem gibt es einen Ursula-Kuhr-Weg in Volkhoven.

Das Grab der Lehrerin Gertrud Bollenrath befindet sich auf dem Kölner Nordfriedhof. Nach ihr wurde eine Förderschule für Lernbehinderte in Volkhoven/Weiler benannt, die allerdings wegen eines Neubaus 2016 abgerissen wurde. Seit 2018 trägt die Förderschule Soldiner Straße in Heimersdorf den Namen „Gertrud-Bollenrath-Schule“.

Das Grabmal von Gertrud Bollenrath - mit Gedenkstein auf dem Kölner Nordfriedhof, Bild: Egidius~dewiki, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Das Grabmal von Gertrud Bollenrath – mit Gedenkstein auf dem Kölner Nordfriedhof, Bild: Egidius~dewiki, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Bei der Beisetzung von Ursula Kuhr und Gertrud Bollenrath sprach auch der damalige Oberbürgermeister Theo Burauen. Seine Worte:

„Das Herz der Stadt stand still.“


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Deutschlandfunk – Kalenderblatt vom 11. Juni 2024

Im „Kalenderblatt“ des Deutschlandfunks erinnert Irene Geuer an das Attentat in Volkhoven. Reinhören lohnt sich, es kommen auch die Betroffenen  zu Wort. 


Die Simultanhalle in Volkhoven, Bild: Elke Wetzig (Elya), CC BY-SA 3.0
Die Simultanhalle in Volkhoven, Bild: Elke Wetzig (Elya), CC BY-SA 3.0

Simultanhalle

Die verkohlten Pavillons der Volksschule in Köln-Volkhoven wurden abgerissen, nur das Schulgebäude blieb stehen. Dort erinnert heute eine Gedenktafel an das Attentat. Auf dem ehemaligen Schulhof wurde 1979 die „Simultanhalle“, ein Versuchsgebäude für das Museum Ludwig errichtet.


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