DeepL: Kölns stilles Einhorn

Deepl - das "kölsche Einhorn", Bild: KI-generiert
Deepl – das „kölsche Einhorn“, Bild: KI-generiert

Wenn Investoren an ein „Einhorn“ denken, geht es selten um Fabelwesen und Regenbogen. Ein „Einhorn“ ist ein nicht börsennotiertes Startup-Unternehmen, das von Investoren mit mindestens 1 Milliarde US-Dollar bewertet wird. Und mitten in Ehrenfeld sitzt tatsächlich ein solches Unternehmen: DeepL, das kölsche Einhorn.

Millionen von Menschen nutzen seine Dienste fast täglich. Wer einen fremdsprachigen Text übersetzen lässt oder sich von einer KI beim Schreiben helfen lässt, landet nicht selten bei DeepL. Dabei ist das Unternehmen ist ein Phänomen. Es tritt gegen Giganten wie Google, Microsoft oder OpenAI, Betreiber von ChatGPT, an und hat sich einen festen Platz auf dem Weltmarkt erobert. 

Angefangen hat alles mit einer Suchmaschine

Die Wurzeln von DeepL reichen zurück ins Jahr 2008. Damals gründeten die Informatiker Jarosław Kutylowski und Gereon Frahling in Köln die Übersetzungs-Suchmaschine Linguee. Die Idee war ebenso einfach wie genial: Statt nur einzelne Wörter zu übersetzen, sollte Linguee Millionen bereits übersetzter Texte durchsuchen und passende Beispiele anzeigen.

DeepL Gründer und CEO Dr. Jaroslaw Kutylowski, Bild: DeepL SE
DeepL Gründer und CEO Dr. Jaroslaw Kutylowski, Bild: DeepL SE

Über Jahre entstand so ein riesiger Datenschatz aus professionellen Übersetzungen. Was zunächst wie ein praktisches Hilfsmittel für Studenten, Journalisten und Übersetzer aussah, entwickelte sich bald zu etwas viel Größerem. Denn die Gründer erkannten, dass diese Daten die ideale Grundlage für eine neue Generation von Übersetzungssoftware bilden könnten – eine Software, die nicht einfach Wörter ersetzt, sondern Sprache versteht.

2017 war es so weit: DeepL wurde vorgestellt. Der Name setzt sich aus „Deep“ und dem Buchstaben „L“ für Learning zusammen. Gemeint ist „Deep Learning“, eine Methode der künstlichen Intelligenz, bei der neuronale Netzwerke aus riesigen Datenmengen lernen und eigenständig Zusammenhänge erkennen.

Im Jahr 2017 war künstliche Intelligenz noch längst nicht das allgegenwärtige Schlagwort, das es heute ist. ChatGPT, Claude & Co. gab es noch nicht und nur wenige Menschen ahnten, welche Bedeutung KI einmal haben würde – DeepL war seiner Zeit eindeutig voraus.

DeepL - das "kölsche Einhorn", Bild: Wolf Strack, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
DeepL – das „kölsche Einhorn“, Bild: Wolf Strack, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Warum DeepL so erfolgreich wurde

Wer DeepL zum ersten Mal benutzt, merkt schnell, dass die Übersetzungen oft natürlicher wirken als bei vielen Konkurrenten. Die Software versucht nicht, einzelne Wörter möglichst exakt zu übertragen. Sie analysiert den gesamten Satz, berücksichtigt den Kontext und sucht nach Formulierungen, die sich für Muttersprachler natürlich anhören. Das ist technisch enorm anspruchsvoll.

Hinzu kommt ein Aspekt, der oft unterschätzt wird: Sprache ist Kultur. Ein deutscher Satz lässt sich eben nicht immer eins zu eins ins Englische, Französische oder Japanische übertragen. Redewendungen, Ironie oder doppeldeutige Begriffe erfordern ein Verständnis für Nuancen. Aber genau hier liegt die Stärke von DeepL.

Während andere Anbieter ihre Dienste möglichst breit aufstellen, konzentrierte sich das Kölner Unternehmen lange Zeit fast ausschließlich auf Sprache. Diese Spezialisierung zahlte sich aus. Wissenschaftliche Untersuchungen bescheinigten DeepL immer wieder eine besonders hohe Übersetzungsqualität.

Die Folge: Immer mehr Unternehmen setzten auf die Software. Internationale Konzerne, Behörden, Universitäten und Medienhäuser gehören inzwischen zu den Kunden. Zu den auf der Website des Unternehmens aufgeführten Referenzen gehören unter anderem Adobe, Amazon, Apple, Boeing, Deutsche Bahn, Fords, Hitachi, Microsoft, Pirelli, Porsche und Visa. Und viele Millionen Menschen weltweit nutzen die kostenlose Version.

Echtzeit-Sprachübersetzung

Bislang war das Unternehmen vor allem für schriftliche Übersetzungen bekannt. Jetzt will das Kölner Einhorn auch die letzte große Sprachbarriere überwinden: das gesprochene Wort. Mit „DeepL Voice-to-Voice“ hat das Unternehmen im April 2026 eine Technologie vorgestellt, die Gespräche in Echtzeit übersetzt. Menschen sollen künftig in ihrer Muttersprache sprechen können, während ihr Gegenüber die Übersetzung nahezu zeitgleich hört – bei Videokonferenzen ebenso wie bei persönlichen Gesprächen oder im Kundenservice.

DeepL: Übersetzungen von Meetings in Echtzeit, Bild: DeepL SE
DeepL: Übersetzungen von Meetings in Echtzeit, Bild: DeepL SE

Für die Kölner Firma ist das mehr als nur eine neue Funktion. Es ist der Versuch, den Traum vom universellen Übersetzer Wirklichkeit werden zu lassen – eine Idee, die bislang vor allem aus Science-Fiction-Filmen bekannt war. DeepL kombiniert dafür seine hochgelobte Übersetzungs-KI mit neuen Sprachmodellen, die nicht nur Wörter übertragen, sondern auch Tonfall und Sprachrhythmus möglichst natürlich wiedergeben sollen. Wenn dieser Ansatz gelingt, könnte aus dem besten Übersetzer der Welt ein Unternehmen werden, das Menschen über Sprachgrenzen hinweg nahezu ohne Verzögerung miteinander sprechen lässt. 

Ein Unternehmen, das lieber schweigt

Fast ebenso bemerkenswert wie die Technologie ist die Unternehmenskultur. In der Start-up-Welt gehört es inzwischen fast zum guten Ton, sich möglichst laut zu präsentieren. Gründer geben Interviews, veröffentlichen Erfolgszahlen und inszenieren sich auf Konferenzen. Aber DeepL geht einen anderen Weg.

Interviews mit Gründer und Geschäftsführer Jarosław Kutylowski sind selten. Das Unternehmen kommuniziert zurückhaltend und konzentriert sich lieber auf die Weiterentwicklung seiner Produkte. Diese Zurückhaltung wirkt beinahe unmodern – und vielleicht gerade deshalb sympathisch. Denn während andere Firmen mit Visionen werben, liefert DeepL schlicht Ergebnisse.

Das hat dem Unternehmen eine besondere Reputation eingebracht. In Fachkreisen gilt DeepL längst als eines der wichtigsten europäischen KI-Unternehmen. Gleichzeitig wissen viele Menschen gar nicht, dass die Technologie aus Köln stammt.

Kölns einziges Einhorn

Im Jahr 2022 wurde endgültig klar, welche Dimension das Unternehmen inzwischen erreicht hatte. Bei einer Finanzierungsrunde wurde DeepL mit mehr als einer Milliarde US-Dollar bewertet und erreichte damit den sogenannten Einhorn-Status. Dieser Begriff stammt aus der Start-up-Welt und bezeichnet junge Unternehmen, die eine Milliardenbewertung erzielen – so selten wie einst das sagenhafte Einhorn.

Für Köln war das ein Meilenstein. Denn die Stadt gilt zwar als bedeutender Wirtschaftsstandort mit zahlreichen Konzernen und erfolgreichen Familienunternehmen. Doch im Bereich der jungen Technologieunternehmen fehlte lange Zeit eine echte Erfolgsgeschichte mit internationaler Strahlkraft. DeepL änderte das. Und bis heute ist das Unternehmen das einzige Kölner Einhorn.

Die Zukunft wird nicht einfacher

Doch auch für DeepL gilt: Erfolg ist keine Garantie für die Zukunft. Die Entwicklung künstlicher Intelligenz hat in den vergangenen Jahren ein atemberaubendes Tempo erreicht. Neue Modelle entstehen in immer kürzeren Abständen, die Konkurrenz ist gewaltig und die Erwartungen der Nutzer steigen ständig.

Anfang 2026 überraschte DeepL deshalb mit einer weitreichenden Entscheidung. Das Unternehmen kündigte an, rund ein Viertel seiner Stellen abzubauen. Etwa 250 Mitarbeitende sind betroffen. Gleichzeitig betonte Geschäftsführer Jarosław Kutylowski, dass DeepL weiterhin wachsen wolle – allerdings mit einer anderen Organisation.

Kleinere Teams sollen schneller Entscheidungen treffen, künstliche Intelligenz noch stärker in interne Prozesse eingebunden werden. Das Ziel, so Gründer und Geschäfstführer Kutylowski: Ein Unternehmen, das konsequent auf Künstliche Intelligenz ausgerichtet ist und sich in einem immer härteren Wettbewerb behaupten kann. Ob diese Strategie aufgeht, wird die Zukunft zeigen.

Fest steht allerdings schon heute: In Ehrenfeld sitzt ein Unternehmen, das die Art verändert hat, wie Menschen miteinander kommunizieren.

Keine laute Erfolgsgeschichte, kein großes Spektakel. Sondern ein stilles Einhorn aus Köln, das die Welt ein kleines Stück verständlicher macht.


DeepL sprach für kurze Zeit sogar Kölsch

Im November 2024 sorgte DeepL mit einer ungewöhnlichen Aktion für Aufmerksamkeit: Pünktlich zum Sessionsstart gab es für eine Woche eine Kölsch-Funktion. Hochdeutsche Texte konnten automatisch in die kölsche Sprache übertragen werden – passend zum Sessionsmotto „Mir stonn zo dir, Kölle“.

Mit der zeitlich begrenzten Aktion wollte das Unternehmen seine Verbundenheit zur Domstadt zeigen. Die Übersetzungen trafen den kölschen Ton nicht immer perfekt, wurden aber von vielen Nutzern mit einem Augenzwinkern aufgenommen.

Diese Aktion war sympathischer Beweis dafür, dass selbst die Künstloche Intelligenz Kölsch entdeckt – auch wenn echtes Kölsch am Ende wohl doch am besten immer noch von echten Kölnern gesprochen wird.

Trotzdem: Lieber Jarosław Kutylowski, liebes Deepl-Team:  Bitte gebt uns die Kölsch-Übersetzung zurück!


Seit dem Turmbau zu Babel gilt die Vielfalt der Sprachen als Symbol dafür, dass sich Menschen nicht mehr ohne Weiteres verstehen. Deepl schafft hier Abhilfe und sorgt für weltweite Verständigung. Bild: Turmbau zu Babel aus der Wittenberg-Bibel von Martin Luther (1586)
Seit dem Turmbau zu Babel gilt die Vielfalt der Sprachen als Symbol dafür, dass sich Menschen nicht mehr ohne Weiteres verstehen. Deepl schafft hier Abhilfe und sorgt für weltweite Verständigung. Bild: Turmbau zu Babel aus der Wittenberg-Bibel von Martin Luther (1586)

Von Telugu bis Latein – die Sprachvielfalt von DeepL

Aktuell1Stand: 26. Juni 2026 spricht DeepL 123 Sprachen und Dialekte. Zu den am häufigsten genutzten Sprachen, die von DeepL gesprochen und übersetzt werden gehören:

  • Arabisch
  • Chinesisch (vereinfacht)
  • Dänisch
  • Deutsch
  • Englisch
  • Estnisch
  • Finnisch
  • Französisch
  • Griechisch
  • Indonesisch
  • Italienisch
  • Japanisch
  • Koreanisch
  • Lettisch
  • Litauisch
  • Niederländisch
  • Norwegisch (Bokmål)
  • Polnisch
  • Portugiesisch (inkl. brasilianischem Portugiesisch)
  • Russisch
  • Schwedisch
  • Slowakisch
  • Slowenisch
  • Spanisch
  • Tschechisch
  • Türkisch
  • Ukrainisch
  • Ungarisch

Es gibt aber auch Übersetzungen in zum Beispiel Telugu, welches von über 80 Millionen Muttersprachlern in den indischen Bundesstaaten Andhra Pradesh und Telangana gesprochen wird. Und es werden Übersetzungen in exotischen Sprachen, wie zum Beispiel Aragonesisch, welches nur noch von etwa 10.000 Menschen in den Tälern der spanischen Pyrenäen gesprochen wird, angeboten.

Asterix-Freunde und geplagte Schüler haben mit Sicherheit Freude daran, dass es auch eine Übersetzung in Latein gibt. Und diese Funktion bietet so viel mehr als nur die bekannten Aussprüche „Alea iacta est!“2Der Würfel ist gefallen!, „Veni, vidi, vici.“3Ich kam, sah und siegte. oder „Errare humanum est.“4Irren ist menschlich.

Eine vollständige Liste aller aktuell verfügbaren Sprachen bietet die offizielle DeepL-Sprachdokumentation.


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