Das „Kölsche gleich“ – die dehnbarste Zeiteinheit der Welt

Die berühmte KVB-Minute: Ob die Linie 12 nach Zollstock tatsächlich in einer Minute kommt, ist völlig ungewiss. Bild: Uli Kievernagel
Die berühmte KVB-Minute: Ob die Linie 12 nach Zollstock tatsächlich in einer Minute, in einer Stunde oder in einem Tag  kommt, ist völlig ungewiss. Bild: Uli Kievernagel

Jeder Kölner kennt sie: die KVB-Minute. Laut Anzeige soll die Bahn in einer Minute kommen. Fünf Minuten oder fünf Stunden oder fünf Tage später steht dann immer noch „1 Minute“ auf der Anzeige. Aber irgendwann rollt die Bahn tatsächlich ein.

Diese eher flexible Einteilung von „Zeit“ ist typisch kölsch. Denn der Kölner hat eine völlig andere Beziehung zur Zeit als der Rest der Welt,

Zeit ist in Köln erstaunlich elastisch

Wer neu nach Köln zieht, lernt schnell zwei Dinge. Erstens: Einen „Halven Hahn“ sollte man niemals wörtlich nehmen. Und zweitens: Das kölsche „gleich“ hat mit dem hochdeutschen „gleich“ nichts gemeinsam. Im Hochdeutschen bedeutet „gleich“ meist: sofort oder in wenigen Minuten. In Köln dagegen ist „gleich“ eher eine freundliche Absichtserklärung.

So versteht ein Norddeutscher den Satz „Ich komme gleich.“ als verbindliche Zeitangabe. Ein Kölner hört dagegen vor allem eines: Ich komme. Der Zeitpunkt bleibt dabei flexibel.

Das kann in fünf Minuten sein. Vielleicht in einer halben Stunde. Oder eben später am Nachmittag. Oder nächste Woche. Das sogenannte „Kölsche gleich“ beschreibt deshalb weniger einen exakten Zeitpunkt als vielmehr einen Zeitraum mit bemerkenswerter Dehnbarkeit.

In Köln gehen die Uhren oft anders - der Begriff "Zeit" ist äußerst dehnbar. Bild: Uli Kievernagel
In Köln gehen die Uhren oft anders – der Begriff „Zeit“ ist äußerst dehnbar. Bild: Uli Kievernagel

Es geht um Menschen, nicht um Minuten

Wer daraus mangelnde Pünktlichkeit ableitet, greift zu kurz. Hinter dem „Kölschen gleich“ steckt vielmehr eine Haltung. Denn wenn unterwegs ein Nachbar den neuesten Verzäll aus dem Veedel loswerden will, ein Freund auf ein Kölsch einlädt oder der Köbes ungefragt das nächste Kölsch hinstellt, dann verschiebt sich das „gleich“ eben ein wenig. Nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil Begegnungen und Genuss wichtiger sind als die Stoppuhr. Vielleicht erklärt gerade dieses kleine Wort das kölsche Lebensgefühl besser als viele wissenschaftliche Abhandlungen.

So gesehen ist die KVB-Minute eigentlich die kleine Schwester des „Kölschen gleich“ . Beide gehorchen nämlich derselben Logik: Zeit wird nicht auf die Sekunde genau verstanden, sondern mit einer gewissen Gelassenheit betrachtet. Während die KVB-Minute beschreibt, wie sich eine Minuten überraschend ausdehnen kann, schafft es das „Kölsche gleich“ sogar, ganze Stunden oder Tage in einem einzigen Wort unterzubringen.

Eine kölsche Maßeinheit

Vielleicht müsste man das rheinische Gleich tatsächlich als eigene Zeiteinheit einführen. Sie läge irgendwo zwischen „sofort“ und „irgendwann“, wäre abhängig von der Zahl zufälliger Begegnungen, spontaner Brauhausbesuche und der aktuellen Verkehrslage der KVB. Physiker würden vermutlich verzweifeln. Kölner hingegen wüssten sofort, was gemeint ist.

Vergleich "Kölsches gleich" und "Hochdeutsches gleich"

Denn am Ende zählt nicht, ob etwas exakt um 14.03 Uhr geschieht. Entscheidend ist nur, dass es überhaupt passiert. Oder, wie man in Köln wohl sagen würde:

„Et weed alles fäädisch – nur nit unbedingt jliich.1“Es wird alles fertig – nur nicht unbedingt gleich.“


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Der „Kölsche Boor en Iser“: Spenden sammeln durch Nägel einschlagen

Der Kölsche Boor in Iser, Bild: Uli Kievernagel
Der Kölsche Boor in Iser, Bild: Uli Kievernagel

 

Er ist stattlich, massiv, wehrhaft. Und mehr als drei Meter hoch. Und genau das wird ihm jetzt zum Verhängnis: Der „Kölsche Boor en Iser“ passt nicht in das Übergangsquartier des Stadtmuseums im ehemaligen Kaufhaus Sauer. „Man würde keinen Museums-Neubau so planen.“ sagt Stefan Lewejohann, Kurator im Stadtmuseum, und meint damit, dass ein ehemaliges Kaufhaus nur bedingt als Museum genutzt werden kann. Derzeit ist offen, was mit der geschichtsträchtigen Figur des Kölschen Boors passiert.

Spenden sammeln durch Nägel einschlagen

Vielleicht könnte man dä Boor wieder dort aufstellen, wo die ganze Geschichte im Jahr 1915 begann: Am Gürzenich. Dort wurde am 20. Juni 1915 die 3,25 Meter hohe Statue aus vergoldetem Lindenholz in einem Pavillon aufgestellt. Es handelte sich um eine der zu dieser Zeit populären Nagelfiguren. Solche Figuren wurden aufgestellt, um Spenden zu sammeln. Die Idee stammte aus Österreich, wo man in Wien das Ritterstandbild „Wehrmann in Eisen“ aufgestellt hatte. Jeder konnte für einen bestimmten Betrag einen Nagel in die Figur schlagen.

Plakat von Franz Brantzky zum Kölsche Boor
Plakat von Franz Brantzky zum Kölsche Boor

Die Variante in Köln, der „Kölsche Boor in Iser“ („Der Kölsche Bauer in Eisen“), entpuppte sich als gigantischer Spendensammel-Erfolg. Nach zwölf Monaten wurden bereits mehr als 700.000 Reichsmark an Spenden eingenommen, bis 1919 verdoppelte sich diese Summe auf ca. 1,5 Millionen Reichsmark. Umgerechnet auf heutige Verhältnisse wären das mehr als 14 Millionen Euro.

Die gesammelten Spenden gingen vorrangig an Kriegswaisen und Kriegswitwen., zum Teil abe4r auch an dei Rüstungsindustrie.

Eine Schulklasse im Jahr 1916 vor dem "Kölsche Boor". Auf der linken Seite sind noch Teile des Schriftzugs "Witwen- und Waisenfond" zu erkennen, rechts steht eine Geschütz-Lafette. Bild: Privatbesitz Michael Osieka
Eine Schulklasse im Jahr 1916 vor dem „Kölsche Boor“. Auf der linken Seite sind noch Teile des Schriftzugs „Witwen- und Waisenfond“ zu erkennen, rechts steht eine Geschütz-Lafette. Bild: Privatbesitz Michael Osieka

Symbol der Wehrhaftigkeit der Stadt

Dabei war es kein Zufall, dass ausgerechnet der „Kölsche Bauer“ als Galionsfigur für die Spenden-Kampagne in Köln ausgewählt wurde. Bis heute steht der Kölner Bauer für die Wehrhaftigkeit und Unsterblichkeit der Stadt. Auch der Bauer im Dreigestirn verkörpert diese Eigenschaften.

Wer meint, dass dieser Bauer nur einen harmlosen Landwirt darstellen soll, liegt vollkommen falsch. Der „Kölsche Boor“ repräsentiert die Wehrhaftigkeit der Stadt. Er trägt ein Kettenhemd, auf sehr alten Darstellungen auch ein Schwert. Der schwere, eisenbewehrte Dreschflegel des Bauern ist weniger dafür gedacht, Korn zu dreschen, sondern eher die Feinde der Stadt zu Brei zu schlagen. 

Ne staatse Buur! Deutlich zu erkennen: Das Kettenhemd. Bild: Norbert Bröcheler
Ne staatse Buur! Deutlich zu erkennen: Das Kettenhemd. Bild: Norbert Bröcheler

Ostermann schreibt patriotisches Marschlied  

Die Nagelfigur des Kölsche Boor ist schnell über und über mit Nägeln gespickt, nur noch der Kopf zeigt die ursprüngliche goldene Lackierung. Wieviele Nägel es tatsächlich sind, kann niemand sagen. Neben der „Nagel-Spende“ werden die Kölner auch im nahegelegenen „Geschäftslokal des Kölschen Boor“1Bitte nicht mit der schönen Gaststätte „Em Kölsche Boor“ am Eigelstein verwechseln, diese beiden Einrichtungen haben nur den Namen gemeinsam.zur Kasse gebeten. Waren es anfangs noch Spenden für die Witwen und Waisen der aus Köln stammenden gefallenen Soldaten, sollten die Kölner in dem Geschäftslokal Gold gegen Papiergeld tauschen, um die Rüstungsindustrie bezahlen zu können.

Größere Spender werden per Plakette namentlich genannt und in einer eigens zu diesem Zweck erscheinenden Wochenzeitschrift aufgeführt. Der Besuch beim Boor und die entsprechende Spende wurde zur patriotischen Pflicht hochstilisiert, Spendenunwillige werden als Vaterlandsverräter verunglimpft.

Im Zuge dieser Euphorie dichtet Willi Ostermann 1915 das Marschlied „Dä kölsche Boor en Iser“:

„Kölschen Boor, do ließ dich kamisöle,
kölschen Boor, wat ließ do dich vernäle;
dat es rääch, do kölschen Boor, halt Stand!
Et jeiht för dich un för et Vaterland.

Et es nit jedemein jejevve,
met vören an der Front zo sin.
Doch jeder, der doheim jeblevve,
jitt wat hä kann met Freuden hin. …“

Übersetzung:
Kölscher Bauer, du lässt dich verprügeln,
Kölscher Bauer, was lässt du dich vernageln;
Das ist recht, du Kölscher Bauer, halte Stand!
Es geht um dich und um das Vaterland.

Es ist nicht jedem gegeben,
mit vorne an der Front zu sein.
Doch jeder, der daheim geblieben,
gibt was er kann mit Freuden hin.

Der User „Swanny Swenumsen“ hat dieses Lied auf YouTube veröffentlicht.  Swanny Sewmunsen dazu auf YouTube: „Tatsächlich ist dies die einzige Platte, die mir in allen Jahren begegnet ist. Der Text ist vor dem Hintergrund zu sehen, daß man 1915 noch an einen Sieg in diesem Krieg glaubte und sich der Schrecken der folgenden Materialschlachten noch nicht gezeigt hatte.“

Wohin jetzt mit dem Koloss?

Im Januar 1919 wurde der von oben bis unten mit Nägeln beschlagene Kölsche Boor in den Gürzenich gebracht, anschließend stand er im „Haus der Rheinischen Geschichte“ am Rheinufer. Seit 1984 ist er im Stadtmuseum zu finden. Doch wohin mit dem Koloss nach dem Umzug ins Übergangsquartier?

Ist doch ganz einfach: Bringt ihn dahin zurück, wo er herkam: In den Gürzenich.


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