
Jeder Kölner kennt sie: die KVB-Minute. Laut Anzeige soll die Bahn in einer Minute kommen. Fünf Minuten oder fünf Stunden oder fünf Tage später steht dann immer noch „1 Minute“ auf der Anzeige. Aber irgendwann rollt die Bahn tatsächlich ein.
Diese eher flexible Einteilung von „Zeit“ ist typisch kölsch. Denn der Kölner hat eine völlig andere Beziehung zur Zeit als der Rest der Welt,
Zeit ist in Köln erstaunlich elastisch
Wer neu nach Köln zieht, lernt schnell zwei Dinge. Erstens: Einen „Halven Hahn“ sollte man niemals wörtlich nehmen. Und zweitens: Das kölsche „gleich“ hat mit dem hochdeutschen „gleich“ nichts gemeinsam. Im Hochdeutschen bedeutet „gleich“ meist: sofort oder in wenigen Minuten. In Köln dagegen ist „gleich“ eher eine freundliche Absichtserklärung.
So versteht ein Norddeutscher den Satz „Ich komme gleich.“ als verbindliche Zeitangabe. Ein Kölner hört dagegen vor allem eines: Ich komme. Der Zeitpunkt bleibt dabei flexibel.
Das kann in fünf Minuten sein. Vielleicht in einer halben Stunde. Oder eben später am Nachmittag. Oder nächste Woche. Das sogenannte „Kölsche gleich“ beschreibt deshalb weniger einen exakten Zeitpunkt als vielmehr einen Zeitraum mit bemerkenswerter Dehnbarkeit.

Es geht um Menschen, nicht um Minuten
Wer daraus mangelnde Pünktlichkeit ableitet, greift zu kurz. Hinter dem „Kölschen gleich“ steckt vielmehr eine Haltung. Denn wenn unterwegs ein Nachbar den neuesten Verzäll aus dem Veedel loswerden will, ein Freund auf ein Kölsch einlädt oder der Köbes ungefragt das nächste Kölsch hinstellt, dann verschiebt sich das „gleich“ eben ein wenig. Nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil Begegnungen und Genuss wichtiger sind als die Stoppuhr. Vielleicht erklärt gerade dieses kleine Wort das kölsche Lebensgefühl besser als viele wissenschaftliche Abhandlungen.
So gesehen ist die KVB-Minute eigentlich die kleine Schwester des „Kölschen gleich“ . Beide gehorchen nämlich derselben Logik: Zeit wird nicht auf die Sekunde genau verstanden, sondern mit einer gewissen Gelassenheit betrachtet. Während die KVB-Minute beschreibt, wie sich eine Minuten überraschend ausdehnen kann, schafft es das „Kölsche gleich“ sogar, ganze Stunden oder Tage in einem einzigen Wort unterzubringen.
Eine kölsche Maßeinheit
Vielleicht müsste man das rheinische Gleich tatsächlich als eigene Zeiteinheit einführen. Sie läge irgendwo zwischen „sofort“ und „irgendwann“, wäre abhängig von der Zahl zufälliger Begegnungen, spontaner Brauhausbesuche und der aktuellen Verkehrslage der KVB. Physiker würden vermutlich verzweifeln. Kölner hingegen wüssten sofort, was gemeint ist.

Denn am Ende zählt nicht, ob etwas exakt um 14.03 Uhr geschieht. Entscheidend ist nur, dass es überhaupt passiert. Oder, wie man in Köln wohl sagen würde:
„Et weed alles fäädisch – nur nit unbedingt jliich.1“Es wird alles fertig – nur nicht unbedingt gleich.“
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