Ein Gebäude mit bewegter Geschichte: Das Bing-Haus am Neumarkt

Das Bing-Haus am Neumarkt, Bild: Uli Kievernagel
Das Bing-Haus am Neumarkt, Bild: Uli Kievernagel

Was hat dieses Haus nicht alles erlebt! Ein glänzender Konsumtempel vor dem Ersten Weltkrieg, von den Nazis enteignet und als „Beratungsstelle für Erb- und Rassenpflege“ missbraucht, heute Gesundheitsamt der Stadt. Das Bing-Haus am Neumarkt hat wirklich eine bewegte Geschichte hinter sich.

Das Haus einer jüdischen Kaufmannsfamilie

Die namensgebende Familie Bing stammte aus Bingen am Rhein. Schon im 19. Jahrhundert liefen die Geschäfte der Firma „Gebrüder Bing & Söhne, Großhandel für Bänder, Mode und Seidenstoffe“ mit Sitz an der Ecke Neumarkt/Schildergasse hervorragend. Um neue und repräsentativere Verkaufsräume zu schaffen, wurde 1908/09 der renommierte Architekt Heinrich Müller-Erkelenz beauftragt, ein Kaufhaus im Monumentalstil der Reformarchitektur zu errichten. Dieser Stil betont die sachlichen und schlichten Formen. So ist das Bing-Haus – bis auf drei hervorspringende Erker – klar gegliedert. Ein Symbol für die Sachlichkeit der in dem Haus tätigen Händler.

Die Geschäfte der Händler liefen prächtig. Köln war vor dem Ersten Weltkrieg die wichtigste Stadt im Westen des Reiches. Die starke Befestigung durch den doppelten preußischen Verteidigungsring machte Köln faktisch uneinnehmbar. Diese Stärke fand ihren Ausdruck in regelmäßigen Militärparaden auf dem Neumarkt. Die Offiziere verkehrten im nahegelegenen Offizierskasino und bescherten den Bings satte Umsätze – das Geschäft prosperierte. Zumindest bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Mit dem ersten Schuss auf den Schlachtfeldern brachen die wichtigen Absatz- und Beschaffungsmärkte wie England oder Frankreich weg. Erst nach dem Krieg ging es wieder bergauf – zumindest bis zur Inflation. Diese zwang die Eigentümer-Familie dazu, Flächen im Bing-Haus zu vermieten.

Ein direkter Nachbar des Bing-Hauses war kein geringerer als Willi Ostermann. Und so erlebte der Neumarkt anlässlich der Silberhochzeit des populären Mundartsängers und seiner Frau Käthe Palm am 13. Januar 1936 einen selten gesehenen Menschenauflauf. Zehntausende Kölner standen vor der Tür, um Willi und seiner Käthe zu gratulieren. 

Faktische Enteignung durch die Nazis

In den 30er Jahren litten die jüdischen Eigentümer zunehmend unter den Repressalien der Nazis. Diese machten auch in Köln gute Geschäfte – regelmäßig zu Lasten enteigneter jüdischer Mitbürger. So auch beim Bing-Haus. Fritz und Otto Bing verlangten im Jahr 1939 von der Stadt 1,2 Mio. Reichsmark für das Haus. Gezahlt wurden nur 500.000 Reichsmark. Und selbst davon bekam die Familie Bing nur die Hälfte, die andere Hälfte wurde auf ein Sperrkonto überwiesen. Übrigens kein Einzelschicksal: Mehr als 700 Immobilien jüdischer Eigentümer gingen oft für einen lächerlich geringen Betrag in den Besitz der Stadt über.

Umsetzung der Nürnberger Rassengesetze

Das Haus wurde zum städtischen „Gesundheitsamt“. Allerdings ist dieser Begriff im „Dritten Reich“ etwas anders zu verstehen als heute. Ab März 1940 residierte hier die „Beratungsstelle für Erb- und Rassenpflege“. Diese Behörde war unter anderem auch für die Bescheinigungen zur „Ehetauglichkeit“ zuständig – die konkrete Umsetzung des in den Nürnberger Rassegesetzen festgeschriebenen „Blutschutzgesetz“, welches Eheschließungen zwischen Juden und „Deutschblütigen“ verbot. Hunderte Menschen wurden als „minderwertig“ beurteilt. Die Folge: Die gewünschte Ehe wurde schlichtweg verboten.

Gedenkplakette im Bing-Haus, Bild: Uli Kievernagel
Gedenkplakette im Bing-Haus, Bild: Uli Kievernagel

Auch erstellten Ärzte in diesem „Gesundheitsamt“ Gutachten zu Erbkrankheiten. Auf Basis dieser Einschätzung wurden mehr als 4.000 Menschen als „erbkrank“ eingestuft und zwangssterilisiert. Der leitende Stadtarzt Franz Vonessen stellte sich gegen diese Praxis – und wurde prompt von den Nazis gegen seinen Willen in den Ruhestand versetzt. Späte Genugtuung für Vonessen: Die Amerikanische Militärregierung setzte ihn 1945 als Leiter des städtischen Gesundheitsamts ein.

Diskussion um Drogenkonsumraum 

Dieses Gesundheitsamt fand dann wieder seinen Platz im Bing-Haus und residiert dort bis heute. Aktuell wird diskutiert, ob nicht direkt im Gesundheitsamt ein Drogenkonsumraum eingerichtet werden sollte. Die „Bürgerinitiative Zukunft Neumarkt“ hat ein solches Hilfsangebot angeregt, um den massiven Problemen des offenen Drogenkonsums auf dem Neumarkt entgegen zu wirken. Die Stadtverwaltung sieht diesen Vorschlag positiv.

Und ein solcher Drogenkonsumraum könnte ein neues, positives Kapitel in der bewegten Geschichte des Bing-Hauses darstellen.


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