
Warum man bei Kölns ältestem Traditionskorps nicht einfach Mitglied werden kann, weshalb ein Schlosser plötzlich „Apfelsine“ heißt und wieso ein Roter Funk von 1823 seine Kameraden heute vermutlich noch wiedererkennen würde.
Wer in Köln Karneval feiert, kennt die Roten Funken. Mit ihren historischen Uniformen, ihren Tänzen und ihrem unverwechselbaren Auftreten gehören sie zum Fastelovend wie der Dom zur Stadt. Seit 1823 gibt es die Kölsche Funke rut-wieß, die damit auf mehr als 200 Jahre Geschichte zurückblicken kann.
Aber was passiert eigentlich hinter den Kulissen? Kann jeder Roter Funk werden? Warum haben die Mitglieder so merkwürdige Spitznamen? Und wie schafft es ein Verein, über zwei Jahrhunderte seine Traditionen zu bewahren, ohne dabei völlig aus der Zeit zu fallen?
Darüber haben wir beim Live-Podcast „Köln-Ding der Woche“ mit einem Mann gesprochen, der es wissen muss: Dirk Wissmann, seit 2024 Präsident der Roten Funken. Und der hat uns einiges erzählt, was selbst eingefleischte Karnevalisten überraschen dürfte.
Vom Stadtsoldaten zum Traditionskorps
Die Geschichte der Roten Funken beginnt eigentlich schon vor ihrer Gründung. Denn ihre historischen Vorbilder waren die Kölner Stadtsoldaten, die einst für die Verteidigung der Stadt zuständig waren. Deren militärischer Ruf war allerdings, vorsichtig ausgedrückt, überschaubar.
Als 1823 der organisierte Kölner Karneval entstand, brauchte man neben einer neuen Ordnung für das närrische Treiben auch eine passende Begleittruppe. Das war unter preußischer Herrschaft gar nicht so einfach. Die Obrigkeit betrachtete den Karneval mit erheblichem Misstrauen. Schon die Idee eines Karnevalsprinzen war problematisch. Schließlich gab es einen Prinzen nach preußischem Verständnis gefälligst in Berlin.

Und eine eigene Truppe für den Kölner Karneval? Noch schwieriger. Die Lösung war ebenso einfach wie genial: Man griff auf die ehemaligen Kölner Stadtsoldaten zurück. Die galten als wenig diszipliniert, nicht sonderlich kampfstark und dem Alkohol durchaus zugetan. Eine ernst zu nehmende militärische Gefahr ging von ihnen also ganz offensichtlich nicht aus.
Für den ersten Rosenmontagszug wurden Männer gesucht, die gegen Bezahlung in die alten Uniformen schlüpften und den närrischen Zug begleiteten. Ausgerechnet diese Persiflage auf das Militär wurde zum Ursprung der Rude Funken.
Kein Funk ohne Funkennamen!
Wer bei den Roten Funken Mitglied wird, bekommt nicht nur eine Uniform. Er bekommt auch einen neuen Namen. Und diesen Funkennamen behält er für immer.
Die Auswahl der Namen ist durchaus bemerkenswert: Es gibt den „Knocheflecker“, et „Hümpelchepümpelche“, die „Zündkääz“ oder dat „Schöckelpääd. Außerdem tummeln sich bei den Funken dä „Brummpott“, et „Malörchen“ un et „Kning“ sowie die „Rähnkall“ oder auch dä „Gineral Pief“.
Die Spitznamen gehören zu den ältesten und schönsten Eigenheiten der Gesellschaft. Bereits seit dem 19. Jahrhundert werden sie vergeben. Dirk Wissmann besitzt sogar eine Liste mit Funkennamen, die bis ins Jahr 1870 zurückreicht. Die Namen können sich auf den Beruf, das Aussehen, ein Hobby oder eine besondere Eigenart beziehen. Manchmal ist die Herkunft allerdings selbst für den Namensträger ein Rätsel. Das beste Beispiel ist der Präsident persönlich.
Dirk Wissmann trägt den Funkennamen „Appelzien“ also „Apfelsine“.
Warum ausgerechnet „Appelzien“? Kurios: Das weiß Dirk selbst nicht so genau. Wissmann hat ursprünglich Schlosser gelernt. Ein anderer Funk, ebenfalls aus diesem Beruf, bekam einen Namen, der sich auf ein Schlosserwerkzeug bezog. Und Wissmann? Der wurde zur Apfelsine. Seine Vermutung: Der damalige Präsident Hans-Georg Brock könnte bei der Namensvergabe schlicht etwas durcheinandergebracht haben.
Der Legende nach zog sich Brock zu Weihnachten mit einer Flasche Rotwein zurück und dachte sich die neuen Funkennamen aus. Was genau dabei geschah, lässt sich heute nicht mehr klären. Fest steht nur: Aus Dirk wurde „Appelzien“ ist auf immer „Appelzien“. Denn eine wichtige Regel lautet: Ein einmal vergebener Funkenname kann nicht abgelehnt oder umgetauscht werden.
Das wissen natürlich auch die neuen Bewerber. Bei ihren Vorstellungsabenden bemühen sie sich deshalb, möglichst vorteilhafte Geschichten über sich selbst zu erzählen. Schließlich möchte niemand für den Rest seines Funkenlebens einen Namen tragen, der an eine besonders peinliche Begebenheit erinnert. Allerdings kann gerade dieses Bemühen nach hinten losgehen. Denn wer sich allzu sehr ins rechte Licht rückt, liefert möglicherweise erst recht die perfekte Vorlage für einen ungewöhnlichen Spitznamen.

Roter Funk werden? So einfach ist das nicht!
Stellen wir uns einmal vor, jemand erlebt den Rosenmontagszug, ist völlig begeistert und beschließt noch am selben Abend: „Ich will Roter Funk werden!“ Dann braucht er vor allem eines: Geduld. Denn bei den Roten Funken funktioniert die Aufnahme nicht wie bei einem gewöhnlichen Verein. Antrag ausfüllen, Mitgliedsbeitrag überweisen, fertig – so läuft das hier nicht.
Zunächst muss der Interessent seinen Wunsch bei der Gesellschaft anmelden. Danach meldet sich ein zuständiger Funk, der erst einmal telefonisch herausfinden möchte, mit wem er es zu tun hat.
Dabei wird nach Aussage von Dirk Wissmann unter anderem geprüft, ob der Bewerber einen vernünftigen Eindruck macht und einen geraden Satz herausbekommt. Das ist offenbar nicht bei jedem Interessenten selbstverständlich. Verläuft das Telefonat zufriedenstellend, folgt ein persönliches Gespräch bei einer Tasse Kaffee. Und erst danach darf der Kandidat die Gesellschaft näher kennenlernen.

Vier Knubbel
Die Roten Funken sind in vier sogenannte „Knubbel“ gegliedert:
I. Knubbel: „Streckstrump alaaf“
Erkennungszeichen: Ein kleiner rot-weißer, halbfertiger Strickstrumpf mit Stricknadel. Er soll daran erinnern, dass die ehemaligen Kölner Stadtsoldaten in Friedenszeiten für sich selbst und gegen ein Entgelt auch für andere Strümpfe strickten.
II. Knubbel: „Öllig stink“
Eine Zwiebel, op kölsch „Öllig“, trägt der II.Knubbel als Abzeichen. Sie versinnbildlicht die Haushaltsdienste, die von alten Funken bei der Bürgerschaft verrichtet wurden.
III. Knubbel: „Schmeck d’r Dopp“
Die Kölschen sagen „Dopp“ dazu, auf Hochdeutsch heißt das Kinderspielzeug Kreisel – das Abzeichen des III. Knubbels. Es erinnert daran, daß die Stadtsoldaten auch kleine Kinder beaufsichtigten. Um sie ruhig zu halten, wurde mit dem Kreisel gespielt.
IV. Knubbel: „Stippe Fott“
Funken-Präsident Eberhard Hamacher nannte ihn einst das „Symbol der seit Bestehen der Funken immer vorhanden und geübten Trinkfreudigkeit“: Den Sektkorken. Dieser „Stoppe“ ist das Symbol des IV. Knubbels. Der Ruf des Knubbels hat natürlich etwas mit Kribbelwasser zu tun.
Diese Gruppen bilden einen wichtigen Teil des Vereinslebens. Jeder Knubbel hat seinen eigenen Vorstand und seine eigenen Eigenheiten.
Zwei gestandene Roten Funken als Bürgen
Der Bewerber wird zunächst zu einem Knubbelabend eingeladen. Gefällt es ihm dort und benimmt er sich ordentlich, darf er wiederkommen. Und noch einmal. Nach etwa drei Besuchen sollte er dann einen offiziellen Aufnahmeantrag stellen. Damit wird er zum sogenannten „Hospitanten“. Und damit beginnt die eigentliche Kennenlernphase.
Der Interessent kann verschiedene Knubbel besuchen, an Veranstaltungen teilnehmen, Ausflüge mitmachen und bei organisatorischen Aufgaben helfen, zum Beispiel bei der Betreuung der Rosenmontagszugtribüne. So bekommt er einen Eindruck davon, was es bedeutet, ein Roter Funk zu sein. Gleichzeitig können die Mitglieder herausfinden, ob der Neue überhaupt zur Gesellschaft passt. Denn eines möchte man ausdrücklich vermeiden: Menschen, die nur deshalb Mitglied werden wollen, um geschäftliche Kontakte zu knüpfen.
Innerhalb von zwei Jahren muss der Bewerber außerdem zwei Bürgen finden, davon muss mindestens einer bereits seit elf Jahren aktives Mitglied der Roten Funken sein. Die Bürgen übernehmen gewissermaßen die Verantwortung dafür, dass der Bewerber zur Gesellschaft passt. Doch selbst mit zwei Bürgen ist die Aufnahme noch längst nicht geschafft.
Die Ballotage – jetzt wird es ernst
Am Ende des Aufnahmeverfahrens steht die sogenannte Ballotage. Dahinter verbirgt sich ein elfköpfiges Gremium aus verschiedenen Bereichen der Gesellschaft. Zunächst werden die beiden Bürgen befragt: Woher kennen sie den Bewerber? Was haben sie gemeinsam unternommen? Warum sind sie davon überzeugt, dass er ein guter Roter Funk wäre? Danach muss der Kandidat selbst antreten.
Dabei geht es nicht nur um seine Motivation, sondern auch um ganz praktische Fragen: Ist ihm bewusst, dass eine Mitgliedschaft Geld kostet? Dass er eine Uniform anschaffen muss? Dass Aufnahmegebühren anfallen? Und vor allem: Ist er bereit, sich wirklich aktiv am Vereinsleben zu beteiligen? Denn von einem neuen aktiven Funken wird eine hohe Präsenz erwartet.
Nach dem Gespräch gibt die Ballotage eine Empfehlung an den Vorstand ab. Der entscheidet schließlich über die Aufnahme. Der Bewerber bekommt zunächst nur mitgeteilt, dass er innerhalb der nächsten vier Wochen Post erhalten wird. Und dann beginnt das große Warten.
Besonders schön ist die Geschichte, die Dirk Wissmann dazu erzählt: Die Bewerber kennen sich nach der langen gemeinsamen Zeit häufig schon gut. Sobald der Erste seinen Brief bekommt, meldet er das natürlich sofort den anderen. Wer dann noch keine Post hat, wird nervös. Vielleicht hat die Post einfach nur länger gebraucht. Vielleicht aber auch nicht. Wissmann erlaubt sich deshalb gelegentlich einen kleinen Scherz und verschickt einen Brief absichtlich einen Tag später. Das ist kölscher Humor auf Präsidentenebene.
Übrigens: Besonders viele Bewerber scheitern nicht an der Ballotage. Nach Wissmanns Angaben wurden in den vergangenen zehn Jahren lediglich zwei Kandidaten tatsächlich abgelehnt. Das lange Kennenlernen scheint also durchaus seinen Zweck zu erfüllen.

Muss ein Roter Funk eigentlich Kölsch sprechen können?
Eine naheliegende Frage: Welche Fähigkeiten muss man überhaupt mitbringen? Muss man in Köln geboren sein? Kölsch sprechen? Singen können? Besonders trinkfest sein? Die Antwort fällt überraschend unkompliziert aus: Nein, man muss nicht in Köln geboren sein. Und auch die kölsche Sprache ist keine Pflicht.
Die Roten Funken haben Mitglieder aus ganz Deutschland und sogar aus den Niederlanden. Einer kommt beispielsweise aus Erding in Bayern. Als die Funken 2026 beim großen Trachten- und Schützenzug zur Eröffnung des Oktoberfests in München mitmarschierten, wurde dieser Funk immer wieder angesprochen, weil er in seiner roten Uniform eben kein Kölsch sprach. Er war trotzdem mächtig stolz darauf, mit seinen Kameraden durch München zu ziehen. Entscheidend ist also nicht der Geburtsort. Viel wichtiger ist, dass jemand charakterlich zur Gesellschaft passt. Oder, wie Wissmann es ausdrückt: Er muss „gerade sein“.
Zehn Abende üben für einen Tanz aus dem Jahr 1890: Et Stippeföttche
Eine Sache muss ein aktiver Roter Funk allerdings tatsächlich lernen: den traditionellen Funkentanz. Und dafür gibt es eine richtige Ausbildung. Zehn Übungsabende stehen für die neuen Funken auf dem Programm. Dieser Tanz selbst ist seit 1890 unverändert: Et Stippeföttche.
Das ist bemerkenswert. Schließlich haben sich seitdem nicht nur die Mode und die Musik verändert, sondern auch die Vorstellungen davon, wie ein schwungvoller Tanz aussehen sollte.

Der Funkentanz ist allerdings kein moderner Hochleistungssport. Seine Bewegungen spiegeln noch immer den Geist der Zeit wider, in der er entstanden ist. Wie das aussieht, haben wir beim Live-Podcast natürlich ausprobiert. Dirk Wissmann und Köln-Lotse Uli durften ihre tänzerischen Fähigkeiten unter Beweis stellen. Das Publikum übernahm die Rolle der Jury. Dirk bekam zehn Punkte. Uli zwölf. Und das war vollkommen korrekt.
Ein Roter Funk aus dem Jahr 1823 auf Zeitreise
Mehr als 200 Jahre Tradition – das klingt zunächst nach einem Verein, in dem sich möglichst wenig verändert. Aber stimmt das wirklich?
Wir haben Dirk Wissmann deshalb mit einem kleinen Gedankenexperiment konfrontiert. Angenommen, irgendwo in der Kölner Südstadt öffnet sich plötzlich eine Erdspalte. Darin liegt ein tiefgefrorener Roter Funk aus dem Jahr 1823. Der Mann taut auf, schaut sich verwundert um und macht sich auf den Weg zu seinen Kameraden. Würde er die Roten Funken von heute überhaupt noch wiedererkennen? Präsedöres Wissmann ist überzeugt: Ja.

Die Uniformen, die Grundzüge des Vereinslebens und viele Traditionen wären ihm vertraut. Allerdings würde er sich über manches wundern. Zum Beispiel darüber, dass es heute bei den Roten Funken eine eigene Social-Media-Truppe gibt. Oder dass der Verein mittlerweile eine feste Heimat in der Ulrepforte hat. Die nutzen die Funken nämlich erst seit 1955. Vorher war die Gesellschaft an verschiedenen Orten in Köln zu Hause. Und auch viele vermeintlich uralte Traditionen sind bei genauerem Hinsehen gar nicht so alt.
Dirk Wissmann erzählt dazu eine wunderbare Geschichte. Bei einem Aufenthalt in München sollte er als Präsident den Schellenbaum tragen. Das tat er auch.Wenn er das jetzt noch ein paarmal macht, könnte es passieren, dass irgendwann jemand behauptet: „Bei den Roten Funken trägt der Präsident traditionell den Schellenbaum!“ Und schon wäre eine neue Tradition geboren.
So einfach funktioniert das manchmal im Karneval. Einer macht etwas. Beim nächsten Mal macht er es wieder, damit ist es bereits Tradition. Und ab dem dritten Mal ist es Brauchtum.
Pferde im Rosenmontagszug – Tradition oder Auslaufmodell?
Nicht jede Tradition lässt sich allerdings so leicht bewahren. Ein Beispiel sind die Pferde im Rosenmontagszug. Die Diskussion darüber, ob Pferde noch zeitgemäß sind, wird seit Jahren geführt. Auch bei den Roten Funken spielt das Thema eine Rolle.

Historisch ritten die Vorstandsmitglieder auf Pferden. Heute fahren sie überwiegend auf einem Wagen. Das hat nicht nur praktische Gründe. Denn ein Pferd im Rosenmontagszug bedeutet einen erheblichen organisatorischen Aufwand. Neben dem Reiter werden ein Pferdeführer und eine Sicherheitskraft benötigt. Und alle drei zählen zur begrenzten Zahl der Personen, die eine Gesellschaft im Zug mitnehmen darf.
Für den Präsidenten ergibt sich daraus eine ganz einfache Rechnung: Ein Pferd bedeutet drei Funken weniger im Rosenmontagszug. Bei elf Pferden macht das einen erheblichen Unterschied.
Hinzu kommen strenge Vorgaben für den Einsatz der Tiere, umfangreiche Vorbereitungen und die Schwierigkeit, überhaupt noch geeignete Pferde und erfahrene Halter zu finden. Die Tiere müssen auf die ungewohnte Situation vorbereitet werden. Dazu gehört beispielsweise ein Training, bei dem Musik und der Lärm eines Karnevalszuges simuliert werden.
Fazit: Eine einfache Antwort auf die Frage „Pferde im Rosenmontagszug ja oder nein“ gibt es nicht. Aber das Beispiel zeigt, dass selbst eine traditionsbewusste Gesellschaft nicht darum herumkommt, Gewohntes immer wieder zu hinterfragen.
Warum es bei den Roten Funken vor allem um Gemeinschaft geht
Die vielleicht wichtigste Frage des Abends war allerdings eine ganz andere. Warum sollte man überhaupt Roter Funk werden? Weshalb nimmt jemand ein langes Aufnahmeverfahren, hohe Kosten, zahlreiche Verpflichtungen und unzählige Veranstaltungen auf sich? Nur um ein paarmal im Jahr in einer historischen Uniform auf einer Bühne zu stehen?

Dirk Wissmanns Antwort macht deutlich, dass es um sehr viel mehr geht. Die Roten Funken sind eine Gemeinschaft, die Menschen über Generationen hinweg verbindet. Das jüngste Mitglied ist gerade einmal Anfang 20. Zu den ältesten gehört der über 100-jährige Ludwig Sebus. Und dann ist da Oskar Hamacher, der bereits als Jugendlicher bei den Roten Funken dabei war und auf eine außergewöhnlich lange Funkenlaufbahn zurückblickt.
In dieser Gemeinschaft treffen Menschen aufeinander, zwischen denen manchmal 70 oder 80 Lebensjahre liegen. Und trotzdem gehören sie zusammen. Wissmann erzählt von älteren Funken, die nicht mehr so mobil sind. Vielleicht ist die Ehefrau gestorben, vielleicht fällt es schwer, allein aus dem Haus zu gehen. Dann meldet sich ein jüngerer Kamerad. Er ruft an, fragt nach und bietet an, den älteren Funk zum nächsten Knubbelabend abzuholen. Andere telefonieren regelmäßig miteinander. Wieder andere treffen sich jede Woche zum gemeinsamen Mittagessen. Aus der Mitgliedschaft wird eine Freundschaft. Und aus dem Verein eine Gemeinschaft, auf die man sich verlassen kann.
Natürlich hat das auch ganz praktische Vorteile. Wer einen Handwerker braucht, findet unter den vielen Funken vermutlich jemanden, der helfen kann. Und auch bei der Suche nach einem Arzttermin könnte das große Netzwerk gelegentlich nützlich sein. Aber das ist nicht der eigentliche Punkt. Es geht um das Gefühl, dazuzugehören. Gerade in einer Zeit, in der vieles anonymer wird und traditionelle Bindungen verloren gehen, ist dieses Gefühl für Wissmann besonders wichtig: Menschen brauchen Gemeinschaft, vertraute Orte und ein Stück Heimat. Nicht als Abgrenzung gegenüber anderen, sondern als etwas, das ihnen Halt gibt. Und genau das findet man bei den Roten Funken.
Und warum dürfen Frauen nicht mitmachen?
Bei aller Offenheit und Gemeinschaft gibt es allerdings auch eine Tradition, an der die Roten Funken festhalten. Das aktive Korps besteht weiterhin aus Männern. Ausnahmen sind das Funkenmariechen sowie Frauen, die aufgrund ihres Amtes als Oberbürgermeisterin zur Gesellschaft gehören. So war die frühere Oberbürgermeisterin Henriette Reker aktive Rote Funkin und ist nach ihrem Ausscheiden aus dem Amt weiterhin Mitglied geblieben. Frauen können außerdem als Fördermitglieder dazugehören. Doch eine reguläre aktive Mitgliedschaft steht ihnen nicht offen.

Die Begründung von Dirk Wissmann: Die Roten Funken stellen die historischen Kölner Stadtsoldaten dar. Und das waren Männer. Auf die Frage, ob sich diese Regelung irgendwann ändern könnte, antwortet er ziemlich eindeutig – während seiner Präsidentschaft jedenfalls nicht. Hier zeigt sich eine Grenze zwischen Tradition und Veränderung, die durchaus diskutiert werden kann.
Denn einerseits betont Wissmann, dass sich Traditionen weiterentwickeln müssen. Andererseits soll gerade diese Regelung unverändert bleiben. Ein Widerspruch? Vielleicht. Aber auch ein Beispiel dafür, dass die Frage, welche Traditionen bewahrt werden sollen und welche verändert werden können, nicht immer einfach zu beantworten ist.
Präsident der Roten Funken – ein Amt mit langer Haltbarkeit
Dirk Wissmann wurde 2024 zum Präsidenten der Roten Funken gewählt. Seine Vorgänger waren teilweise jahrzehntelang im Amt. Heinz-Günther Hunold beispielsweise rund 25 Jahre, Hans-Georg Brock sogar etwa 35 Jahre. Da könnte man vermuten, dass auch Wissmann nun für die nächsten Jahrzehnte fest im Präsidentensessel sitzt.
Er selbst sieht das allerdings etwas anders. Als er Präsident wurde, war er bereits 53 Jahre alt. Er geht deshalb davon aus, das Amt früher an einen Nachfolger zu übergeben, als es bei manchen seiner Vorgänger der Fall war.
Wie kompliziert die Wahl eines Präsidenten ist, haben wir im Podcast übrigens auch erfahren. Zunächst wählen die stimmberechtigten Mitglieder einen Vorstand. Dabei können sie mehrere Stimmen vergeben. Aus den Bewerbern werden zehn Vorstandsmitglieder bestimmt. Hinzu kommen weitere Vertreter aus den verschiedenen Bereichen der Gesellschaft. Dieses größere Gremium schlägt schließlich einen Kandidaten für das Präsidentenamt vor, der von der Mitgliederversammlung bestätigt werden muss. Klingt kompliziert? Ist es auch. Zumindest für Außenstehende.
Dirk Wissmann findet das Verfahren dagegen eigentlich ganz einfach. Wobei man das vermutlich auch nur sagen kann, wenn man selbst Präsident der Roten Funken ist.
„Wir sind halt typisch kölsch“
Am Ende von Teil I unseres Gesprächs bleibt vor allem ein Gedanke hängen: Die Roten Funken sind weit mehr als ein Karnevalsverein mit historischen Uniformen. Sie sind ein Stück Kölner Stadtgeschichte. Ein Verein, der seit mehr als 200 Jahren Menschen zusammenbringt, Traditionen pflegt und gleichzeitig versucht, seinen Platz in einer sich verändernden Stadt zu behaupten.
Natürlich kann man darüber streiten, ob jede Tradition noch zeitgemäß ist. Ob Pferde in den Rosenmontagszug gehören. Ob ein aktives Traditionskorps ausschließlich Männern vorbehalten bleiben sollte. Oder ob manche Rituale vielleicht ein bisschen aus der Zeit gefallen sind.
Aber bei allem Diskussionsbedarf gibt es etwas, das die Roten Funken offenbar besonders gut können: Menschen miteinander verbinden. Man kümmert sich umeinander. Man feiert zusammen, hilft sich gegenseitig und teilt die Begeisterung für den Kölner Karneval.
Dirk Wissmann hat dieses Gefühl beim Live-Podcast in einem einfachen Satz zusammengefasst: „Wir sind halt typisch Kölsch.“ Fünf Worte, die vielleicht mehr über die Roten Funken erzählen als jede noch so ausführliche Vereinschronik. Und die ziemlich gut erklären, warum es diese Gesellschaft auch nach mehr als 200 Jahren noch gibt.
In diesem Sinne: Kölle Alaaf!

Dieser Beitrag entstand aus unserem Live-Podcast „Köln-Ding der Woche“ mit Dirk Wissmann, Präsident der Roten Funken. Im ersten Teil sprechen wir über die Geschichte der Gesellschaft, die ungewöhnlichen Funkennamen, das Aufnahmeverfahren und die Frage, was die Roten Funken bis heute zusammenhält. Im zweiten Teil, erscheint am 13. November um 18.11 Uhr, setzen wir unser Gespräch fort.
