Erzbischof Anno II. – ne janz fiese Möpp!

Anno II. mit seinen Stiftungen, ganz oben die Benediktinerabtei Siegburg, Bild: Public domain,
Anno II. mit seinen Stiftungen, ganz oben die Benediktinerabtei Siegburg, Bild: Public domain,

Egal, ob sie nun Woelki, Meissner, Ruprecht, Hildolf oder Anno hießen: Mit den jeweiligen Erzbischöfen hatten die Kölschen fast durchweg ihre Probleme. Eine Ausnahme stellte dabei der von den Kölnern noch heute verehrte Josef Kardinal Frings dar.

Ein ganz besonders fieser Vertreter in dieser Reihe der dunklen Gestalten war aber Anno II. Wobei selbst das noch umstritten ist – so soll es Fans des Bischofs geben, die ihn als fromm und freigiebig gegenüber den Armen bezeichnen.

Geboren in Schwaben

Geboren um 1010 wuchs Anno im tiefsten Schwaben, etwa 30 Kilometer entfernt von Ulm, auf. Obwohl er nur aus niederem Adel stammte, hatte er  recht gute Chancen auf den sozialen Aufstieg. Sein Bruder sollte später Erzbischof von Magdeburg werden, sein Neffe Bischof von Halberstadt – alles mit tatkräftiger Hilfe von Anno. Und er war entfernt mit Rainald von Dassel verwandt – immerhin der Bischof, der die Gebeine der Heiligen Drei Könige nach Köln brachte.

Anno schlug zunächst die klassische Laufbahn eines Adligen seiner Zeit ein: Eine Ritterausbildung mit Reiten und Fechten. Doch diese Karriere erlebte einen heftigen Bruch. Sein Onkel, ein Geistlicher in Bamberg, überredete ihn im Jahr 1021 in die Bamberger Stiftsschule St. Stephan einzutreten. Der Beginn eines bemerkenswerten Aufstiegs in der Kirche.

Anno studierte unter anderem in Paderborn und baute sich ein beeindruckendes Netzwerk auf. So wurde er von Kai­ser Hein­rich III. im Jahr 1046 an den kaiserlichen Hof berufen und 1054 zum Propst Stif­tes St. Si­mon und Ju­das in Goslar ernannt. Bereits zwei Jahre später kam der entscheidende Karriereschritt: Am 11.02.1056 starb Hermann II., Erzbischof von Köln. Anno wurde sein Nachfolger auf dem mächtigen Bischofsstuhl in Köln.

Kölner enttäuscht

Die Kölner waren mit diesem Bischof nicht einverstanden: Der Schwabe Anno war für sie ein „Fremder“. Die Patrizierfamilien rümpften über ihn die Nase:  Ein Bischof, der nicht dem Hochadel entstammt. Diese Skepsis war dem Erzbischof egal – er begann unmittelbar nach Amtsantritt seine Machtposition zu festigen.

Er drängte den Pfalz­gra­fen Hein­rich (nicht mit dem Kaiser Heinrich zu verwechseln!) zurück, nahm dessen Familie den be­fes­tig­ten Sieg­berg ab­ und gründete dort das Kloster Siegburg. Somit war ein wichtiger Konkurrent um die Macht am Rhein ausgeschaltet.

Der Staatsstreich von Kaiserswerth

Kaiser Heinrich III. starb 1056, sein Sohn Heinrich IV. war zu diesem Zeitpunkt erst sechs Jahre alt. Somit war der wichtigste Herrscherthron verwaist. Zwar übernahm Kaiserin Agnes, die Witwe Heinrichs III., die Regentschaft für Ihren Sohn, konnte sich aber in den machtpolitischen Ränken der Fürsten und Bischöfe nicht durchsetzen.

Anno II. setzte sich an die Spitze der Gegner von Agnes. So kam es zum „Staatsstreich von Kaiserswerth“. Kaiserin Agnes und der damals erst 12 Jahre alte Heinrich IV. waren auf dem Weg nach Nimwegen. Anno rüstete ein prächtiges Schiff aus und überredete den jungen Thronerben auf der Kaiserpfalz Kaiserswerth zu einer Besichtigung des Schiffs. Kaum war Heinrich IV. auf dem Schiff, legte dieses  plötzlich ab. Anno entführte den jungen Kaiser. Dieser versuchte zwar noch zu fliehen und sprang ins Wasser – doch vergebens. Er wurde aus dem Rhein gefischt und nach Köln gebracht.

Dort wurde Anno nicht nur Lehrer des jungen Thronfolgers, sondern auch sein Vormund. Kaiserin Agnes zog sich auf ein Kloster im Piemont zurück und Anno führte gemeinsam mit Erzbischof Siegfried I. von Mainz und Erzbischof Adalbert von Bremen faktisch die Regierungsgeschäfte.

Auch am Kölner Rathaus findet sich eine Figur von Anno II. (rechte Seite des Bildes), Bild: Raimond Spekking
Auch am Kölner Rathaus findet sich eine Figur von Anno II. (rechte Seite des Bildes), Bild: Raimond Spekking

Anno flieht durch das „Annoloch“

Kölns Bürger wurden immer unzufriedener mit dem selbstherrlichen und strengen Anno. Als dieser dann im Jahr 1074 im Hafen das Schiff eines Kaufmanns beschlagnahmen ließ, um dem Bischof von Münster eine Heimfahrtgelegenheit zu bieten, war das Maß voll: Die Bürger rebellierten gegen den ungeliebten Bischof.

Anno verschanzte sich und der tobende Mob tötete einen harmlosen Kleriker, den man für Anno hielt. Der Bischof hingegen konnte den aufgebrachten Bürgern entkommen. Dafür nutze er das „Annoloch“ – eine kleine Lücke in der römischen Stadtmauer. Anno brachte sich so vor den mordlustigen Kölnern in Sicherheit. Allerdings konnte der machthungrige Anno diese Schmach nicht ungesühnt stehen lassen.

Schon ein paar Tage später kam er mit schwer bewaffneten Truppen zurück und belagerte die Stadt. Die Kölner erkannten die Übermacht der Belagerer und öffneten die Stadttore. Der Bischof fackelte nicht lange und sprach grausame Strafen für die Aufrührer aus: Etliche Kölner wurden geblendet.1Dabei wird ein rotglühendes Stück Eisen, in der Regel ein Schwert, vor die Augen einer Verurteilten gehalten. Durch die Hitze wird die Netzhaut zerstört und die geblendete Person erblindet. Andere belegte er mit dem Kirchenbann. Viele der so nahezu rechtslosen Menschen wurden Opfer von Lynchjustiz. Ungefähr 600 Kaufleute verließen die Stadt und Köln war, so ein zeitgenössischer Bericht, „fast völlig verödet und schauriges Schweigen herrschte auf den leeren Straßen.“  

Anno zieht sich aus Köln zurück

Verständlich, dass sich Anno in Köln nicht mehr sicher fühlte. Er zog sich auf den Siegberg, der später zur Abtei Siegburg werden sollte, zurück. Er verfügte auch, dass er dort begraben werden wollte.

Anno starb am 4. Dezember 1075 in Köln. Sein Leichnam wurde in einer aufwändigen Pro­zes­si­on zu al­len Köl­ner Stifts- und Klos­ter­kir­chen ge­tra­gen und dort jeweils drei Tage auf­ge­bahrt. Seine letzte Ruhe hat er, entsprechend seines Wunschs, in der Abteikirche Michaelsberg gefunden. Noch heute steht der prächtige Annoschrein, geschaffen von Nikolaus von Verdun, der immerhin auch den Dreikönigenschrein im Kölner Dom erschaffen hat, dort in einer Seitenkapelle.

Der Annoschrein in der Abteikirche Michaelsberg, Bild: Amekrümel, CC BY-SA 3.0
Der Annoschrein in der Abteikirche Michaelsberg, Bild: Amekrümel, CC BY-SA 3.0

Kaum zu glauben, dass schnell nach seinem Tod eine regelrechte „Annoverehrung“ stattgefunden hat. So wurde er 1183 heilig gesprochen. Einer seiner Nachfolger auf dem Bischofsstuhl in Köln, Joseph Kardinal Höffner, sagte im Jahr 1975 über Anno „Anno war oft unbeherrscht, heftig, unbequem und unbeugsam, nicht selten bis zum Starrsinn. Er war ein Mann voller Spannungen und Widersprüche.“

Und jetzt werfen wir wieder ein Blick auf unseren aktuellen Bischof. „Starrsinn“, „unbeugsam“, „Widersprüche“ kommen einem sehr bekannt vor, wenn man an Kardinal Rainer Maria Woelki denkt. Vielleicht sollten wir Kölner mal wieder einen Aufstand wagen und diesen unseligen Kirchenmann in die Wüste schicken.   


Bilder vom Annoloch gesucht

Das Loch, durch welches Anno in der Stadtmauer vor den aufgebrachten Kölnern türmen konnte, war noch bis mindestens in die 1990er Jahre zu sehen. Als es dann zunehmend von Obdachlosen und Drogenabhängigen als Unterkunft genutzt wurde, ließ die Stadt das Loch verschließen.

Meine Stadtführer-Kollegin Henrike Warlitzer ist auf der Suche nach einem Bild dieses Lochs. Leider geben die einschlägigen Archive kaum etwas her. Daher die Frage an euch: Habt ihr eventuell noch ein Foto dieses Lochs in euren Archiven? Es lohnt sich, mal zu kramen: Henrike lobt ein Ticket für eine ihrer Stadtführungen aus – bei der das Annoloch selbstverständlich auch Thema sein wird.

Falls ihr ein Foto haben solltet, könnt ihr dies gerne direkt an mich schicken. Ich leite es weiter.


Bläck Fööss: Feschers Köbes

Die Bläck Fööss haben mit „Feschers Köbes“ dem Aufstand gegen Anno ein Gesicht gegeben. Das Lied handelt von dem fiktiven Charakter Jakob – auf Kölsch: Köbes – dessen Schiff Anno beschlagnahmen wollte und der, zumindest im Lied, zum Anführer der Aufständischen wurde. Zur Strafe wurde er von Annos Schergen geblendet.

De Fescher’s lävten em hellije Kölle
et wor’en Familich vun ech kölscher Art.
Mer schreff de Zick su kootvör Elfhundert
et Levve trof se hatt.

D’r Vatter dat wor d’r Fescher’s Bätes
hatt drei stolze Scheffe, wor Handelshär.
Hä fuhr vun Kölle bes Engeland un Holland,
sing Fuhre tonneschwer.

Singe ältste Son dat wor d’r Köbes,
für dä hatt dä Bätes e Frachscheff jebaut.
Domet wor dä Köbes en Holland jewäse
beim Keetje, dat wor sing Braut.

Hä wor jung un stolz, hatt e Hätz,
standhaff un nit bang,
hä wor ’ne kölsche Fetz.

Hä wor jrad doheim, do braat im d’r Stadtvogt
vum Erzbischof Anno e Schrieve vorbei.
Si Frachscheff sollt d’r Köbes im jewe,
su einfach, als wör nix dobei.

D’r Köbes saat: Su lang wie ich levve
kritt ehr et nit, dozo hat ehr kei Räch.
Un die Kölsche, die dovun hote, die saaten:
D’r Köbes dä hät Räch.

D’r Erzbischof Anno sprung faß us dem Wöbche,
hä bröllte: He driev d’r Düvel si Spill.
Hä dät vun d’r Kanzel janz Kölle usschänge,
dat wor dann denne Kölsche zo vill.

Em Nu hatt sich dat wie e Für römjesproche,
Kölle dä Kölsche heeß jetz die Parol.
Erus met däm Kradeföösch us Schwobe
schmießt en vum Bischofsstohl.

Doch als se de Dür vum Dom objebroche,
do wor dä Anno allt längs durch de Kood.
Hä hatt sich durch e Pözje verkroche,
die Kölsche, die kochten vor Wot.

Se däten ehr Wot an denne usloße
die jrad op Besök beim Anno jewäs.
D’r Fescher’s Köbes, dä wollt‘ se beruhije
un reef laut: Höt op met dam Dreß.

Hä wor jung un stolz, hatt e Hätz,
standhaff un nit bang,
hä wor ’ne kölsche Fetz.

D’r Köbes, dä die Kölsche jefoht hatt,
dä wod jetz en janz Kölle jefiert.
Doch üwer Naach, do kom d’r Anno
met Söldner anmarschiert.

Hä wollt zwar verjewe, doch sing Soldate
han einfach koote fuffzehn jemaat,
se han och dä Köbes zesammejeschlage
un han in dann en Kette jelat.

Sing Mamm die jing beim Anno dann bedde
un sat: Leeve Föösch, verschont minge Jung.
Ehr kritt unser Scheff un all unser Jrosche
doch jewt mer minge Jung.

Denn hä is jung un stolz, hätt e Hätz,
standhaff un nit bang,
hä is ’ne kölsche Fetz.

De Anklach wod vürjelese
un dann passeete wat keiner verstund,
se däten däm Köbes et Augeleech nemme,
en letzte Tron em Aug‘ im stund.

Dem Papp un d’r Mamm es et Hätz faß jebroche,
ehr Siel wod ze Stein vör Troor un vör Ping,
blotrut stund de Sonn üwer Kölle,
d’r Köbes, dä kunnt se nit sin.

Hä wor jung un stolz, hatt e Hätz,
standhaff un nit bang,
hä wor ’ne kölsche Fetz.


Seite 1 des Annoliedes in der Edition von Martin Opitz, Danzig 1639, Bild: Hochschule Augsburg
Seite 1 des Annoliedes in der Edition von Martin Opitz, Danzig 1639, Bild: Hochschule Augsburg

Das Annolied

Im Gegensatz zu dem Lied der Bläck Fööss wird Anno II. im sogenannten „Annolied“ verherrlicht. In 878 Versen wird sein Leben und Wirken gepriesen. Verfasser war des zwischen 1077 und 1081 entstanden Werks war wahrscheinlich ein Mönch im Kloster Siegburg.

Wer des frühmittelhochdeutschen mächtig ist, kann sich den kompletten Text auf der Website der Hochschule Augsburg ansehen.


Anno 1074 - Der Aufstand gegen den Kölner Erzbischof, Bild: Bastei-Lübbe
Anno 1074 – Der Aufstand gegen den Kölner Erzbischof, Bild: Bastei-Lübbe

Historischer Roman: Anno 1074.
Der Aufstand gegen den Kölner Erzbischof.  

Bei Bastei-Lübbe gibt es auch den passenden Roman von Jörg Kastner zum Aufstand gegen Anno.  (‎ Bastei Lübbe, ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3404141395, nur noch im Antiquariat erhältlich)

DANKE an meinen treuen Leser Chrisi aus der Eifel für diesen Hinweis.


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