
Frank & Uli vom Köln-Ding der Woche sind zu Gast bei Dr. Joachim Oepen. Der Historiker und Archivar leitet das Historische Archiv des Erzbistums Köln. Joachim Oepen hat in Köln Geschichte und Latein studiert. Er ist auch Lehrbeauftragter für für mittelalterliche und frühneuzeitliche Geschichte am Historischen Institut der Universität zu Köln.
Er hat bereits bei den Kölner-Podcast-Tagen mitgewirkt und ist für seine Veröffentlichungen zur Kölner Stadtgeschichte und Kölner Kirchengeschichte bekannt.
Historisches Archiv des Erzbistums Köln
Hier, im Historischen Archiv des Erzbistums, lagern die Erinnerungen der Kölner Kirche in kilometerlangen Regalreihen. Und „kilometerlang“ ist hier keine Übertreibung: Tatsächlich finden sich hier mehr als 13 Regalkilometer Aktenmaterial in diesem Archiv: Urkunden seit dem Mittelalter, unzählige Akten, Kirchenbücher, Briefe und Dokumente.
Zufälligerweise liegt ein ganz besonderes Prunkstück auf dem Tisch von Dr. Joachim Oepen: Die Koelhoffsche Chronik, eine Chronik der Stadt Köln aus dem Jahr 1499.

Rund 6000 mittelalterliche Urkunden gehören zu den ältesten Stücken des Archivs. Doch zwischen all den Regalen und Kartons verbirgt sich nicht nur kirchliche Verwaltungsgeschichte, sondern auch ein Stück Stadtgeschichte. Denn ohne die Kirche lässt sich Köln kaum erzählen.
Die Kirchen der Kölner Neustadt
In diesem Podcast geht es um die Kirchen der Kölner Neustadt. Ein wichtiges Thema in Köln, denn immer, wenn man an Kirchen an Köln denkt, kommt zuerst der Dom, dann lange nichts, dann die Romanischen Kirchen.
Aber auch die Kirchen der Neustadt sind beachtenswert. Dr. Oepen ist ein ausgewiesener Fachmann zu diesen Bauten. Er hat bereits 2006 zusammen mit Wolfgang Schaffer das Buch „Kirche, Kanzel, Kloster. Pfarrgründungen, Kirchenbau und Seelsorge in der Kölner Neustadt 1880-1920“ (Greven Verlag, Köln 2006) herausgegeben.

Als Köln plötzlich doppelt so groß wurde
Wer heute über die Kölner Ringe spaziert, ahnt kaum, was hier vor gut 140 Jahren passierte. Damals verwandelte sich Köln in wenigen Jahrzehnten von einer mittelalterlichen Festungsstadt in eine moderne Metropole. Die Stadtmauer fiel 1881 und rund um die Altstadt entstand ein völlig neues Köln: die Neustadt.
Innerhalb von nur zwei bis drei Jahrzehnten verdoppelte sich Köln – sowohl in der Fläche als auch in der Bevölkerung. Für damalige Verhältnisse war das ein gigantisches Projekt. Mit neuen Straßen, neuen Vierteln und – ganz selbstverständlich – neuen Kirchen. Denn wo plötzlich Zehntausende Menschen wohnen, müssen auch neue Pfarrgemeinden entstehen. Und so begann in der Kölner Neustadt ein Kirchenbauprogramm, welches bis heute das Stadtbild prägt.
Ein „Kirchenkranz“ um die Altstadt
Entlang der Neustadt entstand daher ein Halbkreis großer Kirchenbauten. Von Norden nach Süden gehören dazu:
- St. Agnes
- St. Michael
- Herz Jesu
- St. Paul
- Maria Hilf
- St. Maternus
Sie bilden bis heute so etwas wie einen „kirchlichen Ring“ um die Altstadt.
Auffällig ist dabei: Diese Kirchen wurden bewusst nicht direkt an den Ringen gebaut, sondern meist in der zweiten Reihe – mit ihrer Schauseite zur Ringstraße hin. Das war städtebaulich geplant. An den Ringen selbst standen repräsentative öffentliche Gebäude, während die Kirchen leicht zurückgesetzt waren, aber dennoch sichtbar blieben.

St. Agnes – die Kirche eines Immobilienkönigs
Ganz im Norden steht St. Agnes. Die zweitgrößte Kirche Kölns verdankt ihre Existenz einem Mann, dessen Lebensgeschichte fast schon kölschen Romanstoff liefert: Peter Joseph Roeckerath.
Roeckerath heiratete reich, seine Frau Agnes Schmitz brachte ihm Land vor der Stadtmauer mit in die Ehe. Als die Neustadt bebaut wurde, verwandelte sich dieses Ackerland plötzlich in wertvolles Bauland. Roeckerath wurde zu einem der großen Immobiliengewinner der Stadterweiterung.
Die Kritik kam prompt. Eine Zeitung schrieb damals spöttisch, Roeckerath habe es verstanden, „einen großen Teil des Geldstroms, der mit der Stadterweiterung aus der Erde hervorquoll, in die eigenen Taschen zu lenken“.
Doch der Unternehmer ließ sich nicht lumpen. Er finanzierte die komplette St.-Agnes-Kirche – als Gedächtniskirche für seine verstorbene Frau Agnes. Und weil die Gemeinde ihrem großzügigen Stifter dankbar war, bekam Roeckerath später sogar ein Grab in der Kirche selbst. Ein für einen Laien äußerst seltenes Privileg.

St. Michael – das belgische Viertel bekommt seine Kirche
Weiter südwestlich liegt St. Michael am Brüsseler Platz. Heute kennt man den Platz eher wegen seiner Kneipen und Cafés – und auch dem Ärger über regelmäßige Lärmbelästigung. Die Kirche selbst wird oft übersehen – dabei gehört sie zu den größten Kirchen Kölns.
Sie entstand in einem Viertel, das damals schnell wuchs und vom gehobenen Mittelstand geprägt war. Zunächst wurde dort eine Notkirche errichtet, bevor Anfang des 20. Jahrhunderts der heutige monumentale Bau entstand.
Architektonisch fällt St. Michael aus dem Rahmen: Während die meisten Neustadt-Kirchen neugotisch sind, ist sie neuromanisch gebaut.
Heute geht die Kirche neue Wege: Im Rahmen des Konzepts „Kirche für Köln“ werden hier Konzerte, Theater, Ausstellungen oder Podcast-Events durchgeführt. Dies zeigt, wie Kirchenräume in der modernen Stadt genutzt werden können.

Herz Jesu – Kirche mit politischer Botschaft
Eine Besonderheit ist Herz Jesu am Zülpicher Platz. Sie ist die einzige Neustadtkirche, die direkt an den Ringen steht. Das war kein Zufall. Der Bau war ein Statement.
Der Name „Herz Jesu“ hat nämlich eine politische Dimension. Nach dem Kulturkampf zwischen dem preußischen Staat und der katholischen Kirche gewann die Herz-Jesu-Verehrung enorme Bedeutung. Die Kirche wurde so zu einem sichtbaren Zeichen katholischer Identität.
Auch architektonisch setzte man auf große Namen: Mit Vinzenz Statz und Friedrich von Schmidt verpflichtete man zwei der bedeutendsten neugotischen Architekten ihrer Zeit.

St. Paul – Schokolade für den Papst
Im Volksgarten-Viertel entstand St. Paul. Hier lebte vor allem wohlhabendes Bürgertum – darunter der berühmte Schokoladenfabrikant Ludwig Stollwerck.
Und der wusste, wie man Werbung macht. Bei einer Audienz überreichte er dem Papst eine Schachtel Stollwerck-Pralinen. Außen war der Kölner Dom abgebildet, innen ein Bild der zukünftigen Kirche St. Paul. Eine frühe Form von kirchlichem Marketing – oder, wie man heute sagen würde: Produktplatzierung.
Der Turm der Kirche wurde im Krieg zerstört und nie vollständig wieder aufgebaut. Deshalb wirkt er bis heute ein wenig „abgeschnitten“.

Maria Hilf – die übersehene Kirche
Zwischen St. Paul und St. Maternus liegt Maria Hilf – eine Kirche, die viele Kölner kaum wahrnehmen. Das liegt auch daran, dass sie nicht frei auf einem Platz steht, sondern direkt in die Häuserzeile integriert ist.
Ursprünglich war sie die Kirche eines Klosters und später eine Pfarrkirche für das Arbeiterviertel rund um die Elsassstraße. Dort wollte die Kirche gezielt soziale Arbeit leisten – auch als Antwort auf die starke Arbeiterbewegung jener Zeit.
Heute erinnert nur noch wenig an den ursprünglichen neugotischen Bau, da die Kirche im Krieg stark zerstört wurde.

St. Maternus – die unvollendete Kirche
Ganz im Süden der Neustadt steht St. Maternus. Sie ist die jüngste der Neustadtkirchen und wurde 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, fertiggestellt. Der geplante hohe Turm wurde jedoch nie vollendet. Bis heute ragen nur zwei „Türmchen“ ein wenig über das Kirchendach hinaus.
Architektonisch zeigt sich hier bereits ein Übergang: Neben neugotischen Elementen finden sich erste Einflüsse des Jugendstils.
Kirchen zwischen Vergangenheit und Zukunft
Die Neustadtkirchen erzählen viel über Köln: Vom rasanten Wachstum der Stadt, reichen Stiftern und sozialem Engagement, von politischen Konflikten und vom Wandel kirchlichen Lebens.
Viele dieser Kirchen sind heute keine klassischen Pfarrkirchen mehr. Gemeinden wurden zusammengelegt, Mitgliederzahlen sinken. Doch gleichzeitig entstehen neue Ideen: kulturelle Nutzung oder soziale Projekte.
Wer durch die Neustadt spaziert, merkt schnell: Diese Kirchen sind nicht nur Bauwerke – sie sind steinerne Kapitel der Kölner Stadtgeschichte.
Vielleicht zeigt sich auch in diesen Bauwerken wieder einmal eine typisch kölsche Fähigkeit: Sich zu verändern, ohne die Geschichte zu vergessen.

Kölsche Fragen an Joachim Oepen
Genau wie alle anderen Menschen in der Rubrik „Ein paar Fragen an …“ hat auch Joachim Oepen zu unseren „kölschen Fragen“ Rede und Antwort gestanden.
Wenn nicht in Köln, wo sonst könnten Sie wohnen? Und warum gerade dort?
Da gibt es gleich zwei Städte: Brügge oder in Rom. Beide, wie Köln, mit einer ähnlich reichen Geschichte und einfach wundervolle Städte.
Welche kölsche Eigenschaft zeichnet Sie persönlich aus?
Dazu sollte man bitte andere Menschen, die mich gut kennen, wie zum Beispiel meien Frau oder meine Kinder fragen, denn sonst wäre es am Ende nur gestrunzt.1„Strunzen“ meint laut Adam Wrede „prahlen, großtun, großsprecherich übertreiben“.
Nehmen wir mal an, Sie sind übermorgen Oberbürgermeister in Kölle. Was würden Sie ändern?
Da würde mir ganz viel einfallen. Aber aus aktuellem Anlass würde ich dafür sorgen, dass das Kölner Stadtmuseum wieder ins Zeughaus kommt. In ein Umfeld, in dem die Stadtgeschichte Kölns angemessen präsentiert werden kann.

Wo ist Ihr Lieblingsplatz in Köln?
Da halte ich es mit Heinrich Böll: Genau wie er liebe ich die Romanischen Kirchen Kölns.
Welche Kölnerinnen oder Kölner haben Sie beeinflusst oder beeindruckt?
Finde ich ganz schwierig. Da könnte ich mit meinen Eltern anfangen. Dazu zählen aber auch allerhand Menschen, die ich in meinem Lebensweg kennengelernt habe.
Was machen Sie zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch?
Fastelovend fiere!
Wie heißt Ihre kölsche Lieblingskneipe?
Auch da gibt es mehrere. Zum einen wird der Wirtz in der Isabellenstraße, da haben sich meine Großeltern kennengelernt. Dann noch die Schreckenskammer und die „Kleine Glocke“.
Welches ist ihr Lieblingskölsch?
Ganz klar Reissdorf. Das kommt, wie ich, aus dem Severinsviertel.

Haben Sie auch ein kölsches Lieblingsgericht?
Ja, klar: Halve Hahn. Kleine Mahlzeit zwischendurch und schön vegetarisch. Immer mit vell Öllig und Mostert.
Ihr Lieblingsschimpfwort auf Kölsch?
Da fallen mir auch mehrere ein, zum Beispiel Pimock, Flaabes oder Kniesbüggel. Ich finde die kölschen Schimpfworte sind nicht verletzend, bringen aber die Dinge klar auf den Punkt.
