Cäcilia Wolkenburg: Das „Zillchen“ feiert 150. Geburtstag

Das Divertissimentchen wird 150 Jahre! Herzlichen Glückwunsch an die Cäcilia Wolkenburg. Bild: Kölner Männer-Gesang-Verein
Das Divertissimentchen wird 150 Jahre! Herzlichen Glückwunsch an die Cäcilia Wolkenburg. Bild: Kölner Männer-Gesang-Verein

Wenn man einen Kölner richtig neidisch machen will, erzählt man: „Ich wor beim Divertissementchen.“ Denn die Tickets für dieses kölsche Musical sind heiß begehrt und das Stück ist regelmäßig ausverkauft.

Übrigens kein neues Phänomen. So berichtete bereits der „Kölner Sonntags-Anzeiger“ vom 18. März 1877 darüber, dass „trotz aller Bemühungen nicht möglich gewesen sei, ein Plätzchen im Theater zu erobern.“

Der Kölner Sonntags-Anzeiger vom 18. März 1877 berichtet darüber, dass für das Divertissementchen "Jan und Griet" keine Tickets zu bekommen waren.

Und auch die Jubiläumsveranstaltungen im Jahr 2024 – das Divertissementchen feiert 150. Geburtstag – sind wieder restlos ausverkauft. Mehr als 30.000 Zuschauer dürfen das Stück live erleben.

Laien spielen auf der großen Bühne

Das Divertissementchen, von den Kölnern liebevoll „Zillche“ genannt, ist ein „heiteres, parodistisch angelegtes Theaterspiel voll Scherz und Spott echt kölscher Art, musikalisch unterbaut und durchwoben mit guten, teils bekannten Melodien, die durch launige Anspielungen und kleine satirischen Kritiken vaterstädtischer, parteipolitischer und anderer Verhältnisse farbig untermalt werden.“1Quelle: Adam Wrede, „Neuer kölnischer Sprachschatz“

Im Jahr 1884 brachte die Cäcilia Wolkenburg das Stück „Loreley“ auf die Bühne. Bild: Kölner Männer-Gesang-Verein
Im Jahr 1884 brachte die Cäcilia Wolkenburg das Stück „Loreley“ auf die Bühne. Bild: Kölner Männer-Gesang-Verein

Und das Divertissementchen ist einzigartig, denn alle Akteure sind Laien und üben im Alltag ganz normale Berufe aus. In der Karnevalsession aber stehen diese Menschen als Sänger, Schauspieler und Tänzer auf der großen Bühne.

„Durch das Schöne stets das Gute“

Basis des Divertissementchen ist der Kölner Männer-Gesang-Verein (KMGV). Dieser Chor wurde am 27. April 1842 gegründet und gehört zu den ältesten Vereinen Kölns. Bereits im Gründungsjahr gab der KMGV ein Konzert im Schloss Augustusburg vor König Friedrich Wilhelm IV. und vielen weiteren adligen und prominenten Menschen.

Der Kölner Männer-Gesang-Verein (KMGV). gehört zu den ältesten Vereinen Kölns. Bild: Kölner Männer-Gesang-Verein
Der Kölner Männer-Gesang-Verein (KMGV). gehört zu den ältesten Vereinen Kölns. Bild: Kölner Männer-Gesang-Verein

„Durch das Schöne stets das Gute“ ist das Motto des Chors. So unterstützte er durch Konzerte Arme und Bedürftige und sammelte auch Spenden für den Bau und Erhalt des Doms. Dabei stand zwar immer der gemeinschaftliche Gesang im Mittelpunkt, allerdings war, so Axel Hollander vom KMGV im Domradio2am 9.August 2017, https://www.domradio.de/artikel/175-jahre-koelner-maennergesangsverein die Mitgliedschaft in einem Männerchor damals auch „ein politisches Statement“. Die Chorproben wurden in einer Zeit, in der es noch keine Parteien gab, auch immer für politische Diskussionen genutzt.

Aktuell3Stand Januar 2024 verfügt der Verein über etwa 600 Mitglieder. Rund 180 davon sind aktive Sänger und treten in unterschiedlichen Konstellationen auf: Als großer Chor in voller Mannstärke, als Kammerchor oder als Bühnenspielgemeinschaft beim Divertissementchen.

„Cäcilia Wolkenburg“ bereits 1874 gegründet

Mitglieder des Kölner Männer-Gesang-Verein gründeten 1874 die Bühnenspielgemeinschaft „Cäcilia Wolkenburg“, benannt nach dem repräsentativen Vereinssitz des Chors, die „Wolkenburg“ und der nah gelegenen Kirche St. Cäcilia. Noch im gleichen Jahr fand das erste Divertissementchen statt. 

Das erste Divertissiementchen im Jahr 1874
Das erste Divertissiementchen im Jahr 1874

Das Divertissementchen ist in Köln sehr gut angenommen worden. Bereits im Folgejahr empfahlen die „Kölner Nachrichten“, sich zum Stück „Richmodis von Aducht und der Sängerkrieg auf dem Neumarkt … baldigst Plätze zu sichern, denn der Andrang dürfte gewaltig werden.“

Die Kölner Nachrichten vom 28. Januar 1875 berichten von der ersten Aufführung des Divertissementchens und raten dazu, sich "baldigst Plätze zu sichern, denn der Andrang dürfte gewaltig werden."
Die Kölner Nachrichten vom 28. Januar 1875 berichten von der Aufführung des Divertissementchens und raten dazu, sich „baldigst Plätze zu sichern, denn der Andrang dürfte gewaltig werden.“

In den nächsten Jahren ging es um „Jan und Griet“, „Die Heinzelmännchen oder „Köllen in der Unterwelt“. Die Titel der aktuellen Stücke der vergangenen Jahre lauten „Corona Colonia“, „Casanova en Kölle“ oder „Die Rache von Melaten“.

Das Zillchen vereint dabei immer wieder aktuelle Themen und klassische Musik und Literatur. So wird aus Lehars „Die lustige Witwe“ im Divertissementchen „Die kölsche Witwe“. Oder aus Molières „Bürger als Edelmann“ wird „Ne Kölsche als Edelmann“. Zum 250. Geburtstag Beethovens verlegte das Zillche die Oper „Fidelio“ kurzerhand nach Köln und machte „Fidelio am Rhing“ draus.

Ausschließlich Männer – nur reinstes Kölsch

Neben der Tatsache, dass keine Bühnenprofis die Stücke bestreiten, hat das Divertissementchen noch zwei ganz wichtige Eigenschaften: Gesprochen wird reinstes Kölsch und die Darsteller, auch die der Frauenrollen, sind ausschließlich Männer.

Das Balett aus dem Zillche, hier in der Aufführung „Der Feensee“ aus dem Jahr 1910, Bild: Kölner Männer-Gesanf-Verein
Das Balett aus dem Zillche, hier in der Aufführung „Der Feensee“ aus dem Jahr 1910, Bild: Kölner Männer-Gesang-Verein

Und besonders komisch wird dies, wenn das Ballett, fester Bestandteil jeder Aufführung, auftritt. Durchaus stattliche Herren, die sich mehr oder minder grazil bewegen, sind eines der Markenzeichen des Divertissementchens. Somit wird deutlich: Weder früher noch heute nimmt sich das „Zillche“ selber zu ernst, sondern man ist durchaus in der Lage, über sich selbst zu lachen.

Das Zillchen-Balett im Jahr 2024 im Stück "Zillche in Gefahr", Bild: Kölner Männer-Gesang-Verein
Das Zillchen-Balett im Jahr 2024 im Stück „Zillche in Gefahr“, Bild: Kölner Männer-Gesang-Verein

„Zillchen in Gefahr“ zum 150. Geburtstag

Das Jubiläums-Divertissementchen spart nicht an Anspielungen auf die Verhältnisse in der Stadt Köln, die klammen Stadtkassen oder auch den Klüngel. So geht es im aktuellen Stück „Zillchen in Gefahr“ auch um die sich ewig dahinziehende Sanierung der Kölner Oper und die Bestrebungen eines möglichen Investors, das Divertissementchen „besser vermarktbar zu machen“.

"Zillche in Gefahr" - das Divertissementchen 2024
„Zillche in Gefahr“ – das Divertissementchen 2024

Der Geldgeber aus Hollywood verlangt, dass die Frauenrollen tatsächlich von Frauen gespielt werden sollen, die nur regional verständliche kölsche Sprache soll durch international verständliches Englisch ersetzt werden, und außerdem sollen die Aufführungen ganzjährig statt nur zur Karnevalszeit stattfinden. Aber die „Cäcilianer“ besinnen sich auf die ursprüngliche Werte des „Zillchen“ und lassen, trotz knapper Kassen, den Ausverkauf des rheinischen Brauchtums nicht zu.

Wie bereits im Jahr 1877 ist auch das Divertissementchen 2024 restlos ausverkauft. Aber der WDR überträgt das Stück an Karnevalssamstag, 10. Februar 2024 um 11:15 Uhr.4Am Sonntag, 11. Februar gibt es auch um 4 Uhr morgens eine Wiederholung. Und das ist allemal besser als, wie in den Anfangsjahren des Zillchens, nur eine Zusammenfassung in der Zeitung lesen zu können.

Herzlichen Glückwunsch liebes Zillchen. Gut, dass du dich auch im 150. Jahr nicht „verkaufen“ lässt und uns weiter im tiefsten Kölsch erfreust. Mach wigger esu!


Zum 150. Geburtstag der Cäcilia Wolkenburg wird gefeiert!
Zum 150. Geburtstag der Cäcilia Wolkenburg wird gefeiert!

150 Jahre nach ihrer Gründung ist die Bühnenspielgemeinschaft Cäcilia Wolkenburg im Kölner Männer-Gesang-Verein quicklebendig und feiert das Jubiläum mit einer bunten Zeitreise voller großer Werke für Chor, Orchester und Band. 

Das Jubiläumskonzert findet am 16. Juni 2024 um 11 Uhr und 15 Uhr in der Kölner Philharmonie statt.

Noch5Stand: 16. Januar 2024 sind Tickets erhältlich.


Zillche-Leed

Traditionell gibt es am Ende eines jeden Divertissementchens immer das „Zillche-Leed“. Und das ganze Opernhaus singt lauthals mit. Das ist für jeden Besucher die einmalige Chance, einmal im Opernhaus singen zu dürfen. Zur Vorbereitung hier der Text des „Zillche Leeds“:

Erste Strophe

Zillche vun Kölle,
en jedem Johr küsste zoröck.
Zillche vun Kölle,
et es e Jlöck, dat et dich jitt.
Zillche vun Kölle,
vörnemme Tön welle mer nit!

Do blievs immer jung,
mit Elan und Schwung,
prächtig vun Fazung
zeigs do dich dä Lück,
dröm sin mer och hück
voll Bejeisterung!

Zweite Strophe

Zillche vun Kölle,
en jedem Johr küsste zoröck.
Zillche vun Kölle,
et es e Jlöck, dat et dich jitt.
Zillche vun Kölle,
vörnemme Tön welle mer nit!

Bes zo joder letz
mähß do fruh uns Hätz,
blöht bei dir dä Wetz.
Huh dä kölsche Klaav,
dä hätt Saff un Kraff!
Drei mol uns Köllen Alaaf!


Ein großes DANKE an Uwe Liefgen und Simon Wendring, beide von der Bühnenspielgemeinschaft Cäcilia Wolkenburg, die mich bei diesem Artikel sehr gut unterstützt haben.


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Kölsche Tön & ihre Geschichte: Die „Villa Billa“ von Schmitze Billa in Poppelsdorf

Plakat zum "Villa Billa-Walzer", Bild: Willi Ostermann Gesellschaft Köln 1967 e.V.
Plakat zum „Villa Billa-Walzer“, Bild: Willi Ostermann Gesellschaft Köln 1967 e.V.

Wenn man den Namen „Sibilla Henriette Francisca Maria Schmitz“ hört, kommt man nicht sofort darauf, dass es sich dabei um die vielbesungene „Schmitze Billa“ handelt. Eben dieser Sibille (Billa) Schmitz hat Willi Ostermann mit dem Lied „Villa Billa“ ein musikalisches Denkmal gesetzt:

„Jetz hät dat Schmitze Billa
En Poppelsdorf en Villa.
Et hät en eijen Huus, dat Bell es fein erus!“

Doch die Frage ist: Wie kam die Käseverkäuferin Sibilla Schmitz an so viel Geld für eine Villa im noblen Bonn-Poppelsdorf?

„Wat hückzodag nit üvver Naach der Minsch sich verändere kann“

Ostermann hat für seine Lieder regelmäßig wahre Begebenheiten genutzt. Im Lied von der „Mösch“ zum Beispiel geht es um die Spatzen, deren Hauptnahrungsmittel „Pferdeäpfel“ durch den zunehmenden motorgetriebenen Verkehr immer weniger wurde. Die Spatzen litten dermaßen an Hunger, dass sie jegliche Scheu verloren und bis in die Wohnungen flogen. Auch für den Feuerwehreinsatz im Lied „Kutt erop, kutt erop, kutt erop“ gab es wohl als Vorlage einen Brand in der Achterstraße.

Besonders pikant ist aber die Geschichte rund um Sibilla Schmitz. Hier geht es um Sex & Crime, sehr viel Geld und den Hochadel.

„Fünfundzwanzigdausend Mark kräg et Billa Schmitz“

Sibilla Henriette Francisca Maria Schmitz wurde am 17. Februar 1852 in Bonn geboren. Sie hatte eine Tochter, die am 28. Februar 1882 geborene Else Schmitz.

Spannend ist die Frage nach dem Vater dieses Kinds: Es handelte sich um Ulrich Graf von Schack (1853 – 1923), einen Adligen mit „ordentlich jet an de Fööss“. Dieser Graf hatte ein Fisternöllche mit Sibille. Aus dieser heimlichen Liebschaft ging Else hervor.

Besonders pikant: Dieser Graf heiratete etwa ein halbes Jahr nach der Geburt Elses eine gewisse Gertrud Schmitz. Bei dieser Dame handelte es sich um die Schwester von Sibille Schmitz.

Bekanntmachung der Hochzeit von Ulrich von Schack und Gertrude Schmitz, der Schwester von "Schmitze Billa" in der Kölnischen Zeitung vom 2. September 1882
Bekanntmachung der Hochzeit von Ulrich von Schack und Gertrude Schmitz, der Schwester von „Schmitze Billa“ in der Kölnischen Zeitung vom 2. September 1882

Um die Tatsache, dass von Schack ein uneheliches Kind mit seiner Schwägerin gezeugt hatte, möglichst still und unbemerkt zu halten, bekam Sibille Schmitz 25.000 Mark zugesprochen – eine gigantische Summe. Im Jahr 1882, dem Geburtsjahr des unehelichen Kindes Else, lag das Jahresdurchschnittsgehalt eines Arbeiters 1891 bei etwa 200 Mark jährlich. Je nach Umrechnung in heutige Kaufkraft lag der Wert dieser Zahlung bei mehr als eine Millionen Euro.

Doch Ulrich Graf von Schack konnte, als Besitzer eines verpachteten Ritterguts in Mecklenburg, diese Summe aufbringen. Und es war ihm auch die Summe wert, denn es galt, den Skandal zu verheimlichen.

„Eeztens jov et Bell om Maat seinen Laden auf“

Es ist davon auszugehen, dass dieses Geld das Grundkapital für Sibilles spätere Tätigkeit als „Vermieterin“ war. Ab 1896 betrieb Sibilla Schmitz zusammen mit ihrer Tochter Else in Bonn ein Käsegeschäft. Dieses Geschäft schloss sie aber im Jahr 1900. Ein Jahr später mietete Sie ein Haus, um dort möblierte Zimmer an „vornehme Herren“ zu vermieten.

Schnell wurde dieses Haus in Bonn nur „Villa Billa“ genannt und es gab den Verdacht, dass es sich dabei um „Etablissement“ handelte. Später wurde Sibille Schmitz auch wegen Kuppelei angeklagt.

Auf dieser Postkarte von 1905 ist hinten rechts die "Villa Billa" in der Bonner Südstadt, Weberstraße 49, abgebildet. Das Haus wurde 1938 abgerissen. Bild: Udo Bürger, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Auf dieser Postkarte von 1905 ist hinten rechts die „Villa Billa“ in der Bonner Südstadt, Weberstraße 49, abgebildet. Das Haus wurde 1938 abgerissen. Bild: Udo Bürger, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

„Janz jenau die Villa es wie e Rotschildhuus“

Um mit der Villa betuchte Kundschaft anzusprechen, musste diese auch entsprechend ausgestattet werden. Allerdings war das Geld knapp. So orderte Else Schmitz, die Tochter der „Billa Schmitz“, als „Gräfin Else von Schack“ in einem Bonner Möbelhaus Ausstattungsgenstände im Wert von mehreren Hundert Mark und bezahlte diese bar.

Nachdem sie so das Vertrauen des Händlers gewonnen hatte, erteilte sie wenig später den Auftrag, verschiedene Zimmer in der „Villa Billa“ auszustatten. Der Preis in Höhe von ca. 30.000 Mark für die Leistung wurde aber nie bezahlt. Diese Masche zogen Else und Billa Schmitz bei vielen weiteren Bonner Geschäftsleuten durch.

„Wat hückzodag nit üvver Naach der Minsch sich verändere kann“

So konnten die aus eher einfachen Verhältnissen stammende Billa Schmitz und ihre Tochter Else auf großem Fuß leben. Die „Kölner Gerichts-Zeitung“ berichtete, dass „die Else Schmitz wie eine Gräfin gekleidet in ihrer eigenen Equipage sitzen und selbst kutschieren. In der Weberstraße bewohnte sie mit ihrer Mutter ein herrschaftliches Haus, welches auf das luxuriöseste ausgestattet war.“1Kölner Gerichts-Zeitung und Rheinische Criminalzeitung  Nr. 15 vom 14. April 1906; zitiert nach Bürger, Udo: Rheinische Unterwelt. Kriminalfälle im Rheinland von 1815-1918, Köln 2013, S. 237–239.

Es kam so wie zu erwarten: Der Schwindel flog auf und Mutter sowie Tochter wurden angeklagt. Die Gerichtsverhandlung im April 1906 zog viele Neugierige an. Immerhin war das halbseidene Etablissement „Villa Billa“ von Mutter und Tochter Schmitz in ganz Bonn bekannt. Die Vorwürfe lauteten:

  • Erschwindlung von Waren im Wert von mehr als 210.000 Mark
  • Führung eines falschen Namens
  • Kuppelei2Kuppelei ist die vorsätzliche Vermittlung und Beförderung der Unzucht. In Verbindung mit Geldzahlungen gehört Kuppelei auch in den Kontext der Prostitution.

Sibille und Else trafen aber auf einen eher gnädigen Richter. Statt drei Jahre Gefängnis, wie von der Staatsanwaltschaft gefordert, erhielt Else Schmitz eine Strafe von 16 Monaten Gefängnis. Ihre Mutter „Schmitze Billa“ bekam nur zwei Monate Gefängnis aufgebrummt.

Das Inventar der "Villa Billa" wird vom Gerichtsvollzieher versteigert, Anzeige aus der Bonner Zeitung vom 25.01.1906
Das Inventar der „Villa Billa“ wird vom Gerichtsvollzieher versteigert, Anzeige aus der Bonner Zeitung vom 25.01.1906

Nach Verbüßung ihrer Haftstrafen zogen die beiden Frauen zunächst nach Roisdorf, später nach Nideggen. Ab 1908 wohnte Sibille Schmitz in Buschdorf, Else Schmitz lebte später in der Nähe von Koblenz. Weitere Details sind nicht bekannt.

„Et hät en eijen Huus, dat Bell es fein erus!“

Bei seiner Darstellung der Umstände rund um Else und Billa Schmitz nahm sich Willi Ostermann einige künstlerische Freiheiten heraus:

  • Die „Villa Billa“ wurde nicht gekauft, sondern war nur gemietet.
  • Das Haus lag in der Weberstraße in der Bonner Südstadt und nicht in Poppelsdorf. Doch wenn man sich aber den Begriff „Poppelsdorf“ lange genug anschaut, wird der anzügliche Bezug klar.
  • Das Verhältnis von Ulrich von Schack und Sibille Schmitz wird in dem Lied nicht eindeutig benannt. Allerdings erscheint, wenn man die Hintergründe kennt, die Liedzeile „Wat hückzodag nit üvver Naach der Minsch sich verändere kann.“ in einem völlig anderen Kontext. Gemeint ist hier die Liebesnacht, in welcher Else gezeugt wurde.

Ulrich von Schack lebte in Sankt Goar. Er starb 1923 an den Folgen eines Unfalls, als er von einem französischen Militärfahrzeug überfahren wurde. Sein Sohn Adolf Friedrich Graf von Schack war einer der Widerstandskämpfer beim Aufstand vom 20. Juli 1944 gegen Hitler und wurde im Januar 1945 hingerichtet.

„Wenn et Bell su vöran mäht, doht es nit mieh lang“

Und Ostermann muss das Leben von Billa Schmitz auch gut gekannt haben. So lautet es in der letzten Strophe: 

„Statt als Hausbesitzerin brängk et Billa dann
Koonschloot un Andivius widder an d’r Mann.“

Er wusste also, dass Billa ihr extravagantes Leben aufgeben musste, um anstatt als Vermieterin Korn- und Endiviensalat zu verkaufen.

Doch durch den Gassenhauer von der Poppelsdorfer Villa ist Sibilla Henriette Francisca Maria Schmitz, besser bekannt als „Schmitze Billa“ unsterblich geworden.


Villa Billa: Jetz hätt dat Schmitze Billa (1910)
Text: Willi Ostermann, Musik: Emil Palm

Fünfundzwanzigdausend Mark kräg et Billa Schmitz
usbezahlt op eine Knall, un wat meint ihr jitz?
Eeztens jov et Bell om Maat seinen Laden auf,
zweitens wood en Poppelsdorf sich en Huus jekauf.
Wat hückzodag nit üvver Naach der Minsch sich verändere kann.

Refrain:
Jetz hät dat Schmitzen Billa
En Poppelsdorf en Villa.
Et hät en eijen Huus, dat Bell es fein erus!

Janz jenau die Villa es wie e Rotschildhuus,
blos dat se nit jrad su jroß un su fein süht us.
Fählt die Plaaz och, wo mer söns stellt die Autos hin,
weiß et Bell doch vill dovun, wat Garagen sin.
Wenn och nit janz dat Huus vun Jlanz, trotzdäm heisch et hück üvverall:

Refrain:
Jetz hät dat Schmitzen Billa
En Poppelsdorf en Villa.
Et hät en eijen Huus, dat Bell es fein erus!

Wenn beim Bell Jesellschaff es, kommt Besuch aus Köln,
um die Villa Poppelsdorf auf d’r Kopp zu stell’n.
Nit en Seid, nä en Kattun un mem Koppdoch ahn,
jitt sich dann däm Bell zu Ihr do de Maathall dran.
Eez singk et Ann su laut et kann, die andere setze dann en:

Refrain:
Jetz hät dat Schmitzen Billa
En Poppelsdorf en Villa.
Et hät en eijen Huus, dat Bell es fein erus!

Wenn et Bell su vöran mäht, doht es nit mieh lang,
nimmb dat met dä Kühl und Kröpp singe ahle Jang.
Statt als Hausbesitzerin brängk et Billa dann
Koonschloot un Andivius widder an d’r Mann.
Doch vör d’r Hand do hält it stand, wat später kütt es jo egal:

Refrain:
Jetz hät dat Schmitzen Billa
En Poppelsdorf en Villa.
Et hät en eijen Huus, dat Bell es fein erus!


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Das „Köln-Gesetz“ machte 1975 Köln zur Millionenstadt

Die Stadtbezirke und Stadtteile Kölns, Bild: TUBS, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons
Die Stadtbezirke und Stadtteile Kölns, Bild: TUBS, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons

Die Karnevalisten hatten es geahnt! Das Motto der Session 1974/75 lautete „Seid umschlungen Millionen“. Und tatsächlich hatte die Stadt Köln es pünktlich zum 1. Januar 1975 geschafft: Man war eine Millionenstadt.

Möglich wurde dies durch das „Köln-Gesetz“.1Bitte nicht verwechseln mit dem „Kölschen Grundgesetz“. Das ist etwas völlig anderes. Dieses Gesetz hieß im besten Amts-Deutsch „Gesetz zur Neugliederung der Gemeinden und Kreise des Neugliederungsraumes Köln“ und war Teil einer ebenso umfassenden wie auch umstrittenen Gebietsreform in Nordrhein-Westfalen.

Zu kleine Gemeinden kommen Aufgaben nicht nach

Auch die größten Kritiker dieser Gebietsreform mussten zugeben, dass die Gemeinden, Kreise und Städte in Nordrhein-Westfalen dringend neu geordnet werden sollten. Viele Kommunen waren zu schlichtweg zu klein, um ihren kommunalen Aufgaben wie Infrastruktur, Kultur, oder Finanzen eigenständig nachzukommen. 

Die kleinteilige Gliederung spiegelte sich auch in der Anzahl der Gemeinden wider: Es gab im Jahr 1965 insgesamt 2362 Gemeinden in NRW. Mehr als die Hälfte dieser Gemeinden hatten unter 1000 Einwohnern, die kleinste Gemeinde hatte gerade einmal drei Einwohner – eine Reform war dringend notwendig. Folglich startete CDU/FDP- Landesregierung Nordrhein-Westfalens unter Ministerpräsident Franz Meyers (CDU) im Jahr 1966 ein erstes Neugliederungsprogramm, welches hauptsächlich den ländlichen Raum betraf.

Stadt Köln sieht Chance für schnelles Wachstum

Mit der zweiten Stufe der Neugliederung ab 1969 wurden auch die Grenzen der Kommunen in den Ballungsräumen neu geregelt. So brachte die SPD/FDP-Landesregierung unter Ministerpräsident Heinz Kühn (SPD) am 24. Mai 1974 einen Gesetzentwurf für das „Köln-Gesetz“ in den Landtag ein.

Die Stadt Köln hatte zu diesem Thema auch bereits 1972 eindeutig Stellung bezogen, sah man doch auch die Chance auf ein schnelles Wachstum:

„Die Grenzen der kommunalen Gebietseinheiten in unserem Lande stammen großenteils noch aus dem vorigen Jahrhundert;2Damit ist hier das 19. Jahrhundert gemeint sie hemmen nicht nur zahlreiche Gemeinden in ihrer Entwicklung, sondern wirken vielfach auch anachronistisch, da inzwischen vornehmlich in den Ballungsgebieten neue Lebens, Siedlungs- und Wirtschaftsräume entstanden sind. Dieser Entwicklung haben sich aber die Grenzen der kommunalen Einheiten nicht angepaßt.“3Quelle: Das Großzentrum Köln. Neuordnungsvorschlag der Stadt Köln zur kommunalen Gebietsreform. Herausgegeben von der Stadt Köln, 1972, Seite 5

Zweites Neugliederungsprogramm macht Köln zur Millionenstadt

Das „Gesetz zur Neugliederung der Gemeinden und Kreise des Neugliederungsraumes Köln“ trat am 1. Januar 1975 in Kraft und machte Köln, dank den Eingemeindungen 192.000 neuer Bürger kurzfristig zu Millionenstadt.

Die Bevölkerungsentwicklung Kölns. Mit den Eingemeindungen 1975 wurde Köln zur Millionenstadt - allerdings nur kurz. Bild: Summer ... hier! (Diskussion), CC0, via Wikimedia Commons
Die Bevölkerungsentwicklung Kölns. Mit den Eingemeindungen 1975 wurde Köln zur Millionenstadt – allerdings nur kurz. Bild: Summer … hier! (Diskussion), CC0, via Wikimedia Commons

Der größte „Fang“ für die Domstadt war mit 83.000 Menschen Porz, gefolgt von Rodenkirchen mit ca. 45.000 Bürgern, 24.000 aus Lövenich, 10.000 Neu-Bürger aus Esch und 4.000 aus Widdersdorf.  Außerdem wurde auch Wesseling mit ca. 25.000 Bürgern eingemeindet. Auch flächenmäßig machte Köln einen gewaltigen Sprung von 25.000 auf 47.000 Hektar.

Der „Kölner Polyp, der weit ins Land greift“

Bis heute trauern viele Gemeinden der verlorenen Eigenständigkeit nach. Besonders ausgeprägt ist diese Einstellung in Köln-Porz. Der Historiker Frank Schwalm nennt diesen Lokalpatriotismus „Porztümelei“.4Kölner Stadt-Anzeiger vom 26.01.2015 Dabei war, so Schwalm, „Porz eigentlich keine gewachsene Stadt. Sie entstand erst 1928 aus der Zusammenlegung von Wahn und Heumar“. Ein Redner in Düsseldorfer Landtag sprach in einer Sitzung sogar vom „Kölner Polyp, der weit ins Land greift“.

Die Porzer wehren sich, zunächst erfolgreich, gegen eine Eingemeindung
Die Porzer wehren sich gegen die Eingemeindung

So schlossen sich die Porzer, wie auch die Rodenkirchener, einer Klage der Wesselinger gegen die Eingemeindung an. Doch während Wesseling Recht bekam und zum 1. Juli 1976 wieder eigenständig wurde, seien Porz und Rodenkirchen, so der Verfassungsgerichtshof, „eng genug mit der Nachbarstadt verknüpft“ und blieben Teile der Stadt Köln.

Mit Wesseling verlor Köln aber nicht nur den Zugriff auf die lukrativen Gewerbesteuerzahler der chemischen Industrie, sondern auch den Status als Millionenstadt. Es sollte bis 2010 dauern, bis Köln sich wieder mit dem Titel „Millionenstadt“ schmücken durfte.

Karnevalspin aus dem Jahr 1975, Köln rühmt sich, Millionenstadt zu sein. Ein kurzes Vergnügen. Bild, Uli Kievernagel
Karnevalspin aus dem Jahr 1975, Köln rühmt sich „Millionenstadt“ zu sein. Ein kurzes Vergnügen. Bild, Uli Kievernagel

Repräsentanten-Entlassungsprogramm

Selbstverständlich fielen durch die Reform viele Pöstchen in der kommunalen Verwaltung weg. Schnell machte das Schlagwort vom „Repräsentanten-Entlassungsprogramm“ die Runde. Damit würde auch, so der Vorwurf, die Bürgernähe verloren gehen. Immerhin wurde durch die Gebietsreform die Anzahl der Gemeinden von 2.362 auf 396 gesenkt.

Dem Vorwurf der fehlenden Bürgernähe entgegnete man mit den neu eingerichteten Bezirksvertretungen. Allerdings sind diese Bezirksvertretungen bis heute weder mit den notwendigen finanziellen Mitteln noch mit ausreichenden Rechten ausgestattet, um das durch die Gebietsreform verloren gegangene Gefühl der kommunalen Mitwirkung kompensieren zu können.

Die Wesselinger wehren sich erfolgreich gegen die Eingemeindung nach Köln, Bild: Stadtarchiv Wesseling
Die Wesselinger wehren sich erfolgreich gegen die Eingemeindung nach Köln, Bild: Stadtarchiv Wesseling

Keine 0221-Telefonvorwahl in Sürth oder Porz

Bis heute sind die Auswirkungen der Gebietsreform spürbar. Je nach Stadtteil haben die Telefonanschlüsse, z. B. in Sürth oder auch in Porz, andere Vorwahlen. Die Verwaltung und Gerichtsbezirke wurden neu geregelt, so müssen bis heute die Kölner aus Zollstock, Raderberg oder Marienburg ihre neuen Pässe in Rodenkirchen abholen.

Durch die rückgängig gemachte Eingliederung Wesselings konnte sich zumindest der vermasselte Einsatz Kölner Feuerwehrleute, die kurz nach der Reform in Wesseling eingesetzt wurden, nicht wiederholen: Weil ihnen unbekannt war, dass Wesseling über ein eigenes Krankenhaus verfügte, fuhren sie mit einem Patienten bis nach Köln.

Und die Karnevalisten wählten nach „Seid umschlungen Millionen“ (Session 1974/75) das Motto der nachfolgenden Session weniger verfänglich und widmeten die Session 1975/76 ihrem geliebten Kölner Komponisten: „Sang und Klang mit Willi Ostermann.

Dagegen konnten auch die Wesselinger nicht klagen.


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Der Blog: Das Köln-Ding der Woche # Beitragsseite

Collage Köln-Ding allgemein

 

  • 2.000 Jahre Köln: Historisches
    In Köln ist in den letzten 2.000 Jahren viel passiert. Hier findet ihr ein paar der vielen, vielen Geschichten aus der Kölner Geschichte.  
  • Bauwerke & Plätze
    Auch die im 2. Weltkrieg so stark zerstörte Stadt Köln hat wunderschöne Bauwerke, Orte und Plätze. Oft sind diese allerdings gut versteckt.
  • Ein paar Fragen an …
    In meiner Reihe „Ein paar Fragen an …“ befrage ich Menschen aus Köln, die etwas zu erzählen haben.
  • Karneval
    Selbstverständlich nimmt die 5. Jahreszeit einen breiten Raum in unserer Stadt ein. Un et is härrlisch, Fastelovend ze fiere!
  • Köln im Krieg
    Der Krieg hat tiefe Wunden in der Domstadt hinterlassen. Zur „Stunde Null“ waren 80% der Gebäude in der Innenstadt zerstört.
  • Kölsche Persönlichkeiten
    Die alte Stadt am Rhein hat in den letzten zwei Jahrtausenden viele Persönlichkeiten hervorgebracht.
  • Kölsche Stöckelche
    Wenn der Kölsche von „Stöckelche“ spricht, dann meint er damit Anekdötchen.
  • Kölsche Tön
    Es gibt wahrscheinlich keine Stadt auf der Welt, die so oft besungen wird wie Köln.
  • Kölsche Wörter
    Die kölsche Sprache bietet wunderschöne Wörter. Und ein paar davon werden hier erklärt.
  • Kunst & Kultur
    Auch wenn es angesichts mancher Fehlplanungen oft schwer zu glauben ist: Köln ist auch eine Kulturstadt. 
  • Stimmen zum Köln-Ding der Woche
    Ein paar Abonnenten haben mir eine Rückmeldung zum „Köln-Ding der Woche“ gegeben. 
  • Karte zum Köln-Ding der Woche
    Fast alle „Köln-Dinger der Woche“ kann man sich anschauen. Falls ihr, unabhängig von einer Lotsentour, euch diese speziellen Seiten von Köln anschauen wollt, nutzt einfach diese Karte.

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