„Visitez ma tente“ = „Besuchen Sie mein Zelt“ ist eine schöne aber falsche Erklärung für das Wort „Fisimatente“
Wenn man dem Kölschen sagt: „Jetz mach doch nit alt widder su Fisimatenten!“ ist damit gemeint: „Jetzt stell dich doch nicht so an!“ oder: „Mach doch nicht solche Umstände!“. Die angesprochene Person sollte nicht alles so kompliziert machen.
Bekannte Erklärung mit dem Zelt ist falsch!
Meine beliebte Thekenumfrage in meiner Stammkneipe zu diesem Wort führte tatsächlich zu der sehr schönen, aber falschen Erklärung mit dem Franzosen und seinem Zelt.
Schätzungsweise 90% der Kölschen meinen, der Begriff geht darauf zurück, dass in der französischen Besatzungszeit (1794 – 1814) die französischen Soldaten in Zeltlagern lebten. Und natürlich übten die schönen kölschen Mädchen eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf die Soldaten aus, die diese daraufhin zu einem Besuch („visite“) in ihrem Zelt („tente“) einluden: „Visitez ma tente“.
Da ein solcher Besuch, genau wie ein Fisternöllchen, zu ganz besonderen Umständen hätte führen können, wurde aus „Visitez ma tente“ ganz schnell Fisimatente. Klingt schön, ist aber leider falsch.
Auch die Tante hat mit Fisimatenten nicht zu tun
Ebenfalls aus der französischen Besatzungszeit stammt die Erklärung mit dem Besuch bei der Tante: Wenn der Kölsche bei Kontrollen durch die französischen Besatzer mal wieder zu spät auf der Straße aufgegriffen wurde, wurde schnell die Ausrede „Je viens de visiter ma tante.“ („Ich habe gerade meine Tante besucht.“) gebraucht.
Klingt schön, ist aber leider ebenso falsch wie die Zelt-Erklärung.
Erklärung als (überflüssiger) Zierrat
Eine weitere Erklärung stammt aus der mittelhochdeutschen Sprache.1Mittelhochdeutsch wurde zwischen etwa 1050 und 1350 gesprochen. Damals existierte der Begriff „visamente“. Damit wurden Verzierungen oder Ornamente bezeichnet. Heute würde man das als Zierrat bezeichnen. Damit sind auch nicht wesentliche, eher umständliche, Dinge gemeint.
Eine Uhr mit vielen „visamente“, also reichlich (überflüssiger) Zierrat, Bild: Gordon Johnson, Pixabay
Und von „visamente“ zu „Fisimatente“ ist es kein weiter Weg. Daher passt die Erklärung „Mach doch nicht solche Umstände!“ zu Fisimatentche.
Wie immer lohnt sich ein Blick in den „Wrede“2Adam Wrede: Neuer Kölnischer Wortschatz, Greven Verlag Köln, das Standardwerk zur kölschen Sprache. Dort lautet es:
Fisematentche / Fisimatenten, volkstümlich umgebildet aus „visae patentes literae“ … ein ordnungsgemäß verdientes, schriftlich ausgefertigtes Patent. Das Fachwort wurde in Verspottung des Bürokratischen zum Begriff für unnötige Schwierigkeit, unnütze Arbeit, unnützes Getue, leere Redensarten, zwecklose Umstände.
Und da es nun mal viel Zeit brauchte und ein großer Aufwand nötig war, um ein ordnungsgemäß geprüftes Patent auszufertigen, könnte sich der Begriff tatsächlich aus daraus entwickelt haben. Alles, was unnötig kompliziert erscheint und lange dauert, wird somit zu Fisimatenten.
Und Dinge, die lange dauern und kompliziert sind, haben wir in Kölle reichlich: Oper, Kalkberg, Nord-Süd-Stadtbahn, Römisch-
Germanisches Museum, Dom Hotel, …
Der Eisgang 1784 in Köln, Kupferstich in der Sammlung Johann Conrad Thelen
Der Rhein ist Kölns Lebensader – und seit Jahrhunderten auch seine größte Bedrohung. Regelmäßig schaut der Fluß in der Stadt vorbei, meistens aber eher harmlos. Doch was sich im Winter 1783/1784 ereignete, übertraf alles, was die Kölner bis dahin mit „ihrem“ Rhein erlebt hatten.
Köln wurde vom schwersten bekannten Hochwasser seiner Geschichte getroffen. Innerhalb weniger Stunden verwandelte sich der zugefrorene Fluss in eine zerstörerische Naturgewalt, die Häuser, Schiffe und ganze Straßenzüge mit sich riss und tausende Menschen in existenzielle Not stürzte.
Der sogenannte „Jahrhundert-Eisgang“ von 1784 war kein lokales Unglück nur in Köln. Er war Teil einer europaweiten Katastrophe, ausgelöst durch extreme klimatische Bedingungen. Dennoch traf das Ereignis Köln mit besonderer Wucht. Der Rhein erreichte einen Pegelstand, der bis heute unübertroffen ist. Die Stadtmauer brach, Wasser drang bis zum Heumarkt vor, rund ein Drittel der Bevölkerung verlor Hab und Gut, viele auch ihre Unterkunft – manche ihr Leben.
Eindrucksvoll: Über dem Eingang der Kirche St. Maria Lyskirchen ist eine Hochwassermarke zur Eisflut 1784 angebracht. Bild: Photo by CEphoto, Uwe Aranas
Die Ursachen dieser Katastrophe lagen weit entfernt von Köln. Doch ihre Folgen machten am Rhein auf dramatische Weise sichtbar, wie eng das Schicksal der Stadt mit Naturereignissen und klimatischen Extremen verbunden ist.
Ein Winter von historischer Härte
Der Winter 1783/1784 zählt zu den extremsten Kälteperioden der frühen Neuzeit auf der nördlichen Hemisphäre. In Mitteleuropa, Nordamerika und Teilen Asiens sanken die Temperaturen über Wochen hinweg auf außergewöhnlich niedrige Werte. Flüsse froren zu, Handelswege brachen zusammen, die Versorgung der Bevölkerung geriet vielerorts ins Wanken.
In Köln herrschte über Wochen hinweg Dauerfrost. Im Januar 1784 fror der Rhein vollständig zu, die Eisschicht erreichte stellenweise eine Dicke von bis zu drei Metern. Zeitgenössische Berichte schildern, dass Menschen den Fluss zu Fuß überquerten und Fuhrwerke über das Eis fuhren. Was zunächst als außergewöhnliches Naturereignis wahrgenommen wurde, barg jedoch ein enormes Risiko, wie der Eisgang im Februar 1784 zeigen sollte.
Die extremen Wetterbedingungen waren Teil einer natürlichen Klimaschwankung, wurden jedoch durch außergewöhnliche vulkanische Aktivitäten verstärkt. Der Ausbruch des Laki-Kraters auf Island ab Juni 1783 schleuderte enorme Mengen an Asche und Schwefelgasen in die Atmosphäre. Die daraus entstandenen Aerosole verdunkelten den Himmel über weiten Teilen Europas und beeinflussten das Klima nachhaltig. Zeitgenossen berichteten von einem wochenlang anhaltenden „trockenen Nebel“, der die Sonne dämpfte und Atemnot verursachte. Die klimatischen Folgen dieses Sommers wirkten bis tief in den folgenden Winter hinein – mit verheerenden Konsequenzen.
Auch an der „Schmitz-Säule“ ist eine Hochwassermarke zur Jahrhundert-Eisflut von 1784 zu finden, Bild: Frank Vincentz, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Der Eisgang als zerstörerische Naturgewalt
Nach ungewöhnlicher Kälte im Winter 1783/84 – Berichten zufolge war der Rhein so stark zugefroren, dass Pferdefuhrwerke darüber fahren konnten – setzte im Februar 1784 plötzlich Tauwetter ein. Die Schneeschmelze im gesamten Einzugsgebiet des Rheins ließ die Wassermassen rasch anwachsen. Gleichzeitig begannen sich riesige Eisfelder aus dem Oberrhein zu lösen. Diese Eisschollen stauten sich an Engstellen des Flusses und bildeten massive Eisberge, die wie mobile Dämme wirkten.
Erfahrene Schiffsleute warnten früh vor der Gefahr eines plötzlichen Eisgangs bei weiter steigenden Temperaturen. Doch effektive Schutzmaßnahmen waren kaum möglich. Hochwasserschutz, wie er heute selbstverständlich ist, existierte nicht. Köln war dem Fluss ausgeliefert.
Am frühen Morgen des 27. Februar 1784 brach der Eisstau. Kanonenschüsse als Warnung kündigten an, dass sich die gewaltigen Eismassen in Bewegung gesetzt hatten. Vom Bayenturm aus rissen die Schollen alles mit sich, was sich ihnen in den Weg stellte. An der Kaimauer befestigte Schiffe, Kräne und Hafenanlagen wurden losgerissen und zerstört.
Der Rhein schwoll binnen kurzer Zeit auf einen Pegelstand von rund 13,55 Meter an – mehr als das Vierfache des Normalpegels. Die Fluten, auf denen tonnenschwere Eisschollen trieben, wirkten wie Abrissbirnen. Die Folge: Zerstörte Uferbefestigungen, Gebäude und Schiffe. Teile der Stadtmauer brachen ein, zahlreiche Häuser stürzten ein oder wurden später durch Unterspülung unbewohnbar.
Der Philosophieprofgessor Johann Leonhard Thelen: ist einer der wichtigsten Zeitzeugen der Eisflut 1784
Zeitzeuge Thelen berichtet
Einer der wichtigsten Zeugen der Eisflut 1784 war Johann Leonhard Thelen, Professor für Philosophie in Köln. In seiner Schrift „Ausführliche Nachricht von dem erschrecklichen Eisgange“ berichtete er:
„Die Fluten, die bereits eine ganz ausserordentliche Höhe erreichet hatten, stürzten Eis auf Eis auf unsere Stadt mit so reissender Gewalt, als sollte dieser Tag für uns der letzte sein. […] Die Einwohner der niedrigen Gegenden flüchteten aufwärts von Stock zu Stock; das Wasser stieg nach, und drohete die Flüchtlinge mancher Orte auf den Speichern zu ergreifen. […] Sie wollten fliehen, aber das schnell aufschwellende Gewässer, das nach einer bestätigten Beobachtung binnen einer Viertelstunde auf 5 Fus anwuchs, hatte jederman die Wege zum Fliehen verleget. […] In den Speicherfenstern, auf den Dächern sah man hunderte Menschen in blasser Todesnoth die Hände ringen; und um Hilfe flehen: aber wie konnte man tausende auf einmal retten!“
Verwüstung, Not und bleibende Erinnerung
In Köln selbst kamen nach zeitgenössischen Berichten mindestens 35 Menschen ums Leben, andere Quellen sprechen von noch höheren Opferzahlen. Etwa 15.000 Einwohnerinnen und Einwohner – rund ein Drittel der damaligen Bevölkerung – verloren ihr Hab und Gut. Rund 60 Schiffe und Kähne wurden zerstört oder fortgerissen. Große Teile der wirtschaftlichen Infrastruktur der Stadt lagen in Trümmern.
Stahlstich der Eisflut des Jahres 1784 in Mülheim von Steven Goblé,(1749-1799), Public domain, via Wikimedia Commons
Besonders schwer traf die Eisflut die damals noch eigenständige Stadt Mülheim. Dort nahm ein Teilstrom des Rheins zeitweise seinen Lauf direkt durch den Ort. Zwei Drittel des Stadtgebiets standen unter Wasser. Von 420 Häusern wurden 161 vollständig zerstört, mehr als 100 weitere stark beschädigt. Mindestens 21 Menschen verloren ihr Leben, rund 1.800 wurden obdachlos. Der wirtschaftliche Schaden belief sich auf etwa 750.000 Gulden – eine Summe, die die damals eigenständige Stadt Mülheim an den Rand des Ruins brachte.
Aus Köln wurde bereits wenige Tage später Nothilfe organisiert. Brote und Lebensmittel wurden geliefert und unabhängig von Religion oder Herkunft verteilt – ein frühes Zeichen städtischer Solidarität in einer Zeit größter Not.
Hochwasserschutz in Köln heute: Lehren aus der Geschichte
Mehr als 240 Jahre nach der Eisflut von 1784 ist Köln deutlich besser auf Hochwasser vorbereitet. Dennoch gilt auch heute: Einen absoluten Hochwasserschutz gibt es nicht. Schäden lassen sich jedoch durch gezielte Vorsorge deutlich reduzieren. Dazu zählen die Flächenvorsorge, bei der möglichst kein Bauland in hochwassergefährdeten Gebieten ausgewiesen wird, sowie die Bauvorsorge mit hochwasserangepassten Bauweisen und Nutzungen.
Die Geschichte der Eisflut von 1784 zeigt, wie verwundbar Köln einst war. Der heutige Hochwasserschutz ist das Ergebnis dieser Erfahrungen – und zugleich ein Hinweis darauf, dass Wachsamkeit und Vorsorge auch in Zukunft unerlässlich bleiben.
Postkarte (um 1890) mit Blick über den Sicherheitshafen, Fotograf/Urheber: unbekannt
Eine direkte Folge des Eisgangs war auch die Forderung der Rheinschiffer, nach einem Schutz vor solchen Verwüstungen. Diese Forderung deckte sich auch mit den militärischen Interessen der französischen Besatzungsmacht, Schiffe in einem geschützten Bereich unterzubringen.
Die Hochwasserschutzwand an der Deutzer Brücke, aufgebaut bei einer Hochwasserschutzübung 2018, Bild: 1971markus@wikipedia.de / CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Hochwasserschutz in Köln heute
Der Kölner Pegel dient als zentrales Steuerungsinstrument aller Hochwasserschutzmaßnahmen. Bereits ab etwa 4,50 Metern werden erste Schutzmaßnahmen im Kanalnetz eingeleitet. Bei fünf Metern wird der untere Bereich des Rheinboulevards gesperrt, ab 5,50 Metern gilt der erste Informationswert. Mit weiter steigenden Pegeln folgen umfangreiche Maßnahmen: Pumpwerke gehen in Betrieb, mobile Wände werden aufgebaut, Promenaden und Stadtteile gesichert oder gesperrt.
Ab sieben Metern laufen großflächige Schieberprogramme im Kanalnetz, bei acht Metern sind zahlreiche Hochwasserpumpwerke im Einsatz. Ab Pegelständen über zehn Metern greifen höchste Einsatzstufen, bei denen Feuerwehr, Stadtverwaltung, Energieversorger, Hilfsorganisationen und weitere Stellen gemeinsam den Hochwasserschutz koordinieren.
Maßnahmenplan Hochwasserschutz
Die StEB hat einen detaillierten Maßnahmenplan1Quelle: Stadtentwässerungsbetriebe Köln, Anstalt des öffentlichen Rechts (StEB Köln), abgerufen am 3. Februar 2026 zum Hochwasserschutz veröffentlicht:
Kölner Pegel (KP)
Ereignis
2,97 m
Mittelwasser des Rheins in Köln (statistisch berechneter 10 Jahres-Mittelwert aller Wasserstände)
4,50 m
Im Kanalnetz werden erste Hochwasserschutzmaßnahmen durchgeführt.
5,00 m
Unterer Bereich des Rheinboulevards wird gesperrt.
5,50 m
Informationswert 1 (≥ 5,50 m – < 7,00 m KP)
5,50 m
Der Leinpfad ist stellenweise schon angeflutet und muss bereits abgesperrt sein.
5,80 m
Parkplatz an der Bastei wird gesperrt.
6,00 m
Bereits 5 reine Hochwasserpumpwerke sind in Betrieb.
6,30 m
Parkplatz an der Bastei ist überflutet.
6,80 m
Hubtor in Köln Rodenkirchen ist geschlossen.
7,00 m
Informationswert 2 (≥ 7,00 m – < 10,70 m KP)
7,00 m
Großes Schieberprogramm im Kanalnetz; über 250 Maßnahmen im Kanalnetz sind durchgeführt worden inkl. der Installation von Hochwasserverschlussdeckeln.
12 Hochwasserpumpwerke sind in Betrieb; die großen Pumpwerke (z. B. an der Messe) können bis zu 15.000m³/ h fördern.
Im Rodenkirchener Auenviertel werden erste mobile Wände aufgebaut.
In Porz Zündorf wird die Groov geflutet.
8,00 m
Zahlreiche Schieber im Kanalnetz werden bedient; 22 reine Hochwasserpumpwerke sind in Betrieb.
8,10 m
Promenade der Kölner Altstadt wird angeflutet.
8,50 m
Köln Kasselberg wird vom Hochwasser umschlossen. Der Stadtteil ist nur noch mit watfähigen Fahrzeugen zu erreichen (Fahrdienst).
Im Kanalnetz sind 500 Maßnahmen durchgeführt worden.
8,60 m
Erste Zugänge in der Hochwasserschutzmauer sind mit mobilen Elementen im Rheingarten (Altstadt) geschlossen.
8,80 m
Fertigstellung der mobilen Wand auf dem Marktplatz in Porz Zündorf.
9,00 m
Die Hochwasserzentrale wird je nach Steigerungsrate durch weitere Fachbereiche in der Einsatzzentrale unterstützt (Berufsfeuerwehr, Amt für Verkehrsmanagement, Polizei, RheinEnergie, DLRG, THW).
9,30 m
Der Fahrdienst in Köln Kasselberg wird zum Fährdienst (Einsatz von Booten).
10,00 m
Der Rheinufertunnels ist geschlossen.
10,70 m
Informationswert 3 (≥ 10,70 m KP)
10,70 m
Die mobile Schutzwand auf dem Marktplatz in Porz Zündorf wird überflutet. Es besteht keine Gefahr oberhalb des Marktplatzes.
24 reine Hochwasserpumpwerke sind in Betrieb.
> 10,70 m
Leitung des gesamten Hochwassereinsatzes geht von den StEB Köln an die Stadt Köln zurück.
Das Mahnmal für die schwulen und lesbischen Opfer des Nationalsozialismus in Köln, Bild: Franz-Josef Knöchel / LVR
Regelmäßig besuche ich bei der Lotsentour Innenstadt mit meinen Gruppen auch das „Rosa Winkel Mahnmal“. Und immer wieder stelle ich fest, dass selbst Urkölsche dieses Denkmal nicht kennen – obwohl sie schon hundertmal daran vorbeigelaufen sind. Die Rede ist von dem „Mahnmal für die schwulen und lesbischen Opfer des Nationalsozialismus in Köln“. Dabei steht dieses Denkmal an sehr prominenter Stelle: direkt am Rhein, fast unterhalb der Hohenzollernbrücke. Und trotzdem laufen alle daran vorbei. Und das bereits seit 1995. Damals wurde das Denkmal feierlich im Rahmen der Cologne Pride enthüllt. Aus heutiger Sicht erstaunlich: Der damalige Oberbürgermeister Norbert Burger hatte bei der feierlichen Enthüllung des Mahnmals seinen ersten Auftritt im Rahmen eines CSD. Heute ist die Teilnahme an den Feierlichkeiten des CSD Pflichtprogramm für die Vertreter der Politik. So hat in diesem Jahr unsere Oberbürgermeisterin Henriette Reker die Regenbogen-Flagge enthüllt und die Parade eröffnet.
Streit um Aufstellungsort
Die Vorgeschichte des Denkmals beginnt bereits 1990. Die Initiative ging von Jörg Lenk, aktiv im Arbeitskreis Lesben und Schwule der Gewerkschaft ÖTV in Köln, aus. Drei Jahre später gab es eine Ausschreibung zur Gestaltung des Denkmals. Kritisch diskutiert wurde vor allem der sehr prominente Aufstellungsort.
Dabei ist gerade dieser Platz für die homosexuellen Kölner von besonderer Bedeutung. Hier stand bis zum Zweiten Weltkrieg ein Pissoir, welches zum beliebten Treffpunkt schwuler Männer wurde. Nach der Zerstörung des Pissoirs verlagerte sich die Szene in die (heute geschlossenen) Treppentürme der Hohenzollernbrücke.
Der „Schwulen-Paragraph“ 175
Nicht vergessen: Noch bis in das Jahr 1994 galt der „Schwulen-Paragraph “ 175. Dieser Paragraph stellte homosexuelle Handlungen unter Strafe. Anonyme Treffpunkte für Schwule waren daher von besonderer Bedeutung.
Bereits 1922 veröffentlichte der Publizist Kurt Hiller unter dem Titel „Die Schmach des Jahrhunderts“ eine Aufsatzsammlung gegen den Paragrafen 175
Paragraf 175 Strafgesetzbuches wurde bereits im Deutschen Kaiserreich eingeführt
Ein großes DANKE an Antonia Frinken. Sie hat sich mit der Geschichte des Paragraf 175 auseinandergesetzt und mir erlaubt, ihre Zusammenfassung hier zu veröffentlichen.
„Der Paragraf 175 des Strafgesetzbuches galt von 1871 bis 1994 und bezog sich auf sexuelle Handlungen zwischen Männern. Im Nationalsozialismus wurde er im Jahr 1935 verschärft: Waren bis dahin „beischlafähnliche Handlungen“ strafbar, so drohten nun Haftstrafen für das bloße Anschauen oder Berühren.
Während dieser Paragraf in der DDR zunächst auf unterschiedliche Weise ad acta gelegt wurde, bestand er in der Bundesrepublik bis zur ersten Reformierung 1969 in der Fassung von 1935 fort. Die Große Koalition unter Bundeskanzler Kiesinger hob das Totalverbot gleichgeschlechtlicher Handlungen zwischen Männern auf. Aber homosexuelle Prostitution und Ausnutzung von Dienstverhältnissen und Machtgefällen standen weiterhin unter Strafe. Das Schutzalter für homosexuelle Handlungen zwischen männlichen Personen lag zudem bei 21 Jahren und war somit höher als für heterosexuelle Handlungen.
Eine zweite, weitreichendere Reformierung des Paragrafen 175 erfolgte 1973 unter dem Kabinett Brandt II, die unter anderem die Absenkung des Schutzalters von 21 auf 18 Jahre beinhaltete. Erst 1994 wurde der Paragraf 175 ersatzlos gestrichen und das Schutzalter für homosexuelle und heterosexuelle Handlungen angeglichen.
2002 beschloss der Bundestag gegen Stimmen von CDU/CSU und FDP die Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile und damit auch die Rehabilitierung der zwischen 1935 und 1945 unter dem Paragrafen 175 Verurteilten. Nachfolgende Anträge zur Rehabilitation der Verurteilten nach 1945 wurden bis 2017 abgelehnt, als alle Verurteilten, deren Sexualpartner seinerzeit 16 Jahre oder älter waren, rehabilitiert wurden. Zahlreiche Opfer des Paragrafen 175 erlebten die Rehabilitationen von 2002 beziehungsweise 2017 jedoch nicht mehr mit.
Sexuelle Handlungen unter Frauen wurden unter dem Paragrafen 175 zu keiner Zeit verfolgt, waren aber gesellschaftlich stigmatisiert. Die lange Geschichte der Verfolgung sexueller Minderheiten zeigt die Wichtigkeit geheimer Treffpunkte zur Schaffung von Gemeinschaft auf.“
„Kameradschaft-Ehe“
Um der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entgehen waren Scheinehen ein häufig gewählter Ausweg. Dabei heirateten homosexuelle Männer und Frauen, um den Schein der Konformität zu wahren. Es gab aber auch Ehen zwischen homosexuellen Männern und heterosexuellen Frauen. Der Vorteil für beide Seiten: Absicherung gegenüber der Verfolgung bei den Männern und soziale Absicherung der Frauen.
In Zeitungsanzeigen wurden für diese Arrangements spezielle Begriffe wie „Kameradschafts-Ehe“ oder „Heirat vor der Welt“ verwendet. Auch Formulierungen in den Anzeigen wie „Eine Frau, die mich versteht.“ oder „… die meine Neigungen respektiert“ wurden verwendet.
Aus dem Lehrmaterial der SS: Übersicht der Kennzeichnungen für Häftlinge, Bild: Bundesarchiv, Bild 146-1993-051-07 / Unknown / CC-BY-SA 3.0
Rosa Winkel kennzeichnete homosexuelle Männer im Konzentrationslager
Das Mahnmal ist dem „Rosa Winkel“ nachempfunden. In den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten musste jeder Häftling eine spezielle Kennung als Aufnäher an der Jacke oder Hemd tragen. Zwei gegenläufige Winkel, die den „Judenstern“ ergaben, kennzeichneten Juden. Ein roter Winkel stand für politische Gefangene. Einen lila Winkel mussten Zeugen Jehovas tragen. Weitere Aufnäher standen z.B. für Sinti und Roma oder Berufsverbrecher. Der „Rosa Winkel“ war die Kennzeichnung homosexueller Männer.
Dieser „Rosa Winkel“ wurde später international zum Symbol der Homosexuellen. Heute hat allerdings die Regenbogenflagge eine wesentlich größere Popularität in der LGBT1Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender, also Lesbisch, Schwul, Bisexuell und Transgender-Szene.
Der „Rosa Winkel“, gehalten durch graue Keile, Bild: Franz-Josef Knöchel, LVR
Das Denkmal besteht aus diesem „Rosa Winkel“, welcher links und rechts von grauen Keilen gehalten wird. Der Künstler Achim Zinkann dazu: „ … In der Skulptur entsteht eine Korrespondenz zwischen den Keilen. Druck, Gegendruck und Reibung sind Voraussetzungen für den Gesamtzusammenhalt. Wird einer der Keile entfernt, verliert mindestens ein anderer den Halt. Das Gefüge wird zerstört …“
Inschrift des Mahnmal für die schwulen und lesbischen Opfer des Nationalsozialismus in Köln, Bild: Uli Kievernagel
Auf der Oberseite ist die Inschrift:
Totgeschlagen – Totgeschwiegen Den schwulen und lesbischen Opfern des Nationalsozialismus
eingemeißelt. In den Konzentrationslagern des NS-Regimes wurden etwa 10.000 homosexuelle Männer inhaftiert und mehr als die Hälfte davon ermordet, schätzt der Soziologe Rüdiger Lautmann.
Wenn ihr demnächst in der Innenstadt unterwegs seid, nehmt euch die Zeit und schaut euch dieses Denkmal an. Leider stelle ich regelmäßig fest, dass sich der „Rosa Winkel“ nicht im besten Zustand befindet.
Es wäre wünschenswert, wenn dort öfters mal jemand vorbeischaut und die Würde des Mahnmals sicherstellt.
Hoch zu Pferd: Zwei Husaren im Einsatz, Bild: Public Domain
Jeder Kölsche kennt dieses Lied:
Es war einmal ein treuer Husar
Der liebt´ sein Mädchen ein ganzes Jahr
Ein ganzes Jahr und noch viel mehr
die Liebe nahm kein Ende mehr.
Dieses Lied singen wir Kölner an Karneval voller Inbrunst. Auch wenn es so absolut nichts mit dem Karneval zu tun hat – dä Fastelovend kommt in dem Lied an keiner Stelle vor.
Und was kaum jemand weiß: Eigentlich ist dieser schmissige Marsch ein sehr trauriges Lied. Doch da in Köln immer nur die erste Strophe gesungen wird, kennt kaum jemand den ernsten Hintergrund. Denn das Lied hat insgesamt zwölf Strophen. Dabei geht es um Liebe, Tod und viele Tränen.
Trömmelche un Tränche
Tatsächlich wird die große Liebe eines jungen Husaren besungen. „Husaren“ waren damals eine militärische Einheit, die aus zu Pferd kämpfenden Soldaten besteht. Heute sind die „Treuen Husaren“ eines der Traditionskorps in Köln.
Dieser junge, im Lied namenlose Husar erhält die Nachricht, dass seine Liebste zuhause todkrank ist. Und entgegen jeder militärischen Gepflogenheit meldet er sich nicht ab, sondern schwingt sich aufs Pferd und reitet los:
Und als der Knab’ die Botschaft kriegt,
Daß sein Herzlieb am Sterben liegt,
Verließ er gleich sein Hab und Gut,
Wollt seh’n, was sein Herzliebchen tut.
Er kommt gerade noch rechtzeitig, um sich von seiner Geliebten zu verabschieden. So lautete es im Text, als er an ihr Sterbebett tritt:
Grüß Gott, grüß Gott, Herzliebste mein!
Was machst du hier im Bett allein?“
„Hab dank, hab Dank, mein treuer Knab‘!
Mit mir wird’s heißen bald: ins Grab!“
Tatsächlich stirbt sie in seinen Armen. Eine Geschichte voller Schmerz, bei der man an so ziemlich an alles denkt – nur nicht an Karneval:
Er nahm sie gleich in seinen Arm,
Da war sie kalt und nimmer warm;
Und als das Mägdlein gestorben war,
Da legt er’s auf die Totenbahr.
Willy Millowitsch (1909 – 1999 ) sang den Marsch vom „Treuen Husar“
Karneval kann auch Tiefe
Aber in Kölle läuft vieles anders. Hier wird aus der tieftraurigen Ballade ein Karnevalsmarsch. Seit über hundert Jahren ertönt beim Schunkeln in der Kneipe, auf den Karnevalssitzungen oder im Rosenmontagszug aber immer nur die erste Strophe.
Besonders bekannt ist die sehr schmissige Version von Willy Millowitsch, die kann jeder Karnevalist auch noch nach dem 15. Kölsch mitsingen. Und dabei verkennen die Kölschen die ganze Tragik.
Vom Volkslied zur kölschen Hymne
Dabei hat der „Treue Husar“ mit Köln nicht viel zu tun. Die Spuren des Lieds führen bis ins 18. Jahrhundert zurück. Verschiedene Versionen finden sich in Volksliedsammlungen quer durch Deutschland. Und in den meisten Versionen wurde auch kein „Treuer Husar“, sondern ein „Roter Husar“ besungen.
Mitglieder der KG Treuer Husar Blau-Gelb von 1925 e.V. im Rosenmontagszug, Bild: Yogibaer08720, via Wikimedia Commons
Erst Heinrich Frantzen machte 1924 aus dem Lied einen Marsch. Das Traditionskorps „Treuer Husar“ bezeichnet das Lied als „vereinseigenen Büttenmarschs“ und bescheinigt sogar in typisch kölscher Bescheidenheit dem Lied einen „weltweiten Siegeszug“. So lautet es in der Chronik des Vereins:
1926: Mit dem ersten öffentlichen Auftritt der Husaren begann der weltweite Siegeszug des vereinseigenen Büttenmarschs „Es war einmal ein treuer Husar“, komponiert von Heinrich Franzen. Dessen Sohn Jupp Franzen schrieb später den heute geläufigen Text dazu. 1„Unsere Husarenchronik von 1925 bis heute“, KG Treuer Husar Blau-Gelb von 1925 e.V. https://treuerhusar.de/gesellschaft/historie/, abgerufen am 09.09.2025
Ob es sich tatsächlich um einen „weltweiten Siegeszug“ handelt, bleibt offen. Aber eindeutig wird dieses Lied erst seit diesem Zeitpunkt mit dem Karneval in Verbindung gebracht. Und wurde zur kölschen Hymne. Allerdings nur die erste Strophe.
Der „Karnevalsphilosoph“ Wolfgang Oelsner, Bild: Nicola, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Karneval kann so viel mehr als Trallala
Einen ganz besonderen Moment hat das Lied vom „Treuen Husar“ am 11. Juli 2025 erlebt. Dem „Karnevalsphilosoph“ Wolfgang Oelsner wurde an diesem Tag den Rheinlandtaler verliehen.2Der „Rheinlandtaler“ wurde 1976 vom Landschaftsverband Rheinland (LVR) ins Leben gerufen, um „hervorragende Verdienste um die rheinische Kulturpflege“ zu ehren.
Ein bemerkenswerter Moment bei dieser Verleihung war die Dankesrede von Wolfgang Oelsner. In dieser Rede präsentierte er die „Anderswelt Karneval“. Oelsner erklärte darin auch, dass „Karneval so viel mehr kann als Trallala, er kann auch Substanz.“ Und er erklärte dies am Beispiel des Lieds vom „Treuen Husar“. Der Kölner-Stadt-Anzeiger berichtete von dieser Veranstaltung:
Die virtuose Stadtkapelle schmetterte den Marsch, so wie ihn der Militärkapellmeister Heinrich Frantzen 1924 komponiert hat. Dann sang Ex-Bläck Fööss Sänger Kafi Biermann mit der Band Knippschaff den kompletten Text des alten Volksliedes so leise und fein arrangiert, dass manchem im Saal die Tränen kamen. So spürte jeder, was Oelsner meint, wenn er vom „Wechselbad der Gefühle“ berichtet, in dem Melancholie auf Lebenslust trifft. 3Kölner-Stadt Anzeiger vom 12. Juli 2025
Das Glockenspiel am 4711-Haus in der Glockenglasse spielt stündlich das Lied „Der Treue Husar“, Bild: Raimond Spekking
Und so singen wir Kölschen weiter aus voller Brust das Lied von dem doch so treuen Husaren – mit flotten Rhythmus und eingängiger Melodie.
„Der treue Husar“ wird auch stündlich4zwischen 9 bis 19 Uhr von dem Glockenspiel im 4711-Stammhaus in der Kölner Glockengasse gespielt.
Aber auch hier erklingen immer nur ein paar wenige Töne, die nicht erahnen lassen, welche traurige Wendung das Lied nimmt.
Es war einmal ein treuer Husar,
Der liebt’ sein Mädchen ein ganzes Jahr,
Ein ganzes Jahr und noch viel mehr,
Die Liebe nahm kein Ende mehr.
Der Knab’ der fuhr ins fremde Land,
Derweil ward ihm sein Mädchen krank,
Sie ward so krank bis auf den Tod,
Drei Tag, drei Nacht sprach sie kein Wort.
Und als der Knab’ die Botschaft kriegt,
Daß sein Herzlieb am Sterben liegt,
Verließ er gleich sein Hab und Gut,
Wollt seh’n, was sein Herzliebchen tut.
Ach Mutter bring’ geschwind ein Licht,
Mein Liebchen stirbt, ich seh’ es nicht,
Das war fürwahr ein treuer Husar,
Der liebt’ sein Mädchen ein ganzes Jahr.
Und als er zum Herzliebchen kam,
Ganz leise gab sie ihm die Hand,
Die ganze Hand und noch viel mehr,
Die Liebe nahm kein Ende mehr.
„Grüß Gott, grüß Gott, Herzliebste mein!
Was machst du hier im Bett allein?“
„Hab dank, hab Dank, mein treuer Knab‘!
Mit mir wird’s heißen bald: ins Grab!“
„Grüß Gott, grüß Gott, mein feiner Knab.
Mit mir wills gehen ins kühle Grab.“
„Ach nein, ach nein, mein liebes Kind,
Dieweil wir so Verliebte sind.“
„Ach nein, ach nein, nicht so geschwind,
Dieweil wir zwei Verliebte sind;
Ach nein, ach nein, Herzliebste mein,
Die Lieb und Treu muß länger sein.
Er nahm sie gleich in seinen Arm,
Da war sie kalt und nimmer warm;
„Geschwind, geschwind bringt mir ein Licht!
Sonst stirbt mein Schatz, daß’s niemand sicht.“
Und als das Mägdlein gestorben war,
Da legt er’s auf die Totenbahr.
Wo krieg ich nun sechs junge Knab’n,
Die mein Herzlieb zu Grabe trag’n?
Wo kriegen wir sechs Träger her?
Sechs Bauernbuben die sind so schwer.
Sechs brave Husaren müssen es sein,
Die tragen mein Herzliebchen heim.
Jetzt muß ich tragen ein schwarzes Kleid,
Das ist für mich ein großes Leid,
Ein großes Leid und noch viel mehr,
Die Trauer nimmt kein Ende mehr.
Die „11“ – eine für den Fastelovend ganz wichtige Zahl. Bild: Jörg Sabel / pixelio.de
Die „11“ ist die wichtigste Narrenzahl. Am 11.11. – jeiht et met däm Fastelovend loss. Der Startschuss ist – wie sollte es auch anders sein – um 11.11 Uhr. Doch was hat es mit dieser Zahl 11 auf sich? Und warum haben die Jecken sich diese Zahl einfach unter den Nagel gerissen? Tatsächlich gibt es viele Erklärungsansätze, warum tatsächlich die 11 die Narrenzahl ist.
Die 11 als als Symbol der Gleichheit
Am einfachsten ist die Erklärung, dass bei der 11 die beiden Ziffern 1 und 1 einträchtig nebeneinander stehen – als Symbol der Gleichheit im Karneval. Soll bedeuten: Egal, ob du Millionär oder armer Schlucker bist: Im Kostüm sind alle Jecken gleich.
Eine Zahl ohne „Regeln“
Komplexer wird es bei der Deutung der 11 als Zahl, welche sich nicht den Regeln unterwirft. Während sich die 12 hervorragend teilen lässt, ist die 11 als Primzahl nicht teilbar. Man kann sie nicht mehr mit den Fingern beider Hände abzählen. Und sie überschreitet die Ordnung, die durch die 10 Gebote gegeben wurde. Deshalb hat das kölsche Grundgesetz ja auch 11 Gebote.
Egalité – Liberté – Fraternité wird als „ELF“ abgekürzt
Eine andere Herleitung ist, dass sich die Narrenzahl 11 auf die Französische Revolution bezieht: Die Abkürzung der Begriffe Egalité – Liberté – Fraternité lautet ELF. Schöne Geschichte, aber nicht wahr. Allein schon die Tatsache, dass 11 als Zahl der Jecken schon lange vor der Zeit der Französischen Revolution belegt ist, widerlegt diese These.
Lohn und Pacht waren am 11.11. fällig
Einleuchtender ist die Deutung, dass am 11.11., dem Fest des St. Martin, das bäuerliche Jahr zu Ende ging. Pachtzahlungen wurden an diesem Tag fällig und die Knechte und Mägde bekamen ihren Lohn ausgezahlt. Es war also genug Geld im Umlauf, um es so richtig krachen zu lassen.
Elferrat der Stunksitzung mit Präsidentin Biggi Wanninger, Bild: Renate Lehmann
Der Elferrat – eine Erfindung aus Aachen
Bitter für die Kölner: Der Elferrat scheint keine kölsche Erfindung zu sein, sondern wurde aus Aachen importiert, so schreibt Thomas Töller:
„Denn während in den Statuten der Florresei1Die Florresei ist ein 1829 in Aachen gegründeter Karnevalsvereinvon 1829 explizit elf Würdenträger benannt werden, finden sich offenbar keine Quellenbelege, die für die Zeit vor 1830 auf eine ähnliche Bedeutung der Zahl Elf sowohl im Kölner als auch Düsseldorfer Karneval schließen lassen. (…) im Jahre 1829 war in den Statuten der Florresei der Grundstein für die Entstehung des elfköpfigen Vereinsvorstandes gelegt worden, der sich schnell zum charakteristischen Führungsgremium aller närrischen Vereine entwickelte.“2Thomas Töller: 150 Jahre Aachener Karnevalsverein gegr. 1859 e. V. 1859 Mit närrischem Frohsinn WIDER DEN TIERISCHEN ERNST 2009. Kuper Eschweiler 2009, S. 19, 234.
Jecke Jubiläen – von „11“ bis „444“
Die Zahl „11“ bedingt aber auch, dass es in Köln fast inflationär viele Jubiläen gibt. Während im Rest von Deutschland die „Runden Jubiläen“ wie „25 Jahre“, „50 Jahre“ oder „100 Jahre“ gefeiert werden, gibt es in Köln zusätzlich noch die „Jecken Jubiläen“. Deswegen kann der Kölsche auch den 44. Geburtstag oder ein (Karnevals-)Verein sein 77jähriges Bestehen feiern. Und in Köln wundert sich niemand darüber.
Ein echt kölsche Jubiläum: Zum 55. Jubiläum spendierte sich die „Lachende Kölnarena“ selbst diesen Orden.
Die „11“ ist in Köln mehr als nur eine Zahl
Die Zahl „11“ ist im Karneval weit mehr als ein Datum oder eine Uhrzeit – sie steht sinnbildlich für Gleichheit, Regelbruch und die jecke Freiheit. Ob als Ausdruck karnevalistischer Werte, als historisch gewachsener Termin zum Feiern nach dem Ende des bäuerlichen Jahres oder als organisatorische Grundlage mit dem Elferrat: Die 11 hat sich fest im rheinischen Brauchtum verankert. Ihre besondere Bedeutung zeigt sich bis heute in jecken Jubiläen und Traditionen, die Köln und den Karneval einzigartig machen.
Weitere Erklärungen zur „11“
Nach der Veröffentlichung haben mich Leser*innen angeschrieben und weitere Erklärungsansätze zu Bedeutung der Zahl „11“ geliefert:
Petra meint, dass es völlig klar wäre: Der Anfangsbuchstabe unserer Stadt ist „K“ – und „K“ steht an 11ter Stelle im Alphabet.
Dieses Lied der Bläck Fööss ist schon 1984 erschienen, aber es ist heute1 Stand: 13. Januar 2026 tatsächlich äußerst erstaunlich, wie aktuell der Text von „Mir klääve am Läävve“ ist. Spiegelt man die Zeilen auf unsere aktuelle Zeit stellt man erstaunlich viele Parallelen fest.
„Un wenn ihr meint,
dat et sech’rer weed,
wemmer jet rüsten deit.“
Der Krieg, von Russland verharmlosend „Spezialoperation“ genannt, begann am 24. Februar 2022. Schon seit vier Jahren wird in der Ukraine geschossen, bombardiert und es sterben Menschen.
In Washington regiert ein vollkommen irrer, selbstsüchtiger Präsident, der seine Meinung schneller wechselt als der Köbes ein Kölsch bringt. Ein Präsident, der die Unterstützung von knallharten wirtschaftlichen Forderungen abhängig macht. Die eigentliche Stärke der NATO zebröselt gerade wie ein Zwieback.
Die Bundesregierung versucht, trotz leerer Taschen mit einem „Sondervermögen“, welches nur aus Schulden besteht, massiv aufzurüsten. Gleichzeitig wird auch wieder die Wehrpflicht diskutiert.
„uns kritt keiner klein“
Auch ein Despot wie Putin oder der Berufsmobber Trump können uns nicht unterkriegen. Denn der Karneval ist in Krisenzeiten so etwas wie das ultimative „et hätt noch immer joot jejange“ der Kölschen in Krisenzeiten. Ejal wat passiert – mir fiere trotzdem.
Aber: An den Sorgen schunkeln wir nicht vorbei! Wir stellen uns den Herausforderungen – auf kölsche Art.
„Wenn ihr meint, dat dä janzen Dreck Platz do am Himmel hätt.“
Nicht erst durch „Fridays für Future“ wird klar, dass wir die Klimaziele kaum noch erreichen können. Und wenn der ein oder andere Politiker von der sauberen Kernenergie schwafelt oder „technikoffen“ die CO2-Emissionen bekämpfen will, ohne irgendeinen Plan zu haben, kann man nur mit dem Kopf schütteln.
Die Klimakrise ist keine dahin fantasierte Geschichte wie die Heinzelmännchen, sondern basiert auf Wissenschaft, auf Fakten. Und die Krise ist schon längst da – und verschärft sich zunehmend.
„Wenn ihr meint, wä am lauteste schreit, wör em Räch“
Leider gehen immer mehr Menschen Verschwörungstheoretikern und Rechtspopulisten auf den Leim. Vermeintliche einfache Lösung für eine immer komplizierter werdende Welt erhalten den Vorzug vor den zugegebenermaßen manchmal zermürbenden demokratischen Prozessen.
Wenn man das alles zusammenfasst, muss man konstatieren: Die Fööss treffen mit diesem Lied aus dem Jahr 1984 (!) immer noch den Nagel auf den Kopf.
Wat bedeutet das jetzt?
Sollen wir alle zu Hause bleiben, um das Übel der Welt beweinen? Nä! Die Antwort darauf gibt der Refrain des Lieds:
Denn mir Kölsche, mir klääve, wie d’r Düvel am Lääve. Uns Kölsche nimmp keiner – ejal wat och weed, dä Spaß für ze laache, dä Bock jet ze maache. Mir klääve am Lääve, uns kritt keiner klein.
Was 1984 und 1991 galt, gilt selbstverständlich auch noch 2026: Uns kritt keiner klein! Wir glauben fest an eine positive Zukunft, auch wenn es zugegeben manchmal schwerfällt. So lautet die letzte Strophe von „Mir klääve am Läävve“:
Un wenn irjendwer sät Für uns Äd wör et längs ze spät Un wenn irjendwer meint, et wör alles am Äng Dann dot üch verschanze Doch gläuvt uns, mer pflanze Noch hück e jung Bäumche met Woozele en.
Also: Lebt euer Leben! Denkt an die Zukunft! Und feiert und habt Spaß.
Der legendäre „Mir klääve am Lääve“ Schriftzug wurde zum Teil übersprüht, Bild: Ulrich Feith, Kölner Ratsbläser
Kölner Ratsbläser als Retter einer echten kölschen Kulturstätte
Vorlage für das legendäre „Mir klääve am Lääve-Plattencover“ der Bläck Fööss war ein Graffiti an einer Mauer des Bürgerzentrum Nippes (Altenberger Hof, Mauenheimer Straße). Zuletzt wurde diese „Kölsche Kulturstätte“ leider auch noch übersprüht.
Die Kölner Ratsbläser, ein bereits 1954 gegründetes Bläserensemble, ist auf den Bühnen der Stadt unterwegs und interpretiert mit großer Liebe alte und neue kölsche Musik. Neben der Musik verstehen sich die Kölner Ratsbläser auch als Bewahrer der kölschen Kultur. So haben die Kölner Ratsbläser mit großem Aufwand den „Mir klääve am Lääve“ – Schriftzug reinigen lassen.
Die Ratsbläser haben das gerettet, was von dem Schriftzug noch zu retten war, Bild: Ulrich Feith, Kölner Ratsbläser
„Auch wir als Ratsbläser haben unter den Corona-Einschränkungen massiv gelitten.“ so Ulrich Feith von den Kölner Ratsbläsern. „Um die kölsche Kultur zu bewahren und auch um unsere Vereinstätigkeit in der schwierigen Corona-Phase aufrecht zu erhalten, haben wir uns dieser kölschen Kulturstätte angenommen. Möglich war dies nur durch die hervorragende Zusammenarbeit mit Helga Gass, der Leiterin Bürgerzentrum Nippes des Trägers Zug um Zug e.V.“
„Die Idee der Kölner Ratsbläser hat uns sofort begeistert und wir sind froh, diese Aktion unterstützen zu können.“ freut sich Helga Gass.
Der legendäre Schriftzug konnte mit professioneller Hilfe durch ein Spezial-Unternehmen gerettet werden. Und dass die Kölner Ratsbläser viel mehr als ein äußerst gutes Bläserensemble sind, zeigt dieses lustige Video von Silke Wallikewitz (sillywallilyfotografiert) der Reinigungsaktion.
Zusätzliche Strophe zu „Mir klääve am Lääve“
Und passend zur Corona-Situation haben die Kölner Ratsbläser auch eine zusätzliche Strophe zu „Mir klääve am Lääve“ geschrieben:
Wenn einer denk, hä wör enjeschrenk, wenn hä jet Rücksich nemp, Un wenn irjendwer röf: Alle Räjele sinn Driss! Dann loss en verzälle, „Verschwörung“ krakele, uns Hätz un uns Siel kritt dä niemols klein!
Der Kölner Karneval ist bunt und vielfältig. Und sehr speziell. Diese Übersicht der wichtigsten Karnevalsbegriffe soll Einheimischen und Imis helfen, sich im Fastelovend zurechtzufinden.
Alle Teile der Serie „Kölsche Karnevalsbegriffe von A-Z“:
Das Dreigestirn der Session 2021/22 im Ornat, Bild: Festkomitee Kölner Karneval
Ornat
Ein Ornat ist eine festliche Amtstracht und wird zum Beispiel vom Papst oder von Königen getragen. In Köln haben wir schon lange keine Könige mehr, deshalb tragen unsere ganz besonderen Herrscher, das Dreigestirn, Ornate.
Im Gegensatz zu einer Verkleidung, zum Beispiel als Clown oder Pirat, wird der Träger des Ornats zu dieser Figur. Deswegen sind die Gewänder des Dreigestirns bis zur Proklamation nur Kostüme und werden erst dann zu Ornaten.
Steckenpferde statt echter Pferde: Eine echte Alternative für den Rosenmontagszug, Bild: Festkomitee Kölner Karneval
Pääd
Ein Pääd ist ein Pferd. Traditionalisten beharren darauf, diese Tiere im Rosenmontagszug einzusetzen. So laufen im Kölner Rosenmontagszug etwa 300 Tiere mit. Das ist nicht unumstritten: Tierschützer weisen darauf hin, dass es für die als Fluchttiere bekannten Pferde puren Stress bedeutet, durch die prall gefüllte und sehr laute Stadt zu laufen. Tatsächlich sind aus den vergangenen Jahren Fälle bekannt, in denen Tiere mit Medikamenten ruhig gestellt wurden.
Nicht erst seit Rosenmontag 2018, als die Pferde einer Kutsche im Kölner Rosenmontagszug durchgingen, wird der Ruf nach einem Verbot von Pferden im Zug immer lauter. Damals wurden fünf Menschen verletzt und mussten ins Krankenhaus. Ein Jahr zuvor war ein Pferd mitten im Zug gestürzt, vermutlich wegen eines Kreislaufkollapses.
Die Bonner Jecken haben reagiert und Pferde aus dem Zug verbannt, die Düsseldorfer setzen alle berittenen Gruppen an die Spitze des Rosenmontagszuges, um die Wartezeiten für die Tiere zu minimieren.
In Köln gibt es strenge Auflagen: Reiter im Zug müssen mindestens 35 Reitstunden pro Jahr nachweisen. Und es gibt eine Gewichtslimit: Der Reiter oder die Reiterin darf nicht mehr als 15 Prozent des Pferdegewichtes wiegen. Das heißt: bei einem eher großen Tier von 600 kg darf der Reiter oder die Reiterin maximal 90 kg wiegen. Bei einem durchschnittlich schweren Tier von 420 kg sind es nur noch 63 kg. Da wird wohl mancher stattliche Funkenoffizier im Rosenmontagszug zu Fuß gehen müssen!
Rote Nase anziehen und fertig ist das schnellste Karnevalskostüm, Bild: studionone, Pixabay
Pappnas
Die Notverkleidung, wenn es schnell gehen muss: Rote Nase auf und man ist zumindest ein bisschen verkleidet. Dabei wirkt die rote Nase auch ganzjährig als „kölsches Psychopharmaka“: Aufsetzen, in den Spiegel schauen und es dauert (auch bei Westfalen) maximal eine halbe Sekunde, bis die Laune wieder besser wird. Macht leicht süchtig, aber was soll’s, es gibt keine Nebenwirkungen.
Ein 10 Liter-Fass bezeichnet der Kölner als „Pittermännchen„, Bild: Früh Kölsch
Zehn Liter flüssiges Gold – ein Pittermännchen ist (abgesehen von den Fünf-Litern-Blechbüchsen) das kleinste Kölschfässchen. Und „flüssiges Gold“ ist durchaus ernst zu nehmen: Je nach Lokalität verlangt der Wirt bis zu 120 Euro für ein Pittermännchen.
Einzug der Plaggenträger in den Kölner Dom, Ausschnitt aus einem Video des Colombina Colonia e. V.
Frisch proklamiert: Das Kölner Dreigestirn 2021 mit Pritsch (Prinz), Schlüssel (Bauer) und Speigel (Jungfrau)
Prinzenproklamation
Die Prinzenproklamation (PriPro) ist das mit Abstand wichtigste gesellschaftliche Ereignis in Köln. Jeweils Anfang Januar proklamiert (ernennt) die Oberbügermeisterin bzw. der Oberbürgermeister feierlich im Gürzenich das Dreigestirn und überreicht die Insignien: Die Pritsche für den Prinzen, die Stadtschlüssel für den Bauern und den Spiegel für die Jungfrau.
Doch dieser feierliche Akt ist nur der Rahmen für ein Treffen der kölschen Würdenträger, Entscheider und Führungskräfte. Denn: Für die PriPro kann man keine Eintrittskarten kaufen, das Festkomitee lädt ein. Welchen “Rang“ man in diesem erlauchten Kreis einnimmt, macht die Sitzordnung deutlich. An der Frage, wie weit weg der Platz von der Bühne liegt, ist schon manches (karnevalistisches) Ego zerbrochen. Was aber spätestens nach der Hälfte der Veranstaltung auch keine Rolle mehr spielt, den dann sind die Plätze im Saal ohnehin leer und die Theken im Foyer voll.
Um es mit den Worten von Volker Weininger („Der Sitzungspräsident“) zu sagen: „Auf der PriPro werden mehr Geschäfte gemacht als in vier Wochen Hannover Messe. Und wer hier ohne Baugenehmigung rausgeht, ist es selbst schuld.“
Der Kölner Karnevalsprinz Ludwig (1898) mit Pritsch, Bild: Festkomitee Kölner Karneval
Pritsch
Auf der Proklamation erhält der Prinz als Zeichen seiner Macht die „Pritsch“. Diese Pritsch (man könnte auch „Klatsche“ sagen) kann auch zur Züchtigung eingesetzt werden. Damit soll der Prinz das ausgelassene Treiben der Jecken in die richtigen Bahnen lenken.
Ein begnadeter Quetschebüggelspieler und Entertainer: „Et Klimpermännchen“ Thomas Cüpper, Bild: Thomas Cüpper, 2014
Quetschebüggel
„Quetschebüggel“ ist das kölsche Wort für Akkordeon. Ein ideales Instrument für den Karneval: Es ist laut und funktioniert ohne Stecker. So nutzen umherziehende Gruppen im Karneval gerne einen Quetschebüggel und eine Decke Trumm – fertig ist das Orchester.
Eine Rakete ist die höchste Auszeichnung für einen Auftritt bei einer Karnevalssitzung.
Rakete
Der Zenit für den Karnevalisten. Während normale und gute Darbietungen auf den Sitzungen mit wohlwollendem Applaus und Alaaf-Rufen gefeiert werden, erhalten herausragende Künstler als Ehrerbietung eine Rakete.
Diese wird in drei Stufen gezündet:
Kommando 1: Lautes Klatschen.
Kommando 2: Zusätzlich mit den Füßen trampeln.
Kommando 3: Lautes Pfeifen.
Ein Bläserensemble der Spitzenklasse: Die Kölner Ratsbläser, Bild: Uli Kievernagel
Schon im Jahr 1954 gegründet, gehören die Ratsbläser zu den besten Bläserensembles Kölns. Wenn diese Truppe in ihren traditionellen Kostümen mit Blechhelmen loslegt, nimmt der satte Klang alle mit. Die etwa 25 Musiker bringen jeden Saal zum Kochen. Und auch bei offiziellen Anlässen wie bei der Prinzenproklamation oder der Eröffnung des Rosenmontagszuges spielen die Ratsbläser die Eröffnungsfanfare.
Alle Teile der Serie „Kölsche Karnevalsbegriffe von A-Z“:
Der Kölner Karneval ist bunt und vielfältig. Und sehr speziell. Diese Übersicht der wichtigsten Karnevalsbegriffe soll Einheimischen und Imis helfen, sich im Fastelovend zurechtzufinden. Deswegen kommt hier der erste Teil der Reihe „Kölsche Karnevalsbegriffe“.
Alle Teile der Serie „Kölsche Karnevalsbegriffe von A-Z“:
Das Logo des Geisterzugs, Bild: Ähzebär un Ko e.V.
Ähzebär
Der Ähzebär ist eine uralte Verkleidung und symbolisiert den Winter. „Ähze“ sind Erbsen. Es handelt sich bei dem Ähzebär im Wortsinn um den „Erbsenbär“. Dabei wird der Kostümträger komplett in Erbsenstroh eingewickelt. Seit 1991 ist der Ähzebär das Maskottchen des Geisterzugs.
Ajuja
Wenn der Kölner im Karneval seine Freude laut herausrufen will, dann ruft er „Ajuja“. So heißt es auch in dem gleichnamigen Karnevalslied: „Ajuja, ajuja, jetz jeht et widder ajuja, jetz jeht et Loss.“
Laut Aussage des Kölner Erzbistums handelt es sich bei „Ajuja“ um eine Verballhornung des Lobgesangs „Halleluja“.
Der ultimative Schlachtruf aller Jecken. Den Ruf „Alaaf“ gab es bereits seit Mitte des 16. Jahrhunderts. Und damit knapp 300 Jahre vor dem institutionalisierten Karneval.
Das Aschenkreuz wird auf die Strin gezeichnet, Bild: Oxh973, Public domain, via Wikimedia Commons
Äschekrütz
Gläubige Christen lassen sich an Aschermittwoch ein Kreuz aus Asche auf die Stirn zeichnen. Der Geistliche spricht dabei die Worte „Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst.“ Das Kreuz steht dabei für Buße, Reinigung und Vergänglichkeit.
Eine schöne Variante hat der Kölner Geistliche Thomas Frings in der Corona-Zeit erfunden: Er verteilte Kreuze aus Glitzer-Puder.
Aschermittwoch
Der Aschermittwoch ist der Beginn der Fastenzeit und das Ende des Karnevals. Und: „Am Aschermittwoch ist alles vorbei‘“ – das wusste bereits der Komponist und Musiker Jupp Schmitz. Weiter lautet es in seinem prominenten Lied:
„Die Schwüre von Treue, sie brechen entzwei. Von all deinen Küssen, darf ich nichts mehr wissen. Wie schön es auch sei, dann ist alles vorbei.“
Und tatsächlich hat schon manches Fisternöllchen an Aschermitwoch ein jähes Ende gefunden.
An der Kappe des Bellejeck finde sich kleine Glöckchen
Bellejeck
Die Figur des Bellejeck war fast vergessen, bis die Große Allgemeine Karnevalsgesellschaft von 1900 Köln e.V. in der Session 2008/09 diese Tradition wiederbelebt hat. Der Bellejeck ist der Hofnarr und trägt, ähnlich wie Till Eulenspiegel, ein Kostüm mit kleinen Glöckchen und einer Narrenkappe.
Heute zieht der Bellejeck sehr früh an Weiberfastnacht durch die Stadt und weckt, unterstützt durch laute Spielmannszüge, die Jecken. Sein Ziel ist die Hofburg des Dreigestirns. Dort werden Prinz, Bauer und Jungfrau durch laute Rufe „Opston! Opston“ („Aufstehen! Aufstehen!“) geweckt. Nach dem erfolgreichen Wecken wünscht der Bellejeck dem Dreigestirn einen erfolgreichen Tag und zieht weiter durch die Stadt.
Die Bläck Fööss in ihrer Besetzung seit 2023: von links: Andreas Wegener, Ralf Gusovius, Pit Hupperten, Mirko Bäumer, Christoph Granderath, Hanz Thodam, Bild: studio157 | Thomas Ahrendt
Klar – zum Karneval gehören viele kölsche Bands. Allerdings werden die Fööss als „Mutter der aller kölschen Bands“ bezeichnet und nehmen eine Sonderstellung ein. Keine Karnevalsparty kommt ohne das „Bickendorfer Büdchen“, das Lied vom „Veedel“ oder „Mer losse d´r Dom in Kölle“ aus.
Bevor die Bläck Fööss im Karneval die Bühnen mit kölscher Musik eroberten, waren sie unter dem Namen Stowaways bekannt. Da, so Fööss-Urgestein Erry Stoklosa, die Band ihren guten Ruf in der Beat-Szene nicht auf Spiel setzen wollte, wurde für die Auftritte im Karneval ein eingängiger Name gesucht, der in beiden Sprachen (Kölsch und Englisch) „funktionieren“ sollte – die Geburtsstunde der „Bläck Fööss“, was auch Kölsch „nackte Füße“ bedeutet. Fünf Jahre lang existierten Stowaways und Bläck Fööss parallel, bevor sich die Fööss/Stowaways ausschließlich der kölschen Musik widmeten.
Auch das Ex-Dreigestirn der KG Brav Jonge trägt die blauen Zylinder. Bild: Jürgen Link
Blaue Zylinder
Die jeweiligen Ex-Tolitäten tragen im Jahr nach ihrer Demissionierung blaue Zylinder. Kurios: Selbst das Festkomitee Kölner Karneval kann die Frage, woher dieser Brauch kommt, nicht beantworten. Ein mögliche Erklärung wäre, dass sich das Ex-Dreigestirn durch die blaue Zylinder von den früher allgegenwärtigen schwarzen Zylinder optisch abgesetzt hat.
Ein Buch über einen der wichtigsten Büttenreder im Kölner Karneval: Karl Küpper, Autor: Fritz Bilz
Bütt
Die Bütt ist der Arbeitsort der Büttenredner. Mit „Bütt“ bezeichnet der Kölner einen Bottich zum Wäschewaschen. Ein solcher stand früher bei Karnevalssitzungen auf der Bühne, Die Redner stellten sich in die Bütt und wurden so zum „Büttenredner“.
Eine der wichtigsten Kölner Büttenredner war Karl Küpper, der sich bei seinen Reden immer auf den Rand der Bütt setzte.
So kann ein klassisches Bützje aussehen, Bild: Adina Voicu auf Pixabay
Bützjer
Ein „Bützje“ ist ein Küsschen, „Bützjer“ sind ganz viele Küsschen. Und genau so ist es auch gemeint: Küsschen. Um Mißverständnissen vorzubeugen: Ein Bützje ist nur äußerst selten eine Einladung zur hemmungslosen Knutscherei.
Danze
„Danze“ meint „Tanzen“ und ist natürlich Grundbestandteil des Karnevals. Ob man dabei tatsächlich tanzt oder, mangels Platz in der völlig überfüllten Kneipe, nur verhalten schunkelt, ist egal. Hauptsache etwas Bewegung, dann schmeckt das nächste Kölsch schon wieder viel besser.
Die große Trommel gibt Karneval den Takt vor. Zusammen mit dem Trömmelchen ist die Decke Trumm der Inbegriff des Karnevals. Und kann auch von weniger talentierten Musikern bedient werden. Hauptsache laut und im Idealfall auch im Takt!
Das Divertissementchen ist ein kölsches Musical, welches jedes Jahr von der „Cäcilia Wolkenburg“, der Bühnenspielgemeinschaft des Kölner Männer-Gesang-Vereins, aufgeführt wird. Während der Karnevalszeit finden etwa 30 Vorstellungen statt – immer auf Kölsch, immer mit den berühmten männlichen Balletttänzerinnen und immer mit viel Spaß. Die Kölner nennen das Divertissementchen „Zillche“.
Ein typisches Dreigestirn mit Prinz, Bauer und Jungfrau. Bild: Norbert Bröcheler
Ein Thema, welches ganze Bibliotheken füllen könnte. Das Dreigestirn, auch Trifolium, genannt, übernimmt, in der Session die Herrschaft über die Stadt.
Der 11.11. – endlich geht der Karneval wieder los. Bild: Jörg Sabel / pixelio.de
Vieles dreht sich im Karneval um die Zahl 11: Los geht es am 11.11. und 11.11 Uhr. In jeder Sitzung findet sich ein Elferrat.
Es ist die Zahl 11, die sich jeder Regel widersetzt: Während sich die 12 hervorragend teilen lässt, ist die 11 als Primzahl nicht teilbar. Man kann sie nicht mehr mit den Fingern beider Hände abzählen. Und sie überschreitet die Ordnung, die durch die 10 Gebote gegeben wurde. Deshalb hat das kölsche Grundgesetz ja auch 11 Gebote.
Elferrat der Stunksitzung mit Präsidentin Biggi Wanninger, Bild: Renate Lehmann
Elferrat
Einer Karnevalssitzung steht immer der Elferrat vor: Sitzungspräsident plus zehn weitere Personen. Fertig ist der Elferrat. Doch während der Präsident meistens eloquent durch die Sitzung führt, hat man bei den Menschen im Elferrat oft das Gefühl, dass diese eine Strafe absitzen müssen, so gelangweilt und gequält schaut manches Mitglied des Elferrats in den Saal.
Ganz anders bei der Stunksitzung: Dort stellt jeden Abend eine andere, bunte und immer gut gelaunte Truppe den Elferrat.
Fastelovend
Unser geliebter Karneval kennt viele Bezeichnungen: Fastnacht, Fassenacht, Fasnacht, Fasnet, Fasching, Fasteleer, Fastabend, fünfte Jahreszeit oder eben Fastelovend. Erstmalig taucht dieser Begriff in einem Kölner Ratsbeschluss im März 1341 auf. Dort verpflichten sich die Ratsherren, die Stadtkasse nicht mehr zu Zwecken des „vastavende“ zu plündern.
Das Festkomitee Kölner Karneval von 1823
Festkomitee
Das „Festkomitee Kölner Karneval von 1823“ ist der Dachverband der Kölner Karnevalsgesellschaften. Die wichtigsten Aufgaben des Festkomitees sind die Organisation des Rosenmontagszugs und die Auswahl des Dreigestirns.
Entstanden ist das Festkomitee aus der den Preußen geschuldeten Neuordnung des Karnevals: Ganz in preußischer Manier wollte man das wilde und ausufernde Treiben des Karnevals Anfang des 19. Jahrhunderts in geordnete Bahnen lenken und gründete das „Festordnende Komitee“.
Gerade der enthemmte Karneval führt immer wieder zu jeder Menge oft heimlicher Liebschaften, in Köln als Fisternöll oder Fisternöllche bezeichnet. Damit sind heimliche Liebeleien gemeint. Speziell an Karneval wird daraus auch gerne das „Fastelovendsfisternöll“.
Der Föttchesföhler hat im Karneval nichts verloren! Es handelt sich hier um einen Grabscher, der gerne Frauen anpackt. Mit dem „Föttche“ ist der (weibliche) Po gemeint.
Fünfte Jahreszeit
Anders als der Rest der Welt kennt der Kölner fünf Jahreszeiten: Neben den bekannten Frühling, Sommer, Herbst und Winter gibt es noch die fünfte (und schönste!) Jahreszeit: Den Karneval.
Kölsche Funke rut-wieß vun 1823 e.V.
Funken
Entstanden aus einer Persiflage auf die ungeliebten preußischen Militärs handelt es sich bei den Funken um ganz besondere Karnevalisten in der Tradition der ehemaligen Stadtsoldaten.
Früher waren diese etwas verlottert und mussten ihr karges Salär durch das Stricken von Strümpfen aufbessern. Heute sind die Funken stets piekfein, was bei den vereinsinternen zahlreichen Uniform- und Mützenapellen penibel kontrolliert wird.
Bei den ganz traditionellen Funken wie zum Beispiel bei den Kölsche Funke rut-wieß von 1823 e.V. besser bekannt als die „Roten Funken“ handelt es sich satzungsgemäß um reine Männervereine. Allerdings sieht diese Satzung auch vor, dass der jeweilige Oberbürgermeister Ehrenmitglied ist. Uns so wurde im Januar 2016 Oberbürgermeisterin Henriette Reker die erste „Funkin“.
Wichtigste Merkmale der Funken sind die Knabüß (das hölzerne Gewehr mit einer Blume im Lauf) und das „Stippeföttche“: Ein Tanz, bei dem die Funken, Rücken an Rücken stehend, leicht in die Knie gehen, dabei das Hinterteil hervorstrecken und eben diese Hinterteile aneinander reiben. Klingt komisch, sieht komisch aus ist aber Tradition. Und somit gut.
Funkenbiwak
Ein Biwak ist ein (militärisches) Lager im Freien. Folglich ist ein Funkenbiwak eine Veranstaltung der Funken unter freiem Himmel mit Musik, Tanz und reichlich Getränken. Traditionell gibt es Erbsensuppe, während auf der Bühne Bands und Spielmannszüge anderer Vereine aufspielen.
Das Funkemariechen wird auf „Händen getragen“, Bild: Raimond Spekking
Funkenmariechen
Um gleich Missverständnissen vorzubeugen: Bei ganz traditionellen Funkenkorps ist das Funkemariechen zwar die Tänzerin der Funken aber sie ist KEIN Mitglied der Funken. Sie tanzt mit dem Tanzoffizier auf den Bühnen der Stadt. Und das ist, durch viele Hebefiguren, echter Hochleistungssport.
Entstanden ist die Figur des Funkemariechens aus den Marketenderinnen, die früher militärische Truppen mit Waren versorgt haben, i.d.R. Tabak und Schnaps. Daher tragen viele Mariechen bis heute ein kleines Fässchen am Gürtel. Allerdings ist dieses Fässchen eher symbolisch und dient heutzutage nur noch als Aufbewahrtungsort für den Lippenstift oder etwas Bargeld.
Bis 1938 waren die Funkemariechen ausschließlich Männer. Erst die Nationalsozialisten setzten durch, dass diese Rolle durch Frauen besetzt wurde, genau wie es in den Jahren 1938 und 1939 auch weibliche Jungfrauen im Kölner Dreigestirn gab. Doch während man nach dem Krieg wieder auf die männlichen Jungfrauen im Dreigestirn setzte, blieb man bei den Tanzmariechen dabei, diese Rolle durch Frauen zu besetzen. Was zeigt, das nicht jede Tradition in Stein gemeißelt ist.
Alle Teile der Serie „Kölsche Karnevalsbegriffe von A-Z“:
Der Kölner Karneval ist bunt und vielfältig. Und sehr speziell. Diese Übersicht der wichtigsten Karnevalsbegriffe soll Einheimischen und Imis helfen, sich im Fastelovend zurechtzufinden.
Alle Teile der Serie „Kölsche Karnevalsbegriffe von A-Z“:
Ein Festwagen der Blauen Funken beim Rosenmontagszug, hier auf der Severinsstraße, Bild: Festkomitee Kölner Karneval
Rusemondachszoch
Jedes Jahr an Rosenmontag heißt es in Köln „Jeck loss Jeck elans“. Der größte Zoch in Deutschland ist imposant: Etwa 1 Million Zuschauer feuern frenetisch die etwa 12.000 Teilnehmer an. Knapp 80 Kapellen machen Musik, etwa 250 Wagen und Kutschen fahren durch die Stadt. Insgesamt werden etwa 300 Tonnen Kamelle und ca. 300.000 Strüßjer unters Volk gebracht.
Wer es etwas gemütlicher mag, kann sich auch die vielen Veedelszüge oder die liebevoll gestalteten Züge in den umliegenden Gemeinden anschauen.
„Schnaps, das war sein letztes Wort“. Dringende Empfehlung: Finger weg vom Schabau!, Bild: von Peggy und Marco Lachmann-Anke auf Pixabay
Schabau
Davon solle man an Karneval möglichst Finger lassen. Schabau ist Schnaps. Und schon so mancher Karnevalist hat wegen zu großer Mengen Schabau bereits an Weiberfastnacht mittags die Segel streichen müssen.
Schunkeln: Einhaken, im Takt hin und her bewegen, Bild: Festkomitee Kölner Karneval
Schunkeln
„Schunkeln ist scheiße,
dein Nachbar stinkt nach Schweiß.
Du sitzt ganz nah,
und weisst nicht mal, wie er heißt.“
singt Biggi Wanninger, die Präsidentin der Stunksitzung. Da ist was dran. Auf der anderen Seite ist Schunkeln selbst für die unrhythmischsten Zeitgenossen die ideale Bewegung, weil man rechts und links eingehängt in den Rhythmus gezwungen wird. Ob man will oder nicht.
Und am Ende ist es dann doch immer schön, gemeinsam zu schunkeln.
Das Motto der Sesiion 2022/23 lautet: Ov krüzz oder quer
Session
Die wichtigste Zeit in Kölle, vgl. auch „5. Jahreszeit“. Mit Session wird gesamte Karnevalszeit bezeichnet, diese beginnt offiziell am 11.11. und endet an Aschermittwoch. Allerdings wird in der Praxis nur rund um den 11.11. und ab Anfang Januar gefeiert – wir sind in Köln immer noch rheinisch-katholisch und feiern auch Weihnachten.
Für jeden etwas dabei: Karnevalssitzungen in Kölle
Die kölschen Sitzungen sind das Herzstück des Karnevals – egal, ob sie als Prunk- oder Stunksitzung daherkommen.
Früher, bis etwa Mitte der 1980er Jahre, war es ganz einfach, wenn man zu einer Karnevalssitzung wollte: Frack oder Abendkleid anziehen und ab zur Prunksitzung im Gürzenich oder im Kostüm zu einer der zahlreichen Pfarrsitzungen im Gemeindesaal im Veedel.
Heute ist (gottseidank!) das Angebot an Karnevalssitzungen viel breiter gefächert. Und es gibt für nahezu jeden Geschmack das passende Format. Erstaunlich: Egal wie alternativ die Sitzungen auch sind, das Grundgerüst einer „klassischen“ Sitzung mit Präsident oder Präsidentin, einer Abfolge von Nummern wie in einer Revue, bleibt bestehen. Lediglich ein oft sehr steifer Elferrat und die endlose Begrüßung der Ehrengäste gehören zum Glück heute fast immer der Vergangenheit an.
Drunter immer „Spetzebötzje“! Bild: Festkomitee Kölner Karneval
Spetzebötzje
Das Spetzebötzje ist eine mit Spitzen besetzte Unterhose und ein wichtiges Kleidungsstück der Funkemariechen. Aber Vorsicht: Nicht alle, die Spetzebötzje tragen, sind weiblich. So lautet es in dem Lied „Su läuft dat he“:
„Un Spetzebötzje drät bei uns sujar dä Kölsche Jung.“
Handgemachte Musik von einem Spillmanszoch, Bild: Festkomitee Kölner Karneval
Spillmannszoch
Ohne Musik kein Karneval. Und am schönsten ist die „handgemachte“ Musik der Spielmanszüge. So ist kein Aufmarsch der Traditionskorps ohne Spillmanszoch denkbar. Und an Rosenmontag laufen etwa 70 Spielmanszüge im Zoch mit.
Sternmarsch
Der Sternmarsch ist eine eher neue Erfindung – aber bereits Tradition in Kölle. Schon seit 1998 ziehen viele Karnevalsvereine an Karnevalsfreitag sternförmig aus ihren Veedeln zum Alter Markt und feiern dort gemeinsam.
Rote Funken beim „wibbeln“, Bild: Uli Kievernagel
Stippeföttche / wibbele
Wenn man Männer sieht, die ihre Hintern aneinander reiben, weiß man, dass man in Köln angekommen ist. Der traditionelle Tanz der Funken nennt sich „Stippeföttche“, weil das „Föttchen“ (der Hintern) dabei hervorstippt (hervorsteht). Die Tätigkeit des Aneinanderreibens selber bezeichnet man als „wibbeln“.
Der Ursprung dieses seltsam anmutenden Spektakels liegt in der Verhöhnung des ungeliebten preußischen Militärs. Besonders schön ist es, wenn dabei dann das Lied „Ritsch, ratsch – de Botz kapott“ gespielt wird.
Traditionell bekommen die Polizisten, die am Zugweg stehen, reichlich Strüßjer, Bild: Festkomitee Kölner Karneval
Strüßjer
Genau wie die Kamelle ein Grundbestandteil des Wurfmaterials in den Karnevalszügen. Wobei das Strüßje (eigentlich ein kleiner Blumenstrauß, in der Praxis aber eher ein einziges Blümchen mit etwas grünen Blättern drumherum) im Gegensatz zu den Kamelle sehr zielgenau dem Empfänger zugeworfen oder gegeben wird. Und dann bedankt man sich mit einem Bützje dafür.
Ein stolzes Dreigestirn mit Prinzenführer, Bild: Norbert Bröcheler
Tolitäten
Prinz, Bauer und Jungfrau aus dem Dreigestirn werden auch „Tolitäten“ genannt.
Eines der neun Kölner Traditionskorps: Die Nippeser Bürgerwehr
Traditionskorps
Erst wenn man Mitglied in einem Kölner Traditionskorps ist, steht man in der Domstadt (vermeintlich) an der Spitze der Gesellschaftspyramide. Zu den aktuell neun Traditionskorps gehören:
Der Titel „Traditionskorps“ kann nur durch den Präsidenten des Festkomitees vergeben werden.
Das Trifolium: Prinz Bauer und Jungfrau mit dem Prinzenführer, Bild: Norbert Bröcheler
Trifolium
Trifolium stammt aus dem lateinischen (tres „drei“ und folium „Blatt“) und ist ein anderer Begriff für das Dreigestirn.
Auch die Roten Funken sind jeck, wenn et Trömmelche jeiht., Bild: Uli Kievernagel
Trömmelchen
Ohne das Trömmelchen (kleine Trommel) geht im Karneval nichts. Das Tömmelchen gibt die Richtung vor. Denn
„Wenn et Trömmelche jeht,
dann stonn mer all parat.
Un mer trecke durch die Stadt,
un jeder hätt jesaat: Kölle Alaaf!“
Der Tusch hat schon so manchen Büttenredner gerettet!
Tusch
Die Rettung für jeden Büttenredner. Beim Tusch lachen selbst die Besucher einer Sitzung, die keinen Witz verstanden haben. Und umgekehrt rettet der Tusch auch den größten Witz-Rohrkrepierer. Beim tä tä tä wird gelacht. Basta.
Die richtig guten Saalkapellen, wie zum Beispiel das Orchester Helmut Blödgen oder das Orchester Markus Quodt, sind auch in der Lage, blitzschnell ein paar Takte eines zum Witz passenden Karnevalslieds zu spielen und verschaffen so dem Büttenredner eine kleine Verschnaufpause.
Unverzichtbar: Wagenengel beim Rosenmontagszug, Bild: Slick, CC0, via Wikimedia Commons
Wagenengel
Wenn die Züge durch die Orte laufen, ist es immer eng. Zur Sicherheit für alle laufen daher die „Wagenengel“ mit. Mindestens zwei Engel je Seite, in der Regel aber zwei je Achse des Karnevalswagens inkl. Zugmaschine, sorgen dafür, dass niemand zu Schaden kommt und keine Kinder bei der Jagd auf Kamelle unter die Wagen kommen.
Ein (gottseidank) aussterbendes Relikt: Der Weinzwang auf Karnevalssitzungen, Bild: Martin.k via Wikimedia Commons
Weinzwang
Wer gerne überteuerten und nicht besonders guten Wein oder gar eine „Kalte Ente“ (eine Mischung aus Sekt, Weißwein und einer ausgepressten Zitrone) mag, ist auf den klassischen Sitzungen im Sartory, Gürzenich oder Maritim gut aufgehoben. Denn in diesen Sälen herrscht der sogenannte „Weinzwang“ – es gibt schlichtweg kein Kölsch. Angeblich, weil es durch die fortlaufende Nachversorgung mit Kölsch zu viel Unruhe im Saal geben würde. Tatsächlich aber eher aus wirtschaftlichem Kalkül, weil so ein einziger Kellner mehr Tische bedienen kann.
Die Folge: Die durstigen Trinker halten sich auch während der Sitzung lieber im Foyer auf, weil dort Kölsch ausgeschenkt wird. Gottseidank ist der Weinzwang aber ein aussterbender Dinosaurier – immer öfter werden Pittermännchen ausgegeben.
In Bonn-Beuel wurde Weiberfastnacht „erfunden“, Bild: Förderverein Beueler Weiberfastnacht e.V.
Wieverfastelovend
Wieverfastelovend ist Weiberfastnacht und wird außerhalb Kölns auch als Aalwiewer, Fettdonnerstag, Schwerdonnerstag, Weiberfasnet, Weiberfasching, oder „Schmotziger Dunschtig“ bezeichnet. Egal wie man diesen Tag auch nennt, es handelt sich immer um den Donnerstag vor Rosenmontag. An diesem Tag beginnt der Straßenkarneval und es laufen bereits die ersten Karnevalszüge wie zum Beispiel der Jan von Werth-Zoch in Köln.
So schwer es den Kölner auch fällt – „erfunden“ wurde dieser Tag einige Kilometer rheinaufwärts in Bonn-Beuel. Im Jahr 1824 übernahmen die Beueler Waschfrauen an diesem Tag in einer Revolte das Regiment. Statt zu arbeiten legten die Waschfrauen für einen Tag die Arbeit nieder und feierten Karneval. Und seit 1958 gibt es dann auch eine Repräsentantin: Die „Wäscherprinzessin“.
Der weibliche Einfluss tut dem Karneval gut. So ist der „offizielle Karneval“ auch heute noch ein stark männlich dominiertes Fest. Ich schließe mich den hier den Beueler Waschfrauen an:
Frauen, wie wär’s mit etwas mehr Weiberfastnacht-Power im Alltag? Die Männer könnten es gut gebrauchen.
In Zeiten, in denen so viel über das Rollenbild der Frauen diskutiert wird, ist die Weiberfastnacht doch so etwas wie die Entdeckung der Frauenpower. An Weiberfastnacht übernehmen die Frauen das Ruder, die Macht und geben sie erst dann wieder ab, wenn ihnen danach ist. Weiberfastnacht ist gelebte Emanzipation. Und die Männer wissen ihr nichts entgegenzusetzen – weil sie nicht wollen, weil ihnen die Hände gebunden sind, weil sie dem Charme der Wiever nichts entgegenzusetzen haben.1Quelle: Website der Beueler Waschfrauen https://waescherprinzessin.com/
Alle Teile der Serie „Kölsche Karnevalsbegriffe von A-Z“:
Der Kölner Karneval ist bunt und vielfältig. Und sehr speziell. Diese Übersicht der wichtigsten Karnevalsbegriffe soll Einheimischen und Imis helfen, sich im Fastelovend zurechtzufinden.
Alle Teile der Serie „Kölsche Karnevalsbegriffe von A-Z“:
Schaurig, schön, anarchisch: Der Kölner Geisterzug, Bild: Kölner Ähzebär un Ko e.V.
Geisterzug
Die genauen Anfänge des Karnevals lassen sich nicht exakt bestimmen. Eine Herleitung des Karnevals basiert darauf, dass im Frühjahr die Geister, welche im Haus überwinterten, aus dem Haus vertrieben wurden. Anschließend sollten sie dafür sorgen, dass pünktlich zur Aussaat die Erde wieder fruchtbar wird. Daher wurde in der Nacht ein „Geisterzug“ zur Austreibung der Geister veranstaltet. Somit haben die Geisterzüge nicht nur in Köln eine lange Tradition.
Aufgrund des großen Erfolgs des spontanen 1991er-Rosenmontagszochs wurde der Kölner Geisterzug im folgenden Jahr wiederbelebt. Getragen vom Verein „Ähzebär un Ko e.V.“ geht dieser Zug seit 1992 jeweils Karnevalssamstag durch die Stadt. Anders als bei den traditionellen Zügen kann hier jeder Jeck ohne Anmeldung einfach ein Stück oder auch den ganzen Zug mitlaufen. Der Zugweg wird jedes Jahr passend zum Motto neu festgelegt.
Der Gürzenich ist Kölns wichtigster Saal zum Feiern. In „Kölns guter Stube“ wird bereits seit 1822 Karneval gefeiert. Und hier findet auch das „Hochamt des Karnevals“ statt: Die Prinzenproklamation.
Hofburg
What happens in Hofburg stays in Hofburg!
Die Hofburg ist der Wohnsitz des Dreigestirns während der Karnevalszeit. Jeweils Anfang Januar beziehen Prinz, Bauer und Jungfrau mit ihrer Entourage das Hotel, in welchem sie während der Karnevalszeit wohnen. Aktuell ist dies das Dorint am Heumarkt. Vorher war dies 47 Jahre lang das Pullmann Hotel.
Das Dreigestirn mit seinem Gefolge bewohnt zehn Zimmer auf der siebten Etage. Und diese Etage ist tatsächlich die einzige echte Rückzugsmöglichkeit des Dreigestirns. Der Zutritt für alle – außer dem absoluten engsten Kreis- ist streng verboten.
Die Hausband der Immisitzung rockt das Bürgerhaus Stollwerck, Bild: Jassin Eghbal
Immisitzung
Unter dem Motto „Jeder Jeck ist von woanders“ feiern seit 2010 Kölner und Zugezogene aus der ganzen Welt Karneval in einer ganz besonderen Sitzung.
Dabei spielt die Immistzung mit dem Begriff „Imi“: Als „Imi“ werden in Köln alle Zugezogenen oder „unechten“ Kölner bezeichnet. Der Imi versucht also, den Kölner zu imitieren. Zuerst aufgetaucht ist dieser Begriff in dem Lied Sag´ens Blotwoosch von Gerd Jussenhoven:
„Sag ens Blotwoosch, ich garranteeren der, wer nit richtig Blotwoosch sage kann, dat es ´ne Imi, ´ne Imi, ´ne Imi, ´ne imitierte Kölsche ganz gewess. ´ne Imi, ´ne Imi, ´ne imitierte Kölsche ganz gewess.“
Bei der „Immisitzung“ steht das zweite „m“ für „Immigranten“. Dabei ist völlig unerheblich, ob diese aus Bayern, Botswana, Ostfriesland oder Osttimor kommen. Das Ensemble der Immisitzung ist genauso gemischt wie das Publikum im Saal.
Dat Spillche vun Jan und Griet vom Reiter-Korps Jan von Werth, zu sehen jedes Jahr an Wieverfastelovend an d´r Vringsporz, Bild: Uli Kievernagel
Eine ursprünglich urkölsche Geschichte von verschmähter Liebe. Das Reiterkorps Jan von Werth – eine der renommiertesten Karnevalsgesellschaften in Köln – stellt jedes Jahr an Weiberfastnacht vor der Severinstorburg auf dem Chlodwigplatz die Geschichte von Jan & Griet nach. Diese Aufführung gipfelt in den in Köln weltbekannten Aussprüchen „Jan, wer et hät jewoss.“ und „Griet, wer et hät jedonn.“
Unzählige Jecke am Rosenmontagszug , Bild: ngocchat1014, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons
Jecke
Der Jeck ist der Narr. Manche Menschen erleben an Karneval eine echte Mutation: Das ganze Jahr über übel gelaunt und sauertöpfisch, aber sobald sie die Mütze ihres Karnevalsvereins stolz auf dem Kopf tragen, werden sie urplötzlich zum Jeck.
Und dann gibt es noch die Frohnaturen, die nicht nur zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch Spaß an d´r Freud haben. Das sind dann die echten Jecken.
Wer laut ruft wird belohnt: Es regnet Kamelle vom Himmel, Bild: Superbass, via Wikimedia Commons
Kamelle
Kamelle ist der Sammelbegriff für alle Arten von Süßigkeiten, die in den verschiedenen Karnevalszügen unters Volk gebracht werden. Merke: Je lauter du am Zugweg rufst, umso besser wird deine Ausbeute sein.
Eher als Stütze denn zum Schießen geeignet: Der Funk ganz rechts stützt sich auf seiner Knabüss ab, Bild: Raimond Spekking
Knabüß
Sie kommen – trotz militärisch aussehender Uniformen – in friedlicher Absicht: Die Roten Funken. Um dies zu unterstreichen, tragen die Funken zwar ein als „Knabüß“ bezeichnetes Gewehr, doch dieses ist selbstverständlich nicht funktionstüchtig. Und im Lauf steckt immer ein rot/weißes Blümchen. „Make love, not war“ op kölsch.
Ein Köbes bei der Arbeit, Bild: Privatbrauerei Gaffel
Köbes
Vielleicht der wichtigste Mann – nicht nur im Karneval: Der Kellner, in Köln „Köbes“ genannt. Er bringt das Kölsch und – anders als in allen Gaststätten der Welt – ist der Köbes der König, nicht der Gast.
10 Liter flüssiges Gold: Ein Kölsch-Fass, Bild: Früh Kölsch
Bestellt doch einfach mal ein obergäriges, helles, gefiltertes, hopfenbetontes, in einer Kölner Stange serviertes und in Köln gebrautes Bier.
Da diese Bestellung spätestens nach dem zehnten Getränk schwerfällt, könnt ihr auch einfach ein Kölsch bestellen. Ist dasselbe.
Stolz präsentiert dieser Jeck sein „Reiterstaffel-Kostüm“, Bild: Uli Kievernagel
Kostüm
Ohne Kostüm geht im Karneval nichts. Es sei denn, man ist zu Besuch auf einer Gala-Sitzung mit dem dezenten Hinweis „Um Abendgarderobe wird gebeten.“ Dann hilft nur: Hinein ins kleine Schwarze oder in den Anzug. Oder nicht hingehen.
Auf allen anderen Veranstaltungen ist erlaubt, was gefällt. Ob als zwei Meter große Biene Maja, Lappenclown – egal. Nur bitte nicht in den unsäglichen Polizei-SWAT-Militär-Kostümen. Dat es Driss!
Ein Kranz Kölsch – sehr praktisch, weil kein Glas herunterfallen kann, Bild: Privatbrauerei Gaffel
Kranz
Wenn ihr mit mehreren Menschen unterwegs seid, bestellt man nie nur ein Kölsch für sich, sondern einen ganzen Kranz. Damit ist das spezielle Kölsch-Tablett gemeint, in welches die Kölsch Stangen exakt und sturzsicher reinpassen.
Profis bestellen übrigens den „Doppelten Kranz“. Dann wird auch der obere Teil des Kranzes mit Kölsch vollgepackt.
Ein begnadeter Krätzchensänger und sehr sympathischer, hilfsbereiter Mensch: Wicky Junggeburth, Bild: Oliver Abels (SBT), CC BY-SA 3.0
Krätzje I: Lied
Fast war das Krätzchen tot! Doch dann kamen begnadete Karnevalisten wie Wicky Junggeburth, Martin Schopps, J.P. Weber oder Philipp Oebel und haben dieser uralten Tradition neues Leben eingehaucht. Und der begnadete Günter Schwanenberg singt nicht nur hervorragend ausgewählte Krätzjer, sondern ordnet diese auch historisch ein und erklärt die Hintergründe.
Das Krätzje ist ähnlich wie der mittelalterliche Bänkelgesang ein minimal instrumentiertes und auf einer einfachen Melodie vorgetragenes Lied, welches immer eine Geschichte erzählt. Adam Wrede1Neuer Kölnischer Wortschatz definiert das Krätzje als „Erzählung eines Streiches, ein Schwank, eine Schnurre, ein heiteres Stücklein, lustiges Verzällche teils harmloser, teils derber Art.“
Ein Krätzchen, hier das Modell der „Blauen Funken“, Bild Raimond Speking
Krätzje II: Mütze
Ein Krätzje auf dem Kopp ist das Erkennungszeichen der Karnevalsvereine. In der Form eines Schiffchens und selbstverständlich in den Farben des Vereins trägt der Karnevalist seine (karnevalistische) Herkunft auf Kopf zur Schau. Bei den organisierten Karnevalisten gerne auch aufwändig bestickt ist das Krätzje die kleine Schwester der großen Karnevalsmütze mit Bommeln und Perlen.
Alle Teile der Serie „Kölsche Karnevalsbegriffe von A-Z“: