Der Ingenieur Marc Neumann ist bei der Stadt Köln im Amt für Brücken, Tunnel und Stadtbahnbau tätig. Bild Neumanmn: privat, Bilder Brücken: Raimond Spekking
Marc Neumann kennt sich mit den Brücken Kölns aus wie kaum ein anderer. Er hat „konstruktiven Ingenieurbau“ studiert und ist heute bei der Stadt Köln im Amt für Brücken, Tunnel und Stadtbahnbau tätig. Dort betreut er die Kölner Brücken, die über den Rhein führen und die der Stadt Köln gehören:
Marc berichtet uns in diesem Podcast von den Herausforderungen bei den Brücken, von der Historie dieser Bauwerke und auch von der ganz speziellen Farbe unserer Brücke.
Genau wie alle anderen Menschen in der Rubrik „Ein paar Fragen an …“ hat auch Marc zu den „Kölschen Fragen“ Rede und Antwort gestanden.
Der „Herr der Brücken“ Marc Neuman (in der Mitte) war zu Gast beim „Köln-Ding der Woche“ , Bild: Uli Kievernagel
Wenn nicht Köln – wo sonst könntest du wohnen? Und warum gerade dort?
Ich verstehe die Frage nicht. 😊
Welche kölschen Eigenschaften zeichnet dich aus?
Für mich gilt: „Jönne künne, dat künne mer joot.“ – also die Großzügigkeit der Kölner, auch anderen etwas zu gönnen. Und ich denke, ich habe auch „dat Hätz am rechten Fleck“, also eine „gesunde“ Einstellung zum Leben und zu seinen Mitmenschen.
Was würdest du morgen in unserer Stadt ändern?
Da ich nicht unter Profilneurose leide, würde ich mich mal um das kümmern, was da ist, und nicht das, was man gerne hätte.
Nenne ein/zwei/drei Gründe, warum man Köln morgen verlassen sollte.
Ich würde Köln nur verlassen, nur, um nach zwei, drei Wochen wiederzukommen, weil ich ja sehr heimatverbunden bin. Ich bin sehr verwurzelt hier in Köln.
Marc liebt den Rhein und sitzt gerne am Rheinufer, zum Beispiel auf den Poller Wiesen, Bild: ToLo46, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons
Wo ist dein Lieblingsplatz in Köln?
Irgendwo am Rhein sitzen, gerne mit einem gekühlten Getränk in der Hand. Ungefähr so, wie AnnenMayKantereit das in „Tommi“ beschreiben:
Tommi, ich glaub‘, ich hab‘ Heimweh
Ich will mal wieder am Rhein stehen
Einfach hineinsehen
Zuschauen, wie Schiffe vorbeiziehen
Welche KölnerInnen haben dich beeinflusst / beeindruckt?
Eindeutig meine Eltern.
Was machst du zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch?
Viel feiern, wenig essen, viel trinken, wenig schlafen.
Und was zwischen Aschermittwoch und Weiberfastnacht?
Da bin ich gerne mit meiner Frau unterwegs, wir haben einen Campingbus. Mit dem fahren wir gerne in die Sonne, ans Wasser.
Wat hät für dich noch immer jood jejange?
Bisher mein ganzes Leben.
Wo drüber laachs de dich kapott?
Ich kann sehr herzlich über Loriot, Victor von Bülow, lachen. Schade, dass er tot ist. Den finde ich sensationell.
Ich mag eine ganze Reihe Kneipen – zum Beispiel das Brauhaus Pütz, den Wirtz in der Südstadt, das Birkenbäumchen und auch das Lommi. Ich mag gerne diese ursprünglichen Kneipen. Aber grundsätzlich gilt: Ich bin gerne mit Menschen zusammen und dann kommt es mir eher auf die Leute an als auf die Kneipe.
Das hat sich im Laufe der Zeit etwas gewandelt: Früher eher Früh oder Reissdorf, dann hin zum etwas herberen Gaffel. Und ganz aktuell ist Schreckenskammer mein Lieblingskölsch.
Ganz eindeutig Himmel un Ääd. Man kann das zwar nicht überall essen, aber wenn das gut gemacht ist, ist das mein kölsches Lieblingsessen. Ganz wichtig: Die gebratene Flönz dabei darf nicht matschig sein, die muss kross gebraten sein.
Himmel un Ääd – eine rheinische Spezialität aus Kartoffelpüree, Apfelmus, Zwiebeln und gebratener Blutwurst, Bild: Anagonia
Konrad Adenauer, Bild: Bundesarchiv, Katherine Young, CC BY-SA 3.0 DE
Ein Gastbeitrag von Markus Zens
Markus Zens ist Stadtführer aus Leidenschaft in Köln und Gründer von „Echt Köln Stadtführungen“. Für ihn ist Köln mehr als Dom und Geschichte – es sind die Menschen, ihre Lebensfreude und ihre Geschichten. Auf seinen Touren geht es nicht nur um Daten und Fakten, sondern um Schicksale, Erinnerungen und das kölsche Miteinander.
Markus Zens, in der Mitte😊, ist Kölner Stadtführer mit Leidenschaft, Bild: Echt Köln
Markus hat sich intensiv mit Adenauer in Köln beschäftigt und bietet auch die Stadtführung „Konrad Adenauer in Köln“ in Köln an. Dabei geht es um die Orte in unserer Stadt, die mit seinem Leben in Verbindung stehen. Diese Tour ist eine Zeitreise in das Köln vor einhundert Jahren. Alle Termine zur „Adenauer-Führung“ gibt es auf der Website von Echt Köln.
In diesem Beitrag beschreibt er als „Köln-Ding der Woche“-Gastautor das Wirken von Adenauer in Köln.
150 Jahre Konrad Adenauer von Markus Zens
Am 5. Januar 1876 wurde Konrad Adenauer geboren und die Medien sind voll von Nachrufen auf ihn. Adenauer war wohl der bedeutendste Politiker in der Stadtgeschichte und die Aufzählung der Dinge, die wir Konrad Adenauer zu verdanken haben und von denen wir heute noch profitieren, ist lang: Die Grüngürtel, die Messe, Ford, den WDR, die Universität, das Müngersdorfer Stadion, den „Dicken Pitter“, die erste Autobahn, all das haben wir auch Adenauer zu verdanken. Ich möchte den Blick darauf lenken, in welchen Zeiten Adenauer gelebt hat und wie er mit den Anforderungen der Zeit umgegangen ist.
Konrad Adenauer im Alter von 20 Jahren, Fotograf: unbekannt
Vom Stadtkind zum Stadtlenker
Als Adenauer geboren wurde, stand die mittelalterliche Stadtmauer noch. Sozialisiert wurde er im Kaiserreich. Es herrschte Recht und Ordnung, die Gesellschaft war streng hierarchisch aufgebaut. 1904 heiratet Adenauer Emma Weyer, deren Onkel Max Wallraf 1906 Oberbürgermeister wird. Wallraf ist zwar Liberaler, Adenauer beim Zentrum, aber Wallraf hilft ihm, in die Stadtverwaltung zu kommen. 1909 wird Adenauer zum ersten Beigeordneten gewählt, obwohl er dafür eigentlich noch sehr jung ist. Als Wallraf 1917 als Staatssekretär nach Berlin ging wurde Adenauer ohne Gegenstimme vom Stadtrat zum Bürgermeister gewählt, mit 41 Jahren einer der jüngsten Bürgermeister einer deutschen Großstadt.
Adenauer war also schon zur Kaiserzeit Oberbürgermeister, aber er war kein Monarchist. Er war loyal zur Regierung und akzeptierte es, aber den Übergang zur Weimarer Republik gestaltete er mit. Dabei war er auch kein glühender Demokrat. Er hielt Demokratie für die beste Staatsform, gleichzeitig war sie ihm lästig, weil er immer Mehrheiten suchen musste. Denn er stand schon immer im Verdacht, zu glauben, er allein wüsste es sowieso besser. Kein Wunder, dass er gelegentlich „der Kölner Diktator“ oder der „Napoleon von Köln“ genannt wurde.
Adenauer war vor allem katholisch. Sein Glaube war für ihn eine unverrückbare Leitlinie. Das bedeutete für ihn aber auch große soziale Verantwortung, und zwar für alle Menschen. Das zeigte sich besonders in schwierigen Zeiten. Als Adenauer Oberbürgermeister wurde, war der Weltkrieg in vollem Gange. Die Lebensmittelversorgung war katastrophal, die Menschen hungerten. Jetzt zeigte sich Adenauers Pragmatismus. Zusammen mit den Brüdern Oebel entwickelte er ein Kriegsbrot aus Reismehl, Maismehl und Gerste, das wohl fürchterlich schmeckte, aber satt machte. Auf Beschwerden antwortete er: „Es geht nicht darum, was schmeckt, sondern was satt macht.“
Mit ruhiger Hand durch wilde Zeiten
Adenauer war sehr pragmatisch. Er stellte sich den Problemen, die auftauchten und suchte eine sinnvolle Lösung. Als im November 1918 meuternde Matrosen der Marine auf dem Weg nach Köln waren, forderte er den Standortkommandanten auf, die Matrosen mit Waffengewalt zu stoppen und zu inhaftieren. Als der das ablehnte, wechselte Adenauer die Taktik und stellte sich zusammen mit Wilhelm Sollmann von den Sozialdemokraten an die Spitze der Bewegung. Er überließ dem Arbeiter- und Soldatenrat Räume im Rathaus und übernahm selbst die Leitung des wichtigen Wohlfahrtsausschuss. So schaffte er es, dass der Aufstand in Köln ohne Blutvergießen ablief.
Berittene englische Soldaten paradieren im Dezember 1918 vor dem Kölner Dom, Bild: Sammlung Brokmeier
Am 6. Dezember 1918 marschierten die Engländer in Köln ein und besetzten die Stadt. 55.000 englische Soldaten wurden in Köln stationiert. Für die Stadt bedeutete die Besatzung erhebliche Belastungen und die Einschränkung von Grundrechten wie der Presse- und Versammlungsfreiheit. Adenauer akzeptierte die britische Besatzung, aber schützte aktiv die Selbstverwaltung und die Interessen der Stadt, er arrangierte sich und wirkte so auch auf die Bevölkerung ein. Zwei Zitate aus dieser Zeit von ihm finde ich sehr treffend: „Die Kölner kommen gut mit den Engländern aus – sie sind selbst ein Mischvolk aus Römern, Franken und anderen“ und „Die Stadt Köln steht nicht unter britischer Verwaltung, sondern unter britischer Aufsicht. Das ist ein Unterschied, den ich täglich verteidige.“
Bauen für die Zukunft, nicht für den Applaus
Der Frieden von Versailles legte fest, dass die preußischen Verteidigungsringe rund um Köln abgerissen werden müssen. Adenauer wollte unbedingt diese unbebauten Gebiete als Erholungsorte für die Bevölkerung anlegen und konnte sich gegen Interessen der Wirtschaft durchsetzen, die hier viel Potential für gewinnbringende Immobiliengeschäfte sahen. Hier waren ihm die Interessen der einfachen Bevölkerung deutlich wichtiger. Die Grüngürtel ließ er dann vor allem von Arbeitslosen angelegen, die dadurch eine sinnvolle Beschäftigung hatten und Geld verdienen konnten.
Adenauer nutzte die Zeit der politischen Unordnung nach der Abdankung des Kaisers, um die Universität wieder neu zu begründen. Die Preußen hatten vorher beschlossen, die Uni in Bonn wieder zu eröffnen und sich gegen Köln entschieden. Adenauer betrieb die Wiedereröffnung trotzdem weiter und bekam letztlich eine Genehmigung, allerdings musste die Stadt alle Kosten selbst tragen. Das brachte ihm viel Kritik im Stadtrat ein, da die Verschuldung der Stadt immer weiter anstieg. Adenauer hielt die Uni aber für eine sinnvolle Investition in die Zukunft und konnte sich letztlich durchsetzen. Sitz der Universität war die bisherige Handelshochschule am Römerpark. 1929 wurde dann der Grundstein gelegt für das neue Universitätsgebäude an der Universitätsstraße.
Für mich beeindruckend war sein Umgang mit der Wohnungsnot. Innerhalb von 15 Jahren war Köln um 100.000 Einwohner gewachsen. 1913 war die GAG gegründet worden, nicht von Adenauer, aber mit seiner Unterstützung als Beigeordneter. Das Problem der Wohnungsnot wurde angegangen, indem große Wohnsiedlungen gebaut wurden, in denen die Menschen einfache Wohnungen fanden. Als um 1930 die Weltwirtschaftskrise für eine hohe Arbeitslosigkeit sorgte, baute man Siedlungen mit Einfamilienhäusern und Garten für Arbeitslose mit ihren Familien, damit die sich selbst versorgen konnten. Teure, aber hilfreiche Maßnahmen, von denen wir heute noch profitieren. Die Germania-Siedlung oder die Nibelungensiedlung gibt es auch heute noch, Stadtteile wie Buchforst sind dadurch entstanden.
Die Siedlung „Weiße Stadt“ in Köln-Buchforst, Bild: Grkauls, Public domain, via Wikimedia Commons
Visionär – auch gegen Widerstände
Adenauer dachte weit voraus und wollte aus Köln eine europäische Metropole machen. Dafür war er bereit, hohe Schulden zu machen. Er war sicher, diese Investitionen würden sich mit der Zeit auszahlen. Und wenn man darüber nachdenkt, wie die Stadt über Jahrzehnte von Projekten wie der Messe, Ford, dem Müngersdorfer Stadion oder auch dem Niehler Hafen profitiert hat, waren diese Projekte für die Stadt richtig und wichtig.
Nicht alle dieser Projekte waren alleinige Ideen von Adenauer, er hatte fähige Mitarbeiter und wer es mit und unter ihm aushielt, konnte durchaus auch eigene Ideen umsetzen. Ein wichtiges Beispiel dafür ist Hertha Kraus.
Adenauers Frauenbild war konservativ katholisch geprägt, für ihn gehörten Frauen in die Familie und sie sollten sich da um alles kümmern. Das hinderte ihn nicht, 1923 Hertha Kraus nach Köln zu holen. Sie war 26 Jahre alt und Soziologieprofessorin in Frankfurt, stammte aus einer jüdischen Familie und war zum Quäkertum übergetreten. Genug Gründe, um damals vom Stadtrat vehement abgelehnt zu werden. Aber Adenauer setzte sich durch und machte sie verantwortlich für die Wohlfahrtspflege. Letztlich richtete sie in einer früheren englischen Kaserne die Riehler Heimstätten ein1heute SBK Sozial-Betriebe-Köln, die größte Wohnanlage in Deutschland für alte und behinderte Menschen.
Am 13. Oktober 1929 eröffnete Konrad Adenauer die Mülheimer Hängebrücke, damals die grösste Hängebrücke Europas. Bild: Bundesarchiv, Bild 102-18302, via Wikimedia Commons
Adenauer arbeitete mit allen politischen Kräften zusammen, solange sie ihm nutzten. Ausnahme waren die Nationalsozialisten und die Kommunisten. Die Nazis verabscheute er, vor allem auch wegen ihres Judenhasses. Auch als überzeugter Katholik unterstützte er die jüdische Gemeinde in Köln und hielt zum Beispiel die Eröffnungsrede bei der Einweihung der neuen Synagoge in der Roonstraße.
Bei den Kommunisten macht er eine Ausnahme, als sie ihm die notwendigen Stimmen für den Bau der Mülheimer Brücke als Hängeseilbrücke verschaffen mussten. Er wollte unbedingt eine Hängeseilbrücke bauen. Diese Brücke war ihm so wichtig, dass er selber die Farbe dafür aussuchte. Adenauer wünschte sich eine patinagrüne Farbe. Reinhard Thon, ehemaliger Leiter des Amtes für Brücken- und Stadtbahnbau der Stadt Köln dazu: „Adenauer wollte so etwas wie eine Patinafarbe haben, er wollte die Kupferfarben von Kirchen nachempfinden.“1
Die Severinsbrücke erstrahlt im „Adenauer Grün“, Bild: Rolf Heinrich
In dieser Farbe, von den Kölnern „Adenauer Grün“ genannt, wurden neben der Mülheimer Brücke auch die Zoobrücke, die Deutzer Brücke2hier allerdings nur der ältere Stahlteil und nicht der neuere Betonteil und die Severinsbrücke gestrichen.
Eigensinnig, gläubig – und dem Menschen verpflichtet
Adenauer war also tief verwurzelt in seiner rheinischen Heimat und seinem katholischen Glauben. Sein Selbstbewusstsein war unerschütterlich und er hatte durchaus autokratische Züge. Zitate wie „Was stört mich mein Geschwätz von gestern?“ oder „Wir leben alle unter dem gleichen Himmel, aber wir haben nicht alle den gleichen Horizont.“ unterstreichen das. Gleichzeitig war er visionär, pragmatisch, den Menschen verpflichtet und sozial eingestellt.
Wenn ich die schwierigen Zeiten sehe, in denen er in Köln gewirkt hat und die aktuelle Politik betrachte, würde uns heute wohl durchaus ein bisschen mehr Adenauer guttun.
Statue von Adam Schal von Bell an der Minoritenkirche, Bild: Uli Kievernagel
Ein Kölner war 1658 einer der wichtigsten Berater des Kaisers von China: Der Jesuit und Wissenschaftler Adam Schall von Bell. Geboren am 1. Mai 1591 (oder, je nach Quelle, 1. Mai 1592) in Köln, besuchte er das Gymnasium Tricoronatum in der Marzellenstraße. Später studierte Schall von Bell in Rom Astronomie. Zusammen mit einer Gruppe Missionare reist er im Jahr 1618 nach China und gerät dort in die Wirren des Kolonialkriegs. Sein Wissen über moderne Waffentechnik – Schall von Bell repariert erfolgreich alte Kanonen – sichert den Chinesen den Sieg über die Niederländer und führt ihn an den kaiserlichen Hof.
Grabstein von Adam Schall von Bell auf dem Pekinger Zhalan Friedhof, Bild: Uli Linnenberg, aufrome.de
Dort wird er mit er mit der enorm wichtigen Aufgabe beauftragt, den chinesischen Kalender zu reformieren. Durch seine erfolgreiche Arbeit wird er wichtigster Berater des Kaisers Shunzhi, der ihn zum Mandarin befördert. Den Tod Shunzhis nutzen die Schall von Bells Gegner, um ihn zu diskreditieren – in einem Schauprozess wird er zum Tod durch Zerstückelung bei lebendigem Leib verurteilt. Ein paar Tage vor der Hinrichtung rettet ihn ein Zufall vor dem grausamen Tod, weil ein Erdbeben als Beweis seiner Unschuld gedeutet wird. Schall von Bell stirbt eines natürlichen Todes im Alter von 74 Jahren.
In seiner Heimatstadt erinnert eine stark verwitterte Statue in Nähe der Minoritenkirche an den „Kölschen Mandarin“.
Schall von Bell in Köln und die Brauerei AufRome
Es gibt eine ganz erstaunliche – und mir völlig unbekannte – kölsche Querverbindung zwischen der Brauerei AufRome und Adam Schall von Bell. Davon hat mir Uli Linnenberg erzählt:
Der Brauunternehmer Linnenberg ist Eigentümer der Brauerei AufRome. Und vermutlich ein Onkel von Adam Schall von Bell war auch von 1599-1605 Betreiber dieser Brauerei. Um genau zu sein war es seine Frau, Anna Reuffers bekannt als „die Brauersche auf Rome/up ruim“. Sie hat in dritter Ehe den Edlen Ruprecht Schall von Bell geheiratet und dann mit ihm die Brauerei geführt. Es sei sogar möglich, so Linnenberg, dass Adam Schall von Bell während seiner Zeit am Gymnasium Tricoronatum in der Marzellenstraße bei seiner Kölner Familie gewohnt haben könnte, schließlich war das Gymnasium nur ein paar Meter von der Brauerei entfernt.
Die Brauerei AufRome – ein geschichtsträchtiges kölsches Unternehmen, Bild: aufrome.de
Die ganze, wechselvollen fast 700-jährige Geschichte dieser Brauerei findet ihr auf der Website AufRome.de. Schaut mal rein. Lohnt sich. Genau wie ein Schluck des dort gebrauten Biers: Der Düxer Bock. Ein Genuss.
Auszug aus dem Plan zur Kölner Stadterweiterung inkl. Portrait des Stadtbaumeisters Josef Stübben (1845 – 1936)
Als Josef Stübben im Jahr 1881 seinen Dienst in Köln antrat, standen Stadt und Verwaltung vor einer Jahrhundertaufgabe. Der Abriss der mittelalterlichen Stadtmauer war im vollen Gange. Die Domstadt brauchte Platz zum Wachsen, Luft zum Atmen und Straßen, auf denen sich die Zukunft bewegen konnte. Stübbens Aufgabe war die Gestaltung der Kölner Neustadt – ein Werk, das bis heute das Gesicht der Stadt prägt.
Geboren wurde Hermann Josef Stübben am 10. Februar 1845 in Hülchrath (heute Stadt Grevenbroich). Er war das älteste von zehn Kindern, wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Nach dem Abitur in Düsseldorf absolvierte er sein Studium an der Bauakademie in Berlin. Bereits früh zeigte sich seine Affinität zum technischen, zugleich aber auch zum gestalterisch-gesellschaftlichen Anspruch der Stadtentwicklung. Er legte 1871 das Staatsexamen ab und wurde mit einem Stipendium ausgezeichnet – ein erster Fingerzeig für seine steile Karriere, die folgen sollte.
Köln: Stadterweiterung mit System
Nach ersten Jahren als Bauingenieur bei der Eisenbahn begann Stübbens Karriere als Stadtbaumeister in Aachen, wo er mit gerade einmal 31 Jahren die Verantwortung für den städtischen Hoch- und Tiefbau übernahm. Seine städtebaulichen Entwürfe, etwa für neue Wohngebiete und die Gesamtentwicklung Aachens, folgten einem damals revolutionären Denken: Nicht einzelne Häuser sollten geplant werden, sondern ganze Stadtteile im Zusammenhang – langfristig, mit Flexibilität für spätere Anpassungen. Diese Methodik begründete den modernen Städtebau. Wegen seiner außerordentlichen Verdienste ließ der Ruf aus Köln nicht lange auf sich warten.
Als Josef Stübben 1881 nach Köln kam, hatte die Stadt gerade einen folgenschweren Entschluss gefasst: Die mittelalterliche Befestigung, lange ein Hemmnis für jede Entwicklung, war gefallen. Die Stadt durfte sich nun über die alten Wälle hinaus entfalten. Die Vision: eine moderne Großstadt – offen, gesund, lebenswert. Den Wettbewerb zur Planung der Stadterweiterung gewann Stübben gemeinsam mit dem Architekten Karl Henrici. Doch es war Stübben, der das Projekt federführend umsetzte.
Dieses Bild, um 1881, aus der Vogelperspektive zeigt, welche Dimensionen die von Stübben geplante Kölner Neustadt hatte. Bild: Jakob Scheiner, gemeinfrei
Das Zentrum seiner Planung: die Kölner Neustadt – ein Gürtel, der sich hufeisenförmig um das alte Stadtzentrum legte, gegliedert durch breite Alleen, großzügige Platzanlagen und eine klare funktionale Trennung von Wohn-, Verwaltungs- und Verkehrsbereichen. Es entstand die charakteristische Kölner Ringstraße, die zwischen 1886 und 1891 etappenweise eröffnet wurde. Stübbens Entwurf verband Repräsentation mit Funktionalität, Militärgeschichte mit urbaner Moderne: Aus dem einstigen Festungsring wurde ein Prachtboulevard.
Der Hohenzollernring um 1900 – ein Prachtbelouvard
Stübben berücksichtigte in seinen Planungen das zukünftige Wachstum Kölns und legte systematisch die Grundstruktur der neuen Viertel fest. Das war nicht nur vorausschauend – es war revolutionär.
Durchmischte Bebauung als soziale Innovation
Die Neustadt wurde in zwei große Bereiche unterteilt: Neustadt-Nord und Neustadt-Süd, flankiert von neuen Verkehrstrassen, durchzogen von grünen Promenaden. Das städtebauliche Raster folgte klaren Linien, jedoch aufgelockert durch Plätze wie den Zülpicher Platz, Rudolfplatz oder Ebertplatz.
Einst ein stadtbauliches Idyll, heute Kölns hässlichster Platz: Der Barbarossaplatz, hier auf einer Darstellung um 1900
Stübben plädierte für eine durchmischte Bebauung, in der Mietskasernen, Wohnhäuser für das gehobene Bürgertum und Einrichtungen der Daseinsvorsorge wie Schulen, Kirchen oder Krankenhäuser nebeneinander Platz fanden. Auch die Idee einer durchgehenden Straßenbeleuchtung, breiten Gehwegen und moderner Entwässerung wurde von ihm mitgedacht.
Ein Mann mit Weitblick
Stübbens Konzept für Köln war geprägt von Pragmatismus und Idealismus gleichermaßen. Er wollte keine „Traumstadt“, sondern eine funktionierende Metropole – gesund, sozial durchmischt, anpassbar. 1890 erschien sein Buch „Der Städtebau“, das zum Standardwerk wurde und internationale Aufmerksamkeit fand. Bis 1924 erlebte es drei Auflagen. Das Buch war weit mehr als ein Fachbuch – es war ein Manifest für den Städtebau als umfassende, gesellschaftlich relevante Disziplin.
Das Stübben-Buch „Der Städtebau“, erschienen 1890, ist ein Standardwerk des Städtebaus
In Köln wurde er 1889 zum Stadtbaurat, 1892 zum Beigeordneten ernannt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war er nicht mehr nur Fachmann, sondern auch Entscheider – ein Architekt, der Politik machen konnte.
Städtebau im Rheinland – und darüber hinaus
Neben Köln plante Stübben die Stadterweiterungen von Düsseldorf, Heerdt-Oberkassel, Saarlouis und Aachen. In Koblenz sah mab ebenfalls die Entwicklung der Stadt auf dem Gelände der geschleiften Festungsanlagen vor – dank der Erfahrungen aus Köln für Stübben eine vertraute Aufgabe. Auch in Belgien, etwa in Brügge, Antwerpen oder Brüssel, wurde Stübben als Planer tätig. Dass König Leopold II. von Belgien persönlich mit ihm über Städtebau sprach, zeigt die internationale Anerkennung seiner Arbeit.
Neben seiner Planungstätigkeit war Stübben auch in sozialen Fragen engagiert. Er trat für den Bau von Arbeiterwohnungen ein und gründete 1899 mit anderen den „Rheinischen Verein zur Förderung des Arbeiterwohnungswesens“. Als einer der Ersten erkannte er die Notwendigkeit gemeinnütziger Baugesellschaften, die auch ärmeren Bevölkerungsschichten menschenwürdiges Wohnen ermöglichten.
Die Figur von Hermann Josef Stübben auf dem Kölner Rathausturm, die Figur rechts stellt den Erfinder und Unternehmer Eugen Langen dar. Bild: Raimond Spekking
1904 verließ er Köln und ging nach Berlin. Dort arbeitete er als Oberbaurat im Preußischen Finanzministerium an der Umgestaltung der ehemaligen Festungsstadt Posen. Auch in seiner späten Karriere blieb er aktiv: Er gewann Städtebau-Wettbewerbe für Bilbao (1926) und Madrid (1930) und beriet sogar 1929 beim Ausbau der Vatikanstadt.
Seine Planung lebt im Stadtbild weiter
Stübben starb am 8. Dezember 1936 im Alter von 91 Jahren, beigesetzt wurde er in Berlin. Er war kein Theoretiker am Schreibtisch, sondern ein Mann der Umsetzung.
Für ihn war klar: Eine Stadt kann nur dann schön und lebenswert sein, wenn sie auch den praktischen Anforderungen entspricht – Verkehr, Hygiene, soziale Infrastruktur. Genau das hatte Köln zur Zeit seiner größten Expansion dringend gebraucht – und genau das lieferte Josef Stübben.
Gedenkplakette für Josef Stübben an der Hahnentorburg, Rudolfplatz, Bild: Uli Kievernagel
Ohne Stübben keine Kölner Neustadt. Ohne Neustadt kein modernes Köln. Was Josef Stübben für die Stadt am Rhein geleistet hat, reicht weit über das Ziehen von Straßenzügen hinaus. Er hat Köln auf ein neues Fundament gestellt – technisch, sozial, ästhetisch.
Ein Stadtbaumeister, der wusste, wie Städte wirklich funktionieren. Und dessen Planungsgeist bis heute im Stadtbild weiterlebt.
Der kölsche Musiker Jupp Schmitz (1901 – 1991), hier auf dem ihm gewidmeten Denkmal, Bild: Uli Kievernagel
Man liest die Titel und hat sofort die Melodie im Kopf: „Ich fahr mit meiner Lisa zum schiefen Turm von Pisa“, „Wer soll das bezahlen?“, „Am Aschermittwoch ist alles vorbei“ und selbstverständlich „Es ist noch Suppe da“.
Diese Lieder stammen alle aus der Feder von Jupp Schmitz – ein Mann, der ganz maßgeblich den musikalischen Tonfall des rheinischen Liedgutes und des Karnevals mitgeprägt hat. Seine Lieder sind bis heute fester Bestandteil jeder Session, seine Texte oft unterschätzt. Sein Werk ist ein Archiv kölscher Zeitgeschichte – heiter, doppeldeutig und nie ganz ohne Tiefgang.
Ein Musiker aus dem Veedel
Jupp Schmitz wird am 15. Februar 1901 im Kölner Severinsviertel geboren. Sein Vater Philipp Schmitz ist Trompeter, die Mutter will, dass ihr Sohn Pianist werden soll. Während andere Kinder draußen spielen, erhält Jupp Schmitz mit sieben Jahren Klavierunterricht und muss viel üben. Später besucht er das Kölner Konservatorium und wird tatsächlich als Konzertpianist ausgebildet.
In den 1920er-Jahren leitet er eigene Kapellen und tritt in renommierten Kölner Häusern wie dem Dom-Hotel und dem Monopol auf. Auch bei der letzten Tournee von Willi Ostermann im Jahr 1936 sitzt Schmitz am Klavier.
Bereits 1934 beginnt seine Zusammenarbeit mit dem Reichssender Köln. In dieser Zeit entstehen erste Kompositionen für das damals neue Medium Rundfunk. Mit dem Tango „Gib acht auf dein Herz, Margarethe“ kann Jupp Schmitz in die lukrative Unterhaltungsmusik einsteigen. Besonders hilfreich war es, dass dieses Lied von dem prominenten Sänger Rudi Schuricke gesungen wurde.
Die Lieder von Jupp Schmitz sind vielseitig, stets eingängig, dabei aber nie anbiedernd und werden auch außerhalb des Rheinlands geschätzt.
Krieg, Heimkehr in das zerstörte Köln
1940 wird Schmitz zum Kriegsdienst eingezogen. Er ist für die Truppenunterhaltung zuständig und singt erstmals auch selber. Seine Stücke schreibt er auf Kölsch und Hochdeutsch.
Das zerstörte Köln am Ende des Zweiten Weltkriegs. Ein Anblick, der auch Jupp Schmitz tief erschütterte. Bild: gemeinfrei / U.S. Department of Defense, Fotograf: Jack Clemmer
Erst 1946 kommen Jupp Schmitz und seine Ehefrau Bärbel wieder nach Köln. Der Künstler ist angesichts der Zerstörung der Domstadt tief erschüttert. So entsteht sein bewegendes Lied „Ming herrlich Kölle“. Darin beschreibt er aber auch die Zuversicht:
Ming herrlich Kölle, wie sühs do us?
Wo sin ding Stroße, wo stund ming Huus?
Un beß do och zerschlage, dat ändert janix dran,
dat mir met heißem Hätze vun neuem fange ahn.
Nach dem Krieg arbeitet Schmitz weiter für den Rundfunk, tritt in Karnevalssitzungen auf und wird zu einer festen Größe im kölschen Karneval.
Der Hit, der ein Land bewegte
Der endgültige Durchbruch gelingt ihm 1949 mit „Wer soll das bezahlen?“ Ursprünglich als satirischer Kommentar zur Währungsreform gedacht, entwickelt sich das Lied zu einem bundesweiten Hit – ironisch, ohrwurmverdächtig und überraschend aktuell:
Wer soll das bezahlen, wer hat das bestellt,
wer hat soviel Pinke-Pinke, wer hat soviel Geld?
Der Titel bleibt nicht ohne juristisches Nachspiel: Der Berliner Komponist Wilhelm Gabriel erkennt in dieser Melodie eine Variante seines eigenen Werkes und klagt. Schmitz gewinnt – unter anderem, weil er beweisen kann, dass er die Melodie schon Jahre zuvor verwendet hatte.
Mit den 1950er-Jahren beginnt die produktivste Phase von Jupp Schmitz. Mit Liedern wie „Am Aschermittwoch ist alles vorbei“ und „Wir kommen alle in den Himmel“ schreibt er Hymnen, die über den Karneval hinauswirken. Ende der 1960er Jahre erscheint sein Hit „Es ist noch Suppe da“. Es sind die erfolgreichsten Jahre des Künstlers. Zwischen 1969 und 1987 tritt er insgesamt 18 mal in der beliebten Fernsehshow „Zum Blauen Bock“ auf.
Der Liedtext von „Em Winter, dann schneit et“ ist auch Teil des Denkmals für Jupp Schmitz in der Kölner Innenstadt, Bild: Uli Kievernagel
Jupp Schmitz nimmt sich selbst nicht zu ernst, aber seine Zuhörer ernst genug, um sie zum Lachen zu bringen. So feiert er mit Liedern wie „Em Winter, dann schneit et“ große Erfolge:
Wenn dr Summer kütt eran, jommer in dr Wald,
feste weed jewandert dann, jesunge, dat et schallt.
Ävver is dr Winter do, jommer nit mie hin,
weil mir von Natur us jo – jet ärch empfindlich sin.
Em Winter, dann schneit et, im Winter is et kalt,
immer kalt, immer kalt, immer kalt.
Dröm jommer em Winter och jarnit in dr Wald,
in dr Wald, in dr Wald, in dr Wald.
Ävver em Mai, dann weed et widder jrön, –
dann blöhe de Böum, dann is et schön.
Der Skandal um den „Hirtenknaben von St. Kathrein“
Ein ungewöhnlicher Tiefpunkt seiner Karriere war der Auftritt 1964 bei der Prinzenproklamation. Normalerweise trat Jupp Schmitz immer mit Smoking, mindestens aber im Anzug, und oft mit einer edlen Narrenkappe auf.
Bei der Fernsehübertragung der Prinzenproklamation steht er, auf ausdrücklichem Wunsche des Veranstalters, in kurzer Lederhose und einem lächerlichen Filzhut auf der Bühne. Er spielt zunächst das Lied „Der Hirtenknabe von St. Kathrein“ und danach den eher einfachen Titel „Risotto-Otto und Spaghetti-Betty“.
Jupp Schmitz wollte mit dem „Hirtenjungen“ die zu dieser Zeit im Fernsehen überaus erfolgreichen Heimatschnulzen persiflieren. Doch dieser Plan ging gründlich schief. Das Publikum reagiert mit Buhrufen und Pfiffen. Und bei der TV-Übertragung des WDR sagt der Kommentator wörtlich: „Bleiben Sie noch ein bißchen am Apparat, es wird gleich wieder ganz nett.“ Die Persiflage wurde nicht verstanden.
Diese Demütigung hinterließ tiefe Spuren bei Jupp Schmitz: „Wenn es der Bestie Volk nicht gefällt, pfeifen sie einen von der Bühne herunter – han ich dat noch nüdig?“ fragte er danach öffentlich. Zu seiner Genugtuung verarbeitet er später diesen Tiefpunkt seiner Karriere in einem seiner Lieder:
Der Hirtenknabe von Sankt Kathrein, der denkt noch heute an Köln am Rhein. Er sang seine Lieder, da pfiffen die Brüder, drum singt er nur noch in Sankt Kathrein.
Das Grab von Jupp Schmitz auf dem Melatenfriedhof mit seinen unvergesslichen Zeilen: „Am Aschermittwoch ist alles vorbei.“ Bild: MSchnitzler2000, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
Ein Leben für die Musik
Bis ins hohe Alter bleibt Schmitz künstlerisch aktiv. Zwar kündigte er zu seinem 80. Geburtstag im Jahr 1981 seinen Rückzug an, doch bei ganz besonderen Anlässen kann man den Künstler noch auf der Bühne erleben. So wurde sein Auftritt auf der Prinzenproklamation im Jahr 1983 zu einem überragenden Erfolg – eine späte Genugtuung für Jupp Schmitz nach der „Hirtenknaben-Demütigung“ im Jahr 1964.
Auch sein Auftritt mit den Bläck Fööss im Jahr 1989 bei deren Konzertreihe im Millowitsch-Theater war ein großer Erfolg . Am 15. Februar 1991 feiert er seinen 90. Geburtstag mit einem Auftritt im Senftöpfchen-Theater. Dort zeigte er noch einmal sein ganzes Talent und nahm das Publikum mit auf eine musikalische Reise durch seine Karriere.
Nur sechs Wochen später, am 26. März 1991, stirbt Jupp Schmitz in Köln. Er wird auf dem Melaten-Friedhof bestattet. Auf seinem Grabstein steht
Das Jupp-Schmitz-Plätzchen in der Kölner Innenstadt, Bild: Uli Kievernagel
Jupp-Schmitz-Plätzchen
1994 erhält Jupp Schmitz posthum sein Denkmal: Am Salomonsgäßchen in der Innenstadt wird ein Platz nach ihm benannt: Das Jupp-Schmitz-Plätzchen. Ein kleines Piano aus Bronze und Bronzeplatten, auf denen Liedtexte von Jupp Schmitz eingraviert sind, erinnert heute an einen Mann, der mit großem Taktgefühl den Frohsinn komponierte.
Das Denkmal für Jupp Schmitz auf dem Jupp-Schmitz-Plätzchen, Bild: Uli Kievernagel
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Das Denkmal für Jupp Schmitz auf dem Jupp-Schmitz-Plätzchen, Bild: Uli Kievernagel
Johann Joseph Palm, in Köln als „Orjels-Palm“ bekannt, verdiente sich sein Geld mit einer Drehorgel und später mit einem „Romantische Panorama“. Bild: KI-generiert
Am Ende seines Lebens war Johann Joseph Palm – genannt Orjels-Palm oder Urjels-Palm – schlichtweg zu schwach, um weiterhin die schwere Drehorgel zu tragen und zu bedienen. Um trotzdem noch ein paar Groschen zu verdienen, hing sich Orjels-Palm noch ein „Romantisches Panorama“ um – ein Schaukasten mit einer Bergszene – und flanierte damit auf der Straße und bei seinen Gönnern.
Geld war zeitlebens knapp bei einem Mann wie Orjels-Palm. In einer Zeit, in der an soziale Leistungen wie Kindergeld oder Renten noch nicht zu denken war, musste der Drehorgelspieler ein Dutzend eigener Kinder und dazu auch noch mindestens zwei Enkelkinder ernähren. Die einzige Unterstützung des Staates bestand darin, dem kriegsversehrten Orjels-Palm eine Konzession zum Drehorgelspielen zu erteilen.
Palm als Soldat bei den „Schwarzen Husaren“
Johann Joseph Palm wird am 28. April 1801 in der Kleinen Neugasse (heute Tunisstraße) geboren. Mit 14 Jahren beginnt er eine Lehre als Maler und Vergolder. Als Geselle will er eigentlich auf die „Walz“ gehen. Mit Walz, Wanderjahre, Tippelei oder Gesellenwanderung werden die Jahre der Wanderschaft eines Gesellen als Voraussetzungen zur Meisterprüfung bezeichnet. Doch da macht ihm das preußische Wehrgesetz einen Strich durch die Rechnung: Die Walz ist nur mit einem „Kundschaftsbüchlein“ zulässig. Und dieses Büchlein erhält man erst nach Ableistung des Wehrdiensts. Palm wird daher im Herbst 1820 in Danzig Rekrut bei den „Schwarzen Husaren“.
Johann Joseph Palm, genannt Orjels Palm, in Husarenuniform an seiner Drehorgel, Bild: unbekannter Fotograf
Zuhause in Köln nimmt währenddessen sein persönliches Schicksal eine unglückliche Wendung: Cäcilie Hack, seine Liebe seit früher Kindheit, hat sich mit einem anderen verlobt. Palm reist nach Köln, um Cäcilie umzustimmen. Vergeblich. Enttäuscht reist er schnell wieder ab, um in der Türkei, Russland und in Griechenland zu kämpfen.
Nur kurzes Glück mit der Jugendliebe
Nach einer Schussverletzung am Knie, die ihn zeitlebens quälen wird, kommt Palm im Jahr 1830 nach Köln zurück und holt sein Glück nach: Er heiratet die zwischenzeitlich verwitwete Cäcilie Hack. Zunächst ist das Familienglück groß, bis 1838 bekommen die beiden vier Kinder. Palm betreibt eine Werkstatt in seinem ursprünglich erlernten Beruf als Maler und Vergolder.
Doch das Familienglück des Johann Joseph Palm findet durch den Tod seiner Frau Cäcilie im August 1839 ein jähes Ende. Als alleinstehender Vater ist Palm überfordert und heiratet bereits im April 1840 Sophia Kollgraff. Mit ihr zeugt er bis 1847 weitere neun Kinder. Die stetig wachsende Familie erfordert ständig mehr Platz. Die Folge sind 15 Umzüge in 34 Jahren, davon achtmal innerhalb der Straße „Unter Krahnenbäumen“.
Johann Joseph Palm, genannt Orjels-Palm, auf dem Karl-Berbuer-Brunnen Bild: Uli Kievernagel
In den 1840er Jahren verschlechtert sich die wirtschaftliche Lage der Familie dramatisch. Aufträge als Maler findet er kaum noch, zu vergolden gibt es nichts mehr. Zwei Kinder sterben an Unterernährung. Er stellt einen Rentenantrag – dieser wird jedoch postwendend abgelehnt. Allerdings erhält er die Konzession als Drehorgelspieler und eine kleine Beihilfe zur Anschaffung einer solchen Orgel.
Tadellos gekleidet und gepflegt
Palm machte sich in Köln als Drehorgelspieler schnell einen Namen. Er war immer tadellos gekleidet: Blitzsaubere Husaren-Uniform, auf Hochglanz polierte Stiefeln und eine hohe, schwarze Mütze auf dem Kopf. Das hat sich anscheinend sogar bis nach Berlin herumgesprochen, denn dort stand in der Zeitung: „Das ganze Gegenteil vom Maler Bock war der Orgels-Palm, ein vornehmer Straßenmusikant.“
Urjels-Palm in der Bierdeckel-Serie „Kölsche Originale“, Bild: Bild: rs-bierdeckel.de, Reinhold Schäfer
Und anders als seine Wettbewerber, die nur die üblichen Drehorgel-Stücke spielten, hatte Orjels-Palm auch eigene Stücke und Stücke seines Freundes Joseph Roesberg, der bereits mit dem Lied vom „Schnüsse Tring“ einen Karnevalshit gelandet hatte, im Repertoire.
Wo ist dann der Schwengel?
Eben dieser Joseph Roesberg erlaubte sich angeblich einen Scherz mit dem gutmütigen und stets heiteren Orjels-Palm. In Absprache mit dem Kirchenvorstand von Remagen sollte Palm sich dort als Organist vorstellen. Roesberg und seine Freunde spendierten Palm einen neuen Anzug und gaukelten ihm vor, dass er in der vollbesetzten Kirche am Kirmessonntag eine Probe seines Könnens als Orgelspieler abliefern sollte. Palm untersuchte fachmännisch die Orgel und soll dann gefragt haben „Wo is dann he dä Schwengel?“.
So schön diese Anekdote ist – sie kann aber leider nicht ganz der Wahrheit entsprechen. In der Remagener Pfarrkirche wurde nachweislich erst 1904 eine Orgel eingebaut. Und der gläubige Katholik Roesberg hätte wohl kaum einen Scherz mit der Kirche getrieben. Wahrscheinlicher ist es, dass der Freundeskreis um Roesberg dem Orjels-Palm nur etwas Gutes tun wollte und ihm unter einem Vorwand den neuen Anzug schenkte.
Fählen im och mänche Tön
Palm gehörte mit seiner Orgel bald zum Stadtbild. Johann Franz Weber, ein erfolgreicher Komponist kölscher Karnevalsmusik verewigt Orjels-Palm sogar in seinem Lied „Do deis meer leid“:
Met der Urgel trock erus Künstler Palm von Hus ze Hus, Fählen im och mänche Tön, Schnüsse Tring spilt hä doch schön. Doch sing Urgel manchmal brump We en al, rostige Pump: „Saht ens Palm“ su sähte Lück, „Hät die Buchping hück? Se deit uns leid, Se deit uns leid, Hat Ehr denn kei Gefühl?“1Übersetzung:
Mit der Orgel zieht er herum,
Künstler Palm, von Haus zu Haus.
Fehlen ihm auch manche Töne,
das Lied der „Schnüsse Tring“ spielt er doch schön.
Doch seien Orgel manchmal brummt
Wie eine rostige, alte Pumpe. „Sagt mal, Palm“ so sagten die Leute, „Hat die Bauchschmerzen heute? Sie tut uns leid, Sie tut uns leid, Habt ihr denn kein Gefühl?“
Harte Arbeit für geringes Entgelt
Und Palm drehte fast 30 Jahre unermüdlich seine Orgel, um das notwendige Auskommen für die Familie zu verdienen. Dabei, so Reinhold Louis2 in seinem Buch „Kölner Originale“, Greven Verlag „… war er in der Tat harmlos: Palm lag nicht betrunken in der Gosse, er kam nicht in Konflikt mit den Gesetzeshütern, er war nicht verkommen, er borgte und schnorrte nicht, sondern leistete harte Arbeit für mehr oder weniger geringes Entgelt.“
Orjels-Palm kann in späteren Jahren die schwere Drehorgel nicht mehr bedienen und trägt stattdessen ein „Romantisches Panorama“, Bild: unbekannter Fotograf
Und als die Orgel für den mittlerweile fast achtzigjährigen Palm schlichtweg zu schwer wird, sattelt er um und trägt das „Romantische Panorama“ um den Hals. Immer, um noch ein paar Groschen zu verdienen – die Kinder und Enkel haben schließlich Hunger.
Am 29. Januar 1882 stirbt Johann Joseph Palm. Und Köln verliert mit dem Straßenmusiker eines seiner Originale. Andere, die ihm als Straßenmusiker in Köln nachfolgen, werden weder so bekannt, noch als Original verehrt.
Ausnahmen: Klaus der Geiger und die Kelly-Family.
Aber das sind andere Geschichten.
Es bleibt in der Familie: Der Urenkel von Orjels-Palm war Emil Palm (1890 – 1963). Und Emil Palm schrieb für Willi Ostermann, der selber kein Noten, lesen konnte, die von Ostermann vorgesungene Musik.
Heinrich Peter Bock, besser bekannt als „Maler Bock“. Bitte beachten: Der Sporn am Stiefel weist ihn als Dragoner aus, auch wenn seine Dienstzeit nur wenige Wochen dauerte. Bild: Adolph Wallraf (1880)
Eines ist sicher: Gemalt hat der Maler Bock nie. Der nach eigenem Empfinden kunstsinnige Lebemann Heinrich Peter Bock hatte bereits in ganz jungen Jahren für die Kunst geschwärmt. Und sich auch als Künstler und Intellektueller selbst als Bohémien inszeniert. Doch als er im Alter von etwa 50 Jahren gebeten wurde, als selbsternannter großer Künstler die Wandmalereien in der Abtei Brauweiler zu restaurieren, lehnte er mit den Worten „Spätere Geschlechter werden sagen, welch vorzüglicher Restaurator hat diesen schlechten, primitiven Malereien so vorzüglich restauriert!“ entrüstet ab.
Geboren am 30. Juli 1822 sollte der hochgewachsene Heinrich Peter nach dem Willen seines Vaters Metzger werden. Doch Knochen sägen und Würste kochen war nicht nach dem Willen des selbsternannten Kunstexperten, der von einem Zeitgenossen wie folgt beschrieben wurde. „Eine Kunstnatur mit langen Haaren, wallend bis auf die Schultern, mit ledernem Käpplein aus dem vorigen Jahrhundert, mit einem Rocke, dessen Schnitt aus der Zeit vor der Restauration zu sein scheint. Sein Gilet1Weste dagegen ist höchst dandymäßig, weite Pluderhosen gestalten ihn zum Türken …“.
Extrem kurze militärische Karriere
Klar, dass so ein Typ nicht zu den preußischen Dragonern passt. Warum Bock sich mit 19 Jahren ausgerechnet dieser berittenen Infanterie angeschlossen hat, lässt sich heute nicht mehr klären. Aber klar ist, dass seine militärische Karriere bereits nach wenigen Wochen ihr unrühmliches Ende fand. Die Preußen befürchteten, so Reinhold Louis2„Kölsche Originale“, Greven Verlag 1985 dass „Dragoner Bock die ganze Schwadron närrisch machen würde, sollte er noch länger bleiben“. Was Bock aber trotz dieser sehr kurzen Dienstzeit nicht davon abhielt, für den Rest seines Lebens einen Sporn am Stiefel zu tragen, welcher ihn als ehemaligen Dragoner kennzeichnet.
Einen echten festen Wohnsitz hatte Bock nicht. Sein bevorzugtes Domizil war ein alter, nicht mehr genutzter eisernen Dampfkessel in Bayenthal, welchen er als „sein Hotel“ bezeichnete und sich wahrscheinlich fühlte wie der Philosoph Diogenes in seiner Tonne. Bei gutem Wetter hingegen machte er sich in den Bögen der damals noch nicht abgerissenen Stadtmauer gemütlich.
Der Maler Bock in der Bierdeckel-Serie „Kölsche Originale“, Bild: Bild: rs-bierdeckel.de, Reinhold Schäfer
Wechselhafter Erfolg bei den Damen
Zunächst hatte der mittellose Bock wenig Erfolg, eine Frau an sich zu binden. Lang hing ihm nach, dass einmal eine Frau, die er in ein von einem Gönner überlassenes Haus mitnahm, auf das Dach floh und um Hilfe rief. Und das puddelrüh.
Auch mit den Marktfrauen auf den Alter Markt gab es regelmäßig Streit. Als eines Tages eine der Marktfrauen ihn ein kleines Stückchen Käse schenken wollte, wahrscheinlich um ihn endlich loszuwerden, zeterte Bock „Sie elende Person wagen es, einem Künstler einen solchen Bettel anzubieten!“ Gleichzeitig griff er nach dem Geschenk: „Doch her damit – Großmut gegen geringe Leute war stets mein Prinzip.“
Legendär waren seine Auftritte zu den Namenstagen ausgewählter Damen, bevorzugt Wirtinnen. Als Kavalier alter Schule pflegte er, mit einem Strauß selbstgepflückter Blumen und gestelzter Sprache zu gratulieren, um die anschließende Einladung zu Wein, Bier und Essen dankend anzunehmen. Sobald er satt war, schnappte er sich die ursprünglich geschenkten Blumen und verabschiedete er sich mit den Worten „Schöne Frau, ich wiederhole meinen Glückwunsch, ich muß aber noch einer anderen Dame zum Geburtstag gratulieren.“ Kurios: Die Wirtinnen erwarteten zu den Namenstagen regelrecht seinen Besuch – er war wie ein Maskottchen für die Damen.
Das digital massiv nachbearbeitete Bild des Maler Bocks von Adolph Wallraf (1880)
Fake News zum Tode Bocks
Michael Wasserfuhr von den Kölschgängern schreibt, dass ein solcher Typ nicht so recht in das preußische Köln passt.3Michal Wasserfuhr: Der Maler Bock, https://koelschgaenger.net/maler-bock-2/ So wurde der große Künstler unfreiwillig aber nicht ganz unwillig (es war Winter!) in die Arbeitsanstalt Brauweiler einquartiert. Dass er dort mit einem anderen Original, dem Fleuten-Arnöldchen, zusammenarbeiten musste, gefiel Bock so nicht, weil das Arnöldche bei der Ansprache des Künstlers das respektlose “Du“ verwendete.
Während er in Brauweiler festsitzt, vermissen in Köln nicht nur die Wirtinnen den Maler Bock. Und dann machen auch noch „Fake-News“ über den Tod von Heinrich Peter Bock die Runde. Den Kölnern ist schnell klar, dass hier etwas nicht stimmen kann, wird doch auch sein Testament veröffentlicht. Der auf seinem Landgut in Brauweiler verstorbene „Professor Bock“ soll viele Tausend Taler für wohltätige Zwecke vermacht haben. Geld, welches der stadtbekannte Maler Bock selbstverständlich nie hatte.
Heribert aus Köln hat den Maler Bock als Figur auf dem Fensterbrett. Vielen Dank für dieses Bild!
„Meine Kunst – mein Genie, das vergisst die Nachwelt nie!“
Doch Bock überlebt seinen vermeintlichen Todestag um mehrere Jahre. Nach mehreren Krankenhausaufenthalten stirbt der Maler Bock tatsächlich am 3. Dezember 1878 in einer Irrenanstalt in Düren und wird auch dort im Rahmen eines Armenbegräbnisses beigesetzt. Keiner in Düren ahnt, dass dort ein echtes Kölsches Original in einem schmucklosen, anonymen Grab ruht.
In Köln wird sein Tod im Karneval des Jahres 1879 verarbeitet. So lautete es in dem Karnevalslied „De Zünfte em Zog“ von Peter Prior:
„Zoletz trick dann de Künstlerschar, doher met Glanz und Praach. Dä Größte fählt, hä mäht sich rar, es jenseits unger Daach! Dat wor im selgen he vergunnt, un doch met Stolz Bock sage kunnt: „Meine Kunst – mein Genie, das vergisst die Nachwelt nie!“
Besondere Ehre für einen Lebemann: Das Maler-Bock-Gäßchen im Schatten der Severinsbrücke, Bild: Uli Kievernagel
Ehrung durch eine Straße
Und tatsächlich wurde der Maler Bock bis heute nicht vergessen. Dafür sorgt auch eine Ehrung der Stadt Köln: Das Maler-Bock-Gäßchen in der Südstadt.
So wurde dem, „der nie einen Pfennig Steuer entrichtet hat, der in keinem ihrer Adreßbücher verzeichnet ist, weil er nie und nirgendwo amtlich gemeldet war, eine späte Ehrung zuteil“, so Reinhold Louis4„Kölsche Originale“, Greven Verlag 1985.
Imhoff vor seinem wahr gewordenen Traum: Der Schokoladenbrunnen in seinem Schokoladenmuseum, Bild: Schokoladenmuseum Köln
„Ich wiege 100 Kilogramm, davon sind 80% aus Schokolade“ – so der Kölner „Schokoladen-König“ Hans Imhoff in einem Interview. Ob das tatsächlich stimmt? Eindeutig aber: Der Vollblutunternehmer hatte auf jeden Fall ein Herz aus Schokolade.
Hans Imhoff wurde am 12. März 1922 in Köln geboren. Nach dem Besuch der Handelsschule und einer kaufmännischen Lehre war er nur kurz im Kriegseinsatz. Wegen eines Augenleidens wurde er 1943 ausgemustert.
Seine unternehmerische Karriere begann im Oktober 1945. Imhoff erhielt von den Besatzungsmächten in Alf an der Mosel die Genehmigung, mit Lebensmittel zu handeln. Hart am Rande der Legalität maggelt1Mit „maggeln“ bezeichnet der Kölner Geschäfte, die mindestens fragwürdig, oft aber auch illegal sind. Imhoff mit Waren aller Art. Besonders lukrativ: Er tauschte Wein von der Mosel gegen Gebrauchsgegenstände aller Art, zum Beispiel Werkzeug, Rasierklingen, oder Lebensmittel.
Keine Maschinen, keine Experten, keine Rohwaren – aber eine Vision
Im Juni 1948 gründete er in Bullay eine Schokoladenfabrik. Der Beginn einer erstaunlichen Karriere. Imhoff hatte zum Start der Schokoladenproduktion nichts: Keine Maschinen, keine Experten – nur eine Vision: Imhoff will ein großer Schokoladenproduzent werden.
Doch dazu fehlte ihm vor allem die wichtigste Zutat: Kakao. Aber der findige Imhoff hat auch hier eine Lösung: Er tauschte Lebensmittel gegen Schokolade aus Care-Paketen und schmilzt diese ein. Mit einer auf dem Schwarzmarkt beschafften Maschine entstanden so seine ersten Pralinen. Das Unternehmen wächst, Mitte 1958 beschäftigt Imhoff bereits 400 Mitarbeiter. Er wird zu Deutschlands jüngstem Millionär. Sein offenes Geheimnis: Er war ein „Kostenkiller“. Er investierte viel Geld, um möglichst preiswert zu produzieren. Immer nach dem neuesten Stand der Technik.
Produziert wurde Massenware, welche in den Discountern sehr günstig angeboten wird. Die etablierten Markenhersteller wie Stollwerck oder Sprengel rümpfen die Nase, wenn der, aus ihrer Sicht, „Parvenü“ Imhoff auf Messen oder Kongressen der Branche erscheint. So verweigert ihm Dr. Bernhard Sprengel, Inhaber der Sprengel-Werke in Hannover, sogar auf einem Branchentreffen den Handschlag. Diese Ablehnung kränkte auf der einen Seite den selbstbewussten Imhoff, spornte ihn aber auf der anderen Seite an, ein eigenes Schokoladenimperium zu erschaffen.
Hans Imhoff – Vollblutunternehmer mit einem „Herz aus Schokolade“. Bild: Schokoladenmuseum Köln
Wegfall der Preisbindung für Schokolade wird zu Risiko und Chance für Imhoff
Der direkte Wettbewerb der Schokoladenhersteller untereinander wurde seit 1952 durch eine staatliche festgelegte Preisbindung nahezu unterbunden. Erst 1964 wurde diese Regel aufgehoben. Für Imhoff war das zunächst negativ: Die Markenschokolade wurde deutlich günstiger, die Kunden griffen nach dem Wegfall der Preisbindung eher zur Markenschokolade statt zu den günstigen Produkten aus der Imhoff-Produktion. Aber auch hier erkannte der Unternehmer Imhoff seine Chance: Er produzierte in seinen Werken für die Tobler-Werke, die nicht über genügend eigene Produktionskapazitäten verfügten.
Obwohl der Vertrag mit Tobler lukrativ war, wusste Imhoff, dass er nur dann zu den ganz großen der Branche gehören konnte, wenn er über eine eigene, anerkannte Marke verfügen würde. Diese Chance ergab sich 1970. Und Imhoff griff zu.
Imhoff übernimmt Stollwerck
Im Jahr 1970 geriet der Schokoladenkonzern Stollwerck in die Krise – die Gebrüder Stollwerck hatten sich übernommen. Die enorme Produktvielfalt, der Historiker Ulrich Soénius spricht von mehr als 1.400 Produkten, veraltete Maschinen und Fehlentscheidungen des Managements führten zu einem Verlust in Höhe von 7,8 Millionen DM. Das Wirtschaftsmagazin Capital bezeichnete die Stollwerck AG als die „Versager des Jahres“.
In dieser Krise steigt auch noch die Deutsche Bank, bis zu diesem Zeitpunkt Stollwerck-Großaktionär, aus. Hans Imhoff griff zu und erwarb von der Deutschen Bank das Aktienpaket. Er wurde mit 46,5 % Großaktionär von Stollwerck. Bis 2002 sollte sein Anteil auf 96% der Aktien anwachsen.
Und Imhoff begann unmittelbar mit der Sanierung des Unternehmens. Er streicht das überbordende Stollwerck-Sortiment von 1.400 Produkten auf weniger als 100. Gleichzeitig entließ er etwa 25% der Belegschaft und verkaufte das Stollwerck-Areal in der Südstadt. Hans Imhoff dazu: „Das Ganze ist zu alt. Wir haben industrielle Anlagen und Versorgungsanlagen, die über 100 Jahre hier stehen und die Kosten sind einfach zu hoch. Man kann ein altes Auto nicht uneingeschränkt fahren, eines Tages muss das auf den Schrottplatz.“ Ein neues Werk in Porz wurde gebaut.
„Dat is keine Kölsche“
Mit diesen Methoden machte sich der Schokoladenfabrikant wenig Freunde in Köln. Und als er dann auch noch die Produktion von kostengünstigen Kamelle für den Rosenmontagszug aus dem Sortiment strich, platzte den Honorationen der ehrwürdigen kölschen Karnevalsgesellschaften der Kragen. „Dä nemp uns die Kamelle fott. Dat is keine Kölsche.“ verlautete aus den Führungsetagen der Korps und Gesellschaften.
Das knallharte Verhalten des Geschäftsmanns Imhoff führte zu einer gesellschaftlichen Isolation. Seine zweite Ehefrau Gerburg Imhoff konstatierte: „So richtige Kölner Freunde hatten wir in dieser Zeit nicht.“ Doch das spornte den Unternehmer immer weiter an. Neben Stollwerck werden auch die Werke von Eszet und Waldbaur Teile des Imhoff-Konzern.
Bieterstreit mit Peter Ludwig um Sprengel
Auch Sprengel aus Hannover schlitterte in die Krise und sollte verkauft werden. Der Aachener Unternehmer Peter Ludwig war die unbestrittene Nummer Eins im europäischen Schokoladengeschäft. Mit ihm lieferte sich Imhoff ein wahres Bietergefecht um die renommierte Marke Sprengel.
Schlussendlich kam Imhoff zum Zuge und Sprengel wurde Teil des Imhoff-Schokoladen-Imperiums. Ausgerechnet Sprengel, dessen Chef Bernhard Sprengel dem aufstrebenden Unternehmer Imhoff einst den Handschlag verweigerte. Eine große Genugtuung für Imhoff, der zeitlebens um Anerkennung und Respekt kämpfte.
Jahreshauptversammlungen werden zur „Hans-Imhoff-Show“
Das Unternehmen expandierte, Imhoff gründet die Wäsche-Leasingfirma Larosé und erwirbt eine Fleisch- und Wurstwarenfabrik. Auch im Ausland wächst das Unternehmen. So entstanden neue Schokoladen-Fabriken in Ungarn, Polen und Russland.
In dieser Zeit der nahezu unbegrenzten Euphorie werden die Jahreshauptversammlungen der Stollwerck AG zu einer wahren Hans-Imhoff-Show. Das Handelsblatt vergleicht diese Hauptversammlungen mit dem Karneval. In „der Bütt“ steht Hans Imhoff. Ohne Manuskript erzählt er Witzchen, zu finanziellen Kennzahlen des Konzerns veranstaltet er ein Ratespiel: Richtige Antworten zur Bilanz werden mit 100-DM-Scheinen belohnt. Die Aktionäre erhalten eine opulente Bewirtung und üppige Schokoladenpakete. Hans Imhoff ist auf dem Zenit seiner Karriere.
Hans Imhoffs Vermächtnis: Das Schokoladenmuseum, Bild: Raimond Spekking
In dem Multimillionär Imhoff reifen in dieser Zeit auch die Gedanken, wie er sich zum einen in Köln verewigen kann, zum anderen, wie eine mögliche Nachfolge aussehen könnte. Sein Denkmal wird das unübersehbare Schokoladenmuseum direkt am Rhein. Allerdings ist die Nachfolgefrage ungeklärt. Imhoffs Tochter Annette traut sich zwar zu, ein Unternehmen zu leiten, aber nicht den gesamten Konzern.
Anfang der 2000er Jahre zeigt der jahrelange Stress seine Folgen, Hans Imhoff leidet zunehmend an gesundheitlichen Problemen. Gleichzeitig erlebte das Unternehmen eine veritable Krise. Der Handel mit den Discountern machte immer weniger Gewinn, Sprengel in Hannover machte große Verluste. Das Werk dort wurde 2001 geschlossen.
Im April 2002 verkauft Imhoff den gesamten Konzern für 175 Millionen Euro an den Schweizer Schokoladenkonzern Barry Callebaut AG. In Köln wird noch bis 2005 Schokolade produziert – dann endet die Ära der Stollwerck-Schokolade.
Das Grab der Familie Imhoff auf Melaten, Bild: MSchnitzler2000, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Hans Imhoff stirbt nach langer Krankheit am 21. Dezember 2007 und wird Im Familiengrab auf Melaten beigesetzt.
Die gemeinnützige Imhoff Stiftung wurde im Dezember 2000 von Hans Imhoff nach dem Verkauf des Stollwerck-Konzerns gegründet. Sein Wunsch war es, seiner Heimatstadt Gutes zu tun. Er saß der Stiftung gemeinsam mit seiner Ehefrau Gerburg Klara Imhoff bis zu seinem Tod im Dezember 2007 vor.
Bis Februar 2018 war Gerburg Klara Imhoff Vorstandsvorsitzende; seitdem ist sie Ehrenmitglied des Beirates. Seit Februar 2018 ist Susanne Imhoff Vorsitzende des Stiftungsvorstandes.
Das Museumsgebäude des Schokoladenmuseums gehört der Imhoff-Stiftung. Der Clou: Die Mieteinahmen fließen in die Stiftung, welche wiederum Projekte in Köln fördert. So sind seit 2001 etwa 19 Millionen Euro in unterschiedliche Projekte ausgeschüttet worden. Beispiele:2Weitere geförderte Projekte werden auf der Website der Imhoff-Stiftung vorgestellt.
Plant-for-the-Planet-Akademie
Spezielle Veranstaltungen, auf denen Kinder zu Botschaftern für Klimagerechtigkeit ausgebildet werden.
SingPause: Musikalische Ausbildung von Grundschulkindern
Ausgebildete Singleiter/innen besuchen regelmäßig die Klassen und arbeiten mittels der renommierten Ward-Methode mit den Kindern.
Zentrum für Therapeutisches Reiten Köln e.V.
In diesem speziellen Reitstall wurden 240.000 Therapieeinheiten für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit unterschiedlichsten Behinderungen und Förderbedarf angeboten.
Anträge auf Förderung können über die Website der Imhoff-Stiftung gestellt werden. Gefördert werden Projekte aus den Bereichen :
Kunst und Kultur
Bildung
Kulturpädagogik
Wissenschaft und Forschung
Therapeutisches Reiten
Öffentliche Gesundheitspflege
Denkmalpflege
Heimatkunde
Ein wichtiges Förderkriterium: Das Projekt muss innerhalb Kölns initiiert und realisiert werden. Außerdem können Anträge nur von einer steuerbegünstigten Körperschaft oder einer Körperschaft des öffentlichen Rechts gestellt werden, in deren Freistellungsbescheid mindestens ein Stiftungszweck der Stiftung erfüllt ist. In jedem Fall muss das Projekt bzw. das Ergebnis des Projektes ist der Öffentlichkeit zugänglich oder zu ihrem Nutzen sein.
Die Hans-Imhoff-Straße in Deutz, Bild: Uli Kievernagel
Die Bläck Föös in ihrer aktuellen (Anfang 2025) Besetzung, Bild: Kay-Uwe Fischer
In den 1970er Jahren war der Sitzungskarneval sehr angestaubt. Langweilige Sitzungen mit nichtssagender Musik, Abendgarderobe und eher steifen als lustigen Karnevalisten waren die Regel.
Und dann kamen auf einmal ein paar langhaarige Jungs auf die Bühne, am Anfang noch met bläcke Fööss1barfuß, mit Gitarre und Schlagzeug und fingen an, kölsche Lieder zu spielen, wo vorher noch eher festlich hochdeutsche Lieder vorgetragen wurden.
Die Bläck Fööss in den 1970er Jahren, Bild: Bläck Fööss
Der Versuch der etablierten, offiziellen Kappenträger, diese Band einfach zu ignorieren, ging gehörig daneben.2Ein Muster übrigens, was sich etwa 30 Jahre später bei Brings wiederholen sollte. Die Menschen wollten genau diese Musik hören.
Das war die Geburtsstunde einer kölschen Erfolgsgeschichte:
Die Bläck Fööss eroberten die Bühnen.
Examen an der „Akademie för uns kölsche Sproch“
Wie so viele aus den Jahrgängen ab etwa Mitte 1960 sind auch Jörg Hauschild und Ekkehard „Ekki“ Hoffmann mit der Musik der Fööss aufgewachsen. Und als die beiden dann ihr Examen an der „Akademie för uns kölsche Sproch“ gemacht haben, wurde aus einer Idee Realität: Ihre Abschlussarbeit an der Akademie haben beide zusammen über die “Mutter aller kölschen Bands” – die Bläck Fööss – geschrieben.
Ekkehard „Ekki“ Hoffmann (links) und Jörg Hauschild mit ihrer Diplomarbeit über dei Bläck Fööss, Bild: Ekki Hoffmann
Die beiden haben sich äußerst akribisch in die Geschichte der Fööss eingearbeitet und auch mit den Musikern aus der Band direkt gesprochen.
Einzigartig ist, dass diese Arbeit die erste Diplomarbeit an der „Akademie för uns kölsche Sproch“ ist, die bilingual erscheint: Auf Kölsch und Hochdeutsch. Ein absolutes Novum in der Geschichte der Akademie.
Diplomarbeit hier zum Download
Ich freue mich SEHR, dass die beiden mir erlaubt haben, diese sehr lesenswerte Diplomarbeit hier zum Download anzubieten.
Die Diplomarbeit von Jörg Hauschild & Ekkehard Hoffmann: „Heimatflimmern Bläck Fööss – Zeitreise durch mehr als 50 Jahre Musikgeschichte“, Quelle: Hauschild & Hoffmann (Der Download startet bei klick auf die Darstellung.)
Interview mit den Bläck Fööss-Experten
Frank und ich durften mit den beiden sprechen. Gemeinsam haben wir eine Zeitreise zu 50 Jahren Bläck Fööss unternommen.
Die beiden Bläck Fööss-Experten Ekki und Jörg bei der Podcast-Aufnahme, Bild: Uli Kievernagel
Teil I: Die Anfänge bis 1994
Wir haben über die Anfänge mit Graham Bonney und dem „Rievkooche-Walzer“ gesprochen, über das durchaus zwiespältige Gefühl der Fööss zum Karneval und über den ersten großen Umbruch mit dem Ausstieg von Tommy Engel im Jahr 1994.
Teil II: Die Geschichte der Fööss von den 1990ern bis heute
Im zweiten Teil geht es um die Meilensteine der Bandgeschichte und den langsamen Ausstieg der Ur-Fööss aus der Band. Außerdem wagen die beiden Fööss-Experten einen Blick in die Zukunft.
Genau wie alle anderen Menschen in meiner Rubrik „Ein paar Fragen an …“ haben auch Ekki Hoffmann und Jörg Hauschild den „kölschen Fragen“ Rede und Antwort gestanden.
Wenn nicht Köln – wo sonst könntest du wohnen? Und warum gerade dort?
Ekki: Kopenhagen, die Dänen haben uns viel voraus
Jörg: Da, wo ich jetzt wohne, in Bergisch Gladbach – Schildgen
Welche kölsche Eigenschaft zeichnet dich aus?
Ekki: Toleranz
Jörg: Hätzlich un bodenständich
Was würdest du morgen in unserer Stadt ändern?
Ekki: Autofreie Innenstadt
Jörg: Die zielgerichtete Zusammenarbeit
Nenne ein/zwei/drei Gründe, warum man Köln morgen verlassen sollte.
Ekki: Die Oper wird nie fertig / Entscheidungs-/Umsetzungsstau / Parken in zweiter Reihe ohne Konsequenzen
Jörg: Häh?
Wo ist dein Lieblingsplatz in Köln?
Ekki: Rheinufer mit Blick auf den Dom
Willi Millowitsch hat Ekki und auch Jörg inspiriert, hier das Millowitsch-Denkmal. Bild: Ruth Rudolph / pixelio.de
Welche KölnerInnen haben dich beeinflusst / beeindruckt?
Ekki: Willy Millowitsch, Wolfgang Overath
Jörg: Jupp Menth, Willi Millowitsch und Wolfgang Niedecken
Wolfgang Niedecken, hier mit Sängerin Karen Schweitzer-Faust, hat Jörg beinflusst. Bild: Achim Scheidemann
Was machst du zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch?
Ekki: Mit netten Menschen Karneval feiern
Jörg: Fasteloovend fiere
Wat hät für dich noch immer jood jejange?
Ekki: Trotz allem kritischen liebe ich diese Stadt
Jörg: Meiner Berufung nachgehen, ich arbeite in der touristischen IT und bin ein Schützenjunge
Wo drüber laachs de dich kapott?
Ekki: Über die Sicht von außen auf Köln
Jörg: Alberner Humor und immer Situationskomik
Dein Kölsche Lieblingskneipe?
Ekki: In der Jugend das Piranha
Jörg: Et Höttche oder Max Stark
Dein Lieblingskölsch?
Ekki: Sünner Malz
Jörg: Ratet mal (siehe oben)3Sowohl im Max Stark als auch im Höttche wird Päffgen-Kölsch ausgeschenkt.
Philipp Godart – moderne Popmusik op kölsche Art. Bild: Philipp Godart
Er wird als der „kölsche Ed Sheeran“ bezeichnet: Der Musiker und Produzent Philipp Godart. Er steht bereits seit seinem elften Lebensjahr auf der Bühne und ist auch seit ein paar Jahren im kölschen Fastelovend unterwegs.
Damit der Imi auch die richtigen kölschen Worte trifft, hat er bei der Akademie för uns kölsche Sproch studiert und schreibt seine Songs heute im perfekten Kölsch. Pünktlich zum 11.11.2020 erschien seine erster kölscher Song „Iwig“. Es folgten unter anderem “Et bliev esu” und „Su wie Jana“.
In der Session 2024/25 hat er gleich zwei neue Lieder veröffentlicht „Souvenir“ und „Ein Kölle Alaaf”. In diesem Song stecken zahlreiche kölsche Hits – eine kleine Zeitreise durch den Kölner Karneval. So lautet es:
Katrin, Meyers Kättche, un dat Leev Marie
Dann Bye Bye my love, su wie met dir wor et nie
MIr sin eins, echte Fründe, mir han de Musik bestellt
Wie für so viele Künstler im Karneval begann es auch für Philipp bei einem Vorstellabend. Diese Vorstellabende finden vor Beginn der Karnevalszeit statt. Dort präsentieren sich Musiker, Redner und Tanzgruppen vor den Literaten.1Literaten sind die heimliche Macht im Sitzungskarneval. Ein Literat stellt das Programm der Sitzungen zusammen und bucht die Redner, Bands und Tanzgruppen. Und danach hoffen die Künstler auf viele, viele Buchungen.
Philipp Godart durfte sich 2019 beim Vorstellabend der KAJUJA2Die KAJUJA Köln wurde bereits 1949 gegründet und ist eine Karnevalistenvereinigung, die aktiven Bühnen-Nachwuchs für den Kölner Karneval ausbildet. präsentieren. Danach ging es für ihn auf Kölns Bühnen richtig los.
Flexibilität gefordert
Heute spielt er weit über 50 Auftritte in der Session – Tendenz steigend. Der Anspruch und Stresslevel für die Künstler auf den Sitzungsbühnen ist hoch: In der Regel haben die Tontechniker etwa 30 Sekunden Zeit, die Technik auf der Bühne aufzubauen, bevor der Sitzungspräsident den jeweiligen Künstler aufruft.
Und dann gilt es in ungefähr 20 Minuten abzuliefern. Egal, ob Seniorensitzung in Sürth oder Mädchensitzung in Mauenheim um 23 Uhr. Phlipp Godart hat deswegen kein fixes Programm: „Man muss sich auf die jeweilige Situation einstellen. Spätestens nach 22 Uhr entfallen lange Ansprachen auf der Bühne – da geht es sofort zu Sache.“
Phlipp Godart lebt von der Musik – nicht nur im Karneval. In seinem eigenem Studio „Wunderland“ bietet er von Songwriting über Aufnahme und Produktion bis zu Vocalcoaching das komplette Programm für alle Künstler.
Veröffentlichungen der Songs können auch auf Wunsch über sein eigenes Label schanzenART erfolgen. Das „Kölner Musiklabel für kölsche Musik und deutsche Popmusik“ ist auf den den digitalen Vertrieb spezialisiert. „Die Zeiten haben sich verändert, und Musik wird heute völlig anders produziert und konsumiert als noch in den 2000er Jahren. Diese Veränderung ist in den Tonstudios und bei den Künstler:innen angekommen, bei den Fans sowieso. Leider aber noch nicht bei den Musiklabels und den Wegen des überwiegend digitalen Vertriebes.“ so Phillipp über sein Label. Für ihn stehen die Selbstbestimmung der Künstler und Vertragsmodelle auf Augenhöhe im Mittelpunkt.
Ehrenamtliches Engagement „Pänz-Große-Pause“
Philipp Godart will das kölsche Brauchtum auch den nächsten Generationen nahe bringen. So ist er, zusammen mit den Bands Kempes Finest, Lupo und ALUIS, Teil des Projekts „Pänz-Große-Pause“.
Die beteiligten Künstler besuchen ehrenamtlich ausgewählte Schulen und feiern mit den Kindern den kölschen Karneval. Philipps Schwerpunkt liegt in diesem Projekt auf den Förderschulen.
Das Kölner Kinderdreigestirn 2025: Kinderprinz Ole I., Kinderbauer Anton, Kinderjungfrau Philippa, Bild: Festkomitee Kölner Karneval
Ein Lied für das Kölner Kinderdreigestirn
Im Jahr 2025 gab es den „kölschen Ritterschlag“ für Philipp Godart. Er hat das Sessionslied: „FasteLOVEnd“ für das Kinderdreigestirn geschrieben. Bei jedem Auftritt präsentieren die drei Pänz dieses Lied.
Eingesungen wurde das Lied gemeinsam mit dem integrativen Chor „Belve-Pänz“ der Förderschule Belvederstraße.
Genau wie alle anderen Menschen in meiner Rubrik „Ein paar Fragen an …“ hat auch Philipp Godart zu meinen „kölschen Fragen“ Rede und Antwort gestanden.
Wenn nicht Köln – wo sonst könntest du leben? Und warum gerade dort?
Als echte kölsche Imi natürlich nirgendwo anders. Aber wenn ich müsste, dann hätte ich zwei Orte zur Auswahl: Zum einen Berlin, denn da leben meine Mutter und mein Bruder, und ich bin sehr oft dort. Und zum anderen London. Diese Stadt wäre eine Alternative – aber London ist ja noch teurer als Köln.
Wo ist dein Lieblingsplatz in Kölle?
Zollstock. Eindeutig. Ich bin meinem Veedel wirklich sehr verbunden, und da ist es auch wirklich nett – für manche vielleicht erst auf den zweiten Blick. In Zollstock gibt es einen kleinen netten Park, da bin ich eigentlich täglich um ein Runde zu drehen.
Philipp fühlkt sich Zollstock sehr verbunden, Bild: Qualle, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Und ich bin sehr gerne bei mir im Tonstudio in Mülheim. Das ist ein sehr kreativer Ort. In Mülheim gibt es einen sehr schönen kleinen Streifen am Rhein, da kann man richtig schön in Ruhe spazieren – das ist ja nicht überall am Rhein so gegeben.
Welche kölsche Eigenschaft zeichnet dich aus?
Das ist in jedem Fall Optimismus: „Et hät noch immer jood jejange“. Selbst wenn ich mal einen Rückschlag erlebe ,bin ich nur zehn Minuten niedergeschlagen – dann kommt schon wieder irgendwas Positives .
Welche Kölner haben dich beeinflusst?
Das sind – wenn man die Musik betrachtet – einige. Und manche davon sind sogar sogar Kollegen geworden. So finde es zum Beispiel toll, was die Höhner so alles gemacht haben. Henning Krautmacher hat mich definitiv beeinflusst. Wir haben mittlerweile ein sehr enges Verhältnis, er ist so etwas wie ein Mentor für mich.
Aber ich danke auch Leuten wie Karl Berbuer, Fritz Weber oder Willi Ostermann dafür, dass sie vor vielen Jahren auf den Bühnen als Solisten waren wo ich jetzt wieder als Solist hin möchte.
Was machst du zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch?
Weiberfastnacht ist der Höhepunkt. Dann geht es für uns Musiker gefühlt 24 Stunden rund. Auch am Freitag und am Samstag wird noch gearbeitet. Am Sonntag bin ich bei den Schul- und Veedelszöch dabei. Rosenmontag habe ich frei, da werde ich von einer Tribüne aus den Zug sehen.
Dienstag bin ich mit der Europaschule beim Zollstocker Dienstagszug dabei. Ein Ehrenamt und ein sehr großer Spaß, ordentlich Rabatz mit den Pänz zu machen.
Und was zwischen Aschermittwoch und Weiberfastnacht?
Schlafen! Wir Karnevalisten sind ein bisschen wie Bären nur umgekehrt: Wir haben einen langen Sommerschlaf und im Winter werden wieder aktiv.
Im Ernst: Nach Aschermittwoch gönne ich mir wie alle Karnevalisten ein paar Tage Urlaub. Und dann geht es direkt schon wieder ins Studio. Ich schreibe und produziere ja nicht nur für mich, sondern für mehrere Künstler in Köln und in ganz Deutschland. Und im April geht es dann auch schon wieder mit meinen eigenen Konzerten los.
Rievkooche, für Philipp mit Apfemus und Schwarzbrot, Bild: Klaus Steves / pixelio.de
Dein kölsches Lieblingsessen?
Eindeutig Rievkooche. Gerne mit Apfelmus und Schwarzbrot.
Wat hät für dich noch immer jood jejange?
Im Prinzip alles. Denn: Am Ende ist alles auch immer nur halb so schlimm. Wobei: Im Hinblick auf die Wahlergebnisse der AfD im Osten fällt mir diese Aussage dann doch etwas schwer. Deswegen unbedingt am 23. Februar wählen gehen!
Nenne ein/zwei/drei Gründe, warum man Köln morgen verlassen sollte.
Oh – das ja fast schon eine Fangfrage! Ich finde, man sollte Köln auf jeden Fall verlassen, wenn die AfD hier weit über 40% holt. Das wäre eine absolute Vollkatastrophe und ein absolut legitimer Grund, hier wegzugehen. Deswegen: Geht schön alle am 23. Februar wählen! Grund Nummer zwei wäre die KVB. Das lässt durchaus zu wünschen übrig, das bekommen andere Städte definitiv besser hin. Ein dritter Grund fällt mir echt nicht ein.
Worüber laachste dich kapott?
Bestimmt nicht über Camping! Denn meine Schwiegereltern sind fanatische Camper, das ist wie eine Religion.
Worüber ich aber sehr lachen kann, sind einige Kollegen hier in Köln. Ganz toll finde ich zum Beispiel Martin Schopps, Volker Weininger oder den „Tuppes vom Land“, einen der letzten Vertreter der traditionellen Reim-Rede. Aber auch Marc Metzger ist sensationell lustig.