Die Zukunft des Kölnischen Stadtmuseums und des historischen Zeughauses

Das Zeughaus, bis 2017 Heimat des Kölnischen Stadtmuseums. Bild: Raimond Spekking
Das Zeughaus, hier ein Bild aus besseren Zeiten, Bild: Raimond Spekking

Das Zeughaus – der ideale Ort für das Stadtmuseum

Wenn man sich aktuell1März 2026 rund um das Zeughaus umschaut kann man sich tatsächlich für Köln schämen. Bauzäune dominieren das Bild, Müll liegt herum und sogar die schönen rot-weißen Fensterläden mussten demontiert werden, weil diese ansonsten abgestützt wären.  

Das Zeughaus selber, ein zwischen 1594 und 1606 als städtisches Waffenarsenal erbautes Gebäude, ist seit Jahren ungenutzt. Und auch der Blickfang, das „Flügelauto“ von H.A. Schult, wird wegen der Baufälligkeit des Turms in den kommenden Wochen umgesetzt.

Dabei bietet das Zeughaus ein sehr großes Potenzial: Beste Lage, große Flächen, historisches Ambiente. Es wird also höchste Zeit, sich um dieses attraktive Gebäude zu kümmern. 

Bereits vor zwei Jahren haben einige Kölner Geschichtsvereine schon einmal die Initiative ergriffen und eine Stellungnahme zur Zukunft des Kölnischen Stadtmuseums im Zeughaus erstellt. Sie hat seinerzeit in der Stadtpolitik und bei den Medien ein durchweg positives Echo erfahren, aber keinerlei konkrete Folgen gehabt.

Daher starten die Vereine und Initiativen eine neue Petition an Oberbürgermeister Burmester. Diese enthält die die dringende Bitte, das Zeughaus wieder als Heimat des Kölnischen Stadtmuseums zu nutzen.

Unterschrieben haben 48 Akteure der Kölnischen Stadtgesellschaft, darunter der Zentral-Dombau-Verein zu Köln, die Bürgerstiftung Köln, das Centrum Schwule Geschichte, Fortis Colonia. Willem Fromm von „Eine Geschichte der Stadt Köln“, Freunde und Förderer des Kölnischen Brauchtums, Louise Farina, die Kölner Stadtführer und auch wir vom Köln-Ding der Woche.


Hier der vollständige Text des offenen Briefes an Oberbürgermeister Torsten Burmester. Ein großes DANKE an Dr. Joachim Oepen vom Förderverein Geschichte in Köln, der dieses Anliegen maßgeblich organisiert hat.

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,

Ihr entschlossenes und tatkräftiges Handeln in den ersten Wochen Ihrer Amtszeit ermuntert uns, einen dringenden Appell an Sie zu richten. Es geht um die Zukunft unseres Stadtmuseums, um das Zeughaus und um den Umgang mit dem kulturellen Erbe unserer Stadt.

Seit dem katastrophalen Wasserschaden im Juni 2017 ist das Zeughaus fast ungenutzt. Das Stadtmuseum musste ausziehen, sollte in einem prestigeträchtigen Neubau am Dom einziehen, kam für den Zeitraum von zehn Jahren zur Miete in einem ehemaligen Modekaufhaus unter. Dank seiner attraktiven Inszenierung und dem interessanten Programm ist das Museum dort erfolgreich, und doch sind die Möglichkeiten sehr begrenzt. Die Ausstellungsfläche beträgt etwa 700 Quadratmeter – viel zu klein für eine Metropole von einer solch herausragenden historischen Bedeutung wie Köln. Die unfassbar reichen Bestände des Hauses sind in unzureichend ausgestatteten Depots gelagert. Zentrale Themen der Kölner Geschichte – zu Wirtschaft, Technik, Sport, Migration und anderen sozialen Fragen – können nicht gezeigt werden. Wir erleben eine Verzwergung unseres historischen Erbes.

Zugleich verfallen das Zeughaus und die Alte Wache daneben – und damit zwei einzigartige Bauwerke der Kölner Vergangenheit. Auch das gesamte umgebende Areal ist zunehmender Verwahrlosung ausgesetzt. Das Zeughaus als ehemalige Waffenkammer Kölns war das Herzstück der wehrhaften Bürgerstadt. Die Wache ist eines von nur drei verbliebenen Gebäuden des frühen Klassizismus in der Domstadt. Die Römermauer, die hinter beiden verläuft, bildet ihr stützendes Rückgrat. Dieses einmalige Ensemble darf nicht weiter verfa llen. Es ist kein Ort für ein Hotel, für städtische Verwaltung oder für eine Eventlocation; dies alles wurde bereits angedacht und zu Recht verworfen. Das Zeughausareal ist der geborene Platz für unser Stadtmuseum.

Hier lässt sich ein Ort schaffen, der ein kultureller Anziehungspunkt für das Bankenviertel ist, eine erste Anlaufstelle für die vielen Touristengruppen, die am Börsenplatz aussteigen, ein Ort, der selbst und im Dialog mit dem nahen NS-Dokumentationszentrum wichtige Bildungsarbeit leistet, der aber auch ein Treffpunkt für unzählige Kölnerinnen und Kölner ist. Gerade in unsicheren Zeiten wie diesen braucht unsere Stadt einen Ort der Selbstbefragung und der Selbstvergewisserung. Es braucht eine Einrichtung, die als Leuchtturm für die vielen Vereine und Initiativen dient, die sich um die Kölner Vergangenheit und das kölnische Brauchtum verdient machen. Und es braucht einen Ort, an dem die Kölner Pänz, die Erwachsenen, die Imis etwas über die hellen und die dunklen Zeiten ihrer Heimatstadt erfahren.

Köln hat schwierige Jahre vor sich, das ist uns bewusst. Mit Ihrer Idee der Olympiabewerbung haben Sie einen gewichtigen Aufschlag gemacht. Falls dies gelingt, dann ist ein elementarer Meilenstein gesetzt auf dem Weg zur Zweitausendjahrfeier Kölns, die unsere Stadt und ihre Bevölkerung 2050 begehen werden. Wir halten es für unabdingbar, dass die Darstellung unserer Geschichte dafür einen würdigen Rahmen bekommt, hinter dem sich die ganze Stadt versammeln kann. Wir sind überzeugt, dass das ein Unterfangen ist, das viele Unterstützerinnen und Unterstützer finden wird. Daher bitten wir Sie dringend: Bereiten Sie der Kölner Stadtgeschichte, dem Stadtmuseum und den Menschen, die sich um Kölns Identität und sein Bild nach außen große Sorgen machen, den Weg. Bitte bündeln Sie die Kräfte in Verwaltung und Stadtgesellschaft, damit noch in diesem Jahr der Startschuss fällt, um unsere Geschichte im Zeughaus erlebbar zu machen.

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Logo Kölnisches Stadtmuseum
 

Hintergrund: Das Kölnische Stadtmuseum

Die Ausstellung zur kölschen Stadtgeschichte hat bereits eine lange Reise hinter sich: Wie bei so vielen Museen in Köln bildete die umfangreiche Sammlung Ferdinand Franz Wallrafs den Grundstock. Ab 1888 wurde die Stadtgeschichte in der Hahnentorburg ausgestellt und ab 1902 zusätzlich in der Eigelsteintorburg. Da die Aufteilung auf zwei Standorte alles andere als optimal war, erwog man bereits 1912, das Zeughaus als Ausstellungsort zu nutzen. Allerdings machte der Erste Weltkrieg diese Pläne zunichte.

Auch der Plan, die alte Kürassierkaserne der Preußen in Deutz als „Rheinisches Museum“ zu nutzen, musste wegen der Weltwirtschaftskrise verschoben werden. Die Nationalsozialisten erkannten das propagandistische Potenzial eines solches Museums und eröffneten dort am 21. Mai 1936 das „Haus der Rheinischen Heimat“ in Deutz, welches aber im Krieg erhebliche Schäden erlitt und abgerissen wurde. 

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam erneut der Gedanke auf, dem Stadtmuseum im Zeughaus eine Heimat zu geben. Doch der Wiederaufbau des im Krieg stark beschädigten Gebäudes verzögerte sich. Erst 1958 wurde die Dauerausstellung eröffnet, die dort bis zu dem Wasserschaden im Jahr 2017 gezeigt wurde.

Der schlechte Zustand des Zeughauses machte eine Fortführung der Ausstellung unmöglich. Daher gab es 2018 einen Ratsbeschluss, das ehemalige Modehaus Franz Sauer als Interimsquartier zu nutzen. Doch es sollte noch bis 2024 dauern, bis die Ausstellung dort eröffnet werden konnte.

Das Kölnische Stadtmuseum, Bild: Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0
Das Kölnische Stadtmuseum im ehemaligen Modehaus Franz Sauer, Bild: Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0

Die Kuratoren machten aus der Platz-Not eine Tugend und stellten das Ausstellungs-Konzept komplett neu auf. Statt einer klassischen Chronologie werden acht aktuelle Fragen, die die Besucher beschäftigen und emotional berühren gestellt. Fragen wie: „Was lieben wir?“, „Worauf hoffen wir?“, „Was macht uns Angst?“, „Was verbindet uns?“, „Was macht uns wütend?“, „Worauf haben wir Lust?“, „Woran glauben wir?“ und „Was bewegt uns?“ bilden das Grundgerüst der neuen Dauerausstellung.

Eine perfekte Darstellung – mit nur 0,1% aller möglichen Exponante

Das Problem aber bleibt: Platzmangel. Nur 750 Quadratmeter stehen am neuen Standort für die Dauerausstellung zur Verfügung. Allerdings gibt es etwa 500.000 Ausstellungsstücke, gezeigt werden können davon nur etwa 650 Exponate, weniger als 0,1%.

Kölnisches Stadtmuseum

Minoritenstraße 13
50667 Köln

Öffnungszeiten: 

  • Dienstag bis Sonntag: 10 bis 17 Uhr
  • 1. Donnerstag im Monat: 10 bis 22 Uhr (außer an Feiertagen)
  • An Feiertagen: 10 bis 17 Uhr

Eintritt:

  • 5 Euro, ermäßigt 3 Euro
  • Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre: frei

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Die Eisflut 1784 – als der Rhein Köln an seine Grenzen brachte

Der Eisgang 1784 in Köln, Kupferstich in der Sammlung Johann Conrad Thelen
Der Eisgang 1784 in Köln, Kupferstich in der Sammlung Johann Conrad Thelen

Der Rhein ist Kölns Lebensader – und seit Jahrhunderten auch seine größte Bedrohung. Regelmäßig schaut der Fluß in der Stadt vorbei, meistens aber eher harmlos. Doch was sich im Winter 1783/1784 ereignete, übertraf alles, was die Kölner bis dahin mit „ihrem“ Rhein erlebt hatten.

Köln wurde vom schwersten bekannten Hochwasser seiner Geschichte getroffen. Innerhalb weniger Stunden verwandelte sich der zugefrorene Fluss in eine zerstörerische Naturgewalt, die Häuser, Schiffe und ganze Straßenzüge mit sich riss und tausende Menschen in existenzielle Not stürzte.

Der sogenannte „Jahrhundert-Eisgang“ von 1784 war kein lokales Unglück nur in Köln. Er war Teil einer europaweiten Katastrophe, ausgelöst durch extreme klimatische Bedingungen. Dennoch traf das Ereignis Köln mit besonderer Wucht. Der Rhein erreichte einen Pegelstand, der bis heute unübertroffen ist. Die Stadtmauer brach, Wasser drang bis zum Heumarkt vor, rund ein Drittel der Bevölkerung verlor Hab und Gut, viele auch ihre Unterkunft – manche ihr Leben.

Eindrucksvoll: Über dem Eingang der Kirche St. Maria Lyskirchen ist eine Hochwassermarke zur Eisflut 1984 angebracht. Bild: Photo by CEphoto, Uwe Aranas
Eindrucksvoll: Über dem Eingang der Kirche St. Maria Lyskirchen ist eine Hochwassermarke zur Eisflut 1784 angebracht. Bild: Photo by CEphoto, Uwe Aranas

Die Ursachen dieser Katastrophe lagen weit entfernt von Köln. Doch ihre Folgen machten am Rhein auf dramatische Weise sichtbar, wie eng das Schicksal der Stadt mit Naturereignissen und klimatischen Extremen verbunden ist.

Ein Winter von historischer Härte

Der Winter 1783/1784 zählt zu den extremsten Kälteperioden der frühen Neuzeit auf der nördlichen Hemisphäre. In Mitteleuropa, Nordamerika und Teilen Asiens sanken die Temperaturen über Wochen hinweg auf außergewöhnlich niedrige Werte. Flüsse froren zu, Handelswege brachen zusammen, die Versorgung der Bevölkerung geriet vielerorts ins Wanken.

In Köln herrschte über Wochen hinweg Dauerfrost. Im Januar 1784 fror der Rhein vollständig zu, die Eisschicht erreichte stellenweise eine Dicke von bis zu drei Metern. Zeitgenössische Berichte schildern, dass Menschen den Fluss zu Fuß überquerten und Fuhrwerke über das Eis fuhren. Was zunächst als außergewöhnliches Naturereignis wahrgenommen wurde, barg jedoch ein enormes Risiko, wie der Eisgang im Februar 1784 zeigen sollte. 

Die extremen Wetterbedingungen waren Teil einer natürlichen Klimaschwankung, wurden jedoch durch außergewöhnliche vulkanische Aktivitäten verstärkt. Der Ausbruch des Laki-Kraters auf Island ab Juni 1783 schleuderte enorme Mengen an Asche und Schwefelgasen in die Atmosphäre. Die daraus entstandenen Aerosole verdunkelten den Himmel über weiten Teilen Europas und beeinflussten das Klima nachhaltig. Zeitgenossen berichteten von einem wochenlang anhaltenden „trockenen Nebel“, der die Sonne dämpfte und Atemnot verursachte. Die klimatischen Folgen dieses Sommers wirkten bis tief in den folgenden Winter hinein – mit verheerenden Konsequenzen.

Auch an der "Schmitz-Säule" ist eine Hochwassermarke zur Jahrhundert-Eisflut von 1784 zu finden, Bild: Frank Vincentz, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Auch an der „Schmitz-Säule“ ist eine Hochwassermarke zur Jahrhundert-Eisflut von 1784 zu finden, Bild: Frank Vincentz, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Der Eisgang als zerstörerische Naturgewalt

Nach ungewöhnlicher Kälte im Winter 1783/84 – Berichten zufolge war der Rhein so stark zugefroren, dass Pferdefuhrwerke darüber fahren konnten – setzte im Februar 1784 plötzlich Tauwetter ein. Die Schneeschmelze im gesamten Einzugsgebiet des Rheins ließ die Wassermassen rasch anwachsen. Gleichzeitig begannen sich riesige Eisfelder aus dem Oberrhein zu lösen. Diese Eisschollen stauten sich an Engstellen des Flusses und bildeten massive Eisberge, die wie mobile Dämme wirkten.

Erfahrene Schiffsleute warnten früh vor der Gefahr eines plötzlichen Eisgangs bei weiter steigenden Temperaturen. Doch effektive Schutzmaßnahmen waren kaum möglich. Hochwasserschutz, wie er heute selbstverständlich ist, existierte nicht. Köln war dem Fluss ausgeliefert.

Am frühen Morgen des 27. Februar 1784 brach der Eisstau. Kanonenschüsse als Warnung kündigten an, dass sich die gewaltigen Eismassen in Bewegung gesetzt hatten. Vom Bayenturm aus rissen die Schollen alles mit sich, was sich ihnen in den Weg stellte. An der Kaimauer befestigte Schiffe, Kräne und Hafenanlagen wurden losgerissen und zerstört.

Der Rhein schwoll binnen kurzer Zeit auf einen Pegelstand von rund 13,55 Meter an – mehr als das Vierfache des Normalpegels. Die Fluten, auf denen tonnenschwere Eisschollen trieben, wirkten wie Abrissbirnen. Die Folge: Zerstörte Uferbefestigungen, Gebäude und Schiffe. Teile der Stadtmauer brachen ein, zahlreiche Häuser stürzten ein oder wurden später durch Unterspülung unbewohnbar.

Johann Leonhard Thelen: Ausführliche Nachricht von dem erschrecklichen Eisgange, und den Überschwemmungen des Rheines, welche im Jahre 1784 die Stadt Köln, und die umliegende Gegend getroffen, Köln 1789
Der Philosophieprofgessor Johann Leonhard Thelen: ist einer der wichtigsten Zeitzeugen der Eisflut 1784

Zeitzeuge Thelen berichtet

Einer der wichtigsten Zeugen der Eisflut 1784 war Johann Leonhard Thelen, Professor für Philosophie in Köln. In seiner Schrift „Ausführliche Nachricht von dem erschrecklichen Eisgange“ berichtete er:

„Die Fluten, die bereits eine ganz ausserordentliche Höhe erreichet hatten, stürzten Eis auf Eis auf unsere Stadt mit so reissender Gewalt, als sollte dieser Tag für uns der letzte sein. […] Die Einwohner der niedrigen Gegenden flüchteten aufwärts von Stock zu Stock; das Wasser stieg nach, und drohete die Flüchtlinge mancher Orte auf den Speichern zu ergreifen. […] Sie wollten fliehen, aber das schnell aufschwellende Gewässer, das nach einer bestätigten Beobachtung binnen einer Viertelstunde auf 5 Fus anwuchs, hatte jederman die Wege zum Fliehen verleget. […] In den Speicherfenstern, auf den Dächern sah man hunderte Menschen in blasser Todesnoth die Hände ringen; und um Hilfe flehen: aber wie konnte man tausende auf einmal retten!“

Verwüstung, Not und bleibende Erinnerung

In Köln selbst kamen nach zeitgenössischen Berichten mindestens 35 Menschen ums Leben, andere Quellen sprechen von noch höheren Opferzahlen. Etwa 15.000 Einwohnerinnen und Einwohner – rund ein Drittel der damaligen Bevölkerung – verloren ihr Hab und Gut. Rund 60 Schiffe und Kähne wurden zerstört oder fortgerissen. Große Teile der wirtschaftlichen Infrastruktur der Stadt lagen in Trümmern.

Stahlstich der Eisflut des Jahres 1784 in Mülheim von Steven Goblé,(1749-1799), Public domain, via Wikimedia Commons
Stahlstich der Eisflut des Jahres 1784 in Mülheim von Steven Goblé,(1749-1799), Public domain, via Wikimedia Commons

Besonders schwer traf die Eisflut die damals noch eigenständige Stadt Mülheim. Dort nahm ein Teilstrom des Rheins zeitweise seinen Lauf direkt durch den Ort. Zwei Drittel des Stadtgebiets standen unter Wasser. Von 420 Häusern wurden 161 vollständig zerstört, mehr als 100 weitere stark beschädigt. Mindestens 21 Menschen verloren ihr Leben, rund 1.800 wurden obdachlos. Der wirtschaftliche Schaden belief sich auf etwa 750.000 Gulden – eine Summe, die die damals eigenständige Stadt Mülheim an den Rand des Ruins brachte.

Aus Köln wurde bereits wenige Tage später Nothilfe organisiert. Brote und Lebensmittel wurden geliefert und unabhängig von Religion oder Herkunft verteilt – ein frühes Zeichen städtischer Solidarität in einer Zeit größter Not.

Hochwasserschutz in Köln heute: Lehren aus der Geschichte

Mehr als 240 Jahre nach der Eisflut von 1784 ist Köln deutlich besser auf Hochwasser vorbereitet. Dennoch gilt auch heute: Einen absoluten Hochwasserschutz gibt es nicht. Schäden lassen sich jedoch durch gezielte Vorsorge deutlich reduzieren. Dazu zählen die Flächenvorsorge, bei der möglichst kein Bauland in hochwassergefährdeten Gebieten ausgewiesen wird, sowie die Bauvorsorge mit hochwasserangepassten Bauweisen und Nutzungen.

Die Geschichte der Eisflut von 1784 zeigt, wie verwundbar Köln einst war. Der heutige Hochwasserschutz ist das Ergebnis dieser Erfahrungen – und zugleich ein Hinweis darauf, dass Wachsamkeit und Vorsorge auch in Zukunft unerlässlich bleiben.


Postkarte (um 1890) mit Blick über den Sicherheitshafen, Fotograf/Urheber: unbekannt
Postkarte (um 1890) mit Blick über den Sicherheitshafen, Fotograf/Urheber: unbekannt

Eisgang zieht Bau des Sicherheitshafens nach sich

Eine direkte Folge des Eisgangs war auch die Forderung der Rheinschiffer, nach einem Schutz vor solchen Verwüstungen. Diese Forderung deckte sich auch mit den militärischen Interessen der französischen Besatzungsmacht, Schiffe in einem geschützten Bereich unterzubringen.

Die Folge war dann eines der größten kölschen Baudesaster: Der Sicherheitshafen.


Die Hochwasserschutzwand an der Deutzer Brücke, aufgebaut bei einer Hochwasserschutzübung 2018, Bild: 1971markus@wikipedia.de / CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Die Hochwasserschutzwand an der Deutzer Brücke, aufgebaut bei einer Hochwasserschutzübung 2018, Bild: 1971markus@wikipedia.de / CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Hochwasserschutz in Köln heute

Der Kölner Pegel dient als zentrales Steuerungsinstrument aller Hochwasserschutzmaßnahmen. Bereits ab etwa 4,50 Metern werden erste Schutzmaßnahmen im Kanalnetz eingeleitet. Bei fünf Metern wird der untere Bereich des Rheinboulevards gesperrt, ab 5,50 Metern gilt der erste Informationswert. Mit weiter steigenden Pegeln folgen umfangreiche Maßnahmen: Pumpwerke gehen in Betrieb, mobile Wände werden aufgebaut, Promenaden und Stadtteile gesichert oder gesperrt.

Ab sieben Metern laufen großflächige Schieberprogramme im Kanalnetz, bei acht Metern sind zahlreiche Hochwasserpumpwerke im Einsatz. Ab Pegelständen über zehn Metern greifen höchste Einsatzstufen, bei denen Feuerwehr, Stadtverwaltung, Energieversorger, Hilfsorganisationen und weitere Stellen gemeinsam den Hochwasserschutz koordinieren.

Maßnahmenplan Hochwasserschutz

Die StEB hat einen detaillierten Maßnahmenplan1Quelle: Stadtentwässerungsbetriebe Köln, Anstalt des öffentlichen Rechts (StEB Köln), abgerufen am 3. Februar 2026 zum Hochwasserschutz veröffentlicht:

Kölner Pegel (KP) Ereignis
2,97 m Mittelwasser des Rheins in Köln (statistisch berechneter 10 Jahres-Mittelwert aller Wasserstände)
4,50 m Im Kanalnetz werden erste Hochwasserschutzmaßnahmen durchgeführt.
5,00 m Unterer Bereich des Rheinboulevards wird gesperrt.
5,50 m Informationswert 1 (≥ 5,50 m – < 7,00 m KP)
5,50 m Der Leinpfad ist stellenweise schon angeflutet und muss bereits abgesperrt sein.
5,80 m Parkplatz an der Bastei wird gesperrt.
6,00 m Bereits 5 reine Hochwasserpumpwerke sind in Betrieb.
6,30 m Parkplatz an der Bastei ist überflutet.
6,80 m Hubtor in Köln Rodenkirchen ist geschlossen.
7,00 m Informationswert 2 (≥ 7,00 m – < 10,70 m KP)
7,00 m Großes Schieberprogramm im Kanalnetz; über 250 Maßnahmen im Kanalnetz sind durchgeführt worden inkl. der Installation von Hochwasserverschlussdeckeln.

12 Hochwasserpumpwerke sind in Betrieb; die großen Pumpwerke (z. B. an der Messe) können bis zu 15.000m³/ h fördern.

Im Rodenkirchener Auenviertel werden erste mobile Wände aufgebaut.

In Porz Zündorf wird die Groov geflutet.

8,00 m Zahlreiche Schieber im Kanalnetz werden bedient; 22 reine Hochwasserpumpwerke sind in Betrieb.
8,10 m Promenade der Kölner Altstadt wird angeflutet.
8,50 m Köln Kasselberg wird vom Hochwasser umschlossen. Der Stadtteil ist nur noch mit watfähigen Fahrzeugen zu erreichen (Fahrdienst).
Im Kanalnetz sind 500 Maßnahmen durchgeführt worden.
8,60 m Erste Zugänge in der Hochwasserschutzmauer sind mit mobilen Elementen im Rheingarten (Altstadt) geschlossen.
8,80 m Fertigstellung der mobilen Wand auf dem Marktplatz in Porz Zündorf.
9,00 m Die Hochwasserzentrale wird je nach Steigerungsrate durch weitere Fachbereiche in der Einsatzzentrale unterstützt (Berufsfeuerwehr, Amt für Verkehrsmanagement, Polizei, RheinEnergie, DLRG, THW).
9,30 m Der Fahrdienst in Köln Kasselberg wird zum Fährdienst (Einsatz von Booten).
10,00 m Der Rheinufertunnels ist geschlossen.
10,70 m Informationswert 3 (≥ 10,70 m KP)
10,70 m Die mobile Schutzwand auf dem Marktplatz in Porz Zündorf wird überflutet. Es besteht keine Gefahr oberhalb des Marktplatzes.

24 reine Hochwasserpumpwerke sind in Betrieb.

> 10,70 m Leitung des gesamten Hochwassereinsatzes geht von den StEB Köln an die Stadt Köln zurück.

Weitere Informationen zum Hochwassermanagement inkl. Überflutungsgefahrenkarten und ein individueller „Wasser-Risiko-Check“ finden sich auf der Website der Stadtentwässerungsbetriebe Köln, StEB.


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Johann Adam Schall von Bell – der kölsche Mandarin

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Statue von Adam Schal von Bell an der Minoritenkirche, Bild: Uli Kievernagel

Ein Kölner war 1658 einer der wichtigsten Berater des Kaisers von China: Der Jesuit und Wissenschaftler Adam Schall von Bell. Geboren am 1. Mai 1591 (oder, je nach Quelle, 1. Mai 1592) in Köln, besuchte er das Gymnasium Tricoronatum in der Marzellenstraße. Später studierte Schall von Bell in Rom Astronomie. Zusammen mit einer Gruppe Missionare reist er  im Jahr 1618 nach China und gerät dort in die Wirren des Kolonialkriegs. Sein Wissen über moderne Waffentechnik – Schall von Bell repariert erfolgreich alte Kanonen – sichert den Chinesen den Sieg über die Niederländer und führt ihn an den kaiserlichen Hof.

Grabstein von Adam Schall von Bell auf dem Pekinger Zhalan Friedhof, Bild: Uli Linnenberg, aufrome.de
Grabstein von Adam Schall von Bell auf dem Pekinger Zhalan Friedhof, Bild: Uli Linnenberg, aufrome.de

Dort wird er mit er mit der enorm wichtigen Aufgabe beauftragt, den chinesischen Kalender zu reformieren. Durch seine erfolgreiche Arbeit wird er wichtigster Berater des Kaisers Shunzhi, der ihn zum Mandarin befördert. Den Tod Shunzhis nutzen die Schall von Bells Gegner, um ihn zu diskreditieren – in einem Schauprozess wird er zum Tod durch Zerstückelung bei lebendigem Leib verurteilt. Ein paar Tage vor der Hinrichtung rettet ihn ein Zufall vor dem grausamen Tod, weil ein Erdbeben als Beweis seiner Unschuld gedeutet wird. Schall von Bell stirbt eines natürlichen Todes im Alter von 74 Jahren.

In seiner Heimatstadt erinnert eine stark verwitterte Statue in Nähe der Minoritenkirche an den „Kölschen Mandarin“.


Schall von Bell in Köln und die Brauerei AufRome

Es gibt eine ganz erstaunliche – und mir völlig unbekannte – kölsche Querverbindung zwischen der Brauerei AufRome und Adam Schall von Bell. Davon hat mir Uli Linnenberg erzählt:

Der Brauunternehmer Linnenberg ist Eigentümer der Brauerei AufRome. Und vermutlich ein Onkel von Adam Schall von Bell war auch von 1599-1605 Betreiber dieser Brauerei. Um genau zu sein war es seine Frau, Anna Reuffers bekannt als „die Brauersche auf Rome/up ruim“. Sie hat in dritter Ehe den Edlen Ruprecht Schall von Bell geheiratet und dann mit ihm die Brauerei geführt. Es sei sogar möglich, so Linnenberg, dass Adam Schall von Bell während seiner Zeit am Gymnasium Tricoronatum in der Marzellenstraße bei seiner Kölner Familie gewohnt haben könnte, schließlich war das Gymnasium nur ein paar Meter von der Brauerei entfernt.

Die Brauerei AufRome - ein geschichtsträchtiges kölsches Unternehmen, Bild: aufrome.de
Die Brauerei AufRome – ein geschichtsträchtiges kölsches Unternehmen, Bild: aufrome.de

Die ganze, wechselvollen fast 700-jährige Geschichte dieser Brauerei findet ihr auf der Website AufRome.de. Schaut mal rein. Lohnt sich. Genau wie ein  Schluck des dort gebrauten Biers: Der Düxer Bock. Ein Genuss.


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Der „Overather Kartoffelkrieg“ im Oktober 1923

"Anarchie im Aggertal" titelte das Mucher Tageblatt am 31. Oktober 1923
„Anarchie im Aggertal“ titelte das Mucher Tageblatt am 31. Oktober 1923

„Anarchie im Aggertal“ titelte das Mucher Tageblatt am 31. Oktober 1923. Und tatsächlich müssen sich Ende Oktober 1923 dramatische Szenen in den eher beschaulichen Örtchen Overath und Honrath abgespielt haben: Vom Hunger getriebene Kölner Bürger plünderten ganze Kartoffelfelder der bergischen Bauern, die sich ihrerseits mit Knüppeln, Mistgabeln und Dreschflegeln bewaffnet hatten, um ihr Hab und Gut zu schützen.

Drei Milliarden Mark für einen Zentner Kartoffeln

Die Not war, nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg, groß. Es herrschte Mangel an buchstäblich allem, was zum täglichen Leben gebraucht wurde. Verschärft wurde diese Situation durch die Hyperinflation: Ein Zentner Kartoffeln kostete drei Milliarden Mark.

Vor allem in Städten war die Lebensmittelversorgung desaströs. Die Menschen versetzten Schmuck, Uhren, Geschirr oder Teppiche, um an Lebensmittel zu kommen, denn das nahezu wertlos gewordene Papiergeld wollte keiner haben. Es wurde gemaggelt, der Schwarzmarkt boomte.

Hamsterfahrten zur Lebensmittelbeschaffung

In der Not waren viele Kölner auf „Hamsterfahrt“. Es ging mit der Eisenbahn ins Bergische Land oder in die Eifel, um bei den Bauern alle halbwegs transportablen Wertgegenstände gegen Lebensmittel zu tauschen. Besonders beliebt dabei: Kartoffeln, die relativ gut zu transportieren und zu lagern waren.

Viele der Hamsterfahrer hielten sich aber nicht damit auf, zu tauschen: Mit Hacken und Schaufeln liefen sie auf die Felder und plünderten die Felder der Bauern. Insbesondere die Kartoffelfelder an den Bahnstrecken im Bergischen Land waren betroffen, denn so war der Abtransport der gestohlenen Kartoffeln schnell und einfach möglich. Verständlich, dass die hungernden Kölner keine gern gesehenen Gäste waren.

Eine erfolgreiche "Hamsterfahrt", die gehamsterten Kartoffeln werden verladen. Bild: Bundesarchiv, Bild 183-S80285 / Walter Heilig / CC-BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Eine erfolgreiche „Hamsterfahrt“, die gehamsterten Kartoffeln werden verladen. Bild: Bundesarchiv, Bild 183-S80285 / Walter Heilig / CC-BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Eskalation im Oktober 1923

Ende Oktober 1923 spitzte sich die Situation zu. Die Bahn hatte sogar „Sonderzüge zum Kartoffelkauf“ von Köln nach Overath eingesetzt. Die Bergischen Bauern ahnten bereits, dass dies weniger zum „Kartoffelkauf“, sondern vielmehr zum „Kartoffelklau“ führen würde und baten um Polizeiunterstützung. Aber vergebens.

Daher griffen die Bergischen Bauern zur Selbsthilfe und formierten sich am 26. Oktober 1923 am Bahnhof, um die Kölner daran zu hindern, das Bahnhofsgebäude zu verlassen. Die Not war so groß, dass in Much sogar die Kirchenglocken geläutet wurden, um noch mehr Hilfe herbeizurufen.

Es kam zu wüsten Prügeleien, doch die zahlenmäßig überlegenen Kölner konnten die Kette rund um den Bahnhof durchbrechen. Das erschreckende Ergebnis: Ein erschossener Kölner, ein erschlagener Bauer, zahlreiche Schwerverletzte, geplünderte Höfe und zentnerweise gestohlene Kartoffeln.
Bei dem toten Bauern könnte es sich um den erst 28jährigen Ackergehilfen Emil van Drenke gehandelt haben, der infolge seiner Verletzungen am 27. Oktober 1923 verstarb.

Todesanzeige des möglichen Opfers des "Kartoffelkriegs" Emil van Drenke aus der Lindlarer Zeitung vom 31. Oktober 1923
Todesanzeige des möglichen Opfers des „Kartoffelkriegs“ Emil van Drenke aus der Lindlarer Zeitung vom 31. Oktober 1923

Overath stellt Bürgerwehr auf

Das sollte den Overathern nicht noch einmal passieren! Mit Unterstützung von Arbeitern und Bergleuten aus dem Umland stellten die Overather Bauern eine 1.500 Mann starke Bürgerwehr auf.

Der nächste „Kartoffel-Sonderzug“ aus Köln am 29. Oktober 1923 kam nur bis Honrath, eine Station vor Overath. Mit Waffengewalt wurde der Lokführer gezwungen, den Zug zu stoppen und nach Köln zurückzufahren. Auch dabei kam es zu heftigen Auseinandersetzungen. Je nach Quelle starben ein bis vier Menschen.

Das „Mucher Tageblatt“ vom 31. Oktober 1923 berichtete:

„Sonntag war der Andrang der Plünderer in der Gegend von Overath und Marialinden äußerst stark. Mancher Hof und manches Haus wurde völlig ausgeplündert, nicht allein von Kartoffeln, sondern auch von Getreide und Federvieh. Das letztere wurde mit Knüppeln totgeschlagen und in die Säcke gesteckt.“

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die französischen Militärverwaltung dem Treiben tatenlos zugesehen. Doch ab Anfang November reagierten die Besatzer: Der Zugverkehr von Köln nach Overath wurde für mehrere Wochen eingestellt und etwa 1.000 französische Soldaten sicherten die Overather Kartoffelfelder.

Eine Banknote mit den Nennwert "Hundert Billionen Mark"
Eine Banknote mit den Nennwert „Hundert Billionen Mark“

Währungsreform bringt Beruhigung

Aber erst die Umstellung von der „Mark“ (M) auf die „Rentenmark“ (RM) im November 1923 konnte die Situation beruhigen. Mit dem aberwitzig anmutenden Kurs von 1.000.000.000.000 M : 1 RM (1 Billion Mark zu 1 Rentenmark) wurde die Inflation beendet.

Und bereits 1924 waren die Tagesausflügler aus Köln, mit reichlich neuer Währung in den Taschen, wieder im Bergischen Land willkommen.

Auf weiterhin gute Nachbarschaft, liebe Overather, Mucher, Rösrather und Honrather!


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Die „Poller Köpfe“- Köln ohne Rhein?

Bei Hochwasser gab es einen zweiten Verlauf des Rheins östlich von Deutz. Ein große Gefahr für die Stadt Köln. Karte: OpenStreetMap
Bei Hochwasser gab es einen zweiten Verlauf des Rheins östlich von Deutz. Ein große Gefahr für die Stadt Köln. Karte: OpenStreetMap


 Es wäre für die Stadt Köln eine Katastrophe gewesen! Der Rhein fließt nicht im gewohnten Flussbett, sondern sucht sich einen neuen Verlauf. Statt westlich verläuft der Fluss auf einmal ab Poll östlich an Deutz vorbei, um dann erst in Mülheim ins alte Flussbett zurückzukehren.

Klingt aberwitzig – aber diese Gefahr drohte ab ca. dem 12. Jahrhundert. Und es passierte bereits vereinzelt bei Hochwasser und Eisgängen: In Köln kam nur noch ein flaches Rinnsal an, der Fluss suchte sich ein neues Bett. Höchste Alarmstufe für die Stadt, denn damit war die grundsätzliche Schiffbarkeit des Rheins gefährdet und somit Kölns Wohlstand. Ohne den Handel, welcher zum größten Teil über den Rhein abgewickelt wurde, und ohne das äußerst lukrative Stapelrecht wäre Köln bedeutungslos geworden.

Köln ohne Rhein? Undenkbar!

Daher wurde bereits seit dem 12. Jahrhundert das Poller Rheinufer befestigt, um eine solche „Umleitung“ zu verhindern. Durch Anpflanzungen und Dämme entlang der heutigen Poller Wiesen sollte verhindert werden, dass Köln vom Rheinstrom abgeschnitten würde.

Problematisch war allerdings, dass Poll damals noch nicht zur Stadt gehörte, sondern zu den Besitztümern des Erzbischofs, mit dem die Kölner regelmäßig im handfesten Streit lagen. Doch auch der Erzbischof war nicht daran interessiert, dass Köln seinen Rang als Handelsmetropole verlieren könnte. Großzügig erlaubte der Kirchenmann, dass die Kölner Weiden zur Uferbefestigung auf seinem Grund pflanzen durften – allerdings auf Kosten der Kölner Bürgerschaft.

Ausschnitt aus einer Federzeichnung von 1583 mit den "Poller Köpfen", Bild: Stadtarchiv Köln
Ausschnitt aus einer Federzeichnung von 1583 mit den „Poller Köpfen“, Bild: Stadtarchiv Köln

Mammutprojekt „Poller Köpfe“

Doch diese Uferbefestigung war nicht stark genug, um bei Hochwasser nachhaltig eine mögliche Veränderung des Flussbettes zu unterbinden. Daher nahm die Stadt Köln im Jahr 1557 das Poller Ufer in Erbpacht, um ein Mammutprojekt in Angriff zu nehmen: Die „Poller Köpfe“. Auch hier bat der Erzbischof die Kölner kräftig zur Kasse: Die Pachtzahlung bestand in zwei Tonnen Heringen pro Jahr und zusätzlich in einem vergoldeten Geschirr – und für jeden neuen Erzbischof auch ein neues Goldgeschirr.

Ab 1560 begannen die Bauarbeiten. Es wurden schwere Uferbefestigungen („Köpfe“) angelegt. Dafür wurden massive Eichenstämme mit Querbalken im Flussgrund befestigt. Die so entstanden Kästen wurden mit Basaltbrocken gefüllt. Die Dimensionen dieser Anlage waren gewaltig: Mehrere Hundert Meter lange und etwa acht Meter breite Konstruktionen, welche bis zu 3 Meter aus dem Wasser herausragten. Zur Beschaffung des nötigen Bauholzes erwarb die Stadt Köln ein eigenes Waldgrundstück.

Um das Bollwerk gegen die Kräfte des Rheins noch weiter zu sichern, wurden alte und beschädigte Rheinschiffe angekauft und – beschwert mit Steinen und gesichert durch in den Boden getriebene Eichenpfähle – gezielt unmittelbar vor den Poller Köpfen versenkt. Damit die Pflege des Bauwerks gesichert war, stellte die Stadt eigens einen „Weidenhüter“ ein: Ein städtischer Beamter mit Wohnsitz auf der Anlage, der diese ständig im Blick hatte.

Im Jahr 1641 wurde ein steinernes Wehr zur Unterstützung der Anlage eingebaut. Aber erst mit Bau des Deutzer Hafens ab 1895 wurden die weit in den Rhein ragenden Bestandteile der Poller Köpfe entfernt und durch moderne Befestigungsanlagen ersetzt. Die Halbinsel „Poller Werth“ wurde zum Deutzer Hafen.

Die Poller Wiesen heute, rechts der Deutzer Hafen, Bild: ToLo46, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons
Die Poller Wiesen heute, rechts der Deutzer Hafen, Bild: ToLo46, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Poller Wiesen sind heute Bodendenkmal 

Als Uferbefestigung sind heute nur noch die in den Rhein ragenden Buhnen auf den Poller Wiesen zu sehen, die Reste der „Poller Köpfe“ liegen unter den Poller Wiesen.

Diese sind nicht nur ein beliebtes Erholungsgebiet, sondern auch als Bodendenkmal geschützt. Im Jahr 2003 wurden dort bei Niedrigwasser zwei im 16. Jahrhundert gezielt zur Verstärkung der „Poller Köpfe“ versenkte „Niederländer“1Ein spezieller Schiffstyp zum Frachttransport auf dem Rhein. gefunden. Doch die Archäologen kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus: Bei Probegrabungen stellte sich heraus, dass bis zu 100 weitere Schiffe dort gezielt versenkt wurden.

Sogenannte "Niederländer" für Fahrten auf dem Rhein bis zur Nordsee. Am linken Bildrand ist das Holzgestell zu erkennen, welches die Anlegestellen der Ober- und Niederländer trennt, Bild: Ausschnitt aus der Stadtansicht von Anton Woensam, 1531
Sogenannte „Niederländer“ für Fahrten auf dem Rhein bis zur Nordsee, Bild: Ausschnitt aus der Stadtansicht von Anton Woensam, 1531

Als dann noch Kampfmittelräumer die Poller Wiese für den Papstbesuch anlässlich des Weltjugendtags 2005 in Köln – der Papst hielt vom Schiff aus eine Ansprache für die auf den Poller Wiese versammelten Gläubigen – auf eventuell im Schlick verborgene Weltkriegsbomben untersuchten, fanden sie auch mit Hilfe der dabei eingesetzten Metalldetektoren Teile der alten Befestigungsanlagen der „Poller Köpfe“, wie Eisenschuhe zur Verankerung der Eichenbalken. Daher wurden die Poller Wiesen am 24. Oktober 2005 in die Bodendenkmalliste eingetragen.

Der Papst beim Weltjugendtag 2005 in Köln. Die Gläubigen im Vordergrund stehen auf den Poller Wiesen, Bild: Ingrid Schultz, Copyrighted free use, via Wikimedia Commons
Der Papst beim Weltjugendtag 2005 in Köln. Die Gläubigen im Vordergrund stehen auf den Poller Wiesen, Bild: Ingrid Schultz, Copyrighted free use, via Wikimedia Commons

Und wenn man sich heute bei gutem Wetter auf den Poller Wiesen sonnt und den Drachen, die dort regelmäßig steigen, zusieht, ahnt man kaum, dass genau hier massive Uferbefestigungen gestanden haben. Ohne diese wäre Köln eventuell vom Rhein abgeschnitten  worden. 

Und dann wäre es aus gewesen mit „Köln am Rhein“. 


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Dat Dreikünnijepöötzche | Das Dreikönigenpförtchen

Das von den Kölschen" Dreikünnijepöötzche" genannte Dreikönigenpförtchen am Lichhof vor St. Maria im Kapitol, Foto: Rembert Satow, CC BY-SA 3.0
Das von den Kölschen“ Dreikünnijepöötzche“ genannte Dreikönigenpförtchen am Lichhof vor St. Maria im Kapitol, Foto: Rembert Satow, CC BY-SA 3.0

Und schon wieder jitt et kölsche Verzäll, der so nicht stimmen kann: Es kann ausgeschlossen werden, dass Rainald van Dassel mit den Reliquien der Heiligen Drei Könige durch das Dreikünnijepöötzche, das Dreikönigenpförtchen, an St. Maria im Kapitol in die Stadt eingezogen ist. Denn: Das heutige gotische Tor stammt ungefähr aus dem Jahr 1330. Und zu diesem Zeitpunkt waren Kaspar, Melchior und Balthasar schon mehr als 150 Jahre in Köln zu Hause. Anderen Angaben zufolge wurde das heute noch vorhandene Törchen hingegen erst in den 1460er-Jahren durch den Kölner Bürger und Ratsherren Johannes Hardenrath anstelle des ursprünglich romanischen Durchgangs neu errichtet. 

Aber egal! Denn mit diesen Reliquien stieg Köln endgültig in die Top-Kategorie der Wallfahrtsorte auf. Und das war äußerst lohnenswert für unsere Stadt: Viele Heilige bedeuten viele Pilger, und viele Pilger bringen viel Geld in die Stadt. Ein Prinzip, das die Kölschen schon bei der Heiligen Ursula perfekt erkannt und in bare Münze verwandelt haben.

Zweimal wäre dat Pöötzche fast verloren gewesen

In jedem Fall hat die Legende, dass am 23. Juli 1164 exakt durch dieses Tor die Heiligen Drei Könige in die Stadt gekommen sind, dafür gesorgt, dass dieses Bauwerk die Jahrhunderte überdauert hat. Relativ unscheinbar steht dieses kleine Tor an einer Ecke im Lichhof der Kirche St. Maria im Kapitol. Dieser unterschätzte Platz, mitten in der Stadt, bietet tatsächlich so etwas wie Ruhe im Großstadttrubel.

Dabei war es für dat Pöötzche mindestens zweimal in der Geschichte knapp: 1842 sollte der damals stark verfallene Torbogen abgerissen werden, um Platz für eine Straße zu schaffen. Nur dank der Intervention und der finanziellen Mittel vom preußischen Kronprinz Friedrich Wilhelm konnte der Bau gerettet werden.

Noch knapper war es 1944: Fliegerbomben hatten das Dreikönigenpförtchen dem Erdboden gleich gemacht. Doch der tatkräftige Wilhelm Schlombs, Volontär beim Stadtkonservator, hatte die Steine eingesammelt und eingelagert. Und auf „wundersame Weise“, so der ehemalige Stadtkonservator Ulrich Krings, stand dat Pöötzche bereits 1946 wieder.

Immunitätspforte trennt Kirchenrecht und Recht der Freien Reichstadt Köln ab

Das Dreikünnijepöötzche war aber immer mehr als nur schmucker Stein für eine Legende. Tatsächlich handelte es sich um eine sogenannte Immunitätspforte. Diese Tore grenzten den Bereich der Freien Reichsstadt Köln von dem juristisch eigenständigen Areal der Klöster und Kirchen ab. Wer die Pforte durchschritt, unterlag dem Kirchenrecht. Im mittelalterlichen Köln mit seinen hunderten Kirchen und Klöstern gab es unzählige dieser Immunitätspforten. Das Dreikönigenpförtchen ist die letzte erhaltene Pforte dieser Art in unserer Stadt.

Und wo sind die Heiligen Drei Könige jetzt in die Stadt eingezogen?

Um die Ehre von Rainald van Dassel und dem so wichtigen Pöötzche wiederherzustellen, konstatiert Ulrich Krings: „Und wenn diese Prozession mit den Reliquien tatsächlich stattgefunden haben sollte, müsste sie durch den romanischen Vorgänger des heutigen Törchens erfolgt sein.“, so der Köln-Kenner Krings1 im Kölner Stadt-Anzeiger vom 3. August 2020.

Glück gehabt – zumindest die Stelle stimmt also.


Die Heiligen Drei Könige und Maria mit dem Jesuskind, Detailansicht des Dreikünnijepöötzche, Foto: HOWI - Horsch, Willy, CC BY 3.0
Die Heiligen Drei Könige und Maria mit dem Jesuskind, Detailansicht des Dreikünnijepöötzche, Foto: HOWI – Horsch, Willy, CC BY 3.0

Die Figurengruppe der Heiligen Drei Könige und Maria mit Kind ist ein Abguss aus dem Jahr 1981. Die Originale können im Museum Schnütgen bewundert werden.   


Die Dreikönigenpforte ist rechts in der Stadtmauer gut zu erkennen, Bild: Anton Woensam, gemeinfrei
Die Dreikönigenpforte ist rechts in der Stadtmauer gut zu erkennen, Bild: Anton Woensam, gemeinfrei

Vorsicht! Nicht mit der Dreikönigenpforte verwechseln

Das Pförtchen ist nicht zu verwechseln mit der mittelalterlichen Dreikönigenpforte. Diese war Teil der rheinseitigen Stadtbefestigung und lag in der Nähe des Bayenturms. Eine Suche nach diesem Durchgang könnt ihr euch sparen: 1854 wurde die  auch Mühlenpforte, Molenportzgin, Lynhofporz oder Koenyncksportzgin genannte Pforte abgerissen.


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Der Sicherheitshafen – ein kölsches Baudesaster

Fast der gleiche Blickwinkel, nur ca. 140 Jahre später: Links die Westseite des Sicherheitshafens um 1885 (Bild: Rheinisches Bildarchiv Köln), rechts die Ansicht im Jahr 2024 (Bild :Uli Kievernagel)
Fast der gleiche Blickwinkel, nur ca. 140 Jahre später: Links die Westseite des Sicherheitshafens um 1885 (Bild: Rheinisches Bildarchiv Köln), rechts die Ansicht im Jahr 2024 (Bild : Uli Kievernagel)

 

Welche Merkmale muss ein städtisches Bauprojekt aufweisen, um als gänzlich missglückt bezeichnet zu werden? Mario Kramp, ehemaliger Leiter des Kölnischen Stadtmuseums, hat diese Merkmale aufgezählt:

  • Ewiges Gerangel um Finanzen,
  • geschönte Kostenschätzungen,
  • mangelnde Entschlusskraft,
  • Unübersichtlichkeit der Verantwortlichkeiten,
  • Dauer von Ausschreibungen und Fehlentscheidungen bei der Vergabe,
  • Planungsfehler, Bau- und Materialmängel,
  • unseriöse Firmen,
  • gegenseitige Schuldzuweisungen,
  • Wechsel in der Bauleitung,
  • Lobhudelei bei der Grundsteinlegung,
  • langwieriges Herumdoktern an einer eigentlich missglückten Konstruktion.1Kramp, Mario (2017)“Der ganze Bau stand von vornherein unter einem Unglücksstern.“. Der Sicherheitshafen: Köln und seine Großbaustelle 1788–1896. In: Geschichte in Köln, Zeitschrift für Stadt- und Regionalgeschichte (hrsg. Freunde des Kölnischen Stadtmuseums e.V.), Nr. 64

Und NEIN – hier geht es nicht um die Kölner Oper! Sondern um den Sicherheitshafen – ein kölsches Baudesaster mit Baubeginn ziemlich genau 200 Jahre vor dem Beginn der Opernsanierung.

Eisgang 1784

Die ganze Diskussion um einen Hafen, der den Rheinschiffern Schutz vor dem regelmäßigen Hochwasser des Rheins bieten sollte, begann nach dem Eisgang im Jahr 1784. 

Dieser verheerende Eisgang mit dem Jahrhundert-Hochwasser zerstörte bestehende Hafenanlagen und überflutetet das damals noch eigenständige Mülheim. Auch die komplette Kölner Schiffsflotte wurde vernichtet.

Verständlicherweise forderten die Rheinschiffer einen Schutz vor solchen Verwüstungen. Diese Forderung deckte sich auch mit den militärischen Interessen der französischen Besatzungsmacht, Schiffe in einem geschützten Bereich unterzubringen. Die Forderung: Bau eines Sicherheitshafens, ähnlich wie Anlagen in Mainz und Düsseldorf.

Größtes städtebauliches Projekt der Franzosenzeit in Köln

Am Dreikönigstag 1811 (6. Januar) genehmigte Kaiser Napoleon höchstpersönlich den Bau eines Sicherheitshafens in Köln. Dieser sollte am heutigen Theodor-Heuss-Ring bis an die östliche Seite des heutigen Ebertplatzes heranreichen. Zwischen dem Hafen und der Stadt verlief damals dort noch die mittelalterliche Stadtmauer.

Stadtplan von Köln von ca. 1885, Der Sicherheitshafen ist unten rechts gut zu erkennen, Bild: gemeinfrei
Stadtplan von Köln von ca. 1885, Der Sicherheitshafen ist unten rechts gut zu erkennen, Bild: gemeinfrei

In der Nähe des Hafens liegt das Kunibertstürmchen, Teil der mittelalterlichen Stadtmauer.2Die Kölner haben den Kunibertsturm und das Kunibertstürmchen verwechselt, daraus ist die Sage des „Weckschnapp“ entstanden. Daher wurde der Sicherheitshafen auch „Thürmchenshafen“ genannt. Weitere Namen waren „Napoleonhafen“ oder „Franzosenhafen“.

Voller Hoffnung, dass die Bauarbeiten schnell erledigt wären, berichtete das „Journal de la Roer“ in seiner Ausgabe vom 21. April 1812:

„Die Arbeiten am Sicherheitshafen … werden mit so viel Thätigkeit fortgesetzt, daß man sie künftiges Jahr beendigen wird.“

Diese Einschätzung sollte sich als völlig verfehlt erweisen. Zwar wurde im April 1811 mit den Vorarbeiten gestartet und Hafenmauern und Hafeneinfahrt errichtet. So konnte, mit allem Pomp inklusive Volksfest und Feuerwerk, am 10. November 1812 feierlich der Grundstein des Hafenbauwerks gesetzt werden. Der Präfekt des Departments, Jean Charles François de Ladoucette, erklärte auf dem feierlichem Bankett zur Grundsteinlegung dann auch großspurig:

 „Am 10. November 1812, im achten Jahr der Regierung Napoleons des Großen, Kaiser der Franzosen […] wurde der erste Stein gelegt für dieses Bauwerk, errichtet für die Sicherheit und die Wohlfahrt des Handels auf dem Rhein, mit Unterstützung der kaiserlichen Freigebigkeit, der Gelder der Stadt und der des Kölner Handels.“

Der Deal: Die Stadt bezahlt die Baukosten von 750.000 Franc und darf die Hafengebühren behalten. Der „Kölner Handel“ hatte sich an der Finanzierung des Sicherheitshafens beteiligt. In den „Nachrichten des Ruhrdepartements“ vom 18. Januar 1811 wird darauf hingewiesen, dass die Handelskammer dafür ein Darlehen in Höhe von 250.000 Franc bereitstellt.

„Nachrichten des Ruhrdepartements“ vom 18. Januar 1811
„Nachrichten des Ruhrdepartements“ vom 18. Januar 1811

Teures Provisorium

Zwar wurde der Sicherheitshafen 1813 eröffnet – allerdings nur als Provisorium. Es fehlten noch Kais und Hafenanlagen, der Hafen war nicht tief genug ausgebaggert, und auch die geplante Brücke über die Hafeneinfahrt gab es noch nicht. Statt der geplanten 190 Schiffe fanden nur ca. 70 Schiffe dort Platz. Es darf aber auch bezweifelt werden, dass selbst diese Kapazität jemals komplett ausgelastet wurde. Angemessene Pflege und Ausbau des Hafens: Fehlanzeige!

Als 1814 die Franzosen abzogen, übernahmen die Preußen mit dem Hafen ein „.. ärgerliches Flickwerk, aus Geldmangel nur notdürftig instand gehalten.“3Kramp, Mario (2017)“Der ganze Bau stand von vornherein unter einem Unglücksstern.“ Der Sicherheitshafen: Köln und seine Großbaustelle 1788–1896. In: Geschichte in Köln, Zeitschrift für Stadt- und Regionalgeschichte (hrsg. Freunde des Kölnischen Stadtmuseums e.V.), Nr. 64]

Postkarte (um 1890) mit Blick über den Sicherheitshafen, Fotograf/Urheber: unbekannt
Postkarte (um 1890) mit Blick über den Sicherheitshafen, Fotograf/Urheber: unbekannt

Ärgerlich war auch, dass bis 1820 immer noch keine Brücke über der Hafeneinfahrt errichtet war, weil ständig Geld fehlte. Als Kompromiss wurde beschlossen, eine provisorische Brücke aus Holz zu errichten. Zwar lag das eigens dafür bestellte Holz bereit, doch mangels Baugenehmigung verrottete dieses ungenutzt. Erst in den 1830ern wurde eine einfache Klappbrücke über der Hafeneinfahrt errichtet.

Im Jahr 1840 wurde das Hafenbecken noch einmal vertieft, allerdings wurde deutlich, dass die gesamte Hafenanlage eine grandiose Fehlplanung war. Das lag auch an der falsch konstruierten Hafeneinfahrt.

Die Westseite des Sicherheitshafens (1885), am heutigen Ebertplatz. Bild: Rheinisches Bildarchiv Köln, Public domain, via Wikimedia Commons
Die Westseite des Sicherheitshafens (1885), am heutigen Ebertplatz. Bild: Rheinisches Bildarchiv Köln, Public domain, via Wikimedia Commons

Hafeneinfahrt wird zum unüberwindbaren Nadelöhr

Während der überaus langen Bauzeit etablierte sich die Dampfschifffahrt auf dem Rhein. Die Schiffe wurden größer, und die schmale Hafeneinfahrt zum Sicherheitshafen entpuppte sich als unüberwindbares Nadelöhr. Diese Einfahrt stand senkrecht zum Rhein. Die starke Strömung des Rheins machte für die Schiffe ein Einfahrtsmanöver zu einem unkalkulierbaren Risiko.

Somit war der Hafen faktisch unbrauchbar. Auch die Rheinschiffahrts-Kommission bescheinigte, dass der Kölner Sicherheitshafen ganz unzulänglich und untauglich sei und der Bau eines ordentlichen Sicherheitshafens erforderlich ist.

Der "Allgemeine Anzeiger - Kölnische Handelszeitung" berichtet über die Bewertung der Rheinschiffahrts-Kommission zum Sicherheitshafen. Ausgabe Nr. 276 vom 25.11.1885
Der „Allgemeine Anzeiger – Kölnische Handelszeitung“ berichtet über die Bewertung der Rheinschiffahrts-Kommission zum Sicherheitshafen. Ausgabe Nr. 276 vom 25.11.1885

Mario Kramp schreibt dazu: „Wie man es drehte und wendete: In dem Augenblick, als der Sicherheitshafen endlich halbwegs fertiggestellt war, erkannte man, dass die ganze Anlage verfehlt und nicht mehr für moderne Erfordernisse herzurichten war.“4Kramp, Mario (2017)“Der ganze Bau stand von vornherein unter einem Unglücksstern.“. Der Sicherheitshafen: Köln und seine Großbaustelle 1788–1896. In: Geschichte in Köln, Zeitschrift für Stadt- und Regionalgeschichte (hrsg. Freunde des Kölnischen Stadtmuseums e.V.), Nr. 64

Diese Karte zeigt die schmale und fast in rechtem Winkel zum Rhein liegende Hafeneinfahrt des Sicherheitshafens. Bild: Historisches Archiv der Stadt Köln
Diese Karte zeigt die schmale und fast in rechtem Winkel zum Rhein liegende Hafeneinfahrt des Sicherheitshafens. Bild: Historisches Archiv der Stadt Köln

Als Alternative entstand der Rheinauhafen. Dieser hat eine deutlich breitere Einfahrt (mehr als 21 Meter), und die Hafeneinfahrt liegt in einem deutlicher flacheren Winkel zum Rhein.

1895 wird das Hafenbecken zugeschüttet

Im Winter 1894/1895 haben die letzten Schiffe den Sicherheitshafen genutzt, das Hafenbecken versandete zunehmend und wurde zu einem Tümpel. Im Folgejahr wurde die Anlage komplett aufgegeben und das Hafenbecken verfüllt. Mit dem Abriss der Stadtmauer und der damit einhergehenden Stadterweiterung wurde der ehemalige Hafen zur größten Parkfläche entlang der Kölner Ringe umgewandelt.

Die Parkanlage auf dem ehemaligen Sicherheitshafen (um 1899), Bild: Rheinisches Bildarchiv Köln, gemeinfrei
Die Parkanlage auf dem ehemaligen Sicherheitshafen (um 1899), Bild: Rheinisches Bildarchiv Köln, gemeinfrei

Heute ist dieser Park auf der einen Seite eine grüne Oase in der Großstadt, auf der anderen Seite leider auch – zumindest bei gutem Wetter – beliebtes Aufenthaltsgebiet der kriminellen Szene am nahe gelegenen Ebertplatz. Trotzdem ist mit dem Park am Theodor-Heuss-Ring aus dem städtebaulichen Desaster „Sicherheitshafen“ zumindest noch etwas Gutes entstanden.

Ob es bei der Oper auch 80 Jahre dauern wird, bis trotz geschönter Kostenschätzungen, mangelnder Entschlusskraft, Unübersichtlichkeit der Verantwortlichkeiten, Planungsfehler, gegenseitigen Schuldzuweisungen und Wechsel in der Bauleitung etwas Gutes entsteht, ist noch offen.


Der "Kronleuchtersaal" unter dem Theodor-Heuss-Ring, Bild: 1971markus, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Der „Kronleuchtersaal“ unter dem Theodor-Heuss-Ring, Bild: 1971markus, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Der Kronleuchtersaal

Bei den Baumaßnahmen zur Verfüllung des alten Hafenbeckens wurde gleichzeitig ein noch heute genutztes Abwassersystem gebaut. Teil dieses Abwassersystems ist der seit 2004 unter Denkmalschutz stehende „Kronleuchtersaal“ (Ecke Theodor-Heuss-Ring und Clever Straße). Der Zugang zu diesem Saal ist direkt am Theodor-Heuss-Ring, etwa in Höhe der Hausnummer 19-21.

Seinem Namen verdankt dieser Abwasserkanal zwei Kronleuchtern. Es gibt Quellen, die besagen, dass diese Kornleuchter ein Geschenk von Kaiser Wilhelm II. an die Stadt Köln gewesen wären. Belegt ist das nicht und auch eher unwahrscheinlich: Es ist nur schwer vorstellbar, dass seine Majestät sich  ausgerechnet in einem Abwasserkanal „verewigen“ wollte. Wahrscheinlicher ist,  dass die Kölner diese zu Ehren des Kaisers aufgehangen haben.

Die Stadtentwässerungsbetriebe Köln (StEB Köln) bieten kostenlose  Führungen an. In ca. 30 Minuten  wird die Funktionsweise des Kanalsystems  erläutert. Man kann auch einen Blick in den Kronleuchtersaal werfen. Das ist aber nichts für Menschen mit sehr empfindlicher Nase – immerhin besichtigt man Abwasserkanäle.

Weitere Informationen zu diesen Touren gibt es auf der Website der Stadtentwässerungsbetriebe Köln (StEB Köln).


Der "Toto-Brunnen" am Theodor-Heuss-Ring, Bild: Uli Kievernagel
Der „Toto-Brunnen“ am Theodor-Heuss-Ring, Bild: Uli Kievernagel

Der Toto-Brunnen – “Eine Brosche in der Wiese“

In dem Park befindet sich auch der „Toto-Brunnen“, etwa in Höhe Theodor-Heuss-Ring 13. Dieser Brunnen wurde 1953 von der Westdeutschen Fußball Toto GmbH gestiftet, deren Verwaltungssitz am Theodor-Heuss-Ring lag.

Der etwa 80 Quadratmeter große Brunnen erinnert – ganz im Stil der 1950er – an einen Nierentisch und stellt vier große Tropfen dar, aus denen früher Wasser sprudelte. Doch wegen regelmäßiger Defekte wurde der Brunnen in den 90er Jahren stillgelegt und von Pflanzen überwuchert.

Erst 2021 wurde der Brunnen saniert – allerdings ohne die Wasseranlage. Die Kosten von 300.000 zur Komplettsanierung waren der Stadt Köln zu hoch. Die „einfache Sanierung“ kostete nur 25.000 Euro.

Anton Bausinger, Vorsitzender des Verbandsbezirks Köln im Bauindustrieverband NRW, nennt diesen wasserlosen Brunnen prosaisch „eine Brosche in der Wiese“5Kölner Stadt-Anzeiger vom 8. Juni 2022. Dafür braucht man allerdings viel Phantasie – der Brunnen ohne Wasser wirkt eher wie eine beliebig zusammengestückelte Pflasterfläche.  


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Fronleichnams-Prozession „Mülheimer Gottestracht“: Wenn der Himmel den Rhein berührt

Die Mülheimer Gottestracht, eine Prozession, die auch auf dem Wasser stattfindet, Bild: Superbass, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Die Mülheimer Gottestracht, eine Prozession, die auch auf dem Wasser stattfindet, Bild: Superbass, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Wenn an Fronleichnam die Schiffe bunt geschmückt über den Rhein schippern, Weihrauch durch die Gassen zieht und singende Menschen am und auf dem Rhein unterwegs sind, dann ist klar: Es ist wieder Zeit für die Mülheimer Gottestracht – eine der wohl außergewöhnlichsten Fronleichnamsprozessionen weit und breit. Und mit zahlreichen Begleitschiffen und Booten auch eine der größten Schiffsprozessionen auf einem Fluss.

Was wird an Fronleichnam gefeiert?

Fronleichnam ist ein katholisches Hochfest, bei dem die Gegenwart Christi in der Eucharistie gefeiert wird. Das klingt erstmal sehr kirchlich, bedeutet aber ganz einfach: Christen glauben, dass Jesus Christus in der geweihten Hostie, dem „Allerheiligsten“, anwesend ist.

Die Monstranz der Mülheimer Gottestracht, Bild: HOWI - Horsch, Willy, CC BY 3.0 via Wikimedia Commons
Die Monstranz der Mülheimer Gottestracht, Bild: HOWI – Horsch, Willy, CC BY 3.0 via Wikimedia Commons

Deshalb wird dieses „Allerheiligste“ nicht nur in der Kirche verehrt, sondern feierlich durch die Straßen getragen – in einer prachtvollen Monstranz1Die Monstranz ist ein kostbares liturgisches Schaugefäß. In der Monstranz wird in einem kleinen Fenster eine sogenannte konsekrierte Hostie zur Verehrung und Anbetung aufbewahrt. „Konsekriert“ bedeutet, dass die Hostie der Leib Christi ist. Deswegen sagt man auch „Allerheiligstes“ dazu. unter einem Traghimmel, begleitet von Gesang, Gebeten, Altären am Wegesrand – und in Mülheim sogar mit der großen Schiffsprozession auf dem Rhein.

Die Gottestracht – Mülheims ganz spezielles Fronleichnamsfest

In Mülheim hat Fronleichnam eine ganz besondere Form angenommen. Hier heißt die Prozession nicht einfach Fronleichnamsprozession, sondern Gottestracht – also wörtlich: „Das Tragen Gottes“.

Anders als klassische Prozessionen, die meist einen festen Weg von A nach B nehmen, ist die Mülheimer Gottestracht eine Rundprozession – zu Land und zu Wasser. Die Prozession startet an der Mülheimer Liebfrauenkirche. Dann zieht der Festzug durch das Veedel bis ans Rheinufer. Dort wartet schon ein großes Schiff aus der Flotte der Köln-Düsseldorfer Rheinschiffahrt. Auf diesem großen Schiff wird die Monstranz transportiert. Begleitet wird diese Schiffsprozession von etwa 100 weiteren Booten.

Der Schiffskorso der Mülheimer Gottestracht unter der Zoobrücke, Bild: Rolf Heinrich, Köln, via Wikimedia Commons
Der Schiffskorso der Mülheimer Gottestracht unter der Zoobrücke, Bild: Rolf Heinrich, Köln, via Wikimedia Commons

Der Schiffskorso gleitet feierlich stromaufwärts bis zur Zoobrücke und stromabwärts Richtung Stammheim – jeweils bis zu den alten Grenzen der Stadt Mülheim. Vom Rhein aus ergeht der Segen über „Strom und Land“.

Warum wird die Gottestracht auf dem Wasser gefeiert?

Dass die Prozession auch über den Rhein führt, hat nicht nur praktischen, sondern auch tief symbolischen Wert. Der Strom wird hier zum Zeichen für das Leben selbst – immer in Bewegung, verbindend, kraftvoll.

Auch vom Ufer aus verfolgen die Menschen die "M;ülheimer Gottestracht", Bild: HOWI - Horsch, Willy, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons
Auch vom Ufer aus verfolgen die Menschen die „Mülheimer Gottestracht“, Bild: HOWI – Horsch, Willy, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons

Und so verbindet auch die Gottestracht die Menschen: Alt und Jung, Alteingesessene und Zugezogene, Menschen aus Köln und der ganzen Welt kommen zusammen, um Fronleichnam gemeinsam zu feiern.

Auf Spurensuche: Die alten Wurzeln der Prozession

Der Mülheimer Heimatforscher Norbert Krütt-Hüning hat fast 30 Jahre lang die Ursprünge der Gottestracht erforscht. Seine spannende These: Die Wurzeln reichen bis in vorchristliche Zeiten. Die Prozession folge auffällig genau den alten Grenzen Mülheims, vermutet Krütt-Hüning, und diene so  möglicherweise dem symbolischen Schutz des Orts.

Die Mülheimer Gottestracht auf einer Postkarte von 1906
Die Mülheimer Gottestracht auf einer Postkarte von 1906

Die Vorstellung, dass die Gottestracht ein Überbleibsel älterer, vielleicht germanischer, Rituale sein könnte, lässt aufhorchen. Zumindest seit dem 16. Jahrhundert ist belegt, dass das Heilige Sakrament durch Feld und Wald bis nach Dünnwald getragen wurde. Andere Quellen erzählen von alten Wegkreuzen, von Böllerschüssen in Buchheim, Stammheim und Schönrath, von langen Märschen durch den Weidenbruch – und immer wieder vom Rhein als zentralem Teil der Route.

Tatsächlich haben sich die Mülheimer mit der Eingemeindung im Jahr 1914 vertraglich zusichern lassen, dass die Stadt Köln für den Erhalt der Mülheimer Gottestracht eintritt.

Zeitungsanzeigen von Wirten speziell zur Mülheimer Gottestracht in der Kölnischen Zeitung vom 10. Juni 1819
Zeitungsanzeigen von Wirten speziell zur Mülheimer Gottestracht in der Kölnischen Zeitung vom 10. Juni 1819

Prozession wird auch zum Geschäft für die Wirte

Noch heute ist die Mülheimer Gottestracht ein echter Zuschauermagnet. Menschen stehen auf den Brücken und am Ufer und verfolgen diese ganz besondere Prozession. 

Es ist aber davon auszugehen, dass die Strahkraft dieser Veranstaltung vor etwa 200 Jahren noch wesentlich größer war.  So annoncierte der Wirt Johann Joseph Kellerhoven in der Kölnischen Zeitung vom 10. Juni 1819, dass er anlässlich der Prozession „mit gutem Weine, Maitrank, Kaffeee, Thee, Punsch und Schokolade“ seine Gästen aufwartet.   

Auch der Wirt des Lokals „Zur schönen Aussicht am Thürmchen“ inseriert zu diesem Anlass. Bei ihm gibt es neben feinem Kaffee und Weinwirtschaft auch eine „reinliche und prompte Bedienung“.

Für die Gläubigen mehr als ein folkloristisches Spektakel

Was heute wie ein folkloristisches Spektakel daherkommt, ist für viele Gläubige mehr als nur Brauchtum. Es ist Ausdruck von Hoffnung und Gemeinschaft. Oder, wie Pfarrer Stefan Wagner es ausdrückt: „Da, wo Menschen einander in Liebe und Gerechtigkeit begegnen, ist Gott selbst am Werk.“

Und so berührt vielleicht tatsächlich an Fronleichnam der Himmel den Rhein. In Mülheim.


Norbert Krütt-Hüning hat ein Buch über die Mülheim Gottestracht geschrieben.
Norbert Krütt-Hüning hat ein Buch über die Mülheim Gottestracht geschrieben.

Buch: „Die Bedeutung der Gottestracht für Mülheim am Rhein“

Wer mehr über die Geschichte der Gottestracht erfahren möchte, sollte einen Blick in das Buch „Die Bedeutung der Gottestracht für Mülheim am Rhein“ von Norbert Krütt-Hüning werfen. Das Buch ist für 18 Euro direkt beim Autor erhältlich (kruett@web.de). Ein echtes Stück kölscher Heimatforschung.


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Kölner Zionisten – Wegbereiter des jüdischen Staates

Delegation der Zionisten die am 2. November 1898 mit Kaiser Wilhelm II. auf dessen Palästinareise zusammentraf. Links die beiden Kölner Max Isidor Bodenheimer und David Wolffsohn, rechts von ihnen Theodor Herzl, Moses Schnirer und Joseph Seidener, Bild: gemeinfrei
Delegation der Zionisten, die am 2. November 1898 mit Kaiser Wilhelm II. auf dessen Palästinareise zusammentraf. Links die beiden Kölner Max Isidor Bodenheimer und David Wolffsohn, rechts von ihnen Theodor Herzl, Moses Schnirer und Joseph Seidener, Bild: gemeinfrei

Gastautorin dieses Artikels ist meine Stadtführer-Kollegin Irena Okoh. Sie ist als Stadtführerin in Köln und Leipzig tätig. Seit 2013 gehört sie zum Team von Rhenania Judaica, einer Gruppe von Stadtführerinnen und Stadtführern, die Touren zur jüdischen Geschichte in Köln und im Rheinland anbietet.

Das Team von Rhenania Judaica, von links: XX, YY, ZZ, AA, BB
Ein Teil des Teams von Rhenania Judaica, von links: Gerd Buurmann, Tal Kaizman (Gründerin), Ulla Mialkas, Irena Okoh, Anja Broich

Die „Kölner Thesen“ 

Im Jahr 1896 wurden die sogenannten Kölner Thesen veröffentlicht – ein frühes zionistisches Manifest, welches von Dr. Max Bodenheimer, David Wolffsohn und Moritz Levy Jr. im Namen der National-Jüdischen Vereinigung Köln unterzeichnet wurde. Darin heißt es:

„Die staatsbürgerliche Emancipation der Juden innerhalb der anderen Völker hat (…) nicht genügt, um die soziale und kulturelle Zukunft des jüdischen Stammes zu sichern, daher kann die endgültige Lösung der Judenfrage nur in der Bildung eines Staates bestehen; denn nur dieser ist in der Lage, die Juden als solche völkerrechtlich zu vertreten und diejenigen Juden aufzunehmen, die in ihrem Heimatland nicht bleiben können oder wollen. Der natürliche Mittelpunkt für diesen auf legalem Wege zu schaffenden Staat ist der historisch geweihte Boden Palästinas.“

Diese Thesen beeinflussten das Basler Programm, das auf dem 1. Zionistenkongress 1897 unter Leitung von Theodor Herzl verabschiedet wurde. Köln wurde damit zu einem ideellen Ausgangspunkt für den politischen Zionismus.

Was ist Zionismus?

Das Basler Programm beschreibt den Zionismus als Bestreben, „eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina für diejenigen Juden zu schaffen, die sich nicht anderswo assimilieren können oder wollen.“

Anfangs war die Bewegung in Deutschland klein und umstritten. Viele deutsche Juden sahen sich nach ihrer rechtlichen Gleichstellung 1871 als voll integrierte Bürger. Nach Jahrhunderten von Verfolgung hielten sie sich für endlich in Deutschland angekommen. Warum sollten sie Auswanderung unterstützen?

Die Max-Bodenheimer-Gedenktafel in der Richmodstraße, Bild: John Sykes
Die Max-Bodenheimer-Gedenktafel in der Richmodstraße, Bild: John Sykes

Max Bodenheimer beschrieb mehrere Versammlungen vor jüdischem Publikum mit vaterländischer Gesinnung, in denen seine zionistischen Vorträge lautstark gestört wurden, in Elberfeld sogar durch Absingen des Deutschlandlieds. Erst nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten wuchs infolge der judenfeindlichen Politik das Interesse am Zionismus.

Die israelische Flagge wurde von einem Kölner entworfen.

David Wolffsohn wurde zu einem der engsten Vertrauten von Theodor Herzl. Er half ihm bei der Vorbereitung des 1. Zionistenkongresses. Den Saal ließ er mit einer Flagge schmücken, die dem Tallit, dem jüdischen Gebetsschal, nachempfunden war, auf die ein Davidstern abgebildet ist.

Die Flagge Israels besteht aus einem zentral angeordneten blauen Davidstern zwischen zwei waagerechten blauen Streifen auf weißem Grund.
Die Flagge Israels besteht aus einem zentral angeordneten blauen Davidstern zwischen zwei waagerechten blauen Streifen auf weißem Grund.

1948 wurde sie erstmals in Palästina gehisst und im gleichen Jahr offiziell als Flagge des jüdischen Staates bestätigt. Nach Herzls frühem Tod wurde Wolffsohn 1905 zum Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation gewählt. Das Amt übte er bis 1911 aus. Während dieser Zeit befand sich das Hauptbüro der Zionistischen Weltorganisation in Köln.

Kölns Beitrag zur Gründung Tel Avivs

Ab 1905 war Max Bodenheimer Direktor des Jüdischen Nationalfonds (JNF) und organisierte von seinem Kölner Büro aus die Finanzierung von Landkäufen in Palästina. Als Gegenmodell zum überfüllten und lauten Jaffa sollte nördlich davon eine Gartenstadt gebaut werden, die aus mit Schindeln gedeckten Häusern mit kleinen Gärten bestehen sollte.

Die Auslosung der Bauparzellen im April 1909, waren der Beginn der Stadt Tel Aviv, Bild: Avraham Soskin, Public domain, via Wikimedia Commons
Die Auslosung der Bauparzellen im April 1909, waren der Beginn der Stadt Tel Aviv, Bild: Avraham Soskin, Public domain, via Wikimedia Commons

Im April 1909 trafen sich mitten in den Dünen einige Familien, die unter sich das Gelände verlosten, das sie einem Araber abgekauft hatten. Daraus entwickelte sich Tel Aviv.1Zwischen Tel Aviv und Köln besteht seit 1979 eine Städtepartnerschaft. Köln war die erste deutsche Stadt, die eine solche Partnerschaft mit Tel Aviv einging. Ermöglicht hatte das Max Bodenheimer persönlich, der den Familien JNF-Kredite bewilligte.

Ein zionistischer Oberbürgermeister und Bundeskanzler

Das Leben von Konrad Adenauer, 1876 in Köln geboren, war geprägt von Freundschaften zu Juden. Als Kölner Oberbürgermeister arbeitete er eng mit Vertretern der jüdischen Gemeinden und Einrichtungen Kölns zusammen. 1927 wurde er Mitglied im „Deutschen Komitee Pro Palästina“ und sprach auf dessen Kundgebung. Er versprach der zionistischen Idee seine Unterstützung.

Konrad Adenauer, Kölner Oberbürgermeister, Bild: Bundesarchiv, Katherine Young, CC BY-SA 3.0 DE
Konrad Adenauer, Kölner Oberbürgermeister, Bild: Bundesarchiv, Katherine Young, CC BY-SA 3.0 DE

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte er sich persönlich für den Wiederaufbau der Synagoge in der Roonstraße ein. Als Bundeskanzler unterzeichnete Adenauer 1952 das Luxemburger Abkommen über „Wiedergutmachungszahlungen“ an Israel gegen den Widerstand aus Teilen der Bevölkerung und seiner eigenen Regierung. Seine Freundschaft zum israelischen Premierminister David Ben Gurion ist legendär.

„Wer unsere besondere Verpflichtung gegenüber den Juden und dem Staat Israel verleugnen will, ist historisch und moralisch, aber auch politisch blind. Der weiß nichts von der jahrhundertelangen deutsch-jüdischen Geschichte und nichts von den reichen Beiträgen, die von Juden zur deutschen Kultur und Wissenschaft geleistet worden sind. Er begreift nicht die Schwere der Verbrechen des nationalsozialistischen Massenmords an den Juden.“2Konrad Adenauer 1966


Der Löwenbrunnen auf dem Erich-Klibansky-Platz ist Treffpunkt für die Stadtführungen "Die Kölner Thesen - Köln und der Zionismus", Bild: HOWI - Horsch, Willy, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons
Der Löwenbrunnen auf dem Erich-Klibansky-Platz ist Treffpunkt für die Stadtführungen „Die Kölner Thesen – Köln und der Zionismus“, Bild: HOWI – Horsch, Willy, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons

Rhenania Judaica – Wege in das jüdische Rheinland

Weitere Informationen zu den Kölner Wurzeln, die zur Entstehung der zionistischen Bewegung im 19. Jahrhundert geführt hatten, zeigt das Team von Rhenania Judaica auf ganz speziellen Stadtführungen. 

Die nächsten Termine für die Tour „Die Kölner Thesen – Köln und der Zionismus“ sind 

  • 25. Mai 2025, 15 Uhr 
  • 17. August 2025, 15 Uhr
  • 26. Oktober 2025, 15 Uhr

Treffpunkt ist der Löwenbrunnen auf dem Erich-Klibansky-Platz

Tickets zum Preis von 19,50 Euro pro Person gibt es bei KölnTourismus und KölnTicket.


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Die „Römische Hafenstraße“ – eine 33 Meter lange Lüge!

Die "Römische Hafenstraße" in Köln, Bild: Uli Kievernagel
Die „Römische Hafenstraße“ in Köln, Bild: Uli Kievernagel

Fast im Schatten des Doms, unmittelbar neben dem Römisch-Germanischen Museum, liegt die „Römische Hafenstraße“ – eine vermeintlich antike Straße. Diese Straße hat es im Bewertungsportal „TripAdvisor“1Auf TripAdvisor können Menschen Sehenswürdigkeiten, Hotels, Restaurant etc. in aller Welt bewerten und kommentieren. auf immerhin 64 Bewertungen2Stand 12. August 2022 geschafft.

So hat Kerstin aus Andernach unter der Überschrift „Symbol des römischen Straßenbaus“ am 16.September 2018 über die „Römische Hafenstraße“ geschrieben:

„Damals wie heute halte ich es für unmöglich das diese Straße befahrbar war, selbst große Wagenräder sind bestimmt gebrochen, aber was solls, die Waren von und nach Köln kann man ja auch auf dem Rhein transportieren. Schön die Straße mal gesehen zu haben, Highheels gab’s bei den Römern wahrscheinlich nicht.“

Auch Ulrich aus Köln ist skeptisch. Sein Eintrag vom 24. Juli 2016 lautet:

„Kaum zu glauben, dass die Römer mit Pferdekarren über diese grobschlächtige Straße über hunderte Kilometer gereist sind. Sehr beeindruckend zu sehen.“

Und beide haben recht! Steht man vor den groben Quadern der Straße, fällt es schwer zu glauben, dass hier einst Pferdekarren drüber rumpelten. Der Achsbruch ist nach wenigen Metern garantiert und das die Karre ziehende Pferd würde nach ein paar weiteren Metern wegen massiver Verletzungen als Sauerbraten auf den Tellern der umliegenden Restaurants landen.

Das Römische Straßennetz

Das gesamte Römische Imperium beruhte auf einer extrem gut ausgebauten Infrastruktur. Die etwa 100.000 Kilometer Fernstraßen waren gut organisiert, es gab sogar eine Beschilderung mit Kilometersteinen zur Orientierung. Die Colonia Claudia Ara Agrippinensium (CCAA), unser heutiges Köln, war als Hauptstadt der Provinz Niedergermanien ein besonders wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Hier liefen drei große Fernstraßen zusammen:

  • Die „Via Belgica“, heute Aachener Straße, führte bis Boulogne-sur-Mer an die Kanalküste, von dort ging es per Schiff weiter nach Britannien.
  • Die „Agrippa-Straße“, heute Luxemburger Straße, führte bis nach Lugdunum, dem heutigen Lyon.
  • Die „Limes-Straße“, heute die Achse Neusser Strasse-Eigelstein-Bonner Straße, führte von den Alpen bis an die Nordsee.
Das römische Köln im 3. und 4. Jahrhundert in einem Schaubild des Römisch-Germanischen Museums. Gut zu erkennen: Die Konstantinbrücke endet exakt im Kastell Divitia, Bild: Nicolas von Kospoth
Das römische Köln im 3. und 4. Jahrhundert in einem Schaubild des Römisch-Germanischen Museums. Gut zu erkennen: Der „Cardo Maximus“, heute die Hohe Straße, und in Ost-West-Richtung der „Decumanus Maximus“, heute die Schildergasse, Bild: Nicolas von Kospoth

Die Straßen in der CCAA waren, typisch für römische Siedlungen, nach einem Schachbrettmuster angelegt. Durch diese rechtwinklig zueinander laufenden Straßen führten zwei Hauptachsen. Einmal in Nord-Süd-Richtung der „Cardo Maximus“, heute die Hohe Straße, und in Ost-West-Richtung der „Decumanus Maximus“, heute die Schildergasse.

In diesem Schachbrettmuster würde man die „Römische Hafenstraße“ vergeblich suchen. Schlichtweg weil es sie so nicht gab.

Eine "echte" Römerstraße, hier die Via dell’Abbondanza im Pompeji, Bild: Ralf Drechsler
Eine „echte“ Römerstraße, hier die Via dell’Abbondanza im Pompeji, Bild: Ralf Drechsler

„Die Straße, die keine ist“

In einem lesenswerten Artikel der Kölschgänger von Ramona Krippner wird diese Straße als „Die Straße, die keine ist“ bezeichnet. Und das trifft den Nagel auf den Kopf! Denn diese Straße gab es nie – zumindest nicht an dieser Stelle.

Tatsächlich wurde diese Straße 1969/1970 bei Bauarbeiten zur Errichtung der Domplatte und der darunter liegenden Tiefgarage entdeckt. Damals lag diese Straße noch etwa sechs Meter versetzt nach Norden – und mitten in der Einfahrt der Tiefgarage.

„Nä – dat wör doch schad drum. Die Stroß künne mer doch nit fottschmieße.“ haben sich die Verantwortlichen gedacht. Und tatsächlich passt das Stück antiker Straße perfekt zum gleich nebenan liegenden Museum. Das Problem war aber, dass sich die Straße exakt in der Einfahrt der Tiefgarage befand. Und dort konnte sie unmöglich verbleiben. Was also tun? Schnell wurde entschieden, ein etwa 33 Meter langes Teilstück der Straße schlichtweg ein paar Meter nach Süden zu versetzen, auf den kleinen freien Platz neben dem Museum. Problem gelöst: Et kütt wie et kütt!

Die markierten Steine der "Römischen Hafenstraße" vor dem Regen, Fotograf: unbekannt
Die markierten Steine der „Römischen Hafenstraße“ vor dem Regen, Fotograf: unbekannt

Die kölsche Variante einer römischen Straße

Sogleich ging man an die Arbeit, markierte die Steine mit Nummern, um diese auch exakt so wieder zusammensetzen zu können. Danach wurden die Steine auf Paletten gelegt – und erstmal Feierabend gemacht.

Am nächsten Morgen war die Bestürzung groß: In der Nacht hatte es geregnet. Zum Schutz der Steine wurden die Nummern mit Kreide markiert. Allerdings sind Kreide und ausgiebiger Regen keine gute Kombination. Das Ergebnis: Alle Nummern waren abgewaschen und niemand konnte mehr sagen, wie das Puzzle aus Hunderten von Steinen zusammengesetzt werden sollte.

Und da kam der kölsche Pragmatismus ins Spiel: „Dat is doch ejal. Wie su en römisch Stroß ussjesinn hat, kann doch hück keiner mieh saare.“ So wurde die Straße in der kölschen Variante wieder aufgebaut: Riesige Fugen, extrem uneben, nicht befahrbar und nur sehr eingeschränkt begehbar. Ävver: Et hätt noch immer joot jejange.

Vergleich "echte" römische Straße und "kölsche römische" Straße, Bild: Uli Kievernagel, Kritzolina, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Römische Baumeister, die immerhin Arenen für bis zu 50.000 Besucher, ein gigantisches Straßennetz quer durch Europa oder Wasserleitungen mit einem perfekt ausgetüftelten Gefälle über hunderte von Kilometern gebaut haben, würden über diese Straße nur den Kopf schütteln.

Sanierung des Museums als Hoffnungsschimmer

Es bleibt die Hoffnung, dass man sich mit der anstehenden Sanierung des Römisch-Germanischen Museums auch der „Römischen Hafenstraße“ annimmt und diese noch einmal neu verlegt.

Dann würde auch Artikel 5 des „Kölschen Grundgesetzes“ gelten:
„Et bliev nix wie et wor.“


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