Max Zienow – ein Kölner, den die Nationalsozialisten ermordeten

Stolperstein für Max Zienow in der Virchowstraße 3, Lindenthal. Bild: 1971markus@wikipedia.de, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons
Stolperstein für Max Zienow in der Virchowstraße 3, Lindenthal. Bild: 1971markus@wikipedia.de, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Wer heute durch die Virchowstraße in Köln-Lindenthal geht, kann vor dem Haus Nummer 1–3 auf ein kleines Denkmal im Bürgersteig stoßen. Wie Tausende andere Stolpersteine erinnert auch dieser an einen Menschen, der von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet wurde. Auf der Messingplatte steht der Name Max Zienow.

Zienow war Kölner Bauingenieur, Familienvater und überzeugter Katholik. Er gehörte keiner Widerstandsgruppe an, verteilte keine Flugblätter und plante keine Anschläge. Sein Widerstand bestand darin, dass er seine Überzeugung nicht verbarg. Er widersprach der nationalsozialistischen Ideologie, pflegte weiterhin Kontakte zu jüdischen Mitbürgern und sagte offen, was er dachte.

Dafür wurde er denunziert, verhaftet und zum Tode verurteilt. Am 9. Oktober 1944 wurde Max Zienow im Alter von 53 Jahren im Zuchthaus Brandenburg-Görden hingerichtet.

Von Münster nach Köln

Geboren wurde Max Bernhard Friedrich Ernst Zienow am 12. März 1891 in Saerbeck im Münsterland. Noch vor seiner Einschulung zog die Familie nach Münster. Dort besuchte Zienow zunächst die Volksschule und anschließend das Gymnasium. Nach dem Abitur studierte er Architektur an der Ingenieurschule in Münster. Während des Ersten Weltkriegs war er als Soldat in Frankreich.

Nach Kriegsende führte ihn sein Weg nach Köln. Die Stadt wurde zu seinem Lebensmittelpunkt. Hier lernte er Maria Berta Teuber kennen. Am 20. März 1920 heiratete das Paar in St. Agnes. Zunächst lebte die junge Familie in Sülz. 1921 wurde die Tochter Maria Augusta Elisabeth geboren.

Auch beruflich war Zienow eng mit Köln verbunden. Als Bauingenieur arbeitete er für die Stadt. Zu seinen Aufgaben gehörte der Bau der Volksschule an der Kyllburger Straße in Sülz, die 1923 fertiggestellt wurde. 

Glaube und Nationalsozialismus

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 änderte sich auch in Köln das gesellschaftliche Klima grundlegend. Für Max Zienow war die nationalsozialistische Weltanschauung mit seinem christlichen Glauben nicht vereinbar. Und er machte aus dieser Haltung offenbar keinen Hehl.

Dabei war Zienow nach den überlieferten Informationen kein Mitglied einer organisierten Widerstandsgruppe. Er gehörte keiner politischen Widerstandsorganisation an und scheint auch sonst nicht gezielt nach Möglichkeiten gesucht zu haben, gegen das Regime vorzugehen. Sein Verhalten entsprang vielmehr einer persönlichen Haltung.

Widerstand gegen den Nationalsozialismus bestand nicht ausschließlich aus organisierten Gruppen, geheimen Treffen oder spektakulären Aktionen. Er konnte auch darin bestehen, sich der geforderten Ausgrenzung zu verweigern, Kontakte nicht abzubrechen und in Gesprächen nicht plötzlich das zu sagen, was das Regime hören wollte.

Ein erhaltenes Fotoalbum der Familie zeigt Max Zienow mit einem jüdischen Nachbarn, der später ins Exil ging. Auch andere Erinnerungen berichten davon, dass die Familie ihre Kontakte zu jüdischen Freunden und Nachbarn nicht aufgab, als solche Beziehungen von den Nationalsozialisten unerwünscht waren und zunehmend gefährlich wurden.

Für Zienow scheint dies keine demonstrative politische Aktion gewesen zu sein. Er behandelte Menschen weiterhin so, wie es seinem eigenen Verständnis von Anstand und christlichem Glauben entsprach.

Razzia an Nikolaus 1943

Ende der 1930er musste die Familie ihre Wohnung in Sülz aufgeben und zog zunächst nach Ehrenfeld, später nach Lindenthal. Schließlich lebten die Zienows in der Virchowstraße 1–3. Dort sollte Max Zienow im Dezember 1943 verhaftet werden.

Aus Erinnerungen von Angehörigen und Zeitzeugen ergibt sich das Bild eines Mannes, der nur schwer schweigen konnte, wenn etwas seiner Überzeugung widersprach. Warnungen, vorsichtiger zu sein, soll er nicht befolgt haben. Überliefert ist auch, Zienow habe in seinem Büro Adolf Hitler als „Schwein“ bezeichnet. Wer ihn daraufhin denunzierte, ist nicht bekannt. Ebenso lässt sich heute nicht mehr sicher feststellen, welches Motiv hinter der Anzeige stand.

Fest steht: Am 6. Dezember 1943 kamen Nationalsozialisten in die Wohnung der Familie in der Virchowstraße. Die Räume wurden durchsucht, Schränke geöffnet. Belastendes Material wurde offenbar nicht gefunden. Trotzdem nahmen die Männer Max Zienow mit. Damit begann sein Weg durch das nationalsozialistische System von Haft, Justiz und Terror. Dieser Weg begann mitten in Köln – im Klingelpütz.

Historische Aufnahme des Klingelpütz, undatiert, vermutlich 1900-1930, Bild: gemeinfrei.
Historische Aufnahme des Klingelpütz, undatiert, vermutlich 1900-1930, Bild: gemeinfrei.

Gefangen im Klingelpütz

Zienow wurde zunächst in den „Klingelpütz“ gebracht. Während der NS-Zeit wurden dort politische Gefangene und andere vom Regime Verfolgte festgehalten. Die Haftbedingungen waren hart, die Anstalt überfüllt.

Später wurde er in das Zuchthaus Siegburg verlegt, anschließend  nach Berlin gebracht und dort vor den Volksgerichtshof gestellt. Dieses Gericht war eines der zentralen Instrumente der nationalsozialistischen Terrorjustiz. Unter seinem Präsidenten Roland Freisler wurden insbesondere politische Verfahren geführt, bei denen Todesurteile keine Ausnahme waren.

Roland Freisler – ein Täter in Richterrobe

Dem Kölner Max Zienow saß mit Roland Freisler einer der berüchtigtsten Vertreter der nationalsozialistischen Terrorjustiz gegenüber. Seit 1942 war Freisler Präsident des Volksgerichtshofs und machte das Gericht zu einem Instrument der Einschüchterung und Vernichtung politischer Gegner. Unter seiner Präsidentschaft wurden Tausende Todesurteile gefällt.

Roland Freisler (Mitte) bei einer Sitzungseröffnung während des Prozesses gegen die Mitglieder des Kreisauer Kreises und dessen Umfeld nach dem Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944, Bild: Bundesarchiv, Bild 151-39-23 / CC-BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Roland Freisler (Mitte) bei einer Sitzungseröffnung während des Prozesses gegen die Mitglieder des Kreisauer Kreises und dessen Umfeld nach dem Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944, Bild: Bundesarchiv, Bild 151-39-23 / CC-BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Besonders berüchtigt war Freisler für die Art, wie er Angeklagte behandelte: Er schrie sie nieder, verhöhnte und beleidigte sie und nahm ihnen immer wieder die Möglichkeit, sich überhaupt angemessen zu verteidigen. Die erhaltenen Filmaufnahmen aus Prozessen gegen Beteiligte des Widerstands vom 20. Juli 1944 vermitteln bis heute einen Eindruck von seiner menschenverachtenden Prozessführung.

Freisler verkörperte damit auf besonders erschreckende Weise eine Justiz, die nicht mehr Recht sprechen, sondern Menschen im Sinne der nationalsozialistischen Diktatur vernichten sollte. Am 3. Februar 1945 kam Freisler bei einem amerikanischen Luftangriff auf Berlin ums Leben.

„Zu schade für eine deutsche Kugel“

Max Zienow wurde von dem menschenverachtenden Freisler zum Tode verurteilt. Nach der Erinnerung seiner Familie soll Freisler ihm dabei zugerufen haben, er sei „zu schade für eine deutsche Kugel“.

Freisler warf Max Zienow vor, sich im September 1943 „zersetzend geäußert“ zu haben. Er wurde wegen „Wehrkraftzersetzung“ nach § 5 der Kriegssonderstrafrechtsverordnung angeklagt. Das Urteil lautete auf Tod. Nach der Verurteilung wurde Max Zienow in das Zuchthaus Brandenburg-Görden gebracht. Die Haftanstalt war nach Berlin-Plötzensee eine der bedeutendsten Hinrichtungsstätten des nationalsozialistischen Staates. Kommunisten, Sozialisten, Christen und andere Gegner des Regimes wurden dort inhaftiert und getötet.

Am 9. Oktober 1944 wurde Max Zienow hingerichtet. Er wurde nur 53 Jahre alt. Die genauen Umstände seines Todes sind nicht vollständig geklärt. Hinrichtungen in Brandenburg-Görden wurden üblicherweise mit dem Fallbeil vollzogen. Nach der Erinnerung seiner Familie wurde Zienow jedoch erhängt. Anschließend wurde sein Leichnam eingeäschert.

Lageplan des "Alten Friedhofs" in Weiden (Gartenweg, 50859 Köln). Max Zienow wurde in dem Bereich des Friedhofs beigesetzt, der mit "Kriegsgräber" bezeichnet ist. Bild: Stadt Köln
Lageplan des „Alten Friedhofs“ in Weiden (Gartenweg, 50859 Köln). Max Zienow wurde in dem Bereich des Friedhofs beigesetzt, der mit „Kriegsgräber“ bezeichnet ist. Bild: Stadt Köln

Seine Asche kam zurück nach Köln.

Der katholische Pfarrer Albrecht Jochmann, der zeitweise im Zuchthaus Brandenburg-Görden tätig war, schickte die Urne an Zienows Witwe. Nach Kriegsende lebte sie unter mit ihrer Tochter in einer kleinen Dachkammer in Köln-Weiden. Dort wurde die Urne auf dem Ehrenfriedhofsteil des Weidener Friedhofs beigesetzt.

75 Jahre nach seinem Tod wird der Stolperstein verlegt

Lange blieb Max Zienow außerhalb eines kleinen persönlichen Umfelds weitgehend unbekannt. Er gehörte nicht zu den bekannten Köpfen des Widerstands. Es gab keine Organisation, die seinen Namen unmittelbar nach dem Krieg in das öffentliche Gedächtnis getragen hätte.

Er war ein städtischer Angestellter, ein Bauingenieur und Familienvater. Einer von vielen Menschen, deren Alltag sich in den 1930er Jahren unter einer Diktatur veränderte. Der entscheidende Unterschied war, dass Zienow bestimmte Grenzen offenbar nicht überschreiten wollte. Er wollte seine Überzeugungen nicht verleugnen und Menschen nicht deshalb meiden, weil das Regime sie zu Außenseitern erklärt hatte.

Sein Schicksal zeigt zugleich, wie wenig es im nationalsozialistischen Deutschland brauchte, um in die Maschinerie der Verfolgung zu geraten. Eine Äußerung, eine Denunziation und die Weigerung, sich vollständig anzupassen, konnten genügen.

Das Wohnhaus von Max Zienow in der Virchowstraße 3. Bild: 1971markus@wikipedia.de, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons
Das Wohnhaus von Max Zienow in der Virchowstraße 3. Bild: 1971markus@wikipedia.de, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

75 Jahre nach seinem Tod kehrte sein Name sichtbar in das Kölner Stadtbild zurück. Am 26. September 2019 wurde vor dem früheren Wohnhaus der Familie in der Virchowstraße 1–3 in Lindenthal ein Stolperstein für Max Zienow verlegt.

So gibt es eine Erinnerung an einen aufrechten Mann in tiefbrauner Zeit.


"Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts", Herausgegeber: Helmut Moll
„Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts“, Herausgegeber: Helmut Moll

Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts

Max Zienow wird auch im zweibändigen Werk „Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts‘“ aufgeführt. Das deutsche Martyrologium sammelt die Biografien katholischer Christen im 20. Jahrhundert, die um ihres Glaubens willen einen gewaltsamen Tod erlitten. Es handelt sich um widerständige Personen aus den Verfolgungen des Nationalsozialismus, des Kommunismus und der Missionsgebiete.

Die größte Gruppe bilden die Männer und Frauen aus der Gegnerschaft zur NS-Ideologie. Die Personen stammten aus allen Regionen des Deutschen Reiches, waren Priester und Laien, Junge und Alte aus verschiedensten Berufen und Aufgaben. Mehr als 170 Fachleute aus dem In- und Ausland haben die etwa 1000 Lebensbilder gesammelt und mit einem Werk-, Quellen- und Literaturverzeichnis und, soweit möglich, einem Porträtfoto, versehen.

Zeugen für Christus: Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts
Herausgegeben von Helmut Moll
ISBN 978-3-506-79130-6
99 Euro
Bezug über den Verlag Schöningh


 

 

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