Jan von Werth – vom Bauernsohn zum Reitergeneral

Dat Spillche vun Jan und Griet vom Reiter-Korps Jan von Werth, zu sehen jedes Jahr an Wieverfastelovend an d´r Vringsporz, Bild: Uli Kievernagel
Dat Spillche vun Jan und Griet vom Reiter-Korps Jan von Werth, zu sehen jedes Jahr an Wieverfastelovend an d´r Vringsporz, Bild: Uli Kievernagel

Griet: „Jan, wer et hät jewoss.“
Jan: „Griet, wer et hät jedonn.“

Die Sage von Jan und Griet zeigt, wohin es führt, wenn statt der Liebe nur auf das Geld geschaut wird. Sehr frei übersetzt bedeutet dieser Wortwechsel:

Griet: „Jan, hätte ich gewusst, dass du so eine Karriere machst,
hätte ich dich nicht verschmäht.“

Jan: (kurz und bündig): „Griet, du hast es schlichtweg verbockt.“

Die Sage von Jan und Griet ist Kölner Kulturgut

Die Magd Griet verschmähte einst den armen Bauernsohn Jan, weil sie auf eine bessere Partie hofft. Dieser verlässt Köln, verdingt sich als Söldner und macht eine steile Karriere. Viel später kommt er als hochdekorierter und reicher General nach Köln zurück. Aber es ist zu spät für die Liebe – Griet hat es verbockt.

Ob an der traurigen Liebesgeschichte etwas dran ist? Wahrscheinlich eher nicht, denn es gibt keine Belege dafür. Den Jan aber gab es tatsächlich. Und seine steile militärische Karriere belegen zahlreiche Quellen.

Bauernsohn macht Karriere im Militär

Jan, eigentlich Johann, kommt wahrscheinlich im Jahr 1591 auf die Welt. Wo genau, lässt sich nicht mehr ermitteln, wahrscheinlich in Büttgen am Niederrhein. Die Familie zieht 1599 nach Köln und Jan arbeitet als Pferdeknecht. Wahrlich keine gute Partie! Und die Aussichten für einen mittellosen Knecht waren auch nicht gerade rosig.

Einen Ausweg für Männer wie Jan – ohne Perspektive und Geld – boten die zahlreichen Werber: Gesucht wurden junge, starke und ungebundene Männer für die Söldnerheere. Der Bedarf an Soldaten war enorm, denn große und kleine Kriege gab es zahlreich. Spätestens mit dem Dreißigjährigen Krieg ab 1618 war jeder, der irgendeine Waffe halten konnte, als Söldner gefragt. So entschließt sich Jan im Alter von etwa 19 Jahren dazu, in das wallonische Heer unter der spanischen Flagge einzutreten.

„Franzosenschreck“ Jan von Werth

Jan war ein guter Krieger, furchtlos und ein echter Draufgänger. Schnell machte der Haudegen Jan von Werth eine steile Karriere, vom Fußsoldaten bis hin zum General. Er überlebte viele Verletzungen, so auch eine Kugel, die seine Wange durchschlug und ihm im Hals steckenblieb. Für wen er dabei kämpfte, bestimmte der, der ihn dafür bezahlte – ein klassischer Söldner eben. So zog er für die Spanier, für Kurköln, die Bayern und für Ferdinand II., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, ins Feld.

Jan von Werth, Gemälde im Pfarrhaus von Neersen, Repro: Udo Schmitz
Jan von Werth, Gemälde im Pfarrhaus von Neersen, Repro: Udo Schmitz

Die Kriegsgeschäfte liefen gut, sein erklärter Lieblingsgegner waren die Franzosen, gegen die er in mehr als zwei Dutzend Schlachten gewann. Das brachte ihm nicht nur den Titel „Franzosenschreck“ ein, sondern auch Ländereien, Güter und viel Geld. Sein Meisterstück war 1637 die Eroberung der von den Franzosen gehaltenen Festung Ehrenbreitstein in Koblenz durch eine Belagerung.

Kein Wunder, dass der französische König Ludwig XIII. und Kardinal Richelieu sehr erfreut waren, als Jan 1638 in französische Gefangenschaft geriet. Bei der Schlacht in Rheinfelden wurde sein Pferd unter ihm weggeschossen, die Flucht zu Fuß misslang. Vier Jahre war Jan Gefangener, allerdings nicht bei Wasser und Brot, sondern er wurde – im Gegenzug zu seinem Ehrenwort, nicht zu fliehen – sehr gut behandelt und 1642 gegen den schwedischen General Gustaf Graf Horn ausgetauscht.

Im Jahr 1650, im Alter von etwa 60 Jahren, setzte sich Jan in seinem eigenen Schloss Benatek, im heutigen Tschechien, zur Ruhe. Eigentlich war es ein Wunder, dass Jan tatsächlich dieses Alter erreichte. Die durchschnittliche Lebenserwartung im 17. Jahrhundert lag bei ungefähr 30 Jahren und Jan hatte in unzähligen Schlachten gekämpft. Am 12. September 1652 starb Jan von Werth. Er hinterließ neben einer Ehefrau, die immerhin 41 Jahre jünger war, ein großes Vermögen und zahlreiche Güter und Ländereien in Böhmen, Bayern, Köln und im Rheingau.

Tja Griet, dumm gelaufen. Ävver: „Wer et hät jewoss.“


Der Jan-von-Werth-Brunnen auf dem Alter Markt, Bild: Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)
Der Jan-von-Werth-Brunnen auf dem Alter Markt, Bild: Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Auf der Lotsentour Innenstadt besuchen wir auch den Jan-von-Werth-Brunnen auf dem Alter Markt.


Dat Spillche vun Jan und Griet vom Reiter-Korps Jan von Werth, zu sehen jedes Jahr an Wieverfastelovend an d´r Vringsporz, Bild: Uli Kievernagel
Dat Spillche vun Jan und Griet vom Reiter-Korps Jan von Werth, zu sehen jedes Jahr an Wieverfastelovend an d´r Vringsporz, Bild: Uli Kievernagel

Jedes Jahr an Weiberfastnacht spielt das Reiter-Korps Jan von Werth, eine der Traditionsgesellschaften des kölschen Karnevals, das Aufeinandertreffen von Jan und Griet an der Severinstorburg nach. Anders als in der Sage finden sich die beiden hier aber jedes Jahr und ziehen gemeinsam mit Kölns ersten Karnevalszug des Session zum Alter Markt. Hier der entscheidende Moment aus dem Jahr 2019.


Auch die Kölner Band BAP hat die Sage mit „Die Moritat vun Jan un Griet“ aufgegriffen. Hier wird Jan von Griet sehr deutlich abserviert, weil er nix ahn de Fööß hät, also ein armer Schlucker ist:

„Nä Jan, du siehs bei mir kei Land,
verjess et, du kriss nie ming Hand,
wat du och deiß, wat du och lööß,
du häss nix ahn de Fööß, Mann!
Et deit mer leid, du weiß Bescheid,
dat du bei mir nit lande kanns,
Niete wie du, die hann bei mir kein Chance.“


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Nicolaus Otto und der Ottomotor: Eine kölsche Erfindung

Der Erfinder Nicolaus Otto
Der Erfinder Nicolaus Otto (1832-1891)

Okay – der erste von Erfinder Nicolaus Otto gebaute Motor hatte nur 3 PS. Das war im Jahr 1877. Bei diesem Motor handelte es sich um einen sogenannten „Flugkolbenmotor“, welcher sich noch wesentlich vom Prinzip des Ottomotors unterscheidet. Wenn wir heute vom Ottomotor sprechen, geht es um einen „Hubkolbenmotoren mit Fremdzündung“. Der Begriff „Ottomotor“ wurde erst 45 Jahre nach dem Tod des Erfinders eingeführt.

Weltweit erste Motorenfabrik war in Köln

Nicolaus Otto war, zusammen mit Eugen Langen, der Gründer der weltweit ersten Motorenfabrik. Diese Fabrik, gegründet 1864 als „N.A. Otto & Cie“ in der Servasgasse gleich hinter dem Kölner Hauptbahnhof, bildete die Keimzelle der Deutz AG, heute ein Konzern mit mehr als 4.600 Mitarbeitern und etwa 1,8 Milliarden Euro Jahresumsatz.

Abbildung einer Otto-Gaskraftmaschine von 1876, (aus dem Lexikon der gesamten Technik, 1904)
Abbildung einer Otto-Gaskraftmaschine von 1876, (aus dem Lexikon der gesamten Technik, 1904)
Otto, Maybach und Daimler entwickeln gemeinsam den ersten Viertaktmotor

Die Anfänge der Motorenfabrik waren eher bescheiden. Der Erfolg stellte sich erst ein, als sich das junge Unternehmen auf der Pariser Weltausstellung 1867 präsentierte. Der dort vorgestellte Motor war wesentlich sparsamer und benötige nur ein Drittel des Kraftstoffs der vergleichbaren Motoren seiner Zeit. Der Erfolg führte zum Umzug des Unternehmens und zur Gründung der „Gasmotoren-Fabrik Deutz AG“. Wesentliche Investoren waren die Brüder Eugen, Gustav und Jacob Langen sowie Emil und Valentin Pfeifer. Wem diese Namen jetzt bekannt vorkommen, der sollte mal im Küchenschrank nachschauen, ob er nicht auch Zucker von Pfeifer und Langen verwendet.

Weitere bekannten Namen waren als Mitarbeiter in dem Deutzer Unternehmen tätig: Die beiden Konstrukteure Wilhelm Maybach und Gottlieb Daimler waren maßgeblich an der Weiterentwicklung bis hin zur Serienreife des ersten Viertaktmotors beteiligt. Dieses im Jahr 1876 entwickelte technische Prinzip bildet bis heute die Grundlage für jeden konstruierten Verbrennungsmotor.

Nicolaus Otto – ein Autodidakt

Nikolaus Otto, geboren am 14. Juni 1832 in Nassau, hat, anders als zum Beispiel Maybach oder Daimler, nie eine Hochschule besucht. Sein Vater starb früh und so musste er seinen Teil für den Unterhalt der Familie beitragen. So arbeitete er tagsüber in einem Kolonialwarenladen. Erst abends konnte er sich seiner eigentlichen Leidenschaft widmen: der Technik. Die Zeiten waren gut für Otto. Die Welt veränderte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts rasant: Die Telegrafie kam auf, Eisenbahnen erschlossen das Land und Maschinen übernahmen zunehmend die vorher von Mensch und Tier geleistete, kraftraubende Arbeit.

Der Erfolg seines Unternehmens führte Otto auch zu seinem privaten Glück. Er hatte bereits im Jahr 1858 an Karneval  – wie sollte es in Köln auch anders sein? – Anna Gossi-Rouply kennengelernt. Doch an eine Heirat war zunächst nicht zu denken. Der nahezu mittellose Otto konnte erst mit dem Aufstieg der Firma über ein Einkommen verfügen, welches die Familie absicherte. So heirateten Anna Gossi-Rouply und Otto erst 1868.

Briefmarke von 1952 zu "75 Jahre Otto-Motor"
Briefmarke von 1952 zu „75 Jahre Otto-Motor“
Späte Ehrung: Der Begriff Ottomotor

Im Unternehmen gab es persönliche Auseinandersetzungen zwischen Otto auf der einen Seite und Maybach und Daimler auf der anderen Seite. Beide verließen 1881 das Unternehmen. Gleichzeitig führten Patentstreitigkeiten dazu, dass 1884 Ottos Patent für den Viertaktmotor annulliert wurde. Seine Verdienste als Motoren-Entwickler sind allerdings unbestritten. Zu seinen Ehren werden seit 1936 alle Hubkolbenmotoren mit Fremdzündung als Ottomotoren bezeichnet.

Nicolaus Otto starb am 26. Januar 1891 in Köln. Sein Grab ist auf dem Melatenfriedhof zu finden, seine Motoren in der ganzen Welt. Und heute auch mit wesentlich mehr als nur 3 PS.


En originaler "atmosphärischer Gasmotor“ zur Erinnerung an Nicolaus Otto am Deutzer Bahnhof Bild: Tohma [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)]
En originaler „atmosphärischer Gasmotor“ zur Erinnerung an Nicolaus Otto am Deutzer Bahnhof, Bild: Tohma [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)]
Jeder Kölner kennt den Ottoplatz in Deutz. Aber kaum einem ist klar, dass es bei dem hier geehrten „Otto“ um Nicolaus Otto handelt. Und dann fragt sich auch noch jeder : „Wat is dat denn?“ Auf dem Bahnhofsvorplatz in Deutz steht ein originaler, zwei Tonnen schwerer „atmosphärischer Gasmotor“ von Nicolaus Otto. Weitere Infos zu diesem Denkmal gibt es im Informationssystem KuLaDig – Kultur. Landschaft. Digital.


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Eau de Cologne von Farina: Ein Duft, der den Geist inspiriert

Das Farina-Stammhaus am prominenten Platz gegenüber dem Jülichs-Platz, Bild: Johann Maria Farina gegenüber dem Jülichs-Platz GmbH
Das Farina-Stammhaus am prominenten Platz gegenüber dem Jülichs-Platz, Bild: Johann Maria Farina gegenüber dem Jülichs-Platz GmbH

Abfälle auf der Straße, geleerte Nachttöpfe im Rinnstein, Gerber, die mit Urin das Leder behandelten, kaum gekühlte Heringe auf dem Markt – in den europäischen Städten hat es noch bis zur vorletzten Jahrhundertwende bestialisch gestunken. Und glaubt man den Berichten von Zeitzeugen, war Köln die am schlimmsten stinkendste Stadt in Europa.

Dabei hatte der Stadtrat bereits sehr früh erste Versuche unternommen, die Stadt sauberer und somit geruchsfreier zu halten, auch durch die Reinigung von Wasserabflüssen und Rinnsteinen. Allerdings war dies Sache der Anlieger, die ihre Aufgaben wohl nicht so richtig ernst nahmen. In einem Ratsprotokoll vom 9. Juli 1688 lautet es: „Die Straßen seien mit Kot und Mist angefüllt, auch dieselben widerwilligs mit Umgehung dieserhalb erlassener Verordnung nicht gesäubert werden“.

Johann Maria Farina der Mann mit der „goldenen Nase“

Kein Wunder, dass in einem solchen Gestank Duftwasser sehr begehrt sind. In Köln sind um 1830 insgesamt 64 Produzenten von Duft- und Heilwasser bekannt, darunter auch das Haus Klosterfrau der geschäftstüchtigen Nonne Maria Clementine Martin und natürlich das Kölnisch Wasser von Johann Maria Farina. Und dieser Mann hatte eine „goldene Nase“. Geboren am 8. Dezember 1685 in Norditalien wurde er bereits mit 14 Jahren zu seinem Onkel, einen Händler in Maastricht, zur Ausbildung geschickt. Bei seinen Geschäftsreisen quer durch Europa bis nach Konstantinopel erkundete er fremde Städte und Länder hauptsächlich mit seiner feinen Nase. Farina war begeistert von Düften und experimentierte mit Duftstoffen, bis er 1709 den Duft kreierte, der ihn unsterblich machen sollte und den er später im Jahr 1742 – zu Ehren seiner Wahlheimat – „Eau de Cologne“ nennen wird. Er selber schrieb über eben diesen Duft „Ich habe einen Duft gefunden, der mich an einen italienischen Frühlingsmorgen kurz nach dem Regen erinnert, an Bergnarzissen, Orangenblüten und Kräuter meiner Heimat. Er erfrischt mich und stärkt meine Sinne und Phantasie.“

Der Mann mit der äußerst feinen Nase: Johann Maria Farina (1685-1766), Bild: Johann Maria Farina / CC BY-SA 4.0.
Der Mann mit der äußerst feinen Nase: Johann Maria Farina (1685-1766), Bild: Johann Maria Farina / CC BY-SA 4.0.

Das Rezept hält das Haus Farina streng geheim – bis heute. Dabei ist die größte Herausforderung, den richtigen Duft jedes Jahr immer wieder exakt zu reproduzieren. Denn die verwendeten Grundstoffe, unter anderem Jasmin, Lavendel, Limette, Bitterorange, sind Naturprodukte, deren Intensität mit jeder Ernte anders ausfällt. Der Journalist und Historiker Christoph Driessen erklärt das Geheimnis der Herstellung so: „Darum ist auch nicht so sehr eine starre Rezeptur das große Geheimnis von Farina, es sind seine Arbeitsanweisungen, wie man den Duft herstellt muss, auf was man zu achten hat.“1Quelle: Eigentum aktuell, 02/2017, Seite 20

Eine Flasche kostet das halbe Jahresgehalt eines Beamten

Mit diesem Duft trifft er im allgemeinen Gestank seiner Zeit exakt den Geschmack seiner gutbetuchten Kunden. Dazu gehörten insbesondere die europäischen Königshäuser, die auch den geforderten Preis für das Eau de Cologne zahlen konnten: Eine Flasche kostet so viel, wie ein Beamter in sechs Monaten verdient.

Ein edler Duft: Farina 1709 Original Eau de Cologne, Bild: Johann Maria Farina gegenüber dem Jülichs-Platz GmbH
Ein edler Duft: Farina 1709 Original Eau de Cologne, Bild: Johann Maria Farina gegenüber dem Jülichs-Platz GmbH

Selbstverständlich hat ein solches Produkt unmittelbar viele Nachahmer, darunter hat sich einer durch sein ganz spezielles „Marketing“ hervorgetan: Wilhelm Mülhens. Dieser gewiefte Kaufmann bezahlte einem gewissen Franz Maria Farina aus Bonn Geld dafür, dass er unter seinem Namen Duftwasser vertreiben durfte. Bis auf den Nachnamen hatte dieser Bonner Farina nichts mit Erfinder Johann Maria Farina zu tun. Aber egal: Der Markenname Farina zog die Kunden an. Übrigens hatte dieser Wilhelm Mülhens seine Produktion und Verkaufsstätte in der Glockengasse, Hausnummer 4711. Diese Geschichte wird irgendwann mal ein eigenes „Köln-Ding-Woche werden.

Johann Maria Farina, der Mann mit der goldenen Nase, starb am 25. November 1766. Sein Unternehmen hat ihn überdauert und ist bis heute in Familienbesitz. Der Name des aktuellen Chefs: Johann Maria Farina. Tradition verpflichtet!


Ein großes DANKE für die Bilder geht an Johann Maria Farina gegenüber dem Jülichs-Platz GmbH seit 1709. Im Farina-Stamhaus ist auch das Duftmuseum untergebracht. Hier kann man 300 Jahre Duftgeschichte erkunden.

Das Nachahmer-Produkt „4711“ gibt es im Brunnen in der Sparkasse sogar umsonst.


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Jaques Offenbach – vor 200 Jahren in Köln geboren

Offenbach hätte seine Spaß: Den Can Can kennt jeder. Bild: Frenchfestival, http://creativecommons.org/licenses/by/3.0/
Offenbach hätte seine Spaß: Den Cancan kennt jeder. Bild:
Frenchfestival, http://creativecommons.org/licenses/by/3.0/

Hört hier mal rein:  (bitte klicken und Lautsprecher einschalten)

Und – an was habt ihr gedacht, als ihr diese Musik gehört habt? Hochgeworfene Röcke, frivole Schreie und den ausgelassenen Tanz dazu? Der Cancan aus Orpheus in der Unterwelt gehört zu den bekanntesten Stücken des gebürtigen Kölners Jaques Offenbach. Als Jakob Offenbach erblickte er vor 200 Jahren, am 20. Juni 1819, am Griechenmarkt das Licht der Welt. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Jakob. Oder doch besser: Bon anniversaire, Jaques?

Köln „fremdelte“ lange mit Offenbach

Die Stadt feiert den Geburtstag ihres prominenten Sohns mit dem großen Programm „Yes, we can can“. Und schmückt sich dabei sehr gerne mit dem wohl innovativsten Komponisten des 19. Jahrhunderts. Dabei sollte man aber nicht vergessen, dass Offenbach nur bis zum 14. Lebensjahr in unserer Stadt wohnte und anschließend sein Leben vorrangig in Paris verbrachte. Und, so Markus Schwering im Kölner-Stadt-Anzeiger: „Gerne lässt man dabei unter den Tisch fallen, dass die Geburtsstadt zu seinen Lebzeiten und auch noch lange danach nicht viel anfangen konnte mit Offenbach.“ Aber egal: Es gibt was zu feiern und da simmer dabei.

Der Erfinder der Operette: Jaques Offenbach
Der Erfinder der Operette: Jaques Offenbach
Offenbach – der Erfinder der Operette

Jaques Offenbach wurde von seinem Vater, dem Kantor der jüdischen Gemeinde, schon früh musikalisch gefördert. Seine Eltern ermöglichen ihm ab 1834 eine Ausbildung als Cellist am Pariser Konservatorium. So ging er mit 15 Jahren nach Paris und änderte seinen Vornamen von Jakob in Jaques. Er verlässt 1835 das Konservatorium ohne Abschluss und nimmt eine Stelle als Cellist im Orchester der Opéra-Comique an. Gleichzeitig nimmt er Kompositionsunterricht und komponiert kleinere Stücke. In dieser Zeit heiratet Offenbach und wird fünffacher Vater.

Der Durchbruch gelingt ihm ab 1855: In seinem eigenen Théâtre des Bouffes-Parisiens führt er die von ihm komponierten Stücke auf. Das bekannteste Werk wurde am 21. Oktober 1858 uraufgeführt: Orpheus in der Unterwelt. Und alle Welt kennt heute den Cancan aus dem zweiten Akt. Wegen der Kompositionen aus dieser Zeit gilt er als Schöpfer der Operette – Offenbach ist auf dem Gipfel seiner Popularität angekommen.

Für die Franzosen ein Spion, für die Deutschen ein Vaterlandsverräter

Mit dem Deutsch-Französischen Krieg ab 1870 gerät Jaques Offenbach zwischen die Fronten: Für die Franzosen ist er ein deutscher Spion, die deutsche Presse hingegen bezeichnet ihn als Vaterlandsverräter. Um beiden aus dem Weg zu gehen, tourt Offenbach in dieser Zeit durch Italien und Österreich. Als er nach dem Krieg im Juni 1871 wieder zurück nach Paris kommt, kann er an die alten Erfolge nicht mehr anknüpfen. Er beginnt mit  Hoffmanns Erzählungen – kann diese Oper aber nicht mehr vollenden. Offenbach stirbt am 5. Oktober 1880 an der Gicht. Er wird, unweit seiner Wohnung, auf dem Pariser Friedhof Cimetière de Montmartre beerdigt. Die Uraufführung von Hoffmanns Erzählungen erfolgt ein knappes halbes Jahr nach seinem Tod.

Unvergessen bleibt der Cancan. Hochgeworfene Röcke, frivole Schreie und der ausgelassene  Tanz dazu machen den „kölschen Jung“ Jakob/Jaques Offenbach unsterblich.


Das Offenbach-Festival „Yes, we can can“ läuft noch bis zum 27. Juni 2019.


Wenn Jaques Offenbach wüsste, welcher Baupfusch heute an der Kölner Oper stattfindet, wäre er mit Sicherheit nicht damit einverstanden, dass der Platz, an dem die Oper steht, seinen Namen trägt. Seit 2012 wird das Opernhaus am Offenbachplatz modernisiert. Ursprünglich war die Sanierung mit 253 Millionen Euro veranschlagt. Nach mehreren Kostensteigerungsrunden beträgt das Budget aktuell 570 Mio. Euro, die Fertigstellung soll Ende 2022 sein. Mal sehen.


Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Immer kurz & knackig, immer subjektiv und voreingenommen.

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Ein paar Fragen an Boris Sieverts – Köln hat viele Gesichter

Mulittalent Boris Sieverts
Boris Sieverts

Boris Sieverts ist auch Stadtführer: Er veranstaltet mit seinem „Büro für Städtereisen“ Stadtführungen und Exkursionen. Doch während ich mit meinen Gruppen in der Innenstadt oder ausgesuchten Veedeln unterwegs bin, ist Boris Spezialist für die etwas anderen Touren in Ecken und Enden, wo man normalerweise nicht hinkommt. „Man kann nur dort erfahren, wie eine Stadt wirklich ist. Das Zentrum ist lediglich die gute Stube, in der die Stadt zeigt, wie sie gerne wäre.“ so Boris über seine Touren. So hat er z.B. mit einer Gruppe den Kölner Barbarossaplatz besucht – ein „Nicht-Platz“ mitten in der Stadt. Er war auch in Duisburg-Marxloh oder in der Offenbacher Innenstadt unterwegs, die als eine der verbautesten Innenstädte Westdeutschlands gilt.

Der 1969 geborene Künstler hat in Düsseldorf an der Kunstakademie studiert, war als Schäfer mit einer Herde Schafe unterwegs und hat in Architekturbüros in Bonn und Köln gearbeitet. Er hatte Lehraufträge u.a. in Nantes, Leipzig, Kassel, Portland, Maastricht oder Hamburg. Heute lebt und arbeitet er in Köln-Mülheim und ist auch Sprecher der Bürgerinitiative Kalkberg.

Ein paar Fragen an Boris Sieverts

Warum lebst Du in Köln?
Ich bin als Schüler nach Köln gezogen und habe Köln von Kalk aus kennen gelernt. Ich glaube, das ist der tiefere Grund für meine Kölnliebe. Dass du über den Rhein fährst und Dich plötzlich in einer komplett anderen Raumlogik bewegst,  in beide Richtungen. Dieses Nebeneinander von ja doch relativ klassischer abendländischer (Groß)stadt und Industrie(groß)stadt, das hat mich total geflasht. Auch wenn die Gegensätze sich mit der Zeit etwas abgeschliffen haben: Dieses Doppelgesicht, das Köln haben kann, nicht nur mit seinen beiden Rheinseiten, das erfrischt immer wieder die Wahrnehmung.

Was würdest Du morgen in der Stadt ändern?
Die Hinterzimmerpolitik. Dass Dinge nicht offen aus- und angesprochen werden und sich so die Interessen Einzelner auf Kosten der Allgemeinheit immer wieder durchsetzen können, weil man Dinge immer erst erfährt, wenn es schon (fast) zu spät ist. Das kann das Interesse eines Chefs der Luftrettung sein, der davon träumt, in einer weithin sichtbaren Station mitten in der Stadt zu residieren oder ein Bauunternehmer, der wertvolle Industriedenkmäler abreißen lässt, um nicht nur viel, sondern ganz viel Reibach zu machen. Da wünsche ich mir mehr Transparenz und öffentliche Diskussion.

Wenn nicht Köln – wo sonst könntest du leben? Und warum gerade dort?
In Deutschland könnte ich mir auch vorstellen, in Hamburg oder Leipzig zu leben, das sind auch Städte mit mehreren Gesichtern. Ansonsten zieht es mich immer wieder nach Frankreich, die letzten Jahre regelmäßig nach Marseille.

Welche Kölner besonders beeindruckt?
Hmm, ich würde da, glaube ich, weniger einzelne Personen nennen, als eine bestimmte Art, die allerdings allmählich ausstirbt. Es gibt bei alten Kölnern manchmal eine Verbindung von Vergeistigung und totaler Bodenständigkeit, die mich immer sehr beeindruckt hat. Da hatte ich immer das Gefühl, dem sonst ja eher abstrakten Begriff „Kultur“ als der Art, wie wir uns entscheiden als Gesellschaft (in diesem Falle als Stadtgesellschaft) zu leben, leibhaftig gegenüberzustehen. Diese tiefe Verwurzelung in einer Art (miteinander) zu sein, das hat mir in Berlin z.B. immer gefehlt. Da sucht man sich aus, wie man sein will. Das hat auch etwas, aber dieses in etwas hineingeboren werden und es dann selber mit Leben füllen, das hat mich, sozusagen als Kulturevangele, immer ungeheuer angezogen, denn das ist wohl auch ein stückweit katholisch. Seinen stärksten Ausdruck findet das natürlich in der Sprache.

Der Kalkberg im März 2016, Bild: Raimond Spekking & Elke Wetzig / CC BY-SA 4.0
Lieblingsplatz von Boris Sieverts: Der Kalkberg, hier im März 2016, Bild: Raimond Spekking & Elke Wetzig / CC BY-SA 4.0

Wo ist dein Lieblingsplatz in Köln?
Es klingt vielleicht doof an dieser Stelle, aber einer der tollsten Plätze in Köln ist tatsächlich oben auf dem Kalkberg. Man steht dort gar nicht so super hoch, aber die Art, wie das Panorama sich aufbaut, mit der Stadtautobahn im Vordergrund, die den Blick nach Westen bis zu den Kraftwerken und nach Osten bis ins Bergische Land führt und dazwischen liegt die Stadt, das ist schon großartig.

Was machst du zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch?
Obwohl ich den Kölner Karneval liebe, war ich nie der ganz große Feierer. Manchmal einen Tag feiern, den nächsten Pause usw. manchmal auch weniger. Aber als Fest der Liebe und der Entgrenzung finde ich das ganz toll. Das ist ja ein alter Menschheitstraum, dass alle gleich sind und jeder der sein kann, der er will. Und Rausch ja sowieso. Es gibt ja viele Stadtfeste in anderen Städten, aber dass eine Stadt sich wirklich vollkommen verwandelt, das ist schon etwas sehr seltenes.

Wenn ich 10.000 Euro für etwas spenden würde, ginge mein Geld an …
Ich würde wahrscheinlich irgendein genossenschaftliches Projekt unterstützen. Die Idee, die Produktionsmittel oder seine Wohnung im Kollektiv zu besitzen, nicht, um den Gewinn daraus zu maximieren, sondern damit alle ihr Auskommen haben, finde ich immer noch total wichtig und attraktiv.

Wodrüber laachs de dich kapott?
Ich liebe und sammle Witze. manche sagen, ich hätte irgendwo im Hirn eine Ecke nur für Witze. Einer meiner Lieblingswitze: Kommt eine Blondine in die Bücherei und ruft lauthals: „Einmal Currywurst mit ner großen Pommes mit Mayo!“ Darauf die Dame hinter der Theke mit gedämpfter Stimme: „Entschuldigen Sie, aber das hier ist eine Bibliothek.“ Darauf die Blondine mit gedämpfter Stimme: „Ach so! ich hätte gerne eine Currywurst mit großer Pommes und Mayo!“

Dein Lieblingskölsch?
Ich bin eher Weintrinker, aber ich behaupte, dass auch Bierliebhaber bei einer Blindverkostung kaum ein Kölsch vom anderen unterscheiden könnten.

"Em Golde Kappes" in Nippes - eines der Lieblingsbrauhäuser von Boris Sieverts, Bild: M. Pfeiffer
„Em Golde Kappes“ in Nippes – eines der Lieblingsbrauhäuser von Boris Sieverts, Bild: M. Pfeiffer

Deine Lieblingskneipe?
Ich gehe nur selten aus. Meine Lieblingsbar war die Senator ZackZack Bar in Kalk. Die war in einer Autowerkstatt und nur einmal in der Woche auf. Ansonsten finde ich viele Brauhäuser toll, weil das keine „Szene“ ist, die da zusammen kommt, sondern man wirklich anderen Existenzen als der Eigenen am Nachbartisch begegnet. Das sind quasi öffentliche Räume, auch und gerade weil sie ja häufig sozusagen schon „institutionalisiert“ sind. Interessant finde ich immer, dass sie so wahnsinnig laut sind, und zwar nicht obwohl, sondern weil dort keine Musik läuft!

Dein Lieblingsveedel?
Kalk. Zum einen wegen seines komplementären Charakters (s.o.), aber auch, weil in diesem dichten Eisenbahnkessel etwas entstanden ist, das schwer in Worte zu fassen ist. Wenn Du Dich mal für ´ne Viertel Stunde an die Kreuzung Kalker Haupstraße/Kalk-Mülheimer Straße stellst und Dir die Menschen anguckst, weißt Du, was ich meine: Die Leute gehen in Kalk anders über die Straße als woanders. Etwas wacher. Aufrechter. Nicht ausweichen. Dem anderen in die Augen sehen, und wenn es nur für Sekundenbruchteile ist. Das findest Du dann auch im Gespräch mit dem Ladenverkäufer, in der Cafebar oder am Kiosk wieder. Das ist für mich Großstadt. Nicht Metropole (dafür fehlt der Glanz), sondern Großstadt!

Nenne ein/zwei/drei Gründe, warum man Köln morgen verlassen sollte.
Wenn, dann wegen Kleingeistigkeit. Manchmal auch wegen Korruptheit. Aber ich finde ja gar nicht, dass man es morgen verlassen sollte!

Dein Lieblingsschimpfwort auf Kölsch?
Schwaadlappe


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Ein paar Fragen an Mike Kremer von Miljö – durch und durch ein Höhenhauser

Miljö, fünf Jungs rocken die Säle, von links: Simon Rösler, Nils Schreiber, Mike Kremer, Max Eumann, Sven Löllgen, Bild: Daniela Patricia Rösler
Miljö mit Mike Kremer (in der Mitte) rocken die Säle, von links: Simon Rösler, Nils Schreiber, Mike Kremer, Max Eumann, Sven Löllgen, Bild: Daniela Patricia Rösler

Die Musik erklingt „dam dam dam, da-da-da-da-da-da-da-da, dam dam dam!“ und die Jecken heben ab zum „Wolkeplatz„. Textsicher wird Miljö durch den Auftritt getragen. Wenn die Band dann noch Kölsch statt Käsch nachlegt, stehen alle auf den Stühlen.

Das war nicht immer so. „Damals gingen die meisten Leute an die Theke oder pinkeln, wenn wir auf die Bühne kamen“, erinnert sich Mike Kremer, Frontmann der Band in einem Interview der Aachener Zeitung. „Damals“ war vor 2015. In diesem Jahr räumte  Miljö mit „Su lang beim Lommi die Leechter noch brenne“ ganz groß im Karneval ab: Platz zwei bei „Loss mer singe“ und Platz eins bei Radio Köln.

Doch auch wenn die fünf Jungs von der Schäl Sick regelmäßig „Mer hevve aff, zum Wolkeplatz“ singen, sind sie doch ganz bodenständig geblieben. So hat Frontmann und Sänger Mike Kremer sofort zugesagt, meine Fragen zu beantworten. Und das mitten in der stressigen Karnevalszeit. Dafür ein großes DANKE.


Warum lebst du in Köln?

Ich bin in Köln geboren, aufgewachsen und fühle mich deshalb dort zuhause. Ich würde nirgendwo anders mein Nest bauen wollen – obwohl ich es in Aachen mal temporär probiert habe.

Welche kölsche Eigenschaft zeichnet dich aus?

Ich bin offenherzig, emotional und benutze leidenschaftlich gern Kraftausdrücke.

Was würdest du morgen in unserer Stadt ändern?

Unbedingt alle Fahrradwege ausbauen, eine achte Rheinbrücke bauen, um den Verkehr zu entlasten und die Schulen dazu ermutigen, mehr Unterricht auf Kölsch zu halten.

Wenn nicht Köln – wo sonst könntest du leben? Und warum gerade dort?

Wenn es Deutschland sein soll, Hamburg. Die Hamburger sind zwar schroffer, aber im Herzen genauso gutmütig wie wir Rheinländer. Ansonsten Südfrankreich – ich habe mal ein Jahr lang dort gelebt und mich in Frankreich verliebt.

Tommy Engel, ein Vorbild für Mike Kremer von Miljö, Bild: Nicole Fritz
Tommy Engel, ein Vorbild für Mike Kremer,  Bild: Nicole Fritz

Welche KölnerInnen haben dich beeinflusst / beeindruckt?

Ganz klar die Bläck Fööss, besonders mit Tommy Engel, dessen Nachfolgeband L.S.E. ich nach wie vor großartig finde.

Wo ist dein Lieblingsplatz in Köln?

Als Höhenhauser natürlich der Wupperplatz. 🙂 Ich mag aber auch das Flair auf dem Brüsseler Platz an einem Sommerabend.

Was machst du zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch?

Seitdem es Miljö gibt, stehe ich durchgehend auf den Bühnen Kölns und komme – wenn ich Glück habe – gerade einmal zum Schlafen kurz nach Hause.  Vor Miljö war es ähnlich, nur stand ich da VOR den Bühnen oder eben in den Kneipen im Veedel.

Und was zwischen Aschermittwoch und Weiberfastnacht?

Da im Rheinland in den letzten Jahren ein gigantisches Interesse an kölscher Musik erwacht ist, stehe ich auch in der Zeit hauptsächlich auf den Bühnen in und um Köln.

Wat hät für dich noch immer jood jejange?

Et Lävve. Wir leben noch. Ist das nicht Grund genug zum Feiern?

Wenn ich 10.000 Euro für etwas spenden würde, ginge mein Geld an….

Benachteiligte Kinder oder Einrichtungen, die Kindern und Frauen helfen, die häuslicher Gewalt oder gar sexuellen Übergriffen ausgesetzt sind. Es gibt in meinen Augen kein schlimmeres Verbrechen.

Wodrüber laachs de dich kapott?

Camping.

Dein Lieblingskölsch?

Natürlich Gaffel Kölsch. Wenn’s alkoholfrei sein soll, dann aber lieber Reissdorf.

Himmel un Ääd - eine rheinische Spezialität aus Kartoffelpüree, Apfelmus, Zwiebeln und gebratener Blutwurst, Bild: Anagonia
Himmel un Ääd – früher das Lieblingsessen von Mike Kremer., Bild: Anagonia

Dein kölsches Lieblingsessen?

Früher Himmel un Ääd. Jetzt, da ich seit drei Jahren vegan lebe, fällt das alles deutlich schwerer. Mein Motto aber ist: Pommes gehen immer!

Die Gaststätte Lommerzheim in Deutz, Bild: Superbass
Die Gaststätte Lommerzheim  – selbstverständlich Mike Kremers Lieblingskneipe  – welche auch sonst?, Bild: Superbass

Deine Lieblingskneipe? Warum?

Natürlich die Gaststätte Lommerzheim. Ich mag aber auch gerne die kleine Veedelskneipe öm de Eck.

Dein Lieblingsveedel? Warum?

Ich bin durch und durch Höhenhauser. Dort bin ich geboren, aufgewachsen, zur Schule gegangen und dort lebe ich auch heute wieder mit meiner Familie.

Nenne ein/zwei/drei Gründe, warum man Köln morgen verlassen sollte.

Auch wenn Aufgeben nie eine Option sein sollte: wenn die AfD oder eine andere rechtspopulistische Partei irgendwann mal die Mehrheit im Landes- oder gar Bundesparlament gewinnen sollte, kann ich mir vorstellen, auszuwandern. Auch wenn das schwer fallen wird.

Dein Lieblingsschimpfwort auf Kölsch?

Tütenüggel

Bitte vervollständige den Satz: Köln ist ….

… das kleine, selbstverliebte aber offenherzige gallische Dorf im Westen Deutschlands, in dem man nie lange alleine an der Theke steht.


Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Immer kurz & knackig, immer subjektiv und voreingenommen.

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


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Ein paar Fragen an Helmut Frangenberg – Köln ist ein Mythos

Ne echt kölsche Jeck: Helmut Frangenberg, Bild: Max Grönert

Heute habe ich die große Freude, in meiner Reihe „Ein paar Fragen an…“ jemand mit Fastelovend im Blut befragen zu dürfen: Helmut Frangenberg

In seinem Geburtsjahr 1966 lautete das Sessionsmotto „Kaum zu glauben“. Und so ist es auch kaum zu glauben, was Helmut Frangenberg alles im Karneval bewegt:
Der Redakteur des Kölner Stadt-Anzeigers ist einer der Initiatoren von „Loss mer singe“. Helmut ist auch der Erfinder der Kneipensitzung „Jeckespill“ und Mit-Veranstalter des „Kölner Krätzjer Festes“ sowie künstlerischer Leiter der Reihe „Kölsche Heimat“ der Kreissparkasse Köln zur Pflege des kölschen Liedguts. Er hat Stadtführer für und Krimis über Kölle veröffentlicht. Überflüssig zu erwähnen, dass er im Severinsklösterchen geboren wurde. Wo auch sonst?

Und ein großes DANKE, dass er mitten in der hillije Karnevalszeit meinen Fragen Rede & Antwort steht.

Warum lebst du in Köln?

Im Klösterchen geboren, nie länger als drei Monate weg gewesen – Wat soll mer denn woanders?

Welche kölsche Eigenschaft zeichnet dich aus?

Gibt es kölsche Eigenschaften? Ja, vielleicht… Ein bisschen gelassener, ein bisschen kommunikativer, ein bisschen zu laut…

Was würdest du morgen in unserer Stadt ändern?

Sehr vieles würde ich gerne ändern. Mehr Entscheidungsfreude! Mehr Mut! Und als ganz konkretes Sofortprogramm: Kostenfreie Kita-Plätze, kostenloser Nahverkehr, Streichung der „22-Uhr-Alles-hat-ruhig-zu-sein-Regelung“ für Kulturveranstaltungen (zumindest Freitag und Samstag)

Wenn nicht Köln – wo sonst könntest du leben? Und warum gerade dort?

Auf einer Alm in den Alpen vielleicht – aber nach dem Almabtrieb nach einem halben Jahr wäre ich sicher wieder hier.

Welche KölnerInnen haben beeinflusst / beeindruckt?

Mein Vater, meine Söhne, Mica Frangenberg, Freddy Mercury (War der Kölner?) und Ludwig Sebus

Als echte kölsche Jung zieht es Helmut Frangenberg immer wieder ans Rheiunufer, Bild: Rike / pixelio.de
Als echte kölsche Jung zieht es Helmut Frangenberg immer wieder ans Rheiunufer, Bild: Rike / pixelio.de
Wo ist dein Lieblingsplatz in Köln?

Immer am Rheinufer

Was machst du zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch?
  • Weiberfastnacht: Acht Stunden moderieren; danach die decke Trumm erus und mit der Kombo „Tröt op Jöck“ von Kneipe zu Kneipe
  • Freitag: Ausschlafen, abends Loss mer singe Party in den Balloni Hallen
  • Samstag: Kneipenkarneval
  • Sonntag: Zoch kucken oder im Zoch mitgehen; abends Kneipe
  • Montag: Rosenmontagszoch kucken; abends Kneipe
  • Dienstag: Zoch kucken, abends Kneipe und mit der decken Trumm zur Nubbelverbrennung in Neuehrenfeld

Jeckespill

Und was zwischen Aschermittwoch und Weiberfastnacht?

Arbeiten, schreiben, feiern, diskutieren, unsere Kneipensitzung „Jeckespill“ organisieren, mit der „Ahl Kamelle Band“ von Loss mer singe Kneipenkonzerte geben, das „Krätzjer Fest“ veranstalten, die Produktion der Reihe „Kölsche Heimat“ leiten und was sonst so Spaß macht…

 Wodrüber laachs de dich kapott?

Ich glaube, am meisten lache ich tatsächlich über meine Frau, die wunderbar lustig und komisch sein kann.

Dein kölsches Lieblingsessen?

Klarer Fall: Haxe! Und für zwischendurch Mettbrüdche met Öllig.

Deine Lieblingskneipe?

Es gibt viele: In der Altstadt der Walfisch, in Neuehrenfeld Essers Gasthaus und Bagatelle, im Severinsviertel das Alte Brauhaus, im Kwartier Latäng „Bei Oma Kleinmann“, am Neumarkt der „Leuchtturm“, im Agnesviertel Stüsser und Balthasar, das neue Marienburger Bootshaus „Achterdeck“ (bester Sommerplatz!) und (fast) alle Brauhäuser, zum Beispiel die von Päffgen, Pütz oder Gaffel

Dein Lieblingsveedel?

Das Severinsviertel, weil es immer noch das kölsche Herz der Stadt ist. Und ich hoffe, dass es die Verantwortlichen in der Stadt nicht einfach dem Schicksal der Gentrifizierung überlassen.

Nenne ein/zwei/drei Gründe, warum man Köln morgen verlassen sollte.

Die Mutlosigkeit, Zaghaftigkeit und Phantasielosigkeit der Stadtpolitik; die schlimme Wohnungspolitik; der Verkehrslärm; die permanente selbstbesoffene Lobhudelei auf Stadt und Leute; die Menschen, die in In-Vierteln Eigentumswohnungen kaufen und dann gegen Kultur und Kneipen in der Nachbarschaft ins Feld ziehen; die Heulsusenromantik, dass früher alles besser war… Ja, es gibt einiges, was theoretisch einen Wegzug begründen könnte. Aber eben nur theoretisch. Denn natürlich steht das überhaupt nicht zur Debatte.

Bitte vervollständige den Satz: Köln ist ….

…ein Mythos, das aber dann, wenn man es oft bemüht, besingt und hochleben lässt, tatsächlich immer wieder auch Fakten schaffen kann.


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Er trifft dat kölsche Hätz: Willi Ostermann

Ostermann-Portrait, Detailansicht des Grabsteins, Bild: Elke Wetzig
Ostermann-Portrait, Detailansicht des Grabsteins auf Melaten, Bild: Elke Wetzig

Seine berühmtesten Liedzeilen hat Willi Ostermann nie selber live auf der Bühne gehört:

Wenn ich su an ming Heimat denke
un sin d’r Dom su vör mir ston,
mööch ich direk op Heim an schwenke,
ich mööch zo Foß no Kölle jon.

Das Lied „Heimweh noh Kölle“ ist tatsächlich erst nach dem Tod des „musikalischen Gotts in Köln“, so der Kölner Stadthistoriker Michael-Euler Schmidt, uraufgeführt worden. Und zwar exakt am 10. August 1936. An diesem Tag ist Willi Ostermann beerdigt worden.

Geboren wurde Willi Ostermann am 1. Oktober 1876, auf der Schäl Sick, im damals noch eigenständigem Mülheim. Die Familie zog nach Deutz, wo der  „fussige“ (also rothaarige) Ostermann die Grundschule besuchte. Ostermann soll schon als Kind in der Schule alle Karnevalslieder auswendig gekannt und in herrlicher kölscher Mundart Gedichte verfasst haben. Er lernt in einer Deutzer Druckerei und arbeitet bis ca. 1930 dort. Parallel begann er, mit Gesang und Puppenspiel auf kleinen Bühnen in Köln und im Umland aufzutreten.

Kölsche Lieder für et Hätz. Hochdeutsche für den Geldbeutel

Die Arbeit in der Druckerei war für Ostermann zu langweilig. Viel lieber wollte er seinen Lebensunterhalt auf der Bühne verdienen. Der Durchbruch kam mit dem Lied „Däm Schmitz sing Frau es durchgebrannt.“ Die Geschichte vom verlassenen Ehemann war der Karnevalshit im Jahr 1907. Im nächsten Jahr legte er mit „Wä hätt dat vun d’r Tant gedaach!“ nach. Das damit verdiente Geld war oft auch schnell wieder weg: Ostermann hatte eine Schwäche für Glücksspiele und Pferdewetten. Daher schrieb er auch hochdeutsche „Rhein-Wein-Lieder“, wie zum Beispiel das „Rheinlandmädel“, „Einmal am Rhein“ oder „Rheinische Lieder, schöne Frau’n beim Wein“ die auch über die Grenzen Kölns erfolgreich waren und Geld in die Kasse brachten. Erstaunlich: Der erfolgreiche Komponist Ostermann konnte zeitlebens keine Noten lesen.  Er sang die Lieder ein, andere schrieben die Noten dazu.

Der Ostermann-Brunnen zeigt die Figuren aus dem Milieu: Die Tant, et Schmitze Billa oder et Stina, Bild: MiriJäm
Der Ostermann-Brunnen zeigt die Figuren aus dem Milieu: Die Tant, et Schmitze Billa un et Stina, Bild: MiriJäm
Nah dran „an dä kleine Lück“

Mit diesen Liedern traf er exakt den Nerv der Kölner zu Beginn der 1930er Jahre. Köln entwickelte sich zur Großstadt, alles veränderte sich. Die Kölner suchten nach ihrer Identität – und Ostermann lieferte die dazu passenden Texte:

Wat hät doch Köln sing Eigenart verlore,
wie wor dat Levven he am Rhing su nett.
Mer es sich selver nit mie rääch em klore,
Ov mer ´ne Fimmel oder keinen hät.
Dä fremde Krom, et es doch zo bedoore.
Als ahle Kölsche schöddelt mer d´r Kopp.
Deiht mer sich bloß die Dänz vun hück beloore,
stüß einem jedesmol de Heimat op.

Und auch seine treffende Beschreibung des Millieus, der einfachen Menschen, war punktgenau. Immer mit einem Augenzwinkern und nie böswillig hat Ostermann menschliche Schwächen besungen. Egal, ob es um et „Et Schmitze Billa“ ging, die unverhofft zu Geld kommt und sich in einer Bonner Nobelgegend eine Villa kauft, aber trotzdem nie ihre proletarische Herkunft ablegen kann. Oder um die „verstoppte Pief“ bei Palms, die die ganze Bude verqualmt.

Dass gerade die Familie Palm eine große Rolle in seinen Liedern spielte, ist kein Zufall. Seine zweite Ehefrau, nach einer ersten, gescheiterten, Ehe war Käte Palm. Ihre Mutter war übrigens außer sich, dass ihr Schwiegersohn ausgerechnet deren Familiennamen „Palm“ verwendete, er möge die Familie im Lied doch einfach „Halm“ nennen . Doch Ostermann war davon nicht abzubringen. Und der Erfolg gab ihm Recht.

Die größte Beerdigung Kölns

Bei einem Gastspiel in Bad Neuenahr im Juli 1936 brach Ostermann zusammen. Er wurde im Krankenhaus behandelt, nach offizieller Aussage am Magen. Der kölsche Klatsch und Tratsch kolportierte aber, dass er an einer Leberzirrhose aufgrund seines übermäßigen Alkoholgenusses litt. Am 6. August 1936 starb der Komponist, vier Tage später stand das Leben in Köln still: Die bis dato größte Beerdigung in Kölns zog bis zu 35.000 Menschen an.

Auf Melaten, am offenen Grab Ostermanns, erklingt dann zum ersten Mal „Heimweh noh Kölle“. Ein Freund hatte das Lied vollendet:

Wenn ich su an ming Heimat denke
un sin d’r Dom su vör mir ston,
mööch ich direk op Heim an schwenke,
ich mööch zo Foß no Kölle jon.

Die kölsche Hymne. Von einem großen Komponisten, der keine Noten lesen konnte.


Der WDR hat zum 75. Todestag Ostermanns ein „Zeitzeichen“ veröffentlicht. Besonders schön: Im herrlichen Kölsch mit Knubbeln spricht seine Witwe Käte über ihren Mann.


Es gibt tatsächlich einen Willi-Ostermann-Wanderweg: Von seinem Geburtshaus in Mülheim geht es über Deutz und die Innenstadt bis zu seinem Grab auf Melaten. Bitte Zeit mitbringen, der Weg geht insgesamt über 12 Kilometer. Wer es kompakter mag sollte auf meine Lotsen-Tour Innenstadt mitkommen, dort begegnen wir auch seinen Liedern und den besungen Figuren.


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Drei wichtige Imis für Kölle: Caspar, Melchior und Balthasar

El Greco: Die Anbetung der Könige, 1568 (Museo Soumaya, Mexiko-Stadt)
El Greco: Die Anbetung der Könige, 1568 (Museo Soumaya, Mexiko-Stadt)

Heute, um 9.35 Uhr, ist es wieder soweit. Der tiefe, durchdringende Ton des „Decke Pitter“ ist in fast ganz Kölle zu hören. Die größte Glocke des Doms schlägt zur Ehre von drei ganz prominenten Imis: Den „Heiligen Drei Könige“.

Bereits 1164 wurden diese drei ganz besonderen Heiligen von den Kölschen vereinnahmt. Kaiser Barbarossa hatte als Kriegsbeute aus Mailand die Gebeine von Caspar, Melchior und Balthasar seinem Kanzler Rainald von Dassel geschenkt. Wie gut, dass dieser findige Mann auch gleichzeitig Erzbischof von Köln war und diese Chance sofort ergriff. Er überführte die Gebeine der Heiligen Drei Könige in das „Hillige Kölle“. Und viele Pilger wollten zu diesen bedeutenden Reliquien. Mit den Pilgern stieg die Bedeutung Kölns. Und es kam reichlich Geld in die Stadt. Merke: Reliquien bringen Pilger – Pilger bringen Geld.

Der Ansturm auf die Heiligen Drei Könige war so gewaltig, dass der alte, karolingische Dom dem Andrang nicht mehr gerecht wurde und den Ansprüchen des Erzbischofs nicht mehr genügte. So wurde mit dem Bau eines neuen, gotischen Doms begonnen. So sind also Caspar, Melchior und Balthasar unmittelbar für das wichtigste kölsche Bauwerk verantwortlich.

Eigentlich „magoi“ – Magier

Die Gebeine der Heiligen Drei Könige sind ganz besondere Reliquien, weil diese nach der biblischen Überlieferung Jesus tatsächlich persönlich gesehen haben. Tatsächlich werden diese im Matthäusevangelium nicht als Könige sondern als „magoi“ bezeichnet. Damit sind Weise, Magier, Gelehrte oder auch Sterndeuter gemeint. Erst viel später, um das Jahr 300, werden diese Männer als Könige bezeichnet. Die Geschenke für das Jesuskind sind voller Symbolik: Gold besaßen damals nur Könige, somit wurde Jesus in den Rang eines Königs erhoben. Myrrhe ist eine Heilpflanze, damit soll Jesus vor Krankheiten geschützt werden und der heute noch in der Liturgie verwendete Weihrauch ist ein Symbol für die Verbindung der Menschen mit Gott. Die Heiligen Drei Könige erkennen damit Jesus als Gottes Sohn an.

Hohe politische Bedeutung

Diese Reliquien waren für die Menschen so etwas wie „ein Stück Himmel zum Anfassen“ und gleichzeitig die Vorbilder aller Könige. Damit gewann Köln auch massiv an politischer Bedeutung. So war es üblich, dass die deutschen Könige zwar in Aachen gekrönt wurden, dann aber sofort nach Köln zu den Gebeinen der drei Könige pilgerten. Und da ein König regelmäßig mit großem Gefolge reist, kamen nicht nur mehr Menschen in die Stadt sondern auch reichlich Geld. Für die Kölschen eine wunderbare Verbindung von Religion und Geldbörse.

Der Dreikönigschrein im Kölner Dom, Bild: Beckstet, Wikimedia Commons
Der Dreikönigschrein im Kölner Dom, Bild: Beckstet, Wikimedia Commons

Selbstverständlich müssen diese Reliquien auch in einer angemessenen Ruhestätte aufbewahrt werden: Im Dreikönigenschrein. Dieser Schrein wurde, nach mehrjähriger Bauzeit, im Jahr 1225 von Nikolaus von Verdun hergestellt und ist das künstlerisch anspruchsvollste Reliquiar, welches noch aus dem Mittelalter erhalten ist. Die Frage nach der Authentizität der Knochen kommt laut dem Kölner Kunsthistoriker Helmut Fußbroich immer wieder.  „Aber da kann man,“, so Fußbroich im Deutschlandfunk „ohne rot zu werden, sagen, nä, die können nicht echt sein, weil es sich eben um eine Geschichte handelt, die keine Historie erzählen will.“ Tatsächlich hatte sich bei einer Öffnung des Schreins zur 700 Jahr-Feier im Jahr 1864 gezeigt, dass in dem Schrein die Knochen von mindestens drei verschiedenen Männern gefunden wurden. Gleichzeitig aber auch viele weitere Knochen, unter anderem die Knochen eines Kleinkinds.

Besucht die Drei Heiligen Könige – oder lasst euch von Ihnen besuchen

Ihr könnt die Heiligen Drei Könige im Dom besuchen, der Schrein steht im Chor und kann während der Öffnungszeiten, geschützt durch Panzerglas, bewundert werden. Und in den nächsten Tagen kommen Caspar, Melchior und Balthasar auch zu euch: Um euer Haus zu mit dem Kürzel „CMB“ (Christus mansionem benedicat = Christus segne dieses Haus) zu segnen und Geld für wohltätige Zwecke zu sammeln, dieses Jahr für Kinder mit Behinderung in Peru. Gebt reichlich.


Der Vierungsturm des Kölner Doms mit dem goldenen Stern von Betlehem, Photo by CEphoto, Uwe Aranas / CC-BY-SA-3.0
Der Vierungsturm des Kölner Doms mit dem goldenen Stern von Betlehem, Photo by CEphoto, Uwe Aranas / CC-BY-SA-3.0

Wenn ihr demnächst in der Stadt unterwegs seid, schaut euch mal genau den „dritten Turm“ des Doms an: Auf der Spitze der Vierungsturms ist kein Kreuz sondern der Stern von Betlehem zu sehen, dem die Heiligen Drei Könige gefolgt sind. Damit wird der Dom als „Heimat der Heiligen Könige“ gekennzeichnet.


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Hans Knipp: Kölns bekanntester Unbekannter

Hans Knipp, Bild: Musikverlage Hans Gerig KG
Hans Knipp, Bild: Musikverlage Hans Gerig KG

Willi Ostermann, Jupp Schmitz, Karl Berbuer – jedes Schulkind in Köln kennt die Namen dieser kölschen Mundartdichter. Den Namen von Hans Knipp kennen die wenigsten – er ist, so Rolf Dieter Glave, „Kölns bekanntester Unbekannter“. Knipp ist heute, am 2. Dezember, vor sieben Jahren gestorben.

Seine Lieder hingegen sind kölsche Welthits: „Der Stammbaum“, „Mer losse d’r Dom en Kölle“, „Buuredanz“, „Dat Wasser vun Kölle“ oder „Ming eetste Fründin„. Spielt man – nicht nur an Karneval! – in einer kölschen Kneipe die ersten drei Takte an, braucht keiner mehr ein Textheft.

Insgesamt hat Knipp 870 Lieder geschrieben, und das nicht nur für die Bläck Föös. „Ich han de Musik bestellt„, „Buenos Dias Matthias“ oder „Heimat es“ sind Hits von Knipp für die Paveier.

Ein sensibler und feinfühliger Mensch 

Der Autodidakt hat nach eigenem Bekunden, „nix Richtiges gelernt“. Ohne Schulabschluss verließ der 1946 geborene Hans Knipp das Kölner Humboldt-Gymnasium. Knipp verdiente sich ein paar Mark durch Gelegenheitsjobs. Unter anderem war er Auslieferungsfahrer und belieferte vorrangig Büdchen mit Spirituosen und Zigaretten„Wenn man da fünf Minuten zu spät gekommen ist, wurde man fertig gemacht.“ so Knipp in einem seiner seltenen Interviews. „Ich bin dabei sensibler und feinfühliger geworden und ich habe genauer hingeguckt und hingehört“. Später haben diese Erfahrungen seine Lieder geprägt.

Das Geld war knapp. Knipp stand – nach eigenen Worten – mit dem Rücken an der Wand, als er sich als Texter und Komponist versuchte. Mit geliehenem Geld kaufte er sich Ende der 60er Jahre ein Tonbandgerät und versuchte, seine Kompositionen bei verschiedenen Musikverlagen unterzubringen. Sein erster Erfolg war 1969/70  Mer schenken dä Ahl e paar Blömcher“, gesungen von Lotti Krekel. Direkt danach folgte „Ne Besuch em Zoo“ – mit über 100.000 verkauften Exemplaren in drei Monaten ein absoluter Verkaufserfolg.

Lieder sind die Verkörperung der kölschen Seele

Die fruchtbare Zusammenarbeit mit den Föös bescherte uns seine bekanntesten Kompositionen. Reich geworden ist Knipp, der sich am liebsten im Hintergrund aufhielt, allerdings nie. Als er heute vor sieben Jahren, am 2. Dezember 2011 in Altenkirchen starb, schrieb der damalige Kölner Oberbürgermeister Jürgen Roters in seinem Kondolenzbrief „Hans Knipp hat seit den 70er Jahren rund 870 Lieder geschrieben. Dies ist eine großartige Lebensleistung und diese Lieder waren noch mehr: sie sind die Verkörperung der Kölschen Siel, der Identität und des spezifischen Kölschen Gefühls. (…) Mit seinen Texten hat er Stadtgeschichten geschrieben, die die Kölner tief ins Herz treffen.“

Knipp selber war, was die Wirkung seiner Musik ausmacht, bescheidener:  „Et sin letztes Endes uch nur „Leeder“. Davon stirbt keiner oder davon wird keiner besonders glücklich. Et sin drei Minuten, wo die Leute ihre Scheiss-Situation mal vergessen und dann is et ja och okay.“

Hans Knipp wurde im Ruhewald Steimel beigesetzt.


Eines seiner wenigen Interviews hat Hans Knipp etwa ein Jahr vor seinem Tod dem WDR in der Sendung „Erlebte Geschichten“ gegeben.


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