Kölsche Originale: Der Lehrer Welsch – Dreimol Null es Null, bliev Null

Gedenktafel, in d'r Kayjass Nummer Null (Kaygasse, Ecke Großer Griechenmarkt),Bild: 1971markus@wikipedia.de, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Gedenktafel, in d’r Kayjass Nummer Null (Kaygasse, Ecke Großer Griechenmarkt),Bild: 1971markus@wikipedia.de, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Jedes kölsche Schulkind kennt diesen Text:

„En d’r Kayjass Nummer Null steiht en steinahl Schull,
un do hammer dren studeet.
Unser Lehrer, dä hieß Welsch,
sproch en unverfälschtes Kölsch ...
… Dreimol Null es Null, bliev Null,
denn mer woren en d‘r Kayjass en d’r Schull.“

Bei dem von den „Drei Laachduve“ aus der Session 1938/39 besungenen Lehrer handelt es sich um Heinrich Welsch, und genau dieser Lehrer Welsch hat tatsächlich ein musikalisches Denkmal verdient.

Allerdings war Welsch nie in der Kaygasse tätig, sondern leitete im rechtsrheinischen Kalk eine Sonderschule für Kinder, die einer besonderen Fürsorge bedurften. Man kann davon ausgehen, dass die „Drei Laachduve“ Welsch wegen des Reims in die Kaygasse versetzt haben, denn die ursprüngliche Schule lag in der Hollweghstraße . Das hätte doch das Reimschema arg strapaziert.

Geburtshaus von Heinrich Welsch in Arzdorf, Bild: Wolfgang Lietzau
Geburtshaus von Heinrich Welsch in Arzdorf, Bild: Wolfgang Lietzau
Welsch – ein Pädagoge mit Herz

Heinrich Welsch wurde 1848 in Arzdorf, heute ein Ortsteil von Wachtberg, geboren. Er war ausgebildeter Lehrer mit einem Examen des Königlich Preußischen Lehrerseminars in Brühl. Nach verschiedenen Stationen, unter anderem in Worringen und Sülz, kam er 1881, mitten in der industriellen Revolution, nach Kalk. Erschreckt über die Verhältnisse in der Arbeiterschaft erkannte Welsch sehr schnell, dass Bildung der Schlüssel zum sozialen Erfolg seiner Schüler war. Im Jahr 1905 gründete er die „Hilfsschule“ in Kalk. Der Lehrer Welsch kümmerte sich rührend um seine Schüler – nicht selbstverständlich in einer Zeit, in der der Rohrstock noch als pädagogisches Mittel galt. So brachte er zum Beispiel Mädchen, die wegen einer ungewollten Schwangerschaft verstoßen wurden, wieder zurück zu ihren Familien.

Das Ehrengrab von Heinrich Welsch auf dem Kalker Friedhof, Bild: A.Savin
Das Ehrengrab von Heinrich Welsch auf dem Kalker Friedhof, Bild: A.Savin

Zu seinen Bemühungen um die Bildung gehört auch, dass Welsch 1884 mit 1.700 von ansässigen Betrieben gespendeten Büchern die erste Volksbibliothek in Kalk gründete. Heinrich Welsch schied im Jahr 1914 aus dem Schuldienst aus und verstarb 1935. Sein Grab auf der dem Friedhof in Kalk ist ein Ehrengrab, die Stadt Köln kümmert sich um die Grabpflege.

Lehrer-Welsch-Preis

Neben dem bekannten Lied lebt Heinrich Welsch aber auch im Lehrer-Welsch-Sprachpreis weiter. Die Kölner Sektion des Vereins Deutsche Sprache verleiht diesen seit 2004 an Personen oder Institutionen, die sich um die Hochsprache und den Erhalt der kölschen Sprache verdient gemacht haben.  Der Sänger Ludwig Sebus, selbst Preisträger im Jahr 2008, dazu im Kölner-Stadt-Anzeiger „Das Vermächtnis des legendären Lehrers Welsch ist doch viel mehr als Drei mal Null. Er verkörperte die kölsche Seele. Als Lehrer hat er alle Menschen gleich gesehen und gleich behandelt.“.  Erster Preisträger war Alexander von Chiari der im Motto des Rosenmontagszugs 2005 das Wort „Kids“ durch „Pänz“ ersetzte. Weitere Preisträger waren unter anderem „Die Sendung mit der Maus“ oder die Wise Guys.


Peter Kievernagel (1935 - 2023) war bei seinen Schülern als "Papa gnädig" bekannt. Bild: Uli Kievernagel
Peter Kievernagel (1935 – 2023) war bei seinen Schülern als „Papa gnädig“ bekannt. Bild: Uli Kievernagel

Ein andere Lehrer, bekannt als „Papa gnädig“

Ich widme dieses „Köln-Ding der Woche“ ausdrücklich meinem am 2. April 2023 verstorbenen Vater Peter Kievernagel, ebenfalls Lehrer. Seine Schüler sprachen von ihm als „Papa gnädig“, weil er bei Prüfungen auch schon mal gerne ein Auge zudrückte.

Ganz in der Tradition von Heinrich Welsch.


Tief im kollektiven Gedächtnis der Stadt verankert: Die "Kölschen Originale"
Tief im kollektiven Gedächtnis der Stadt verankert: Die „Kölschen Originale“

Weitere Geschichten zu den „Kölschen Originalen“ gibt es hier:


Zwar stammt das Lied von der „steinahl Schull“ im Original von den  „Drei Laachduve“, allerdings ist die überarbeitete Version der „Vier Botze“ die heimliche Hymne Kölns.


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Geköpft und doch lebendig: Hermann von Goch – Finanzgenie im Mittelalter

Darstellung einer Hinrichtung in Köln, Bild: Frans Hogenberg († 1590), Public domain, via Wikimedia Commons
Darstellung einer Enthauptung in Köln, Bild: Frans Hogenberg († 1590), Public domain, via Wikimedia Commons

Gastautorin: Irene Geuer

Ich bin sehr stolz, eine renommierte Gastautorin für dieses „Köln-Ding der Woche“ gewonnen zu haben: Irene Geuer ist freiberufliche Journalistin, Autorin und Moderatorin aus Köln. Sie hat Ethnologie, Politikwissenschaften und Spanisch in Köln studiert und als Moderatorin für diverse Sendungen in öffentlich-rechtlichen Sendern gearbeitet. Sie hat als Hochschuldozentin gearbeitet und schreibt auch Hörspiele.

Vielen ist ihre Stimme aus dem Zeitzeichen des WDR bekannt. Sie wohnt in meiner Nachbarschaft in Köln-Raderberg und teilt meine Liebe zu Köln.

Irene Geuer, Kölner Journalistin, Autorin und Moderatorin, Bild: Geuer
Irene Geuer, Kölner Journalistin, Autorin und Moderatorin, Bild: Geuer

Geköpft und doch lebendig Hermann von Goch – Finanzgenie im Mittelalter

von Irene Geuer

Er ist kein Wiedergänger, kein Untoter, der nach seiner Hinrichtung in Köln-Raderberg sein Unwesen treibt. Und doch ist er hunderte Jahre nach seinem Tod so lebendig wie kaum ein anderer.

Hermann von Goch wird am 7. Mai 1398 auf dem Richtplatz, da wo heute der Kölner Großmarkt ist, seinen Kopf verlieren. Viele meinen zu Unrecht. Denn das, was ihm vorgeworfen wurde, soll überhaupt nicht stimmen. Aber von Goch war dem Kölner Stadtrat unheimlich, sie wollten ihn loswerden. Und so musste er zugeben, eine Intrige gegen die Stadt gesponnen und ein Heer engagiert zu haben, um die politische Ordnung zu stürzen.

Einer der reichsten Männer Kölns

Wahrscheinlich ist das alles Quatsch und der Folter geschuldet. Denn Hermann von Goch war ein Freund des guten Lebens, der mit Streit oder gar Krieg und Überfall absolut nichts zu tun haben wollte. Sehr viel erstrebenswerter waren ganz andere Dinge. Wenn zum Beispiel ein neues Gewürz mit den Schiffen im Kölner Hafen anlandete, dann war er der erste, der es kaufte. Gäste bewirtete er mit erlesenen Weinen, Fisch, Fleisch, Gebäck und Obst. Die Tafel bog sich, wenn er einlud. Hermann von Goch war im 14. Jahrhundert einer der reichsten Männer Kölns. Er war ein schlauer Kerl, hatte eine sehr gute Menschenkenntnis und konnte hervorragend mit Geld umgehen. Vor allem mit dem Geld anderer, die er beriet.

Futteral (links) und Geldtasche (rechts) aus dem Nachlass Hermann von Goch. Bild: Jakob Heinrich von Hefner-Alteneck: Trachten, Kunstwerke und Geräthschaften vom frühen Mittelalter bis Ende des achtzehnten Jahrhunderts
Futteral (links) und Geldtasche (rechts) aus dem Nachlass Hermann von Goch. Bild: Jakob Heinrich von Hefner-Alteneck: Trachten, Kunstwerke und Geräthschaften vom frühen Mittelalter bis Ende des achtzehnten Jahrhunderts

Von Goch ist Prokurator – also Verwalter. Und was Geld angeht, seiner Zeit weit voraus. Er ist findig darin, Geld anzulegen, er streut seine Investitionen breit, er legt viel Geld in Immobilien an, als Sicherheit für seine Geldgeschäfte. Kurzum er ist ein Finanzjongleur. Und das im Mittelalter! Der Mann macht sich das „Who is Who“ des späten Mittelalters zur Kundschaft: Grafen, Fürsten, Bischöfe oder Päpste. Die Herren von Jülich-Berg und die Herzöge von Geldern, auch König Karl IV lassen von Goch die Finanzgeschäfte verwalten, um nur einige Beispiele zu nennen. Für seine Dienste wird er fürstlich entlohnt.

Schriftlicher Nachlass ist bis heute erhalten

Woher er seine unternehmerischen Talente hat, ist noch nicht erforscht. Obwohl man so viel über ihn weiß, was ein kleines Wunder ist. Denn Hermann von Gochs schriftlicher Nachlass ist bis heute erhalten. Aber nur ein Teil dieser wertvollen Dokumente wurde bislang gesichtet und bewertet. Eine Schande könnte man sagen. Denn aus diesem Nachlass gehen viele Details darüber hervor, wie die Menschen im Mittelalter lebten.

Im Kölner Stadtmuseum lagern die Alltagsgegenstände, die man von Goch bei seiner Festnahme abgenommen hat. Sehr gut erhalten. Da gibt es z.B. seinen Gürtel, von dem man weiß, dass der Kölner Geschäftsmann nicht dünn gewesen ist. Sichergestellt wurde ein silberner Reiselöffel mit ausklappbarem Stiel, ein Messer, mehrere Beutel für verschiedene Währungen, aufwendig gefertigt aus Brokat oder Seide. Außerdem Münzprobiernadeln, mit der von Goch die Echtheit des Geldes überprüfen konnte, wie auch ein Goldprobierstein und einige Siegel.

Siegel aus dem Nachlass Hermann von Goch, Bild: Kölnisches Stadtmuseum
Siegel aus dem Nachlass Hermann von Goch, Bild: Kölnisches Stadtmuseum

Geburtsdatum unbekannt

Eigentlich ist  Hermann von Goch Geistlicher. Wann er geboren wurde, ist nicht geklärt. Das erste Mal wird er in mittelalterlichen Schriften im Jahr 1373 erwähnt. Damals verleiht ihm Kaiser Karl IV eine Urkunde, worin der seine treue Gefolgschaft und große Tüchtigkeit rühmt. Damit verbunden ist die Befreiung von Steuern und Zöllen und Schutz für Angehörige und Gesinde. Diese Urkunde ist wohl der erste große Karrieresprung in Hermanns Leben. Viele Verträge wird er mit adeliger und geistlicher Prominenz abschließen. Meist mit einem Schutzbrief oder einer Schutzklausel versehen, um gegebenenfalls seinen Kopf zu retten, falls es Streit gibt.

Er hat einen treuen Gefährten, seinen Schwager Goswin. Und dieser Schwager zeigt auch, dass Hermann verheiratet war. Mit Irmgard. Die beiden haben 9 Kinder. Als von Goch die Kölner Bürgerrechte 1385 erwirbt, lässt er diese Ehe legitimieren. Natürlich vom Papst!

Auch die Kirche ist Kundin bei Goch. Der Erzbischof von Köln nimmt ihn als seinen Secretarius auf und überträgt ihm das Siegleramt und die Verwaltung der Einkünfte in Köln. Wieder ein Karrieresprung. Dadurch wird er auch erzbischöflicher Pächter, der die Grut verwaltet. Damals wird in Köln Bier ohne Hopfen hergestellt, die Grut ist eine Kräutermischung, die zum Würzen des Biers verwendet wurde . Und nur er darf diese Zutat anbauen. Alle Brauer müssen notgedrungen die Grut bei ihm kaufen. Eine kleine Goldgrube – für von Goch.

Goch kauft fast die halbe Stadt Köln auf

Er lebt seinen Reichtum in vollen Zügen aus. Er kauft fast die halbe Stadt auf. Im gehören 45 Liegenschaften, die steinerne Absicherung seiner Kreditgeschäfte. Er kauft Weinberge und Ackerland vor den Toren der Stadt. Köln ist im späten Mittelalter Boomtown. Durch das Stapelrecht hat die Stadt alles zu bieten, was man kaufen kann. Köln ist zu dieser Zeit die größte Stadt nördlich der Alpen, beliebt bei Händlern und Reisenden, die Hermann von Goch gerne zu sich in seine luxuriöse Residenz einlädt. Dass er ein großzügiger Gastgeber ist, zeigen die erhaltenen Haushaltsbücher.

Namenszug, den Hermann von Goch an mehrere seiner Gebrauchsgegenstände hat anbringen lassen. Bild: Jakob Heinrich von Hefner-Alteneck: Trachten, Kunstwerke und Geräthschaften vom frühen Mittelalter bis Ende des achtzehnten Jahrhunderts
Namenszug, den Hermann von Goch an mehrere seiner Gebrauchsgegenstände hat anbringen lassen. Bild: Jakob Heinrich von Hefner-Alteneck: Trachten, Kunstwerke und Geräthschaften vom frühen Mittelalter bis Ende des achtzehnten Jahrhunderts

Er war „ene staatse Kääl“. Dafür zahlte Hermann von Goch auch einen gesundheitlichen Preis. Er litt, wie man damals sagte, an Harnruhr, also an Diabetes und er hatte Blasensteine, deren Abgang äußerst schmerzhaft war. Das verrät sein ebenfalls erhaltenes Tagebuch. Er ist Familienmensch und umhegt seine Kinder. Mehr als 30 Prozent seiner Gesamtausgaben gehen für die Studienkosten eines Sohnes drauf. Darin auch Kleider, Schuhe, Bücher und Nachhilfeunterricht.

Alle neun Söhne und Töchter wird er gut verheiraten oder in vornehmen Klöstern unterbringen. Tochter Stina z.B. ehelicht einen Lombarden, also einen, dem Zinsgeschäfte erlaubt sind. Eine andere heiratet einen gutsituierten Kaufmann.

Die Historikerin Luise von Winterfeld, eine der wenigen Forschenden, die sich mit von Goch beschäftigt haben, schrieb 1925, dass er zu den Kölnern gehörte, die ihren Reichtum genossen und öffentlich zeigten und ihr Vermögen möglichst so anlegten, dass ihre Kinder ohne Mühe diesen Reichtum erhalten und vermehren konnten. Hermann von Goch war, was seine Kinder anging, eine Glucke.

Umtriebiger Geschäftsmann

Seine freundliche Art aber wird ihm zum Verhängnis. Er macht mit jedem, wirklich mit jedem, Geschäfte – ohne Ansehen der Person. Politisch bezieht er keine Stellung. Und da er sich von einem Herzog Wilhelm von Berg Ravensberg genauso bezahlen lässt, wie von einer Stadt Köln, die mit dem Herzog über Kreuz liegt, und da er Verbindungen zu Papst Urban VI unterhält, wie auch zum Gegenpapst Clemens VII, wird er vielen unheimlich.

Ab 1393 geht der Kölner Stadtrat gegen ihn vor. Von Goch soll mit seiner Grutpacht den Bürgern Schaden zugefügt haben. Er selbst spricht von einer Intrige und wird nicht gehört. Der Rat fordert von ihm eine horrende Summe als Schadenersatz. Einen Tag vor Fristende zahlt Hermann, mit Hilfe seines Lombardenschwiegersohnes. Trotzdem verkündet einen Tag später der Stadtrat einen Haftbefehl gegen von Goch. Und dabei passiert das, was uns heute das Leben des Hermann von Goch offenbart. Unterlagen werden beschlagnahmt, Haushalts- und Tagebücher, die nie wieder in den Besitz der von Gochs zurückgingen, sondern über Jahrhunderte hinweg archiviert wurden.

Unglaubwürdiges Geständnis durch Folter 

Nach der Haft verlässt er die Stadt, kehrt zwei Jahre später zurück, weil er glaubt, die Wogen hätten sich geglättet. Aber falsch gedacht. Die Hoffnung, seine Unschuld beweisen zu können, stirbt, als er das Stadttor passiert. Er hat weder einen Geleit- oder Schutzbrief dabei und wird sofort festgesetzt. Laut Anklage soll er die Zeit außerhalb Kölns genutzt haben, um einen Überfall auf die Stadt vorzubereiten.

Foltermethoden im Mittelalter, Bild: Public Domain
Foltermethoden im Mittelalter, Bild: Public Domain

Hermann von Goch beteuert seine Unschuld, wird wieder nicht gehört und stattdessen gefoltert. Und so wird er das bis heute unglaubwürdige Geständnis eines geplanten Überfalls ablegen. Da Hermann von Goch standesgerecht begraben wurde, ist davon auszugehen, dass er Reue gezeigt und somit die Sterbesakramente empfangen hatte.

Nachlass nur unvollständig unerforscht

Wissenschaftlich ist von Goch noch längst nicht begraben. Für Wirtschaftshistoriker oder Mittelalterexperten wäre es ein Fest, wenn es einen Forschungsauftrag über das Leben und den Nachlass des Hermann von Goch gäbe. Im Kölner Stadtarchiv lagert dieser Schatz, ohne je vollständig gehoben worden zu sein. So viele noch offene Fragen könnten vielleicht beantwortet werden: Wie war das wirklich mit den Vorwürfen gegen von Goch, wie genau hat er seine Geschäfte betrieben, welches Verhältnis hatte er zu seiner Frau oder den Angestellten, wie sah sein Alltag aus. Details, die über das Leben des Bürgertums im Mittelalter mehr verraten würden.

Und es könnte auch die Frage geklärt werden, warum Hermanns Söhne unglaublich viele Schuhe brauchten, wie die eine Ausgabenseite im Haushaltsbuch belegt.


Zeitzeichen: Der Kölner Geschäftsmann Hermann von Goch wird enthauptet (am 7.5.1398)

Irene Geuer hat ein sehr hörenswertes Zeitzeichen im WDR zu Hermann von Goch veröffentlicht: Ein wildes Leben im Mittelalter: Hermann von Goch war erst ein Mann der Kirche, wurde reich, heiratete – und nutzte seinen Einfluss, dass der Papst persönlich seine Ehe nachträglich erlaubte. In Köln besaß er bald ein Monopol auf das Biergewürz, alle Brauer musste diese „Grut“ bei ihm einkaufen. 

Reinhören lohnt sich! 

Das "Zeitzeichen" des WDR ist eine Radiosendung und greift täglich historische Daten auf, Bild: WDR
Das „Zeitzeichen“ des WDR ist eine Radiosendung und greift täglich historische Daten auf, Bild: WDR

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Kölsche Originale: Orjels-Palm – ein vornehmer Straßenmusikant

Johann Joseph Palm, genannt Orjels Palm, in Husarenuniform an seiner Drehorgel, Bild: unbekannter Fotograf
Johann Joseph Palm, genannt Orjels Palm, in Husarenuniform an seiner Drehorgel, Bild: unbekannter Fotograf

Am Ende seines Lebens war Johann Joseph Palm – genannt Orjels-Palm oder Urjels-Palm – schlichtweg zu schwach, um weiterhin die schwere Drehorgel zu tragen und zu bedienen. Um trotzdem noch ein paar Groschen zu verdienen, hing sich Orjels-Palm noch ein „Romantisches Panorama“ um – ein Schaukasten mit einer Bergszene – und flanierte damit auf der Straße und bei seinen Gönnern.

Geld war zeitlebens knapp bei einem Mann wie Orjels-Palm. In einer Zeit, in der an soziale Leistungen wie Kindergeld oder Renten noch nicht zu denken war, musste der Drehorgelspieler ein Dutzend eigener Kinder und dazu auch noch mindestens zwei Enkelkinder ernähren. Die einzige Unterstützung des Staates bestand darin, dem kriegsversehrten Orjels-Palm eine Konzession zum Drehorgelspielen zu erteilen.

Palm als Soldat bei den „Schwarzen Husaren“

Johann Joseph Palm wird am 28. April 1801 in der Kleinen Neugasse (heute Tunisstraße) geboren. Mit 14 Jahren beginnt er eine Lehre als Maler und Vergolder. Als Geselle will er eigentlich auf die „Walz“ gehen. Mit Walz, Wanderjahre, Tippelei oder Gesellenwanderung werden die Jahre der Wanderschaft eines Gesellen als Voraussetzungen zur Meisterprüfung bezeichnet. Doch da macht ihm das preußische Wehrgesetz einen Strich durch die Rechnung: Die Walz ist nur mit einem „Kundschaftsbüchlein“ zulässig. Und dieses Büchlein erhält man erst nach Ableistung des Wehrdiensts. Palm wird daher im Herbst 1820 in Danzig Rekrut bei den „Schwarzen Husaren“.

Zuhause in Köln nimmt währenddessen sein persönliches Schicksal eine unglückliche Wendung: Cäcilie Hack, seine Liebe seit früher Kindheit, hat sich mit einem anderen verlobt. Palm reist nach Köln, um Cäcilie umzustimmen. Vergeblich. Enttäuscht reist er schnell wieder ab, um in der Türkei, Russland und in Griechenland zu kämpfen.

Nur kurzes Glück mit der Jugendliebe

Nach einer Schussverletzung am Knie, die ihn zeitlebens quälen wird, kommt Palm im Jahr 1830 nach Köln zurück und holt sein Glück nach: Er heiratet die zwischenzeitlich verwitwete Cäcilie Hack. Zunächst ist das Familienglück groß, bis 1838 bekommen die beiden vier Kinder. Palm betreibt eine Werkstatt in seinem ursprünglich erlernten Beruf als Maler und Vergolder.

Doch das Familienglück des Johann Joseph Palm findet durch den Tod seiner Frau Cäcilie im August 1839 ein jähes Ende. Als alleinstehender Vater ist Palm überfordert und heiratet bereits im April 1840 Sophia Kollgraff. Mit ihr zeugt er bis 1847 weitere neun Kinder. Die stetig wachsende Familie erfordert ständig mehr Platz. Die Folge sind 15 Umzüge in 34 Jahren, davon achtmal innerhalb der Straße „Unter Krahnenbäumen“.

Johann Joseph Palm, genannt Orjels-Palm, auf dem Karl-Berbuer-Brunnen Bild: Uli Kievernagel
Johann Joseph Palm, genannt Orjels-Palm, auf dem Karl-Berbuer-Brunnen Bild: Uli Kievernagel

In den 1840er Jahren verschlechtert sich die wirtschaftliche Lage der Familie dramatisch. Aufträge als Maler findet er kaum noch, zu vergolden gibt es nichts mehr. Zwei Kinder sterben an Unterernährung. Er stellt einen Rentenantrag – dieser wird jedoch postwendend abgelehnt. Allerdings erhält er die Konzession als Drehorgelspieler und eine kleine Beihilfe zur Anschaffung einer solchen Orgel.

Tadellos gekleidet und gepflegt

Palm machte sich in Köln als Drehorgelspieler schnell einen Namen. Er war immer tadellos gekleidet: Blitzsaubere Husaren-Uniform, auf Hochglanz polierte Stiefeln und eine hohe, schwarze Mütze auf dem Kopf. Das hat sich anscheinend sogar bis nach Berlin herumgesprochen, denn dort stand in der Zeitung: „Das ganze Gegenteil vom Maler Bock war der Orgels-Palm, ein vornehmer Straßenmusikant.“

Urjels-Palm in der Bierdeckel-Serie "Kölsche Originale", Bild: Bild: rs-bierdeckel.de, Reinhold Schäfer
Urjels-Palm in der Bierdeckel-Serie „Kölsche Originale“, Bild: Bild: rs-bierdeckel.de, Reinhold Schäfer

Und anders als seine Wettbewerber, die nur die üblichen Drehorgel-Stücke spielten, hatte Orjels-Palm auch eigene Stücke und Stücke seines Freundes Joseph Roesberg, der bereits mit dem Lied vom „Schnüsse Tring“ einen Karnevalshit gelandet hatte, im Repertoire.

Wo ist dann der Schwengel?

Eben dieser Joseph Roesberg erlaubte sich angeblich einen Scherz mit dem gutmütigen und stets heiteren Orjels-Palm. In Absprache mit dem Kirchenvorstand von Remagen sollte Palm sich dort als Organist vorstellen. Roesberg und seine Freunde spendierten Palm einen neuen Anzug und gaukelten ihm vor, dass er in der vollbesetzten Kirche am Kirmessonntag eine Probe seines Könnens als Orgelspieler abliefern sollte. Palm untersuchte fachmännisch die Orgel und soll dann gefragt haben „Wo is dann he dä Schwengel?“.

So schön diese Anekdote ist – sie kann aber leider nicht ganz der Wahrheit entsprechen. In der Remagener Pfarrkirche wurde nachweislich erst 1904 eine Orgel eingebaut. Und der gläubige Katholik Roesberg hätte wohl kaum einen Scherz mit der Kirche getrieben. Wahrscheinlicher ist es, dass der Freundeskreis um Roesberg dem Orjels-Palm nur etwas Gutes tun wollte und ihm unter einem Vorwand den neuen Anzug schenkte.

Fählen im och mänche Tön

Palm gehörte mit seiner Orgel bald zum Stadtbild. Johann Franz Weber, ein erfolgreicher Komponist kölscher Karnevalsmusik verewigt Orjels-Palm sogar in seinem Lied „Do deis meer leid“:

Met der Urgel trock erus
Künstler Palm von Hus ze Hus,
Fählen im och mänche Tön,
Schnüsse Tring spilt hä doch schön.
Doch sing Urgel manchmal brump
We en al, rostige Pump:
„Saht ens Palm“ su sähte Lück,
„Hät die Buchping hück?
Se deit uns leid,
Se deit uns leid,
Hat Ehr denn kei Gefühl?“1Übersetzung:
Mit der Orgel zieht er herum,
Künstler Palm, von Haus zu Haus.
Fehlen ihm auch manche Töne,
das Lied der „Schnüsse Tring“ spielt er doch schön.
Doch seien Orgel manchmal brummt
Wie eine rostige, alte Pumpe.
„Sagt mal, Palm“ so sagten die Leute,
„Hat die Bauchschmerzen heute?
Sie tut uns leid,
Sie tut uns leid,
Habt ihr denn kein Gefühl?“

Harte Arbeit für geringes Entgelt

Und Palm drehte fast 30 Jahre unermüdlich seine Orgel, um das notwendige Auskommen für die Familie zu verdienen. Dabei, so Reinhold Louis2 in seinem Buch „Kölner Originale“, Greven Verlag „… war er in der Tat harmlos: Palm lag nicht betrunken in der Gosse, er kam nicht in Konflikt mit den Gesetzeshütern, er war nicht verkommen, er borgte und schnorrte nicht, sondern leistete harte Arbeit für mehr oder weniger geringes Entgelt.“

Orjels-Palm kann in späteren Jahren die schwere Drehorgel nicht mehr bedienen und trägt stattdessen ein „Romantisches Panorama", Bild: unbekannter Fotograf
Orjels-Palm kann in späteren Jahren die schwere Drehorgel nicht mehr bedienen und trägt stattdessen ein „Romantisches Panorama“, Bild: unbekannter Fotograf

Und als die Orgel für den mittlerweile fast achtzigjährigen Palm schlichtweg zu schwer wird, sattelt er um und trägt das „Romantische Panorama“ um den Hals. Immer, um noch ein paar Groschen zu verdienen – die Kinder und Enkel haben schließlich Hunger.

Am 29. Januar 1882 stirbt Johann Joseph Palm. Und Köln verliert mit dem Straßenmusiker eines seiner Originale. Andere, die ihm als Straßenmusiker in Köln nachfolgen, werden weder so bekannt, noch als Original verehrt.

Ausnahmen: Klaus der Geiger und die Kelly-Family.
Aber das sind andere Geschichten.


Urenkel Emil Palm schreibt Musik für Ostermann

Es bleibt in der Familie: Der Urenkel von Orjels-Palm war Emil Palm (1890 – 1963). Und Emil Palm schrieb für Willi Ostermann, der selber kein Noten, lesen konnte, die von Ostermann vorgesungene Musik. 


Tief im kollektiven Gedächtnis der Stadt verankert: Die "Kölschen Originale"
Tief im kollektiven Gedächtnis der Stadt verankert: Die „Kölschen Originale“

Weitere Geschichten zu den „Kölschen Originalen“ gibt es hier:


 

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Der Köbes im Brauhaus – Mythos & Wahrheit

Ein Köbes mit einem Kranz Kölsch bei der Arbeit
Ein Köbes mit einem Kranz Kölsch bei der Arbeit

  

Er ist der unumstrittene Herr im Brauhaus: Der Köbes! Als Gast ist man geduldet. Mehr nicht. Der Köbes allein entscheidet, ob und wann man sein Kölsch bekommt, denn in einem kölschem Brauhaus bestellt man kein Kölsch: Der Köbes teilt es einem zu.

Dabei gehört der Köbes, genau wie die blankgescheuerten Holztische, die ausgesprochen hohe Lautstärke der Gäste und die kölsche Fooderkaat, zum Inventar eines Brauhauses.

Der Köbes ist die Person, die außerhalb Kölns als „Kellner“ oder „Ober“ bezeichnet wird. Eine Berufsbezeichnung, die der kölsche Köbes nicht gerne hört und Rufe wie „Hallo, Herr Ober“ schlichtweg ignoriert.

Weste, blauer Pullover, Lederschürze – der Köbes ist gut zu erkennen

Der Köbes ist gut erkennen: Die typische Kleidung ist eine Weste, blauer (Woll-)Pullover, Lederschürze und der Geldbeutel aus Leder. In der Hand trägt er den Kölschkranz aus Metall und im Gesicht eine leicht spöttische Miene, die dem Gast direkt signalisiert: Pass op Jung, ich bin hier der Chef!

Ein Köbes im Brauhaus Früh genießt sein Feierabendbier, Bild: Willy Horsch, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Ein Köbes im Brauhaus Früh genießt sein Feierabendbier, Bild: Willy Horsch, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Der ideale Köbes hat übrigens unendlich viele Rolle zu erfüllen: Er ist Geheimnisträger („Verzäll bloss nit minger Frau, dat ich he wor!“), kennt jeden Klaaf uss däm Veedel („Häste jehüürt: Dat Marie kritt alt widder e Kind“) und gibt gerne ungefragt medizinische und sonstige Ratschläge („Dat siebzehnte Kölsch ist jut für die Nieren“).

Gelegentlich überziehen einzelne Köbesse schon mal etwas mit ihrer deftigen und manchmal unverschämt wirkenden Ausdrucksweise. Dann wird es auch dem Urkölschen zu viel. Aber das ist die Ausnahme. Eher spielen die kölschen Köbesse ihre Rolle als Muuzepuckel, so wie mir Toni aus Buchheim berichtete:

Meine Frau und ich sitzen im Peters Brauhaus. Uns schräg gegenüber eine achtköpfige Gruppe von Touristen. Sie sprechen Spanisch.
Irgendwann kommt der Köbes. Er gibt sein Bestes: schaut mürrisch, rotzt seine Worte unverständlich in den Raum und stellt ungefragt Kölsch vor die Gäste. Die gucken fragend, bemühen ihr bestes Englisch und bekommen zum Dank die Speisenkarte auf den Tisch geknallt.  Mehrfach geben sie später das Zeichen, bestellen zu wollen. Als sich der Köbes endlich bequemt, verströmt seine ganze Körperhaltung überschäumenden Abscheu. Meine Frau und ich gucken uns an. Sie sagt: „Das geht ja gar nicht. Was sollen die Touristen denn denken?“  Ich will gerade aufstehen und dem Köbes etwas zu seinem unmöglichen Verhalten sagen. Da wechselt dieser übergangslos ins Spanische, erklärt – so vermute ich – was es mit dem Köbes auf sich hat und erntet erleichtertes Lachen der Gäste und ihren donnernden Applaus. Danach ist unsere Stimmung im beschwingten  ‚Su jett jitt et nur in Kölle-Modus‘. Das ist so einer der Momente, wo ich einfach nur dankbar bin, im bunten Kölle zu leben.

Herkunft des Begriffs „Köbes“ ist unklar

Die gängige Legende besagt, dass der Name des Köbes von Jakobspilgern stammt. Diese hätten während ihrer oft monatelangen Pilgerreise zwischendurch in den Brauhäusern gearbeitet, um etwas Geld für die Reise zu verdienen. Der Kölner nennt den Jakob „Köbes“, und da die Pilger auf dem Weg zum Heiligen Jakob waren, hatten sie schnell den Spitznamen „Köbes“ bekommen. Allerdings gibt es für diese, zugegeben nette, Legende keine Belege.

Tatsächlich waren die Brauersburschen, die „Brauers-Pooschte“, als Köbes tätig. Diese schufteten tagsüber als Lehrjungen in der Brauerei und verdienten sich abends noch ein paar Mark als Köbes dazu. Wie es von diesen Brauers-Pooschte zum Begriff „Köbes“ kam ist unklar. Vielleicht war einer der Jungs namens Jakob besonders schlagfertig, und so wurde sein Vorname zum gesamten Gattungsbegriff. Aber auch das ist reine Spekulation.

Durstige Gäste warten im "Früh im Veedel" auf den Köbes, Bild: Gordito1869, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons
Durstige Gäste warten im „Früh im Veedel“ auf den Köbes, Bild: Gordito1869, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons

Eins ist sicher: Der Köbes ist älter das Kölsch!

Klar ist aber, dass es den Köbes schon lange vor dem Kölsch gab. In einem Schreinsbuch1Schreinsbücher waren im mittelalterlichen Köln die Vorläufer der heutigen Grundbücher. aus dem 12. Jahrhundert wird ausdrücklich der Bierschenk Burkard erwähnt. Er betrieb eine Gastwirtschaft direkt neben der Kirche St. Maximin. In den historischen Unterlagen wird ausdrücklich „Burkardus dator cervisie“ erwähnt. Dies kann man mit „Burkard, der Bierschenker“ übersetzen. Somit ist Burkard der erste namentlich bekannte Köbes.  

Doch wer heute auf Spurensuche geht, wird weder Burkard noch die Kirche finden – auf diesem Gelände steht mittlerweile der Hauptbahnhof.

Heute arbeiten Menschen aus der ganzen Welt als Köbes

Auch wenn es immer wieder lautet „Nä – su ne echte Köbes jitt et hück nit mieh.“ ist das nicht richtig. Es gibt noch die schlagfertigen Typen, die zwar deftig, am Ende auch aber irgendwie charmant, Kölsch servieren. Wer das bezweifelt, sollte unbedingt mal sein Kölsch im Päffgen in der Salzgasse oder in der Schreckenskammer trinken.

Tatsächlich kommen aber heute auch viele der Servicekräfte in den Brauhäusern nicht aus Köln und verstehen nicht immer die typische Sprache der Kölner. Sie sind aber immer bemüht, in die großen Fußstapfen der alten, urkölschen Köbesse zu treten. Und auch hier gilt:

Su simmer all he hinjekumme,
mir sprechen hück all dieselve Sproch.
Mir han dodurch su vill jewonne.
Mir sin wie mer sin, mir Jecke am Rhing.2Bläck Fööss: Unser Stammbaum

Deswegen bleibt es auch bei dem ungeschriebenen Gebot, dem Köbes auch zwischendurch mal ein Kölsch auszugeben. In den meisten Brauhäusern ist es den Köbessen zwar ausdrücklich verboten, während der Arbeit zu trinken, aber wenn keiner in dem Moment hinschaut …

Und wie ist es mit den weiblichen Köbessen?

Ursprünglich waren die Köbesse ausschließlich Männer, weil in der Regel die Brauersburschen das Bier ausschenkten. Allerdings arbeiteten in vielen Gaststätten auch im 19.Jahrhundert schon Kellnerinnen. Ein Umstand, der einige Zeitgenossen doch sehr erregte. Ein gewisser Friedrich Pollads regte sich darüber so sehr auf, dass er 1891 das Bändchen „Das Unwesen der Kellnerinnenwirtschaften in Köln.“ veröffentlichte.

Pollad-Buch Kellnerinnen
 

Der Moralapostel Pollads verurteilte die weiblichen Bedienungen als „Animierdamen„, die ihre Gäste finanziell und moralisch in den Untergang führen würden. Dass – falls an dieser sinnlosen Behauptung etwas dran sein sollte – die Männer und auch der reichlich ausgeschenkte Alkohol eine Rolle spielen würde, ließ der Autor mal eben unter den (Bier-)Tisch fallen.

Heute arbeiten Frauen und Männer in diesem Beruf. Und jedem, der immer noch meint, dass die Frauen der Rolle als Köbes nicht gewachsen seien, möge mal einen Abend im „Vogel“ auf dem Eigelstein verbringen. Die dortigen weiblichen Köbesse zeigen jedem Gast seine Grenzen in Punkto Schlagfertigkeit und Trinkfestigkeit auf.

Bargeldloses Prinzip: Der Köbes macht für jedes Kölsch einen Strich, Bild: Uli Kievernagel
Bargeldloses Prinzip: Der Köbes macht für jedes Kölsch einen Strich, Bild: Uli Kievernagel

 

Zum Umgang mit dem Köbes

Ein dringender Hinweis: Bitte niemals versuchen, schlagfertiger als der Köbes zu sein. Das wird erstens nicht gelingen und zweitens könnte der Köbes es anschließend vergessen, weiterhin Kölsch zu servieren. Deshalb gibt es ein paar Regeln, die man bei einem Besuch im Brauhaus beachten sollte:

  • Noch bevor der Köbes mit dem ersten Kölsch kommt, legt man einen Bierdeckel vor sich auf dem Tisch.
  • Man ruft den Köbes nicht heran. Er wird schon kommen, sobald alle am Tisch sitzen.
  • Niemand sollte in einem kölschen Brauhaus Mischgetränke (z.B. Radler oder Kölsch-Cola) bestellen.
  • Der Köbes wird so lange ungefragt Kölsch bringen, bis man abwinkt oder einen Bierdeckel aufs Glas legt.
  • Es gilt – während des Trinkens – das bargeldlose Prinzip: Der Köbes macht Striche für jedes Kölsch auf den Bierdeckel.
  • Am Ende kommt dann doch Bargeld ins Spiel. Jeder zahlt seinen Deckel oder man teilt den gemeinsamen Deckel. In jedem Fall aber gibt man dem Köbes reichlich Trinkgeld!

Ja dann: Prost!

PS Besonders spannend: 1933 gab es ein „Köbes-Rennen“. Mehr dazu demnähx im Köln-Ding der Woche.


Collage Köbes

Köbes Underground, KöbesColonius, Marie-Luise Nikuta und Köbes-Likör

Köbes Underground
Weil der Köbes kölsches Kulturgut ist, nennt sich die Hausband der Stunksitzung Köbes Underground. Dabei ist der Name eine doppelte Hommage: Zum einen an den Köbes im Brauhaus, zum anderen erinnert „Underground“ an die Sängerin von Velvet Underground, die 1988 verstorbene Kölnerin Nico Päffgen.

KöbesColonius
Guido Hofmann war tatsächlich mal als Köbes in Köln tätig. Heute führt er als Stadtführer KöbesColonius Menschen aus aller Welt humorvoll und äußerst versiert durch Köln.

Marie-Luise Nikuta
Und die unvergessene „Mottoqueen“ Marie-Luise Nikuta trug als Erkennungszeichen auf der Bühne oft blaues Köbes-Outfit.

Kräuterlikör „Köbes“
Der Familienbetrieb VAN LAACK im Belgischen Viertel vertreibt unter anderem den Kräuterlikör „Köbes“ mit immerhin 32 % Alkohol.


Der Köbes – Kölsch Zappjungeleed

Es gibt unzählige Lieder über den Köbes. Das Lied „Der Köbes – Kölsch Zappjungeleed“ beschreibt sehr genau das Verhalten eines typischen Köbes und seinen Umgang mit den Gästen.

Der Köbes (Kölsch Zappjungeleed)
(aus: Carnevals – Lieder III. Bändchen, Herausgeber: Johannes Böttger – Selbstverlag)

Dä Köbes eß wie jeder weiß,
Als Zappjung wohlbekannt,
Un wann hä och nit Köbes heiß,
Wed hä doch su genannt.

Un eß de Weetschaff stief voll Lück
Dat mäht bei im nix uhs,
Hä denk bei sich „die Lück han Zick“
Un mäht sich gar nix druhs

Alles klopp dann wie verröck,
Rubbeldibbeldum, rubbeldibbeldum,
Met dem Glas an einem Stöck,
Rubbeldibbeldubbeldibbeldum.

Wann dann der Köbes kütt,
Schreit durchenein die Schwitt:

Refrain:
Köbes, Köbes ich ben dran,
Köbes, schnell ’nen halven Hahn!
Köbes, komm du boore Poosch,
Meinste, ich hät keinen Doosch?
Wann de nit bahl bei mich küß,
Do vun mir kein Drinkgeld kriß!
Wells de nit, dann loß et stonn,
Tränendeer, ich gonn!

Der Köbes kütt vum boore Land
Un kritt kum up de Muul,
Doch hät hä stets en offe Hand,
Eß lans ein Sick jet fuul.

Hä kritt e Kamesol gestrick
Vun Wölle bletzebloo,
Dann weed noh Köllen hä gescheck,
Der Köbes dä eß doh.

An de Spölbütt kütt he dann
Rubbeldibbeldumm, rubbeldibbeldum.
Zapp och ald ens dann un wann,
Rubbeldibbeldubbeldibbeldum.

Wann en de Stuvv hä kütt
Dann schreit de ganze Schwitt:

Refrain:

Köbes, Köbes ich ben dran …

Doch wann verledde kaum e Johr
Määt im et Zappe nix,
Der Köbes es dann, dat eß klor,
‚Ne Zappjung nett un fix.

Hä kennt sing Gäß, die hä bedeent,
Un schriev got op der Lei,
Wann einer sich jet ärg dren kneent,
Schriev hä e Glas derbei,

Och, dann weed sich expleziert,
Rubbeldibbeldumm, rubbeldibbeldum
Wat dä Köbes nit schineet
Rubbeldibbeldubbeldibbeldum

Doch bei dem Explezeer
Schreit alles glich noh Beer:

Refrain:
Köbes, Köbes ich ben dran …

Et Trinke och der Köbes kann,
Dat hätt hä flöck geleet,
Beim Esse stellt hä singe Mann,
Dat weiß wahl jede Weet.

Och rechne kann hä flöck un got,
Hä määt nit vill Buhei,
Grief nor ne Gaß noh Stock un Hot,
Steiht Köbes glich derbei.

Beim Bezahle wie verröck,
Rubbeldibbeldumm, rubbeldibbeldum
Söhk hä noh’m Fünfpenningstöck,
Rubbeldibbeldubbeldibbeldum

Wann hä et glich nit fingk,
Sitz alles do un gringk:

Refrain:
Köbes, Köbes ich ben dran …

Doch ihrlich eß hä, brav un treu,
Un Spare määt im Spaß,
Et Drinkgeld dräht hä nevvenbei
Sich höhsch dann op de Kaß.

Un wann hä dann bei Johren eß,
Kauf hä en Weetschaff sich,
Un all die Stammgäß ganz geweß
Gonn bei de Köbbes glich,

Och, dann sitz hä unschineet,
Rubbeldibbeldumm, rubbeldibbeldum
En der Thek als kölsche Weet,
Rubbeldibbeldubbeldibbeldum

Wann hä ens Rentner eß,
Schreit met hä ganz geweß:

Refrain:
Köbes, Köbes ich ben dran …


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Der Heilige Nikolaus rettete Köln vor den Rheinfluten

Der Heilige Nikolaus, hier auf einer russischen Ikone, Bild: Aleksa Petrov, Public domain, via Wikimedia Commons
Der Heilige Nikolaus, hier auf einer russischen Ikone, Bild: Aleksa Petrov, Public domain, via Wikimedia Commons

Es ist Februar im Jahr 1347. Köln versinkt im Hochwasser. Der Rhein hat mal wieder seine Kraft ausgespielt und Köln in den Fluten versinken lassen. Wochenlang steht das eiskalte Wasser in den Gassen der Stadt, Krankheiten und Mutlosigkeit breiten sich aus.

Die Kölner beten den Himmel und sämtliche Heilige an. Es gibt Prozessionen zum Heiligen Severin, um Hilfe bei der Flut zu erhalten. Doch vergeblich. Das Wasser steigt und steigt, Gebäude stürzen ein und Menschen ertrinken in den Wassermassen.

In diesen Zeiten größter Not erinnert sich ein Fischer an den Heiligen Nikolaus. Seine Idee: St. Nikolaus als Schutzheiliger der Seefahrer und Binnenschiffer könnte ja auch bei dieser, durch Wasser ausgelösten, Notlage helfen.

Die Abteikirche St. Nikolaus der Abtei Brauweiler, Bild: Raimond Spekking
Die Abteikirche St. Nikolaus der Abtei Brauweiler, Bild: Raimond Spekking

Finger des Heiligen Nikolaus in der Abtei Brauweiler

Wie gut, dass in der nahgelegenen Abtei Brauweiler eine Reliquie des Nikolaus zu finden ist: Zur Grundsteinlegung der Abtei im Jahr 1024 hatte Papst Benedikt VIII. einen Finger des Heiligen Nikolaus gestiftet. Also fragte der Kölner Stadtrat in Brauweiler nach. Der Prior des Klosters zögerte nicht und brachte höchstpersönlich die Reliquie nach Köln.

In der vom Wasser durchfluteten Stadt wurde er bereits sehnsüchtig von den Kölnern erwartet. Bereits am Hahnentor standen die Gläubigen, um den Prior samt heilsbringenden Finger gebührend zu empfangen. Betend und singend zog die Menge mit Prior und Reliquie bis zum Malzbüchel. Dort, wo heute das Brauhaus zur Malzmühle residiert, stand das Wasser hoch in den Gassen.

Und mittendrin stand die kleine Elze, Tochter des Konrad von Lyskirchen. Gerade mal elf Jahre alt. Ein kleines Kind, erschrocken von den Vorgängen. Da entschied sich der Prior von Brauweiler, dem kleinen Kind die Verantwortung für die Reliquie zu übergeben. Sein Kalkül: Ein kleines, unschuldiges Kind wäre wohl am ehesten dazu geeignet, den Heiligen dazu zu bewegen, der Stadt zu helfen.

So drückte der Prior der völlig verdutzten Elze die Reliquie in die Hand. Mutig schreitet das Kind den Fluten entgegen bis sie mit beiden Füßen im kalten Rheinwasser steht. Zunächst leise, dann immer lauter singt sie „Kyrie eleison – Herr, erbarme dich!“ bis die ganze Menge in den Gesang einfällt. Hoch über den Kopf hält sie das Behältnis mit dem Finger des Heiligen Nikolaus. Und plötzlich zieht sich das Wasser zurück. Elze, eben noch bis zur Hüfte im Wasser, steht auf einmal nur noch in einer Pfütze. Das Wasser weicht zurück – zwei Tage später hat der Rhein sich vollends zurückgezogen. Der Heilige Nikolaus, bzw. sein Finger, hat die Stadt gerettet. 

Finger des Heiligen Nikolaus wurde gestohlen

Heute könnte sich dieses Wunder leider nicht mehr wiederholen: Der Finger des Heiligen Nikolaus wurde aus der Abtei Brauweiler gestohlen. Im Juli 2020 stellte eine Putzkolonne fest, dass das Glas des Schaugefäßes der Reliquie zertrümmert war. Der hier aufbewahrte Finger des Heiligen Nikolaus war verschwunden. Der exakte Zeitpunkt des Diebstahls lässt sich nicht feststellen, da die Reliquie in ihrem Behältnis nur aus nächster Nähe zu sehen ist. Das Erzbistum Köln bestätigte im Dezember 2023, dass die Reliquie bislang nicht wieder aufgetaucht ist.

Hoffen wir, dass der Finger vor dem nächsten großen Rheinhochwasser wieder auftaucht.


Fresko zu Ehren des Heiligen Nikolaus in St. Maria Lyskirchen. Auf der rechten Seite, etwa zwischen drei und fünf Uhr, rettet Nikolaus Seeleute in Seenot und wird somit zum Schutzpatron der Seefahrer und Binnenschiffer. Bild: Hans Peter Schaefer, http://www.reserv-a-rt.de, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
Fresko zu Ehren des Heiligen Nikolaus in St. Maria Lyskirchen. Auf der rechten Seite, etwa zwischen drei und fünf Uhr, rettet Nikolaus Seeleute in Seenot und wird somit zum Schutzpatron der Seefahrer und Binnenschiffer. Bild: Hans Peter Schaefer, http://www.reserv-a-rt.de, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

 St. Nikolaus: Lange Zeit bedeutender als Weihnachten

Tatsächlich war in Köln ab etwa Mitte des 13. Jahrhunderts bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts der Nikolaustag der Tag der Geschenke: In der Nacht zum 6. Dezember kam Nikolaus heimlich in die Häuser, um Nüsse und Süßigkeiten in die hoffentlich blankgeputzten Stiefel der Kinder zu legen. An Weihnachten selber gab es keine Geschenke.

Erst mit der Reformation und der damit einhergehenden Ablehnung der Heiligenverehrung verschob sich die Sitte, Geschenke zu machen, auf Weihnachten. Die Aufgabe, Geschenke zu bringen, fiel nun dem Christkind zu.

Nur in Köln hielt man noch viel länger an der Tradition der Geschenke zu Nikolaus fest. Die Kölner hatten den Heiligen Nikolaus einfach, als Dank für die Errettung der Stadt vor den Fluten des Rheins, in den Rang eines Stadtheiligen erhoben. Erst mit Beginn des 20. Jahrhunderts verlor auch im Hillije Kölle der Nikolaustag seine überragende Bedeutung.


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Kölsche Originale: De Läsche Nas – eine riesengroße Nase als Markenzeichen

Die Läsche Nas, Bild: Bild: rs-bierdeckel.de, Reinhold Schäfer
Die Läsche Nas, Bild: Bild: rs-bierdeckel.de, Reinhold Schäfer

Podcast Läsche Nas 19

Es muss ein unvorstellbarer Gestank gewesen: Auf der Aachener Straße, kurz vor Melaten, konnten die Menschen zeitweise nur mit einem Tuch vor der Nase am Haus von Andreas Leonard Lersch, genannt „Läsche Nas“, vorbeigehen. Selbst auf dem Friedhof herrschte noch ein unvorstellbarer Gestank.

Quelle allen Übels war der Ofen von Läsche Näs. Dort kochte der berühmt-berüchtigte städtische Hundefänger zuvor eingefangene und getötete Hunde aus. Das so produzierte Fett verkaufte er in seinem Laden mit dem hochtrabenden Namen „Diätisches Mineralwarengeschäft und Kurheilanstalt“ als probates Mittel zur Schwindsucht. Ironie der Geschichte: Ausgerechnet an dieser Krankheit verstarb Läsche Nas etwa zehn Jahre später. Vorher aber musste er sein Gewerbe wegen der massiven Geruchsbelästigung der Trauernden und der Besucher auf Melaten noch nach Ehrenfeld in die Nußbaumer Straße verlegen. Anscheinend war dort der Gestank eher geduldet.

Von der Bühne über den Deutsch-Französischen-Krieg zur Polizei

Als Andreas Leonard Lersch am 8. Januar 1840 geboren wurde, lag die Karriere als städtischer Hundefänger noch in weiter Ferne. Nach einer Lehre als Metzger zog es ihn im Alter von 19 Jahren auf die Theaterbühne. Der Mann mit der unübersehbar großen Nase wurde zu dieser Zeit bereits „Läsche Nas“ genannt, und die Theatermacher spekulierten darauf, den überdimensionierten Riechkolben zur Marke zu machen. Vielleicht wäre ja sogar ein großer Schauspieler aus ihm geworden. Doch die Einberufung zum Militär und die Schmähungen der Kritiker, die sich auf seine große Nase bezogen, beendeten die hoffnungsvolle Theaterkarriere bevor diese richtig starten konnte.

Nach dem Deutsch-Französischen-Krieg (1870–1871) kehrte Lersch zurück nach Köln. Seine militärische Erfahrung ebnete ihm den Weg zur Polizei. Doch auch hier stand ihm seine große Nase im Weg: Lersch sollte als verdeckter Ermittler für die Polizei arbeiten. Doch wie kommt man unerkannt an die Spitzbuben ran, wenn ein riesengroßes Riechorgan trotz aller denkbaren Verkleidungen unverwechselbar ist? Außerdem ging er wohl nicht gerade zimperlich mit Festgenommenen um. Folglich war auch dieses berufliche Kapitel schnell beendet. Als Läsche Nas seinen Dienst bei der Polizei quittierte, protokollierten die Beamten die Rückgabe folgender Gegenstände: „Zwei sechsläufige Revolver, Dolchmesser, Schlagring, Bleistock und Gummischlauch.“1Quelle: Reinhold Louis: „Kölner Originale“, Greven-Verlag

Es folgte ein kurzes Intermezzo als Wächter für die Bahn bis Lersch eine neue Aufgabe fand: Er wurde städtischer Bezirksabdecker. Es herrschten grauenvolle Zustände in der Domstadt: Die Kadaver verendeter Tiere wurden auf den Wiesen entlang des Rheins einfach vergraben. Und jedes Hochwasser spülte regelmäßig das Erdreich weg, und die halbverwesten Tiere wurden wieder freigelegt. Den Auftrag der Stadt, stattdessen ein geeignetes Gebäude für eine professionellere Tierkörperverwertung zu finden, konnte Lersch nicht erfüllen.

Wenig zimperliche Methoden als Hundefänger

Mehr Erfolg hatte er mit seiner zweiten Tätigkeit als städtischer Hundefänger. Unendlich viele Streuner verunreinigten die Stadt und brachten die Gefahr der Tollwut mit. Ab 1878 ist Andreas Leonard Lersch ausgerüstet mit Netz und einem vergitterten Karren unterwegs, um im Auftrag der Stadt Hunde einzufangen. Dabei fing er wohl – neben den Streunern, die keiner vermisste – auch manchen Haushund ein. Und dann war das Geschrei groß. Glücklich waren die Hundebesitzer, die noch rechtzeitig ihren Hund gegen ein ordentliches Trinkgeld auslösen konnten.

Läsche Nas war wenig feinfühlig mit den eingefangenen Hunden. Alle kamen in einen einzigen Käfig. Gerade die kleinen Hunde überlebten die gemeinsame Gefangenschaft mit größeren Tieren eher selten. Aber auch für die überlebenden Hunde war das Ende nah: Lersch brauchte deren ausgekochtes Fett für sein Wundermittel.

Sein rabiater Umgang mit den Tieren war stadtbekannt. Kinder verscheuchten die Streuner, wenn Läsche Nas mit seinem quietschendem Karren ankam, und auch die Erwachsenen waren mit den brutalen Methoden nicht einverstanden. Lersch trat daher regelmäßig mit zwei Polizisten auf, die ihn bei seiner Arbeit schützten. Aber zumindest die Stadt war zufrieden mit Lerschs Arbeit und übertrug ihm 1885 zusätzlich auch noch das Amt des Scharfrichters, welches er aber nie ausübte.

Mit großem Eifer energisch den Dienst versorgen

Schon zu Lebzeiten wurde Läsche Nas öfters für tot gehalten. Daran war er auch selbst schuld: Bereits zu Lebzeiten hatte er sich einen Sarg anfertigen lassen und alle Bedingungen seiner Beerdigung inklusive der Kleidung seiner Leiche festgelegt.

Am 3. Mai 1887 verstarb Läsche Nas – ausgerechnet an Schwindsucht, gegen die doch sein eigenes Mittel so vortrefflich helfen sollte. In seinem Totenzettel war zu lesen „… In ihm verliert die Stadt einen tüchtigen Beamten, welcher stets bemüht war, mit großem Eifer energisch seinen Dienst zu versorgen …“.

Wie auch immer: Die Hunde in der Stadt werden sich gefreut haben.


Der Nasenbrunnen zu Ehren des fleißigen städtischen Hundefängers Andreas Leonard Lersch, besser bekannt als "Läsche Nas", Bild: Horsch, Willy - HOWI, CC BY 3.0
Der Nasenbrunnen zu Ehren des fleißigen städtischen Hundefängers Andreas Leonard Lersch, besser bekannt als „Läsche Nas“, Bild: Horsch, Willy – HOWI, CC BY 3.0

Es passiert eher selten, dass Beamte von der Stadt ein eigenes Denkmal bekommen. Anders bei Läsche Nas: Vor dem Bezirksrathaus Ehrenfeld an der Venloer Straße steht der Nasenbrunnen zur Erinnerung an den eifrigen Beamten. Der Brunnen besteht aus zehn übereinanderliegenden Ringen mit zehn unterschiedlichen Nasen: Große, kleine, runde oder lange Nasen.


Tief im kollektiven Gedächtnis der Stadt verankert: Die "Kölschen Originale"
Tief im kollektiven Gedächtnis der Stadt verankert: Die „Kölschen Originale“

Weitere Geschichten zu den „Kölschen Originalen“ gibt es hier:


In dem Lied „Fastelovend im Himmel“ erinnert Karl Berbuer unter anderem auch an Andreas Leonard Lersch. Dort lautet es:

Un et Arnöldche fleut,
un dr Herrjott hät sing Freud,
un der Läsche Nas ehr Nas wed nass,
weil Kölle nit unger geiht.

Berbuer spielt mit dieser Zeile darauf an, dass selbst, wenn Läsche Nas unter einem Regenschirm stehen sollte, die riesengroße Nase trotzdem nass wird.


Michael Waßerfuhr von den Kölschgängern erzählt die Geschichte von Läsche Nas auf der Website der Kölschgänger in einem wunderschönen Kölsch. Schaut mal rein, lohnt sich!


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Er prägte das Kölner Stadtbild: Der Architekt Wilhelm Riphahn

Riphahn-Bau "Bastei", Bild: Superbass / CC-BY-SA-3.0 (via Wikimedia Commons)
Riphahn-Bau „Bastei“, Bild: Superbass / CC-BY-SA-3.0 (via Wikimedia Commons)

Sobald der Name „Wilhelm Riphahn“ fällt, winkt der Kölsche gleich ab: „Nä – dat is doch dä mit der Oper. Vell ze dür.“ Dass sein Name mit dem Kosten-Desaster der Opernsanierung verbunden ist, wird Riphahn nicht gerecht. Und wenn er das wüsste, würde er sich in seinem Grab auf Melaten umdrehen. Tatsächlich gibt es wohl keinen zweiten Architekten, der so viele Spuren in Köln hinterlassen hat wie Wilhelm Riphahn.

Er hat nicht nur die Bastei am Rheinufer oder den Neubau der Mülheimer Brücke nach dem Krieg, sondern auch zahlreiche Wohnsiedlungen wie die „Weiße Stadt“ oder den „Blauen Hof“ in Buchforst, konzipiert. Außerdem hat Riphahn stilbildende Gebäude wie den UFA-Palast, das Britische Kulturinstitut „Die Brücke“ oder das Gebäude der WiSo-Fakultät der Universität gebaut. Und auch das heute so umstrittene Ensemble aus Oper und Schauspielhaus.

Sproß einer Architektenfamilie

Wilhelm Riphahn wurde am 25. Juli 1889 in eine Kölner Bauunternehmer- und Architektenfamilie geboren. So ist es kaum verwunderlich, dass er an der Köl­ner Bau­ge­werk­schu­le studierte und dann bei namhaften Architekten in Ber­lin, Dres­den und Mün­chen erste Praxiserfahrungen machte.

Das Bootshaus des Ru­der­club „Ger­ma­ni­a“, Poller Wiesen, Bild: Cekay, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Das Bootshaus des Ru­der­club „Ger­ma­ni­a“, Poller Wiesen, Bild: Cekay, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

1913 kam er nach Köln zurück und eröffnete im Alter von 24 Jahren sein eigenes Architekturbüro. Erste Projekte waren das von ihm entworfene Bootshaus des Ru­der­club „Ger­ma­ni­a“ an den Poller Wiesen (1914) und das Wohn- und Geschäftshaus „Justinianstraße 1“ als Entreé für die Deutzer Freiheit (1914).

Im Jahr 1914 heiratete Riphahn Pau­la Schuh­ma­cher, die 1919 im Alter von nur 30 Jahren verstarb und den Witwer mit seinen zwei Kindern zurücklies. Ada Friedmann (1890-1962) wurde 1922 seine zweite Ehefrau.

„Lich, Luff und Bäumcher“

Nach dem Ersten Welt­krieg verschreibt sich Riphahn konsequent dem Bauhaus-Stil und wurde der „Haus- und Hofarchitekt“ der 1913 gegründeten Gemeinnützigen Aktiengesellschaft für Wohnungsbau (GAG). So entstanden 1922 die Wohnsiedlung in Bickendorf, 1927 – 1930 die „Siedlung Zollstock“ und 1927 – 1932 die Vorzeige-Siedlungen „Weiße Stadt“ und „Blauer Hof“ in Buchforst.

Die Siedlung "Weiße Stadt" in Köln-Buchforst, Bild: Grkauls, Public domain, via Wikimedia Commons
Die Siedlung „Weiße Stadt“ in Köln-Buchforst, Bild: Grkauls, Public domain, via Wikimedia Commons

Der Wohnungsbau erfährt in dieser Zeit durch Riphahn eine grundlegende Modernisierung: Nach dem Motto „Lich, Luff und Bäumcher“ konzipierte Riphahn klare Formen und großzügige Weitläufigkeit mit großen, begrünten Innenhöfen.

Auch hier zeigt sich die praktische Seite seiner Architektur: Um den Muff trocknender Wäsche aus den Wohnungen zu verbannen, waren diese Innenhöfe mit Wäscheleinen zum Wäschetrocknen versehen.

Die Wohnsiedlung "Blauer Hof" mit großem, begrünten Innenhof. Bild: Rolf Heinrich (Köln), CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Die Wohnsiedlung „Blauer Hof“ mit großem, begrünten Innenhof. Bild: Rolf Heinrich (Köln), CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Typisch für die Wohnbauten von Riphahn waren auch die großen Wohnküchen, die auch heute wieder sehr beliebt sind. Dass Balkone und eigene Bäder nicht länger Luxus waren, sondern zum Stan­dard wurden, ist ebenfalls diesem Visionär zu verdanken. Die von Riphahn entworfenen Wohnsiedlungen haben bis heute nichts von ihrer Modernität verloren.

Riphahn selber beschreibt 1928 die Aufgabe des Architekten wie folgt:

„Wir sind Kinder unserer Zeit, die in viel stärkerem Maße sozial fühlt und denkt als irgendeine vergangene. Es ist daher Aufgabe des Architekten, mit ganzer Strenge den Bedürfnissen, die die heutigen Lebensbedingungen mit sich bringen, gerecht zu werden und dabei künstlerisch das zu leisten, was möglich ist. Massenbedürfnis, Not der Zeit und Gemeinschaftsgedanke führen zum Kollektivbau, der seinerseits wieder den zweckmäßig und liebevoll durchgearbeiteten Typ verlangt.“

Die Bastei: “Mit der Landschaft, dem Strom und den Brücken vermählt“

1931 entsteht in nur fünf Monaten der UFA-Palast. Dieser Riphahn-Bau war mit 3.000 Sitzplätzen nicht nur das größte Kino in Westdeutschland, sondern auch eines der spektakulärsten Bauwerke in Köln.

“Mit der Landschaft, dem Strom und den Brücken vermählt“ - die Bastei am Rheinufer. Ein ähnliches Bild hatte Wilhelm Riphahn zeitlebens in der Brieftasche, Bild: Raimond Spekking
“Mit der Landschaft, dem Strom und den Brücken vermählt“ – die Bastei am Rheinufer. Ein ähnliches Bild hatte Wilhelm Riphahn zeitlebens in der Brieftasche, Bild: Raimond Spekking

Ein weiteres Meisterstück von Riphahn ist das Restaurant „Bastei“ am Rheinufer. Dieses in der Entstehungszeit umstrittene Bauwerk begeisterte nach der Fertigstellung die Bürger und auch die Fachwelt. Der Architekturkritiker Heinrich de Fries meinte 1926, dass sich die Bastei „mit der Landschaft, dem Strom und den Brücken vermähle, fast völlig befreit scheinbar von der Basis, aus der es doch entwachsen ist.“

Andere Menschen haben ein Bild ihrer Kinder in der Brieftasche, bei Riphahn war das anders: Bis zu seinem Tod hatte er immer ein Foto der Bastei dabei.

Schwierige Zeit im Nationalsozialismus

Riphahn verweigerte sich der Ideologie der Nationalsozialisten. Seine zweite Frau Ada Friedmann war jüdischer Abstammung. Seiner Tochter verbot er ausdrücklich, in den Bund Deutscher Mädel (BDM) einzutreten.

Daher wurde er von den braunen Machthabern bei Auf­trags­er­tei­lung öf­fent­li­cher Bau­ten nicht mehr berücksichtigt. Nur durch eine Intervention des Kölner Architekten Clemens Klotz, einer Größe im nationalsozialistischen Deutschland, konnte er einen GAG-Auftrag für eine Wohnsiedlung in Lindenthal erhalten. Seine wirtschaftliche Existenz sicherten ihm aber private Bauherren. 1939 reiste er in die USA und überlegte, ob er auswandern sollte. Schlussendlich kam er aber zurück nach Köln.

Schutz vor dem Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs findet Riphahn zusammen mit seiner Familie in Engelskirchen. Schnell ist ihm klar, dass er wesentlich zum Wiederaufbau beitragen kann. Seine These: „Köln wird wie­der ent­ste­hen, ja es wird sich, wenn auch in spä­ter Zu­kunft, zur gro­ßen Me­tro­po­le West­eu­ro­pas ent­wi­ckeln“. 

Das von Riphahn 1958 - 1961 konzipierte Gebäude der Dresdner Bank, Unter Sachsenhausen, Bild: © Raimond Spekking

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Das von Riphahn 1958 - 1961 konzipierte Gebäude der Dresdner Bank, Unter Sachsenhausen, Bild: © Raimond Spekking

Prägende Architekt des Kölner Wiederaufbaus

Als freier Architekt wird Riphahn Berater der „Köl­ner Wie­der­auf­bau­ge­sell­schaft“. Der Visionär setzt sich für einen durch­grün­ten und durch­lüf­te­ten Stra­ßen­rau­m ein und setzt dabei wesentliche Akzente in Köln. Beim Wiederaufbau der Hahnenstraße konzipiert er prägende Bauten wie die Kunst­ga­le­rie Mo­el­ler und das bri­ti­sche Kul­tur­in­sti­tut „Die Brü­cke“ (1950).

Pünktlich zum Karnevalsbeginn am 11. November 1948 werden die von ihm geplanten Sartory-Säle fertig, 1953 das Institut Français am Sachsenring und 1959 als erster Erweiterungsbau der Kölner Universität das WiSo-Gebäude. Auch der Neubau der Mülheimer Brücke stammt aus seinem Büro. 

Die Oper: Der „Aida-Bunker“

Mit dem Wiederaufbau wurden die Stimmen immer lauter, Kulturbauten in der Innenstadt rund um den Dom zu konzentrieren. Der Standort des alten Opernhauses am Rudolfplatz (heute steht dort das Steigenberger Hotel) erschien daher eher ungeeignet. Mit dieser Idee setzte sich Riphahn in einem Architekturwettbewerb durch und ergriff die Gelegenheit, mit dem Ensemble aus Oper und Schauspielhaus sowie weiterer umliegenden Bauten ei­nen gan­zen in­nerstäd­ti­schen Be­reich mit sei­nen Planun­gen zu prägen.

Die Oper im Jahr 2010 - vor der aufwändigen Sanierung, Bild: Raimond Spekking
Die Oper im Jahr 2010 – vor der aufwändigen Sanierung, Bild: Raimond Spekking

1957 wurde die neue Oper am Offenbachplatz eingeweiht. Bis 1963 folgten das Schau­spiel­hau­ses und die Opernterras­sen. Wolfgang Schmidtlein war als Architekt bei Wilhelm Riphahn angestellt und wesentlich in die Gestaltung der Oper eingebunden. Das für das Opernhaus ein ägyptischer Tempel Pate stand, weist er in einem Interview in das Reich der Legende.

Die Oper im Jahr 2017, mit fast fertiggestellter Außensanierung. Gut zu erkennen: Die Balkone, Bild: Raimond Spekking
Die Oper im Jahr 2017, mit fast fertiggestellter Außensanierung. Gut zu erkennen: Die Balkone, Bild: Raimond Spekking

Tatsächlich gab es praktische und ästhetische Gründe für den Bau. Senkrechte Türme, so Schmidtlein, hätten diesen Teil der Innenstadt gestalterisch erschlagen. Und für die Betrieb der Oper waren unterschiedliche Raumtiefen erforderlich. So entstanden die bekannten Schrägen. Und auch die Balkone sind aus einer praktischen Erwägung entstanden. Da die Werkstätten viel Licht benötigen und eine schräge Verglasung extrem teuer gewesen wäre, die zudem die Räume extrem aufgehitzt hätte, entschied man sich für die Balkone. So konnten Kosten gespart werden.

Viele Kölner konnte das Gebäude bis heute nicht überzeugen. „Hässlich, wie ein Hotel auf Mallorca“, so eine Meinung. Auch als „Aida-Bunker“ oder „Grabmal des unbekannten Intendanten“ wurde die Oper bezeichnet.  

Das höhenmäßig versetzten Balkons in der Kölner Oper mit frontalen Blick auf die Bühne, Bild: Bundesarchiv, B 145 Bild-F004427-0001 / Teubner / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons
Die höhenmäßig versetzten Balkons in der Kölner Oper mit frontalem Blick auf die Bühne, Bild: Bundesarchiv, B 145 Bild-F004427-0001 / Teubner / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons

Seit Juni 2012 läuft die umstrittene Sanierung der Oper – eines der bislang teuersten Kulturprojekte in Deutschland. Die Gesamtsumme (inkl. Finanzierungskosten und Betrieb von Ausweichspielstätten) beträgt mittlerweile rund und eine Milliarde Euro. Als Fertigstellungstermin wurde der 22. März 2024 genannt.

Bescheiden und kein Mann der großen Worte

Wilhelm Riphahn hat diese Irrungen und Wirrungen über sein Bauwerk nicht mehr erlebt. Er starb nicht lange nach der Eröffnung des Schauspielhauses am 27. Dezember 1963. Sein Grab ist auf Melaten.

Dieser Architekt hat Köln maßgeblich geprägt. Und war gleichzeitig bescheiden und eher wortkarg. Als er 1931 zu einer Rede bei der Eröffnung des UFA-Palasts gedrängt wurde, bestand diese aus den Worten

„Ich kann über meinen Kram nichts sagen, seht ihn euch selber an.“


DANKE an Joachim Brokmeier

Ein großes DANKE an Joachim Brokmeier für eine wertvolle Ergänzung zu diesem Artikel. Der Stadtteilhistoriker betreibt die lesenswerte Website „Riehler Geschichten“.


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Reinhold Fellenberg – „Ritsch, ratsch, die Botz kapott“

Durchaus beeindruckend: Reinhold Fellenberg in der Parade-Uniform der Deutzer Kürassiere, Bild: Dietrich Jung: Der Trompeter von Köln – Reinhold Fellenberg, ein Godesberger Mitbürger. In: Godesberger Heimatblätter: Jahresheft des Vereins für Heimatpflege und Heimatgeschichte Bad Godesberg e.V.
Durchaus beeindruckend: Reinhold Fellenberg in der Parade-Uniform der Deutzer Kürassiere, Bild: Dietrich Jung: Der Trompeter von Köln – Reinhold Fellenberg, ein Godesberger Mitbürger. In: Godesberger Heimatblätter: Jahresheft des Vereins für Heimatpflege und Heimatgeschichte Bad Godesberg e.V.

Kein Aufmarsch der stolzen Roten Funken ohne diese Erkennungsmelodie: Wenn „Ritsch, ratsch, die Botz kapott“ erklingt wissen alle, dass die Kölsche Funke rut-wieß vun 1823 e.V. da sind

1890 erklang dieser Marsch zum ersten Mal – und gleich zwei Komponisten haben ihren Anteil an dem Erfolg. Der Marsch beginnt mit „Jitz röck an, dat staatse Funkeheer“, komponiert von einem gewissen „Jodocus Fleutebein“. Dies war der Funken-Spitznamen1Spitznamen bei den Roten Funken sind eine alte Tradition. Jeder Funk bekommt seinen Spitznamen bei der Vereidigung verliehen. von Professor Hermann Kipper. Den zweiten Teil „Ritsch, ratsch, de Botz kapott!“ steuerte der Rote Funk mit dem Spitznamen „Pommery“2Jetzt dürfte jedem klar, sein, was sein Lieblingsgetränk war. Reinhold Fellenberg bei.

Der Trompeter von Köln

„Pommery“ Reinhold Fellenberg hat über 100 Karnevalslieder verfasst, darunter viele Märsche wie zum Beispiel „Kölle bliev Kölle“ (1895) oder den „Petersberger Zahnradbahn-Marsch“ (1906).

Werbeanzeige aus den "Kölner Nachrichten" vom 23. Januar 1890 zu den Noten des "Kölner Damen-Marsch" von Reinhold Fellenberg, welcher "mit stürmischen Beifalle aufgenommen wurde"
Werbeanzeige aus den „Kölner Nachrichten“ vom 23. Januar 1890 zu den Noten des „Kölner Damen-Marsch“ von Reinhold Fellenberg, welcher „mit stürmischen Beifalle aufgenommen wurde“

Fellenberg war einer der ersten Komponisten, die speziell Lieder für den Karneval schrieben und brachte – ähnlich wie später Marie-Luise Nikuta – jedes Jahr ein neues Lied heraus.

Weit weg vom kölschen Karneval geboren

Geboren wurde Reinhold Fellenberg am 20. Juni 1848 in Freystadt (Niederschlesien, heute Kożuchów, Polen) – mehr als 600 Kilometer entfernt vom kölschen Karneval. Sein Onkel erkannte früh das musikalische Talent des Jungen und förderte ihn. So trat Fellenberg bereits im Alter von 15 Jahren als Solist in Berlin und Sankt Petersburg auf. Im Alter von 18 Jahren begann sein Militärdienst, vier Jahre später nahm er als Solo-Flügelhornist mit einer Militärkapelle am Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) teil. Nach Stationen in Münster und Gleiwitz kam er 1888 nach Köln.

Dort wurde er Kapellmeister der „Deutzer Kürassiere“, die damals bekannteste Blaskapelle in Köln. Mit diesem 25 Mann starken Ensemble war er nicht nur in seinem Regiment „Graf Gessler“ tätig sondern auch im Kölner Karneval. Man war regelmäßiger Gast auf Karnevalsveranstaltungen und nahm auch am Rosenmontagszug teil.

Der Kölner Karneval wurde Berufung und Leidenschaft des begabten Trompeters und Komponisten Fellenberg. Schon im Jahr 1889 veröffentlichte er den Marsch „Je toller, je besser“, dem mindestens jährlich ein weiteres Karnevalslied oder ein Marsch folgen sollten.

Die Kölner dankten ihm und nannten ihn Fellenberg noch den „Trompeter von Köln“ – ein Ehrentitel, den er gerne annahm und auch passend dazu ein gleichnamiges Stück komponierte, sowie später einen Schriftzug an seiner Villa in Godesberg anbrachte.

Die Villa von Reinhold Fellenberg in Godesberg mit dem Schriftzug "Der Trompeter von Cöln". Bild: Dietrich Jung: Der Trompeter von Köln – Reinhold Fellenberg, ein Godesberger Mitbürger. In: Godesberger Heimatblätter: Jahresheft des Vereins für Heimatpflege und Heimatgeschichte Bad Godesberg e.V.
Die Villa von Reinhold Fellenberg in Godesberg mit dem Schriftzug „Der Trompeter von Cöln“. Bild: Dietrich Jung: Der Trompeter von Köln – Reinhold Fellenberg, ein Godesberger Mitbürger. In: Godesberger Heimatblätter: Jahresheft des Vereins für Heimatpflege und Heimatgeschichte Bad Godesberg e.V.

Eine echte Militärgestalt, beliebt und geachtet

Am 31. Oktober 1906 wurde Reinhold „Pommery“ Fellenberg mit einem großen Abschiedskonzert im Kölner Stapelhaus verabschiedet. Er zog in ein großes, repräsentatives Haus in Godesberg und trat nur noch gelegentlich als Solotrompeter auf.

Am 6. Juli 1912 verstarb der Musiker. Der Kölner Local-Anzeiger vom 9. Juli 1912 widmete ihm folgende Nachruf:

„Reinhold Fellenberg, der langjährige Stabstrompeter des Deutzer Kürassier Regiments, der weit und breit unter dem Titel „Der Trompeter von Köln“ bekannt war, ist gestern in Godesberg im Alter von 64 Jahren gestorben. Der Verstorbene, eine echte Militärgestalt, war in den weitesten Kreisen beliebt und geachtet. Über 40 Jahre hat er des Königs Rock getragen und von 1888 an das Deutzer Trompetenchor bis zum Jahre 1906 geleitet. Unter Fellenberg hat dieses Trompeterkorps einen weit über Köln und die Rheinprovinz hinausragenden guten Ruf erhalten.“

Reinhold Fellenbergs Grab ist auf dem Burgfriedhof in Bad Godesberg.

Nachruf auf Reinhold Fellenberg aus der "Kölnische Zeitung" vom 8. Juli 1912
Nachruf auf Reinhold Fellenberg aus der „Kölnische Zeitung“ vom 8. Juli 1912

Heute in Vergessenheit geraten – prominenter Urenkel

Weitaus bekannter als Reinhold Fellenberg sollte sein Urenkel werden: Der Musiker und Komponist Toni Steingass (1921 – 1987).

Die Märsche und Lieder von Fellenberg werden heute nicht mehr gespielt und sind Vergessenheit geraten. Allerdings ist sein „Galoppmarsch“ fester Bestandteil im Repertoire der Kapelle der Household Cavalry und wird bis heute gelegentlich noch beim Wachwechsel am Buckingham Palace in London gespielt.

„Pommery“ Fellenberg hat aber mit „Ritsch, ratsch, die Botz kapott“ ein Werk für die Ewigkeit erschaffen. Ich nehme jede Wette an, dass die Roten Funken damit auch noch in 200 Jahren die Bühnen erobern werden.


Ein Bläserensemble der Spitzenklasse: Die Kölner Ratsbläser, Bild: Uli Kievernagel
Ein Bläserensemble der Spitzenklasse: Die Kölner Ratsbläser, Bild: Uli Kievernagel

Die Kölner Ratsbläser

Verschiedene Kapellen pflegen weiterhin die Tradition der Bläserensembles im Karneval. Eine der renommiertesten Ensembles sind die Kölner Ratsbläser. Schon im Jahr 1954 gegründet, gehören die Ratsbläser fest zum Kölner Karneval.

Wenn diese Truppe in ihren traditionellen Kostümen mit Blechhelmen loslegt, nimmt der satte Klang alle mit. Die etwa 25 Musiker bringen jeden Saal zum Kochen. Und auch bei offiziellen Anlässen wie bei der Prinzenproklamation oder der Eröffnung des Rosenmontagszuges spielen die Ratsbläser die Eröffnungsfanfare.


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Kölsche Wörter: „fringsen“ und das 7. Gebot: Du sollst nicht stehlen!

Josef Kardinal Frings (1887 - 1978), hier eine Aufnahme aus dem Jahr 1959, Bild: City archives Kerpen, CC BY 4.0
Josef Kardinal Frings (1887 – 1978), hier eine Aufnahme aus dem Jahr 1959, Bild: City archives Kerpen, CC BY 4.0

Podcast Frings Folge 4

Die Kölner hatten stets ein gespaltenes Verhältnis zu ihrem jeweiligen Bischof. Eine echte Ausnahme war Joseph Kardinal Frings. Im Hungerwinter 1946/47 fehlt es in der zerstörten Stadt Köln an allem. Und der in der Bevölkerung sehr beliebte „Rheinische Kardinal“ Frings steht Silvester 1946 auf der Kanzel der Kirche St. Engelbert in Riehl und predigt:

„Wir leben in Zeiten, da in der Not auch der Einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit notwendig hat, wenn er es auf andere Weise, durch seine Arbeit oder Bitten, nicht erlangen kann“.

Im Klartext: Die Kirche erlaubt von höchster Stelle aus den Diebstahl von überlebensnotwendigen Dingen.

Die handschriftliche Vorlage der berühmten Silvesterpredigt 1946 vom Kölner Erzbischof Josef Kardinal Frings, Bild: Erzbistum Köln
Die handschriftliche Vorlage der berühmten Silvesterpredigt 1946 vom Kölner Erzbischof Josef Kardinal Frings, Bild: Erzbistum Köln

„fringsen“ geht in den Wortschaft ein

Und die Kölner nehmen ihren Bischof beim Wort. Ab 1947 nimmt zum Beispiel der „Kohlenklau“ deutlich zu. Menschen klettern auf Eisenbahnwaggons und „organisieren“ sich Brennmaterial, um den bitterkalten Winter zu überleben – man geht „fringsen“. Ein Wort, welches in den Sprachgebrauch einer ganzen Region eingegangen ist.

Was übrigens gerne vergessen wird: Frings hatte auch deutlich darauf hingewiesen, dass man doch den späteren Schadensersatz nicht vergessen dürfe:

„Aber ich glaube, dass in vielen Fällen weit darüber hinausgegangen worden ist, und da gibt es nur einen Weg: unverzüglich unrechtes Gut zurückgeben, sonst gibt es keine Verzeihung bei Gott!“

Diesen Teil der Predigt überhörten die Kölner aber wohl.


Erinnerung an das „fringsen“ von Zeitzeugen 

Helmut ist in Köln aufgewachsen und lebt heute in Kanada. An das „fringsen“ hat er folgende Erinnerung:
 
„Dat wore Klütte, die mer orjanisiert han. Do sin mer Pänz neven dem Zoch herjelaufe un han de Hevel opjeschlaje, un minge Fründ han se in de Foos jeschosse die Soldate die im letzte Wage oven hu soße. Dat wor am Bahndamm Antwerpener Stross am Grönguerdel. Un dann kom de Razzia un de han us de Klüttesack avjenomme un ne Tritt in the Fott ham och kräje, wenn de uns krigge kunte.“
 
Evelin ist ein echt kölsches Mädchen und lebt heute in Schweden. Auch Sie erinnert sich an daran, dass sie gefringst hat:
 
In der „Hungerzeit“, wie meine Eltern sagten, hab ich selbst als 7jährige „mitgefringst“, hauptsächlich als „Kohlenklau“. Die Nachbarjungen sprangen hinten auf die Lastwagen und warfen Briketts auf die Straße, wir „Kleinen“ sammelten alles auf. Anschließend wurde der Schatz brüderlich geteilt.
 

„Köln hat wieder einen Frings“

Thomas Frings, Geistlicher und Großneffe von Josef Kardinal Frings, wohnt seit Oktober 2017 in Köln. In meiner Reihe „Ein paar Fragen an … „ stand Thomas Frings auch bereits Rede & Antwort.


Kardinal Frings "Der Rheinische Kardinal", von Friedhelm Ruf (J.P. Bachem Verlag, 2015, ISBN: 978-3761629512, nur noch antiquarisch erhältlich) 
Kardinal Frings „Der Rheinische Kardinal“

Mehr über Kardinal Frings gibt es in dem lesenswerten Buch „Der Rheinische Kardinal“, von Friedhelm Ruf (J.P. Bachem Verlag, 2015, ISBN: 978-3761629512, nur noch antiquarisch erhältlich) 


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Ein paar Fragen an Rudolf Nickenig: „Köln ist eine merkwürdige Weinstadt.“

Dr. Rudolf Nickenig
Dr. Rudolf Nickenig hat ein Buch zur „Weinstadt Köln“ veröffentlicht, Bild: Nickenig

Dr. Rudolf Nickenig als Weinexeperten zu bezeichnen wäre eine glatte Untertreibung. Dieser Mann „lebt“ das Kulturgut Wein. Geboren als Sohn einer Winzerfamilie aus Boppard lernte er das Winzerhandwerk von der Pike auf.

Bevor er Referent beim Deutschen Weinbauverband wurde, studierte er Lebensmittelwissenschaft in Bonn und promovierte über „Polyphenole in Weißweinen“. Von 1986 bis 2018 war Nickenig Generalsekretär des Weinbauernverbands. Während dieser Zeit war er auch Chefredakteur der Fachzeitschrift „Der Deutsche Weinbau“. Er arbeitete in verschiedenen Europäischen Spitzenverbänden des Weinbaus, ist Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Weinakademie (DWA) und Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Gesellschaft für Geschichte des Weines e.V.

Buch: „Köln – eine merkwürdige Weinstadt“

Rudolf Nickenig hat bereits mehrere Bücher über Wein veröffentlicht. Sein jüngstes Werk allerdings hat es in sich: „Köln – eine merkwürdige Weinstadt“ ist ein Buch über die Weinhistorie Kölns. In der Stadt mit dem (selbsternannten) besten Bier der Welt. Ein klarer Fall für den Köln-Lotsen – das muss aufgeklärt werden.

Ich treffe Rudolf Nickenig ausgerechnet in einem Brauhaus. Und wir reden dort über Wein. Klingt seltsam, aber man gewöhnt sich dran. Für den Autor übrigens kein Widerspruch, er sagt: „Heute ist Köln ohne Frage eine Biermetropole.“ Und stößt mit einem frischgezapftem Kölsch mit mir an. „Aber das war nicht immer so. Köln hat ein von Wein geprägtes Vorleben. Wetten, dass ich das nachweisen kann?“.

Ich schlage lieber nicht ein, denn ich kenne sein neues Buch. Dort geht es um genau eine solche Wette: Wilhelm, der mich ganz stark an den Weinexperten Nickenig erinnert, wettet mit seinem Freund Karl darum, dass er nachweisen kann, dass Wein in Köln eine viel wichtigere Rolle gespielt hat als bekannt.

Kölner besitzen Weinberge an der Ahr, am Mittelrhein und an der Mosel 

Und dann zieht Wilhelm alle Register: Er erklärt, dass die ersten Kölner Reben von den Römer mitgebracht wurden, damit man den Wein nicht immer mühevoll importieren musste. Um den wachsenden Bedarf zu decken, bemühten sich die betuchten Kölner, in den Besitz von Weinbergen an der Ahr, am Mittelrhein und an der Mosel zu kommen. So gibt es einen schriftlichen Nachweis, dass Erzbischof Kunibert von Köln bereits im Jahr 643 Besitzer eines Weinbergs in Boppard ist.

Augenzwinkernd erläutert der fiktive Wilhelm seinem Freund, dass es in der 200jährigen Geschichte des organisierten Karnevals noch nie ein Motto zum Bier gab, aber immerhin vier Mal der Wein zum Thema wurde.

Rudolf Nickenig: "Köln – Eine merkwürdige Weinstadt", 176 Seiten, 19,95 €, Marzellen Verlag Köln 2022 ISBN 978-3-937795-79-9
Rudolf Nickenig: „Köln – Eine merkwürdige Weinstadt„, 176 Seiten, 19,95 €, Marzellen Verlag Köln 2022, ISBN 978-3-937795-79-9

Das Buch liest sich mit seinen 3 x 11 Kapiteln genauso flüssig und leicht wie sich ein gekühlter Weißwein trinken lässt. Und wer, wie beim Wein, die ganzen Aromen genau aufspüren will, wird im umfangreichen Anhang mit Begriffserläuterungen und weiterführender Literatur fündig.


 

Ein paar Fragen an … Dr. Rudolf Nickenig

Herr Dr. Nickenig – die Frage aller Frage: Rot oder Weiß? Oder Rosé? Oder am Ende doch Kölsch?

„Rut un wiess wie lieb ich dich!“ Da kann ich den Bläck Fööss zustimmen. Mal bevorzuge ich einen Rotwein, mal einen Weißwein, mal einen blanc de noir.

Die Kölner früherer Jahrhunderten liebten den „Weißen Roten“ der damaligen Zeit, den Bleichert, sowohl den Ahr- als auch den Rheinbleichert.

Köln und Kölsch zusammen klingt hervorragend – Köln und Wein hingegen passt auf den ersten Blick nicht wirklich gut zusammen. Richtig?

Auf den ersten Blick kommt es einem merkwürdig vor. Es lohnt sich daher, sich mit der Weinhistorie der Stadt Köln nicht bierernst, sondern weinfröhlich zu beschäftigen.

Wie kamen Sie auf die Idee, über die Stadt mit dem (selbsternannten) besten Bier der Welt ausgerechnet ein Weinbuch zu schreiben?

Vor einigen Jahren hatte ich ein Buch über das Weinbaugebiet Mittelrhein1„Vom harten Hengst zum feurigen Riesling“, Verlag Matthias Ess , Bad Kreuznach , 2015, 19,80 Euro geschrieben. Bei den Recherchen wurde mir klar, dass der Weinbau in früherer Zeit nicht am Siebengebirge aufhörte.

Ich zweifelte auch an der Abgrenzung von Heinrich Böll:
„Der Weintrinkerrhein hört ungefähr bei Bonn auf, geht dann durch eine Art Quarantäne, die bis Köln reicht; hier fängt der Schnapstrinkerrhein an; das mag für viele bedeuten, dass der Rhein hier aufhört. Mein Rhein fängt hier an,…“ Den Halbsatz will ich nicht kommentieren. Wie weit der „Weintrinkerrhein“, aber auch der „Weinerzeugerrhein“ ging, wollte ich genauer recherchieren und dieser Weg führte zur merkwürdigen Weinstadt Köln.

Die fleißigen Heinzelmännchen sorgten auch für den Wein in Köln, Detailansicht des Heinzelmännchenbrunnens, Bild: Raimond Spekking
Die fleißigen Heinzelmännchen sorgten auch für den Wein in Köln, Detailansicht des Heinzelmännchenbrunnens, Bild: Raimond Spekking

Die Heinzelmännchen brauen kein Bier, sondern keltern Wein. Ist das der Beweis für den Kölner Weinanbau?

Wir alle kennen aus Kindertagen die merkwürdigen Aktivitäten der Kölner Heinzelmännchen. Aber Hand aufs Herz: wissen Sie noch welchen Handwerkern die Heinzelmännchen halfen?

Sie schufteten nachts für die Zimmerleute (Vers 2), die Bäcker (Vers 3), die Fleischer (Vers 4), die Schneider (Vers 6) – mit dem verheerenden Ende aufgrund der neugierigen Schneidersfrau, die die Heinzelmännchen vertrieb. Und wem halfen sie im Vers 5?

….
Die Männlein sorgten um den Wein,
Und schwefelten fein
Alle Fässer ein,
Und rollten und hoben
Mit Winden und Kloben,
Und schwenkten
Und senkten,
Und gossen und panschten
Und mengten und manschten.
Und eh der Küfer noch erwacht,
War schon der Wein geschönt und fein gemacht!

Überraschenderweise halfen die Heinzelmännchen in der Bierstadt Köln keinen Bierbrauern, sondern Weinküfern. Das ist kein Beweis für den Kölner Weinbau, aber ein Hinweis, dass zu Zeiten der Heinzelmännchen oder vielleicht sogar zu Zeiten des Autors August Kopisch – er schrieb das Gedicht 1838 – Wein in Köln einen höheren Stellenwert als Bier hatte!

Aber mal ganz ehrlich: Es wurde doch damals nur deswegen Wein getrunken, weil es lebensgefährlich war, das verunreinigte Wasser zu trinken.

Die Einen sagen so, die Anderen sagen so. Warum haben sie Wein und kein Bier getrunken, das ist doch die Frage.

Aber ernsthaft: Wein wurde in der frühen Neuzeit nur von den reichen Bürgern als Genussmittel betrachtet, nur sie konnten sich gute teure Weine leisten. Für die ärmeren Schichten war der Hygieneeffekt von billigen Weinen sicher wichtig. 

Schon den Römern war es auf die Dauer zu lästig, das Grundnahrungsmittel Wein in Amphoren aus dem Süden einzuführen. Also selber anbauen. Aber was für eine Qualität hatten die in Köln produzierten Weine?

Um die Frage beantworten zu können, müssen wir uns auf Quellen der damaligen Zeit stützen. Wir wissen aus den Aufzeichnungen von Hermann Weinsberg (1518-1597), einem Kölner Ratsherrn, der in seinem mehrbändigen Gedenkebuch penibel sein Verhalten und seinen Konsum aufzeichnete, dass er seinen selbst angebauten Wein lieber anderen schenkte als selbst zu trinken. Das lässt tief blicken.

In der gleichen Periode, genauer gesagt im Jahr 1531, reiste der Buchhändler Johann Haselberg vom Bodensee durch Deutschland und besang in mehreren hunderten Versen Köln. Darin finden sich die Verszeilen:

„Schoen wingarten siecht ma da rings umb:
Vil wins wegs zu Coelln, in einer sum
O tzwey dausent fuder sues und saur
Allein nur inerhalb der rinck maur.“

Süß und sauer!

Das Stapelhaus war lange Zeit ein wichtiger Umschlagsplatz für verderbliche Güter, insbesondere Fisch, Postkarte von ca. 1900, Wizico Verlag
Das Stapelhaus war lange Zeit ein wichtiger Umschlagsplatz für Güter, Postkarte von ca. 1900, Wizico Verlag

War es am Ende vielleicht auch das Stapelrecht, welches den Kölner Zugriff auf die besten Weine ermöglichte?

Da spricht manches dafür. Das Stapelrecht war eine Gelddruckmaschine, das dem Kölner Stadtsäckel über Jahrzehnte die höchsten Steuereinnahmen brachte. Kauf­leu­te durften mit ih­ren Weinschiffen nicht an Köln vor­bei fah­ren, oh­ne die­se in Köln zu ent­la­den und ei­ne Zeit lang zum Ver­kauf an­zu­bie­ten. Die Vorschriften sind noch viel weitgehender, im Buch sind sie skizziert.

Es ist naheliegend, dass die  Kölner Patrizier mit diesem Stapelrecht-Geklüngel nicht nur ein exklusives Wissen über die Qualität der Weine, sondern auch genügend Einnahmen hatten, um sich die besten Weine leisten zu können. 

Weingärten der Kartäuser, ca. 1571, Ausschnitt des Mercator - Stadtplanes
Weingärten der Kartäuser, ca. 1571, Ausschnitt des Mercator – Stadtplanes

Wieviel Wein wurde tatsächlich in Köln angebaut?

Für die damalige Zeit unfassbar viel! Immerhin ein Viertel der Fläche innerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern waren bis ins 17. Jahrhundert mit Reben bepflanzt, rund 90 Hektar, mehr als 100 Fußballplätze. Heute gibt es am Mittelrhein keinen Weinbauort mehr, der eine so große Rebfläche hat. Anfang des 19. Jahrhunderts waren es immerhin noch 65 Hektar. Mit der Intensivierung des Städtebaus war es lohnender, sein Weinbaugrundstück zu verkaufen als Wein anzubauen.

Welche „Relikte“ des Weinanbaus finde ich heute noch in Köln?

Wir haben das Buch im Kölner Weindepot/Weinmuseum vorgestellt. Die Reben auf dem Dach sind eine „merkwürdige“ Erinnerung an den historischen Kölner Weinanbau.

Bei dieser Gelegenheit traf ich auch den Kölner Stadtwinzer Thomas Eichert, der am Chlodwigplatz Qualitäten erzielt, von denen die Winzer im Mittelalter nur träumen konnten. Es gibt sicher noch mehr „Memorials“, nicht zuletzt zählen Straßennamen oder Weinkneipen dazu.

Ob im Gürzenich, Kristallsaal oder Sartory: Auf den Karnevalssitzungen herrscht „Weinzwang“. Ist das die letzte kölsche Weintradition?

Sicher nicht, denn dieser Zwang ist keine Kölner Tradition, er findet sich vielerorts. Schon im alten Knigge ist zu lesen: Zwang tötet alle edle, freiwillige Hingebung.

Könnte Köln durch den Klimawandel in Zukunft ein attraktives Weinanbaugebiet werden?

Wenn man die klimatischen Voraussetzungen für den Weinbau betrachtet: ja. Wenn man die Bodenpreise in Köln und drumherum betrachtet: eher nein. Im Buch haben Wilhelm und Karl eine futuristische Perspektive gesehen:

„Der Klimawandel wird eine völlig neue Architektur in Köln notwendig machen. Markus Wittling wird mit seinem Weinberg auf dem Dach seiner Vinothek als Pionier von Cologne Urban Viticulture in die Geschichte eingehen. Die Architekten werden Hochhäuser mit auskragenden Fassaden für das Anbringen von Pflanzen bauen, um die Wohnungen und Büros zu beschatten und um Energie zu sparen und zu gewinnen. Ganz Köln wird eine einzige Flora sein – und das Tollste ist, die Begrünungen der steilen Dächer der historischen Kirchen und der modernen Fassaden der Skyliners werden mit Reben erfolgen! Kurzum: bei der 2000-Jahrfeier Kölns im Jahr 2050 werden in Köln viel mehr Reben wachsen als zur Zeit der Stadtgründung, vielleicht sogar mehr als im Mittelalter!“

Was für eine tolle Vision! 


Genau wie alle anderen Menschen in meiner Rubrik „Ein paar Fragen an …“ hat auch Dr. Rudolf Nickenig zu meinen „kölschen Fragen“ Rede und Antwort gestanden.

Wenn nicht Köln – wo sonst könntest du leben? Und warum gerade dort?

Umgekehrt. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, in Köln zu leben, wenn ich es mir leisten könnte, ein Stadthaus mit Weinkeller und großer Dachterrasse zu erwerben, auf der ich die autochthone kölsche Rebsorte, den Blauen Kölner, anbauen würde.

Welche kölsche Eigenschaft zeichnet dich aus?

Ein merkwürdiger Respekt vor dem Kölner Grundgesetz.

Was würdest du morgen in unserer Stadt ändern?

… den Rebenanbau fördern, insbesondere die Rebsorte Blauer Kölner.

Nenne ein/zwei/drei Gründe, warum man Köln morgen verlassen sollte.

Siehe Antwort zu Frage 1. Solange ich keinen Wein in Köln anbaue, mache ich mir darüber keine bierernsten Gedanken.

Wo ist dein Lieblingsplatz in Köln?

Im Dom, um den Dom und um den Dom herum.

Welche KölnerInnen haben dich beeinflusst / beeindruckt?

… die Heinzelmännchen und die Köbesse.

Was machst du zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch?

… bedauern, dass ich kein Kölner bin.

Und was zwischen Aschermittwoch und Weiberfastnacht?

… hoffen, dass ich im nächsten Leben Kölner werde (s. Antwort auf Frage 1).

Wat hät für dich noch immer jood jejange?

… zwei Gläser Kölsch statt einem Glas Wein zu trinken und umgekehrt.

Wo drüber laachs de dich kapott?

Das versuche ich zu vermeiden, wäre ja schade um mich.

Dein kölsches Lieblingsessen?

Bitte nicht weitersagen: Saure Nierchen.2Okay. Versprochen. Behalte ich nur für mich. 🙂

Dein Lieblingsschimpfwort auf Kölsch?

Mir gefällt „Fiese Möpp“; mir würde es bei Bedarf nicht einfallen, aber einen Typen als „Kotzkümpsche“ zu bezeichnen, fände ich gut.

Bitte vervollständige den Satz: Köln ist …

merkwürdig.


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