
Wer im Sommer in den Fühlinger See springt, landet angeblich nicht nur im Grundwasser, sondern auch ein bisschen in der Mosel. Denn seit langer Zeit hält sich eine seltsame Geschichte: Ein Teil des Wassers im Fühlinger See soll ursprünglich aus der Mosel stammen.
Klingt nach kölschem Verzäll. Ganz so einfach lässt sich die Sache allerdings nicht abtun. Denn die Geschichte ist alt – sehr alt. Schon im August 1935 berichtete „Der Neue Tag“1Der Neue Tag, Tageszeitung für Köln-Stadt und Land, Nr. 215 vom 8. August 1935 über Moselwasser im Fühlinger See. Doch was an dieser Geschichte stimmt tatsächlich? Dafür lohnt ein Blick in die Geschichte des Fühlinger Sees.
Erst kam der Kies, dann der See
Der Fühlinger See ist kein natürlich entstandener See. Seine Geschichte beginnt mit dem Kiesabbau in der Fühlinger Heide. Hier wurde seit 1912 gebaggert. Das Material wurde unter anderem beim Bau von Eisenbahnstrecken benötigt. Mit den Jahren entstanden immer größere Gruben. Dabei stießen die Bagger auf Grundwasser, die Gruben liefen voll und aus der Industrielandschaft wurde ganz nebenbei eine Seenlandschaft.
Das heutige Bild des Fühlinger Sees entstand allerdings erst wesentlich später. Ab Ende der 1960er-Jahre wurden die ehemaligen Kiesgruben zu einem Naherholungsgebiet umgestaltet. Mehrere Teilseen wurden miteinander verbunden, außerdem entstand die große Regattabahn. 1978 wurde die Anlage eröffnet. Gebadet wurde in Fühlingen aber schon Jahrzehnte vorher. Und genau aus dieser Zeit stammt der bemerkenswerte Zeitungsartikel.

Ein „Naturkuriosum“ im Kölner Norden – gefüllt mit Wasser aus Mosel?
Am 8. August 1935 widmete die Zeitung „Der Neue Tag“ dem Fühlinger See einen ausführlichen Beitrag. Schon die Überschrift macht neugierig: „Fühlinger See – ein Naturkuriosum“. Der Autor beschreibt den See als beliebtes Ziel für Erholungssuchende. Besonders fasziniert scheint er aber von der Herkunft des Wassers gewesen zu sein.
Nach „gewässerkundlichen Feststellungen“, so heißt es in dem Artikel, sei die Wasserzusammensetzung des Sees ein Kuriosum. Dann folgt die überraschende Behauptung: Der Fühlinger See sei „in seinen Hauptbestandteilen“ mit Moselwasser gefüllt. Diese Aussage macht stutzig: Moselwasser? Mitten im Kölner Norden? Der Zeitungsautor liefert dafür auch eine Erklärung, die hängt mit der linken Rheinseite zusammen.

Das Moselwasser mündet in den Rhein – auf der linken Seite!
Im „Deutschen Eck“ in Koblenz mündet die Mosel in den Rhein – auf der linken Rheinseite. Das wird später noch wichtig! Allerdings vermischen sich die Wassermassen zweier Flüsse nach einer Mündung nicht schlagartig vollständig miteinander.
Der Artikel von 1935 geht davon aus, dass das Moselwasser nach Koblenz zunächst vor allem auf der linken Rheinseite weiter Richtung Norden fließt. Der Autor verwendet dafür sogar den Begriff „Rhein-Mosel-Wasser“. Und der Fühlinger See liegt ebenfalls linksrheinisch und gerade einmal knappe zwei Kilometer vom Rhein entfernt.
Einen Bach, der den Fühlinger See speist, gibt es nicht. Das Wasser gelangt über das Grundwasser in die ehemaligen Kiesgruben. Und dieses Grundwasser steht mit dem Rhein in Verbindung. Dieser Teil der „Moselwasser-im Fühlinger-See“-Geschichte lässt sich auch heute noch nachvollziehen.
Aber ist wirklich Moselwasser im Fühlinger See?
An dieser Stelle wird die Geschichte etwas kniffliger. Der Zeitungsartikel von 1935 beruft sich ausdrücklich auf „gewässerkundliche Feststellungen“. Wer diese Feststellungen getroffen hat, verrät der Autor jedoch nicht. Weder eine Behörde noch ein Wissenschaftler oder eine konkrete Untersuchung werden genannt. Auch Quellenangaben dazu sind nicht zu finden.
Deshalb lässt sich heute kaum noch nachvollziehen, worauf die Aussage über das Moselwasser beruhte. Ganz abwegig ist die damalige Erklärung trotzdem nicht. Das Wasser der Mosel fließt von Koblenz aus tatsächlich mit dem Rhein weiter Köln.
Bis Köln sind es vom Deutschen Eck aus aber immerhin 96 Kilometer. Selbstverständlich vermischen sich die Wassermassen immer weiter. Aber wie viel Wasser von der Mosel im Fühlinger See landet, lässt sich nicht sagen. Auch der der Zeitungsartikel von 1935 bleibt hier unklar. Für die Geschichte ist das eigentlich auch gar nicht entscheidend.

Rhein und Fühlinger See sind miteinander verbunden
Viel interessanter ist, dass hinter dem vermeintlichen Verzällcher tatsächlich ein nachvollziehbarer Zusammenhang steckt. Der Wasserstand des Fühlinger Sees wird vom Rhein beeinflusst. Steigt oder fällt der Fluss, reagiert auch das Grundwasser und damit – zeitlich etwas versetzt – der See. Die Schwankungen des Wasserspiegels betragen bis zu zwei Meter.
Das war bereits für den Journalisten von 1935 bemerkenswert. Er beschreibt ausführlich die „geheimnisvollen Beziehungen zum Rhein“, wie es schon in der Unterzeile seines Artikels heißt. Aus heutiger Sicht sind diese Beziehungen nicht mehr ganz so geheimnisvoll. Der Fühlinger See besitzt keinen klassischen oberirdischen Zu- und Abfluss. Sein Wasseraustausch findet über das Grundwasser statt.
Damit erklärt sich auch, warum ein Baggerloch überhaupt dauerhaft zu einem See werden konnte. Die Kiesgruben schnitten den Grundwasserkörper an – und der sorgte dafür, dass Fühlingen sein Wasser bekam.

Und wieviel Wahrheit steckt jetzt in dem Artikel?
Klar ist, dass wir den Zeitungsartikel aus dem Jahr 1935 nicht als moderne wissenschaftliche Untersuchung verstehen dürfen. Der Text erzählt vor allem, was man damals über den Fühlinger See wusste – oder zu wissen glaubte.
Ob man heute beim Baden im Fühlinmger See tatsächlich sagen kann, man schwimme in Moselwasser, ist eine andere Frage. Aber vielleicht muss man auch nicht jede schöne Kölner Geschichte bis auf den letzten Liter ausrechnen.
Beim nächsten Spaziergang um den Fühlinger See kann man sich jedenfalls vorstellen, welchen Weg ein Teil seines Wassers möglicherweise genommen hat: von der Mosel nach Koblenz, dort in den Rhein und schließlich über den Untergrund bis nach Fühlingen. Und deshalb bleiben wir lieber bei einer vorsichtigen Version der alten Geschichte:
Ein bisschen Mosel steckt vermutlich im Fühlinger See – wie viel, weiß der Rhein allein.

Summerjam am Fühlinger See: Reggae zwischen Wasser und Wiesen
Wer Anfang Juli am Fühlinger See eigentlich nur eine ruhige Runde spazieren möchte, dürfte sich wundern. Wo sonst gejoggt, gerudert, gebadet und geangelt wird, stehen plötzlich Zelte auf den Wiesen. Bässe wummern über das Wasser, aus Lautsprechern kommt Reggae, es leit ein ganz besondere Geruch in der Luft2Kenner wissen, was damit gemeint ist und rund um den See herrscht für ein Wochenende Ausnahmezustand. Dann ist Summerjam.
Das Festival gehört inzwischen fast genauso zum Fühlinger See wie die Regattabahn. Seit 1996 findet das Summerjam-Festival hier statt und hat sich zu einem der bekanntesten Reggae-Festivals Europas entwickelt. Zehntausende Besucher aus Deutschland und dem Ausland kommen Jahr für Jahr in den Kölner Norden.
Dabei ist das Summerjam sogar älter als seine Kölner Heimat. Die Geschichte des Festivals begann bereits 1986. Bis 1993 wurde auf der Loreley gesspielt, 1994 und 1995 auf dem Gelände der ehemaligen britischen Royal Air Force Station Wildenrath bei Wegberg. Erst 1996 zog das Summerjam an den Fühlinger See. Dort fand man etwas, was für ein mehrtägiges Open-Air-Festival ausgesprochen praktisch ist: viel Platz, Wasser, Wiesen – und eine Insel.

Die Insel wird zur Festivalwelt
Das Herz des Summerjam liegt auf der großen Festivalinsel. Während des Festivals entstehen dort Bühnen, Marktstände und verschiedene Veranstaltungsbereiche. Rundherum verteilen sich Camping- und Serviceflächen. Für ein Wochenende verwandelt sich das Naherholungsgebiet damit in eine kleine Stadt auf Zeit.
Und die Kulisse ist tatsächlich ungewöhnlich. Hinter den Bühnen liegt das Wasser, Bäume säumen das Gelände, und wer zwischen zwei Konzerten ein wenig Abstand vom Trubel sucht, muss dafür nicht weit gehen. Gerade diese Mischung hat viel zum besonderen Charakter des Summerjam beigetragen. Ein Festivalgelände auf einem ehemaligen Flugplatz oder einem großen Acker gibt es häufiger. Eine Festivalinsel mitten in einer Kölner Seenlandschaft ist schon etwas spezieller.

Reggae – aber längst nicht nur Reggae
Der musikalische Kern des Festivals ist bis heute Reggae. Doch wer beim Summerjam ausschließlich an Bob-Marley-Klänge denkt, liegt inzwischen daneben. Dancehall, Hip-Hop und andere Musikrichtungen gehören längst selbstverständlich zum Programm.
Bei der 39. Ausgabe im Jahr 2026 standen rund 40 Künstler und Bands auf dem Programm. Damit ist das Summerjam weit mehr als ein Treffen für eine kleine eingeschworene Reggae-Gemeinde geworden. Trotzdem hat sich das Festival einen eigenen Charakter bewahrt. Dazu trägt sicherlich der Veranstaltungsort bei. Wasser und Wiesen gehören genauso zum Summerjam wie Bühnen und Campingplätze.
Ganz konfliktfrei funktioniert ein Festival dieser Größenordnung in einem Naherholungsgebiet natürlich nicht. Straßen werden gesperrt, Parkplätze stehen zeitweise nicht zur Verfügung und der Lärm beschäftigt auch die Menschen in den umliegenden Stadtteilen. Stadt und Veranstalter arbeiten deshalb mit Verkehrs- und Lärmschutzkonzepten.
Auch die Natur spielt eine besondere Rolle. Der Fühlinger See liegt in einem Landschaftsschutzgebiet. Der Veranstalter weist deshalb ausdrücklich darauf hin, Müll zu vermeiden und Campingflächen sauber zu hinterlassen.
Vom 2. bis zum 4, Juli 2027 gibt es dabei sogar einen runden Geburtstag zu feiern: Das Summerjam wird 40 Jahre alt. Happy Birthday!

Regattastrecke für nationale und internationale Wettkämpfe
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