Fritz Schumacher – Der Mann hinter Kölns Grüngürtel

Innerer und äußerer Grüngürtel, Köln

Wer heute am Aachener Weiher sitzt, durch den Inneren Grüngürtel spaziert, am Decksteiner Weiher seine Runde dreht oder auf der Jahnwiese einem Ball hinterherläuft, macht sich vermutlich wenig Gedanken darüber, warum mitten in einer Millionenstadt überhaupt so viel Platz für Grün geblieben ist.

Dabei hätte Köln auch ganz anders aussehen können: dichter bebaut, steinerner und mit deutlich weniger Luft zwischen den Häusern. Dass es nicht so gekommen ist, hat viel mit einem Mann zu tun, der eigentlich gar kein Kölner war und nur drei Jahre hier arbeitete: Fritz Schumacher.

Der Architekt und Stadtplaner kam 1920 nach Köln. Oberbürgermeister Konrad Adenauer hatte ihn an den Rhein geholt. Schumacher blieb nur bis 1923 – doch diese kurze Zeit reichte, um Köln bis heute zu prägen.

Fritz Schumacher um 1916, Bild: Radierung von Leopold von Kalckreuth, gemeinfrei, via Wikimedia Commons
Fritz Schumacher um 1916, Bild: Radierung von Leopold von Kalckreuth, gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Ein Bremer kommt über Hamburg nach Köln

Fritz Schumacher wurde am 4. November 1869 in Bremen geboren. Seine Kindheit war ungewöhnlich international: Einige Jahre verbrachte er in Bogotá und New York. Später studierte er in Berlin und München, arbeitete im Leipziger Stadtbauamt und wurde 1901 an die Technische Hochschule Dresden berufen. 1909 wechselte er schließlich als Baudirektor und Leiter des Hochbauwesens nach Hamburg.

Dort machte er sich einen Namen als Architekt und Stadtplaner. Schumacher dachte nicht nur über einzelne Häuser nach. Ihn interessierte das große Ganze: Wie funktioniert eine wachsende Stadt? Wo wird gewohnt, wo gearbeitet? Wie bewegen sich die Menschen? Und vor allem: Wo bleibt zwischen all den Straßen und Häusern noch Platz zum Leben?

Genau solche Fragen beschäftigten zu dieser Zeit auch Köln. Nach dem Ersten Weltkrieg stand die Stadt vor gewaltigen Veränderungen. Die alten Festungsanlagen hatten ihre militärische Bedeutung verloren. Gleichzeitig rechneten die Verantwortlichen mit einem enormen Bevölkerungswachstum. Köln sollte wachsen – aber möglichst nicht zu einem endlosen Häusermeer werden.

Konrad Adenauer suchte deshalb jemanden, der nicht nur einzelne Bauprojekte plante, sondern Köln als Ganzes betrachten konnte. Und dieser Mann war Fritz Schumacher.

Köln darf keine Steinwüste werden

1919 ließ Adenauer einen Wettbewerb zur Gestaltung des ehemaligen Inneren Festungsrayons ausschreiben. Schumacher setzte sich mit seinem Entwurf durch. Ein Jahr später holte Adenauer ihn nach Köln. Dafür ließ sich der Hamburger Baudirektor für drei Jahre von seinen dortigen Verpflichtungen beurlauben.

Schumacher sollte einen Generalsiedlungs- beziehungsweise Generalbebauungsplan für Köln entwickeln. Dabei ging es nicht mehr nur darum, einzelne Straßen zu ziehen und Grundstücke aufzuteilen. Er wollte die Stadt als zusammenhängenden Organismus betrachten. Industrie, Verkehr, Wohnen und Erholung mussten zusammengedacht werden. Vor allem die Grünflächen waren für Schumacher keine hübsche Dekoration zwischen den Häusern. Sie gehörten zur Struktur der Stadt.

Eine historische Chance

Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg ergab sich durch die Bestimmungen des Versailler Vertrags eine historische Chance für Köln: Die Forts der beiden Festungsringe mussten geschliffen werden. Dadurch entstanden zwei große halbkreisförmige, unbebaute Flächen: Der Innere und der Äußeren Grüngürtel.

Diese beiden grünen Ringe sollten wiederum durch radiale Grünzüge miteinander verbunden werden. Damit entstand eine Idee, die jeder Kölner heute ganz selbstverständlich kennt: Grün sollte nicht irgendwo am Stadtrand liegen, sondern sich durch die ganze Stadt ziehen.

Der Plan für den Inneren Grüngürtel, Bild: Stadt Köln
Der Plan für den Inneren Grüngürtel, Bild: Stadt Köln

Vom Festungsgürtel zum Grüngürtel

Das Geniale an der Planung war, aus einem Problem eine Chance zu machen. Über Jahrzehnte hatten die Festungsanlagen die Entwicklung Kölns geprägt. Nun verloren sie ihre Funktion. Wo vorher militärische Flächen lagen, konnte etwas völlig Neues entstehen.

Der Innere Grüngürtel wurde zwischen 1922 und 1924 angelegt. Dabei wurden nach der weitgehenden Schleifung der militärischen Anlagen auch Arbeitslose im Rahmen eines Beschäftigungsprogramms eingesetzt.

Schumacher wollte dort allerdings nicht einfach nur eine große Wiese schaffen. Seine ursprünglichen Vorstellungen gingen wesentlich weiter. Der Grüngürtel sollte Teil einer neuen Stadterweiterung werden. Wohngebiete und öffentliche Gebäude waren vorgesehen, am Aachener Weiher sogar ein zweiter Hauptbahnhof.

Doch die wirtschaftlichen Krisen der Weimarer Republik machten vielen dieser Pläne einen Strich durch die Rechnung. Aus heutiger Sicht war das für das Kölner Grün möglicherweise gar nicht so schlecht. Denn große Teile des Inneren Grüngürtels blieben unbebaut. Von der geplanten umfangreichen Bebauung wurde letztlich nur wenig verwirklicht. Das Grün setzte sich durch. Und genau davon profitiert Köln noch heute.

Der innere Grüngürtel im zwischen Köln-Ehrenfeld und Neustadt, Bild: Raimond Spekking
Der innere Grüngürtel im zwischen Köln-Ehrenfeld und Neustadt, Bild: Raimond Spekking

Grün nicht zum Angucken, sondern zum Benutzen

Dabei änderte sich auch die Vorstellung davon, was ein Park eigentlich sein sollte. Grünanlagen waren lange Zeit vor allem Schmuck. Man spazierte auf Wegen, betrachtete Blumenbeete und hielt sich ansonsten besser an die Regeln. Der Kölner Grüngürtel sollte anders funktionieren.

Hier sollte Platz für Sport, Spiel und Erholung sein. Im Äußeren Grüngürtel entstanden Sportplätze, Wälder, Kleingärten und im Raderthaler Volkspark ein Freilichttheater, eine Freiluftbibliothek und der „Reigenplatz“. Teile der ehemaligen Festungswerke wurden erhalten und als sogenannte „grüne Forts“ weitergenutzt. So wurde der Grüngürtel tatsächlich zu einem Park für alle. Was heute selbstverständlich klingt, war Anfang der 1920er Jahre revolutionär.

Der entscheidende Gedanke lautete: Eine Großstadt braucht nicht nur Wohnungen, Straßen und Arbeitsplätze. Sie braucht Räume, in denen Menschen durchatmen können. Oder ganz praktisch auf Köln übertragen: Man muss auf einer Wiese eben auch mal Fußball spielen dürfen.

Verbindungen zwischen den „grünen Ringen“

Besonders clever war Schumachers Idee, den Inneren und Äußeren Grüngürtel nicht isoliert nebeneinander bestehen zu lassen. Grüne Radialen sollten die beiden Bereiche verbinden. Ein besonders markantes Beispiel entstand mit dem Lindenthaler Kanal. Aber auch Flächen wie zum Beispiel der Vorgebirgspark stellen eine Verbindung zwischen den Großflächen dar. Das ist der eigentliche Clou von Schumachers Planung: Es entstand kein einzelner Park, sondern ein ganzes Grünsystem. Die konkrete Umsetzung der Grünanlagen übernahm Gartenbaudirektor Fritz Encke.

Wer sich heute vom Inneren Grüngürtel nach Westen bewegt, erlebt diese Struktur noch immer. Aachener Weiher, Lindenthaler Kanal, Stadtwald und schließlich der Äußere Grüngürtel erscheinen wie einzelne Grünanlagen. Tatsächlich folgen sie aber einer gemeinsamen städtebaulichen Idee. Köln sollte nicht nur wachsen. Die Stadt sollte dabei durchlüftet und aufgelockert bleiben.

Der innere Grüngürtel im zwischen Köln-Ehrenfeld und Neustadt, Bild: Raimond Spekking
Der innere Grüngürtel im zwischen Köln-Ehrenfeld und Neustadt, Bild: Raimond Spekking

Für den Grüngürtel musste gekämpft werden

Ganz freiwillig machten allerdings nicht alle mit. Gerade beim Äußeren Grüngürtel gab es handfeste Konflikte. Viele Grundstücke gehörten Landwirten, die ihre Flächen keineswegs begeistert an die Stadt abtreten wollten. Die Auseinandersetzung ging so weit, dass Grundstücksbesitzer damit drohten, keine Milch mehr zu liefern.

Erst das 1920 verabschiedete Reichsrayongesetz gab der Stadt die Möglichkeit, Enteignungsverfahren einzuleiten. Die Eigentümer konnten finanziell entschädigt werden oder Ersatzgrundstücke im Umland erhalten. Auch hier zeigt sich: Der Grüngürtel, den wir heute als selbstverständlichen Teil Kölns betrachten, fiel nicht einfach vom Himmel.

Er musste geplant, politisch durchgesetzt und gegen Widerstände verwirklicht werden. Adenauer spielte dabei eine entscheidende Rolle. Doch Schumacher lieferte das städtebauliche Konzept. Und auch heute noch wird um jedes Stück grün im Grüngürtel gerungen – schon seit Jahren versucht der 1. FC Köln rund um das Geißbockheim zusätzliche Fußballplätze anzulegen.

So wird es einmal im "Inneren Grüngürtel" aussehen: Die Parkstadt Süd. Die rote Markierung kennzeichnet die aktuelle Lage des Pionierparks, Bild: Lenzen, Landschaftsarchitekturbüro RMP, Markierung: Uli Kievernagel
So wird es einmal im „Inneren Grüngürtel“ aussehen: Die Parkstadt Süd. Die rote Markierung kennzeichnet die aktuelle Lage des Pionierparks, Bild: Lenzen, Landschaftsarchitekturbüro RMP, Markierung: Uli Kievernagel

Und auch der Innere Grüngürtel wird sich durch die „Parkstadt Süd“ wesentlich verändern. „Parkstadt Süd“ ist das große Stadtentwicklungsprojekt im Kölner Süden. Bis zu 4.000 Wohnungen, Büros und Ladenlokale sollen im „Inneren Grüngürtel“ zwischen Bayenthal, Raderberg, Zollstock und Sülz entstehen 

Selbst Schrebergärten gehörten zum Plan

Schumachers Vorstellung vom grünen Köln war ausgesprochen praktisch. Dazu gehörten auch Kleingärten. Die Nachfrage nach solchen Parzellen war besonders während und nach den Kriegen groß. Bei der Planung des Äußeren Grüngürtels wurden Kleingärten deshalb von Anfang an berücksichtigt. Vorgesehen waren sogar 12.000 Dauerkleingärten mit einer durchschnittlichen Größe von 300 Quadratmetern. Eine der ersten Anlagen entstand an der Gleueler Straße.

Schumachers sozialer Gedanke hinter der Planung: Das Grün sollte nicht exklusiv sein. Es ging nicht um repräsentative Anlagen für einige wenige, sondern um nutzbare Freiräume für die Bevölkerung.

Nach dem Zweiten Weltkrieg bekamen manche dieser Flächen sogar eine ganz andere Bedeutung. In zahlreichen Kölner Schrebergärten entstanden zeitweise Behelfsunterkünfte für Menschen, deren Wohnungen und Häuser zerstört worden waren. Erst später kehrten die Anlagen wieder zu ihrer ursprünglichen Nutzung zurück.

Nicht alles blieb grün

Natürlich hat Köln Schumachers Erbe nicht immer mit Samthandschuhen behandelt. Spätestens mit der Idee der „autogerechten Stadt“ gerieten Grünflächen unter Druck. Zeitweise gab es sogar Pläne für eine Stadtautobahn quer durch den Inneren Grüngürtel. Andere Eingriffe wurden tatsächlich umgesetzt. Anfang der 1970er Jahre entstanden das Autobahnkreuz Köln-Ost und das Gremberger Kreuz – mit entsprechenden Folgen für die Merheimer Heide und das Gremberger Wäldchen. Trotzdem blieb die Grundidee erhalten.

Eingezwängt zwischen Autobahn und S-Bahnstrecke: Das Gremberger Wäldchen. Der geplante Ausbau der A4 gefährdet die Gedenkstätte, Karte: OpenStreetMap
Eingezwängt zwischen Autobahn und S-Bahnstrecke: Das Gremberger Wäldchen. Der geplante Ausbau der A4 gefährdet das Wäldchen und die NS-Gedenkstätte dort, Karte: OpenStreetMap

Das Kölner Grünsystem überdauerte Jahrzehnte, politische Systeme, Kriege und wechselnde Vorstellungen von moderner Stadtplanung. Es wurde weiterentwickelt und schließlich auch wegen seiner Bedeutung für die Frischluftzufuhr aus dem Umland in die Innenstadt unter Landschaftsschutz gestellt. Und vielleicht ist genau das die größte Leistung von Schumachers Konzept: Es war stark genug, um die Veränderungen der letzten 100 Jahre auszuhalten.

Drei Jahre, die Köln bis heute prägen

1923 endete Fritz Schumachers Zeit in Köln. Er kehrte nach Hamburg zurück, wo er zum Oberbaudirektor ernannt wurde. Bis 1943 lebte er dort und veröffentlichte zahlreiche Arbeiten über Architektur und Städtebau. Am 5. November 1947 starb er in Hamburg. Gerade einmal drei Jahre hatte er unmittelbar für Köln gearbeitet.

Das klingt nach einer kurzen Episode in einem langen Berufsleben. Tatsächlich aber hinterließ Schumacher in dieser kurzen Zeit etwas, das bis heute zum Lebensgefühl der Stadt gehört. Denn der Grüngürtel ist längst mehr als eine städtebauliche Planung aus den 1920er Jahren.

Ein Luftbild der Jahnwiesen, Heimat der "Bunten Liga Köln", Bild: dronepicr, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons
Ein Luftbild der Jahnwiesen, Heimat der „Bunten Liga Köln“, Bild: dronepicr, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

Hier wird gejoggt, spaziert, Fußball gespielt, gepicknickt oder einfach auf der Wiese gelegen. Aachener Weiher, Jahnwiese, Decksteiner Weiher, Lindenthaler Kanal und die großen Grünflächen gehören für viele Kölner so selbstverständlich zur Stadt wie Straßen, Plätze und Häuser.

Wer also demnächst im Grüngürtel unterwegs ist, kann sich kurz daran erinnern: Dass Köln an vielen Stellen eben keine „Steinwüste“ geworden ist, verdanken wir auch Fritz Schumacher, einem Bremer, der eigentlich in Hamburg arbeitete – und für gerade einmal drei Jahre an den Rhein kam.


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