Da stand sie jahrelang in aller Ruhe zufrieden in der Stollwerckpassage: Die Skulptur der Göttin Gaea. Gaea ist gemäß der griechischen Mythologie als eine der ersten Gottheiten überhaupt die personifizierte Erde. Eine solche Göttin bringt selbstverständlich nichts aus der Ruhe: Weder die gestressten Menschen beim Shopping noch die lauten Krakeeler, die im Brauhaus Früh ein paar Meter weiter das ein oder andere Kölsch zu viel getrunken haben.
Und wenn da nicht ein etwas zu gieriger Schweizer Schokoladenkonzern gewesen wäre, stände sie auch noch heute dort. Doch was sich tatsächlich abspielte, war dann ein klassisches Drama in fünf Akten.
1. Akt: Gerhard Marcks erschafft die Skulptur
Der renommierte Künstler Gerhard Marcks (1889 – 1981) verbrachte ab 1964 viel Zeit in seinem griechischen Sommerhaus. Sichtlich inspiriert durch antike Skulpturen erschuf er 1965 die Gaea: Eine Frauenfigur als Akt, umgeben von einem fallenden Mantel.
Kunstwerke von Gerhard Marcks finden sich auch anderen Stellen in der Stadt: Er hat den „Düxer Bock“ erschaffen und auch der sinnierende Albertus Magnus direkt am Haupteingang der Universität stammen von ihm.
Der Düxer Bock, Skulptur von Gerhard Macks, Bild: Uli Kievernagel
2. Akt: Aufstellung der Gaea in der Stollwerckpassage
Die Stollwerckpassage ist der Durchgang von der Hohe Straße zum Brauhaus Früh und zum Heinzelmännchenbrunnen. Eisenbahnfans erinnern sich noch an den Modellbauladen, welcher sich jahrelang mitten in der Passage befand. Heute befinden sich in der Passage unter anderem ein Juwelier und ein Schuhgeschäft.
Und genau hier findet die Gaea ab 1986 ihren Platz: Hans Imhoff, der „Mann mit dem Herz aus Schokolade“ und Eigentümer der Stollwerck-Fabriken, kauft die Figur der Gaea. In enger Absprache mit den Verantwortlichen der Stadt wird die Figur öffentlich mitten in der Stollwerckpassage ausgestellt. Ein idealer Platz für die Gottheit, so Kurator Arie Hartog vom Bremer Gerhard-Marcks-Haus: „Die Skulptur stand da fantastisch“.
3. Akt: Ein Konzern will schnell Kasse machen
Im April 2002 verkauft Imhoff den gesamten Stollwerck-Konzern an den Schweizer Schokoladenkonzern Barry Callebaut AG. Die Manager von Barry Callebaut wollen möglichst schnell möglichst viel Kasse machen und flexen die Figur am 29. September 2005 einfach vom Sockel, um diese bei einem Auktionator unter den Hammer zu bringen.
Pikant ist aber, dass die Eigentumsverhältnisse an dem Kunstwerk nicht geklärt waren: Gehörte die Figur zum veräußerten Firmenvermögen? Oder doch noch der Familie Imhoff? Oder handelte es sich gar um öffentliches Eigentum?
In jedem Fall war die Figur bereits abmontiert, als sich der Barry Callebaut Aufsichtsratschef einschaltet und in letzten Moment die Versteigerung der Figur verhindert. Sein Plan damals: Zur Ehrenrettung schenkt der Konzern die Figur der Stadt. Doch wie will er der Stadt Köln eine Skulptur schenken, die ihr vielleicht schon längst gehört?
Die Plakette der Gaea II in der Stollwerckpassage, Bild: Frank Vincentz, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
4. Akt: Der Retter ist da!
Noch während der Schokoladen-Konzern aus der Schweiz fieberhaft bemüht ist, den Imageschaden möglichst klein zu halten, wird in Köln bereits gehandelt. Die Imhoff-Stiftung wollte einen langwierigen Rechtsstreit um die Gaea verhindern und ließ kurzentschlossen eine neue Gaea gießen. Dabei war es ein großes Glück, dass die Gussformen noch vorhanden waren. Satte 62.000 Euro investierte die Stiftung in die Neuauflage der Göttin.
Was dann kam, war tatsächlich eine große Überraschung: Gerhard Marcks hatte die Gussformen noch einmal überarbeitet. In der neuen Form umschließt der Mantel die Unterschenkel der Figur, in der ursprünglichen Version war der Mantel komplett offen.
Die Dombauhütte errichtete einen neuen Sockel für die Skulptur und so steht jetzt seit dem 21. Dezember 2005 mitten in der Stollwerckpassage die Gaea II. Und diese Figur ist – durch die Veränderung der Gussformen – keine Kopie sondern ein echtes Unikat. „Es ist doch erstaunlich, wie sich oft ein großer Verlust im Nachhinein auch als Gewinn herausstellen kann“, so der damalige Oberbürgermeister Fritz Schramma.
5. Akt: Die doppelte Göttin!
Weil der Barry Callebaut-Konzern aber irgendwie noch das Gesicht wahren wollte, bot man die ursprüngliche Gaea der Stadt als Geschenk an. Und diese nahm an. Allerdings war klar, dass nach dieser Vorgeschichte die „neue Gaea“ in der Stollwerckpassage mit Sicherheit nicht mehr Platz für ihre Vorgängerin machen würde.
Und so steht seit 2007 im Rosengarten des Rheinparks die ursprüngliche Gaea und Köln verfügt gleich über zwei Skulpturen der Erdgöttin.
Gut zu erkennen: Das erste Figurenprogramm auf dem Kölner Rathausturm, hier auf einem Kupferstich um etwa 1655, Bild: Künstler unbekannt, via Wikimedia Commons
Su jet jitt et nur in Kölle! Wir machen zwar Dinge gerne schon mal mehrfach, aber was am Rathausturm in den 1980er passiert ist, ist leider irgendwie typisch kölsch.
Der im Stil der Spätgotik errichtete Rathausturm ist reich mit Zinnen und Vorhangbögen geschmückt. Am auffälligsten sind aber die 124 Figuren von Persönlichkeiten, die die Geschichte der Stadt Köln geprägt haben.
Die Vorgeschichte: Die ersten Figuren stammten aus dem 15. Jahrhundert
Bereits mit Fertigstellung des Turms im Jahr 1414 war der Turm mit Figurten ausgestattet. Welche Figuren sich ursprünglich dort befanden, ist heute nicht mehr bekannt.
In den Jahren hatten Wind und Wetter den Figuren so massiv zugesetzt, dass diese anfingen, ganz oder in Teilen abzufallen. So beschloss der Rat am 22. Mai 1694 aus Sicherheitsgründen, die Figuren abzunehmen. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurde ein neues Figurenprogramm beschlossen. Diese Figuren wurden zwischen 1891 und 1901 in Auftrag gegeben.
Das Kölner Rathaus um 1900 – noch bevor die Figuren neu aufgestellt wurden. Photochromdruck, Künstler unbekannt, Public domain, via Wikimedia Commons
Die Aufstellung dieser neuen Figuren war in Gruppen eingeteilt: Im Erdgeschoss war Platz für Fürsten und Erzbischöfe, im ersten Obergeschoss für Repräsentanten der Geschlechterherrschaft, eine Etage darüber für Repräsentanten der Zünfte. Das dritte Obergeschoss war für Männer der Künste und der Wissenschaft vorbehalten und im obersten Geschoss wachten die Schutzheiligen der Stadt über die Bürger. Die Letzte dieser Figuren wurde im Jahr 1902 aufgestellt.
Massive Beschädigungen im Zweiten Weltkrieg
Das Rathaus wurde im Zweiten Weltkrieg stark zerstört. Vom Rathausturm stand gerade noch ein Drittel. Es gab sogar Überlegungen, den Turm gänzlich abzureißen und neu aufzubauen. Doch die Kölner Handwerkerschaft erinnerte sich an ihre alte Zunft-Tradition und initiierte die „Bauhütte Rathausturm“. So wurde der Rathausturm, nach der Errichtung durch die Zünfte Anfang des 15. Jahrhunderts, im 20. Jahrhundert von den Kölnern Handwerkern gerettet.
Der zum größten Teil zerstörte Rathausturm im Jahr 1945, die Figuren wurden fast vollständig zerstört, Fotograf: unbekannt
Von 1950 bis in das Jahr 1975 wurde an dem Rathausturm gebaut und das Gebäude originalgetreu wieder aufgebaut. Allerdings waren von den bis 1902 aufgestellten Figuren auf dem Turm nach dem Bombardement des Zweiten Weltkriegs kaum noch etwas übrig.
Neues Figurenprogramm in den 1980er Jahren: Bei 124 neuen Figuren gerade einmal fünf Frauen.
Die Stadt setzte eine Historikerkommission mit der Aufgabe, eine neue Auswahl an Figuren vorzuschlagen, ein. Die Bedingungen waren lediglich, dass weder lebende Personen noch „negative Figuren“ abgebildet werden dürfen.
Die Kommission benötigte gerade einmal fünf Jahre, um ein entsprechendes Figurenprogramm zu erarbeiten. So konnte endlich im Jahr 1986 das Konzept vom Kulturausschuss verabschiedet und dem Stadtrat zur Abstimmung vorgelegt werden. Bei dieser Stadtratssitzung muss es hoch hergegangen sein, denn die Fraktion der Grünen verweigerte konsequent die Zustimmung. Mit Recht!
Eine der wenigen Frauen auf dem Rathausturm: Die erfolgreiche Unternehmerin Fygen Lutzenkirchen (1450-1515), Bild: Raimond Spekking
Was die Grünen auf die Palme brachte: Die Kommission hatte bei den 124 Figuren gerade einmal fünf Frauen vorgeschlagen. Mit anderen Worten: In der mehr als 2.000 Jahre alten Stadtgeschichte sollen Frauen gerade einmal mit 4% berücksichtigt werden. Ein Eklat.
Überarbeitung des Figurenprogramms
Die Kommission wurde noch einmal beauftragt, das Programm zu überarbeiten. 1988 wurde der neue Vorschlag mit dem immer noch mickrigen Ergebnis, dass jetzt gerade einmal 18 Frauen berücksichtigt wurden, vom Stadtrat verabschiedet.
Was von dem ursprünglichen Vorschlag der Kommission übrig blieb, war das Konzept, welche Figurengruppe wo ihren Platz finden sollte:
Im Erdgeschoss befinden sich Persönlichkeiten „Herrscher und herrschergleiche Personen“.
Danach folgen vom ersten bis zum dritten Obergeschoss „Für die Stadt wichtige Persönlichkeiten“.
Ganz oben ist der „Kölsche Himmel“: Die Schutzpatrone und Heiligen der Stadt
Die Figur von Adolf Clarenbach (rechts), auf Melaten hingerichteter evangelischer Reformator, Bild: Raimond Spekking
Nach den Irrungen und Wirrungen um die inhaltliche Ausgestaltung des Figurenprogramms war die nächste Hürde die Finanzierung der Figuren. Da die Stadt – wie immer – klamm war, ging man kötten. Die Idee: Kölner Unternehmen, Verbände, Bürger, Vereine etc. wurden angefragt, ob sie nicht die Patenschaft über eine oder mehrere Figuren übernehmen könnten. Diese Patenschaft war damit verbunden, die entsprechende Figur auch zu stiften. Kein ganz günstiges Vergnügen – immerhin kostete damals eine Figur rund 25.000 DM. Für diesen Betrag konnte man im Jahr 1988 einen gut ausgestatten Audi 80 kaufen.
Um die Figuren für eine lange Zeit haltbar zu machen, wurden diese mit Acrylharz getränkt. Grundsätzlich eine gute Idee. Denn die in der Gebäudeabdichtung, zum Beispiel auch am Dom, regelmäßig verwendeten Acrylharze haben eine gute Optik und eine hohe Beständigkeit. Nur war diese Konservierungsmethode leider nicht bei dem für die Figuren verwendeten Tuffstein geeignet.
Die Figur des Engelbert von Berg war eines der ersten Opfer der falschen Konservierungsmethode. Die Figur des Albertus Magnus wurde nicht mit Acrylharz getränkt und blieb unversehrt. Bild: Raimond Spekking
Bereits nach zehn Jahren zeigten sich erste Risse in der Figur des „Engelbert von Berg“. Der Restaurator Thomas Lehmkuhl erkannte, dass der eher poröse Tuffstein der Figuren sich massiv mit dem Acrylharz vollgesaugt hatte. Das führte dazu, dass die Figuren, die vor der Behandlung mit dem Konservierungsmittel etwa 220 kg gewogen haben, danach aber satte 300 kg auf die Waage brachten.
Fachmann Lehmkuhl erklärte, dass der Tuffstein durch die große Menge Acrylharz hart und spröde wird. Lehmkuhl weiter: „Und gleichzeitig erhöht sich dadurch bei Sonnenschein oder Frost die thermische Belastung des Steins.“1„Risse im Kölner Turmpersonal!“, Welt am Sonntag vom 11. Dezember 2005
Die Originalfigur der Heiligen Ursula steht bei der Kreishanderwerkerschaft im Stapelhaus, auf dem Rathaus ist eine Kopie angebracht, Bild: Uli Kievernagel
Eine Untersuchung der Figuren ergab, dass diese nicht mehr zu retten waren. Die Figuren zeigten massive Risse und bröselten vor sich hin.
Zwar wurde der „Schwarze Peter“, wer denn nun schuld an der Misere sei, noch hin- und hergeschoben. Doch die Tatsache, dass ausgerechnet die Figuren von Adolph Kolping und Albertus Magnus keine Auflösungserscheinungen zeigten, war Beweis genug: Diese beiden waren, genau wie 20 weitere Figuren, nicht mit dem Acrylharz getränkt worden und in einem tadellosen Zustand.
Neue Figuren im Jahr 2008
Aber: Die restlichen etwa 100 Figuren mussten neu beschafft werden. Daher startete die Stadt eine neue Spendenaktion, und viele der bereits etwa zehn Jahre zuvor so freigiebigen Gönner öffneten erneut die Geldbörse. So konnten exakte Kopien der Figuren erstellt werden. Immerhin hatte man gelernt: Die neuen Figuren wurden nicht aus Tuffstein, sondern aus einem speziellen französischen Kalkstein (Savonnières-Kalkstein) hergestellt.
Einige der ursprünglichen Figuren fanden anschließend ihren Platz in den Gärten oder Häuser der Stifter. Aber immerhin konnten im November 2008 alle 124 Plätze auf dem Rathaus wieder von den neuen Figuren eingenommen werden.
Mal sehen, wie lange die Figuren diesmal halten!
Ein bemerkenswertes Detail: Der Sockel der Figur von Konrad von Hochstaden, Bild: Raimond Spekking
Autofellatio-Figur
Und dann befindet sich auch noch Figur von Konrad von Hochstaden am Rathaus. Er war als Konrad I. von 1238 bis 1261 Erzbischof von Köln und legte am 15. August 1248 den Grundstein zum Kölner Dom. Insofern gebührt ihm sicherlich ein Platz auf dem Rathausturm.
Allerdings irritiert ein kleines, aber durchaus sehenswertes Detail an der Statue: Der Sockel zeigt einen Mann mit nackten Hintern, der sein eigenes Geschlechtsteil im Mund hat. Der Fachbegriff für diese fast schon akrobatische Art der Selbstbefriedigung lautet „Autofellatio“.
Fraglich nur, weshalb dieser Sockel überhaupt seinen Platz auf dem Rathaus gefunden hat und wie das mit Konrad von Hochstaden zusammenhängt. Der ehemalige Stadtkonservator Ulrich Krings erläutert „Das ist ein ganz beliebtes Motiv gewesen. Dabei ging es darum, der Obrigkeit quasi den Arsch hinzuhalten. Mit derber, zur Schau gestellter Sexualität sollte gezeigt werden, dass einem die Moral- oder auch Ordnungsvorstellungen der Obrigkeit wurscht waren.“
Verständlich: In einer Zeit, in der die wenigsten Lesen und Schreiben konnten, mussten bildliche Darstellungen „griffig“ eine Botschaft vermitteln. Beliebt dabei: Darstellungen der sieben Todsünden, in diesem Fall die Wollust.
Dass es allerdings ausgerechnet Konrad von Hochstaden erwischt hat, ist eher Zufall. Denn das Original des „Autofellation-Sockels“ stammt ungefähr aus dem Jahr 1410. Und damals stand eine andere, nicht mehr bekannte Figur auf dem Platz, den heute der ehemalige Erzbischof einnimmt.
Aber da wir in Kölle ja schon immer Probleme mit unseren Bischöfen hatten, Josef Frings ausdrücklich ausgenommen, muss Konrad von Hochstaden stellvertretend für diese Menschen auf diesem speziellen Sockel stehen.
Insgesamt befinden sich 124 Figuren auf dem Rathausturm
Johann Arnold Klütsch, genannt „Fressklötsch“, um 1834, Portait von Simon Meister, aus dem Buch „Kölsche Originale“, Reinhold Louis, Greven Verlag Köln, 1985
Um Johann Arnold Klütsch, in Köln als „Fressklötsch“ bekannt, ranken sich unzählige Legenden:
„Er hat ein 1.000 Pfund schweres Kanonenrohr eigenhändig weggeschleppt.“
„Er hat ein ganzes Rad Käse auf einen Schlag gegessen.“
„Er hat einen Franzosen mitsamt Wachhaus einfach weggetragen.“
„Er hat ein ganzes Kalb gegessen – und dazu noch ein ganzes Brot.“
„Nur er war in der Lage, die originale Rüstung Jan von Werths zu tragen.“
Wieviel Wahrheit in diesen Erzählungen steckt, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Fest steht, dass Johann Arnold Klütsch eine beeindruckende Karriere hingelegt hat – vom Analphabeten bis zum geachteten Geschäftsmann und Geschäftspartner von Ferdinand Franz Wallraf. Doch die kolportierten Geschichten über seine Fähigkeit, Unmengen trinken und essen zu können sowie über seine gewaltige Köperkraft überstrahlen alles.
Bärenstark und immer hungrig
Die bekannteste Legende rund um Fressklötsch ist die Geschichte mit dem holländischen Käse: Als Lohn dafür, dass der bärenstarke Klütsch beim Entladen eines Schiffs aus Holland geholfen hatte, erhielt er ein ganzes Rad Käse. Auf dem Weg nach Hause passierte er die Zollgrenze der Stadt. Doch statt, wie vom Zöllner aufgefordert, den fälligen Steuersatz auf den Käse zu entrichten, setzte sich Fressklötsch ganz entspannt an den Wegesrand und fing an, unter den Augen der Grenzbeamten den Käse zu verspeisen. Als dieser restlos verputzt war, setze Klütsch ungerührt seinen weg in die Stadt fort. Ohne auch nur eine Taler Zoll zu bezahlen.1Andere Zeitgenossen war bei der Vermeidung der fälligen Zollsätze etwas raffinierter, wie die Geschichte von Bolze Lott beweist.
Wieviel Wahrheit in dieser Legende liegt bleibt offen. Genau wie die Geschichte, als Fressklötsch sich mit einem französischen Soldaten angelegt hatte. Dieser hatte darauf bestanden, dass Klütsch, wie vorgeschrieben, ohne Zigarre im Mund an ihm vorbeilaufen sollte. Klütsch sah das ganz anders, packte den Besatzungssoldaten, stellte ihn in sein kleines Wachhäuschen und setzte Soldat samt Wachhaus so nah an die Kaimauer des Rheins, dass der Soldat schlichtweg nicht mehr aus seinem Häuschen kam, ohne in den Fluß zu fallen.
Überhaupt hatte Johann Arnold Klütsch es so gar nicht mit den Franzosen. Angetrunken beobachtete er, wie in der Trankgasse französische Kanonen von einem Pferdefuhrwerk abgeladen wurden. Der bärenstarke Klütsch fackelte nicht lange und schnappte sich eine der Kanonen und lief damit schnell weg. Schnell wurde klar, dass in Köln nur Fressklötsch in der Lage wäre, solche Gewichte einfach fortzutragen. Doch in dem eilig anberaumten Gerichtsprozess wurde Klütsch freigesprochen, weil es Richter und Geschworene nicht für möglich hielten, dass ein einzelner Mann ein „1.000 Pfund schweres Geschützrohr“ stehlen könnte. Hocherfreut über den Freispruch schnappte sich Klütsch noch im Gerichtssaal das als Beweismittel herbeigeschaffte Kanonenrohr und verließ mit diesem unter dem Arm tänzelnd das Gebäude.
Kein tumber Vielfraß
Die legendären Geschichten um Fressklötsch beginnen bereits mit seiner Geburt: Je nach Quelle kursieren verschiedene Geburtsdaten. Gemäß seiner Todesanzeige wäre Klütsch am 23. Februar 1775 geboren. Im Kirchenbuch seiner Pfarre wird das Geburtsjahr mit 1778 angegeben, auch gemäß der Heiratsurkunde wäre er Jahrgang 1778. Egal welcher Quelle man traut: Als Klütsch am 29. November 1845 starb, hatte er mit mindestens 67 Jahren, vielleicht sogar 70 Jahren, ein fast schon biblisches Alter erreicht. Statistisch gesehen betrug im 19. Jahrhundert die durchschnittliche Lebenserwartung für Männer etwas mehr als 35 Jahre.
Bei seiner Hochzeit am 13. April 1804 fehlt auch seine Unterschrift unter der Urkunde. Stattdessen wurde dort vermerkt „Ehegatte erklärt, er könne nicht schreiben.“ Packt man diese Information mit den erzählten Legenden über Fressklötsch zusammen, ergibt sich das Bild eines tumben, übermäßig gefräßigen Menschen.
Doch je mehr man über Johann Arnold Klütsch erfährt, desto mehr erkennt man, dass dieses Bild trügt. Tatsächlich war er ein angesehener Bürger und Geschäftsmann. Im Jahr 1804, zum Zeitpunkt der Heirat, war Klütsch Abdecker und handelte mit Fleischabfällen. Doch dann lernte er Schreiben und Lesen und wurde Altrüscher.2Altwarenhändler Er lernte den Gelehrten und in der Oberschicht verkehrenden Franz Ferdinand Wallraf kennen und durch ihn auch den Blick auf wertvolle Antiquitäten. So wurde aus dem Altwarenhändler Klütsch der Antiquitätenhändler Klütsch mit einem so hervorragenden Ruf, dass er sogar als Taxator für die Stadt Köln den Wert von Antiquitäten feststellte.
Fahnenstange der 2. Compagnie des Pompiers-Corps. Klütsch war Sous-Chef dieser Compagnie, Bild: Nicola, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons
Wegbereiter der Feuerwehr
Dank seiner Freundschaft zu Ferdinand Franz Wallraf, einem der Mitbegründer des „Festordnenden Comités“3Welches später zum heute noch existierenden Festkomitee des Kölner Karnevals werden sollte. war Fressklötsch im Jahr 1823 ganz eng an dem Kreis von Menschen, welcher den Kölschen Karneval wiederbeleben sollte. In einem späteren Rosenmontagszug soll es Klütsch gewesen sein, der dank seiner Bärenkräfte als einziger in der Lage war, die aus dem Stadtmuseum geliehene Rüstung des Jan von Werth den ganzen Zug über tragen zu können.
Ebenfalls machte er sich einen Namen beim Aufbau der Freiwilligen Feuerwehr. Stolz trug der den Titel „Sous Chef der 2. Compagnie des Pompiers-Corps“.
Gemäß dem Totenzettel Johann Arnold Klütsch nachempfunden, Original: Historisches Archiv der Stadt Köln
Für die damaligen Verhältnisse hochbetagt verstarb Johann Arnold Klütsch im Alter von 67 – oder 70 Jahren – am 29. November 1845 an einer Unterleibsentzündung, welche wohl ein Lungenödem hervorgerufen hatte. Sein Totenzettel besagt, dass es sich um einen „wohlachtbaren Herrn“ gehandelt hätte.
Und das ist ein schöneres Vermächtnis als „nur“ als Kraftprotz und Vielfraß in die Geschichte einzugehen.
Die „Römische Hafenstraße“ in Köln, Bild: Uli Kievernagel
Fast im Schatten des Doms, unmittelbar neben dem Römisch-Germanischen Museum, liegt die „Römische Hafenstraße“ – eine vermeintlich antike Straße. Diese Straße hat es im Bewertungsportal „TripAdvisor“1Auf TripAdvisor können Menschen Sehenswürdigkeiten, Hotels, Restaurant etc. in aller Welt bewerten und kommentieren. auf immerhin 64 Bewertungen2Stand 12. August 2022 geschafft.
So hat Kerstin aus Andernach unter der Überschrift „Symbol des römischen Straßenbaus“ am 16.September 2018 über die „Römische Hafenstraße“ geschrieben:
„Damals wie heute halte ich es für unmöglich das diese Straße befahrbar war, selbst große Wagenräder sind bestimmt gebrochen, aber was solls, die Waren von und nach Köln kann man ja auch auf dem Rhein transportieren. Schön die Straße mal gesehen zu haben, Highheels gab’s bei den Römern wahrscheinlich nicht.“
Auch Ulrich aus Köln ist skeptisch. Sein Eintrag vom 24. Juli 2016 lautet:
„Kaum zu glauben, dass die Römer mit Pferdekarren über diese grobschlächtige Straße über hunderte Kilometer gereist sind. Sehr beeindruckend zu sehen.“
Und beide haben recht! Steht man vor den groben Quadern der Straße, fällt es schwer zu glauben, dass hier einst Pferdekarren drüber rumpelten. Der Achsbruch ist nach wenigen Metern garantiert und das die Karre ziehende Pferd würde nach ein paar weiteren Metern wegen massiver Verletzungen als Sauerbraten auf den Tellern der umliegenden Restaurants landen.
Das Römische Straßennetz
Das gesamte Römische Imperium beruhte auf einer extrem gut ausgebauten Infrastruktur. Die etwa 100.000 Kilometer Fernstraßen waren gut organisiert, es gab sogar eine Beschilderung mit Kilometersteinen zur Orientierung. Die Colonia Claudia Ara Agrippinensium (CCAA), unser heutiges Köln, war als Hauptstadt der Provinz Niedergermanien ein besonders wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Hier liefen drei große Fernstraßen zusammen:
Die „Via Belgica“, heute Aachener Straße, führte bis Boulogne-sur-Mer an die Kanalküste, von dort ging es per Schiff weiter nach Britannien.
Die „Agrippa-Straße“, heute Luxemburger Straße, führte bis nach Lugdunum, dem heutigen Lyon.
Die „Limes-Straße“, heute die Achse Neusser Strasse-Eigelstein-Bonner Straße, führte von den Alpen bis an die Nordsee.
Das römische Köln im 3. und 4. Jahrhundert in einem Schaubild des Römisch-Germanischen Museums. Gut zu erkennen: Der „Cardo Maximus“, heute die Hohe Straße, und in Ost-West-Richtung der „Decumanus Maximus“, heute die Schildergasse, Bild: Nicolas von Kospoth
Die Straßen in der CCAA waren, typisch für römische Siedlungen, nach einem Schachbrettmuster angelegt. Durch diese rechtwinklig zueinander laufenden Straßen führten zwei Hauptachsen. Einmal in Nord-Süd-Richtung der „Cardo Maximus“, heute die Hohe Straße, und in Ost-West-Richtung der „Decumanus Maximus“, heute die Schildergasse.
In diesem Schachbrettmuster würde man die „Römische Hafenstraße“ vergeblich suchen. Schlichtweg weil es sie so nicht gab.
Eine „echte“ Römerstraße, hier die Via dell’Abbondanza im Pompeji, Bild: Ralf Drechsler
„Die Straße, die keine ist“
In einem lesenswerten Artikel der Kölschgänger von Ramona Krippner wird diese Straße als „Die Straße, die keine ist“ bezeichnet. Und das trifft den Nagel auf den Kopf! Denn diese Straße gab es nie – zumindest nicht an dieser Stelle.
Tatsächlich wurde diese Straße 1969/1970 bei Bauarbeiten zur Errichtung der Domplatte und der darunter liegenden Tiefgarage entdeckt. Damals lag diese Straße noch etwa sechs Meter versetzt nach Norden – und mitten in der Einfahrt der Tiefgarage.
„Nä – dat wör doch schad drum. Die Stroß künne mer doch nit fottschmieße.“ haben sich die Verantwortlichen gedacht. Und tatsächlich passt das Stück antiker Straße perfekt zum gleich nebenan liegenden Museum. Das Problem war aber, dass sich die Straße exakt in der Einfahrt der Tiefgarage befand. Und dort konnte sie unmöglich verbleiben. Was also tun? Schnell wurde entschieden, ein etwa 33 Meter langes Teilstück der Straße schlichtweg ein paar Meter nach Süden zu versetzen, auf den kleinen freien Platz neben dem Museum. Problem gelöst: Et kütt wie et kütt!
Die markierten Steine der „Römischen Hafenstraße“ vor dem Regen, Fotograf: unbekannt
Die kölsche Variante einer römischen Straße
Sogleich ging man an die Arbeit, markierte die Steine mit Nummern, um diese auch exakt so wieder zusammensetzen zu können. Danach wurden die Steine auf Paletten gelegt – und erstmal Feierabend gemacht.
Am nächsten Morgen war die Bestürzung groß: In der Nacht hatte es geregnet. Zum Schutz der Steine wurden die Nummern mit Kreide markiert. Allerdings sind Kreide und ausgiebiger Regen keine gute Kombination. Das Ergebnis: Alle Nummern waren abgewaschen und niemand konnte mehr sagen, wie das Puzzle aus Hunderten von Steinen zusammengesetzt werden sollte.
Und da kam der kölsche Pragmatismus ins Spiel: „Dat is doch ejal. Wie su en römisch Stroß ussjesinn hat, kann doch hück keiner mieh saare.“ So wurde die Straße in der kölschen Variante wieder aufgebaut: Riesige Fugen, extrem uneben, nicht befahrbar und nur sehr eingeschränkt begehbar. Ävver: Et hätt noch immer joot jejange.
Römische Baumeister, die immerhin Arenen für bis zu 50.000 Besucher, ein gigantisches Straßennetz quer durch Europa oder Wasserleitungen mit einem perfekt ausgetüftelten Gefälle über hunderte von Kilometern gebaut haben, würden über diese Straße nur den Kopf schütteln.
Sanierung des Museums als Hoffnungsschimmer
Es bleibt die Hoffnung, dass man sich mit der umfassenden Sanierung des Römisch-Germanischen Museums, welche bis 2026 abgeschlossen sein soll, auch der „Römischen Hafenstraße“ annimmt und diese noch einmal neu verlegt.
Dann würde auch Artikel 5 des „Kölschen Grundgesetzes“ gelten:
„Et bliev nix wie et wor.“
Der Musikant Arnold Wenger, bekannt als Fleuten-Arnöldche, auf dem Karl-Berbuer-Brunnen Bild: Uli Kievernagel
Eine Kölner Schankstube in den in 1860er Jahren: Eine ganze Schänke voller fröhlicher Zecher, jeder einen vollen Becher Bier vor sich und in der Ecke steht ein kleingewachsener, pausbäckiger Mann und spielt auf seiner Flöte. Der kleine Mann mit der Flöte ist Arnold Wenger, in Köln aber als „Fleuten- Arnöldche“ bekannt:
„In der Wirtsstube herrscht reges Leben und fast sämtliche Tische sind besetzt. Es sind nur Kölner in der Wirtsstube, Fremde sieht man nicht und man hört auch keinen fremden Dialekt; die Leute sprechen alle kölsch. … Die einzelnen Gruppen sind in lebhafter Unterhaltung begriffen, und es geht ziemlich laut dabei zu. … Doch plötzlich bemerkt man ein Getuschel an den Tischen, die Gäste stoßen sich an und aller Augen sind auf die Türe gerichtet, wo eben ein neuer Gast mit einer langen Flöte unter dem Arm hereingetreten war. Gleich am ersten Tisch wurde „Fleuten-Arnöldchen“, das war der neue Gast, festgehalten und herzlich begrüßt. Er bekam ein Glas Bier, das er in einem Zuge leerte, und dann blies er ein Stück auf seiner Flöte, während der Zappjung sein Glas wieder füllte.“1 Heinz Sartorius, ein Zeitzeuge, zitiert nach Reinhold Louis: Kölner Originale, Greven Verlag 1985, Seite 136
Gasthäuser, Flöte und der Alkohol bestimmen das Leben vom Flöten Arnöldche
Diese eindrucksvolle Schilderung beinhaltet fast alles, was das Leben von Arnold Wenger, genannt Fleuten-Arnöldche, auszeichnete: Geselligkeit, Gasthäuser, Flöte spielen und viel Alkohol. Wenger wurde am 12. Februar 1836 in Köln geboren. Sein Geburtshaus lag in der Sankt-Apern-Straße, unweit vom Römerturm. Und genau hier beginnt auch der Aufstieg und Fall des kölschen Musikanten.
Sein Vater betreibt eine Weinstube, so der frühe Zugang des jungen Arnold zum Alkohol. Außerdem ist der Vater ein talentierter Musiker, der Wert darauf legt, dass sein Sohn Noten lesen und ein Instrument, in diesem Fall Querflöte, zu spielen erlernt. Alkohol und Flöte – die Grundlagen des späteren Lebens vom Fleuten-Arnöldche wurden somit schon in frühester Kindheit gelegt.
Arnold Wenger, ermuntert vom Applaus der Zecher in der väterlichen Weinstube, beschließt, seinen Lebensunterhalt mit Musik zu bestreiten. Dabei hätte er auch die Begabung gehabt, in einem Orchester zu spielen. Allerdings entscheidet sich das Fleuten-Arnöldche dazu, als Straßenmusikant sein Geld zu verdienen. Eine fatale Entscheidung.
Er zieht mit seiner Flöte durch die kölschen Gaststuben. Der sanfte, gutmütige Flötenspieler war durchaus beliebt, und die Gäste in den Kneipen schätzten sein Flötenspiel. Seinen Lohn erhält er regelmäßig in flüssiger Form. Bis in die 1870er Jahre ging das auch noch halbwegs gut. Die Kölner Marktfrauen, eigentlich eher schroffe Naturen, schlossen den kleine Arnold ins Herz und versorgten ihn regelmäßig mit etwas zu essen – und auch zu oft mit Getränken.
Doch obwohl Fleuten-Arnöldche ein durchaus geübter Zecher war, kam es immer öfter zu „Totalausfällen“ und die Polizei musste den Trinker immer öfter von der Straße aufsammeln.
Ironie des Schicksals: Zwei Kölsche Originale begegnen sich – aber unfreiwillig
Ab 1875 eskalierte die Situation. Der völlig verwahrloste Wenger, übersät mit Eiterpusteln und gehüllt in schäbige, stinkende Kleidung, wurde in die Arbeitsanstalt Brauweiler eingewiesen. Er bekam keinen Alkohol und musste tatsächlich zum ersten Mal in seinem Leben körperlich arbeiten.
Genau hier kreuzen sich die Lebenswege zweier Kölscher Originale: Genau wie das Fleuten-Arnöldche ist auch das Kölsche Original Heinrich Peter Bock, besser bekannt als „Maler Bock“, in den 1870er Jahren ebenfalls unfreiwilliger Insasse in Brauweiler. Die beiden sind sich in ihrer tiefen, gegenseitigen Ablehnung einig: Der Bohémien Bock moniert, dass der eher einfältige Wenger ihm den Respekt verweigert und ihn mit „du“ anspricht. Arnold Wenger ist der abgehobene Lebemann Bock mit seiner oft gestelzten Sprache zuwider.
Et Fleuten-Arnöldche, Bild: rs-bierdeckel.de, Reinhold Schäfer
Unverhoffte Erbschaft von 6.000 Mark
Doch das Fleuten-Arnöldchen hatte Glück. Er erhielt eine unverhoffte Erbschaft in Höhe von 6.000 Mark. Dieses Geld versetzte ihn in die Lage, mit der Stadt Köln einen Vertrag auszuhandeln: Er zahlte die gesamte Erbschaft an die Stadt, diese verpflichtete sich im Gegenzug dazu, ihm zeitlebens eine Unterkunft zu bieten und ihn zu verpflegen.
So zog Fleuten-Arnöldche im November 1875 in das Bürgerhospital am Neumarkt. Doch auch hier konnte es der alkoholabhängige Wenger nicht lange aushalten. Sein geringes Taschengeld setzte er umgehend in Schnaps um. Mit den bekannten Auswirkungen. Daher wurde Arnold Wenger bereits ein Jahr später in die Krankenanstalt Lindenburg verlegt. Und hier gelang es den Ärzten und Therapeuten, den kranken Arnold Wenger wieder aufzubauen.
Und alle, die das Fleuten-Arnöldchen bereits abgeschrieben hatten, wurden eines Bessern belehrt. Der dank seiner Erbschaft als „Pensionär 1. Klasse“ geführte Wenger blühte regelrecht auf. Und auch seine Flöte kam wieder zu Ehren. Regelmäßig sonntags spielte das Fleuten-Arnöldche für alle in der Lindenburg. Und bekam dafür seinen verdienten Applaus.
So konnte Arnold Wenger seine letzten Lebensjahre zufrieden und – zumindest in der Lindenburg – geachtet verbringen, bis er am 25. Oktober 1902 dort an einem Kehlkopfleiden verstarb. Er wurde 66 Jahre alt – bei seinem Lebenswandel ein durchaus bemerkenswertes Alter.
Das „Fleuten-Arnöldche“ als Sgraffito (Hauswand Alte Wallgasse 27-29), Bild: Sebastian Löder / CC BY 4.0
Flöte wird 2019 wiederentdeckt
Seine Flöte vermachte das Fleuten-Arnöldche dem Kölner Heimatverein. Von dort aus gelang das Instrument zum Kölnischen Stadtmuseum. Und geriet in Vergessenheit. Erst bei Aufräumarbeiten im Archiv im Jahr 2019 entdeckten Mitarbeiter des Museums die Flöte, die sich noch im Originalkarton befand.
Und die irgendwann, wenn das Museum in den am Roncalliplatz geplanten Neubau einzieht, erhält die Flöte des Kölner Originals Fleuten-Arnöldche mit Sicherheit einen Ehrenplatz.
Em Himmel es d´r Düvel loss
Da wäre ich auch gerne irgendwann mal mit dabei! In dem bekannten Schunkel-Walzer „Un et Arnöldche fleut“ von Karl Berbuer treffen sich die ganzen Kölner Originale im Himmel und feiern Karneval. Selbstverständlich mittendrin: Arnold Wenger mit seiner Flöte.
Un et Arnöldche fleut, un d´r Herrgott hät sing Freud, und d´r Ostermanns Will dä sing so schön, es quietschen däm Palm sing Urgelstön, un et Arnöldche fleut, un dr Herrgott hät sing Freud, un der Läsche Nas ehr as wed nass, weil Kölle nit unger geiht.
Der Kölner Dom und die DITIB-Zentralmoschee Köln, Bild Kölner Dom: KölnTourismus GmbH, Andreas Möltgen, Bild Moschee: Raimond Spekking
Äußerst ungewohnte Töne schallten durch den Dom: „Allahu akbar“ („Gott ist groß“) hieß es. Und Gläubige rollten ihre Gebetsteppiche in einem Seitenschiff der Kathedrale aus und beteten. Dass es sich dabei nicht um das übliche Publikum eines katholischen Sonntagsgottesdiensts handelte, ist offensichtlich.
Tatsächlich beteten am 3. Februar 1965 mehrere Hunderte Muslime im Kölner Dom. An diesem Tag endete der Fastenmonat Ramadan. Das Ende des Ramadan feiern die Muslime mit einem dreitägigen Fest. Dazu gehört auch das feierliche Gebet. Das Problem aber war: Es gab keine geeignete Moschee für die Gläubigen.
Kardinal Josef Frings war Gegner dieser Aktion
So gab es eine Absprache, dass die Gläubigen ihre Gebetsteppiche im Dom ausrollen durften. Doch dieses Gebet der Muslime in dem katholischen Gotteshaus war durchaus umstritten. Denn die Zusage für diese Aktion wurde nur von einem einzelnen Mitglied des Domkapitels gegeben.1Das Domkapitel ist das oberste Leitungsgremium des Doms und besteht aus Dompropst, Domdechant, zehn residierenden und vier nichtresidierenden Domkapitularen. Die nichtresidierenden Kapitulare sind Geistliche des Erzbistums Köln mit Priester- oder Bischofsweihe, von denen einer möglichst der Bonner KatholischTheologischen Fakultät angehören soll. Die residierenden Domkapitulare sind für die Gestaltung der Gottesdienste, den Erhalt des Domes und die Verwaltung des Vermögens verantwortlich.
Norbert Feldhoff, Kölner Domprobst von 2004 bis 2015, Bild: Raimond Spekking
„Sicher ist aber, dass das Domkapitel nachträglich die Entscheidung mitgetragen hat“, so der ehemalige Domprobst Norbert Feldhoff. Übrigens war der damalige Kölner Erzbischof Kardinal Josef Frings gegen dieses Gebet in der christlichen Kirche, so Feldhoff.
Einmaliges Ereignis – Dom jetzt eine Moschee?
Bleibt die Frage, ob es rechtens war, den Dom zu einem muslimischen Gebet zu öffnen. Auf der einen Seite hatte das gerade erst beendete Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) ausdrücklich den Respekt gegenüber dem Islam bekundet. Es gab sogar eine Empfehlung, dass die Bistümer den Muslimen Räume zur Verfügung stellen sollten.
Auf der anderen Seite wurden hier ausdrücklich Kirchen und Kapellen ausgenommen, weil Kruzifixe, Bilder und Statuen für Muslime ein Ärgernis sein könnten. Für die Gläubigen, die im Februar 1965 im Dom beteten, stellte dies wohl kein Problem dar. Ganz im Gegenteil: Entsprechend des islamischen Gebots, auch für Gotteshäuser zu spenden, bedankten sich die Betenden, indem sie nach dem Gebet großzügig für den Erhalt des Doms spendeten.
Trotzdem blieb diese Aktion ein einmaliges Ereignis, auch wenn die Kölnische Rundschau dieses besondere Gebet als „Tag, der Religionsgeschichte gemacht hat“ bezeichnete. Denn nach dem Verständnis bestimmter muslimischer Gruppen, so Norbert Feldhoff, gehen Räume, in denen einmal gebetet würde, in ihr Eigentum über. So könnte man den Dom seit diesem Tag im Februar 1965 auch als Moschee bezeichnen.
Debatte über den Muezzin-Ruf in Köln
Heute gehen die Meinungen über die Religionen weit auseinander, wie die zum Teil hitzig geführte Debatte über den Muezzin-Ruf zeigen: Die Stadt erlaubt in einem auf zunächst zwei Jahre befristeten Modellprojekt, dass der Gebetsruf zum Gebet am Freitag zwischen zwölf und 15 Uhr erschallen darf.
Die Kommentare in den sogenannten „Sozialen Medien“ zeigen die ganze Bandbreite: Von der „Islamisierung des Abendlands“ bis „Wenn einer religiösen Krach machen darf, dürfen es alle anderen auch.“ sind alle Meinungen vertreten.
Ich halte es da eher mit dem Kölschen Grundgesetz,
Artikel 3: „Et hätt noch immer jot jejange.“
Der Kalender der Kulturen
Andere Religionen besser verstehen
Um andere Religionen – und auch die eigene Religion – besser zu verstehen, lohnt sich ein Blick in den „Kalender der Kulturen“. Dieser Kalender erklärt die wichtigsten Feiertage. So erfährt man nicht nur, wann das jüdische Laubhüttenfest gefeiert wird, sondern auch, wann Holi gefiert wird und was es mit Fronleichnam auf sich hat.
Das Richter-Fenster am Kölner Dom, Bild: Raimond Spekking
Kardinal Meissner: Richter-Fenster passt eher in eine Moschee
Kardinal Meissner (1933 – 2017) hatte dem wunderschönen und vielbeachteten Richter-Fenster schnell attestiert, dass dieses „eher in eine Moschee oder ein anderes Gebetshaus“ passen würde, aber nicht in eine gotische Kathedrale.
Aber da hatte der „Gottesmann“ Meissner eindeutig Unrecht: Rund 80 Prozent aller Besucher im Dom sind von dem Richter-Fenster begeistert.
Ein „Cul de Paris“, hier auf einem Bild von Renoir, ist ein extrem ausladender Reifrock, welcher sich hervorragend eignet, darunter Schmuggelgut zu verstecken.
Es muss ein ganz besonderer Anblick gewesen sein, der sich den Kölner Zöllnern etwa um das Jahr 1850 geboten hat: Eine Frau, kaum noch Zähne im Mund, aber gekleidet nach der neuesten Mode mit einem extrem ausladenden „Cul de Paris“, watschelt schwerfällig über die Deutzer Schiffsbrücke. Dabei verdeckt der ausladende Reifrock mit der starken Überbetonung des Hinterteils nicht nur den Frauenkörper, sondern auch mehrere Pfund Mehl und Speck, welche die Dame unter ihrem Rock versteckt an den Beamten vorbei in das linksrheinische Köln schmuggelt.
Die Zöllner hatten eindeutig Respekt vor dieser ganz besonderen Gestalt, die da über die Brücke kam. Handelte es sich doch um niemand geringeres als Scholastika Steinhausen, geb. Bolz. In Köln besser bekannt als „Bolze Lott“ und der Schrecken eines jeden Zollbeamten. Denn jede Leibesvisitation wird von der Dame lautstark und mit Worten, die selbst einen Bierkutscher rot werden lassen, als Grabscherei bezichtigt und die Zöllner als Föttchesföhler verunglimpft. Dabei wollten die Beamten nur ihrer Aufgabe nachgehen und die im Jahr 1856 neu eingeführte Mehl- und Schlachtsteuer einziehen.
Bolze Lott lebte in einer rauen Welt
Geboren wurde Scholastika Lott (lat. scholastica „die Lernende) am 8. Dezember 1825 in der Kostgasse am (heutigen) Breslauer Platz. Zu Zeiten der Bolze Lott wurde die Straße Kotsgasse (von „kut“ für Innereien) genannt, weil hier Metzger Eingeweide und Abfälle des Schlachtviehs verarbeiteten. Eine raue Gegend, in der sich Bolze Lott aber durch ihr vorlautes Mundwerk durchzusetzen wusste.
Ihr Eheglück – im Jahr 1846 heiratet sie den Rhingroller1Rhingroller waren billige Tagelöhner, die die Rheinschiffe mit reiner Muskelkraft be- und entladen mussten. Johann Friedrich Steinhausen – währte nur sehr kurz. Der bekannte Schläger und Raufbold Steinhausen muss noch während der Flitterwochen ins Gefängnis und stirbt kurz darauf. So ist Bolze Lott bereits mit 22 Jahren Witwe und muss alleine für ihren Lebensunterhalt sorgen.
Karriere als gewiefte Schmugglerin
Als „Käätzemöhn“ verkauft Bolze Lott vor den Kirchen Kerzen an Gläubige – inklusive dem Service, diese Kerzen auch aufzustellen und anzuzünden. Um das Geschäft etwas lukrativer zu machen, „vergisst“ sie regelmäßig, die Kerzen auch tatsächlich in der Kirche aufzustellen. Als sich das herumspricht, bleiben die Kunden aus.
Wie gut für Bolze Lott, dass ab 1856 zwei Dinge zusammenkommen: Die neue Steuer für Produkte aus dem Rechtsrheinischen und die Mode der ausladenden Röcke. So verdient sie sich als Schmugglerin ihren Lebensunterhalt.
Die listige Lotte wurde so der Albtraum der Zöllner. Denn sie verstand es auch ohne Schmuggelgut unter dem Reifrock, so zu gehen, als ob sie einen Zentner Mehl und ein halbes Schwein darunter verstecken würde. Die dann fälligen Kontrollen der Zöllner konterte die Dame lautstark als unsittliche Berührung. So waren sich die Zöllner nie sicher, ob die als Schmugglerin bekannte Bolze Lott jetzt gerade tatsächlich schmuggelte oder die Zöllner nur aufs Glatteis führen wollte. Die Beamten wurden immer unsicherer: Manche vergebliche Leibesvisitation endete in einer wüsteten Schlägerei, immer aber in üblen Beschimpfungen durch Bolze Lott, die sich vor den herbeieilenden Bürgern, davon viele selber als Schmuggler unterwegs, als unschuldiges Opfer darstellte.
Et Bolze Lott, Bild: rs-bierdeckel.de, Reinhold Schäfer
Abschaffung der Steuer beendet Schmuggelei der Bolze Lott
1874 wurde die Mehl – und Schlachtsteuer abgeschafft. Und Bolze Lott musste sich ein neues Betätigungsfeld für ihren Lebensunterhalt suchen. So verkaufte sie in einem Bauchladen Kerzen, Heiligenbildchen und anderes Jedöns vor Kirchen, an Wallfahrtsorten oder auf den umliegenden Kirchweihfesten.
Doch auch hier stand ihr ihr loses Mundwerk oft im Weg. Kunden, die nicht sofort kaufen, sondern zunächst nur schauen wollen, werden übel beschimpft. Auf einer Kirmes beleidigt sie den örtlichen Geistlichen, der ebenfalls nichts für ihren Tand übrig hat, mit den Worten „Paafgott – Raafgott. Düvel. Halt der Sack op!“2„Pfaffengut – Raffgut, Teufel halt den Sack auf!“
Tod mit 76 Jahren im Jahr 1902
Erstaunlich, dass Bolze Lott das stolze Alter von 76 Jahren erreicht. Ihre letzten Jahre verbringt sie in einer Wohnung in der Große Spitzengasse, heute als Tel-Aviv-Straße ein Teil der Nord-Süd-Fahrt. Doch auch im hohen Alter sind ihre Schimpftiraden noch berüchtigt. Als sie einen herumziehenden Kesselflicker beleidigt, entgegnet dieser „Lott, ich krigge alles gefleck, nur ding Schnüß, do kann ich och nix mache.“
Scholastika Steinhausen, geborene Bolz, stirbt am 3. September 1902. Über ihren Tod schreibt der Arzt und Heimatschriftsteller Josef Bayer:
„Ob sie bis hart an der Pforte des Todes ihr wüstes Schimpfen fortgesetzt hat oder ob sie, als Freund Hein sie beim Schopfe nahm, zu guter Letzt doch noch Reu und Leid erweckte, ist nicht bekannt, denn man hat sie an dem genannten Tage entseelt im Bett gefunden.“
Eine „Dicke Trumm“ aus dem ganz besonderen Rosenmontagszug 1991, Bild: Raimond Spekking
Zur Zeit überrollen uns alle die Ereignisse: Als ich diesen Artikel am 19. Februar 2022 veröffentlicht hatte, hätte niemand daran gedacht, dass Putin nur fünf Tage später die gesamte Ukraine überfällt.
Das Festkomitee hat noch am 24. Februar 2022 sich entschieden, den eigentlich für das Stadion geplanten Zoch abzusagen. Stattdessen wird es eine Friedensdemo auf dem ursprünglichen Zugweg durch die Stadt geben. Und dann sind wie wieder wie im Jahr 1991, als aus dem abgesagten Zoch auch eine Demo für den Frieden wurde.
Alle aktuelle Infos zu der geplanten Rosenmontags-Friedensdemonstration findet ihr auf der Website des Festkomitees.
Bereits im August 1990 fallen die Truppen des irakischen Diktators Saddam Hussein in Kuwait ein. Die USA reagieren und setzen ein Ultimatum: Wenn bis zum 15. Januar 1991 kein Rückzug erfolgt, werden amerikanische Truppen angreifen. Da Hussein keine Reaktion zeigte, starteten die USA am 17. Januar 1991 die Operation „Desert Storm“, der Irak wurde bombardiert.
Die offiziellen Karnevalisten befinden sich in einem Dilemma: Darf man unter diesen Umständen Karneval feiern? Passt es, bunt, kostümiert und ausgelassen zu tanzen?1Fragen übrigens, die bei anderen Kriegen zuvor kaum eine Rolle für den offiziellen Karneval gespielt haben.
Das Festkomitee trifft eine halb/halb-Entscheidung: Festkomitee-Präsident Gisbert Brovot verkündete, dass der Sitzungskarneval und die Bälle durchgeführt werden sollen, der Straßenkarneval inklusive Rosenmontagszug aber abgesagt werde.
Das „Woodstock der Pappnasen“
Genau in diese Lücke, die das Festkomitee durch diese halb/halb-Entscheidung zum Karneval geschaffen hat, schlüpfen blitzschnell die alternativen Karnevalisten. Jürgen Becker, damals noch Präsident der Stunksitzung, erinnert sich: „Da entstand ein Vakuum. Da hieß es sofort in der Stunksitzung: In dieses Vakuum gehen wir rein, wir machen einen Wagen, wir machen einen Zug.“ Es werden Flugblätter gedruckt und in der Stadt verteilt. Dort lautet es:
Text eines Flugblattes zur „Escht kölschen Demonstration“ an Rosenmontag
Vögeln statt Schießen
Was dann passierte, konnte niemand vorhersehen: Am Aufstellplatz des Rosenmontagszugs2Anfang der 1990er Jahre war dieser noch in den Innenstadt Gereonsstraße/Christophstraße. standen etwa 3.000 Menschen bereit. Man zieht im dichten Schneetreiben los.
Während dieses Zugs schließen sich immer mehr Jecke dem Zoch an, die Polizei schätzt, dass insgesamt etwa 100.000 Menschen auf den Straßen unterwegs waren. Und diese Menschen stellten eine vorher und nachher nie mehr gesehene Mischung dar: Durch Kölns Straßen marschieren fröhlich und vereint alternative Karnevalisten, die diesen besonderen Zug als Demonstration verstehen und organisierte Karnevalsvereine, die einfach feiern wollen.
So laufen offizielle Mützenträger und Demonstranten gemeinsam den Zugweg entlang – mit Schildern wie „Vögeln statt Schießen“ oder „Nit scheeße – süht ehr dann nit, dat he Minsche stonn?“3Diese Aussage wird den kölschen Stadtsoldaten zugeschrieben, die sich Napoleons Truppen kampflos ergeben haben. oder der legendären „MAKE FASTELOVEND NOT WAR“-Trommel.
Wagen der Stunksitzung einziger Festwagen
Mittendrin ist das Team der Stunksitzung mit dem einzigen Festwagen dieses ganz besonderen Rosenmontagszugs unterwegs. Am Steuer des Treckers sitzt – sichtlich stolz – Jürgen Becker. Becker, der offensichtlich den Zugweg nicht exakt kennt, ist sich unsicher, welche Strecke er durch die Stadt nehmen soll.
Durch eine glückliche Fügung trifft er genau in diesem Moment zufällig auf der Straße Gisbert Brovot, den Festkomitee-Präsidenten. Und ausgerechnet Brovot, der gut drei Wochen vorher den Straßenkarneval offiziell abgesagt hat, antwortet auf die Frage von Jürgen Becker „Gisbert, wo ist denn jetzt der Zugweg?‘ völlig selbstverständlich: „Jung, jetzt fährste da lang!“
Vielleicht haben sich offizieller und alternativer Karneval nie näher gestanden als genau in diesem Moment.
„Mir klääve am Lääve“ ist die Hymne der seltsamen Session 1991 – und heute wieder topaktuell
Der 1991er-Rusdemondachszoch endete in der Kölner Südstadt, und die Bläck Fööss stimmten mit “Mir klääve am Lääve“ die Hymne dieses denkwürdigen Rosenmontags an.
Alles zu diesem Lied und der erstaunlichen Tatsache, dass dieses Lied nach 30 Jahren mindestens so aktuell ist wie bei der Veröffentlichung, gibt es hier: Kölsche Tön & ihre Geschichte: “Mir klääve am Lääve“.
Das Logo des Geisterzugs, Bild: Ähzebär un Ko e.V.
Wiederbelebung des „Geisterzugs“
Aufgrund des großen Erfolgs des spontanen 1991er-Zochs wurde der „Geisterzug“ im folgenden Jahr wiederbelebt. In Köln haben die Geisterzüge eine lange Tradition, auf der Website des Geisterzugs gibt es eine ausführliche Chronik.
Getragen vom Verein „Ähzebär un Ko e.V.“ geht dieser Zug seit 1992 jeweils Karnevalssamstag durch die Stadt. Anders als bei den traditionellen Zügen kann hier jeder Jeck ohne Anmeldung einfach ein Stück oder auch den ganzen Zug mitlaufen. Der Zugweg wird jedes Jahr neu festgelegt und richtet sich nach dem Motto des jeweiligen Jahres.
Liebesschlösser an der Hohenzollernbrücke, Bild: Patrick Köhler, Pixabay
Sogar die Sängerin Pink hat es getan: Im Mai 2013 hat sie ein pinkes Liebesschloss an der Hohenzollernbrücke aufgehängt. Graviert war dieses Promi-Schloß mit „Alecia, Carey & Willow“.1Alecia ist Pinks tatsächlicher Vorname, Carey ist ihr Mann und die gemeinsame Tochter heißt Willow. Anders als die vielen, vielen anderen Schlösser hing dieses Schloss noch nicht einmal 24 Stunden, bevor es gestohlen wurde.
So sollte es nicht sein – die Liebeschlösser auf der Brücke sind tatsächlich für die Ewigkeit gedacht. Das Procedere ist denkbar einfach: Paare kaufen ein Vorhangschloss, lassen es evtl. mit Namen oder Datum gravieren und bringen dies an der Brücke an. Wichtig ist, dass anschließend gemeinsam der Schlüssel in den Rhein geworfen wird. Somit kann das Schloss nicht mehr geöffnet werden und ist das Symbol für die immerwährende Liebe.
Die tatsächliche Anzahl der Schlösser kann nur geschätzt werden, Bild: Gerhard Kemme, CC BY 2.0
60 Tonnen Gewicht – kein Problem für die Hohenzollernbrücke
Wie viele Paare sich so ihrer Liebe versichert haben, ist unklar. Und somit kennt auch niemand die Anzahl der Liebesschlösser auf der Brücke. Schätzungen gehen von mindestens 750.000 Schlössern aus. Wirklich zählen ist unmöglich: Mangels Platz hängen die Schlösser auch übereinander. Deswegen werden auch schon alle möglichen Geländer, Straßenlaternen etc. rund um die Brücke mit den Schlössern zugehangen.
Mangels Platz hängen die Schlösser an der Hohenzollernbrücke mittlerweile übereinander, Bild: Norbert Bröcheler
So ein Schloss wiegt durchschnittlich etwa 80 Gramm. Geht man von 750.000 Schlössern aus, so bringen es diese auf ein Gesamtgewicht von etwa 60 Tonnen. Für die Hohenzollernbrücke ist das kein Problem – immerhin donnern hier Lokomotiven mit einem Gewicht von 80 bis 100 Tonnen drüber. Ein ICE bringt es bereits auf 450 Tonnen Gewicht. Und da täglich etwa 1.200 Züge über die Hohenzollernbrücke fahren, merkt die Brücke die zusätzlichen Kilos der Schlösser noch nicht einmal.
Problematischer ist tatsächlich die Aufhängung: So ist im Sommer 2014 ein Gitter auf einer Länge von 2,40 Metern zusammengebrochen. Daraufhin hat die Deutsche Bahn angekündigt, die Schlösser entfernen zu lassen. Doch dazu kam es nicht – zu sehr prägen diese bereits das Stadtbild. Anders als andere Städte hat Köln den touristischen Wert der Schlösser erkannt. Liebespaare kommen eigens in die Stadt, um ein Schloss aufzuhängen, und kein Tourist verlässt die Domstadt, ohne mindestens ein Foto der bunten Schlösser gemacht zu haben.
Paris lässt Schlösser entfernen
Ausgerechnet die französische Hauptstadt Paris, immerhin die Stadt der Liebe, sah das anders und ließ im September 2014 etwa 45.000 Schlösser von der Pont des Arts entfernen. Auch dort war ein Teil des Geländers unter der Last zusammengebrochen. Doch die Liebe lässt sich nicht aufhalten, heute hängen die Schlösser in Paris an der Passerelle Léopold-Sédar-Senghor oder am Pont de l’Archevêché.
Liebesschlösser im ungarischen Pécs, Bild: vikkvakk, CC BY-SA 4.0
Andere prominente Liebeschloss-Hotspots sind die Kettenbrücke in Bamberg, die Forth Road Bridge in Edinburgh oder die speziell im Spieler- und Hochzeitsparadies Nevada (USA) eingerichtete „Lover’s Lock Plaza“. Und gefühlt hängt mittlerweile an jeder beliebigen Brücke ein Liebesschloss.
Auch an der Hängeseilbrücke „Geierlay“ bei Mörsdorf im Rhein-Hunsrück-Kreis hängt ein einsames Liebesschloss, Bild: Franz-Josef Knöchel
Ursprung des Brauchs in Italien
In Köln wurden die ersten Schlösser etwa 2008 aufgehängt, doch der Brauch ist viel älter, wobei die genaue Herkunft unklar ist.
Am wahrscheinlichsten ist die Vermutung, dass Studenten in Florenz die ersten Schlösser aufgehängt haben. Mit ihrem Examen benötigten sie die bis dahin für ihre Spinde verwendeten Vorhangschlösser nicht mehr und befestigten diese an einem Gitter des Ponte Vecchio.
Heute sollte man insbesondere in Italien genau prüfen, ob es erlaubt ist, ein Liebeschloss aufzuhängen. So kostet das illegale Anbringen eines solchen Schlosses auf der Rialto-Brücke in Venedig ein Bußgeld von 3.000 Euro. Aber auch in Berlin wird man mit vergleichsweise moderaten 35 Euro an einigen Brücken zur Kasse gebeten, wenn man sich der ewigen Liebe per Vorhangschloss versichern will.
An der Brooklyn-Bridge in New York sind die Liebessschlösser nicht gerne gesehen. Es drohen 100 Dollar Strafe, sollte jemand ein Schloss dort aufhängen, Bild: Holger Heckmann Frankfurt, CC BY-SA 4.0
„Schenk mir dein Herz“ von den Höhnern
Natürlich wurde in Kölle auch flott ein Lied über den Brauch geschrieben. Die Kölner Band Höhner hat bereits 2009 das Lied „Schenk mir dein Herz“ veröffentlicht. Dort lautet es:
Es ist ein neuer Brauch´, er bringt uns beiden Glück so ein Schloss kann jeder seh’n. Und der Dom gibt Acht darauf, Züge kommen und geh’n, Ich schliesse unser Schloss am Brückengitter an und es ist doch nicht allein. Gemeinsam werfen wir den Schlüssel in den Rhein hinein.
Eine sehr schöne Version [Schöner als das Original – SORRY, liebe Höhner.] dieses Liedes hat Cat Ballou im Rahmen des „Kölschen Tauschkonzerts 2022“ veröffentlicht.
Sylvia & Günter haben während einer meiner Stadtführungen ein Liebesschloss aufgehängt, Bild: Monika Becker
Und wenn ihr jetzt auch ein Schloss auf der Hohenzollernbrücke anbringen wollt, plant genug Zeit für die Suche nach einem freien Platz. Und werft in jedem Fall den Schlüssel in den Rhein! Macht es nicht so wie mein ehemaliger Arbeitskollege Klaus – ein Schwabe. Der hat den Schlüssel mit den Worten „Kosch ja no einmol gbraucha.“2Kann man ja noch einmal gebrauchen. mit nach Hause genommen.
Ich kann euch aber versichern: Der Liebe zwischen Klaus und Petra hat es nicht geschadet.
Der Heilige Nikolaus, hier auf einer russischen Ikone, Bild: Aleksa Petrov, Public domain, via Wikimedia Commons
Es ist Februar im Jahr 1347. Köln versinkt im Hochwasser. Der Rhein hat mal wieder seine Kraft ausgespielt und Köln in den Fluten versinken lassen. Wochenlang steht das eiskalte Wasser in den Gassen der Stadt, Krankheiten und Mutlosigkeit breiten sich aus.
Die Kölner beten den Himmel und sämtliche Heilige an. Es gibt Prozessionen zum Heiligen Severin, um Hilfe bei der Flut zu erhalten. Doch vergeblich. Das Wasser steigt und steigt, Gebäude stürzen ein und Menschen ertrinken in den Wassermassen.
In diesen Zeiten größter Not erinnert sich ein Fischer an den Heiligen Nikolaus. Seine Idee: St. Nikolaus als Schutzheiliger der Seefahrer und Binnenschiffer könnte ja auch bei dieser, durch Wasser ausgelösten, Notlage helfen.
Die Abteikirche St. Nikolaus der Abtei Brauweiler, Bild: Raimond Spekking
Finger des Heiligen Nikolaus in der Abtei Brauweiler
Wie gut, dass in der nahgelegenen Abtei Brauweiler eine Reliquie des Nikolaus zu finden ist: Zur Grundsteinlegung der Abtei im Jahr 1024 hatte Papst Benedikt VIII. einen Finger des Heiligen Nikolaus gestiftet. Also fragte der Kölner Stadtrat in Brauweiler nach. Der Prior des Klosters zögerte nicht und brachte höchstpersönlich die Reliquie nach Köln.
In der vom Wasser durchfluteten Stadt wurde er bereits sehnsüchtig von den Kölnern erwartet. Bereits am Hahnentor standen die Gläubigen, um den Prior samt heilsbringenden Finger gebührend zu empfangen. Betend und singend zog die Menge mit Prior und Reliquie bis zum Malzbüchel. Dort, wo heute das Brauhaus zur Malzmühle residiert, stand das Wasser hoch in den Gassen.
Und mittendrin stand die kleine Elze, Tochter des Konrad von Lyskirchen. Gerade mal elf Jahre alt. Ein kleines Kind, erschrocken von den Vorgängen. Da entschied sich der Prior von Brauweiler, dem kleinen Kind die Verantwortung für die Reliquie zu übergeben. Sein Kalkül: Ein kleines, unschuldiges Kind wäre wohl am ehesten dazu geeignet, den Heiligen dazu zu bewegen, der Stadt zu helfen.
So drückte der Prior der völlig verdutzten Elze die Reliquie in die Hand. Mutig schreitet das Kind den Fluten entgegen bis sie mit beiden Füßen im kalten Rheinwasser steht. Zunächst leise, dann immer lauter singt sie „Kyrie eleison – Herr, erbarme dich!“ bis die ganze Menge in den Gesang einfällt. Hoch über den Kopf hält sie das Behältnis mit dem Finger des Heiligen Nikolaus. Und plötzlich zieht sich das Wasser zurück. Elze, eben noch bis zur Hüfte im Wasser, steht auf einmal nur noch in einer Pfütze. Das Wasser weicht zurück – zwei Tage später hat der Rhein sich vollends zurückgezogen. Der Heilige Nikolaus, bzw. sein Finger, hat die Stadt gerettet.
Finger des Heiligen Nikolaus wurde gestohlen
Heute könnte sich dieses Wunder leider nicht mehr wiederholen: Der Finger des Heiligen Nikolaus wurde aus der Abtei Brauweiler gestohlen. Im Juli 2020 stellte eine Putzkolonne fest, dass das Glas des Schaugefäßes der Reliquie zertrümmert war. Der hier aufbewahrte Finger des Heiligen Nikolaus war verschwunden. Der exakte Zeitpunkt des Diebstahls lässt sich nicht feststellen, da die Reliquie in ihrem Behältnis nur aus nächster Nähe zu sehen ist. Das Erzbistum Köln bestätigte im November 2021, dass die Reliquie bislang nicht wieder aufgetaucht ist.
Hoffen wir, dass der Finger vor dem nächsten großen Rheinhochwasser wieder auftaucht.
Fresko zu Ehren des Heiligen Nikolaus in St. Maria Lyskirchen. Auf der rechten Seite, etwa zwischen drei und fünf Uhr, rettet Nikolaus Seeleute in Seenot und wird somit zum Schutzpatron der Seefahrer und Binnenschiffer. Bild: Hans Peter Schaefer, http://www.reserv-a-rt.de, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
St. Nikolaus: Lange Zeit bedeutender als Weihnachten
Tatsächlich war in Köln ab etwa Mitte des 13. Jahrhunderts bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts der Nikolaustag der Tag der Geschenke: In der Nacht zum 6. Dezember kam Nikolaus heimlich in die Häuser, um Nüsse und Süßigkeiten in die hoffentlich blankgeputzten Stiefel der Kinder zu legen. An Weihnachten selber gab es keine Geschenke.
Erst mit der Reformation und der damit einhergehenden Ablehnung der Heiligenverehrung verschob sich die Sitte, Geschenke zu machen, auf Weihnachten. Die Aufgabe, Geschenke zu bringen, fiel nun dem Christkind zu.
Nur in Köln hielt man noch viel länger an der Tradition der Geschenke zu Nikolaus fest. Die Kölner hatten den Heiligen Nikolaus einfach, als Dank für die Errettung der Stadt vor den Fluten des Rheins, in den Rang eines Stadtheiligen erhoben. Erst mit Beginn des 20. Jahrhunderts verlor auch im Hillije Kölle der Nikolaustag seine überragende Bedeutung.