Eingeweihte wussten es schon länger – doch am 1. April 2024 wird es amtlich: Der Kölner Stadtteil „Klettenberg“ wird in „Knollendorf“ umbenannt.
Oberbürgermeister Henriette Reker dazu: „Wir folgen mit dieser Namensänderung einem starken Wunsch der Klettenberger Bürger. Schon lange wünschen sich die Bewohner dieses Veedels einen ausdrucksstarken Namen. Diesen haben wir mit Knollendorf gefunden.“
Ab jetzt immer pünktlich: In Knollendorf fahren Busse und Bahnen der KVB – Knollendorfer Verkehrs-Betriebe mit dem markanten Logo „Woosch un Öllig“
Unabhängiges Veedel entsteht
Mit dieser Namensänderung geht auch eine umfassende Verwaltungsreform einher: Das neue Viertel Knollendorf wird nicht länger Stadtteil des Stadtbezirks 3 (Lindenthal) sein, sondern es entsteht ein von der Stadt Köln komplett unabhängiges Veedel. So wird auch der beliebte Klettenbergpark in „Knollendorfpark“ umbenannt. Busse und Bahnen in Knollendorf fahren unter dem neuen Logo der KVB – Knollendorfer Verkehrs Betriebe.
Der neue Veedels-Bürgermeister Hermann Speichel (rechts) ist immer da, wenn es um die Wurst geht. Links: Oberbürgermeisterin Henriette Reker, Bild: Hänneschen-Theater
„Wir geben damit der Bevölkerung Knollendorfs größtmöglich Autarkie“, so Henriette Reker bei der heutigen Pressekonferenz. Die Oberbürgermeisterin weiter: „Veedels-Bürgermeister von Knollendorf wird Hermann Speichel, der bereits bewiesen hat, dass er – gerade wenn es um die Wurst geht – immer einen kühlen Kopf bewahrt.“
Der so geehrte Hermann Speichel, von den Knollendorfern nur zärtlich „Speimanes“ genannt, stand für ein persönliches Interview (gottseidank!) nicht zur Verfügung.
Anton Schmitz freut sich auf günstiges Kölsch & Schabau, Bild: Hänneschen-Theater
Steuern auf Alkohol werden abgeschafft
Im Knollendorfer Gasthaus, ehemals bekannt als Petersberger Hof, reibt sich Wirt Peter Mehlwurm voller Vorfreude die Hände. Denn Bürgermeister Speichel hat ihm versprochen, als erste Amtshandlung die Steuern auf Alkohol abzuschaffen. „Dann kommen auch die Gäste aus Zollstock und Sülz. Das wird ein gutes Geschäft.“
Auch der im Veedel nur als „Tünnes“ bekannte Anton Schmitz freut sich, kann doch gerade der Freund von Kölsch und Schabau eine Menge Geld sparen.
Aus „Klettenberg“ wird Knollendorf. Bild: Hänneschen Theater, Bearbeitung: Uli Kievernagel
Kritische Stimmen
Die Ordnungsmacht im neuen Knollendorf wird vom schnauzbärtigen Dorfpolizisten Schnäuzerkowski repräsentiert. Sichtlich gestresst murmelt der Vertreter der Staatsgewalt: „Der janze Platz ist verhaftet.“
Wahrscheinlich übt der gesetztestreue Ordnungshüter bereits seinen Text, wenn Scharen trinkfreudiger Kölner aus den Nachbarvierteln im Knollendorfer Gasthaus einfallen. Der Vertreter der Schmier hat sichtlich Angst, dass es in seinem Viertel zu ähnlichen Bildern wie an Karneval im Kwartier Latäng kommen könnte.
Ist dieser Herr der anonyme Beschwerdeführer gegen Veedels-Bürgermeister Speichel? Bild: Hänneschen-Thaater
Es gibt aber auch andere kritische Stimmen. Unsere Redaktion haben anonyme Hinweise per e-mail erreicht. Ein gewisser Herr S. beschwert sich: „Ich wäre der bessere Bürgermeister. Hermann „Speimanes“ Speichel ist nicht geeignet, unser Veedel auch wirtschaftlich nach vorne zu bringen. Dafür bin ich dank meiner Kontakte der viel bessere Mann.“ Erste Recherchen haben ergeben, dass die Nachricht mit der Adresse „schael@knollendorf.de“ abgeschickt wurde. Das Investigativ-Team des Köln-Lotsen ist zuversichtlich, die Identität des S. schnell zu ermitteln.
Der junge und immer fröhliche Knollendorfer Johannes Knoll ist aber wie immer aufgeschlossen:
„Et kütt wie et kütt. Un et hätt noch immer jootjejange.
Ävver mer losse doch he nit et Hännesche mit uns mache!“
Er ist der unumstrittene Herr im Brauhaus: Der Köbes! Als Gast ist man geduldet. Mehr nicht. Der Köbes allein entscheidet, ob und wann man sein Kölsch bekommt, denn in einem kölschem Brauhaus bestellt man kein Kölsch: Der Köbes teilt es einem zu.
Dabei gehört der Köbes, genau wie die blankgescheuerten Holztische, die ausgesprochen hohe Lautstärke der Gäste und die kölsche Fooderkaat, zum Inventar eines Brauhauses.
Der Köbes ist die Person, die außerhalb Kölns als „Kellner“ oder „Ober“ bezeichnet wird. Eine Berufsbezeichnung, die der kölsche Köbes nicht gerne hört und Rufe wie „Hallo, Herr Ober“ schlichtweg ignoriert.
Weste, blauer Pullover, Lederschürze – der Köbes ist gut zu erkennen
Der Köbes ist gut erkennen: Die typische Kleidung ist eine Weste, blauer (Woll-)Pullover, Lederschürze und der Geldbeutel aus Leder. In der Hand trägt er den Kölschkranz aus Metall und im Gesicht eine leicht spöttische Miene, die dem Gast direkt signalisiert: Pass op Jung, ich bin hier der Chef!
Ein Köbes im Brauhaus Früh genießt sein Feierabendbier, Bild: Willy Horsch, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Der ideale Köbes hat übrigens unendlich viele Rolle zu erfüllen: Er ist Geheimnisträger („Verzäll bloss nit minger Frau, dat ich he wor!“), kennt jeden Klaaf uss däm Veedel („Häste jehüürt: Dat Marie kritt alt widder e Kind“) und gibt gerne ungefragt medizinische und sonstige Ratschläge („Dat siebzehnte Kölsch ist jut für die Nieren“).
Gelegentlich überziehen einzelne Köbesse schon mal etwas mit ihrer deftigen und manchmal unverschämt wirkenden Ausdrucksweise. Dann wird es auch dem Urkölschen zu viel. Aber das ist die Ausnahme. Eher spielen die kölschen Köbesse ihre Rolle als Muuzepuckel, so wie mir Toni aus Buchheim berichtete:
Meine Frau und ich sitzen im Peters Brauhaus. Uns schräg gegenüber eine achtköpfige Gruppe von Touristen. Sie sprechen Spanisch.
Irgendwann kommt der Köbes. Er gibt sein Bestes: schaut mürrisch, rotzt seine Worte unverständlich in den Raum und stellt ungefragt Kölsch vor die Gäste. Die gucken fragend, bemühen ihr bestes Englisch und bekommen zum Dank die Speisenkarte auf den Tisch geknallt. Mehrfach geben sie später das Zeichen, bestellen zu wollen. Als sich der Köbes endlich bequemt, verströmt seine ganze Körperhaltung überschäumenden Abscheu. Meine Frau und ich gucken uns an. Sie sagt: „Das geht ja gar nicht. Was sollen die Touristen denn denken?“ Ich will gerade aufstehen und dem Köbes etwas zu seinem unmöglichen Verhalten sagen. Da wechselt dieser übergangslos ins Spanische, erklärt – so vermute ich – was es mit dem Köbes auf sich hat und erntet erleichtertes Lachen der Gäste und ihren donnernden Applaus. Danach ist unsere Stimmung im beschwingten ‚Su jett jitt et nur in Kölle-Modus‘. Das ist so einer der Momente, wo ich einfach nur dankbar bin, im bunten Kölle zu leben.
Herkunft des Begriffs „Köbes“ ist unklar
Die gängige Legende besagt, dass der Name des Köbes von Jakobspilgern stammt. Diese hätten während ihrer oft monatelangen Pilgerreise zwischendurch in den Brauhäusern gearbeitet, um etwas Geld für die Reise zu verdienen. Der Kölner nennt den Jakob „Köbes“, und da die Pilger auf dem Weg zum Heiligen Jakob waren, hatten sie schnell den Spitznamen „Köbes“ bekommen. Allerdings gibt es für diese, zugegeben nette, Legende keine Belege.
Tatsächlich waren die Brauersburschen, die „Brauers-Pooschte“, als Köbes tätig. Diese schufteten tagsüber als Lehrjungen in der Brauerei und verdienten sich abends noch ein paar Mark als Köbes dazu. Wie es von diesen Brauers-Pooschte zum Begriff „Köbes“ kam ist unklar. Vielleicht war einer der Jungs namens Jakob besonders schlagfertig, und so wurde sein Vorname zum gesamten Gattungsbegriff. Aber auch das ist reine Spekulation.
Durstige Gäste warten im „Früh im Veedel“ auf den Köbes, Bild: Gordito1869, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons
Eins ist sicher: Der Köbes ist älter das Kölsch!
Klar ist aber, dass es den Köbes schon lange vor dem Kölsch gab. In einem Schreinsbuch1Schreinsbücher waren im mittelalterlichen Köln die Vorläufer der heutigen Grundbücher. aus dem 12. Jahrhundert wird ausdrücklich der Bierschenk Burkard erwähnt. Er betrieb eine Gastwirtschaft direkt neben der Kirche St. Maximin. In den historischen Unterlagen wird ausdrücklich „Burkardus dator cervisie“ erwähnt. Dies kann man mit „Burkard, der Bierschenker“ übersetzen. Somit ist Burkard der erste namentlich bekannte Köbes.
Doch wer heute auf Spurensuche geht, wird weder Burkard noch die Kirche finden – auf diesem Gelände steht mittlerweile der Hauptbahnhof.
Heute arbeiten Menschen aus der ganzen Welt als Köbes
Auch wenn es immer wieder lautet „Nä – su ne echte Köbes jitt et hück nit mieh.“ ist das nicht richtig. Es gibt noch die schlagfertigen Typen, die zwar deftig, am Ende auch aber irgendwie charmant, Kölsch servieren. Wer das bezweifelt, sollte unbedingt mal sein Kölsch im Päffgen in der Salzgasse oder in der Schreckenskammer trinken.
Tatsächlich kommen aber heute auch viele der Servicekräfte in den Brauhäusern nicht aus Köln und verstehen nicht immer die typische Sprache der Kölner. Sie sind aber immer bemüht, in die großen Fußstapfen der alten, urkölschen Köbesse zu treten. Und auch hier gilt:
Su simmer all he hinjekumme, mir sprechen hück all dieselve Sproch. Mir han dodurch su vill jewonne. Mir sin wie mer sin, mir Jecke am Rhing.2Bläck Fööss: Unser Stammbaum
Deswegen bleibt es auch bei dem ungeschriebenen Gebot, dem Köbes auch zwischendurch mal ein Kölsch auszugeben. In den meisten Brauhäusern ist es den Köbessen zwar ausdrücklich verboten, während der Arbeit zu trinken, aber wenn keiner in dem Moment hinschaut …
Und wie ist es mit den weiblichen Köbessen?
Ursprünglich waren die Köbesse ausschließlich Männer, weil in der Regel die Brauersburschen das Bier ausschenkten. Allerdings arbeiteten in vielen Gaststätten auch im 19.Jahrhundert schon Kellnerinnen. Ein Umstand, der einige Zeitgenossen doch sehr erregte. Ein gewisser Friedrich Pollads regte sich darüber so sehr auf, dass er 1891 das Bändchen „Das Unwesen der Kellnerinnenwirtschaften in Köln.“ veröffentlichte.
Der Moralapostel Pollads verurteilte die weiblichen Bedienungen als „Animierdamen„, die ihre Gäste finanziell und moralisch in den Untergang führen würden. Dass – falls an dieser sinnlosen Behauptung etwas dran sein sollte – die Männer und auch der reichlich ausgeschenkte Alkohol eine Rolle spielen würde, ließ der Autor mal eben unter den (Bier-)Tisch fallen.
Heute arbeiten Frauen und Männer in diesem Beruf. Und jedem, der immer noch meint, dass die Frauen der Rolle als Köbes nicht gewachsen seien, möge mal einen Abend im „Vogel“ auf dem Eigelstein verbringen. Die dortigen weiblichen Köbesse zeigen jedem Gast seine Grenzen in Punkto Schlagfertigkeit und Trinkfestigkeit auf.
Bargeldloses Prinzip: Der Köbes macht für jedes Kölsch einen Strich, Bild: Uli Kievernagel
Zum Umgang mit dem Köbes
Ein dringender Hinweis: Bitte niemals versuchen, schlagfertiger als der Köbes zu sein. Das wird erstens nicht gelingen und zweitens könnte der Köbes es anschließend vergessen, weiterhin Kölsch zu servieren. Deshalb gibt es ein paar Regeln, die man bei einem Besuch im Brauhaus beachten sollte:
Noch bevor der Köbes mit dem ersten Kölsch kommt, legt man einen Bierdeckel vor sich auf dem Tisch.
Man ruft den Köbes nicht heran. Er wird schon kommen, sobald alle am Tisch sitzen.
Niemand sollte in einem kölschen Brauhaus Mischgetränke (z.B. Radler oder Kölsch-Cola) bestellen.
Der Köbes wird so lange ungefragt Kölsch bringen, bis man abwinkt oder einen Bierdeckel aufs Glas legt.
Es gilt – während des Trinkens – das bargeldlose Prinzip: Der Köbes macht Striche für jedes Kölsch auf den Bierdeckel.
Am Ende kommt dann doch Bargeld ins Spiel. Jeder zahlt seinen Deckel oder man teilt den gemeinsamen Deckel. In jedem Fall aber gibt man dem Köbes reichlich Trinkgeld!
Ja dann: Prost!
PS Besonders spannend: 1933 gab es ein „Köbes-Rennen“. Mehr dazu demnähx im Köln-Ding der Woche.
Köbes Underground
Weil der Köbes kölsches Kulturgut ist, nennt sich die Hausband der Stunksitzung Köbes Underground. Dabei ist der Name eine doppelte Hommage: Zum einen an den Köbes im Brauhaus, zum anderen erinnert „Underground“ an die Sängerin von Velvet Underground, die 1988 verstorbene Kölnerin Nico Päffgen.
KöbesColonius
Guido Hofmann war tatsächlich mal als Köbes in Köln tätig. Heute führt er als Stadtführer KöbesColonius Menschen aus aller Welt humorvoll und äußerst versiert durch Köln.
Es gibt unzählige Lieder über den Köbes. Das Lied „Der Köbes – Kölsch Zappjungeleed“ beschreibt sehr genau das Verhalten eines typischen Köbes und seinen Umgang mit den Gästen.
Der Köbes (Kölsch Zappjungeleed) (aus: Carnevals – Lieder III. Bändchen, Herausgeber: Johannes Böttger – Selbstverlag)
Dä Köbes eß wie jeder weiß,
Als Zappjung wohlbekannt,
Un wann hä och nit Köbes heiß,
Wed hä doch su genannt.
Un eß de Weetschaff stief voll Lück
Dat mäht bei im nix uhs,
Hä denk bei sich „die Lück han Zick“
Un mäht sich gar nix druhs
Alles klopp dann wie verröck,
Rubbeldibbeldum, rubbeldibbeldum,
Met dem Glas an einem Stöck,
Rubbeldibbeldubbeldibbeldum.
Wann dann der Köbes kütt,
Schreit durchenein die Schwitt:
Refrain:
Köbes, Köbes ich ben dran,
Köbes, schnell ’nen halven Hahn!
Köbes, komm du boore Poosch,
Meinste, ich hät keinen Doosch?
Wann de nit bahl bei mich küß,
Do vun mir kein Drinkgeld kriß!
Wells de nit, dann loß et stonn,
Tränendeer, ich gonn!
Der Köbes kütt vum boore Land
Un kritt kum up de Muul,
Doch hät hä stets en offe Hand,
Eß lans ein Sick jet fuul.
Hä kritt e Kamesol gestrick
Vun Wölle bletzebloo,
Dann weed noh Köllen hä gescheck,
Der Köbes dä eß doh.
An de Spölbütt kütt he dann
Rubbeldibbeldumm, rubbeldibbeldum.
Zapp och ald ens dann un wann,
Rubbeldibbeldubbeldibbeldum.
Wann en de Stuvv hä kütt
Dann schreit de ganze Schwitt:
Refrain:
Köbes, Köbes ich ben dran …
Doch wann verledde kaum e Johr
Määt im et Zappe nix,
Der Köbes es dann, dat eß klor,
‚Ne Zappjung nett un fix.
Hä kennt sing Gäß, die hä bedeent,
Un schriev got op der Lei,
Wann einer sich jet ärg dren kneent,
Schriev hä e Glas derbei,
Och, dann weed sich expleziert,
Rubbeldibbeldumm, rubbeldibbeldum
Wat dä Köbes nit schineet
Rubbeldibbeldubbeldibbeldum
Doch bei dem Explezeer
Schreit alles glich noh Beer:
Refrain:
Köbes, Köbes ich ben dran …
Et Trinke och der Köbes kann,
Dat hätt hä flöck geleet,
Beim Esse stellt hä singe Mann,
Dat weiß wahl jede Weet.
Och rechne kann hä flöck un got,
Hä määt nit vill Buhei,
Grief nor ne Gaß noh Stock un Hot,
Steiht Köbes glich derbei.
Beim Bezahle wie verröck,
Rubbeldibbeldumm, rubbeldibbeldum
Söhk hä noh’m Fünfpenningstöck,
Rubbeldibbeldubbeldibbeldum
Wann hä et glich nit fingk,
Sitz alles do un gringk:
Refrain:
Köbes, Köbes ich ben dran …
Doch ihrlich eß hä, brav un treu,
Un Spare määt im Spaß,
Et Drinkgeld dräht hä nevvenbei
Sich höhsch dann op de Kaß.
Un wann hä dann bei Johren eß,
Kauf hä en Weetschaff sich,
Un all die Stammgäß ganz geweß
Gonn bei de Köbbes glich,
Och, dann sitz hä unschineet,
Rubbeldibbeldumm, rubbeldibbeldum
En der Thek als kölsche Weet,
Rubbeldibbeldubbeldibbeldum
Wann hä ens Rentner eß,
Schreit met hä ganz geweß:
St. Maria in der Kupfergasse, Bild: Raimond Spekking
Im „Hillige Kölle“ gibt es unendlich viele Erinnerungsstätten an Heilige, wie zum Beispiel den Dreikönigsschrein , die „Goldene Kammer“ in St. Ursula oder die Marienstatue in St. Maria im Kapitol mit Äpfeln zur Erinnerung an den Appel-Jupp.
Doch zu kaum einer Heiligenfigur haben die Kölner eine so enge, fast schon persönliche, Bindung wie zu der Schwarzen Madonna in der Kupfergasse. Wenn meine Oma in der Innenstadt unterwegs war, gehörte ein Besuch dort genauso zum Pflichtprogramm wie das Einkaufen beim „Tietz“, dem heutigen Kaufhof.
Und der Bann der Schwarzen Madonna ist ungebrochen. Das zeigen auch die unendlich vielen Opferkerzen, die dort regelmäßig aufgestellt werden. Dabei wird die Schwarze Madonna bei allen möglichen Anliegen um Hilfe gebeten. So besucht auch traditionell das Kölner Dreigestirn am Karnevalssonntag die Schwarze Madonna, entzündet eine mit Karnevalsmotiven verzierte Kerze und bittet um gutes Wetter und einen erfolgreichen Ablauf des Rosenmontagszugs.
Eine dunkelhäutige Madonna
Die Madonna ist aus Lindenholz gefertigt. Dieses Holz hat eine weißlich/gelbliche bis maximal hellbräunliche Farbe. Der verstorbene Pfarrer an der Kirche St. Maria in der Kupfergasse, Werner Plänker, meinte, die Figur könne „… mit der dunklen Farbe auch das Leid und die Krankheit der Menschen, die zu ihr um Hilfe gefleht haben, angenommen haben.“ Das mag sein, wahrscheinlicher ist aber, dass der Ruß der unendlich vielen Opferkerzen die Figur geschwärzt hat. Immerhin steht die Figur bereits seit 1630 in Köln. Und hat – fast ein Wunder – alle Irrungen und Wirrungen in unserer Stadt bis heute unbeschadet überstanden.
Als dunkelhäutige Marienfigur ist die Schwarze Madonna in der Kupfergasse in guter Gesellschaft. Weltweit werden schwarze Madonnen verehrt, in Deutschland alleine 25 Exemplare. Die bekannteste Herleitung der schwarzen Madonnenfiguren bezieht sich auf das Hohelied Salomos in der Bibel. In dem recht „süffigen“, erotisch aufgeladenen Text lautet es:
„Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes; denn deine Liebe ist lieblicher als Wein. Es riechen deine Salben köstlich; dein Name ist eine ausgeschüttete Salbe, darum lieben dich die Mädchen. Zieh mich dir nach, so wollen wir laufen. Der König führte mich in seine Kammern. Wir wollen uns freuen und fröhlich sein über dich; wir preisen deine Liebe mehr als den Wein. Herzlich lieben sie dich. Ich bin braun, aber gar lieblich, ihr Töchter Jerusalems, …“1In anderen Übersetzungen lautet es auch „Ich bin schwarz, aber gar lieblich …“
Die Schwarze Madonna in der Kupfergasse, Bild: Willy Horsch, CC BY 3.0
Anmutige Figur, mit Schmuck überladen
Ein genauer Blick auf die Schwarze Madonna zeigt, dass die Figur sehr anmutig ist. Bernd Imgrund beschreibt die Figur als „Eindrucksvoll, das moderne Gesicht zeugt vom Stolz auf das Kind in ihren Armen, aber auch von tiefer Ruhe und Glaubensfestigkeit.“2Bernd Imgrund: 111 Kölner Orte, die man gesehen haben muss, emons-Verlag.
Dankbare Gläubige haben die Schwarzen Madonna mit Schmuckstücken beschenkt. Daher ist die Figur heute fast schon überladen, die gut gemeinten Gaben verhindern den ursprünglichen Blick die Figur.
Eine Heilige zum Anfassen
Und für die Kölschen ist und bleibt die Schwarze Madonna ursprünglich, also irgendwie eine Heilige zum Anfassen, die sich allen Anliegen annimmt. Und nur wer die kölschen Befindlichkeiten nicht kennt, ist darüber erstaunt, dass auch die Fans des ruhmreichen 1. FC Köln Opferkerzen aufstellen. Früher sollten diese Opferkerzen für die Meisterschaft sorgen, heute sollen diese wohl eher den drohenden Abstieg verhindern.
Hoffentlich wirkt es.
Bei d’r schwazze Madonna en d’r Kofferjass
Niemand geringeres als der großartige Ludwig Sebus hat der Schwarzen Madonna auch ein musikalisches Denkmal gesetzt. In seinem Lied „Bei d’r schwazze Madonna en d’r Kofferjass“ lautet es
Bei d´r Schwazze Madonna en d´r Kofferjass, brenne Kääze Dag en in un Dag us. Bei d´r Schwazze Madonna mäht manch einer Rass, un keiner jeit heim ohne Trus.
Hochdeutsche Übersetzung:
Bei der Schwarzen Madonna in der Kupfergasse brennen Kerzen tagein und tagaus. Bei der Schwarzen Madonna macht manch einer Rast, und keiner geht heim ohne Trost.
Der kölsche Smalltalk nennt sich „Klaaf“, Bild: Gerd Altmann auf Pixabay
Wieder mal ein kölsches Wort, welches gleich mehre Bedeutungen hat. Während das „Klaafmul“ oder die „Klaafschnüss“ echte Schimpfwörter sind und sich am besten mit „Schwätzer“ übersetzen lassen, ist der „Klaaf“ als kleine, oft eher belanglose Unterhaltung positiv besetzt.
So wird aus der Begrüßung „Un, wie is et?“ schnell ein Klaaf, also eine nette Plauderei, mit Klatsch und Tratsch über die Nachbarschaft und das Leben im allgemeinem. In dieser Disziplin des Smalltalks sind die Kölschen tatsächlich Weltmeister: Viel reden ohne viel zu auszusagen. Man könnte den Klaaf auch als „beiläufige Konversation ohne Tiefgang“ bezeichnen.
Klaafe: Ein Schwätzchen halten
Wie immer lohnt sich ein Blick in den „Wrede“. Dort wird das Verb „klaafe“ wie folgt definiert:
„Grundbedeutung: den Mund offen halten;
1. allgemein: plaudern, sprechen, mit einem ein Schwätzchen halten“ 2. verräterisch ausschwätzen, verraten, verleumderisch antragen.“
Adam Wrede verwendet den Begriff „klaafe“ also auch im Sinne von denunzieren oder umgangssprachlich „petzen“.
Diese Bedeutung hat „klaafe“ heute allerdings eher verloren, wie meine beliebte Thekenumfrage zeigt. Klar wird beim Klaaf auch mal über jemand hergezogen („Häste alt jehürt – däm Schmitz sing Frau is durchjebrannt.“), aber nie im Sinne von verpetzen, eher im Sinne von tratschen. Folglich definiert Wrede das Substantiv „Klaaf“ als „allgemeines Geschwätz“. Und das zeigt, dass der Klaaf eher harmlos ist.
Eng verwandt mit „kalle“ und „schwade“
Wenn der Kölsche von „kalle“ spricht, ist das zwar ähnlich wie „klaafe“, aber eher allgemeiner. „Kalle“ kann als gemütlich miteinander reden, plaudern. Und dann sind wir auch direkt beim „schwade“, was allerdings eher als „unaufhörlich reden“ negativ besetzt ist.
Der Sessionsorden 2003 der Kölsche Funkentöter: Klaaf und Tratsch auf Kölsche Art“
Klaaf und Tratsch – auf kölsche Art
Im Jahr 2003 hat es der Klaaf zu echten Ruhm gebracht: Das Motto der damaligen Karnevalsession lautete „Klaaf und Tratsch – auf kölsche Art“. Und selbstverständlich hatte die Motto-Queen Marie-Luise Nikuta auch sofort das passende Mottolied parat:
Klaaf un Tratsch op kölsche Aat dat es hee zo Hus mer schwaade Kölsch, mer drinke Kölsch, at häld uns en Schuss.
Interessanter als der Refrain sind allerdings die Strophen des Lieds. Dort lautet es unter anderem:
Däm Schmitz sing Frau es durchgebrannt met singem beste Fründ..
Gewonne hät em Lotto dat kniestige Bolze Käth …
Dä Tünn vun gägenüvver hät geerv e riesen Huus …
Et Nies us Neppes hät de drette Schlankheitskur gemaht doch we‘ mer et esu aansüht, et hät fass nix gebraht.
Bei der Motto-Queen wird der Klaaf also zum echten Tratsch – passend zum Motto „Klaaf und Tratsch – auf kölsche Art“
Der Mottoschal der Session 2003
Es gibt tatsächlich eine „Smalltalk-Seminar“
Die Kunst des „Klaaf“ als belangloser Smalltalk ist dem Kölner irgendwie in die Wiege gelegt. Daher braucht der Kölsche an sich auch nicht solche Tipps wie „Smalltalk lernen: 9 Tipps & 5 Fallstricke“ oder ein „Smalltalk Online Training für deine leichte Konversation“ – der Kölsche hat diese Art der Plauderei schlichtweg intuitiv drauf.
Und manchmal auch etwas zu viel davon.
Aber dann wird aus dem klaafe schnell schwaade.
Echten, unverfälschten kölschen Klaaf gibt es beim Podcast „PODKLAAF“. Karolin Küpper-Popp und Hermann Hertling erklären, wie Kölsch gebraut wird, wer den Dom gebaut hat und beantworten auch die Frage, wo die Heinzelmännchen hin sind. Hee weed bloß kölsch jeschwaadt!
KLAAF – Das kölsche Magazin
Unter dem Titel KLAAF gibt die Akademie för uns kölsche Sproch ein Magazin heraus. KLAAF erscheint zwei Mal im Jahr, und liegt dem von der Stadt Köln herausgegebenem Magazin „KölnerLeben“ bei, das kostenfrei in allen städtischen Einrichtungen ausliegt.
Das Logo der Kampagne „Köln muss mal“, Bild: Pauline Muszi
„Wo finde ich denn eine Toilette?“ – erfahrene Stadtführer wissen mit dieser Frage umzugehen. Dann wird flott ein Brauhaus angesteuert, weil die öffentlichen Toiletten eher selten und nicht immer einladend sind. Alle trinken im Brauhaus ein/zwei Kölsch, alle gehen aufs Klo, und dann laufen wir weiter.
Der Trick mit dem Kölsch im Brauhaus funktioniert auch bei den Stadtführungen in der Innenstadt recht gut. Sobald man sich aber außerhalb der touristischen Hotspots bewegt, wird das schwieriger. Schnell erkennt man: Köln hat ein Toilettenproblem!
Wenn man sich die nackten Zahlen ansieht, ist es erschreckend: Tatsächlich gibt es eine öffentliche Toilette pro 15.000 Kölner:innen. Falls man jetzt noch die Touristen mit einberechnet, wird es ganz finster, dann sind es etwa 50.000 Menschen pro öffentlichem Klo. Dieser Wahnsinn zeigt sich ganz besonders an Karneval, wenn flott jede Menge Dixi-Klos aufgestellt werden, um das Pinkel-Problem irgendwie in den Griff zu bekommen. Meistens vergeblich.
Große Themen unserer Gesellschaft auf humorvolle und zugängliche Weise vermitteln
Nicht das erste „heiße Eisen“, welches Pauline angefasst hat. In der Vergangenheit hat sie bereits eine Kampagne zur Erhöhung der Wahlbeteiligung konzipiert („Deine Wahl“) oder ein Magazin zur Auseinandersetzung mit der Geschlechterdynamik in der deutschen Sprache entworfen („Gen_der_die_das„)
Pauline hat 2023 ihren Abschluss im Studiengang „Nachhaltiges Design“ an der ecosign/Akademie für Gestaltung in Köln gemacht. Und was alle Projekte der Designerin gemeinsam haben, beschreibt sie selber wie folgt: „Mit meinen Projekten möchte ich Komplexes nahbar machen und zeigen, dass auch die ganz großen Themen unserer Gesellschaft auf humorvolle und zugängliche Weise vermittelt werden können.“ Und genau das zeigt ihre Kampagne „Köln muss mal“ auf eindrucksvolle Weise.
Köln am Ende des Rankings „Öffentliche Toiletten“
Die Designerin hat aufwändig die Toilettensituation in Köln ermittelt. Und das Ergebnis ist niederschmetternd: Vergleicht man die selbsternannte Metropole am Rhein mit anderen Großstädten, dann liegt Köln da, wo auch aktuell1Stand: Februar 2024 der 1. FC Köln liegt: Am Ende der Tabelle. Paris verfügt über dreimal so viele öffentliche Toiletten, Zürich über mehr als viermal so viele Toiletten pro 100.000 Einwohner.
Beschämend: Köln bietet nur sechs öffentliche Toiletten pro 100.000 Einwohner, Graphik: Pauline Muszi „Köln muss mal“
In ihrer Diplomarbeit „Köln muss mal“ hat Pauline Muszi aber auch die weitergehenden Funktionen der Toiletten als möglichst geschützten Raum untersucht. Dazu sollten Toiletten, neben der Verrichtung der menschlichen Notdurft, auch einen Raum bieten, um sich herzurichten, sich umzuziehen, sich zu waschen oder medizinischer Versorgung nachzugehen. Und selbstverständlich auch, um Kinder zu wickeln. Und hier wird es für Menschen, die mit Kindern unterwegs sind, ganz bitter, denn es gibt in Köln gerade mal sieben öffentliche Toiletten mit Wickeltisch. Beschämend für die Möchtegern-Weltstadt am Rhein.
Menschen ohne Penis müssen zahlen
Es gibt verschieden Arten von öffentlichen Toiletten, eine davon sind die sogenannten „City-Toiletten“. Diese Toiletten sind fest installierte Container, die 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche geöffnet sind.
Beschämend: Die Nutzung der Sitztoiletten kostet 50 Cent, während die Urinale kostenlos nutzbar sind. Paulines nüchternes Fazit: „Menschen ohne Penis müssen zahlen.“
Menschen ohne Penis müssen für den Gang aufs Klo bezahlen, Graphik: Pauline Muszi „Köln muss mal“
„Ich bin kein echtes Klo. Und genau das ist das Problem.“
In ihrer Diplomarbeit weist Pauline Muszi nach, dass zwar viel über Toilettenkonzepte gesprochen wird, aber in der Praxis nur sehr wenig passiert: „Die Wichtigkeit einer adäquaten öffentlichen Toilettenversorgung wird betont, Probleme und Lösungen diskutiert, innovative Zugänge vorgestellt und doch schaffen diese Ansätze nur äußerst selten den Sprung aus der Theorie in die Praxis städtischer Toilettenkonzepte.“
Provokant: Ein WC ohne Sichtschutz im öffentlichen Raum, Bild: Pauline Muszi „Köln muss mal“
Für Pauline Grund genug, mit der Kampagne „Köln muss mal“ genau das Klo-Problem anzupacken. Ihr Ziel: Toiletten aus der Sphäre des Privaten herausholen und mitten in der Öffentlichkeit platzieren. Und das im wahrsten Sinne des Wortes: Pauline hat, auf einem Quadrat aus blauen Fliesen stehend, ein WC genau an die Orte gebracht, wo es an sanitären Anlagen fehlt. Ohne Sichtschutz, mitten auf einem Gehweg oder einer Wiese.
Nähert man sich diesem WC und klappt den Deckel auf, liest man „Ich bin kein echtes Klo. Und genau das ist das Problem.“
Das Dilemma zur Kölner Klo-Situation, Bild: Pauline Muszi „Köln muss mal“
Die Kampagne geht noch weiter und soll tatsächlich zu einer Veränderung der Toiletten-Situation in Köln führen. Dazu hat Pauline eine Petition ins Leben gerufen: Ziel der Petition ist es, der Kölner Stadtverwaltung zu signalisieren, dass es an der Zeit ist, etwas an den öffentlichen Toiletten der Stadt zu verändern.
Die Petition zur Kölner-Toilettenrevolution, Bild: Pauline Muszi „Köln muss mal“
Bis heute2Stand 28. Februar 2024 haben 222 Menschen diese Petition bei change.org unterschrieben. Das ist viel zu wenig. Daher habe ich mit Pauline um elf Kölsch gewettet, dass wir über das „Köln-Ding der Woche“ die Anzahl der Unterschriften verdoppeln werden.
Also: Jetzt brauche ich eure Unterstützung! Nehmt euch zwei Minuten Zeit und unterzeichnet diese Petition, damit wir möglichst schnell auf 444 Unterstützer (oder gerne auch mehr!) kommen. Hier geht es direkt zur Petition
Denn die Toilettensituation geht uns alle an!
Toiletten und Sprache
Für wohl kaum einen anderen Ort gibt es so viele Bezeichnungen wie für die Toilette. In ihrer lesenswerten Diplomarbeit hat Pauline auch Namen für Toiletten gesammelt. Ich gebe zu, dass ich auch nicht alle kannte.
Mehr als 20.000 Turner bei kollektiven Freiübungen auf der Jahnwiese beim 14. Deutschen Turnfest 1928. Bild: Bundesarchiv, Bild 102-06313 / CC-BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Ihre Namen lauten „1. FC Rhein-Grätschen“, „13 Malzbier Kreuzweise“ oder „Fortuna Konzeptlos“: Gemeint sind die Teams der „Bunten Liga Köln“, die auf der Jahnwiese um Punkte, Ehre oder manchmal auch nur darum spielen, den Ball nicht zu verstolpern.
Es ist der Ort des ganz großen Sports in Köln: Im Stadion spielen die Profis des ruhmreichen Eff Zeh um Punkte in der Bundesliga1Stand: Februar 2024, auf der Jahnwiese davor sind selbst talentierte Hobbykicker schon mal damit beschäftigt, die 90 Minuten auf dem Platz schlichtweg zu überleben.
Historischer Grund dank Versailler Vertrag und Adenauer
Dabei spielen die Fußballer auf historischem Grund: Die Jahnwiesen standen 1928 im Mittelpunkt beim 14. Deutschen Turnfest in Köln. Bis zu 300.000 Menschen aus 21 Ländern kamen nach Köln. Es fanden unzählige Wettkämpfe statt, der Höhepunkt der Turnwettbewerbe waren kollektive Freiübungen von 20.000 Turnerinnen und Turnern auf der Jahnwiese.
Zu verdanken haben die Kölner die Jahnwiese und den ganzen Grüngürtel dem Versailler Vertrag und dem weitsichtigen damaligen Oberbürgermeister Adenauer. Während der Versailler Vertrag die Deutschen zur Schleifung der massiven Befestigungsanlagen rund um Köln verpflichtete, sah Adenauer darin eine einzigartige Chance.
Das rheinische Schlitzohr wollte unbedingt den Kölnern Zugang zu unberührter Natur innerhalb der Stadt ermöglichen. Sein Plan: Ein breiter, grüner Gürtel rund um Köln. In diesem Grüngürtel waren auch Sportanlagen, Spielplätze und Schwimmbäder geplant. Und so auch die Jahnwiese.
Genau wie der Raderthaler Volkspark waren die Jahnwiesen ein „soziales Grün“ und boten allen Kölnern Platz, Sport auszuüben. Ein für damalige Verhältnisse völlig neuer Ansatz: Parks und Grünanlagen sollten nicht mehr nur für die gehobene Gesellschaft zum Flanieren genutzt werden, sondern als Orte zur aktiven Bewegung für alle – auch für die in völlig beengten Wohnungen lebende Arbeiterschaft.
Das Jahndenkmal aus dem Jahr 1928 an den Jahnwiesen, Bild: HOWI – Horsch, Willy, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons
Turnvater Jahn: „Frisch, Fromm, Fröhlich, Frei“
Gewidmet wurde dieses Gelände Johann Friedrich Ludwig Christoph Jahn (1778 – 1852). Der als „Turnvater Jahn“ bekannte Pädagoge und Politiker gilt als Initiator der deutschen Turnbewegung. Dabei ist Jahn nicht unumstritten, galten sein Bestrebungen doch dazu, die deutsche Jugend auf einen Kampf gegen die französischen Besatzer vorzubereiten.
Ihm zu Ehren wurde zu seinem 150. Geburtstag das Jahndenkmal an den Jahnwiesen im Juli 1928 feierlich enthüllt: Vier kreuzförmig angeordnete „F“ stehen auf einem schlanken, 15 Meter hohen Eisenbetonpfeiler. Die vier „F“ stehen für das Motto der Deutschen Turnerschaft „Frisch, Fromm, Fröhlich, Frei“.
Obwohl das Denkmal auf einer kleinen Anhöhe steht, die ursprünglich als Zuschauertribüne gedacht war, ist es heute kaum noch sichtbar, da es von den Bäumen eines kleinen Wäldchens überwuchert wird.
Alter römischer Gutshof unter der Jahnwiese
Es war bereits länger bekannt, dass sich unter der Jahnwiese Überreste eines alten römischen Gutshofs befanden. Völlig unverständlich: Anstatt in aller gebotenen Ruhe diesen Schatz zu sichern, mussten 1926 vollkommen kurzfristig im Zuge der Ausschachtarbeiten zur Errichtung der Jahnwiese die archäologischen Grabungen durchgeführt werden.
Erläuterungstafel zu den Ausgrabungen, Bild: Nicola, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Der Leiter der Ausgrabung, Fritz Fremersdorf, schrieb später, er habe „in aller Eile die Vorbereitung für eine eingehende wissenschaftliche Untersuchung treffen müssen, um den Planierungsarbeiten zuvorzukommen“.
Glück im Unglück: Durch den Konkurs der Baufirma, die die Jahnwiese planieren sollte, blieb etwas mehr Zeit für die Archäologen. So konnten das Haupthaus, elf Nebengebäude, mehrere Brunnen und eine Grabgruppe mit sechs Sarkophagen gefunden werden. Die Dokumentation zur Grabung liegt im Römisch-Germanischen Museum vor, die Ausgrabungen wurden anschließend, wie bei solchen Funden üblich, zugeschüttet.
Ein Luftbild der Jahnwiesen, Heimat der „Bunten Liga Köln“, Bild: dronepicr, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons
DFB wollte Jahnwiese nutzen
Die zehn Rasenplätze – sieben Groß- und drei Kleinspielfelder – der Jahnwiese werden heute nicht nur von den Hobbykickern genutzt. Auch Baseballer werfen ihr Bälle auf der Fläche vor dem Stadion. Neu ist eine Fläche mit Open-Air-Geräten. Man könnte sich fast wie am Muscle Beach in Los Angeles fühlen.
Dabei war die Jahnwiese im Jahr 2012 als Bewegungs-Oase in der Großstadt akut gefährdet. Die Stadt plante, gemeinsam mit dem Deutschen Fußball Bund, auf den Jahnwiesen ein Leistungszentrum zu errichten. Doch die Kölner gingen für ihre Jahnwiese auf die Barrikaden und verhinderten die Bebauung.
Gut so! Denn sonst hätten „FC Holzbein Köln“ oder „Ajax Lattenstramm“ aus der Bunten Liga keine Heimat mehr gehabt.
Der „Come-Together-Cup“ findet jedes Jahr auf der Jahnwiese statt.
Der „Come-Together-Cup“ für Weltoffenheit, Gleichberechtigung und Vielfalt
Im „Come-Together-Cup“ (CTC) auf der Jahnwiese kicken weit über 1.000 Hobbyfußballer „us Spass an d’r Freud“ in über 80 Teams gegeneinander. Dazu gibt es ein Programm mit Live-Musik und mehr. Der CTC steht für Weltoffenheit, Gleichberechtigung und Vielfalt.
2023 haben mehr als 20.000 Besucher die Teams auf dem Rasen angefeuert.
Dieses Lied gehört auf einer kölschen Beerdigung schon fast zum Inventar. Und auch als Zitat schmückt es viele Todesanzeigen in Köln & drumherum. Trude spielte im Jahr 1987, bereits schwer krank, diese kölsche Hymne zusammen mit Wolfgang Niedecken und Tommy Engel ein. Die Single klettert in den deutschen Charts auf Platz 20. Trude Herr selber starb – nach einem bewegten Leben – am 16. März 1991.
Kindheit in Mülheim
Ihre Kindheit verbringt Trude überwiegend in Köln-Mülheim. Ihr Vater war Mitglied der KPD und wurde 1933 wegen seiner politischen Gesinnung von den Nationalsozialisten verhaftet und für viele Jahre in ein Konzentrationslager verschleppt. Die Familie litt schwer unter dem Verlust, Trude wurde von ihrer Mutter und der sieben Jahre älteren Schwester Agy großgezogen. Der von Trude geliebte Vater starb 1961.
Die Familie wird 1943 ausgebombt und in das hessische Ewersbach evakuiert. In Dillenburg arbeitet sie als Schreibkraft im Krankenhaus, später im Einwohnermeldeamt. Nach dem Krieg kehren die Herrs wieder in das zerstörte Köln zurück und Trude arbeitet bei der der von der KPD herausgegebenen Zeitung „Die Volksstimme“.
Lange hält es die temperamentvolle Trude nicht am Schreibtisch aus: Bereits 1946 schließt sie sich einer Aachener Wanderbühne an und 1947 heuert sie beim großen Willy Millowitsch an. Doch der „Pummel“, wie Trude wegen ihrer schon damals stattlichen Figur, genannt wurde, wollte mehr und gründete im Jahr 1949 zusammen mit Gustav Schellhardt die „Kölner Lustspielbühne“. Leider ohne wirtschaftlichem Erfolg – das Theater musste schon kurz danach Konkurs anmelden und Trude verdiente sich ihren Lebensunterhalt im „Barberina“, einer Schwulen-Bar an der Hohe Pforte.
Als „Madame Wirtschaftswunder“ im Karneval
Erfolgreicher waren ihre Auftritte im Karneval. Als „Madame Wirtschaftswunder“ oder „Besatzungskind“ eroberte sie zwar ab Mitte der 1950er Jahre die Bühnen der Karnevalssäle, aber ihre oft vulgäre Art und die Gesellschaftskritik in ihren Büttenreden waren den konservativen Funktionären im Karneval ein Dorn im Auge. Als sie sich dann noch mit ihrer Nummer „Die Karnevalspräsidentengattin“ unmittelbar über die spaßbefreiten Frackträger lustig machte, war schnell Schluss mit lustig. Weitere Auftritte als „Präsidentengattin“ wurden ihr untersagt.
Trude Herr in den 1960er Jahren, Bild: Trude-Herr-Fanclub
Somit war der Weg frei für die große Stadt: 1958 Trude wurde für das Revuetheater „Tingel-Tangel“ in Berlin engagiert. Dieses Engagement und ihre Präsenz in Berlin ebnete ihr auch den Weg ins Kino. In mehr als 30 Filmen mimte sie die rheinische Ulknudel, darunter auch Kassenschlager wie „Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett“ oder „Drillinge an Bord“ mit Heinz Erhardt. In dieser Zeit entstand auch mit „Ich will keine Schokolade“ ihr größter Hit.
Trude Herrs größter Hit „Ich will keine Schokolade“
Bei einer ihrer Reisen nach Afrika verliebte sich Trude in den Tuareg Ahmed M’Barek. Doch die 1969 geschlossene Ehe war nicht besonders glücklich und wurde 1976 geschieden. Glücklicher waren von 1970 bis 1976 ihre Inszenierungen mit eigenem Ensemble im Millowitsch-Theater. „Scheidung auf kölsch“, „Familie Pütz“ oder „Pflaumenschwemme“ waren erfolgreiche Stücke und führten gleichzeitig zu Streit mit Willy Millowitsch. Der eher deftige Humor Trude Herrs vertrug sich nicht mit Millowitschs Verständnis von Volkstheater.
Theater im Vringsveedel: „Ruhm hatten wir immer genug, nur kein Geld.“
Diese Konflikte führten dazu, dass Trude ihr eigenes Theater gründete. 1977 pachtete sie ein ehemaliges Kino auf der Severinstraße und gründete das „Theater im Vringsveedel“. Schnell wurde ihr Theater – gemessen an der Auslastung – zum erfolgreichsten in ganz Nordrhein-Westfalen. Gemessen am finanziellen Erfolg war es ein Flop. Trude Herrs lakonischer Kommentar dazu „Ruhm hatten wir immer genug, nur kein Geld.“ Nachdem sie vergeblich versuchte, städtische Zuschüsse zu erlangen, musste sie das Theater 1986 schließen.
Für Trude Herr selber, mittlerweile 59 Jahre alt, war es auch die Chance, etwas Neues zu machen. Sie ging ins Tonstudio und coverte auf der Platte „Ich sage, was ich meine“ internationale Hits. Aus „I Want To Know What Love Is“ wurde „Ich weiss jenau wat de meinz“ und „Beast of Burden“ wird zur „Hipp vum Nümaat“. Auf dieser Platte ist als letztes Stück auch „Niemals geht man so ganz“. Dieses Lied war ihr Abschiedsgeschenk an ihre Heimatstadt.
Trude Herr ist in Köln auch an eher unerwarteten Orten zu finden. Zum Beispiel auf einem Stromkasten auf der Zwirnerstraße, ganz in der Nähe des Trude-Herr-Denkmals. Bild: Annette Esser
Trude Herr stirbt in Südfrankreich an Herzversagen
Die schwer kranke Künstlerin zog noch im Jahr 1987 auf die Fidschi-Inseln und lernte dort ihren letzten Partner Samuel Bawesi kennen. 1991 kehrte sie für wenige Wochen noch einmal nach Köln zurück, um dann im Februar 1991 in die Nähe von Aix-en-Provence zu ziehen. Trude Herr starb dort am 16. März 1991 an Herzversagen.
Trude Herr ist tot – aber ihr Lied „Niemals geht man so ganz“ ist unvergänglich. Nicht nur auf kölschen Beerdigungen.
Trude-Herr-Schule im Mülheim
Im August 2020 hat die „11. Kölner Gesamtschule Mülheim“ verkündet, in Zukunft den Namen „Trude-Herr-Schule“ zu tragen. Weitere mögliche Namenpatronen für die Schule waren die Edelweißpiratin Gertrud „Mucki“ Koch oder die von den Nationalsozialisten ermordete Ärztin Lilli Jahn.
Es war kein einfache Entscheidung, so Schulleiterin Monika Raabe in einem Bericht der Kölner Stadt-Anzeigers. Man habe sich für Trude Herr entschieden, weil die in Mülheim aufgewachsene Künstlerin für Bodenständigkeit stehe, genau wie die Schule.
Das Trude-Herr-Denkmal in der Kölner Südstadt, Bild: Raimond Spekking
Ähnlich turbulent wie ihr Leben ist auch die Geschichte um das Trude-Herr-Denkmal direkt am Bürgerhaus Stollwerck. Ohne schützende Glasur wurde dieses Denkmal im Jahr 2002 aufgestellt und verrottete. Gerettet wurde es erst 2012 durch eine Spende des Trude-Herr-Fanclubs.
Gedenktafel für Trude Herr vor ihrem ehemaligen Theater (heute das Oden-Kino) auf der Severinstraße
Vor ihrem ehemaligen Theater in der Severinstraße ist seit 2012 eine Bronzetafel angebracht, welche an das „Theater im Vringsveedel“ und seine Gründerin erinnert.
Ein muskalisches Denkmal für Trude Herr setzte die Band L.S.E. mit dem Stück „Trudi“ auf dem Album „Für et Hätz un jä¬jen d’r Kopp“. Dort lautet es:
Wä kennt en Kölle die Superfrau Met däm unwahrscheinliche Körperbau? Wä hät jedanz, jesunge un Theater jemat Un keinem noh d’r Schnüss jeschwaad?
Diese Beschreibung hätte Trude Herr gefallen.
Ein großes DANKE an den Trude-Herr-Fanclub. Ich durfte für dieses Köln-Ding der Woche deren Bilder verwenden.
Das Hänneschen hat in der Agneskirche gepredigt. Neben der festlich geschmückten Agnes steht die Puppe der Bestemo aus dem Hänneschen-Theater, daneben ein Bild einer Puppe zu Ehren von Fanny Meyer., Bild: Uli Kievernagel
Seit Karneval 2021 gibt es in St. Agnes den Fastelovendsgottesdienst. Das Team und Peter Otten, Klaus Nelißen, Thomas Frings, Georg Hinz und vielen anderen schafft es seitdem jedes Jahr, eine besinnliche aber auch heitere und leichte Stimmung zu erzeugen.
Unterstützt wurden die Macher dieses Jahr von Kasalla, Stephan Brings, Stephan Knittler, den Ex-Fööss Bömmel Lückerath und Kafi Biermann sowie den Kölner Ratsbläsern. Und auch vom Hänneschen!
Das Hänneschen predigt in einer Kirche
Das Hänneschen feiert im Jahr 2024 seinen 222 Geburtstag. Und durfte zum ersten Mal in seiner langen Geschichte in einer Kirche predigen. Ich hatte die große Ehre, die Predigt für das Hänneschen schreiben zu dürfen, die dann in genialer Weise von dem Hänneschen-Puppenspieler Jacky von Guretzky-Cornitz vorgetragen wurde.
Jacky spielt seit mehr als 40 Jahren das Hänneschen und hat gerade bei dieser Predigt die Holzpuppe richtig lebendig werden lassen. Dafür ein großes DANKE! Die Idee für die Predigt kam von meiner Frau Silke: In der Predigt sollte das Leben der Puppenspielerin Fanny Meyer beschrieben werden..
Fanny Meyer (* 1905 – + vermutlich 1943)
Sie war ein Mädchen aus der Kölner Südstadt. Nach der Schauspielschule spielte Fanny Meyer im Hänneschen-Theater. Ihre Rolle war die der Bestemo, der Großmutter.
Ihr Vater war Jude, ihre Mutter Katholikin. Die Nazis erklärten auch sie aufgrund der „Nürnberger Gesetze“ zum „Jüdischen Mischling ersten Grades“. 1933 war sie die letzte jüdische Künstlerin am Hänneschen-Theater. Bis 1935 durfte sie weiterspielen, dann wurde ihr Vertrag gekündigt. Ein bescheidenes Auskommen sicherte ihr das 1936 neu gegründete jüdische Marionetten-Theater.
Ab Anfang der 1940er Jahre arbeitete sie in einer Kölner Kartonagenfabrik, wahrscheinlich war es Zwangsarbeit. 1942 wurden Fanny und ihr Mann zunächst im „Judenlager“ KölnMüngersdorf interniert und von dort nach Auschwitz deportiert. Es gibt noch eine Postkarte an ihren Vater aus dem März 1943. Danach verliert sich die Spur. Sie wurde in Auschwitz ermordet.
Marina Barth hat das Leben von Fanny Meyer in ihrem lesenswerten Roman „Lumpenball“ (Emons-Verlag 2017) beschrieben.
Den Mitschnitt der Predigt gibt es hier (zum Starten bitte auf das Bild klicken) :
Das Hänneschen predigt im Fastelovendsgottesdienst in St. Agnes (5. Februar 2024), zum Starten bitte auf das Bild klicken
Wer den Text gerne nachlesen will: Hier ist das Manuskript der Predigt:
In däm Text uss d´r Bibel evens jing et daröm, dat man sich nit sorjen sull un et esu mache sull wie die Vögel im Himmel – da janzen Dach eröm fleje un jood es. Ävver kann man dat hück noch mache? Müssen wir uns nicht Sorgen darum machen, wat um uns eröm passeet?
Dä Fastelvoend verleitet natürlich dazu, nur dä Spaß zu sin. Kumm loss mer fiere, jet suffe und dann luure, op mer met dä Schüss jet danze kann. Dat is och jood esu. Doch trotz aller Spaß an d´r Freud müssen wir immer noch aufpassen, wat um uns eröm passeet! Opjepass: Wenn wir dat hück nit dun, dann kann unser geliebter, bunter Karneval schnell braun werden.
Denn: Nie widder is hück!
Gerade heute, gerade jetzt, zeigt sich, dass wir für unsere Lebensart einstehen müssen. Do treffen sich echt fiese Strippenzieher in Hinterzimmern, öm ze plane, wie man Minsche footbring, de dänne nit jefalle. Et jitt vill ze vill Minsche, die han verjesse – oder die wulle et nie mieh wisse – wat schon ens he bei uns passeet is. Ävver mer dürfte et nie verjesse: Ejal wohin de luurst, dä Schuhß ess fruchtbar noch, uss däm die Nazibrut russkroch. Wir müssen jetzt, wo die letzten Zeitzeugen verschwinden, die Erinnerung wachhalten.
Denn: Nie widder is hück!
Und deswegen will ich euch üch jetzt die Geschichte von Fanny Meyer erzählen. Fanny wood 1905 jeboore. Et wor e Mädche uss d´r Kölner Südstadt. Fanny hät et Abitur jemaht un donoh die Schauspielschull besök. Sie hät als Schauspielerin och im Millowitsch-Theater jespillt. Un ab 1929 wor dat selbstbewusste Mädche he bei uns Hänneschen. Wenn do he bei uns im Hännesche metspillst, musst do en echt kölsche Schnüss am Lief han un vell Spaß an d´r Freud metbrenge.
Fanny Meyer hat beides jehat: Sie hät Kölsch jeschwaad un wor ene Puppenspielerin mit Leidenschaft. Sie hät die Bestemo jespillt, dat is de Oma. Die Bestemo iss, wie och et Fanny wor: Hätzensjood, ävver och wehrhaft. Fanny wor ene joode Puppenspielerin un se hät jään im Hännesche jespillt.
Fanny Meyer (links) als Hänneschen-Puppe mit „ihrer“ Figur der Bestemo (rechts), Bild: Hänneschen-Theater
Dä Vatter vun däm Fanny Meyer wor Jude, die Mutter Katholikin. Die Nazis han dat Mädche als „Jüdischer Mischling ersten Grades“, man säht uch verächtlich „Halbjude“, bezeichnet. Und deswäje wood uch 1935 ihr Vertrag im Hännesche als Puppenspielerin jekündigt. Damit Fanny noch jet verdeeene kunnt, hät et noch in enem jüdischen Marionetten-Theater jespillt. Ävver nit lang, dann moht se als Zwangsarbeiterin Kartons zesamme klävve. 1942 wood et Fanny noh Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Mer han üch hück die orijinale Fijur der Bestemo, die vun Fanny Meyer jespillt wurde, mitjebraht. Sie steiht do, tirek nävven dä Agnes. Denn mer wulle üch doran erinnere, wat passeet wenn mir nit all zesamme stonn.
Denn: Nie widder is hück!
Un wenn dä Jesus uns säht, dat mer op die Vüjjel luure sulle, die sich um nix ze kümmere bruche, dann bedügg dat nit, dat mer nix dun sulle. Dä säht uch, dat mer „Kleingläubige“ wöre. Jood, ich bin tatsächlich kleen. Ävver uch dat meint hä nit. Hä meint, dat et immer Hoffnung jitt. Ejal, wie düster et weed. Nit verzweifele, do is einer, der immer bei dir is. Mer müsse ävver alle Mann zesammestonn! Denn: Nie widder is hück!
Der einzige jüdische Karnevalsverein Deutschlands, die „Kölsche Kippa Köpp“, erinnert mit dem Sessionsorden 2024 an Fanny Meyer. Bild: Uli Kievernagel. Ein großes DANKE an Thomas Frings für diesen Orden.
Un so wor et in Kölle. Do woren et bei der jroßen Demo nit nur einer, do woren 70.000 Minsche, die oppjestande sin. Die zesamme stonn. Ejal, wie laut die braunen Drecksäck sin, mir sin lauter.
Un doröm erinnere ich üch uch hück an dat Fanny Meyer. He in Kölle is kein Platz für Hass. Denn: Nie widder is hück!
Amen
Stolpersteine für Fanny Meyer und ihren Mann Lothar Heineberg in der Kölner Südstadt. Bild: Marina Barth
Stolperstein für Fanny Meyer
Im November 2024 wurden zwei Stolpersteine für Fanny Meyer und ihren Mann Lothar Heineberg an der Ecke Oversburgstraße/ Follerstraße in der Kölner Südstadt verlegt.
Den ganzen sehenswerten Gottesdienst mit allen Musikbeiträgen gibt es hier. Lohnt sich! Versprochen. Und auch das Mitsingheft steht zum Download bereit.
Dieser Witz spiegelt das Selbstverständnis des Kölners wider: Unter der „göttlichen Sprache“ machen wir es schon gar nicht. Dabei ist die kölsche Sprache streng genommen kein Dialekt. Der Unterschied zu anderen Mundarten liegt darin, dass sich die deutschen Dialekte immer an hochdeutsche Texte anlehnten. Das bedeutet, dass vorhandene Texte in Mundart übersetzt wurden. Die kölsche Sprache hatte aber immer ihre eigenen Texte, die bestenfalls zurück ins Hochdeutsche übersetzt wurden und immer noch werden. Somit ist Kölsch eher eine eigenständige Sprache und kein Dialekt.
Der „Rheinische Fächer“ – Grenzen zwischen Sprache, Bier und Karneval tun sich auf
Köln, als ursprünglich römische Stadt, kam etwa Mitte des 5. Jahrhunderts unter fränkische Herrschaft. So wurde das offizielle Latein durch das germanische Fränkische verdrängt, allerdings mit regionalen Unterschieden. So entstand im Rheinland der „Rheinische Fächer“ mit den lokal verschiedenen Ausprägungen des Fränkischen.
Der Rheinische Fächer – Verteilung der Fränkischen Mundarten, Bild: Juschki – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0
Die am Rhein wohnenden Franken wurden Ripuaren1ripa = Flussufer genannt. In Köln wurde daher Ripuarisch, eine Variante des Fränkischen, gesprochen. Linguistisch gesehen ist Kölsch eine Variante des Ripuarischen.
Eine besondere Beachtung verdient die „Benrather Linie“ (im Bild oben mit „B“ bezeichnet) die auch als „maken-machen“-Linie bezeichnet wird. Genau an dieser Linie scheiden sich nicht nur sprachlich die Geister. Denn Köln liegt südlich, Düsseldorf nördlich von Benrath. Während man in unserer schönen Domstadt bei vielen Wörtern den „ch“-Laut wie in „Kachel“ spricht, wird daraus in dem Dorf weiter nördlich ein „k“-Laut: Das kölsche „Daach“ wird weiter nördlich zum „Daak“ oder der kölsche „Koche“ zum „Kock“.
Ziemlich genau an der Benrather Linie verläuft übrigens auch die Kölsch– und Altbier-Grenze. Und während der Kölsche mit dem korrekten Alaaf Karneval feiert, ruft der Düsseldorfer Helau. Hier wird die Benrather Linie zum Alaaf-Helau-Äquator.
Kölsch wurde über Jahrhunderte nur mündlich überliefert
Ripuarisch wurde über Jahrhunderte nur mündlich überliefert. Adam Wrede, der „Kölsche Sprachpapst“2Verfasser des Standardwerks „Neuer Kölnischer Sprachschatz“ geht davon aus, dass es noch bis zum 12./13. Jahrhundert gedauert hat, bis sich so etwas wie eine schriftliche Stadtsprache entwickelt hat.
Eindrucksvollster Beleg für diese Stadtsprache ist die Reimchronik des Gottfried von Hagen im Jahr 1270 – auch wenn das verwendete Ripuarisch für unsere Ohren heute kaum kölsch klingt. Wenn Gottfried von Hagen zum Beispiel „Häufig gibt es Regen nach Sonnenschein.“ ausdrücken will, schreibt er „ducke komet regen na sunne schine“. Da klingt immerhin so etwas wie „Sunnesching“ durch. Das wiederum versteht der Kölsche.
Nachdruck „Kölnische Reimchronik“ (erschienen 1270) von Gottfried von Hagen
Ab etwa dem frühen 17. Jahrhundert wurde in Köln die niederfränkische Schriftsprache aufgegeben und zunehmend die sich entwickelnde neuhochdeutsche Schriftsprache verwendet. Einhergehend damit ist auch eine Trennung von gesprochener und geschriebener Sprache zu beobachten – die Kölner Mundart nach unserem heutigen Verständnis entsteht.
Umbruch in der Mitte des 19. Jahrhunderts
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war Kölsch die Umgangssprache in der Domstadt. In dem Buch „Ausflug nach Köln“ äußerte Johanna Schopenhauer „Verstehen und sprechen muss diese Volkssprache jeder Einwohner von Köln.“
Nicht nur auf der Straße im Alltag wurde Kölsch gesprochen. Auch der „Kölsche Adel“, also alteingessene kölsche Familien, pflegten ihre kölsche Sprache. So soll der reiche Bankier Abraham Schaafhausen, Vater der Rheingräfin Sibylle Mertens-Schaafhausen und immerhin Präsident der Handelskammer, auschließlich kölsch gesprochen haben. Auch bei Verhandlungen am Gericht wurde kölsch gesprochen, genau wie bei Sitzungen des Stadtrats.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts trat dann plötzlich eine Wende ein. Mit dem Fortschreiten der industriellen Revolution kamen sehr viele Arbeiter nach Köln. Und diese sprachen Kölsch. Dadurch wurde die kölsche Sprache zur Sprache der Arbeiter. Das Bürgertum wiederum wollte sich von den Arbeitern auch mit der Sprache abgrenzen und sprach Hochdeutsch.
Wer echtes Kölsch lernen will, kann sein Kölsch-Diplom an der „Akademie för uns kölsche Sproch“ machen. Hier können Kölner und Nichtkölner einen Einblick in die kölsche Sprache und Kultur erhalten.
Etwas weniger aufwendig ist mein Tipp: Geht mal in eine kölsche Weetschaff op d´r Eck und stellt euch an die Theke. Spätestens nach dem fünften Kölsch klappt das auch mit der Sprache. Und falls ihr doch nichts verstehen solltet, habt ihr zumindest Spaß gehabt.
Heute werfen wir einen Blick darauf, wie sich Kölsch von der Gossensprache zum Kult entwickelt hat und welche Verdienste insbesondere die Bläck Fööss dabei hatten.
Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts erfasste Köln ein großer wirtschaftlicher Aufschwung. Neue Erfindungen wie zum Beispiel die Gasmotoren von Nicolaus Otto und die Entwicklung Kölns zum Eisenbahnknoten im Westen führten zu einem großen Bevölkerungswachstum.
Lag die Einwohnerzahl zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch bei etwa 40.000 Bürgern, wuchs Köln bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf etwa 375.000 Menschen. Mit dem Zuzug von Menschen aus allen Teilen des Deutschen Reichs bis hin nach Polen ergab sich die Notwendigkeit, eine gemeinsame Sprache zu sprechen. Zudem waren in der Garnisonsstadt Köln unter preußischer Verwaltung etwa 8.000 Soldaten inklusive Familien stationiert. Und die – nach dem Empfinden der Kölner steifen – Preußen sprachen Hochdeutsch. Die Folge: Kölsch verschwand aus dem Alltag.
Auch nach dem 1. Weltkrieg bis in die 1930er Jahre wuchs Köln weiterhin rasant: Die Anzahl der Kölner Bürger stieg bis 1939 auf fast 750.000 Bürger. Mundartsänger wie Willi Ostermann beklagten dann auch „dä fremde Krom“ in der Stadt und das Aussterben der Muttersprache. In dem Lied „Och, wat wor dat fröher schön doch en Colonia“ lautet es:
Dä fremde Krom, et es doch ze beduure, als ahle Kölsche schöddelt mer d’r Kopp
Der zweite Weltkrieg war eine Zäsur. Die fast totale Zerstörung der Stadt führte zu einer Renaissance der Kölschen Sprache. Sprache ist Heimat und Kölsch zu sprechen war identitätsstiftend und gab ein Gefühl von Zusammengehörigkeit in der schweren Nachkriegszeit.
Von der Gossensprache zur Kult
Ab den 1970er war es damit aber vorbei: Kölsch war die Sprache des Proletariats und des kriminellen Milieus. Kölsche Unterweltgrößen wie Schäfers Nas oder Dummse Tünn sprachen Kölsch – in den Familien hingegen wurde Kölsch verpönt. Kein Wunder, dass Peter Brings (Jahrgang 1964) in dem Hit „Kölsche Jung“ singt:
Deutsch Unterricht, dat wor nix för mich denn ming Sprooch die jof et do nit. „Sprech ödentlich“ hät de Mam jesaht di Zeuchniss dat weed keene Hit. … Op d´r Stross han ich ming Sproch jeliehrt.
Renaissance durch die Bläck Fööss
Die Renaissance der kölschen Sprache kam erst mit den Bläck Fööss und ihrem wunderbaren Umgang mit unserer Sprache. Die Musiker machten Kölsch auch außerhalb der Karnevalssäle wieder salonfähig. Die kölsche Band BAP sorgte ab Anfang der 80er Jahre dafür, dass Kölsch als Sprache in der Popkultur bundesweit bekannt wurde. Und mit den neuen Bands wie Kasalla, Cat Ballou, Miljö & Co. wurde Kölsch auch in jüngeren Zielgruppen wieder verstanden und teilweise auch gesprochen.
Kölsch ist in der Domstadt auch im Alltag oft zu sehen, hier die Inschrift an der Kreuzblume am Dom, Bild: Uli Kievernagel
Eine Sprache lebt
Heute wird Kölsch in Köln und Umgebung von – hier sind sich die Sprachforscher sehr uneinig – 250.000 bis 750.000 Menschen gesprochen. Das Problem ist, dass die Unterschiede zwischen „echtem Kölsch“ und dem „Rheinischen Regiolekt“1Ein Regiolekt ist eine Umgangssprache, welche zwischen Basisdialekt und Standardsprache liegt. Das ist dann in unserer Region eher „Rheinisch“ mit dem typisch kölschen Tonfall, was von Außenstehenden für „Kölsch“ gehalten wird. fließend sind.
Sprachpuristen regen sich dabei über die Veränderung der kölschen Sprache auf und versuchen, diesen Prozess anzuhalten. Dabei wird vergessen, dass eine Sprache nur überleben kann, wenn sie auch tatsächlich gesprochen wird. Und somit unterliegt diese ständigen Veränderungen. Eine Sprache ist kein Museum, eine Sprache ist gelebter Alltag.
Daher: Loss se doch schwaade.
Eine Übersicht wunderschöner kölscher Ausdrücke findet ihr hier in meiner Rubrik „Kölsche Wörter“.