Der Blog: Das Köln-Ding der Woche # Beitragsseite

Collage Köln-Ding allgemein

 

  • 2.000 Jahre Köln: Historisches
    In Köln ist in den letzten 2.000 Jahren viel passiert. Hier findet ihr ein paar der vielen, vielen Geschichten aus der Kölner Geschichte.  
  • Bauwerke & Plätze
    Auch die im 2. Weltkrieg so stark zerstörte Stadt Köln hat wunderschöne Bauwerke, Orte und Plätze. Oft sind diese allerdings gut versteckt.
  • Ein paar Fragen an …
    In meiner Reihe „Ein paar Fragen an …“ befrage ich Menschen aus Köln, die etwas zu erzählen haben.
  • Karneval
    Selbstverständlich nimmt die 5. Jahreszeit einen breiten Raum in unserer Stadt ein. Un et is härrlisch, Fastelovend ze fiere!
  • Köln im Krieg
    Der Krieg hat tiefe Wunden in der Domstadt hinterlassen. Zur „Stunde Null“ waren 80% der Gebäude in der Innenstadt zerstört.
  • Kölsche Persönlichkeiten
    Die alte Stadt am Rhein hat in den letzten zwei Jahrtausenden viele Persönlichkeiten hervorgebracht.
  • Kölsche Stöckelche
    Wenn der Kölsche von „Stöckelche“ spricht, dann meint er damit Anekdötchen.
  • Kölsche Tön
    Es gibt wahrscheinlich keine Stadt auf der Welt, die so oft besungen wird wie Köln.
  • Kölsche Wörter
    Die kölsche Sprache bietet wunderschöne Wörter. Und ein paar davon werden hier erklärt.
  • Kunst & Kultur
    Auch wenn es angesichts mancher Fehlplanungen oft schwer zu glauben ist: Köln ist auch eine Kulturstadt. 
  • Stimmen zum Köln-Ding der Woche
    Ein paar Abonnenten haben mir eine Rückmeldung zum „Köln-Ding der Woche“ gegeben. 
  • Karte zum Köln-Ding der Woche
    Fast alle „Köln-Dinger der Woche“ kann man sich anschauen. Falls ihr, unabhängig von einer Lotsentour, euch diese speziellen Seiten von Köln anschauen wollt, nutzt einfach diese Karte.

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Olympia in Kölle: Loss mer maache – oder leever nit?

Olympia in Köln: ja oder nein?

Köln und Olympia – das klingt erstmal wie eine dieser kölschen Ideen, bei denen man nicht so genau weiß: Genial oder größenwahnsinnig? Zwischen Domspitzen und Dauerbaustellen, zwischen „Weltstadt-Attitüde“ und „Et hätt noch immer jot jejange“ stellt sich die Frage: Würde Olympia an den Rhein passen – oder eher nicht? Kölner*innen haben aktuell1Noch bis zum 19. April 2026 die Möglichkeit, abzustimmen. Dabei geht es nur um „ja“ oder „nein“. Schwierig. Daher wird es Zeit für einen Blick auf die Chancen und Risiken. Ganz ehrlich: Das ist alles stark verkürzt und auf keinen Fall erschöpfend. Weiter unten gibt es noch Link-Empfehlungen, um sich intensiver mit dem Thema zu beschäftigen.

Olympia in Köln: JA!

OlympiJA – Argumente dafür

Köln kann Atmosphäre

Köln ist kein graues Verwaltungszentrum, sondern eine Stadt, die sich gerne zeigt. Ob Karneval, CSD oder große Konzerte – Köln kann Atmosphäre. Olympische Spiele leben genau davon: Emotion, Begegnung, Ausnahmezustand. Und davon hat Köln reichlich im Repertoire.

Kurze Wege, großes Netzwerk

Im Gegensatz zu vielen Metropolen könnte Köln Olympia nicht allein stemmen – müsste es aber auch gar nicht. Mit den vielen bestehenden Sportstätten im Ruhrgebiet, Reiten in Aachen, ja – auch zusammen mit Leverkusen und Düsseldorf – liegt ein ganzes Netzwerk vor der Tür. Die Idee: Spiele der kurzen Wege, verteilt auf mehrere Städte. Rhein-Ruhr statt Gigantismus.

Infrastruktur? Schon da!

Müngersdorfer Stadion, Kölnarena, Fühlinger See, Messe – vieles ist vorhanden. Klar, nicht alles olympiatauglich, aber einiges näher dran, als man denkt. Und ein Olympia-Stadion auf Zeit, welches anschließend zentraler Teil eines neuen Stadtteils wird. Das könnte Kosten und Bauwahnsinn reduzieren. Zugegeben – zumindest in der Theorie.

Image-Booster

Beachvolleyball am Dom – Bogenschießen auf den Poller Wiesen – Fechten im Gürzenich: Olympia wäre eine Einladung an die Welt: „Komm vorbei, wir sind mehr als Dom und Kölsch.“ Köln könnte sich modern, weltoffen und leistungsfähig präsentieren – ein Imagegewinn, der über Jahre nachwirkt.

Olympia in Köln: nein!

OlympiNä – Argumente dagegen

Köln und Großprojekte –  ganz schlechte Erfahrungen

Wer in Köln „Großprojekt“ sagt, denkt schnell an Dauerbaustellen, explodierende Kosten und verschobene Zeitpläne. Beispiele gibt es genug. Olympia aber verzeiht keine Verspätung – der Zeitplan steht, egal ob Köln fertig ist oder nicht.

Infrastruktur? Eben doch nicht genug

Ja, einiges ist da. Aber eben nicht alles. Verkehrswege, Unterkünfte, Sicherheitskonzepte – das alles müsste massiv erweitert werden. Und genau hier wird’s knifflig: Köln kämpft schon im Alltag mit Stau, Bahnproblemen und Wohnraummangel.

Kosten – das große Fragezeichen

Olympische Spiele sind selten ein Schnäppchen. Viele Gastgeberstädte kämpfen noch Jahre später mit Schulden. Die Frage ist also nicht, ob es teuer wird – sondern wie teuer. Und ob sich das für Köln wirklich rechnet – und natürlich, ob wir uns das angesichts eines desolaten Haushalts überhaupt leisten können.

Die Stadt im Ausnahmezustand

Schon jetzt ist Köln bei Großevents am Limit. Olympia würde alles nochmal potenzieren: Sicherheitszonen, Einschränkungen, Menschenmassen. Für Besucher spannend – für Kölner im Alltag möglicherweise anstrengend.


Fazit: Köln hät et Hätz für Olympia – ävver künne mer dat uch? 

Olympia in Köln ist keine einfache Ja-Nein-Frage. Es ist eher ein kölsches „Kommt drauf an“. Auf Planung, Umsetzung, Ehrlichkeit bei den Kosten – und darauf, ob man den Mut hat, es richtig zu machen. Köln hätte das Herz für Olympia, keine Frage. Aber ob auch die Organisation und die Nervenstärke mithalten können? Genau da liegt der Knackpunkt. Am Ende bleibt die Entscheidung irgendwo zwischen Aufbruch und Augenmaß.

Oder, um es kölsch zu sagen:
Zwischen „Loss mer maache!“ und „Nä, dat weed nix.“


Wer sich eingehender mit der Fragestellung beschäftigen will, ob Olympia zu Köln passt, sollte sich unbedingt diese beiden Websites ansehen:

Logo Olympia Bewerbung, Quelle: Stadt Köln
Logo Olympia Bewerbung, Quelle: Stadt Köln

Olympia und Paralympics KölnRheinRuhr

Logo "NOlympia-Colonia", Quelle: www.nolympia-colonia.de
Logo „NOlympia-Colonia“, Quelle: www.nolympia-colonia.de

NOlympia-Colonia


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Maria Clementine Martin: Unternehmerin und Marketing-Profi

Weltbekanntes Logo: Die drei Nonnen im gotischen Spitzbogen stehen für Klosterfrau Melissengeist, Bild: Klosterfrau Gesundheits-Service

Weltbekanntes Logo: Die drei Nonnen im gotischen Spitzbogen stehen für Klosterfrau Melissengeist, Bild: Klosterfrau Gesundheits-Service

 Consumer Centric, Brand Awareness, Storytelling – alles Begriffe aus dem modernen Marketing. Die selbsternannten Experten wollen uns allen immer das Gefühl geben, sie alleine hätten das Marketing erfunden. Weit gefehlt. Experten für die Vermarktung von Produkten gibt es schon ewig. Und in Köln hat sich eine Marketing-Expertin besonders hervorgetan: Maria Clementin Martin, die „Erfinderin“ von Klosterfrau Melissengeist. Diese Frau hat bereits vor fast 200 Jahren geschafft, ein Produkt perfekt zu vermarkten, dass es noch heute gibt: Klosterfrau Melissengeist. Dabei hat sie alle Register des Marketings gezogen: Klösterliche Herkunft des Rezepts, Verwendung vom königlichen Wappen, Platzierung als medizinisches Produkt und Abmahnungen gegen Wettbewerber, die dies auch behaupteten.

Eine selbstbewusste Unternehmerin

Köln im Jahr 1826. Im Schatten des noch unvollendeten Doms tut sich was: Maria Clementine Martin gründet unter dem Namen „Maria Clementine Martin Klosterfrau“ ihr Unternehmen. Mit einer Anzeige in der Kölnischen Zeitung bewarb sie ihr selbst destilliertes Kölnisch Wasser:

„Ein sich selbst empfehlend ächtes Kölnische Wasser,
ist zu haben auf der Litsch Nro. 1, die große Flasche zu 6 Sgr. 3Pf.“

Das Gründungskapital stammt aus einer königlichen Rente, welche sich Maria in der Schlacht von Waterloo bei der Pflege von verletzten Soldaten verdient hatte.

Wundermittel gegen alle möglichen Beschwerden

Die 1775 als Wilhelmine Martin geborene Unternehmerin hatte zu diesem Zeitpunkt bereits reichlich Erfahrungen in verschiedenen Klöstern mit der Krankenpflege und mit Heilpflanzen machen können. Diese Kenntnisse setzt sie jetzt in bare Münze um. Besonders ihr neues Produkt, eine spezieller Melissengeist, wird noch heute bei Beschwerden aller Art empfohlen:

  • Bei Erkältung und grippalen Infekt,
  • bei Magen-Darm-Beschwerden,
  • bei Wetterfühligkeit, Spannungs- und Erregungszuständen,
  • bei innerer Unruhe und
  • bei Schlafstörungen.

Kein Wunder, dass bei einem solchen Wundermittel der Markt hart umkämpft war. In der Domstadt buhlen immerhin 64 Hersteller von Heilwassern und Kölnisch Wasser um Kunden. Deshalb strebte Maria bereits im Jahr 1828 eine „Prüfung und Bescheinigung der Qualität des von ihr verfertigten Melissenwassers durch die königliche Medizinal Behörde“ an. Leider vergeblich – die Behörde wies darauf hin, dass die Ähnlichkeit mit bestehenden Produkten zu groß sei und tatsächlich jeder Apotheker ein solches Heilwasser herstellen könne. Auch ein zweiter Versuch im Jahr 1831, den nur als Parfum zugelassenen Melissengeist als Arznei zuzulassen, scheiterte. Trotzdem positionierte die findige Unternehmerin dieses Produkt durch Hinweise auf die Heilwirkung mehr oder weniger deutlich als Arznei. Und ging gleichzeitig mit Abmahnungen gegen Wettbewerber vor, die dies ebenfalls taten – Marketing mit harten Bandagen.

Klosterfrau Melissengeist, in der Mitte des Etiketts ist noch heute das königliche Wappen zu finden, Bild: Klosterfrau Gesundheits-Service
Klosterfrau Melissengeist, in der Mitte des Etiketts ist noch heute das königliche Wappen zu finden, Bild: Klosterfrau Gesundheits-Service
Das königliche Wappen als Wettbewerbsvorteil

Ihr größter Marketing-Erfolg war aber die Anfrage bei König Friedrich Wilhelm III. im Jahr 1827: Dieser gestatte Ihr, das preußische Wappen auf dem Etikett ihrer Produkte zu führen. Andere Unternehmer mit vergleichbaren Produkten klagten vergeblich darauf, auch dieses Wappen nutzen zu dürfen. Tatsächlich schmückt dieses Wappen noch heute das Etikett jeder Flasche Klosterfrau Melissengeist.

Das Grab von Maria Clementine Martin auf dem Melatenfriedhof, Bild: Factumquintus
Das Grab von Maria Clementine Martin auf dem Melatenfriedhof, Bild: Factumquintus

Maria Clementine Martin starb am 9. August 1843. Ihr Unternehmen gibt es noch heute unter dem Namen „Klosterfrau Healthcare Group“. Und die erfolgreiche Tradition wurde fortgesetzt: Heute stellen ca. 1.000 Mitarbeiter 220 unterschiedliche Klosterfrau-Produkte her.


Die erste Adresse des Unternehmens im Jahr 1826 war durchaus prominent: „Auf der Litsch“ war eine Gasse an der Westfassade des Doms. Diese wurde bei der Domvollendung komplett abgerissen. Der Dom hatte damals die Adresse „Auf der Litsch 2“. Heute kann jeder dem Dom unter der Adresse „Domkloster 4, 50667 Köln“ schreiben.


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Die Zukunft des Kölnischen Stadtmuseums und des historischen Zeughauses

Das Zeughaus, bis 2017 Heimat des Kölnischen Stadtmuseums. Bild: Raimond Spekking
Das Zeughaus, hier ein Bild aus besseren Zeiten, Bild: Raimond Spekking

Das Zeughaus – der ideale Ort für das Stadtmuseum

Wenn man sich aktuell1März 2026 rund um das Zeughaus umschaut kann man sich tatsächlich für Köln schämen. Bauzäune dominieren das Bild, Müll liegt herum und sogar die schönen rot-weißen Fensterläden mussten demontiert werden, weil diese ansonsten abgestützt wären.  

Das Zeughaus selber, ein zwischen 1594 und 1606 als städtisches Waffenarsenal erbautes Gebäude, ist seit Jahren ungenutzt. Und auch der Blickfang, das „Flügelauto“ von H.A. Schult, wird wegen der Baufälligkeit des Turms in den kommenden Wochen umgesetzt.

Dabei bietet das Zeughaus ein sehr großes Potenzial: Beste Lage, große Flächen, historisches Ambiente. Es wird also höchste Zeit, sich um dieses attraktive Gebäude zu kümmern. 

Bereits vor zwei Jahren haben einige Kölner Geschichtsvereine schon einmal die Initiative ergriffen und eine Stellungnahme zur Zukunft des Kölnischen Stadtmuseums im Zeughaus erstellt. Sie hat seinerzeit in der Stadtpolitik und bei den Medien ein durchweg positives Echo erfahren, aber keinerlei konkrete Folgen gehabt.

Daher starten die Vereine und Initiativen eine neue Petition an Oberbürgermeister Burmester. Diese enthält die die dringende Bitte, das Zeughaus wieder als Heimat des Kölnischen Stadtmuseums zu nutzen.

Unterschrieben haben 48 Akteure der Kölnischen Stadtgesellschaft, darunter der Zentral-Dombau-Verein zu Köln, die Bürgerstiftung Köln, das Centrum Schwule Geschichte, Fortis Colonia. Willem Fromm von „Eine Geschichte der Stadt Köln“, Freunde und Förderer des Kölnischen Brauchtums, Louise Farina, die Kölner Stadtführer und auch wir vom Köln-Ding der Woche.


Hier der vollständige Text des offenen Briefes an Oberbürgermeister Torsten Burmester. Ein großes DANKE an Dr. Joachim Oepen vom Förderverein Geschichte in Köln, der dieses Anliegen maßgeblich organisiert hat.

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,

Ihr entschlossenes und tatkräftiges Handeln in den ersten Wochen Ihrer Amtszeit ermuntert uns, einen dringenden Appell an Sie zu richten. Es geht um die Zukunft unseres Stadtmuseums, um das Zeughaus und um den Umgang mit dem kulturellen Erbe unserer Stadt.

Seit dem katastrophalen Wasserschaden im Juni 2017 ist das Zeughaus fast ungenutzt. Das Stadtmuseum musste ausziehen, sollte in einem prestigeträchtigen Neubau am Dom einziehen, kam für den Zeitraum von zehn Jahren zur Miete in einem ehemaligen Modekaufhaus unter. Dank seiner attraktiven Inszenierung und dem interessanten Programm ist das Museum dort erfolgreich, und doch sind die Möglichkeiten sehr begrenzt. Die Ausstellungsfläche beträgt etwa 700 Quadratmeter – viel zu klein für eine Metropole von einer solch herausragenden historischen Bedeutung wie Köln. Die unfassbar reichen Bestände des Hauses sind in unzureichend ausgestatteten Depots gelagert. Zentrale Themen der Kölner Geschichte – zu Wirtschaft, Technik, Sport, Migration und anderen sozialen Fragen – können nicht gezeigt werden. Wir erleben eine Verzwergung unseres historischen Erbes.

Zugleich verfallen das Zeughaus und die Alte Wache daneben – und damit zwei einzigartige Bauwerke der Kölner Vergangenheit. Auch das gesamte umgebende Areal ist zunehmender Verwahrlosung ausgesetzt. Das Zeughaus als ehemalige Waffenkammer Kölns war das Herzstück der wehrhaften Bürgerstadt. Die Wache ist eines von nur drei verbliebenen Gebäuden des frühen Klassizismus in der Domstadt. Die Römermauer, die hinter beiden verläuft, bildet ihr stützendes Rückgrat. Dieses einmalige Ensemble darf nicht weiter verfa llen. Es ist kein Ort für ein Hotel, für städtische Verwaltung oder für eine Eventlocation; dies alles wurde bereits angedacht und zu Recht verworfen. Das Zeughausareal ist der geborene Platz für unser Stadtmuseum.

Hier lässt sich ein Ort schaffen, der ein kultureller Anziehungspunkt für das Bankenviertel ist, eine erste Anlaufstelle für die vielen Touristengruppen, die am Börsenplatz aussteigen, ein Ort, der selbst und im Dialog mit dem nahen NS-Dokumentationszentrum wichtige Bildungsarbeit leistet, der aber auch ein Treffpunkt für unzählige Kölnerinnen und Kölner ist. Gerade in unsicheren Zeiten wie diesen braucht unsere Stadt einen Ort der Selbstbefragung und der Selbstvergewisserung. Es braucht eine Einrichtung, die als Leuchtturm für die vielen Vereine und Initiativen dient, die sich um die Kölner Vergangenheit und das kölnische Brauchtum verdient machen. Und es braucht einen Ort, an dem die Kölner Pänz, die Erwachsenen, die Imis etwas über die hellen und die dunklen Zeiten ihrer Heimatstadt erfahren.

Köln hat schwierige Jahre vor sich, das ist uns bewusst. Mit Ihrer Idee der Olympiabewerbung haben Sie einen gewichtigen Aufschlag gemacht. Falls dies gelingt, dann ist ein elementarer Meilenstein gesetzt auf dem Weg zur Zweitausendjahrfeier Kölns, die unsere Stadt und ihre Bevölkerung 2050 begehen werden. Wir halten es für unabdingbar, dass die Darstellung unserer Geschichte dafür einen würdigen Rahmen bekommt, hinter dem sich die ganze Stadt versammeln kann. Wir sind überzeugt, dass das ein Unterfangen ist, das viele Unterstützerinnen und Unterstützer finden wird. Daher bitten wir Sie dringend: Bereiten Sie der Kölner Stadtgeschichte, dem Stadtmuseum und den Menschen, die sich um Kölns Identität und sein Bild nach außen große Sorgen machen, den Weg. Bitte bündeln Sie die Kräfte in Verwaltung und Stadtgesellschaft, damit noch in diesem Jahr der Startschuss fällt, um unsere Geschichte im Zeughaus erlebbar zu machen.

Download des Schreibens


Logo Kölnisches Stadtmuseum
 

Hintergrund: Das Kölnische Stadtmuseum

Die Ausstellung zur kölschen Stadtgeschichte hat bereits eine lange Reise hinter sich: Wie bei so vielen Museen in Köln bildete die umfangreiche Sammlung Ferdinand Franz Wallrafs den Grundstock. Ab 1888 wurde die Stadtgeschichte in der Hahnentorburg ausgestellt und ab 1902 zusätzlich in der Eigelsteintorburg. Da die Aufteilung auf zwei Standorte alles andere als optimal war, erwog man bereits 1912, das Zeughaus als Ausstellungsort zu nutzen. Allerdings machte der Erste Weltkrieg diese Pläne zunichte.

Auch der Plan, die alte Kürassierkaserne der Preußen in Deutz als „Rheinisches Museum“ zu nutzen, musste wegen der Weltwirtschaftskrise verschoben werden. Die Nationalsozialisten erkannten das propagandistische Potenzial eines solches Museums und eröffneten dort am 21. Mai 1936 das „Haus der Rheinischen Heimat“ in Deutz, welches aber im Krieg erhebliche Schäden erlitt und abgerissen wurde. 

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam erneut der Gedanke auf, dem Stadtmuseum im Zeughaus eine Heimat zu geben. Doch der Wiederaufbau des im Krieg stark beschädigten Gebäudes verzögerte sich. Erst 1958 wurde die Dauerausstellung eröffnet, die dort bis zu dem Wasserschaden im Jahr 2017 gezeigt wurde.

Der schlechte Zustand des Zeughauses machte eine Fortführung der Ausstellung unmöglich. Daher gab es 2018 einen Ratsbeschluss, das ehemalige Modehaus Franz Sauer als Interimsquartier zu nutzen. Doch es sollte noch bis 2024 dauern, bis die Ausstellung dort eröffnet werden konnte.

Das Kölnische Stadtmuseum, Bild: Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0
Das Kölnische Stadtmuseum im ehemaligen Modehaus Franz Sauer, Bild: Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0

Die Kuratoren machten aus der Platz-Not eine Tugend und stellten das Ausstellungs-Konzept komplett neu auf. Statt einer klassischen Chronologie werden acht aktuelle Fragen, die die Besucher beschäftigen und emotional berühren gestellt. Fragen wie: „Was lieben wir?“, „Worauf hoffen wir?“, „Was macht uns Angst?“, „Was verbindet uns?“, „Was macht uns wütend?“, „Worauf haben wir Lust?“, „Woran glauben wir?“ und „Was bewegt uns?“ bilden das Grundgerüst der neuen Dauerausstellung.

Eine perfekte Darstellung – mit nur 0,1% aller möglichen Exponante

Das Problem aber bleibt: Platzmangel. Nur 750 Quadratmeter stehen am neuen Standort für die Dauerausstellung zur Verfügung. Allerdings gibt es etwa 500.000 Ausstellungsstücke, gezeigt werden können davon nur etwa 650 Exponate, weniger als 0,1%.

Kölnisches Stadtmuseum

Minoritenstraße 13
50667 Köln

Öffnungszeiten: 

  • Dienstag bis Sonntag: 10 bis 17 Uhr
  • 1. Donnerstag im Monat: 10 bis 22 Uhr (außer an Feiertagen)
  • An Feiertagen: 10 bis 17 Uhr

Eintritt:

  • 5 Euro, ermäßigt 3 Euro
  • Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre: frei

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Der „Rosa Winkel“: Das Mahnmal für die schwulen und lesbischen Opfer des Nationalsozialismus in Köln

Das Mahnmal für die schwulen und lesbischen Opfer des Nationalsozialismus in Köln, Bild: Franz-Josef Knöchel / LVR
Das Mahnmal für die schwulen und lesbischen Opfer des Nationalsozialismus in Köln, Bild: Franz-Josef Knöchel / LVR

Regelmäßig besuche ich bei der Lotsentour Innenstadt mit meinen Gruppen auch das „Rosa Winkel Mahnmal“. Und immer wieder stelle ich fest, dass selbst Urkölsche dieses Denkmal nicht kennen – obwohl sie schon hundertmal daran vorbeigelaufen sind. Die Rede ist von dem „Mahnmal für die schwulen und lesbischen Opfer des Nationalsozialismus in Köln“. Dabei steht dieses Denkmal an sehr prominenter Stelle: direkt am Rhein, fast unterhalb der Hohenzollernbrücke. Und trotzdem laufen alle daran vorbei. Und das bereits seit 1995. Damals wurde das Denkmal feierlich im Rahmen der Cologne Pride enthüllt. Aus heutiger Sicht erstaunlich: Der damalige Oberbürgermeister Norbert Burger hatte bei der feierlichen Enthüllung des Mahnmals seinen ersten Auftritt im Rahmen eines CSD. Heute ist die Teilnahme an den Feierlichkeiten des CSD Pflichtprogramm für die Vertreter der Politik. 

Streit um Aufstellungsort

Die Vorgeschichte des Denkmals beginnt bereits 1990. Die Initiative ging von Jörg Lenk, aktiv im Arbeitskreis Lesben und Schwule der Gewerkschaft ÖTV in Köln, aus. Drei Jahre später gab es eine Ausschreibung zur Gestaltung des Denkmals. Kritisch diskutiert wurde vor allem der sehr prominente Aufstellungsort.

Dabei ist gerade dieser Platz für die homosexuellen Kölner von besonderer Bedeutung. Hier stand bis zum Zweiten Weltkrieg ein Pissoir, welches zum beliebten Treffpunkt schwuler Männer wurde. Nach der Zerstörung des Pissoirs verlagerte sich die Szene in die (heute geschlossenen) Treppentürme der Hohenzollernbrücke.

Der „Schwulen-Paragraph“ 175

Nicht vergessen: Noch bis in das Jahr 1994 galt der „Schwulen-Paragraph “ 175. Dieser Paragraph stellte homosexuelle Handlungen unter Strafe. Anonyme Treffpunkte für Schwule waren daher von besonderer Bedeutung.

Bereits 1922 veröffentlichte der Publizist Kurt Hiller unter dem Titel "Die Schmach des Jahrhunderts" eine Aufsatzsammlung gegen den Paragrafen 175
Bereits 1922 veröffentlichte der Publizist Kurt Hiller unter dem Titel „Die Schmach des Jahrhunderts“ eine Aufsatzsammlung gegen den Paragraphen 175

Paragraph 175 Strafgesetzbuches wurde bereits im Deutschen Kaiserreich eingeführt

Ein großes DANKE an Antonia Frinken. Sie hat sich mit der Geschichte des Paragraph 175 auseinandergesetzt und mir erlaubt, ihre Zusammenfassung hier zu veröffentlichen.

„Der Paragraph 175 des Strafgesetzbuches galt von 1871 bis 1994 und bezog sich auf sexuelle Handlungen zwischen Männern. Im Nationalsozialismus wurde er im Jahr 1935 verschärft: Waren bis dahin „beischlafähnliche Handlungen“ strafbar, so drohten nun Haftstrafen für das bloße Anschauen oder Berühren.

Während dieser Paragraph in der DDR zunächst auf unterschiedliche Weise ad acta gelegt wurde, bestand er in der Bundesrepublik bis zur ersten Reformierung 1969 in der Fassung von 1935 fort. Die Große Koalition unter Bundeskanzler Kiesinger hob das Totalverbot gleichgeschlechtlicher Handlungen zwischen Männern auf. Aber homosexuelle Prostitution und Ausnutzung von Dienstverhältnissen und Machtgefällen standen weiterhin unter Strafe. Das Schutzalter für homosexuelle Handlungen zwischen männlichen Personen lag zudem bei 21 Jahren und war somit höher als für heterosexuelle Handlungen.

Eine zweite, weitreichendere Reformierung des Paragraphen 175 erfolgte 1973 unter dem Kabinett Brandt II, die unter anderem die Absenkung des Schutzalters von 21 auf 18 Jahre beinhaltete. Erst 1994 wurde der Paragraphf 175 ersatzlos gestrichen und das Schutzalter für homosexuelle und heterosexuelle Handlungen angeglichen.

2002 beschloss der Bundestag gegen Stimmen von CDU/CSU und FDP die Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile und damit auch die Rehabilitierung der zwischen 1935 und 1945 unter dem Paragraphfen 175 Verurteilten. Nachfolgende Anträge zur Rehabilitation der Verurteilten nach 1945 wurden bis 2017 abgelehnt, als alle Verurteilten, deren Sexualpartner seinerzeit 16 Jahre oder älter waren, rehabilitiert wurden. Zahlreiche Opfer des Paragraphen 175 erlebten die Rehabilitationen von 2002 beziehungsweise 2017 jedoch nicht mehr mit.

Sexuelle Handlungen unter Frauen wurden unter dem Paragraphen 175 zu keiner Zeit verfolgt, waren aber gesellschaftlich stigmatisiert. Die lange Geschichte der Verfolgung sexueller Minderheiten zeigt die Wichtigkeit geheimer Treffpunkte zur Schaffung von Gemeinschaft auf.“

Kameradschafts-Ehe
„Kameradschaft-Ehe“

Um der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entgehen waren Scheinehen ein häufig gewählter Ausweg. Dabei heirateten homosexuelle Männer und Frauen, um den Schein der Konformität zu wahren. Es gab aber auch Ehen zwischen homosexuellen Männern und heterosexuellen Frauen. Der Vorteil für beide Seiten: Absicherung gegenüber der Verfolgung bei den Männern und soziale Absicherung der Frauen.  

In Zeitungsanzeigen wurden für diese Arrangements spezielle Begriffe wie „Kameradschafts-Ehe“ oder „Heirat vor der Welt“ verwendet. Auch Formulierungen in den Anzeigen wie „Eine Frau, die mich versteht.“ oder „… die meine Neigungen respektiert“ wurden verwendet. 

Aus dem Lehrmaterial der SS: Übersicht der Kennzeichnungen für Häftlinge, Bild: Bundesarchiv, Bild 146-1993-051-07 / Unknown / CC-BY-SA 3.0
Aus dem Lehrmaterial der SS: Übersicht der Kennzeichnungen für Häftlinge, Bild: Bundesarchiv, Bild 146-1993-051-07 / Unknown / CC-BY-SA 3.0

Rosa Winkel kennzeichnete homosexuelle Männer im Konzentrationslager

Das Mahnmal ist dem „Rosa Winkel“ nachempfunden. In den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten musste jeder Häftling eine spezielle Kennung als Aufnäher an der Jacke oder Hemd tragen. Zwei gegenläufige Winkel, die den „Judenstern“ ergaben, kennzeichneten Juden. Ein roter Winkel stand für politische Gefangene. Einen lila Winkel mussten Zeugen Jehovas tragen. Weitere Aufnäher standen z.B. für Sinti und Roma oder  Berufsverbrecher. Der „Rosa Winkel“ war die Kennzeichnung homosexueller Männer.

  • Dieser „Rosa Winkel“ wurde später international zum Symbol der Homosexuellen. Heute hat allerdings die Regenbogenflagge eine wesentlich größere Popularität in der LGBT1Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender, also Lesbisch, Schwul, Bisexuell und Transgender-Szene.
Der "Rosa Winkel", gehalten durch graue Keile, Bild: Franz-Josef Knöchel, LVR
Der „Rosa Winkel“, gehalten durch graue Keile, Bild: Franz-Josef Knöchel, LVR

Das Denkmal besteht aus diesem „Rosa Winkel“, welcher links und rechts von grauen Keilen gehalten wird. Der Künstler Achim Zinkann dazu:
„ … In der Skulptur entsteht eine Korrespondenz zwischen den Keilen. Druck, Gegendruck und Reibung sind Voraussetzungen für den Gesamtzusammenhalt. Wird einer der Keile entfernt, verliert mindestens ein anderer den Halt. Das Gefüge wird zerstört …“

Inschrift des Mahnmal für die schwulen und lesbischen Opfer des Nationalsozialismus in Köln, Bild: Uli Kievernagel
Inschrift des Mahnmal für die schwulen und lesbischen Opfer des Nationalsozialismus in Köln, Bild: Uli Kievernagel

Auf der Oberseite ist die Inschrift:

Totgeschlagen – Totgeschwiegen
Den schwulen und lesbischen Opfern des Nationalsozialismus

eingemeißelt. In den Konzentrationslagern des NS-Regimes wurden etwa 10.000 homosexuelle Männer inhaftiert und mehr als die Hälfte davon ermordet, schätzt der Soziologe Rüdiger Lautmann.

Wenn ihr demnächst in der Innenstadt unterwegs seid, nehmt euch die Zeit und schaut euch dieses Denkmal an. Leider stelle ich regelmäßig fest, dass sich der „Rosa Winkel“ nicht im besten Zustand befindet.

Es wäre wünschenswert, wenn dort öfters mal jemand vorbeischaut und die Würde des Mahnmals sicherstellt.


Das Denkmal hat auch eine eigene Website mit weiteren Informationen. Außerdem gibt es noch ein Köln-Ding der Woche zum schwul-lesbischen Köln und der CSD-Parade.


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Kölsche Wörter: Öllich/Öllig – ein kleines Wort mit ordentlich Schmackes

Wenn der Kölsche von "Öllich" oder "Öllig" spricht, meint er eine Zwiebel, Bild: Ray Shrewsberry, Pixabay
Wenn der Kölsche von „Öllich“ oder „Öllig“ spricht, meint er eine Zwiebel, Bild: Ray Shrewsberry, Pixabay

Egal ob ´nen Halven Hahn, Himmel un Ääd, Flönz oder einfach nur ein Mettbrötchen: Ohne Öllich fehlt etwas. Mit „Öllich“ (oder auch „Öllig“) bezeichnet der Kölsche die Zwiebel. Und diese gehört zur Grundausstattung kölscher Gerichte!

Wo kommt der Begriff „Öllich“ eigentlich her?

Spannend wird es, wenn man dem Wort sprachlich hinterherläuft. Denn der Öllich ist ein echtes Weltenbummler-Wort. Der kölsche Sprachforscher Adam Wrede beschreibt den Begriff als eine Mischung aus gleich mehreren Sprachen:

  • Unionem – Latein für eine einzelne Zwiebel
  • Alium – ebenfalls Latein, für die Zwiebelknolle
  • Oignon – Französisch, auch hier: die Zwiebel

Köln war schon immer Durchgangsstation, Handelsplatz, Sprach-Schmelztiegel. Dass sich ausgerechnet die Zwiebel aus mehreren Sprachen zusammensetzt, passt perfekt zu unserer Stadt zwischen Germanen, Römern, Franzosen und allen, die unsere Stadt bereichern.  

Halve Hahn, Bild: Superbass / CC-BY-SA-4.0 (via Wikimedia Commons)
Ne „Halve Hahn“, nur echt mit Röggelchen, mittelaltem Gouda, Senf und reichlich Öllich, Bild: Superbass / CC-BY-SA-4.0 (via Wikimedia Commons)

Vom Ullouch zum Öllich – eine kleine Zeitreise

Der Öllich ist nicht über Nacht in der kölschen Sprache gelandet. Er hat sich langsam entwickelt, Schicht für Schicht – fast wie eine echte Zwiebel:

  • 14. Jahrhundert: Ullouch
  • 15. Jahrhundert: Ollych
  • 17. Jahrhundert: Ollich, Ollig
  • 18. Jahrhundert: Öllig
  • Heute: Öllich

Man kann förmlich hören, wie sich die Aussprache mit der Zeit rheinischer, weicher und gemütlicher anfühlt. Aus dem eher kantigen „Ullouch“ wird der heute vertraute Öllich.

Mehr als nur eine Zwiebel – mit Spuren in der kölschen Musik

Im Kölschen ist der Öllich längst mehr als ein Gemüse. Er ist Beilage, Hauptdarsteller und gelegentlich auch Metapher. Wer „wie ene Öllich“ riecht, hatte einen langen Abend. Wer „Träne wie beim Öllich schnigge“ verdrückt, meint es ernst. 

Auch in der Musik hat dä Öllich Spuren hinterlassen. So lautet es im berühmten „Kackleed“:

„.. wä jän decke Öllich iss
dä kack met vill Jestank …“

Und beim Song „Nur für die Liebe nit“ von Lupo lautet es sogar in der ersten Zeile:

„Et kölsche Woot för Zwiebel es Öllisch.“

"Eßt doch Öllig, Lück" von Gerhard Ebeler und Hans Otten
„Eßt doch Öllig, Lück“ von Gerhard Ebeler und Hans Otten

Gerhard Ebeler (Musik von Hans Otten) empfiehlt in dem Lied „Eßt doch Öllig, Lück!“ den Genuss von satten drei Pfund – am Tag (!).1Ein großes DANKE an Hermann-Josef Ley „Dä Quetschenbüggel“ für diesen Hinweis. Im Refrain lautet es:

Eßt doch Öllig, Lück! 
Düchtig Öllig, Lück!
Am Dag drei Pund.
Denn Öllig, dat eß bellig hück un och gesund.
Wer Öllig ißt, dä bliev mobil am gange Liev.

Auch die „Zwei kleine Ströpp“ haben der Zwiebel ein eigenes Lied gewidmet. Im Refrain vom „Öllich-Leed“ lautet es:

Ne leck’re öllich, dä darfsde nit verjesse;
Ne leck’re öllich jehöt an jedes Esse.
Ne leck’re öllich, un dorop kütt et an,
verschaff dir Luff un Platz noch en d’r Stroßebahn!

Der Funkeneid auf einer Metallplatte am "Rote-Funken-Plätzchen im Martinsviertel, Bild: Raimond Spekking
Der Funkeneid auf einer Metallplatte am „Rote-Funken-Plätzchen im Martinsviertel, Bild: Raimond Spekking

Sogar der Rote Funke schwört op die Öllich! 

Ein echter „Roter Funk“ wird man erst, wenn man den Funkeneid gesprochen hat. Dort lautet es gleich am Anfang:

„Bei Öllig, Böckem, ähde Nötz
un bei der rut-wieß Funkemötz,
beim hölze Zabel un Gewehr
well treu ich sin dem Fasteleer,
…“

Der Text bezieht sich auf die äußerst bescheidene Verpflegung der Vorläufer der Roten Funken, die Kölner Stadtsoldaten. Da diese sehr schlecht bezahlt wurden, gehörten die einfachen Lebensmittel wie Zwiebeln und Bücklinge2Bücklinge sind geräucherte Heringe. zu ihrer Hauptverpflegung. Und so schwört jeder Rote Funk noch heute auf die Öllig. 

Das Emblen des II: Knubbels ist eine "Öllig".
Das Emblen des II: Knubbels ist eine „Öllig“.

Stolz trägt der II. Knubbel3Knubbel sind die „Abteilungen“ der Roten Funken den Namen „Öllig“. Der Gruß dieses Knubbels lautet dann auch „Öllig stink“

Warum der Öllich so kölsch ist

Der Öllich zeigt exemplarisch, wie Kölsch funktioniert: Sprachen mischen sich, genau wie die Menschen hier in Köln. Jahrhunderte hinterlassen Spuren und am Ende entsteht etwas Eigenes. Kein Hochdeutsch, kein Französisch, kein Latein – sondern Kölsch. Genau deshalb lieben wir solche Wörter.

Sie erzählen Geschichte, ohne belehrend zu sein.
Sie sind Alltag und Denkmal zugleich.


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Kölsche Wörter: Fisimatente / Fisimatentche

„Visitez ma tente“ = "Besuchen Sie mein Zelt" ist eine schöne aber falsche Erklärung für das Wort "Fisimatente"
„Visitez ma tente“ = „Besuchen Sie mein Zelt“ ist eine schöne aber falsche Erklärung für das Wort „Fisimatente“

Wenn man dem Kölschen sagt: „Jetz mach doch nit alt widder su Fisimatenten!“ ist damit gemeint: „Jetzt stell dich doch nicht so an!“ oder: „Mach doch nicht solche Umstände!“. Die angesprochene Person sollte nicht alles so kompliziert machen.

Bekannte Erklärung mit dem Zelt ist falsch!  

Meine beliebte Thekenumfrage in meiner Stammkneipe zu diesem Wort führte tatsächlich zu der sehr schönen, aber falschen Erklärung mit dem Franzosen und seinem Zelt.

Schätzungsweise 90% der Kölschen meinen, der Begriff geht darauf zurück, dass in der französischen Besatzungszeit (1794 – 1814) die französischen Soldaten in Zeltlagern lebten. Und natürlich übten die schönen kölschen Mädchen eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf die Soldaten aus, die diese daraufhin zu einem Besuch („visite“) in ihrem Zelt („tente“) einluden: „Visitez ma tente“.

Da ein solcher Besuch, genau wie ein Fisternöllchen, zu ganz besonderen Umständen hätte führen können, wurde aus „Visitez ma tente“ ganz schnell Fisimatente. Klingt schön, ist aber leider falsch.

Auch die Tante hat mit Fisimatenten nicht zu tun

Ebenfalls aus der französischen Besatzungszeit stammt die Erklärung mit dem Besuch bei der Tante: Wenn der Kölsche bei Kontrollen durch die französischen Besatzer mal wieder zu spät auf der Straße aufgegriffen wurde, wurde schnell die Ausrede „Je viens de visiter ma tante.“ („Ich habe gerade meine Tante besucht.“) gebraucht.

Klingt schön, ist aber leider ebenso falsch wie die Zelt-Erklärung.

Erklärung als (überflüssiger) Zierrat

Eine weitere Erklärung stammt aus der mittelhochdeutschen Sprache.1Mittelhochdeutsch wurde zwischen etwa 1050 und 1350 gesprochen. Damals existierte der Begriff „visamente“. Damit wurden Verzierungen oder Ornamente bezeichnet. Heute würde man das als Zierrat bezeichnen. Damit sind auch nicht wesentliche, eher umständliche, Dinge gemeint.

Eine Uhr mit vielen "visamente", also reichlich (überflüssiger) Zierrat, Bild: Gordon Johnson, Pixabay
Eine Uhr mit vielen „visamente“, also reichlich (überflüssiger) Zierrat, Bild: Gordon Johnson, Pixabay

Und von „visamente“ zu „Fisimatente“ ist es kein weiter Weg. Daher passt die Erklärung „Mach doch nicht solche Umstände!“ zu Fisimatentche.

Die beste Erklärung kommt aus dem „Wrede“

Wie immer lohnt sich ein Blick in den „Wrede“2Adam Wrede: Neuer Kölnischer Wortschatz, Greven Verlag Köln, das Standardwerk zur kölschen Sprache. Dort lautet es:

Fisematentche / Fisimatenten, volkstümlich umgebildet aus „visae patentes literae“ … ein ordnungsgemäß verdientes, schriftlich ausgefertigtes Patent. Das Fachwort wurde in Verspottung des Bürokratischen zum Begriff für unnötige Schwierigkeit, unnütze Arbeit, unnützes Getue, leere Redensarten, zwecklose Umstände.

Und da es nun mal viel Zeit brauchte und ein großer Aufwand nötig war, um ein ordnungsgemäß geprüftes Patent auszufertigen, könnte sich der Begriff tatsächlich aus daraus entwickelt haben. Alles, was unnötig kompliziert erscheint und lange dauert, wird somit zu Fisimatenten.

Und Dinge, die lange dauern und kompliziert sind, haben wir in Kölle reichlich: Oper, Kalkberg, Nord-Süd-Stadtbahn, Römisch-
Germanisches Museum, Dom Hotel, …


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Die Eisflut 1784 – als der Rhein Köln an seine Grenzen brachte

Der Eisgang 1784 in Köln, Kupferstich in der Sammlung Johann Conrad Thelen
Der Eisgang 1784 in Köln, Kupferstich in der Sammlung Johann Conrad Thelen

Der Rhein ist Kölns Lebensader – und seit Jahrhunderten auch seine größte Bedrohung. Regelmäßig schaut der Fluß in der Stadt vorbei, meistens aber eher harmlos. Doch was sich im Winter 1783/1784 ereignete, übertraf alles, was die Kölner bis dahin mit „ihrem“ Rhein erlebt hatten.

Köln wurde vom schwersten bekannten Hochwasser seiner Geschichte getroffen. Innerhalb weniger Stunden verwandelte sich der zugefrorene Fluss in eine zerstörerische Naturgewalt, die Häuser, Schiffe und ganze Straßenzüge mit sich riss und tausende Menschen in existenzielle Not stürzte.

Der sogenannte „Jahrhundert-Eisgang“ von 1784 war kein lokales Unglück nur in Köln. Er war Teil einer europaweiten Katastrophe, ausgelöst durch extreme klimatische Bedingungen. Dennoch traf das Ereignis Köln mit besonderer Wucht. Der Rhein erreichte einen Pegelstand, der bis heute unübertroffen ist. Die Stadtmauer brach, Wasser drang bis zum Heumarkt vor, rund ein Drittel der Bevölkerung verlor Hab und Gut, viele auch ihre Unterkunft – manche ihr Leben.

Eindrucksvoll: Über dem Eingang der Kirche St. Maria Lyskirchen ist eine Hochwassermarke zur Eisflut 1984 angebracht. Bild: Photo by CEphoto, Uwe Aranas
Eindrucksvoll: Über dem Eingang der Kirche St. Maria Lyskirchen ist eine Hochwassermarke zur Eisflut 1784 angebracht. Bild: Photo by CEphoto, Uwe Aranas

Die Ursachen dieser Katastrophe lagen weit entfernt von Köln. Doch ihre Folgen machten am Rhein auf dramatische Weise sichtbar, wie eng das Schicksal der Stadt mit Naturereignissen und klimatischen Extremen verbunden ist.

Ein Winter von historischer Härte

Der Winter 1783/1784 zählt zu den extremsten Kälteperioden der frühen Neuzeit auf der nördlichen Hemisphäre. In Mitteleuropa, Nordamerika und Teilen Asiens sanken die Temperaturen über Wochen hinweg auf außergewöhnlich niedrige Werte. Flüsse froren zu, Handelswege brachen zusammen, die Versorgung der Bevölkerung geriet vielerorts ins Wanken.

In Köln herrschte über Wochen hinweg Dauerfrost. Im Januar 1784 fror der Rhein vollständig zu, die Eisschicht erreichte stellenweise eine Dicke von bis zu drei Metern. Zeitgenössische Berichte schildern, dass Menschen den Fluss zu Fuß überquerten und Fuhrwerke über das Eis fuhren. Was zunächst als außergewöhnliches Naturereignis wahrgenommen wurde, barg jedoch ein enormes Risiko, wie der Eisgang im Februar 1784 zeigen sollte. 

Die extremen Wetterbedingungen waren Teil einer natürlichen Klimaschwankung, wurden jedoch durch außergewöhnliche vulkanische Aktivitäten verstärkt. Der Ausbruch des Laki-Kraters auf Island ab Juni 1783 schleuderte enorme Mengen an Asche und Schwefelgasen in die Atmosphäre. Die daraus entstandenen Aerosole verdunkelten den Himmel über weiten Teilen Europas und beeinflussten das Klima nachhaltig. Zeitgenossen berichteten von einem wochenlang anhaltenden „trockenen Nebel“, der die Sonne dämpfte und Atemnot verursachte. Die klimatischen Folgen dieses Sommers wirkten bis tief in den folgenden Winter hinein – mit verheerenden Konsequenzen.

Auch an der "Schmitz-Säule" ist eine Hochwassermarke zur Jahrhundert-Eisflut von 1784 zu finden, Bild: Frank Vincentz, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Auch an der „Schmitz-Säule“ ist eine Hochwassermarke zur Jahrhundert-Eisflut von 1784 zu finden, Bild: Frank Vincentz, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Der Eisgang als zerstörerische Naturgewalt

Nach ungewöhnlicher Kälte im Winter 1783/84 – Berichten zufolge war der Rhein so stark zugefroren, dass Pferdefuhrwerke darüber fahren konnten – setzte im Februar 1784 plötzlich Tauwetter ein. Die Schneeschmelze im gesamten Einzugsgebiet des Rheins ließ die Wassermassen rasch anwachsen. Gleichzeitig begannen sich riesige Eisfelder aus dem Oberrhein zu lösen. Diese Eisschollen stauten sich an Engstellen des Flusses und bildeten massive Eisberge, die wie mobile Dämme wirkten.

Erfahrene Schiffsleute warnten früh vor der Gefahr eines plötzlichen Eisgangs bei weiter steigenden Temperaturen. Doch effektive Schutzmaßnahmen waren kaum möglich. Hochwasserschutz, wie er heute selbstverständlich ist, existierte nicht. Köln war dem Fluss ausgeliefert.

Am frühen Morgen des 27. Februar 1784 brach der Eisstau. Kanonenschüsse als Warnung kündigten an, dass sich die gewaltigen Eismassen in Bewegung gesetzt hatten. Vom Bayenturm aus rissen die Schollen alles mit sich, was sich ihnen in den Weg stellte. An der Kaimauer befestigte Schiffe, Kräne und Hafenanlagen wurden losgerissen und zerstört.

Der Rhein schwoll binnen kurzer Zeit auf einen Pegelstand von rund 13,55 Meter an – mehr als das Vierfache des Normalpegels. Die Fluten, auf denen tonnenschwere Eisschollen trieben, wirkten wie Abrissbirnen. Die Folge: Zerstörte Uferbefestigungen, Gebäude und Schiffe. Teile der Stadtmauer brachen ein, zahlreiche Häuser stürzten ein oder wurden später durch Unterspülung unbewohnbar.

Johann Leonhard Thelen: Ausführliche Nachricht von dem erschrecklichen Eisgange, und den Überschwemmungen des Rheines, welche im Jahre 1784 die Stadt Köln, und die umliegende Gegend getroffen, Köln 1789
Der Philosophieprofgessor Johann Leonhard Thelen: ist einer der wichtigsten Zeitzeugen der Eisflut 1784

Zeitzeuge Thelen berichtet

Einer der wichtigsten Zeugen der Eisflut 1784 war Johann Leonhard Thelen, Professor für Philosophie in Köln. In seiner Schrift „Ausführliche Nachricht von dem erschrecklichen Eisgange“ berichtete er:

„Die Fluten, die bereits eine ganz ausserordentliche Höhe erreichet hatten, stürzten Eis auf Eis auf unsere Stadt mit so reissender Gewalt, als sollte dieser Tag für uns der letzte sein. […] Die Einwohner der niedrigen Gegenden flüchteten aufwärts von Stock zu Stock; das Wasser stieg nach, und drohete die Flüchtlinge mancher Orte auf den Speichern zu ergreifen. […] Sie wollten fliehen, aber das schnell aufschwellende Gewässer, das nach einer bestätigten Beobachtung binnen einer Viertelstunde auf 5 Fus anwuchs, hatte jederman die Wege zum Fliehen verleget. […] In den Speicherfenstern, auf den Dächern sah man hunderte Menschen in blasser Todesnoth die Hände ringen; und um Hilfe flehen: aber wie konnte man tausende auf einmal retten!“

Verwüstung, Not und bleibende Erinnerung

In Köln selbst kamen nach zeitgenössischen Berichten mindestens 35 Menschen ums Leben, andere Quellen sprechen von noch höheren Opferzahlen. Etwa 15.000 Einwohnerinnen und Einwohner – rund ein Drittel der damaligen Bevölkerung – verloren ihr Hab und Gut. Rund 60 Schiffe und Kähne wurden zerstört oder fortgerissen. Große Teile der wirtschaftlichen Infrastruktur der Stadt lagen in Trümmern.

Stahlstich der Eisflut des Jahres 1784 in Mülheim von Steven Goblé,(1749-1799), Public domain, via Wikimedia Commons
Stahlstich der Eisflut des Jahres 1784 in Mülheim von Steven Goblé,(1749-1799), Public domain, via Wikimedia Commons

Besonders schwer traf die Eisflut die damals noch eigenständige Stadt Mülheim. Dort nahm ein Teilstrom des Rheins zeitweise seinen Lauf direkt durch den Ort. Zwei Drittel des Stadtgebiets standen unter Wasser. Von 420 Häusern wurden 161 vollständig zerstört, mehr als 100 weitere stark beschädigt. Mindestens 21 Menschen verloren ihr Leben, rund 1.800 wurden obdachlos. Der wirtschaftliche Schaden belief sich auf etwa 750.000 Gulden – eine Summe, die die damals eigenständige Stadt Mülheim an den Rand des Ruins brachte.

Aus Köln wurde bereits wenige Tage später Nothilfe organisiert. Brote und Lebensmittel wurden geliefert und unabhängig von Religion oder Herkunft verteilt – ein frühes Zeichen städtischer Solidarität in einer Zeit größter Not.

Hochwasserschutz in Köln heute: Lehren aus der Geschichte

Mehr als 240 Jahre nach der Eisflut von 1784 ist Köln deutlich besser auf Hochwasser vorbereitet. Dennoch gilt auch heute: Einen absoluten Hochwasserschutz gibt es nicht. Schäden lassen sich jedoch durch gezielte Vorsorge deutlich reduzieren. Dazu zählen die Flächenvorsorge, bei der möglichst kein Bauland in hochwassergefährdeten Gebieten ausgewiesen wird, sowie die Bauvorsorge mit hochwasserangepassten Bauweisen und Nutzungen.

Die Geschichte der Eisflut von 1784 zeigt, wie verwundbar Köln einst war. Der heutige Hochwasserschutz ist das Ergebnis dieser Erfahrungen – und zugleich ein Hinweis darauf, dass Wachsamkeit und Vorsorge auch in Zukunft unerlässlich bleiben.


Postkarte (um 1890) mit Blick über den Sicherheitshafen, Fotograf/Urheber: unbekannt
Postkarte (um 1890) mit Blick über den Sicherheitshafen, Fotograf/Urheber: unbekannt

Eisgang zieht Bau des Sicherheitshafens nach sich

Eine direkte Folge des Eisgangs war auch die Forderung der Rheinschiffer, nach einem Schutz vor solchen Verwüstungen. Diese Forderung deckte sich auch mit den militärischen Interessen der französischen Besatzungsmacht, Schiffe in einem geschützten Bereich unterzubringen.

Die Folge war dann eines der größten kölschen Baudesaster: Der Sicherheitshafen.


Die Hochwasserschutzwand an der Deutzer Brücke, aufgebaut bei einer Hochwasserschutzübung 2018, Bild: 1971markus@wikipedia.de / CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Die Hochwasserschutzwand an der Deutzer Brücke, aufgebaut bei einer Hochwasserschutzübung 2018, Bild: 1971markus@wikipedia.de / CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Hochwasserschutz in Köln heute

Der Kölner Pegel dient als zentrales Steuerungsinstrument aller Hochwasserschutzmaßnahmen. Bereits ab etwa 4,50 Metern werden erste Schutzmaßnahmen im Kanalnetz eingeleitet. Bei fünf Metern wird der untere Bereich des Rheinboulevards gesperrt, ab 5,50 Metern gilt der erste Informationswert. Mit weiter steigenden Pegeln folgen umfangreiche Maßnahmen: Pumpwerke gehen in Betrieb, mobile Wände werden aufgebaut, Promenaden und Stadtteile gesichert oder gesperrt.

Ab sieben Metern laufen großflächige Schieberprogramme im Kanalnetz, bei acht Metern sind zahlreiche Hochwasserpumpwerke im Einsatz. Ab Pegelständen über zehn Metern greifen höchste Einsatzstufen, bei denen Feuerwehr, Stadtverwaltung, Energieversorger, Hilfsorganisationen und weitere Stellen gemeinsam den Hochwasserschutz koordinieren.

Maßnahmenplan Hochwasserschutz

Die StEB hat einen detaillierten Maßnahmenplan1Quelle: Stadtentwässerungsbetriebe Köln, Anstalt des öffentlichen Rechts (StEB Köln), abgerufen am 3. Februar 2026 zum Hochwasserschutz veröffentlicht:

Kölner Pegel (KP) Ereignis
2,97 m Mittelwasser des Rheins in Köln (statistisch berechneter 10 Jahres-Mittelwert aller Wasserstände)
4,50 m Im Kanalnetz werden erste Hochwasserschutzmaßnahmen durchgeführt.
5,00 m Unterer Bereich des Rheinboulevards wird gesperrt.
5,50 m Informationswert 1 (≥ 5,50 m – < 7,00 m KP)
5,50 m Der Leinpfad ist stellenweise schon angeflutet und muss bereits abgesperrt sein.
5,80 m Parkplatz an der Bastei wird gesperrt.
6,00 m Bereits 5 reine Hochwasserpumpwerke sind in Betrieb.
6,30 m Parkplatz an der Bastei ist überflutet.
6,80 m Hubtor in Köln Rodenkirchen ist geschlossen.
7,00 m Informationswert 2 (≥ 7,00 m – < 10,70 m KP)
7,00 m Großes Schieberprogramm im Kanalnetz; über 250 Maßnahmen im Kanalnetz sind durchgeführt worden inkl. der Installation von Hochwasserverschlussdeckeln.

12 Hochwasserpumpwerke sind in Betrieb; die großen Pumpwerke (z. B. an der Messe) können bis zu 15.000m³/ h fördern.

Im Rodenkirchener Auenviertel werden erste mobile Wände aufgebaut.

In Porz Zündorf wird die Groov geflutet.

8,00 m Zahlreiche Schieber im Kanalnetz werden bedient; 22 reine Hochwasserpumpwerke sind in Betrieb.
8,10 m Promenade der Kölner Altstadt wird angeflutet.
8,50 m Köln Kasselberg wird vom Hochwasser umschlossen. Der Stadtteil ist nur noch mit watfähigen Fahrzeugen zu erreichen (Fahrdienst).
Im Kanalnetz sind 500 Maßnahmen durchgeführt worden.
8,60 m Erste Zugänge in der Hochwasserschutzmauer sind mit mobilen Elementen im Rheingarten (Altstadt) geschlossen.
8,80 m Fertigstellung der mobilen Wand auf dem Marktplatz in Porz Zündorf.
9,00 m Die Hochwasserzentrale wird je nach Steigerungsrate durch weitere Fachbereiche in der Einsatzzentrale unterstützt (Berufsfeuerwehr, Amt für Verkehrsmanagement, Polizei, RheinEnergie, DLRG, THW).
9,30 m Der Fahrdienst in Köln Kasselberg wird zum Fährdienst (Einsatz von Booten).
10,00 m Der Rheinufertunnels ist geschlossen.
10,70 m Informationswert 3 (≥ 10,70 m KP)
10,70 m Die mobile Schutzwand auf dem Marktplatz in Porz Zündorf wird überflutet. Es besteht keine Gefahr oberhalb des Marktplatzes.

24 reine Hochwasserpumpwerke sind in Betrieb.

> 10,70 m Leitung des gesamten Hochwassereinsatzes geht von den StEB Köln an die Stadt Köln zurück.

Weitere Informationen zum Hochwassermanagement inkl. Überflutungsgefahrenkarten und ein individueller „Wasser-Risiko-Check“ finden sich auf der Website der Stadtentwässerungsbetriebe Köln, StEB.


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„Der treue Husar“ – ein Lied zwischen Trömmelche und Tränchen

Hoch zu Pferd: Zwei Husaren im Einsatz, Bild: Public Domain
Hoch zu Pferd: Zwei Husaren im Einsatz, Bild: Public Domain

Jeder Kölsche kennt dieses Lied:

Es war einmal ein treuer Husar
Der liebt´ sein Mädchen ein ganzes Jahr
Ein ganzes Jahr und noch viel mehr
die Liebe nahm kein Ende mehr.

Dieses Lied singen wir Kölner an Karneval voller Inbrunst. Auch wenn es so absolut nichts mit dem Karneval zu tun hat – dä Fastelovend kommt in dem Lied  an keiner Stelle vor.

Und was kaum jemand weiß: Eigentlich ist dieser schmissige Marsch ein sehr trauriges Lied. Doch da in Köln immer nur die erste Strophe gesungen wird, kennt kaum jemand den ernsten Hintergrund. Denn das Lied hat insgesamt zwölf Strophen. Dabei geht es um Liebe, Tod und viele Tränen.

Trömmelche un Tränche

Tatsächlich wird die große Liebe eines jungen Husaren besungen. „Husaren“ waren damals eine militärische Einheit, die aus zu Pferd kämpfenden Soldaten besteht. Heute sind die „Treuen Husaren“ eines der Traditionskorps in Köln.

Dieser junge, im Lied namenlose Husar erhält die Nachricht, dass seine Liebste zuhause todkrank ist. Und entgegen jeder militärischen Gepflogenheit meldet er sich nicht ab, sondern schwingt sich aufs Pferd und reitet los:

Und als der Knab’ die Botschaft kriegt,
Daß sein Herzlieb am Sterben liegt,
Verließ er gleich sein Hab und Gut,
Wollt seh’n, was sein Herzliebchen tut.

Er kommt gerade noch rechtzeitig, um sich von seiner Geliebten zu verabschieden. So lautete es im Text, als er an ihr Sterbebett tritt:

Grüß Gott, grüß Gott, Herzliebste mein!
Was machst du hier im Bett allein?“
„Hab dank, hab Dank, mein treuer Knab‘!
Mit mir wird’s heißen bald: ins Grab!“

Tatsächlich stirbt sie in seinen Armen. Eine Geschichte voller Schmerz, bei der man an so ziemlich an alles denkt – nur nicht an Karneval:

Er nahm sie gleich in seinen Arm,
Da war sie kalt und nimmer warm;
Und als das Mägdlein gestorben war,
Da legt er’s auf die Totenbahr.

Willy Millowitsch (1909 - 1999 ) sang den Marsch vom "Treuen Husar"
Willy Millowitsch (1909 – 1999 ) sang den Marsch vom „Treuen Husar“

Karneval kann auch Tiefe

Aber in Kölle läuft vieles anders. Hier wird aus der tieftraurigen Ballade ein Karnevalsmarsch. Seit über hundert Jahren ertönt beim Schunkeln in der Kneipe, auf den Karnevalssitzungen oder im Rosenmontagszug aber immer nur die erste Strophe.

Besonders bekannt ist die sehr schmissige Version von Willy Millowitsch, die kann jeder Karnevalist auch noch nach dem 15. Kölsch mitsingen. Und dabei verkennen die Kölschen die ganze Tragik.

Vom Volkslied zur kölschen Hymne

Dabei hat der „Treue Husar“ mit Köln nicht viel zu tun. Die Spuren des Lieds führen bis ins 18. Jahrhundert zurück. Verschiedene Versionen finden sich in Volksliedsammlungen quer durch Deutschland. Und in den meisten Versionen wurde auch kein „Treuer Husar“, sondern ein „Roter Husar“ besungen.

Mitglieder der KG Treuer Husar Blau-Gelb von 1925 e.V. im Rosenmontagszug, Bild: Yogibaer08720, via Wikimedia Commons
Mitglieder der KG Treuer Husar Blau-Gelb von 1925 e.V. im Rosenmontagszug, Bild: Yogibaer08720, via Wikimedia Commons

Erst Heinrich Frantzen machte 1924 aus dem Lied einen Marsch. Das Traditionskorps „Treuer Husar“ bezeichnet das Lied als „vereinseigenen Büttenmarschs“ und bescheinigt sogar in typisch kölscher Bescheidenheit dem Lied einen „weltweiten Siegeszug“. So lautet es in der Chronik des Vereins:

1926: Mit dem ersten öffentlichen Auftritt der Husaren begann der weltweite Siegeszug des vereinseigenen Büttenmarschs „Es war einmal ein treuer Husar“, komponiert von Heinrich Franzen. Dessen Sohn Jupp Franzen schrieb später den heute geläufigen Text dazu. 1„Unsere Husarenchronik von 1925 bis heute“, KG Treuer Husar Blau-Gelb von 1925 e.V. https://treuerhusar.de/gesellschaft/historie/, abgerufen am 09.09.2025

Ob es sich tatsächlich um einen „weltweiten Siegeszug“ handelt, bleibt offen. Aber eindeutig wird dieses Lied erst seit diesem Zeitpunkt mit dem Karneval in Verbindung gebracht. Und wurde zur kölschen Hymne. Allerdings nur die erste Strophe.

Der "Karnevalsphilosoph“ Wolfgang Oelsner, Bild: Nicola, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Der „Karnevalsphilosoph“ Wolfgang Oelsner, Bild: Nicola, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Karneval kann so viel mehr als Trallala

Einen ganz besonderen Moment hat das Lied vom „Treuen Husar“ am 11. Juli 2025 erlebt. Dem „Karnevalsphilosoph“ Wolfgang Oelsner wurde an diesem Tag den Rheinlandtaler verliehen.2Der „Rheinlandtaler“ wurde 1976 vom Landschaftsverband Rheinland (LVR) ins Leben gerufen, um „hervorragende Verdienste um die rheinische Kulturpflege“ zu ehren.

Ein bemerkenswerter Moment bei dieser Verleihung war die Dankesrede von Wolfgang Oelsner. In dieser Rede präsentierte er die „Anderswelt Karneval“. Oelsner erklärte darin auch, dass „Karneval so viel mehr kann als Trallala, er kann auch Substanz.“ Und er erklärte dies am Beispiel des Lieds vom „Treuen Husar“. Der Kölner-Stadt-Anzeiger berichtete von dieser Veranstaltung:

Die virtuose Stadtkapelle schmetterte den Marsch, so wie ihn der Militärkapellmeister Heinrich Frantzen 1924 komponiert hat. Dann sang Ex-Bläck Fööss Sänger Kafi Biermann mit der Band Knippschaff den kompletten Text des alten Volksliedes so leise und fein arrangiert, dass manchem im Saal die Tränen kamen. So spürte jeder, was Oelsner meint, wenn er vom „Wechselbad der Gefühle“ berichtet, in dem Melancholie auf Lebenslust trifft. 3Kölner-Stadt Anzeiger vom 12. Juli 2025

Das Glockenspiel am 4711-Haus in der Glockenglasse spielt stündlich das Lied "Der Treue Husar", Bild: Raimond Spekking
Das Glockenspiel am 4711-Haus in der Glockenglasse spielt stündlich das Lied „Der Treue Husar“, Bild: Raimond Spekking

Und so singen wir Kölschen weiter aus voller Brust das Lied von dem doch so treuen Husaren – mit flotten Rhythmus und eingängiger Melodie.

„Der treue Husar“ wird auch stündlich4zwischen 9 bis 19 Uhr von dem Glockenspiel im 4711-Stammhaus in der Kölner Glockengasse gespielt.

Aber auch hier erklingen immer nur ein paar wenige Töne, die nicht erahnen lassen, welche traurige Wendung das Lied nimmt.


Der treue Husar
(Heinrich Frantzen, 1924)
hier auch auf YouTube in der Version der Bläck Fööss zu hören

Es war einmal ein treuer Husar,
Der liebt’ sein Mädchen ein ganzes Jahr,
Ein ganzes Jahr und noch viel mehr,
 Die Liebe nahm kein Ende mehr.

Der Knab’ der fuhr ins fremde Land,
Derweil ward ihm sein Mädchen krank,
Sie ward so krank bis auf den Tod,
Drei Tag, drei Nacht sprach sie kein Wort.

Und als der Knab’ die Botschaft kriegt,
Daß sein Herzlieb am Sterben liegt,
Verließ er gleich sein Hab und Gut,
Wollt seh’n, was sein Herzliebchen tut.

Ach Mutter bring’ geschwind ein Licht,
Mein Liebchen stirbt, ich seh’ es nicht,
Das war fürwahr ein treuer Husar,
Der liebt’ sein Mädchen ein ganzes Jahr.

Und als er zum Herzliebchen kam,
Ganz leise gab sie ihm die Hand,
Die ganze Hand und noch viel mehr,
Die Liebe nahm kein Ende mehr.

„Grüß Gott, grüß Gott, Herzliebste mein!
Was machst du hier im Bett allein?“
„Hab dank, hab Dank, mein treuer Knab‘!
Mit mir wird’s heißen bald: ins Grab!“

„Grüß Gott, grüß Gott, mein feiner Knab.
Mit mir wills gehen ins kühle Grab.“
„Ach nein, ach nein, mein liebes Kind,
Dieweil wir so Verliebte sind.“

„Ach nein, ach nein, nicht so geschwind,
Dieweil wir zwei Verliebte sind;
Ach nein, ach nein, Herzliebste mein,
Die Lieb und Treu muß länger sein.

Er nahm sie gleich in seinen Arm,
Da war sie kalt und nimmer warm;
„Geschwind, geschwind bringt mir ein Licht!
Sonst stirbt mein Schatz, daß’s niemand sicht.“

Und als das Mägdlein gestorben war,
Da legt er’s auf die Totenbahr.
Wo krieg ich nun sechs junge Knab’n,
Die mein Herzlieb zu Grabe trag’n?

Wo kriegen wir sechs Träger her?
Sechs Bauernbuben die sind so schwer.
Sechs brave Husaren müssen es sein,
Die tragen mein Herzliebchen heim.

Jetzt muß ich tragen ein schwarzes Kleid,
Das ist für mich ein großes Leid,
Ein großes Leid und noch viel mehr,
Die Trauer nimmt kein Ende mehr.


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Die jecke Zahl „11“

Der 11.11. - endlich geht der Karneval wieder los. Bild: Jörg Sabel / pixelio.de
Die „11“ – eine für den Fastelovend ganz wichtige Zahl. Bild: Jörg Sabel / pixelio.de

Podcast Alaaf + Zahl 11, 24

Die „11“ ist die wichtigste Narrenzahl. Am 11.11. – jeiht et met däm Fastelovend loss. Der Startschuss ist – wie sollte es auch anders sein – um 11.11 Uhr. Doch was hat es mit dieser Zahl 11 auf sich? Und warum haben die Jecken sich diese Zahl einfach unter den Nagel gerissen? Tatsächlich gibt es viele Erklärungsansätze, warum tatsächlich die 11 die Narrenzahl ist. 

Die 11 als als Symbol der Gleichheit

Am einfachsten ist die Erklärung, dass bei der 11 die beiden Ziffern 1 und 1 einträchtig nebeneinander stehen – als Symbol der Gleichheit im Karneval. Soll bedeuten: Egal, ob du Millionär oder armer Schlucker bist: Im Kostüm sind alle Jecken gleich.

Eine Zahl ohne „Regeln“

Komplexer wird es bei der Deutung der 11 als Zahl, welche sich nicht den Regeln unterwirft. Während sich die 12 hervorragend teilen lässt, ist die 11 als Primzahl nicht teilbar. Man kann sie nicht mehr mit den Fingern beider Hände abzählen. Und sie überschreitet die Ordnung, die durch die 10 Gebote gegeben wurde. Deshalb hat das kölsche Grundgesetz ja auch 11 Gebote.

Egalité – Liberté – Fraternité wird als „ELF“ abgekürzt

Eine andere Herleitung ist, dass sich die Narrenzahl 11 auf die Französische Revolution bezieht: Die Abkürzung der Begriffe Egalité – Liberté – Fraternité lautet ELF. Schöne Geschichte, aber nicht wahr. Allein schon die Tatsache, dass 11 als Zahl der Jecken schon lange vor der Zeit der Französischen Revolution belegt ist, widerlegt diese These.

Lohn und Pacht waren am 11.11. fällig

Einleuchtender ist die Deutung, dass am 11.11., dem Fest des St. Martin, das bäuerliche Jahr zu Ende ging. Pachtzahlungen wurden an diesem Tag fällig und die Knechte und Mägde bekamen ihren Lohn ausgezahlt. Es war also genug Geld im Umlauf, um es so richtig krachen zu lassen.

Elferrat der Stunksitzung mit Präsidentin Biggi Wanninger, Bild: Renate Lehmann
Elferrat der Stunksitzung mit Präsidentin Biggi Wanninger, Bild: Renate Lehmann

Der Elferrat – eine Erfindung aus Aachen

Bitter für die Kölner: Der Elferrat scheint keine kölsche Erfindung zu sein, sondern wurde aus Aachen importiert, so schreibt Thomas Töller:

„Denn während in den Statuten der Florresei1Die Florresei ist ein 1829 in Aachen gegründeter Karnevalsverein von 1829 explizit elf Würdenträger benannt werden, finden sich offenbar keine Quellenbelege, die für die Zeit vor 1830 auf eine ähnliche Bedeutung der Zahl Elf sowohl im Kölner als auch Düsseldorfer Karneval schließen lassen. (…) im Jahre 1829 war in den Statuten der Florresei der Grundstein für die Entstehung des elfköpfigen Vereinsvorstandes gelegt worden, der sich schnell zum charakteristischen Führungsgremium aller närrischen Vereine entwickelte.“2Thomas Töller: 150 Jahre Aachener Karnevalsverein gegr. 1859 e. V. 1859 Mit närrischem Frohsinn WIDER DEN TIERISCHEN ERNST 2009. Kuper Eschweiler 2009, S. 19, 234.

Jecke Jubiläen – von „11“ bis „444“

Die Zahl „11“ bedingt aber auch, dass es in Köln fast inflationär viele Jubiläen gibt. Während im Rest von Deutschland die „Runden Jubiläen“ wie „25 Jahre“,  „50 Jahre“ oder „100 Jahre“ gefeiert werden, gibt es in Köln zusätzlich noch die „Jecken Jubiläen“. Deswegen kann der Kölsche auch den 44. Geburtstag oder ein (Karnevals-)Verein sein  77jähriges Bestehen feiern. Und in Köln wundert sich niemand darüber. 

Ein echt kölsche Jubiläum: Zum 55. Jubiläum spendierte sich die "Lachende Kölnarena" selbst diesen Orden.
Ein echt kölsche Jubiläum: Zum 55. Jubiläum spendierte sich die „Lachende Kölnarena“ selbst diesen Orden.

Die „11“ ist in Köln mehr als nur eine Zahl

Die Zahl „11“ ist im Karneval weit mehr als ein Datum oder eine Uhrzeit – sie steht sinnbildlich für Gleichheit, Regelbruch und die jecke Freiheit. Ob als Ausdruck karnevalistischer Werte, als historisch gewachsener Termin zum Feiern nach dem Ende des bäuerlichen Jahres oder als organisatorische Grundlage mit dem Elferrat: Die 11 hat sich fest im rheinischen Brauchtum verankert. Ihre besondere Bedeutung zeigt sich bis heute in jecken Jubiläen und Traditionen, die Köln und den Karneval einzigartig machen.


Weitere Erklärungen zur „11“

Nach der Veröffentlichung haben mich Leser*innen angeschrieben und weitere Erklärungsansätze zu Bedeutung der Zahl „11“ geliefert:

  • Petra meint, dass es völlig klar wäre:  Der Anfangsbuchstabe unserer Stadt ist „K“ – und „K“ steht an 11ter Stelle im Alphabet.
  • Wolfgang verweist auf die Ursula und die 11.000 Jungfrauen.

Weitere „Deutungen“ nehme ich gerne entgegen, schreibt mir gerne: Kontakt.


 

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Kölsche Tön & ihre Geschichte: “Mir klääve am Lääve“

Das Cover der legendären Bläck Fööss - Platte "Mir klääve am Lääve"


Dieses Lied der Bläck Fööss ist schon 1984 erschienen, aber es ist heute1 Stand: 13. Januar 2026 tatsächlich äußerst erstaunlich, wie aktuell der Text von „Mir klääve am Läävve“ ist. Spiegelt man die Zeilen auf unsere aktuelle Zeit  stellt man erstaunlich viele Parallelen fest.

„Un wenn ihr meint,
dat et sech’rer weed,
wemmer jet rüsten deit.“

Der Krieg, von Russland verharmlosend „Spezialoperation“ genannt, begann am 24. Februar 2022. Schon seit vier Jahren wird in der Ukraine geschossen, bombardiert und es sterben Menschen.

In Washington regiert ein vollkommen irrer, selbstsüchtiger Präsident, der seine Meinung schneller wechselt als der Köbes ein Kölsch bringt. Ein Präsident, der die Unterstützung von knallharten wirtschaftlichen Forderungen abhängig macht. Die eigentliche Stärke der NATO zebröselt gerade wie ein Zwieback.

Die Bundesregierung versucht, trotz leerer Taschen mit einem „Sondervermögen“, welches nur aus Schulden besteht, massiv aufzurüsten. Gleichzeitig wird auch wieder die Wehrpflicht diskutiert.

„uns kritt keiner klein“

Auch ein Despot wie Putin oder der Berufsmobber Trump können uns nicht unterkriegen. Denn der Karneval ist in Krisenzeiten so etwas wie das ultimative „et hätt noch immer joot jejange“ der Kölschen in Krisenzeiten. Ejal wat passiert – mir fiere trotzdem.

Aber: An den Sorgen schunkeln wir nicht vorbei! Wir stellen uns den Herausforderungen – auf kölsche Art.

„Wenn ihr meint, dat dä janzen Dreck Platz do am Himmel hätt.“

Nicht erst durch „Fridays für Future“ wird klar, dass wir die Klimaziele kaum noch erreichen können. Und wenn der ein oder andere Politiker von der sauberen Kernenergie schwafelt oder „technikoffen“ die CO2-Emissionen bekämpfen will, ohne irgendeinen Plan zu haben, kann man nur mit dem Kopf schütteln.

Die Klimakrise ist keine dahin fantasierte Geschichte wie die Heinzelmännchen, sondern basiert auf Wissenschaft, auf Fakten. Und die Krise ist schon längst da – und verschärft sich zunehmend.

„Wenn ihr meint, wä am lauteste schreit, wör em Räch“

Leider gehen immer mehr Menschen Verschwörungstheoretikern und Rechtspopulisten auf den Leim. Vermeintliche einfache Lösung für eine immer komplizierter werdende Welt erhalten den Vorzug vor den zugegebenermaßen manchmal zermürbenden demokratischen Prozessen. 

Wenn man das alles zusammenfasst, muss man konstatieren: Die Fööss treffen mit diesem Lied aus dem Jahr 1984 (!) immer noch den Nagel auf den Kopf.

Wat bedeutet das jetzt?

Sollen wir alle zu Hause bleiben, um das Übel der Welt beweinen? Nä! Die Antwort darauf gibt der Refrain des Lieds:

Denn mir Kölsche, mir klääve, wie d’r Düvel am Lääve.
Uns Kölsche nimmp keiner – ejal wat och weed,
dä Spaß für ze laache, dä Bock jet ze maache.
Mir klääve am Lääve, uns kritt keiner klein.

Was 1984 und 1991 galt, gilt selbstverständlich auch noch 2026: Uns kritt keiner klein! Wir glauben fest an eine positive Zukunft, auch wenn es zugegeben manchmal schwerfällt. So lautet die letzte Strophe von „Mir klääve am Läävve“: 

Un wenn irjendwer sät
Für uns Äd wör et längs ze spät
Un wenn irjendwer meint, et wör alles am Äng
Dann dot üch verschanze
Doch gläuvt uns, mer pflanze
Noch hück e jung Bäumche met Woozele en.

Also: Lebt euer Leben! Denkt an die Zukunft! Und feiert und habt Spaß.


 

Seit den 1980er Jahren wurde der legendäre "Mir klääve am Lääve" Schriftzug sich selbst überlassen und äußerst untalentierte Schmierfinken haben diesen dann auch noch zum Teil übersprüht, Bild: Ulrich Feith, Kölner Ratsbläser
Der legendäre „Mir klääve am Lääve“ Schriftzug wurde zum Teil übersprüht, Bild: Ulrich Feith, Kölner Ratsbläser

Kölner Ratsbläser als Retter einer echten kölschen Kulturstätte

Vorlage für das legendäre „Mir klääve am Lääve-Plattencover“ der Bläck Fööss war ein Graffiti an einer Mauer des Bürgerzentrum Nippes (Altenberger Hof, Mauenheimer Straße).  Zuletzt wurde diese „Kölsche Kulturstätte“ leider auch noch übersprüht.

Die Kölner Ratsbläser, ein bereits 1954 gegründetes Bläserensemble, ist auf den Bühnen der Stadt unterwegs und interpretiert mit großer Liebe alte und neue kölsche Musik. Neben der Musik verstehen sich die Kölner Ratsbläser auch als Bewahrer der kölschen Kultur. So haben die Kölner Ratsbläser mit großem Aufwand den „Mir klääve am Lääve“ – Schriftzug reinigen lassen. 

Die Ratsbläser haben das gerettet, was von dem Schriftzug noch zu retten war, Bild: Ulrich Feith, Kölner Ratsbläser
Die Ratsbläser haben das gerettet, was von dem Schriftzug noch zu retten war, Bild: Ulrich Feith, Kölner Ratsbläser

„Auch wir als Ratsbläser haben unter den Corona-Einschränkungen massiv gelitten.“ so Ulrich Feith von den Kölner Ratsbläsern. „Um die kölsche Kultur zu bewahren und auch um unsere Vereinstätigkeit in der schwierigen Corona-Phase aufrecht zu erhalten, haben wir uns dieser kölschen Kulturstätte angenommen. Möglich war dies nur durch die hervorragende Zusammenarbeit mit Helga Gass, der Leiterin Bürgerzentrum Nippes des Trägers Zug um Zug e.V.“

„Die Idee der Kölner Ratsbläser hat uns sofort begeistert und wir sind froh, diese Aktion unterstützen zu können.“ freut sich Helga Gass.

Der legendäre Schriftzug konnte mit professioneller Hilfe durch ein Spezial-Unternehmen gerettet werden. Und dass die Kölner Ratsbläser viel mehr als ein äußerst gutes Bläserensemble sind, zeigt dieses lustige Video von Silke Wallikewitz (sillywallilyfotografiert) der Reinigungsaktion.

Zusätzliche Strophe zu „Mir klääve am Lääve“ 

Und passend zur Corona-Situation haben die Kölner Ratsbläser auch eine zusätzliche Strophe zu „Mir klääve am Lääve“ geschrieben:

Wenn einer denk, hä wör enjeschrenk,
wenn hä jet Rücksich nemp,
Un wenn irjendwer röf: Alle Räjele sinn Driss!
Dann loss en verzälle, „Verschwörung“ krakele,
uns Hätz un uns Siel kritt dä niemols klein!

Und damit haben die Ratsbläser eindeutig recht! 


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