Der Blog: Das Köln-Ding der Woche # Beitragsseite

Collage Köln-Ding allgemein

 

  • 2.000 Jahre Köln: Historisches
    In Köln ist in den letzten 2.000 Jahren viel passiert. Hier findet ihr ein paar der vielen, vielen Geschichten aus der Kölner Geschichte.  
  • Bauwerke & Plätze
    Auch die im 2. Weltkrieg so stark zerstörte Stadt Köln hat wunderschöne Bauwerke, Orte und Plätze. Oft sind diese allerdings gut versteckt.
  • Ein paar Fragen an …
    In meiner Reihe „Ein paar Fragen an …“ befrage ich Menschen aus Köln, die etwas zu erzählen haben.
  • Karneval
    Selbstverständlich nimmt die 5. Jahreszeit einen breiten Raum in unserer Stadt ein. Un et is härrlisch, Fastelovend ze fiere!
  • Köln im Krieg
    Der Krieg hat tiefe Wunden in der Domstadt hinterlassen. Zur „Stunde Null“ waren 80% der Gebäude in der Innenstadt zerstört.
  • Kölsche Persönlichkeiten
    Die alte Stadt am Rhein hat in den letzten zwei Jahrtausenden viele Persönlichkeiten hervorgebracht.
  • Kölsche Stöckelche
    Wenn der Kölsche von „Stöckelche“ spricht, dann meint er damit Anekdötchen.
  • Kölsche Tön
    Es gibt wahrscheinlich keine Stadt auf der Welt, die so oft besungen wird wie Köln.
  • Kölsche Wörter
    Die kölsche Sprache bietet wunderschöne Wörter. Und ein paar davon werden hier erklärt.
  • Kunst & Kultur
    Auch wenn es angesichts mancher Fehlplanungen oft schwer zu glauben ist: Köln ist auch eine Kulturstadt. 
  • Stimmen zum Köln-Ding der Woche
    Ein paar Abonnenten haben mir eine Rückmeldung zum „Köln-Ding der Woche“ gegeben. 
  • Karte zum Köln-Ding der Woche
    Fast alle „Köln-Dinger der Woche“ kann man sich anschauen. Falls ihr, unabhängig von einer Lotsentour, euch diese speziellen Seiten von Köln anschauen wollt, nutzt einfach diese Karte.

E-Mail-Newsletter

Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Zum Hören als Podcast oder zum Lesen im Blog.

Aber immer kurz & knackig, immer subjektiv & voreingenommen. Und immer kostenlos!
Datenschutz

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

150 Jahre Konrad Adenauer – Wie Köln lernte, groß zu denken

Konrad Adenauer, Kölner Oberbürgermeister, Bild: Bundesarchiv, Katherine Young, CC BY-SA 3.0 DE
Konrad Adenauer,  Bild: Bundesarchiv, Katherine Young, CC BY-SA 3.0 DE

Ein Gastbeitrag von Markus Zens

Markus Zens ist Stadtführer aus Leidenschaft in Köln und Gründer von „Echt Köln Stadtführungen“. Für ihn ist Köln mehr als Dom und Geschichte – es sind die Menschen, ihre Lebensfreude und ihre Geschichten. Auf seinen Touren geht es nicht nur um Daten und Fakten, sondern um Schicksale, Erinnerungen und das kölsche Miteinander.

Markus Zens, in der Mitte :-), ist Kölner Stadtführer mit Leidenschaft, Bild: Echt Köln
Markus Zens, in der Mitte😊, ist Kölner Stadtführer mit Leidenschaft, Bild: Echt Köln

Markus hat sich intensiv mit Adenauer in Köln beschäftigt und bietet auch die Stadtführung „Konrad Adenauer in Köln“ in Köln an. Dabei geht es um die Orte in unserer Stadt, die mit seinem Leben in Verbindung stehen. Diese Tour ist eine Zeitreise in das Köln vor einhundert Jahren. Alle Termine zur „Adenauer-Führung“ gibt es auf der Website von Echt Köln.

In diesem Beitrag beschreibt er als „Köln-Ding der Woche“-Gastautor das Wirken von Adenauer in Köln.


150 Jahre Konrad Adenauer
von Markus Zens

Am 5. Januar 1876 wurde Konrad Adenauer geboren und die Medien sind voll von Nachrufen auf ihn. Adenauer war wohl der bedeutendste Politiker in der Stadtgeschichte und die Aufzählung der Dinge, die wir Konrad Adenauer zu verdanken haben und von denen wir heute noch profitieren, ist lang: Die Grüngürtel, die Messe, Ford, den WDR, die Universität, das Müngersdorfer Stadion, den „Dicken Pitter“, die erste Autobahn, all das haben wir auch Adenauer zu verdanken. Ich möchte den Blick darauf lenken, in welchen Zeiten Adenauer gelebt hat und wie er mit den Anforderungen der Zeit umgegangen ist.

Konrad Adenauer im Alter von 20 Jahren, Fotograf: unbekannt
Konrad Adenauer im Alter von 20 Jahren, Fotograf: unbekannt

Vom Stadtkind zum Stadtlenker

Als Adenauer geboren wurde, stand die mittelalterliche Stadtmauer noch. Sozialisiert wurde er im Kaiserreich. Es herrschte Recht und Ordnung, die Gesellschaft war streng hierarchisch aufgebaut. 1904 heiratet Adenauer Emma Weyer, deren Onkel Max Wallraf 1906 Oberbürgermeister wird. Wallraf ist zwar Liberaler, Adenauer beim Zentrum, aber Wallraf hilft ihm, in die Stadtverwaltung zu kommen. 1909 wird Adenauer zum ersten Beigeordneten gewählt, obwohl er dafür eigentlich noch sehr jung ist. Als Wallraf 1917 als Staatssekretär nach Berlin ging wurde Adenauer ohne Gegenstimme vom Stadtrat zum Bürgermeister gewählt, mit 41 Jahren einer der jüngsten Bürgermeister einer deutschen Großstadt.

Adenauer war also schon zur Kaiserzeit Oberbürgermeister, aber er war kein Monarchist. Er war loyal zur Regierung und akzeptierte es, aber den Übergang zur Weimarer Republik gestaltete er mit. Dabei war er auch kein glühender Demokrat. Er hielt Demokratie für die beste Staatsform, gleichzeitig war sie ihm lästig, weil er immer Mehrheiten suchen musste. Denn er stand schon immer im Verdacht, zu glauben, er allein wüsste es sowieso besser. Kein Wunder, dass er gelegentlich „der Kölner Diktator“ oder der „Napoleon von Köln“ genannt wurde.

Adenauer war vor allem katholisch. Sein Glaube war für ihn eine unverrückbare Leitlinie. Das bedeutete für ihn aber auch große soziale Verantwortung, und zwar für alle Menschen. Das zeigte sich besonders in schwierigen Zeiten. Als Adenauer Oberbürgermeister wurde, war der Weltkrieg in vollem Gange. Die Lebensmittelversorgung war katastrophal, die Menschen hungerten. Jetzt zeigte sich Adenauers Pragmatismus. Zusammen mit den Brüdern Oebel entwickelte er ein Kriegsbrot aus Reismehl, Maismehl und Gerste, das wohl fürchterlich schmeckte, aber satt machte. Auf Beschwerden antwortete er: „Es geht nicht darum, was schmeckt, sondern was satt macht.“

Mit ruhiger Hand durch wilde Zeiten

Adenauer war sehr pragmatisch. Er stellte sich den Problemen, die auftauchten und suchte eine sinnvolle Lösung. Als im November 1918 meuternde Matrosen der Marine auf dem Weg nach Köln waren, forderte er den Standortkommandanten auf, die Matrosen mit Waffengewalt zu stoppen und zu inhaftieren. Als der das ablehnte, wechselte Adenauer die Taktik und stellte sich zusammen mit Wilhelm Sollmann von den Sozialdemokraten an die Spitze der Bewegung. Er überließ dem Arbeiter- und Soldatenrat Räume im Rathaus und übernahm selbst die Leitung des wichtigen Wohlfahrtsausschuss. So schaffte er es, dass der Aufstand in Köln ohne Blutvergießen ablief.

Berittene englische Soldaten paradieren im Dezember 1918 vor dem Kölner Dom, Bild: Sammlung Brokmeier
Berittene englische Soldaten paradieren im Dezember 1918 vor dem Kölner Dom, Bild: Sammlung Brokmeier

Am 6. Dezember 1918 marschierten die Engländer in Köln ein und besetzten die Stadt. 55.000 englische Soldaten wurden in Köln stationiert. Für die Stadt bedeutete die Besatzung erhebliche Belastungen und die Einschränkung von Grundrechten wie der Presse- und Versammlungsfreiheit. Adenauer akzeptierte die britische Besatzung, aber schützte aktiv die Selbstverwaltung und die Interessen der Stadt, er arrangierte sich und wirkte so auch auf die Bevölkerung ein. Zwei Zitate aus dieser Zeit von ihm finde ich sehr treffend: „Die Kölner kommen gut mit den Engländern aus – sie sind selbst ein Mischvolk aus Römern, Franken und anderen“ und „Die Stadt Köln steht nicht unter britischer Verwaltung, sondern unter britischer Aufsicht. Das ist ein Unterschied, den ich täglich verteidige.“

Bauen für die Zukunft, nicht für den Applaus

Der Frieden von Versailles legte fest, dass die preußischen Verteidigungsringe rund um Köln abgerissen werden müssen. Adenauer wollte unbedingt diese unbebauten Gebiete als Erholungsorte für die Bevölkerung anlegen und konnte sich gegen Interessen der Wirtschaft durchsetzen, die hier viel Potential für gewinnbringende Immobiliengeschäfte sahen. Hier waren ihm die Interessen der einfachen Bevölkerung deutlich wichtiger. Die Grüngürtel ließ er dann vor allem von Arbeitslosen angelegen, die dadurch eine sinnvolle Beschäftigung hatten und Geld verdienen konnten.

Adenauer nutzte die Zeit der politischen Unordnung nach der Abdankung des Kaisers, um die Universität wieder neu zu begründen. Die Preußen hatten vorher beschlossen, die Uni in Bonn wieder zu eröffnen und sich gegen Köln entschieden. Adenauer betrieb die Wiedereröffnung trotzdem weiter und bekam letztlich eine Genehmigung, allerdings musste die Stadt alle Kosten selbst tragen. Das brachte ihm viel Kritik im Stadtrat ein, da die Verschuldung der Stadt immer weiter anstieg. Adenauer hielt die Uni aber für eine sinnvolle Investition in die Zukunft und konnte sich letztlich durchsetzen. Sitz der Universität war die bisherige Handelshochschule am Römerpark. 1929 wurde dann der Grundstein gelegt für das neue Universitätsgebäude an der Universitätsstraße.

Für mich beeindruckend war sein Umgang mit der Wohnungsnot. Innerhalb von 15 Jahren war Köln um 100.000 Einwohner gewachsen. 1913 war die GAG gegründet worden, nicht von Adenauer, aber mit seiner Unterstützung als Beigeordneter. Das Problem der Wohnungsnot wurde angegangen, indem große Wohnsiedlungen gebaut wurden, in denen die Menschen einfache Wohnungen fanden. Als um 1930 die Weltwirtschaftskrise für eine hohe Arbeitslosigkeit sorgte, baute man Siedlungen mit Einfamilienhäusern und Garten für Arbeitslose mit ihren Familien, damit die sich selbst versorgen konnten. Teure, aber hilfreiche Maßnahmen, von denen wir heute noch profitieren. Die Germania-Siedlung oder die Nibelungensiedlung gibt es auch heute noch, Stadtteile wie Buchforst sind dadurch entstanden.

Die Siedlung "Weiße Stadt" in Köln-Buchforst, Bild: Grkauls, Public domain, via Wikimedia Commons
Die Siedlung „Weiße Stadt“ in Köln-Buchforst, Bild: Grkauls, Public domain, via Wikimedia Commons

Visionär – auch gegen Widerstände

Adenauer dachte weit voraus und wollte aus Köln eine europäische Metropole machen. Dafür war er bereit, hohe Schulden zu machen. Er war sicher, diese Investitionen würden sich mit der Zeit auszahlen. Und wenn man darüber nachdenkt, wie die Stadt über Jahrzehnte von Projekten wie der Messe, Ford, dem Müngersdorfer Stadion oder auch dem Niehler Hafen profitiert hat, waren diese Projekte für die Stadt richtig und wichtig.

Nicht alle dieser Projekte waren alleinige Ideen von Adenauer, er hatte fähige Mitarbeiter und wer es mit und unter ihm aushielt, konnte durchaus auch eigene Ideen umsetzen. Ein wichtiges Beispiel dafür ist Hertha Kraus.

Adenauers Frauenbild war konservativ katholisch geprägt, für ihn gehörten Frauen in die Familie und sie sollten sich da um alles kümmern. Das hinderte ihn nicht, 1923 Hertha Kraus nach Köln zu holen. Sie war 26 Jahre alt und Soziologieprofessorin in Frankfurt, stammte aus einer jüdischen Familie und war zum Quäkertum übergetreten. Genug Gründe, um damals vom Stadtrat vehement abgelehnt zu werden. Aber Adenauer setzte sich durch und machte sie verantwortlich für die Wohlfahrtspflege. Letztlich richtete sie in einer früheren englischen Kaserne die Riehler Heimstätten ein1heute SBK Sozial-Betriebe-Köln, die größte Wohnanlage in Deutschland für alte und behinderte Menschen.

Am 13. Oktober 1929 eröffnete Konrad Adenauer die Mülheimer Hängebrücke, damals die grösste Hängebrücke Europas. Bild: Bundesarchiv, Bild 102-18302, via Wikimedia Commons
Am 13. Oktober 1929 eröffnete Konrad Adenauer die Mülheimer Hängebrücke, damals die grösste Hängebrücke Europas. Bild: Bundesarchiv, Bild 102-18302, via Wikimedia Commons

Adenauer arbeitete mit allen politischen Kräften zusammen, solange sie ihm nutzten. Ausnahme waren die Nationalsozialisten und die Kommunisten. Die Nazis verabscheute er, vor allem auch wegen ihres Judenhasses. Auch als überzeugter Katholik unterstützte er die jüdische Gemeinde in Köln und hielt zum Beispiel die Eröffnungsrede bei der Einweihung der neuen Synagoge in der Roonstraße.

Bei den Kommunisten macht er eine Ausnahme, als sie ihm die notwendigen Stimmen für den Bau der Mülheimer Brücke als Hängeseilbrücke verschaffen mussten. Er wollte unbedingt eine Hängeseilbrücke bauen. Diese Brücke war ihm so wichtig, dass er selber die Farbe dafür aussuchte. Adenauer wünschte sich eine patinagrüne Farbe. Reinhard Thon, ehemaliger Leiter des Amtes für Brücken- und Stadtbahnbau der Stadt Köln dazu: „Adenauer wollte so etwas wie eine Patinafarbe haben, er wollte die Kupferfarben von Kirchen nachempfinden.“1

Die Severinsbrücke im "Kölner Brückengrün", Bild: Rolf Heinrich
Die Severinsbrücke erstrahlt im „Adenauer Grün“, Bild: Rolf Heinrich

In dieser Farbe, von den Kölnern „Adenauer Grün“ genannt, wurden neben der Mülheimer Brücke auch die Zoobrücke, die Deutzer Brücke2hier allerdings nur der ältere Stahlteil und nicht der neuere Betonteil und die Severinsbrücke gestrichen.

Eigensinnig, gläubig – und dem Menschen verpflichtet

Adenauer war also tief verwurzelt in seiner rheinischen Heimat und seinem katholischen Glauben. Sein Selbstbewusstsein war unerschütterlich und er hatte durchaus autokratische Züge. Zitate wie „Was stört mich mein Geschwätz von gestern?“ oder „Wir leben alle unter dem gleichen Himmel, aber wir haben nicht alle den gleichen Horizont.“ unterstreichen das. Gleichzeitig war er visionär, pragmatisch, den Menschen verpflichtet und sozial eingestellt.

Wenn ich die schwierigen Zeiten sehe, in denen er in Köln gewirkt hat und die aktuelle Politik betrachte, würde uns heute wohl durchaus ein bisschen mehr Adenauer guttun.

Markus Zens, Januar 2026


Logo Echt Köln, Markus Zens
Stadtführungen von „Echt Köln“

Die Adenauer-Tour von Markus Zens und viele weitere Touren sind direkt über die Website von „Echt Köln“ buchbar.


E-Mail-Newsletter

Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Zum Hören als Podcast oder zum Lesen im Blog.

Aber immer kurz & knackig, immer subjektiv & voreingenommen. Und immer kostenlos!
Datenschutz

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

„Unglückspfarrer“ begeht Doppelmord auf den Poller Wiesen

Die Kölnische Zeitung vom 20. September 1803 berichtete von der Tat: "Selten hat ... eine Sache so viel Gerede, so viel Abscheu und Grausen erregt ..."
Die Kölnische Zeitung vom 20. September 1803 berichtete von der Tat: „Selten hat … eine Sache so viel Gerede, so viel Abscheu und Grausen erregt …“
Podcast, True Crime Köln, Peter Joseph Schäffer
Im März 2025 haben Frank und Uli im Podcast „True Crime Köln“ die Geschichte von Peter Joseph Schäffer erzählt.

Am 29. Dezember 1803 fiel das Fallbeil und beendete das Leben von Peter Joseph Schäffer. Er wurde für den Doppelmord an den Schwestern Barbara und Katharina Ritter verurteilt und hingerichtet. Dieser Doppelmord im Jahr 1803 auf den Poller Wiesen hatte alles, was die Skandalpresse liebt: Geldgier, verbotene Liebe, Lügen, ein mörderischer Geistlicher und sehr viel Blut. Kein Wunder, dass dieser Kriminalfall auch unter dem Titel „Ein Vampyr im Priestergewand“ in die Kriminalgeschichte einging.

Hintergrund war der tiefe Fall des seinerzeit prominenten Pastors Peter Joseph Schäffer, der als Pfarrer in St. Maria in der Kupfergasse tätig war. Schäffer, ein respektierter Geistlicher, dessen Predigten sogar gedruckt wurden, hatte heimtückisch zwei Frauen umgebracht. Eine solche Konstellation führte Anfang des 19. Jahrhunderts zu großer Aufregung, und die Presse veröffentlichte eigens Sonderauflagen, um über den Fortschritt der Ermittlungen zu informieren.

Ein Mann aus bescheidenen Verhältnissen

Peter Joseph Schäffer wurde am 25. Juli 1766 in Ahrweiler geboren und wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Sein Vater war Gerichtsschreiber und trotz des äußerst kargen Auskommens der Familie wurde dem Sohn Peter Joseph bis zum 13. Lebensjahr der Schulbesuch ermöglicht – alles andere als eine Selbstverständlichkeit in der damaligen Zeit. Nach dem Schulabschluss setzte er seine Ausbildung bei den Minoriten in Sinzig fort und studierte anschließend in Köln und Bonn Theologie und Philosophie. Im Jahr 1792 wurde er in Straßburg zum Priester geweiht und war als Pfarrer in Uffholz und Sennheim, in der Nähe von Colmar, tätig.

Auffällig waren die jeweils sehr kurzen Dienstzeiten Schäffers in den Pfarreien. Gerüchten zufolge hatte der junge Pastor bereits damals erhebliche finanzielle Schwierigkeiten. Damit ging es ihm aber immer noch wesentlich besserer als seiner Schwester. Diese wohnte bereits in Köln, während Schäffer noch im Elsass tätig war. Sie wurde verurteilt „ein öffentliches Bordell gehalten, und ihre eigene Tochter den Männern zur Befriedigung sinnlicher Lüste hergegeben zu haben“. Das (vergleichsweise milde) Urteil: Ein Jahr Zuchthaus. Bei den Schäffers handelte es sich offensichtlich um eine ganz besondere Familie.

Schäffer lernt späteren Förderer im Gefängnis kennen

1794 nahmen die Franzosen das Elsass ein. Im revolutionären Frankreich Ende des 18. Jahrhundert wurden christliche Riten unter den Jakobinern verboten und viele Geistliche inhaftiert. So ging es auch Peter Joseph Schäffer, der in Besancon ins Gefängnis gesteckt wurde.

Marc-Antoine Berdolet, der Bischof von Aachen, förderte Peter Joseph Schäffer, Bild: Aegidius Johann Peter Joseph Scheuren (1774-1844), Public domain, via Wikimedia Commons
Marc-Antoine Berdolet, der Bischof von Aachen, förderte Peter Joseph Schäffer, Bild: Aegidius Johann Peter Joseph Scheuren (1774-1844), Public domain, via Wikimedia Commons

Dort lernte er den ebenfalls in Haft befindlichen Marc-Antoine Berdolet kennen. Eine Bekanntschaft, die sich später als äußerst nützlich erweisen würde, weil Berdolet im Jahr 1802 Bischof von Aachen wurde und seinen ehemaligen Mithäftling Schäffer stark förderte. So sorgte Berdolet dafür, dass Schäffer 1803 als Pfarrer in der St. Maria-Kirche in der Kupfergasse eingesetzt wurde.

Geheimer Ehevertrag des Pfarrers

Hätte Berdolet von dem Geheimnis im Leben Schäffers gewusst, hätte er ihn mit Sicherheit nicht gefördert. Denn in den Pfarrhäusern in Uffholtz und Sennheim im Elsass lebten gemeinsam mit dem Pastor die Schwestern Barbara und Katharina Ritter unter einem Dach.

Auch wenn Haushälterinnen in katholischen Pfarrhaushalten nicht unüblich waren und auch heute noch sind, handelte es sich hier um eine ganz besondere Konstellation. Barbara Ritter war 20 Jahre älter als Schäffer, ihre Schwester Katharina war ungefähr im gleichen Alter wie der Pfarrer. Beide waren vermögend und überließen dem ständig klammen Schäffer ihr Geld und versorgten gleichzeitig auch noch den Haushalt. Was sie sonst noch im zölibatären Haushalts Schäffers so versorgten, ist den Quellen nicht zu entnehmen.

Die beiden Frauen, die immerhin Schäffers aufwändigen Lebensstil finanzierten, begehrten auf und verlangten von dem Pfarrer eine Absicherung. So kam es zu einem geheimen Ehevertrag zwischen Barbara Ritter und Peter Joseph Schäffer. Dieser Vertrag regelte exakt, wie Schäffer für seine geheime Ehefrau und deren Schwester zu sorgen hatte. Ein äußerst süffisanter und für Schäffer extrem riskanter Vertrag: Sollte jemals bekannt werden, dass er als katholischer Geistlicher eine (geheime) Ehe eingegangen ist, wäre seine Karriere erledigt.

Karriereschritt in Köln

So nutzte Schäffer auch die erste Chance, den beiden Schwester zu entkommen und folgte der Berufung durch die Förderung seines alten Freundes Berdolet. Dieser verfügte mittlerweile als Bischof von Aachen über erheblichen Einfluss und sorgte dafür, dass Schäffer in St. Maria in der Kupfergasse tätig werden konnte.

Für Schäffer nicht nur ein willkommener Karriereschritt, er wurde immerhin Pfarrer im „Hillije Kölle“, sondern auch die Gelegenheit, vor den ihm lästig gewordenen Schwestern Barbara und Katharina zu fliehen. Gleichzeitig entkam er auch der Pflicht, das von den Schwestern geliehene Geld zurückzuzahlen und dem Risiko, dass der geheime Ehevertrag doch noch auffliegen würde. Meinte er.

Doch er hatte die Rechnung ohne die beiden Schwestern gemacht. Bereits wenig später tauchen die beiden in Köln auf. Sie hatten ihr Haus im Elsass verkauft und wollten wieder bei und mit Schäffer leben.

Der junge Pastor war wenig begeistert und „parkte“ die beiden zunächst in einem Gasthof bevor er sie, wie bereits zuvor im Elsass, in seinem Pfarrhaus versteckte.

Schäffer plant Mord

Das Arrangement schien zunächst zu funktionieren. Nie sah man Schäffer zusammen mit den beiden Damen. Doch diese waren verständlicherweise unzufrieden mit der Situation und begehrten auf.

Ihre Drohung: Sie würden die ganze Geschichte mit der geheimen Ehe öffentlich machen und den Bischof informieren. Außerdem wollten sie das Geld, welches sie Schäffer geliehen hatten, zurück. Für Schäffer stand seine ganze Karriere, sein ganzes Leben auf dem Spiel. Seine Furcht, alles zu verlieren, war übermächtig. Für den Pfarrer eine ausweglose Situation. In den späteren Verhören gab er zu Protokoll:

Aus dem Verhör Peter Joseph Schäffer, Doppelmord an den Poller Wiesen

Der „verzweifelte Entschluss“ war der Mord an den beiden Schwestern. Ganze zwei Monate plante er, wie er diese Tat umsetzen könnte.

Brutaler Doppelmord am Rhein

Am 6. September 1803 war es soweit. Schäffer gaukelte den Frauen vor, mit ihnen nach Bonn zu fahren, um Möbel für einen gemeinsamen Haushalt zu kaufen. Die drei setzten sich in eine Postkutsche. Dabei war Schäffer bemüht, den Anschein zu erwecken, nichts mit den beiden Damen zu tun zu haben und nur zufällig in der gleichen Kutsche zu sitzen.

Er nutzte die fehlende Ortskenntnis der Schwestern aus, und die Reisegesellschaft fuhr statt nach Bonn nur bis Wesseling und setzte mit der Fähre über den Rhein. Von dort aus ging es zurück nach Köln, bis zu den Poller Wiesen. Dort lockte er die Frauen in ein uneinsichtiges Gelände und gab vor, seine Uhr verloren zu haben. Barbara und Katharina Ritter sollten helfen, diese wiederzufinden.

Frauen „mit abgeschnittenen Hälsen“

Im dichten Gebüsch schlug er zunächst Barbara mit einem Knüppel mehrfach auf den Kopf, um ihr danach die Kehle durchzuschneiden. Die jüngere Katharina versuchte noch zu fliehen. Doch Schäffer holte sie ein, und ihr widerfuhr das gleiche Schicksal wie Barbara.

Illustration der grausamen Tat, Bild: Temmes „Criminal-Bibliothek“, um 1875
Illustration der grausamen Tat, Bild: Temmes „Criminal-Bibliothek“, um 1875

Es muss ein grauenhaftes Bild gewesen sein. Später sollte es lauten, an den Poller Wiesen wären Frauen „mit abgeschnittenen Hälsen“ gefunden worden. Schäffer versuchte noch, die Leichen in den Rhein zu werfen, schaffte dies aber nicht. Er entsorgte nur das Messer, wusch sich im Wasser des Flusses das Blut sorgfältig ab und ging zu Fuß nach Hause.

Erfolgreiche Fahndung

Am anderen Tag wurden die beiden Leichname von Passanten entdeckt. Doch niemand kannte die beiden Frauen, die von der Öffentlichkeit versteckt im Pfarrhaus gelebt hatten. So entschied sich die Polizei dazu, die beiden Leichen öffentlich auszustellen.

Die Taktik der Fahnder ging tatsächlich auf, denn es meldete sich ein Mitreisender aus der Postkutsche, der die beiden Frauen wiedererkannte. Dieser Zeuge gab zu Protokoll: „Der Mann gehörte offensichtlich zu den Frauen, wollte aber den Eindruck erwecken, diese nicht zu kennen.“ Ferner berichtete der Zeuge, dass es sich um einen Geistlichen gehandelt habe. Er konnte diesen Mann auch beschreiben. Mit diesen Informationen war es für die Polizei einfach, auf den Pastor von St. Maria in der Kupfergasse zu schließen. Wenige Tage später wurde Schäffer festgenommen.

Schäffer verwickelt sich in Widersprüche

Am 16. September 1803 kam es zur ersten Vernehmung. Schäffer gab an, tatsächlich mit den beiden Damen in der Postkutsche gesessen zu haben, er würde diese aber nicht kennen. Er hätte die Postkutsche in Wesseling verlassen, um nach Köln zurückzureisen. Doch seine Verteidigung hält nicht lange stand, denn der Schiffer der Rheinfähre erinnerte sich daran, dass Schäffer gemeinsam mit den beiden Frauen übergesetzt hatte.

Der Geistliche versuchte den Polizisten die nächste Lügengeschichte aufzutischen: Er habe mit den Frauen nach Bonn-Pützchen fahren wollen, man hätte aber unterwegs wegen einer Feier in Deutz den Weg dorthin genommen. In Poll wären die drei von Räubern überfallen worden. Diese Räuber hätten die Schwestern getötet, er hätte fliehen können. Verständlich, dass auch diese Geschichte nicht glaubhaft erscheint. Schäffer wurde am 17. September 1803 in Haft genommen.

Geständnis mit der Hoffnung auf Begnadigung

Einen Tag später gesteht Schäffer die Tat und gibt ein Geständnis mit allen blutigen Einzelheiten ab. Sein Kalkül: Sein Status als Geistlicher würde ihn vor der Strafverfolgung schützen. Wie sich später herausstellte, war dies eine fatal falsche Einschätzung.

Als er Ende Oktober in ein Gefängnis nach Aachen verlegt wurde, gab es ein sehr großes Interesse an dem Fall. Auf den Straßen „drängten sich mehrere Tausende hinzu. Man sah Gesichter bleich werden, man sah Thränen fließen“. Der „Unglückspfarrer“ hatte eine unrühmliche Prominenz erreicht.

In dem Aachener Gefängnis verfasste Schäffer eine Biographie. In dem Vorwort dazu lautet es:

Aus dem Vorwort der Autobiographie Peter Joseph Schäffers, Doppelmord an den Poller Wiesen

Immer noch fühlt sich der selbstverliebte Pfarrer als Opfer und geht fest von einer Begnadigung aus – wer würde schon einen Priester verurteilen? Neben der Biographie verfasst Schäffer im Gefängnis auch Gedichte, er beschreibt insgesamt 60 Bögen Papier.

Der Priester wird zum Tod verurteilt

Am 17. November 1803 beginnt in Aachen die Verhandlung. Sehr zum Erstaunen des Gerichts widerruft Schäffer sein Geständnis und hält eine Rede voller Pathos, in welcher er eine völlig neue Version des Tathergangs schildert.

Die neue, ebenfalls wenig glaubwürdige, Version basierte auf der bereits bekannten Geschichte, dass tatsächlich Räuber die drei Reisenden überfallen und die beiden Schwestern getötet hätten. Neu war aber, dass einer der Räuber, von Reue getrieben, seine Taten bei Schäffer gebeichtet hätte. Um das Beichtgeheimnis zu wahren, hätte Schäffer sich als Täter dargestellt, weil er als Priester ja nicht verurteilt werden würde.

Wenig überraschend folgte das Gericht den Ausführungen nicht und verurteilte Schäffer zum Tod. Der Verurteilte versuchte noch vergeblich, eine Beschwerde bei einem übergeordneten Gericht in Paris einzureichen, doch diese wurde postwendend abgelehnt.

Schäffer wird in Aachen hingerichtet, Illustration auf einem Flugblatt, Verfasser unbekannt
Schäffer wird in Aachen hingerichtet, Illustration auf einem Flugblatt, Verfasser unbekannt

Peter Joseph Schäffer wurde am 29. Dezember 1803 in Aachen mit der Guillotine hingerichtet. Seine letzten Worte, bevor das Fallbeil fiel, waren:

„Ich bin der erste Priester, der so eine schreckliche That begieng,
ich hoffe, dass ich auch der letzte seyn werde“.


E-Mail-Newsletter

Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Zum Hören als Podcast oder zum Lesen im Blog.

Aber immer kurz & knackig, immer subjektiv & voreingenommen. Und immer kostenlos!
Datenschutz

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Ein paar Fragen an Annette Imhoff vom Schokoladenmuseum – Köln ist immer ein Zuhause

Anette Imhoff leitet das Kölner Schokoladenmuseum, Bild: Schokoladenmuseum
Anette Imhoff leitet das Kölner Schokoladenmuseum, Bild: Schokoladenmuseum

 

Diese Folge vom „Köln Ding der Woche“ ist diesmal nicht in unserem Studio entstanden, sondern ein Auswärtsspiel: Im Schokoladenmuseum, mit Blick auf Rhein, Dom und Riesenrad.

Wir dürfen mit Annette Imhoff sprechen. Sie ist die Chefin des Hauses. Und natürlich versorgt uns Annette bestens – auf dem Tisch liegt Schokolade, bevor überhaupt jemand „Aufnahme“ sagen kann.

„Museum für Schokolade? Das ist doch völlig verrückt!“

Annette erzählt die Geschichte, als wäre sie schon immer da gewesen – aber am Anfang stand eine ziemlich verrückte Idee. Ihr Vater, Hans Imhoff, übernimmt 1972 das marode Traditionsunternehmen Stollwerck, rettet alte Maschinen, Schilder, Sammelbilder und Akten vor der Verschrottung und lagert alles erstmal in Porz ein. Ein bisschen wie ein Sammler, der sagt: „Wegschmeißen? Auf keinen Fall! Das hat doch Geschichte!“

Daraus entsteht zunächst nur eine interne „Schokokammer“. Aber Imhoff denkt größer. Er wettet mit sich selbst: Wenn zu einer großen Jubiläumsausstellung im Gürzenich genügend Besucher kommen, baut er ein echtes Museum. Die Ausstellung wird ein Volltreffer – der Gürzenich voll mit Schokolade, der erste Schokoladenbrunnen, der anfangs eher Explosion als Installation ist. Die Schokolade spritzt bis an die Decke, die Flecken kann Annette Jahre später in einer Doku noch zeigen. Wette gewonnen, Ausrede weg: Das Museum muss her.

Die Stadt ist anfangs alles andere als begeistert. Ein Museum für Kunst? Klar. Für Stadtgeschichte? Auch gut. Aber für Schokolade? „Dat kann doch nix werden“ so einige Miesmacher aus der Stadtgesellschaft.

Annettes Mutter bekommt von ihrem Mann den Auftrag: „Such uns einen Standort.“ Sie findet die Rheinauhafen-Spitze – damals noch eher Baracke als Designviertel. Dass heute genau diese Lage ein Schlüssel zum Erfolg ist, erzählt Annette mit einem leisen Schmunzeln. Man merkt: Da oben sitzt einer auf einer Schokoladenwolke und freut sich, dass die Skeptiker von damals neidisch auf sein Museum schauen.

Das Schokoladenmuseum bietet einen Blick in die "Weltreise des Kakaos". Bild: Schokoladenmuseum
Das Schokoladenmuseum bietet einen Blick in die „Weltreise des Kakaos“. Bild: Schokoladenmuseum

Vom Tropenhaus bis zur Trembleuse – Schokolade mit allen Sinnen

In dem Gespräch führt Annette uns nochmal gemeinsam durch das Museum. Los geht es für Besucher im Foyer, dann direkt in die Tropen: Anbaugebiete, Schattenbäume, feuchte Luft. Man schwitzt, die Brille beschlägt, und Annette erklärt, dass Kakao zwar Sonne mag, aber nicht unbedingt die pralle Hitze – daher die Schattenbäume. Im Tropenhaus wachsen echte Kakaopflanzen, die Früchte werden sogar geerntet und zu Schokolade verarbeitet. Mehr Gag als Massenproduktion, aber total echt.

Dann geht es weiter: Plantagen in Afrika und Lateinamerika, der Kreislauf von Armut, kleine Anbauflächen, Kinderarbeit – und gleichzeitig positive Beispiele, wie versucht wird, etwas zu verbessern. Ein echtes Holzboot, mit dem früher Kakaosäcke zu den Schiffen gebracht wurden, steht mitten im Museum. Kein Deko-Objekt, sondern Zeitzeuge.

Die Reise führt dann in die Industie: Wie kommt der Kakao nach Europa? Was passiert in Hamburg im Hafen? Warum sind die Weltmarktpreise für Kakao aktuell völlig verrückt? Im Museum läuft ein Live-Ticker, der die aktuellen Preise zeigt – und Annette meint trocken: „Darüber könnten wir einen eigenen Podcast machen.“

Ein echtes Holzboot, mit dem früher Kakaosäcke zu den Schiffen gebracht wurden, steht mitten im Museum. Kein Deko-Objekt, sondern Zeitzeuge.
Ein echtes Holzboot, mit dem früher Kakaosäcke zu den Schiffen gebracht wurden, steht mitten im Museum. Kein Deko-Objekt, sondern Zeitzeuge.

Danach stehen die Zutaten im Mittelpunkt: Wie wird aus Kakaobohnen Milch-, Zartbitter- oder weiße Schokolade? Unten im Haus gibt es eine kleine echte Fabrik, in der Mini-Täfelchen produziert werden. Der Clou: Ein Roboterarm fischt auf Knopfdruck eine Tafel aus der laufenden Produktion – wenn man im richtigen Moment drückt. Das ist schon allein vom Spieltrieb her genial.

Oben wird es feiner: handwerkliche Manufaktur, Schokoladenfiguren, Pralinenherstellung, Dragees mit Nüssen oder Espressobohnen, selbst gestaltete individuelle Tafeln. Annette grenzt es charmant ab: Unten ist Industrie, oben Handwerk – und alles dazwischen ist ein Schokotraum.

Die gläserne Schokoladenfabrik im Schokoladenmuseum, Bild: Schokoladenmuseum
Die gläserne Schokoladenfabrik im Schokoladenmuseum, Bild: Schokoladenmuseum

5000 Jahre Schokolade, barocke Schaumshow und ein Zäunchen fürs Bett

Annette holt im Interview weit aus: Als das Museum 1993 eröffnet wurde, sprach man von 3000 Jahren Kulturgeschichte der Schokolade. Heute weiß man durch Funde in Ecuador, dass es eher 5000 Jahre sind. Und genau das will das Museum zeigen: nicht nur die Süßigkeit aus dem Supermarkt, sondern die ganze Kultur dahinter.

Ein Highlight ist der neue immersive Raum, intern „Holodeck“ genannt. Vier Projektoren, Surround-Sound, und plötzlich steht man mittendrin. Weiter geht es. Man kann den Weg des Kakaos nach Europa und die Geschichte dahinter erkunden, wie aus einem rituellen Getränk ein Luxusgut für den Adel wurde.

Eine Reise durch 5000 Jahre Geschichte des Kakaos, Bild: Schokoladenmuseum
Eine Reise durch 5000 Jahre Geschichte des Kakaos, Bild: Schokoladenmuseum

Dann kommt eine von Annettes Lieblingsgeschichten: Warum sind alte Kakaotassen so schlank und hoch? Früher wurde das Fett der Kakaobohnen nicht getrennt, der Kakao war also richtig fettig und bildete oben eine Schicht, wie bei einer Vinaigrette. Also musste man kräftig schäumen. Schlanke, hohe Tassen sorgten dafür, dass man nicht nur Schaum trank – Kölsch-Fans fühlen sich hierverstanden.

Und dann die „Trembleuse“ – eine Tasse mit Zäunchen in der Untertasse, damit bei der Aufstehzeremonie der Dame im Bett nichts verschüttet wird.  Die Kombination aus Bett, Adel und Kakao hat irgendwas herrlich Übertriebenes.

Natürlich kommt Annette nicht daran vorbei, auch über dunkle Kapitel zu sprechen: Kolonialismus, rassistische Figuren wie der „Sarotti-Mohr“, historische Werbung. Das Museum zeigt diese Dinge nicht nostalgisch verklärt, sondern kritisch und einordnend. Man spürt: Hier soll niemand mit blinden Zuckerglasaugen durch die Geschichte stolpern.

Zum Finale eines Besuchs im Schokoladenmuseum wird es bunt. Bild: Schokoladenmuseum
Zum Finale eines Besuchs im Schokoladenmuseum wird es bunt. Bild: Schokoladenmuseum

Ganz oben endet der Rundgang dann mit einem lauten, bunten Finale: Markenwelten, Milka-Kuh, Ü-Ei, Ritter Sport und Co. Es blinkt, es rauscht, es ist ein bisschen Instagram-Playground, ein bisschen Kindheitserinnerung – und einfach der perfekte Ort für Selfies nach so viel Input.

„Lindt“ steht  am Haus – eine besondere Partnerschaft

Die Frage, warum draußen am Museum groß „Lindt“ steht, kommt natürlich. Annette erklärt nüchtern: Stollwerck wurde verkauft und Lindt aus Aachen ist der neue Partner geworden.

Partner des Schokoladenmuseums ist der Schweizer Schokoladenhersteller Lindt & Sprüngli. Bild: Schokoladenmuseum Köln GmbH
Partner des Schokoladenmuseums ist der Schweizer Schokoladenhersteller Lindt & Sprüngli. Bild: Schokoladenmuseum Köln GmbH

Die Kooperation ist eng, aber klar geregelt: Im Museum wird mit Lindt-Masse produziert, der Name steht am Gebäude – inhaltlich bleibt das Museum unabhängig. In den Ausstellungen tauchen auch andere Marken auf, im Shop werden viele unterschiedliche Hersteller präsentiert. Es ist kein Lindt-Showroom, sondern ein Schokoladenmuseum mit besonderer Partnerschaft, sagt Annette – und man hört raus, dass ihr diese Unterscheidung wichtig ist.

Wer kommt – und wer erstaunlich selten

Auf die Frage nach dem „typischen“ Besucher lacht Annette fast ein bisschen. Das Bild sei extrem bunt: Schulklassen, Familien, Technikfans, Nachhaltigkeitsmenschen, Akademiker, Leute, die noch nie in einem Museum waren und hier zum ersten Mal erleben, dass Kultur nicht weh tun muss.

Fast die Hälfte der Gäste kommt aus dem Ausland. Kölsche dagegen? Nur etwa sechs Prozent der Besucher kommen aus einem Umkreis von zehn Kilometern. Für ein Haus, das so bekannt ist, findet Annette das „ein bisschen wenig“ – und nutzt den Podcast charmant als Steilvorlage: „Ihr könnt ruhig öfter kommen. Es ist alles neu!“ Seit 2020 wurden über zwölf Millionen Euro investiert, viele Bereiche komplett umgebaut. Wer „vor Corona“ das letzte Mal da war, erkennt vieles nicht wieder.

Keine Zuschüsse, aber eine Menge Wirkung

Ein spannender Teil des Gesprächs dreht sich um die Struktur: Das Museum ist eine Kultur- und Bildungseinrichtung – aber ohne städtische oder staatliche Zuschüsse. Es funktioniert wie ein mittelständisches Unternehmen, zahlt Miete an eine Gesellschaft, die zu großen Teilen der gemeinnützigen Imhoff-Stiftung gehört.  In Gastronomie, Shop und Museum werden rund 300 Menschen beschäftigt..

Die Imhoff-Stiftung wiederum fördert in Köln, was oft hinten runterfallen würde: Freizeit- und Therapieangebote, Kunst- und Kulturprojekte, Bildungsinitiativen, Karnevalsprojekte, Unterstützung für Menschen, die es schwerer haben als andere.

Zum 25-jährigen Jubiläum hat die Stiftung die „Bessermacher von Köln“ ausgezeichnet – 25 Vereine und Initiativen, deren Geschichten aus über 600 Einsendungen ausgewählt wurden. Alle schwärmen noch vom Gala-Abend im Rathaus: viel Emotion, viel Stolz und ganz viel Köln-Gefühl. Annette fasst es pointiert zusammen: „Wir verdienen mit dem Museum einen Teil des Geldes, das wir in der Stiftung wieder ausgeben.“

Für die Bescucher des Schokoladenmuseums heißt das: Wer ein Ticket kauft, bezahlt nicht nur den Besuch am Schokobrunnen, sondern unterstützt indirekt Projekte in der ganzen Stadt.

Hans Imhoffs Vermächtnis: Das Schokoladenmuseum, Bild: Raimond Spekking
Hans Imhoffs Vermächtnis: Das Schokoladenmuseum, Bild: Raimond Spekking

Zukunftspläne, Besuchertipps – und ein Versprechen in Schokolade

Zum Schluss geht der Blick nach vorne. Die Partnerschaft mit Lindt läuft langfristig, der Hafenweihnachtsmarkt bekommt einen neuen Betreiber, es stehen Umbauten an: neue WCs, moderne Garderobe, ein komplett neu gestalteter Shop. Bei den Besucherzahlen will man nochmal zulegen – vor allem an den Tagen, die bisher nicht völlig überfüllt sind.

Auf die Frage, ob die eine Million Besucher im Jahr drin wäre, sagt Annette: Rein rechnerisch ja – wenn alle ein bisschen weniger auf die Idee kämen, gleichzeitig am zweiten Weihnachtstag zu kommen. Januar-Montage dagegen hätten noch Luft nach oben.

Praktischer Tipp von ihr: Online Zeitfenstertickets buchen, besonders an Wochenenden, Feiertagen und in den Ferien. So wird niemand weggeschickt, weil „heute leider ausverkauft“ ist – und drinnen tritt man sich weniger auf die Füße.

Ein Versprechen:
Der millionste Besucher in einem Jahr wird in Schokolade aufgewogen

Zum Abschied wird es dann noch einmal herrlich kölsch: Unseren Vorschlag, den einmillionsten Besucher in einem Jahr in Schokolade aufzuwiegen nimmt Annette sofort begeistert auf:  „Dafür wäre ich sofort.“ 

Und vielleicht sitzt irgendwo da oben wirklich Hans Imhoff auf einer Schokoladenwolke, guckt runter auf Rhein, Dom und sein Museum – und ist stolz auf sein Lebenswerk.


Annette Imhoff im Gespräch mit Frank und Uli vom Köln-Dng der Woche, Bild: Uli Kievernagel
Annette Imhoff im Gespräch mit Frank und Uli vom Köln-Dng der Woche, Bild: Uli Kievernagel

Genau wie alle anderen Menschen in der Rubrik „Ein paar Fragen an …“ hat auch Annette Imhoff zu den „Kölschen Fragen“ Rede und Antwort gestanden.

Wenn nicht Köln – wo sonst könntest du wohnen? Und warum gerade dort?

Ich lebe sehr gern hier. Hier lebt meine Familie, die meisten meiner Freunde wohnen hier, meine Arbeit ist hier. Aktuell wüsste ich nicht, wo ich sonst leben könnte.

Welche kölsche Eigenschaft zeichnet dich aus?

Vielleicht die kölsche Mischung aus Bodenständigkeit und Offenheit.

Was würdest du morgen in unserer Stadt ändern?

Im Wahlkampf1Annette meint den Kommunalwahlkampf 2025 ist viel darüber geredet worden. Ich glaube, Sicherheit, Ordnung, Sauberkeit sind sicherlich die großen Themen. Dazu noch bezahlbarer Wohnraum und weniger Baustellen in der Stadt. Aber die Umsetzung ist ein dickes Brett und ich wünsche unserem neuen Oberbürgermeister Torsten Burmester Mut und Ausdauer.

Einer der schönsten Plätze Kölns: Die Terrasse des Schokoladenmuseums,. Bild: Schokoladenmuseum
Einer der schönsten Plätze Kölns: Die Terrasse des Schokoladenmuseums,. Bild: Schokoladenmuseum

Wo ist dein Lieblingsplatz in Köln?

Mit einem Cappuccino bei uns im Schokoladenmuseum auf der Terrasse – mit Blick auf den Rhein.

Welche KölnerInnen haben dich beeinflusst / beeindruckt?

Mein Vater Hans Imhoff mit seiner Freude am Unternehmertum und seiner Entscheidungsfreude hat mich stark geprägt.

Hans Imhoff - Vollblutunternehmer mit einem "Herz aus Schokolade". Bild: Schokoladenmuseum Köln
Hans Imhoff – Vollblutunternehmer mit einem „Herz aus Schokolade“. Bild: Schokoladenmuseum Köln

Was machst du zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch?

Der Straßenkarneval reizt mich nicht, bis auf den Rosenmontagszug. Ich durfte bereits dreimal dort mitgehen. Und das ist großartig. Wenn man das einmal miterleben darf – das ist hochemotional und extrem beeindruckend.

Und was zwischen Aschermittwoch und Weiberfastnacht?

Den Rest des Lebens.

Wat hät für dich noch immer jood jejange?

Das ist eine schwierige Frage. Ich versuche immer positiv und mit Optimismus in die Zukunft zu schauen. Die Frage nach „jood jejange“ richtet sich eher auf die Vergangenheit. Ich denke eher an das, was vor uns liegt. Hier sollte jeder seinen Beitrag zu leisten. Ich zum Beispiel habe einen gestalterischen Anspruch und möchte Verantwortung übernehmen und Dinge besser machen.

Wo drüber laachs de dich kapott?

Wenn jemand mit viel Selbstironie über sich selber lachen kann.

Rievkooche, Klaus Steves / pixelio.de
Frisch gebackene Rievkooche sind Annettes kölsche Lieblingsessen, Bild: Klaus Steves / pixelio.de

Was ist dein kölsches Lieblingsgericht?

Eindeutig Rieevkooche.

Dein Lieblingsschimpfwort auf Kölsch?

Fiese Möpp.

Bitte vervollständige den Satz: Köln ist …

… ein Gefühl! Auch ein bisschen chaotisch, sehr herzlich und immer ein Zuhause.


E-Mail-Newsletter

Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Zum Hören als Podcast oder zum Lesen im Blog.

Aber immer kurz & knackig, immer subjektiv & voreingenommen. Und immer kostenlos!
Datenschutz

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Geschenkideen vom Köln-Lotsen – Weihnachten 2025

Collage Geschenke 2026

Wie jedes Jahr erreichen mich spätestens Anfang Dezember Fragen zu Geschenkideen: „Hast du nicht eine Idee für ein kölsches Geschenk?“ oder „Gibt es etwas aus Köln – auch für jemanden, der schon alles hat?“

Diese Fragen kann ich eindeutig mit JA beantworten und habe ein paar Tipps zusammengestellt. Ganz wichtig: Das ist keine bezahlte Werbung! Ich bekomme nichts dafür, dass ich diese Angebote hier vorstelle. Es ist meine rein subjektive Auswahl, die Anbieter wissen noch nicht einmal, dass ich deren Produkte hier vorstelle.


Vorlage Gutschein XMAS 2023

Verschenkt eine Lotsentour

Ein kurzer Anruf genügt und ihr bekommt euren individuell gestalteten Gutschein direkt nach Hause geschickt. Entweder für eine ganze Gruppe oder für einzelne Personen

Gruppentour – der Köln-Lotse nur für euch

Ob Familie, Freundeskreis, Kegelclub oder Verein:
Gemeinsam erkunden wir die schönste Stadt der Welt.

Mögliche Touren:

Diese Touren gibt es als individuelle Führung ab 198 Euro für bis zu 12 Personen. Mehr Menschen? Kein Problem – wir sprechen einen individuellen Preis ab. Noch unsicher? Schau gerne mal rein, was andere Menschen über meine Touren gesagt haben: Stimmen zu den Lotsen-Touren.

Den Termin legen wir so, wie es euch am besten passt. Und wenn ihr möchtet, reserviere ich zusätzlich einen Tisch im Brauhaus für einen gelungenen Abschluss.

Vorlage Gutschein XMAS 2023 Auswahl

Gutscheine für Einzelpersonen

Auch Geschenke für einzelne Personen sind möglich:
16,50 Euro pro Person – flexibel, individuell, unkompliziert.
Die Termine findet ihr im Kalender der Lotsen-Touren.

Alle Gutscheine gibt es direkt bei mir – Anruf genügt.


Playlist Kölsch, Pänz Verlag

„Playlist Kölsch“ – Musikratespaß mit kölschem Herzschlag

  • Wie geht die Titelzeile vom „Kölschen Jung“ von Millowitsch?
  • In „Su lang die Leechter noch brenne“ von Miljö wird welche Kneipe besungen!
  • Welcher kölsche Platz hat heute Nacht wieder durchgemacht?

Wer diese Fragen beantworten kann, wird im neuen Musikratespiel „Playlist Kölsch“ groß rauskommen! Bei diesem Spiel geht es um kölsche Musik von früher und heute.

Ihr hört gemeinsam über euer Handy über 150 kölsche Hits – von den Bläck Fööss, Brings, Kasalla & Co bis hin zu Ostermann und Millowitsch. Die Playlist läuft im Zufallsmodus, und im Team wird geraten: Wie heißt das Lied und wer singt es? Dazu gibt es Quizfragen aus dem unendlichen kölschen Musikkosmos. Ideal für die nächste Party, für Familienrunden oder für Menschen, die Köln über die kölsche Musik kennenlernen wollen.

Die wichtigsten Fakten:

  • über 150 kölsche Lieder
  • ca. 10 Stunden Musik
  • 110 Ratekarten & über 150 Quizfragen
  • Preis: 14,90 Euro 
  • Erhältlich im Buchhandel oder direkt beim Pänz Verlag.

Kleiner Tipp vom Köln-Lotsen: Wenn ihr absolut keine Ahnung habt, um was es in dem Lied geht, einfach mal „Dom“ „Rhein“ oder „Bläck Fööss“ in den Raum rufen. Die Trefferquote ist erstaunlich hoch. Ein kurzes Video zum dem Spiel gibt es hier: Video „Playlist Kölsch“


Köln 2026, Abreißkalender, Emons-Verlag

„Köln 2026“ – der Abreißkalender für Köln-Fans

Auch ich nutze schon seit vielen Jahren den Klassikern unter den Köln-Kalendern. Die Autorin Petra Sophia Zimmermann führt ihre Leser durch das ganze Jahr 2026. Es geht jeden Tag um Geschichte, Besonderheiten und liebenswerten Eigenarten Kölns. Eigentlich so etwas wie ein sehr kleines, tägliches  „Köln-Ding“.

Ein perfektes Geschenk für alle, die Köln lieben – oder es lieben lernen wollen.

Petra Sophia Zimmermann: Köln 2026
Kalender, 11 x 15 cm
ISBN 978-3-7408-2452-5
15 Euro

Erhältlich im Buchhandel oder direkt beim Emons-Verlag.


Fazit

Schenkt in diesem Jahr nicht irgendetwas – schenkt Köln, Musik, Geschichten und Erlebnisse, die im Herzen bleiben. Wenn ihr Fragen habt oder Unterstützung braucht: Der Köln-Lotse ist nur einen Anruf entfernt.

Frohes Schenken – und eine schöne Adventszeit!


E-Mail-Newsletter

Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Zum Hören als Podcast oder zum Lesen im Blog.

Aber immer kurz & knackig, immer subjektiv & voreingenommen. Und immer kostenlos!
Datenschutz

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Johann Adam Schall von Bell – der kölsche Mandarin

adam_schall_von_bell_bild_kievernagel
Statue von Adam Schal von Bell an der Minoritenkirche, Bild: Uli Kievernagel

Ein Kölner war 1658 einer der wichtigsten Berater des Kaisers von China: Der Jesuit und Wissenschaftler Adam Schall von Bell. Geboren am 1. Mai 1591 (oder, je nach Quelle, 1. Mai 1592) in Köln, besuchte er das Gymnasium Tricoronatum in der Marzellenstraße. Später studierte Schall von Bell in Rom Astronomie. Zusammen mit einer Gruppe Missionare reist er  im Jahr 1618 nach China und gerät dort in die Wirren des Kolonialkriegs. Sein Wissen über moderne Waffentechnik – Schall von Bell repariert erfolgreich alte Kanonen – sichert den Chinesen den Sieg über die Niederländer und führt ihn an den kaiserlichen Hof.

Grabstein von Adam Schall von Bell auf dem Pekinger Zhalan Friedhof, Bild: Uli Linnenberg, aufrome.de
Grabstein von Adam Schall von Bell auf dem Pekinger Zhalan Friedhof, Bild: Uli Linnenberg, aufrome.de

Dort wird er mit er mit der enorm wichtigen Aufgabe beauftragt, den chinesischen Kalender zu reformieren. Durch seine erfolgreiche Arbeit wird er wichtigster Berater des Kaisers Shunzhi, der ihn zum Mandarin befördert. Den Tod Shunzhis nutzen die Schall von Bells Gegner, um ihn zu diskreditieren – in einem Schauprozess wird er zum Tod durch Zerstückelung bei lebendigem Leib verurteilt. Ein paar Tage vor der Hinrichtung rettet ihn ein Zufall vor dem grausamen Tod, weil ein Erdbeben als Beweis seiner Unschuld gedeutet wird. Schall von Bell stirbt eines natürlichen Todes im Alter von 74 Jahren.

In seiner Heimatstadt erinnert eine stark verwitterte Statue in Nähe der Minoritenkirche an den „Kölschen Mandarin“.


Schall von Bell in Köln und die Brauerei AufRome

Es gibt eine ganz erstaunliche – und mir völlig unbekannte – kölsche Querverbindung zwischen der Brauerei AufRome und Adam Schall von Bell. Davon hat mir Uli Linnenberg erzählt:

Der Brauunternehmer Linnenberg ist Eigentümer der Brauerei AufRome. Und vermutlich ein Onkel von Adam Schall von Bell war auch von 1599-1605 Betreiber dieser Brauerei. Um genau zu sein war es seine Frau, Anna Reuffers bekannt als „die Brauersche auf Rome/up ruim“. Sie hat in dritter Ehe den Edlen Ruprecht Schall von Bell geheiratet und dann mit ihm die Brauerei geführt. Es sei sogar möglich, so Linnenberg, dass Adam Schall von Bell während seiner Zeit am Gymnasium Tricoronatum in der Marzellenstraße bei seiner Kölner Familie gewohnt haben könnte, schließlich war das Gymnasium nur ein paar Meter von der Brauerei entfernt.

Die Brauerei AufRome - ein geschichtsträchtiges kölsches Unternehmen, Bild: aufrome.de
Die Brauerei AufRome – ein geschichtsträchtiges kölsches Unternehmen, Bild: aufrome.de

Die ganze, wechselvollen fast 700-jährige Geschichte dieser Brauerei findet ihr auf der Website AufRome.de. Schaut mal rein. Lohnt sich. Genau wie ein  Schluck des dort gebrauten Biers: Der Düxer Bock. Ein Genuss.


E-Mail-Newsletter

Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Zum Hören als Podcast oder zum Lesen im Blog.

Aber immer kurz & knackig, immer subjektiv & voreingenommen. Und immer kostenlos!
Datenschutz

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Elisabeth Treskow – Die Goldschmiedin, die Köln Glanz verlieh

Die Amtskette des Kölner Oberbürgermeisters - ein Werk von Elisabeth Treskow, Bild: Raimond Spekking
Die Amtskette des Kölner Oberbürgermeisters – ein Werk von Elisabeth Treskow, Bild: Raimond Spekking

Als Torsten Burmester Anfang November 2025 zum ersten Mal als frisch gewählter Oberbürgermeister im Kölner Rathaus vortrat, war da ein Detail, das sofort ins Auge fiel: die Amtskette. Dieses strahlende, wuchtige, kunstvolle Stück, das mehr wie ein tragbares Museum wirkt als wie ein Schmuckelement, hat eine ganz besondere Geschichte. Und sie führt direkt zu einer Frau, die Köln bis heute prägt, obwohl viele Menschen ihren Namen erst hören, wenn sie ihn am Rheinauhafen lesen: Elisabeth Treskow.

Die von Elisabeth Treskow geschaffene Amtskette ist eines dieser Objekte, das man nicht einfach anschaut, sondern beinahe studiert. Jede Plakette, jeder Stein, jede Gravur erzählt einen Teil der Stadtgeschichte. Burmester trägt damit nicht nur ein Zeichen politischer Verantwortung – er trägt ein Werk, das aus den Händen einer der bedeutendsten Goldschmiedinnen Deutschlands stammt. Einer Frau, die so leidenschaftlich und kompromisslos arbeitete, dass man ihre Energie bis heute in ihren Werken spürt.

Die lange Reise einer Meisterin – von Bochum nach Köln

Elisabeth Treskow wurde am 20. August 1898 in Bochum geboren. Dass sie später als „Grande Dame des deutschen Goldschmiedehandwerks“ gefeiert werden würde, war damals noch nicht abzusehen. Doch ihr Talent zeigte sich früh. Nach der Schule suchte sie gezielt Ausbildungsstätten, die zu den besten im Land gehörten. In Schwäbisch Gmünd lernte sie die Grundlagen, in München perfektionierte sie ihre Techniken, und schon als junge Frau leitete sie eine eigene Werkstatt im Ruhrgebiet.

Der Elisabeth-Treskow-Platz im Rheinauhafen, Bild: Thomas Beez, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Der Elisabeth-Treskow-Platz im Rheinauhafen, Bild: Thomas Beez, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Ihre große technische Meisterleistung war die Wiederentdeckung einer fast verlorenen Kunst: der etruskischen Granulation. Eine Technik, bei der winzige Goldkügelchen – oft kaum mit bloßem Auge erkennbar – auf eine Goldfläche aufgeschmolzen werden, ohne zu zerfließen. Eine Wissenschaft für sich, die viel Fingerspitzengefühl und Geduld erfordert.

Treskow kämpfte sich durch Fehlversuche und Rückschläge, bis sie das Ergebnis perfektioniert hatte. Ihr Stil war geboren: kunstvoll, historisch, präzise – und mit einer Eleganz, die sich sofort von allem abhob, was in den 1930er Jahren geschaffen wurde. Und Köln sollte ihre bedeutendste Wirkungsstätte werden.

Köln ruft – und eine Künstlerin findet ihre geistige Heimat

1948 beriefen die Kölner Werkschulen sie zur Leiterin der Gold- und Silberschmiedeklasse. Und so kam Treskow nach Köln – in eine Stadt, die noch immer in Trümmern lag, aber voller Aufbruchsstimmung war. Hier wirkte sie bis 1964 und hinterließ Generationen von Schülern, die ihre Liebe zum Handwerk in alle Richtungen weitertrugen.

Die Werkschulen, damals ein vibrierender Ort der Moderne, boten ihr die Freiheit, die sie brauchte. Sie war streng, aber inspirierend; fordernd, aber fair; traditionell in der Technik, aber mutig in der Gestaltung. Wer unter Treskow lernte, lernte nicht nur Goldschmieden – er lernte auch Haltung, Präzision, Geduld.

Dass heute im Rheinauhafen ein Platz nach ihr benannt ist, wirkt wie ein stiller Gruß an diese Zeit. Ob es sich dabei um einen schönen Platz handelt, sie dahingestellt. Aber dieser Platz ist direkt in der Nähe ihrer ehemaligen Wirkungsstätte in der Hochschule am Ubierring.

Die Amtskette des Oberbürgermeisters von Köln. In der Mitte gur zu erkennen: Die Heiligen Drei Könige, Bild: Raimond Spekking
Die Amtskette des Oberbürgermeisters von Köln. In der Mitte gut zu erkennen: Die Heiligen Drei Könige, Bild: Raimond Spekking

Die Amtskette: Eine Stadtgeschichte in Gold

1954 erhielt Treskow den Auftrag, die Kölner Amtskette neu zu gestalten. Die letzte Amtskette wurde ein Opfer des Feuersturms im Zweiten Weltkrieg, es waren nur noch geschmolzene Klumpen übrig.

Dass sogar der Düsseldorfer Oberbürgemeister eine solche Kette tragen konnte, aber der Kölner nicht, liess dem Stadtrat keine Ruhe. Es war zwar kein Geld da – aber für solch ein Prestigeprojekt fanden sich vermögende Kölner Sponsoren. Deren Geld war sehr wilkommen, immerhin kostete die Kette am Ende exakt 29.241,81 Deutsche Mark. 

Und jede Mark davon hat sich gelohnt. Das Werk von Elisabeth Treskow ist ein kleines kölsches Wunder. Die Kette beginnt mit Agrippina, der Stadtgründerin. Eine antike Münze mit ihrem Porträt bildet den Auftakt. Gleich daneben ihr Ehemann, Kaiser Claudius, liebevoll und mit augenzwinkernder Ironie beschriftet: „Gemahl der Stadtgründerin“.

Es folgen Szenen und Symbole aus römischer Zeit, dem Mittelalter, der kurkölnischen Epoche. Dann ein kleines, aber intensives Relief: Köln in Flammen, die brennende Stadt im Zweiten Weltkrieg. Auf einer der Medaillen steht :

„Köln, durch Bomben zersprengt und verbrannt, schien tot
zu neuem Leben ward es erweckt durch Liebe und Kraft seiner Bürger“.

Den Abschluss bildet die wohl berühmteste Szene: die Heiligen Drei Könige, die Miniaturkrippe, die das Stadtwappen trägt. Ein Symbol, das tief mit der Kölner DNA verwoben ist.

Handwerklich ist die Kette ein Meisterstück: Granulation, antike Münzen und neueste Metalltechniken. Wenn der Kölner Oberbürgemeister diese Kette heute trägt, trägt er ein Stück Köln – und auch ein erhebliches Stück Gewicht. Denn mit fast einem Kilogramm macht die Amtskette „die Würde, aber auch die Bürde deutlich, die das Amt eines Oberbürgermeisters mit sich bringt“, so Fritz Schramma, Kölner Oberbürgemeister von 2000 – 2009.

Die DFB-Meisterschale - aus der Werkstatt von Elisabeth Treskow, Bild: Foto: JCS
Die DFB-Meisterschale – aus der Werkstatt von Elisabeth Treskow, Bild: Foto: JCS

Die „Salatschüssel“ des DFB

Wenn am Ende der Saison mal wieder die Bayern die Meisterschale in die Luft recken, denken viele Kölner Fußballfans, dass dieses „Salatschüssel“ eigentlich nach Köln gehört. Denn: Entworfen wurde die Schale von Elisabeth Treskow im Jahr 1949 – das berühmte Silberstück aus immerhin fünf Kilogramm Sterling-Silber – stammt aus ihrer Kölner Werkstatt.

In Köln restaurierte sie außerdem Teile des Dreikönigsschreins, eines der wertvollsten Goldschmiedearbeiten des Mittelalters. Diese Arbeit führte sie zur Leidenschaft für antike Gemmen – kunstvolle geschnittene Steine, häufig aus römischer Zeit. Über 130 davon übergab sie dem MAKK – Museum für Angewandte Kunst Köln, was das Museum heute zu einer wichtigen Adresse für Gemmenforschung macht.

Treskow blieb aber stets bodenständig. Sie arbeitete lieber im Stillen, in der Werkstattluft aus Metall, Feuer und Konzentration, als auf Bühnen geehrt zu werden. Und doch erhielt sie 1956 als erste Frau in Deutschland eine Professur im Goldschmiedehandwerk an den Kölner Werkschulen – ein Meilenstein für die Kunstlandschaft des Landes.

Dort hat sie bis 1964 zum Eintritt in den Ruhestand gewirkt – und tiefe Spuren hinterlassen. Zu ihrem Abschied würdigte der Direktor Friedrich Vordemberge das Werk Elisabeth Treskows:

„Mit viel Mühe und Ausdauer, großem pädagogischem Geschick, gepaart mit einem meisterlichen Können, haben Sie in dieser Zeit zahlreiche Talente gefördert, von denen viele die Selbständigkeit erworben und sich bereits bewährt und hervorgetan haben. Wir alle möchten Ihnen ganz herzlich danken für die Zeit der gemeinsamen Arbeit und für so verständnisvolle und menschliche Art, die stets von Ihnen ausstrahlte. Durch die vielen Aufträge haben Sie erheblich mit dazu beigetragen, das Ansehen der Schule nach außen zu erweitern und zu festigen.“1Ausschnitt aus einem Brief von Direktor Friedrich Vordemberge an Elisabeth Treskow, Quelle: TH Köln

Eine Künstlerin, deren Werk weiterlebt – am Rheinufer und im Rathaus

Elisabeth Treskow starb am 6. Oktober 1992. Ihr Name steht im Rheinauhafen, im MAKK, im Domschatz – und auf der Amtskette, die unser jeweiliger Oberbürgemeister trägt. Ein goldener Bogen zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Und vielleicht, wenn im Rathaus das Licht auf die Kette fällt und die Gravuren zu leuchten beginnen, ist da ein Moment, der an ihre Arbeit, Hingabe, Kunst und vor allem Fleiß erinnert:

„Meine Versuche zu warten, bis die Musen mich küssten, sind immer fehlgeschlagen. Ich glaube, sie küssen lieber die, denen der Schweiß heißen Bemühens die Stirn feuchtet, als jene, die ihre Ankunft untätig schwärmend erwarten.“ 2Quelle: Elisabeth Treskow: Über meine Arbeit und mich. In: Zeitschrift für Goldschmiede, Juweliere und Graveure. 1943, Nr. 3, S. 30–31.


Das Kunstwerk „Leuchtturm“ von Lutz Fritsch auf dem Elisabeth-Treskow-Platz, Bild: Rolf Tippner
Das Kunstwerk „Leuchtturm“ von Lutz Fritsch auf dem Elisabeth-Treskow-Platz, Bild: Rolf Tippner

Kunstwerk „Leuchtturm“

Auf dem Elisabeth-Treskow-Platz befindet sich das Kunstwerk „Leuchtturm“ von Lutz Fritsch. Dabei handelt es sich um eine 23 Meter lange silbergrau lackierte Stahlstele. Auf der Spitze dieser Stele dreht sich ein Quadrat von 3 x 3 Meter mit einer roten und einer grünen Seite. Damit greift der Künstler die Farben von Backbord und Steuerbord der Schifffahrt auf. Der „Leuchtturm“, seine Farben und die Maße sind exakt auf die umliegende Bebauung abgestimmt.

Diese Visualisierung zeigt den Blick von der rechtsrheinischen Seite über die geplanten Fußgänger- und Fahrradbrücke am Ubierring, Bild: Stadt Köln, Illustration: sbp SE
Diese Visualisierung zeigt den Blick von der rechtsrheinischen Seite über die geplanten Fußgänger- und Fahrradbrücke am Ubierring, Bild: Stadt Köln, Illustration: sbp SE

Schwierig könnte es werden, wenn tatsächlich die geplante Fußgängerbrücke über den Rhein realisiert werden würde. Dann könnte es ein, dass für das Kunstwerk kein Platz mehr ist – in jedem Fall würde sich aber auf dem veränderten Platz sein Charakter verlieren.3Danke für diesen Hinweis an Rolf Tippner von der Kulturinitiative RESPEKT. Ein ganz ähnliches Problem besteht auch bei dem Kunstwerk Standortmitte – ebenfalls von Lutz Fritsch.


E-Mail-Newsletter

Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Zum Hören als Podcast oder zum Lesen im Blog.

Aber immer kurz & knackig, immer subjektiv & voreingenommen. Und immer kostenlos!
Datenschutz

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung  

Der „Overather Kartoffelkrieg“ im Oktober 1923

"Anarchie im Aggertal" titelte das Mucher Tageblatt am 31. Oktober 1923
„Anarchie im Aggertal“ titelte das Mucher Tageblatt am 31. Oktober 1923

„Anarchie im Aggertal“ titelte das Mucher Tageblatt am 31. Oktober 1923. Und tatsächlich müssen sich Ende Oktober 1923 dramatische Szenen in den eher beschaulichen Örtchen Overath und Honrath abgespielt haben: Vom Hunger getriebene Kölner Bürger plünderten ganze Kartoffelfelder der bergischen Bauern, die sich ihrerseits mit Knüppeln, Mistgabeln und Dreschflegeln bewaffnet hatten, um ihr Hab und Gut zu schützen.

Drei Milliarden Mark für einen Zentner Kartoffeln

Die Not war, nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg, groß. Es herrschte Mangel an buchstäblich allem, was zum täglichen Leben gebraucht wurde. Verschärft wurde diese Situation durch die Hyperinflation: Ein Zentner Kartoffeln kostete drei Milliarden Mark.

Vor allem in Städten war die Lebensmittelversorgung desaströs. Die Menschen versetzten Schmuck, Uhren, Geschirr oder Teppiche, um an Lebensmittel zu kommen, denn das nahezu wertlos gewordene Papiergeld wollte keiner haben. Es wurde gemaggelt, der Schwarzmarkt boomte.

Hamsterfahrten zur Lebensmittelbeschaffung

In der Not waren viele Kölner auf „Hamsterfahrt“. Es ging mit der Eisenbahn ins Bergische Land oder in die Eifel, um bei den Bauern alle halbwegs transportablen Wertgegenstände gegen Lebensmittel zu tauschen. Besonders beliebt dabei: Kartoffeln, die relativ gut zu transportieren und zu lagern waren.

Viele der Hamsterfahrer hielten sich aber nicht damit auf, zu tauschen: Mit Hacken und Schaufeln liefen sie auf die Felder und plünderten die Felder der Bauern. Insbesondere die Kartoffelfelder an den Bahnstrecken im Bergischen Land waren betroffen, denn so war der Abtransport der gestohlenen Kartoffeln schnell und einfach möglich. Verständlich, dass die hungernden Kölner keine gern gesehenen Gäste waren.

Eine erfolgreiche "Hamsterfahrt", die gehamsterten Kartoffeln werden verladen. Bild: Bundesarchiv, Bild 183-S80285 / Walter Heilig / CC-BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Eine erfolgreiche „Hamsterfahrt“, die gehamsterten Kartoffeln werden verladen. Bild: Bundesarchiv, Bild 183-S80285 / Walter Heilig / CC-BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Eskalation im Oktober 1923

Ende Oktober 1923 spitzte sich die Situation zu. Die Bahn hatte sogar „Sonderzüge zum Kartoffelkauf“ von Köln nach Overath eingesetzt. Die Bergischen Bauern ahnten bereits, dass dies weniger zum „Kartoffelkauf“, sondern vielmehr zum „Kartoffelklau“ führen würde und baten um Polizeiunterstützung. Aber vergebens.

Daher griffen die Bergischen Bauern zur Selbsthilfe und formierten sich am 26. Oktober 1923 am Bahnhof, um die Kölner daran zu hindern, das Bahnhofsgebäude zu verlassen. Die Not war so groß, dass in Much sogar die Kirchenglocken geläutet wurden, um noch mehr Hilfe herbeizurufen.

Es kam zu wüsten Prügeleien, doch die zahlenmäßig überlegenen Kölner konnten die Kette rund um den Bahnhof durchbrechen. Das erschreckende Ergebnis: Ein erschossener Kölner, ein erschlagener Bauer, zahlreiche Schwerverletzte, geplünderte Höfe und zentnerweise gestohlene Kartoffeln.
Bei dem toten Bauern könnte es sich um den erst 28jährigen Ackergehilfen Emil van Drenke gehandelt haben, der infolge seiner Verletzungen am 27. Oktober 1923 verstarb.

Todesanzeige des möglichen Opfers des "Kartoffelkriegs" Emil van Drenke aus der Lindlarer Zeitung vom 31. Oktober 1923
Todesanzeige des möglichen Opfers des „Kartoffelkriegs“ Emil van Drenke aus der Lindlarer Zeitung vom 31. Oktober 1923

Overath stellt Bürgerwehr auf

Das sollte den Overathern nicht noch einmal passieren! Mit Unterstützung von Arbeitern und Bergleuten aus dem Umland stellten die Overather Bauern eine 1.500 Mann starke Bürgerwehr auf.

Der nächste „Kartoffel-Sonderzug“ aus Köln am 29. Oktober 1923 kam nur bis Honrath, eine Station vor Overath. Mit Waffengewalt wurde der Lokführer gezwungen, den Zug zu stoppen und nach Köln zurückzufahren. Auch dabei kam es zu heftigen Auseinandersetzungen. Je nach Quelle starben ein bis vier Menschen.

Das „Mucher Tageblatt“ vom 31. Oktober 1923 berichtete:

„Sonntag war der Andrang der Plünderer in der Gegend von Overath und Marialinden äußerst stark. Mancher Hof und manches Haus wurde völlig ausgeplündert, nicht allein von Kartoffeln, sondern auch von Getreide und Federvieh. Das letztere wurde mit Knüppeln totgeschlagen und in die Säcke gesteckt.“

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die französischen Militärverwaltung dem Treiben tatenlos zugesehen. Doch ab Anfang November reagierten die Besatzer: Der Zugverkehr von Köln nach Overath wurde für mehrere Wochen eingestellt und etwa 1.000 französische Soldaten sicherten die Overather Kartoffelfelder.

Eine Banknote mit den Nennwert "Hundert Billionen Mark"
Eine Banknote mit den Nennwert „Hundert Billionen Mark“

Währungsreform bringt Beruhigung

Aber erst die Umstellung von der „Mark“ (M) auf die „Rentenmark“ (RM) im November 1923 konnte die Situation beruhigen. Mit dem aberwitzig anmutenden Kurs von 1.000.000.000.000 M : 1 RM (1 Billion Mark zu 1 Rentenmark) wurde die Inflation beendet.

Und bereits 1924 waren die Tagesausflügler aus Köln, mit reichlich neuer Währung in den Taschen, wieder im Bergischen Land willkommen.

Auf weiterhin gute Nachbarschaft, liebe Overather, Mucher, Rösrather und Honrather!


E-Mail-Newsletter

Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Zum Hören als Podcast oder zum Lesen im Blog.

Aber immer kurz & knackig, immer subjektiv & voreingenommen. Und immer kostenlos!
Datenschutz

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung  

Die „Iran-Villa“ – ein „Lost Place“ mitten in Marienburg

Verfallende Pracht in Marienburg: Die ehmalige Botschaft des Iran in der Parkstraße 5, Bild: Uli Kievernagel
Verfallende Pracht in Marienburg: Die ehemalige Residenz des Iran in der Parkstraße 5, Bild: Uli Kievernagel

Die Villa an der Parkstraße 5 in Köln-Marienburg, ein denkmalgeschütztes Anwesen mit mehr als 110 Jahren Geschichte, verfällt zunehmend. Einst Residenz wohlhabender Kölner Verleger, später Botschaftssitz und als „Iran-Haus“ oder „Iran-Villa“ bekannt, wirkt das Gebäude heute wie ein Geisterhaus zwischen Glanz vergangener Zeiten und sichtbarem Zerfall. Ein „Lost Place“ mitten im schicken Marienburg.

Die Fassade der Villa zeigt deutliche Spuren des Verfalls. Die Farbe blättert ab, zerborstene Fensterscheiben und verwitterte Rolladen prägen das Bild. Wer die Villa betritt, findet Räume mit großflächigem Wasserschaden, Schimmelbefall und ausgerissenen Sanitäranlagen. Der Kölner Stadt-Anzeiger1„Iran-Haus in Marienburg verfällt weiter“, Kölner Stadt-Anzeiger vom 3. Januar 2025 berichtet, dass ein Durchgangszimmer mit kuppelartiger Decke von grünem Schimmel überzogen sei, ein Büro verwüstet wäre und die Akten durcheinander auf dem Boden liegen würden.

Offensichtlich wurde das Anwesen geplündert, dennoch ist seine architektonische Formschönheit erhalten: Holzvertäfelungen, großzügige Räume mit Erkern, Kamine und große Fenster, die den Blick in den Garten mit Pool freigeben, zeugen von seiner einstigen Bedeutung.

Die Villa wurde 1913/1914 für den Kölner Verleger Josef Neven DuMont nach Plänen des Architekten Paul Pott erbaut. Nach dem Tod Neven DuMonts 1915 übernahm seine Familie das Anwesen. In den 1930er-Jahren nutzte die NSDAP-Ortsgruppe Bayenthal das Gebäude, es verblieb aber weiter im Besitz der Familie DuMont. Während des Zweiten Weltkriegs entstanden Schäden, die teilweise noch vor Kriegsende behoben wurden. Nach der Gründung der Bundesrepublik wurde Bonn Regierungssitz, und viele Staaten verlegten ihre Vertretungen nach Marienburg.

Prinzessin Soraya in der Villa

Ab 1958 zog die iranische Botschaft in die Villa ein, die sowohl Kanzlei als auch Residenz des Botschafters beherbergte. Zu dieser Zeit lebte dort auch für kurze Zeit Prinzessin Soraya, die zweite Frau des Schahs von Persien. Sie machte die Villa zu einem Ort internationaler Aufmerksamkeit.

Prinzessin Soraya bei einem Bankett im Jahr 1962, Bild: Wolfgang Fischer, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Prinzessin Soraya bei einem Bankett im Jahr 1962, Bild: Wolfgang Fischer, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Am 24. Februar 1958 kam Soraya zusammen mit ihrem Lieblingshund in Köln an. Die Klatschpresse berichtete ausführlich über ihre Ankunft und die kaiserlichen Freizeitbeschäftigungen: Spaziergänge durch die Stadt, Einkehr in Cafés und Kinobesuche zogen die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich. Soraya bemühte sich zwar um Privatsphäre, doch Verfolgungsjagden von Fotografen bei Spazierfahrten von der Villa durch den Grüngürtel zeugen vom regen Medieninteresse.2„Eine Prinzessin verzauberte Köln“, Kölnische Rundschau vom 21. Juni 2016

Leerstand und gesellschaftliche Bedeutung

Die Villa, bekannt als „Iran-Haus“, diente nach dem Iran-Irak-Krieg zeitweise der Unterbringung und Behandlung von Verwundeten. Daneben nutzten verschiedene iranische Organisationen das Anwesen für Veranstaltungen, und es bestand lange eine Moschee, die bis in die 2010er Jahre betrieben wurde. Presseberichte aus den 1980er- und 1990er-Jahren machten zudem auf die Nutzung durch den iranischen Geheimdienst VEVAK aufmerksam. Heute ist die Villa vermutlich in privatem Besitz, doch sie steht leer und droht zunehmend zu verfallen.

Die Fenster nur notdürftig mit Holz zugeschlagen, wucherndes Unkraut und abblätternde Farbe - die "Iran-Villa" ist in befindet sich in einem äußerst schlechten Zustand. Bild: Uli Kievernagel
Die Fenster nur notdürftig mit Holz zugeschlagen, wucherndes Unkraut und abblätternde Farbe – die „Iran-Villa“ ist in befindet sich in einem äußerst schlechten Zustand. Bild: Uli Kievernagel

Ein Aktionsbündnis hat auf den Leerstand aufmerksam gemacht. Es steht ein Investor bereit, der das Anwesen übernehmen möchte, um es dem Wohnungsmarkt wieder zugänglich zu machen – das Gebäude bietet immerhin etwa 30 Zimmer.

Die Stadt Köln sieht sich jedoch außerstande, einzugreifen. Laut einer Sprecherin fällt die Villa nicht unter die Wohnraumschutzsatzung, da das Gebäude nie dem Wohnungsmarkt zur Verfügung stand. Bußgelder oder Ordnungsverfügungen gegen den Leerstand sind daher nicht möglich.

Architektur und Gestaltung

Die Architektur der Villa bleibt eindrucksvoll. Der renommierte Architekt Paul Pott, der zahlreiche repräsentative Villen in Marienburg entwarf, setzte hier auf eine Mischung aus englischem Landhausstil und Elementen der Renaissance, wie Giebel, Erker und Kamine. Das dreiflügelige Ensemble umfasst das zweigeschossige Herrenhaus, ein Gärtnerhaus inklusive Treibhaus, ein eingeschossiges Garagen- und Chauffeurshaus sowie einen Gartenpavillon und eine zentral gelegenen, reich mit Stuck verzierten Halle. Weitere Räume mit Parkettböden, Deckenvertäfelungen und Vitrinenschränken zeugen von dem ursprünglichen Luxus.

Der vom renommierten Gartenbauarchitekt Fritz Encke konzipierte Garten der Villa ist völlig verwildert. Bild :Uli Kievernagel
Der vom renommierten Gartenbauarchitekt Fritz Encke konzipierte Garten der Villa ist völlig verwildert. Bild :Uli Kievernagel

Die Lage der Villa in Marienburg, auf einem Gelände leicht erhöht über dem Oberländer Ufer mit freiem Blick auf den Rhein, war für den ersten Besitzer, den Verleger Neven DuMont, ideal. Ursprünglich befand sich hier die Maschinenfabrik P. Kyll, deren Werkhallen für die Villenbebauung abgerissen wurden.

Besonders schade: Der Garten wurden von dem renommierten Kölner Gartenbaudirektor Fritz Encke geplant. Doch von der ursprünglichen Planung ist heute nichts mehr zu sehen, der Garten ist vollkommen verwildert. Den ursprünglichen Plan von Encke zeigt das Architekturmuseum der TU Berlin.

Ungewisse Zukunft für ein historisches Anwesen

Die Zukunft der „Iran-Villa“ in der Parkstraße 5 bleibt ungewiss. Die Eigentumsverhältnisse sind kompliziert, der Eigentümer derzeit nicht erreichbar. Solange sich keine Lösung findet, droht das Anwesen, das einmal ein bedeutender Ort für Kultur, Diplomatie und Religion war, unaufhaltsam weiter zu verfallen. Für Marienburg bedeutet dies auch den Verlust eines geschichtsträchtigen Bauwerks.

Diese Villa steht damit exemplarisch für das Spannungsfeld zwischen Denkmalschutz, städtischer Wohnraumnot und internationaler Geschichte. Ihr Zustand zeigt, wie historische Gebäude ohne Nutzung und Pflege rapide zerfallen können – und wie schwierig es ist, private Interessen, städtische Verantwortung und kulturelles Erbe in Einklang zu bringen.


Ruhig, schick und gediegen: Die "Professorensiedlung" in Köln-Marienburg, Bild: Uli Kievernagel
Ruhig, schick und gediegen: Die Professorensiedlung in Köln-Marienburg, Bild: Uli Kievernagel

In direkter Nachbarschaft: Die „Professorensiedlung

In direkter Nachbarschaft der Iran-Villa befindet sich die wunderschöne
„Professorensiedlung“. In den 1920er Jahren drohten der renommierten Kölner Universität die Professoren auszugehen. Hintergrund war der (wie heute) schwierige Wohnungsmarkt: Die Hochschullehrer fanden keine angemessene Bleibe und gingen daher lieber in andere Universitätsstädte. 

Zur Lösung des Problems handelten die Professoren selbst und gründeten die „Baugenossenschaft Kölner Universität“. Ziel war es, attraktive Wohnmöglichkeiten für die Kölner Professoren zu schaffen. So entstand die Professorensiedlung in Marienburg.


E-Mail-Newsletter

Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Zum Hören als Podcast oder zum Lesen im Blog.

Aber immer kurz & knackig, immer subjektiv & voreingenommen. Und immer kostenlos!
Datenschutz

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Die „Poller Köpfe“- Köln ohne Rhein?

Bei Hochwasser gab es einen zweiten Verlauf des Rheins östlich von Deutz. Ein große Gefahr für die Stadt Köln. Karte: OpenStreetMap
Bei Hochwasser gab es einen zweiten Verlauf des Rheins östlich von Deutz. Ein große Gefahr für die Stadt Köln. Karte: OpenStreetMap


 Es wäre für die Stadt Köln eine Katastrophe gewesen! Der Rhein fließt nicht im gewohnten Flussbett, sondern sucht sich einen neuen Verlauf. Statt westlich verläuft der Fluss auf einmal ab Poll östlich an Deutz vorbei, um dann erst in Mülheim ins alte Flussbett zurückzukehren.

Klingt aberwitzig – aber diese Gefahr drohte ab ca. dem 12. Jahrhundert. Und es passierte bereits vereinzelt bei Hochwasser und Eisgängen: In Köln kam nur noch ein flaches Rinnsal an, der Fluss suchte sich ein neues Bett. Höchste Alarmstufe für die Stadt, denn damit war die grundsätzliche Schiffbarkeit des Rheins gefährdet und somit Kölns Wohlstand. Ohne den Handel, welcher zum größten Teil über den Rhein abgewickelt wurde, und ohne das äußerst lukrative Stapelrecht wäre Köln bedeutungslos geworden.

Köln ohne Rhein? Undenkbar!

Daher wurde bereits seit dem 12. Jahrhundert das Poller Rheinufer befestigt, um eine solche „Umleitung“ zu verhindern. Durch Anpflanzungen und Dämme entlang der heutigen Poller Wiesen sollte verhindert werden, dass Köln vom Rheinstrom abgeschnitten würde.

Problematisch war allerdings, dass Poll damals noch nicht zur Stadt gehörte, sondern zu den Besitztümern des Erzbischofs, mit dem die Kölner regelmäßig im handfesten Streit lagen. Doch auch der Erzbischof war nicht daran interessiert, dass Köln seinen Rang als Handelsmetropole verlieren könnte. Großzügig erlaubte der Kirchenmann, dass die Kölner Weiden zur Uferbefestigung auf seinem Grund pflanzen durften – allerdings auf Kosten der Kölner Bürgerschaft.

Ausschnitt aus einer Federzeichnung von 1583 mit den "Poller Köpfen", Bild: Stadtarchiv Köln
Ausschnitt aus einer Federzeichnung von 1583 mit den „Poller Köpfen“, Bild: Stadtarchiv Köln

Mammutprojekt „Poller Köpfe“

Doch diese Uferbefestigung war nicht stark genug, um bei Hochwasser nachhaltig eine mögliche Veränderung des Flussbettes zu unterbinden. Daher nahm die Stadt Köln im Jahr 1557 das Poller Ufer in Erbpacht, um ein Mammutprojekt in Angriff zu nehmen: Die „Poller Köpfe“. Auch hier bat der Erzbischof die Kölner kräftig zur Kasse: Die Pachtzahlung bestand in zwei Tonnen Heringen pro Jahr und zusätzlich in einem vergoldeten Geschirr – und für jeden neuen Erzbischof auch ein neues Goldgeschirr.

Ab 1560 begannen die Bauarbeiten. Es wurden schwere Uferbefestigungen („Köpfe“) angelegt. Dafür wurden massive Eichenstämme mit Querbalken im Flussgrund befestigt. Die so entstanden Kästen wurden mit Basaltbrocken gefüllt. Die Dimensionen dieser Anlage waren gewaltig: Mehrere Hundert Meter lange und etwa acht Meter breite Konstruktionen, welche bis zu 3 Meter aus dem Wasser herausragten. Zur Beschaffung des nötigen Bauholzes erwarb die Stadt Köln ein eigenes Waldgrundstück.

Um das Bollwerk gegen die Kräfte des Rheins noch weiter zu sichern, wurden alte und beschädigte Rheinschiffe angekauft und – beschwert mit Steinen und gesichert durch in den Boden getriebene Eichenpfähle – gezielt unmittelbar vor den Poller Köpfen versenkt. Damit die Pflege des Bauwerks gesichert war, stellte die Stadt eigens einen „Weidenhüter“ ein: Ein städtischer Beamter mit Wohnsitz auf der Anlage, der diese ständig im Blick hatte.

Im Jahr 1641 wurde ein steinernes Wehr zur Unterstützung der Anlage eingebaut. Aber erst mit Bau des Deutzer Hafens ab 1895 wurden die weit in den Rhein ragenden Bestandteile der Poller Köpfe entfernt und durch moderne Befestigungsanlagen ersetzt. Die Halbinsel „Poller Werth“ wurde zum Deutzer Hafen.

Die Poller Wiesen heute, rechts der Deutzer Hafen, Bild: ToLo46, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons
Die Poller Wiesen heute, rechts der Deutzer Hafen, Bild: ToLo46, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Poller Wiesen sind heute Bodendenkmal 

Als Uferbefestigung sind heute nur noch die in den Rhein ragenden Buhnen auf den Poller Wiesen zu sehen, die Reste der „Poller Köpfe“ liegen unter den Poller Wiesen.

Diese sind nicht nur ein beliebtes Erholungsgebiet, sondern auch als Bodendenkmal geschützt. Im Jahr 2003 wurden dort bei Niedrigwasser zwei im 16. Jahrhundert gezielt zur Verstärkung der „Poller Köpfe“ versenkte „Niederländer“1Ein spezieller Schiffstyp zum Frachttransport auf dem Rhein. gefunden. Doch die Archäologen kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus: Bei Probegrabungen stellte sich heraus, dass bis zu 100 weitere Schiffe dort gezielt versenkt wurden.

Sogenannte "Niederländer" für Fahrten auf dem Rhein bis zur Nordsee. Am linken Bildrand ist das Holzgestell zu erkennen, welches die Anlegestellen der Ober- und Niederländer trennt, Bild: Ausschnitt aus der Stadtansicht von Anton Woensam, 1531
Sogenannte „Niederländer“ für Fahrten auf dem Rhein bis zur Nordsee, Bild: Ausschnitt aus der Stadtansicht von Anton Woensam, 1531

Als dann noch Kampfmittelräumer die Poller Wiese für den Papstbesuch anlässlich des Weltjugendtags 2005 in Köln – der Papst hielt vom Schiff aus eine Ansprache für die auf den Poller Wiese versammelten Gläubigen – auf eventuell im Schlick verborgene Weltkriegsbomben untersuchten, fanden sie auch mit Hilfe der dabei eingesetzten Metalldetektoren Teile der alten Befestigungsanlagen der „Poller Köpfe“, wie Eisenschuhe zur Verankerung der Eichenbalken. Daher wurden die Poller Wiesen am 24. Oktober 2005 in die Bodendenkmalliste eingetragen.

Der Papst beim Weltjugendtag 2005 in Köln. Die Gläubigen im Vordergrund stehen auf den Poller Wiesen, Bild: Ingrid Schultz, Copyrighted free use, via Wikimedia Commons
Der Papst beim Weltjugendtag 2005 in Köln. Die Gläubigen im Vordergrund stehen auf den Poller Wiesen, Bild: Ingrid Schultz, Copyrighted free use, via Wikimedia Commons

Und wenn man sich heute bei gutem Wetter auf den Poller Wiesen sonnt und den Drachen, die dort regelmäßig steigen, zusieht, ahnt man kaum, dass genau hier massive Uferbefestigungen gestanden haben. Ohne diese wäre Köln eventuell vom Rhein abgeschnitten  worden. 

Und dann wäre es aus gewesen mit „Köln am Rhein“. 


E-Mail-Newsletter

Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Zum Hören als Podcast oder zum Lesen im Blog.

Aber immer kurz & knackig, immer subjektiv & voreingenommen. Und immer kostenlos!
Datenschutz

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung  

Kölsche Leidenschaft auf den „Breddern“, die die Welt bedeuten

Szene aus "Vun kleine un jrosse Malörcher", Kölsche Bredder
Szene aus „Vun kleine un jrosse Malörcher“, ein Theaterstück der „Kölsche Bredder“

Mit viel Herzblut und kölschem Humor bringt die Theatergemeinschaft Kölsche-Bredder in diesem Jahr das Stück „Vun kleine un jroße Malörcher“ auf die Bühne – und vollendet damit ein echtes kölsches 4-blättriges Kleeblatt. Denn nach den erfolgreichen Aufführungen der letzten Jahre bildet diese Spielserie das vierte Stück im Reigen der beliebten Milieu-Komödien, die sich ganz dem Leben im Veedel widmen.

Kölsche Bredder 

Die Theatergemeinschaft „Kölsche Bredder“, ein junger, aber äußerst engagierter Verein, wurde Ende 2021 mitten in der Corona-Zeit gegründet. Acht erfahrene Laiendarstellerinnen und -darsteller, die zuvor auf verschiedenen Bühnen aktiv waren, suchten damals eine neue künstlerische Heimat – und fanden sie, indem sie selbst aktiv wurden. Ihr Ziel: Das kölsche Mundart-Theater lebendig halten und dabei das Publikum mitten ins Herz treffen. Seitdem ist aus der Idee eine Erfolgsgeschichte geworden.

Logo Kölsche Bredder

Bereits wenige Jahre nach der Gründung hat sich die Truppe fest in der kölschen Theaterlandschaft etabliert. Das Publikum nimmt die „Bredder“, die für die Akteure die Welt bedeuten, begeistert an. Für die Mitglieder ist das ein großer Ansporn, weiterhin Mundart, Heimatgefühl und kölschen Witz auf die Bühne zu bringen – mit Geschichten, die so lebensnah sind, wie man sie nur aus dem Veedel kennt.

Vom kleinen Verein zur bunten Theaterfamilie

Was 2021 mit acht Idealisten begann, ist heute eine lebendige Gemeinschaft mit 21 aktiven Mitgliedern – vom 25-jährigen Nachwuchstalent Marvin Schmitz bis hin zu Hermann Hertling, der mit stolzen 95 Jahren Theatererfahrung und Lebensfreude in einer Person verkörpert. Dass auch junge Menschen Freude an der kölschen Sprache und am Theaterspiel finden, macht die Gruppe besonders stolz.

Von Beginn an war klar: Wenn Kölsches Theater eine Zukunft haben soll, braucht es moderne Wege und kreative Lösungen. So entschied sich die Theatergemeinschaft für ein innovatives Bühnenkonzept: Eine niederländische Firma fertigte bedruckte Stoffelemente, die in Aluminiumrahmen eingespannt werden. Das Ergebnis ist ein leicht transportables, flexibles Bühnenbild, das auch in der Aula einer Schule eine professionelle Atmosphäre schafft – und gleichzeitig dem Publikum ein echtes Theatererlebnis bietet.

Nach dem Debüt 2022 mit der Komödie „Et kütt wie et kütt“ folgten 2023 „Levve und levve looße“ und 2024 „Wat en schön Bescherung“. Mit der neuen Produktion „Vun kleine un jroße Malörcher“ schließt sich nun ein thematischer Kreis, der das kölsche Alltagsleben mit all seinen Eigenheiten und liebenswerten Charakteren widerspiegelt.

Im Mittelpunkt des Stücks "Vun kleine un jrosse Malörcher" der Kölsche Bredder steht die Kneipe „Zom löstije Kabänes“.
Im Mittelpunkt des Stücks „Vun kleine un jrosse Malörcher“ der Kölsche Bredder steht die Kneipe „Zom löstije Kabänes“.

Wenn das Veedel Kopf steht – „Vun kleine un jroße Malörcher“

Im Mittelpunkt des neuen Stücks steht das Veedel rund um die Gaststätte „Zom löstije Kabänes“. Deren Wirt ist nicht nur Gastgeber mit Herz, sondern auch Feuerwehrhauptmann des Löschzugs 4711. Als die Freiwillige Feuerwehr eine große Altpapiersammlung startet, um neue Geräte zu finanzieren, gerät das Veedel in Aufruhr. Ein Wettbewerb soll zeigen, welches Viertel den höchsten „Pro-Kopf-Anteil“ an Altpapier sammelt – und damit ein Preisgeld für seinen Löschzug einstreicht.

Was nach einer harmlosen Aktion aussieht, sorgt schnell für jede Menge Wirbel. Rentnerin Josefa entdeckt, dass ihre Haushaltshilfe versehentlich nicht nur alte Zeitungen, sondern auch ihre gut versteckten Ersparnisse mit entsorgt hat. Eine wilde Suche beginnt – und plötzlich tauchen ausgerechnet die Papiere auf, die manch einer lieber für immer verschwunden geglaubt hätte.

Zwischen Missverständnissen, Liebeswirren und kölschem Chaos zeigen die Akteure, was „Nächstenliebe im Veedel“ wirklich bedeutet. Und natürlich löst sich am Ende alles mit viel Humor und Herz auf – ganz nach dem kölschen Grundgesetz: Et hät noch immer jood jejange!

Bei den Kölsche-Bredder trifft Leidenschaft auf Tradition.


Spieltermine

Leider ist für dieses Stück der „Kölschen Bredder“ am 30. November 2025 der letzte Vorhang gefallen. ABER: Nächstes Jahr werden uns die Bredder mit Sicherheit wieder mti einem Stück erfreuen. Ich werden an dieser Stelle darüber berichten. 

Plakat "Vun kleine un jrosse Malörcher", Kölsche Bredder

 Spieltermine, Tickets "Vun kleine un jrosse Malörcher", Kölsche Bredder


E-Mail-Newsletter

Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Zum Hören als Podcast oder zum Lesen im Blog.

Aber immer kurz & knackig, immer subjektiv & voreingenommen. Und immer kostenlos!
Datenschutz

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung