Die Schwarze Madonna in der Kupfergasse – eine Heilige mit „Bodenhaftung“

St. Maria in der Kupfergasse, Bild: Raimond Spekking
St. Maria in der Kupfergasse, Bild: Raimond Spekking

Im „Hillige Kölle“ gibt es unendlich viele Erinnerungsstätten an Heilige, wie zum Beispiel den Dreikönigsschrein , die „Goldene Kammer“ in St. Ursula oder die Marienstatue in St. Maria im Kapitol mit Äpfeln zur Erinnerung an den Appel-Jupp.

Doch zu kaum einer Heiligenfigur haben die Kölner eine so enge, fast schon persönliche, Bindung wie zu der Schwarzen Madonna in der Kupfergasse. Wenn meine Oma in der Innenstadt unterwegs war, gehörte ein Besuch dort genauso zum Pflichtprogramm wie das Einkaufen beim „Tietz“, dem heutigen Kaufhof.

Und der Bann der Schwarzen Madonna ist ungebrochen. Das zeigen auch die unendlich vielen Opferkerzen, die dort regelmäßig aufgestellt werden. Dabei wird die Schwarze Madonna bei allen möglichen Anliegen um Hilfe gebeten. So besucht auch traditionell das Kölner Dreigestirn am Karnevalssonntag die Schwarze Madonna, entzündet eine mit Karnevalsmotiven verzierte Kerze und bittet um gutes Wetter und einen erfolgreichen Ablauf des Rosenmontagszugs.

Eine dunkelhäutige Madonna

Die Madonna ist aus Lindenholz gefertigt. Dieses Holz hat eine weißlich/gelbliche bis maximal hellbräunliche Farbe. Der verstorbene Pfarrer an der Kirche St. Maria in der Kupfergasse, Werner Plänker, meinte, die Figur könne „… mit der dunklen Farbe auch das Leid und die Krankheit der Menschen, die zu ihr um Hilfe gefleht haben, angenommen haben.“ Das mag sein, wahrscheinlicher ist aber, dass der Ruß der unendlich vielen Opferkerzen die Figur geschwärzt hat. Immerhin steht die Figur bereits seit 1630 in Köln. Und hat – fast ein Wunder – alle Irrungen und Wirrungen in unserer Stadt bis heute unbeschadet überstanden.

Als dunkelhäutige Marienfigur ist die Schwarze Madonna in der Kupfergasse in guter Gesellschaft. Weltweit werden schwarze Madonnen verehrt, in Deutschland alleine 25 Exemplare. Die bekannteste Herleitung der schwarzen Madonnenfiguren bezieht sich auf das Hohelied Salomos in der Bibel. In dem recht „süffigen“, erotisch aufgeladenen Text lautet es:

„Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes; denn deine Liebe ist lieblicher als Wein. Es riechen deine Salben köstlich; dein Name ist eine ausgeschüttete Salbe, darum lieben dich die Mädchen. Zieh mich dir nach, so wollen wir laufen. Der König führte mich in seine Kammern. Wir wollen uns freuen und fröhlich sein über dich; wir preisen deine Liebe mehr als den Wein. Herzlich lieben sie dich. Ich bin braun, aber gar lieblich, ihr Töchter Jerusalems, …“ 1In anderen Übersetzungen lautet es auch „Ich bin schwarz, aber gar lieblich …“

Die Schwarze Madonna in der Kupfergasse, Bild: Willy Horsch, CC BY 3.0
Die Schwarze Madonna in der Kupfergasse, Bild: Willy Horsch, CC BY 3.0

Anmutige Figur, mit Schmuck überladen

Ein genauer Blick auf die Schwarze Madonna zeigt, dass die Figur sehr anmutig ist. Bernd Imgrund beschreibt die Figur als „Eindrucksvoll, das moderne Gesicht zeugt vom Stolz auf das Kind in ihren Armen, aber auch von tiefer Ruhe und Glaubensfestigkeit.“2Bernd Imgrund: 111 Kölner Orte, die man gesehen haben muss, emons-Verlag.

Dankbare Gläubige haben die Schwarzen Madonna mit Schmuckstücken beschenkt. Daher ist die Figur heute fast schon überladen, die gut gemeinten Gaben verhindern den ursprünglichen Blick die Figur.

Eine Heilige zum Anfassen

Und für die Kölschen ist und bleibt die Schwarze Madonna ursprünglich, also irgendwie eine Heilige zum Anfassen, die sich allen Anliegen annimmt. Und nur wer die kölschen Befindlichkeiten nicht kennt, ist darüber erstaunt, dass auch die Fans des ruhmreichen 1. FC Köln Opferkerzen aufstellen. Früher sollten diese Opferkerzen für die Meisterschaft sorgen, heute sollen diese wohl eher den drohenden Abstieg verhindern.

Hoffentlich wirkt es.


Bei d’r schwazze Madonna en d’r Kofferjass

Niemand geringeres als der großartige Ludwig Sebus hat der Schwarzen Madonna auch ein musikalisches Denkmal gesetzt. In seinem Lied „Bei d’r schwazze Madonna en d’r Kofferjass“ lautet es

Bei d´r Schwazze Madonna
en d´r Kofferjass,
brenne Kääze Dag en in un Dag us.
Bei d´r Schwazze Madonna
mäht manch einer Rass,
un keiner jeit heim ohne Trus.

Hochdeutsche Übersetzung:

Bei der Schwarzen Madonna
in der Kupfergasse
brennen Kerzen tagein und tagaus.
Bei der Schwarzen Madonna
macht manch einer Rast,
und keiner geht heim ohne Trost.


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Kölsche Wörter: Klaaf – Smalltalk op Kölsch

Der kölsche Smalltalk nennt sich Klaaf, Bild: Gerd Altmann auf Pixabay
Der kölsche Smalltalk nennt sich „Klaaf“, Bild: Gerd Altmann auf Pixabay

Wieder mal ein kölsches Wort, welches gleich mehre Bedeutungen hat. Während das „Klaafmul“ oder die „Klaafschnüss“ echte Schimpfwörter sind und sich am besten mit „Schwätzer“ übersetzen lassen, ist der „Klaaf“ als kleine, oft eher belanglose Unterhaltung positiv besetzt.

So wird aus der Begrüßung „Un, wie is et?“ schnell ein Klaaf, also eine nette Plauderei, mit Klatsch und Tratsch über die Nachbarschaft und das Leben im allgemeinem. In dieser Disziplin des Smalltalks sind die Kölschen tatsächlich Weltmeister: Viel reden ohne viel zu auszusagen. Man könnte den Klaaf auch als „beiläufige Konversation ohne Tiefgang“ bezeichnen.

Klaafe: Ein Schwätzchen halten

Wie immer lohnt sich ein Blick in den „Wrede“. Dort wird das Verb „klaafe“ wie folgt definiert:

„Grundbedeutung: den Mund offen halten;
1.
allgemein: plaudern, sprechen, mit einem ein Schwätzchen halten“
2. verräterisch ausschwätzen, verraten, verleumderisch antragen.“

Adam Wrede verwendet den Begriff „klaafe“ also auch im Sinne von denunzieren oder umgangssprachlich „petzen“.

Diese Bedeutung hat „klaafe“ heute allerdings eher verloren, wie meine beliebte Thekenumfrage zeigt. Klar wird beim Klaaf auch mal über jemand hergezogen („Häste alt jehürt – däm Schmitz sing Frau is durchjebrannt.“), aber nie im Sinne von verpetzen, eher im Sinne von tratschen. Folglich definiert Wrede das Substantiv „Klaaf“ als „allgemeines Geschwätz“. Und das zeigt, dass der Klaaf eher harmlos ist.

Eng verwandt mit „kalle“ und „schwade“

Wenn der Kölsche von „kalle“ spricht, ist das zwar ähnlich wie „klaafe“, aber eher allgemeiner. „Kalle“ kann als gemütlich miteinander reden, plaudern. Und dann sind wir auch direkt beim „schwade“, was allerdings eher als „unaufhörlich reden“ negativ besetzt ist.  

Der Sessionsorden 2003 der Kölsche Funkentöter: Klaaf und Tratsch auf Kölsche Art"
Der Sessionsorden 2003 der Kölsche Funkentöter: Klaaf und Tratsch auf Kölsche Art“

Klaaf und Tratsch – auf kölsche Art

Im Jahr 2003 hat es der Klaaf zu echten Ruhm gebracht: Das Motto der damaligen Karnevalsession lautete „Klaaf und Tratsch – auf kölsche Art“. Und selbstverständlich hatte die Motto-Queen Marie-Luise Nikuta auch sofort das passende Mottolied parat:

Klaaf un Tratsch op kölsche Aat
dat es hee zo Hus
mer schwaade Kölsch,
mer drinke Kölsch,
at häld uns en Schuss.

Interessanter als der Refrain sind allerdings die Strophen des Lieds. Dort lautet es unter anderem:

Däm Schmitz sing Frau es durchgebrannt
met singem beste Fründ.. 

Gewonne hät em Lotto
dat kniestige Bolze Käth

Dä Tünn vun gägenüvver
hät geerv e riesen Huus …

Et Nies us Neppes hät
de drette Schlankheitskur gemaht
doch we‘ mer et esu aansüht,
et hät fass nix gebraht.

Bei der Motto-Queen wird der Klaaf also zum echten Tratsch – passend zum Motto „Klaaf und Tratsch – auf kölsche Art“

Der Mottoschal der Session 2003
Der Mottoschal der Session 2003

Es gibt tatsächlich eine „Smalltalk-Seminar“

Die Kunst des „Klaaf“ als belangloser Smalltalk ist dem Kölner irgendwie in die Wiege gelegt. Daher braucht der Kölsche an sich auch nicht solche Tipps wie „Smalltalk lernen: 9 Tipps & 5 Fallstricke“ oder ein „Smalltalk Online Training für deine leichte Konversation“ – der Kölsche hat diese Art der Plauderei schlichtweg intuitiv drauf.

Und manchmal auch etwas zu viel davon.
Aber dann wird aus dem klaafe schnell schwaade.


Podklaaf - Akteure 1. Kölner Podcast-Tag am 24.11.2023

PODKLAAF – ne Podcast op kölsch

Echten, unverfälschten kölschen Klaaf gibt es beim Podcast „PODKLAAF“. Karolin Küpper-Popp und Hermann Hertling erklären, wie Kölsch gebraut wird, wer den Dom gebaut hat und beantworten auch die Frage, wo die Heinzelmännchen hin sind. Hee weed bloß kölsch jeschwaadt!


KLAAF – Das kölsche Magazin

Unter dem Titel KLAAF gibt die Akademie för uns kölsche Sproch ein Magazin heraus. KLAAF erscheint zwei Mal im Jahr, und liegt dem von der Stadt Köln herausgegebenem Magazin „KölnerLeben“ bei, das kostenfrei in allen städtischen Einrichtungen ausliegt.


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„Köln muss mal“: Kampagne für mehr und bessere öffentliche Toiletten

Das Logo der Kampagne "Köln muss mal", Bild: Pauline Muszi
Das Logo der Kampagne „Köln muss mal“, Bild: Pauline Muszi

 „Wo finde ich denn eine Toilette?“ – erfahrene Stadtführer wissen mit dieser Frage umzugehen. Dann wird flott ein Brauhaus angesteuert, weil die öffentlichen Toiletten eher selten und nicht immer einladend sind. Alle trinken im Brauhaus ein/zwei Kölsch, alle gehen aufs Klo, und dann laufen wir weiter.

Der Trick mit dem Kölsch im Brauhaus funktioniert auch bei den Stadtführungen in der Innenstadt recht gut. Sobald man sich aber außerhalb der touristischen Hotspots bewegt, wird das schwieriger. Schnell erkennt man: Köln hat ein Toilettenproblem!

Wenn man sich die nackten Zahlen ansieht, ist es erschreckend: Tatsächlich gibt es eine öffentliche Toilette pro 15.000 Kölner:innen. Falls man jetzt noch die Touristen mit einberechnet, wird es ganz finster, dann sind es etwa 50.000 Menschen pro öffentlichem Klo. Dieser Wahnsinn zeigt sich ganz besonders an Karneval, wenn flott jede Menge Dixi-Klos aufgestellt werden, um das Pinkel-Problem irgendwie in den Griff zu bekommen. Meistens vergeblich.

Große Themen unserer Gesellschaft auf humorvolle und zugängliche Weise vermitteln

Doch statt nur zu klagen hat sich die Designerin Pauline Muszi mir ihrer Diplomarbeit „Köln muss mal. – Eine multimediale Kampagne zur Umsetzung zur Umsetzung eines öffentlichen Toilettenkonzepts für Köln“ ganz konkret mit dem Kölner Klo-Problem beschäftigt.

Die Designerin Pauline Muszi, Bild: Pauline Muszi
Die Designerin Pauline Muszi, Bild: Pauline Muszi

Nicht das erste „heiße Eisen“, welches Pauline angefasst hat. In der Vergangenheit hat sie bereits eine Kampagne zur Erhöhung der Wahlbeteiligung konzipiert („Deine Wahl“) oder ein Magazin zur Auseinandersetzung mit der Geschlechterdynamik in der deutschen Sprache entworfen („Gen_der_die_das„)

Pauline hat 2023 ihren Abschluss im Studiengang „Nachhaltiges Design“ an der ecosign/Akademie für Gestaltung in Köln gemacht. Und was alle Projekte der Designerin gemeinsam haben, beschreibt sie selber wie folgt: „Mit meinen Projekten möchte ich Komplexes nahbar machen und zeigen, dass auch die ganz großen Themen unserer Gesellschaft auf humorvolle und zugängliche Weise vermittelt werden können.“ Und genau das zeigt ihre Kampagne „Köln muss mal“ auf eindrucksvolle Weise.

Köln am Ende des Rankings „Öffentliche Toiletten“

Die Designerin hat aufwändig die Toilettensituation in Köln ermittelt. Und das Ergebnis ist niederschmetternd: Vergleicht man die selbsternannte Metropole am Rhein mit anderen Großstädten, dann liegt Köln da, wo auch aktuell1Stand: Februar 2024 der 1. FC Köln liegt: Am Ende der Tabelle. Paris verfügt über dreimal so viele öffentliche Toiletten, Zürich über mehr als viermal so viele Toiletten pro 100.000 Einwohner.

Beschämend: Köln bietet nur sechs öffentliche Toiletten pro 100.000 Einwohner, Graphik: Pauline Muszi "Köln muss mal"
Beschämend: Köln bietet nur sechs öffentliche Toiletten pro 100.000 Einwohner, Graphik: Pauline Muszi „Köln muss mal“

In ihrer Diplomarbeit „Köln muss mal“ hat Pauline Muszi aber auch die weitergehenden Funktionen der Toiletten als möglichst geschützten Raum untersucht. Dazu sollten Toiletten, neben der Verrichtung der menschlichen Notdurft, auch einen Raum bieten, um sich herzurichten, sich umzuziehen, sich zu waschen oder medizinischer Versorgung nachzugehen. Und selbstverständlich auch, um Kinder zu wickeln. Und hier wird es für Menschen, die mit Kindern unterwegs sind, ganz bitter, denn es gibt in Köln gerade mal sieben öffentliche Toiletten mit Wickeltisch. Beschämend für die Möchtegern-Weltstadt am Rhein.

Menschen ohne Penis müssen zahlen

Es gibt verschieden Arten von öffentlichen Toiletten, eine davon sind die sogenannten „City-Toiletten“. Diese Toiletten sind fest installierte Container, die 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche geöffnet sind.

Beschämend: Die Nutzung der Sitztoiletten kostet 50 Cent, während die Urinale kostenlos nutzbar sind. Paulines nüchternes Fazit: „Menschen ohne Penis müssen zahlen.“

Menschen ohne Penis müssen für den Gang aufs Klo bezahlen, Graphik: Pauline Muszi "Köln muss mal"
Menschen ohne Penis müssen für den Gang aufs Klo bezahlen, Graphik: Pauline Muszi „Köln muss mal“

„Ich bin kein echtes Klo. Und genau das ist das Problem.“  

In ihrer Diplomarbeit weist Pauline Muszi nach, dass zwar viel über Toilettenkonzepte gesprochen wird, aber in der Praxis nur sehr wenig passiert: „Die Wichtigkeit einer adäquaten öffentlichen Toi­lettenversorgung wird betont, Probleme und Lösungen diskutiert, innovative Zu­gänge vorgestellt und doch schaffen diese Ansätze nur äußerst selten den Sprung aus der Theorie in die Praxis städtischer Toilettenkonzepte.“

Provokant: Ein WC ohne Sichtschutz im öffentlichen Raum, Bild: Pauline Muszi "Köln muss mal"
Provokant: Ein WC ohne Sichtschutz im öffentlichen Raum, Bild: Pauline Muszi „Köln muss mal“

Für Pauline Grund genug, mit der Kampagne „Köln muss mal“ genau das Klo-Problem anzupacken. Ihr Ziel: Toiletten aus der Sphäre des Privaten herausholen und mitten in der Öffentlich­keit platzieren. Und das im wahrsten Sinne des Wortes: Pauline hat, auf einem Quadrat aus blauen Fliesen stehend, ein WC  genau an die Or­te gebracht, wo es an sanitären Anlagen fehlt. Ohne Sichtschutz, mitten auf einem Gehweg oder einer Wiese.

Nähert man sich diesem WC und klappt den Deckel auf, liest man „Ich bin kein echtes Klo. Und genau das ist das Problem.“  

Das Dilemma zur Kölner Klo-Situation, Bild: Pauline Muszi "Köln muss mal"
Das Dilemma zur Kölner Klo-Situation, Bild: Pauline Muszi „Köln muss mal“

Petition „Köln muss mal“ – Wette mit Pauline

Die Kampagne geht noch weiter und soll tatsächlich zu einer Veränderung der Toiletten-Situation in Köln führen. Dazu hat Pauline eine Petition ins Leben gerufen: Ziel der Petition ist es, der Kölner Stadtverwaltung zu signalisieren, dass es an der Zeit ist, etwas an den öffentlichen Toiletten der Stadt zu verändern.

Die Petition zur Kölner-Toilettenrevolution, Bild: Pauline Muszi "Köln muss mal"
Die Petition zur Kölner-Toilettenrevolution, Bild: Pauline Muszi „Köln muss mal“

Bis heute2Stand 28. Februar 2024 haben 222 Menschen diese Petition bei change.org unterschrieben. Das ist viel zu wenig. Daher habe ich mit Pauline um elf Kölsch gewettet, dass wir über das „Köln-Ding der Woche“ die Anzahl der Unterschriften verdoppeln werden.

Also: Jetzt brauche ich eure Unterstützung! Nehmt euch zwei Minuten Zeit und unterzeichnet diese Petition, damit wir möglichst schnell auf 444 Unterstützer (oder gerne auch mehr!) kommen. Hier geht es direkt zur Petition

Denn die Toilettensituation geht uns alle an!


Toiletten und Sprache

Für wohl kaum einen anderen Ort gibt es so viele Bezeichnungen wie für die Toilette. In ihrer lesenswerten Diplomarbeit hat Pauline auch Namen für Toiletten gesammelt. Ich gebe zu, dass ich auch nicht alle kannte.

Abort
Abtritt
Banjo
Bedürfnisanstalt
Brunsheisl
Büchse
Donnerbalken
Gelegenheit
Gewisses Örtchen
Häuschen
Häusl
Heisl
Hütte
Kackschlot
Kackstuhl
Keramik
Keramikabteilung
Klo
Klöchen
Klosett
Latrine
Lokalität
Lokus
Null-Null
Orkus
Örtchen
Örtlichkeit
Pfanne
Pinkelbude
Pinkelstelle
Pipibox
Pissbude
Pissoir
Plumpser
Porzellanschüssel
Posenke
Pott
Retirade
Sanitäre Anlagen
Schacht
Scheißhaus
Schietgemaack
Schüssel
Seilgarten
Soach-Hüttn
Spiegelbude
Stilles Örtchen
Stuhl
Thron
Toilette
Topf
Töpfchen
Trichter
Wasserklosett
WC
Weißes Haus
Wo der Kaiser zu Fuß hingeht
Wohin
Wurstfabrik


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Die Jahnwiese – Ort des ganz großen Sports!

Mehr als 20.000 Turner bei kollektiven Freiübungen auf der Jahnweise beim 14. Deutschen Turnfest 1928. Bild: Bundesarchiv, Bild 102-06313 / CC-BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Mehr als 20.000 Turner bei kollektiven Freiübungen auf der Jahnwiese beim 14. Deutschen Turnfest 1928. Bild: Bundesarchiv, Bild 102-06313 / CC-BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Ihre Namen lauten „1. FC Rhein-Grätschen“, „13 Malzbier Kreuzweise“ oder „Fortuna Konzeptlos“: Gemeint sind die Teams der „Bunten Liga Köln“, die auf der Jahnwiese um Punkte, Ehre oder manchmal auch nur darum spielen, den Ball nicht zu verstolpern.

Es ist der Ort des ganz großen Sports in Köln: Im Stadion spielen die Profis des ruhmreichen Eff Zeh um Punkte in der Bundesliga1Stand: Februar 2024, auf der Jahnwiese davor sind selbst talentierte Hobbykicker schon mal damit beschäftigt, die 90 Minuten auf dem Platz schlichtweg zu überleben.

Historischer Grund dank Versailler Vertrag und Adenauer

Dabei spielen die Fußballer auf historischem Grund: Die Jahnwiesen standen 1928 im Mittelpunkt beim 14. Deutschen Turnfest in Köln. Bis zu 300.000 Menschen aus 21 Ländern kamen nach Köln. Es fanden unzählige Wettkämpfe statt, der Höhepunkt der Turnwettbewerbe waren kollektive Freiübungen von 20.000 Turnerinnen und Turnern auf der Jahnwiese.

Zu verdanken haben die Kölner die Jahnwiese und den ganzen Grüngürtel dem Versailler Vertrag und dem weitsichtigen damaligen Oberbürgermeister Adenauer. Während der Versailler Vertrag die Deutschen zur Schleifung der massiven Befestigungsanlagen rund um Köln verpflichtete, sah Adenauer darin eine einzigartige Chance.

Das rheinische Schlitzohr wollte unbedingt den Kölnern Zugang zu unberührter Natur innerhalb der Stadt ermöglichen. Sein Plan: Ein breiter, grüner Gürtel rund um Köln. In diesem Grüngürtel waren auch Sportanlagen, Spielplätze und Schwimmbäder geplant. Und so auch die Jahnwiese.

Genau wie der Raderthaler Volkspark waren die Jahnwiesen ein „soziales Grün“ und boten allen Kölnern Platz, Sport auszuüben. Ein für damalige Verhältnisse völlig neuer Ansatz: Parks und Grünanlagen sollten nicht mehr nur für die gehobene Gesellschaft zum Flanieren genutzt werden, sondern als Orte zur aktiven Bewegung für alle – auch für die in völlig beengten Wohnungen lebende Arbeiterschaft.

Das Jahndenkmal aus dem Jahr 1928 an den Jahnwiesen, Bild: HOWI - Horsch, Willy, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons
Das Jahndenkmal aus dem Jahr 1928 an den Jahnwiesen, Bild: HOWI – Horsch, Willy, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Turnvater Jahn: „Frisch, Fromm, Fröhlich, Frei“

Gewidmet wurde dieses Gelände Johann Friedrich Ludwig Christoph Jahn (1778 – 1852). Der als „Turnvater Jahn“ bekannte Pädagoge und Politiker gilt als Initiator der deutschen Turnbewegung. Dabei ist Jahn nicht unumstritten, galten sein Bestrebungen doch dazu, die deutsche Jugend auf einen Kampf gegen die französischen Besatzer vorzubereiten.

Ihm zu Ehren wurde zu seinem 150. Geburtstag das Jahndenkmal an den Jahnwiesen im Juli 1928 feierlich enthüllt: Vier kreuzförmig angeordnete „F“ stehen auf einem schlanken, 15 Meter hohen Eisenbetonpfeiler. Die vier „F“ stehen für das Motto der Deutschen Turnerschaft „Frisch, Fromm, Fröhlich, Frei“.

Obwohl das Denkmal auf einer kleinen Anhöhe steht, die ursprünglich als Zuschauertribüne gedacht war, ist es heute kaum noch sichtbar, da es von den Bäumen eines kleinen Wäldchens überwuchert wird.

Alter römischer Gutshof unter der Jahnwiese

Es war bereits länger bekannt, dass sich unter der Jahnwiese Überreste eines alten römischen Gutshofs befanden. Völlig unverständlich: Anstatt in aller gebotenen Ruhe diesen Schatz zu sichern, mussten 1926 vollkommen kurzfristig im Zuge der Ausschachtarbeiten zur Errichtung der Jahnwiese die archäologischen Grabungen durchgeführt werden.

Erläuterungstafel zu den Ausgrabungen, Bild: Nicola, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Erläuterungstafel zu den Ausgrabungen, Bild: Nicola, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Der Leiter der Ausgrabung, Fritz Fremersdorf, schrieb später, er habe „in aller Eile die Vorbereitung für eine eingehende wissenschaftliche Untersuchung treffen müssen, um den Planierungsarbeiten zuvorzukommen“.

Glück im Unglück: Durch den Konkurs der Baufirma, die die Jahnwiese planieren sollte, blieb etwas mehr Zeit für die Archäologen. So konnten das Haupthaus, elf Nebengebäude, mehrere Brunnen und eine Grabgruppe mit sechs Sarkophagen gefunden werden. Die Dokumentation zur Grabung liegt im Römisch-Germanischen Museum vor, die Ausgrabungen wurden anschließend, wie bei solchen Funden üblich, zugeschüttet.

Ein Luftbild der Jahnwiesen, Heimat der "Bunten Liga Köln", Bild: dronepicr, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons
Ein Luftbild der Jahnwiesen, Heimat der „Bunten Liga Köln“, Bild: dronepicr, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

DFB wollte Jahnwiese nutzen

Die zehn Rasenplätze – sieben Groß- und drei Kleinspielfelder – der Jahnwiese werden heute nicht nur von den Hobbykickern genutzt. Auch Baseballer werfen ihr Bälle auf der Fläche vor dem Stadion. Neu ist eine Fläche mit Open-Air-Geräten. Man könnte sich fast wie am Muscle Beach in Los Angeles fühlen.

Dabei war die Jahnwiese im Jahr 2012 als Bewegungs-Oase in der Großstadt akut gefährdet. Die Stadt plante, gemeinsam mit dem Deutschen Fußball Bund, auf den Jahnwiesen ein Leistungszentrum zu errichten. Doch die Kölner gingen für ihre Jahnwiese auf die Barrikaden und verhinderten die Bebauung.

Gut so! Denn sonst hätten „FC Holzbein Köln“ oder „Ajax Lattenstramm“ aus der Bunten Liga keine Heimat mehr gehabt.


Der "Come-Together-Cup" findet jedes Jahr auf der Jahnwiese statt.
Der „Come-Together-Cup“ findet jedes Jahr auf der Jahnwiese statt.

Der „Come-Together-Cup“ für Weltoffenheit, Gleichberechtigung und Vielfalt

Im „Come-Together-Cup“ (CTC) auf der Jahnwiese kicken weit über 1.000 Hobbyfußballer „us Spass an d’r Freud“ in über 80 Teams gegeneinander. Dazu gibt es ein Programm mit Live-Musik und mehr. Der CTC steht für Weltoffenheit, Gleichberechtigung und Vielfalt.

2023 haben mehr als 20.000 Besucher die Teams  auf dem Rasen angefeuert.


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Trude Herr: Niemals geht man so ganz

"Dat Pummel" - Trude Herr als kölsche Ulknudel, Bild: Trude-Herr-Fanclub
„Dat Pummel“ – Trude Herr als kölsche Ulknudel, Bild: Trude-Herr-Fanclub

Podcast Trude Herr, 22

„Niemals geht man so ganz
irgendwas von mir bleibt hier.“
(Trude Herr)

Dieses Lied gehört auf einer kölschen Beerdigung schon fast zum Inventar. Und auch als Zitat schmückt es viele Todesanzeigen in Köln & drumherum. Trude spielte im Jahr 1987, bereits schwer krank, diese kölsche Hymne zusammen mit Wolfgang Niedecken und Tommy Engel ein. Die Single klettert in den deutschen Charts auf Platz 20. Trude Herr selber starb – nach einem bewegten Leben – am 16. März 1991.

Kindheit in Mülheim

Ihre Kindheit verbringt Trude überwiegend in Köln-Mülheim. Ihr Vater war Mitglied der KPD und wurde 1933 wegen seiner politischen Gesinnung von den Nationalsozialisten verhaftet und für viele Jahre in ein Konzentrationslager verschleppt. Die Familie litt schwer unter dem Verlust, Trude wurde von ihrer Mutter und der sieben Jahre älteren Schwester Agy großgezogen. Der von Trude geliebte Vater starb 1961.

Die Familie wird 1943 ausgebombt und in das hessische Ewersbach evakuiert. In Dillenburg arbeitet sie als Schreibkraft im Krankenhaus, später im Einwohnermeldeamt. Nach dem Krieg kehren die Herrs wieder in das zerstörte Köln zurück und Trude arbeitet bei der der von der KPD herausgegebenen Zeitung „Die Volksstimme“.

Lange hält es die temperamentvolle Trude nicht am Schreibtisch aus: Bereits 1946 schließt sie sich einer Aachener Wanderbühne an und 1947 heuert sie beim großen Willy Millowitsch an. Doch der „Pummel“, wie Trude wegen ihrer schon damals stattlichen Figur, genannt wurde, wollte mehr und gründete im Jahr 1949 zusammen mit Gustav Schellhardt die „Kölner Lustspielbühne“. Leider ohne wirtschaftlichem Erfolg – das Theater musste schon kurz danach Konkurs anmelden und Trude verdiente sich ihren Lebensunterhalt im „Barberina“, einer Schwulen-Bar an der Hohe Pforte.

Als „Madame Wirtschaftswunder“ im Karneval

Erfolgreicher waren ihre Auftritte im Karneval. Als „Madame Wirtschaftswunder“ oder „Besatzungskind“ eroberte sie zwar ab Mitte der 1950er Jahre die Bühnen der Karnevalssäle, aber ihre oft vulgäre Art und die Gesellschaftskritik in ihren Büttenreden waren den konservativen Funktionären im Karneval ein Dorn im Auge. Als sie sich dann noch mit ihrer Nummer „Die Karnevalspräsidentengattin“ unmittelbar über die spaßbefreiten Frackträger lustig machte, war schnell Schluss mit lustig. Weitere Auftritte als „Präsidentengattin“ wurden ihr untersagt.

Trude Herr in den 1960er Jahren, Bild: Trude-Herr-Fanclub
Trude Herr in den 1960er Jahren, Bild: Trude-Herr-Fanclub

Somit war der Weg frei für die große Stadt: 1958 Trude wurde für das Revuetheater „Tingel-Tangel“ in Berlin engagiert. Dieses Engagement und ihre Präsenz in Berlin ebnete ihr auch den Weg ins Kino. In mehr als 30 Filmen mimte sie die rheinische Ulknudel, darunter auch Kassenschlager wie „Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett“ oder „Drillinge an Bord“ mit Heinz Erhardt. In dieser Zeit entstand auch mit „Ich will keine Schokolade“ ihr größter Hit.

Trude Herrs größter Hit "Ich will keine Schokolade"
Trude Herrs größter Hit „Ich will keine Schokolade“

Bei einer ihrer Reisen nach Afrika verliebte sich Trude in den Tuareg Ahmed M’Barek. Doch die 1969 geschlossene Ehe war nicht besonders glücklich und wurde 1976 geschieden. Glücklicher waren von 1970 bis 1976 ihre Inszenierungen mit eigenem Ensemble im Millowitsch-Theater. „Scheidung auf kölsch“, „Familie Pütz“ oder „Pflaumenschwemme“ waren erfolgreiche Stücke und führten gleichzeitig zu Streit mit Willy Millowitsch. Der eher deftige Humor Trude Herrs vertrug sich nicht mit Millowitschs Verständnis von Volkstheater.

Theater im Vringsveedel: „Ruhm hatten wir immer genug, nur kein Geld.“

Diese Konflikte führten dazu, dass Trude ihr eigenes Theater gründete. 1977 pachtete sie ein ehemaliges Kino auf der Severinstraße und gründete das „Theater im Vringsveedel“. Schnell wurde ihr Theater – gemessen an der Auslastung – zum erfolgreichsten in ganz Nordrhein-Westfalen. Gemessen am finanziellen Erfolg war es ein Flop. Trude Herrs lakonischer Kommentar dazu „Ruhm hatten wir immer genug, nur kein Geld.“ Nachdem sie vergeblich versuchte, städtische Zuschüsse zu erlangen, musste sie das Theater 1986 schließen.

Für Trude Herr selber, mittlerweile 59 Jahre alt, war es auch die Chance, etwas Neues zu machen. Sie ging ins Tonstudio und coverte auf der Platte „Ich sage, was ich meine“ internationale Hits. Aus „I Want To Know What Love Is“ wurde „Ich weiss jenau wat de meinz“ und „Beast of Burden“ wird zur „Hipp vum Nümaat“. Auf dieser Platte ist als letztes Stück auch „Niemals geht man so ganz“. Dieses Lied war ihr Abschiedsgeschenk an ihre Heimatstadt.

Trude Herr ist in Köln auch an eher unerwarteten Orten zu finden wie hier auf einem Stromkasten auf der Zwirnerstraße, ganz in der Nähe des Trude-Herr-Denkmals. Bild: Annette Esser
Trude Herr ist in Köln auch an eher unerwarteten Orten zu finden. Zum Beispiel auf einem Stromkasten auf der Zwirnerstraße, ganz in der Nähe des Trude-Herr-Denkmals. Bild: Annette Esser

Trude Herr stirbt in Südfrankreich an Herzversagen

Die schwer kranke Künstlerin zog noch im Jahr 1987 auf die Fidschi-Inseln und lernte dort ihren letzten Partner Samuel Bawesi kennen. 1991 kehrte sie für wenige Wochen noch einmal nach Köln zurück, um dann im Februar 1991 in die Nähe von Aix-en-Provence zu ziehen. Trude Herr starb dort am 16. März 1991 an Herzversagen.

Trude Herr ist tot – aber ihr Lied „Niemals geht man so ganz“ ist unvergänglich. Nicht nur auf kölschen Beerdigungen.


Trude-Herr-Schule im Mülheim

Im August 2020 hat die „11. Kölner Gesamtschule Mülheim“ verkündet, in Zukunft den Namen „Trude-Herr-Schule“ zu tragen. Weitere mögliche  Namenpatronen für die Schule waren die Edelweißpiratin Gertrud „Mucki“ Koch oder die von den Nationalsozialisten ermordete Ärztin Lilli Jahn. 

Es war kein einfache Entscheidung, so Schulleiterin Monika Raabe in einem Bericht der Kölner Stadt-Anzeigers. Man habe sich für Trude Herr entschieden, weil die in Mülheim aufgewachsene Künstlerin für Bodenständigkeit stehe, genau wie die Schule. 


 

Das Trude-Herr-Denkmal in der Kölner Südstadt, Bild: Raimond Spekking
Das Trude-Herr-Denkmal in der Kölner Südstadt, Bild: Raimond Spekking

Ähnlich turbulent wie ihr Leben ist auch die Geschichte um das Trude-Herr-Denkmal direkt am Bürgerhaus Stollwerck. Ohne schützende Glasur wurde dieses Denkmal im Jahr 2002 aufgestellt und verrottete. Gerettet wurde es erst 2012 durch eine Spende des Trude-Herr-Fanclubs.

Gedenktafel für Trude Herr vor ihrem ehemaligen Theater (heute das Oden-Kino) auf der Severinstraße
Gedenktafel für Trude Herr vor ihrem ehemaligen Theater (heute das Oden-Kino) auf der Severinstraße

Vor ihrem ehemaligen Theater in der Severinstraße ist seit 2012 eine Bronzetafel angebracht, welche an das „Theater im Vringsveedel“ und seine Gründerin erinnert.


Ein muskalisches Denkmal für Trude Herr setzte die Band L.S.E. mit dem Stück „Trudi“ auf dem Album „Für et Hätz un jä¬jen d’r Kopp“. Dort lautet es:

Wä kennt en Kölle die Superfrau
Met däm unwahrscheinliche Körperbau?
Wä hät jedanz, jesunge un Theater jemat
Un keinem noh d’r Schnüss jeschwaad?

Diese Beschreibung hätte Trude Herr gefallen.


Ein großes DANKE an den Trude-Herr-Fanclub. Ich durfte für dieses Köln-Ding der Woche deren Bilder verwenden.


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Die Hänneschen-Predigt in St. Agnes: Nie widder is hück!

Das Hänneschen hat in der Agneskirche gepredigt. Neben der festlich geschmückten Agnes steht die Puppe der Bestemo aus dem Hänneschen-Theater, daneben ein Bild einer Puppe zu Ehren von Fanny Meyer., Bild: Uli Kievernagel
Das Hänneschen hat in der Agneskirche gepredigt. Neben der festlich geschmückten Agnes steht die Puppe der Bestemo aus dem Hänneschen-Theater, daneben ein Bild einer Puppe zu Ehren von Fanny Meyer., Bild: Uli Kievernagel

Seit Karneval 2021 gibt es in St. Agnes den Fastelovendsgottesdienst. Das Team und Peter Otten, Klaus Nelißen, Thomas Frings, Georg Hinz und vielen anderen schafft es seitdem jedes Jahr, eine besinnliche aber auch heitere und leichte Stimmung zu erzeugen.

Unterstützt wurden die Macher dieses Jahr von Kasalla, Stephan Brings, Stephan Knittler, den Ex-Fööss Bömmel Lückerath und Kafi Biermann sowie den Kölner Ratsbläsern. Und auch vom Hänneschen!

Das Hänneschen predigt in einer Kirche

Das Hänneschen feiert im Jahr 2024 seinen 222 Geburtstag. Und durfte zum ersten Mal in seiner langen Geschichte in einer Kirche predigen. Ich hatte die große Ehre, die Predigt  für das Hänneschen  schreiben zu dürfen, die dann in genialer Weise von dem Hänneschen-Puppenspieler Jacky von Guretzky-Cornitz vorgetragen wurde. 

Jacky spielt seit mehr als 40 Jahren das Hänneschen und hat gerade bei dieser Predigt die Holzpuppe richtig lebendig werden lassen. Dafür ein großes DANKE!  Die Idee für die Predigt kam von meiner Frau Silke: In der Predigt sollte das Leben der Puppenspielerin Fanny Meyer beschrieben werden..

Fanny Meyer (* 1905 – + vermutlich 1943)

Sie war ein Mädchen aus der Kölner Südstadt. Nach der Schauspielschule spielte Fanny Meyer im Hänneschen-Theater. Ihre Rolle war die der Bestemo, der Großmutter. 

Ihr Vater war Jude, ihre Mutter Katholikin. Die Nazis erklärten auch sie aufgrund der „Nürnberger Gesetze“ zum „Jüdischen Mischling ersten Grades“. 1933 war sie die letzte jüdische Künstlerin am Hänneschen-Theater. Bis 1935 durfte sie weiterspielen, dann wurde ihr Vertrag gekündigt. Ein bescheidenes Auskommen sicherte ihr das 1936 neu gegründete jüdische Marionetten-Theater.

Ab Anfang der 1940er Jahre arbeitete sie in einer Kölner Kartonagenfabrik, wahrscheinlich war es Zwangsarbeit. 1942 wurden Fanny und ihr Mann zunächst im „Judenlager“ KölnMüngersdorf interniert und von dort nach Auschwitz deportiert. Es gibt noch eine Postkarte an ihren Vater aus dem März 1943. Danach verliert sich die Spur. Sie wurde in Auschwitz ermordet.

Marina Barth hat das Leben von Fanny Meyer in ihrem lesenswerten Roman „Lumpenball“ (Emons-Verlag 2017) beschrieben.

Den Mitschnitt der Predigt gibt es hier (zum Starten bitte auf das Bild klicken) :

Das Hänneschen predigt im Fastelovendsgottesdienst in St. Agnes (5. Februar 2024)
Das Hänneschen predigt im Fastelovendsgottesdienst in St. Agnes (5. Februar 2024), zum Starten bitte auf das Bild klicken 

Wer den Text gerne nachlesen will: Hier ist das Manuskript der Predigt:

Hänneschen-Predigt: Nie widder is hück!

Jetzt musste das Hänneschen erst 222 Jahre alt werden, um es erste Mal in einer Kirche predigen zu dürfen. Der Ludwig Sebus, der durfte das schon, da war gerade erst mal 97 Jahre alt.

In däm Text uss d´r Bibel evens jing et daröm, dat man sich nit sorjen sull un et esu mache sull wie die Vögel im Himmel – da janzen Dach eröm fleje un jood es. Ävver kann man dat hück noch mache? Müssen wir uns nicht Sorgen darum machen, wat um uns eröm passeet?

Dä Fastelvoend verleitet natürlich dazu, nur dä Spaß zu sin. Kumm loss mer fiere, jet suffe und dann luure, op mer met dä Schüss jet danze kann. Dat is och jood esu. Doch trotz aller Spaß an d´r Freud müssen wir immer noch aufpassen, wat um uns eröm passeet! Opjepass: Wenn wir dat hück nit dun, dann kann unser geliebter, bunter Karneval schnell braun werden.

Denn: Nie widder is hück!

Gerade heute, gerade jetzt, zeigt sich, dass wir für unsere Lebensart einstehen müssen. Do treffen sich echt fiese Strippenzieher in Hinterzimmern, öm ze plane, wie man Minsche footbring, de dänne nit jefalle. Et jitt vill ze vill Minsche, die han verjesse – oder die wulle et nie mieh wisse – wat schon ens he bei uns passeet is. Ävver mer dürfte et nie verjesse: Ejal wohin de luurst, dä Schuhß ess fruchtbar noch, uss däm die Nazibrut russkroch. Wir müssen jetzt, wo die letzten Zeitzeugen verschwinden, die Erinnerung wachhalten.

Denn: Nie widder is hück!

Und deswegen will ich euch üch jetzt die Geschichte von Fanny Meyer erzählen. Fanny wood 1905 jeboore. Et wor e Mädche uss d´r Kölner Südstadt. Fanny hät et Abitur jemaht un donoh die Schauspielschull besök. Sie hät als Schauspielerin och im Millowitsch-Theater jespillt. Un ab 1929 wor dat selbstbewusste Mädche he bei uns Hänneschen. Wenn do he bei uns im Hännesche metspillst, musst do en echt kölsche Schnüss am Lief han un vell Spaß an d´r Freud metbrenge.

Fanny Meyer hat beides jehat: Sie hät Kölsch jeschwaad un wor ene Puppenspielerin mit Leidenschaft. Sie hät die Bestemo jespillt, dat is de Oma. Die Bestemo iss, wie och et Fanny wor: Hätzensjood, ävver och wehrhaft. Fanny wor ene joode Puppenspielerin un se hät jään im Hännesche jespillt.

Fanny Meyer (links) als Hänneschen-Puppe mit „ihrer“ Figur der Bestemo (rechts), Bild: Hänneschen-Theater
Fanny Meyer (links) als Hänneschen-Puppe mit „ihrer“ Figur der Bestemo (rechts), Bild: Hänneschen-Theater

Dä Vatter vun däm Fanny Meyer wor Jude, die Mutter Katholikin. Die Nazis han dat Mädche als „Jüdischer Mischling ersten Grades“, man säht uch verächtlich „Halbjude“, bezeichnet. Und deswäje wood uch 1935 ihr Vertrag im Hännesche als Puppenspielerin jekündigt. Damit Fanny noch jet verdeeene kunnt, hät et noch in enem jüdischen Marionetten-Theater jespillt. Ävver nit lang, dann moht se als Zwangsarbeiterin Kartons zesamme klävve. 1942 wood et Fanny noh Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Mer han üch hück die orijinale Fijur der Bestemo, die vun Fanny Meyer jespillt wurde, mitjebraht. Sie steiht do, tirek nävven dä Agnes. Denn mer wulle üch doran erinnere, wat passeet wenn mir nit all zesamme stonn.

Denn: Nie widder is hück!

Un wenn dä Jesus uns säht, dat mer op die Vüjjel luure sulle, die sich um nix ze kümmere bruche, dann bedügg dat nit, dat mer nix dun sulle. Dä säht uch, dat mer „Kleingläubige“ wöre. Jood, ich bin tatsächlich kleen. Ävver uch dat meint hä nit. Hä meint, dat et immer Hoffnung jitt. Ejal, wie düster et weed. Nit verzweifele, do is einer, der immer bei dir is. Mer müsse ävver alle Mann zesammestonn! Denn: Nie widder is hück!

Der einzige jüdische Karnevalsverein Deutschlands, die „Kölsche Kippa Köpp“, erinnert mit dem Sessionsorden 2024 an Fanny Meyer. Bild: Uli Kievernagel. Ein großes DANKE an Thomas Frings für diesen Orden.
Der einzige jüdische Karnevalsverein Deutschlands, die „Kölsche Kippa Köpp“, erinnert mit dem Sessionsorden 2024 an Fanny Meyer. Bild: Uli Kievernagel. Ein großes DANKE an Thomas Frings für diesen Orden.

Un so wor et in Kölle. Do woren et bei der jroßen Demo nit nur einer, do woren 70.000 Minsche, die oppjestande sin. Die zesamme stonn. Ejal, wie laut die braunen Drecksäck sin, mir sin lauter.

Un doröm erinnere ich üch uch hück an dat Fanny Meyer. He in Kölle is kein Platz für Hass. Denn: Nie widder is hück!

Amen


Stolpersteine für Fanny Meyer und ihren Mann Lothar Heineberg an der Ecke Oversburgstraße/ Follerstraße in der Kölner Südstadt. Bild: Marina Barth
Stolpersteine für Fanny Meyer und ihren Mann Lothar Heineberg in der Kölner Südstadt. Bild: Marina Barth

Stolperstein für Fanny Meyer

Im November 2024 wurden zwei Stolpersteine für Fanny Meyer und ihren Mann Lothar Heineberg an der Ecke Oversburgstraße/ Follerstraße in der Kölner Südstadt verlegt. 


Den ganzen sehenswerten Gottesdienst mit allen Musikbeiträgen gibt es hier. Lohnt sich! Versprochen. Und auch das Mitsingheft steht zum Download bereit.


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Die kölsche Sprache – mehr als nur ein Dialekt (Teil I)

Dieser Witz spiegelt das Selbstverständnis des Kölners wider: Unter der „göttlichen Sprache“ machen wir es schon gar nicht. Dabei ist die kölsche Sprache streng genommen kein Dialekt. Der Unterschied zu anderen Mundarten liegt darin, dass sich die deutschen Dialekte immer an hochdeutsche Texte anlehnten. Das bedeutet, dass vorhandene Texte in Mundart übersetzt wurden. Die kölsche Sprache hatte aber immer ihre eigenen Texte, die bestenfalls zurück ins Hochdeutsche übersetzt wurden und immer noch werden. Somit ist Kölsch eher eine eigenständige Sprache und kein Dialekt.

Der „Rheinische Fächer“ – Grenzen zwischen Sprache, Bier und Karneval tun sich auf

Köln, als ursprünglich römische Stadt, kam etwa Mitte des 5. Jahrhunderts unter fränkische Herrschaft. So wurde das offizielle Latein durch das germanische Fränkische verdrängt, allerdings mit regionalen Unterschieden. So entstand im Rheinland der „Rheinische Fächer“ mit den lokal verschiedenen Ausprägungen des Fränkischen.

Der Rheinische Fächer – Verteilung der Fränkischen Mundarten, Bild: Juschki - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0
Der Rheinische Fächer – Verteilung der Fränkischen Mundarten, Bild: Juschki – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0

Die am Rhein wohnenden Franken wurden Ripuaren1ripa = Flussufer genannt. In Köln wurde daher Ripuarisch, eine Variante des Fränkischen, gesprochen. Linguistisch gesehen ist Kölsch eine Variante des Ripuarischen.

Eine besondere Beachtung verdient die „Benrather Linie“ (im Bild oben mit „B“ bezeichnet) die auch als „maken-machen“-Linie bezeichnet wird. Genau an dieser Linie scheiden sich nicht nur sprachlich die Geister. Denn Köln liegt südlich, Düsseldorf nördlich von Benrath. Während man in unserer schönen Domstadt bei vielen Wörtern den „ch“-Laut wie in „Kachel“ spricht, wird daraus in dem Dorf weiter nördlich ein „k“-Laut: Das kölsche „Daach“ wird weiter nördlich zum „Daak“ oder der kölsche „Koche“ zum „Kock“.

Ziemlich genau an der Benrather Linie verläuft übrigens auch die Kölsch– und Altbier-Grenze. Und während der Kölsche mit dem korrekten Alaaf Karneval feiert, ruft der Düsseldorfer Helau. Hier wird die Benrather Linie zum Alaaf-Helau-Äquator.

Kölsch wurde über Jahrhunderte nur mündlich überliefert

Ripuarisch wurde über Jahrhunderte nur mündlich überliefert. Adam Wrede, der „Kölsche Sprachpapst“2Verfasser des Standardwerks „Neuer Kölnischer Sprachschatz“ geht davon aus, dass es noch bis zum 12./13. Jahrhundert gedauert hat, bis sich so etwas wie eine schriftliche Stadtsprache entwickelt hat.

Eindrucksvollster Beleg für diese Stadtsprache ist die Reimchronik des Gottfried von Hagen im Jahr 1270 – auch wenn das verwendete Ripuarisch für unsere Ohren heute kaum kölsch klingt. Wenn Gottfried von Hagen zum Beispiel „Häufig gibt es Regen nach Sonnenschein.“ ausdrücken will, schreibt er „ducke komet regen na sunne schine“. Da klingt immerhin so etwas wie „Sunnesching“ durch. Das wiederum versteht der Kölsche.

Auszug "Kölnische Reimchronik" (1270) von Gottfried von Hagen
Nachdruck „Kölnische Reimchronik“ (erschienen 1270) von Gottfried von Hagen

Ab etwa dem frühen 17. Jahrhundert wurde in Köln die niederfränkische Schriftsprache aufgegeben und zunehmend die sich entwickelnde neuhochdeutsche Schriftsprache verwendet. Einhergehend damit ist auch eine Trennung von gesprochener und geschriebener Sprache zu beobachten – die Kölner Mundart nach unserem heutigen Verständnis entsteht.

Umbruch in der Mitte des 19. Jahrhunderts

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war Kölsch die Umgangssprache in der Domstadt. In dem Buch „Ausflug nach Köln“ äußerte Johanna Schopenhauer „Verstehen und sprechen muss diese Volkssprache jeder Einwohner von Köln.“

Nicht nur auf der Straße im Alltag wurde Kölsch gesprochen. Auch der „Kölsche Adel“, also alteingessene kölsche Familien, pflegten ihre kölsche Sprache. So soll der reiche Bankier Abraham Schaafhausen, Vater der Rheingräfin Sibylle Mertens-Schaafhausen und immerhin Präsident der Handelskammer, auschließlich kölsch gesprochen haben. Auch bei Verhandlungen am Gericht wurde kölsch gesprochen, genau wie bei Sitzungen des Stadtrats.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts trat dann plötzlich eine Wende ein. Mit dem Fortschreiten der industriellen Revolution kamen sehr viele Arbeiter nach Köln. Und diese sprachen Kölsch. Dadurch wurde die kölsche Sprache zur Sprache der Arbeiter. Das Bürgertum wiederum wollte sich von den Arbeitern auch mit der Sprache abgrenzen und sprach Hochdeutsch.

(wird fortgesetzt)


Im Teil II „Die Kölsche Sprache – mehr als nur ein Dialekt“ werfen wir einen Blick darauf, wie sich Kölsch von der Gossensprache zum Kult entwickelt hat und welche Verdienste insbesondere die Bläck Fööss dabei hatten.


Die "Akademie för uns kölsche Sproch"steht für den Erhalt und die Förderung einer lebendigen und zeitgemäßen kölschen Sprache, die immer auch mit der Geschichte und Kultur der Stadt Köln sowie den vielfältigen Lebensarten ihrer Bewohner in Zusammenhang steht.

Wer echtes Kölsch lernen will, kann sein Kölsch-Diplom an der „Akademie för uns kölsche Sproch“ machen.  Hier können Kölner und Nichtkölner einen Einblick in die kölsche Sprache und Kultur erhalten.

Etwas weniger aufwendig ist mein Tipp: Geht mal in eine kölsche Weetschaff op d´r Eck und stellt euch an die Theke. Spätestens nach dem fünften Kölsch klappt das auch mit der Sprache. Und falls ihr doch nichts verstehen solltet,  habt ihr zumindest Spaß gehabt.


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Die kölsche Sprache – mehr als nur ein Dialekt (Teil II)

Über die Entwicklung der kölschen Sprache bis zum Ende des 19. Jahrhunderts hatte dieses Köln-Ding der Woche informiert: Die kölsche Sprache – mehr als nur ein Dialekt (Teil I).

Heute werfen wir einen Blick darauf, wie sich Kölsch von der Gossensprache zum Kult entwickelt hat und welche Verdienste insbesondere die Bläck Fööss dabei hatten.


Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts erfasste Köln ein großer wirtschaftlicher Aufschwung. Neue Erfindungen wie zum Beispiel die Gasmotoren von Nicolaus Otto und die Entwicklung Kölns zum Eisenbahnknoten im Westen führten zu einem großen Bevölkerungswachstum.

Lag die Einwohnerzahl zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch bei etwa 40.000 Bürgern, wuchs Köln bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf etwa 375.000 Menschen. Mit dem Zuzug von Menschen aus allen Teilen des Deutschen Reichs bis hin nach Polen ergab sich die Notwendigkeit, eine gemeinsame Sprache zu sprechen. Zudem waren in der Garnisonsstadt Köln unter preußischer Verwaltung etwa 8.000 Soldaten inklusive Familien stationiert. Und die – nach dem Empfinden der Kölner steifen –  Preußen sprachen Hochdeutsch. Die Folge: Kölsch verschwand aus dem Alltag.

Auch nach dem 1. Weltkrieg bis in die 1930er Jahre wuchs Köln weiterhin rasant: Die Anzahl der Kölner Bürger stieg bis 1939 auf fast 750.000 Bürger. Mundartsänger wie Willi Ostermann beklagten dann auch „dä fremde Krom“ in der Stadt und das Aussterben der Muttersprache. In dem Lied „Och, wat wor dat fröher schön doch en Colonia“ lautet es:

Dä fremde Krom, et es doch ze beduure,
als ahle Kölsche schöddelt mer d’r Kopp

Der zweite Weltkrieg war eine Zäsur. Die fast totale Zerstörung der Stadt führte zu einer Renaissance der Kölschen Sprache. Sprache ist Heimat und Kölsch zu sprechen war identitätsstiftend und gab ein Gefühl von Zusammengehörigkeit in der schweren Nachkriegszeit.

Von der Gossensprache zur Kult

Ab den 1970er war es damit aber vorbei: Kölsch war die Sprache des Proletariats und des kriminellen Milieus. Kölsche Unterweltgrößen wie Schäfers Nas oder Dummse Tünn sprachen Kölsch – in den Familien hingegen wurde Kölsch verpönt. Kein Wunder, dass Peter Brings (Jahrgang 1964) in dem Hit „Kölsche Jung“ singt:

Deutsch Unterricht, dat wor nix för mich
denn ming Sprooch die jof et do nit.
„Sprech ödentlich“ hät de Mam jesaht
di Zeuchniss dat weed keene Hit.

Op d´r Stross han ich ming Sproch jeliehrt.

Renaissance durch die Bläck Fööss

Die Renaissance der kölschen Sprache kam erst mit den Bläck Fööss und ihrem wunderbaren Umgang mit unserer Sprache. Die Musiker machten Kölsch auch außerhalb der Karnevalssäle wieder salonfähig. Die kölsche Band BAP sorgte ab Anfang der 80er Jahre dafür, dass Kölsch als Sprache in der Popkultur bundesweit bekannt wurde. Und mit den neuen Bands wie Kasalla, Cat Ballou, Miljö & Co. wurde Kölsch auch in jüngeren Zielgruppen wieder verstanden und teilweise auch gesprochen.

Kölsch ist in der Domstadt auch im Alltag oft zu sehen, hier die Inschrift an der Kreuzblume am Dom, Bild: Uli Kievernagel
Kölsch ist in der Domstadt auch im Alltag oft zu sehen, hier die Inschrift an der Kreuzblume am Dom, Bild: Uli Kievernagel

Eine Sprache lebt

Heute wird Kölsch in Köln und Umgebung von – hier sind sich die Sprachforscher sehr uneinig – 250.000 bis 750.000 Menschen gesprochen. Das Problem ist, dass die Unterschiede zwischen „echtem Kölsch“ und dem „Rheinischen Regiolekt“1Ein Regiolekt ist eine Umgangssprache, welche zwischen Basisdialekt und Standardsprache liegt. Das ist dann in unserer Region eher „Rheinisch“ mit dem typisch kölschen Tonfall, was von Außenstehenden für „Kölsch“ gehalten wird. fließend sind.

Sprachpuristen regen sich dabei über die Veränderung der kölschen Sprache auf und versuchen, diesen Prozess anzuhalten. Dabei wird vergessen, dass eine Sprache nur überleben kann, wenn sie auch tatsächlich gesprochen wird. Und somit unterliegt diese ständigen Veränderungen. Eine Sprache ist kein Museum, eine Sprache ist gelebter Alltag.

Daher: Loss se doch schwaade.


Eine Übersicht wunderschöner kölscher Ausdrücke findet ihr hier in meiner Rubrik „Kölsche Wörter“.


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Cäcilia Wolkenburg: Das „Zillchen“ feiert 150. Geburtstag

Das Divertissimentchen wird 150 Jahre! Herzlichen Glückwunsch an die Cäcilia Wolkenburg. Bild: Kölner Männer-Gesang-Verein
Das Divertissimentchen wird 150 Jahre! Herzlichen Glückwunsch an die Cäcilia Wolkenburg. Bild: Kölner Männer-Gesang-Verein

Wenn man einen Kölner richtig neidisch machen will, erzählt man: „Ich wor beim Divertissementchen.“ Denn die Tickets für dieses kölsche Musical sind heiß begehrt und das Stück ist regelmäßig ausverkauft.

Übrigens kein neues Phänomen. So berichtete bereits der „Kölner Sonntags-Anzeiger“ vom 18. März 1877 darüber, dass „trotz aller Bemühungen nicht möglich gewesen sei, ein Plätzchen im Theater zu erobern.“

Der Kölner Sonntags-Anzeiger vom 18. März 1877 berichtet darüber, dass für das Divertissementchen "Jan und Griet" keine Tickets zu bekommen waren.

Und auch die Jubiläumsveranstaltungen im Jahr 2024 – das Divertissementchen feiert 150. Geburtstag – sind wieder restlos ausverkauft. Mehr als 30.000 Zuschauer dürfen das Stück live erleben.

Laien spielen auf der großen Bühne

Das Divertissementchen, von den Kölnern liebevoll „Zillche“ genannt, ist ein „heiteres, parodistisch angelegtes Theaterspiel voll Scherz und Spott echt kölscher Art, musikalisch unterbaut und durchwoben mit guten, teils bekannten Melodien, die durch launige Anspielungen und kleine satirischen Kritiken vaterstädtischer, parteipolitischer und anderer Verhältnisse farbig untermalt werden.“1Quelle: Adam Wrede, „Neuer kölnischer Sprachschatz“

Im Jahr 1884 brachte die Cäcilia Wolkenburg das Stück „Loreley“ auf die Bühne. Bild: Kölner Männer-Gesang-Verein
Im Jahr 1884 brachte die Cäcilia Wolkenburg das Stück „Loreley“ auf die Bühne. Bild: Kölner Männer-Gesang-Verein

Und das Divertissementchen ist einzigartig, denn alle Akteure sind Laien und üben im Alltag ganz normale Berufe aus. In der Karnevalsession aber stehen diese Menschen als Sänger, Schauspieler und Tänzer auf der großen Bühne.

„Durch das Schöne stets das Gute“

Basis des Divertissementchen ist der Kölner Männer-Gesang-Verein (KMGV). Dieser Chor wurde am 27. April 1842 gegründet und gehört zu den ältesten Vereinen Kölns. Bereits im Gründungsjahr gab der KMGV ein Konzert im Schloss Augustusburg vor König Friedrich Wilhelm IV. und vielen weiteren adligen und prominenten Menschen.

Der Kölner Männer-Gesang-Verein (KMGV). gehört zu den ältesten Vereinen Kölns. Bild: Kölner Männer-Gesang-Verein
Der Kölner Männer-Gesang-Verein (KMGV). gehört zu den ältesten Vereinen Kölns. Bild: Kölner Männer-Gesang-Verein

„Durch das Schöne stets das Gute“ ist das Motto des Chors. So unterstützte er durch Konzerte Arme und Bedürftige und sammelte auch Spenden für den Bau und Erhalt des Doms. Dabei stand zwar immer der gemeinschaftliche Gesang im Mittelpunkt, allerdings war, so Axel Hollander vom KMGV im Domradio2am 9.August 2017, https://www.domradio.de/artikel/175-jahre-koelner-maennergesangsverein die Mitgliedschaft in einem Männerchor damals auch „ein politisches Statement“. Die Chorproben wurden in einer Zeit, in der es noch keine Parteien gab, auch immer für politische Diskussionen genutzt.

Aktuell3Stand Januar 2024 verfügt der Verein über etwa 600 Mitglieder. Rund 180 davon sind aktive Sänger und treten in unterschiedlichen Konstellationen auf: Als großer Chor in voller Mannstärke, als Kammerchor oder als Bühnenspielgemeinschaft beim Divertissementchen.

„Cäcilia Wolkenburg“ bereits 1874 gegründet

Mitglieder des Kölner Männer-Gesang-Verein gründeten 1874 die Bühnenspielgemeinschaft „Cäcilia Wolkenburg“, benannt nach dem repräsentativen Vereinssitz des Chors, die „Wolkenburg“ und der nah gelegenen Kirche St. Cäcilia. Noch im gleichen Jahr fand das erste Divertissementchen statt. 

Das erste Divertissiementchen im Jahr 1874
Das erste Divertissiementchen im Jahr 1874

Das Divertissementchen ist in Köln sehr gut angenommen worden. Bereits im Folgejahr empfahlen die „Kölner Nachrichten“, sich zum Stück „Richmodis von Aducht und der Sängerkrieg auf dem Neumarkt … baldigst Plätze zu sichern, denn der Andrang dürfte gewaltig werden.“

Die Kölner Nachrichten vom 28. Januar 1875 berichten von der ersten Aufführung des Divertissementchens und raten dazu, sich "baldigst Plätze zu sichern, denn der Andrang dürfte gewaltig werden."
Die Kölner Nachrichten vom 28. Januar 1875 berichten von der Aufführung des Divertissementchens und raten dazu, sich „baldigst Plätze zu sichern, denn der Andrang dürfte gewaltig werden.“

In den nächsten Jahren ging es um „Jan und Griet“, „Die Heinzelmännchen oder „Köllen in der Unterwelt“. Die Titel der aktuellen Stücke der vergangenen Jahre lauten „Corona Colonia“, „Casanova en Kölle“ oder „Die Rache von Melaten“.

Das Zillchen vereint dabei immer wieder aktuelle Themen und klassische Musik und Literatur. So wird aus Lehars „Die lustige Witwe“ im Divertissementchen „Die kölsche Witwe“. Oder aus Molières „Bürger als Edelmann“ wird „Ne Kölsche als Edelmann“. Zum 250. Geburtstag Beethovens verlegte das Zillche die Oper „Fidelio“ kurzerhand nach Köln und machte „Fidelio am Rhing“ draus.

Ausschließlich Männer – nur reinstes Kölsch

Neben der Tatsache, dass keine Bühnenprofis die Stücke bestreiten, hat das Divertissementchen noch zwei ganz wichtige Eigenschaften: Gesprochen wird reinstes Kölsch und die Darsteller, auch die der Frauenrollen, sind ausschließlich Männer.

Das Balett aus dem Zillche, hier in der Aufführung „Der Feensee“ aus dem Jahr 1910, Bild: Kölner Männer-Gesanf-Verein
Das Balett aus dem Zillche, hier in der Aufführung „Der Feensee“ aus dem Jahr 1910, Bild: Kölner Männer-Gesang-Verein

Und besonders komisch wird dies, wenn das Ballett, fester Bestandteil jeder Aufführung, auftritt. Durchaus stattliche Herren, die sich mehr oder minder grazil bewegen, sind eines der Markenzeichen des Divertissementchens. Somit wird deutlich: Weder früher noch heute nimmt sich das „Zillche“ selber zu ernst, sondern man ist durchaus in der Lage, über sich selbst zu lachen.

Das Zillchen-Balett im Jahr 2024 im Stück "Zillche in Gefahr", Bild: Kölner Männer-Gesang-Verein
Das Zillchen-Balett im Jahr 2024 im Stück „Zillche in Gefahr“, Bild: Kölner Männer-Gesang-Verein

„Zillchen in Gefahr“ zum 150. Geburtstag

Das Jubiläums-Divertissementchen spart nicht an Anspielungen auf die Verhältnisse in der Stadt Köln, die klammen Stadtkassen oder auch den Klüngel. So geht es im aktuellen Stück „Zillchen in Gefahr“ auch um die sich ewig dahinziehende Sanierung der Kölner Oper und die Bestrebungen eines möglichen Investors, das Divertissementchen „besser vermarktbar zu machen“.

"Zillche in Gefahr" - das Divertissementchen 2024
„Zillche in Gefahr“ – das Divertissementchen 2024

Der Geldgeber aus Hollywood verlangt, dass die Frauenrollen tatsächlich von Frauen gespielt werden sollen, die nur regional verständliche kölsche Sprache soll durch international verständliches Englisch ersetzt werden, und außerdem sollen die Aufführungen ganzjährig statt nur zur Karnevalszeit stattfinden. Aber die „Cäcilianer“ besinnen sich auf die ursprüngliche Werte des „Zillchen“ und lassen, trotz knapper Kassen, den Ausverkauf des rheinischen Brauchtums nicht zu.

Wie bereits im Jahr 1877 ist auch das Divertissementchen 2024 restlos ausverkauft. Aber der WDR überträgt das Stück an Karnevalssamstag, 10. Februar 2024 um 11:15 Uhr.4Am Sonntag, 11. Februar gibt es auch um 4 Uhr morgens eine Wiederholung. Und das ist allemal besser als, wie in den Anfangsjahren des Zillchens, nur eine Zusammenfassung in der Zeitung lesen zu können.

Herzlichen Glückwunsch liebes Zillchen. Gut, dass du dich auch im 150. Jahr nicht „verkaufen“ lässt und uns weiter im tiefsten Kölsch erfreust. Mach wigger esu!


Zum 150. Geburtstag der Cäcilia Wolkenburg wird gefeiert!
Zum 150. Geburtstag der Cäcilia Wolkenburg wird gefeiert!

150 Jahre nach ihrer Gründung ist die Bühnenspielgemeinschaft Cäcilia Wolkenburg im Kölner Männer-Gesang-Verein quicklebendig und feiert das Jubiläum mit einer bunten Zeitreise voller großer Werke für Chor, Orchester und Band. 

Das Jubiläumskonzert findet am 16. Juni 2024 um 11 Uhr und 15 Uhr in der Kölner Philharmonie statt.

Noch5Stand: 16. Januar 2024 sind Tickets erhältlich.


Zillche-Leed

Traditionell gibt es am Ende eines jeden Divertissementchens immer das „Zillche-Leed“. Und das ganze Opernhaus singt lauthals mit. Das ist für jeden Besucher die einmalige Chance, einmal im Opernhaus singen zu dürfen. Zur Vorbereitung hier der Text des „Zillche Leeds“:

Erste Strophe

Zillche vun Kölle,
en jedem Johr küsste zoröck.
Zillche vun Kölle,
et es e Jlöck, dat et dich jitt.
Zillche vun Kölle,
vörnemme Tön welle mer nit!

Do blievs immer jung,
mit Elan und Schwung,
prächtig vun Fazung
zeigs do dich dä Lück,
dröm sin mer och hück
voll Bejeisterung!

Zweite Strophe

Zillche vun Kölle,
en jedem Johr küsste zoröck.
Zillche vun Kölle,
et es e Jlöck, dat et dich jitt.
Zillche vun Kölle,
vörnemme Tön welle mer nit!

Bes zo joder letz
mähß do fruh uns Hätz,
blöht bei dir dä Wetz.
Huh dä kölsche Klaav,
dä hätt Saff un Kraff!
Drei mol uns Köllen Alaaf!


Ein großes DANKE an Uwe Liefgen und Simon Wendring, beide von der Bühnenspielgemeinschaft Cäcilia Wolkenburg, die mich bei diesem Artikel sehr gut unterstützt haben.


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Kölsche Tön & ihre Geschichte: Die „Villa Billa“ von Schmitze Billa in Poppelsdorf

Plakat zum "Villa Billa-Walzer", Bild: Willi Ostermann Gesellschaft Köln 1967 e.V.
Plakat zum „Villa Billa-Walzer“, Bild: Willi Ostermann Gesellschaft Köln 1967 e.V.

Wenn man den Namen „Sibilla Henriette Francisca Maria Schmitz“ hört, kommt man nicht sofort darauf, dass es sich dabei um die vielbesungene „Schmitze Billa“ handelt. Eben dieser Sibille (Billa) Schmitz hat Willi Ostermann mit dem Lied „Villa Billa“ ein musikalisches Denkmal gesetzt:

„Jetz hät dat Schmitze Billa
En Poppelsdorf en Villa.
Et hät en eijen Huus, dat Bell es fein erus!“

Doch die Frage ist: Wie kam die Käseverkäuferin Sibilla Schmitz an so viel Geld für eine Villa im noblen Bonn-Poppelsdorf?

„Wat hückzodag nit üvver Naach der Minsch sich verändere kann“

Ostermann hat für seine Lieder regelmäßig wahre Begebenheiten genutzt. Im Lied von der „Mösch“ zum Beispiel geht es um die Spatzen, deren Hauptnahrungsmittel „Pferdeäpfel“ durch den zunehmenden motorgetriebenen Verkehr immer weniger wurde. Die Spatzen litten dermaßen an Hunger, dass sie jegliche Scheu verloren und bis in die Wohnungen flogen. Auch für den Feuerwehreinsatz im Lied „Kutt erop, kutt erop, kutt erop“ gab es wohl als Vorlage einen Brand in der Achterstraße.

Besonders pikant ist aber die Geschichte rund um Sibilla Schmitz. Hier geht es um Sex & Crime, sehr viel Geld und den Hochadel.

„Fünfundzwanzigdausend Mark kräg et Billa Schmitz“

Sibilla Henriette Francisca Maria Schmitz wurde am 17. Februar 1852 in Bonn geboren. Sie hatte eine Tochter, die am 28. Februar 1882 geborene Else Schmitz.

Spannend ist die Frage nach dem Vater dieses Kinds: Es handelte sich um Ulrich Graf von Schack (1853 – 1923), einen Adligen mit „ordentlich jet an de Fööss“. Dieser Graf hatte ein Fisternöllche mit Sibille. Aus dieser heimlichen Liebschaft ging Else hervor.

Besonders pikant: Dieser Graf heiratete etwa ein halbes Jahr nach der Geburt Elses eine gewisse Gertrud Schmitz. Bei dieser Dame handelte es sich um die Schwester von Sibille Schmitz.

Bekanntmachung der Hochzeit von Ulrich von Schack und Gertrude Schmitz, der Schwester von "Schmitze Billa" in der Kölnischen Zeitung vom 2. September 1882
Bekanntmachung der Hochzeit von Ulrich von Schack und Gertrude Schmitz, der Schwester von „Schmitze Billa“ in der Kölnischen Zeitung vom 2. September 1882

Um die Tatsache, dass von Schack ein uneheliches Kind mit seiner Schwägerin gezeugt hatte, möglichst still und unbemerkt zu halten, bekam Sibille Schmitz 25.000 Mark zugesprochen – eine gigantische Summe. Im Jahr 1882, dem Geburtsjahr des unehelichen Kindes Else, lag das Jahresdurchschnittsgehalt eines Arbeiters 1891 bei etwa 200 Mark jährlich. Je nach Umrechnung in heutige Kaufkraft lag der Wert dieser Zahlung bei mehr als eine Millionen Euro.

Doch Ulrich Graf von Schack konnte, als Besitzer eines verpachteten Ritterguts in Mecklenburg, diese Summe aufbringen. Und es war ihm auch die Summe wert, denn es galt, den Skandal zu verheimlichen.

„Eeztens jov et Bell om Maat seinen Laden auf“

Es ist davon auszugehen, dass dieses Geld das Grundkapital für Sibilles spätere Tätigkeit als „Vermieterin“ war. Ab 1896 betrieb Sibilla Schmitz zusammen mit ihrer Tochter Else in Bonn ein Käsegeschäft. Dieses Geschäft schloss sie aber im Jahr 1900. Ein Jahr später mietete Sie ein Haus, um dort möblierte Zimmer an „vornehme Herren“ zu vermieten.

Schnell wurde dieses Haus in Bonn nur „Villa Billa“ genannt und es gab den Verdacht, dass es sich dabei um „Etablissement“ handelte. Später wurde Sibille Schmitz auch wegen Kuppelei angeklagt.

Auf dieser Postkarte von 1905 ist hinten rechts die "Villa Billa" in der Bonner Südstadt, Weberstraße 49, abgebildet. Das Haus wurde 1938 abgerissen. Bild: Udo Bürger, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Auf dieser Postkarte von 1905 ist hinten rechts die „Villa Billa“ in der Bonner Südstadt, Weberstraße 49, abgebildet. Das Haus wurde 1938 abgerissen. Bild: Udo Bürger, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

„Janz jenau die Villa es wie e Rotschildhuus“

Um mit der Villa betuchte Kundschaft anzusprechen, musste diese auch entsprechend ausgestattet werden. Allerdings war das Geld knapp. So orderte Else Schmitz, die Tochter der „Billa Schmitz“, als „Gräfin Else von Schack“ in einem Bonner Möbelhaus Ausstattungsgenstände im Wert von mehreren Hundert Mark und bezahlte diese bar.

Nachdem sie so das Vertrauen des Händlers gewonnen hatte, erteilte sie wenig später den Auftrag, verschiedene Zimmer in der „Villa Billa“ auszustatten. Der Preis in Höhe von ca. 30.000 Mark für die Leistung wurde aber nie bezahlt. Diese Masche zogen Else und Billa Schmitz bei vielen weiteren Bonner Geschäftsleuten durch.

„Wat hückzodag nit üvver Naach der Minsch sich verändere kann“

So konnten die aus eher einfachen Verhältnissen stammende Billa Schmitz und ihre Tochter Else auf großem Fuß leben. Die „Kölner Gerichts-Zeitung“ berichtete, dass „die Else Schmitz wie eine Gräfin gekleidet in ihrer eigenen Equipage sitzen und selbst kutschieren. In der Weberstraße bewohnte sie mit ihrer Mutter ein herrschaftliches Haus, welches auf das luxuriöseste ausgestattet war.“1Kölner Gerichts-Zeitung und Rheinische Criminalzeitung  Nr. 15 vom 14. April 1906; zitiert nach Bürger, Udo: Rheinische Unterwelt. Kriminalfälle im Rheinland von 1815-1918, Köln 2013, S. 237–239.

Es kam so wie zu erwarten: Der Schwindel flog auf und Mutter sowie Tochter wurden angeklagt. Die Gerichtsverhandlung im April 1906 zog viele Neugierige an. Immerhin war das halbseidene Etablissement „Villa Billa“ von Mutter und Tochter Schmitz in ganz Bonn bekannt. Die Vorwürfe lauteten:

  • Erschwindlung von Waren im Wert von mehr als 210.000 Mark
  • Führung eines falschen Namens
  • Kuppelei2Kuppelei ist die vorsätzliche Vermittlung und Beförderung der Unzucht. In Verbindung mit Geldzahlungen gehört Kuppelei auch in den Kontext der Prostitution.

Sibille und Else trafen aber auf einen eher gnädigen Richter. Statt drei Jahre Gefängnis, wie von der Staatsanwaltschaft gefordert, erhielt Else Schmitz eine Strafe von 16 Monaten Gefängnis. Ihre Mutter „Schmitze Billa“ bekam nur zwei Monate Gefängnis aufgebrummt.

Das Inventar der "Villa Billa" wird vom Gerichtsvollzieher versteigert, Anzeige aus der Bonner Zeitung vom 25.01.1906
Das Inventar der „Villa Billa“ wird vom Gerichtsvollzieher versteigert, Anzeige aus der Bonner Zeitung vom 25.01.1906

Nach Verbüßung ihrer Haftstrafen zogen die beiden Frauen zunächst nach Roisdorf, später nach Nideggen. Ab 1908 wohnte Sibille Schmitz in Buschdorf, Else Schmitz lebte später in der Nähe von Koblenz. Weitere Details sind nicht bekannt.

„Et hät en eijen Huus, dat Bell es fein erus!“

Bei seiner Darstellung der Umstände rund um Else und Billa Schmitz nahm sich Willi Ostermann einige künstlerische Freiheiten heraus:

  • Die „Villa Billa“ wurde nicht gekauft, sondern war nur gemietet.
  • Das Haus lag in der Weberstraße in der Bonner Südstadt und nicht in Poppelsdorf. Doch wenn man sich aber den Begriff „Poppelsdorf“ lange genug anschaut, wird der anzügliche Bezug klar.
  • Das Verhältnis von Ulrich von Schack und Sibille Schmitz wird in dem Lied nicht eindeutig benannt. Allerdings erscheint, wenn man die Hintergründe kennt, die Liedzeile „Wat hückzodag nit üvver Naach der Minsch sich verändere kann.“ in einem völlig anderen Kontext. Gemeint ist hier die Liebesnacht, in welcher Else gezeugt wurde.

Ulrich von Schack lebte in Sankt Goar. Er starb 1923 an den Folgen eines Unfalls, als er von einem französischen Militärfahrzeug überfahren wurde. Sein Sohn Adolf Friedrich Graf von Schack war einer der Widerstandskämpfer beim Aufstand vom 20. Juli 1944 gegen Hitler und wurde im Januar 1945 hingerichtet.

„Wenn et Bell su vöran mäht, doht es nit mieh lang“

Und Ostermann muss das Leben von Billa Schmitz auch gut gekannt haben. So lautet es in der letzten Strophe: 

„Statt als Hausbesitzerin brängk et Billa dann
Koonschloot un Andivius widder an d’r Mann.“

Er wusste also, dass Billa ihr extravagantes Leben aufgeben musste, um anstatt als Vermieterin Korn- und Endiviensalat zu verkaufen.

Doch durch den Gassenhauer von der Poppelsdorfer Villa ist Sibilla Henriette Francisca Maria Schmitz, besser bekannt als „Schmitze Billa“ unsterblich geworden.


Villa Billa: Jetz hätt dat Schmitze Billa (1910)
Text: Willi Ostermann, Musik: Emil Palm

Fünfundzwanzigdausend Mark kräg et Billa Schmitz
usbezahlt op eine Knall, un wat meint ihr jitz?
Eeztens jov et Bell om Maat seinen Laden auf,
zweitens wood en Poppelsdorf sich en Huus jekauf.
Wat hückzodag nit üvver Naach der Minsch sich verändere kann.

Refrain:
Jetz hät dat Schmitzen Billa
En Poppelsdorf en Villa.
Et hät en eijen Huus, dat Bell es fein erus!

Janz jenau die Villa es wie e Rotschildhuus,
blos dat se nit jrad su jroß un su fein süht us.
Fählt die Plaaz och, wo mer söns stellt die Autos hin,
weiß et Bell doch vill dovun, wat Garagen sin.
Wenn och nit janz dat Huus vun Jlanz, trotzdäm heisch et hück üvverall:

Refrain:
Jetz hät dat Schmitzen Billa
En Poppelsdorf en Villa.
Et hät en eijen Huus, dat Bell es fein erus!

Wenn beim Bell Jesellschaff es, kommt Besuch aus Köln,
um die Villa Poppelsdorf auf d’r Kopp zu stell’n.
Nit en Seid, nä en Kattun un mem Koppdoch ahn,
jitt sich dann däm Bell zu Ihr do de Maathall dran.
Eez singk et Ann su laut et kann, die andere setze dann en:

Refrain:
Jetz hät dat Schmitzen Billa
En Poppelsdorf en Villa.
Et hät en eijen Huus, dat Bell es fein erus!

Wenn et Bell su vöran mäht, doht es nit mieh lang,
nimmb dat met dä Kühl und Kröpp singe ahle Jang.
Statt als Hausbesitzerin brängk et Billa dann
Koonschloot un Andivius widder an d’r Mann.
Doch vör d’r Hand do hält it stand, wat später kütt es jo egal:

Refrain:
Jetz hät dat Schmitzen Billa
En Poppelsdorf en Villa.
Et hät en eijen Huus, dat Bell es fein erus!


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