Der Kölner Karneval ist bunt und vielfältig. Und sehr speziell. Diese Übersicht der wichtigsten Karnevalsbegriffe soll Einheimischen und Imis helfen, sich im Fastelovend zurechtzufinden.
Alle Teile der Serie „Kölsche Karnevalsbegriffe von A-Z“:
Das Dreigestirn der Session 2021/22 im Ornat, Bild: Festkomitee Kölner Karneval
Ornat
Ein Ornat ist eine festliche Amtstracht und wird zum Beispiel vom Papst oder von Königen getragen. In Köln haben wir schon lange keine Könige mehr, deshalb tragen unsere ganz besonderen Herrscher, das Dreigestirn, Ornate.
Im Gegensatz zu einer Verkleidung, zum Beispiel als Clown oder Pirat, wird der Träger des Ornats zu dieser Figur. Deswegen sind die Gewänder des Dreigestirns bis zur Proklamation nur Kostüme und werden erst dann zu Ornaten.
Steckenpferde statt echter Pferde: Eine echte Alternative für den Rosenmontagszug, Bild: Festkomitee Kölner Karneval
Pääd
Ein Pääd ist ein Pferd. Traditionalisten beharren darauf, diese Tiere im Rosenmontagszug einzusetzen. So laufen im Kölner Rosenmontagszug etwa 300 Tiere mit. Das ist nicht unumstritten: Tierschützer weisen darauf hin, dass es für die als Fluchttiere bekannten Pferde puren Stress bedeutet, durch die prall gefüllte und sehr laute Stadt zu laufen. Tatsächlich sind aus den vergangenen Jahren Fälle bekannt, in denen Tiere mit Medikamenten ruhig gestellt wurden.
Nicht erst seit Rosenmontag 2018, als die Pferde einer Kutsche im Kölner Rosenmontagszug durchgingen, wird der Ruf nach einem Verbot von Pferden im Zug immer lauter. Damals wurden fünf Menschen verletzt und mussten ins Krankenhaus. Ein Jahr zuvor war ein Pferd mitten im Zug gestürzt, vermutlich wegen eines Kreislaufkollapses.
Die Bonner Jecken haben reagiert und Pferde aus dem Zug verbannt, die Düsseldorfer setzen alle berittenen Gruppen an die Spitze des Rosenmontagszuges, um die Wartezeiten für die Tiere zu minimieren.
In Köln gibt es strenge Auflagen: Reiter im Zug müssen mindestens 35 Reitstunden pro Jahr nachweisen. Und es gibt eine Gewichtslimit: Der Reiter oder die Reiterin darf nicht mehr als 15 Prozent des Pferdegewichtes wiegen. Das heißt: bei einem eher großen Tier von 600 kg darf der Reiter oder die Reiterin maximal 90 kg wiegen. Bei einem durchschnittlich schweren Tier von 420 kg sind es nur noch 63 kg. Da wird wohl mancher stattliche Funkenoffizier im Rosenmontagszug zu Fuß gehen müssen!
Rote Nase anziehen und fertig ist das schnellste Karnevalskostüm, Bild: studionone, Pixabay
Pappnas
Die Notverkleidung, wenn es schnell gehen muss: Rote Nase auf und man ist zumindest ein bisschen verkleidet. Dabei wirkt die rote Nase auch ganzjährig als „kölsches Psychopharmaka“: Aufsetzen, in den Spiegel schauen und es dauert (auch bei Westfalen) maximal eine halbe Sekunde, bis die Laune wieder besser wird. Macht leicht süchtig, aber was soll’s, es gibt keine Nebenwirkungen.
Ein 10 Liter-Fass bezeichnet der Kölner als „Pittermännchen„, Bild: Früh Kölsch
Zehn Liter flüssiges Gold – ein Pittermännchen ist (abgesehen von den Fünf-Litern-Blechbüchsen) das kleinste Kölschfässchen. Und „flüssiges Gold“ ist durchaus ernst zu nehmen: Je nach Lokalität verlangt der Wirt bis zu 120 Euro für ein Pittermännchen.
Einzug der Plaggenträger in den Kölner Dom, Ausschnitt aus einem Video des Colombina Colonia e. V.
Frisch proklamiert: Das Kölner Dreigestirn 2021 mit Pritsch (Prinz), Schlüssel (Bauer) und Speigel (Jungfrau)
Prinzenproklamation
Die Prinzenproklamation (PriPro) ist das mit Abstand wichtigste gesellschaftliche Ereignis in Köln. Jeweils Anfang Januar proklamiert (ernennt) die Oberbügermeisterin bzw. der Oberbürgermeister feierlich im Gürzenich das Dreigestirn und überreicht die Insignien: Die Pritsche für den Prinzen, die Stadtschlüssel für den Bauern und den Spiegel für die Jungfrau.
Doch dieser feierliche Akt ist nur der Rahmen für ein Treffen der kölschen Würdenträger, Entscheider und Führungskräfte. Denn: Für die PriPro kann man keine Eintrittskarten kaufen, das Festkomitee lädt ein. Welchen “Rang“ man in diesem erlauchten Kreis einnimmt, macht die Sitzordnung deutlich. An der Frage, wie weit weg der Platz von der Bühne liegt, ist schon manches (karnevalistisches) Ego zerbrochen. Was aber spätestens nach der Hälfte der Veranstaltung auch keine Rolle mehr spielt, den dann sind die Plätze im Saal ohnehin leer und die Theken im Foyer voll.
Um es mit den Worten von Volker Weininger („Der Sitzungspräsident“) zu sagen: „Auf der PriPro werden mehr Geschäfte gemacht als in vier Wochen Hannover Messe. Und wer hier ohne Baugenehmigung rausgeht, ist es selbst schuld.“
Der Kölner Karnevalsprinz Ludwig (1898) mit Pritsch, Bild: Festkomitee Kölner Karneval
Pritsch
Auf der Proklamation erhält der Prinz als Zeichen seiner Macht die „Pritsch“. Diese Pritsch (man könnte auch „Klatsche“ sagen) kann auch zur Züchtigung eingesetzt werden. Damit soll der Prinz das ausgelassene Treiben der Jecken in die richtigen Bahnen lenken.
Ein begnadeter Quetschebüggelspieler und Entertainer: „Et Klimpermännchen“ Thomas Cüpper, Bild: Thomas Cüpper, 2014
Quetschebüggel
„Quetschebüggel“ ist das kölsche Wort für Akkordeon. Ein ideales Instrument für den Karneval: Es ist laut und funktioniert ohne Stecker. So nutzen umherziehende Gruppen im Karneval gerne einen Quetschebüggel und eine Decke Trumm – fertig ist das Orchester.
Eine Rakete ist die höchste Auszeichnung für einen Auftritt bei einer Karnevalssitzung.
Rakete
Der Zenit für den Karnevalisten. Während normale und gute Darbietungen auf den Sitzungen mit wohlwollendem Applaus und Alaaf-Rufen gefeiert werden, erhalten herausragende Künstler als Ehrerbietung eine Rakete.
Diese wird in drei Stufen gezündet:
Kommando 1: Lautes Klatschen.
Kommando 2: Zusätzlich mit den Füßen trampeln.
Kommando 3: Lautes Pfeifen.
Ein Bläserensemble der Spitzenklasse: Die Kölner Ratsbläser, Bild: Uli Kievernagel
Schon im Jahr 1954 gegründet, gehören die Ratsbläser zu den besten Bläserensembles Kölns. Wenn diese Truppe in ihren traditionellen Kostümen mit Blechhelmen loslegt, nimmt der satte Klang alle mit. Die etwa 25 Musiker bringen jeden Saal zum Kochen. Und auch bei offiziellen Anlässen wie bei der Prinzenproklamation oder der Eröffnung des Rosenmontagszuges spielen die Ratsbläser die Eröffnungsfanfare.
Alle Teile der Serie „Kölsche Karnevalsbegriffe von A-Z“:
Der Kölner Karneval ist bunt und vielfältig. Und sehr speziell. Diese Übersicht der wichtigsten Karnevalsbegriffe soll Einheimischen und Imis helfen, sich im Fastelovend zurechtzufinden. Deswegen kommt hier der erste Teil der Reihe „Kölsche Karnevalsbegriffe“.
Alle Teile der Serie „Kölsche Karnevalsbegriffe von A-Z“:
Das Logo des Geisterzugs, Bild: Ähzebär un Ko e.V.
Ähzebär
Der Ähzebär ist eine uralte Verkleidung und symbolisiert den Winter. „Ähze“ sind Erbsen. Es handelt sich bei dem Ähzebär im Wortsinn um den „Erbsenbär“. Dabei wird der Kostümträger komplett in Erbsenstroh eingewickelt. Seit 1991 ist der Ähzebär das Maskottchen des Geisterzugs.
Ajuja
Wenn der Kölner im Karneval seine Freude laut herausrufen will, dann ruft er „Ajuja“. So heißt es auch in dem gleichnamigen Karnevalslied: „Ajuja, ajuja, jetz jeht et widder ajuja, jetz jeht et Loss.“
Laut Aussage des Kölner Erzbistums handelt es sich bei „Ajuja“ um eine Verballhornung des Lobgesangs „Halleluja“.
Der ultimative Schlachtruf aller Jecken. Den Ruf „Alaaf“ gab es bereits seit Mitte des 16. Jahrhunderts. Und damit knapp 300 Jahre vor dem institutionalisierten Karneval.
Das Aschenkreuz wird auf die Strin gezeichnet, Bild: Oxh973, Public domain, via Wikimedia Commons
Äschekrütz
Gläubige Christen lassen sich an Aschermittwoch ein Kreuz aus Asche auf die Stirn zeichnen. Der Geistliche spricht dabei die Worte „Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst.“ Das Kreuz steht dabei für Buße, Reinigung und Vergänglichkeit.
Eine schöne Variante hat der Kölner Geistliche Thomas Frings in der Corona-Zeit erfunden: Er verteilte Kreuze aus Glitzer-Puder.
Aschermittwoch
Der Aschermittwoch ist der Beginn der Fastenzeit und das Ende des Karnevals. Und: „Am Aschermittwoch ist alles vorbei‘“ – das wusste bereits der Komponist und Musiker Jupp Schmitz. Weiter lautet es in seinem prominenten Lied:
„Die Schwüre von Treue, sie brechen entzwei. Von all deinen Küssen, darf ich nichts mehr wissen. Wie schön es auch sei, dann ist alles vorbei.“
Und tatsächlich hat schon manches Fisternöllchen an Aschermitwoch ein jähes Ende gefunden.
An der Kappe des Bellejeck finde sich kleine Glöckchen
Bellejeck
Die Figur des Bellejeck war fast vergessen, bis die Große Allgemeine Karnevalsgesellschaft von 1900 Köln e.V. in der Session 2008/09 diese Tradition wiederbelebt hat. Der Bellejeck ist der Hofnarr und trägt, ähnlich wie Till Eulenspiegel, ein Kostüm mit kleinen Glöckchen und einer Narrenkappe.
Heute zieht der Bellejeck sehr früh an Weiberfastnacht durch die Stadt und weckt, unterstützt durch laute Spielmannszüge, die Jecken. Sein Ziel ist die Hofburg des Dreigestirns. Dort werden Prinz, Bauer und Jungfrau durch laute Rufe „Opston! Opston“ („Aufstehen! Aufstehen!“) geweckt. Nach dem erfolgreichen Wecken wünscht der Bellejeck dem Dreigestirn einen erfolgreichen Tag und zieht weiter durch die Stadt.
Die Bläck Fööss in ihrer Besetzung seit 2023: von links: Andreas Wegener, Ralf Gusovius, Pit Hupperten, Mirko Bäumer, Christoph Granderath, Hanz Thodam, Bild: studio157 | Thomas Ahrendt
Klar – zum Karneval gehören viele kölsche Bands. Allerdings werden die Fööss als „Mutter der aller kölschen Bands“ bezeichnet und nehmen eine Sonderstellung ein. Keine Karnevalsparty kommt ohne das „Bickendorfer Büdchen“, das Lied vom „Veedel“ oder „Mer losse d´r Dom in Kölle“ aus.
Bevor die Bläck Fööss im Karneval die Bühnen mit kölscher Musik eroberten, waren sie unter dem Namen Stowaways bekannt. Da, so Fööss-Urgestein Erry Stoklosa, die Band ihren guten Ruf in der Beat-Szene nicht auf Spiel setzen wollte, wurde für die Auftritte im Karneval ein eingängiger Name gesucht, der in beiden Sprachen (Kölsch und Englisch) „funktionieren“ sollte – die Geburtsstunde der „Bläck Fööss“, was auch Kölsch „nackte Füße“ bedeutet. Fünf Jahre lang existierten Stowaways und Bläck Fööss parallel, bevor sich die Fööss/Stowaways ausschließlich der kölschen Musik widmeten.
Auch das Ex-Dreigestirn der KG Brav Jonge trägt die blauen Zylinder. Bild: Jürgen Link
Blaue Zylinder
Die jeweiligen Ex-Tolitäten tragen im Jahr nach ihrer Demissionierung blaue Zylinder. Kurios: Selbst das Festkomitee Kölner Karneval kann die Frage, woher dieser Brauch kommt, nicht beantworten. Ein mögliche Erklärung wäre, dass sich das Ex-Dreigestirn durch die blaue Zylinder von den früher allgegenwärtigen schwarzen Zylinder optisch abgesetzt hat.
Ein Buch über einen der wichtigsten Büttenreder im Kölner Karneval: Karl Küpper, Autor: Fritz Bilz
Bütt
Die Bütt ist der Arbeitsort der Büttenredner. Mit „Bütt“ bezeichnet der Kölner einen Bottich zum Wäschewaschen. Ein solcher stand früher bei Karnevalssitzungen auf der Bühne, Die Redner stellten sich in die Bütt und wurden so zum „Büttenredner“.
Eine der wichtigsten Kölner Büttenredner war Karl Küpper, der sich bei seinen Reden immer auf den Rand der Bütt setzte.
So kann ein klassisches Bützje aussehen, Bild: Adina Voicu auf Pixabay
Bützjer
Ein „Bützje“ ist ein Küsschen, „Bützjer“ sind ganz viele Küsschen. Und genau so ist es auch gemeint: Küsschen. Um Mißverständnissen vorzubeugen: Ein Bützje ist nur äußerst selten eine Einladung zur hemmungslosen Knutscherei.
Danze
„Danze“ meint „Tanzen“ und ist natürlich Grundbestandteil des Karnevals. Ob man dabei tatsächlich tanzt oder, mangels Platz in der völlig überfüllten Kneipe, nur verhalten schunkelt, ist egal. Hauptsache etwas Bewegung, dann schmeckt das nächste Kölsch schon wieder viel besser.
Die große Trommel gibt Karneval den Takt vor. Zusammen mit dem Trömmelchen ist die Decke Trumm der Inbegriff des Karnevals. Und kann auch von weniger talentierten Musikern bedient werden. Hauptsache laut und im Idealfall auch im Takt!
Das Divertissementchen ist ein kölsches Musical, welches jedes Jahr von der „Cäcilia Wolkenburg“, der Bühnenspielgemeinschaft des Kölner Männer-Gesang-Vereins, aufgeführt wird. Während der Karnevalszeit finden etwa 30 Vorstellungen statt – immer auf Kölsch, immer mit den berühmten männlichen Balletttänzerinnen und immer mit viel Spaß. Die Kölner nennen das Divertissementchen „Zillche“.
Ein typisches Dreigestirn mit Prinz, Bauer und Jungfrau. Bild: Norbert Bröcheler
Ein Thema, welches ganze Bibliotheken füllen könnte. Das Dreigestirn, auch Trifolium, genannt, übernimmt, in der Session die Herrschaft über die Stadt.
Der 11.11. – endlich geht der Karneval wieder los. Bild: Jörg Sabel / pixelio.de
Vieles dreht sich im Karneval um die Zahl 11: Los geht es am 11.11. und 11.11 Uhr. In jeder Sitzung findet sich ein Elferrat.
Es ist die Zahl 11, die sich jeder Regel widersetzt: Während sich die 12 hervorragend teilen lässt, ist die 11 als Primzahl nicht teilbar. Man kann sie nicht mehr mit den Fingern beider Hände abzählen. Und sie überschreitet die Ordnung, die durch die 10 Gebote gegeben wurde. Deshalb hat das kölsche Grundgesetz ja auch 11 Gebote.
Elferrat der Stunksitzung mit Präsidentin Biggi Wanninger, Bild: Renate Lehmann
Elferrat
Einer Karnevalssitzung steht immer der Elferrat vor: Sitzungspräsident plus zehn weitere Personen. Fertig ist der Elferrat. Doch während der Präsident meistens eloquent durch die Sitzung führt, hat man bei den Menschen im Elferrat oft das Gefühl, dass diese eine Strafe absitzen müssen, so gelangweilt und gequält schaut manches Mitglied des Elferrats in den Saal.
Ganz anders bei der Stunksitzung: Dort stellt jeden Abend eine andere, bunte und immer gut gelaunte Truppe den Elferrat.
Fastelovend
Unser geliebter Karneval kennt viele Bezeichnungen: Fastnacht, Fassenacht, Fasnacht, Fasnet, Fasching, Fasteleer, Fastabend, fünfte Jahreszeit oder eben Fastelovend. Erstmalig taucht dieser Begriff in einem Kölner Ratsbeschluss im März 1341 auf. Dort verpflichten sich die Ratsherren, die Stadtkasse nicht mehr zu Zwecken des „vastavende“ zu plündern.
Das Festkomitee Kölner Karneval von 1823
Festkomitee
Das „Festkomitee Kölner Karneval von 1823“ ist der Dachverband der Kölner Karnevalsgesellschaften. Die wichtigsten Aufgaben des Festkomitees sind die Organisation des Rosenmontagszugs und die Auswahl des Dreigestirns.
Entstanden ist das Festkomitee aus der den Preußen geschuldeten Neuordnung des Karnevals: Ganz in preußischer Manier wollte man das wilde und ausufernde Treiben des Karnevals Anfang des 19. Jahrhunderts in geordnete Bahnen lenken und gründete das „Festordnende Komitee“.
Gerade der enthemmte Karneval führt immer wieder zu jeder Menge oft heimlicher Liebschaften, in Köln als Fisternöll oder Fisternöllche bezeichnet. Damit sind heimliche Liebeleien gemeint. Speziell an Karneval wird daraus auch gerne das „Fastelovendsfisternöll“.
Der Föttchesföhler hat im Karneval nichts verloren! Es handelt sich hier um einen Grabscher, der gerne Frauen anpackt. Mit dem „Föttche“ ist der (weibliche) Po gemeint.
Fünfte Jahreszeit
Anders als der Rest der Welt kennt der Kölner fünf Jahreszeiten: Neben den bekannten Frühling, Sommer, Herbst und Winter gibt es noch die fünfte (und schönste!) Jahreszeit: Den Karneval.
Kölsche Funke rut-wieß vun 1823 e.V.
Funken
Entstanden aus einer Persiflage auf die ungeliebten preußischen Militärs handelt es sich bei den Funken um ganz besondere Karnevalisten in der Tradition der ehemaligen Stadtsoldaten.
Früher waren diese etwas verlottert und mussten ihr karges Salär durch das Stricken von Strümpfen aufbessern. Heute sind die Funken stets piekfein, was bei den vereinsinternen zahlreichen Uniform- und Mützenapellen penibel kontrolliert wird.
Bei den ganz traditionellen Funken wie zum Beispiel bei den Kölsche Funke rut-wieß von 1823 e.V. besser bekannt als die „Roten Funken“ handelt es sich satzungsgemäß um reine Männervereine. Allerdings sieht diese Satzung auch vor, dass der jeweilige Oberbürgermeister Ehrenmitglied ist. Uns so wurde im Januar 2016 Oberbürgermeisterin Henriette Reker die erste „Funkin“.
Wichtigste Merkmale der Funken sind die Knabüß (das hölzerne Gewehr mit einer Blume im Lauf) und das „Stippeföttche“: Ein Tanz, bei dem die Funken, Rücken an Rücken stehend, leicht in die Knie gehen, dabei das Hinterteil hervorstrecken und eben diese Hinterteile aneinander reiben. Klingt komisch, sieht komisch aus ist aber Tradition. Und somit gut.
Funkenbiwak
Ein Biwak ist ein (militärisches) Lager im Freien. Folglich ist ein Funkenbiwak eine Veranstaltung der Funken unter freiem Himmel mit Musik, Tanz und reichlich Getränken. Traditionell gibt es Erbsensuppe, während auf der Bühne Bands und Spielmannszüge anderer Vereine aufspielen.
Das Funkemariechen wird auf „Händen getragen“, Bild: Raimond Spekking
Funkenmariechen
Um gleich Missverständnissen vorzubeugen: Bei ganz traditionellen Funkenkorps ist das Funkemariechen zwar die Tänzerin der Funken aber sie ist KEIN Mitglied der Funken. Sie tanzt mit dem Tanzoffizier auf den Bühnen der Stadt. Und das ist, durch viele Hebefiguren, echter Hochleistungssport.
Entstanden ist die Figur des Funkemariechens aus den Marketenderinnen, die früher militärische Truppen mit Waren versorgt haben, i.d.R. Tabak und Schnaps. Daher tragen viele Mariechen bis heute ein kleines Fässchen am Gürtel. Allerdings ist dieses Fässchen eher symbolisch und dient heutzutage nur noch als Aufbewahrtungsort für den Lippenstift oder etwas Bargeld.
Bis 1938 waren die Funkemariechen ausschließlich Männer. Erst die Nationalsozialisten setzten durch, dass diese Rolle durch Frauen besetzt wurde, genau wie es in den Jahren 1938 und 1939 auch weibliche Jungfrauen im Kölner Dreigestirn gab. Doch während man nach dem Krieg wieder auf die männlichen Jungfrauen im Dreigestirn setzte, blieb man bei den Tanzmariechen dabei, diese Rolle durch Frauen zu besetzen. Was zeigt, das nicht jede Tradition in Stein gemeißelt ist.
Alle Teile der Serie „Kölsche Karnevalsbegriffe von A-Z“:
Der Kölner Karneval ist bunt und vielfältig. Und sehr speziell. Diese Übersicht der wichtigsten Karnevalsbegriffe soll Einheimischen und Imis helfen, sich im Fastelovend zurechtzufinden.
Alle Teile der Serie „Kölsche Karnevalsbegriffe von A-Z“:
Ein Festwagen der Blauen Funken beim Rosenmontagszug, hier auf der Severinsstraße, Bild: Festkomitee Kölner Karneval
Rusemondachszoch
Jedes Jahr an Rosenmontag heißt es in Köln „Jeck loss Jeck elans“. Der größte Zoch in Deutschland ist imposant: Etwa 1 Million Zuschauer feuern frenetisch die etwa 12.000 Teilnehmer an. Knapp 80 Kapellen machen Musik, etwa 250 Wagen und Kutschen fahren durch die Stadt. Insgesamt werden etwa 300 Tonnen Kamelle und ca. 300.000 Strüßjer unters Volk gebracht.
Wer es etwas gemütlicher mag, kann sich auch die vielen Veedelszüge oder die liebevoll gestalteten Züge in den umliegenden Gemeinden anschauen.
„Schnaps, das war sein letztes Wort“. Dringende Empfehlung: Finger weg vom Schabau!, Bild: von Peggy und Marco Lachmann-Anke auf Pixabay
Schabau
Davon solle man an Karneval möglichst Finger lassen. Schabau ist Schnaps. Und schon so mancher Karnevalist hat wegen zu großer Mengen Schabau bereits an Weiberfastnacht mittags die Segel streichen müssen.
Schunkeln: Einhaken, im Takt hin und her bewegen, Bild: Festkomitee Kölner Karneval
Schunkeln
„Schunkeln ist scheiße,
dein Nachbar stinkt nach Schweiß.
Du sitzt ganz nah,
und weisst nicht mal, wie er heißt.“
singt Biggi Wanninger, die Präsidentin der Stunksitzung. Da ist was dran. Auf der anderen Seite ist Schunkeln selbst für die unrhythmischsten Zeitgenossen die ideale Bewegung, weil man rechts und links eingehängt in den Rhythmus gezwungen wird. Ob man will oder nicht.
Und am Ende ist es dann doch immer schön, gemeinsam zu schunkeln.
Das Motto der Sesiion 2022/23 lautet: Ov krüzz oder quer
Session
Die wichtigste Zeit in Kölle, vgl. auch „5. Jahreszeit“. Mit Session wird gesamte Karnevalszeit bezeichnet, diese beginnt offiziell am 11.11. und endet an Aschermittwoch. Allerdings wird in der Praxis nur rund um den 11.11. und ab Anfang Januar gefeiert – wir sind in Köln immer noch rheinisch-katholisch und feiern auch Weihnachten.
Für jeden etwas dabei: Karnevalssitzungen in Kölle
Die kölschen Sitzungen sind das Herzstück des Karnevals – egal, ob sie als Prunk- oder Stunksitzung daherkommen.
Früher, bis etwa Mitte der 1980er Jahre, war es ganz einfach, wenn man zu einer Karnevalssitzung wollte: Frack oder Abendkleid anziehen und ab zur Prunksitzung im Gürzenich oder im Kostüm zu einer der zahlreichen Pfarrsitzungen im Gemeindesaal im Veedel.
Heute ist (gottseidank!) das Angebot an Karnevalssitzungen viel breiter gefächert. Und es gibt für nahezu jeden Geschmack das passende Format. Erstaunlich: Egal wie alternativ die Sitzungen auch sind, das Grundgerüst einer „klassischen“ Sitzung mit Präsident oder Präsidentin, einer Abfolge von Nummern wie in einer Revue, bleibt bestehen. Lediglich ein oft sehr steifer Elferrat und die endlose Begrüßung der Ehrengäste gehören zum Glück heute fast immer der Vergangenheit an.
Drunter immer „Spetzebötzje“! Bild: Festkomitee Kölner Karneval
Spetzebötzje
Das Spetzebötzje ist eine mit Spitzen besetzte Unterhose und ein wichtiges Kleidungsstück der Funkemariechen. Aber Vorsicht: Nicht alle, die Spetzebötzje tragen, sind weiblich. So lautet es in dem Lied „Su läuft dat he“:
„Un Spetzebötzje drät bei uns sujar dä Kölsche Jung.“
Handgemachte Musik von einem Spillmanszoch, Bild: Festkomitee Kölner Karneval
Spillmannszoch
Ohne Musik kein Karneval. Und am schönsten ist die „handgemachte“ Musik der Spielmanszüge. So ist kein Aufmarsch der Traditionskorps ohne Spillmanszoch denkbar. Und an Rosenmontag laufen etwa 70 Spielmanszüge im Zoch mit.
Sternmarsch
Der Sternmarsch ist eine eher neue Erfindung – aber bereits Tradition in Kölle. Schon seit 1998 ziehen viele Karnevalsvereine an Karnevalsfreitag sternförmig aus ihren Veedeln zum Alter Markt und feiern dort gemeinsam.
Rote Funken beim „wibbeln“, Bild: Uli Kievernagel
Stippeföttche / wibbele
Wenn man Männer sieht, die ihre Hintern aneinander reiben, weiß man, dass man in Köln angekommen ist. Der traditionelle Tanz der Funken nennt sich „Stippeföttche“, weil das „Föttchen“ (der Hintern) dabei hervorstippt (hervorsteht). Die Tätigkeit des Aneinanderreibens selber bezeichnet man als „wibbeln“.
Der Ursprung dieses seltsam anmutenden Spektakels liegt in der Verhöhnung des ungeliebten preußischen Militärs. Besonders schön ist es, wenn dabei dann das Lied „Ritsch, ratsch – de Botz kapott“ gespielt wird.
Traditionell bekommen die Polizisten, die am Zugweg stehen, reichlich Strüßjer, Bild: Festkomitee Kölner Karneval
Strüßjer
Genau wie die Kamelle ein Grundbestandteil des Wurfmaterials in den Karnevalszügen. Wobei das Strüßje (eigentlich ein kleiner Blumenstrauß, in der Praxis aber eher ein einziges Blümchen mit etwas grünen Blättern drumherum) im Gegensatz zu den Kamelle sehr zielgenau dem Empfänger zugeworfen oder gegeben wird. Und dann bedankt man sich mit einem Bützje dafür.
Ein stolzes Dreigestirn mit Prinzenführer, Bild: Norbert Bröcheler
Tolitäten
Prinz, Bauer und Jungfrau aus dem Dreigestirn werden auch „Tolitäten“ genannt.
Eines der neun Kölner Traditionskorps: Die Nippeser Bürgerwehr
Traditionskorps
Erst wenn man Mitglied in einem Kölner Traditionskorps ist, steht man in der Domstadt (vermeintlich) an der Spitze der Gesellschaftspyramide. Zu den aktuell neun Traditionskorps gehören:
Der Titel „Traditionskorps“ kann nur durch den Präsidenten des Festkomitees vergeben werden.
Das Trifolium: Prinz Bauer und Jungfrau mit dem Prinzenführer, Bild: Norbert Bröcheler
Trifolium
Trifolium stammt aus dem lateinischen (tres „drei“ und folium „Blatt“) und ist ein anderer Begriff für das Dreigestirn.
Auch die Roten Funken sind jeck, wenn et Trömmelche jeiht., Bild: Uli Kievernagel
Trömmelchen
Ohne das Trömmelchen (kleine Trommel) geht im Karneval nichts. Das Tömmelchen gibt die Richtung vor. Denn
„Wenn et Trömmelche jeht,
dann stonn mer all parat.
Un mer trecke durch die Stadt,
un jeder hätt jesaat: Kölle Alaaf!“
Der Tusch hat schon so manchen Büttenredner gerettet!
Tusch
Die Rettung für jeden Büttenredner. Beim Tusch lachen selbst die Besucher einer Sitzung, die keinen Witz verstanden haben. Und umgekehrt rettet der Tusch auch den größten Witz-Rohrkrepierer. Beim tä tä tä wird gelacht. Basta.
Die richtig guten Saalkapellen, wie zum Beispiel das Orchester Helmut Blödgen oder das Orchester Markus Quodt, sind auch in der Lage, blitzschnell ein paar Takte eines zum Witz passenden Karnevalslieds zu spielen und verschaffen so dem Büttenredner eine kleine Verschnaufpause.
Unverzichtbar: Wagenengel beim Rosenmontagszug, Bild: Slick, CC0, via Wikimedia Commons
Wagenengel
Wenn die Züge durch die Orte laufen, ist es immer eng. Zur Sicherheit für alle laufen daher die „Wagenengel“ mit. Mindestens zwei Engel je Seite, in der Regel aber zwei je Achse des Karnevalswagens inkl. Zugmaschine, sorgen dafür, dass niemand zu Schaden kommt und keine Kinder bei der Jagd auf Kamelle unter die Wagen kommen.
Ein (gottseidank) aussterbendes Relikt: Der Weinzwang auf Karnevalssitzungen, Bild: Martin.k via Wikimedia Commons
Weinzwang
Wer gerne überteuerten und nicht besonders guten Wein oder gar eine „Kalte Ente“ (eine Mischung aus Sekt, Weißwein und einer ausgepressten Zitrone) mag, ist auf den klassischen Sitzungen im Sartory, Gürzenich oder Maritim gut aufgehoben. Denn in diesen Sälen herrscht der sogenannte „Weinzwang“ – es gibt schlichtweg kein Kölsch. Angeblich, weil es durch die fortlaufende Nachversorgung mit Kölsch zu viel Unruhe im Saal geben würde. Tatsächlich aber eher aus wirtschaftlichem Kalkül, weil so ein einziger Kellner mehr Tische bedienen kann.
Die Folge: Die durstigen Trinker halten sich auch während der Sitzung lieber im Foyer auf, weil dort Kölsch ausgeschenkt wird. Gottseidank ist der Weinzwang aber ein aussterbender Dinosaurier – immer öfter werden Pittermännchen ausgegeben.
In Bonn-Beuel wurde Weiberfastnacht „erfunden“, Bild: Förderverein Beueler Weiberfastnacht e.V.
Wieverfastelovend
Wieverfastelovend ist Weiberfastnacht und wird außerhalb Kölns auch als Aalwiewer, Fettdonnerstag, Schwerdonnerstag, Weiberfasnet, Weiberfasching, oder „Schmotziger Dunschtig“ bezeichnet. Egal wie man diesen Tag auch nennt, es handelt sich immer um den Donnerstag vor Rosenmontag. An diesem Tag beginnt der Straßenkarneval und es laufen bereits die ersten Karnevalszüge wie zum Beispiel der Jan von Werth-Zoch in Köln.
So schwer es den Kölner auch fällt – „erfunden“ wurde dieser Tag einige Kilometer rheinaufwärts in Bonn-Beuel. Im Jahr 1824 übernahmen die Beueler Waschfrauen an diesem Tag in einer Revolte das Regiment. Statt zu arbeiten legten die Waschfrauen für einen Tag die Arbeit nieder und feierten Karneval. Und seit 1958 gibt es dann auch eine Repräsentantin: Die „Wäscherprinzessin“.
Der weibliche Einfluss tut dem Karneval gut. So ist der „offizielle Karneval“ auch heute noch ein stark männlich dominiertes Fest. Ich schließe mich den hier den Beueler Waschfrauen an:
Frauen, wie wär’s mit etwas mehr Weiberfastnacht-Power im Alltag? Die Männer könnten es gut gebrauchen.
In Zeiten, in denen so viel über das Rollenbild der Frauen diskutiert wird, ist die Weiberfastnacht doch so etwas wie die Entdeckung der Frauenpower. An Weiberfastnacht übernehmen die Frauen das Ruder, die Macht und geben sie erst dann wieder ab, wenn ihnen danach ist. Weiberfastnacht ist gelebte Emanzipation. Und die Männer wissen ihr nichts entgegenzusetzen – weil sie nicht wollen, weil ihnen die Hände gebunden sind, weil sie dem Charme der Wiever nichts entgegenzusetzen haben.1Quelle: Website der Beueler Waschfrauen https://waescherprinzessin.com/
Alle Teile der Serie „Kölsche Karnevalsbegriffe von A-Z“:
Der Kölner Karneval ist bunt und vielfältig. Und sehr speziell. Diese Übersicht der wichtigsten Karnevalsbegriffe soll Einheimischen und Imis helfen, sich im Fastelovend zurechtzufinden.
Alle Teile der Serie „Kölsche Karnevalsbegriffe von A-Z“:
Schaurig, schön, anarchisch: Der Kölner Geisterzug, Bild: Kölner Ähzebär un Ko e.V.
Geisterzug
Die genauen Anfänge des Karnevals lassen sich nicht exakt bestimmen. Eine Herleitung des Karnevals basiert darauf, dass im Frühjahr die Geister, welche im Haus überwinterten, aus dem Haus vertrieben wurden. Anschließend sollten sie dafür sorgen, dass pünktlich zur Aussaat die Erde wieder fruchtbar wird. Daher wurde in der Nacht ein „Geisterzug“ zur Austreibung der Geister veranstaltet. Somit haben die Geisterzüge nicht nur in Köln eine lange Tradition.
Aufgrund des großen Erfolgs des spontanen 1991er-Rosenmontagszochs wurde der Kölner Geisterzug im folgenden Jahr wiederbelebt. Getragen vom Verein „Ähzebär un Ko e.V.“ geht dieser Zug seit 1992 jeweils Karnevalssamstag durch die Stadt. Anders als bei den traditionellen Zügen kann hier jeder Jeck ohne Anmeldung einfach ein Stück oder auch den ganzen Zug mitlaufen. Der Zugweg wird jedes Jahr passend zum Motto neu festgelegt.
Der Gürzenich ist Kölns wichtigster Saal zum Feiern. In „Kölns guter Stube“ wird bereits seit 1822 Karneval gefeiert. Und hier findet auch das „Hochamt des Karnevals“ statt: Die Prinzenproklamation.
Hofburg
What happens in Hofburg stays in Hofburg!
Die Hofburg ist der Wohnsitz des Dreigestirns während der Karnevalszeit. Jeweils Anfang Januar beziehen Prinz, Bauer und Jungfrau mit ihrer Entourage das Hotel, in welchem sie während der Karnevalszeit wohnen. Aktuell ist dies das Dorint am Heumarkt. Vorher war dies 47 Jahre lang das Pullmann Hotel.
Das Dreigestirn mit seinem Gefolge bewohnt zehn Zimmer auf der siebten Etage. Und diese Etage ist tatsächlich die einzige echte Rückzugsmöglichkeit des Dreigestirns. Der Zutritt für alle – außer dem absoluten engsten Kreis- ist streng verboten.
Die Hausband der Immisitzung rockt das Bürgerhaus Stollwerck, Bild: Jassin Eghbal
Immisitzung
Unter dem Motto „Jeder Jeck ist von woanders“ feiern seit 2010 Kölner und Zugezogene aus der ganzen Welt Karneval in einer ganz besonderen Sitzung.
Dabei spielt die Immistzung mit dem Begriff „Imi“: Als „Imi“ werden in Köln alle Zugezogenen oder „unechten“ Kölner bezeichnet. Der Imi versucht also, den Kölner zu imitieren. Zuerst aufgetaucht ist dieser Begriff in dem Lied Sag´ens Blotwoosch von Gerd Jussenhoven:
„Sag ens Blotwoosch, ich garranteeren der, wer nit richtig Blotwoosch sage kann, dat es ´ne Imi, ´ne Imi, ´ne Imi, ´ne imitierte Kölsche ganz gewess. ´ne Imi, ´ne Imi, ´ne imitierte Kölsche ganz gewess.“
Bei der „Immisitzung“ steht das zweite „m“ für „Immigranten“. Dabei ist völlig unerheblich, ob diese aus Bayern, Botswana, Ostfriesland oder Osttimor kommen. Das Ensemble der Immisitzung ist genauso gemischt wie das Publikum im Saal.
Dat Spillche vun Jan und Griet vom Reiter-Korps Jan von Werth, zu sehen jedes Jahr an Wieverfastelovend an d´r Vringsporz, Bild: Uli Kievernagel
Eine ursprünglich urkölsche Geschichte von verschmähter Liebe. Das Reiterkorps Jan von Werth – eine der renommiertesten Karnevalsgesellschaften in Köln – stellt jedes Jahr an Weiberfastnacht vor der Severinstorburg auf dem Chlodwigplatz die Geschichte von Jan & Griet nach. Diese Aufführung gipfelt in den in Köln weltbekannten Aussprüchen „Jan, wer et hät jewoss.“ und „Griet, wer et hät jedonn.“
Unzählige Jecke am Rosenmontagszug , Bild: ngocchat1014, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons
Jecke
Der Jeck ist der Narr. Manche Menschen erleben an Karneval eine echte Mutation: Das ganze Jahr über übel gelaunt und sauertöpfisch, aber sobald sie die Mütze ihres Karnevalsvereins stolz auf dem Kopf tragen, werden sie urplötzlich zum Jeck.
Und dann gibt es noch die Frohnaturen, die nicht nur zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch Spaß an d´r Freud haben. Das sind dann die echten Jecken.
Wer laut ruft wird belohnt: Es regnet Kamelle vom Himmel, Bild: Superbass, via Wikimedia Commons
Kamelle
Kamelle ist der Sammelbegriff für alle Arten von Süßigkeiten, die in den verschiedenen Karnevalszügen unters Volk gebracht werden. Merke: Je lauter du am Zugweg rufst, umso besser wird deine Ausbeute sein.
Eher als Stütze denn zum Schießen geeignet: Der Funk ganz rechts stützt sich auf seiner Knabüss ab, Bild: Raimond Spekking
Knabüß
Sie kommen – trotz militärisch aussehender Uniformen – in friedlicher Absicht: Die Roten Funken. Um dies zu unterstreichen, tragen die Funken zwar ein als „Knabüß“ bezeichnetes Gewehr, doch dieses ist selbstverständlich nicht funktionstüchtig. Und im Lauf steckt immer ein rot/weißes Blümchen. „Make love, not war“ op kölsch.
Ein Köbes bei der Arbeit, Bild: Privatbrauerei Gaffel
Köbes
Vielleicht der wichtigste Mann – nicht nur im Karneval: Der Kellner, in Köln „Köbes“ genannt. Er bringt das Kölsch und – anders als in allen Gaststätten der Welt – ist der Köbes der König, nicht der Gast.
10 Liter flüssiges Gold: Ein Kölsch-Fass, Bild: Früh Kölsch
Bestellt doch einfach mal ein obergäriges, helles, gefiltertes, hopfenbetontes, in einer Kölner Stange serviertes und in Köln gebrautes Bier.
Da diese Bestellung spätestens nach dem zehnten Getränk schwerfällt, könnt ihr auch einfach ein Kölsch bestellen. Ist dasselbe.
Stolz präsentiert dieser Jeck sein „Reiterstaffel-Kostüm“, Bild: Uli Kievernagel
Kostüm
Ohne Kostüm geht im Karneval nichts. Es sei denn, man ist zu Besuch auf einer Gala-Sitzung mit dem dezenten Hinweis „Um Abendgarderobe wird gebeten.“ Dann hilft nur: Hinein ins kleine Schwarze oder in den Anzug. Oder nicht hingehen.
Auf allen anderen Veranstaltungen ist erlaubt, was gefällt. Ob als zwei Meter große Biene Maja, Lappenclown – egal. Nur bitte nicht in den unsäglichen Polizei-SWAT-Militär-Kostümen. Dat es Driss!
Ein Kranz Kölsch – sehr praktisch, weil kein Glas herunterfallen kann, Bild: Privatbrauerei Gaffel
Kranz
Wenn ihr mit mehreren Menschen unterwegs seid, bestellt man nie nur ein Kölsch für sich, sondern einen ganzen Kranz. Damit ist das spezielle Kölsch-Tablett gemeint, in welches die Kölsch Stangen exakt und sturzsicher reinpassen.
Profis bestellen übrigens den „Doppelten Kranz“. Dann wird auch der obere Teil des Kranzes mit Kölsch vollgepackt.
Ein begnadeter Krätzchensänger und sehr sympathischer, hilfsbereiter Mensch: Wicky Junggeburth, Bild: Oliver Abels (SBT), CC BY-SA 3.0
Krätzje I: Lied
Fast war das Krätzchen tot! Doch dann kamen begnadete Karnevalisten wie Wicky Junggeburth, Martin Schopps, J.P. Weber oder Philipp Oebel und haben dieser uralten Tradition neues Leben eingehaucht. Und der begnadete Günter Schwanenberg singt nicht nur hervorragend ausgewählte Krätzjer, sondern ordnet diese auch historisch ein und erklärt die Hintergründe.
Das Krätzje ist ähnlich wie der mittelalterliche Bänkelgesang ein minimal instrumentiertes und auf einer einfachen Melodie vorgetragenes Lied, welches immer eine Geschichte erzählt. Adam Wrede1Neuer Kölnischer Wortschatz definiert das Krätzje als „Erzählung eines Streiches, ein Schwank, eine Schnurre, ein heiteres Stücklein, lustiges Verzällche teils harmloser, teils derber Art.“
Ein Krätzchen, hier das Modell der „Blauen Funken“, Bild Raimond Speking
Krätzje II: Mütze
Ein Krätzje auf dem Kopp ist das Erkennungszeichen der Karnevalsvereine. In der Form eines Schiffchens und selbstverständlich in den Farben des Vereins trägt der Karnevalist seine (karnevalistische) Herkunft auf Kopf zur Schau. Bei den organisierten Karnevalisten gerne auch aufwändig bestickt ist das Krätzje die kleine Schwester der großen Karnevalsmütze mit Bommeln und Perlen.
Alle Teile der Serie „Kölsche Karnevalsbegriffe von A-Z“:
Der Kölner Karneval ist bunt und vielfältig. Und sehr speziell. Diese Übersicht der wichtigsten Karnevalsbegriffe soll Einheimischen und Imis helfen, sich im Fastelovend zurechtzufinden.
Alle Teile der Serie „Kölsche Karnevalsbegriffe von A-Z“:
Nur an Karneval wird die Lanxess-Arena zur „Kölnarena“
Lachende Kölnarena
Eine echte Besonderheit im Sitzungskarneval: Hier dürfen Speisen und Getränke selbst mitgebracht werden. Und so schleppen die Jecken hunderte Fässchen, Unmengen Käsewürfel und kiloweise Frikadellen nach Deutz. Deshalb nennt man diese Sitzung auch „Kölns größte Frikadellenbörse“.
Mit rund 10.000 Besuchern bei jeder der bis zu 15 Veranstaltungen pro Session ist die Lachende Kölnarena das Schwergewicht unter den Sitzungen. Und hier treten wirklich ALLE wichtigen Akteure auf. Besonders schön ist der Mini-Rosenmontagszug zu Beginn jeder Sitzung. Hier ziehen Gruppen und Korps aus dem Fastelovend einmal durch das Rund der Arena – mit dem Dreigestirn als Höhepunkt.
Das Karnevalskostüm schlechthin, natürlich immer selbst geschneidert. Kleines Problem: Die vielen Stofflagen sind perfekt für den Straßenkarneval an kalten Tagen. Sobald man damit aber eine Kneipe betritt, in der das Wasser schon an den Wänden herunterläuft, erleidet man in diesem Kostüm trotz intensiver Kölsch-Zufuhr in wenigen Minuten den Hitzetod.
Übrigens: Der echte Lappeclown weiß, dass das Richter-Fenster im Dom eine Hommage an ihn ist.
Ohne Literat gibt es keien Sitzung, er ist der „Programmacher“ wie zum Beispiel Bodo Schmitt, Literat der Pfarrsitzungen in St. Pius, Köln-Zollstock, Bild: Uli Kievernagel
Literat
Die heimliche Macht im Sitzungskarneval. Er wirkt unscheinbar im Hintergrund, zieht aber alle Fäden im organisierten Karneval: der Literat. Er stellt das Programm der Sitzungen zusammen und bucht die Redner, Bands und Tanzgruppen. Die Literaten treffen sich am Literatenstammtisch – von den Kölnern auch „Mafia des Kölner Karnevals“ genannt.
So klingt Karneval! Entstanden in der Session 1999/2000 aus einer Bierlaune heraus. Georg Hinz wollte seine Freunde fit für den Karneval machen, verteilte Liedzettel, spielte ihnen die neuesten Sessionshits vor und ließ dann abstimmen. Das war die Geburtsstunde von Loss mer singe!
Heute gehört das gemeinsame Singen in über 50 Kneipen und Sälen zum Pflichtprogramm für tausende Karnevalisten. An dem genialen Konzept „Mitsingen, Mitfeiern, Mitstimmen, Mitmachen“ hat sich nichts geändert. Und das ist auch gut so.
Kölns unumstittene Motto-Queen: Marie Luise Nikuta, Bild: Raimond Spekking
Motto
Jedes Jahr gibt das Festkomitee ein neues Karnevalsmotto für die kommende Session aus. Dabei gab es auch schon das ein oder andere verunglückte Motto wie „Rosen, Tulpen und Narzissen, das Leben könnte so schön sein“ (1970), „Nix bliev wie et es – aber wir werden das Kind schon schaukeln“ (1997) oder „E Fastelovendsfoßballspill“ (2006).
Unvergessen ist auch eines der Rituale des kölschen Fasteleers: Wenn das Festkomitee am Veilchendienstag das Sessionsmotto für die kommende Session bekannt gab, dauerte es kaum eine Stunde, bis die gut gelaunte Motto-Queen Marie-Luise Nikuta bereits per Telefon im Radio das entsprechende Sessionslied trällerte. So schnell wie die „Motto-Queen“ war sonst niemand.
Muuzemändelcher mit ordentlich Zucker, Bild: siepmanH / pixelio.de
Muuzemandeln
Muuzemandeln, auch Nonnenfürzchen genannt, gehören neben den Mettbrötchen zu den Grundnahrungsmitteln der Fastnacht. Man nehme Mehl, Zucker, Eier, Butter und gemahlene Mandeln. Alles zusammen vermischt und in kleinen Portionen frittiert, ergibt eine leckere Grundlage für einen tollen Karnevalstag. Ein klassisches Rezept gibt es auf der Website des WDR.
Stolz tragen die Jecken ihre ganz besonderen Narrenkappen, Bild: Uli Kievernagel
Narrenkappe
Eigentlich „nur“ die Kopfbedeckung des Jecken. Eigentlich. Tatsächlich ist die Narrenkappe so viel mehr, insbesondere ein Statussymbol und Erkennungsmerkmal.
Es war ausgerechnet ein Preuße, der Generalmajor Baron Czettritz, der am 14. Januar 1827 dem Festordnenden Comité1heute: Festkomitee vorschlug: „daß wir … als Unterscheidungszeichen der Eingeweihten ein kleines buntfarbenes Käppchen während unserer Versammlungen aufsetzen, um diejenigen, die hier unberufen eindringen, erkennen und nach Verdienst abweisen zu können.“
Die Karnevalisten nahmen seinen Vorschlag begeistert auf. Heute hat jede Karnevalsgesellschaft ihre Kappen in jeweils eigener, spezieller Farbkombination. Bei sogenannten „Mützenapellen“ wird peinlich genau darauf geachtet, dass diese auch getragen wird. Bei der Prinzenproklamation ist die korrekt sitzende Narrenkappe tatsächlich das wichtigste Bekleidungsstück.
Kleiner Wermutstropfen für die Kölschen Karnevalisten: Die älteste noch erhaltene Narrenkappe stammt aus dem Jahr 1840 und wurde nicht in Köln sondern in Speyer gefunden.
Übrigens: Die „kleine Schwester“ der Narrenkappe ist das Krätzje.
Ein typischer Nubbel am Eingang einer kölschen Kneipe, Bild: Superbass / CC-BY-SA-3.0 (via Wikimedia Commons)
Nubbel
Wer ist das schuld? Dä Nubbel! Eine sensationelle Erfindung: Eine Strohpuppe wird von außen an der Kneipe angebracht. Und an Karnevalsdienstag verbrannt. Mit der Strohpuppe gehen alle Sünden in Rauch auf und mann kann neu anfangen. Zugegeben: Das ist ganz praktisch! Wir feiern heftig Karneval, schlagen über die Stränge und schuld ist immer nur dä Nubbel.
Die ersten Nubbel wurden im Rheinland ab etwa Anfang des 19. Jahrhunderts verbrannt. Allerdings ist der Begriff „Nubbel“ recht neu und stammt aus den 1950er Jahren. Bis dahin war der Begriff „Zachaies“ geläufig. Gleiches Prinzip, nur anderer Begriff: Eine Figur muss für die Verfehlungen einstehen. Dabei steht der Nubbel jedes Jahr wieder neu auf, er entsteht also aus seiner eigenen Asche.
Einige Veedel haben Abwandlungen des Nubbels erfunden: Auf der Merowinger Straße in der Kölner Südstadt steht der Nubbel nicht für begangenen Sünden, sondern für das letzten Rest Rebellion in uns allen: Rebellion gegen Intoleranz, Rassismus und Hass. Folgerichtig wird die Asche des verbrannten Nubbels in kleine, durchlöcherte Säcke gefüllt und an mit Helium gefüllte Luftballons gebunden. Beim Aufstieg in den Himmel soll dann die Asche des Nubbels auf uns niederrieseln und den Geist der Rebellion anfachen. Deshalb hofft man auch auf Südwind. So kann sich die Asche vor allem über die Nobelviertel Marienburg und Hahnwald verteilen.
Einen ganz anderen Weg geht der Bürgerverein RADERBERG und -THAL im Kölner Süden: Bereits weit vor Karneval verteilt der Verein im ganzen Viertel „Sündenkarten“. Darauf können die Jecken ihre individuellen Sünden eintragen und an die Pinnwand „Beichtstuhl“ in der Veedelskneipe hängen. Am Karnevalsdienstag treffen sich dann in bester Ökumene der evangelische und katholische Pfarrer mit den Jecken. Gemeinsam zitieren, bewerten und vergeben (soweit möglich) die beiden Geistlichen die „schönsten“ Sünden bevor diese verbrannt werden. Gleiches Prinzip wie beim Nubbel: Auch hier ist der Sünder somit befreit von der Sündenlast und kann unbeschwert weiterfeiern.
Die Bedeutung von Statussymbolen im Karneval kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die maßgeschneiderten Uniformen der Traditionskorps wie z.B. der Roten Funken oder auch die prunkvollen Mützen der Präsidenten zeigen, wie eitel viele Karnevalisten sind.
Zu den wichtigsten Statussymbolen aber zählen die Karnevalsorden. Ein nackter, ohne Orden geschmückter, Hals ist im organisierten Karneval fast schon als peinlich zu bezeichnen.
Alle Teile der Serie „Kölsche Karnevalsbegriffe von A-Z“:
Der Ingenieur Marc Neumann ist bei der Stadt Köln im Amt für Brücken, Tunnel und Stadtbahnbau tätig. Bild Neumanmn: privat, Bilder Brücken: Raimond Spekking
Marc Neumann kennt sich mit den Brücken Kölns aus wie kaum ein anderer. Er hat „konstruktiven Ingenieurbau“ studiert und ist heute bei der Stadt Köln im Amt für Brücken, Tunnel und Stadtbahnbau tätig. Dort betreut er die Kölner Brücken, die über den Rhein führen und die der Stadt Köln gehören:
Marc berichtet uns in diesem Podcast von den Herausforderungen bei den Brücken, von der Historie dieser Bauwerke und auch von der ganz speziellen Farbe unserer Brücke.
Genau wie alle anderen Menschen in der Rubrik „Ein paar Fragen an …“ hat auch Marc zu den „Kölschen Fragen“ Rede und Antwort gestanden.
Der „Herr der Brücken“ Marc Neuman (in der Mitte) war zu Gast beim „Köln-Ding der Woche“ , Bild: Uli Kievernagel
Wenn nicht Köln – wo sonst könntest du wohnen? Und warum gerade dort?
Ich verstehe die Frage nicht. 😊
Welche kölschen Eigenschaften zeichnet dich aus?
Für mich gilt: „Jönne künne, dat künne mer joot.“ – also die Großzügigkeit der Kölner, auch anderen etwas zu gönnen. Und ich denke, ich habe auch „dat Hätz am rechten Fleck“, also eine „gesunde“ Einstellung zum Leben und zu seinen Mitmenschen.
Was würdest du morgen in unserer Stadt ändern?
Da ich nicht unter Profilneurose leide, würde ich mich mal um das kümmern, was da ist, und nicht das, was man gerne hätte.
Nenne ein/zwei/drei Gründe, warum man Köln morgen verlassen sollte.
Ich würde Köln nur verlassen, nur, um nach zwei, drei Wochen wiederzukommen, weil ich ja sehr heimatverbunden bin. Ich bin sehr verwurzelt hier in Köln.
Marc liebt den Rhein und sitzt gerne am Rheinufer, zum Beispiel auf den Poller Wiesen, Bild: ToLo46, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons
Wo ist dein Lieblingsplatz in Köln?
Irgendwo am Rhein sitzen, gerne mit einem gekühlten Getränk in der Hand. Ungefähr so, wie AnnenMayKantereit das in „Tommi“ beschreiben:
Tommi, ich glaub‘, ich hab‘ Heimweh
Ich will mal wieder am Rhein stehen
Einfach hineinsehen
Zuschauen, wie Schiffe vorbeiziehen
Welche KölnerInnen haben dich beeinflusst / beeindruckt?
Eindeutig meine Eltern.
Was machst du zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch?
Viel feiern, wenig essen, viel trinken, wenig schlafen.
Und was zwischen Aschermittwoch und Weiberfastnacht?
Da bin ich gerne mit meiner Frau unterwegs, wir haben einen Campingbus. Mit dem fahren wir gerne in die Sonne, ans Wasser.
Wat hät für dich noch immer jood jejange?
Bisher mein ganzes Leben.
Wo drüber laachs de dich kapott?
Ich kann sehr herzlich über Loriot, Victor von Bülow, lachen. Schade, dass er tot ist. Den finde ich sensationell.
Ich mag eine ganze Reihe Kneipen – zum Beispiel das Brauhaus Pütz, den Wirtz in der Südstadt, das Birkenbäumchen und auch das Lommi. Ich mag gerne diese ursprünglichen Kneipen. Aber grundsätzlich gilt: Ich bin gerne mit Menschen zusammen und dann kommt es mir eher auf die Leute an als auf die Kneipe.
Das hat sich im Laufe der Zeit etwas gewandelt: Früher eher Früh oder Reissdorf, dann hin zum etwas herberen Gaffel. Und ganz aktuell ist Schreckenskammer mein Lieblingskölsch.
Ganz eindeutig Himmel un Ääd. Man kann das zwar nicht überall essen, aber wenn das gut gemacht ist, ist das mein kölsches Lieblingsessen. Ganz wichtig: Die gebratene Flönz dabei darf nicht matschig sein, die muss kross gebraten sein.
Himmel un Ääd – eine rheinische Spezialität aus Kartoffelpüree, Apfelmus, Zwiebeln und gebratener Blutwurst, Bild: Anagonia
Dieses Dreigestirn (hier mit Prinzenführer) haben sich ihren Traum erfüllt: „Eimol Prinz zo sin. In nem Dreijestirn voll Sunnesching“, Bild: Norbert Bröcheler
Einmol Prinz zo sin, en Kölle am Rhing, in nem Dreijestirn voll Sunnesching!
Erstaunlich, dass dieses kölsche Lied in Frankreich entstanden ist. Am Strand. Weit weg von den Kölner Karnevalsbühnen im Gürzenich, Sartory oder der Kölnarena. Geschrieben hat es Wicky Junggeburth. Er stellte, gemeinsam mit Jungfrau Artura (Artur Tybussek) und Bauer Karl (Petry) das umjubelte Dreigestirn der Prinz der Session 1992/93.
Zum Erstaunen aller Anwesenden trug er dieses Lied auf der Prinzenproklamation am 8. Januar 1993 im Gürzenich vor. Was zu diesem Zeitpunkt noch keiner ahnen konnte: Dieses Lied sollte der Sessionshit werden und ist heute, neben „Ach wär´ ich nur ein einzig Mal ein schmucker Prinz im Karneval“ von Fritz Weber die Erkennungsmelodie eines jeden Prinzens.
Das Kölner Dreigestirn 1992 mit Prinz Wilfried I. (Wicky Junggeburth), Bauer: Karl (Karl Petry) und Jungfrau: Artura (Artur Tybussek), Bild: Bild: Festkomitee Kölner Karneval
Die Sehnsucht, einmal Prinz zu sein
Junggeburth hatte tatkräftige Hilfe bei diesem Lied. Dieter Steudter von den „3 Colonias“ hatte bereits ein Lied mit dem Refrain „Einmol Prinz zo sin“ geschrieben, allerdings noch ohne Strophen. Dieses Lied war Junggeburth bekannt.
Als ihn dann im Sommer 1992 im Urlaub in Frankreich die Nachricht erreichte, dass er Prinz 1992/93 werden durfte, textete er voller Begeisterung spontan direkt am Strand die entsprechenden Strophen dazu:
Doch dat Jlöck is eetz komplett, Wenn mer echte Fründe hätt: Su e richtig kölsche Buur En Jungfrau met Humor.
Mangels Papier schrieb er seine spontanen Einfälle für den Text buchstäblich in den südfranzösischen Sand:
Wat wör dat schonste Dreijestirn Ohne Jecke stunde mer im Rähn. Drum maht met uns hück eine dropp, Dann steht janz Kölle kopp!
Das Lied drückt die Sehnsucht eines jeden kölschen Panz aus, nur ein einzig Mal als stolzer Prinz in Köln mit den Jecken zu feiern.
Der eine söck im Spill sing Jlöck, Der andre is op Jold verröck, Doch jeder echte Kölsche Stropp Hatt doch nur eens im Kopp: Eimol Prinz zo sin, En Kölle am Rhing.
So wird die Einzigartigkeit der Verkörperung des Prinzen im Dreigestirn deutlich.
Start einer erfolgreichen (Karnevals-) Karriere
Für Wicky Junggeburth wurde der überaus erfolgreiche Karnevalshit vom Prinzen zu einem Wendepunkt im Leben. Bereits 1994 begann er, als erfolgreicher Sänger über die Bühnen im Karneval zu ziehen. Er sprang in diesem Jahr sogar kurzfristig als Ersatzmann bei den „3 Colonias“ ein, nachdem Sänger Olli Hoff kurzfristig erkrankte.
Der „Singende Prinz“ Wicky Junggeburth, Bild: Oliver Abels (SBT), CC BY-SA 3.0
Seitdem ist Junggeburth gern gesehener Gast im Kölschen Fasteleer. Er bevorzugt dabei eher die leisen Töne bei zum Beispiel Nostalgie- oder Flüstersitzungen und setzt damit ein angenehm deutliches Zeichen gegen den Ballermann-Karneval. Aber auch außerhalb des Karnevals ist das Multitalent gefragt: Er moderiert Sendungen im Radio und Fernsehen und verfügt über ein sehr großes Tonarchiv kölscher Musik. Daraus spielt er im Rahmen seiner Veranstaltungsreihe „Der kölsche Fastelovend der Nachkriegszeit“ regelmäßig ausgewählte Schätzchen.
Unsterblich aber hat er sich aber mit
Eimol Prinz zo sin,
en Kölle am Rhing
gemacht. Eine kölscher Evergreen, der tatsächlich am Strand entstanden ist.
Zweimol Prinz so sin: Das doppelte Dreigestirn der Sessionen 2020/21 und 2021/22, Bild: Festkomitee Kölner Karneval
Ausnahme: „Zweimol Prinz zo sin“
Eine der ganz wenigen Ausnahmen von „Einmol Prinz zo sin“ war das Dreigestirn der Session 2020/21. Prinz Sven I. (Sven Oleff), Bauer Gereon (Gereon Glasemacher) und Jungfrau Gerdemie (Dr. Björn Braun) durften gleich in der nächstes Session noch einmal ran – die Corona-Pandemie hatte nahezu alle Auftritte und den Rosenmontagszug in der ersten Session unmöglich gemacht. Also „Zweimol Prinz ze sin“.
Schade nur, dass auch in der zweiten Session dieses Dreigestirn zwar erneut proklamiert wurde, es aber wieder eine Session ohne „normales“ Karnevalstreiben erleben muss. Wegen der Corona-Einschränkungen wurden erneut Sitzungen, Bälle und sogar der Rosenmontagszug abgesagt.
Konrad Adenauer, Bild: Bundesarchiv, Katherine Young, CC BY-SA 3.0 DE
Ein Gastbeitrag von Markus Zens
Markus Zens ist Stadtführer aus Leidenschaft in Köln und Gründer von „Echt Köln Stadtführungen“. Für ihn ist Köln mehr als Dom und Geschichte – es sind die Menschen, ihre Lebensfreude und ihre Geschichten. Auf seinen Touren geht es nicht nur um Daten und Fakten, sondern um Schicksale, Erinnerungen und das kölsche Miteinander.
Markus Zens, in der Mitte😊, ist Kölner Stadtführer mit Leidenschaft, Bild: Echt Köln
Markus hat sich intensiv mit Adenauer in Köln beschäftigt und bietet auch die Stadtführung „Konrad Adenauer in Köln“ in Köln an. Dabei geht es um die Orte in unserer Stadt, die mit seinem Leben in Verbindung stehen. Diese Tour ist eine Zeitreise in das Köln vor einhundert Jahren. Alle Termine zur „Adenauer-Führung“ gibt es auf der Website von Echt Köln.
In diesem Beitrag beschreibt er als „Köln-Ding der Woche“-Gastautor das Wirken von Adenauer in Köln.
150 Jahre Konrad Adenauer von Markus Zens
Am 5. Januar 1876 wurde Konrad Adenauer geboren und die Medien sind voll von Nachrufen auf ihn. Adenauer war wohl der bedeutendste Politiker in der Stadtgeschichte und die Aufzählung der Dinge, die wir Konrad Adenauer zu verdanken haben und von denen wir heute noch profitieren, ist lang: Die Grüngürtel, die Messe, Ford, den WDR, die Universität, das Müngersdorfer Stadion, den „Dicken Pitter“, die erste Autobahn, all das haben wir auch Adenauer zu verdanken. Ich möchte den Blick darauf lenken, in welchen Zeiten Adenauer gelebt hat und wie er mit den Anforderungen der Zeit umgegangen ist.
Konrad Adenauer im Alter von 20 Jahren, Fotograf: unbekannt
Vom Stadtkind zum Stadtlenker
Als Adenauer geboren wurde, stand die mittelalterliche Stadtmauer noch. Sozialisiert wurde er im Kaiserreich. Es herrschte Recht und Ordnung, die Gesellschaft war streng hierarchisch aufgebaut. 1904 heiratet Adenauer Emma Weyer, deren Onkel Max Wallraf 1906 Oberbürgermeister wird. Wallraf ist zwar Liberaler, Adenauer beim Zentrum, aber Wallraf hilft ihm, in die Stadtverwaltung zu kommen. 1909 wird Adenauer zum ersten Beigeordneten gewählt, obwohl er dafür eigentlich noch sehr jung ist. Als Wallraf 1917 als Staatssekretär nach Berlin ging wurde Adenauer ohne Gegenstimme vom Stadtrat zum Bürgermeister gewählt, mit 41 Jahren einer der jüngsten Bürgermeister einer deutschen Großstadt.
Adenauer war also schon zur Kaiserzeit Oberbürgermeister, aber er war kein Monarchist. Er war loyal zur Regierung und akzeptierte es, aber den Übergang zur Weimarer Republik gestaltete er mit. Dabei war er auch kein glühender Demokrat. Er hielt Demokratie für die beste Staatsform, gleichzeitig war sie ihm lästig, weil er immer Mehrheiten suchen musste. Denn er stand schon immer im Verdacht, zu glauben, er allein wüsste es sowieso besser. Kein Wunder, dass er gelegentlich „der Kölner Diktator“ oder der „Napoleon von Köln“ genannt wurde.
Adenauer war vor allem katholisch. Sein Glaube war für ihn eine unverrückbare Leitlinie. Das bedeutete für ihn aber auch große soziale Verantwortung, und zwar für alle Menschen. Das zeigte sich besonders in schwierigen Zeiten. Als Adenauer Oberbürgermeister wurde, war der Weltkrieg in vollem Gange. Die Lebensmittelversorgung war katastrophal, die Menschen hungerten. Jetzt zeigte sich Adenauers Pragmatismus. Zusammen mit den Brüdern Oebel entwickelte er ein Kriegsbrot aus Reismehl, Maismehl und Gerste, das wohl fürchterlich schmeckte, aber satt machte. Auf Beschwerden antwortete er: „Es geht nicht darum, was schmeckt, sondern was satt macht.“
Mit ruhiger Hand durch wilde Zeiten
Adenauer war sehr pragmatisch. Er stellte sich den Problemen, die auftauchten und suchte eine sinnvolle Lösung. Als im November 1918 meuternde Matrosen der Marine auf dem Weg nach Köln waren, forderte er den Standortkommandanten auf, die Matrosen mit Waffengewalt zu stoppen und zu inhaftieren. Als der das ablehnte, wechselte Adenauer die Taktik und stellte sich zusammen mit Wilhelm Sollmann von den Sozialdemokraten an die Spitze der Bewegung. Er überließ dem Arbeiter- und Soldatenrat Räume im Rathaus und übernahm selbst die Leitung des wichtigen Wohlfahrtsausschuss. So schaffte er es, dass der Aufstand in Köln ohne Blutvergießen ablief.
Berittene englische Soldaten paradieren im Dezember 1918 vor dem Kölner Dom, Bild: Sammlung Brokmeier
Am 6. Dezember 1918 marschierten die Engländer in Köln ein und besetzten die Stadt. 55.000 englische Soldaten wurden in Köln stationiert. Für die Stadt bedeutete die Besatzung erhebliche Belastungen und die Einschränkung von Grundrechten wie der Presse- und Versammlungsfreiheit. Adenauer akzeptierte die britische Besatzung, aber schützte aktiv die Selbstverwaltung und die Interessen der Stadt, er arrangierte sich und wirkte so auch auf die Bevölkerung ein. Zwei Zitate aus dieser Zeit von ihm finde ich sehr treffend: „Die Kölner kommen gut mit den Engländern aus – sie sind selbst ein Mischvolk aus Römern, Franken und anderen“ und „Die Stadt Köln steht nicht unter britischer Verwaltung, sondern unter britischer Aufsicht. Das ist ein Unterschied, den ich täglich verteidige.“
Bauen für die Zukunft, nicht für den Applaus
Der Frieden von Versailles legte fest, dass die preußischen Verteidigungsringe rund um Köln abgerissen werden müssen. Adenauer wollte unbedingt diese unbebauten Gebiete als Erholungsorte für die Bevölkerung anlegen und konnte sich gegen Interessen der Wirtschaft durchsetzen, die hier viel Potential für gewinnbringende Immobiliengeschäfte sahen. Hier waren ihm die Interessen der einfachen Bevölkerung deutlich wichtiger. Die Grüngürtel ließ er dann vor allem von Arbeitslosen angelegen, die dadurch eine sinnvolle Beschäftigung hatten und Geld verdienen konnten.
Adenauer nutzte die Zeit der politischen Unordnung nach der Abdankung des Kaisers, um die Universität wieder neu zu begründen. Die Preußen hatten vorher beschlossen, die Uni in Bonn wieder zu eröffnen und sich gegen Köln entschieden. Adenauer betrieb die Wiedereröffnung trotzdem weiter und bekam letztlich eine Genehmigung, allerdings musste die Stadt alle Kosten selbst tragen. Das brachte ihm viel Kritik im Stadtrat ein, da die Verschuldung der Stadt immer weiter anstieg. Adenauer hielt die Uni aber für eine sinnvolle Investition in die Zukunft und konnte sich letztlich durchsetzen. Sitz der Universität war die bisherige Handelshochschule am Römerpark. 1929 wurde dann der Grundstein gelegt für das neue Universitätsgebäude an der Universitätsstraße.
Für mich beeindruckend war sein Umgang mit der Wohnungsnot. Innerhalb von 15 Jahren war Köln um 100.000 Einwohner gewachsen. 1913 war die GAG gegründet worden, nicht von Adenauer, aber mit seiner Unterstützung als Beigeordneter. Das Problem der Wohnungsnot wurde angegangen, indem große Wohnsiedlungen gebaut wurden, in denen die Menschen einfache Wohnungen fanden. Als um 1930 die Weltwirtschaftskrise für eine hohe Arbeitslosigkeit sorgte, baute man Siedlungen mit Einfamilienhäusern und Garten für Arbeitslose mit ihren Familien, damit die sich selbst versorgen konnten. Teure, aber hilfreiche Maßnahmen, von denen wir heute noch profitieren. Die Germania-Siedlung oder die Nibelungensiedlung gibt es auch heute noch, Stadtteile wie Buchforst sind dadurch entstanden.
Die Siedlung „Weiße Stadt“ in Köln-Buchforst, Bild: Grkauls, Public domain, via Wikimedia Commons
Visionär – auch gegen Widerstände
Adenauer dachte weit voraus und wollte aus Köln eine europäische Metropole machen. Dafür war er bereit, hohe Schulden zu machen. Er war sicher, diese Investitionen würden sich mit der Zeit auszahlen. Und wenn man darüber nachdenkt, wie die Stadt über Jahrzehnte von Projekten wie der Messe, Ford, dem Müngersdorfer Stadion oder auch dem Niehler Hafen profitiert hat, waren diese Projekte für die Stadt richtig und wichtig.
Nicht alle dieser Projekte waren alleinige Ideen von Adenauer, er hatte fähige Mitarbeiter und wer es mit und unter ihm aushielt, konnte durchaus auch eigene Ideen umsetzen. Ein wichtiges Beispiel dafür ist Hertha Kraus.
Adenauers Frauenbild war konservativ katholisch geprägt, für ihn gehörten Frauen in die Familie und sie sollten sich da um alles kümmern. Das hinderte ihn nicht, 1923 Hertha Kraus nach Köln zu holen. Sie war 26 Jahre alt und Soziologieprofessorin in Frankfurt, stammte aus einer jüdischen Familie und war zum Quäkertum übergetreten. Genug Gründe, um damals vom Stadtrat vehement abgelehnt zu werden. Aber Adenauer setzte sich durch und machte sie verantwortlich für die Wohlfahrtspflege. Letztlich richtete sie in einer früheren englischen Kaserne die Riehler Heimstätten ein1heute SBK Sozial-Betriebe-Köln, die größte Wohnanlage in Deutschland für alte und behinderte Menschen.
Am 13. Oktober 1929 eröffnete Konrad Adenauer die Mülheimer Hängebrücke, damals die grösste Hängebrücke Europas. Bild: Bundesarchiv, Bild 102-18302, via Wikimedia Commons
Adenauer arbeitete mit allen politischen Kräften zusammen, solange sie ihm nutzten. Ausnahme waren die Nationalsozialisten und die Kommunisten. Die Nazis verabscheute er, vor allem auch wegen ihres Judenhasses. Auch als überzeugter Katholik unterstützte er die jüdische Gemeinde in Köln und hielt zum Beispiel die Eröffnungsrede bei der Einweihung der neuen Synagoge in der Roonstraße.
Bei den Kommunisten macht er eine Ausnahme, als sie ihm die notwendigen Stimmen für den Bau der Mülheimer Brücke als Hängeseilbrücke verschaffen mussten. Er wollte unbedingt eine Hängeseilbrücke bauen. Diese Brücke war ihm so wichtig, dass er selber die Farbe dafür aussuchte. Adenauer wünschte sich eine patinagrüne Farbe. Reinhard Thon, ehemaliger Leiter des Amtes für Brücken- und Stadtbahnbau der Stadt Köln dazu: „Adenauer wollte so etwas wie eine Patinafarbe haben, er wollte die Kupferfarben von Kirchen nachempfinden.“1
Die Severinsbrücke erstrahlt im „Adenauer Grün“, Bild: Rolf Heinrich
In dieser Farbe, von den Kölnern „Adenauer Grün“ genannt, wurden neben der Mülheimer Brücke auch die Zoobrücke, die Deutzer Brücke2hier allerdings nur der ältere Stahlteil und nicht der neuere Betonteil und die Severinsbrücke gestrichen.
Eigensinnig, gläubig – und dem Menschen verpflichtet
Adenauer war also tief verwurzelt in seiner rheinischen Heimat und seinem katholischen Glauben. Sein Selbstbewusstsein war unerschütterlich und er hatte durchaus autokratische Züge. Zitate wie „Was stört mich mein Geschwätz von gestern?“ oder „Wir leben alle unter dem gleichen Himmel, aber wir haben nicht alle den gleichen Horizont.“ unterstreichen das. Gleichzeitig war er visionär, pragmatisch, den Menschen verpflichtet und sozial eingestellt.
Wenn ich die schwierigen Zeiten sehe, in denen er in Köln gewirkt hat und die aktuelle Politik betrachte, würde uns heute wohl durchaus ein bisschen mehr Adenauer guttun.
Die Kölnische Zeitung vom 20. September 1803 berichtete von der Tat: „Selten hat … eine Sache so viel Gerede, so viel Abscheu und Grausen erregt …“Im März 2025 haben Frank und Uli im Podcast „True Crime Köln“ die Geschichte von Peter Joseph Schäffer erzählt.
Am 29. Dezember 1803 fiel das Fallbeil und beendete das Leben von Peter Joseph Schäffer. Er wurde für den Doppelmord an den Schwestern Barbara und Katharina Ritter verurteilt und hingerichtet. Dieser Doppelmord im Jahr 1803 auf den Poller Wiesen hatte alles, was die Skandalpresse liebt: Geldgier, verbotene Liebe, Lügen, ein mörderischer Geistlicher und sehr viel Blut. Kein Wunder, dass dieser Kriminalfall auch unter dem Titel „Ein Vampyr im Priestergewand“ in die Kriminalgeschichte einging.
Hintergrund war der tiefe Fall des seinerzeit prominenten Pastors Peter Joseph Schäffer, der als Pfarrer in St. Maria in der Kupfergasse tätig war. Schäffer, ein respektierter Geistlicher, dessen Predigten sogar gedruckt wurden, hatte heimtückisch zwei Frauen umgebracht. Eine solche Konstellation führte Anfang des 19. Jahrhunderts zu großer Aufregung, und die Presse veröffentlichte eigens Sonderauflagen, um über den Fortschritt der Ermittlungen zu informieren.
Ein Mann aus bescheidenen Verhältnissen
Peter Joseph Schäffer wurde am 25. Juli 1766 in Ahrweiler geboren und wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Sein Vater war Gerichtsschreiber und trotz des äußerst kargen Auskommens der Familie wurde dem Sohn Peter Joseph bis zum 13. Lebensjahr der Schulbesuch ermöglicht – alles andere als eine Selbstverständlichkeit in der damaligen Zeit. Nach dem Schulabschluss setzte er seine Ausbildung bei den Minoriten in Sinzig fort und studierte anschließend in Köln und Bonn Theologie und Philosophie. Im Jahr 1792 wurde er in Straßburg zum Priester geweiht und war als Pfarrer in Uffholz und Sennheim, in der Nähe von Colmar, tätig.
Auffällig waren die jeweils sehr kurzen Dienstzeiten Schäffers in den Pfarreien. Gerüchten zufolge hatte der junge Pastor bereits damals erhebliche finanzielle Schwierigkeiten. Damit ging es ihm aber immer noch wesentlich besserer als seiner Schwester. Diese wohnte bereits in Köln, während Schäffer noch im Elsass tätig war. Sie wurde verurteilt „ein öffentliches Bordell gehalten, und ihre eigene Tochter den Männern zur Befriedigung sinnlicher Lüste hergegeben zu haben“. Das (vergleichsweise milde) Urteil: Ein Jahr Zuchthaus. Bei den Schäffers handelte es sich offensichtlich um eine ganz besondere Familie.
Schäffer lernt späteren Förderer im Gefängnis kennen
1794 nahmen die Franzosen das Elsass ein. Im revolutionären Frankreich Ende des 18. Jahrhundert wurden christliche Riten unter den Jakobinern verboten und viele Geistliche inhaftiert. So ging es auch Peter Joseph Schäffer, der in Besancon ins Gefängnis gesteckt wurde.
Marc-Antoine Berdolet, der Bischof von Aachen, förderte Peter Joseph Schäffer, Bild: Aegidius Johann Peter Joseph Scheuren (1774-1844), Public domain, via Wikimedia Commons
Dort lernte er den ebenfalls in Haft befindlichen Marc-Antoine Berdolet kennen. Eine Bekanntschaft, die sich später als äußerst nützlich erweisen würde, weil Berdolet im Jahr 1802 Bischof von Aachen wurde und seinen ehemaligen Mithäftling Schäffer stark förderte. So sorgte Berdolet dafür, dass Schäffer 1803 als Pfarrer in der St. Maria-Kirche in der Kupfergasse eingesetzt wurde.
Geheimer Ehevertrag des Pfarrers
Hätte Berdolet von dem Geheimnis im Leben Schäffers gewusst, hätte er ihn mit Sicherheit nicht gefördert. Denn in den Pfarrhäusern in Uffholtz und Sennheim im Elsass lebten gemeinsam mit dem Pastor die Schwestern Barbara und Katharina Ritter unter einem Dach.
Auch wenn Haushälterinnen in katholischen Pfarrhaushalten nicht unüblich waren und auch heute noch sind, handelte es sich hier um eine ganz besondere Konstellation. Barbara Ritter war 20 Jahre älter als Schäffer, ihre Schwester Katharina war ungefähr im gleichen Alter wie der Pfarrer. Beide waren vermögend und überließen dem ständig klammen Schäffer ihr Geld und versorgten gleichzeitig auch noch den Haushalt. Was sie sonst noch im zölibatären Haushalts Schäffers so versorgten, ist den Quellen nicht zu entnehmen.
Die beiden Frauen, die immerhin Schäffers aufwändigen Lebensstil finanzierten, begehrten auf und verlangten von dem Pfarrer eine Absicherung. So kam es zu einem geheimen Ehevertrag zwischen Barbara Ritter und Peter Joseph Schäffer. Dieser Vertrag regelte exakt, wie Schäffer für seine geheime Ehefrau und deren Schwester zu sorgen hatte. Ein äußerst süffisanter und für Schäffer extrem riskanter Vertrag: Sollte jemals bekannt werden, dass er als katholischer Geistlicher eine (geheime) Ehe eingegangen ist, wäre seine Karriere erledigt.
Karriereschritt in Köln
So nutzte Schäffer auch die erste Chance, den beiden Schwester zu entkommen und folgte der Berufung durch die Förderung seines alten Freundes Berdolet. Dieser verfügte mittlerweile als Bischof von Aachen über erheblichen Einfluss und sorgte dafür, dass Schäffer in St. Maria in der Kupfergasse tätig werden konnte.
Für Schäffer nicht nur ein willkommener Karriereschritt, er wurde immerhin Pfarrer im „Hillije Kölle“, sondern auch die Gelegenheit, vor den ihm lästig gewordenen Schwestern Barbara und Katharina zu fliehen. Gleichzeitig entkam er auch der Pflicht, das von den Schwestern geliehene Geld zurückzuzahlen und dem Risiko, dass der geheime Ehevertrag doch noch auffliegen würde. Meinte er.
Doch er hatte die Rechnung ohne die beiden Schwestern gemacht. Bereits wenig später tauchen die beiden in Köln auf. Sie hatten ihr Haus im Elsass verkauft und wollten wieder bei und mit Schäffer leben.
Der junge Pastor war wenig begeistert und „parkte“ die beiden zunächst in einem Gasthof bevor er sie, wie bereits zuvor im Elsass, in seinem Pfarrhaus versteckte.
Schäffer plant Mord
Das Arrangement schien zunächst zu funktionieren. Nie sah man Schäffer zusammen mit den beiden Damen. Doch diese waren verständlicherweise unzufrieden mit der Situation und begehrten auf.
Ihre Drohung: Sie würden die ganze Geschichte mit der geheimen Ehe öffentlich machen und den Bischof informieren. Außerdem wollten sie das Geld, welches sie Schäffer geliehen hatten, zurück. Für Schäffer stand seine ganze Karriere, sein ganzes Leben auf dem Spiel. Seine Furcht, alles zu verlieren, war übermächtig. Für den Pfarrer eine ausweglose Situation. In den späteren Verhören gab er zu Protokoll:
Der „verzweifelte Entschluss“ war der Mord an den beiden Schwestern. Ganze zwei Monate plante er, wie er diese Tat umsetzen könnte.
Brutaler Doppelmord am Rhein
Am 6. September 1803 war es soweit. Schäffer gaukelte den Frauen vor, mit ihnen nach Bonn zu fahren, um Möbel für einen gemeinsamen Haushalt zu kaufen. Die drei setzten sich in eine Postkutsche. Dabei war Schäffer bemüht, den Anschein zu erwecken, nichts mit den beiden Damen zu tun zu haben und nur zufällig in der gleichen Kutsche zu sitzen.
Er nutzte die fehlende Ortskenntnis der Schwestern aus, und die Reisegesellschaft fuhr statt nach Bonn nur bis Wesseling und setzte mit der Fähre über den Rhein. Von dort aus ging es zurück nach Köln, bis zu den Poller Wiesen. Dort lockte er die Frauen in ein uneinsichtiges Gelände und gab vor, seine Uhr verloren zu haben. Barbara und Katharina Ritter sollten helfen, diese wiederzufinden.
Frauen „mit abgeschnittenen Hälsen“
Im dichten Gebüsch schlug er zunächst Barbara mit einem Knüppel mehrfach auf den Kopf, um ihr danach die Kehle durchzuschneiden. Die jüngere Katharina versuchte noch zu fliehen. Doch Schäffer holte sie ein, und ihr widerfuhr das gleiche Schicksal wie Barbara.
Illustration der grausamen Tat, Bild: Temmes „Criminal-Bibliothek“, um 1875
Es muss ein grauenhaftes Bild gewesen sein. Später sollte es lauten, an den Poller Wiesen wären Frauen „mit abgeschnittenen Hälsen“ gefunden worden. Schäffer versuchte noch, die Leichen in den Rhein zu werfen, schaffte dies aber nicht. Er entsorgte nur das Messer, wusch sich im Wasser des Flusses das Blut sorgfältig ab und ging zu Fuß nach Hause.
Erfolgreiche Fahndung
Am anderen Tag wurden die beiden Leichname von Passanten entdeckt. Doch niemand kannte die beiden Frauen, die von der Öffentlichkeit versteckt im Pfarrhaus gelebt hatten. So entschied sich die Polizei dazu, die beiden Leichen öffentlich auszustellen.
Die Taktik der Fahnder ging tatsächlich auf, denn es meldete sich ein Mitreisender aus der Postkutsche, der die beiden Frauen wiedererkannte. Dieser Zeuge gab zu Protokoll: „Der Mann gehörte offensichtlich zu den Frauen, wollte aber den Eindruck erwecken, diese nicht zu kennen.“ Ferner berichtete der Zeuge, dass es sich um einen Geistlichen gehandelt habe. Er konnte diesen Mann auch beschreiben. Mit diesen Informationen war es für die Polizei einfach, auf den Pastor von St. Maria in der Kupfergasse zu schließen. Wenige Tage später wurde Schäffer festgenommen.
Schäffer verwickelt sich in Widersprüche
Am 16. September 1803 kam es zur ersten Vernehmung. Schäffer gab an, tatsächlich mit den beiden Damen in der Postkutsche gesessen zu haben, er würde diese aber nicht kennen. Er hätte die Postkutsche in Wesseling verlassen, um nach Köln zurückzureisen. Doch seine Verteidigung hält nicht lange stand, denn der Schiffer der Rheinfähre erinnerte sich daran, dass Schäffer gemeinsam mit den beiden Frauen übergesetzt hatte.
Der Geistliche versuchte den Polizisten die nächste Lügengeschichte aufzutischen: Er habe mit den Frauen nach Bonn-Pützchen fahren wollen, man hätte aber unterwegs wegen einer Feier in Deutz den Weg dorthin genommen. In Poll wären die drei von Räubern überfallen worden. Diese Räuber hätten die Schwestern getötet, er hätte fliehen können. Verständlich, dass auch diese Geschichte nicht glaubhaft erscheint. Schäffer wurde am 17. September 1803 in Haft genommen.
Geständnis mit der Hoffnung auf Begnadigung
Einen Tag später gesteht Schäffer die Tat und gibt ein Geständnis mit allen blutigen Einzelheiten ab. Sein Kalkül: Sein Status als Geistlicher würde ihn vor der Strafverfolgung schützen. Wie sich später herausstellte, war dies eine fatal falsche Einschätzung.
Als er Ende Oktober in ein Gefängnis nach Aachen verlegt wurde, gab es ein sehr großes Interesse an dem Fall. Auf den Straßen „drängten sich mehrere Tausende hinzu. Man sah Gesichter bleich werden, man sah Thränen fließen“. Der „Unglückspfarrer“ hatte eine unrühmliche Prominenz erreicht.
In dem Aachener Gefängnis verfasste Schäffer eine Biographie. In dem Vorwort dazu lautet es:
Immer noch fühlt sich der selbstverliebte Pfarrer als Opfer und geht fest von einer Begnadigung aus – wer würde schon einen Priester verurteilen? Neben der Biographie verfasst Schäffer im Gefängnis auch Gedichte, er beschreibt insgesamt 60 Bögen Papier.
Der Priester wird zum Tod verurteilt
Am 17. November 1803 beginnt in Aachen die Verhandlung. Sehr zum Erstaunen des Gerichts widerruft Schäffer sein Geständnis und hält eine Rede voller Pathos, in welcher er eine völlig neue Version des Tathergangs schildert.
Die neue, ebenfalls wenig glaubwürdige, Version basierte auf der bereits bekannten Geschichte, dass tatsächlich Räuber die drei Reisenden überfallen und die beiden Schwestern getötet hätten. Neu war aber, dass einer der Räuber, von Reue getrieben, seine Taten bei Schäffer gebeichtet hätte. Um das Beichtgeheimnis zu wahren, hätte Schäffer sich als Täter dargestellt, weil er als Priester ja nicht verurteilt werden würde.
Wenig überraschend folgte das Gericht den Ausführungen nicht und verurteilte Schäffer zum Tod. Der Verurteilte versuchte noch vergeblich, eine Beschwerde bei einem übergeordneten Gericht in Paris einzureichen, doch diese wurde postwendend abgelehnt.
Schäffer wird in Aachen hingerichtet, Illustration auf einem Flugblatt, Verfasser unbekannt
Peter Joseph Schäffer wurde am 29. Dezember 1803 in Aachen mit der Guillotine hingerichtet. Seine letzten Worte, bevor das Fallbeil fiel, waren:
„Ich bin der erste Priester, der so eine schreckliche That begieng,
ich hoffe, dass ich auch der letzte seyn werde“.
Anette Imhoff leitet das Kölner Schokoladenmuseum, Bild: Schokoladenmuseum
Diese Folge vom „Köln Ding der Woche“ ist diesmal nicht in unserem Studio entstanden, sondern ein Auswärtsspiel: Im Schokoladenmuseum, mit Blick auf Rhein, Dom und Riesenrad.
Wir dürfen mit Annette Imhoff sprechen. Sie ist die Chefin des Hauses. Und natürlich versorgt uns Annette bestens – auf dem Tisch liegt Schokolade, bevor überhaupt jemand „Aufnahme“ sagen kann.
„Museum für Schokolade? Das ist doch völlig verrückt!“
Annette erzählt die Geschichte, als wäre sie schon immer da gewesen – aber am Anfang stand eine ziemlich verrückte Idee. Ihr Vater, Hans Imhoff, übernimmt 1972 das marode Traditionsunternehmen Stollwerck, rettet alte Maschinen, Schilder, Sammelbilder und Akten vor der Verschrottung und lagert alles erstmal in Porz ein. Ein bisschen wie ein Sammler, der sagt: „Wegschmeißen? Auf keinen Fall! Das hat doch Geschichte!“
Daraus entsteht zunächst nur eine interne „Schokokammer“. Aber Imhoff denkt größer. Er wettet mit sich selbst: Wenn zu einer großen Jubiläumsausstellung im Gürzenich genügend Besucher kommen, baut er ein echtes Museum. Die Ausstellung wird ein Volltreffer – der Gürzenich voll mit Schokolade, der erste Schokoladenbrunnen, der anfangs eher Explosion als Installation ist. Die Schokolade spritzt bis an die Decke, die Flecken kann Annette Jahre später in einer Doku noch zeigen. Wette gewonnen, Ausrede weg: Das Museum muss her.
Die Stadt ist anfangs alles andere als begeistert. Ein Museum für Kunst? Klar. Für Stadtgeschichte? Auch gut. Aber für Schokolade? „Dat kann doch nix werden“ so einige Miesmacher aus der Stadtgesellschaft.
Annettes Mutter bekommt von ihrem Mann den Auftrag: „Such uns einen Standort.“ Sie findet die Rheinauhafen-Spitze – damals noch eher Baracke als Designviertel. Dass heute genau diese Lage ein Schlüssel zum Erfolg ist, erzählt Annette mit einem leisen Schmunzeln. Man merkt: Da oben sitzt einer auf einer Schokoladenwolke und freut sich, dass die Skeptiker von damals neidisch auf sein Museum schauen.
Das Schokoladenmuseum bietet einen Blick in die „Weltreise des Kakaos“. Bild: Schokoladenmuseum
Vom Tropenhaus bis zur Trembleuse – Schokolade mit allen Sinnen
In dem Gespräch führt Annette uns nochmal gemeinsam durch das Museum. Los geht es für Besucher im Foyer, dann direkt in die Tropen: Anbaugebiete, Schattenbäume, feuchte Luft. Man schwitzt, die Brille beschlägt, und Annette erklärt, dass Kakao zwar Sonne mag, aber nicht unbedingt die pralle Hitze – daher die Schattenbäume. Im Tropenhaus wachsen echte Kakaopflanzen, die Früchte werden sogar geerntet und zu Schokolade verarbeitet. Mehr Gag als Massenproduktion, aber total echt.
Dann geht es weiter: Plantagen in Afrika und Lateinamerika, der Kreislauf von Armut, kleine Anbauflächen, Kinderarbeit – und gleichzeitig positive Beispiele, wie versucht wird, etwas zu verbessern. Ein echtes Holzboot, mit dem früher Kakaosäcke zu den Schiffen gebracht wurden, steht mitten im Museum. Kein Deko-Objekt, sondern Zeitzeuge.
Die Reise führt dann in die Industie: Wie kommt der Kakao nach Europa? Was passiert in Hamburg im Hafen? Warum sind die Weltmarktpreise für Kakao aktuell völlig verrückt? Im Museum läuft ein Live-Ticker, der die aktuellen Preise zeigt – und Annette meint trocken: „Darüber könnten wir einen eigenen Podcast machen.“
Ein echtes Holzboot, mit dem früher Kakaosäcke zu den Schiffen gebracht wurden, steht mitten im Museum. Kein Deko-Objekt, sondern Zeitzeuge.
Danach stehen die Zutaten im Mittelpunkt: Wie wird aus Kakaobohnen Milch-, Zartbitter- oder weiße Schokolade? Unten im Haus gibt es eine kleine echte Fabrik, in der Mini-Täfelchen produziert werden. Der Clou: Ein Roboterarm fischt auf Knopfdruck eine Tafel aus der laufenden Produktion – wenn man im richtigen Moment drückt. Das ist schon allein vom Spieltrieb her genial.
Oben wird es feiner: handwerkliche Manufaktur, Schokoladenfiguren, Pralinenherstellung, Dragees mit Nüssen oder Espressobohnen, selbst gestaltete individuelle Tafeln. Annette grenzt es charmant ab: Unten ist Industrie, oben Handwerk – und alles dazwischen ist ein Schokotraum.
Die gläserne Schokoladenfabrik im Schokoladenmuseum, Bild: Schokoladenmuseum
5000 Jahre Schokolade, barocke Schaumshow und ein Zäunchen fürs Bett
Annette holt im Interview weit aus: Als das Museum 1993 eröffnet wurde, sprach man von 3000 Jahren Kulturgeschichte der Schokolade. Heute weiß man durch Funde in Ecuador, dass es eher 5000 Jahre sind. Und genau das will das Museum zeigen: nicht nur die Süßigkeit aus dem Supermarkt, sondern die ganze Kultur dahinter.
Ein Highlight ist der neue immersive Raum, intern „Holodeck“ genannt. Vier Projektoren, Surround-Sound, und plötzlich steht man mittendrin. Weiter geht es. Man kann den Weg des Kakaos nach Europa und die Geschichte dahinter erkunden, wie aus einem rituellen Getränk ein Luxusgut für den Adel wurde.
Eine Reise durch 5000 Jahre Geschichte des Kakaos, Bild: Schokoladenmuseum
Dann kommt eine von Annettes Lieblingsgeschichten: Warum sind alte Kakaotassen so schlank und hoch? Früher wurde das Fett der Kakaobohnen nicht getrennt, der Kakao war also richtig fettig und bildete oben eine Schicht, wie bei einer Vinaigrette. Also musste man kräftig schäumen. Schlanke, hohe Tassen sorgten dafür, dass man nicht nur Schaum trank – Kölsch-Fans fühlen sich hierverstanden.
Und dann die „Trembleuse“ – eine Tasse mit Zäunchen in der Untertasse, damit bei der Aufstehzeremonie der Dame im Bett nichts verschüttet wird. Die Kombination aus Bett, Adel und Kakao hat irgendwas herrlich Übertriebenes.
Natürlich kommt Annette nicht daran vorbei, auch über dunkle Kapitel zu sprechen: Kolonialismus, rassistische Figuren wie der „Sarotti-Mohr“, historische Werbung. Das Museum zeigt diese Dinge nicht nostalgisch verklärt, sondern kritisch und einordnend. Man spürt: Hier soll niemand mit blinden Zuckerglasaugen durch die Geschichte stolpern.
Zum Finale eines Besuchs im Schokoladenmuseum wird es bunt. Bild: Schokoladenmuseum
Ganz oben endet der Rundgang dann mit einem lauten, bunten Finale: Markenwelten, Milka-Kuh, Ü-Ei, Ritter Sport und Co. Es blinkt, es rauscht, es ist ein bisschen Instagram-Playground, ein bisschen Kindheitserinnerung – und einfach der perfekte Ort für Selfies nach so viel Input.
„Lindt“ steht am Haus – eine besondere Partnerschaft
Die Frage, warum draußen am Museum groß „Lindt“ steht, kommt natürlich. Annette erklärt nüchtern: Stollwerck wurde verkauft und Lindt aus Aachen ist der neue Partner geworden.
Partner des Schokoladenmuseums ist der Schweizer Schokoladenhersteller Lindt & Sprüngli. Bild: Schokoladenmuseum Köln GmbH
Die Kooperation ist eng, aber klar geregelt: Im Museum wird mit Lindt-Masse produziert, der Name steht am Gebäude – inhaltlich bleibt das Museum unabhängig. In den Ausstellungen tauchen auch andere Marken auf, im Shop werden viele unterschiedliche Hersteller präsentiert. Es ist kein Lindt-Showroom, sondern ein Schokoladenmuseum mit besonderer Partnerschaft, sagt Annette – und man hört raus, dass ihr diese Unterscheidung wichtig ist.
Wer kommt – und wer erstaunlich selten
Auf die Frage nach dem „typischen“ Besucher lacht Annette fast ein bisschen. Das Bild sei extrem bunt: Schulklassen, Familien, Technikfans, Nachhaltigkeitsmenschen, Akademiker, Leute, die noch nie in einem Museum waren und hier zum ersten Mal erleben, dass Kultur nicht weh tun muss.
Fast die Hälfte der Gäste kommt aus dem Ausland. Kölsche dagegen? Nur etwa sechs Prozent der Besucher kommen aus einem Umkreis von zehn Kilometern. Für ein Haus, das so bekannt ist, findet Annette das „ein bisschen wenig“ – und nutzt den Podcast charmant als Steilvorlage: „Ihr könnt ruhig öfter kommen. Es ist alles neu!“ Seit 2020 wurden über zwölf Millionen Euro investiert, viele Bereiche komplett umgebaut. Wer „vor Corona“ das letzte Mal da war, erkennt vieles nicht wieder.
Keine Zuschüsse, aber eine Menge Wirkung
Ein spannender Teil des Gesprächs dreht sich um die Struktur: Das Museum ist eine Kultur- und Bildungseinrichtung – aber ohne städtische oder staatliche Zuschüsse. Es funktioniert wie ein mittelständisches Unternehmen, zahlt Miete an eine Gesellschaft, die zu großen Teilen der gemeinnützigen Imhoff-Stiftung gehört. In Gastronomie, Shop und Museum werden rund 300 Menschen beschäftigt..
Die Imhoff-Stiftung wiederum fördert in Köln, was oft hinten runterfallen würde: Freizeit- und Therapieangebote, Kunst- und Kulturprojekte, Bildungsinitiativen, Karnevalsprojekte, Unterstützung für Menschen, die es schwerer haben als andere.
Zum 25-jährigen Jubiläum hat die Stiftung die „Bessermacher von Köln“ ausgezeichnet – 25 Vereine und Initiativen, deren Geschichten aus über 600 Einsendungen ausgewählt wurden. Alle schwärmen noch vom Gala-Abend im Rathaus: viel Emotion, viel Stolz und ganz viel Köln-Gefühl. Annette fasst es pointiert zusammen: „Wir verdienen mit dem Museum einen Teil des Geldes, das wir in der Stiftung wieder ausgeben.“
Für die Bescucher des Schokoladenmuseums heißt das: Wer ein Ticket kauft, bezahlt nicht nur den Besuch am Schokobrunnen, sondern unterstützt indirekt Projekte in der ganzen Stadt.
Hans Imhoffs Vermächtnis: Das Schokoladenmuseum, Bild: Raimond Spekking
Zukunftspläne, Besuchertipps – und ein Versprechen in Schokolade
Zum Schluss geht der Blick nach vorne. Die Partnerschaft mit Lindt läuft langfristig, der Hafenweihnachtsmarkt bekommt einen neuen Betreiber, es stehen Umbauten an: neue WCs, moderne Garderobe, ein komplett neu gestalteter Shop. Bei den Besucherzahlen will man nochmal zulegen – vor allem an den Tagen, die bisher nicht völlig überfüllt sind.
Auf die Frage, ob die eine Million Besucher im Jahr drin wäre, sagt Annette: Rein rechnerisch ja – wenn alle ein bisschen weniger auf die Idee kämen, gleichzeitig am zweiten Weihnachtstag zu kommen. Januar-Montage dagegen hätten noch Luft nach oben.
Praktischer Tipp von ihr: Online Zeitfenstertickets buchen, besonders an Wochenenden, Feiertagen und in den Ferien. So wird niemand weggeschickt, weil „heute leider ausverkauft“ ist – und drinnen tritt man sich weniger auf die Füße.
Ein Versprechen:
Der millionste Besucher in einem Jahr wird in Schokolade aufgewogen
Zum Abschied wird es dann noch einmal herrlich kölsch: Unseren Vorschlag, den einmillionsten Besucher in einem Jahr in Schokolade aufzuwiegen nimmt Annette sofort begeistert auf: „Dafür wäre ich sofort.“
Und vielleicht sitzt irgendwo da oben wirklich Hans Imhoff auf einer Schokoladenwolke, guckt runter auf Rhein, Dom und sein Museum – und ist stolz auf sein Lebenswerk.
Annette Imhoff im Gespräch mit Frank und Uli vom Köln-Dng der Woche, Bild: Uli Kievernagel
Genau wie alle anderen Menschen in der Rubrik „Ein paar Fragen an …“ hat auch Annette Imhoff zu den „Kölschen Fragen“ Rede und Antwort gestanden.
Wenn nicht Köln – wo sonst könntest du wohnen? Und warum gerade dort?
Ich lebe sehr gern hier. Hier lebt meine Familie, die meisten meiner Freunde wohnen hier, meine Arbeit ist hier. Aktuell wüsste ich nicht, wo ich sonst leben könnte.
Welche kölsche Eigenschaft zeichnet dich aus?
Vielleicht die kölsche Mischung aus Bodenständigkeit und Offenheit.
Was würdest du morgen in unserer Stadt ändern?
Im Wahlkampf1Annette meint den Kommunalwahlkampf 2025 ist viel darüber geredet worden. Ich glaube, Sicherheit, Ordnung, Sauberkeit sind sicherlich die großen Themen. Dazu noch bezahlbarer Wohnraum und weniger Baustellen in der Stadt. Aber die Umsetzung ist ein dickes Brett und ich wünsche unserem neuen Oberbürgermeister Torsten Burmester Mut und Ausdauer.
Einer der schönsten Plätze Kölns: Die Terrasse des Schokoladenmuseums,. Bild: Schokoladenmuseum
Wo ist dein Lieblingsplatz in Köln?
Mit einem Cappuccino bei uns im Schokoladenmuseum auf der Terrasse – mit Blick auf den Rhein.
Welche KölnerInnen haben dich beeinflusst / beeindruckt?
Mein Vater Hans Imhoff mit seiner Freude am Unternehmertum und seiner Entscheidungsfreude hat mich stark geprägt.
Hans Imhoff – Vollblutunternehmer mit einem „Herz aus Schokolade“. Bild: Schokoladenmuseum Köln
Was machst du zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch?
Der Straßenkarneval reizt mich nicht, bis auf den Rosenmontagszug. Ich durfte bereits dreimal dort mitgehen. Und das ist großartig. Wenn man das einmal miterleben darf – das ist hochemotional und extrem beeindruckend.
Und was zwischen Aschermittwoch und Weiberfastnacht?
Den Rest des Lebens.
Wat hät für dich noch immer jood jejange?
Das ist eine schwierige Frage. Ich versuche immer positiv und mit Optimismus in die Zukunft zu schauen. Die Frage nach „jood jejange“ richtet sich eher auf die Vergangenheit. Ich denke eher an das, was vor uns liegt. Hier sollte jeder seinen Beitrag zu leisten. Ich zum Beispiel habe einen gestalterischen Anspruch und möchte Verantwortung übernehmen und Dinge besser machen.
Wo drüber laachs de dich kapott?
Wenn jemand mit viel Selbstironie über sich selber lachen kann.
Frisch gebackene Rievkooche sind Annettes kölsche Lieblingsessen, Bild: Klaus Steves / pixelio.de