Das Köln-Ding-Spezial „Daach der kölschen Sproch 2026“

Logo Daach der kölschen Sproch 2026
 

Am 27. September 2026 dreht sich in Köln alles um unsere Sprache: Zum dritten Mal findet der „Daach der kölschen Sproch“ statt.1Das gesamte Programm dazu gibt es hier: Daach der kölschen Sproch. Dieser Aktionstag soll Lust darauf machen, Kölsch zu sprechen, zu entdecken und vor allem weiterzugeben. Denn eine Sprache bleibt nur lebendig, wenn sie auch gesprochen wird.

Egal ob Lesungen, Verzällcher, Theaterstücke, Führungen „op Kölsch“ oder kreative Social-Media-Beiträge, ob in Veedelsvereinen, Bibliotheken oder Kneipen – überall finden Aktionen statt, die zeigen sollen: Kölsch ist nicht nur eine Sprache, sondern ein Lebensgefühl. So wird der „Daach der kölschen Sproch“ zu einer wunderbaren Gelegenheit, unsere sprachliche Identität zu feiern. Kölsch verbindet Generationen, schafft Gemeinschaft und gehört zu Köln wie der Dom. Und auch wir vom Köln-Ding der Woche beteiligen uns an diesem Tag.

Wir haben uns dafür den „Wrede“ vorgenommen. Der „Wrede“ ist das Lexikon „Neuer kölnischer Sprachschatz“ von Prof. Dr. Adam Wrede. Seit 1956 wird dieses „Schatzkiste der zur kölschen Sprache“ regelmäßig neu aufgelegt, aktuell bereits in der 14. Auflage. 

Der „Wrede“ ist mehr als nur ein einfaches kölsch-hochdeutsch-Lexikon. Dieses Buch erzählt ganze Geschichten. Wolfgang Niedecken, der zur 14. Auflage eine Einführung verfasst hat, sagt von sich selbst augenzwinkernd, er vermeide es nach Möglichkeit, das Buch aufzuschlagen – denn er lese sich immer gleich für mindestens eine Stunde fest. 

Adam Wrede "Neuer kölnischer Sprachschatz" mit einem Vorwort von Wolfgang Niedecken, Bild: Greven Verlag
Adam Wrede „Neuer kölnischer Sprachschatz“ mit einem Vorwort von Wolfgang Niedecken, Bild: Greven Verlag

Spontan Wörter aus dem „Wrede“ aussuchen

Franks Idee zu unserem Beitrag zum „Daach der kölschen Sproch“: Unser vollkommen überbezahlter Tontechniker Yannick nennt uns beliebige Seitenzahlen aus dem Wrede und Frank oder Uli suchen sich auf der entsprechenden Seite ein Wort aus und lesen vor. Ohne Vorbereitung, ohne Netz und doppelten Boden. Ihr könnt das nachprüfen, wir haben die 13. Ausgabe des Wrede genutzt.

Der erste Treffer “Pattevugel“

Yannicks erste Seitenzahl war 708 – damit war klar, es ist ein Wort mit „P“ am Anfang. Und Uli hat sich das schöne Wort „Pattevugel“ auf dieser Seite ausgesucht. Mit diesem kölschen Wort ist ein Drachen gemeint.

Einen Papierdrachen bezeichnet der Kölner als "Pattevugel", Bild: Bild Steffen Wachsmuth auf Pixabay
Einen Papierdrachen bezeichnet der Kölner als „Pattevugel“, Bild: Bild Steffen Wachsmuth auf Pixabay

Besonders schön wird es aber, wenn Wrede die übertragene Bedeutung erklärt. Der Begriff konnte nämlich auch für eine weibliche Person verwendet werden, deren mit Bändern und Schleifen geschmückte Kleidung im Wind flatterte – ähnlich wie die Papierstreifen an einem Drachen.

Im „Wrede“ heißt es:

Pattevugel (-furel) m., -vüjjel: Windvogel; patte wohl aus pappe, Papp unter Einwirkung durch Papeer (Papier) entstellt;
1. Papierdrachen „We meer han der Pattevugel opgelohßen. Wann dä paries gingk, dat wor uns Verdroß.2„Wir haben einen Drachen steigen lassen. Wenn der wegfliegen würde, wäre das sehr ärgerlich“
2. übertragen auf eine weibliche Person, die in einer mit Bandschleifen geschmückten Kleidung einherflattert, einem fliegenden Papierdrachen mit langem Papierstätz und baumelnden Quasten aus dünnen Papierstreifen vergleichbar.

Hier sieht man eine große Stärke des Wrede: Er übersetzt nicht einfach Wörter. Er liefert Bilder, Geschichten und manchmal gleich eine ganze kleine Szene aus dem alten Köln mit.

Wer bei "Kühmbrezel" an eine Brezel denkt, liegt leider völlig falsch. Bild: unserekleinemaus auf Pixabay
Wer bei „Kühmbrezel“ an eine Brezel denkt, liegt leider völlig falsch. Bild: unserekleinemaus auf Pixabay

Beklagt sich ständig: Die „Kühmbrezel“

Der nächste Zufallstreffer (Yannick hatte sich Seite 528 gewünscht) hatte es ebenfalls in sich. Der Ursprung des Wortes stammt von „kühme“, das meint stöhnen und sich beklagen, das Wort ist „Kühmbrezel“.

Der Erklärung dazu aus dem Wrede:

Kühmbrezel: einer (eine), der (die) immer klagt u. stöhnt, kühmp. Brezel vertritt hier in übertragener Bedeutung eine zimperliche Frauensperson. Übrigens ist das männliche Pendant zur Kühmbrezel der „Kühmbroder“

Wörter wie die „Kühmbrezel“ oder auch der „Kühmbroder“ sind kleine sprachliche Fundstücke. Manche sind längst verschwunden, andere haben ihre Bedeutung verändert, wieder andere schlummern einfach irgendwo und warten darauf, wiederentdeckt zu werden.

Auch „Kacke“ hat Geschichte

Dann landeten wir auf der Seite 423 und noch einmal beim Buchstaben „K“. Auf dieser Seite findet sich das Wort „kacke“. Und auch hier zeigte sich, dass selbst vermeintlich banale Wörter eine erstaunliche Geschichte haben können. Das Wort ist lautmalerischen Ursprungs. Gleichzeitig verweist Wrede auf andere kölsche Begriffe für kacke“:

Der Originaleintrag aus dem Wrede:

kacke, kackte, jekack: lat. cacare, griech. kakkan; ein lautmalendes Wort, aus gelehrten Kreisen nach 1500 (16. Jh.) aufgenommen, unfeiner oder derb empfundene andere Wörter (vgl. drieße, scheiße) ersetzend; durchweg in der Kindersprache üblich, wenn keine Umschreibung oder neuerer Ausdruck gebraucht wird, wie solche hochdeutsch sprechenden Familien eigen sind; von Erwachsenen mehr scherzhaft gesagt „ens (einmal) kacke jon“; sonst auch zu hören „en de Botz kacke“3„sich in die Hose machen“, weniger vulgär als „en de Botz drieße“4„sich in die Hose machen“. „Mer kann keinem nacke Mann en de Täsch kacke“5„Man kann keinem nackten Mann in Tasceh kacke“, „Kinder kacke üvverall“6„Kinder machen überall hin“ „Der Düvel kack nit op ene kleine Hauf“7„Der Teufel macht immer auf den größten Haufen“ bedeutet: Geld kommt meist dorthin, wo schon viel ist

Und plötzlich merkt man: Selbst bei einem Wort, bei dem man zunächst glaubt, es gebe wirklich nichts mehr zu erklären, lässt sich noch etwas lernen. Genau deshalb macht das Blättern im kölschen Sprachschatz so viel Spaß. Man weiß nie, wo man landet.

Schon im "Kackleed" lautet es: "Loss m′r ens e Leedche vum Kacke singe, kacke es e herrlich Dinge". Bild: Alexa auf Pixabay
Schon im „Kackleed“ lautet es: „Loss m′r ens e Leedche vum Kacke singe, kacke es e herrlich Dinge“. Bild: Alexa auf Pixabay

Und mit dem urkölschen „Kackleed“ haben sich auch die Bläck Fööss des Themas angenommen. Ihr „Kackleed“ erschien 1985 auf dem Album Schöne Bescherung. Wie passend! Nicht jeder im organisierten Karneval fand das lustig: Einigen Literaten war das Stück schlicht zu derb und sie forderten die Band auf, dieses Leid nicht auf den Bühnen zu spielen. Aber sie hatten die Rechnung ohne die Fööss gemacht, denn die dachten sich: „Jetzt erst recht!“ und spielten es trotzdem. In dem Text lautet es:

„Loss m′r ens e Leedche vum Kacke singe
kacke es e herrlich Dinge

Kacke müsse och de Nonne
Buure kacke en de Tonne
die Knächte un die Mägde
die kacken en d’r Stall
Kinder dat sin Pute, die kacken üvverall.“

Frank sucht sich die „Höll“ aus

Unser nächstes Begriff war auf Seite 385 zu finden, es geht um ein Wort mit „H“. Frank hat sich auf dieser Seite „Höll“ ausgesucht. Klar – gemeint ist die „Hölle“. Aber wie so oft geht es beim Wrede mit der Erklärung weit über den eigentlichen Begriff hinaus:

Höll: Hölle, gemeingermanisches Wort, mhd. helle, ahd. hell(i)a, altsächsisch hellja, afries. helle, engl. hell; altkölsch hell; zugrunde liegt bergen, vgl. auch hehlen.
„an keine Himmel un kein Höll jläuve“. … Et kütt keiner en de Höll, dä se nit verdeent hät. Wer an der Höll wont, muß sich mem Düvel fründ halde.

Besonders schön ist die auch im Wrede aufgeführte Redewendung: „Du bes esu schläch, dat dich nit ens die Höll maach.“ Und das ist dann Wohl der Gipfel einer jeden Beleidung.

Der „Strunzer“ ist ein Angeber

Unser nächstes Wort findet sich auf Seite 944, beginnt mit „S“ und ist die kölsche Beschreibung eines Angebers: Strunzer. Dieses Wort kommt von „strunzen“, was der Wrede wie folgt beschreibt:

Auf etwas pochen, prahlen, großtun, großspecherisch übertreiben Wat dä Minsch widder strunz.

Unsere persönlichen Lieblingsworte

Zum Schluss wollten wir wissen: Was sind unsere persönlichen Lieblingsworte.

„Fickfacktätche“ vom Frank

Frank machet den Anfang und nannte das völlig unbekannte Wort „Fickfacktätche“. Und zur großen Verwunderung mussten wir feststellen: JA – dieses Wort gibt es tatsächlich. Im Wrede steht dazu

Fickfacktätche: nutzloser Kram, wertlose Kleinigkeit; unnütze,
alberne Verzierung, unnützes Zeug, ripuarisch auch Fickfackerei.

Bargeldloses Prinzip: Der Köbes macht für jedes Kölsch einen Strich, Bild: Uli Kievernagel
Hat garantiert nicht so viele Striche auf seinem Deckel: Der „Schroppsüffer“, Bild: Uli Kievernagel

Schroppsüffer – ne janz fiese Möpp!

Ulis Lieblingswort ist ein Schimpfwort und es steht nicht im Wrede! Es handelt sich um „Schroppsüffer“. Jeder kennt so einen: Erst bei jeder Runde mittrinken, aber wenn man selber dran ist, mal einen auszugeben, ganz klammheimlich verschwinden. Dat mäht man nit! Stellen wir uns vor: Yannik, Frank und Uli gehen gemeinsam ein Kölsch trinken. Yannik bezahlt die erste Runde, Frank die zweite. Nun wäre Uli an der Reihe. Doch plötzlich fällt ihm ein, dass er dringend nach Hause muss. Zwei Kölsch auf Kosten der anderen getrunken – und verschwunden, sobald die eigene Runde fällig wird. Dat is ene Schroppsüffer. Und so etwas gehört sich selbstverständlich nicht.

Das Wort gehört zu den herrlichen kölschen Ausdrücken, für die man im Hochdeutschen erst einmal einen ganzen Satz braucht. Im Kölschen reicht ein einziges Wort – und jeder weiß Bescheid. Denn eines konnte die kölsche Sprache schon immer besonders gut: menschliche Schwächen ziemlich präzise und schonungslos auf den Punkt bringen.

Kölsch ist mehr als Folklore

Bei allem Spaß steckt hinter dem Tag der kölschen Sprache aber auch ein ernstes Thema. Dialekte verändern sich. Wörter verschwinden. Begriffe, die für unsere Großeltern noch selbstverständlich waren, kennt eine Generation später vielleicht niemand mehr. Und in Köln sprechen die wenigsten Kinder Kölsch oder verstehen es.

Das kann man beklagen – oder etwa dagegen tun, dass die kölsche Sprache nicht verloren geht. Ganz einfach:

  • Indem man sie spricht.
  • Indem man kölsche Musik hört.
  • Indem man alte Wörter weitergibt.
  • Und vielleicht auch, indem man gelegentlich den Wrede aus dem Regal zieht und einfach irgendwo aufschlägt.

Es wäre zu schade, wenn Kölsch tatsächlich aussterben sollte. Hinter vielen Begriffen unsere Sprache stecken Geschichten über die Menschen dieser Stadt, ihren Alltag, ihre Arbeit, ihre Eigenarten und ihren Humor. Wer sich mit der Sprache beschäftigt, lernt deshalb immer auch etwas über Köln.

Und manchmal lernt man eben auch, dass ein Papierdrachen ein Pattevugel sein kann, dass eine Kühmbrezel nichts mit Gebäck zu tun hat und dass man tunlichst kein Schroppsüffer sein sollte. Und deshalb gilt nicht nur am Tag der kölschen Sprache:

Sprecht die kölsch Sprache, trinkt Kölsch und lebt die kölsche Lebensart.


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