Hummerich: Das Millionen-Grab auf dem Südfriedhof

Die Grabstätte Hummerich - einst ein echtes "Millionen-Grab", Bild: A.Savin, CC BY-SA 3.0
Die Grabstätte Hummerich – einst ein echtes „Millionen-Grab“, Bild: A.Savin, CC BY-SA 3.0

Der Melatenfriedhof hat seine bekannte „Millionenallee“ – hier befinden sich die Gräber der kölschen (Geld-)Prominenz. Und auch auf dem Südfriedhof ist eine solche Millionenallee zu finden. Hier fanden viele reiche Kölner ihre letzte Ruhe, denn immerhin gehört das noble Viertel Marienburg zum Beerdigungsbezirk des Südfriedhofs. Tatsächlich aber trägt die Millionenallee auf dem Südfriedhof ihren Namen  mit vollem Recht, denn hier war einst ein millionenschwerer Schatz versteckt.

Bomben zerstören die Stadt – Amerikaner marschieren von Westen aus Richtung Rhein

Es ist September 1944. Der Krieg hat tiefe Wunden in der Stadt hinterlassen. Bombenangriffe haben Wohnungen verwüstet, die meisten Kölner haben ihre in vielen Teilen unbewohnbare Stadt bereits verlassen. Das VII. US-Korps überschritt am 12. September 1944 die deutsche Grenze, bereits zwei Tage später wurden Teile von Aachen eingenommen.

Köln im April 1945, mehr als 90% der Innenstadt sind zerstört, Bild: U.S. Department of Defense
Köln im April 1945, mehr als 90% der Innenstadt sind zerstört, Bild:
U.S. Department of Defense

Selbst der NSDAP-Gauleitung war klar, dass die Truppen auf dem weiteren Vormarsch sind und nur noch wenig Zeit bleibt, bis die großen Städte im Westen des Reichs, darunter auch Köln, eingenommen werden. Daher wurde befohlen, die Wertgegenstände der Stadt, insbesondere das vorhandene Bargeld und Wertpapiere, sicher in einer anderen Stadt unterzubringen.

Geniales Versteck auf dem Friedhof

Von dieser Idee hält der Kämmerer der Stadt Köln, Oskar Türk, wenig. Seit 1936 ist für die Finanzen der Stadt verantwortlich. Türk bringt das städtische Geld in Sicherheit, aber anders, als es die Gauleitung vorsieht: Er will das Geld sicher verstecken – in einem Grab.

Die Wahl fällt auf die repräsentative Grabstätte der Familie Hummerich auf dem Südfriedhof, ganz nah am Haupteingang. In der Nacht vom 13. auf den 14. September 1944 ist es dann so weit: In einer echten „Nacht-und-Nebel-Aktion“ werden insgesamt 230 Mio. Reichsmark und Wertpapiere im Wert von etwa 70 Mio. Reichsmark zum Südfriedhof geschafft. Nur drei Männer sind eingeweiht: Kämmerer Türk und zwei Sparkassendirektoren. Sie heben den Deckel der Hummerich-Gruft an und verstauen den Millionenschatz in der darunter liegenden Grabkammer. Die drei Männer vereinbaren striktes Stillschweigen. Erst nach Kriegsende sollte das Geheimnis gelüftet werden.

In den folgenden Monaten kann sich Oskar Türk bei unauffälligen Spaziergängen auf dem Südfriedhof davon überzeugen, dass das Hummerich-Grab unangetastet ist – die Kölner Stadtfinanzen sind sicher untergebracht.

Schatz war verschwunden

Nach dem Krieg forschten die amerikanischen und britischen Besatzer auch nach dem Verbleib der Wertgegenstände der Stadt. Und Türk führte sie zum Hummerich-Grab auf dem Südfriedhof. Doch das Grab war leer, der Millionenschatz verschwunden. „Die Stadtverwaltung hatte das Geld schon herausgeholt“, erklärte Türk in einem Interview des Kölner Stadt-Anzeigers.

Und so saß die Stadt Köln in der unmittelbaren Nachkriegszeit auf einem Millionenschatz. Fraglich ist allerdings, welchen Wert dieser Schatz tatsächlich noch hatte. Dem reinen Nennwert1Dem auf den Geldscheinen aufgedruckten Werten. nach waren es tatsächlich Millionenwerte, allerdings war die echte Kaufkraft erheblich geringer. Nur zum Vergleich: Eine Zigarette kostete 1946 auf dem Schwarzmarkt bis zu 10 Reichsmark, ein Pfund Butter zwischen 150 und 250 Reichsmark, Kaffee wurde für mehr als 2.000 Reichsmark je Pfund gehandelt.

Aber immerhin kann man heute noch von einer „echten“ Millionenallee auf dem Südfriedhof sprechen.


Tatsächlich haben viele Menschen gegen Ende des Kriegs Geld Wertpapiere und sonstige Wertgegenstände versteckt: Vergraben im Garten, eingemauert im Keller, im Dachgebälk versteckt etc. Angeblich wurden auch Friedhöfe als Versteck genutzt. Allerdings will offensichtlich niemand darüber reden – es finden sich kaum belastbare Belege dafür, dass Geld oder ähnliches in Gräbern versteckt wurde.


Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Immer kurz & knackig, immer subjektiv und voreingenommen.

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.

*Datenschutzerklärung

Die Entschuttung des Gürzenichs: Vom Aprilscherz zur Realität

Das Dreigestirn der Session 1949 mit Schüpp und Hau am Gürzenich. Bild: koelner-karneval.info

Immer wieder schicken einen nette Mitmenschen „in den April“. Woher der Brauch kommt, ist unklar. Aber die lustigen Ideen der Zeitungen, im Fernsehen und im Radio sorgen immer wieder für Lacher – egal, ob es um Spaghetti-Bäume oder fliegende Pinguine geht. Ein ganz besonderer Coup zum 1. April 1949 ist dem damaligen Kölner Dreigestirn gelungen.  Ein Aprilscherz in fünf Akten:

1. Akt: Ein Gespräch wird belauscht – angeblich

Am 31. März 1949 erschien ein anonymer Leserbrief in der Kölnischen Rundschau. Ein aufmerksamer Leser behauptete, in einer Gaststätte zufällig ein Gespräch des Kölner Dreigestirns belauscht zu haben. Ein Gespräch, welches es nie gegeben hat.

Angeblich hätten Prinz Theo I. (Theo Röhrig), Bauer Andreas (Andreas Müller) und Jungfrau Friedel (Fred Reulen) Pläne für die nahe Zukunft geschmiedet: Man würde mit „Schüpp un Hau“ zum zerstörten Gürzenich gehen und den Schutt dort wegräumen um „… auch im grauen Alltag etwas für die Stadt Köln zu tun.“

Köln im April 1945, mehr als 90% der Innenstadt sind zerstört, Bild: U.S. Department of Defense
Köln im April 1945, mehr als 90% der Innenstadt sind zerstört, Bild:
U.S. Department of Defense

Und grau war der Alltag im Jahr 1949 in Köln tatsächlich. Ausgebombte Ruinen säumen die notdürftig freigeräumten Straßen. Der größte Teil aller Häuser wurde zerstört. Alle Menschen sehnen sich nach Normalität, und dazu hat auch der Karneval beigetragen: Im Williams-Bau finden seit 1947 erste Karnevalssitzungen und Bälle statt, und im Februar 1949 geht der erste Rosenmontagszug durch Köln – wegen der kritischen britischen Besatzer nicht als „D´r Zoch“ sondern als „Erweiterte Kappenfahrt“1[Dieser Titel erinnert an den ersten Rosenmontagszug nach dem Ersten Weltkrieg im Jahr 1927, der ebenfalls den damaligen britischen Besatzern als „Kappenfahrt“ verkauft wurde.] durch die in Trümmern liegende Stadt.

In dieser grauen Zeiten sind positive Nachrichten sehr willkommen. Deswegen erregt der als Aprilscherz gedachte Leserbrief über die angebliche Aktion des Dreigestirns eine hohe Aufmerksamkeit.

Prinz Theo I., Bauer Andreas und Jungfrau Friedel bei der Arbeit am Gürzenich, Bild: Bild: koelner-karneval.info
Prinz Theo I., Bauer Andreas und Jungfrau Friedel bei der Arbeit am Gürzenich, Bild: Bild: koelner-karneval.info

2. Akt: Das Dreigestirn nimmt den Ball auf

Auch Prinz Theo I. liest in der Zeitung den Bericht über die angebliche Entschuttung des Gürzenichs und fasst sofort einen Plan: „Mer mache dat!“. Eilig werden Bauer und Jungfrau eingebunden, ein Lastwagen wird organisiert und siehe da: Am 1. April um 11 Uhr stehen die drei am Gürzenich und fangen eifrig an, Schutt zu schippen.

Regierungspräsident Wilhelm Warsch gratuliert dem Dreigestirn, Bild: koelner-karneval.info
Regierungspräsident Wilhelm Warsch gratuliert dem Dreigestirn, Bild: koelner-karneval.info

3. Akt: Auch die Medien und die Politik wollen mit dabei sein

Selbstverständlich sollte diese Aktion nicht geheim bleiben. So drängen sich am 1. April bereits die vorab informierten Reporter mit ihren Kameras vor dem Gürzenich. Und wo Kameras sind, sind auch die Politiker nicht weit entfernt. Regierungspräsident Wilhelm Warsch freute ich darüber, dass „aus einem Aprilscherz eine so beziehungsvolle Wirklichkeit geworden sei.“

4. Akt: Die ganze Stadt zieht nach

Die Entschuttung des Gürzenichs wird zu einem stadtweiten Anliegen. Karnevalsgesellschaften, Sportvereine, Unternehmen und einzelne Bürger kommen mit Schüpp und Hau zum Gürzenich. Auch Menschen, die selber in einfachsten Behausungen leben müssen, fassen mit an, um „Kölns gute Stube“ wieder zu einem Festsaal zu machen.

So wurde das Karnevalsmotto der 1949er Session

„Mer sin widder do un dun, wat mer künne.“

gelebte Realität in einer vom Krieg schwer gezeichneten Stadt. Im Zuge der Dynamik dieses Aprilscherzes beschließt der Stadtrat zügig, den Gürzenich wieder aufzubauen.

Feierliche Wiedereröffnung des Gürzenichs am 2. Oktober 1955, Bundesarchiv, B 145 Bild-F002968-0007 / Unterberg, Rolf / CC-BY-SA 3.0
Feierliche Wiedereröffnung des Gürzenichs am 2. Oktober 1955, Bundesarchiv, B 145 Bild-F002968-0007 / Unterberg, Rolf / CC-BY-SA 3.0

5. Akt: Die Wieder-Einweihung des Gürzenichs

Es sollte noch ein paar Jahre dauern, aber am 2. Oktober 1955 war es endlich so weit: Der Gürzenich wurde wieder eingeweiht.

Und so führte ein Aprilscherz dazu, dass sich eine ganze Stadt organisierte, um „ihren“ Gürzenich wieder aufzubauen. Prinz Theo I. schrieb später dazu „Durch diesen Scherz wurde es offensichtlich, dass allen Bevölkerungsschichten Kölns der Wiederaufbau unserer guten, alten Stube mehr am Herzen liegt, als es die Stadtverwaltung und die Planer Kölns angenommen hatten.“

In diesem Sinne trifft sich das aktuelle Dreigestirn am Donnerstag, 1. April, um 11 Uhr an der Oper, um dort aufzuräumen. Um 13 Uhr geht es weiter an die Baustelle der Nord-Süd-Stadtbahn, damit es auch dort zügig weitergeht. Um 15 Uhr werden dann vom Bauer Fundamente für die Leverkusener Brücke gegossen, während Prinz und Jungfrau den hässlichen Musical-Dome abreißen. So kann es in unserer Stadt endlich mal vorangehen.


 

Der Gürzenich und Alt St. Alban: Orte der Gegensätze

 
Der Gürzenich und Alt St. Alban - Orte voller Gegensätze, Bilder: Köln-Kongress (Gürzenich), Raimond Spekking / CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons (St. Alban)
Der Gürzenich und Alt St. Alban – Orte voller Gegensätze, Bilder: Köln-Kongress (Gürzenich), Raimond Spekking / CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons (St. Alban)

In dem Gebäudekomplex des Gürzenichs ist auch die Ruine von Alt St. Alban als Mahnmal gegen den Krieg integriert. So liegen Freude und Trauer direkt nebeneinander.


Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Immer kurz & knackig, immer subjektiv und voreingenommen.

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.

*Datenschutzerklärung

Das Denkmal für die Opfer der NS-Militärjustiz in Dünnwald

Denkmal für die Opfer der NS-Militärjustiz am ehemaligen Schießplatz Dünnwald, Bild: Uli Kievernagel
Denkmal für die Opfer der NS-Militärjustiz am ehemaligen Schießplatz Dünnwald, Bild: Uli Kievernagel

„Was kann man besseres tun als den Krieg zu verraten.“

Jakob Brock wurde nur 23 Jahre alt. Der an der Ostfront eingesetzte Soldat hatte während eines Fronturlaubs im Februar 1945 geheiratet und deswegen einen Urlaubs-Verlängerungsantrag gestellt. Dieser Antrag wurde telefonisch bestätigt. Eine schriftliche Bestätigung kam aber in den Wirren der bevorstehenden Kriegsniederlage nie bei seinem Kommandeur an. Daher galt Jakob Brock als „Fahnenflüchtiger“. Ein Standgericht verurteilte Brock am 7. April 1945 zum Tode. Ein Erschießungskommando vollstreckte noch am gleichen Tag in Dünnwald das Urteil.

Ermordung von „Wehrkraftzersetzern“ oder „Fahnenflüchtigen“

Jakob Brock war einer der 23 Männer, die in einem Dünnwalder Schießstand und der nahegelegenen Kiesgrube als „Wehrkraftzersetzer“ oder „Fahnenflüchtige“ erschossen wurden. Der Jüngste unter ihnen war gerade 18 Jahre alt. Nur im Klingelpütz wurden noch mehr Soldaten ermordet: Durch das Fallbeil fanden dort etwa 70 Deserteure den Tod.

„Bis vor Kurzem hatten wir nur eine vage Idee, dass dort [in Dünnwald, Anm. d. Red.] Erschießungen stattgefunden haben“ sagte Karola Fings 2016 im Kölner Stadt-Anzeiger1https://www.ksta.de/koeln/wo-in-koeln-einst-soldaten-hingerichtet-wurden-sote-23465516. Die im Jahr 2016 stellvertretende Direktorin des NS-Dokumentationszentrums hatte bei spärlicher Quellenlage die Geschichte der Erschießungen in Dünnwald recherchiert.

Hinrichtungen in Dünnwald, Quelle: Jahresbericht 2014 des NS-Dokumentationszentrums Köln, Seite 100
Hinrichtungen in Dünnwald, Quelle: Jahresbericht 2014 des NS-Dokumentationszentrums Köln, Seite 100

Der Dünnwalder Schießplatz

Den Ort des Geschehens kannten viele Dünnwalder nur als „den Schießplatz“. Dieser wurde 1887 von der Preußischen Armee in der Kützeler Heide in Dünnwald angelegt. Auf sechs Schießbahnen mit bis zu 600 Meter Länge wurde Schießen geübt. Die Bahnen waren jeweils mit Erdwällen abgetrennt. Nur diese sind heute noch zu erahnen. Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg musste die Anlage wegen der Bestimmungen des Versailler Vertrags stillgelegt werden.

Mit der Aufrüstung der Wehrmacht fanden dort ab 1936 wieder militärische Übungen statt. Ab Oktober 1940 wurden auf dem Schießplatz und in einer nahe gelegenen Kiesgrube die Exekutionen an den Deserteuren durchgeführt. Das dort Erschießungen stattgefunden hatten, war vielen Dünnwaldern unbekannt.

Stele als Denkmal

Zur Erinnerung an dieses finstere Kapitel wurde vor fast exakt einem Jahr, am 29. September 2019, ein Denkmal für die Opfer der NS-Militärjustiz am ehemaligen Schießplatz Dünnwald eingeweiht. Die Initiative dafür hatten Dünnwalder Vereine und Einzelpersonen ergriffen. Die Aufstellung der Stele wurde von der Bezirksvertretung Mülheim einstimmig, bei Enthaltung von drei Stimmen aus der CDU-Fraktion, beschlossen.

Unter Federführung des NS-Dokumentationszentrums wurden Ruedi und Vera Baur beauftragt, dieses Denkmal zu errichten. Die beiden Künstler hatten bereits 2009 das Deserteurdenkmal am Appellhofplatz errichtet. Das Denkmal, so die Historikerin Fings, soll „die Geschichte der Militärjustiz erhellen, wobei wir den Schwerpunkt auf die Opfer legen.“ Entstanden ist eine schlanke Stele mit einem Zitat des ehemaligen Wehrmachtsdeserteurs Ludwig Baumann:
„Was kann man Besseres tun als den Krieg verraten.“

Erinnerung an Deserteure dringend notwendig

Die letzten NS-Urteile gegen Kriegsdienstverweigerer, Wehrkraftzersetzer, Wehrmachtdeserteure und Kriegsverräter wurden erst 2009 vom Deutschen Bundestag für nichtig erklärte. Nach dem Kriegsende galt diese Gruppe als Feiglinge oder Verräter, die Angehörigen wurden oft diskriminiert und erhielten keine Hinterbliebenenrenten.

Die junge Witwe von Jakob Brock erfuhr erst nach der Erschießung vom Tod ihres Mannes. Seine erst im November 1945 geborene Tochter hat ihren Vater nie kennenlernen können.


Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Immer kurz & knackig, immer subjektiv und voreingenommen.

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.

*Datenschutzerklärung

Is et am rääne? – Büttenredner Karl Küpper

Gedenktafel für Karl Küpper am Haus Kalker Hauptstr. 215 in Köln-Kalk.
Gedenktafel für Karl Küpper am Haus Kalker Hauptstr. 215 in Köln-Kalk.

 

Der Karneval und das Dritte Reich sind ein dunkles Kapitel. Zu den lobenswerten Ausnahmen gehört der Büttenredner Karl Küpper. Als „Ne Verdötschte“  machte sich Küpper auf Kölns Karnevalsbühnen über die Nazis lustig. Ein Klassiker waren seine Auftritte, die Hand zum Hitlergruß ausgetreckt und die Frage in den Raum „Is et am rääne?“ oder auch „Su huh litt der Dreck bei uns im Keller.“

Seine subversiven Auftritte blieben nicht ohne Folgen. Im Jahr 1939 belegten die Nazis ihn mit einem lebenslangem Rede- und Auftrittsverbot. Einer Verhaftung umging er mit seiner freiwilligen Meldung zur Wehrmacht. Das Redeverbot wurde aufgehoben und Küpper spielte im Fronttheater.

Zurück aus Kriegsgefangenschaft war Küpper wieder Redner im Karneval – und prangerte die Einflussnahme der alten Nazis in Wirtschaft und Gesellschaft an. So hob er bei einem Auftritt im Karneval 1951 den rechten Arm und rief in den Saal „Et es widder am rähne!“. Und wieder wurde er Opfer der vermeintlichen Eliten und mit einem faktischen Auftrittsverbot im Karneval bestraft. Küpper beendete 1960 seine Karriere als Büttenredner und wurde Gastwirt in Köln-Kalk. 1970 verstarb Karl Küpper im Alter von 64 Jahren. Sein Grab ist auf Melaten zu finden.

Im Jahr 2011 hat die Stadt einen Platz in der Innenstadt nach Karl Küpper benannt. Die aber wohl schönste Ehrung für Küpper stammt von der Stunksitzung: Präsident Jürgen Becker hat eine Rede des „Verdötschten“ im originalen Wortlaut vorgetragen.


November 2019: AfD will das Gedenken an Karl Küpper missbrauchen

Gleich zweimal wurde Karl Küpper von den Nazis von den Bühnen verbannt: Zunächst 1939 mit einem ausgesprochenen Auftrittsverbot durch die braunen Machthaber. In der Nachkriegszeit wurde er zum zweiten Mal Opfer der vermeintlichen Eliten. Die alten Nazis, die es in Politik und Gesellschaft wieder zu Ruhm und Ehre gebracht haben, stellten ihn mit einem faktischen Auftrittsverbot kalt.

Und jetzt, 80 Jahre später, vergreifen sich wieder Politiker von Rechtsaußen an dem verdienten Karnevalisten. Ausgerechnet die AfD, deren Protagonist sogar laut Gerichtsbeschluss Faschist genannt werden darf, will einen „Karl Küpper Preis“ für die beste politische Büttenrede der Session ins Leben rufen. Also eine Partei, die eindeutig rechtes Gedankengut vertritt, will einen erklärten Gegner für ihre perfiden Zwecke missbrauchen.

Um eins klarzustellen: Würde Karl Küpper heute noch leben, wäre er entschiedener Gegner der widerlichen Politik der AfD. Sein Sohn, Gerhard Küpper, wendet sich auch ganz entschieden gegen diese Provokation. Er schreibt in einem Brief an unsere Oberbürgermeisterin Henriette Reker „Mein Vater war zu seinen Lebzeiten strikt gegen jede Form nationalsozialistischen Gedankenguts und hat sie mit allen Mitteln unter Lebensgefahr bekämpft; würde er heute noch leben, würde er diesen Kampf auch mit der AfD aufnehmen.“.

In aller Deutlichkeit

Wenn eine tiefbraune Partei sich ausgerechnet an einem Gegner der NS-Diktatur vergreift, um diesen für ihre populistischen Zwecke zu missbrauchen, müssen wir alle unsere Stimme dagegen erheben. Also liebes Festkomitee, liebe Präsidenten der Karnevalsgesellschaften, liebe aktive Büttenredner – höre ich euch?

Ich habe diesen Aufruf an Büttenredner und Funktionäre der Karnevalsgesellschaften geschickt. Die Rückmeldungen dazu findet ihr hier: Stimmen zum Beitrag „Is et am rääne?“ – Büttenredner Karl Küpper


Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Immer kurz & knackig, immer subjektiv und voreingenommen.

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.

*Datenschutzerklärung

30. Oktober 1944: Bombenangriff löscht Hochzeitsgesellschaft vollständig aus

Zugangstreppe vom Bunker auf Melaten, Bild: Hans Jörg Michell, www.lindenthal.blog
Zugangstreppe vom Bunker auf Melaten, Bild: Hans Jörg Michell, www.lindenthal.blog

Und wieder heulen die Sirenen: Fliegeralarm in Köln. Es ist der 30. Oktober 1944, etwa 20.30 Uhr. Die fast schon regelmäßigen Angriffe auf die Stadt zermürben die Menschen. Und doch sucht eine Gruppe von feiernden Menschen so etwas wie Normalität in der grausamen Zeit des Kriegs und feiert eine Hochzeit. Eine Feier mit etwa 100 Menschen in einer Gaststätte in Lindenthal, mittendrin das frisch vermählte Brautpaar.

Doch der Fliegeralarm beendet die Feier vorzeitig. Die gesamte Gesellschaft sucht einen Schutzraum auf dem nahe gelegenen Friedhof Melaten auf. Bei diesem Schutzraum handelt es sich nicht um einen vollständig gesicherten und entsprechend geschützten Bunker, sondern nur um einen Deckungsgraben, so Robert Schwienbacher vom Kölner Institut für Festungsarchitektur1Quelle: Kölner-Stadt Anzeigers vom 26. November 2015. Schwienbacher: „Streng genommen handelt es sich nicht um einen Bunker sondern um einen Deckungsgraben, der Schutz vor Trümmern, Splittern Gaseinwirkung und der Druckwelle bieten sollte.“ Dies wird der Hochzeitgesellschaft zum Verhängnis. Die im Volksmund genannten „Angströhren“ waren einfacher und kostengünstiger herzustellen – aber auch wesentlich unsicherer als echte Luftschutzbunker. Eine der Schwachstellen dieser Bauwerke ist der Luftschacht. Und genau an dieser Stelle schlägt eine Fliegerbombe ein. Die Menschen in dem Bunker haben keine Chance. Die ungeheure Druckwelle der Bombe dringt nahezu ungehindert in die „Angströhre“ ein und zerfetzt sofort die Lungen der Menschen. Keiner der Schutzsuchenden überlebt diesen Tag.

Die Generalprobe zum jüngsten Gericht

Der Angriff vom 30. Oktober 1944 ist einer der verheerendsten Fliegerangriffe auf Köln. Innerhalb von weniger als zwei Stunden laden etwa 1.000 Bomber ihre tödliche Fracht ab. 200.000 Brandbomben und mehr als 4.000 Sprengbomben verwüsten vorwiegend die westlichen Stadtteile, weil sich die Bomber an der Aachener Straße orientieren. 554 Menschen sterben in dieser Nacht.

Eine Lancaster wirft eine Luftmine zusammen mit Brandbomben ab, Bild: Royal Air Force
Eine Lancaster wirft eine Luftmine zusammen mit Brandbomben ab, Bild: Royal Air Force

Auch das St. Elisabeth-Krankenhaus (Hohenlind) wird schwer getroffen. Ein Pater aus dem Krankenhaus sprach in dieser Nacht von der „Generalprobe zum jüngsten Gericht“. In den folgenden Tagen kommen die Kölner kaum noch nach,  Tote und Verletzte zu zählen. Der Historiker Martin Rüther berichtet, dass die Leichen auf Müllwagen abtransportiert wurden.2 Martin Rüther: Köln im Zweiten Weltkrieg. Alltag und Erfahrungen zwischen 1939 und 1945. Darstellungen – Bilder – Quellen. Emons Verlag, Köln, 2005

20.000 tote Kölner durch Luftangriffe

Die noch folgenden Luftangriffe trafen eine fast menschenleere Stadt: Nur noch etwa 40.000 Menschen lebten zur „Stunde Null“ am 8. Mai 1945 in Köln. Vor dem Krieg, im Jahr 1939, gab es noch mehr als 760.000 Einwohner. Insgesamt fordern die 262 Luftangriffe auf Köln 20.000 Tote.
Zu diesen Toten gehören auch die in der „Angströhre“ auf Melaten Gestorbenen der Hochzeitgesellschaft. Allerdings verliert sich ihre Spur, es gibt kein Gemeinschaftsgrab und keine Aufzeichnungen dazu. Um die Erinnerung wachzuhalten, hat der Kölner Stadtkonservator Ralf Beines zum 50. Jahrestag im Jahr 1994 eine Plakette an dem noch existierenden, aber total verfallenen, Schutzraum anbringen lassen. Der Journalist Tim von Lindenau hat den Bunker besichtigt und ein beeindruckendes Video dazu veröffentlicht. 


Bereits am 29. Juni 1943 gab es den verheerenden „Peter-und-Paul-Angriff“ auf Köln.


Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Immer kurz & knackig, immer subjektiv und voreingenommen.

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.

*Datenschutzerklärung

Peter-und-Paul-Bombenangriff im Krieg – Köln war ein Flammenmeer

Köln im April 1945, mehr als 90% der Innenstadt sind zerstört, Bild: U.S. Department of Defense
Köln im April 1945, mehr als 90% der Innenstadt sind zerstört, Bild:
U.S. Department of Defense

Es war der 29. Juni 1943, kurz nach 1 Uhr. Die Sirenen heulen und warnen vor einem bevorstehenden Luftangriff. Für die Bevölkerung in Köln fast schon Alltag: Schnell den ständig bereitstehenden Koffer mit den wichtigsten Dokumenten mitnehmen und ab in den Luftschutzkeller. Doch diese Nacht war anders, der Angriff heftiger. Etwa 500 Bomber werfen 67 Luftminen, 1.000 Sprengbomben, 158.000 Brandbomben und mehr als 4.000 Phosphorbrandbomben ab. Gerade mal 90 Minuten dauert dieser heftige Angriff.

Die ganze Stadt war ein großes Flammenmeer

„Um uns herum erlebten wir ein wüstes Spektakel. Die nicht enden wollenden Salven der laut ballernden 2cm-Flak nahe unseren Häusern mischen sich mit den Zischen der herabstürzenden Bomben und dem nachfolgenden Getöse der einstürzenden Häuser.“ notiert der damals 16jährige Wilhelm Dohrmann am 29. Juni 1943  in sein Tagebuch 1„Mein Köln – Leser erzählen Geschichte“, Herausgeber: Verena Dix, Christina Rinkl, Seite 140.

„Ein einzig großes Feuermeer, wohin man auch sah. … Das Dom-Hotel brannte. Das Café Reichard brannte. Ich bin am Heinzelmännchenbrunnen vorbei zum Rhein gelaufen, dort brannte es auch.“ erinnert sich der im Jahr 1943 erst 13 Jahre alte Paul Brandt. 2„Die Stadt war ein einziges Feuermeer“, Kölner-Stadt-Anzeiger vom 29. Juni 2018

Der Peter-und-Paul-Angriff am 29. Juni 1943 hatte schwerwiegenden Folgen, besonders für die Zivilbevölkerung. So starben in dieser Nacht 4.377 Menschen, es gab mehr als 6.300 zerstörte Wohngebäude, 230.000 Menschen wurden obdachlos. Auch 24 Schulen, zwei Krankenhäuser und 17 Kirchen wurden durch die Bomben zertrümmert.

Eine Lancaster wirft eine Luftmine zusammen mit Brandbomben ab, Bild: Royal Air Force
Eine Lancaster wirft eine Luftmine zusammen mit Brandbomben ab, Bild: Royal Air Force
Verheerende Wirkung durch Luftminen

Es wurden hochmoderne Waffen eingesetzt, so auch die gefürchteten Luftminen. Diese bis zu zwei Tonnen schweren Bomben bestanden bis auf eine dünne Ummantelung vollständig aus hochexplosivem Sprengstoff. Die durch die Zündung beim Aufschlag auf den Boden ausgelöste Druckwelle war verheerend. Gebäude im Umkreis von 100 Metern fielen in sich zusammen wie Kartenhäuser, Dächer im Umkreis von mehreren hundert Metern wurden abgedeckt. Besonders perfide: Direkt nach dem Abwurf einer Luftmine wurden Brandbomben abgeworfen, die so die ungeschützten Dachstühle entzünden konnten.

Ein britischer Vickers Wellington Bomber. Dieser Typ war mit mehr als 11.400 Exemplaren der meistgebaute Bomber der Royal Airforce.
Ein britischer Vickers Wellington Bomber. Dieser Typ war mit mehr als 11.400 Exemplaren der meistgebaute Bomber der Royal Airforce.

Der Peter-und-Paul Angriff war der heftigste der insgesamt 262 Luftangriffe auf Köln. Selbst der „1.000 Bomber-Angriff“ in der Nacht vom 30. auf den 31. Mai 1942 hatte „nur“ 400 Todesopfer zur Folge. Insgesamt starben in Köln etwa 20.000 Menschen durch die Luftangriffe im 2. Weltkrieg. Die letzten Luftangriffe im Jahr 1945 trafen eine fast menschenleere Stadt: Nur noch etwa 40.000 Menschen lebten in Köln. Vor dem Krieg, im Jahr 1939, gab es noch mehr als 760.000 Einwohner.

Folgen des Bombardements noch heute spürbar

Die Folgen des Bombenkriegs spüren die Kölner bis heute: Regelmäßig müssen alte Blindgänger entschärft werden. Ich selber wurde bereits zweimal während einer Entschärfung evakuiert. Wie viele Bomben noch im Boden liegen ist unbekannt, selbst Fachleute könne keine valide Einschätzung abgeben. Also müssen wir uns noch länger daran gewöhnen, dass regelmäßig mehr als 70 Jahre alte Bomben gefunden werden.


Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Immer kurz & knackig, immer subjektiv und voreingenommen.

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.

*Datenschutzerklärung

Kölsche Tön & ihre Geschichte: Heimweh noh Kölle

Heimweh noh Kölle, Bild: Dong-Uck Kong
Heimweh noh Kölle, Bild: Dong-Uck Kong

Unvorstellbar: Eine kölsche Veranstaltung OHNE die kölscheste alle kölschen Hymne „Heimweh noh Kölle“ von Willi Ostermann. Dat jeht nit! Auch wenn Brings, Kasalla & Co. einen Saal zum Kochen gebracht haben – sobald die Hauskapelle die ersten Takte dieses Lieds anstimmt, werden alle sentimental und reiben sich verlegen die Tränchen aus den Augen:

In Köln am Rhing bin ich jebore,
ich han, un dat litt mir im Senn,
ming Muttersproch noch nit verlore,
dat es jet wo ich stolz drop ben.

Eigentlich unverwüstlich hat aber gerade dieses Lied eine bewegte Geschichte hinter sich. Ostermann hat es selber nie gehört, die Nazis haben das Lied verboten, in Kriegsgefangenenlagern wurde es zum Ausdruck des Heimwehs und so ziemlich jeder kölsche Musiker hat es gecovert. Und dabei wurde regelmäßig eine Strophe unterschlagen.

Von Ostermann nicht fertiggestellt

Die „Uraufführung“ war zur Beerdigung Willi Ostermanns am 10. August 1936. Ostermann hatte das Lied zu Lebzeiten nicht mehr fertigstellen können. Vollendet wurde es durch seinen Freund Thomas Liessem, der am Grab den Refrain vortrug. Noch im gleichen Jahr wurde eine Platte mit dem Lied herausgegeben und war ein voller Erfolg. Das Honorar für diese Platte, 9.000 Reichsmark (das entspricht immerhin zwei durchschnittlichen Jahreslöhnen im Jahr 1936), stiftetet Liessem als Grundstock für ein Ostermann-Denkmal.

Von den Nazis verboten

Die Machthaber im Dritten Reich verbieten im Krieg die mittlerweile prominente „Kölsche Hymne“. Die Sehnsucht nach der Heimat passte nicht zu den Durchhalteparolen der Nazis. So wurde das Lied wegen „Wehrkraftzersetzung“ kurzerhand verboten.

Von den Kriegsgefangenen geliebt

In den Kriegsgefangenenlagern während und nach dem Krieg wird das Lied mit seinen eingängigen Zeilen zum Ausdruck des Heimwehs der deutschen Soldaten. So berichtet ein Gefangener aus dem Lager Wickrathberg (heute ein Stadtteil von Mönchengladbach): „Unvergessen bleibt ein Gefangenenchor, der eines Abends im Lager Wickrathberg sang: „Ich möch zo Foß noh Kölle jon“. Der Text erschütterte alle Zuhörer, weil er der Situation und den Empfindungen gerecht wurde.“ (Auszug aus einer Rede von Heinz Pankoweit vom 12. November 2011).

Gut nachzuvollziehen, lautet es doch im Refrain:
Wenn ich su an ming Heimat denke
un sin d’r Dom su vör mir ston
mööch ich direk op Heim an schwenke,
ich mööch zo Foß no Kölle gon.

Von vielen gecovert

Es gibt kaum einen kölschen Musiker, der dieses Lied nicht im Repertoire hat, hier eine kleine Auswahl mehr oder minder gelungener Interpretationen:

Die für mich schönste Version des Klassikers hat Tommy Engel auf seiner CD „Dat kölsche Songbook“ eingespielt. Leider ist der Song nicht online verfügbar, aber allein wegen dieses Titels lohnt sich schon der Kauf dieser CD.

Eine „vergessene“ Strophe

Alle Cover – seien sie nun gelungen oder nicht – haben eines gemeinsam:
Alle unterschlagen die zweite Strophe.
Ich han su off vum Rhing gesunge,
vun unsem schöne, deutsche Strom,
su deutsch wie he ming Leeder klunge,
su deutsch bliev Köln met singem Dom.

So zu finden in den Original-Notenheften der Ostermann-Lieder. Ich habe dazu bei Petra Sippel, von der Ostermann-Gesellschaft nachgefragt. „Das Lied „Heimweh noh Kölle“ hat vier Strophen.“ so Petra Sippel.  „Wenn Sie auf unserer Homepage den Hinweisen Willi Ostermann / Lieder und Gedichte / Partituren und Noten folgen, dann finden Sie auch die Original Partituren und Noten des Liedes. Vom Arrangement gibt es drei verschiedene Versionen, der Text ist aber gleich und besteht eben aus den bekannten vier Strophen.  Warum nun gerade die zweite Strophe wenig gesungen wird, erschließt sich uns nicht. Vielleicht liegt es daran, dass auf den alten Schellackplatten nur ein begrenzter Text gesungen und deshalb das ganze Lied nicht aufgenommen werden konnte. Es gibt in der Tat keinen Tonträger, auf dem alle vier Strophen gesungen werden.“

Lied macht sentimental

Aber auch ohne diese Strophe (oder gerade ohne diese Strophe) ist dieser kölsche Klassiker in nahezu jeder Situation dazu geeignet, dem Kölschen eine kleines Tränchen zu zaubern, welches er sich möglichst ungesehen aus dem Augenwinkeln wischt. Beobachtet das mal, wenn ihr bei nächster Gelegenheit dieses Lied hört.


Heimweh nach Köln
Text und Musik: Willi Ostermann

En Kölle am Rhing ben ich gebore,
ich han un dat litt mir em Senn,
ming Muttersproch noch nit verlore,
dat eß jet, wo ich stolz drop ben.

Refrain
Wenn ich su an ming Heimat denke
un sin d’r Dom su vör mir ston,
mööch ich direk op Heim an schwenke,
ich mööch zo Foß no Kölle gon.

Ich han su off vum Rhing gesunge,
vun unsem schöne, deutsche Strom,
su deutsch wie he ming Leeder klunge,
su deutsch bliev Köln met singem Dom.
(Refrain)

Un deiht d’r Herrjott mich ens rofe,
dem Petrus sagen ich alsdann:
„Ich kann et räuhig dir verzälle,
dat Sehnsucht ich no Kölle han.“
(Refrain)

Un luuren ich vum Himmelspöözche
dereins he op ming Vaterstadt,
well stell ich noch do bovve sage,
wie gähn ich dich, mie Kölle, hatt.
(Refrain)


Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Immer kurz & knackig, immer subjektiv und voreingenommen.

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.

*Datenschutzerklärung

 

Kölsche Tön & ihre Geschichte: „Der Trizonesien-Song“

Die Besatzungszonen nach dem 2. Weltkrieg, Bildquelle: Elymnus
Die Besatzungszonen nach dem 2. Weltkrieg, Bildquelle: Elymnus

Mit dem Klassiker „Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien“ von Karl Berbuer setze ich heute die Mini-Reihe „Kölsche Tön & ihre Geschichte“ fort. Ziel ist, dass ihr an Karneval textsicher mitsingen könnt und auch die Hintergründe der Lieder kennt.

Als Karl Berbuer das Lied 1948 schrieb, sollte es eigentlich der „Bizonesien-Song“ werden. Damit war die Amerikanisch-Britische-Besatzungszone nach dem 2. Weltkrieg gemeint. Tatsächlich trat aber Frankreich auch der Bizone bei – und so wurde es eine Trizone. Berbuer änderte den Refrain noch vor der Veröffentlichung und sorgte mit dem Lied schnell für Ärger bei den Alliierten.

Verhöhnung der Nazis, kein Revanchismus

„Die Deutschen werden wieder frech“ titelte die britische „Times“ und witterte Revanchismus gegenüber den Siegermächten. Gemeint war die Textzeile „Ein kleines Häuflein Diplomaten macht heut die große Politik, sie schaffen Zonen, ändern Staaten“. Gewiss war hier eine Kritik an den Besatzungsmächten enthalten, aber das Lied ist nicht als deutsche Kraftmeierei zu verstehen. Vielmehr verhöhnt Berbuer mit dem Reim „Wir haben Mägdelein mit feurig wildem Wesien“  das nationalsozialistische Schlagwort vom „Deutschen Wesen“.

Auch die Briten akzeptierten irgendwann den Trizonesien-Song, und so konnte sich dieses Lied zur mehr oder weniger heimlichen Nationalhymne entwickeln.  So erklang das Lied bei einem Fußballspiel zwischen Engländern und deutschen Kriegsgefangenen, direkt nach „God save the King“. Auch in Köln wurde diese Ersatzhymne bei der Siegerehrung nach einem Radrennen gespielt. Konrad Adenauer erinnerte sich sehr gut daran: „Es war auch manches belgische Militär in Uniform da vertreten, und schließlich wurden die Nationalhymnen angestimmt, und die Musikkapelle, … hat ohne besonderen Auftrag, als die deutsche Nationalhymne angestimmt werden sollte, das schöne Karnevalslied „Ich bin ein Einwohner von Trizonesien“ angestimmt. … Da sind zahlreiche belgische Soldaten aufgestanden und haben salutiert, weil sie glaubten, das wäre die Nationalhymne.“

Doch Adenauer wollte eine „echte“ Nationalhymne und setzte das „Lied der Deutschen“, und zwar nur die dritte Strophe, als Hymne durch. Doch das war erst 1952. Nur am Rande: Ich persönlich hätte nichts gegen den Trizonesien-Song als Hymne gehabt. Ganz im Gegenteil. Etwas mehr Humor hätte vielleicht schon manche diplomatische Krise entschärft.

Nächste Woche geht es weiter mit der Reihe Kölsche Tön & ihre Geschichte, dann mit dem Bläck-Föös Klassiker „Mer losse d’r Dom en Kölle“ von 1973.


Auf der Lotsentour Südfriedhof besuchen wir das Grab von Karl Berbuer.


Karl Berbuer: Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien

Anhören unter: https://youtu.be/JqIr3Ffgz7Q

Mein lieber Freund, mein lieber Freund,
die alten Zeiten sind vorbei,
ob man da lacht, ob man da weint,
die Welt geht weiter, eins, zwei, drei.

Ein kleines Häuflein Diplomaten
macht heut die große Politik,
sie schaffen Zonen, ändern Staaten.
Und was ist hier mit uns im Augenblick?

Refrain:
Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien,
Hei-di-tschimmela-tschimmela-tschimmela-tschimmela-bumm!
Wir haben Mägdelein mit feurig wildem Wesien,
Hei-di-tschimmela-tschimmela-tschimmela-tschimmela-bumm!
Wir sind zwar keine Menschenfresser,
doch wir küssen um so besser.
Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien,
Hei-di-tschimmela-tschimmela-tschimmela-tschimmela-bumm!

Doch fremder Mann, damit du’s weißt,
ein Trizonesier hat Humor
er hat Kultur, er hat auch Geist,
darin macht keiner ihm was vor.

Selbst Goethe stammt aus Trizonesien,
Beethovens Wiege ist bekannt.
Nein, sowas gibt’s nicht in Chinesien,
darum sind wir auch stolz auf unser Land.

Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien …


Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Immer kurz & knackig, immer subjektiv und voreingenommen.

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.

*Datenschutzerklärung

Kölsche Wörter: „fringsen“ und das 7. Gebot: Du sollst nicht stehlen.

 

Kardinal Frings Denkmal, Laurenzplatz, Bild: Uli Kievernagel
Kardinal Frings Denkmal, Laurenzplatz, Bild: Uli Kievernagel

Die Kölner hatten stets ein gespaltenes Verhältnis zu ihrem jeweiligen Bischof. Eine echte Ausnahme war Joseph Kardinal Frings. Im Hungerwinter 1946/47 fehlt es in der zerstörten Stadt Köln an allem. Und der in der Bevölkerung sehr beliebte „Rheinische Kardinal“ Frings steht Silvester 1946 auf der Kanzel der Kirche St. Engelbert in Riehl und predigt:
„Wir leben in Zeiten, da in der Not auch der Einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit notwendig hat, wenn er es auf andere Weise, durch seine Arbeit oder Bitten, nicht erlangen kann“.
Im Klartext: Die Kirche erlaubt von höchster Stelle aus den Diebstahl von überlebensnotwendigen Dingen.

Und die Kölner nehmen ihren Bischof beim Wort. Ab 1947 nimmt zum Beispiel der „Kohlenklau“ deutlich zu. Menschen klettern auf Eisenbahnwaggons und „organisieren“ sich Brennmaterial, um den bitterkalten Winter zu überleben – man geht „fringsen“. Ein Wort, welches in den Sprachgebrauch einer ganzen Region eingegangen ist.

Was übrigens gerne vergessen wird: Frings hatte auch deutlich darauf hingewiesen, dass man doch den späteren Schadensersatz nicht vergessen dürfe. Diesen Teil der Predigt überhörten die Kölner aber wohl.

Mehr über Kardinal Frings gibt es in dem lesenswerten Buch „Der Rheinische Kardinal“


Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Immer kurz & knackig, immer subjektiv und voreingenommen.

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.

*Datenschutzerklärung