Das Dreigestirn: Prinz – Bauer – Jungfrau (Teil I)

Ein typisches Dreigestirn mit Prinz, Bauer und Jungfrau. Bild: Norbert Bröcheler
Ein typisches Dreigestirn mit Prinz, Bauer und Jungfrau. Bild: Norbert Bröcheler

In diesen Tagen ist es wieder soweit: Überall im Rheinland werden die Tollitäten proklamiert. Dabei handelt es sich in der Regel um Dreigestirne, bestehend aus Prinz, Bauer und Jungfrau. In manchen Orten übernehmen aber auch einzelne Prinzen oder Prinzenpaare die jecke Regentschaft. Und alle Möglichkeiten gibt es auch in „klein“: Kinderdreigestirne, Kinderprinzen, Kinderprinzessin – alles ist möglich.

Hut ab vor den großen und kleinen Menschen, die dieses Amt für die Karnevalszeit übernehmen. Neben sehr viel Zeit braucht es auch Geld und eine Menge Enthusiasmus, über die Karnevalsbühnen zu ziehen und jeden Saal zum „schönsten Saal im Leben“ zu deklarieren. Und es lohnt sich, einen genaueren Blick auf das Dreigestirn und die Figuren „Prinz“, „Bauer“, „Jungfrau“ und den zu Unrecht oft vergessenen Prinzenführer zu werfen.

Das Dreigestirn

Alle drei zusammen bilden das Trifolium (von „tres, also „drei“ und „folium“ = „Blatt“, also so etwas wie ein dreiblättriges Kleeblatt.). In der heute bekannten Form gibt es das Trifolium erst seit 1870 und die Bezeichnung „Dreigestirn“ erst seit 1938. Das Dreigestirn wird jedes Jahr von anderen Personen gebildet.

Ein schmucker Prinz. Bild: Norbert Bröcheler
Ein schmucker Prinz. Bild: Norbert Bröcheler

Der Prinz

Mit der Reform des Karnevals im Jahr 1823 und der Bildung des „fest ordnenden Komitee“, aus dem später das Festkomitee des Kölner Karnevals von 1823 e.V. hervorgehen sollte, wurde auch die Figur des „Held Carneval“ geschaffen. Anders als in der Zeit vor 1823 sollte auch die Bürgerschicht für den Karneval gewonnen werden. Daher trug der Held Carneval auch ein Gewand, welches an einen Monarchen erinnern sollte. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde aus dem Helden der Prinz Karneval und das Gewand wandelte sich zu dem heute bekannten Prinzenornat mit kurzer Hose und der höfisch nachempfundenen Strumpfhose. Auf dem Kopf trägt der Prinz die Prinzenmütze mit vier bunten Fasanenfedern: Rot und weiß stehen für Köln, grün und gelb für den bunten Karneval. Ab Karnevalssonntag allerdings hat der Prinz fünf Federn, denn traditionell bekommt er an diesem Tag auf der Sitzung der „Grossen Karnevalsgesellschaft von 1823“ eine Feder, welche vorher die Mütze des Präsidenten der Grossen Karnevalsgesellschaft schmückte.

Auf der Proklamation erhält der Prinz als Zeichen seiner Macht die „Pritsch“. Diese Pritsch (man könnte auch „Klatsche“ sagen) kann auch zur Züchtigung eingesetzt werden. Damit soll der Prinz das ausgelassene Treiben der Jecken in die richtigen Bahnen lenken. Im Rosenmontagszug fährt der Prinz alleine auf dem größten und prächtigsten Wagen des Zugs – ganz am Ende als Höhepunkt des Zugs.

Ne staatse Buur! Deutlich zu erkennen: Das Kettenhemd. Bild: Norbert Bröcheler
Ne staatse Buur! Deutlich zu erkennen: Das Kettenhemd. Bild: Norbert Bröcheler

Der Bauer

Wer meint, dass der Bauer nur einen harmlosen Landwirt darstellen soll, liegt vollkommen falsch. Der „Kölsche Boor“ repräsentiert die Wehrhaftigkeit der Stadt. Er trägt ein Kettenhemd, auf sehr alten Darstellungen auch ein Schwert, und steht für die Wehrhaftigkeit der Stadt. Auch der schwere, eisenbewehrte Dreschflegel des Bauern ist weniger dafür gedacht, Korn zu dreschen sondern eher die Feinde der Stadt zu Brei zu schlagen. Somit stellt der Bauer im Dreigestirn einen Krieger dar und erinnert an die Befreiung der Stadt in der Schlacht von Worringen.

Daher werden große und schwere Männer für die Rolle des Bauern ausgewählt – „ne staatse Boor“, wie der Kölsche sagt. Und in der Tat ist so ein Bauer mit seinem großen Hut – er trägt Pfauenfedern auf dem Kopf – fast drei Meter hoch. Eine imposante Erscheinung.

Die Pfauenfeder, als Symbol für ewige Treue und Unsterblichkeit, symbolisiert die Unsterblichkeit der Stadt Köln, die der Bauer verkörpern soll. Um die korrekte Zahl der Pfauenfedern ranken sich zahlreiche Sagen. Angeblich sollen es 125 Federn sein: Die Quersumme ergibt acht und Ziffer Acht auf die Seite gelegt ergibt das Symbol für Unendlichkeit.  

Die Figur des Bauern gab es bis 1872 nur sporadisch, je nachdem, ob sie zum jeweiligen Karnevalsmotto passte. Erst ab diesem Jahr begleiten Jungfrau und Bauer den Prinzen. Auf der Proklamation erhält der Bauer die Stadtschlüssel und bewahrt diese an seinem Gürtel auf. Im Rosenmontagszug fährt er gemeinsam mit der Jungfrau auf einem prächtigen Festwagen.

Das SCHÖNSTE, was ein Dreigestirn zu bieten hat: Die Jungfrau. Bild: Norbert Bröcheler
Das Schönste, was ein Dreigestirn zu bieten hat: Die Jungfrau. Bild: Norbert Bröcheler

Die Jungfrau

Das Schönste was Köln zu bieten hat, ist die Jungfrau. In der immer noch männerdominierten Karnevalswelt wird diese regelmäßig von einem Mann dargestellt. Die Jungfrau trägt ein römisch anmutendes Gewand, welches an Agrippina erinnern soll. Ihre Krone ist den Zinnen der Stadtmauer nachempfunden. Die Jungfrau ist somit das Symbol, dass die Stadt Köln unverletzlich und uneinnehmbar ist.

In den Jahren 1938 und 1939 wurde die Jungfrau tatsächlich jeweils durch eine Frau dargestellt. Hintergrund war die Bestrebungen der Nationalsozialisten gegen die Homosexualität. Im gleichen Zuge wurden die bis zu diesem Zeitpunkt üblichen männlichen Funkemariechen der Tanzgarden durch weibliche Tänzerinnen ersetzt. Doch während man 1949 beim ersten Dreigestirn nach dem Krieg wieder auf männliche Jungfrauen setzte, blieb man bei den Tanzgarden bis heute bei den weiblichen Funkemariechen.

Auf der Proklamation erhält die Jungfrau einen Spiegel, damit sie sich selbst ständig bewundern kann. Die Verleihung des Spiegels ist eine vergleichsweise junge Tradition. Erst seit 1993 wird der Spiegel überreicht, eine Idee des damaligen Kölner Oberbürgermeisters Burger. Denn bis dahin bekamen der Prinz die Pritsch und der Bauer die Stadtschlüssel – nur die Jungfrau ging leer aus.


Nächste Woche geht es um die Ornate des Dreigestrirns, Auftritte und Eskapaden von Prinz, Bauer und Jungfrau. Außerdem versuche ich die regelmäßig gestellte Frage zu beantworten, was der Spaß für die drei kostet.


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Is et am rääne? – Büttenredner Karl Küpper

Gedenktafel für Karl Küpper am Haus Kalker Hauptstr. 215 in Köln-Kalk.
Gedenktafel für Karl Küpper am Haus Kalker Hauptstr. 215 in Köln-Kalk.

 

Der Karneval und das Dritte Reich sind ein dunkles Kapitel. Zu den lobenswerten Ausnahmen gehört der Büttenredner Karl Küpper. Als „Ne Verdötschte“  machte sich Küpper auf Kölns Karnevalsbühnen über die Nazis lustig. Ein Klassiker waren seine Auftritte, die Hand zum Hitlergruß ausgetreckt und die Frage in den Raum „Is et am rääne?“ oder auch „Su huh litt der Dreck bei uns im Keller.“

Seine subversiven Auftritte blieben nicht ohne Folgen. Im Jahr 1939 belegten die Nazis ihn mit einem lebenslangem Rede- und Auftrittsverbot. Einer Verhaftung umging er mit seiner freiwilligen Meldung zur Wehrmacht. Das Redeverbot wurde aufgehoben und Küpper spielte im Fronttheater.

Zurück aus Kriegsgefangenschaft war Küpper wieder Redner im Karneval – und prangerte die Einflussnahme der alten Nazis in Wirtschaft und Gesellschaft an. So hob er bei einem Auftritt im Karneval 1951 den rechten Arm und rief in den Saal „Et es widder am rähne!“. Und wieder wurde er Opfer der vermeintlichen Eliten und mit einem faktischen Auftrittsverbot im Karneval bestraft. Küpper beendete 1960 seine Karriere als Büttenredner und wurde Gastwirt in Köln-Kalk. 1970 verstarb Karl Küpper im Alter von 64 Jahren. Sein Grab ist auf Melaten zu finden.

Im Jahr 2011 hat die Stadt einen Platz in der Innenstadt nach Karl Küpper benannt. Die aber wohl schönste Ehrung für Küpper stammt von der Stunksitzung: Präsident Jürgen Becker hat eine Rede des „Verdötschten“ im originalen Wortlaut vorgetragen.


November 2019: AfD will das Gedenken an Karl Küpper missbrauchen

Gleich zweimal wurde Karl Küpper von den Nazis von den Bühnen verbannt: Zunächst 1939 mit einem ausgesprochenen Auftrittsverbot durch die braunen Machthaber. In der Nachkriegszeit wurde er zum zweiten Mal Opfer der vermeintlichen Eliten. Die alten Nazis, die es in Politik und Gesellschaft wieder zu Ruhm und Ehre gebracht haben, stellten ihn mit einem faktischen Auftrittsverbot kalt.

Und jetzt, 80 Jahre später, vergreifen sich wieder Politiker von Rechtsaußen an dem verdienten Karnevalisten. Ausgerechnet die AfD, deren Protagonist sogar laut Gerichtsbeschluss Faschist genannt werden darf, will einen „Karl Küpper Preis“ für die beste politische Büttenrede der Session ins Leben rufen. Also eine Partei, die eindeutig rechtes Gedankengut vertritt, will einen erklärten Gegner für ihre perfiden Zwecke missbrauchen.

Um eins klarzustellen: Würde Karl Küpper heute noch leben, wäre er entschiedener Gegner der widerlichen Politik der AfD. Sein Sohn, Gerhard Küpper, wendet sich auch ganz entschieden gegen diese Provokation. Er schreibt in einem Brief an unsere Oberbürgermeisterin Henriette Reker „Mein Vater war zu seinen Lebzeiten strikt gegen jede Form nationalsozialistischen Gedankenguts und hat sie mit allen Mitteln unter Lebensgefahr bekämpft; würde er heute noch leben, würde er diesen Kampf auch mit der AfD aufnehmen.“.

In aller Deutlichkeit

Wenn eine tiefbraune Partei sich ausgerechnet an einem Gegner der NS-Diktatur vergreift, um diesen für ihre populistischen Zwecke zu missbrauchen, müssen wir alle unsere Stimme dagegen erheben. Also liebes Festkomitee, liebe Präsidenten der Karnevalsgesellschaften, liebe aktive Büttenredner – höre ich euch?

Ich habe diesen Aufruf an Büttenredner und Funktionäre der Karnevalsgesellschaften geschickt. Die Rückmeldungen dazu findet ihr hier: Stimmen zum Beitrag „Is et am rääne?“ – Büttenredner Karl Küpper


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Jan von Werth – vom Bauernsohn zum Reitergeneral

Dat Spillche vun Jan und Griet vom Reiter-Korps Jan von Werth, zu sehen jedes Jahr an Wieverfastelovend an d´r Vringsporz, Bild: Uli Kievernagel
Dat Spillche vun Jan und Griet vom Reiter-Korps Jan von Werth, zu sehen jedes Jahr an Wieverfastelovend an d´r Vringsporz, Bild: Uli Kievernagel

Griet: „Jan, wer et hät jewoss.“
Jan: „Griet, wer et hät jedonn.“

Die Sage von Jan und Griet zeigt, wohin es führt, wenn statt der Liebe nur auf das Geld geschaut wird. Sehr frei übersetzt bedeutet dieser Wortwechsel:

Griet: „Jan, hätte ich gewusst, dass du so eine Karriere machst,
hätte ich dich nicht verschmäht.“

Jan: (kurz und bündig): „Griet, du hast es schlichtweg verbockt.“

Die Sage von Jan und Griet ist Kölner Kulturgut

Die Magd Griet verschmähte einst den armen Bauernsohn Jan, weil sie auf eine bessere Partie hofft. Dieser verlässt Köln, verdingt sich als Söldner und macht eine steile Karriere. Viel später kommt er als hochdekorierter und reicher General nach Köln zurück. Aber es ist zu spät für die Liebe – Griet hat es verbockt.

Ob an der traurigen Liebesgeschichte etwas dran ist? Wahrscheinlich eher nicht, denn es gibt keine Belege dafür. Den Jan aber gab es tatsächlich. Und seine steile militärische Karriere belegen zahlreiche Quellen.

Bauernsohn macht Karriere im Militär

Jan, eigentlich Johann, kommt wahrscheinlich im Jahr 1591 auf die Welt. Wo genau, lässt sich nicht mehr ermitteln, wahrscheinlich in Büttgen am Niederrhein. Die Familie zieht 1599 nach Köln und Jan arbeitet als Pferdeknecht. Wahrlich keine gute Partie! Und die Aussichten für einen mittellosen Knecht waren auch nicht gerade rosig.

Einen Ausweg für Männer wie Jan – ohne Perspektive und Geld – boten die zahlreichen Werber: Gesucht wurden junge, starke und ungebundene Männer für die Söldnerheere. Der Bedarf an Soldaten war enorm, denn große und kleine Kriege gab es zahlreich. Spätestens mit dem Dreißigjährigen Krieg ab 1618 war jeder, der irgendeine Waffe halten konnte, als Söldner gefragt. So entschließt sich Jan im Alter von etwa 19 Jahren dazu, in das wallonische Heer unter der spanischen Flagge einzutreten.

„Franzosenschreck“ Jan von Werth

Jan war ein guter Krieger, furchtlos und ein echter Draufgänger. Schnell machte der Haudegen Jan von Werth eine steile Karriere, vom Fußsoldaten bis hin zum General. Er überlebte viele Verletzungen, so auch eine Kugel, die seine Wange durchschlug und ihm im Hals steckenblieb. Für wen er dabei kämpfte, bestimmte der, der ihn dafür bezahlte – ein klassischer Söldner eben. So zog er für die Spanier, für Kurköln, die Bayern und für Ferdinand II., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, ins Feld.

Jan von Werth, Gemälde im Pfarrhaus von Neersen, Repro: Udo Schmitz
Jan von Werth, Gemälde im Pfarrhaus von Neersen, Repro: Udo Schmitz

Die Kriegsgeschäfte liefen gut, sein erklärter Lieblingsgegner waren die Franzosen, gegen die er in mehr als zwei Dutzend Schlachten gewann. Das brachte ihm nicht nur den Titel „Franzosenschreck“ ein, sondern auch Ländereien, Güter und viel Geld. Sein Meisterstück war 1637 die Eroberung der von den Franzosen gehaltenen Festung Ehrenbreitstein in Koblenz durch eine Belagerung.

Kein Wunder, dass der französische König Ludwig XIII. und Kardinal Richelieu sehr erfreut waren, als Jan 1638 in französische Gefangenschaft geriet. Bei der Schlacht in Rheinfelden wurde sein Pferd unter ihm weggeschossen, die Flucht zu Fuß misslang. Vier Jahre war Jan Gefangener, allerdings nicht bei Wasser und Brot, sondern er wurde – im Gegenzug zu seinem Ehrenwort, nicht zu fliehen – sehr gut behandelt und 1642 gegen den schwedischen General Gustaf Graf Horn ausgetauscht.

Im Jahr 1650, im Alter von etwa 60 Jahren, setzte sich Jan in seinem eigenen Schloss Benatek, im heutigen Tschechien, zur Ruhe. Eigentlich war es ein Wunder, dass Jan tatsächlich dieses Alter erreichte. Die durchschnittliche Lebenserwartung im 17. Jahrhundert lag bei ungefähr 30 Jahren und Jan hatte in unzähligen Schlachten gekämpft. Am 12. September 1652 starb Jan von Werth. Er hinterließ neben einer Ehefrau, die immerhin 41 Jahre jünger war, ein großes Vermögen und zahlreiche Güter und Ländereien in Böhmen, Bayern, Köln und im Rheingau.

Tja Griet, dumm gelaufen. Ävver: „Wer et hät jewoss.“


Der Jan-von-Werth-Brunnen auf dem Alter Markt, Bild: Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)
Der Jan-von-Werth-Brunnen auf dem Alter Markt, Bild: Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Auf der Lotsentour Innenstadt besuchen wir auch den Jan-von-Werth-Brunnen auf dem Alter Markt.


Dat Spillche vun Jan und Griet vom Reiter-Korps Jan von Werth, zu sehen jedes Jahr an Wieverfastelovend an d´r Vringsporz, Bild: Uli Kievernagel
Dat Spillche vun Jan und Griet vom Reiter-Korps Jan von Werth, zu sehen jedes Jahr an Wieverfastelovend an d´r Vringsporz, Bild: Uli Kievernagel

Jedes Jahr an Weiberfastnacht spielt das Reiter-Korps Jan von Werth, eine der Traditionsgesellschaften des kölschen Karnevals, das Aufeinandertreffen von Jan und Griet an der Severinstorburg nach. Anders als in der Sage finden sich die beiden hier aber jedes Jahr und ziehen gemeinsam mit Kölns ersten Karnevalszug des Session zum Alter Markt. Hier der entscheidende Moment aus dem Jahr 2019.


Auch die Kölner Band BAP hat die Sage mit „Die Moritat vun Jan un Griet“ aufgegriffen. Hier wird Jan von Griet sehr deutlich abserviert, weil er nix ahn de Fööß hät, also ein armer Schlucker ist:

„Nä Jan, du siehs bei mir kei Land,
verjess et, du kriss nie ming Hand,
wat du och deiß, wat du och lööß,
du häss nix ahn de Fööß, Mann!
Et deit mer leid, du weiß Bescheid,
dat du bei mir nit lande kanns,
Niete wie du, die hann bei mir kein Chance.“


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Ein paar Fragen an Mike Kremer von Miljö – durch und durch ein Höhenhauser

Miljö, fünf Jungs rocken die Säle, von links: Simon Rösler, Nils Schreiber, Mike Kremer, Max Eumann, Sven Löllgen, Bild: Daniela Patricia Rösler
Miljö mit Mike Kremer (in der Mitte) rocken die Säle, von links: Simon Rösler, Nils Schreiber, Mike Kremer, Max Eumann, Sven Löllgen, Bild: Daniela Patricia Rösler

Die Musik erklingt „dam dam dam, da-da-da-da-da-da-da-da, dam dam dam!“ und die Jecken heben ab zum „Wolkeplatz„. Textsicher wird Miljö durch den Auftritt getragen. Wenn die Band dann noch Kölsch statt Käsch nachlegt, stehen alle auf den Stühlen.

Das war nicht immer so. „Damals gingen die meisten Leute an die Theke oder pinkeln, wenn wir auf die Bühne kamen“, erinnert sich Mike Kremer, Frontmann der Band in einem Interview der Aachener Zeitung. „Damals“ war vor 2015. In diesem Jahr räumte  Miljö mit „Su lang beim Lommi die Leechter noch brenne“ ganz groß im Karneval ab: Platz zwei bei „Loss mer singe“ und Platz eins bei Radio Köln.

Doch auch wenn die fünf Jungs von der Schäl Sick regelmäßig „Mer hevve aff, zum Wolkeplatz“ singen, sind sie doch ganz bodenständig geblieben. So hat Frontmann und Sänger Mike Kremer sofort zugesagt, meine Fragen zu beantworten. Und das mitten in der stressigen Karnevalszeit. Dafür ein großes DANKE.


Warum lebst du in Köln?

Ich bin in Köln geboren, aufgewachsen und fühle mich deshalb dort zuhause. Ich würde nirgendwo anders mein Nest bauen wollen – obwohl ich es in Aachen mal temporär probiert habe.

Welche kölsche Eigenschaft zeichnet dich aus?

Ich bin offenherzig, emotional und benutze leidenschaftlich gern Kraftausdrücke.

Was würdest du morgen in unserer Stadt ändern?

Unbedingt alle Fahrradwege ausbauen, eine achte Rheinbrücke bauen, um den Verkehr zu entlasten und die Schulen dazu ermutigen, mehr Unterricht auf Kölsch zu halten.

Wenn nicht Köln – wo sonst könntest du leben? Und warum gerade dort?

Wenn es Deutschland sein soll, Hamburg. Die Hamburger sind zwar schroffer, aber im Herzen genauso gutmütig wie wir Rheinländer. Ansonsten Südfrankreich – ich habe mal ein Jahr lang dort gelebt und mich in Frankreich verliebt.

Tommy Engel, ein Vorbild für Mike Kremer von Miljö, Bild: Nicole Fritz
Tommy Engel, ein Vorbild für Mike Kremer,  Bild: Nicole Fritz

Welche KölnerInnen haben dich beeinflusst / beeindruckt?

Ganz klar die Bläck Fööss, besonders mit Tommy Engel, dessen Nachfolgeband L.S.E. ich nach wie vor großartig finde.

Wo ist dein Lieblingsplatz in Köln?

Als Höhenhauser natürlich der Wupperplatz. 🙂 Ich mag aber auch das Flair auf dem Brüsseler Platz an einem Sommerabend.

Was machst du zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch?

Seitdem es Miljö gibt, stehe ich durchgehend auf den Bühnen Kölns und komme – wenn ich Glück habe – gerade einmal zum Schlafen kurz nach Hause.  Vor Miljö war es ähnlich, nur stand ich da VOR den Bühnen oder eben in den Kneipen im Veedel.

Und was zwischen Aschermittwoch und Weiberfastnacht?

Da im Rheinland in den letzten Jahren ein gigantisches Interesse an kölscher Musik erwacht ist, stehe ich auch in der Zeit hauptsächlich auf den Bühnen in und um Köln.

Wat hät für dich noch immer jood jejange?

Et Lävve. Wir leben noch. Ist das nicht Grund genug zum Feiern?

Wenn ich 10.000 Euro für etwas spenden würde, ginge mein Geld an….

Benachteiligte Kinder oder Einrichtungen, die Kindern und Frauen helfen, die häuslicher Gewalt oder gar sexuellen Übergriffen ausgesetzt sind. Es gibt in meinen Augen kein schlimmeres Verbrechen.

Wodrüber laachs de dich kapott?

Camping.

Dein Lieblingskölsch?

Natürlich Gaffel Kölsch. Wenn’s alkoholfrei sein soll, dann aber lieber Reissdorf.

Himmel un Ääd - eine rheinische Spezialität aus Kartoffelpüree, Apfelmus, Zwiebeln und gebratener Blutwurst, Bild: Anagonia
Himmel un Ääd – früher das Lieblingsessen von Mike Kremer., Bild: Anagonia

Dein kölsches Lieblingsessen?

Früher Himmel un Ääd. Jetzt, da ich seit drei Jahren vegan lebe, fällt das alles deutlich schwerer. Mein Motto aber ist: Pommes gehen immer!

Die Gaststätte Lommerzheim in Deutz, Bild: Superbass
Die Gaststätte Lommerzheim  – selbstverständlich Mike Kremers Lieblingskneipe  – welche auch sonst?, Bild: Superbass

Deine Lieblingskneipe? Warum?

Natürlich die Gaststätte Lommerzheim. Ich mag aber auch gerne die kleine Veedelskneipe öm de Eck.

Dein Lieblingsveedel? Warum?

Ich bin durch und durch Höhenhauser. Dort bin ich geboren, aufgewachsen, zur Schule gegangen und dort lebe ich auch heute wieder mit meiner Familie.

Nenne ein/zwei/drei Gründe, warum man Köln morgen verlassen sollte.

Auch wenn Aufgeben nie eine Option sein sollte: wenn die AfD oder eine andere rechtspopulistische Partei irgendwann mal die Mehrheit im Landes- oder gar Bundesparlament gewinnen sollte, kann ich mir vorstellen, auszuwandern. Auch wenn das schwer fallen wird.

Dein Lieblingsschimpfwort auf Kölsch?

Tütenüggel

Bitte vervollständige den Satz: Köln ist ….

… das kleine, selbstverliebte aber offenherzige gallische Dorf im Westen Deutschlands, in dem man nie lange alleine an der Theke steht.


Am 28. September 2021 hat Mike ein paar sehr persönliche Worte auf Facebook zu seiner Autoimmunerkrankung veröffentlicht:

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Kölsche Tön & ihre Geschichte: Heimweh noh Kölle

Heimweh noh Kölle, Bild: Dong-Uck Kong
Heimweh noh Kölle, Bild: Dong-Uck Kong

Unvorstellbar: Eine kölsche Veranstaltung OHNE die kölscheste alle kölschen Hymne „Heimweh noh Kölle“ von Willi Ostermann. Dat jeht nit! Auch wenn Brings, Kasalla & Co. einen Saal zum Kochen gebracht haben – sobald die Hauskapelle die ersten Takte dieses Lieds anstimmt, werden alle sentimental und reiben sich verlegen die Tränchen aus den Augen:

In Köln am Rhing bin ich jebore,
ich han, un dat litt mir im Senn,
ming Muttersproch noch nit verlore,
dat es jet wo ich stolz drop ben.

Eigentlich unverwüstlich hat aber gerade dieses Lied eine bewegte Geschichte hinter sich. Ostermann hat es selber nie gehört, die Nazis haben das Lied verboten, in Kriegsgefangenenlagern wurde es zum Ausdruck des Heimwehs und so ziemlich jeder kölsche Musiker hat es gecovert. Und dabei wurde regelmäßig eine Strophe unterschlagen.

Von Ostermann nicht fertiggestellt

Die „Uraufführung“ war zur Beerdigung Willi Ostermanns am 10. August 1936. Ostermann hatte das Lied zu Lebzeiten nicht mehr fertigstellen können. Vollendet wurde es durch seinen Freund Thomas Liessem, der am Grab den Refrain vortrug. Noch im gleichen Jahr wurde eine Platte mit dem Lied herausgegeben und war ein voller Erfolg. Das Honorar für diese Platte, 9.000 Reichsmark (das entspricht immerhin zwei durchschnittlichen Jahreslöhnen im Jahr 1936), stiftetet Liessem als Grundstock für ein Ostermann-Denkmal.

Von den Nazis verboten

Die Machthaber im Dritten Reich verbieten im Krieg die mittlerweile prominente „Kölsche Hymne“. Die Sehnsucht nach der Heimat passte nicht zu den Durchhalteparolen der Nazis. So wurde das Lied wegen „Wehrkraftzersetzung“ kurzerhand verboten.

Von den Kriegsgefangenen geliebt

In den Kriegsgefangenenlagern während und nach dem Krieg wird das Lied mit seinen eingängigen Zeilen zum Ausdruck des Heimwehs der deutschen Soldaten. So berichtet ein Gefangener aus dem Lager Wickrathberg (heute ein Stadtteil von Mönchengladbach): „Unvergessen bleibt ein Gefangenenchor, der eines Abends im Lager Wickrathberg sang: „Ich möch zo Foß noh Kölle jon“. Der Text erschütterte alle Zuhörer, weil er der Situation und den Empfindungen gerecht wurde.“ (Auszug aus einer Rede von Heinz Pankoweit vom 12. November 2011).

Gut nachzuvollziehen, lautet es doch im Refrain:
Wenn ich su an ming Heimat denke
un sin d’r Dom su vör mir ston
mööch ich direk op Heim an schwenke,
ich mööch zo Foß no Kölle jon.

Heimweh nach Köln - mehr als nur ein Lied. Hier der Beweis: Dat jeiht uns Kölschen buchstäblich unger de Huck. Bild: Uli Kievernagel
Heimweh nach Köln – mehr als nur ein Lied. Hier der Beweis: Dat jeiht uns Kölschen buchstäblich unger de Huck. Bild: Uli Kievernagel

Von vielen gecovert

Es gibt kaum einen kölschen Musiker, der dieses Lied nicht im Repertoire hat, hier eine kleine Auswahl mehr oder minder gelungener Interpretationen:

Die für mich schönste Version des Klassikers hat Tommy Engel auf seiner CD „Dat kölsche Songbook“ eingespielt. Leider ist der Song nicht online verfügbar, aber allein wegen dieses Titels lohnt sich schon der Kauf dieser CD.

Eine „vergessene“ Strophe

Alle Cover – seien sie nun gelungen oder nicht – haben eines gemeinsam:
Alle unterschlagen die zweite Strophe.
Ich han su off vum Rhing gesunge,
vun unsem schöne, deutsche Strom,
su deutsch wie he ming Leeder klunge,
su deutsch bliev Köln met singem Dom.

So zu finden in den Original-Notenheften der Ostermann-Lieder. Ich habe dazu bei Petra Sippel, von der Ostermann-Gesellschaft nachgefragt. „Das Lied „Heimweh noh Kölle“ hat vier Strophen.“ so Petra Sippel.  „Wenn Sie auf unserer Homepage den Hinweisen Willi Ostermann / Lieder und Gedichte / Partituren und Noten folgen, dann finden Sie auch die Original Partituren und Noten des Liedes. Vom Arrangement gibt es drei verschiedene Versionen, der Text ist aber gleich und besteht eben aus den bekannten vier Strophen.  Warum nun gerade die zweite Strophe wenig gesungen wird, erschließt sich uns nicht. Vielleicht liegt es daran, dass auf den alten Schellackplatten nur ein begrenzter Text gesungen und deshalb das ganze Lied nicht aufgenommen werden konnte. Es gibt in der Tat keinen Tonträger, auf dem alle vier Strophen gesungen werden.“

Lied macht sentimental

Aber auch ohne diese Strophe (oder gerade ohne diese Strophe) ist dieser kölsche Klassiker in nahezu jeder Situation dazu geeignet, dem Kölschen eine kleines Tränchen zu zaubern, welches er sich möglichst ungesehen aus dem Augenwinkeln wischt. Beobachtet das mal, wenn ihr bei nächster Gelegenheit dieses Lied hört.


Heimweh nach Köln
Text und Musik: Willi Ostermann

En Kölle am Rhing ben ich gebore,
ich han un dat litt mir em Senn,
ming Muttersproch noch nit verlore,
dat eß jet, wo ich stolz drop ben.

Refrain
Wenn ich su an ming Heimat denke
un sin d’r Dom su vör mir ston,
mööch ich direk op Heim an schwenke,
ich mööch zo Foß no Kölle gon.

Ich han su off vum Rhing gesunge,
vun unsem schöne, deutsche Strom,
su deutsch wie he ming Leeder klunge,
su deutsch bliev Köln met singem Dom.
(Refrain)

Un deiht d’r Herrjott mich ens rofe,
dem Petrus sagen ich alsdann:
„Ich kann et räuhig dir verzälle,
dat Sehnsucht ich no Kölle han.“
(Refrain)

Un luuren ich vum Himmelspöözche
dereins he op ming Vaterstadt,
well stell ich noch do bovve sage,
wie gähn ich dich, mie Kölle, hatt.
(Refrain)


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Kölsche Tön & ihre Geschichte: „Su lang die Leechter noch brenne“

Miljö bei einem Konzert in der Live Music Hall, Bild: Kay-Uwe Paulen Krake
Miljö bei einem Konzert in der Live Music Hall, Bild: Kay-Uwe Paulen Krake

Das Festkomitee Kölner Karneval ruft jedes Jahr ein spezielles Sessionsmotto aus. Nach eher seltsamen Motto-Varianten wie „Köln hat was zu beaten“ (2011) oder „E Fastelovendsfoßballspill“ (mehr oder weniger passend zur Fußball-WM 2006) lautet das Motto dieses Jahr „Uns Sproch es Heimat“. Durchaus gelungen, geht es doch um Sprache als wichtiges Instrument der Integration. Und da passt der bereits 2015 erschienene Titel „Sulang die Leechter noch brenne“ von Miljö perfekt zu diesem Motto.

Eine neue Generation von kölschen Bands

Miljö ist eine der jungen Bands, die im Zuge der „Fastelovends-Renaissance“ bekannt geworden sind. Zusammen mit zum Beispiel Lupo, Fiasko oder auch Kempes Finest stehen sie für eine neue Generation: Unverbraucht und offen. Mit kölschen Texten und mühelos zwischen verschiedenen Musikstilen hin- und herspringend überträgt sich unmittelbar der Spaß, den die fünf Jungs an der Musik haben. Und mit Liedern wie De Welt noch nit jesinn oder Wolkeplatz steht Miljö regelmäßig ganz vorne in den Fastelovends-Chart, egal ob bei Radio Köln oder bei „Loss mer singe“. Zu den Hits zählt selbstverständlich auch die Hommage an den Lieblingswirt der Band und die kölsche Lebensart Su lang die Leechter noch brenne.

Der Lommi-Brunnen zeigt Hans Lommerzheim bei der Arbeit, Bild: Willy Horsch
Der legendäre Wirt Hans Lommerzheim bei der Arbeit, Bild: Willy Horsch

Fortbestand der kölschen Lebensart

In diesem Lied steht der legendäre Wirt des Lommerzheims stellvertretend für die kölsche Lebensart. Denn, so der Text, solange es den Lommi noch gibt, so stirbt auch der Kölsche nicht aus. Hintergrund ist der befürchtete Verlust der kölschen Identität, mit der uns eigenen Sprache und der uns eigenen Lebensart. Diese Lebensart drückt sich in dem Lied durch spezielle kölsche Figuren und Eigenarten aus:

„Su lang ‘ne Funk weiß, wie Stippefott jeiht“
Der durchaus gewöhnungsbedürftige Tanz der Kölner Gardekorps: Die Gardisten stellen sich Rücken an Rücken und reiben ihre Hinterteile aneinander. Wörtlich übersetzt ist das der hervorstehende Hintern („stippe“) und das liebevolle kölsche Wort für das Gesäß: „Föttche“.

Zwei Funken beim Stippeföttchen, hier auf einem Notgeldschein der Stadt Köln von 1922
Zwei Funken beim Stippeföttchen, hier auf einem Notgeldschein der Stadt Köln von 1922

„Su lang dä Pitter noch schläht“
Hier ist der Decke Pitter, die gewaltige St. Petersglocke im Dom, mit 24 Tonnen bis November 2018 die größte freischwingende Glocke der Welt, gemeint.

Der Decke Pitter im Kölner Dom, Bild: Pappnaas666
Der Decke Pitter im Kölner Dom, Bild: Pappnaas666

„Dä Speimanes noch speit“
Der Speimanes, ist eine der Kult-Figuren des Puppentheaters Kölsch Hännneschen. Der „Speimanes“ (mit bürgerlichen Namen Hermann Speichel) stottert, hat einen Buckel und spuckt, insbesondere beim „B“ und beim „P“.

Speimanes, der mit der feuchten Aussprache, Bild: Hänneschen-Theater
Speimanes, der mit der feuchten Aussprache, Bild: Hänneschen-Theater

„Kei Bloskapell un och kei Flitsch“
Auch die traditionellen Blaskapellen werden – mangels Nachwuchs – immer seltener. Die „Flitsch“ ist eine Mandoline. Und niemand konnte mit diesem Instrument so virtuos umgehen wie Hans Süper, eine Hälfte des legendären Colonia Duetts.

Der Kölner nennt diese Instrument "Flitsch": Eine Mandoline, Bild: Michael Reichenbach / pixelio.de
Der Kölner nennt diese Instrument „Flitsch“: Eine Mandoline, Bild: Michael Reichenbach / pixelio.de

„Statt Ostermann un Millowitsch hürt mer jetz Atemlos“
Diese Textzeile greift den stetig wachsenden Party-Karneval auf: Statt traditionellen Melodien von den beiden Willis (Ostermann und Millowitsch) wird auch im Karneval immer öfter unsägliche Schlagermusik gespielt, wie z.B. „Atemlos“ von Helene Fischer.

Das Millowitsch-Denkmal. Einfach mal neben Willi Platz nehmen, Bild: Ruth Rudolph / pixelio.de
Das Millowitsch-Denkmal. Einfach mal neben Willi Platz nehmen, Bild: Ruth Rudolph / pixelio.de

„Denn et es nit nur en Sproch, et es nit nor Zohus, en Levvensaat, die stirv su schnell nit us“
Doch Kölsch ist mehr als ein Sprache, ist mehr als ein zu Hause. „Kölsch“ ist eine spezielle Lebensart. Und diese ist durchaus robust und stirbt so schnell nicht aus – solange die oben genannten Figuren und Eigenarten weiterleben.

Schon Ostermann beklagte Verlust der kölschen Eigenart

Die Diskussion um die kölsche Identität und deren Verlust ist nicht neu. In dem Lied „Och wat wor dat fröher schön doch en Colonia“ beklagte schon Willi Ostermann zu Beginn der 1930er Jahre: „Wat hät doch Köln sing Eigenart verlore“. Genau wie die Bläck Fööss gute 40 Jahre später Jahr: „Wie soll dat nur wigger jon, wat bliev dann hück noch ston?“ heisst es in dem legendären Lied „In unserem Veedel“.

Heute, wiederum gute 40 Jahre später, sind es Bands wie Miljö, die genau dafür sorgen, dass unsere kölsche Identität lebt – und einer ständigen Erneuerung unterworfen ist. Und gerade Sprache ist ein Zeichen diese Identität. Mit dem Sessionsmotto „Uns Sproch es Heimat“ setzt das Festkomitee ein wichtiges Zeichen. Gut so.


„Su lang beim Lommi die Leechter noch brenne“
Text und Musik: Miljö

Su lang beim Lommi die Leechter noch brenne
Su lang ‘ne Funk weiß, wie Stippefott jeiht
Su lang dä Pitter noch schläht,
Dä Speimanes noch speit
Jo, su lang stirv dä Kölsche nit us

Mer süht et en d’r Zeidung,
Mer hürt et op d’r Stroß:
“Ming leeven Jott, et Engk es noh,
Die Kölsche stirve us”

Kei Bloskapell un och kei Flitsch,
Mer han dä Brassel jroß
Statt Ostermann un Millowitsch
Hürt mer jetz “Atemlos”

Doch et es nit nor en Sproch,
Et es nit nor Zohus,
En Levvensaat, die stirv su schnell nit us

Su lang beim Lommi die Leechter noch brenne
Su lang ‘ne Funk weiß, wie Stippefott jeiht
Su lang dä Pitter noch schläht,
Dä Speimanes noch speit
Jo, su lang stirv dä Kölsche nit us

Mer hürt se nur noch selde,
Uns Muttersproch es weg
Un süht och immer winniger
Die Weetschaff op d’r Eck

Doch et jitt en noch, dä ahle Mann,
Dä jet zo verzälle hät
D’röm hald de Schnüss un hür ens zo
Un zeig im jet Respek

Denn et es nit nur en Sproch,
Et es nit nor Zohus,
En Levvensaat, die stirv su schnell nit us

Su lang beim Lommi …

Un et bliev, bliev, bliev heh, wie et wor,
Denn mer sing, sing, singe och em nächste Johr

Su lang beim Lommi …


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Von Prunk bis Stunk – Sitzungen im Kölner Karneval

Für jeden etwas dabei: Karnevalssitzungen in Kölle
Für jeden etwas dabei: Karnevalssitzungen in Kölle

Früher, bis etwa Mitte der 1980er Jahre, war das ganz einfach, wenn man zu einer Karnevalssitzung wollte: Frack oder Abendkleid anziehen und ab zur Prunksitzung im Gürzenich oder im Kostüm zu einer der zahlreichen Pfarrsitzungen im Gemeindesaal im Veedel.

Heute ist (gottseidank!) das Angebot an Karnevalssitzungen viel breiter gefächert. Und es gibt für nahezu jeden Geschmack das passende Format. Erstaunlich: Egal wie alternativ die Sitzungen auch sind, das Grundgerüst einer „klassischen“ Sitzung mit Präsident oder Präsidentin, einer Abfolge von Nummern wie in einer Revue, bleibt bestehen. Lediglich ein oft sehr steifer  Elferrat und die endlose Begrüßung der Ehrengäste gehören zum Glück heute fast immer der Vergangenheit an.

Doch welche Sitzung ist die richtige für mich?
Wo fühle ich mich wohl ?
Wie will ich Fastelovend feiern?
Antworten auf diese Fragen gibt diese Übersicht „Von Prunk bis Stunk – eine Erläuterung der wichtigsten Karnevalssitzungen in Kölle“.


Elferrat der Stunksitzung mit Präsidentin Biggi Wanninger, Bild: Renate Lehmann
Elferrat der Stunksitzung mit Präsidentin Biggi Wanninger, Bild: Renate Lehmann

Stunksitzung

DIE Mutter aller alternativen Karnevalssitzungen. Seit 1983 bringen die Stunker Schwung in den Karneval. Zuerst in der Alten Mensa an der Universitätsstraße, heute im E-Werk. Und das mit einem unglaublichen Erfolg: Die insgesamt etwa 65.000 Tickets sind regelmäßig binnen Minuten ausverkauft. 
Im Internet: http://www.stunksitzung.de/


Auch die Kehrmännchen treten in der Puppensitzung auf, Bild: Kölsch Hänneschen
Auch die Kehrmännchen treten in der Puppensitzung auf, Bild: Kölsch Hänneschen

Puppensitzung

Diese Sitzung muss jeder Kölsche mindestens einmal im Leben gesehen haben. Und es ist so schwer an Karten zu kommen. Schon 24 Stunden vor dem offiziellen Vorverkauf im September richten sich die ersten Jecken am Eisenmarkt vor dem Hänneschen-Theater auf die lange Wartezeit bis zum ersehnten Ticketkauf ein. In der Sitzung selber persiflieren die Puppenspieler liebevoll den traditionellen Karneval. Und haben dabei alle Größen des Fastelovends auf der Bühne: Bläck Föös, Kasalla, Brings, das Dreigestirn, Funken in allen Farben und viele mehr. Und alle mit Holzköpfen. Denn selbstverständlich treten die genannten Personen und Gruppen nicht persönlich, sondern als Puppen auf. Dass hier ausschließlich tiefstes Kölsch gesprochen wird, ist selbstverständlich. Für die Kinder gibt es eine spezielle Puppensitzung. 


Prunksitzung

Kalte Ente, Abendkleid, Frack, Weinzwang, Preise wie im Pascha: Die klassische Prunksitzung erfüllt regelmäßig alle Vorurteile. Egal ob im Sartory, Gürzenich oder Maritim – hier trifft man sich nicht unbedingt, um eine Sitzung zu sehen, sondern weil man gesehen wird. Vorsicht beim Kartenkauf, denn dieses Format tritt auch schon mal als „Festsitzung“ oder „Galasitzung“ auf. Und ganz besondere Vorsicht, wenn auf dem Ticket „um Abendgarderobe wird gebeten“ steht. Aber wer es mag …


Röschen Sitzung

Hier, so die Macher dieser schwullesbischen Alternative zum klassischen Karneval, tummeln sich „warme Jecken aus aller Welt“. Gestartet als Rosa Sitzung stellte der WDR 2004 die TV-Übertragung ein. Wegen der wegbrechenden Fernsehgelder konnte diese Sitzung nicht mehr finanziert werden. Die Macher konzentrierten sich auf ihre Wurzeln und feiern seitdem eine kleine, aber feine Sitzung in Mülheim op dä Schäl Sick.
Im Internet: http://www.roeschensitzung.de/


Pfarrsitzungen sind bunt, bodenständig und bezahlbar, wie hier in St. Pius, Köln-Zollstock, Bild: Uli Kievernagel
Pfarrsitzungen sind bunt, bodenständig und bezahlbar, wie hier in St. Pius, Köln-Zollstock, Bild: Uli Kievernagel

Pfarrsitzungen

Die regelmäßig wunderschönen Pfarrsitzungen sind eine der Grundfesten des kölschen Fasteleers. Grundsätzlich handelt es sich dabei um Kostümsitzungen, die in den Veedeln gefeiert werden. Hier schunkelt die Nachbarschaft miteinander – übrigens vollkommen unabhängig von der Religion. Bei Eintritt und auch Bewirtung zu normalen Preisen können sich diese Sitzungen die Top-Bands und Redner des Karnevals nur selten leisten. Sehr lobenswert: Einige Karnevalisten bieten speziell diesen Sitzungen günstigere Preise an, denn so Jörg Runge, der als „Tuppes vom Land“ über die Karnevalsbühnen zieht: „Sterben die kleinen Vereine, stirbt das Fundament des Karnevals.“.  Und wenn es dann doch eng wird mit der Programm, steigt eben der Kirchenvorstand oder sogar der Pfarrer selber in die Bütt. Meine Empfehlung: Werft mal einen Blick in die Schaukästen der Gemeinde in eurem Veedel und holt euch (falls noch verfügbar) Tickets. Das lohnt sich immer!


Die Hausband der Immisitzung rockt das Bürgerhaus Stollwerck, Bild: Jassin Eghbal
Die Hausband der Immisitzung rockt das Bürgerhaus Stollwerck, Bild: Jassin Eghbal

Immisitzung

Unter dem Motto „Jeder Jeck ist von woanders“ feiern die Immis seit 2010 im Bürgerhaus Stollwerck. Als „Imi“ (abgeleitet von „imitiert“) werden in Köln alle Zugezogenen oder „unechten“ Kölner bezeichnet. Bei der Immisitzung kommt das zweite „m“ hinzu. Hier sind tatsächlich Menschen gemeint, die nicht in Köln geboren wurden sondern „Immigranten“. Sehr sympathisch (und sehr Kölsch) wird der „Immi“-Begriff hier sehr weit ausgelegt, sogar Immis aus Bayern und Düsseldorf arbeiten im Ensemble mit Menschen aus acht weiteren Nationen unter der souveränen Leitung von Myriam Chebabi als Immi-Mymmi I. zusammen.
Im Internet: https://www.immisitzung.de/


Flüstersitzung

Die Flüster- oder Nostalgiesitzungen sind der Gegenentwurf zum „Party-Karneval“. Statt lautem Remmi-Demmi gibt es hier die leisen Töne. Alle Musiker spielen „usjestöpselt“, den Rednern wird tatsächlich zugehört (was auf anderen Sitzungen nicht immer der Fall ist). Hier treten auch oft Künstler auf, die eigentlich schon im karnevalistischen Ruhestand sind, wie zum Beispiel der Kölsche Schutzmann Jupp Menth.


Herrensitzung

Okay – einmal sollte man das mitgemacht haben. Man trifft sich, in der Regel sonntags zur besten Frühschoppenzeit, trinkt die ersten Kölsch („vorglühen“) und geht dann gemeinsam zur Sitzung. Dort steht oft das Kölsch als Getränk und nicht als Sprache im Vordergrund. Die Bands stellen ihre Verstärker etwas lauter und ab geht es. Redner haben hier spätestens ab der zweiten Stunde keine Chance mehr. Und regelmäßig sorgen die leicht bekleideten Nummerngirls für Ärger mit den Offiziellen des Karnevals.


Damensitzung

Zugegeben: Kenne ich nur vom Hörensagen. Ist das Pendant zur Herrensitzung, nur stehen hier „Kleiner Feigling“ und Prosecco im Vordergrund. Und statt des Nummerngirls gibt es auch schon mal einen Nummernboy.


Nur an Karneval wird die Lanxess-Arena zur "Kölnarena"
Nur an Karneval wird die Lanxess-Arena zur „Kölnarena“

Lachende Kölnarena

Eine echte Besonderheit im Sitzungskarneval: Hier ist es erlaubt, Essen und Getränke selber mitzubringen. Und so schleppen die Karnevalsjecken hunderte Fässer, kiloweise Frikadellen und viele, viele Eimer Kartoffelsalat nach Deutz. Mit etwa 10.000 Besuchern für jede der 15 Veranstaltungen (in der langen Session 2018/19) ist die Lachende Kölnarena das Schwergewicht unter den Sitzungen. Und hier spielen wirklich ALLE wichtigen Akteure. Besonders schön ist der „Mini-Rosenmontagszug“ zu Beginn jeder Sitzung. Hier ziehen Gruppen und Korps aus dem Fastelovend einmal durch das Rund der Arena – mit dem Dreigestirn als Höhepunkt.
Im Internet: https://www.lachende-koelnarena.de/


Jeckespill

Jeckespill – de Weetschaffsitzung

Bereits im zehnten Jahr tourt diese Sitzung mit Krätzjer, Klaaf un Kalverei durch verschiedene Kneipen in Köln. Immer restlos ausverkauft, immer „ballermannfrei und viel mit dem Publikum.“, so Erfinder und Sitzungspräsident Helmut Frangenberg. Dazu gehört auch das gemeinsame Singen von Karnevalsklassikern, die (fast) schon in Vergessenheit geraten sind.
Im Internet: http://www.jeckespill.de/


Das 2019er Motto von :Loss mer singe lautet "Mer levve uns Leeder"
Das 2019er Motto von :Loss mer singe lautet „Mer levve uns Leeder“

Loss mer singe-Sitzung

Mitsingen, Mitfeiern, Mitstimmen, Mitmachen. So einfach und genial kann Karneval sein. Entstanden in einer Wohnküche, wo Erfinder Georg Hinz seine Freunde für den Kneipenkarneval textsicher gemacht hat, ist „Loss mer singe“ (LMS) fester Bestandteil des kölschen Fasteleers. Durchaus fraglich ist es, ob Bands wie Kasalla, Cat Ballou oder die Klüngelköpp ohne LMS den Durchbruch geschafft hätten. 2006 war dann klar, dass auch LMS eine eigene Sitzung veranstaltet. Und das Konzept, gemeinsames Singen mit den traditionellen Elementen des Karnevals zu verbinden, funktioniert. Ein echtes Highlight ist der regelmäßige Auftritt des „Raketenmanns“, der immer dann auftritt, wenn ein Künstler eine ganz besonders gute Leistung auf die Bühne  gezaubert hat.


Kindersitzungen

Auch die Jüngsten werden kindgerecht an den Karneval herangeführt. Immer im Kostüm und mit viel Platz für die notwendige Bewegung geht es mit den Pänz in den Sälen hoch her. Neben Clowns und viel Musik ist regelmäßig der Besuch des Kinderdreigestirns Höhepunkt dieser Sitzungen. Mit der „Puppensitzung für Kinder“ bietet das Hänneschen eine spezielle und unbedingt empfehlenswerte Sitzung.


Fatal Banal - alternativer Karneval aus Ehrenfeld
Fatal Banal – alternativer Karneval aus Ehrenfeld

Fatal Banal

Garantiert „tuschfrei“, gerne mit (lokal-) politischen Seitenhieben und herrlich respektlos wird seit 1992 im BÜZE / Bürgerzentrum Köln-Ehrenfeld frecher, alternativer Karneval gefeiert. Mit „Spielmann’s Zoch“ hat diese Sitzung eine hervorragend aufgelegte Hausband. Übrigens: Nach dem offiziellen Sitzungsprogramm wird immer gemeinsam weitergefeiert.
Im Internet:  https://fatalbanal.de/


Deine Sitzung wird im Klettenberger Brunosaal und in den Bolloni-Hallen gefeiert
Deine Sitzung wird im Klettenberger Brunosaal und in den Balloni-Hallen gefeiert

Deine Sitzung

Die einzige Sitzung mit dem „Winkemariechen“, welches auf der Bühne das Publikum zum Mitmachen animiert. Auf dieser Sitzung wird mit dem gemeinsamen Ausruf „Backen, Hacken uuuund Mett!“ dem kölschen Grundnahrungsmittel Mett gehuldigt. Es werden METTleys gesungen, dieses Jahr unter dem Motto „God save the Mett“. Das „Orchester der Liebe“ spielt mit Inbrunst Lieder wie „Mett is in the air“ und die Sitzungspräsidentin Karolin Kebekus kommt als Mettwoman auf die Bühne.
Im Internet:  https://www.deine-sitzung.de/


Fremdensitzung

Ich dachte eigentlich, das gäbe es heute nicht mehr. Bis ich bei der Recherche die „Große Prunk- und Fremdensitzung“ der Ehrengarde gefunden habe. Tatsächlich hat man früher auf Fremdensitzungen die kölschen Elemente und insbesondere die Verwendung der kölschen Sprache auf ein für „auswärtige Gäste“ vertretbares Maß heruntergeschraubt. Und das, obwohl doch eigentlich immer die Kölschen den größten Teil der Gäste gestellt haben. Wer  ausgelassen Karneval feiern will, ist hier nicht richtig aufgehoben, so lautet es in der Ankündigung der Ehrengarde: „Auch diese Sitzung eignet sich insbesondere für unsere auswärtigen Gäste. Abendgarderobe bzw. Smoking ist wünschenswert. Achtung: keine Kostümsitzung!“


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Ein paar Fragen an Helmut Frangenberg – Köln ist ein Mythos

Ne echt kölsche Jeck: Helmut Frangenberg, Bild: Max Grönert

Heute habe ich die große Freude, in meiner Reihe „Ein paar Fragen an…“ jemand mit Fastelovend im Blut befragen zu dürfen: Helmut Frangenberg

In seinem Geburtsjahr 1966 lautete das Sessionsmotto „Kaum zu glauben“. Und so ist es auch kaum zu glauben, was Helmut Frangenberg alles im Karneval bewegt:
Der Redakteur des Kölner Stadt-Anzeigers ist einer der Initiatoren von „Loss mer singe“. Helmut ist auch der Erfinder der Kneipensitzung „Jeckespill“ und Mit-Veranstalter des „Kölner Krätzjer Festes“ sowie künstlerischer Leiter der Reihe „Kölsche Heimat“ der Kreissparkasse Köln zur Pflege des kölschen Liedguts. Er hat Stadtführer für und Krimis über Kölle veröffentlicht. Überflüssig zu erwähnen, dass er im Severinsklösterchen geboren wurde. Wo auch sonst?

Und ein großes DANKE, dass er mitten in der hillije Karnevalszeit meinen Fragen Rede & Antwort steht.

Warum lebst du in Köln?

Im Klösterchen geboren, nie länger als drei Monate weg gewesen – Wat soll mer denn woanders?

Welche kölsche Eigenschaft zeichnet dich aus?

Gibt es kölsche Eigenschaften? Ja, vielleicht… Ein bisschen gelassener, ein bisschen kommunikativer, ein bisschen zu laut…

Was würdest du morgen in unserer Stadt ändern?

Sehr vieles würde ich gerne ändern. Mehr Entscheidungsfreude! Mehr Mut! Und als ganz konkretes Sofortprogramm: Kostenfreie Kita-Plätze, kostenloser Nahverkehr, Streichung der „22-Uhr-Alles-hat-ruhig-zu-sein-Regelung“ für Kulturveranstaltungen (zumindest Freitag und Samstag)

Wenn nicht Köln – wo sonst könntest du leben? Und warum gerade dort?

Auf einer Alm in den Alpen vielleicht – aber nach dem Almabtrieb nach einem halben Jahr wäre ich sicher wieder hier.

Welche KölnerInnen haben beeinflusst / beeindruckt?

Mein Vater, meine Söhne, Mica Frangenberg, Freddy Mercury (War der Kölner?) und Ludwig Sebus

Als echte kölsche Jung zieht es Helmut Frangenberg immer wieder ans Rheiunufer, Bild: Rike / pixelio.de
Als echte kölsche Jung zieht es Helmut Frangenberg immer wieder ans Rheiunufer, Bild: Rike / pixelio.de
Wo ist dein Lieblingsplatz in Köln?

Immer am Rheinufer

Was machst du zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch?
  • Weiberfastnacht: Acht Stunden moderieren; danach die decke Trumm erus und mit der Kombo „Tröt op Jöck“ von Kneipe zu Kneipe
  • Freitag: Ausschlafen, abends Loss mer singe Party in den Balloni Hallen
  • Samstag: Kneipenkarneval
  • Sonntag: Zoch kucken oder im Zoch mitgehen; abends Kneipe
  • Montag: Rosenmontagszoch kucken; abends Kneipe
  • Dienstag: Zoch kucken, abends Kneipe und mit der decken Trumm zur Nubbelverbrennung in Neuehrenfeld

Jeckespill

Und was zwischen Aschermittwoch und Weiberfastnacht?

Arbeiten, schreiben, feiern, diskutieren, unsere Kneipensitzung „Jeckespill“ organisieren, mit der „Ahl Kamelle Band“ von Loss mer singe Kneipenkonzerte geben, das „Krätzjer Fest“ veranstalten, die Produktion der Reihe „Kölsche Heimat“ leiten und was sonst so Spaß macht…

 Wodrüber laachs de dich kapott?

Ich glaube, am meisten lache ich tatsächlich über meine Frau, die wunderbar lustig und komisch sein kann.

Dein kölsches Lieblingsessen?

Klarer Fall: Haxe! Und für zwischendurch Mettbrüdche met Öllig.

Deine Lieblingskneipe?

Es gibt viele: In der Altstadt der Walfisch, in Neuehrenfeld Essers Gasthaus und Bagatelle, im Severinsviertel das Alte Brauhaus, im Kwartier Latäng „Bei Oma Kleinmann“, am Neumarkt der „Leuchtturm“, im Agnesviertel Stüsser und Balthasar, das neue Marienburger Bootshaus „Achterdeck“ (bester Sommerplatz!) und (fast) alle Brauhäuser, zum Beispiel die von Päffgen, Pütz oder Gaffel

Dein Lieblingsveedel?

Das Severinsviertel, weil es immer noch das kölsche Herz der Stadt ist. Und ich hoffe, dass es die Verantwortlichen in der Stadt nicht einfach dem Schicksal der Gentrifizierung überlassen.

Nenne ein/zwei/drei Gründe, warum man Köln morgen verlassen sollte.

Die Mutlosigkeit, Zaghaftigkeit und Phantasielosigkeit der Stadtpolitik; die schlimme Wohnungspolitik; der Verkehrslärm; die permanente selbstbesoffene Lobhudelei auf Stadt und Leute; die Menschen, die in In-Vierteln Eigentumswohnungen kaufen und dann gegen Kultur und Kneipen in der Nachbarschaft ins Feld ziehen; die Heulsusenromantik, dass früher alles besser war… Ja, es gibt einiges, was theoretisch einen Wegzug begründen könnte. Aber eben nur theoretisch. Denn natürlich steht das überhaupt nicht zur Debatte.

Bitte vervollständige den Satz: Köln ist ….

…ein Mythos, das aber dann, wenn man es oft bemüht, besingt und hochleben lässt, tatsächlich immer wieder auch Fakten schaffen kann.


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Er trifft dat kölsche Hätz: Willi Ostermann

 

Ostermann-Portrait, Detailansicht des Grabsteins, Bild: Elke Wetzig
Ostermann-Portrait, Detailansicht des Grabsteins auf Melaten, Bild: Elke Wetzig

Seine berühmtesten Liedzeilen hat Willi Ostermann nie selber live auf der Bühne gehört:

Wenn ich su an ming Heimat denke
un sin d’r Dom su vör mir ston,
mööch ich direk op Heim an schwenke,
ich mööch zo Foß no Kölle jon.

Das Lied „Heimweh noh Kölle“ ist tatsächlich erst nach dem Tod des „musikalischen Gotts in Köln“, so der Kölner Stadthistoriker Michael-Euler Schmidt, uraufgeführt worden. Und zwar exakt am 10. August 1936. An diesem Tag ist Willi Ostermann beerdigt worden.

Geboren wurde Willi Ostermann am 1. Oktober 1876, auf der Schäl Sick, im damals noch eigenständigem Mülheim. Die Familie zog nach Deutz, wo der  „fussige“ (also rothaarige) Ostermann die Grundschule besuchte. Ostermann soll schon als Kind in der Schule alle Karnevalslieder auswendig gekannt und in herrlicher kölscher Mundart Gedichte verfasst haben. Er lernt in einer Deutzer Druckerei und arbeitet bis ca. 1930 dort. Parallel begann er, mit Gesang und Puppenspiel auf kleinen Bühnen in Köln und im Umland aufzutreten.

Kölsche Lieder für et Hätz. Hochdeutsche für den Geldbeutel

Die Arbeit in der Druckerei war für Ostermann zu langweilig. Viel lieber wollte er seinen Lebensunterhalt auf der Bühne verdienen. Der Durchbruch kam mit dem Lied „Däm Schmitz sing Frau es durchgebrannt.“ Die Geschichte vom verlassenen Ehemann war der Karnevalshit im Jahr 1907. Im nächsten Jahr legte er mit „Wä hätt dat vun d’r Tant gedaach!“ nach. Das damit verdiente Geld war oft auch schnell wieder weg: Ostermann hatte eine Schwäche für Glücksspiele und Pferdewetten. Daher schrieb er auch hochdeutsche „Rhein-Wein-Lieder“, wie zum Beispiel das „Rheinlandmädel“, „Einmal am Rhein“ oder „Rheinische Lieder, schöne Frau’n beim Wein“ die auch über die Grenzen Kölns erfolgreich waren und Geld in die Kasse brachten. Erstaunlich: Der erfolgreiche Komponist Ostermann konnte zeitlebens keine Noten lesen.  Er sang die Lieder ein, andere schrieben die Noten dazu.

Der Ostermann-Brunnen zeigt die Figuren aus dem Milieu: Die Tant, et Schmitze Billa oder et Stina, Bild: MiriJäm
Der Ostermann-Brunnen zeigt die Figuren aus dem Milieu: Die Tant, et Schmitze Billa un et Stina, Bild: MiriJäm
Nah dran „an dä kleine Lück“

Mit diesen Liedern traf er exakt den Nerv der Kölner zu Beginn der 1930er Jahre. Köln entwickelte sich zur Großstadt, alles veränderte sich. Die Kölner suchten nach ihrer Identität – und Ostermann lieferte die dazu passenden Texte:

Wat hät doch Köln sing Eigenart verlore,
wie wor dat Levven he am Rhing su nett.
Mer es sich selver nit mie rääch em klore,
Ov mer ´ne Fimmel oder keinen hät.
Dä fremde Krom, et es doch zo bedoore.
Als ahle Kölsche schöddelt mer d´r Kopp.
Deiht mer sich bloß die Dänz vun hück beloore,
stüß einem jedesmol de Heimat op.

Und auch seine treffende Beschreibung des Millieus, der einfachen Menschen, war punktgenau. Immer mit einem Augenzwinkern und nie böswillig hat Ostermann menschliche Schwächen besungen. Egal, ob es um et „Et Schmitze Billa“ ging, die unverhofft zu Geld kommt und sich in einer Bonner Nobelgegend eine Villa kauft, aber trotzdem nie ihre proletarische Herkunft ablegen kann. Oder um die „verstoppte Pief“ bei Palms, die die ganze Bude verqualmt.

Dass gerade die Familie Palm eine große Rolle in seinen Liedern spielte, ist kein Zufall. Seine zweite Ehefrau, nach einer ersten, gescheiterten, Ehe war Käte Palm. Ihre Mutter war übrigens außer sich, dass ihr Schwiegersohn ausgerechnet deren Familiennamen „Palm“ verwendete, er möge die Familie im Lied doch einfach „Halm“ nennen. Doch Ostermann war davon nicht abzubringen. Und der Erfolg gab ihm Recht.

Die größte Beerdigung Kölns

Bei einem Gastspiel in Bad Neuenahr im Juli 1936 brach Ostermann zusammen. Er wurde im Krankenhaus behandelt, nach offizieller Aussage am Magen. Der kölsche Klatsch und Tratsch kolportierte aber, dass er an einer Leberzirrhose aufgrund seines übermäßigen Alkoholgenusses litt. Am 6. August 1936 starb der Komponist, vier Tage später stand das Leben in Köln still: Die bis dato größte Beerdigung in Kölns zog bis zu 35.000 Menschen an.

Auf Melaten, am offenen Grab Ostermanns, erklingt dann zum ersten Mal „Heimweh noh Kölle“. Ein Freund hatte das Lied vollendet:

Wenn ich su an ming Heimat denke
un sin d’r Dom su vör mir ston,
mööch ich direk op Heim an schwenke,
ich mööch zo Foß no Kölle jon.

Die kölsche Hymne. Von einem großen Komponisten, der keine Noten lesen konnte.


Ostermann hat in den 1930er Jahren direkt neben dem Bing-Haus am Neumarkt gelebt.


Der WDR hat zum 75. Todestag Ostermanns ein „Zeitzeichen“ veröffentlicht. Besonders schön: Im herrlichen Kölsch mit Knubbeln spricht seine Witwe Käte über ihren Mann.


Es gibt tatsächlich einen Willi-Ostermann-Wanderweg: Von seinem Geburtshaus in Mülheim geht es über Deutz und die Innenstadt bis zu seinem Grab auf Melaten. Bitte Zeit mitbringen, der Weg geht insgesamt über 12 Kilometer. Wer es kompakter mag sollte auf meine Lotsen-Tour Innenstadt mitkommen, dort begegnen wir auch seinen Liedern und den besungen Figuren.


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Die jecke Zahl 11

Der 11.11. - endlich geht der Karneval wieder los. Bild: Jörg Sabel / pixelio.de
Der 11.11. – endlich geht der Karneval wieder los. Bild: Jörg Sabel / pixelio.de

Los – packt euch eine rote Nase ein, setzt eine lustige Mütze auf und geht raus. Schließlich ist heute der 11.11. – dä Fastovend jeiht endlich loss. Um 11.11 Uhr gibt es den Startschuss – und alle Jecken sind außer Rand und Band. Doch was hat es mit dieser Zahl 11 auf sich?

Die 11 als Zahl ohne Regeln

Tatsächlich gibt es viele Erklärungsansätze, warum tatsächlich die 11 die Narrenzahl ist. Am einfachsten ist die Erklärung, dass bei der 11 die beiden Ziffern 1 und 1 einträchtig nebeneinander stehen – als Symbol der Gleichheit im Karneval. Soll bedeuten: Egal, ob du Millionär oder armer Schlucker bist: Im Kostüm sind alle Jecken gleich.

Komplexer wird es bei der Deutung der 11 als Zahl, welche sich nicht den Regeln unterwirft. Während sich die 12 hervorragend teilen lässt, ist die 11 als Primzahl nicht teilbar. Man kann sie nicht mehr mit den Fingern beider Hände abzählen. Und sie überschreitet die Ordnung, die durch die 10 Gebote gegeben wurde. Deshalb hat das kölsche Grundgesetz ja auch 11 Gebote.

Lohn und Pacht waren am 11.11. fällig

Eine andere Herleitung ist, dass sich die Narrenzahl 11 auf die Französische Revolution bezieht: Die Abkürzung der Begriffe Egalité – Liberté – Fraternité lautet ELF. Schöne Geschichte, aber nicht wahr. Allein schon die Tatsache, dass 11 als Zahl der Jecken schon lange vor der Zeit der Französischen Revolution belegt ist, widerlegt diese These.

Einleuchtender ist die Deutung, dass am 11.11., dem Fest des St. Martin, das bäuerliche Jahr zu Ende ging. Pachtzahlungen wurden an diesem Tag fällig und die Knechte und Mägde bekamen ihren Lohn ausgezahlt. Es war also genug Geld im Umlauf, um es so richtig krachen zu lassen.

Feiert mit euren Nachbarn in der Kneipe um die Ecke

Wie auch immer: Nutzt diesen Tag heute, feiert ordentlich Karneval. Schließlich müssen wir ja noch bis zum Januar warten, bis es wieder richtig mit däm Fastelovend losgeht. Noch ein Tipp von mir: Meidet die Kölner Innenstadt. Dort ist es zu voll und zu laut. Geht in die Kneipe um die Ecke und schunkelt mit euren Nachbarn an der Theke.

Vell Freud und jaaaaanz laut ALAAF!


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