Die Entschuttung des Gürzenichs: Vom Aprilscherz zur Realität

Das Dreigestirn der Session 1949 mit Schüpp und Hau am Gürzenich. Bild: koelner-karneval.info

Immer wieder schicken einen nette Mitmenschen „in den April“. Woher der Brauch kommt, ist unklar. Aber die lustigen Ideen der Zeitungen, im Fernsehen und im Radio sorgen immer wieder für Lacher – egal, ob es um Spaghetti-Bäume oder fliegende Pinguine geht. Ein ganz besonderer Coup zum 1. April 1949 ist dem damaligen Kölner Dreigestirn gelungen.  Ein Aprilscherz in fünf Akten:

1. Akt: Ein Gespräch wird belauscht – angeblich

Am 31. März 1949 erschien ein anonymer Leserbrief in der Kölnischen Rundschau. Ein aufmerksamer Leser behauptete, in einer Gaststätte zufällig ein Gespräch des Kölner Dreigestirns belauscht zu haben. Ein Gespräch, welches es nie gegeben hat.

Angeblich hätten Prinz Theo I. (Theo Röhrig), Bauer Andreas (Andreas Müller) und Jungfrau Friedel (Fred Reulen) Pläne für die nahe Zukunft geschmiedet: Man würde mit „Schüpp un Hau“ zum zerstörten Gürzenich gehen und den Schutt dort wegräumen um „… auch im grauen Alltag etwas für die Stadt Köln zu tun.“

Köln im April 1945, mehr als 90% der Innenstadt sind zerstört, Bild: U.S. Department of Defense
Köln im April 1945, mehr als 90% der Innenstadt sind zerstört, Bild:
U.S. Department of Defense

Und grau war der Alltag im Jahr 1949 in Köln tatsächlich. Ausgebombte Ruinen säumen die notdürftig freigeräumten Straßen. Der größte Teil aller Häuser wurde zerstört. Alle Menschen sehnen sich nach Normalität, und dazu hat auch der Karneval beigetragen: Im Williams-Bau finden seit 1947 erste Karnevalssitzungen und Bälle statt, und im Februar 1949 geht der erste Rosenmontagszug durch Köln – wegen der kritischen britischen Besatzer nicht als „D´r Zoch“ sondern als „Erweiterte Kappenfahrt“1[Dieser Titel erinnert an den ersten Rosenmontagszug nach dem Ersten Weltkrieg im Jahr 1927, der ebenfalls den damaligen britischen Besatzern als „Kappenfahrt“ verkauft wurde.] durch die in Trümmern liegende Stadt.

In dieser grauen Zeiten sind positive Nachrichten sehr willkommen. Deswegen erregt der als Aprilscherz gedachte Leserbrief über die angebliche Aktion des Dreigestirns eine hohe Aufmerksamkeit.

Prinz Theo I., Bauer Andreas und Jungfrau Friedel bei der Arbeit am Gürzenich, Bild: Bild: koelner-karneval.info
Prinz Theo I., Bauer Andreas und Jungfrau Friedel bei der Arbeit am Gürzenich, Bild: Bild: koelner-karneval.info

2. Akt: Das Dreigestirn nimmt den Ball auf

Auch Prinz Theo I. liest in der Zeitung den Bericht über die angebliche Entschuttung des Gürzenichs und fasst sofort einen Plan: „Mer mache dat!“. Eilig werden Bauer und Jungfrau eingebunden, ein Lastwagen wird organisiert und siehe da: Am 1. April um 11 Uhr stehen die drei am Gürzenich und fangen eifrig an, Schutt zu schippen.

Regierungspräsident Wilhelm Warsch gratuliert dem Dreigestirn, Bild: koelner-karneval.info
Regierungspräsident Wilhelm Warsch gratuliert dem Dreigestirn, Bild: koelner-karneval.info

3. Akt: Auch die Medien und die Politik wollen mit dabei sein

Selbstverständlich sollte diese Aktion nicht geheim bleiben. So drängen sich am 1. April bereits die vorab informierten Reporter mit ihren Kameras vor dem Gürzenich. Und wo Kameras sind, sind auch die Politiker nicht weit entfernt. Regierungspräsident Wilhelm Warsch freute ich darüber, dass „aus einem Aprilscherz eine so beziehungsvolle Wirklichkeit geworden sei.“

4. Akt: Die ganze Stadt zieht nach

Die Entschuttung des Gürzenichs wird zu einem stadtweiten Anliegen. Karnevalsgesellschaften, Sportvereine, Unternehmen und einzelne Bürger kommen mit Schüpp und Hau zum Gürzenich. Auch Menschen, die selber in einfachsten Behausungen leben müssen, fassen mit an, um „Kölns gute Stube“ wieder zu einem Festsaal zu machen.

So wurde das Karnevalsmotto der 1949er Session

„Mer sin widder do un dun, wat mer künne.“

gelebte Realität in einer vom Krieg schwer gezeichneten Stadt. Im Zuge der Dynamik dieses Aprilscherzes beschließt der Stadtrat zügig, den Gürzenich wieder aufzubauen.

Feierliche Wiedereröffnung des Gürzenichs am 2. Oktober 1955, Bundesarchiv, B 145 Bild-F002968-0007 / Unterberg, Rolf / CC-BY-SA 3.0
Feierliche Wiedereröffnung des Gürzenichs am 2. Oktober 1955, Bundesarchiv, B 145 Bild-F002968-0007 / Unterberg, Rolf / CC-BY-SA 3.0

5. Akt: Die Wieder-Einweihung des Gürzenichs

Es sollte noch ein paar Jahre dauern, aber am 2. Oktober 1955 war es endlich so weit: Der Gürzenich wurde wieder eingeweiht.

Und so führte ein Aprilscherz dazu, dass sich eine ganze Stadt organisierte, um „ihren“ Gürzenich wieder aufzubauen. Prinz Theo I. schrieb später dazu „Durch diesen Scherz wurde es offensichtlich, dass allen Bevölkerungsschichten Kölns der Wiederaufbau unserer guten, alten Stube mehr am Herzen liegt, als es die Stadtverwaltung und die Planer Kölns angenommen hatten.“

In diesem Sinne trifft sich das aktuelle Dreigestirn am Donnerstag, 1. April, um 11 Uhr an der Oper, um dort aufzuräumen. Um 13 Uhr geht es weiter an die Baustelle der Nord-Süd-Stadtbahn, damit es auch dort zügig weitergeht. Um 15 Uhr werden dann vom Bauer Fundamente für die Leverkusener Brücke gegossen, während Prinz und Jungfrau den hässlichen Musical-Dome abreißen. So kann es in unserer Stadt endlich mal vorangehen.


 

Der Gürzenich und Alt St. Alban: Orte der Gegensätze

 
Der Gürzenich und Alt St. Alban - Orte voller Gegensätze, Bilder: Köln-Kongress (Gürzenich), Raimond Spekking / CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons (St. Alban)
Der Gürzenich und Alt St. Alban – Orte voller Gegensätze, Bilder: Köln-Kongress (Gürzenich), Raimond Spekking / CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons (St. Alban)

In dem Gebäudekomplex des Gürzenichs ist auch die Ruine von Alt St. Alban als Mahnmal gegen den Krieg integriert. So liegen Freude und Trauer direkt nebeneinander.


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Mer fiere Fastelovend – nur des Johr e betzje anders

Fastelovendsmotto der Session 2020/21, Bild: Festkomitee Kölner Karneval
Fastelovendsmotto der Session 2020/21, Bild: Festkomitee Kölner Karneval

Wisst ihr noch? Damals? Vor ewigen Zeiten. Also vor 12 Monaten. Wir haben Karneval gefeiert. Und in China wollte einer einen Fledermaus-Hot-Dog essen. Der Verkäufer: „Die Fledermaus ist noch nicht ganz durch.“ Der Kunde: „Ach egal, davon wird die Welt schon nicht untergehen.“

Ist sie aber. Irgendwie. Denn dann kam Corona.

Und deswegen hat sich die ganze Welt verändert – auch unser so heiß geliebter Karneval. Heute feiern wir auf Distanz. Und wer hätte gedacht, dass wir das stundenlange Anstehen vor den Kneipen, den vertrauten Geruch nach Mettbrötchen, verschüttetem Bier und dem alten Wikinger-Kostüm, welches elf Monate zuvor in einer Kiste im muffigen Keller verbracht hat, vermissen werden? Selbst das lauwarme Kölsch, serviert in den 0,25 Liter-Plastikgläsern für schlappe 3,50 Euro fehlt uns.

Auf der anderen Seite haben wir viel gelernt:

  • Als erstes haben wir gelernt, dass es nicht „der“ Virus sondern „das“ Virus heißt.
  • Außerdem ist „FFP 2“  keine neue Spielekonsole.
  • Den Begriff „Reproduktionsfaktor“ hatte ich vorher auch irgendwie anders abgespeichert. Mit viel mehr Spaß.

Homeschooling

Schön war auch das Homeschooling in unserer Nachbarschaft. Da hat die Schule folgende Textaufgabe gestellt: 
Zwei Erwachsene, beide im Homeoffice, und zwei Kinder, beide im Homeschooling, teilen sich zwei Computer und das Wohnzimmer. Macht einen halben Rechner und ein viertel Wohnzimmer pro Kopf. Geht irgendwie nicht auf. 

Oder der Stefan, ein Freund von mir. Der hat mit seiner 9jährigen Tochter Deutschunterricht gemacht. Zu Hause. Hat ewig gedauert, den Unterschied zwischen Pronomen, Adjektiven und Artikeln zu erklären. Aber nach sechs Stunden hat Stefan das verstanden.

Ganz einfache Kontaktregeln

Ganz anders waren die Kontaktregeln. Die hat bis heute keiner verstanden. Nur ich. Ich erkläre euch das mal: Ab 18 Uhr darf ich mich mit einer Person treffen, wenn diese maximal 14 Jahre alt ist, in meinem Haushalt lebt und mindestens zwei Kinder hat. Es sei denn, diese Person wohnt in einem anderen Bundesland, dann darf ich mich nur bei Vollmond treffen. Draußen. Drinnen geht in diesem Fall auch, aber nur, wenn ich täglich maximal 15 Kilometer bis zu Arbeit fahre. Es sei denn, ich bin älter als 80 Jahre alt. Oder systemrelevant. Dann darf ich mich drinnen und draußen treffen. An geraden Tagen. Aber nur in Bundesländern, die auf „n“ enden. Und nur auf der linken Straßenseite, wenn der Inzidenzwert über 50 liegt. Ist doch ganz einfach.

Stammtisch in der KVB

Ansonsten gilt die gute Nachricht, dass das Virus kein KVB-Ticket hat. Deswegen darf man sich im Bus immer treffen. Wir von meinem Stammtisch haben uns daher eine Monatskarte gekauft und immer freitags heißt es dann:

„Weisste wat, mer treffe uns in dä KVB.
Die Kneipe die bliev leer, mer fahre hin- und her.“
  

Der Rosenmontagszug im Hänneschen-Format, Bild: Festkomitee Kölner Karneval
Der Rosenmontagszug im Hänneschen-Format, Bild: Festkomitee Kölner Karneval

Und jetzt? Wie jeiht et wigger?

Ich kann euch nicht vorschreiben, was ihr macht. Aber klar ist: Karneval kann man nicht absagen. Genauso, wie man auch den Sommer oder den Vollmond nicht absagen kann. Wir feiern – des Johr ävver anders.

Ich schaue mir morgen den Rosenmontagszug  in der Miniaturausgabe im Hänneschen-Format an. Mit Mütze auf´m Kopp und einem Kölsch in der Hand. An Karnevalsdienstag lasse ich meine Sünden verbrennen – selbst, wenn das nur gewünschte oder verpasste Sünde sind. 

Und nächstes Jahr hole ich wieder das alte Wikingerkostüm aus dem Keller, stelle mich an einer Kneipe an und trinke mit Genuss mein 3,50 Euro-Kölsch aus dem Pappbecher.

Darauf freue ich mich heute schon. Alaaf.         

Nächstes Jahr wird wieder gefeiert. Alaaf! Bild: Norbert Bröcheler
Nächstes Jahr wird wieder gefeiert. Alaaf! Bild: Norbert Bröcheler

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Drink doch keine met | #blievzohuss

Das kölsche Grundgesetz in Corona-Zeiten
Das kölsche Grundgesetz in Corona-Zeiten

Am Mittwoch den 11.11. um 11.11 Uhr wäre es soweit: In normalen Zeiten würden wir feiern und dä Fastelovend begrüßen. Auf dem Heumarkt, in den Kneipen, in den Veedeln. 2020 feiern wir nicht. Wir bleiben zu Hause. Um die vor dem Corona-Virus zu schützen, die gefährdet sind.

Ja – ich höre auch ganzjährig Fastelovendsmusik. Aber dieses Jahr am 11.11. zu Hause. Auch wenn es manche nicht glauben werden – die Welt wird sich auch nach dem 11.11. ohne Sessionseröffnung weiterdrehen. Lasst uns Verantwortung tragen. Und wenn es nur darum geht, einmal nicht zu feiern, ist das extrem einfach.

Deswegen schließe ich mich vorbehaltlos dem Aufruf „Wir bleiben zu Hause“ vieler prominenter Kölnerinnen und Kölner an.  Und das solltet ihr alle auch tun: Wer das Alaaf liebt, bleibt zu Hause. Oder wie es im umgeschriebenem kölschen Grundgesetz lautet:

Drink doch keine met. 

Vell Jröööööß, passt auf euch auf und bleibt gesund!

Uli, der Köln-Lotse


Hier der Aufruf im Wortlaut:
Liebe Kölnerinnen und Kölner, liebe Jecke von weiter draußen,

der Elfte im Elften ist ein kölscher Feiertag. Wir feiern dabei weit mehr als nur den Auftakt einer wunderschönen Tradition, bei der uns die halbe Welt staunend zusieht – wenn sie nicht gleich zu Besuch kommt. Wir feiern die Liebe, die Freiheit und das Leben. Su lang mer noch am Lääve sin. Und damit kommen wir zu einem Problem.

Denn in diesem Jahr bedeutet die kölsche Freiheit, überall und jederzeit mit jedermann zu feiern, Menschenleben aufs Spiel zu setzen. Das Leben unserer Großeltern, der Nachbarin oder der Kollegin mit Asthma. Unser Sessions-Motto von 2015, „Mer stelle alles op d’r Kopp“, ist in diesem Jahr von einem gänzlich humorbefreiten Virus gekapert worden.

Darum werden wir am kommenden Mittwoch nicht mit neuen Freunden, Jecken von überall her, schunkeln und singen können. Und dieser Versuchung sind wir zum Glück auch nicht ausgesetzt, denn am 11.11. sind sämtliche Kneipen dicht. Bereits vor dem Lockdown hatten die meisten Kölner Kneipenwirte Verantwortung übernommen und angekündigt, ihre Orte der Geselligkeit freiwillig zu schließen.

Trotzdem bleibt die Sorge groß. Vor allem bei denen, die durch das Coronavirus besonders gefährdet sind. Weil sie in unserer Stadt mit dunkelrotem Inzidenzwert zur Risikogruppe zählen. Oder weil ihre berufliche Existenz durch den Lockdown massiv bedroht ist.

Denn das größte Problem, das sind wir alle. Mit unserer kölschen Geselligkeit. Wenig geht über feiern mit Freunden. Aber derzeit geht das nicht. Auch nicht am 11.11.

Und nein, Sie sind sicher nicht das Problem! Sie haben bestimmt schon beschlossen, brav auf dem Sofa sitzen und sich alte Karnevals-Sitzungen auf Youtube anzuschauen. Was mehr als in Ordnung ist. Denn natürlich bleiben wir glühend jeck. Im Kopf wie im Herzen.

Aber wissen das auch Ihre Kinder und Enkel, Ihre Nachbarn von unten und alle Ihre Freunde und Bekannte? Wenn Sie auch nur ein kleines bisschen unsicher sind: Sprechen Sie mit Ihnen. Sagen Sie, dass selbst kleine Feierlichkeiten am 11.11. in Köln tabu und Gäste von außerhalb diesmal leider nicht willkommen sind. Dass wir zusammenstehen müssen – indem wir nicht zusammen stehen.

Und teilen Sie Ihnen mit, dass wir das kölsche Grundgesetz in dieser Corona-Session umgeschrieben haben. Et es wie et es? Nein! Diesmal nicht!

Das kölsche Grundgesetz in Corona-Zeiten
Das kölsche Grundgesetz in Corona-Zeiten

Unterzeichnet von: 

  • Carolin Kebekus, Comedian
  • Oliver Niese, Cat Ballou
  • Elke Heidenreich, Autorin
  • Guido Cantz, TV-Moderator und Redner
  • IG Gastro Köln
  • Christine Westermann, Moderatorin
  • Liz Baffoe, Schauspielerin
  • Henning Krautmacher, Höhner
  • Sven Welter, Paveier
  • Mo-Torres, Musiker
  • Erry Stoklosa, Bläck Fööss
  • Mike Kremer, Miljö
  • Jürgen Becker, Kabarettist
  • Volker Weininger, Kabarettist
  • Biggi Wanninger, Stunksitzungspräsidentin
  • Tobias Mintert, Barbetreiber
  • Björn Heuser, Liedermacher
  • Annette Frier, Schauspielerin
  • Alexander Wehrle, 1. FC Köln
  • Jürgen Domian, Moderator
  • Toni Schumacher, FC-Legende
  • Uli Kievernagel, Köln-Lotse

Rückmeldungen

Ich habe verschiedene Rückmeldungen zu diesem Beitrag erhalten. Und Toni hat das neue kölsche Grundgesetz noch um einen ganz wichtigen Punkt erweitert:

Hallo Uli,
watt en schlaue Verfassung. Ävver eine Artikel hann se verjesse: Mir maskeere uns em janze Johr! (Domit mir noch lang  övver d’r Südfriedhof loofe künne un nit do lieje müsse.)
Ne schöne Jrooß 
Toni 

Und Henning aus Münster kennt mich persönlich und beschreibt meinen Schmerz sehr gut:

Mein lieber Köln – Lotse,
ich weiß, wie schwer es Dir fallen wird, die Füße ab dem 11.11. still zu halten. Daher meinen Respekt, es nicht nur selbst zu tun sondern auch dazu aufzurufen.
Es ist wahr, richtig und wichtig, sich genau so zu verhalten, auf dass es nächstes Jahr wieder unbeschwert möglich sein wird zum alten Grundgesetz zurück zu kehren. Respekt, dass Du zu den Unterzeichnern gehörst, Jood jemaht.
Alaaf aus Münster.
Henning

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Ne janz hätzlische Jlöckwonsch, leeven Bläck Fööss

Die Bläck Fööss im Jahr 2020, Bild: Leonie Handrick
Die Bläck Fööss im Jahr 2020, Bild: Leonie Handrick

Leck mich en dä Täsch – jetzt feiern die Fööss bereits ihr 50jähriges Bandjubiläum. Dazu auch vom Köln-Lotsen ne janz hätzlische Jlöckwonsch. Un: Et deit mir leid, dat die Party wejen däm bedrissenen Corona erst nächstes Jahr stattfindet.

Die Fööss als konstanter Bestandteil im Leben

Wenn man in den 1970er Jahren hier aufgewachsen ist, ist man automatisch auch mit den Bläck Fööss aufgewachsen. Das ging bereits beim Fastelovend im Kindergarten los. Wir tanzten ausgelassen zu „Pänz, Pänz, Pänz“ oder „De Mama kritt schon widder e Kind“. In der Schule später wurde eher „Ming eetste Fründin“ interessant. Als Teenager war man natürlich viel zu cool um zuzugeben, dass man bei „Huusmeister Kaczmarek“ gerne leise mitrappt:

Hammer keine Hammer, jo wo hammer en dann,
hammer keine Hammer, jo dann nemme mer de Zang,
hammer keine Hammer un finge mer kein Zang,
jo, dann nemme mer su lang de Iesestang.
Hibbe di Hipp Hipp, de Hibbe di Hopp,
do haue mer de Näl met d’r Stang op d’r Kopp.

So haben die Fööss für jede Gemütslage den passenden Song bereit. Zum Beispiel für Exil-Kölsche die melancholische Heimweh-Ballade „Ich han ’nen Deckel“

Ich hätt niemols, niemols
jedaach, dat ich su oft
an Kölle denke muss.

Und auch die älteren Titel der Fööss sind top aktuell. Immer mehr zahlungskräftige Menschen ziehen in die Veedel, die alteingesessenen Bewohner werden „wegsaniert“. So werden ganze Bevölkerungsgruppen einfach ausgetauscht. Das Schlagwort dafür ist  „Gentrifizierung“. Dieses Wort war in den 70ern noch nicht bekannt. Aber der Vorgang sehr wohl. Und wird von den Föös in dem Lied „Mer losse d´r Dom in Kölle“ aufgegriffen.

Das schönste Geburtstagsgeschenk haben sich die Fööss selbst gemacht

Heute sind die Fööss fester Bestandteil des kölschen Kulturguts. Und das ist gut so, denn ohne die neue Art der Bläck Fööss, kölsche Lieder zu interpretieren, gäbe es heute weder Brings noch Kasalla, Cat Ballou oder Miljö.

Bömmel Lückerath, Bild: Bläck Föös
Fööss-Gründungsmitglied Bömmel Lückerath, Bild: Bläck Föös

Mit dem flammneuen Lied „50 Johr (met Musik em Bloot)“ haben sich die Fööss selber ein wunderbares Geburtstagsgeschenk gemacht. Der Song greift viele der Fööss-Klassiker auf und holt diese wunderbar in unsere aktuelle Zeit. Da steht im „Bickendorfer Büdche“ auf einmal „ene Hermes Shop“ und „En de Weetschaff op d’r Eck es hück en Wettbüro.“. Selbst der Buur, der einst in Berkesdörp op d’r Huhzick ausgelassen üvver Desch un Bänk un Stöhl jedanz hät, feiert in dem Lied bereits seine joldene Huhzick.

Die schönste Liedzeile in „50 Johr“ aber betrifft eine gewisse Katharina Meier:

„Un ich laach mim Meiers Kättche
weil et zo schwer es für mi Rädsche.“

Und jeder Kölsche erinnert sich an et Kättche, den Webers Mattes und an die wunderbaren Ereignisse, die man mit in den letzten 50 Jahren mit den Fööss-Songs erlebt hat.

Junge, dat hat ühr esch jood jemaht. Vielen Dank.


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Carola Rackete wird mit dem Karl-Küpper-Preis ausgezeichnet

Verleihung Karl-Küpper-Preis an Carola Rackete, Bild: Raimond Spekking
Verleihung Karl-Küpper-Preis an Carola Rackete, Bild: Raimond Spekking

Am 19. Oktober 2020 hat Carola Rackete den Karl-Küpper-Preis erhalten. Und ich bin extrem stolz auf unseren Karneval und diese Entscheidung.

Dieser Preis erinnert an den unbeugsamen Büttenredner Karl-Küpper und wird an Menschen vergeben, die sich für den Schutz der Demokratie und gegen Rassismus, Antisemitismus und jede Form der Diskriminierung engagieren. Im Jahr 2020 wurde der Preis an Carola Rackete vergeben.

Carola Rackete hat als Kapitänin mit dem Seenotrettungsschiff „SeaWatch 3“ Geflüchtete auf dem Mittelmeer vor dem Tod gerettet. Doch kein Hafen wollte das Schiff mit den 52 Geflüchteten aufnehmen. So fuhr Rackete, trotz Verbot, in den Hafen von Lampedusa ein, um das Elend der Geflüchteten an Bord zu beenden. Sie wurde noch im Hafen festgenommen.

Zur Feier dieses Preises veröffentliche ich im „Köln-Ding der Woche“ heute zwei offene Briefe:

  1. Einen offenen Brief mit herzlichen Glückwünschen an die Preisträgerin
  2. Ein offenen Brief an die Menschen, die, insbesondere in den sogenannten „Sozialen Medien“, die Vergabe dieses Preises kritisieren.

Offener Brief an Carola Rackete

Liebe Carola Rackete,

Karl-Küpper wäre am Montag sehr stolz gewesen. Der nach ihm benannte Preis hat mit Ihnen eine würdige Preisträgerin gefunden. Genau wie Karl-Küpper haben Sie Ihre eigene Person zurückgestellt und ohne Rücksicht auf negative Konsequenzen gehandelt. Sie haben Menschlichkeit bewiesen, wo andere Menschlichkeit heucheln. Oder – um es mit Ihren eigenen Worten zu sagen: Danebenstehen reicht nicht aus. 

Unsere Oberbürgermeisterin Henriette Reker hat nicht umsonst in ihrer Rede zur Preisverleihung Wert darauf gelegt, den Begriff „Zivilcourage“ exakt zu definieren: „Ein Risiko eingehen, die eigene Unversehrtheit, die eigene Existenz nötigenfalls gefährden, um für den zivilisatorisch höchsten Wert einzustehen: Die Menschenfreundlichkeit. Und was kann noch höher eingeschätzt werden als die Rettung von Menschen?“ Sie haben angepackt und Menschenleben gerettet. Gegen alle Widerstände. Wie Christoph Kuckelkorn sehr richtig gesagt hat, haben Sie „ … die Sicherheit anderer über ihre eigene gestellt“.

Die Sea Watch 3, Bild: Chris Grodotzki / Sea-Watch.org, CC BY-SA 4.0
Die Sea Watch 3, Bild: Chris Grodotzki / Sea-Watch.org, CC BY-SA 4.0

Sie gehen geradlinig Ihren Weg – genau wie Küpper es getan hat. Auch er hat sich nicht verbiegen lassen und hat auf der Bühne Haltung bewiesen. In einem Interview haben Sie Ihre moralische Verpflichtung beschrieben: „Ich habe eine weiße Hautfarbe, ich bin in ein reiches Land geboren worden, ich habe den richtigen Reisepass, ich durfte drei Universitäten besuchen und hatte mit 23 Jahren meinen Abschluss. Ich spüre eine moralische Verpflichtung, denjenigen Menschen zu helfen, die nicht meine Voraussetzungen hatten.“1La scelta di Carola. In: repubblica.it. 26. Juni 2019 Und weil Sie, genau wie Karl Küpper, Ihre ganz besonderen Fähigkeiten und Ihren Mut einsetzen, sind Sie eine würdige Preisträgerin.

Leeven Frau Rackete, ne janz hätzlische Jlöckwonsch.

Viele liebe Grüße aus Köln

Uli Kievernagel


Offener Brief an die Gegner dieser Preisverleihung

Abscheu. Faschistische Gedanken. Blanker Hass. Als ich eure Facebook-Kommentare zur Verleihung des Karl-Küpper-Preises gelesen habe, hat sich mir der Magen umgedreht. Habt ihr denn nichts verstanden?

„Es gibt wieder Faschisten, die Angst und Hass predigen.“ so Gerhard Küpper, Sohn von Karl-Küpper bei der Preisverleihung. „Und wieder laufen die Leute ihnen nach wie die Lemminge“. Na – fühlt ihr euch ertappt?

Nur zur Klarstellung – falls ihr das nicht mitbekommen haben solltet: Hier wird völlig zu Recht eine Frau ausgezeichnet, die Menschenleben gerettet hat. Mit dem Karl-Küpper-Preis, welcher an Menschen vergeben wird, die sich für den Schutz der Demokratie und gegen Rassismus, Antisemitismus und jede Form der Diskriminierung engagieren. Passt also und Karl-Küpper wäre stolz gewesen. 

Und dann wäre da noch der falsche verstandene Lokalpatriotismus in euren Kommentaren „Ävver dä Preis hätte doch ene Kölsche kräje müsse“. Warum? Nehmt mal eure kölsche Scheuklappen ab! Dann werdet ihr feststellen, dat et uch woanders Lück met Jewesse und Kurasch jit.

Vell Jrööööß

Uli

PS Und NEIN – Carola Rackete ist durch den Preis nicht reicher geworden. Sie hat das Preisgeld in Höhe von 10.000 Euro an Flüchtlingsorganisationen in Libyen gespendet. Auch das ist vorbildlich.


Was in der ganzen Diskussion etwas untergegangen ist: Die Gestaltung des Preises ist sensationell. Der Preis ist einer Bütt nachempfunden und mit unserem Stadtwappen geschmückt. Dabei steht aber eine der Kronen schräg – als Erinnerung an den unangepassten Karnevalisten Karl Küpper.

Die Gestaltung stammt von Werner Blum. Blum konzeptioniert und gestaltet Awards, Skulpturen und Grossplastiken und gehört zum Wagenbauer-Team des Festkomitees.

Weitere Informationen: Werner Blum, Gestalteratelier


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Zurück zu den Wurzeln – der Rusemondachszoch soll im Kreis laufen 

Rosenmontagszug auf dem Neumarkt, Gemälde von Simon Meister, Köln 1836
Rosenmontagszug auf dem Neumarkt, Gemälde von Simon Meister, Köln 1836

Die Corona-Krise hat auch große Auswirkungen auf den Fastelovend. So wie wir den Karneval kennen, wird 2021 nicht gefeiert. Keine großen Sitzungen, keine ausschweifenden Bälle und Parties, kein lautes, gemeinsames Mitsingen der Karnevalshits und kein Rosenmontagszug.

Moment – kein Rosenmontagszug?

Vielleicht wird es doch einen Zoch geben! Das Festkomitee prüft gerade verschiedene Möglichkeiten, wie ein Zoch unter Corona-Bedingungen doch noch stattfinden könnte. Eine Idee war, einzelne Wagen an zentrale Plätzen zu stellen. Dann kütt der Zoch nit zo dä Lück – dann kumme die Lück zum Zoch. Keine schlechte Idee.

Eine andere Idee ist, den Zoch tatsächlich gehen zu lassen. Und zwar im Müngersdorfer Stadion. Dort, wo sonst der ruhmreiche 1. FC Köln um Punkte für die bald bevorstehende Meisterschaft kämpft, soll der Zoch in Kreis laufen und die Jecken erfreuen.

Auch 1823 ging der erste Zoch „nur“ im Kreis

Sollte diese Idee Realität werden, wäre das „Karneval wie damals“. Der allererste Zoch ging an Rosenmontag auch nicht quer durch die Stadt, sondern rund um den Neumarkt. Dort feierten am 10. Februar 1823 insgesamt 15 Gruppen1Darunter die Roten Funken und das Reiterkops Jan von Werth. die „Die Thronbesteigung des Helden Carneval“. Heute unvorstellbar: Die Vorbereitungszeit betrug gerade mal zwei Wochen.

Auszug aus dem Programm des ersten Kölner Rosenmontagszuges vom 10. Februar 1823
Auszug aus dem Programm des ersten Kölner Rosenmontagszuges vom 10. Februar 1823

Das frisch gegründete Festkomitee hatte die Zeit genutzt und ein strenges, zwölf Paragraphen umfassendes, Reglement für diesen ersten Zoch verfasst. Genauso, wie es die gut organisierten preußischen Besatzer gerne sahen:

„Der in ganz Teutschland einstens so berühmte kölnische Carneval soll durch das Zusammenwirken mehrerer Verehrer alter Volksthümlichkeit in diesem Jahre durch einen allgemeinen Maskenzug erneuert und auch gefeiert werden. Die dabei zum Grunde gelegte Idee ist die Thronbesteigung Carneval’s gedacht als König des Volksfestes.“
§1 Ablaufplan Rosenmontag 1823

Sollte der Zoch also wieder im Kreis gehen, wenn auch im Stadion statt am Neumarkt, wäre das eine tatsächliche Rückbesinnung auf die Wurzeln.

Noch keine Details für 2020 bekannt

Zugleiter Holger Kirsch bestätigte im Kölner Stadt-Anzeiger2vom 1. Oktober 2020 die Planungen: Seit zwei Monaten befasse man sich mit „konkreten Planungen für ein Rosenmontagszugsfest im Stadion.“, so Kirsch. „Aber derzeit ist es für eine Veröffentlichung dieser Planungen aus unserer Sicht eigentlich noch zu früh.“ Die cleveren Karnevalisten halten sich noch bedeckt, weil sie erst die Testphase der Fußball-Bundesliga abwarten wollen. Auf diesen Hygienekonzepten könnte dann die Planung für dä Zoch im Stadion aufbauen.

Neue Konzepte – und Rückbesinnung auf den leiseren Karneval

Nach dem immer „größer – weiter – lauter“ der vergangenen Jahre ist die Rückbesinnung des Karnevals auf die Wurzeln eine positive Entwicklung. Schade nur, dass es durch die notwendigen strikten Einlassregeln nicht mehr jedem Jeck möglich sein wird, einfach hinzugehen, sich an die Straße zu stellen und den Zoch zu sehen.

Und ich bin sicher, dass noch weitere kreative Ideen kommen, wie Karneval unter Corona-Bedingungen gefeiert werden kann. Es ist nur keine Auszeichnung für den kölschen Fasteleer, dass es für diese Kreativität erst einer weltweiten Pandemie bedarf.


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Marie-Luise Nikuta: Die kölsche Motto-Queen

Marie Luise Nikuta auf der Bühne zur ColognePride 2006, Bild: Raimond Spekking
Marie Luise Nikuta auf der Bühne zur ColognePride 2006, Bild: Raimond Spekking

Es war jedes Jahr eines der Rituale des kölschen Fasteleers: Das Festkomitee gab immer an Veilchendienstag das Sessionsmotto für die kommende Session bekannt. Und knapp eine Stunde später hörte man eine gut gelaunte Marie-Luise Nikuta via Telefon im Radio das entsprechende Sessionslied trällern. So schnell wie die „Motto-Queen“ war sonst niemand.

Seit 1977 komponierte und textete „die Nikuta“ in Windeseile unvergessene Mottolieder, darunter zum Beispiel „E paar Grosche för Ies“, den „Straßenbahn Song: Weißte wat, m´r fahre met d´r Stroßebahn noh Hus“ oder auch „Hokus, Pokus, Kölsche Zauberei“. Kritiker warfen ihr vor, rein oberflächliche Stimmungslieder zu singen. Und tatsächlich sind viele ihrer insgesamt 160 Karnevalslieder, wie zum Beispiel „Kölle loss jonn“ mit den Textzeilen

„Kumm loss mer laache,
jet Freud uns mache,
kumm loss mer singe,
kumm loss mer springe,
kumm loss mer fiere,
uns amüsiere
denn Fasteovend is e härrlisch Fess.“

keine wirklich tiefgründigen Lieder, aber mit eingängigen Melodien und nie anzüglich. Dieser zweifelhafte Ruhm gebührt anderen Karnevalsgrößen.1So zum Beispiel der Herrensitzungs-Schenkelklopfer des Eilemann-Trios „Wir steigen auf das Matterhorn – mal von hinten, mal von vorn…“

Erfolgreich im von Männern dominierten Karneval

Marie-Luise Nikuta wor en esch kölsch Mädchen: Geboren am 25. Juli 1938 in Nippes hatte sie schon als Kind Klavierunterricht. Ihr erster Auftritt, gemeinsam mit einem Kinderchor, war auf einer Karnevalssitzung im Williamsbau.

Die Familie blieb bis 1944 in Köln, erst dann flüchtete man aus der fast völlig zerstörten Stadt nach Overath. Dort hielten es die Familie, neben Vater und Mutter gab es noch eine Schwester, aber nicht lange aus. Direkt nach dem Kriegsende ging es zurück nach Nippes.

1968 startet ihre Fastelovends-Karriere mit einem Auftritt beim Literarischen Komitee. Neben dem Karneval arbeitete sie bis zur Geburt ihrer Tochter als Versicherungskauffrau bei Gerling. Ihre große Stütze, Förderer und die Liebe ihres Lebens war ihr Mann Willi. Seit 1960 waren die beiden ein Paar. Er spornt sie an und hält ihr den Rücken frei. So singt sie auf der Bühne im Gürzenich, und hinter der Bühne wechselt Willi die Windeln der gemeinsamen Tochter Andrea.  „Er hat mich unterstützt. Das war wichtig. Ich war ja eine der ganz wenigen Frauen im von Männern dominierten Karneval. Manche haben uns belächelt. Es gab sogar ein paar Machos, die tönten, dass sie sowas in ihrer Ehe nicht tolerieren würden.“ so Marie-Luise Nikuta in einem Interview mit dem Express.

Die Zeiten für Künstlerinnen im Karneval waren hart und sind es heute noch. Männliche Kollegen spotten über die mit roten Haaren und im Köbes-Kostüm auftretende Nikuta. Doch ihr Erfolg spricht für sich. Auch das Festkomitee erkennt dies zwar spät, aber immerhin an: „Sie hat den Karneval – in einer Zeit, als das noch lange nicht selbstverständlich war – weiblicher gemacht. Sie hat die Bühnen der Stadt gegen manch damalige männliche Widerstände erobert.“ so Festkomitee-Präsident Christoph Kuckelkorn im Februar 2020. Das war allerdings bereits nach dem Tod von Marie-Luise Nikuta.

Ein Star in der LGBT-Community

Ein ganz besonderes Verhältnis hatte Marie-Luise Nikuta zur LGBT-Community2Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender, also Lesbisch, Schwul, Bisexuell und Transgender in Köln. Als eine der wenigen Künstler*innen aus der Karnevalszene trat sie regelmäßig bei schwul-lesbischen Veranstaltungen auf. Und dazu kam es eher zufällig. Sie hatte eine Buchung für eine Veranstaltung in der Altstadt. Nikuta dazu „Als ich da ankam, waren nur Männer da. Ich habe mir da erst einmal gar nichts bei gedacht. Und dann fragte mich jemand, ob ich ein Problem damit hätte, hier aufzutreten – warum sollte ich? Erst da hab‘ ich verstanden, wo ich damals war.“ Die konservativen Karnevalisten sind entsetzt, doch Marie-Luise steht zu ihrer Fangemeinde: „Natürlich bin ich weiter da aufgetreten. Die Stimmung war immer sensationell.“

Maria Luise Nikuta auf einem Paradewagen in der CSD-Parade 2009, Bild: Raimond Spekking
Maria Luise Nikuta auf einem Paradewagen in der CSD-Parade 2009, Bild: Raimond Spekking
Tod ausgerechnet an Karnevalsdienstag – dem „Motto-Tag“

Zur Zäsur im Leben von Marie-Luise Nikuta wird der 18. Dezember 2013. Anfänglich eher harmlose Kopfschmerzen entpuppen sich als Schlaganfall. Noch am gleichen Tag wird sie operiert. Ihr offizieller Rückzug von der Bühne findet bei der Sessionseröffnung am Elften im Elften 2014 statt. 

Ausgerechnet an „ihrem Motto-Tag“ – Karnevalsdienstag 2020 – stirbt Marie-Luise Nikuta im Alter von 81 Jahren. Und wieder werden an diesem Tag ihr zu Ehren im Radio und in den Kneipen die Lieder der Mottoqueen gespielt, wie schon seit 1977.    


Die Nikutas waren trotz der Prominenz ganz bodenständig , wie mir Bäätes geschrieben hat:
„Lieber Uli,
eine Zeitlang habe ich in Mauenheim gearbeitet, wo Frau Nikuta mit ihrem Mann wohnte. Völlig normale Lück. 
Bäätes“


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Un wer is dat schuld? Dä Nubbel!

Ein typischer Nubbel am Eingang einer kölschen Kneipe, Bild: Superbass / CC-BY-SA-3.0 (via Wikimedia Commons)
Ein typischer Nubbel am Eingang einer kölschen Kneipe, Bild: Superbass / CC-BY-SA-3.0 (via Wikimedia Commons)

Jetzt hängen Sie wieder über den Kneipen: Die bemitleidenswerten Nubbel. Das sind Strohpuppen, die in der Nacht zu Aschermittwoch verbrannt werden, um uns von allen (Karnevals-)Sünden zu befreien. Zugegeben: Das ist recht praktisch! Wir feiern heftig Karneval, schlagen über die Stränge und schuld ist immer nur dä Nubbel.

Die ersten Nubbel wurden im Rheinland ab etwa Anfang des 19. Jahrhunderts verbrannt. Allerdings ist der Begriff „Nubbel“ recht neu und stammt aus den 1950er Jahren. Bis dahin war der Begriff „Zachaies“ geläufig. Gleiches Prinzip, nur anderer Begriff: Eine Figur muss für die Verfehlungen einstehen. Dabei steht der Nubbel jedes Jahr wieder neu auf, er entsteht also aus seiner eigenen Asche.

Der Nubbel trägt die Schuld – an allem!

Der Ablauf der Nubbel-Verbrennung ist immer weitesgehend gleich: Die bereits vor Weiberfastnacht aufgehängte Puppe wird in der Nacht zu Aschermittwoch abgenommen. Ein als Geistlicher oder Bestatter kostümierter Jeck liest dann die Anklageschrift mit den Sünden des Nubbels vor. Mit jeder Verfehlung wird das anwesende Volk gefragt: „Un wer is dat schuld?“ Die Antwort ist – na klar – der Nubbel. Klassische Anklagen des Nubbels sind:

  • Wer is et schuld, dat mer noh Fastelovend all malad und blank sin?
    (Wer ist es schuld, dass wir nach Karneval alle krank und pleite sind?)
  • Wer is et schuld, dat dä Eff Zeh alt widder su schläch jespillt hät?
    (Wer ist es schuld, dass der ruhmreiche 1. FC Köln schon so bescheiden gespielt hat?)
  • Wer ist et schuld, dat die bedrissene Autobahnbröck immer noch kapott es?
    (Wer ist et schuld, dass die Autobahnbrücke der A1 über der Rhein immer noch defekt ist?)

Das anwesende Volk antwortet auf jede Anklage immer lauthals mit „Dä Nubbel“. Am Ende der Anklage wird der Nubbel angezündet und verbrannt. Durch das Feuer werden alle Jecken, die Stadt, der FC und wer auch immer von ihren Sünden befreit. So lässt sich anschließend hervorragend weiterfeien – bis zum Morgen des Aschermittwochs. Erst dann ist wirklich Schluss.

Auch dieser Nubbel von einer Kneipe auf Severinsstraße wird Karnevalsdienstag brennen, Bild: Dstern at German Wikipedia [Public domain]
Auch dieser Nubbel, von einer Kneipe auf der Severinsstraße, wird Karnevalsdienstag brennen, Bild: Dstern at German Wikipedia [Public domain]

In der Südstadt wird der Nubbel zum Rebell

Kölns größte Nubbelverbrennung ist im Quartier Latin, im Studentenviertel an der Zülpicher Straße. Dort fährt eine alte Leichenwagen-Kutsche durch die Straßen und sammelt die Nubbel der verschiedenen Kneipen ein. Die eigentliche Verbrennung ist dann vor Hellers Brauhaus auf der Roonstraße. Mehrere Tausend Jecken beschuldigen den Nubbel aller Sünden und singen nach der Verbrennung gemeinsam „In unserem Veedel“ bevor es zurück in die vielen Kneipen des Viertels geht.

Auf der Merowinger Straße in der Südstadt wird der Nubbel vor der Kneipe/Restaurant Filos verbrannt. Der Pfarrer der nahegelegenen Lutherkirche, Hans Mörtter, leitet diese Verbrennung. Hier steht der Nubbel aber nicht für die begangenen Sünden, sondern für das letzte Stück Rebellion in uns allen: Rebellion gegen Intoleranz, Rassismus und Hass. Folgerichtig wird die Asche des verbrannten Nubbels in kleine, durchlöcherte Säcke gefüllt und an mit Helium gefüllte Ballons gebunden. Beim Aufstieg in den Himmel soll dann die Asche des Nubbels auf uns niederrieseln und den Geist der Rebellion anfachen. Daher hofft man auch, dass Südwind herrscht. So kann sich die Asche vorrangig über die Nobelviertel Marienburg und Hahnwald verteilen.

Sündenverbrennung in Raderberg

Einen ganz anderen Weg geht der Bürgerverein RADERBERG und -THAL im Kölner Süden: Bereits weit vor Karneval verteilt der Verein im ganzen Viertel „Sündenkarten“. Hier können die Jecken ihre individuellen Sünden eintragen und an die Pinnwand „Beichtstuhl“ im Brauhaus am Kloster hängen.

RADERBERG und -THAL, Sündenkarte 2020
RADERBERG und -THAL, Sündenkarte 2020

An Karnevalsdienstag kommen dann mit Klaus Eberhard, dem evangelischen Pfarrer der Gemeinde, und Thomas Frings, einem katholischen Geistlichen, zwei echte Profis, die gemeinsam die „schönsten“ Sündenkarten zitieren, die Sünden einordnen und dann verbrennen. Auch hier ist der Sünder somit befreit von der Sündenlast und kann unbeschwert weiterfeiern. Dies ist Kölns schönster Karnevalsabschluss. Vorbeikommen lohnt sich unbedingt.
Übrigens: Ich werde auch dort sein.


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Warum rufen wir „Kölle Alaaf“?

Wir Kölner sind mit unserem Ruf „Alaaf“ zu Fastelovend nicht alleine. Quer durch Deutschland rufen alle Jecken viele unterschiedliche karnevalistische Schlachtrufe. Zu meinen persönlichen Lieblingsrufen gehören:

Hoorig, hoorig – isch dia Katz lautet der Ruf der Narrenzunft Zell am Harmersbach.

Der Ruf in Westernhausen (Hohenlohekreis) wird spätestens nach dem achten Bier auch für geübte Zungen kritisch: Houlzschlaichel ferschi.

Ha-Tschi ruft der Fellbacher Carneval Club 1981 e.V.

Im Dietfurter Chinesenfasching ruft man Kille-Wau.

Wer mal Karneval in Würzburg-Unterdürrbach gefeiert hat, kennt auch „Schnüdel Klar“.

Nicht alle Düsseldorfer rufen „Helau“: In Unterbach lautet der Ruf „I-a“

Mein persönlicher Favorit ist aber Öleme Öwwäh aus dem wunderschönen Dorf Ulmen in der Vulkaneifel. Das geht eindeutig nur nach dem zehnten Bier.

Zweigeteilter Narrenruf

Der klassische Narrenruf besteht aus zwei Teilen: Zunächst etwas, was gewürdigt werden soll, meistens ein Ort, eine Person oder ein Karnevalsverein und dann der der eigentliche Ruf. Ganz klassisch ruft ein Redner den ersten Teil und die Jecken im Saal oder auf der Straße antworten mit dem Narrenruf. Der Ruf wird in de Regel dreimal wiederholt. In Köln bedeutet das regelmäßig: Der Vorrufer ruft „Kölle“ und alle antworten „Alaaf“.

Unzählige viele falsche Herleitungen von Alaaf

Aber woher kommt dieses schöne Wort „Alaaf“? Der Kölner Philologe Heribert Augustinus Hilgers (1935-2012) hat in seinem Buch „Alaaf! Ein Kölner Hochruf“ mit allerhand Fehlinterpretationen aufgeräumt. So schön die Geschichten auch sein mögen, sie sind leider alle falsch.

Nicht richtig ist zum Beispiel, dass Alaaf vom keltischen Wort „alef“ („Glück“) abstammt. Schön aber ebenso falsch ist die Geschichte, dass sich Alaaf auf das Tarotspiel bezieht, weil der jüdische Buchstabe „aleph“ der Karte des Narren zugeordnet sei. Auch die Herleitungen aus dem alemannischen „A Laaf´n“, dem spanischen „alaber“ oder dem syrischen „hadegel“, sind alle, so Hilgers in seinem Buch, nicht haltbar. Und auch wenn wir aus der französischen Besatzungszeit viele Wörter in die kölsche Sprache übernommen haben, stimmt es auch nicht, dass sich Alaaf von „eleve-toi, cologne“, also „Erhebe dich, Köln“ ableitet.

Alaaf ist viel älter als der institutionalisierte Karneval

Im Rheinland gab es den Begriff „Alaaf“ bereits seit Mitte des 16. Jahrhunderts. Und damit knapp 300 Jahre vor dem institutionalisierten Karneval. Tatsächlich wurde im Jahr 1951 ein Krug mit der Inschrift „Allaf für einen goden Druingk“ also „Nichts geht über einen guten Trank“ gefunden. Dieser Krug stammt ungefähr aus dem Jahr 1550. Und Alaaf war ein durchaus üblicher Ruf, nicht nur als Trinkspruch.

Also – liebe Karnevalisten: Ruft gerne oft und laut Alaaf, denkt aber daran, dass dieser Ruf älter als euer wunderschönes Fest ist. Und es ist durchaus erlaubt, auch mal andere schöne Narrenrufe zu benutzen.

Darauf ein dreifaches „Öleme Öwwäh“


Eine andere Geschichte versucht, die Entstehung von „Alaaf“ und „Helau“ gleichzeitig zu erklären. Diese Legende bezieht sich auf das Stapelrecht, also die Pflicht für alle Kaufleute, alle über den Rhein transportierten Güter in Köln zu einem festgelegten Preis anzubieten. Dabei galt immer der Befehl: Alaaf – also „Alles abladen!“

Ein Kaufmann aus Mainz wollte sich mit den Worten „Ik will he lau fahrn“ dem Stapelrecht nicht unterwerfen. Der arme Mann wurde, so die Legende, bei dem Versuch, das Stapelrecht zu umgehen, tödlich verwundet und im Düsseldorfer Stadtteil Kaiserswerth beerdigt. Von ihm sei heute nur noch der Ruf „Helau“ übriggeblieben.


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Das Dreigestirn: Prinz – Bauer – Jungfrau (Teil II)

Ein stolzes Dreigestirn mit Prinzenführer, Bild: Norbert Bröcheler
Ein stolzes Dreigestirn mit Prinzenführer, Bild: Norbert Bröcheler

Bereits letzte Woche gab es Details zum Dreigestirn. Heute geht es um den Prinzenführer, die Auftritte und Eskapaden von Prinz, Bauer und Jungfrau.

Der Prinzenführer

Der Prinzenführer ist der „Manager“ des Dreigestirns. Er wacht über den Terminplan und ist der stets hilfreiche Geist im Hintergrund. Bei Problemen ist er der erste Ansprechpartner. Festlich gekleidet mit einem schwarzen Frack, Fliege und Schärpe steht er auch auf der Bühne direkt beim Dreigestirn. Immer bereit, bei allen unvorhersehbaren Ereignissen sofort einzugreifen.

Der Prinzenführer - Manager des Dreigestirns. Bild: Norbert Bröcheler
Der Prinzenführer – Manager des Dreigestirns. Bild: Norbert Bröcheler

Die Ornate

Oft werden die Ornate des Dreigestirns als Kostüme bezeichnet. Dies ist schlichtweg falsch.

Mit einem Kostüm verkleidet sich die Jecken als Cowboy, Clown oder Indianerin. Die Ornate des Dreigestirns sind aber Amtstrachten. Somit verkleiden sich Prinz, Bauer und Jungfrau nicht als Dreigestirn, sondern sie werden bei der Proklamation zu diesen wichtigen Figuren im Karneval.

Die maßgeschneiderten Ornate leiden in der Session erheblich. Regen, Schnee, Schminke von zudringlichen Karnevalisten – nicht alles lässt sich einfach auswaschen. Außerdem sind die Ornate durch verschiedene Lagen Stoff eine durchaus warme Bekleidung. Zusammen mit dem heißen Scheinwerferlicht auf den Bühnen kommen Prinz, Bauer und Jungfrau ordentlich ins Schwitzen.

Die Auftritte des Dreigestirns

Die Auftritte von Prinz, Bauer und Jungfrau folgen einem festgelegten Ritual. Nach dem Einzug in einen Saal bzw. auf eine Bühne, immer zusammen mit einer Equipe, werden die drei vorgestellt. Dabei werden traditionell die Lieder „Op dem Maat“ für den Bauern, „Oh, wie bist du schön“ für die Jungfrau und „Der schmucke Prinz“ gespielt. Auch der Prinzenführer bekommt mit „Schau nicht auf die Uhr“ sein spezielles Lied.

Das Kölner Dreigestirn hat – je nach Länge der Session – rund 400 Auftritte. Etwa die Hälfte der Auftritte finden in sozialen Einrichtungen, z.B. Krankenhäusern, Altenheimen und auch Hospizen statt. Eine besondere Anforderung ist es für Prinz, Bauer und Jungfrau , direkt umzuschalten und sich auf das spezifische Publikum einzustellen. So kann es durchaus vorkommen, dass auf einen Auftritt in einem Kinderhospiz ein Auftritt auf einer Damensitzung mit ausgelassen, angetrunkenen „Kölschen Mädchen“ folgt. Nicht jedes Dreigestirn steckt das so einfach weg.

Eskapaden des Dreigestirns

Nur selten dringen Informationen über Probleme im Dreigestirn nach außen. Ab und an, zuletzt im Jahr 2017, fällt einer der drei wegen Krankheit ein paar Tage aus, und es gibt vorübergehend nur ein Zweigestirn. Größere Eskapaden bleiben aber – bis auf wenige Ausnahmen – aus.
So gingen der Jungfrau Helmi im Dreigestirn 1986 die Nerven durch und es kam zu einer Schlägerei mit einem Fotografen. Für ihn sprang kurzfristig Hans-Dieter Salchert, der bereits 1983 die Jungfrau verkörpert hatte, ein. Drei Jahre vorher musste der designierte Prinz Rudi I. kurz vor der Proklamation verzichten, da ihm falsche Abrechnungen bei Kurzzeitarbeitern in seinem Unternehmen vorgeworfen wurden.

Was kostet es, im Kölner Dreigestirn zu sein?

Um es vorwegzunehmen: Es gibt keine belastbare Quelle zu den Kosten. Auch das Festkomitee gibt dazu keine Auskunft. Allerdings dürfte für die Ornate, das Wurfmaterial, die Orden, Geschenke und viele Runden eine erhebliche Summe draufgehen. Es gibt zwar immer wieder Spenden für das Dreigestirn, allerdings kann man davon ausgehen, dass unter dem Strich für jeden der drei mindestens 60.000 Euro anfallen – eher aber erheblich mehr.

Dazu kommt noch, dass es während der Session von Anfang Januar bis Aschermittwoch bei acht bis 14 Auftritten täglich unmöglich ist, zu arbeiten. Kein Wunder, dass die Rollen in Köln regelmäßig von Geschäftsleuten ausgefüllt werden. Und es ist ein offenes Geheimnis, dass diese sich auch Vorteile für ihr jeweiliges Geschäft versprechen.

Anders ist dies beim Karneval „op dem Dörp“, also im Kölner Umland. Die unzähligen Dreigestirne und Prinzenpaare sind in der Regel nur aus „Spaß an der Freud“ im Karneval unterwegs.


Ich wünsche allen Tollitäten vell Freud im Karneval, eine herrliche Session und vell Sunnesching am Rosenmontag.

ALAAF


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