Kölsche Karnevalsbegriffe von A-Z, Teil II: Von „Geisterzug“ bis „Krätzje“

Der Kölner Karneval ist bunt und vielfältig. Und sehr speziell. Diese Übersicht der wichtigsten Karnevalsbegriffe soll Einheimischen und Imis helfen, sich im Fastelovend zurechtzufinden.

Alle bisher erschienen Teile der Serie „Kölsche Karnevalsbegriffe von A-Z“:


Schaurig, schön, anarchisch: Der Kölner Geisterzug, Bild: Kölner Ähzebär un Ko e.V.
Schaurig, schön, anarchisch: Der Kölner Geisterzug, Bild: Kölner Ähzebär un Ko e.V.

Geisterzug

Die genauen Anfänge des Karnevals lassen sich nicht exakt bestimmen. Eine Herleitung des Karnevals basiert darauf, dass im Frühjahr die Geister, welche im Haus überwinterten, aus dem Haus vertrieben wurden. Anschließend sollten sie dafür sorgen,  dass pünktlich zur Aussaat die Erde wieder fruchtbar wird. Daher wurde in der Nacht ein „Geisterzug“ zur Austreibung der Geister veranstaltet. Somit haben die Geisterzüge nicht nur in Köln eine lange Tradition.

Aufgrund des großen Erfolgs des spontanen 1991er-Rosenmontagszochs wurde der Kölner Geisterzug im folgenden Jahr wiederbelebt. Getragen vom Verein „Ähzebär un Ko e.V.“ geht dieser Zug seit 1992 jeweils Karnevalssamstag durch die Stadt. Anders als bei den traditionellen Zügen kann hier jeder Jeck ohne Anmeldung einfach ein Stück oder auch den ganzen Zug mitlaufen. Der Zugweg wird jedes Jahr passend zum Motto neu festgelegt.


Der Gürzenich, Bild: pedelecs
Der Gürzenich, Bild: pedelecs

Gürzenich

Der Gürzenich ist Kölns wichtigster Saal zum Feiern. In „Kölns guter Stube“ wird bereits seit 1822 Karneval gefeiert. Und hier findet auch das „Hochamt des Karnevals“ statt: Die Prinzenproklamation.


Hofburg

What happens in Hofburg stays in Hofburg!

Die Hofburg ist der Wohnsitz des Dreigestirns während der Karnevalszeit. Jeweils Anfang Januar beziehen Prinz, Bauer und Jungfrau mit ihrer Entourage das Hotel, in welchem sie während der Karnevalszeit wohnen. Aktuell ist dies das Dorint am Heumarkt. Vorher war dies 47 Jahre lang das Pullmann Hotel.

Das Dreigestirn mit seinem Gefolge bewohnt zehn Zimmer auf der siebten Etage. Und diese Etage ist tatsächlich die einzige echte Rückzugsmöglichkeit des Dreigestirns.  Der Zutritt für alle – außer dem absoluten engsten Kreis- ist streng verboten.


Die Hausband der Immisitzung rockt das Bürgerhaus Stollwerck, Bild: Jassin Eghbal
Die Hausband der Immisitzung rockt das Bürgerhaus Stollwerck, Bild: Jassin Eghbal

Immisitzung

Unter dem Motto „Jeder Jeck ist von woanders“ feiern seit 2010 Kölner und Zugezogene aus der ganzen Welt Karneval in einer ganz besonderen Sitzung.

Dabei spielt die Immistzung mit dem Begriff „Imi“: Als „Imi“ werden in Köln alle Zugezogenen oder „unechten“ Kölner bezeichnet. Der Imi versucht also, den Kölner zu imitieren. Zuerst aufgetaucht ist dieser Begriff in dem Lied Sag´ens Blotwoosch von Gerd Jussenhoven:

„Sag ens Blotwoosch, ich garranteeren der,
wer nit richtig Blotwoosch sage kann, dat es
´ne Imi, ´ne Imi, ´ne Imi, ´ne imitierte Kölsche ganz gewess.
´ne Imi, ´ne Imi, ´ne imitierte Kölsche ganz gewess.“

Bei der „Immisitzung“ steht das zweite „m“ für „Immigranten“. Dabei ist völlig unerheblich, ob diese aus Bayern, Botswana, Ostfriesland oder Osttimor kommen. Das Ensemble der Immisitzung ist genauso gemischt wie das Publikum im Saal.


Dat Spillche vun Jan und Griet vom Reiter-Korps Jan von Werth, zu sehen jedes Jahr an Wieverfastelovend an d´r Vringsporz, Bild: Uli Kievernagel
Dat Spillche vun Jan und Griet vom Reiter-Korps Jan von Werth, zu sehen jedes Jahr an Wieverfastelovend an d´r Vringsporz, Bild: Uli Kievernagel

Jan & Griet

Eine ursprünglich urkölsche Geschichte von verschmähter Liebe. Das Reiterkorps Jan von Werth – eine der renommiertesten Karnevalsgesellschaften in Köln – stellt jedes Jahr an Weiberfastnacht vor der Severinstorburg auf dem Chlodwigplatz die Geschichte von Jan & Griet nach. Diese Aufführung gipfelt in den in Köln weltbekannten Aussprüchen „Jan, wer et hät jewoss.“ und „Griet, wer et hät jedonn.“


Unzählige Jecke am Rosenmontagszug , Bild: ngocchat1014, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons
Unzählige Jecke am Rosenmontagszug , Bild: ngocchat1014, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons

Jecke

Der Jeck ist der Narr. Manche Menschen erleben an Karneval eine echte Mutation: Das ganze Jahr über übel gelaunt und sauertöpfisch, aber sobald sie die Mütze ihres Karnevalsvereins stolz auf dem Kopf tragen, werden sie urplötzlich zum Jeck.

Und dann gibt es noch die Frohnaturen, die nicht nur zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch Spaß an d´r Freud haben. Das sind dann die echten Jecken.


Wer laut ruft wird belohnt: Es regnet Kamelle vom Himmel, Bild: Superbass, via Wikimedia Commons
Wer laut ruft wird belohnt: Es regnet Kamelle vom Himmel, Bild: Superbass, via Wikimedia Commons

Kamelle

Kamelle ist der Sammelbegriff für alle Arten von Süßigkeiten, die in den verschiedenen Karnevalszügen unters Volk gebracht werden. Merke: Je lauter du am Zugweg rufst, umso besser wird deine Ausbeute sein.


Eher als Stütze denn zum Schießen geeignet: Der Funk ganz rechts stützt sich auf seiner Knabüss ab, Bild: Raimond Spekking
Eher als Stütze denn zum Schießen geeignet: Der Funk ganz rechts stützt sich auf seiner Knabüss ab, Bild: Raimond Spekking

Knabüß

Sie kommen – trotz militärisch aussehender Uniformen – in friedlicher Absicht: Die Roten Funken. Um dies zu unterstreichen, tragen die Funken zwar ein als „Knabüß“ bezeichnetes Gewehr, doch dieses ist selbstverständlich nicht funktionstüchtig. Und im Lauf steckt immer ein rot/weißes Blümchen. „Make love, not war“ op kölsch.


Ein Köbes bei der Arbeit, Bild: Privatbrauerei Gaffel
Ein Köbes bei der Arbeit, Bild: Privatbrauerei Gaffel

Köbes

Vielleicht der wichtigste Mann – nicht nur im Karneval: Der Kellner, in Köln „Köbes“ genannt. Er bringt das Kölsch und – anders als in allen Gaststätten der Welt – ist der Köbes der König, nicht der Gast. 


Das 10 Liter-Fass von Früh trägt den Namen "Pitter", Bild: Früh Kölsch
10 Liter flüssiges Gold: Ein Kölsch-Fass, Bild: Früh Kölsch

Kölsch

Bestellt doch einfach mal ein obergäriges, helles, gefiltertes, hopfenbetontes, in einer Kölner Stange serviertes und in Köln gebrautes Bier.
Da diese Bestellung spätestens nach dem zehnten Getränk schwerfällt, könnt ihr auch einfach ein Kölsch bestellen. Ist dasselbe.


Stolz präsentiert dieser Jeck sein "Reiterstaffel-Kostüm", Bild: Uli Kievernagel
Stolz präsentiert dieser Jeck sein „Reiterstaffel-Kostüm“, Bild: Uli Kievernagel

Kostüm

Ohne Kostüm geht im Karneval nichts. Es sei denn, man ist zu Besuch auf einer Gala-Sitzung mit dem dezenten Hinweis „Um Abendgarderobe wird gebeten.“ Dann hilft nur: Hinein ins kleine Schwarze oder in den Anzug. Oder nicht hingehen.

Auf allen anderen Veranstaltungen ist erlaubt, was gefällt. Ob als zwei Meter große Biene Maja, Lappenclown – egal. Nur bitte nicht in den unsäglichen Polizei-SWAT-Militär-Kostümen. Dat es Driss!


Ein Kranz Kölsch - sehr praktisch, weil kein Glas herunterfallen kann, Bild: Privatbrauerei Gaffel
Ein Kranz Kölsch – sehr praktisch, weil kein Glas herunterfallen kann, Bild: Privatbrauerei Gaffel

Kranz

Wenn ihr mit mehreren Menschen unterwegs seid, bestellt man nie nur ein Kölsch für sich, sondern einen ganzen Kranz. Damit ist das spezielle Kölsch-Tablett gemeint, in welches die Kölsch Stangen exakt und sturzsicher reinpassen.

Profis bestellen übrigens den „Doppelten Kranz“. Dann wird auch der obere Teil des Kranzes mit Kölsch vollgepackt.


Der "Singende Prinz" Wicky Junggeburth, Bild: Oliver Abels (SBT), CC BY-SA 3.0
Ein begnadeter Krätzchensänger und sehr sympathischer, hilfsbereiter Mensch: Wicky Junggeburth, Bild: Oliver Abels (SBT), CC BY-SA 3.0

Krätzje I: Lied

Fast war das Krätzchen tot! Doch dann kamen begnadete Karnevalisten wie Wicky Junggeburth, Martin Schopps, J.P. Weber oder Philipp Oebel und haben dieser uralten Tradition neues Leben eingehaucht. Und der begnadete Günter Schwanenberg singt nicht nur hervorragend ausgewählte Krätzjer, sondern ordnet diese auch historisch ein und erklärt die Hintergründe.  

Das Krätzje ist ähnlich wie der mittelalterliche Bänkelgesang ein minimal instrumentiertes und auf einer einfachen Melodie vorgetragenes Lied, welches immer eine Geschichte erzählt. Adam Wrede1Neuer Kölnischer Wortschatz definiert das Krätzje als „Erzählung eines Streiches, ein Schwank, eine Schnurre, ein heiteres Stücklein, lustiges Verzällche teils harmloser, teils derber Art.“


Ein Krätzchen, hier das Modell der "Blauen Funken", Bild Raimond Speking
Ein Krätzchen, hier das Modell der „Blauen Funken“, Bild Raimond Speking

Krätzje II: Mütze

Ein Krätzje auf dem Kopp ist das Erkennungszeichen der Karnevalsvereine. In der Form eines Schiffchens und selbstverständlich in den Farben des Vereins trägt der Karnevalist seine (karnevalistische) Herkunft auf Kopf zur Schau. Bei den organisierten Karnevalisten gerne auch aufwändig bestickt ist das Krätzje die kleine Schwester der großen Karnevalsmütze mit Bommeln und Perlen.


Alle bisher erschienen Teile der Serie „Kölsche Karnevalsbegriffe von A-Z“:

– Fortsetzung folgt – 

 


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Kölsche Karnevalsbegriffe von A-Z, Teil I: Von „Ähzebär“ bis „Funkemariechen“

Collage Karnevalsbegriffe Teil I

Der Kölner Karneval ist bunt und vielfältig. Und sehr speziell. Diese Übersicht der wichtigsten Karnevalsbegriffe soll Einheimischen und Imis helfen, sich im Fastelovend zurechtzufinden. Deswegen kommt hier der erste Teil der Reihe „Kölsche Karnevalsbegriffe“.

Alle bisher erschienen Teile der Serie „Kölsche Karnevalsbegriffe von A-Z“:


Das Logo des Geisterzugs, Bild: Ähzebär un Ko e.V.
Das Logo des Geisterzugs, Bild: Ähzebär un Ko e.V.

Ähzebär

Der Ähzebär ist eine uralte Verkleidung und symbolisiert den Winter. „Ähze“ sind Erbsen. Es handelt sich bei dem Ähzebär im Wortsinn um den „Erbsenbär“. Dabei wird der Kostümträger komplett in Erbsenstroh eingewickelt. Seit 1991 ist der Ähzebär das Maskottchen des Geisterzugs.


Ajuja

Ajuja

Wenn der Kölner im Karneval seine Freude laut herausrufen will, dann ruft er „Ajuja“. So heißt es auch in dem gleichnamigen Karnevalslied:
„Ajuja, ajuja, jetz jeht et widder ajuja, jetz jeht et Loss.“
Laut Aussage des Kölner Erzbistums handelt es sich bei „Ajuja“ um eine Verballhornung des Lobgesangs „Halleluja“.


Alaaf

Der ultimative Schlachtruf aller Jecken. Den Ruf „Alaaf“ gab es bereits seit Mitte des 16. Jahrhunderts. Und damit knapp 300 Jahre vor dem institutionalisierten Karneval.


Das Aschenkreuz wird auf die Strin gezeichnet, Bild: Oxh973, Public domain, via Wikimedia Commons
Das Aschenkreuz wird auf die Strin gezeichnet, Bild: Oxh973, Public domain, via Wikimedia Commons

Äschekrütz

Gläubige Christen lassen sich an Aschermittwoch ein Kreuz aus Asche auf die Stirn zeichnen. Der Geistliche spricht dabei die Worte „Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst.“ Das Kreuz steht dabei für Buße, Reinigung und Vergänglichkeit.

Eine schöne Variante hat der Kölner Geistliche Thomas Frings in der Corona-Zeit erfunden: Er verteilte Kreuze aus Glitzer-Puder.


Aschermittwoch

Der Aschermittwoch ist der Beginn der Fastenzeit und das Ende des Karnevals. Und: „Am Aschermittwoch ist alles vorbei‘“ – das wusste bereits der Komponist und Musiker Jupp Schmitz. Weiter lautet es in seinem prominenten Lied:

„Die Schwüre von Treue, sie brechen entzwei.
Von all deinen Küssen, darf ich nichts mehr wissen.
Wie schön es auch sei, dann ist alles vorbei.“

Und tatsächlich hat schon manches Fisternöllchen an Aschermitwoch ein jähes Ende gefunden.


An der Kappe des Bellejeck finde sich kleine Glöckchen
An der Kappe des Bellejeck finde sich kleine Glöckchen

Bellejeck

Die Figur des Bellejeck war fast vergessen, bis die Große Allgemeine Karnevalsgesellschaft von 1900 Köln e.V. in der Session 2008/09 diese Tradition wiederbelebt hat. Der Bellejeck ist der Hofnarr und trägt, ähnlich wie Till Eulenspiegel, ein Kostüm mit kleinen Glöckchen und einer Narrenkappe.

Heute zieht der Bellejeck sehr früh an Weiberfastnacht durch die Stadt und weckt, unterstützt durch laute Spielmannszüge, die Jecken. Sein Ziel ist die Hofburg des Dreigestirns. Dort werden Prinz, Bauer und Jungfrau durch laute Rufe „Opston! Opston“ („Aufstehen! Aufstehen!“) geweckt. Nach dem erfolgreichen Wecken wünscht der Bellejeck dem Dreigestirn einen erfolgreichen Tag und zieht weiter durch die Stadt.


Die Bläck Fööss in ihrer Besetzung seit 2023: von links: Andreas Wegener, Ralf Gusovius, Pit Hupperten, Mirko Bäumer, Christoph Granderath, Hanz Thodam, Bild: studio157 | Thomas Ahrendt
Die Bläck Fööss in ihrer Besetzung seit 2023: von links: Andreas Wegener, Ralf Gusovius, Pit Hupperten, Mirko Bäumer, Christoph Granderath, Hanz Thodam, Bild: studio157 | Thomas Ahrendt

Bläck Fööss

Klar – zum Karneval gehören viele kölsche Bands. Allerdings werden die Fööss als „Mutter der aller kölschen Bands“ bezeichnet und nehmen eine Sonderstellung ein. Keine Karnevalsparty kommt ohne das „Bickendorfer Büdchen“, das Lied vom „Veedel“ oder Mer losse d´r Dom in Kölle aus.

Bevor die Bläck Fööss im Karneval die Bühnen mit kölscher Musik eroberten, waren sie unter dem Namen Stowaways bekannt. Da, so Fööss-Urgestein Erry Stoklosa, die Band ihren guten Ruf in der Beat-Szene nicht auf Spiel setzen wollte, wurde für die Auftritte im Karneval ein eingängiger Name gesucht, der in beiden Sprachen (Kölsch und Englisch) „funktionieren“ sollte – die Geburtsstunde der „Bläck Fööss“, was auch Kölsch „nackte Füße“ bedeutet. Fünf Jahre lang existierten Stowaways und Bläck Fööss parallel, bevor sich die Fööss/Stowaways ausschließlich der kölschen Musik widmeten.


Auch das Ex-Dreigestirn der KG Brav Jonge trägt die blauen Zylinder. Bild: Jürgen Link
Auch das Ex-Dreigestirn der KG Brav Jonge trägt die blauen Zylinder. Bild: Jürgen Link

Blaue Zylinder

Die jeweiligen Ex-Tolitäten tragen im Jahr nach ihrer Demissionierung blaue Zylinder. Kurios: Selbst das Festkomitee Kölner Karneval kann die Frage, woher dieser Brauch kommt, nicht beantworten. Ein mögliche Erklärung wäre, dass sich das Ex-Dreigestirn durch die blaue Zylinder von den früher allgegenwärtigen schwarzen Zylinder optisch abgesetzt hat.


Fritz Bilz: Unangepasst und widerborstig: Der Kölner Karnevalist Karl Küpper
Ein Buch über einen der wichtigsten Büttenreder im Kölner Karneval: Karl Küpper, Autor: Fritz Bilz

Bütt

Die Bütt ist der Arbeitsort der Büttenredner. Mit „Bütt“ bezeichnet der Kölner einen Bottich zum Wäschewaschen. Ein solcher stand früher bei Karnevalssitzungen auf der Bühne, Die Redner stellten sich in die Bütt und wurden so zum „Büttenredner“.

Eine der wichtigsten Kölner Büttenredner war Karl Küpper, der sich bei seinen Reden immer auf den Rand der Bütt setzte.


So kann ein klassisches Bützje aussehen, Bild: Adina Voicu auf Pixabay
So kann ein klassisches Bützje aussehen, Bild: Adina Voicu auf Pixabay

Bützjer

Ein „Bützje“ ist ein Küsschen, „Bützjer“ sind ganz viele Küsschen. Und genau so ist es auch gemeint: Küsschen. Um Mißverständnissen vorzubeugen: Ein Bützje ist nur äußerst selten eine Einladung zur hemmungslosen Knutscherei.


Danze

„Danze“ meint „Tanzen“ und ist natürlich Grundbestandteil des Karnevals. Ob man dabei tatsächlich tanzt oder, mangels Platz in der völlig überfüllten Kneipe, nur verhalten schunkelt, ist egal. Hauptsache etwas Bewegung, dann schmeckt das nächste Kölsch schon wieder viel besser.


Passend in diesen seltsamen Zeiten! Bild: Raimond Spekking
Eine ganz besondere Decke Trumm! Bild: Raimond Spekking

Decke Trumm

Die große Trommel gibt Karneval den Takt vor. Zusammen mit dem Trömmelchen ist die Decke Trumm der Inbegriff des Karnevals. Und kann auch von weniger talentierten Musikern bedient werden. Hauptsache laut und im Idealfall auch im Takt!


Divertissementchen

Das Divertissementchen ist ein kölsches Musical, welches jedes Jahr von der „Cäcilia Wolkenburg“, der Bühnenspielgemeinschaft des Kölner Männer-Gesang-Vereins, aufgeführt wird. Während der Karnevalszeit finden etwa 30 Vorstellungen statt – immer auf Kölsch, immer mit den berühmten männlichen Balletttänzerinnen und immer mit viel Spaß. Die Kölner nennen das Divertissementchen „Zillche“.


Ein typisches Dreigestirn mit Prinz, Bauer und Jungfrau. Bild: Norbert Bröcheler
Ein typisches Dreigestirn mit Prinz, Bauer und Jungfrau. Bild: Norbert Bröcheler

Dreigestirn: Prinz/Bauer/Jungfrau

Ein Thema, welches ganze Bibliotheken füllen könnte. Das Dreigestirn, auch Trifolium, genannt, übernimmt, in der Session die Herrschaft über die Stadt.


Der 11.11. - endlich geht der Karneval wieder los. Bild: Jörg Sabel / pixelio.de
Der 11.11. – endlich geht der Karneval wieder los. Bild: Jörg Sabel / pixelio.de

Elf / Elfter im Elften

Vieles dreht sich im Karneval um die Zahl 11: Los geht es am 11.11. und 11.11 Uhr. In jeder Sitzung findet sich ein Elferrat.

Es ist die Zahl 11, die sich jeder Regel widersetzt: Während sich die 12 hervorragend teilen lässt, ist die 11 als Primzahl nicht teilbar. Man kann sie nicht mehr mit den Fingern beider Hände abzählen. Und sie überschreitet die Ordnung, die durch die 10 Gebote gegeben wurde. Deshalb hat das kölsche Grundgesetz ja auch 11 Gebote.


Elferrat der Stunksitzung mit Präsidentin Biggi Wanninger, Bild: Renate Lehmann
Elferrat der Stunksitzung mit Präsidentin Biggi Wanninger, Bild: Renate Lehmann

Elferrat

Einer Karnevalssitzung steht immer der Elferrat vor: Sitzungspräsident plus zehn weitere Personen. Fertig ist der Elferrat. Doch während der Präsident meistens eloquent durch die Sitzung führt, hat man bei den Menschen im Elferrat oft das Gefühl, dass diese eine Strafe absitzen müssen, so gelangweilt und gequält schaut manches Mitglied des Elferrats in den Saal.

Ganz anders bei der Stunksitzung: Dort stellt jeden Abend eine andere, bunte und immer gut gelaunte Truppe den Elferrat.


Fastelovend

Unser geliebter Karneval kennt viele Bezeichnungen: Fastnacht, Fassenacht, Fasnacht, Fasnet, Fasching, Fasteleer, Fastabend, fünfte Jahreszeit oder eben Fastelovend. Erstmalig taucht dieser Begriff in einem Kölner Ratsbeschluss im März 1341 auf. Dort verpflichten sich die Ratsherren, die Stadtkasse nicht mehr zu Zwecken des „vastavende“ zu plündern.


Das Festkomitee Kölner Karneval von 1823
Das Festkomitee Kölner Karneval von 1823

Festkomitee

Das „Festkomitee Kölner Karneval von 1823“ ist der Dachverband der Kölner Karnevalsgesellschaften. Die wichtigsten Aufgaben des Festkomitees sind die Organisation des Rosenmontagszugs und die Auswahl des Dreigestirns.

Entstanden ist das Festkomitee aus der den Preußen geschuldeten Neuordnung des Karnevals: Ganz in preußischer Manier wollte man das wilde und ausufernde Treiben des Karnevals Anfang des 19. Jahrhunderts in geordnete Bahnen lenken und gründete das „Festordnende Komitee“. 


Fisternöll

Gerade der enthemmte Karneval führt immer wieder zu jeder Menge oft heimlicher Liebschaften, in Köln als Fisternöll oder Fisternöllche bezeichnet. Damit sind heimliche Liebeleien gemeint. Speziell an Karneval wird daraus auch gerne das „Fastelovendsfisternöll“.


Föttchesföhler

Der Föttchesföhler hat im Karneval nichts verloren! Es handelt sich hier um einen Grabscher, der gerne Frauen anpackt. Mit dem „Föttche“ ist der (weibliche) Po gemeint.


Fünfte Jahreszeit

Anders als der Rest der Welt kennt der Kölner fünf Jahreszeiten: Neben den bekannten Frühling, Sommer, Herbst und Winter gibt es noch die fünfte (und schönste!) Jahreszeit: Den Karneval.


Kölsche Funke rut-wieß vun 1823 e.V.
Kölsche Funke rut-wieß vun 1823 e.V.

Funken

Entstanden aus einer Persiflage auf die ungeliebten preußischen Militärs handelt es sich bei den Funken um ganz besondere Karnevalisten in der Tradition der ehemaligen Stadtsoldaten.

Früher waren diese etwas verlottert und mussten ihr karges Salär durch das Stricken von Strümpfen aufbessern. Heute sind die Funken stets piekfein, was bei den vereinsinternen zahlreichen Uniform- und Mützenapellen penibel kontrolliert wird.

Bei den ganz traditionellen Funken wie zum Beispiel bei den Kölsche Funke rut-wieß von 1823 e.V. besser bekannt als die „Roten Funken“ handelt es sich satzungsgemäß um reine Männervereine. Allerdings sieht diese Satzung auch vor, dass der jeweilige Oberbürgermeister Ehrenmitglied ist. Uns so wurde im Januar 2016 Oberbürgermeisterin Henriette Reker die erste „Funkin“.

Im Jahr 2023 feiern die Funken 200. Geburtstag. Pablo Kievernagel hat dazu ein wunderschönes Video mit der Band Eldorado gedreht. Unbedingt sehenswert!

Wichtigste Merkmale der Funken sind die Knabüß (das hölzerne Gewehr mit einer Blume im Lauf) und das „Stippeföttche“: Ein Tanz, bei dem die Funken, Rücken an Rücken stehend, leicht in die Knie gehen, dabei das Hinterteil hervorstrecken und eben diese Hinterteile aneinander reiben. Klingt komisch, sieht komisch aus ist aber Tradition. Und somit gut.


Funkenbiwak

Ein Biwak ist ein (militärisches) Lager im Freien. Folglich ist ein Funkenbiwak eine Veranstaltung der Funken unter freiem Himmel mit Musik, Tanz und reichlich Getränken. Traditionell gibt es Erbsensuppe, während auf der Bühne Bands und Spielmannszüge anderer Vereine aufspielen.  


Das Funkemariechen wird auf "Händen getragen", Bild: Raimond Spekking
Das Funkemariechen wird auf „Händen getragen“, Bild: Raimond Spekking

Funkenmariechen

Um gleich Missverständnissen vorzubeugen: Bei ganz traditionellen Funkenkorps ist das Funkemariechen zwar die Tänzerin der Funken aber sie ist KEIN Mitglied der Funken. Sie tanzt mit dem Tanzoffizier auf den Bühnen der Stadt. Und das ist, durch viele Hebefiguren, echter Hochleistungssport.

Entstanden ist die Figur des Funkemariechens aus den Marketenderinnen, die früher militärische Truppen mit Waren versorgt haben, i.d.R. Tabak und Schnaps. Daher tragen viele Mariechen bis heute ein kleines Fässchen am Gürtel. Allerdings ist dieses Fässchen eher symbolisch und dient heutzutage nur noch als Aufbewahrtungsort für den Lippenstift oder etwas Bargeld. 

Bis 1938 waren die Funkemariechen ausschließlich Männer. Erst die Nationalsozialisten setzten durch, dass diese Rolle durch Frauen besetzt wurde, genau wie es in den Jahren 1938 und 1939 auch weibliche Jungfrauen im Kölner Dreigestirn gab. Doch während man nach dem Krieg wieder auf die männlichen Jungfrauen im Dreigestirn setzte, blieb man bei den Tanzmariechen dabei, diese Rolle durch Frauen zu besetzen.  Was zeigt, das nicht jede Tradition in Stein gemeißelt ist.


Alle bisher erschienen Teile der Serie „Kölsche Karnevalsbegriffe von A-Z“:

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Zum Tod von Fritz Schopps: Es wird still im Märchenwald.

Et Rumpelstilzje Fritz Schopps (1946 - 2022), Bild: Martin Schopps
Et Rumpelstilzje Fritz Schopps (1946 – 2022), Bild: Martin Schopps

Still wird es im Märchenwald
Eine Hommage an et Rumpelstilzje Fritz Schopps

Stille herrscht im Märchenwald,
Rapunzel friert, selbst Frau Holle ist kalt.

Schneewittchen und die sieben Zwerge sind ganz leise,
auch Rotkäppchen trauert auf seine eigene Art und Weise.

Jeder dort hat es mittlerweile erfahren:
Et Rumpelstilzje ist in den Märchenhimmel eingefahren.

Pinocchio weint kleine Holztränen,
der böse Wolf knirscht mit den Zähnen.

Wer, fragt Dornröschen, wird in Zukunft berichten
über die neuesten Märchenwald-Nachrichten?

Er ist jetzt fort, zieht nicht mehr den Hut,
zollt den Märchenwald-Figuren nicht mehr Tribut.

Gewitzt war er, mit spitzer Feder,
zog er auch manchmal derber vom Leder.

Getroffen hat immer die Richtigen,
ganz oft waren das die vermeintlich Hochwichtigen.

Reimen konnte er, wie kein Zweiter,
exakt auf den Punkt und immer heiter.

Im Saal hörten alle ihm aufmerksam zu,
den Meister zu stören, das war tabu!

Jetzt im Märchenhimmel ist er bei den ganz Großen,
de Doof Nuss un et Botterblömche wollen mit ihm anstoßen.

Da sitzt neben Ferdi Huick, dem Bergischen Landboten
der Toni Geller, beide lauschen Rumpelstilzchens Anekdoten.

Der ganze Märchenwald ist außer Rand und Band,
der Meister jetzt seinen Weg zu ihnen fand.

Auch der gestiefelte Kater erblasst jetzt vor Neid,
trägt doch jetzt Rumpelstilzchen die schönsten Stiefel weit und breit.

Die kunterbunte Jacke, die Feder am Hut,
jeder im Märchenwald erkennt den Fritz Schopps gut.

Ach wie gut, dass dort jeder weiß,
dass der Schopps eigentlich Rumpelstilzchen heißt.


Fritz Schopps – Et Rumpelstilzje (1946 – 2022)

Fritz Schopps wurde 1946 geboren, studierte Englisch, Geschichte und Mathematik auf Lehramt und war als Lehrer an der Willy-Brandt-Gesamtschule in Köln-Höhenhaus tätig. Ab den 1980er Jahren war er, mit roten Stiefeln, kunterbunter Flickenjacke und Hut mit großer Feder als Rumpelstilzje eine feste Größe im Kölner Karneval.

Schopps hatte mit seiner für ihn typischen Reimrede mit den neuesten Nachrichten aus dem Märchenwald immer die Gesellschaft und die Politik deutlich aber liebevoll aufs Korn genommen.

Als Rumpelstilzchen wollte er eigentlich im Jahr 2021 seine Karriere beenden, doch die Corona-Pandemie machte ihm einen Strich durch die Rechnung.  So plante er, noch ein Jahr dranzuhängen, um sich auf der Bühne von seinem Publikum zu verabschieden. Doch diese Chance hat er leider nicht mehr bekommen.

Fritz Schopps – et Rumpelstilzje – ist am 5. Juni 2022 im Alter von 76 Jahren verstorben.

Und wir Kölner ziehen den Hut vor einem ganz großen in der Bütt.


Ein großes DANKE an Martin Schopps, Sohn von Fritz Schopps, der mir das Bild für diesen Artikel zur Verfügung gestellt hat.

Martin Schopps ist doppelter Hinsicht in die Fußstapfen seines Vaters getreten: Er ist auch Lehrer und ist ein gern gesehener Redner und Moderator auf den (Karnevals-) Bühnen im ganzen Land..

Weitere Infos zu ihm gibt es auf seiner Website.

Martin Schopps


Wolfgang aus Köln hat mein Gedicht überarbeitet. Diese Version entspricht eher der Reimkunst von Fritz Schopps. Vielen Dank, dass ich diese Version veröffentlichen darf.

Im Märchenwald sich Stille zeigt.
Rapunzel friert, Frau Holle schweigt.
Schneewittchen mit den sieben Zwergen
trauert ratlos in den Bergen.
Rotkäppchen nimmt die Nachricht schwer:
Et Rumpelstielzche ist nicht mehr!
Pinocchio aus Holz weint Tränen,
Der  böse Wolf knirscht mit den Zähnen.
Wer, fragt Dornröschen, wird berichten die
neu‘sten Märchenwaldgeschichten?
Gezogen wird nicht mehr der Hut , 
dem Märchenwald fehlt der Tribut .
Gewitzt zog mit gespitzter Feder
auch manchmal derber er vom  Leder
Dabei traf genau die Richtigen,
 er die vermeintlich Superwichtigen !
Reimen konnt‘ er wie kein zweiter,
punktgenau und immer heiter.
Ernsthaft hörten alle zu,
Ihn zu stören, war Tabu !
Aufmerksam die Narren lauschten, 
danach stets Beifallsstürme rauschten.
Im Märchenhimmel bei den Großen 
vereint gemeinsam anzustoßen 
mem Botterblöömche und Doof Nuss
bereitet ihm jetzt Hochgenuss!
Mit Ferdi Huick, dem Landesboten
tauscht Toni Geller Anekdoten. 
Zu ihnen hat er sich gesellt
und grüßt uns aus der „ander‘n Welt“
Die schönsten Stiefel weit und breit
trägt Rumpelstielzchen, und vor Neid
erblasst der Kater und mit Graus
zieht er entnervt die Schuhe aus!
 
Die Jacke kunterbunt , die Feder
am Hut , so kennt bis heute jeder
FRITZ SCHOPPS , wie gut dass jeder weiß,
dass eigentlich er Rumpelstielzche heißt!
 

 


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Der Rosenmontagszoch wurde zur Demo – und jetzt müssen aus Worten auch Taten werden!

250.000 Menschen haben an der Rosenmontags-Friedensdemo teilgenommen. Hier der Blick von der Severinstorburg auf die Menschenmassen auf dem Chlodwigplatz.. Bild: Festkomitee Kölner Karneval.
250.000 Menschen haben an der Rosenmontags-Friedensdemo teilgenommen. Hier der Blick von der Severinstorburg auf die Menschenmassen auf dem Chlodwigplatz. Bild: Festkomitee Kölner Karneval.

Der Rosenmontagszoch, nicht weniger als das „Hochamt des Karnevals“, wurde 2022 zur größten Friedenskundgebung, die Köln je erlebt hat. Passend zum blauen Himmel und der goldgelb strahlenden Sonne haben 250.000 Menschen Flagge gezeigt – Kölle in blaugelb. Ein großartiges Zeichen der Solidarität mit den Menschen in der Ukraine.

Kompliment an das Festkomitee

Als am Donnerstag die Truppen des Despoten Putin in die Ukraine einfielen, hat das Festkomitee sehr schnell eine ebenso richtige wie großartige Entscheidung getroffen: Kein Zug im Müngersdorfer Stadion, stattdessen eine Friedensdemo auf dem ursprünglichen Zugweg quer durch die Stadt. Ein großes Kompliment an das Festkomitee für diese schnelle und konsequente Entscheidung.

Während eine Teilnehmerin der Demo ihre Motivation erklärt, ziehen im Hintergrund Mitglieder der Kölner Ratsbläser mit dem ebenso einfachen wie zutreffenden Lied „Der Putin ist scheiße, wir wollen keinen Krieg“ vorbei, Video: WDR

Die ganze Stadtgesellschaft war auf den Beinen – mit und ohne Karnevalskostüm

Ob Familien mit Kindern, die Traditionskorps in großer Uniform, alternative Karnevalisten aus der Immisitzung, die LGBTQ-Szene, Mitglieder der Kölner Ratsbläser mit ihrem ebenso einfachen wie zutreffenden Schlachtruf „Der Putin ist scheiße – wir wollen keinen Krieg“, Promis wie Caroline Kebekus und Lück wie ich & du – die 250.000 Menschen auf der Straße waren ein Querschnitt durch die gesamte Stadtgesellschaft.

In den sozialen Medien war dabei Kritik zu lesen, dass auch verkleidete Menschen an der Demo teilgenommen haben. Der Politikberater und Autor Erik Flügge hat dazu eine ebenso einfache wie korrekte Antwort:

Politikberater und Autor Erik Flügge erklärt, warum Kostüme auf der Kölner Rosenmontags-Friedensdemo kein Grund zur Empörung sind, Quelle: Erik Flügge, www.erikfluegge.de
Politikberater und Autor Erik Flügge erklärt, warum Kostüme auf der Kölner Rosenmontags-Friedensdemo kein Grund zur Empörung sind, Quelle: Erik Flügge

Daneben haben sich einige der sogenannten „Spaziergänger“ aus der „Querdenker-Szene“ beschwert, dass diese Demo von der Polizei und der Verwaltung so anders behandelt wurde als die „Spaziergänge“ der Corona-Leugner. Damit liegen sie richtig. Denn das hatte seinen guten Grund: Während bei den „Querdenkern“ Verstöße gegen die Maskenpflicht regelmäßig zu sehen sind, haben die Friedensdemonstranten an Rosenmontag ihre zum Teil kunstvoll verzierten Masken durchgängig getragen. Deshalb hat sich die Polizei auch am Ende der Demo, kurz vor dem Dom, ausdrücklich für die friedliche Demo bedankt. Und bekam dafür auch Applaus von Demonstranten. Das ist bei den „Spaziergängern“ ganz anders.

Brings bei der Eröffnungskundgebung auf dem Chlodwigplatz, Bild: Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)
Brings bei der Eröffnungskundgebung auf dem Chlodwigplatz, Bild: Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Kölsche feiern sich selbst – aber jetzt müssen aus Worten Taten werden!

Peter Brings hat die richtigen Worte gefunden: „Das ist der wichtigste Rosenmontagszug, seit ich auf der Welt bin“, so Peter Brings. „Das Allerwichtigste für uns Karnevalisten ist es, Flagge zu zeigen und ein politisches Bewusstsein erkennen zu lassen“. Ähnlich klingt es bei Wolfgang Niedecken: „Die Kölner feiern, sie können aber auch Position beziehen.“, so Niedecken bei der Auftaktkundgebung am rappelvollen Chlodwigplatz.  

Rosenmontag 2022 in Köln , Bild: Max Gerlach, CC BY-SA 2.0 ( (via Wikimedia Commons)

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Rosenmontag 2022 in Köln , Bild: Max Gerlach, CC BY-SA 2.0 ( (via Wikimedia Commons)

Aber jetzt ist es an uns, den Worten auch Taten folgen zu lassen

Die Friedensdemo war gut und wichtig. Entscheidend ist aber, was folgt: Entschlossenes Handeln! Das bedeutet ganz praktisch, dass jeder Einzelne unter uns jetzt den Menschen in der Ukraine hilft. Sei es durch Geld- oder Sachspenden oder Hilfe bei der Organisation. Zum Beispiel ganz unmittelbar bei Blau-Gelbes Kreuz Deutsch-Ukrainischer Verein e.V.  

Und zusätzlich werden wir unsere Türen ganz weit aufmachen und die Menschen, die als Flüchtlinge zu uns kommen, mit offenen Armen empfangen.

Denn „Drink doch eine met“ ist bei uns in Köln mehr als „nur“ ein Lied!


Zur Unterstützung der Flüchtlinge biete ich zwei BENEFIZ-Touren im März 2022 an:

Mindestbeitrag 14 Euro / Teilnehmer – Spenden darüber hinaus sind sehr erwünscht. Alle Honorare und Spenden gehen 1:1 an die Flüchtlingshilfe Blau-Gelbes Kreuz Deutsch-Ukrainischer Verein e.V.  


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Kölsche Tön & ihre Geschichte: “Mir klääve am Lääve“

Das Cover der legendären Bläck Fööss - Platte "Mir klääve am Lääve"

Der 24. Februar 2022 wird sehr unrühmlich in die Geschichtsbücher eingehen. Was wir alle nicht für möglich gehalten haben, ist bittere Realität geworden: An diesem Tag haben russische Truppen auf Befehl des unberechenbaren Despoten Putin die Ukraine überfallen. Die tatsächlichen Konsequenzen dieses Kriegs sind heute noch nicht absehbar.

Auch wenn der Karneval nicht im Zentrum des Geschehens steht – es gibt schlichtweg viel wichtigere Dinge als den Fastelovend – haben die Verantwortlichen des Festkomitees schnell reagiert und den im Müngersdorfer Stadion geplanten Rosenmontagszug abgesagt. Stattdessen gab es die mit 250.000 Personen  größte Friedensdemo in Köln.

Ein Gruß ans Festkomitee und Kompliment zur schnellen und guten Entscheidung! Diese Rosenmontags-Demo wird von der AG Arsch huh, dem Bündnis „Köln stellt sich quer“, vom Kölner Lesben- und Schwulentag e.V. (KLuST) und von Brings unterstützt.

Und ganz bewusst erinnert diese Demo an den ganz besonderen Rosenmontagszug 1991. Damals setzten die Fööss mit  „Mir klääve am Läävve“ einen unvergessenen Schlusspunkt dieser Demo. 

Wenn ich jetzt einen Wunsch frei hätte, wäre es dieser:

Liebe Bläck Fööss!
Könnt ihr bitte euer Lied „Mir klääve am Läävve“ auf dieser Demo singen?

Dieses Lied ist zwar schon 1984 erschienen, aber es ist heute aktueller denn je:

Denn mir Kölsche, mir klääve
wie d’r Düvel am Lääve.
Uns Kölsche nimmp keiner
– ejal wat och weed –
dä Spaß für ze laache,
dä Bock jet ze maache,
mir klääve am Lääve,
uns kritt keiner klein.

Deutliche Parallelen zur aktuellen Situation 

Tatsächlich ist es erstaunlich, wie aktuell der Text von „Mir klääve am Läävve“ ist. Spiegelt man die Zeilen auf unsere aktuelle Zeit, stellt man erstaunlich viele Parallelen fest.

  • „Un wenn ihr meint, dat et sech’rer weed, wemmer jet rüsten deit.“
    Es ist zu einem unvorstellbaren Krieg gekommen. 
  • „uns kritt keiner klein“
    Auch ein Aggressor wie Putin kann uns nicht unterkriegen.
  • „Wenn ihr meint, dat dä janzen Dreck Platz do am Himmel hätt.“
    Nicht erst durch „Fridays für Future“ wird klar, dass wir die Klimaziele kaum noch erreichen können. Doch trotz steigender Meeresspiegel, Unwetter und Dürren erklärt die EU Gaskraftwerke zur „nachhaltigen Energie“.
  • „Wenn ihr meint, wä am lauteste schreit, wör em Räch“
    Querdenker und sogenannte „Spaziergänger“ gehen den Rechtspopulisten auf den Leim und schreien gemeinsam mit Faschisten laut über eine angebliche „Corona-Diktatur“ in unserem Land.

Eindeutig: Wir brauchen wieder einen großen Schulterschluss in unserer Gesellschaft. So, wie es im Jahr 1991 die alternativen und organisierten Karnevalisten  vorgemacht haben.

Und auch 2022 kritt uns selbst ein Despot wie Putin nit klein! Wir stehen ein für Freiheit, Demokratie und die Menschrechte. Und wir glauben an eine friedliche Zukunft, schließlich lautet die letzte Zeile von „Mir klääve am Läävve“:  

„Doch gläuvt uns, mer pflanze noch hück
e jung Bäumche met Woozele en.“


Seit den 1980er Jahren wurde der legendäre "Mir klääve am Lääve" Schriftzug sich selbst überlassen und äußerst untalentierte Schmierfinken haben diesen dann auch noch zum Teil übersprüht, Bild: Ulrich Feith, Kölner Ratsbläser
Der legendäre „Mir klääve am Lääve“ Schriftzug wurde zum Teil übersprüht, Bild: Ulrich Feith, Kölner Ratsbläser

Kölner Ratsbläser als Retter einer echten kölschen Kulturstätte

Vorlage für das legendäre „Mir klääve am Lääve-Plattencover“ der Bläck Fööss war ein Graffiti an einer Mauer des Bürgerzentrum Nippes (Altenberger Hof, Mauenheimer Straße).  Zuletzt wurde diese „Kölsche Kulturstätte“ leider auch noch übersprüht.

Die Kölner Ratsbläser, ein bereits 1954 gegründetes Bläserensemble, ist auf den Bühnen der Stadt unterwegs und interpretiert mit großer Liebe alte und neue kölsche Musik. Neben der Musik verstehen sich die Kölner Ratsbläser auch als Bewahrer der kölschen Kultur. So haben die Kölner Ratsbläser mit großem Aufwand den „Mir klääve am Lääve“ – Schriftzug reinigen lassen. 

Die Ratsbläser haben das gerettet, was von dem Schriftzug noch zu retten war, Bild: Ulrich Feith, Kölner Ratsbläser
Die Ratsbläser haben das gerettet, was von dem Schriftzug noch zu retten war, Bild: Ulrich Feith, Kölner Ratsbläser

„Auch wir als Ratsbläser haben unter den Corona-Einschränkungen massiv gelitten.“ so Ulrich Feith, Vorsitzender der Kölner Ratsbläser. „Um die kölsche Kultur zu bewahren und auch um unsere Vereinstätigkeit in der schwierigen Corona-Phase aufrecht zu erhalten, haben wir uns dieser kölschen Kulturstätte angenommen. Möglich war dies nur durch die hervorragende Zusammenarbeit mit Helga Gass, der Leiterin Bürgerzentrum Nippes des Trägers Zug um Zug e.V..“

„Die Idee der Kölner Ratsbläser hat uns sofort begeistert und wir sind froh, diese Aktion unterstützen zu können.“ freut sich Helga Gass.

Der legendäre Schriftzug konnte mit professioneller Hilfe durch ein Spezial-Unternehmen gerettet werden. Und dass die Kölner Ratsbläser viel mehr als ein äußerst gutes Bläserensemble sind, zeigt dieses lustige Video von Silke Wallikewitz (sillywallilyfotografiert) der Reinigungsaktion.

Zusätzliche Strophe zu „Mir klääve am Lääve“ 

Und passend zur Corona-Situation haben die Kölner Ratsbläser auch eine zusätzliche Strophe zu „Mir klääve am Lääve“ geschrieben:

Wenn einer denk, hä wör enjeschrenk,
wenn hä jet Rücksich nemp,
Un wenn irjendwer röf: Alle Räjele sinn Driss!
Dann loss en verzälle, „Verschwörung“ krakele,
uns Hätz un uns Siel kritt dä niemols klein!

Und damit haben die Ratsbläser eindeutig recht! 


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Der legendäre Rosenmontag 1991 – ein ganz besonderer Zoch!

Passend in diesen seltsamen Zeiten! Bild: Raimond Spekking
Eine „Dicke Trumm“ aus dem ganz besonderen Rosenmontagszug 1991, Bild: Raimond Spekking

Zur Zeit überrollen uns alle die Ereignisse: Als ich diesen Artikel am 19. Februar 2022 veröffentlicht hatte, hätte niemand daran gedacht, dass Putin nur fünf Tage später die gesamte Ukraine überfällt. 

Das Festkomitee hat noch am 24. Februar 2022 sich entschieden, den eigentlich für das Stadion geplanten Zoch abzusagen. Stattdessen wird es eine Friedensdemo auf dem ursprünglichen Zugweg durch die Stadt geben. Und dann sind wie wieder wie im Jahr 1991, als aus dem abgesagten Zoch auch eine Demo für den Frieden wurde. 

Alle aktuelle Infos zu der geplanten Rosenmontags-Friedensdemonstration findet ihr auf der Website des Festkomitees.


Bereits im August 1990 fallen die Truppen des irakischen Diktators Saddam Hussein in Kuwait ein. Die USA reagieren und setzen ein Ultimatum: Wenn bis zum 15. Januar 1991 kein Rückzug erfolgt, werden amerikanische Truppen angreifen. Da Hussein keine Reaktion zeigte, starteten die USA am 17. Januar 1991 die Operation „Desert Storm“, der Irak wurde bombardiert.

Die offiziellen Karnevalisten befinden sich in einem Dilemma: Darf man unter diesen Umständen Karneval feiern? Passt es, bunt, kostümiert und ausgelassen zu tanzen?1Fragen übrigens, die bei anderen Kriegen zuvor kaum eine Rolle für den offiziellen Karneval gespielt haben.

Das Festkomitee trifft eine halb/halb-Entscheidung: Festkomitee-Präsident Gisbert Brovot verkündete, dass der Sitzungskarneval und die Bälle durchgeführt werden sollen, der Straßenkarneval inklusive Rosenmontagszug aber abgesagt werde.

Das „Woodstock der Pappnasen“

Genau in diese Lücke, die das Festkomitee durch diese halb/halb-Entscheidung zum Karneval geschaffen hat, schlüpfen blitzschnell die alternativen Karnevalisten. Jürgen Becker, damals noch Präsident der Stunksitzung, erinnert sich: „Da entstand ein Vakuum. Da hieß es sofort in der Stunksitzung: In dieses Vakuum gehen wir rein, wir machen einen Wagen, wir machen einen Zug.“ Es werden Flugblätter gedruckt und in der Stadt verteilt. Dort lautet es:  

Text eines Flugblattes zur "Escht kölschen Demonstration" an Rosenmontag
Text eines Flugblattes zur „Escht kölschen Demonstration“ an Rosenmontag

Vögeln statt Schießen

Was dann passierte, konnte niemand vorhersehen: Am Aufstellplatz des Rosenmontagszugs2Anfang der 1990er Jahre war dieser noch in den Innenstadt Gereonsstraße/Christophstraße. standen etwa 3.000 Menschen bereit. Man zieht im dichten Schneetreiben los.

Während dieses Zugs schließen sich immer mehr Jecke dem Zoch an, die Polizei schätzt, dass insgesamt etwa 100.000 Menschen auf den Straßen unterwegs waren. Und diese Menschen stellten eine vorher und nachher nie mehr gesehene Mischung dar: Durch Kölns Straßen marschieren fröhlich und vereint alternative Karnevalisten, die diesen besonderen Zug als Demonstration verstehen und organisierte Karnevalsvereine, die einfach feiern wollen.

So laufen offizielle Mützenträger und Demonstranten gemeinsam den Zugweg entlang – mit Schildern wie „Vögeln statt Schießen“ oder „Nit scheeße – süht ehr dann nit, dat he Minsche stonn?“3Diese Aussage wird den kölschen Stadtsoldaten zugeschrieben, die sich Napoleons Truppen kampflos ergeben haben. oder der legendären „MAKE FASTELOVEND NOT WAR“-Trommel.

Wagen der Stunksitzung einziger Festwagen

Mittendrin ist das Team der Stunksitzung mit dem einzigen Festwagen dieses ganz besonderen Rosenmontagszugs unterwegs. Am Steuer des Treckers sitzt – sichtlich stolz – Jürgen Becker. Becker, der offensichtlich den Zugweg nicht exakt kennt, ist sich unsicher, welche Strecke er durch die Stadt nehmen soll.

Durch eine glückliche Fügung trifft er genau in diesem Moment zufällig auf der Straße Gisbert Brovot, den Festkomitee-Präsidenten. Und ausgerechnet Brovot, der gut drei Wochen vorher den Straßenkarneval offiziell abgesagt hat, antwortet auf die Frage von Jürgen Becker „Gisbert, wo ist denn jetzt der Zugweg?‘ völlig selbstverständlich: „Jung, jetzt fährste da lang!“
Vielleicht haben sich offizieller und alternativer Karneval nie näher gestanden als genau in diesem Moment.

„Mir klääve am Lääve“ ist die Hymne der seltsamen Session 1991 – und heute wieder topaktuell

Der 1991er-Rusdemondachszoch endete in der Kölner Südstadt, und die Bläck Fööss stimmten mitMir klääve am Lääve“ die Hymne dieses denkwürdigen Rosenmontags an.

Alles zu diesem Lied und der erstaunlichen Tatsache, dass dieses Lied nach 30 Jahren mindestens so aktuell ist wie bei der Veröffentlichung, gibt es hier: Kölsche Tön & ihre Geschichte: “Mir klääve am Lääve“.


Das Logo des Geisterzugs, Bild: Ähzebär un Ko e.V.
Das Logo des Geisterzugs, Bild: Ähzebär un Ko e.V.

Wiederbelebung des „Geisterzugs“

Aufgrund des großen Erfolgs des spontanen 1991er-Zochs wurde der „Geisterzug“ im folgenden Jahr wiederbelebt. In Köln haben die Geisterzüge eine lange Tradition, auf der Website des Geisterzugs gibt es eine ausführliche Chronik.

Getragen vom Verein „Ähzebär un Ko e.V.“ geht dieser Zug seit 1992 jeweils Karnevalssamstag durch die Stadt. Anders als bei den traditionellen Zügen kann hier jeder Jeck ohne Anmeldung einfach ein Stück oder auch den ganzen Zug mitlaufen. Der Zugweg wird jedes Jahr neu festgelegt und richtet sich nach dem Motto des jeweiligen Jahres.

 

 


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Der Köln-Lotse bei Kirche in WDR 2: Nicht unterzukriegen – Karneval

 

"Kölle kommt zu dir - eine Stadtführung vom Stuhl " in der Kapelle der Senioreneinrichtung St. Brigida in Bocklemünd, Bild: B. Steinbacher
„Kölle kommt zu dir – eine Stadtführung vom Stuhl“, hier in der Kapelle der Senioreneinrichtung St. Brigida in Bocklemünd, Bild: B. Steinbacher

Klaus Nelißen ist stellvertretender Rundfunkbeauftragter der NRW-Diözesen beim WDR.  Und er geht regelmäßig in der Sendung „Kirche in WDR 2“ on air. Am 17. Februar 2022 hat er über „Kölle kommt zu dir“, meine ganz spezielle Stadtführung vom Stuhl, berichtet.

Und was er sagt und wie er es ausgedrückt hat entspricht zu 100% meiner Intention mit dieser Tour für ältere Menschen.

DANKE dafür!


Nicht unterzukriegen: Karneval

von Klaus Nelißen, „Kirche in WDR 2“  vom 17. Februar 2022
 
Ich weiß, es ist noch eine Woche bis Altweiber. Aber hier in Köln sind die Entzugserscheinungen ja nicht mehr zu leugnen: 2 Jahre ohne richtig „Spaß an der Freud“. Und daher will ich Ihnen davon erzählen, dass der Karneval genauso wenig unterzukriegen ist wie das Leben an sich.
 
Warum ich das weiß? Weil ich die Geschichte von Uli gehört habe. Uli ist einer der weltbesten Stadtführer in Köln (unterhalb des Superlativs geht’s in Köln ja nicht). Und Uli musste, wie so viele Kreative, in der Corona-Zeit besonders kreativ werden. Denn: Von Stadtführungen kannste grad schlecht leben.
 
Uli, der „Köln-Lotse“, hatte einen genialen Einfall. Und der hatte mit seinem Vater zu tun. Der lebt mittlerweile in einem Altenheim. Und wie er den mal besucht hat und mit seinem Vater mitgelitten hatte, als der in großer Runde einmal mehr „Alle Vögel sind schon da“ singen musste, da dachte Uli sich: Da geht doch noch mehr! Die alten Leute sind ja nicht doof. Und so hat er für die eine ganz besondere Stadtführung erfunden. Denn wenn die alten Leute nicht in die Stadt gehen können, kommt die Stadt halt zu denen: Uli macht jetzt die erste Kölner Stadtführung vom Stuhl aus. Und damit ist er gerade zu Gast in den Kölner Altenheimen.
 
Und klar, da fängt er bei den Römern an, vielmehr bei den Ubiern. Aber: Uli nimmt die Bewohner*innen eben mit auf eine Zeitreise durch Kölns Geschichte. Und da fehlt der Karneval nicht. Und da werden auch die „ahle Leedscher“ angesungen – nur eben nicht „alle Vögel“, sondern eher die Klassiker des Karnevals.
 
Und Uli hat mir erzählt, wie bei einer „Stadtführung im Stuhl“ eine alte Dame im Rollstuhl die ganze Zeit völlig weggetreten dabei war. Aber: Als die Ostermann-Lieder angestimmt wurden, da sei die Dame für 8 Minuten völlig wach gewesen und hätte dat Leed vum „Schmitze Billa in der Poppelsdorfer Villa“ mitgeträllert. „Härrlisch – ne?“, würde der Kölner sagen.
 
Und noch „härrlischer“ finde ich, was Uli dann noch erzählt hat: „Am Ende lass ich die Führung immer eskalieren“, steckt er mir. Nämlich: Er macht mit den Bewohner*innen des Altenheims sogar eine Nubbelverbrennung. Hier geht’s um jenen Pappenheimer, der in Düsseldorf „Hoppeditz“ heißt und der in der Nacht vor Aschermittwoch mit allen Sünden beladen geopfert wird im Feuer des „Fastelovend“, der Fastnacht. Und ich kann mich ja nur darauf verlassen, was Uli mir erzählt hat.
 
Aber wenn er dann im Altenheim in die Runde hineinruft: „Und wer hat an all dem Schuld?“ Dann wissen die Bewohner*innen alle Bescheid – und mögen sie noch so dement sein. Dann rufen sie laut zurück. Nicht: „Corona; das Alter; Frau Merkel“ oder so. Wenn Uli ruft „wer ist an all dem Schuld?“ dann ruft das ganze Altenheim: „Dä Nubbel“.
 
Und „dat is doch erstmal härrlisch“, oder? Das finde ich so schön am Karneval. Dass er am Ende jeder Session sogar noch eine Erklärung dafür mitliefert, warum es alles auch nicht so toll ist: Der Nubbel ist schuld. Und damit: am Ende auch keiner. Denn: Der Nubbel ist ja nur ein Platzhalter. Und so ganz genau ist das auch nie so auszumachen mit der Schuld. Dass z.B. der Karneval wieder mal ausfällt, daran hat Corona Schuld, sicher. Auch Karl Lauterbach. Aber auch jede und jeder, der oder die andere nicht gefährden will. Und das ist gut so. Und das ist zugleich „großer Driss“, wie die Kölner sagen würden. Und dann gilt es immer, das Beste draus zu machen. Wie Uli, der Stadtführer, der aus seiner persönlichen Corona-Not die Stadtführung im Stuhl für Altenheime erfunden hat. Übrigens auch die kleinste Karnevalssitzung der Welt. Aber das wäre ein anderes Thema.
 
Wie auch immer: Das genau ist Karneval: Wir machen das Beste draus und haben Spaß an der Freud dabei. Und falls Sie Herzbluten haben sollten, weil in der nächsten Woche der Karneval nur mit FFP2-Maske gedämpft zu ertragen ist: Dann nehmen Sie nen roten Filzstift und malen Sich auf die Maske ne rote Pappnas. Und wenn Sie jemand darauf hinweist – das Ordnungsamt oder wer auch immer: Dann können Sie ja immer noch sagen: Der Nubbel ist schuld.

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Begehrte Objekte: Karnevalsorden

Begehrenswerte Objekte : Karnevalsorden
Begehrte Objekte: Karnevalsorden

Die Bedeutung von Statussymbolen im Karneval kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die maßgeschneiderte Uniform der Traditionskorps wie z.B. der Roten Funken oder auch die prunkvollen Mützen der Präsidenten zeigen, wie eitel viele Karnevalisten sind. Zu den wichtigsten Statussymbolen aber zählen die Karnevalsorden. Ein nackter, ohne Orden geschmückter Hals ist im organisierten Karneval fast schon als peinlich zu bezeichnen.

Orden sind ein Millionengeschäft

Offensichtlich sind viele Hälse zu schmücken. In der Session 2017/18 wurden in Köln mehr als 119.000 Orden verliehen.1Quelle: Studie „Kölner Karneval: Wirtschaftskraft , Image, Zukunft“ der Boston Consulting Group (BCG) und des Instituts für Projektmanagement und Informationsmanagement an der RFH Köln Rechnet man das Umland hinzu, verdoppelt oder verdreifacht sich diese Summe mit Sicherheit. Ein Millionengeschäft.

Und selbst gebraucht werden die Orden noch rege gehandelt. Eine Suche bei eBay mit dem Stichwort „Karnevalsorden“ bringt mehr als 13.000 Treffer, darunter echte Schnäppchen für ein paar Euro, aber auch seltene Sammlerstücke mit einem Wert von 500 Euro oder mehr.

Ein besonders gelungener Orden: Im oberen Teil sind die Skylines der drei Wohnorte von Jungfrau (Frankfurt), Prinz (Köln) und Bauer (Hamburg) zu sehen, Bild: Uli Kievernagel
Ein besonders gelungener Orden: Im oberen Teil sind die Skylines der Wohnorte von Jungfrau (Frankfurt), Prinz (Köln) und Bauer (Hamburg) zu sehen, Bild: Uli Kievernagel

Prächtige Sammlungen von Orden sind in jedem Haushalt eines offiziellen Karnevalisten zu sehen. Manch einer bringt es auf mehrere hundert Stück, die dann stolz im Treppenhaus oder in der Kellerbar präsentiert werden. Das Karnevalsmuseum hat etwa 5.000 Orden, von denen allerdings aus Platzmangel nur die wenigsten gezeigt werden können. Eine auch online einsehbare Sammlung von 7.000 Orden bietet Karsten Lang auf seiner Website des Karnevalsorden-Museums.

Ursprünglich als Persiflage gedacht

Wenn man sich heute die oft wie militärische Auszeichnungen anmutenden Karnevalsorden anschaut, kann man kaum glauben, dass diese ursprünglich als Persiflage gedacht waren. Mit der Neuordnung des Karnevals im Jahr 1823 wollte man auch die wenig geliebten preußischen Besatzer des Rheinlands ärgern.

Halsorden mit durchaus militärischer Anmutung, hier der Halsorden der Prinzengarde
Halsorden mit durchaus militärischer Anmutung, hier ein Exemplar der Prinzengarde

Für die steifen Preußen waren militärische Orden eine außerordentliche Auszeichnung. Wenn man, so das Kalkül der Karnevalsoffiziellen, ein solches Stück Blech auf der Bühne verleiht, würde das die Bedeutung der für die Preußen so wichtigen Orden herabwürdigen. Ob die Preußen dies tatsächlich so empfunden haben,  ist heute schwer nachzuprüfen. Aber heute sind viele Orden kaum noch als Persiflage zu bezeichnen. Und die Ordensträger, gewürdigt mit einem Prinzenorden, tragen diesen auch mindestens so stolz wie ein Bundesverdienstkreuz.

Orden mit Botschaft

Der älteste heute noch bekannte Karnevalsorden stammt aus dem Jahr 1838 und trägt die Inschrift „Weisheit im Narrenkleid bringt uns die gold´ne Zeit“. Exakt 100 Jahre später sieht dann ein Orden ganz anders aus. Den Sessionsorden der „Großen Allgemeinen Karnevalsgesellschaft“ im Jahr 1938  ziert ausgerechnet Götz von Berlichingen. Obwohl der weltberühmte Spruch, dass den guten Götz alle doch am Arsche lecken könnten2Tatsächlich hat der Freiherr wohl „Er aber, sag’s ihm, er kann mich im Arsche lecken!“ gesagt, aber das ist eine andere Geschichte, fehlt, ist dieser Orden trotzdem eindeutig zu verstehen: Als Gruß an die herrschenden braunen Machthaber.

Wiederum elf Jahre später ist die Symbolik der Orden eine andere. Der „Aufbauorden“ der Ehrengarde im Jahr 1948 zeigt zwar das kriegszerstörte Köln, im Hintergrund erscheint aber über den Domspitzen die Sonne. 

Die Prinzenspange – die „Blaue Mauritius“ unter den Orden

Heute gibt es die Orden in allen nur denkbaren Ausprägungen. Die „Blaue Mauritius“ unter den Orden aber ist die Prinzenspange des Kölner Dreigestirns.

Die begehrte Prinzenspange, Bild: Uli Kievernagel
Die begehrte Prinzenspange, Bild: Uli Kievernagel

Dieser ganz besondere Orden wird nur an ausgewählte Jecke verliehen, die sich ganz besonders um das Brauchtum verdient gemacht haben und ist gleichzeitig die höchste Auszeichnung, die das Dreigestirn zu vergeben hat. Daher ist es für einen echten Karnevalisten auch undenkbar, diesen Orden zu verkaufen. Das hatte auch Prinz Sven I. in der Session 2020/21 gemeint, als er sagte „Wir hoffen, dass wir eine Session durchbringen, ohne dass eine Prinzenspange bei eBay auftaucht.“ Doch da wird der Prinz leider enttäuscht sein, wenn er mal bei eBay recherchieren sollte.

Mit viel gestalteter Orden der Adler-Schützen aus Köln-Zollstock, Bild: Adler Schützen
Mit viel Liebe gestalteter Orden der Adler-Schützen aus Köln-Zollstock, Bild: Adler Schützen

Keine rein kölsche Angelegenheit – Mainzer Orden sind filigraner

Dass dieser Stolz auf ein buntes Stück Blech keine rein kölsche, noch nicht einmal eine rein deutsche Angelegenheit ist, hat Reinold Louis erlebt. Der damalige Präsident der Altstädter hatte an Teilnehmer einer Tagung im schwedischen Norrköpping einige Karnevalsorden verteilt. Mit Folgen, die sogar einen Karnevals-Spezialisten wie Louis überrascht hatten: Ein russischer Teilnehmer der Tagung wollte den Orden kaum noch abnehmen und, so Louis: „Die Bürgermeisterin lief tagelang mit dem Orden auf stolzgeschwellter Brust durch die Gegend. Die war sowas von geehrt.“

Die Kölner Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes mit dem wirklich großen Orden des Festkomitees 2016, Bild: Raimond Spekking
Die Kölner Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes mit dem wirklich großen Orden des Festkomitees 2016, Bild: Raimond Spekking

Es gibt aber auch regionale Unterschiede bei den Orden. Merke: Ein Kölner Orden ist größer und schwerer als im Rest der Republik. Dies hat Wolf Schneider, Geschäftsführer des Unternehmens Zinnhannes festgestellt. Dieses Unternehmen produziert pro Jahr rund 170.000 Orden für Karnevals- und Schützenvereine. Schneider ist aufgefallen, dass der Kölner „diese Wucht, die sich einfach in Größe und Gewicht niederschlägt, schätzt“. Im Mainz hingegen würde eher darauf geachtet, dass der Orden handwerklich oft sehr filigran ausgearbeitet ist.

Ein verdienter Karnevalist mit einer ganzen Batterie an Orden um den Hals, Bild: Tuxyso / Wikimedia Commons
Ein verdienter Karnevalist mit einer ganzen Batterie an Orden um den Hals, Bild: Tuxyso / Wikimedia Commons

Etikette wahren

Schwierig wird es, wenn der Karnevalist anlässlich einer Veranstaltung mehrere Orden verliehen bekommt. Um niemanden zu brüskieren, trägt der Jeck dann notgedrungen zig Orden übereinander. Wenn dann mehrere mit den blechernen Orden geschmückte Fastelovendsoffizielle durch den Saal laufen, kann das schon mal wie beim Almabtrieb in den Alpen klingen.

Ävver wenn et jefällt, is et uch jood.


Der Sessionsorden 2022 der "kirche für köln" erinnert an die lange Tradition der Pfarrsitzung von St. Michael, Bild: kirche für köln
Der Sessionsorden 2022 der „kirche für köln“ erinnert an die lange Tradition der Pfarrsitzung von St. Michael, Bild: kirche für köln

Orden von St. Michael ausgezeichnet

Die von mir hochgeschätzte „kirche für köln“ in St. Michael am Brüsseler Platz hat bei der Abstimmung „Kölner Orden der Session 2022“ gewonnen. Und das sogar deutlich vor dem Orden der „Schmuckstückchen“ und der „Colombina Colonia“. Alle Orden sind auf dieser Bilderstrecke abgebildet.


Jede Menge Orden bei Deiters

Bei Deiters in Frechen hängen jede Menge Orden im Treppenhaus. Vielen Dank an Axel für diese Video.


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Von Prunk bis Stunk – Sitzungen im Kölner Karneval

Für jeden etwas dabei: Karnevalssitzungen in Kölle
Für jeden etwas dabei: Karnevalssitzungen in Kölle

Überblick: Kölsche Karnevalssitzungen

Die kölschen Sitzungen sind das „Hochamt“ des Karnevals – egal, ob sie als Prunk- oder Stunksitzung daherkommen. 

Früher, bis etwa Mitte der 1980er Jahre, war es ganz einfach, wenn man zu einer Karnevalssitzung wollte: Frack oder Abendkleid anziehen und ab zur Prunksitzung im Gürzenich oder im Kostüm zu einer der zahlreichen Pfarrsitzungen im Gemeindesaal im Veedel.

Heute ist (gottseidank!) das Angebot an Karnevalssitzungen viel breiter gefächert. Und es gibt für nahezu jeden Geschmack das passende Format. Erstaunlich: Egal wie alternativ die Sitzungen auch sind, das Grundgerüst einer „klassischen“ Sitzung mit Präsident oder Präsidentin, einer Abfolge von Nummern wie in einer Revue, bleibt bestehen. Lediglich ein oft sehr steifer  Elferrat und die endlose Begrüßung der Ehrengäste gehören zum Glück heute fast immer der Vergangenheit an.

  • Doch welche Sitzung ist die richtige für mich?
  • Wo fühle ich mich wohl ?
  • Wie will ich Fastelovend feiern?

Damit ihr euch heute schon auf die kommende Session freuen könnt, hier eine Übersicht mit Erläuterung der wichtigsten Karnevalssitzungen in Kölle.


Elferrat der Stunksitzung mit Präsidentin Biggi Wanninger, Bild: Renate Lehmann
Elferrat der Stunksitzung mit Präsidentin Biggi Wanninger, Bild: Renate Lehmann

Stunksitzung

DIE Mutter aller alternativen Karnevalssitzungen. Seit 1983 bringen die Stunker Schwung in den Karneval. Zuerst in der Alten Mensa an der Universitätsstraße, heute im E-Werk. Und das mit einem unglaublichen Erfolg: Die insgesamt etwa 65.000 Tickets sind regelmäßig binnen Minuten ausverkauft. 

Stunksitzung


Die kleinste Karnevalssitzung der Welt
Die kleinste Karnevalssitzung der Welt

Die kleinste Karnevalsitzung der Welt

Die kleinste Karnevalsitzung der Welt kommt zu dir. Eine komplette Sitzung mit Bands, Büttenredner, Tanzgruppe, Dreigestirn, einem kölschen Traditionskorps und vielem mehr – alles dargestellt von nur einer Person

Mit 1 Stunde 11 Minuten Dauer ist „Die kleinste Karnevalsitzung der Welt“ vielleicht auch die kürzeste Sitzung der Welt. Alle weiteren Infos zu kleinsten Sitzung der Welt gibt es hier.  


Auch die Kehrmännchen treten in der Puppensitzung auf, Bild: Kölsch Hänneschen
Auch die Kehrmännchen treten in der Puppensitzung auf, Bild: Kölsch Hänneschen

Puppensitzung

Diese Sitzung muss jeder Kölsche mindestens einmal im Leben gesehen haben. Und es ist so schwer an Karten zu kommen. Schon 24 Stunden vor dem offiziellen Vorverkauf im September richten sich die ersten Jecken mit Zelten und Schlafsäcken am Eisenmarkt vor dem Hänneschen-Theater auf die lange Wartezeit bis zum ersehnten Ticketkauf ein. In der Sitzung selber persiflieren die Puppenspieler liebevoll den traditionellen Karneval. Und haben alle Größen des Fastelovends auf der Bühne: Bläck Föös, Kasalla, Brings, das Dreigestirn, Funken in allen Farben und viele mehr. Und alle mit Holzköpfen. Denn selbstverständlich treten die genannten Personen und Gruppen nicht persönlich, sondern als Puppen auf. Dass hier ausschließlich tiefstes Kölsch gesprochen wird, ist selbstverständlich. Für die Kinder gibt es eine spezielle Kinder-Puppensitzung.

Puppensitzung


Prunksitzung

Kalte Ente, Abendkleid, Frack, Weinzwang, Preise wie im Pascha: Die klassische Prunksitzung erfüllt regelmäßig alle Vorurteile. Egal ob im Sartory, Gürzenich oder Maritim – hier trifft man sich nicht unbedingt, um eine Sitzung zu sehen, sondern weil man gesehen werden will. Vorsicht beim Kartenkauf, denn dieses Format tritt auch schon mal als „Festsitzung“ oder „Galasitzung“ auf. Und ganz besondere Vorsicht, wenn auf dem Ticket „um Abendgarderobe wird gebeten“ steht. Aber wer es mag …

Tickets für verschiedene Prunksitzungen gibt es bei kölnticket.


Röschen Sitzung

Hier, so die Macher dieser schwullesbischen Alternative zum klassischen Karneval, tummeln sich „warme Jecken aus aller Welt“. Gestartet als Rosa Sitzung stellte der WDR 2004 die TV-Übertragung ein. Wegen der wegbrechenden Fernsehgelder konnte diese Sitzung nicht mehr finanziert werden. Die Macher konzentrierten sich auf ihre Wurzeln und feiern seitdem eine kleine, aber feine Sitzung in Mülheim op dä Schäl Sick.

Röschensitzung


Pfarrsitzungen sind bunt, bodenständig und bezahlbar, wie hier in St. Pius, Köln-Zollstock, Bild: Uli Kievernagel
Pfarrsitzungen sind bunt, bodenständig und bezahlbar, wie hier in St. Pius, Köln-Zollstock, Bild: Uli Kievernagel

Pfarrsitzungen

Die regelmäßig wunderschönen Pfarrsitzungen sind eine der Grundfesten des kölschen Fasteleers. Grundsätzlich handelt es sich dabei um Kostümsitzungen, die in den Veedeln gefeiert werden. Hier schunkelt die Nachbarschaft miteinander – übrigens vollkommen unabhängig von der Religion. Bei Eintritt und auch Bewirtung zu normalen Preisen können sich diese Sitzungen die Top-Bands und Redner des Karnevals nur selten leisten. Sehr lobenswert: Einige Karnevalisten bieten speziell diesen Sitzungen günstigere Preise an, denn so Jörg Runge, der als „Tuppes vom Land“ über die Karnevalsbühnen zieht: „Sterben die kleinen Vereine, stirbt das Fundament des Karnevals.“.  Und wenn es dann doch eng wird mit der Programm, steigt eben der Kirchenvorstand oder sogar der Pfarrer selber in die Bütt.

Falls ihr zu einer solchen Sitzung gehen wollt, schaut rechtzeitig in Schukästen der Gemeinden. 


Die Hausband der Immisitzung rockt das Bürgerhaus Stollwerck, Bild: Jassin Eghbal
Die Hausband der Immisitzung rockt das Bürgerhaus Stollwerck, Bild: Jassin Eghbal

Immisitzung

Unter dem Motto „Jeder Jeck ist von woanders“ feiern die Immis seit 2010 im Bürgerhaus Stollwerck. Als „Imi“ (abgeleitet von „imitiert“) werden in Köln alle Zugezogenen oder „unechten“ Kölner bezeichnet. Bei der Immisitzung kommt das zweite „m“ hinzu. Hier sind tatsächlich Menschen gemeint, die nicht in Köln geboren wurden, sondern „Immigranten“. Sehr sympathisch (und sehr Kölsch) wird der „Immi“-Begriff hier sehr weit ausgelegt, sogar Immis aus Bayern und Düsseldorf arbeiten im Ensemble mit Menschen aus acht weiteren Nationen unter der souveränen Leitung von Myriam Chebabi als Immi-Mymmi I. zusammen.

Leider mussten die „Imis“ ihre Sitzung 2023 absagen. ABER: Das Ensemble der Immisitzung hat vier Gast-Auftritte bei Fatal Banal! 

Immisitzung


Flüstersitzung

Die Flüster- oder Nostalgiesitzungen sind der Gegenentwurf zum „Party-Karneval“. Statt lautem Remmi-Demmi gibt es hier die leisen Töne. Alle Musiker spielen „usjestöpselt“, den Rednern wird tatsächlich zugehört (was auf anderen Sitzungen nicht immer der Fall ist). Hier treten auch oft Künstler auf, die eigentlich schon im karnevalistischen Ruhestand sind, wie zum Beispiel der Kölsche Schutzmann Jupp Menth.

Die „Große Kölner Karnevalsgesellschaft e.V. 1882“ bietet eine Flüstersitzung an.


Herrensitzung

Okay – einmal sollte man das mitgemacht haben. Man trifft sich, in der Regel sonntags zur besten Frühschoppenzeit, trinkt die ersten Kölsch („vorglühen“) und geht dann gemeinsam zur Sitzung. Dort steht oft das Kölsch als Getränk und nicht als Sprache im Vordergrund. Die Bands stellen ihre Verstärker etwas lauter und ab geht es. Redner haben hier spätestens ab der zweiten Stunde keine Chance mehr. Und regelmäßig sorgen die leicht bekleideten Nummerngirls für Ärger mit den Offiziellen des Karnevals.

Tickets für verschiedene Herrensitzungen gibt es bei kölnticket.


Damensitzung

Zugegeben: Kenne ich nur vom Hörensagen. Ist das Pendant zur Herrensitzung, nur stehen hier „Kleiner Feigling“ und Prosecco im Vordergrund. Und statt des Nummerngirls gibt es auch schon mal einen Nummernboy.

Tickets für verschiedene Damensitzungen gibt es bei kölnticket.


Nur an Karneval wird die Lanxess-Arena zur "Kölnarena"
Nur an Karneval wird die Lanxess-Arena zur „Kölnarena“

Lachende Kölnarena

Eine echte Besonderheit im Sitzungskarneval: Hier ist es erlaubt, Essen und Getränke selber mitzubringen. Und so schleppen die Karnevalsjecken hunderte Fässer, kiloweise Frikadellen und viele, viele Eimer Kartoffelsalat nach Deutz. Mit etwa 10.000 Besuchern für jede der bis zu 15 Veranstaltungen in einer Session ist die Lachende Kölnarena das Schwergewicht unter den Sitzungen. Und hier spielen wirklich ALLE wichtigen Akteure. Besonders schön ist der „Mini-Rosenmontagszug“ zu Beginn jeder Sitzung. Hier ziehen Gruppen und Korps aus dem Fastelovend einmal durch das Rund der Arena – mit dem Dreigestirn als Höhepunkt.

Lachende Kölnarena


Jeckespill

Jeckespill – de Weetschaffsitzung

Bereits im zehnten Jahr tourt diese Sitzung mit Krätzjer, Klaaf un Kalverei durch verschiedene Kneipen in Köln. Immer restlos ausverkauft, immer „ballermannfrei und viel mit dem Publikum.“, so Erfinder und Sitzungspräsident Helmut Frangenberg. Dazu gehört auch das gemeinsame Singen von Karnevalsklassikern, die (fast) schon in Vergessenheit geraten sind.

Jeckespill

 


Das 2019er Motto von :Loss mer singe lautet "Mer levve uns Leeder"
Das 2019er Motto von :Loss mer singe lautet „Mer levve uns Leeder“

Loss mer singe-Sitzung

Mitsingen, Mitfeiern, Mitstimmen, Mitmachen. So einfach und genial kann Karneval sein. Entstanden in einer Wohnküche, wo Erfinder Georg Hinz seine Freunde für den Kneipenkarneval textsicher gemacht hat, ist „Loss mer singe“ (LMS) fester Bestandteil des kölschen Fasteleers. Durchaus fraglich ist es, ob Bands wie Kasalla, Cat Ballou oder die Klüngelköpp ohne LMS den Durchbruch geschafft hätten. 2006 war dann klar, dass auch LMS eine eigene Sitzung veranstaltet. Und das Konzept, gemeinsames Singen mit den traditionellen Elementen des Karnevals zu verbinden, funktioniert. Ein echtes Highlight ist der regelmäßige Auftritt des „Raketenmanns“, der immer dann auftritt, wenn ein Künstler eine ganz besonders gute Leistung auf die Bühne  gezaubert hat.


Kindersitzungen

Auch die Jüngsten werden kindgerecht an den Karneval herangeführt. Immer im Kostüm und mit viel Platz für die notwendige Bewegung geht es mit den Pänz in den Sälen hoch her. Neben Clowns und viel Musik ist regelmäßig der Besuch des Kinderdreigestirns Höhepunkt dieser Sitzungen. Mit der „Puppensitzung für Kinder“ bietet das Hänneschen eine spezielle und unbedingt empfehlenswerte Sitzung.


Fatal Banal - alternativer Karneval aus Ehrenfeld
Fatal Banal – alternativer Karneval aus Ehrenfeld

Fatal Banal

Garantiert „tuschfrei“, gerne mit (lokal-) politischen Seitenhieben und herrlich respektlos wird seit 1992 zunächst im BÜZE / Bürgerzentrum Köln-Ehrenfeld, aktuell in Kalk, frecher, alternativer Karneval gefeiert. Die Hausband trägt, nach einer Abstimmung unter den Fans, den Namen „Kalk Kapelle“. Übrigens: Nach dem offiziellen Sitzungsprogramm wird immer gemeinsam weitergefeiert.1Ein großes DANKE an Joachim für die aktuellen Infos zu Fatal Banal.

Fatal Banal 


Deine Sitzung wird im Klettenberger Brunosaal und in den Bolloni-Hallen gefeiert
Deine Sitzung wird im Klettenberger Brunosaal und in den Balloni-Hallen gefeiert

DEINE SITZUNG

Die einzige Sitzung mit dem „Winkemariechen“, welches auf der Bühne das Publikum zum Mitmachen animiert. Auf dieser Sitzung wird mit dem gemeinsamen Ausruf „Backen, Hacken uuuund Mett!“ dem kölschen Grundnahrungsmittel Mett gehuldigt. Es werden METTleys gesungen, das „Orchester der Liebe“ spielt mit Inbrunst Lieder wie „Mett is in the air“ und die Sitzungspräsidentin Karolin Kebekus kommt als Mettwoman auf die Bühne.

DEINE SITZUNG


Fremdensitzung

Ich dachte eigentlich, das gäbe es heute nicht mehr. Bis ich bei der Recherche die „Große Prunk- und Fremdensitzung“ der Ehrengarde gefunden habe. Tatsächlich hat man früher auf Fremdensitzungen die kölschen Elemente und insbesondere die Verwendung der kölschen Sprache auf ein für „auswärtige Gäste“ vertretbares Maß heruntergeschraubt. Und das, obwohl doch eigentlich immer die Kölschen den größten Teil der Gäste gestellt haben. Wer  ausgelassen Karneval feiern will, ist hier nicht richtig aufgehoben, so lautet es in der Ankündigung der Ehrengarde: „Auch diese Sitzung eignet sich insbesondere für unsere auswärtigen Gäste. Abendgarderobe bzw. Smoking ist wünschenswert. Achtung: keine Kostümsitzung!“


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Kölsche Tön & ihre Geschichte: „Einmol Prinz so sin“

Das Trifolium: Prinz Bauer und Jungfrau mit dem Prinzenführer, Bild: Norbert Bröcheler
Diese drei (hier mit Prinzenführer) haben sich ihren Traum erfüllt: „Eimol Prinz zo sin. In nem Dreijestirn voll Sunnesching“, Bild: Norbert Bröcheler 

Einmol Prinz zo sin,
en Kölle am Rhing,
in nem Dreijestirn
voll Sunnesching!

Erstaunlich, dass dieses kölsche Lied in Frankreich entstanden ist. Am Strand. Weit weg von den Kölner Karnevalsbühnen im Gürzenich, Sartory oder der Kölnarena. Geschrieben hat es Wicky Junggeburth. Er stellte, gemeinsam mit Jungfrau Artura (Artur Tybussek) und Bauer Karl (Petry) das umjubelte Dreigestirn der Prinz der Session 1992/93.

Zum Erstaunen aller Anwesenden trug er dieses Lied auf der Prinzenproklamation am 8. Januar 1993 im Gürzenich vor. Was zu diesem Zeitpunkt noch keiner ahnen konnte: Dieses Lied sollte der Sessionshit werden und ist heute, neben „Ach wär´ ich nur ein einzig Mal ein schmucker Prinz im Karneval“ von Fritz Weber die Erkennungsmelodie eines jeden Prinzens.

Die Sehnsucht, einmal Prinz zu sein

Junggeburth hatte tatkräftige Hilfe bei diesem Lied. Dieter Steudter von den „3 Colonias“ hatte bereits ein Lied mit dem Refrain „Einmol Prinz zo sin“ geschrieben, allerdings noch ohne Strophen. Dieses Lied war Junggeburth bekannt.

Als ihn dann im Sommer 1992 im Urlaub in Frankreich die Nachricht erreichte, dass er Prinz 1992/93 werden durfte, textete er voller Begeisterung spontan direkt am Strand die entsprechenden Strophen dazu:

Doch dat Jlöck is eetz komplett,
Wenn mer echte Fründe hätt:
Su e richtig kölsche Buur
En Jungfrau met Humor.

Mangels Papier schrieb er seine spontanen Einfälle für den Text buchstäblich in den südfranzösischen Sand:

Wat wör dat schonste Dreijestirn
Ohne Jecke stunde mer im Rähn.
Drum maht met uns hück eine dropp,
Dann steht janz Kölle kopp!

Das Lied drückt die Sehnsucht eines jeden kölschen Panz aus, nur einzig Mal als ein stolzer Prinz in Köln mit den Jecken zu feiern.

Der eine söck im Spill sing Jlöck,
Der andre is op Jold verröck,
Doch jeder echte Kölsche Stropp
Hatt doch nur eens im Kopp:
Eimol Prinz zo sin,
En Kölle am Rhing.

So wird die Einzigartigkeit der Verkörperung des Prinzen im Dreigestirn deutlich.

Zweimol Prinz zo sin

Nur das Dreigestirn der Session 2020/21 durfte gleich in der nächstes Session 2021/22 noch einmal ran – die Corona-Pandemie hatte nahezu alle Auftritte und den Rosenmontagszug in der ersten Session unmöglich gemacht. Also „Zweimol Prinz ze sin“. Eine Ausnahme in der langen Tradition der Dreigestirne.

Zweimol Prinz so sin: Das doppelte Dreigestirn der Sessionen 2020/21 und 2021/22, Bild: Festkomitee Kölner Karneval
Zweimol Prinz so sin: Das doppelte Dreigestirn der Sessionen 2020/21 und 2021/22, Bild: Festkomitee Kölner Karneval

Schade nur, dass auch in der zweiten Session das aktuelle Dreigestirn zwar erneut proklamiert wird, es aber wieder eine Session ohne „normales“ Karnevalstreiben erleben muss. Wieder wurden Sitzungen, Bälle und der Rosenmontagszug abgesagt.

Start einer erfolgreichen (Karnevals-) Karriere

Für Wicky Junggeburth wurde der überaus erfolgreiche Karnevalshit vom Prinzen zu einem Wendepunkt im Leben. Bereits 1994 begann er, als erfolgreicher Sänger über die Bühnen im Karneval zu ziehen. Er sprang in diesem Jahr sogar kurzfristig als Ersatzmann bei den „3 Colonias“ ein, nachdem Sänger Olli Hoff kurzfristig erkrankte.

Der "Singende Prinz" Wicky Junggeburth, Bild: Oliver Abels (SBT), CC BY-SA 3.0
Der „Singende Prinz“ Wicky Junggeburth, Bild: Oliver Abels (SBT), CC BY-SA 3.0

Seitdem ist Junggeburth gern gesehener Gast im Kölschen Fasteleer. Er bevorzugt dabei eher die leisen Töne bei zum Beispiel Nostalgie- oder Flüstersitzungen und setzt damit ein angenehm deutliches Zeichen gegen den Ballermann-Karneval. Aber auch außerhalb des Karnevals ist das Multitalent gefragt: Er moderiert Sendungen im Radio und Fernsehen und verfügt über ein sehr großes Tonarchiv kölscher Musik. Daraus spielt er im Rahmen seiner Veranstaltungsreihe „Der kölsche Fastelovend der Nachkriegszeit“ regelmäßig ausgewählte Schätzchen.

Unsterblich aber hat er sich aber mit

Eimol Prinz zo sin,
en Kölle am Rhing

gemacht. Eine kölscher Evergreen, der tatsächlich am Strand entstanden ist.


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