Der „Ruhende Verkehr“

Der "Ruhende Verkehr" von Wolf Vostell auf dem Hohenzollernring, Bild: VollwertBIT / CC BY-SA
Der „Ruhende Verkehr“ von Wolf Vostell auf dem Hohenzollernring, Bild: VollwertBIT / CC BY-SA

„Autogerechte Städte“ waren Anfang der 1960er Jahre das Maß aller Dinge. Die Stadtarchitektur vieler deutschen Städte war vollständig an den Interessen des motorisierten Individualverkehrs orientiert. Ein wesentlicher Wegbereiter dieser Idee war der Architekt Hans Bernhard Reichow, der 1959 das Buch „Die autogerechte Stadt – Ein Weg aus dem Verkehrs-Chaos“ veröffentlicht hat.

Man kann also sagen, dass Reichow auch ein Teil der Verantwortung dafür trägt, dass die Stadtplanung unserer Stadt maßgeblich an den Bedürfnissen der Autofahrer ausgerichtet ist. Ein berüchtigtes Beispiel dafür ist der Bau der Nord-Süd-Fahrt, welche nach zehnjähriger Bauzeit 1974 fertiggestellt wurde.

Der ruhende Verkehr nervt

In Köln sind etwa 550.000 Kraftfahrzeuge zugelassen, darunter etwa 476.000 PKWs 1zusätzlich 33.000 LKWs und 38.000 Motorräder, Quelle: Stadt Köln. Und diese vielen Autos müssen auch irgendwo abgestellt werden. In der Fachsprache ist das der „ruhende Verkehr“. Und dieser ruhende Verkehr nervt:

  • Alles ist zugeparkt, Gehwege werden zu Schneisen zwischen den Autos, Fahrradfahrer zu Slalom-Fahrern.
  • Die Feuerwehr hat regelmäßig Probleme, an im Parkverbot geparkten Autos vorbeizukommen.
  • Und wenn man selber Teil des ruhenden Verkehrs werden will, dreht man ewig lang seine Runden um den Block bei der Suche nach einem Parkplatz.

Alles nicht neu! Den Ärger um den „ruhenden Verkehr“ gibt es bereits seit Ewigkeiten.

Ein einbetonierter Opel Kapitän

Den kreativsten Umgang damit zeigte der Künstler Wolf Vostell (* 14. Oktober 1932, † 3. April 1998). Vostell war Maler, Bildhauer und Happeningkünstler. Ein wesentliches Merkmal seiner Werke war das Einbetonieren. Und so staunten die Kölner nicht schlecht, als Vostell am 4. Oktober 1969 mit seinem Opel Kapitän auf der Domstraße vorfuhr und das Auto mit laufendem Motor und angeschaltetem Radio einbetonierte.

Einen solchen Opel Kapitän (Modell P 2,6 / Baujahr 1960) betonierte Vostell ein, Bild: Guido Radig / CC BY
Einen solchen Opel Kapitän (Modell P 2,6 / Baujahr 1960) betonierte Vostell ein, Bild: Guido Radig / CC BY

Ein großer Betonmischer kippte tonnenweise Frischbeton in die vorbereite Verschalung über das Auto. Ein Dokumentarfilm zeigt diese Aktion und auch die Aufregung der Passanten.

Ein Mann, mit hörbar kölschen Einschlag in der Stimme, meint in dem Film dazu: „Ich würde sagen, grober Unfug ist noch zu glimpflich ausgedrückt. Stell dir vor, dass würde jeder machen, der ein paar Mark in der Tasche hat … wie es in einem Jahr in Köln aussähe.“ Vostell hatte sein Ziel erreicht: Der „Ruhende Verkehr“, so der Name des Kunstwerks, war mit einem Schlag mitten in der Diskussion.

Doch der Künstler hatte die Rechnung ohne die Stadt Köln gemacht. Die zweckentfremdete Nutzung von Parkraum wurde von Ordnungsamt geahndet und das tonnenschwere Kunstwerk nach etwa drei Wochen in der Domstraße auf den Neumarkt verfrachtet. Dort sollte ein (nie realisierter) Skulpturenpark aufgebaut werden. Doch die Reise des einbetonierten Autos war noch lange nicht vorbei. Der Betonklotz, der rudimentär die ursprünglichen Form des einbetonierten Autos zeigt, wurde in Paris und in Berlin ausgestellt.

Mittelstreifen statt regulärer Parkplatz

Mittlerweile steht der „Ruhende Verkehr“ auf dem Mittelstreifen des Hohenzollernrings. Ein äußerst schlechter Platz, denn Vostell wollte ausdrücklich einen Parkplatz besetzen. „Das eingefrorene Auto“, so Vostell, „mitten zwischen anderen, noch verkehrstüchtigen Autos.“. Doch jetzt umflutet der Verkehr den Betonklotz.

Aber im März 2022 ist Bewegung in diese Diskussion gekommen. Die Bezirksvertretung Innenstadt hat auf Initiative der Grünen-Fraktion beschlossen, die Plastik auf eine Parkplatz unweit des aktuellen Standorts zu versetzen. Genau, wie Vostell es mit dem „Ruhenden Verkehr“ ausdrücken wollte.  Doch seit Dezember 2023 ist klar, dass das Kunstwerk an seinem Standort mitten auf den Ringen verbleiben wird: Der geplante Parkplatz auf der Hahnstraße sei schlicht zu schmal.

Ävver mer sin in Kölle. Also mal abwarten …


Vostell Plastik "Concrete Traffic" in einem Parkhaus der Universität Chicago, Bild: University of Chicago
Vostell Plastik „Concrete Traffic“ in einem Parkhaus der Universität Chicago, Bild: University of Chicago

Besser platziert ist die Vostell-Plastik „Concrete Traffic“ auf dem Campus der University of Chicago. Ein einbetonierter Cadillac steht dort seit 2016 auf einer regulären Parkfläche in einem öffentlichen Parkhaus.


Hommage "Ruhender Verkehr" (Wolf Vostell), eine einbetonierte Mercedes A-Klasse von Cornel Wachter, Bild: Leonce49 / CC BY-SA 2.0
Hommage „Ruhender Verkehr“ (Wolf Vostell), eine einbetonierte Mercedes A-Klasse von Cornel Wachter, Bild: Leonce49 / CC BY-SA 2.0

Der Kölner Künstler Cornel Wachter betonierte – als Hommage an Vostell – 2007 seine Mercedes A-Klasse ein. Dieses Werk steht heute vor dem Rheinischen Landesmuseum in Bonn.


E-Mail-Newsletter

Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Zum Hören als Podcast oder zum Lesen im Blog.

Aber immer kurz & knackig, immer subjektiv & voreingenommen. Und immer kostenlos!
Datenschutz

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Kölner Stadtteile: Riehl – mehr als nur Zoo und Flora

Ich bin sehr stolz, in der Reihe über die „Kölschen Veedel“ heute einen prominenten Gastautor begrüßen zu dürfen: Joachim Brokmeier ist ein ausgewiesener Kenner der Kölner Stadtgeschichte.

Der ausgewiesene Köln-Kenner und Riehl-Experte Jochaichm Brokmeier, rechts eines seiner Bücher über Riehl. Bilder: Joachim Brokmeier
Der ausgewiesene Köln-Kenner und Riehl-Experte Joachim Brokmeier, rechts eines seiner Bücher über Riehl. Bilder: Joachim Brokmeier

Der Spezialist für den Stadtteil Riehl hat bereits mehrere Bücher über dieses Veedel veröffentlicht und publiziert regelmäßig in Tages- und Fachzeitungen. Heute schreibt er im „Köln-Ding der Woche“ über diesen ganz besonderen Stadtteil.

Ein großes DANKE an Joachim Brokmeier!

Seine umfangreiche Postkarten-Sammlung mit mehr 2.300 Exemplaren hat er  Anfang 2025 dem Kölnischen Stadtmuseum überlassen. Darüber hat auch der WDR in der „Lokalzeit Köln“ berichtet:

Joachim Brokmeier in einem Bericht der WDR-Lokalzeit Köln, Bild: WDR
Joachim Brokmeier in einem Bericht der WDR-Lokalzeit Köln, Bild: WDR

Kölner Stadtteile:
Riehl – mehr als nur Zoo und Flora

Im Jahr 1936 sorgte Riehl mit einem Mordfall über Wochen für Schlagzeilen – ein „Mord ohne Leiche“. Vermisst wurde die Witwe Grass, die alleine mit ihrem Verwalter Josef Ludwigs auf dem mittlerweile abgebrochenen Pilgram’schen Hof1Am Botanischen Garten 1-3 lebte. 

Eines Tages war die Witwe verschwunden. Schnell fiel der der Verdacht auf Josef Ludwig, der jedoch beteuerte, die Witwe wäre nur krank. Seltsam nur, dass Ludwig auf einmal jede Menge Geld in Kölner Lokalen verprasste. Selbstverständlich wurde er von der Polizei befragt – und Riehl wurde wegen dieses Falls weit über die Grenzen Kölns hinaus bekannt.

Tatsächlich ist Riehl aber mehr als nur der Tatort einer Kriminalgeschichte.

In Riehl ließen die Kölner Erzbischöfe ihre Münzen prägen

Beim Bau der Mülheimer Brücke wurden römische und im weiteren Riehl fränkische Funde gemacht. Riehl war, bis zur Säkularisierung im Jahr 1803, über 400 Jahre eine „Herrlichkeit“ des Klosters Altenberg.2„Herrlichkeit“ bedeutet, dass das Kloster Altenberg das Lehnsrecht und die Gerichtsbarkeit über Riehl ausübte.

Obwohl das Gebiet vorrangig landwirtschaftlich geprägt war, gab es dort auch eine Münzprägestätte der Kölner Erzbischöfe. Noch heute erinnert der Straßenname „An der Münze“ daran. Diese Straße gehört nunmehr zum Stadtteil Neustadt-Nord.

Riehl im Jahr 1789 (gelb schraffierte Fläche) und heute (rote Markierung), Karte: Burgbann von Köln, Wilhelm Fabricius
Riehl im Jahr 1789 (gelb schraffierte Fläche auf der linksrheinischen Seite) und heute (rote Markierung), Karte: Burgbann von Köln, Wilhelm Fabricius

Tatsächlich ist Riehl „geschrumpft“: Reichte es ursprünglich vom Rhein bis zur Niehler Straße und von der heutigen Einfahrt zum Niehler Hafen bis zur Kölner Stadtmauer, so sind heute die Grenzen des Stadtteils von der Mülheimer Brücke bis zur Zoobrücke und vom Rhein bis zur Amsterdamer Straße. Hier leben heute3Stand: September 2024 ca. 12 000 Einwohner.

Nach der Säkularisierung wurde Riehl 1802 der Gemeinde Longerich zugeordnet. 1886 bildete Riehl mit Nippes eine eigenständige Gemeinde. Das war aber nur von kurzer Dauer. Bereits 1888 wurde auch Riehl – wie viele andere Gemeinden, zum Beispiel Marienburg, Raderberg mit Raderthal, Zollstock oder Deutz – nach Köln eingemeindet.

Der alte Zooeingang mit den Hirschen, Bild: Sammlung Brokmeier
Der alte Zooeingang mit den Hirschen, Bild: Sammlung Brokmeier

Flora, Zoo und Vergnügungspark ziehen die Kölner an

Riehl entwickelte sich rasch zu einem bedeutenden Vergnügungsviertel von Köln. Bereits 1860 wurde der Kölner Zoo eröffnet und fand bei den Kölnern wegen der exotischen Tiere großen Zuspruch. Die 1864 eröffnete Flora war eher etwas für die „Hautevolee“ von Köln. Den Eintritt konnten sich nur wenige Reiche leisten. Das Festhaus glänzte mit seinem 57 Meter langen Glaskuppeldach und auch das französische Parterre4Ein prächtig gestalteter Bereich mit Blumenrabatten, ornamentalen Rasenflächen und Tortenbeeten. konnte vom Tor aus bewundert werden – ohne Eintritt zu bezahlen.

Der Eingang zur Flora, Bild: Sammlung Brokmeier
Der Eingang zur Flora, Bild: Sammlung Brokmeier

1909 entstand dann auf dem Gelände der Gaststätte Hohenzollerngarten5an der Riehler Straße von der Frohngasse bis zum Neußer Wall der „Amerikanische Vergnügungspark“ mit vielen Attraktionen wie Wasserrutsche, Gebirgsbahn, Lachhaus (Spiegelkabinett) und einem Karussell. In der „Münchener Bierhalle“, der „Kölnischen Bierhalle“ oder auch im „Café am See“ gab es Bier, Kaffee und mehr für die Ausflügler.

Der Amerikanische Vergnügungspark, Bild: Sammlung Brokmeier
Der Amerikanische Vergnügungspark, Bild: Sammlung Brokmeier

Nach dem ersten Weltkrieg wurde das Gelände in „Luna Park“ umbenannt, aber bereits 1927 geschlossen, weil der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer beschloss, den Grüngürtel bis zum Rhein zu verlängern.

Da der Zoo, die Flora, der Vergnügungspark und der Festplatz (heute Skulpturenpark) besonders an Wochenenden viele Besucher anzogen, entstand an der Ecke Frohngasse / Riehler Straße / Rheinuferstraße eine „Fressmeile“. Der Kurfürstengarten, die Süddeutsche Bierhalle, das Fischerhaus Gerstenbroich und das Wattlers Fischerhaus waren die bekannteren Häuser. In der Nähe des Zoos gab es auch das Riehler Haus, das Café Zillisch und den „Blauen Affen“.

Von den zahlreichen Gasthäusern an der Frohngasse existiert nur noch Wattler's Fischerhaus, heute Restaurant Richters, Bild: Sammlung Brokmeier
Von den zahlreichen Gasthäusern an der Frohngasse existiert nur noch Wattler’s Fischerhaus, heute Restaurant Richters, Bild: Sammlung Brokmeier

Doch auch die diese Gasthäuser an der Frohngasse sind durch den Ausbau des Grüngürtels 1927 verschwunden. Lediglich Wattler’s Fischerhaus am Rhein – heute Restaurant Richters – überlebte.

 Die Riehler Radrennbahn

Ein besonderes sportliches Highlight war die „Riehler Radrennbahn“, die 1889 zunächst als Sandbahn – gesponsert durch die Gummiwerke Clouth – eröffnet wurde. Hier fanden viele internationale Rennen statt. Das Gelände der Radrennbahn wurde aber auch für andere Veranstaltungen genutzt: So war unter anderem 1890 Buffalo Bill mit seiner Wild West Show dort zu Gast. Im Jahr  1910 demonstrierten hier etwa 15.000 Menschen gegen das Dreiklassenwahlrecht.

Die Riehler Radrennbahn, Bild: Sammlung Brokmeier
Die Riehler Radrennbahn, Bild: Sammlung Brokmeier

Als dann ab 1920 das Müngersdorfer Stadion mit einer Radrennbahn ausgebaut wurde, verblasste der Glanz und 1955 wurde die Riehler Radrennbahn endgültig geschlossen. Heute befindet sich genau an dieser Stelle der Elefantenpark und der Spielplatz im Zoo.

Um 1900 war Riehl der größte Militärstandort von Köln

Nach Gründung des Deutschen Reiches wurde Riehl zum größten Militärstandort in Köln ausgebaut. So entstand 1893 die Kaserne für das Feldartillerie-Regiment Nr. 59 an der Ecke Amsterdamer Straße / Barbarastraße. Heute befindet sich dort das Bundesverwaltungsamt. Diese Anlage wurde 1899 nach Osten wesentlich erweitert, wobei ein gewisser Herr Fischer die Bauten finanzierte und diese an den Fiskus verpachtete. Noch heute gehört diese Anlage einer Erbengemeinschaft.

Die Wache des Infanterie Regiments 65 in der Kaserne Boltensternsstraße, Bild: Sammlung Brokmeier
Die Wache des Infanterie Regiments 65 in der Kaserne Boltensternsstraße, Bild: Sammlung Brokmeier

1890 wurden an der Boltensternstraße in Höhe der Hittoffstraße fünf Militärbaracken errichtet. Das Gelände für eine spätere Kasernenstadt an dieser Stelle in Richtung Rhein musste zunächst um zwei Meter aufgeschüttet werden, um dort ca. 80 Kasernenbauten zu errichten. In dieser Kasernenstadt fanden dann ein Infanterieregiment und zwei Pionierbataillone Unterkunft.

Der Schießstand nördlich der Kaserne Boltensterstraße, Bild: Sammlung Brokmeier
Der Schießstand nördlich der Kaserne Boltensterstraße, Bild: Sammlung Brokmeier

Die im Norden angrenzende „Mülheimer Heide“ war das Übungsgelände für die Soldaten mit einem Schießstand. Dort ist es heute viel friedlicher: Hier wurden u.a. Schrebergärten, Wohnhäuser und der Niehler Hafen angelegt. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Riehler Kasernenbauten bis 1926 durch die englischen Soldaten belegt.

Hochwasser in der Boltensternstraße - die Kaserne war nur per Boot erreichbar, Bild: Sammlung Brokmeier
Hochwasser in der Boltensternstraße – die Kaserne war nur per Boot erreichbar, Bild: Sammlung Brokmeier

Der Rhein mit seinem Hochwasser gefährdet Riehl

Die Hochwasser des Rheins waren eine ständige Gefahr für Riehl. Um überhaupt dort bauen zu können, wurden alle geplanten Baugrundstücke und geplanten Straßen um bis zu zwei Meter angehoben.

Am linken Bildrand der Deich und rechts das Vorflutgelände Rheinaue, Bild: Sammlung Brokmeier
Am linken Bildrand der Deich und rechts das Vorflutgelände Rheinaue, Bild: Sammlung Brokmeier

Aber auch diese Anhebung bot keinen dauerhaften Schutz vor den Fluten des Rheins. Daher wurde, im Zusammenhang mit dem Bau der Mülheimer Hängebrücke (1927-1929), ein Deich zum Schutz von Riehl gebaut und ein Vorflutgelände zum Schutz von Mülheim angelegt. Da ist heute die „Rheinaue“

Bis heute ein wichtiger Rheinübergang

Der Rheinübergang bei Riehl war seit jeher ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Bereits 1268 gab es eine Fährgerechtsame6Eine Fährgerechtsame ist das Recht zur Erhebung von Gebühren für die Übersetzung von Personen, Gütern oder Fahrzeugen mit einer Fähre über einen Fluss. nach Mülheim.

Die Einweihung der Hängebrücke im Jahr 1929, Bild: Sammlung Brokmeier
Die Einweihung der Hängebrücke im Jahr 1929, Bild: Sammlung Brokmeier

Um 1700 wurde eine Gierponte7Eine Gierponte wird auch Gierseilfähre, Gierfähre, oder „Fliegende Brücke“ genannt. Das Prinzip ist, dass ein Floß zur Fortbewegung die Strömung des zu überquerenden Flusses ausnutzt. eingerichtet. 1888 wurde die Mülheimer Schiffbrücke in Betrieb genommen. Allerdings reichte deren Kapazität nicht aus, um das stetig steigende Verkehrsaufkommen zu bewältigen. So wurde von 1927 – 1929 eine Hängebrücke errichtet, die nach der Kriegszerstörung 1951 wieder in Betrieb genommen wurde und nun bereits seit vielen Jahren8Stand: September 2024 saniert wird.

Die Seilbahn im Jahr 1957 mit Blick auf den Fordturm, der 1963 abgerissen wurde. Bild: Sammlung Brokmeier
Die Seilbahn im Jahr 1957 mit Blick auf den Fordturm, der 1963 abgerissen wurde. Bild: Sammlung Brokmeier

Die Rheinseilbahn

Seit 1957 verfügt Riehl auch über ein ganz besonderes Verkehrsmittel: Zur Bundesgartenschau wurde die Rheinseilbahn eröffnet – die erste einen Fluss überquerende Seilbahn Deutschlands. Doch dieses bei Kölnern und Besuchern äußerst beliebte Verkehrsmittel wurde im September 1963 wegen des Baus der Zoobrücke demontiert. Doch das war mit den Kölner nicht zu machen! Auf Druck der Bevölkerung beschloss der Stadtrat die Wiederinbetriebnahme mit einer etwas veränderten Trassenführung mit gleichzeitiger Überquerung der Zoobrücke.

In der "Goldenen Hochzeitsgondel" der Kölner Seilbahn können Brautpaare den Bund fürs Leben schließen, Bild: Kölner Seilbahn-Gesellschaft mbH
In der „Goldenen Hochzeitsgondel“ der Kölner Seilbahn können Brautpaare den Bund fürs Leben schließen, Bild: Kölner Seilbahn-Gesellschaft mbH

Und so verbindet diese Seilbahn heute immer noch das Deutzer Parkgelände mit dem Zoo und der Flora. Für Kölnerinnen und Kölner, die sich auf ewig binden wollen, besteht seit 2008 die Möglichkeit, in einer goldenen Hochzeitsgondel standesamtlich zu heiraten. Kleiner Haken: In die Gondel passen nur das Brautpaar und der Standesbeamte oder die Standesbeamtin.

Eindrucksvolle Villen

Der alte bauliche Kern von Riehl entstand um 1900 an der heutigen Stammheimer Straße zwischen der Hittorfstraße und der Pionierstraße. Es waren meist dreigeschossige Häuser und erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Erdgeschosswohnungen in Geschäfte umgebaut. In diesem Bereich lag auch das Postgebäude, die erste Riehler Schule und gegenüber an der Ecke Pionierstraße die Riehler Katholische (Not)Kirche.

Stammheimer-Str. 9-11 vor1945, Bild: Sammlung Brokmeier

Bild 1 von 3

Stammheimer-Str. 9-11 vor1945, Bild: Sammlung Brokmeier

Am Anfang der Stammheimer Straße, in Höhe des Zoos, entstanden um 1900 sehr prachtvolle Stadthäuser im neuklassizistischen Stil, im Neobarock und im Jugendstil, welche fast alle heute noch existieren und das Flair von Riehl bestimmen.

In Köln war in den 1920 Jahren die Wohnungsnot sehr groß und die Familien wollten raus aus den Mietskasernen in der Innenstadt. So plante der Architekt Manfred Faber an dem Riehler Tal eine lichtdurchflutete Wohnanlage mit 631 Wohnungen, die 1929 bezogen wurden und unter dem Namen „Naumannsiedlung“ bekannt ist.

Das Naumannviertel, Bild: Sammlung Brokmeier
Das Naumannviertel, Bild: Sammlung Brokmeier

Der heutige Wohnwert in Riehl ist durch die noch erhaltenen Villen für die englischen Besatzungssoldaten von 1919 bis 1926 geprägt. Zwischen der Straße Am Botanischen Garten und der Amsterdamer Straße sind damals etwa 100 Gebäude – meist Einfamilienhäuser – für die höheren Dienstgrade entstanden.

Kasernen werden zu den „Riehler Heimstätten“

Da das Rheinland nach dem ersten Weltkrieg entmilitarisiert wurde und die englischen Soldaten abgezogen waren, standen die Kasernenbauten an der Boltensternstraße leer. Die damalige Leiterin des Wohlfahrtsamtes, Dr. Hertha Kraus, hatte die Idee, einen Teil der Häuser in eine Alteneinrichtung umzuwandeln. Ihr Ziel war es, die Wohnungsnot in Köln zu lindern, die Krankenhäuser in Köln von Pflegefällen zu entlasten und einen Ersatz für das baufällige Siechenheim in der Quentelstraße zu schaffen.

rst Kaserne Boltensternstraße und dann Riehler Heimstätten, heute SBK – die Sozial-Betriebe-Köln. Bild: Sammlung Brokmeier
rst Kaserne Boltensternstraße und dann Riehler Heimstätten, heute SBK – die Sozial-Betriebe-Köln. Bild: Sammlung Brokmeier

So entstanden im Jahr 1927 die „Riehler Heimstätten“ – eine modellhafte dreistufige Einrichtung für Menschen mit und ohne Pflegebedarf:

  • Gruppe 1: Ein Wohnstift mit 730 Senioren, die sich selbst versorgen konnten.
  • Gruppe 2: Ein Versorgungsheim für 420 Menschen, die nicht pflegebedürftig waren, sich aber nicht alleine versorgen konnten.
  • Gruppe 3: Ein Pflegeheim für 680 hilfsbedürftige Menschen.

Aus den „Riehler Heimstätten“ wurden die SBK – die Sozial-Betriebe-Köln. Diese Einrichtung genießt bis heute einen guten Ruf in der Seniorenbetreuung.

Die Kirche St. Engelbert von Dominikus Böhm, Bild: Sammlung Brokmeier
Die Kirche St. Engelbert von Dominikus Böhm, Bild: Sammlung Brokmeier

Die „Zitronenpressse“ von Böhm in Riehl

Für die Riehler Einwohner gab es viele Kirchen, wie z. B. die katholische Notkirche an der Pionierstraße, die Kreuzkapelle an der Stammheimer Straße für die evangelischen Christen mit dem Nachfolgebau, der Stephanuskirche an der Brehmstraße.

Von ganz besonderer Bedeutung ist aber die St. Engelbert-Kirche am Riehler Gürtel, erbaut von 1930 bis 1932. Die eigenwillige Architektur des Architekten Dominikus Böhm irritierte nicht nur die Gemeindemitglieder, sondern auch die Geistlichkeit. Auf hohem Podest erheben sich die parabelförmigen, mit Backsteinen verblendeten Außenwände. Das Metalldach ist zwischen den einzelnen Wandstücken tief eingekerbt und heruntergezogen. Der Chor springt aus dem achtteiligen Kreisgrundriss hervor. Bei den Riehler Bürger war das Gotteshaus schnell als „Zitronenpresse“ bekannt.

Riehl heute ist klein und fein un "e Jeföhl". Foto Happe, Sammlung Brokmeier
Riehl heute ist klein und fein un „e Jeföhl“. Foto Happe, Sammlung Brokmeier

Heute ist Riehl „klein aber fein“

Nach wie vor extrem beliebt sind Flora und Botanischer Garten. Insbesondere seit diese ab den 1920er Jahren auch für die breite Öffentlichkeit zugänglich wurden.

Die Rheinaue mit dem Deich, der durch eine Lindenallee bis zur Mülheimer Brücke bekrönt ist, lädt zum Sonnen, zum Grillen, zum Radfahren und zu Spaziergängen ein. Zur Bundesgartenschau 1975 wurde ein Teil des Geländes mit einbezogen und auch das bekannte Tivoli bestand hier einige Zeit.

Heute ist Riehl „klein aber fein“. Die lang zurückreichende Geschichte, Ausflugsziele wie Zoo und Flora und auch die direkte Nähe zum Rhein machen Riehl zu einem der bevorzugten Kölner Veedel, das auch durch viele Vereine und Gemeinschaftsaktivitäten belebt wird.

Und wie war das jetzt mit der Witwe Grass?

Der schlagzeilenträchtige Fall der Witwe Grass mündete 1936 in einem spektakulären Indizienprozess: Der von der Polizei befragte Verwalter Josef Ludwigs, der dadurch auffiel, dass er sehr viel Geld in Kölner Gasthäusern verprasste, verstrickte sich bei seiner Vernehmung in Widersprüche. Doch nach wie vor war die Leiche der Witwe nicht aufzufinden. Allerdings bemerkten die Nachbarn einen „widerlichen Brandgeruch“.

Schlagzeile aus dem "Oberbergischen Boten" vom 7. April 1936 zum Urteil gegen Josef Ludwigs
Schlagzeile aus dem „Oberbergischen Boten“ vom 7. April 1936 zum Urteil gegen Josef Ludwigs

Ludwigs wird verhaftet, wegen Mordes angeklagt und schließlich auch zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt – allerdings fehlte der echte Beweis seiner Schuld.

Aber: Der Leichnam der Witwe wurde nicht gefunden. Bis heute.


E-Mail-Newsletter

Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Zum Hören als Podcast oder zum Lesen im Blog.

Aber immer kurz & knackig, immer subjektiv & voreingenommen. Und immer kostenlos!
Datenschutz

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Wo ist der Mittelpunkt von Köln? Ein überraschende Antwort!

Nicht der Dom, sondern der Hühnerfranz ist der Mittelpunkt von Köln, Bilder: Jörg Braukmann, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons (Dom), Uli Kievernagel (Hühnerfranz)
Nicht der Dom, sondern der Hühnerfranz ist der Mittelpunkt von Köln, Bilder: Jörg Braukmann, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons (Dom), Uli Kievernagel (Hühnerfranz)

Jedes (kölsche) Schulkind weiß: Dat Hätz vun d´r Welt, jo dat es Kölle. Und auch, dass hinger Kölle d´r Dschungel anfängt. Somit ist Köln der (selbsternannte) Nabel der Welt.

Es bleibt aber die Frage, wo genau denn der Mittelpunkt unserer Stadt zu finden ist. Wo ist Köln am kölschesten? Um es vorweg zu nehmen: Die Antwort auf diese Frage ist überraschend!

Der Dom als Mittelpunkt Kölns

Fragt man die Stadt, ist der Mittelpunkt unzweifelhaft der Dom:

„Als geographischer Mittelpunkt der Stadt wird häufig die Spitze des Vierungsturms des Kölner Doms im Zentrum der Stadt angegeben (WGS 84: Geographische Breite: 50° 56′ 29″, Geographische Länge: 6° 57′ 30).1Stadt Köln, Amt für Stadtentwicklung und Statistik: „Die Kommunale Gebietsgliederung. Ein räumlicher Bezug für statistische Daten“, Köln 2022, Seite 3, https://www.stadt-koeln.de/mediaasset/content/pdf15/statistiksonstige/die_kommunale_gebietsgliederung.pdf

109 Meter hoch und nicht wirklich geliebt: Der Vierungsturm des Kölner Doms, Bild: CEphoto, Uwe Aranas
Der Vierungsturm des Kölner Doms, laut Stadt Köln der Mittelpunkt Kölns, Bild: CEphoto, Uwe Aranas

Und wer will hier schon widersprechen? Kann es einen kölscheren Punkt als unsere majestätische Kathedrale geben? Wohl kaum. Deswegen würden die meisten Kölner dieser Angabe wohl sofort zustimmen: Köln ist da, wo der Dom ist. Und exakt in der Vierung, also die Stelle, wo sich Haupt- und Querschiff des Doms treffen, steht der Vierungsturm. Passt also: Hier ist der Mittelpunkt der Stadt.

Überraschung: Der „Hühnerfranz“ ist Kölns Mittelpunkt

Etwas anders sieht die Lage aus, wenn man verschiedene Kartendienste befragt. Lässt man sich eine beliebige Route anzeigen und gibt als Zielpunkt nur „Köln“ ein, landet man auf unterschiedlichen Punkten im Martinsviertel:

Wenn man sich mehrere Kartendienste anschaut stellt man fest, dass der "Hühnerfranz" eigentlich Kölns Mitte ist. Karte: Open Street Maps, Bearbeitung: Uli Kievernagel
Wenn man sich mehrere Kartendienste anschaut stellt man fest, dass der „Hühnerfranz“ eigentlich Kölns Mitte ist. Karte: Open Street Maps, Bearbeitung: Uli Kievernagel

Bemerkenswert: Schaut man sich die verschiedenen Mittelpunkte dieser Kartendienste genau an, könnte man auf den Gedanken kommen, dass diese Dienste sich als kölschen Mittelpunkt auf den Hühnerfranz, ein in der Kölner Schwulenszene beliebter Treffpunkt, geeinigt haben. Der Hühnerfranz liegt tatsächlich in der Mitte der jeweiligen Mittelpunkte.

Der "Hühnerfranz" in der Hühnergasse in Köln, Bild: Uli Kievernagel
Der „Hühnerfranz“ in der Hühnergasse in Köln, Bild: Uli Kievernagel

Zustand des Hühnergassen-Viertels kritisch

Wenn man sich im Mittelpunkt Kölns rund um den Hühner-Franz umsieht ist es erschreckend: Dreck an allen Ecken und Enden, der Müll steht mitten auf der Straße, viele der Ladenlokale stehen leer, die Fenster sind abgeklebt.

Allerdings liegt das anscheinend nicht an dem Investor.  Karl-Heinz Koch, Geschäftsführer der Immobiliengesellschaft KPI dazu im Kölner Stadt-Anzeiger2Ausgabe vom 17.09.2024: „Ich bin der Eigentümer von drei Immobilien und möchte hier umfangreich sanieren.“ Der Stillstand, so Koch, liegt am Wohnungsamt der Stadt.

Das Hühnergassenviertel mitten in der Stadt. Links oben ist der Heumarkt zu erkennen, unten rechts die Dächer des Rathauses. Bild: Raimond Spekking
Das Hühnergassenviertel mitten in der Stadt. Links oben ist der Heumarkt zu erkennen, unten rechts die Dächer des Rathauses. Bild: Raimond Spekking

Koch hatte 2021 ein Grundstück zwischen Unter Käster, der Hühnergasse und dem Alter Markt gekauft. Auf diesem Grundstück befinden sich drei Immobilien. Aber leider wird es für Koch äußerst kompliziert, hier umzubauen. Es geht unter anderem um die fehlende Barrierefreiheit, die nur durch einen Abbruch und Neubau erreicht werden kann. Allerdings liegt unter dem Haus der Tunnel der U-Bahn. Daher verlangt die KVB im Falle des Abbruchs ein „messtechnisches Monitoring-Konzept“, welches alleine schon ca. 250.000 Euro kosten soll. Sollte es zur einer Gefährdung des Tunnels kommen, ist ein sofortiger Baustopp vorgesehen. Für beides müsste Koch als Bauherr die Kosten tragen. So wird der Umbau zu einem risikoreichen Unterfangen.

Sollte Karl-Heinz Koch allerdings doch das Vorhaben angehen, steht die nächste Schwierigkeit im Raum: Der Immobilienunternehmer plant, in dem Neubau Kurzzeitvermietungen anzubieten. Und so steht das nächste Problem im Raum: Die Stadt würde das Vorhaben als Hotelgewerbe beurteilen, welches das Wohnungsamt aber nur in einem Teil des Gebäudeensembles zulassen würde. Alle denkbaren Varianten, dieses Vorhaben doch umzusetzen, indem zum Beispiel Wohnraum als Kompensation geschaffen wird, scheitern bisher an den äußerst komplexen Vorschriften.

Koch ist von der Stadt genervt: “Die Warterei macht dich seelisch kaputt.“ Und auch finanziell wird das Hühnergassen-Projekt zu einem teuren Vorhaben: Nach eigenen Angaben hat Karl-Heinz Koch bereits 300.00 Euro Verlust hier gemacht. Aber solange es hier nicht weitergeht, bleibt es im Mittelpunkt der Stadt dreckig und wenig attraktiv.

GPS-Referenzpunkt in Deutz

Am Deutzer Rheinufer, fast direkt an der Hohenzollernbrücke, befindet sich der GPS-Referenzpunkt für Köln. Allerdings bezeichnet dieser Punkt nicht den Mittelpunkt der Stadt, sondern dient als Kalibrierung für GPS-Geräte.

Privat genutzte Geräte können in der Regel nur auf 3 bis 30 Meter genau eine Position bestimmen. Um aber eine Position auf wenige Zentimetern genau zu bestimmen, gibt es GPS-Referenzpunkte.

Dieser Punkt in Deutz liegt exakt auf

  • 50°56,4666‘ nördl. Breite,
  • 06°58,1161‘ östl. Länge und
  • 55,38 Meter über Normalhöhennull.

Wer es ganz genau wissen will: Diese Daten beziehen sich exakt auf den Punkt in der Mitte der Bronzeplatte.

Der GPS-Referenzpunkt Köln am Deutzer Rheinufer, Bild: Raimond Spekking
Der GPS-Referenzpunkt Köln am Deutzer Rheinufer, Bild: Raimond Spekking

Jeder Jeck ist anders!

Allerdings sind wir Kölschen dafür bekannt, es nicht immer so ganz genau zu nehmen. Daher definiert jeder Kölner seinen „Kölschen Mittelpunkt“ anders: In seinem Veedel, in seiner Wohnung oder in seiner Stammkneipe: Wer mich sucht, findet mich an meinem ganz persönlichen kölschem Mittelpunkt. Die Koordinaten lauten:

50.905935, 6.958400


E-Mail-Newsletter

Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Zum Hören als Podcast oder zum Lesen im Blog.

Aber immer kurz & knackig, immer subjektiv & voreingenommen. Und immer kostenlos!
Datenschutz

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Bestemo, Besteva, Bap und dä Ühm: Kölsche Wörter für die Verwandtschaft

Collage Verwandschaft

Die Bläck Fööss singen ein wunderschönes Lied über Familienfeste:

Wenn sich de Famillich triff
kütt nur von allem et Bess op de Desch.
Dann wed jesonge, jeschwaad un jelaach.
Dat jit en herrlich, herrlich, herrlich –
Dat jit en herrlich lange Naach.

Und wenn sich eine kölsche Familich trifft, dann kommen die Bestemo, der Besteva, dä Bap und dä Ühm zusammen. Doch wer ist wer? Wie sind die kölschen Bezeichnungen für die verschiedenen Verwandten?

Fangen wir mit den älteren Herrschaften an:

Bestemo – die Oma

Bestemo kommt von „Beste Moder“. Im Hänneschen gibt es die Figur der Bestemo. Sie ist eine herzensgute alte Frau, die jedoch ihre Liebe regelmäßig durch Gekeife ausdrückt. Der Besteva hat regelmäßig unter ihr zu leiden.


Besteva – der Opa

Der Begriff „Besteva“ für den Opa stammt von „Bester Vader“. Auch diese Figur gibt es im Hänneschen. Der Besteva ist dort ein gutmütiger, ruhiger Opa mit einer Schwäche für das Kartenspiel und Kölsch. Er steht unter der Fuchtel der Bestemo.


Dä Ühm – der Onkel

Ühm (oder auch Ohm) ist abgeleitet von Oheim. Dieser Begriff meint ursprünglich nicht jeden Onkel, sondern nur den Bruder der eigenen Mutter, also den Onkel mütterlicherseits. Diese Verwandtschaftsbeziehung hatte früher eine ganz besondere Bedeutung: Der Bruder übernahm die Vormundschaft über ledige oder verwitwete Frauen.


Die Möhn – die Tante

Der Begriff wird heute oft als „Ahl Möhn“ abschätzig für ältere Frauen verwendet. Im Karneval gibt es, je weiter man in Richtung Eifel oder Niederrhein kommt, jede Menge Frauenkarnevalsvereine, die sich selbst „Möhne“ nennen und auch Veranstaltungen, wie z.B. der Möhneball. Übrigens ist „Möhnebier“ Malzbier, da es als Frauenbier gilt.

Koelsche_Paenz_S. Hofschaeger_pixelio.de
Kölsche Pänz, Bild: S. Hofschaeger / pixelio.de

Die Pänz – die Kinder

Dieser Begriff meint schlichtweg „Kinder“. Früher war dieser Begriff eher negativ belegt, doch diese Bedeutung ist im Laufe der Zeit verschwunden. Mehr dazu gibt es hier: Wo mer jeit un steit nur Pänz, Pänz, Pänz


Dä Broder – der Bruder

Okay – das ist einfach. Schwieriger wird es bei der Schwester.


Die Söster – die Schwester

Im kölschen Karneval gab es sogar die (zwischenzeitlich aufgelöste) Band „Sösterhätz“. Gegründet (na klar) von zwei Schwestern.


Wolfgang Niedecken mit Background-Sängerin Karen Schweitzer-Faust bei einem BAP-Konzert in der Sporthalle (1991) , Bild: Achim Scheidemann
Wolfgang Niedecken mit Background-Sängerin Karen Schweitzer-Faust bei einem BAP-Konzert in der Sporthalle (1991) , Bild: Achim Scheidemann

Dä Papp oder Bap – der Vater

Das wohl berühmteste Denkmal für einen Bap hat Wolfgang Niedecken mit seiner Band BAP für seinen Vater gesetzt.


Die Mamm – die Mutter

Das Herz der Familie. Und auch die Ernährerin, nicht zuletzt, wenn Sie Rievkooche macht. In dem passenden Lied der Bläck Fööss lautet es: „Mamm, Mamm, schnapp d’r de Pann, Fuffzehn Stück pack op d’r Mann.“


Willi Ostermann: Wenn du eine Schwiegermutter hast, Loblied auf die Schwiegermutter, 1928, Bild: Willi Ostermann Gesellschaft Köln
Willi Ostermann: Wenn du eine Schwiegermutter hast, Loblied auf die Schwiegermutter, 1928, Bild: Willi Ostermann Gesellschaft
Köln

Schwiejermo / Schwiejermoder / Schwijersch – die Schwiegermutter

Schwiegermüter genießen – insbesondere bei den Witzen der Büttenrednern im Karneval – einen zweifelhaften Ruf.  Dabei wusste bereits Willi Ostermann, warum Schwiegermütter eigentlich unendlich wichtig sind:

Willi Ostermann: Wenn du eine Schwiegermutter hast,
Loblied auf die Schwiegermutter, 1928

Wenn du eine Schwiegermutter hast,
dann betrachte sie als süße Last.
Denn wo kämen all die Mädchen her,
gäb‘ es keine Schwiegermütter,
Schwiegermütter, Schwiegermütter,
gäb‘ es keine Schwiegermütter
Schwiegermütter mehr


Schweijerva / Schwiejervader / Schjwiejervatter – der Schwiegervater

Anders als die Schwiegermutter ist der Schwiegervater nur äußerst selten Opfer von Witzen.


Schwoger / Schwöjer – der Schwager

Im „Kölsche Beiere-Leed“ von Jakob Packenius (1851-1903) lautet es:

Dume, Finger, Elleboge,
nemm mi Schwester,
weeschte minge Schwojer.

Die Schwägerin  ist die Schwiejersch oder auch Schwöjersch.


Broderschtochter – Nichte / Broderschson – Neffe

Der Broder ist der Bruder, folglich sind dessen Kinder Nichten und Neffen. Offen bleibt die die Frage nach den Kindern einer Schwester, die auch Neffen und Nichten sind. 


E-Mail-Newsletter

Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Zum Hören als Podcast oder zum Lesen im Blog.

Aber immer kurz & knackig, immer subjektiv & voreingenommen. Und immer kostenlos!
Datenschutz

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Kölsche Originale: Der Lehrer Welsch – Dreimol Null es Null, bliev Null

Gedenktafel, in d'r Kayjass Nummer Null (Kaygasse, Ecke Großer Griechenmarkt),Bild: 1971markus@wikipedia.de, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Gedenktafel, in d’r Kayjass Nummer Null (Kaygasse, Ecke Großer Griechenmarkt),Bild: 1971markus@wikipedia.de, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Jedes kölsche Schulkind kennt diesen Text:

„En d’r Kayjass Nummer Null steiht en steinahl Schull,
un do hammer dren studeet.
Unser Lehrer, dä hieß Welsch,
sproch en unverfälschtes Kölsch ...
… Dreimol Null es Null, bliev Null,
denn mer woren en d‘r Kayjass en d’r Schull.“

Bei dem von den „Drei Laachduve“ aus der Session 1938/39 besungenen Lehrer handelt es sich um Heinrich Welsch, und genau dieser Lehrer Welsch hat tatsächlich ein musikalisches Denkmal verdient.

Allerdings war Welsch nie in der Kaygasse tätig, sondern leitete im rechtsrheinischen Kalk eine Sonderschule für Kinder, die einer besonderen Fürsorge bedurften. Man kann davon ausgehen, dass die „Drei Laachduve“ Welsch wegen des Reims in die Kaygasse versetzt haben, denn die ursprüngliche Schule lag in der Hollweghstraße . Das hätte doch das Reimschema arg strapaziert.

Geburtshaus von Heinrich Welsch in Arzdorf, Bild: Wolfgang Lietzau
Geburtshaus von Heinrich Welsch in Arzdorf, Bild: Wolfgang Lietzau
Welsch – ein Pädagoge mit Herz

Heinrich Welsch wurde 1848 in Arzdorf, heute ein Ortsteil von Wachtberg, geboren. Er war ausgebildeter Lehrer mit einem Examen des Königlich Preußischen Lehrerseminars in Brühl. Nach verschiedenen Stationen, unter anderem in Worringen und Sülz, kam er 1881, mitten in der industriellen Revolution, nach Kalk. Erschreckt über die Verhältnisse in der Arbeiterschaft erkannte Welsch sehr schnell, dass Bildung der Schlüssel zum sozialen Erfolg seiner Schüler war. Im Jahr 1905 gründete er die „Hilfsschule“ in Kalk. Der Lehrer Welsch kümmerte sich rührend um seine Schüler – nicht selbstverständlich in einer Zeit, in der der Rohrstock noch als pädagogisches Mittel galt. So brachte er zum Beispiel Mädchen, die wegen einer ungewollten Schwangerschaft verstoßen wurden, wieder zurück zu ihren Familien.

Das Ehrengrab von Heinrich Welsch auf dem Kalker Friedhof, Bild: A.Savin
Das Ehrengrab von Heinrich Welsch auf dem Kalker Friedhof, Bild: A.Savin

Zu seinen Bemühungen um die Bildung gehört auch, dass Welsch 1884 mit 1.700 von ansässigen Betrieben gespendeten Büchern die erste Volksbibliothek in Kalk gründete. Heinrich Welsch schied im Jahr 1914 aus dem Schuldienst aus und verstarb 1935. Sein Grab auf der dem Friedhof in Kalk ist ein Ehrengrab, die Stadt Köln kümmert sich um die Grabpflege.

Lehrer-Welsch-Preis

Neben dem bekannten Lied lebt Heinrich Welsch aber auch im Lehrer-Welsch-Sprachpreis weiter. Die Kölner Sektion des Vereins Deutsche Sprache verleiht diesen seit 2004 an Personen oder Institutionen, die sich um die Hochsprache und den Erhalt der kölschen Sprache verdient gemacht haben.  Der Sänger Ludwig Sebus, selbst Preisträger im Jahr 2008, dazu im Kölner-Stadt-Anzeiger „Das Vermächtnis des legendären Lehrers Welsch ist doch viel mehr als Drei mal Null. Er verkörperte die kölsche Seele. Als Lehrer hat er alle Menschen gleich gesehen und gleich behandelt.“.  Erster Preisträger war Alexander von Chiari der im Motto des Rosenmontagszugs 2005 das Wort „Kids“ durch „Pänz“ ersetzte. Weitere Preisträger waren unter anderem „Die Sendung mit der Maus“ oder die Wise Guys.


Peter Kievernagel (1935 - 2023) war bei seinen Schülern als "Papa gnädig" bekannt. Bild: Uli Kievernagel
Peter Kievernagel (1935 – 2023) war bei seinen Schülern als „Papa gnädig“ bekannt. Bild: Uli Kievernagel

Ein andere Lehrer, bekannt als „Papa gnädig“

Ich widme dieses „Köln-Ding der Woche“ ausdrücklich meinem am 2. April 2023 verstorbenen Vater Peter Kievernagel, ebenfalls Lehrer. Seine Schüler sprachen von ihm als „Papa gnädig“, weil er bei Prüfungen auch schon mal gerne ein Auge zudrückte.

Ganz in der Tradition von Heinrich Welsch.


Tief im kollektiven Gedächtnis der Stadt verankert: Die "Kölschen Originale"
Tief im kollektiven Gedächtnis der Stadt verankert: Die „Kölschen Originale“

Weitere Geschichten zu den „Kölschen Originalen“ gibt es hier:


Zwar stammt das Lied von der „steinahl Schull“ im Original von den  „Drei Laachduve“, allerdings ist die überarbeitete Version der „Vier Botze“ die heimliche Hymne Kölns.


E-Mail-Newsletter

Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Zum Hören als Podcast oder zum Lesen im Blog.

Aber immer kurz & knackig, immer subjektiv & voreingenommen. Und immer kostenlos!
Datenschutz

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

KRIEG und WÄSCHE – eine Rauminstallation zum Frieden in St. Gertrud

"Krieg und Wäsche", Bild : Christiane Rath
„Krieg und Wäsche“, Bild : Christiane Rath

Es ist ein überraschender Anblick: In der Kirche St. Gertrud hängen riesige Kleidungsstücke an Wäscheleinen mitten in der Kirche. Die aus Seidenpapier hergestellten Wäschestücke sind fast transparent und wirken sauber – wie frisch gewaschene Wäsche.

Im Gegensatz zu dieser reinen Wäsche liegen vermoderte Bahnschwellen auf dem Boden. Diese stammen von einer stillgelegten Eifelstrecke und erinnern an die Rolle der Eisenbahnen im Krieg. Ein großes Transparent zeigt eine Trauung. Diese Trauung findet in einem Schützengraben statt – eine unwirkliche Szene.

Eine Kriegstrauung im Schützengraben (1917)
Eine Kriegstrauung im Schützengraben (1917)

Die reine, saubere Wäsche ist ein Bild des Friedens

Mit dieser Installation in der „Kunstkirche“ St. Gertrud stellt die Kölner Künstlerin Dr. Christiane Rath zwei komplett gegensätzliche menschliche Kulturleistungen gegenüber: Krieg und Wäsche.

Christiane Rath: „Die reine, saubere Wäsche ist ein Bild des Friedens. Wo Wäsche hängt, wo Reinlichkeit zählt, wo auf Sauberkeit geachtet wird, überall dort herrscht Frieden. Aber leider ist dies in vielen Weltgegenden eine Utopie.“

Projekt st. gertrud: kirche + kultur

Christiane Raths Installation setzt auf die außergewöhnlichen Möglichkeiten des Kirchenraums St. Gertrud. Die riesigen Wäschestücke füllen den Kirchenraum, ein umgewidmeter Beichtstuhl wird zum Startpunkt einer Audio-Reise durch zwölf erdachte Räume.

Die Kirche St. Gertrud in Köln, Bild: Raimond Spekking
Die Kirche St. Gertrud in Köln, Bild: Raimond Spekking

Für die Errichtung der katholischen Pfarrkirche St. Gertrud wurde der bekannte Architekt Gottfried Böhm (1920 – 2021) mit dem Kölner Architekturpreis ausgezeichnet. Auffällig sind die asymmetrischen Formen des Baus, welche fast vollständig in Beton ausgeführt wurden. Böhm hat auch die gesamte Ausstattung der Kirche entworfen, unter anderem das Taufbecken, den Tabernakel und auch den Altar.

Das Projekt „st. gertrud: kirche + kultur“ nutzt die Möglichkeiten dieses ganz speziellen Kirchenbaus. Immer wieder neue Akteure stellen genau hier Ausstellungen, Theaterprojekte oder Filme vor. So wird der immer noch als Kirche geweihte Bau zu einem Ort der kreativen Diskussion.

Für Christiane Raths Ausstellung ist Frieden das zentrale Thema. Sie schafft es mit nur einem Satz das gesamte komplexe Thema Ihrer Installation zusammenzufassen:

„Jedenfalls brauchen wir saubere Wäsche,
Kriege brauchen wir nicht.“.


KRIEG und WÄSCHE Christiane Rath
Eine Rauminstallation zum Frieden

Kirche St. Gertrud
Krefelder Straße 57
50670 Köln

Vernissage: 7. September 2024, 18 Uhr

Laufzeit: 7. September bis 22. September 2024

Öffnungszeiten:

7. und 8. September 2024 (Tag des Offenen Denkmals)
12 – 19 Uhr (bei der Vernissage länger)

Danach tägl. von 16 – 19 Uhr

Der Eintritt, auch zu allen Veranstaltungen, ist frei.


Programm

7. September 2024, 18.30 Uhr
Begrüßung durch Pastoralreferent Peter Otten

14. September 2024 und 22. September 2024, jeweils 16 – 19 Uhr
Performance Philipp Sebastian
Der Schauspieler Philipp Sebastian wird in Soldatenuniform mit der Ausstellung interagieren, Bild: Rolf Wengst
Der Schauspieler Philipp Sebastian in Soldatenuniform, Bild: Rolf Wengst

Der Schauspieler Philipp Sebastian wird in Soldatenuniform mit der Rauminstallation spontan und unvorhersehbar interagieren und in einer jeweils dreistündigen Performance sowohl proaktiv als auch reaktiv seine persönliche künstlerische Aussage im Kirchenraum umsetzen.

18. September 2024, 18 Uhr
Lesung aus „Ein Schiff für den Frieden“
"Ein Schiff für den Frieden" von Christina Bacher

Die Kölner Autorin und Journalistin Christina Bacher wird aus ihrem Buch „Ein Schiff für den Frieden. Das mutige Leben des Rupert Neudeck“ lesen.


Christiane Rath, eine nur zufällig in Oberhausen geborene Rheinländerin, Bild: Christiane Rath, www.rath-art.de/
Christiane Rath, eine nur zufällig in Oberhausen geborene Rheinländerin, Bild: Christiane Rath

Kontakt

Christiane Rath
Meister-Ekkehart-Straße 1
50937 Köln
Tel. 0177 600 65 53
christiane@rath-art.de
www.rath-art.de


E-Mail-Newsletter

Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Zum Hören als Podcast oder zum Lesen im Blog.

Aber immer kurz & knackig, immer subjektiv & voreingenommen. Und immer kostenlos!
Datenschutz

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Die „Römische Hafenstraße“ – eine 33 Meter lange Lüge!

Die "Römische Hafenstraße" in Köln, Bild: Uli Kievernagel
Die „Römische Hafenstraße“ in Köln, Bild: Uli Kievernagel

Fast im Schatten des Doms, unmittelbar neben dem Römisch-Germanischen Museum, liegt die „Römische Hafenstraße“ – eine vermeintlich antike Straße. Diese Straße hat es im Bewertungsportal „TripAdvisor“1Auf TripAdvisor können Menschen Sehenswürdigkeiten, Hotels, Restaurant etc. in aller Welt bewerten und kommentieren. auf immerhin 64 Bewertungen2Stand 12. August 2022 geschafft.

So hat Kerstin aus Andernach unter der Überschrift „Symbol des römischen Straßenbaus“ am 16.September 2018 über die „Römische Hafenstraße“ geschrieben:

„Damals wie heute halte ich es für unmöglich das diese Straße befahrbar war, selbst große Wagenräder sind bestimmt gebrochen, aber was solls, die Waren von und nach Köln kann man ja auch auf dem Rhein transportieren. Schön die Straße mal gesehen zu haben, Highheels gab’s bei den Römern wahrscheinlich nicht.“

Auch Ulrich aus Köln ist skeptisch. Sein Eintrag vom 24. Juli 2016 lautet:

„Kaum zu glauben, dass die Römer mit Pferdekarren über diese grobschlächtige Straße über hunderte Kilometer gereist sind. Sehr beeindruckend zu sehen.“

Und beide haben recht! Steht man vor den groben Quadern der Straße, fällt es schwer zu glauben, dass hier einst Pferdekarren drüber rumpelten. Der Achsbruch ist nach wenigen Metern garantiert und das die Karre ziehende Pferd würde nach ein paar weiteren Metern wegen massiver Verletzungen als Sauerbraten auf den Tellern der umliegenden Restaurants landen.

Das Römische Straßennetz

Das gesamte Römische Imperium beruhte auf einer extrem gut ausgebauten Infrastruktur. Die etwa 100.000 Kilometer Fernstraßen waren gut organisiert, es gab sogar eine Beschilderung mit Kilometersteinen zur Orientierung. Die Colonia Claudia Ara Agrippinensium (CCAA), unser heutiges Köln, war als Hauptstadt der Provinz Niedergermanien ein besonders wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Hier liefen drei große Fernstraßen zusammen:

  • Die „Via Belgica“, heute Aachener Straße, führte bis Boulogne-sur-Mer an die Kanalküste, von dort ging es per Schiff weiter nach Britannien.
  • Die „Agrippa-Straße“, heute Luxemburger Straße, führte bis nach Lugdunum, dem heutigen Lyon.
  • Die „Limes-Straße“, heute die Achse Neusser Strasse-Eigelstein-Bonner Straße, führte von den Alpen bis an die Nordsee.
Das römische Köln im 3. und 4. Jahrhundert in einem Schaubild des Römisch-Germanischen Museums. Gut zu erkennen: Die Konstantinbrücke endet exakt im Kastell Divitia, Bild: Nicolas von Kospoth
Das römische Köln im 3. und 4. Jahrhundert in einem Schaubild des Römisch-Germanischen Museums. Gut zu erkennen: Der „Cardo Maximus“, heute die Hohe Straße, und in Ost-West-Richtung der „Decumanus Maximus“, heute die Schildergasse, Bild: Nicolas von Kospoth

Die Straßen in der CCAA waren, typisch für römische Siedlungen, nach einem Schachbrettmuster angelegt. Durch diese rechtwinklig zueinander laufenden Straßen führten zwei Hauptachsen. Einmal in Nord-Süd-Richtung der „Cardo Maximus“, heute die Hohe Straße, und in Ost-West-Richtung der „Decumanus Maximus“, heute die Schildergasse.

In diesem Schachbrettmuster würde man die „Römische Hafenstraße“ vergeblich suchen. Schlichtweg weil es sie so nicht gab.

Eine "echte" Römerstraße, hier die Via dell’Abbondanza im Pompeji, Bild: Ralf Drechsler
Eine „echte“ Römerstraße, hier die Via dell’Abbondanza im Pompeji, Bild: Ralf Drechsler

„Die Straße, die keine ist“

In einem lesenswerten Artikel der Kölschgänger von Ramona Krippner wird diese Straße als „Die Straße, die keine ist“ bezeichnet. Und das trifft den Nagel auf den Kopf! Denn diese Straße gab es nie – zumindest nicht an dieser Stelle.

Tatsächlich wurde diese Straße 1969/1970 bei Bauarbeiten zur Errichtung der Domplatte und der darunter liegenden Tiefgarage entdeckt. Damals lag diese Straße noch etwa sechs Meter versetzt nach Norden – und mitten in der Einfahrt der Tiefgarage.

„Nä – dat wör doch schad drum. Die Stroß künne mer doch nit fottschmieße.“ haben sich die Verantwortlichen gedacht. Und tatsächlich passt das Stück antiker Straße perfekt zum gleich nebenan liegenden Museum. Das Problem war aber, dass sich die Straße exakt in der Einfahrt der Tiefgarage befand. Und dort konnte sie unmöglich verbleiben. Was also tun? Schnell wurde entschieden, ein etwa 33 Meter langes Teilstück der Straße schlichtweg ein paar Meter nach Süden zu versetzen, auf den kleinen freien Platz neben dem Museum. Problem gelöst: Et kütt wie et kütt!

Die markierten Steine der "Römischen Hafenstraße" vor dem Regen, Fotograf: unbekannt
Die markierten Steine der „Römischen Hafenstraße“ vor dem Regen, Fotograf: unbekannt

Die kölsche Variante einer römischen Straße

Sogleich ging man an die Arbeit, markierte die Steine mit Nummern, um diese auch exakt so wieder zusammensetzen zu können. Danach wurden die Steine auf Paletten gelegt – und erstmal Feierabend gemacht.

Am nächsten Morgen war die Bestürzung groß: In der Nacht hatte es geregnet. Zum Schutz der Steine wurden die Nummern mit Kreide markiert. Allerdings sind Kreide und ausgiebiger Regen keine gute Kombination. Das Ergebnis: Alle Nummern waren abgewaschen und niemand konnte mehr sagen, wie das Puzzle aus Hunderten von Steinen zusammengesetzt werden sollte.

Und da kam der kölsche Pragmatismus ins Spiel: „Dat is doch ejal. Wie su en römisch Stroß ussjesinn hat, kann doch hück keiner mieh saare.“ So wurde die Straße in der kölschen Variante wieder aufgebaut: Riesige Fugen, extrem uneben, nicht befahrbar und nur sehr eingeschränkt begehbar. Ävver: Et hätt noch immer joot jejange.

Vergleich "echte" römische Straße und "kölsche römische" Straße, Bild: Uli Kievernagel, Kritzolina, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Römische Baumeister, die immerhin Arenen für bis zu 50.000 Besucher, ein gigantisches Straßennetz quer durch Europa oder Wasserleitungen mit einem perfekt ausgetüftelten Gefälle über hunderte von Kilometern gebaut haben, würden über diese Straße nur den Kopf schütteln.

Sanierung des Museums als Hoffnungsschimmer

Es bleibt die Hoffnung, dass man sich mit der anstehenden Sanierung des Römisch-Germanischen Museums auch der „Römischen Hafenstraße“ annimmt und diese noch einmal neu verlegt.

Dann würde auch Artikel 5 des „Kölschen Grundgesetzes“ gelten:
„Et bliev nix wie et wor.“


E-Mail-Newsletter

Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Zum Hören als Podcast oder zum Lesen im Blog.

Aber immer kurz & knackig, immer subjektiv & voreingenommen. Und immer kostenlos!
Datenschutz

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung  

Das Richter-Fenster im Dom – ein Meisterwerk

Das Richter-Fenster am Kölner Dom, Bild: Raimond Spekking
Das Richter-Fenster am Kölner Dom, Bild: Raimond Spekking

Mittags, von etwa 12 Uhr bis 13 Uhr, bei gutem Wetter mit Sonnenschein, ist die Wirkung am stärksten: Das bunte Licht „fällt“ in die Kathedrale, wandert über den Boden und umspielt die massiven Säulen der gigantischen Kathedrale. Das Richter-Fenster im Dom ist vielleicht der Höhepunkt eines Besuchs im Dom. Farbige Lichtpunkte versetzen die Besucher in Erstaunen. Die Kombination aus der majestätischen Kathedrale und dem bunten Licht ist ein echtes Erlebnis.

Meisner: „Eher ein Fenster für eine Moschee“

Unter den Namen „Südquerhausfenster“ kennt kaum einer dieses Kunstwerk. Alle sprechen vom Richter-Fenster. Der Künstler Gerhard Richter (geb. 1932) hat das Fenster entworfen. Und damit zunächst alle vor den Kopf gestoßen.

Der damalige Erzbischof von Köln, Kardinal Joachim Meisner, meinte, dass das Fenster „eher in eine Moschee oder ein anderes Gebetshaus“ passen würde, aber nicht in eine gotische Kathedrale. Seine Abneigung ging so weit, dass er plante, seinen Bischofsstuhl im Dom umsetzen zu lassen, um nicht auf das von ihm so verhasste Fenster blicken zu müssen. Nur durch gutes Zureden vom Dompropst Norbert Feldhoff konnte der sture Meisner von dieser Idee abgebracht werden. 

Rekonstruktion der zerstörten Fenster unmöglich

Geistige Urheberin der Idee, Richter das Fenster gestalten zu lassen, war die Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner. Sie hatte, mit Beginn ihrer Amtszeit im Jahr 1999, vom Domkapitel den Auftrag bekommen, die Neuverglasung des Domquerhauses in Angriff zu nehmen.

Seit dem zweiten Weltkrieg war dort nur eine Notverglasung angebracht: Helle Scheiben mit Ornamenten, die vielleicht einer etwas in die Jahre gekommenen Kneipe angemessen waren. Aber nicht dem wunderbaren Dom.

Das ursprünglich dort angebrachte Fenster zeigte drei Könige und drei Bischöfe. Dieses Fenster wurde bei den Bombenangriffen auf Köln zerstört und konnte nicht wiederhergestellt werden: Die Vorlage der Abbildung lagerte in Berlin und war dort verbrannt, so dass eine Rekonstruktion unmöglich war. Was sich nachträglich als Glück herausstellen sollte.

Erste Ideen, das Fenster mit Bildern von Märtyrern des 20. Jahrhunderts zu gestalten, erwiesen sich als nur sehr schwer realisierbar: Die ausgewählten Personen, darunter die Nonne Edith Stein und Pater Maximilian Kolbe, trugen schwarze Ordensgewänder. Und eine große Fläche mit schwarzem Glas bezeichnete Schock-Werner als „denkbar unglückliches Ansinnen“. Zudem stellte sich die Frage, wie riesige Portraits in etwa 30 Metern Höhe wirken sollten.

Detailansicht des Richters-Fensters, Bild: Geolina163, CC BY-SA 3.0
Detailansicht des Richters-Fensters, Bild: Geolina163, CC BY-SA 3.0

11.263 Farbquadrate

So kam es, dass die Dombaumeisterin bei einem Empfang eher zufällig auf Gerhard Richter stieß. Und ihn bei einem Glas Sekt ungeniert fragte, ob er nicht die Gestaltung des Fensters übernehmen könnte. Richters direkte Antwort: „Ich kann das ja mal probieren. Aber damit das gleich klar ist: Dafür werde ich kein Geld nehmen.“

Und Richter machte sich an die Arbeit. Nach einem halben Jahr präsentierte er die ersten Entwürfe: Der Künstler hatte eine Reproduktion seines Bildes „4096 Farben“ zerschnitten und hinter das Maßwerk der Fenster geklebt. Farbige Quadrate, scheinbar willkürlich hinter einem gotischen Kirchenfenster. Barbara Schock-Werner war fassungslos, das Domkapitel zunächst konsterniert: Farbige Quadrate statt figürliche Darstellungen von Heiligen?

Erst 18 Entwürfe und vier Jahre später waren nicht nur die Dombaumeisterin sondern auch das Domkapitel überzeugt: Das 106 Quadratmeter große Fenster wurde mit insgesamt 11.263 Farbquadraten in Bierdeckelgröße in 72 Farben gestaltet. Die Auswahl der Farben orientierte sich an den Farben, die in bereits bestehenden Fenstern des Doms verwendet wurden.

Die einzelnen Quadrate wurden nach dem Zufallsprinzip angeordnet, wobei Wiederholungen und Spiegelungen von Richter ausdrücklich vorgesehen waren. So spiegeln sich die Bahnen eins und drei, zwei und fünf sowie vier und sechs.

An einigen wenigen Stellen korrigierte Richter die zufällige Verteilung, um eine Gegenständlichkeit zu vermeiden, wie etwa eine durch blaue Quadrate gebildete Ziffer „1“ im unteren Bereich.

Strenge Geometrie

Gerhard Richter arbeitete wie versprochen ohne Honorar, trotzdem mussten die Herstellungskosten von etwa 370.000 Euro aufgebracht werden. Das Domkapitel ging dafür kötten und etwa 1.200 Spender finanzierten das neue Fenster.

Dann ging es an die konkrete Umsetzung und den Einbau des Fensters. Kein leichtes Unterfangen, denn die einzelnen Quadrate mussten exakt zueinander ausgerichtet werden. Sollte auch nur ein kleiner Versatz entstehen, würde das bei der zugrundeliegenden strengen Geometrie sofort auffallen.

Das Richter-Fenster "malt" bunte Farben in den Dom, Bild: Geolina163, CC BY-SA 3.0
Das Richter-Fenster „malt“ bunte Farben in den Dom, Bild: Geolina163, CC BY-SA 3.0

Grandiose Wirkung

Bis zur feierlichen Einweihung des Fensters stieg die Spannung in der gesamten Stadt. Die Baustelle war durch eine Plane abgedeckt, nach dem Einbau verhinderte ein schwarzer Vorhang den Blick auf das Fenster.

Als der Vorhang am 25. August 2007 fiel1Kardinal Meiser war bei der feierlichen Einweihung nicht dabei – er hatte sich  an diesem Tag eine Dienstreise nach Polen gegönnt., fielen auch Barbara Schock-Werner und Gerhard Richter ganze Felsbrocken vom Herzen. Die Wirkung des Fensters war vom ersten Moment an grandios – und ist es heute noch.

Schock-Werner dazu: „Rund 80 Prozent aller Besucher im Dom finden das Richter-Fenster ganz toll und kommen immer wieder, um zu gucken. Viele Fans kommen sogar zu unterschiedlichen Zeiten, um das Fenster in verschiedenen Lichtsituationen zu erleben.“

Und das solltet ihr auch tun! Am besten mittags zwischen 12 und 13 Uhr, wenn die Sonne genau ins Fenster scheint.


Erinnerung an Karneval?

Böse Zungen behaupten, das Richter-Fenster würde den Kölschen nur deshalb so gut gefallen, weil es sie an ein beliebtes Karnevalskostüm erinnert:
`Ne Lappenclown. Ist natürlich Quatsch. Wobei …

Detailansichten: Lappenclown (links), Richter-Fenster (rechts), Bilder: Uli Kievernagel
23 Detailansichten: Lappenclown (links), Richter-Fenster (rechts), Bilder: Uli Kievernagel

E-Mail-Newsletter

Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Zum Hören als Podcast oder zum Lesen im Blog.

Aber immer kurz & knackig, immer subjektiv & voreingenommen. Und immer kostenlos!
Datenschutz

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Der Barbarossaplatz – der hässlichste Platz Kölns

Nä - wat doch fröher schön: Der Barbarossaplatz um 1900
Und? Erkennst du diesen Platz? Das ist der Barbarossaplatz um 1900

Podcast Barbarossaplatz 20

Die Band Querbeat hat dem Barbarossplatz ein Lied gewidmet. Der Text passt fast perfekt:

„Guten Morgen Barbarossaplatz
Bist du auch noch wach?
Hast du auch die letzte Nacht wieder durchgemacht?“

Korrekt müsste es aber heißen „Hast du auch die letzten Jahre wieder durchgemacht?“. Denn so sieht er aus: verbraucht, dreckig, runtergekommen. Eben genau so wie jemand, der jahrzehntelang einfach durchgemacht hat. Der Barbarossaplatz ist, so der ehemalige Stadtkonservator Ulrich Krings in einem Bericht des Kölner Stadt-Anzeigers 1Kölner Stadt-Anzeiger vom 12.09.2019 „der am meisten vernachlässigste Platz der Stadt“.

Okay, zugegeben: In unserer leider an vielen Stellen hässlichen Stadt gibt es noch eine ganze Reihe anderer Anwärter auf den Titel „Schrecklichster Platz“. Der Ebertplatz ist mit Sicherheit weit vorne, aber auch der Breslauer Platz, der Neumarkt oder die Domplatte sind in den Top Ten. Angeführt wird diese aber eindeutig vom Barbarossaplatz.

Was macht einen Platz aus?

Plätze haben in einer Stadt spezielle Funktionen. Der Stadtplaner Dr. Ulrich Hatzfeld dazu 2 In einem Beitrag zu „Stadt macht Platz – NRW macht Plätze, Dokumentation Landeswettbewerb 2004/05“, https://stadtbaukultur-nrw.de/site/assets/files/1561/stadtmachtplatz2004_dokumentation.pdf: „Plätze als städtebauliche Kunstwerke, als Gegenstand des städtebaulichen Denkmalschutzes, als innerstädtische Freiräume, als Orte der sozialen und ethnischen Integration, als politische Bühnen und vieles mehr.“

Betrachtet man den Barbarossaplatz, versagt dieser in jeglicher Dimension: Kein Kunstwerk, kein Denkmalschutz, definitiv kein Freiraum, von sozialer und ethnischer Integration Lichtjahre entfernt und als politische Bühne unbrauchbar. Barbarossaplatz: Sechs, setzen.

Och, wat wor dat fröher schön.

Tatsächlich was das nicht immer so. Betrachtet man Fotos längst vergangener Zeit, so war der Barbarossaplatz tatsächlich mal schön. Mit einem Springbrunnen in der Mitte, Platz zum Flanieren, Bäumen und schönen Gebäuden.

Der Barbarossaplatz um 1890
Der Barbarossaplatz um 1890

Der Barbarossaplatz war Teil einer ganzen Reihe von attraktiven Plätzen, die durch den Ausbau der Ringe entstanden sind. Der Abriss der mittelalterlichen Stadtmauer um das Jahr 1880 schaffte dringend benötigten Platz, um an der Stelle des ehemals freien Schussfelds einen Prachtboulevard zu errichten – die Ringe entstanden. An den Stellen, wo die großen Ausfallstraßen die Ringe kreuzten, wurden Plätze geschaffen. So entstanden unter anderem der Rudolfplatz, der Ebertplatz und auch der Barbarossaplatz.
Dieser wurde am 10. Mai 1883 eingeweiht und benannt nach Friedrich I., einem Stauferkaiser. Gut, dass dieser Kaiser (wegen seines roten Barts „Barbarossa“ genannt) bereits 1190 starb. Ansonsten würde er wohl kaum zulassen, dass sein Name für die Scheußlichkeit von Platz missbraucht wird.

Wachsender Verkehr und Nachkriegsarchitektur

Allerdings sorgte nicht erst die Zerstörung der Stadt im zweiten Weltkrieg und der Wiederaufbau für die Verschandelung des Platzes. Bereits in den 1930er Jahren veränderte sich der Barbarossaplatz. Zugunsten des wachsenden Verkehrs wurde aus der Grünfläche ein Kreisverkehr, Straßenbahnen kreuzten den Platz.

Der Neuaufbau nach dem Krieg gab dem Barbarossaplatz dann den Rest. Ulrich Krings3Kölner Stadt-Anzeiger vom 12.09.2019 dazu: „Das Konzept der autogerechten Stadt … ist hier ganz brutal zum Tragen gekommen.“ Niemand, so Krings, habe sich um die Randbebauung gekümmert. „Es wimmelt hier nur so von Scheußlichkeiten“. Recht hat er.

Impressionen vom Barbarossplatz

Kein Platz, eher eine große Kreuzung

Heute ist vom Platzcharakter nichts mehr übrig. Der Platz ist eine gigantische große Kreuzung. Immerhin sieben Straßen kreuzen sich hier und vier Stadtbahnen-Linien überqueren den Barbarossplatz. Wer einmal versucht hat, diesen Platz zu Fuß zu überqueren, wird auch im Verkehr von Neapel, Istanbul oder Kairo überleben. Alle Pläne einer Neugestaltung, wie zum Beispiel die Straßenbahn unter die Erde zu legen, wurden aus finanziellen Gründen nicht weiterverfolgt.

Kein Wunder, dass es in dem Song von Querbeat auch lautet:

„Die Nacht sieht man uns an, alle Farben im Gesicht
Barba so bist du, und so bin ich“


 

Der Garten der Religionen - Ruheoase mitten in der Großstadt, Bild: Uli Kievernagel
Der Garten der Religionen – Ruheoase mitten in der Großstadt, Bild: Uli Kievernagel

Oase der Ruhe in der (fast unmittelbarer) Nähe: Der Garten der Religionen

Gerade mal 400 Meter Luftlinie vom Barbarossaplatz entfernt liegt einer einem der schönsten und zugleich unbekanntesten Plätze der Domstadt: Der „Garten der Religionen“.


Logo der Stunksitzung

Die „Schönheit Kölns“ in der Stunksitzung

Auch die Stunksitzung legt den Finger in die Wunde: In der Nummer „Der andere Rieu“ aus dem Jahr 2018 wird die (vermeintliche) „Schönheit Kölns“ besungen.  (Danke an Marlies für diese Ergänzung! ) 


Querbeat, Bild: Scanjetter, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Querbeat, Bild: Scanjetter, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Wir hatten einen Plan und so fing alles an
 

Film „Über Barbarossaplatz“

Der WDR hat mit „Über Barbarossaplatz“ dem Platz auch den passenden Film gewidmet. In diesem 2016 gedrehten Film fühlt sich die Psychologin Greta nach dem Selbstmord ihres Mannes mitschudig an dessen Tod. 

Caroline Ströbele schreibt dazu in der Zeit Online4Zu hart für die Couch – Über Barbarossaplatz bei Zeit Online, abgerufen am 27. April 2017:
„Köln hat die interessanteste Rolle in diesem Film. Die Stadt ist lärmig und aggressiv, keine Spur Kölner Fröhlichkeit. Der Verkehrslärm des titelgebenden Barbarossaplatzes übertönt jedes Gespräch, die Menschen sind brutal, überall wird geschoben und gedrängelt, es ist immer zu voll und zu laut.“

Christian Buß schreibt auf spiegel.de zu „Über Barbarossaplatz“:
„In „Über Barbarossaplatz“ geht es mit den Psychos und Psychotherapeuten nun durchs zerklüftete Köln. Den nervösen Puls des Films geben Freejazz und Gabber-Techno vor, der Soundtrack stammt von Kölner (und Düsseldorfer) Künstlern um die Bands Colorist und Stabil Elite. Mitten im Driften und Dröhnen durchs Verkehrschaos Kölns wird der Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann zitiert, der – ausgerechnet – in London bei einem Verkehrsunfall gestorben ist; oder es wird am Tresen über Rainer Werner Fassbinders Fernsehserie „Acht Stunden sind kein Tag“ gequatscht, die ebenfalls in Köln spielt. Ein bisschen Orientierung für all die Unbehausten in diesem etwas anderen Heimatfilm.“

In der Frankfurter Rundschauscreibt D.J. Frederiksson:
„Auch der Titel mit seiner Verortung im innenstädtischen Köln ist kein Zufall. Die Umgebung, die sonst beim Filmemachen so gründlich wie irgend möglich ausgesperrt wird, lädt Bonny herzlich in seinen Film ein. Babygeschrei, Stadtbahnrattern, Handyklingeln und immer wieder Straßenrauschen – selbst in den intimsten Therapieszenen ist die Stadt als Nebenfigur stets präsent. Als hässlich verbaute, lärmende Nebenfigur.
All das sorgt für einen Realismus, der der üblichen TV-Ästhetik einen Zerrspiegel vorhält: Schaut her, so sehen echte Tragödien aus, wenn sie echten Menschen in einer echten Stadt passieren. Möglich ist das natürlich nur durch das herausragende Spiel der Darsteller. Dass Bibiana Beglau zu den Großen im Charakterfach gehört, wusste man. Bei Joachim Król vergaß man das früher manchmal, hier aber wird man mal wieder eindrücklich daran erinnert. Und Franziska Hartmann, die bisher nur am Thalia auffiel und mit dieser Tour de Force ihr TV-Debüt gibt, muss als veritable Entdeckung gelten. Selbst wer vor provokativen Themen wie sexueller Erniedrigung oder vor dem anspruchsvollen Stil zurückschreckt, sollte sich allein wegen dieser Schauspielleistungen den Film anschauen.“


E-Mail-Newsletter

Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Zum Hören als Podcast oder zum Lesen im Blog.

Aber immer kurz & knackig, immer subjektiv & voreingenommen. Und immer kostenlos!
Datenschutz

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Das Thekenschaaf – auch „Beichtstuhl“ oder „Kontörchen“ genannt

Ein Thekenschaaf im "Brauhaus Krüzge" vor 1907, Bild: Edmund Renard †1932, Public domain, via Wikimedia Commons
Ein Thekenschaaf im „Brauhaus Krüzge“ vor 1907, Bild: Edmund Renard †1932, Public domain, via Wikimedia Commons

 
Nein – Wolle gibt es im „Thekenschaaf“ nicht. Und auch essen kann man es nicht. Aber man findet es da, wo et jet zo süffele und zo müffele gibt: In einem Kölner Brauhaus.

Manche Menschen nennen das Thekenschaaf auch „Kontörchen“ oder „Beichtstuhl“ – doch hier werden ganz bestimmt keine Sünden vergeben! Das Thekenschaaf ist der Sitz- und Arbeitsplatz des Gastwirts und gehört, genau wie ein frischgezapftes Kölsch, die Fooderkaat und der Köbes zu einem echtem kölschen Brauhaus.

Ein solches Thekenschaaf ist ein kleines Büro, aus dem früher die Geschäfte des Brauhauses geführt wurden. Aber dort wurde nicht nur das Geld gezählt, sondern auch den Köbessen und den Gästen genau auf die Finger geschaut.

Das Thekenschaaf in Schreckenskammer, Bild: Horsch, Willy, CC BY 3.0 via Wikimedia Commons
Das Thekenschaaf in der Schreckenskammer, Bild: Horsch, Willy, CC BY 3.0 via Wikimedia Commons

Wortherkunft: „Verschließbarer Schrank“

Um den Begriff „Thekenschaaf“ zu erklären, lohnt sich wie immer ein Blick in den Wrede. Dort lautet es:

„… Schaaf, ein Behälter, in dem notwendige Dinge wie Lebensmittel, Kleidungsstücke u. dgl. aufbewahrt u. bereit gehalten werden, ist seit dem Mittelalter allmählich zu der Bedeutung verschließbarer Schrank entwickelt…“

Und wenn man sich ein Thekenschaaf genau ansieht, hat es tatsächlich die Anmutung eines Schranks, allerdings mit Fenstern und einem oder zwei Sitzplätzen. Und diese Fenster sind äußerst wichtig, denn der Wirt muss von diesem Arbeitsplatz aus alles im Blick behalten. Deshalb war das Thekenschaaf früher auch genau zwischen der „Schwemme“, dem Stehplatzbereich, und der eigentlichen Gaststube platziert. 

Der typische Grundriss einer kölschen Gaststätte ab dem 17. Jahrhundert. Das Thekenschaaf ist genau zwischen Schwemme und Gaststube platziert. Bild: gemeinfrei
Der typische Grundriss einer kölschen Gaststätte ab dem 17. Jahrhundert. Das Thekenschaaf ist genau zwischen Schwemme und Gaststube platziert. Bild: gemeinfrei

Genau zwischen Schwemme und Gaststube platziert

Es ist kein exaktes Datum bekannt, wann das erste Thekenschaaf eingebaut wurde. Allerdings sind solche „Kontörchen“ (vom französischen „comptoir“ = „Zahltisch“) ab dem 17. Jahrhundert bekannt. Denn der typische Grundriss einer der zahlreichen kölschen Hausbrauereien zeigt, dass die „Schwemme“, der reine Schankbereich, und die eigentliche Gaststube getrennt waren.

Diese strikte Trennung war erforderlich, da es bestimmten Personengruppen verboten war, die Gaststube zu betreten. Zu diesen unerwünschten Personen gehörten unter anderem:

  • der Henker und seine Knechte,
  • die Abdecker und auch
  • die Stadtsoldaten.

Diese Personen durften sich nur im Hausflur der Gastwirtschaften aufhalten und mussten dort ihr Bier im Stehen trinken. Zwar wurden mit dem Einmarsch der Franzosen im Jahr 1794 diese Verbote aufgehoben, faktisch setzte sich aber fort, dass je nach „Klasse“ die Gaststube oder die Schwemme aufgesucht wurde.

Das Thekenschaaf im "Kölsche Boor" wird noch als Arbeitsplatz genutzt, Bild: Horsch, Willy, CC BY 3.0 via Wikimedia Commons
Das Thekenschaaf im „Kölsche Boor“ wird noch als Arbeitsplatz genutzt, Bild: Horsch, Willy, CC BY 3.0 via Wikimedia Commons

Lappöhrchen unmöglich

Der Gastwirt konnte vom Thekenschaaf aus genau die Köbesse und Gäste beobachten. Außerdem wurden von hier aus die Köbesse kontrolliert: Diese erwarben oder bekamen Biermarken, kleine Metallmarken und mussten für jedes servierte Bier eine dieser Marken abgeben. Dies hatte für den Wirt einen doppelten Effekt: Erstens konnte er die Umsätze seiner Köbesse genau prüfen, ein „Lappöhrche“ war so nicht möglich.

Zweitens wurde durch die aufgeschichteten Marken klar, wieviel Bier aus einem Fass bereits ausgeschenkt wurde und wann ein neues Fass angeschlagen werden musste. Daher fand man am Thekenschaaf oft einen Schlitz für diese Biermarken, ähnlich wie bei einem Fahrtkartenschalter.

Das Thekenschaaf in der Malzmühle, Bild: Horsch, Willy, CC BY 3.0 via Wikimedia Commons
Sieht aus wie ein Fahrkartenschalter: Das Thekenschaaf in der Malzmühle, Bild: Horsch, Willy, CC BY 3.0 via Wikimedia Commons

Wrede schreibt dazu: „Se passe op alles op un mache Häufjer, schichten die Jröschelcher un Märkelcher openander“1„Sie passen auf alles auf und machen Häufchen, schichten Groschen und Markstücke aufeinander“, Eintrag im Wrede zum Begriff „Theke“.

Das Thekenschaaf im Sünner, Bild Gordito1869, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons
Das Thekenschaaf im Sünner, Bild Gordito1869, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons

Doch im Thekenschaaf wurde noch mehr aufbewahrt: Hochwertige Spirituosen wurden von dort an die Köbesse ausgegeben, außerdem auch Zigarren, Essig oder Öl. Gleichzeitig wurde im dem winzigen Kontörchen auch alles Mögliche für den täglichen Bedarf aufbewahrt: Essbesteck, Büromaterial, Schlüssel. Zusätzlich war das Thekenschaaf auch oft im wahrsten Sinne des Wortes die „Schaltzentrale“, denn hier wurden Lichtschalter und Sicherungen eingebaut.

Gesellschaftlicher Mittelpunkt

Da das Thekenschaaf ständig besetzt war, konnte es auch zum gesellschaftlichen Mittelpunkt der Gaststätte werden. Oft befanden sich die Stammtische in unmittelbarer Nähe, so war der direkte Gast-Wirt-Kontakt sichergestellt. Der Verband Deutscher Architekten und Ingenieure-Vereine schreibt 1888:

„Dieser so genannten Theke zunächst hatten gemeinlich die Stammgäste, die mancherlei Vorrechte genossen, ihren bestimmten Tisch (der alte Stammgast war stets eine Art Familienmitglied).“2Köln und seine Bauten, Festschrift zur VIII. Wanderversammlung des Verbandes Deutscher Architekten und Ingenieure-Vereine in Köln vom 12. bis 16. August 1888, Köln, 1888, S. 611–612.

Im Thekenschaaf wurden nicht bezahlte Deckel aufgehoben, Beschwerden über unfreundliche Köbesse entgegengenommen oder auch der außer-Haus-Verkauf, zum Beispiel von Pittermännchen, organisiert und abgerechnet.

Das Thekenschaaf in der Gaststääte "Em Kützche" ist heute ein Mini-Gastraum für zwei Personen. Bild: Horsch, Willy, CC BY 3.0 via Wikimedia Commons
Das Thekenschaaf in der Gaststääte „Em Krützche“ ist heute ein Mini-Gastraum für zwei Personen. Bild: Horsch, Willy, CC BY 3.0 via Wikimedia Commons

Moderne Kassensysteme machen Thekenschaaf überflüssig

Mittlerweile haben elektronische Registrierkassen die ursprünglichen Abläufe im Thekenschaaf überflüssig gemacht. Übrig bleiben diese kleinen Räume als Mini-Büro oder sie werden sogar, wie „Em Krützche“ als kleiner Gastraum genutzt – für gerade mal zwei Personen.

Na dann: Prost!

Auch im Peters-Brauhaus gibt es ein Thekenschaaf,, Bild: Horsch, Willy, CC BY 3.0 via Wikimedia Commons
Auch im Peters-Brauhaus wird das Thekenschaaf heute für Gäste genutzt. Bild: Horsch, Willy, CC BY 3.0 via Wikimedia Commons

E-Mail-Newsletter

Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Zum Hören als Podcast oder zum Lesen im Blog.

Aber immer kurz & knackig, immer subjektiv & voreingenommen. Und immer kostenlos!
Datenschutz

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung