Die Entschuttung des Gürzenichs: Vom Aprilscherz zur Realität

Das Dreigestirn der Session 1949 mit Schüpp und Hau am Gürzenich. Bild: koelner-karneval.info
Das Dreigestirn der Session 1949 mit Schüpp und Hau am Gürzenich. Bild: koelner-karneval.info

Immer wieder schicken einen nette Mitmenschen „in den April“. Woher der Brauch kommt, ist unklar. Aber die lustigen Ideen der Zeitungen, im Fernsehen und im Radio sorgen immer wieder für Lacher – egal, ob es um Spaghetti-Bäume oder fliegende Pinguine geht. Ein ganz besonderer Coup zum 1. April 1949 ist dem damaligen Kölner Dreigestirn gelungen.  Ein Aprilscherz in fünf Akten:

1. Akt: Ein Gespräch wird belauscht – angeblich

Am 31. März 1949 erschien ein anonymer Leserbrief in der Kölnischen Rundschau. Ein aufmerksamer Leser behauptete, in einer Gaststätte zufällig ein Gespräch des Kölner Dreigestirns belauscht zu haben. Ein Gespräch, welches es nie gegeben hat.

Angeblich hätten Prinz Theo I. (Theo Röhrig), Bauer Andreas (Andreas Müller) und Jungfrau Friedel (Fred Reulen) Pläne für die nahe Zukunft geschmiedet: Man würde mit „Schüpp un Hau“ zum zerstörten Gürzenich gehen und den Schutt dort wegräumen um „… auch im grauen Alltag etwas für die Stadt Köln zu tun.“

Köln im April 1945, mehr als 90% der Innenstadt sind zerstört, Bild: U.S. Department of Defense
Köln im April 1945, mehr als 90% der Innenstadt sind zerstört, Bild:
U.S. Department of Defense

Und grau war der Alltag im Jahr 1949 in Köln tatsächlich. Ausgebombte Ruinen säumen die notdürftig freigeräumten Straßen. Der größte Teil aller Häuser wurde zerstört. Alle Menschen sehnen sich nach Normalität, und dazu hat auch der Karneval beigetragen: Im Williams-Bau finden seit 1947 erste Karnevalssitzungen und Bälle statt, und im Februar 1949 geht der erste Rosenmontagszug durch Köln – wegen der kritischen britischen Besatzer nicht als „D´r Zoch“ sondern als „Erweiterte Kappenfahrt“1[Dieser Titel erinnert an den ersten Rosenmontagszug nach dem Ersten Weltkrieg im Jahr 1927, der ebenfalls den damaligen britischen Besatzern als „Kappenfahrt“ verkauft wurde.] durch die in Trümmern liegende Stadt.

In dieser grauen Zeiten sind positive Nachrichten sehr willkommen. Deswegen erregt der als Aprilscherz gedachte Leserbrief über die angebliche Aktion des Dreigestirns eine hohe Aufmerksamkeit.

Prinz Theo I., Bauer Andreas und Jungfrau Friedel bei der Arbeit am Gürzenich, Bild: Bild: koelner-karneval.info
Prinz Theo I., Bauer Andreas und Jungfrau Friedel bei der Arbeit am Gürzenich, Bild: koelner-karneval.info

2. Akt: Das Dreigestirn nimmt den Ball auf

Auch Prinz Theo I. liest in der Zeitung den Bericht über die angebliche Entschuttung des Gürzenichs und fasst sofort einen Plan: „Mer mache dat!“. Eilig werden Bauer und Jungfrau eingebunden, ein Lastwagen wird organisiert und siehe da: Am 1. April um 11 Uhr stehen die drei am Gürzenich und fangen eifrig an, Schutt zu schippen.

Regierungspräsident Wilhelm Warsch gratuliert dem Dreigestirn, Bild: koelner-karneval.info
Regierungspräsident Wilhelm Warsch gratuliert dem Dreigestirn, Bild: koelner-karneval.info

3. Akt: Auch die Medien und die Politik wollen mit dabei sein

Selbstverständlich sollte diese Aktion nicht geheim bleiben. So drängen sich am 1. April bereits die vorab informierten Reporter mit ihren Kameras vor dem Gürzenich. Und wo Kameras sind, sind auch die Politiker nicht weit entfernt. Regierungspräsident Wilhelm Warsch freute ich darüber, dass „aus einem Aprilscherz eine so beziehungsvolle Wirklichkeit geworden sei.“

4. Akt: Die ganze Stadt zieht nach

Die Entschuttung des Gürzenichs wird zu einem stadtweiten Anliegen. Karnevalsgesellschaften, Sportvereine, Unternehmen und einzelne Bürger kommen mit Schüpp und Hau zum Gürzenich. Auch Menschen, die selber in einfachsten Behausungen leben müssen, fassen mit an, um „Kölns gute Stube“ wieder zu einem Festsaal zu machen.

So wurde das Karnevalsmotto der 1949er Session

„Mer sin widder do un dun, wat mer künne.“

gelebte Realität in einer vom Krieg schwer gezeichneten Stadt. Im Zuge der Dynamik dieses Aprilscherzes beschließt der Stadtrat zügig, den Gürzenich wieder aufzubauen.

Feierliche Wiedereröffnung des Gürzenichs am 2. Oktober 1955, Bundesarchiv, B 145 Bild-F002968-0007 / Unterberg, Rolf / CC-BY-SA 3.0
Feierliche Wiedereröffnung des Gürzenichs am 2. Oktober 1955, Bundesarchiv, B 145 Bild-F002968-0007 / Unterberg, Rolf / CC-BY-SA 3.0

5. Akt: Die Wieder-Einweihung des Gürzenichs

Es sollte noch ein paar Jahre dauern, aber am 2. Oktober 1955 war es endlich so weit: Der Gürzenich wurde wieder eingeweiht.

Und so führte ein Aprilscherz dazu, dass sich eine ganze Stadt organisierte, um „ihren“ Gürzenich wieder aufzubauen. Prinz Theo I. schrieb später dazu „Durch diesen Scherz wurde es offensichtlich, dass allen Bevölkerungsschichten Kölns der Wiederaufbau unserer guten, alten Stube mehr am Herzen liegt, als es die Stadtverwaltung und die Planer Kölns angenommen hatten.“

In diesem Sinne trifft sich das aktuelle Dreigestirn am Donnerstag, 1. April, um 11 Uhr an der Oper, um dort aufzuräumen. Um 13 Uhr geht es weiter an die Baustelle der Nord-Süd-Stadtbahn, damit es auch dort zügig weitergeht. Um 15 Uhr werden dann vom Bauer Fundamente für die Leverkusener Brücke gegossen, während Prinz und Jungfrau den hässlichen Musical-Dome abreißen. So kann es in unserer Stadt endlich mal vorangehen.


Der Gürzenich und Alt St. Alban: Orte der Gegensätze

 
Der Gürzenich und Alt St. Alban - Orte voller Gegensätze, Bilder: Köln-Kongress (Gürzenich), Raimond Spekking / CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons (St. Alban)
Der Gürzenich und Alt St. Alban – Orte voller Gegensätze, Bilder: Köln-Kongress (Gürzenich), Raimond Spekking / CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons (St. Alban)

In dem Gebäudekomplex des Gürzenichs ist auch die Ruine von Alt St. Alban als Mahnmal gegen den Krieg integriert. So liegen Freude und Trauer direkt nebeneinander.


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Am 3. März 1933: Die Elsaßstraße wehrt sich gegen Nazis

Graffito von Klaus Paier am Bunker Elsassstraße 42 - 46, Bild: Geolina163, CC BY-SA 4.0
Graffito von Klaus Paier am Bunker Elsaßstraße 42 – 46, Bild: Geolina163, CC BY-SA 4.0

Podcast Elsaßstraße, 37

Blumentöpfe, Flaschen und jede Menge Müll flogen aus den Fenstern. Und auch so mancher Nachttopf – zum Teil mit Inhalt. Getroffen wurden damit die Richtigen: SA-Truppen, die am 3. März 1933, zwei Tage vor der Reichstagswahl, mit einem Fackelzug zeigen wollten, wer das Sagen auf den Straßen Kölns hat. Doch diese Machtdemonstration wurde zunächst jäh gestoppt. Kaum in der Elsaßstraße angekommen, mussten die vermeintlichen „Herrenmenschen“ Reißaus nehmen und sich vor den Wurfgeschossen aus den oberen Etagen in Sicherheit bringen.

Es war nicht verwunderlich, dass die Nationalsozialisten ausgerechnet auf der Elsaßstraße einen „op de Mütz“ bekommen haben. Galt doch diese Ecke der Südstadt als Hochburg der Kommunisten. Und genau hier wollte die SA mit dem braunen Aufmarsch provozieren. Womit die SA-Leute aber nicht gerechnet haben, war die Wehrhaftigkeit der Nachbarschaft. Und so wurde aus dem vermeintlichen Triumphmarsch ein Desaster, und die SA musste sich zurückziehen.

Festnahmen und verwüstete Wohnungen – ein Augenzeugenbericht

Allerdings war der Sieg über die Nationalsozialisten nur von kurzer Dauer und musste von den Bewohnern der Elsaßstraße teuer bezahlt werden: Die herbeigerufene Polizei riegelte den ganzen Straßenzug für drei Tage vollständig ab, die Wohnungen wurden durchsucht. Und die SA-Truppen als „Hilfspolizisten“ gingen dabei nicht gerade zimperlich mit Menschen und Mobiliar um. Das Ergebnis waren verwüstete Wohnungen und 70 Festnahmen.

Gedenktafel in der Elsaßstraße. Bild: Uli Kievernagel
Gedenktafel in der Elsaßstraße, Bild: Uli Kievernagel

 „Ich kam mit meiner Mutter aus dem Kolonialwarenladen, da hörten wir Marschmusik in unserer Straße. Dann begann auch schon die Schlacht.“, so der Zeitzeuge Franz Lottner (Jahrgang 1927)1Quelle: https://www.kirche-koeln.de/lutherkirche-erinnerung-an-den-wohl-letzten-strassenkampf-gegen-die-sa-im-damaligen-deutschen-reich-1933-in-der-koelner-elsassstrasse„Als alles vorbei war und die Polizei mit SS-Männern die Kontrolle übernommen hatte, wurde unsere Wohnungstür aufgebrochen. Ein SS-Mann mit Pistole kam herein und warf den Schrank um, in dem wir auch unser Geschirr aufbewahrten. Vieles zerbrach. Alle Bewohner der Elsaßstraße erhielten drei Tage Hausarrest. Die Kinder durften nicht zur Schule gehen. Wer nichts zu essen im Haus hatte, der hatte Pech gehabt und musste auf die Hilfsbereitschaft der Nachbarn hoffen.“

Kunstwerk ohne Genehmigung

Heute erinnert ein Graffito des 2009 verstorbenen Künstlers Klaus Paier an die „Schlacht auf der Elsaßstraße“. Es zeigt eine zeternde Frau, die einen Blumentopf und ein Nudelholz aus dem Fenster auf einen Mann wirft, der die Hand zum Hitlergruß erhoben hat.

Graffito von Klaus Paier am Bunker Elsassstraße 42 - 46, Bild: Geolina163, CC BY-SA 4.0
Graffito von Klaus Paier am Bunker Elsaßstraße 42 – 46, Bild: Geolina163, CC BY-SA 4.0

Und wir wären ja nicht in Köln, wenn es nicht auch Irrungen und Wirrungen um dieses Kunstwerk gegeben hätte. Paier hatte im August 1990 im Rahmen eines Straßenfests das Bild auf die nackte Wand des Hochbunkers in der Elsaßstraße 42 gemalt. Allerdings ohne offizielle Genehmigung, was dazu führte, dass das Bild zweimal übermalt wurde. Doch auch hier zeigte sich die Nachbarschaft in der Elsaßstraße wieder wehrhaft: Das Graffito wurde mehrfach in Eigenregie restauriert und ausgebessert, zuletzt bei einer unangemeldeten Aktion 2019.

Mittlerweile ist das Graffito ein eingetragenes Denkmal und unterliegt somit dem Denkmalschutz. Was allerdings stümperhafte Sprayer nicht davon abhält, das Bild zu verunstalten. Schämt euch!


Eine aufrechte Frau aus der Elsaßstraße: Maria Eßer

Andreas Andy Artmann hat mir erlaubt, seinen kurzen Bericht über seine Großmutter veröffentlichen. Vielen Dank dafür! 

Meine Familie mütterlicherseits war dabei. Meine Mutter wurde in der Elsaßstraße geboren. Sie erlebte den Bau des Hochbunkers, versorgte die Zwangsarbeiter im Auftrag meiner Oma mit Lebensmitteln. Darauf hatten die Nazis die Todesstrafe verhängt. Kommentar dazu von meiner Großmutter: In meiner Straße verhungert keiner. Oma Maria Eßer legte sich sogar mit der Gestapo an und konnte so verhindern, dass ihre Kinder zum BDM oder zur HJ mussten. Meine Mutter sah allerdings ihre beste Freundin in einem Bombenangriff sterben. Nur unter vorgehaltener Waffe war meine Großmutter bereit »ihre Elsaß-Straße« zu verlassen. Das nannte sich Zwangsevakuierung.

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Aurora mit dem Sonnenstern: Die Ellmühle im Deutzer Hafen

 
Die Ellmühle in Deutz (2019), Bild: Franz-Josef Knöchel
Die Ellmühle in Deutz (2019), Bild: Franz-Josef Knöchel

Jeder über 40 hat direkt die Melodie im Kopf „Aurora mit dem Sonnenstern“. Man denkt sofort an Plätzchen, Kuchen und frisch gebackenes Brot. Das Aurora-Mehl für diese Leckereien wurde in Köln gemahlen: In der großen Ellmühle direkt am Rheinufer.

Doch der Aurora-Stern an dem Gebäude hat im Laufe der Jahre stark gelitten und in der Ellmühle wird auch seit Mitte Januar 2021 kein Mehl mehr gemahlen. Nach (wie könnte es in Kölle auch anders sein) 111 Jahren hat die Ellmühle ihren Dienst eingestellt. Keine Angst: Aurora mit dem Sonnenstern und die vielen weiteren Mehlsorten, die hier produziert wurden, gibt es auch weiterhin. Doch gemahlen wird ab sofort in der neuen Castellmühle in Krefeld. Das denkmalgeschützte Gebäude der Ellmühle bleibt aber stehen und wird in Wohnungen umgewandelt.

„Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ 

Über viele Jahrhunderte hinweg war Getreide das Hauptnahrungsmittel – die Kartoffel kam erst im 16. Jahrhundert nach Europa. Das Mehl für Brot und den Getreidebrei wurde vom Müller gemahlen. Üblich war es, Vollkornmehl zu produzieren. Dabei wurden, anders als heute, nicht die Randschichten des Korns vor dem Mahlen entfernt, sondern das ganze Korn gemahlen. So hatte man zwar ein nährstoffreiches Vollkornmehl, welches aber schnell ranzig wurde. Daher ließ man immer nur den Mehlvorrat für ein paar Tage mahlen. Wenn die Kunden dann zum Müller kamen, galt strikt die Reihenfolge „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“.  

Und die Müller hatten viel zu tun. Daher galt für den Müller weder das Feierabend- noch das Feiertagsgebot. Lediglich für die Dauer der Gottesdienste waren die Müller gehalten, ihre klappernden Mühlen anzuhalten.

Die Kölner Rheinmühlen

Viele Kölner Müller nutzen die Strömung des Rheins, um ihre Mühlen anzutreiben. Auf dem Fluss klapperten bis zu 36 solcher im Fluss verankerten Mühlen zur Versorgung der Stadtbevölkerung. Der Erzbischof und die Müller teilten sich das einträgliche Recht, diese Mühlen betreiben zu dürfen.

Die Kölner Rheinmühlen, Ausschnitt aus "Große Ansicht von Köln 1531" von Anton Woensam
Die Kölner Rheinmühlen, Ausschnitt aus „Große Ansicht von Köln 1531“ von Anton Woensam

Aber auch Windmühlen waren in Köln präsent. Die Bekannteste dürfte die Bottmühle sein. Zwischen dem Bayenturm und Severinstorburg, wurde diese massive Windmühle im 17. Jahrhundert gebaut. Aber auch die Ulrepforte, heute die Heimat der Roten Funken, wurde im 15. Jahrhundert als Mühle genutzt.

Die Bottmühle, Kupferstich von 1635, Bild: Rheinisches Bildarchiv Köln
Die Bottmühle, Kupferstich von 1635, Bild: Rheinisches Bildarchiv Köln

Deutzer Hafen als Standortvorteil

Auch der Unternehmer Heinrich Auer betrieb bereits ab etwa 1850 zwei Mühlen in der Stadt. Seine Söhne gaben diese Mühlen auf und errichteten 1909 am Deutzer Rheinufer eine neue Großmühle. Der Hafen in Deutz bot wesentliche Standortvorteile: Getreide konnte per Schiff angeliefert und das fertig gemahlene Mehl wiederum verschifft werden. Zusätzlich gab es einen Gleisanschluss.

Das bekannte Aurora Mehl mit dem Sonnenstern, Bild: Aurora Mühlen GmbH
Das bekannte Aurora Mehl mit dem Sonnenstern, Bild: Aurora Mühlen GmbH

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Mühle stark beschädigt, der Betrieb konnte erst Ende 1950 wieder aufgenommen werden. Zur gleichen Zeit erkannte auch die Firma Leysieffer & Lietzmann den Standortvorteil am Rheinufer und errichte in der Nachbarschaft der Auer-Mühle eine eigene Mühle. In den 1970er Jahren wurden die beiden Betriebe verschmolzen. Nach einigen weiteren Zukäufen firmiert das Unternehmen heute als Good Mills GmbH und ist Deutschlands größtes Mühlen-Unternehmen.

Die Ellmühle war dabei mit ihrer Kapazität von 380.000 Tonnen pro Jahr eine der bedeutendsten Mühlen in ganz Europa. Alleine mit dem Mehl aus dieser Mühle lassen sich jedes Jahr mehr als 7 Milliarden Brötchen oder etwa 1,2 Milliarden Marmorkuchen backen.

So soll es ab 2030 im Deutzer Hafen aussehen, Bild: moderne stadt GmbH
So soll es ab 2030 im Deutzer Hafen aussehen, Bild: moderne stadt GmbH

Die „moderne stadt“ in Deutz

Der Betrieb der Mühle wurde im Januar 2021 eingestellt. Das Gelände wurde bereits im Jahr 2016 für 80 Millionen Euro von der Stadtentwicklungsgesellschaft „moderne stadt“, ein Gemeinschaftsunternehmen der Stadt Köln und der Stadtwerke Köln GmbH, gekauft. Und sofort ging der Ärger los. Der Stadtkonservator Dr. Thomas Werner lies 90% der Gebäude unter Denkmalschutz stellen. Dagegen klagte das Unternehmen: Die geplante Nutzung – unter anderem für neue Wohnungen – sei so nicht mehr möglich. Erst im Januar 2021 einigte man sich außergerichtlich. Der Kompromiss: Die Fassaden bleiben erhalten, dafür dürfen die Gebäude im Inneren neu beplant werden und Öffnungen für Fenster sind möglich. Den Fortgang der Bauarbeiten dokumentiert ein Blog auf der Website „Baustelle Deutzer Hafen“.

Klar – wer will schon eine Luxuswohnung wie ein Bunker ohne natürliches Licht? Immerhin bedeutet Aurora „Morgenröte“ und hat den „Sonnenstern“. Und beides sollte schon in den teuren Wohnungen auf geschichtsträchtigem Grund zu sehen sein.


Auch im Hamburger Hafen gibt es eine Aurora-Mühle, Bild: Dietmar Gessner
Auch im Hamburger Hafen gibt es eine Aurora-Mühle, Bild: Dietmar Gessner

Die Good Mills GmbH betreibt noch viele weitere große Mühlen in Deutschland, unter anderem in Berlin, Mannheim, Frankfurt und Hamburg. 


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Kaltes Eck – oder „Namen und Steine“

Das "Kalte Eck" in Köln am Rheinufer, Bild: Uli Kievernagel
Das „Kalte Eck“ in Köln am Rheinufer, Bild: Uli Kievernagel

In der Markmannsgasse, direkt am Rhein in der Nähe der Bootsanleger, befindet sich ein Kunstwerk, welches oft übersehen wird. Dort an der Rheinpromenade, wo sich viele Touristen aufhalten,  findet man auf dem Boden, in Stein gemeißelt, vorwiegend die Namen von Männern:

Thomas Spolert – Ernst Melotte – Trixi –
Gerd Prasch – Ikarus – Markus Dedy –
Rolf Haferkamp – Stephan Singer –
Lothar Will – Jean-Paul Aron – Armin Hartwig …

Dies sind nur ein paar der etwa 100 Namen, über die sich täglich unzählige Menschen mehr oder minder achtlos bewegen. Nur die wenigsten Passanten bemerken, dass sie mitten über das Kunstwerk „Das Kalte Eck“ laufen.

Solidarität mit HIV-infizierten Menschen

Die verkratzte Metalltafel am Rand des Weges gibt kurz & knapp Auskunft:

Metalltafel "Kaltes Eck", Bild: Uli Kievernagel
Metalltafel „Kaltes Eck“, Bild: Uli Kievernagel

Diese Kunstinstallation gibt es in Köln bereits seit 1992. Dabei handelt es um ein Projekt des Künstlers Tom Fecht (geb. 1952), welches anlässlich der Documenta IX entstanden ist. Unter dem Titel „mémoire nomade“ hat Fecht mehr als 40 temporäre und feste Installationen in ganz Europa geschaffen. Ziel der Installationen ist es, ein „nomadisierendes Gedächtnis und ein europaweites Epitaph des Gedenkens und der praktischen Solidarität mit HIV-infizierten Menschen“ zu schaffen. Ähnliche Installationen befinden sich unter anderem auch in Dortmund, Frankfurt, Hamburg oder Zürich

Dabei ist der Auswahl des jeweiligen Standorts von entscheidender Bedeutung. Nicht irgendwo, sondern immer an Orten, an welchen die Verstorbenen sich auch im Leben aufgehalten haben. 

Erweiterung zum Christopher Street Day

Jedes Jahr zum Christopher Street Day werden neue Steine eingesetzt. Wer auch einem Verstorbenen auf diese Art und Weise gedenken will, kann sich an die Aidshilfe Köln wenden, die den Stein und eine Gedenkfeier organisiert. Die Kosten dafür belaufen sich auf 250 Euro.

Der Gedenkstein für Keith Haring im "Kalten Eck" Köln, Bild: Uli Kievernagel
Der Gedenkstein für Keith Haring im „Kalten Eck“ Köln, Bild: Uli Kievernagel

Unter den Namen auf den Steinen ist übrigens auch ein ganz prominenter, ebenfalls an der Immunschwächekrankheit gestorbener Künstler zu finden: Keith Haring. Allerdings starb Haring bereits 1990, vor der Errichtung des „Kalten Ecks.“ Daher kann man davon ausgehen, dass ein Kölner Fan des Künstlers diesen Stein gestiftet hat. 


Nur ein paar Meter weiter, am Rheinufer entlang in Richtung Dom, befindet sich der „Rosa Winkel“, das Mahnmal für die schwulen und lesbischen Opfer des Nationalsozialismus in Köln


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Bäume auf Wanderschaft: Die Kölner Wanderbaumallee

Die Wanderbäume sorgen für mehr Aufenthaltsqualität in der Stadt, Bild: Wanderbaumallee Köln
Die Wanderbäume sorgen für mehr Aufenthaltsqualität in der Stadt, Bild: Wanderbaumallee Köln

Die Idee ist bestechend: Graue Straßenzüge in unserer (zugegeben) nicht immer schönen Stadt werden kurzzeitig zu Alleen. So können Nachbarn erleben, wie schön es im Veedel wäre, wenn statt Autos auf einmal Bäume auf den Straßen stehen.

Geht nicht? Geht doch!

Die Wanderbaumallee macht es möglich: Bäume, angepflanzt in speziellen beweglichen Modulen, können den Standort wechseln. Ganz anders als ein fest eingepflanzter Baum. Und die Module bieten noch viel mehr: Durch Sitzgelegenheiten rundherum werden die Wanderbäume zu Treffpunkten für die Nachbarschaft.

Wanderbäume machen aus Straßenschluchten Alleen, Bilder: Wanderbaumallee Kööln
Wanderbäume machen aus Straßenschluchten Alleen, Bilder: Wanderbaumallee Köln

Platziert werden die wandernden Bäume auf Parkbuchten, ein ähnliches Prinzip wie letzten Sommer, als Parkplätze von den Gastronomen genutzt wurden.  Statt parkender Autos gab es Pizza und Kölsch. Mitten in der Stadt. Bei den Wanderbäumen gibt es den Klaaf1Kölsch für Klatsch aus der Nachbarschaft, denn diese werden zu gerne genutzten Treffpunkten im Veedel.

Kaffeeklatsch mit der Nachbarschaft an den Wanderbäumen, Bild: Wanderbaumallee Köln
Kaffeeklatsch mit der Nachbarschaft an den Wanderbäumen, Bild: Wanderbaumallee Köln

Melani Lauven vom Verkehrsclub Deutschland e. V. engagiert sich für die Wanderbäume: „Da entstehen auf einmal völlig neue Möglichkeiten. Nachbarn haben die Gelegenheit, sich ungezwungen vor ihrer Tür zu treffen.“ Lauven betont, dass insbesondere die neu gewonnene Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum die Menschen begeistert.  

Pionierarbeit vor knapp 30 Jahren in München

In München sind bereits seit dem Anfang der 1990er Jahre die Wanderbäume in der Stadt unterwegs: Mittlerweile mehr als 150 Exemplare begrünen dort graue Straßenschluchten. Ganz so weit ist man in Köln noch nicht: Seit dem Start im September 2019 sind aktuell zehn Bäume in Köln auf Wanderschaft. Und diese haben bereits unter anderem Straßenzüge in Nippes, Ehrenfeld, am Eigelstein, am Rathenauplatz oder in Raderberg verschönt. 

Die Wanderbäume vor der Eigelsteintorburg, Bild: Wanderbaumallee Köln
Die Wanderbäume vor der Eigelsteintorburg, Bild: Wanderbaumallee Köln

Bizarr anmutende Diskussionen

Ganz unumstritten sind die Bäume nicht: Für viele Kölner ist der Parkplatz vor der Tür wichtiger als die Lebensqualität in der Nachbarschaft. Bei den ersten Stellplätzen in Ehrenfeld schritt sogar das Ordnungsamt ein, weil „Gefahr für die öffentliche Sicherheit“ vermutet wurde. Zwischenzeitlich gibt es klare Vereinbarungen mit der Stadt.

Und trotzdem führen ein paar harmlose Bäumchen öfters zu teilweise bizarr anmutenden Diskussionen. So unterstellte ein CDU-Kommunalpolitiker aus dem Kölner Süden auf Facebook, dass die Aufstellung der Wanderbäume „ideologische Gründe“ habe. Ganz so weit will Uli Kievernagel vom Bürgerverein RADERBERG und -THAL dann doch nicht gehen: „Ein paar Bäume, die über vier Wochen den Platz nutzen, auf welchem sonst ein Auto stehen könnte, sind keine Ideologie sondern einfach nur nett für die Nachbarschaft.“ Der Bürgerverein hatte im Dezember 2020 die Bäume zu Gast im Veedel. „Viele Nachbarn haben bereits gefragt, wann uns denn die Bäume mal wieder besuchen.“, so Kievernagel.

Schön, wenn Bäume auf Wanderschaft gehen können.

Die Wanderbäume sind unterwegs, Bild: Uli Kievernagel
Die Wanderbäume sind unterwegs, Bild: Uli Kievernagel

Wanderbäume vor deiner Haustür? Na klar! 

Die Wanderbäume bleiben für jeweils vier bis acht Wochen an einem Standort. Wer Interesse hat, auch seine Straße zumindest zeitweilig zu begrünen, kann sich direkt an den VCD wenden. Alle Informationen finden sich auf der Website der Wanderbaumallee Köln.  


Die Wanderbäume im Radio

Die Journalistin Elin Hinrichsen hat für DeutschlandFunk Kultur den Umzug der Wanderbäume von Raderberg nach Zollstock mit dem Mikro begleitet und einen sehr schönen Radiobeitrag von etwa fünf Minuten dazu erstellt. Hört da mal rein! 


Das Kölner Baumkataster

In einem öffentlichen Verzeichnis sind alle 132.321 Bäume in unserer Stadt verzeichnet. So gibt es 367 Gingkobäume, 1.762 Kirschbäume oder 1.211 Eichen in Köln.   


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Der Kunibertspütz: Kölscher Ersatz für den Klapperstorch

Der Kunibertspütz, Bild: Volker Adolf
Der Kunibertspütz, Bild: Volker Adolf

In Köln werden die Kinder nicht vom Klapperstorch gebracht: Kölsche Pänz kommen von tief unter der Erde, aus einem ganz besonderem Brunnen: Der Kunibertspütz.

Mit „Pütz“ bezeichnet der Kölsche einen Brunnen. Und tief unter St. Kunibert liegt ein solcher Brunnen. Der Legende nach verbringen kölsche Pänz die ersten neun Monate vor ihrer Geburt in dieser Pütz. Allerdings ist es in dem Brunnen nicht düster oder kalt, sondern dort liegt ein heller und freundlicher Garten. Hier spielen die Kinder vor ihrer Geburt und werden von der Jungfrau Maria mit leckerem Brei gefüttert.

Wenn nun eine Frau mit Kinderwunsch Wasser aus diesem Brunnen trinkt, sucht Maria das passende Kind heraus. Exakt neun Monate später kann dieses Kind dann von der Mutter am Brunnen abgeholt werden. So heißt es auch in einem alten kölschen Volkslied:

„Us däm ahle Kunebäätspötzge
kumme mer all ohn Hemp un Bötzje.“

St. Kunibert, Ansicht vom Rhein, Bild: Uli Kievernagel
St. Kunibert, Ansicht vom Rhein, Bild: Uli Kievernagel

Öffentlicher Brunnen für die Wasserversorgung

Tatsächlich liegt unter St. Kunibert, in der Krypta der Kirche, ein Brunnen. Dem Wasser dieses Brunnens wurde vermutlich bereits in vorchristlicher Zeit wundersame Fruchtbarkeit zugeschrieben. Und genau an dieser Stelle entstand der Vorgängerbau der heutigen Kirche. 

Der Brunnen war für die Wasserversorgung der Nachbarschaft von St. Kunibert von besonderer Bedeutung. Solche Brunnen mussten auch öffentlich zugänglich sein, daher gab es die Möglichkeit, außerhalb der Kirche das Wasser zu schöpfen. Als etwa Mitte des 19. Jahrhunderts kein Bedarf mehr für den Brunnen mehr bestand, wurde der Raum und der Brunnenschacht mit Schutt verfüllt und erst Mitte der 1930er Jahre wieder zugänglich gemacht.

Bodenplatte über der Krypta im Chorraum von St. Kunibert, Bild: Volker Adolf
Bodenplatte über der Krypta im Chorraum von St. Kunibert, Bild: Volker Adolf

Heute ist im Chorraum von St. Kunibert über der Krypta und dem Brunnen eine Bodenplatte eingelassen. Diese Platte, 1955 von Elmar Hillebrand gestaltet, stellt spielende Kinder mit dem Christuskind in der Mitte dar.

Im Klösterchen geboren, mit Wasser aus St. Kunibert getauft

Und manch eine Kölnerin pilgert, noch heute bei einem unerfüllten Kinderwunsch zur Kunibertspütz. Und wenn die Pänz dann auf der Welt sind, sollten diese unbedingt mit dem Wasser aus diesem Brunnen getauft werden, denn:

Der waschechte Kölner wird im Klösterchen in der Südstadt geboren und mit dem Wasser aus der Kunibertspütz getauft.

Mehr Kölle geht nicht.


An Nikolaus waren in St. Kunibert wieder die „Katholischen Guerilla-Musiker“ unterwegs: Zu Ehren des Hillije Kloos haben sie den „Weihbischof“ intoniert.  Und weil ja die kölsche Pänz mit dem Wasser der Kunibertspütz getauft werden, gab es als Zugabe noch das „Dat Waasser vun Kölle“. Jood jemaht!      

Wenn euch das gefällt, schaut auch mal in das Video zum 11.11. Härrlisch!  

 


Ein großes DANKE an den Veedelsfotografen Volker Adolf. Er hat speziell für diesen Beitrag  meine „Wunschbilder“ vom Pütz und der Bodenplatte gemacht. Und ein zweites DANKE an Klaus Nelissen, der mich auf die Idee mit der Kunibertspütz gebracht und auch den Kontakt zum Veedelsfotografen Volker hergestellt hat.  


Auf der Seite des Erzbistums ist eine wunderschöne Panoramaaufnahme der Krypta unter St. Kunibert verfügbar. Gegenüber des Altars, zwischen den Treppenaufgängen, befindet sich der Kunibertspütz.  


Brunnen in Köln
Brunnen in Köln

Neben der Kunibertspütz haben wir auch andere Brunnen in Köln:


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St. Agnes – eine Kirche gibt einem ganzen Viertel den Namen

Die Agneskirche, Bild: Harald Ernst, CC BY-SA 3.0 DE
Die Agneskirche, Bild: Harald Ernst, CC BY-SA 3.0 DE

Augen auf bei der Partnerwahl! Zumindest Peter Joseph Roeckerath (*1837, † 1905) hat da in seiner zweiten Ehe alles richtig gemacht. Nachdem seine erste Frau bereits kurz nach der Hochzeit verstorben war, heiratete er Agnes Margaretha Schmitz. Und machte damit den Fang seines Lebens.

Agnes Eltern waren reiche Kappes-Boore1Kappes ist Kohl. Nach deren Tod brachte sie jede Menge Land mit in die Ehe. Diese „Boore-Kappesfelder“ waren zunächst nicht besonders viel wert – wenn da nicht ab etwa 1880 der Abriss der Stadtmauer und die Stadterweiterung gekommen wären. Roeckerath erkannte, dass aus den Kappesfeldern wertvolles Bauland wurde. Er tauschte, kaufte und verkaufte Land und brachte es als Bauunternehmer zu beträchtlichem Wohlstand. Dabei hat es ihm mit Sicherheit nicht geschadet, dass er im Kölner Rat saß und später Mitglied des Reichstages war. Dat es in Kölle esu: Man kennt sich – man hilft sich.

Stiftung für das Seelenheil

Ein schwerer Schicksalsschlag war der Tode seiner geliebten Frau Agnes im Jahr 1890. Der erfolgreiche Bauunternehmer und konservative Christ beschloss daraufhin, etwas für sein Seelenheil – und auch das seiner Frau – zu tun und stiftete die Agneskirche. In der Vorhalle der Kirche steht daher in Stein gemeißelt:

„Zum frommen Andenken an die Frau Agnes Roeckerath, eine vortreffliche Gattin und Mutter, haben der überlebende Mann und ihre zehn Kinder und Schwiegerkinder diese Pfarrkirche zu Ehren der hl. Agnes, der Jungfrau und Märtyrerin, erbauen lassen.“
[Übersetzung]

Der ehemalige Stadtkonservator Ulrich Krings sieht in dieser Stiftung auch den Vorteil für den schwerreichen Bauunternehmer selbst: „Roeckerath war im 19. Jahrhundert ein letztes strahlendes Beispiel für die 1.000 Jahre alte christliche Tradition, sich mit Spenden und Stiftungen das Himmelreich zu verdienen“.2Krings im Kölner Stadt-Anzeiger vom 07.11.2019

Agnes und Peter Joseph Roeckerath zur Hochzeit 1867
Agnes und Peter Joseph Roeckerath zur Hochzeit 1867
Umstrittener Standort

Baubeginn der Agneskirche war 1896. Nach den Plänen der Architekten Rüdell und Odenthal wurde ein neugotisches Gebäude nach dem Muster der Elisabethkirche in Marburg gebaut. Der Standort der Kirche war zunächst umstritten. Verworfen wurden Standorte im Belgischen Viertel oder an der Vorgebirgsstraße. Wer weiß – vielleicht wäre das Belgische Viertel heute das Agnesviertel? Denn die stattliche Kirche gab dem ganzen Viertel, welches eigentlich „Neustadt Nord“ heißt, den prägenden Namen: Et Agnesveedel.

Die Architekten planten ein streng neugotisches Gotteshaus mit einem schlanken, spitzen Turm. Doch hier konnte sich der Stifter Roeckerath durchsetzen: Gebaut wurde eine reine Hallenkirche mit „Turmanlage ohne Helm“.  Andere Quellen behaupten, dass das Geld für den Bau ausgegangenen wäre und der „halbe“ Turm ein Kompromiss gewesen wäre. Wie auch immer – entstanden ist ein imposanter Kirchenbau: Gemessen am Volumen ist die Agneskirche die zweitgrößte Kirche Kölns.3Platz 1 belegt selbstverständlich der Dom.

Die Agneskirche wurde 1901 fertiggestellt und liegt genau an der Weggabelung von Neusser Straße und Niehler Straße. Der Bau ist nicht, wie eigentlich bei Kirchenbauten üblich, nach Osten, sondern auf die Ringe ausgerichtet.

Erinnerung an den Widerstand in der Krypta

Unweit der Agneskirche entwickelte sich in den 1930er Jahren der Kölner Kreis, eine Widerstandsbewegung gegen die Nationalsozialisten. Zentrum dieser Bewegung war das Ketteler-Haus, die Kölner Zentrale der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB). Die führenden Köpfe waren Bernhard Letterhaus, Nikolaus Groß und Prälat Otto Müller. Die Kölner Widerständler arbeiteten eng mit dem „Goerdeler Kreis“ zusammen. Das Ziel war, Hitler zu stürzen und den Krieg zu beenden.

Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wurden auch die Mitglieder des Kölner Kreis festgenommen. Bernhard Letterhaus und Nikolaus Groß wurden hingerichtet, Otto Müller starb im Gefängniskrankenhaus Berlin-Tegel. Die Nationalsozialisten wollten jede Erinnerungsmöglichkeit an die Widerstandkämpfer auslöschen. Daher wurden die Leichname verbrannt und die Asche verstreut.

Die Widerstandskämpfer des Kölner Kreises: Bernhard Letterhaus, Nikolaus Groß und Prälat Otto Müller, Bild: Bilder (Groß/Müller): Dat doris, CC BY-SA 4.0
Die Widerstandskämpfer des Kölner Kreises: Bernhard Letterhaus, Nikolaus Groß und Prälat Otto Müller, Bild: Bilder (Groß/Müller): Dat Doris, CC BY-SA 4.0

Zur Erinnerung an diese Männer dient heute die Krypta von St. Agnes. Mit massiven Eisentüren und vergitterten Fenstern erinnert dieser Ort eher an ein Gefängnis.

Massive Zerstörung im Krieg

Der Bombenkrieg führte auch in St. Agnes zu schweren Schäden. Das Dach ging in Flammen auf und das Gewölbe des Kirchenschiffs stürzte ein. Im Mai 1945 zerstörte das einstürzende Chorgewölbes den Hochaltar. Hastig wurde eine flache Betondecke eingezogen, und im Oktober 1950 konnte der Kirchenraum wieder eingeweiht werden.

Ein Brand zerstört 1980 den Dachstuhl der Agneskirche, Bild: Digit, WDR
Ein Brand zerstört 1980 den Dachstuhl der Agneskirche, Bild: Digit, WDR

Die unschöne Betondecke wurde von einer gefächerten Holzkonstruktion des Dombaumeisters Willy Weyres verdeckt. Diese Decke sollte unter Denkmalschutz gestellt werden. Als alles dafür vorbereitet war, brach am 18. Juni 1980 ein Feuer in St. Agnes aus. Das Löschwasser zerstörte die kunstvolle Deckenkonstruktion. In einem Video ist zu sehen, wie die Flammen meterhoch aus dem Dachstuhl schlagen.          

Aber – Glück im Unglück: Stattdessen wurden die ursprünglichen Gewölbe wieder hergestellt. Und St. Agnes erstrahlte wieder im Glanz, den sich der Stifter Peter Joseph Roeckerath gewünscht hatte.

Der prachtvolle Innenraum von St. Agnes, Bild: Till Niermann, CC BY-SA 3.0
Der prachtvolle Innenraum von St. Agnes, Bild: Till Niermann, CC BY-SA 3.0

11.11. um 11.11 Uhr in St. Agnes: Bleibt jeck & bleibt gesund

Ein wunderschönes Video zeigt den herrlichen Innenraum von St. Agnes. Schaut euch diesen Film an und freut euch insbesondere ab Minute vier über wunderschöne Musik.  


Milliardenfund bei Renovierung

2015 wurden die Opferstöcke der Kirche renoviert. Und diese Überarbeitung hat sich gelohnt: Es wurden mehrere Milliarden in Scheinen gefunden. Das Geld befand sich in Ritzen und doppelten Böden der Opferstöcke.

Der größte Schein hat einen Wert von 50 Milliarden. Leider handelte es sich dabei um Reichsmark aus der Inflation in den 1920er Jahren. Pfarrer Frank Müller von St. Agnes meint dazu in einem Interview des Domradios: “Ich vermute mal, dass man damals für 50 Milliarden gerade mal ein Brötchen oder einen Fahrschein für ein öffentliches Verkehrsmittel bekam.“.


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Das Denkmal für die Opfer der NS-Militärjustiz in Dünnwald

Denkmal für die Opfer der NS-Militärjustiz am ehemaligen Schießplatz Dünnwald, Bild: Uli Kievernagel
Denkmal für die Opfer der NS-Militärjustiz am ehemaligen Schießplatz Dünnwald, Bild: Uli Kievernagel

„Was kann man besseres tun als den Krieg zu verraten.“

Jakob Brock wurde nur 23 Jahre alt. Der an der Ostfront eingesetzte Soldat hatte während eines Fronturlaubs im Februar 1945 geheiratet und deswegen einen Urlaubs-Verlängerungsantrag gestellt. Dieser Antrag wurde telefonisch bestätigt. Eine schriftliche Bestätigung kam aber in den Wirren der bevorstehenden Kriegsniederlage nie bei seinem Kommandeur an. Daher galt Jakob Brock als „Fahnenflüchtiger“. Ein Standgericht verurteilte Brock am 7. April 1945 zum Tode. Ein Erschießungskommando vollstreckte noch am gleichen Tag in Dünnwald das Urteil.

Jakob Brock wurde am 7. April 1945 erschossen. Er wurde nur 23 Jahre alt. Bild: Familie Jakob Brock
Jakob Brock wurde am 7. April 1945 erschossen. Er wurde nur 23 Jahre alt. Bild: Familie Jakob Brock

Ermordung von „Wehrkraftzersetzern“ oder „Fahnenflüchtigen“

Jakob Brock war einer der 23 Männer, die in einem Dünnwalder Schießstand und der nahegelegenen Kiesgrube als „Wehrkraftzersetzer“ oder „Fahnenflüchtige“ erschossen wurden. Der Jüngste unter ihnen war gerade 18 Jahre alt. Nur im Klingelpütz wurden noch mehr Soldaten ermordet: Durch das Fallbeil fanden dort etwa 70 Deserteure den Tod.

„Bis vor Kurzem hatten wir nur eine vage Idee, dass dort [in Dünnwald, Anm. d. Red.] Erschießungen stattgefunden haben“ sagte Karola Fings 2016 im Kölner Stadt-Anzeiger. Die im Jahr 2016 stellvertretende Direktorin des NS-Dokumentationszentrums hatte bei spärlicher Quellenlage die Geschichte der Erschießungen in Dünnwald recherchiert.

Hinrichtungen in Dünnwald, Quelle: Jahresbericht 2014 des NS-Dokumentationszentrums Köln, Seite 100
Hinrichtungen in Dünnwald, Quelle: Jahresbericht 2014 des NS-Dokumentationszentrums Köln, Seite 100

Der Dünnwalder Schießplatz

Den Ort des Geschehens kannten viele Dünnwalder nur als „den Schießplatz“. Dieser wurde 1887 von der Preußischen Armee in der Kützeler Heide in Dünnwald angelegt. Auf sechs Schießbahnen mit bis zu 600 Meter Länge wurde Schießen geübt. Die Bahnen waren jeweils mit Erdwällen abgetrennt. Nur diese sind heute noch zu erahnen. Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg musste die Anlage wegen der Bestimmungen des Versailler Vertrags stillgelegt werden.

Übungsschießen auf dem Dünnwalder Schießstand, Bilder: Werner Müller, Historisches Luftfahrtarchiv Köln
Übungsschießen auf dem Dünnwalder Schießstand, Bilder: Werner Müller, Historisches Luftfahrtarchiv Köln

Mit der Aufrüstung der Wehrmacht fanden dort ab 1936 wieder militärische Übungen statt. Ab Oktober 1940 wurden auf dem Schießplatz und in einer nahe gelegenen Kiesgrube die Exekutionen an den Deserteuren durchgeführt. Das dort Erschießungen stattgefunden hatten, war vielen Dünnwaldern unbekannt.

Stele als Denkmal

Zur Erinnerung an dieses finstere Kapitel wurde vor fast exakt einem Jahr, am 29. September 2019, ein Denkmal für die Opfer der NS-Militärjustiz am ehemaligen Schießplatz Dünnwald eingeweiht. Die Initiative dafür hatten Dünnwalder Vereine und Einzelpersonen ergriffen. Die Aufstellung der Stele wurde von der Bezirksvertretung Mülheim einstimmig, bei Enthaltung von drei Stimmen aus der CDU-Fraktion, beschlossen.

Unter Federführung des NS-Dokumentationszentrums wurden Ruedi und Vera Baur beauftragt, dieses Denkmal zu errichten. Die beiden Künstler hatten bereits 2009 das Deserteurdenkmal am Appellhofplatz errichtet. Das Denkmal, so die Historikerin Fings, soll „die Geschichte der Militärjustiz erhellen, wobei wir den Schwerpunkt auf die Opfer legen.“ Entstanden ist eine schlanke Stele mit einem Zitat des ehemaligen Wehrmachtsdeserteurs Ludwig Baumann:
„Was kann man Besseres tun als den Krieg verraten.“

Erinnerung an Deserteure dringend notwendig

Die letzten NS-Urteile gegen Kriegsdienstverweigerer, Wehrkraftzersetzer, Wehrmachtdeserteure und Kriegsverräter wurden erst 2009 vom Deutschen Bundestag für nichtig erklärte. Nach dem Kriegsende galt diese Gruppe als Feiglinge oder Verräter, die Angehörigen wurden oft diskriminiert und erhielten keine Hinterbliebenenrenten.

Die junge Witwe von Jakob Brock erfuhr erst nach der Erschießung vom Tod ihres Mannes. Seine erst im November 1945 geborene Tochter hat ihren Vater nie kennenlernen können.


Stolperstein zur Erinnerung an Jakob Brock, Bild: Familie Jakob Brock
Stolperstein zur Erinnerung an Jakob Brock, Bild: Familie Jakob Brock

Ein Stolperstein zur Erinnerung an Jakob Brock

Am 18. Oktober 2022 wurde zur Erinnerung an Jakob Brock ein Stolperstein in der Neunkircher Straße 6 in Ostheim verlegt. Dort hatte Jakob Brock mit seiner Frau gelebt. Vielen Dank an Heike Mörs, eine Enkelin von Jakob Brock. Sie hat mir das Bild des Stolpersteins zur Verfügung gestellt.

Außerdem erinnert der „Jakob-Brock-Weg“ an am 7. April 1945 erschossenen Jakob Brock.


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59 Sekunden Bewegung – sieben Minuten Pause: „Licht und Bewegung“ von Otto Piene

Installation "Licht und Bewegung" von Otto Piene. Leider seit vielen Jahren ohne Licht und Bewegung, Bild: Raimond Spekking
Installation „Licht und Bewegung“ von Otto Piene. Leider seit vielen Jahren ohne Licht und Bewegung, Bild: Raimond Spekking

59 Sekunden Bewegung – sieben Minuten Pause –
59 Sekunden Bewegung – sieben Minuten Pause –
59 Sekunden Bewegung – …

In genau diesem Takt rotierten einst die Kugeln des Kunstwerks „Licht und Bewegung“ auf der Hohe Straße. Doch am ehemaligen Wormland-Haus dreht sich schon lange nichts mehr. Weder „Licht“ noch „Bewegung“ sind zu erkennen. Wenn überhaupt einer der Passanten mal den Blick nicht auf die austauschbaren Auslagen in den Allerwelts-Schaufenster der Kölner Einkaufsmeile wirft sondern nach oben schaut, dann denkt man nur: „Huch – sind hier Außerirdische gelandet?“

Stiftung von Modeunternehmer Theo Wormland

Dabei steht man vor einem der wichtigsten Kunstwerke in der Kölner Innenstadt. 1966 hat der Künstler Otto Piene (* 18. April 1928, † 17. Juli 2014) diese Plastik geschaffen. Piene gilt als ein Wegbereiter der Lichtkunst und hatte damals im Auftrag des Modeunternehmers und Kunstsammler Theo Wormland „Licht und Bewegung“ an der Kölner Filiale der Modekette Wormland installiert.

Piene verkleidete das Modegeschäft mit einzelnen Platten aus Edelstahl. Dabei sind die diese Platten so beschaffen, dass sie das einfallende Licht stark reflektieren. Zusätzlich brachte Piene verschiedene runde Elemente an. Mit ein wenig Phantasie erinnert diese Installation an das Sonnensystem.

Dieses Kunstwerk ist noch heute, obwohl stark verschmutzt, beindruckend. Aber wie beindruckend muss es gewesen sein, als sich die einzelnen Elemente noch bewegt haben und auch selber gestrahlt haben? „Die Kugeln rotierten erstaunlich schnell“, so die ehemalige Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner in einem Bericht des Kölner Stadtanzeigers im Juli 2015. „Das Ganze erinnert an ein Feuerrad, das um seine eigene Achse jagt“, so Schock-Werner. Tagsüber strahlte das ganze Haus und spiegelte die Sonne, nachts fiel das Licht direkt aus den sich drehenden Kugeln.

Detailansicht "Licht und Bewegung" von Otto Piene, Bild: Uli Kievernagel
Detailansicht „Licht und Bewegung“ von Otto Piene, Bild: Uli Kievernagel

Viele Dinge dauern in Kölle immer länger

Doch bis es soweit ist, dass wir diesen dynamischen Effekt von „Licht und Bewegung“ wieder bestaunen dürfen, wird es wohl noch länger dauern. Obwohl Barbara Schock-Werner bereits 2015 das Heft in die Hand genommen und versprochen hat, aufs Tempo zu drücken, ist wenig passiert. Dabei sollte es nur an einem defekten Steuerungselement für die Bewegung liegen.

Wir sind halt in Kölle! Da dauern Dinge, die nichts mit Karneval oder dem EffZeh zu tun haben, schon mal etwas länger.

Tatsächlich erschwerte aber auch ein Eigentümerwechsel die Aktivitäten. Die Wormland-Stiftung verkaufte zwischenzeitlich die Immobilie und der neue Besitzer des denkmalgeschützten Hauses erwarb selbstverständlich auch gleichzeitig die Plastik. Seitdem stehen die Reparaturarbeiten still.

"Licht und Bewegung" von Otto Piene, Bild: Uli Kievernagel
„Licht und Bewegung“ von Otto Piene, Bild: Uli Kievernagel

Neuer Anlauf – doch das Geld fehlt

Doch noch müssen wir die Hoffnung nicht aufgeben. Das Architekturbüro Pannhausen + Lindener ist mit dem mit dem Ausbau des Ladenlokals beauftragt worden. Die Architektin 13 will auch in einem Zug das Kunstwerk sanieren. Geplant ist die Instandsetzung der Motoren und eine Umstellung auf moderne LED-Technik. Das Problem: Es fehlt an Geld. Daher sollen Spenden der Kölner wieder „Licht und Bewegung“ in das Kunstwerk bringen. Außerdem wird ein Sachspender für den Strom gesucht.

An dieser Stelle ein freundlicher Gruß an die RheinEnergie:
Habt ihr das gelesen?


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Der Drüje Pitter und seine „Wanderung“ rund um den Dom

Der "Drüje Pitter" macht auf diesem Bild hier seinem Namen alle Ehre: Mit "drüsch" oder "drüg" meint der Kölsche "trocken", Bild: Uli Kievernagel
Der „Drüje Pitter“ macht auf diesem Bild seinem Namen alle Ehre: Mit „drüsch“ oder „drüg“ meint der Kölsche „trocken“, Bild: Uli Kievernagel

VORSICHT: Bitte nicht verwechseln:
Der „Drüje Pitter“ ist ein Brunnen, der „Decke Pitter“ ist die Petrusglocke und das „Pittermännchen“ ist ein 10-Liter-Fass


Podcast Drüje Pitter 12
 

Die „Papstterrasse“ an der Südseite des Doms (am Roncalliplatz) war bis 2010 einer der beliebtesten Pinkelplätze der Stadt. Dort, direkt am Dom, nur geschützt durch ein paar Bäume, ließen viele Männer die Hosen runter. Die ehemalige Dombaumeistern Barbara Schock-Werner berichtete im Stadt-Anzeiger1in der Ausgabe vom 18./19. April 2020 davon, dass bei Messungen bis zu acht Liter Urin pro Tag (!) zusammengekommen wären. Und das an unserem staatsen Dom. Geht gar nicht.

Es musste also dringend Abhilfe her. Gut, dass im Magazin der Dombauhütte noch der „Drüje Pitter“ lagerte: Der von den Kölschen als „Trockene Peter“ bezeichnete Petrusbrunnen, hatte in den letzten 150 Jahren schon an fast jeder Ecke des Doms einmal gestanden. Schock-Werner entschied daher, diesen Brunnen dort, an der Papstterrasse, wieder aufzubauen und so diese Schmuddelecke aufzuwerten.

Der Namensgeber Petrus auf der Spitze des Brunnens, Bild: Uli Kievernagel
Der Namensgeber Petrus auf der Spitze des Brunnens, Bild: Uli Kievernagel

Ne drüje Brunnen, der nur selten und dann wenig Wasser führt

Der erste Platz des Petrusbrunnen war hinter dem Chor, Richtung Rhein. Die Stadt wünschte sich für die damals aufwändige Treppenanlage dort einen sprudelnden Brunnen. Wie auch heute noch war die Stadt aber mal wieder klamm – es war schlichtweg kein Geld für einen Brunnen aufzutreiben. Doch dann kam die preußische Königin und spätere Kaiserin Augusta als Stifterin ins Spiel. Mit ihrem Geld konnte im Jahr 1870 der ursprünglich bescheiden geplante Brunnen pompöser und viel größer gebaut werden. So, wie es einer königlichen Schenkung würdig ist.

Seltsam war nur, dass der Brunnen zunächst keine Wasserzuleitung hatte. Auch später, nach dem Anschluss an eine Zisterne, sprudelte der Brunnen nur sehr selten. Für den Kölner war der Brunnen daher nur „Drüje Pitter“.2Mit „drüg“ oder „drüsch“ meint der Kölner „trocken“

Stifterin des Petrusbrunnens: Die Kaiserin und Königin von Preußen Augusta, Bild: Franz Xaver Winterhalter
Stifterin des Petrusbrunnens: Die Kaiserin und Königin von Preußen Augusta, Bild: Franz Xaver Winterhalter

Mit dem Bau der Domplatte Ende der 1960er Jahre war an dieser Stelle kein Platz mehr für den Brunnen und er wurde an die Nordseite, Richtung Bahnhof, versetzt. Und weil wir in Kölle sind, wurde auch diesmal nicht daran gedacht, dass ein Brunnen viel Wasser braucht. Mit der auch an seinem neuen Standort eher notdürftigen Wasserversorgung machte der „Drüje Pitte“ seinem Namen alle Ehre.

Spätestens 1999 war klar, dass der Brunnen saniert werden musste. Daher wurde er von der Dombauhütte abgebaut und eingelagert. Gleichzeitig sollte auch ein neuer Standort gefunden werden – diesmal mit einem vernünftigen Wasseranschluss.

Als Referenz an die königliche Stifterin tragen Löwen die Wasserschale des Brunnens, Bild: Uli Kievernagel
Als Referenz an die königliche Stifterin tragen Löwen die Wasserschale des Brunnens, Bild: Uli Kievernagel
Klassisches Eigentor der Stadtverwaltung

Kaum war der Brunnen ordnungsgemäß abgebaut, flatterte der Dombauhütte ein böses Schreiben der Stadtverwaltung ins Haus. Der Dom, so ein übereifriger städtischer Beamter, wolle sich an städtischem Eigentum vergreifen. Es handele sich schließlich um eine Schenkung der Kaiserin Augusta an die Bürger der Stadt.

Die Mitarbeiter der Dombauhütte konnten sich vor Lachen kaum halten: War doch somit klar, wer auch die Sanierung des Brunnens bezahlen muss: Die Stadt Köln. Ohne die Bezichtigung des „Diebstahls“ hätte die Dombauhütte die Kosten getragen.

Der damalige Oberbürgermeister Burger hat vor Wut über seine Verwaltung geschäumt. Und er musste einräumen, dass der Stadt die finanziellen Mittel für eine Sanierung des Brunnens fehlten. Gut, dass mal wieder die Bürger der Stadt eingesprungen sind. Die „Bürgergesellschaft Köln von 1863“ ging kötten und konnte immerhin gut 100.000 Euro für die Sanierung auftreiben. Somit musste die Stadt nur noch die fehlenden 50.000 Euro bezahlen.

Plakette zur Erinnerung an die Spender im Jahr 2010, Bild: Uli Kievernagel
Plakette zur Erinnerung an die Spender im Jahr 2010, Bild: Uli Kievernagel

Der neue Platz des Brunnens ist nun die ehemals verwahrloste Papstterrasse. Und er macht sich gut hier, unser „Drüje Pitter“. Weil der Grundbesitz des Doms exakt mit dem Fundament endet, steht der Petrusbrunnen jetzt korrekt auf städtischen Grund. So kann sich kein Beamter mehr aufregen, dass der Dom einen „Brunnendiebstahl“ begehen würde.

Hoffentlich hält der „Drüje Pitter“ diesen Platz noch lange trocken und vertreibt nachhaltig die Wildpinkler von unserem staatsen Dom.


Ein anderer „Pitter“ hängt exakt 53 Meter über dem „Drüje Pitter“: Der „Decke Pitter“, die mit 24 Tonnen schwerste Glocke des Doms schlägt nur an bestimmten Festtagen. Der Lieblings-Pitter der Kölsche ist aber eher das handliche Pittermännchen.  


Logo der KG "Drügge Pitter". Im "Kranz" um den Brunnen erkennt man auch die Worte "Drügge Pitter", Bild: KG Drügge Pitter
Logo der KG „Drügge Pitter“. Im „Kranz“ um den Brunnen erkennt man auch die Worte „Drügge Pitter“, Bild: KG Drügge Pitter

Karnevalsgesellschaft „Drügge Pitter“  und „EDP“ in Ehrenfeld

Der Name des Brunnens findet sich auch in den Namen der Ehrenfelder Karnevalsgesellschaft K.G. „Drügge Pitter“ von 1962 e.V. und der Kneipe „E.D.P. – EM DRÜGGE PITTER“ ebenfalls in Ehrenfeld wieder. 


Brunnen in Köln
Brunnen in Köln

Neben dem Drüje Pitter haben wir auch andere Brunnen in Köln:


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