Ein paar Fragen an Mirijam Günter: „Köln ist für mich Fluch und Segen“

Mirijam Günter, prämierte Schriftstellerin aus Köln, Bild: Bild: Dirk Fischer
Mirijam Günter, prämierte Schriftstellerin aus Köln, Bild: Dirk Fischer

Aufgewachsen in unterschiedlichen Heimen, abgebrochene Lehren als Automechanikerin, Köchin, Malerin, prämierte Autorin, wissbegierig und unangepasst. Die Kölner Schriftstellerin Mirijam Günter vereint viele Facetten.

Mit ihr unterwegs zu sein, ist eine spannende Herausforderung. Für dieses Interview haben wir uns in der Innenstadt getroffen, direkt an St. Aposteln. Wir laufen kreuz und quer durch die Stadt. Und ich, der ich sie eigentlich interviewen wollte, werde von der wissbegierigen Mirijam vieles gefragt. 

Halt in der Kirche

Mirijam Günter wächst als Findelkind in verschiedenen Städten auf. Sie verbringt insgesamt 16 Jahre in verschiedenen Kinder- und Jugendheimen. Und immer gibt ihr die Kirche halt.

Für die Betreuer in den Heimen absolut unverständlich, bestand sie auf den Besuch von Gottesdiensten.  Dies tat sie zunächst, um ihre Betreuer zu ärgern, denn diese mussten sie dafür oft in die weit entfernten Kirchen fahren.  Aus dieser Rebellion entsteht ein „Pakt“: So schreibt sie in einem Artikel der Zeitschrift chrismon: „Im Heim schwor ich mir bei Gott, nicht unterzugehen. In meinem Kopf entstand ein Satz, der mich lange begleitete: Ihr verachtet meinen Gott, weil er der Einzige ist, der zu mir hält!“1„Ich bleibe katholisch“ Die Schriftstellerin Mirijam Günter über den einzigen Ort, an dem sie nie Rassismuss erlebte, https://chrismon.evangelisch.de/das-wort/mirijam-guenter-schriftstellerin-haelt-zur-katholischen-kirche-52438 abgerufen am 14. 10.22

Mirijam Günter: Heim dtv, 336 Seiten, ISBN:‎ 978-3423782326
Mirijam Günter: Heim, dtv, 336 Seiten, ISBN:‎ 978-3423782326

Erfolgreiche Autorin

Mirijam Günter ist eine erfolgreiche Schriftstellerin. Für ihren ersten Roman „Heim“ wurde sie im Jahr 2003 mit dem renommierten Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet. Zwischenzeitlich sind mit „Die Ameisensiedlung“ und „Die Stadt hinter dem Dönerladen“ zwei weitere Romane erschienen. 

Sie ist als Kolumnistin unter anderem für „der freitag“ , die „Die Zeit“  und die Süddeutsche Zeitung tätig. Für das Magazin „Draußenseiter“ schreibt sie ehrenamtlich. 

Seit 2006 bietet sie auch „Literaturwerkstätten“ an. Dort bringt sie jungen, benachteiligten Menschen die Literatur nahe. In den Literaturwerkstätten  bietet sie den jungen Menschen die Gelegenheit, sich entsprechend ihrer geistigen Möglichkeiten mit eigenen und/oder fremden Texten, Geschichten, Gedichte auszudrücken.  Ruhig geht es, so Mirijam Günter, in den Werkstätten selten zu: „Denn mit dem Aufsatzschreiben und den Textanalysen fremder Texte in der Schule haben Literaturwerkstatten fast nichts gemeinsam. Das klassische formelle schulische Lernen, mit dem die genannten Zielgruppen in der Regel mehrheitlich Negativerfahrungen gesammelt haben, wird außer Kraft gesetzt.“

Mirijam Günter: Die Ameisensiedlung dtv, 272 Seiten, ISBN:‎ 978-3423782128
Mirijam Günter: Die Ameisensiedlung, dtv, 272 Seiten, ISBN:‎ 978-3423782128

Rassismus-Erfahrungen

Im April 2020 wird Mirijam Günter fälschlich des Fahrraddiebstahls bezichtigt. Aufgrund der Aussage eines Kinds, das eine Frau „Typ Zigeuner“ beobachtet haben will, wird Mirijam von der Polizei festgenommen, rassistisch beleidigt und in Handschellen gelegt. Eine Polizistin durchsucht Mirijams Wohnung – ohne richterlichen Beschluss. Einwände werden abgetan „Was willst du denn dagegen machen? Solchen Typen wie Euch glaubt eh keiner.“

Sie lässt sich das nicht gefallen, klagt gegen die Polizei. Die Polizistin muss 150 Euro Strafe wegen Nötigung und Hausfriedensbruchs bezahlen, die rassistischen Äußerungen werden bestritten und, weil Aussage gegen Aussage steht, fallen gelassen. Dieser Vorgang hat Mirijam nachhaltig erschüttert. Dies geht so weit, dass sie sagt: „Die haben mir meine Heimat genommen“. Seit diesem Tag beschäftigt sich Mirijam mit dem Gedanken, aus dem „doch so toleranten Köln, in dem gefühlt aus jedem zweiten Fenster Anti-Rassismus-Fahnen wehen“ fortzugehen.


Ein paar Fragen an Mirijam Günter

Mirijam, was löst die Aussage „Meine Mutter ist Putze und ich werde auch höchstens Putze.“ in dir aus?

Das löst mein absolutes Unverständnis aus: Wenn du ganz unten bist, kommste nicht mehr rauf. Dass es dafür immer noch keine Lösung gibt, grenzt an ein Weltwunder.
Das betrifft auch mich persönlich: Das Bildungsbürgertum gibt einem ganz deutlich zu verstehen, dass man nicht dazugehört. Du kennst nicht deren Rituale und Verhaltensweisen.

Du hast selber eine „Heimkarriere“ hingelegt: Insgesamt 16 Jahre in verschiedenen Heimen. Die offiziellen Stellen hatten dich nach drei abgebrochenen Ausbildungen schon aufgegeben. Bis du ein hoffnungsloser Fall gewesen?

Mit meiner Biographie kann man froh sein, wenn man im Supermarkt Regale einräumen darf. Ansonsten landet man mit fünf Kindern in Chorweiler oder direkt im Knast.
Daher bin ich für andere ein hoffnungsloser Fall gewesen. Aber sie wussten nicht, dass ich mit Gott einen Pakt geschlossen habe.

Du sagst, dass dich das Schreiben gerettet hat. Wie kommt jemand ohne Erfahrung und entsprechende Kontakte in den Literaturbetrieb?

Literatur ist meine Therapie. Ich bin in die Literatur geflohen, wann immer ich Schutz gebraucht habe. Aber im Literaturbetrieb bin ich ein Außenseiter. Ich habe auf einer Autorenwebsite recherchiert: Alle Autoren dort hatten nur „glatte“ Lebensläufe: Studium, Auslandsaufenthalte etc.

Mirijam Günter: Die Stadt hinter dem Dönerladen Größenwahn Verlag; 200 Seiten, ISBN:‎ 978-3957710512
Mirijam Günter: Die Stadt hinter dem Dönerladen
Größenwahn Verlag; 200 Seiten,
ISBN:‎ 978-3957710512

Die katholische Kirche war für dich zum einen ein räumlicher Rückzugsort und zum anderen aber auch Stütze, an der du – auch in diesen für die Kirche schwierigen Zeiten – festhältst. Warum?

Solche Typen wie ich müssen in der Kirche bleiben, sonst bleiben doch nur noch Arschgeigen übrig.

„Ich bin sozialisiert durch die katholische Kirche, durch Menschen, die mir da begegnet sind und durch Kommunisten“, sagst du im Dezember 2021 im Domradio. Ist das nicht unvereinbar?

Das solltest du meine beiden beste Freunde, einen katholischen Geistlichen und einen Marxisten, fragen. Falls deren Antwort nicht ausreicht, steuere ich auch noch einen halben Kapitalisten bei.

Die Kölner Schriftstellerin Mirijam Günter, Bild: Dirk Fischer
Die Kölner Schriftstellerin Mirijam Günter, Bild: Dirk Fischer

Du bietest Literaturwerkstätten für Jugendliche an. Wie hat man sich das vorzustellen? Was passiert in einer Literaturwerkstatt?

Es klingt vielleicht erstaunlich, aber in einer Literaturwerkstatt geht es nicht ausschließlich um Literatur. Wir treffen uns und reden zunächst miteinander. Vielen, die ich dort treffe, geht es nicht gut. Aber sie bekommen das nicht artikuliert. Dann schreibt man sich selber oder schreibt an andere. Das hilft oft.
Und dann lesen wir auch ausgewählte Texte: Einer liest vor, die anderen hören zu. Tatsächlich ist es mir mal bei einer Literaturwerkstatt im Knast passiert, dass nur einer lesen konnte.

In jedem Fall ist ganz wichtig, dass kein anderer Erwachsener dabei ist. Das lehne ich rigoros ab, dann funktioniert das nicht. Diese Literaturwerkstätten sind für mich eine Berufung, kein Job.

Du hast wahrscheinlich ähnliche Lebenserfahrungen wie deine Schüler in den Literaturwerkstätten. Bist du dadurch näher an ihnen dran?

JA!

Du willst auch der Öffentlichkeit zeigen, was mit den abgehängten Jugendlichen passiert. Wie kann man dich dabei unterstützen?

Im Idealfall mit einer Spende für Bücherpakete für Jugendliche. So etwas gibt es vorbereitet in der Bunt-Buchhandlung


Genau wie alle anderen Menschen in meiner Rubrik „Ein paar Fragen an …“ hat auch Mirijam Günter zu meinen „kölschen Fragen“ Rede und Antwort gestanden.

Wenn nicht Köln – wo sonst könntest du leben? Und warum gerade dort?

Bis April 20202Mirijam wurde fälschlicherweise von der Polizei festgenommen, siehe oben wäre das für mich undenkbar gewesen. Aber seitdem ist dies eine Frage, die mich sehr beschäftigt und die ich im Moment nicht beantworten kann.

Was machst du zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch?

… jeden Tag den Satz sagen: „Nach Karneval trete ich in einen Karnevalsverein ein.“

Und was zwischen Aschermittwoch und Weiberfastnacht?

In der Zeit rette ich die Welt mit Hilfe der Literatur und denke über mein nächstes Karnevalskostüm nach.

Nenne ein/zwei/drei Gründe, warum man Köln morgen verlassen sollte.

  1. Diese unfassbare Großstadt-Arroganz. Der Kölner ist tolerant, und wenn du nicht tolerant bist, dann haut er dir so lange auf den Kopf, bis du so tolerant bist wie er.
  2. Die Verdrängung ärmerer Menschen aus dem Hipster-Vierteln.
  3. Die niedlich „Klüngeleien“ genannten Geschäfte. Das passiert von konservativen bis linksradikalen Kreisen. Wobei – das finde ich ja fast schon wieder lustig.

Dein Lieblingsschimpfwort auf Kölsch?

Schwad mich nit möd, do holle Baum.

Bitte vervollständige den Satz: Köln ist …

… für mich Fluch und Segen.


"Soziale Ungerechtigkeit" - der Blog von Mirijam Günter, https://sozialeungerechtigkeit.de/

Viel mehr von und über Mirijam gibt es auf ihrer Website „Das Leben einer Schriftstellerin“ und auf ihrem Blog „Soziale Ungerechtigkeit“.


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Karl-Küpper-Preis für Rolly Brings – „Rebell mit Beamtenstatus“

Die Verleihung des Karl-Küpper-Preises an Rolly Brings, von links: Henriette Reker, Rolly Brings, Bernhard Conin, Christoph Kuckelkorn, Bild: Raimond Spekking
Die Verleihung des Karl-Küpper-Preises an Rolly Brings, von links: Henriette Reker, Rolly Brings, Bernhard Conin, Christoph Kuckelkorn, Bild: Raimond Spekking

Alle zwei Jahre wird in Köln der „Karl-Küpper-Preis“ verliehen. Dieser Preis erinnert an den unbeugsamen Büttenredner Karl-Küpper und wird an Menschen vergeben, die sich für den Schutz der Demokratie und gegen Rassismus, Antisemitismus und jede Form der Diskriminierung engagieren. Preisträger im Jahr 2022 ist der Musiker Rolly Brings. Er erhält diesen Preis für seinen Mut und seine Hartnäckigkeit, immer wieder für Demokratie und Gerechtigkeit einzustehen.

Ausgewählt wurde Rolly Brings von einer Jury bestehend aus Oberbürgermeisterin Henriette Reker, dem Präsidenten des Festkomitees Kölner Karneval Christoph Kuckelkorn, dem Vorsitzenden der Freunde und Förderer des Kölnischen Brauchtums Bernhard Conin, dem langjährigen Direktor des NS-Dokumentationszentrums Dr. Werner Jung sowie einem Vertreter der Familie von Karl Küpper.

Der Karl-Küpper-Preis, eine wunderschöne Hommage an den unangepassten Büttenredner, Gestaltung und Bild: Gestalteratelier Werner Blum
Der Karl-Küpper-Preis, eine wunderschöne Hommage an den unangepassten Büttenredner, Gestaltung und Bild: Gestalteratelier Werner Blum

Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert. Die erste Preisträgerin im Jahr 2020 war die Kapitänin Carola Rackete. Zu den unsäglichen Reaktionen in den sogenannten „Sozialen Medien“ auf diese Preisverleihung habe ich bereits im Oktober 2020 Stellung bezogen.

„Rebell mit Beamtenstatus“

Rolly Brings wurde am 19. Juli 1943 in Köln geboren. Er verließ bereits mit 14 Jahren die Familie und wurde Seemann. Zurück in Köln verdiente er sich zunächst sein Geld als Hilfsarbeiter, später macht er eine Maschinenschlosserlehre bei Ford. Doch auch dieser Beruf füllte ihn nicht aus. Der Musiker Stephan Brings über seinen Vater: „Er stand immer bis zu den Oberschenkeln im Öl und hat dann gemerkt, dat kann et nich sein.“1„Dann wird aufgeräumt“ – Stephan Brings über Karneval und Kommunismus, und Journalismus von links, abgerufen am 22.11.2022. Rolly Brings nutzte eine Chance im Rahmen der Begabtenförderung: Er konnte ohne Abitur studieren und wurde Lehrer für die Fächer Deutsch, Englisch und Gesellschaftslehre.

Allerdings war und ist der „Rebell mit Beamtenstatus“ unbequem. Dies hat insbesondere der frühere Regierungspräsident Franz-Josef Antwerpes zu spüren bekommen: Als die Hauptschule Piusstraße, an welcher Brings zu diesem Zeitpunkt unterrichtete, im laufenden Betrieb asbestsaniert werden sollte, wollte der engagierte Lehrer Brings das so nicht hinnehmen. Er organisierte mit seinen Schülern bei seinem Dienstherrn eine Sitzblockade – direkt vor dem Büro Antwerpes im Regierungspräsidium. Der „Kurfürst“ Antwerpes war äußerst erbost, und die Auseinandersetzung der beiden Herren ist wohl äußerst deftig abgelaufen.

Rolly Brings bei einem Auftritt in Köln-Ehrenfeld (2007), Bild: Elke Wetzig (Elya), CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Rolly Brings bei einem Auftritt in Köln-Ehrenfeld (2007), Bild: Elke Wetzig (Elya), CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Gegen den Strich und immer aufrecht

Rolly Brings liebt seine Heimatstadt Köln – aber immer auf eine sehr kritische Weise. Dabei ist er auf die oft als „unregierbar“ bezeichneten Kölner und auf die lange Geschichte der Stadt stolz. Die Kölsche Sprache ist für ihn keine Folklore, sondern einfach näher dran am Menschen. Er schreibt und denkt in Kölsch, weil „Wenn wir Kölsch sprechen, sind Herz und Kopf mit von der Partie.“ Verlässt er Köln, stellt sich automatisch Heimweh ein.

Allerdings verklärt Brings Köln nicht – ganz im Gegenteil. Er sorgt mit seiner Musik und seinen Aktionen für kritische Erinnerungen an über viele Jahre verdrängte Zeiten, insbesondere an die Zeit des Nationalsozialismus. So veranstaltet er seit 1983 jedes Jahr am 10. November für die im Jahr 1944 ermordeten Edelweißpiraten2Als Edelweißpiraten bezeichnete man während der Zeit des Nationalsozialismus oppositionelle Gruppierungen von Jugendlichen, die sich weigerten, der Hitlerjugend beizutreten. eine Gedenkfeier.

Dieses Engagement hat ihm viel Gegenwind eingebracht. Als er in der Aula seiner Schule eine Gedenkveranstaltung für die Edelweißpiraten organisierte, brachte ihm das eine Vorladung zum Schulrat ein, weil er damit ja auch „Kriminelle“ gewürdigt habe. „Wo“, fragt Dr. Werner Jung in seiner Laudatio zur Verleihung des Preises, „stünden wir heute, wenn Du nicht schon damals dagegengehalten hättest?“

Hier zeigt sich die wohltuende Unangepasstheit eines Rolly Brings: Gegen den Strich und immer aufrecht. Genau wie Karl Küpper.

Rolly Brings steht in der Tradition des großen Karl Küpper

Obwohl Rolly Brings schon verschiedene Ehrungen erhalten hat – unter anderem wurde er mit dem renommierten Rheinlandtaler und dem Giesberts-Lewin-Preis der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit ausgezeichnet – ist der Karl-Küpper-Preis auch für ihn eine besondere Anerkennung. Sohn Peter Brings: „Bei vielen anderen Dingen sind ihm die Reaktionen egal, etwa auf seine Musik oder wenn einem seine Meinung nicht gefällt. Aber dieser Preis … erstaunlich, was der mit ihm macht.“

Mit Rolly Brings wird ein ebenso kritischer wie konstruktiver Mensch ausgezeichnet. Durch seine Hartnäckigkeit, gegen jedwede Obrigkeit vorzugehen, steht er ganz in der Tradition des großen Karl Küpper.

Ne janz hätzlische Jlöckwonsch, leeven Rolly Brings!


Der Historiker Werner Jung, langjähriger Leiter des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln, Bild: Raimond Spekking
Der Historiker Dr. Werner Jung, langjähriger Leiter des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln, Bild: Raimond Spekking

Laudatio von Werner Jung

Die äußerst lesenswerte Laudatio auf den Preisträger hat Dr. Werner Jung, der langjährigen Direktor des NS-Dokumentationszentrums, gehalten. Diese steht auf der Website des Dokumentationszentrums zum Download zur Verfügung.


1848 von unge, ein Projekt von Rolly Brings, Bild: Rolly Brings

 

Die Website von Rolly Brings

Auf der lesenswerten Website von Rolly Brings finden sich viele Texte und Informationen zu seinen Projekten, unter anderem zum Projekt „1848“ , und „Logbuch 1“.  

http://www.rollybrings.de/


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Die Figuren am Rathausturm – eine kölsche Posse

Das Kölner Rathaus, hier auf einem Kupferstich um etwa 1655, Bild: Künstler unbekannt, via Wikimedia Commons
Gut zu erkennen: Das erste Figurenprogramm auf dem Kölner Rathausturm, hier auf einem Kupferstich um etwa 1655, Bild: Künstler unbekannt, via Wikimedia Commons

Podcast Rathausturm, 29

Su jet jitt et nur in Kölle! Wir machen zwar Dinge gerne schon mal mehrfach, aber was am Rathausturm in den 1980er passiert ist, ist leider irgendwie typisch kölsch.

Der im Stil der Spätgotik errichtete Rathausturm ist reich mit Zinnen und Vorhangbögen geschmückt. Am auffälligsten sind aber die 124 Figuren von Persönlichkeiten, die die Geschichte der Stadt Köln geprägt haben.

So findet sich dort heute eine bunte Mischung kölscher Prominenz, zum Beispiel Agrippina, Jan von Werth, Katharina Henot, Johann Maria Farina bis hin zu Nikolaus Otto. Es bedurfte allerdings mehrerer Anläufe, bis diese Figuren fest und sicher auf dem Turm standen.

Die Vorgeschichte: Die ersten Figuren stammten aus dem 15. Jahrhundert

Bereits mit Fertigstellung des Turms im Jahr 1414 war der Turm mit Figurten ausgestattet. Welche Figuren sich ursprünglich dort befanden, ist heute nicht mehr bekannt.

In den Jahren hatten Wind und Wetter den Figuren so massiv zugesetzt, dass diese anfingen, ganz oder in Teilen abzufallen. So beschloss der Rat am 22. Mai 1694 aus Sicherheitsgründen, die Figuren abzunehmen. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurde ein neues Figurenprogramm beschlossen. Diese Figuren wurden zwischen 1891 und 1901 in Auftrag gegeben.

Das Kölner Rathaus um 1900 - noch bevor die Figuren bis etwa 1902 neu aufgestellt wurden. Photochromdruck, Künstler unbekannt, Public domain, via Wikimedia Commons
Das Kölner Rathaus um 1900 – noch bevor die Figuren neu aufgestellt wurden. Photochromdruck, Künstler unbekannt, Public domain, via Wikimedia Commons

Die Aufstellung dieser neuen Figuren war in Gruppen eingeteilt: Im Erdgeschoss war Platz für Fürsten und Erzbischöfe, im ersten Obergeschoss für Repräsentanten der Geschlechterherrschaft, eine Etage darüber für Repräsentanten der Zünfte. Das dritte Obergeschoss war für Männer der Künste und der Wissenschaft vorbehalten und im obersten Geschoss wachten die Schutzheiligen der Stadt über die Bürger. Die Letzte dieser Figuren wurde im Jahr 1902 aufgestellt.

Massive Beschädigungen im Zweiten Weltkrieg

Das Rathaus wurde im Zweiten Weltkrieg stark zerstört. Vom Rathausturm stand gerade noch ein Drittel. Es gab sogar Überlegungen, den Turm gänzlich abzureißen und neu aufzubauen. Doch die Kölner Handwerkerschaft erinnerte sich an ihre alte Zunft-Tradition und initiierte die „Bauhütte Rathausturm“. So wurde der Rathausturm, nach der Errichtung durch die Zünfte Anfang des 15. Jahrhunderts, im 20. Jahrhundert von den Kölnern Handwerkern gerettet.

Der zum größten Teil zerstörte Rathausturm im Jahr 1945, Fotograf: unbekannt
Der zum größten Teil zerstörte Rathausturm im Jahr 1945, die Figuren wurden fast vollständig zerstört, Fotograf: unbekannt

Von 1950 bis in das Jahr 1975 wurde an dem Rathausturm gebaut und das Gebäude originalgetreu wieder aufgebaut. Allerdings waren von den bis 1902 aufgestellten Figuren auf dem Turm nach dem Bombardement des Zweiten Weltkriegs kaum noch etwas übrig.

Neues Figurenprogramm in den 1980er Jahren: Bei 124 neuen Figuren gerade einmal fünf Frauen.

Die Stadt setzte eine Historikerkommission mit der Aufgabe, eine neue Auswahl an Figuren vorzuschlagen, ein. Die Bedingungen waren lediglich, dass weder lebende Personen noch „negative Figuren“ abgebildet werden dürfen.

Die Kommission benötigte gerade einmal fünf Jahre, um ein entsprechendes Figurenprogramm zu erarbeiten. So konnte endlich im Jahr 1986 das Konzept vom Kulturausschuss verabschiedet und dem Stadtrat zur Abstimmung vorgelegt werden. Bei dieser Stadtratssitzung muss es hoch hergegangen sein, denn die Fraktion der Grünen verweigerte konsequent die Zustimmung. Mit Recht!

Eine der wenigen Frauen auf dem Rathausturm: Die erfolgreiche Unternehmerin Fygen Lutzenkirchen (1450-1515), Bild: Raimond Spekking
Eine der wenigen Frauen auf dem Rathausturm: Die erfolgreiche Unternehmerin Fygen Lutzenkirchen (1450-1515), Bild: Raimond Spekking

Was die Grünen auf die Palme brachte: Die Kommission hatte bei den 124 Figuren gerade einmal fünf Frauen vorgeschlagen. Mit anderen Worten: In der mehr als 2.000 Jahre alten Stadtgeschichte sollen Frauen gerade einmal mit 4% berücksichtigt werden. Ein Eklat.

Überarbeitung des Figurenprogramms

Die Kommission wurde noch einmal beauftragt, das Programm zu überarbeiten. 1988 wurde der neue Vorschlag mit dem immer noch mickrigen Ergebnis, dass jetzt gerade einmal 18 Frauen berücksichtigt wurden, vom Stadtrat verabschiedet.

Was von dem ursprünglichen Vorschlag der Kommission übrig blieb, war das Konzept, welche Figurengruppe wo ihren Platz finden sollte:

  • Im Erdgeschoss befinden sich Persönlichkeiten „Herrscher und herrschergleiche Personen“.
  • Danach folgen vom ersten bis zum dritten Obergeschoss „Für die Stadt wichtige Persönlichkeiten“.
  • Ganz oben ist der „Kölsche Himmel“: Die Schutzpatrone und Heiligen der Stadt
Adolf Clarenbach (rechts),auf Melaten hingerichteter evangelischer Reformator, Statue am Rathaus, Bild: Raimond Spekking
Die Figur von Adolf Clarenbach (rechts), auf Melaten hingerichteter evangelischer Reformator, Bild: Raimond Spekking

Die Stadt muss kötten gehen

Nach den Irrungen und Wirrungen um die inhaltliche Ausgestaltung des Figurenprogramms war die nächste Hürde die Finanzierung der Figuren. Da die Stadt – wie immer – klamm war, ging man kötten. Die Idee: Kölner Unternehmen, Verbände, Bürger, Vereine etc. wurden angefragt, ob sie nicht die Patenschaft über eine oder mehrere Figuren übernehmen könnten. Diese Patenschaft war damit verbunden, die entsprechende Figur auch zu stiften. Kein ganz günstiges Vergnügen – immerhin kostete damals eine Figur rund 25.000 DM. Für diesen Betrag konnte man im Jahr 1988 einen gut ausgestatten Audi 80 kaufen.

Doch die Kölner ließen sich nicht lumpen: So stifteten unter anderem das Bankhaus Sal. Oppenheim (Figur: Abraham Oppenheim), die Agrippina-Versicherung (Figur: Agrippina), der Verlag M. DuMont Schauberg (Figur: Karl Joseph Daniel DuMont), die Alfred Schütte GmbH (Figur: Meister Eckhart, Hans Imhoff (Figur: Severin von Köln), die Gerling-Versicherung (Figur: Gereon), Klosterfrau Melissengeist (Figur: Maria Clementine Martin), EMI Electrola (Figur: Jaques Offenbach) oder Klöckner-Humboldt-Deutz (Figur: Nicolaus Otto).

Figur des Nikolaus Gülich am Kölner Rathausturm (in der Mitte). Links neben ihm ist Johann Maria Farina, Bild: Raimond Spekking
Figur des Nikolaus Gülich am Kölner Rathausturm (in der Mitte). Links neben ihm ist Johann Maria Farina, Bild: Raimond Spekking

Aber auch die Willi-Ostermann-Gesellschaft (Figur: Willi Ostermann), der 1. FC Köln (Figur: Bernhard Letterhaus) sowie die Kreishandwerkerschaft Köln (Figur: Heilige Ursula) und die Mitarbeitenden der Stadtverwaltung Köln (Figur: Nikolaus Gülich) traten als Stifter auf. Genau wie das Erzbistum Köln (Figur: Edith Stein), der Evangelische Stadtkirchenverband Köln (Figur: Adolf Clarenbach) oder der Kölner Brauerei-Verband (mehrere Figuren, u.a. Kaiser Augustus.)

Konservierung der Figuren für die Ewigkeit

Um die Figuren für eine lange Zeit haltbar zu machen, wurden diese mit Acrylharz getränkt. Grundsätzlich eine gute Idee. Denn die in der Gebäudeabdichtung, zum Beispiel auch am Dom, regelmäßig verwendeten Acrylharze haben eine gute Optik und eine hohe Beständigkeit. Nur war diese Konservierungsmethode leider nicht bei dem für die Figuren verwendeten Tuffstein geeignet.

Die Figur des Engelbert von Berg war eines der ersten Opfer der falschen Konservierungsmethode. Die Figur des Albertus Magnus wurde nicht mit Acrylharz getränkt und blieb unversehrt. Bild: Raimond Spekking
Die Figur des Engelbert von Berg war eines der ersten Opfer der falschen Konservierungsmethode. Die Figur des Albertus Magnus wurde nicht mit Acrylharz getränkt und blieb unversehrt. Bild: Raimond Spekking

Bereits nach zehn Jahren zeigten sich erste Risse in der Figur des „Engelbert von Berg“. Der Restaurator Thomas Lehmkuhl erkannte, dass der eher poröse Tuffstein der Figuren sich massiv mit dem Acrylharz vollgesaugt hatte. Das führte dazu, dass die Figuren, die vor der Behandlung mit dem Konservierungsmittel etwa 220 kg gewogen haben, danach aber satte 300 kg auf die Waage brachten.

Fachmann Lehmkuhl erklärte, dass der Tuffstein durch die große Menge Acrylharz hart und spröde wird. Lehmkuhl weiter: „Und gleichzeitig erhöht sich dadurch bei Sonnenschein oder Frost die thermische Belastung des Steins.“1„Risse im Kölner Turmpersonal!“, Welt am Sonntag vom 11. Dezember 2005

Die Originalfigur der Heiligen Ursula steht bei der Kreishanderwerkerschaft im Stapelhaus, auf dem Rathaus ist eine Kopie angebracht, Bild: Uli Kievernagel
Die Originalfigur der Heiligen Ursula steht bei der Kreishanderwerkerschaft im Stapelhaus, auf dem Rathaus ist eine Kopie angebracht, Bild: Uli Kievernagel

Eine Untersuchung der Figuren ergab, dass diese nicht mehr zu retten waren. Die Figuren zeigten massive Risse und bröselten vor sich hin.

Zwar wurde der „Schwarze Peter“, wer denn nun schuld an der Misere sei, noch hin- und hergeschoben. Doch die Tatsache, dass ausgerechnet die Figuren von Adolph Kolping und Albertus Magnus keine Auflösungserscheinungen zeigten, war Beweis genug: Diese beiden waren, genau wie 20 weitere Figuren, nicht mit dem Acrylharz getränkt worden und in einem tadellosen Zustand.

Neue Figuren im Jahr 2008

Aber: Die restlichen etwa 100 Figuren mussten neu beschafft werden. Daher startete die Stadt eine neue Spendenaktion, und viele der bereits etwa zehn Jahre zuvor so freigiebigen Gönner öffneten erneut die Geldbörse. So konnten exakte Kopien der Figuren erstellt werden. Immerhin hatte man gelernt: Die neuen Figuren wurden nicht aus Tuffstein, sondern aus einem speziellen französischen Kalkstein (Savonnières-Kalkstein) hergestellt.

Einige der ursprünglichen Figuren fanden anschließend ihren Platz in den Gärten oder Häuser der Stifter. Aber immerhin konnten im November 2008 alle 124 Plätze auf dem Rathaus wieder von den neuen Figuren eingenommen werden.

Mal sehen, wie lange die Figuren diesmal halten!


Ein bemerkenswertes Detail: Der Sockel der Figur von Konrad von Hochstaden, Bild: Raimond Spekking
Ein bemerkenswertes Detail: Der Sockel der Figur von Konrad von Hochstaden, Bild: Raimond Spekking

Autofellatio-Figur

Und dann befindet sich auch noch Figur von Konrad von Hochstaden am Rathaus. Er war als Konrad I. von 1238 bis 1261 Erzbischof von Köln und legte am 15. August 1248 den Grundstein zum Kölner Dom. Insofern gebührt ihm sicherlich ein Platz auf dem Rathausturm.

Allerdings irritiert ein kleines, aber durchaus sehenswertes Detail an der Statue: Der Sockel zeigt einen Mann mit nackten Hintern, der sein eigenes Geschlechtsteil im Mund hat. Der Fachbegriff für diese fast schon akrobatische Art der Selbstbefriedigung lautet „Autofellatio“.

Fraglich nur, weshalb dieser Sockel überhaupt seinen Platz auf dem Rathaus gefunden hat und wie das mit Konrad von Hochstaden zusammenhängt. Der ehemalige Stadtkonservator Ulrich Krings erläutert „Das ist ein ganz beliebtes Motiv gewesen. Dabei ging es darum, der Obrigkeit quasi den Arsch hinzuhalten. Mit derber, zur Schau gestellter Sexualität sollte gezeigt werden, dass einem die Moral- oder auch Ordnungsvorstellungen der Obrigkeit wurscht waren.“

Verständlich: In einer Zeit, in der die wenigsten Lesen und Schreiben konnten, mussten bildliche Darstellungen „griffig“ eine Botschaft vermitteln. Beliebt dabei: Darstellungen der sieben Todsünden, in diesem Fall die Wollust.

Dass es allerdings ausgerechnet Konrad von Hochstaden erwischt hat, ist eher Zufall. Denn das Original des „Autofellation-Sockels“ stammt ungefähr aus dem Jahr 1410. Und damals stand eine andere,  nicht mehr bekannte Figur auf dem Platz, den heute der ehemalige Erzbischof einnimmt.

Aber da wir in Kölle ja schon immer Probleme mit unseren Bischöfen hatten, Josef Frings ausdrücklich ausgenommen, muss Konrad von Hochstaden stellvertretend für diese Menschen auf diesem speziellen Sockel stehen.


Insgesamt befinden sich 124 Figuren auf dem Rathausturm

Erdgeschoss

  • Augustus
  • Marcus Vipsanius Agrippa
  • Agrippina die Jüngere
  • Postumus
  • Konstantin der Große
  • Sigibert von Köln
  • Plektrudis
  • Karl der Große
  • Otto I.
  • Theophanu
  • Heinrich IV.
  • Heinrich II. (England)
  • Otto IV.
  • Innozenz III.
  • Friedrich II.
  • Rudolf I.
  • Urban VI.
  • Friedrich III.
  • Maximilian I.

Erstes Obergeschoss

  • Hildebold von Köln
  • Ida (St. Maria im Kapitol)
  • Rupert von Deutz
  • Rainald von Dassel
  • Nikolaus von Verdun
  • Sela Jude
  • Gerhard Unmaze
  • Konrad von Hochstaden
  • Gerhard von Riele
  • Matthias Overstolz
  • Gerhard Overstolz
  • Gottfried Hagen
  • Johann I. (Brabant)
  • Meister Eckhart
  • Hilger Quattermart von der Stesse
  • Stefan Lochner
  • Heinrich von Beeck
  • Ulrich Zell
  • Fygen Lutzenkirchen
  • Heinrich Agrippa von Nettesheim
  • Hermann von Neuenahr der Ältere
  • Adolf Clarenbach
  • Anton Woensam
  • Arnold von Siegen
  • Johannes Gropper
  • Hermann von Weinsberg
  • Heinrich Sudermann
  • Michael von Aitzing
  • Caspar Ulenberg
  • Peter Paul Rubens

Zweites Obergeschoss

  • Jan von Werth
  • Joost van den Vondel
  • Aegidius Gelenius
  • Melchior von Reidt
  • Katharina Henot
  • Friedrich Spee von Langenfeld
  • Anna Maria de Heers
  • Anna Maria van Schurman
  • Nikolaus Gülich
  • Johann Maria Farina
  • Ferdinand Franz Wallraf
  • Heinrich Gottfried Wilhelm Daniels
  • Maria Clementine Martin
  • Peter Heinrich Merkens
  • Sulpiz Boisserée
  • Georg Simon Ohm
  • Friedrich Wilhelm IV.
  • Ernst Friedrich Zwirner
  • Robert Blum
  • Ludolf Camphausen
  • Abraham Oppenheim
  • August Reichensperger
  • Karl Joseph Daniel DuMont
  • Ferdinand Hiller
  • Mathilde Franziska Anneke
  • Moses Hess
  • Gustav von Mevissen
  • Jacques Offenbach
  • Karl Marx
  • Hermann Heinrich Becker
  • Franz Carl Guilleaume

Drittes Obergeschoss:

Viertes Obergeschoss 


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Alfred Nourney – ein Kölner überlebt den Untergang der Titanic

Alfred Nourney (1892-1972), ein Überlebender des Titanic-Untergangs aus Köln, Fotograf: unbekannt, Bild: Sammlung Günter Bäbler, Titanic-Verein Schweiz
Alfred Nourney (1892-1972), ein Überlebender des Titanic-Untergangs aus Köln, Fotograf: unbekannt, Bild: Sammlung Günter Bäbler, Titanic-Verein Schweiz

Es war am 14. April 1912 gegen 23:40 Uhr, als Alfred Nourney an Bord der Titanic bemerkt, dass der Whisky in seinem Glas ein wenig schwankt. Viele Menschen um ihn herum bekommen den kleinen Stoß nicht mit. Dabei hat das damals modernste Schiff der Welt soeben einen Eisberg gerammt. Und damit sein Schicksal besiegelt. Zwei Stunden und 40 Minuten später versank der Ozeanriese in den eisigen Fluten des Atlantiks.

Bei dem Unglück kamen 1.514 Passagiere ums Leben. 712 Menschen überlebten das Unglück, unter Ihnen der Kölner Alfred Nourney, der unter dem Pseudonym „Baron Alfred von Drachstedt“ reiste.

Fahrt nach Amerika, um Ehre zu retten

Alfred Nourney, geboren am 26. Februar 1892 stammte aus einer reichen Kölner Weinhändlerfamilie. Schon sehr früh begeisterte sich der technikverliebte Junge für die Fliegerei. So berichtet der Kölner Lokal-Anzeiger vom 22. Januar 1912: “… Sodann bestieg einer seiner Kölner Schüler, Alfred Nourney, den Aeroplan, nahm die Kurven sehr kurz und schnell und landete im Gleitflug. …“.

Ein Artikel im im Kölner Lokal-Anzeiger vom 22. Januar 1912 beschreibt Alfred Nourneys Flugkünste
Ein Artikel im im Kölner Lokal-Anzeiger vom 22. Januar 1912 beschreibt Alfred Nourneys Flugkünste

Und auch sonst lebte Nourney anscheinend eher im Gleitflug, denn seine Reise mit der Titanic trat der junge Draufgänger nicht ganz freiwillig an: Angeblich soll er ein Hausmädchen der Nourneys geschwängert haben. Um ihn aus der „Schusslinie“ zu bringen, soll Alfred vorübergehend bei der amerikanischen Verwandtschaft untergebracht werden.

Doch der junge Hallodri macht aus der Pflicht eine Tugend. Kaum hatte er in Cherbourg auf dem luxuriösen Dampfer eingecheckt, gönnte er sich ein Upgrade auf die 1. Klasse und nennt sich fortan „Baron Alfred von Drachstedt“, wohl um besser in die feine Gesellschaft der 1. Klasse zu passen. Und unter den Millionären fühlte sich der junge Kölner pudelwohl. So telegraphierte er von Bord aus einen Tag vor dem Unglück an seine Mutter:

„Liebe Mutter – Ich bin so glücklich auf meiner ersten Klasse! Ich kenne schon sehr nette Leute! Einen Brillantenkönig! Mister Astor einer der reichsten Amerikaner ist an Bord! Tausend Küsse – Alfred.“

Außerdem schickt er ein weiteres Telegramm an ein gewisses „Fräulein Jarkonska“ in Köln, Rothgerberbach, „Drahtlosen Kuss, in Liebe Alfred.“ Vermutlich handelte es sich dabei um jene Dame, wegen der er Europa verlassen musste.

Die Titanic bei der Abfahrt aus Southampton, Bild: Francis Godolphin Osbourne Stuart, gemeinfrei, via Wikimedia Commons
Die Titanic bei der Abfahrt aus Southampton, Bild: Francis Godolphin Osbourne Stuart, gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Neugierde rettet sein Leben

Alfred erkundet voller Begeisterung das Schiff und dringt dabei auch in Räume vor, die eigentlich der Besatzung vorbehalten sind. So entdeckte er auch eine kleine eiserne Wendeltreppe, die von der Kommandobrücke über alle Decks bis fast zum Kiel der Titanic führte. Diese Entdeckung sollte ihm später das Leben retten.

Am Tag des Unglücks selber dinierte der junge Nourney zunächst im Speisesaal der 1. Klasse, um danach im Rauchersalon bei ein paar Whisky mit seinen neuen Bekannten eine Runde Bridge zu spielen. Als es um 23.40 Uhr leicht rumpelt, werden die Gespräche zunächst etwas leiser, doch keiner ahnt, in welcher Gefahr sich die Menschen an Bord befinden. Die Maschinen liefen genauso weiter wie nur Augenblicke später die Gespräche der Upper Class-Passagiere.

Doch Alfred Nourney hat ein ungutes Gefühl. Er eilt in seine Kabine, holt seinen Mantel und inspizierte das Deck des großen Schiffs. Dort entdeckt er zwar Eisbrocken auf dem menschenleeren Deck, aber sonst keine weiteren Unregelmäßigkeiten. Bis wenig später die Maschinen aussetzen.

Jetzt schrillen die Alarmglocken und Nourney will zurück ins Schiff, doch die Türen sind verschlossen. Dann erinnert er sich an die kleine eiserne Wendeltreppe, die er bei seinen Streifzügen entdeckt hat. Er geht diese Treppe hinunter und stellt fest, dass bereits Wasser in das Schiff eingedrungen ist.

Warnung verhallt ungehört

Schnell eilt er zurück in der Rauchersalon, um die anderen Passagiere zu warnen. Doch die sind wenig beeindruckt von dem aufgeregten „Baron von Drachstedt“. Ein Amerikaner meint nur, dass wahrscheinlich lediglich ein Rohr geplatzt sei – „Oh – it doesn´t matter.“ Doch damit liegt er gänzlich falsch.

Zurück auf dem Deck stellt Nourney fest, dass die Rettungsboote klargemacht werden. Ganz Pragmatiker geht er zunächst zur Küche, um sich mit Whisky und Sandwiches einzudecken, bevor er – nach eigener Aussage – den Matrosen hilft, Passagiere auf die Rettungsboote zu bringen. Dann bricht, so Nourney, Panik aus und Schüsse fallen. In dem folgenden Chaos, so Nourney, wird er mitgerissen und kann sich gerade noch so an einem der Boote festhalten. Dieses wird, noch nicht einmal voll besetzt, um 0:45 Uhr zu Wasser gelassen.

Noch Jahrzehnte später kann sich Alfred Nourney an den Untergang des Luxusliners erinnern:

„Als die Titanic nun wirklich sank, das dauerte eine ganze Weile. Das donnerte – rrrrummms – als sie sich auf den Kopf setzte. Und weg war sie. Und dann kam die schlimmste Zeit, es sind ja, na etwa tausend Leute mit dem Sog runter, dann trieben die in dem eiskalten Wasser und schrien um Hilfe. Und das war wie ein – huuuuuuu – wie ein Sirenenton, dieses Schreien. Und dieser Todesschrei, dieser Notschrei von tausend Menschen, kreischend, das war ein Akkord wie ein Sirenenton, grauenhaft, und dieses Schreien hat über eine Stunde gedauert.“1Quelle: Deutschlandfunk Kultur, „Ein religiös verwerteter Untergang“ von Andreas Malessa, 14.04.2012, https://www.deutschlandfunkkultur.de/ein-religioes-verwerteter-untergang-100.html, abgerufen am 8. Mai 2022

Überwältigt von den Eindrücken und den Strapazen schlief Alfred Nourney auf dem Rettungsboot ein, welches um 5:10 Uhr von dem Dampfer „Carpathia“, welches als erstes am Unglücksort erscheint, aufgenommen wird.

Ein Rettungsboot der Titanic, aufgenommen von einem Passagier der Carpathia, Fotograf: unbekannt, Bild: gemeinfrei / National Archives, Northeast Region, New York City, Records of District Courts of the United States
Ein Rettungsboot der Titanic, aufgenommen von einem Passagier der Carpathia, Fotograf: unbekannt, Bild: gemeinfrei / National Archives, Northeast Region, New York City, Records of District Courts of the United States

Einzelne Quellen behaupten, dass sich Nourney an Bord der Carpathia wenig dankbar verhalten habe. So soll er angeblich einen ganzen Stapel Decken, der unter den frierenden Passgieren verteilt werden sollte, alleine für sich in Anspruch genommen haben.2Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger,
Ein Kölner überlebt das Titanic-Unglück vom 13.01.2012, abgerufen am 20.05.2022

Auch scheinen seine materiellen Verluste doch stark übertrieben zu sein. So gibt er gegenüber der White Star Linie, der Betreibergesellschaft der Titanic, an, Verluste im Wert von zigtausend Dollar erlitten zu haben. Darunter acht Anzüge, zwei Abendanzüge, zwei Jagdanzüge, vier Mäntel, 40 Oberhemden, 15 Schlafanzüge, 14 Paar Schuhe, 10 Sets von Unterwäsche, 40 Kragen, zehn Paar Handschuhe, 120 Krawatten, 50 Taschentücher, einen Diamantring, mit Edelsteinen besetzte Manschettenknöpfe, zwei silberne Zigarettenetuis und eine silberne Haarbürste.

Grab auf Melaten

Die Carpathia lief am Abend des 18. April 1912 in New York ein. Nur wenige Wochen später kehrte Nourney wieder zurück nach Europa. Er lebte in Frankreich und Spanien, allerdings ohne die noch an Bord der Titanic so schrecklich vermisste „Fräulein Jarkonska“ vom Rothgerberbach.

Todesanzeige des Titanic-Überlebenden Alfred Nourney, erschienen in der Honnefer Volkszeitung am 17. November 1972
Todesanzeige des Titanic-Überlebenden Alfred Nourney, erschienen in der Honnefer Volkszeitung am 17. November 1972

Stattdessen vertreibt er sich die Zeit mit Autorennen, heiratet später eine andere Dame, bekommt mit ihr zwei Töchter und lässt sich in Bad Honnef nieder. Er arbeitet als Vertreter für Mercedes Benz und engagiert sich stark im örtlichen Tennisclub.

Alfred Nourney, der als junger Mann den Untergang der Titanic überlebt hat, stirbt am 15. November 1972 im Alter von 80 Jahren. Er wird auf Melaten beigesetzt, dort besitzt die Familie Nourney eine repräsentative Grabstätte.


Die Grabstätte der Familie Nourney auf der sogenannten "Millionenallee" auf dem Melatenfriedhof in Köln-Lindenthal (2020). Bild: Grünwald, Katharina, Landschaftsverband Rheinland, CC-BY
Die Grabstätte der Familie Nourney auf der sogenannten „Millionenallee“ auf dem Melatenfriedhof in Köln-Lindenthal (2020). Bild: Grünwald, Katharina, Landschaftsverband Rheinland, CC-BY

Grabstätte der Familie Nourney

Eine detaillierte Beschreibung der großen Nourney-Grabstätte auf dem Melatenfriedhof haben Katharina Grünwald und Franz-Josef Knöchel auf dem Portal KuLaDig – Kultur. Landschaft. Digital. veröffentlicht. 


 Der Podcast: Die Titanic und der Kölsche

 

Shownotes

Der Kölner Alfred Nourney starb im Jahr 1972 im Alter von 80 Jahren. Dass er
überhaupt so alt wurde, grenzt an ein Wunder, denn er überlebte als Passagier den Untergang der Titanic.

Dabei war es ein großer Zufall, dass er überhaupt auf dem Schiff war, denn eigentlich sollte der Sohn einer reichen Kölner Weinhändlerfamilie nur bei amerikanischen Verwandten aus der „Schusslinie“ gebracht werden, weil er als junger Mann ein Hausmädchen der Nourneys geschwängert hatte.

Mehr zu diesem kölschen Lebemann und seiner fast schon unglaublichen Geschichte in diesem Köln-Ding der Woche.


Text dieser Podcast-Folge

Hallo und herzlich Willkommen, es ist wieder soweit, hier sind der Frank und der Uli und wir haben wieder eine Köln-Geschichte für euch ausgegraben.

Ja heute auf Wunsch von Uli gehen wir auf die romantische Seite unseres Strebens, weil heute geht es um die Titanic, heute geht es um Rose und Jack, oder wie wir sagen würden, Bärbelchen und Jupp.

Jetzt lachst du schon wieder. Du hast dir unbedingt diese Folge gewünscht und jetzt bekommst du sie auch. Es geht um mehr, es geht um den Untergang der Titanic und natürlich um den Zusammenhang mit der schönsten Stadt der Welt, mit Kölle. Was konnte dann diese beiden Dinge zusammenbringen? Das war tatsächlich ein Mann.

Aber fangen wir mal irgendwie mit dem Untergang der Titanic an.: 4 April 1912., gegen 23.40 Uhr.

Und es macht auf einmal so ein bisschen Peng auf diesem riesen Kutter. Und die Eiswürfel in den Whiskygläsern klingeln ein bisschen. Was ansonsten mit Eis war, wusste man zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Upper Class unbeeindruckt

Aber die feine Gesellschaft, die Upper Class, die Oberdeck, die haben dann einfach weiter gefeiert. Ohne zu wissen, dass gerade mal 2 Stunden und 40 Minuten später der ganze Kutter blub, blub abgesoffen ist. Bei dem Unglück kamen 1514 Passagiere ums Leben. Und 712 Menschen überlebten das Unglück.

Unter ihnen der Kölner Alfred Nourney, der sich aber, ich will mal sagen, aus, der war eine Strunzbüggel. Ja, also der hat sich gerne angegeben. Der hat sich dort unter dem Pseudonym Baron Alfred von Drachstädt eingeschrieben. Und jetzt gucken wir uns diesen Alfred Nourney, alias Baron Alfred von Drachstädt, mal ein bisschen genauer an.

Er war eine Kölner, der kam aus einer reichend Kölner Weinhändlerfamilie, geboren 1892. Und hat dann auch sein Reichtum erst mal raushängen lassen. Der war so ein bisschen so ein Dandy, der Typ. Und hat dann auch ein bisschen krachen lassen. Und hat unter anderem 1912 schon den Flugschein gemacht.

Und da gibt es sogar einen Zeitungsausschnitt noch zu, wo beschrieben wird, wie er seine Prüfung macht.Der heißt es nämlich dann in einem Zeitungsartikel vom Januar 1912:

So dann bestieg einer seiner Kölner Schüler, Alfred Nourney, den Aeroplan, nahm die Kurven sehr kurz und schnell und landete im Gleitflug.

Leben im Gleitflug

Das war wohl schon irgendwie so ein echter Dandy Typ. Der hat ein ganzes Leben im Gleitflug geführt.

Denn auf einmal wurde der Junge verklappt. Der musste weg, der musste raus aus Köln. Der hat nämlich das Hausmädchen geschwängert. Also er war nicht nur ein bisschen im Gleitflug in seinem Leben, sondern er war auch ein Föttchesföhler. Also er hat gerne den Damen aufs Bett geholfen und musste dadurch aus der Schusslinie gebracht worden und sollte zu amerikanischen Verwandten gebracht werden.

Also erstmal fott, damit das mit dem Hausmädchen nicht so auffällt, dann haben sie den Filou einfach mal eingebucht und hat bot sich an, den auf der Titanic unterzubringen. Die stach nämlich dann genau in See. Und der ist in Cherbourg dann auf dieses Schiff drauf. Allerdings, der Junge wollte es ja ein bisschen krachen lassen, und  Geld hat er auch noch gehabt. So hat sich dann Baron Alfred von Drachstedt genannt und hat einfach mal sein Ticket, ein Upgrade, sich selbst gegönnt und war auf einmal Passagier der ersten Klasse.

 Ja, und unter den Millionären, da fühlte er sich, der junge Kölner, natürlich pudelwohl, hat es richtig raushängen lassen und so telegrafierte er vom Board an einem Tag, vor dem Unglück noch, an seine Mutter:

Liebe Mutter, ich bin so glücklich auf meiner ersten Klasse. Ich kenne schon sehr nette Leute, einen brillanten König, Mr. Astor, einer der reichsten Amerikaner ist an Bord, tausend Küsse, Alfred.

Das war aber nicht das einzige Telegramm, was er gesendet hat, das andere ist eigentlich viel interessanter. Ja, das hat er seiner Fräulein Jablonska geschickt. Wir gehen jetzt mal davon aus, das ist das Hausmädchen, die er da geschwängert hat.

Da schreibt er ihr: Drahtlosen Kuss in Liebe, Alfred.

Alfred inspiziert das ganze Schiff

Und auch sonst hat er das Schiff wirklich genossen, das Leben auf dem Schiff und ist da rumgeklettert überall. Der hat eigentlich alles sich angeguckt, was es auf dem Schiff gab. Der ist überall rumgeklettert, auch da, wo er gar nicht hin durfte. Der war auch sehr technikverliebt. Und unter anderem hat er eine Treppe entdeckt, die war eigentlich nur für das Personal gedacht, als schnelle Verbindung zwischen den einzelnen Decks. Und das wird später noch wichtig.

Und am Tag des Unglückes dinierte der junge Herr Nourney zunächst im Speisesaal der ersten Klasse. Und danach im Rauchersalon bei ein paar Whiskeys hat er es dann irgendwie raushängen lassen, dass er der Beste ist. Und hat eine Runde Bridge gespielt.

Na gut, auf jeden Fall, 20 vor 12 war das Schiff ruckelte leicht, weil es wurde ja dann, wie bekannt ist, von einem Eisberg gerammt. Respektive der Schiff hat den Eisberg gerammt, wenn man es genau nimmt. Aber das hat keinen so richtig gejuckt. Das ruckelt so ein bisschen. Und die Jungs haben kurz aufgehört, dann haben sie wigger jemaht.

Ja, das wollte auch gar keiner hören, dass der Herr Nourney da irgendwie mit einem unguten Gefühl durch die Kabine gerannt ist und hat irgendwie gesagt, Hilfe, Hilfe, Hilfe, hier kommt Wasser rein. Dann haben die erstmal gesagt, ja, da ist ein Rohr geplatzt oder sowas Ähnliches.

Eisbrocken auf dem Deck

Dann hat er aber Eisbrocken entdeckt, auf dem menschenleeren Deck. Und dann war er doch etwas, sag ich mal, verwirrt. Aber der Nourney kannte natürlich alle Wege in diesem Schiff, unter anderem auch diese Eisentreppe. So konnte er nämlich dann durch diese Eisentreppe genau rauf und ist dann oben aufs Deck gekommen.

Und jetzt wird die Geschichte ein bisschen krude. Und da muss man auch mal ein bisschen überlegen, ob das alles so stimmen kann. Angeblich wird er mitgerissen und kann sich gerade noch so an einem der Rettungsboote festhalten und sitzt da drin. Das Boot wird dann zu Wasser gelassen, unter anderem mit ihm dann, weil er ist ja reingefallen.

Und er sagte mal dazu, als die Titanic nun wirklich sank, das dauerte eine ganze Weile, das donnerte Rums, als sie sich auf den Kopf setzte und weg war sie. Und dann kam die schlimmste Zeit. Dann trieben die Menschen im eiskalten Wasser und schrien um Hilfe. Und das war wie ein Sirenenton.

Unglaubwürdige Verluste

Aber ich glaube nicht, dass es ihn das nachhaltig wirklich irgendwie geprägt hat, weil er ist tatsächlich auf dem Rettungsboot mal entspannt eingeschlafen. Und sein Rettungsboot war auch tatsächlich eins der ersten, welches von der berühmten Carpathia, also der erste Dampfer, der zum Unglücksort kam, was von denen aufgenommen worden ist. Und da war der feine Herr schön fein raus und hat sich dann entsprechend am Deck der Carpathia daneben benommen.

Da soll er nämlich nach Erzählungen einen ganzen Stapel Decken sich genommen haben, weil ihm war es ja kalt, dem feinen Herrn, und die anderen Passagiere konnten schön frieren. Aber der feine Herr hat noch mehr gemacht. Er hat nämlich anschließend dann mal, nachdem der Kutter gesunken ist, mal seine Versicherung angerufen und gesagt, oder die Versicherung von der White Star Line angerufen und gesagt, er hätte ja erhebliche materielle Verluste erlitten.

Und diese materiellen Verluste, die waren wirklich schon erheblich. Ja, also er soll acht Anzüge dabei gehabt haben, zwei Abendanzüge, zwei Jagdanzüge, wofür auch immer man die auf der Titanic und in Amerika braucht. Vier Mäntel, 40 Oberhänden, 15 Schlafanzüge, 14 Paar Schuhe, 10 Sets, Unterwäsche, 40 Kragen. Also ich sag mal, Mariah Carey hat weniger dabei, wenn die auf eine Welttournee geht.

Das ist alles so ein bisschen komisch. Ich würde ihn mal so als leicht Halbseiden bezeichnen. Das war alles nicht so ganz koscher, was der gemacht hat.

Er kam dann mit der Carpathia in New York an, ist dann wieder zurück, ist dann nach Frankreich.

Autorennfahrer

Die Fräulein Jablonska war auch Geschichte. Die war nicht mehr interessant für ihn. Und ist dann nach Bad Honnef gezogen. Er hat noch Autorennen gefahren, hat für Mercedes-Benz irgendwie so ein bisschen was verkauft und hat eigentlich ein sehr glückliches Leben geführt.

Im November 1972 ist er dann im Alter von 80 Jahren verstorben und hat seine letzte Ruhestätte auf einem repräsentativen Friedhofsstück auf Melaten gefunden. Das ist so ne kösche Jung, den eigentlich wirklich kein Mensch kennt. Würde mich jetzt wundern.

Also alle, die den schon vorher kannten, mögen sich mal kurz melden, dann falle ich wahrscheinlich tot um, wenn das mehr als fünf sind. Die Geschichte ist die einzige Verbindung, die mir bekannt ist zwischen Köln und der Titanic. Ich kannte den Alfred vorher auch nicht.

Und jetzt haben wir zwar abschließend nicht geklärt, ob auf dieses bescheuerte Tür, Rose und Jack, beide draufgepasst hätten. Ja, da werden wir auch niemals, werden wir da eine Lösung für finden. Ich sag ja, der hätte locker mal draufgepasst, wenn die mal ein bisschen zur Seite gerutscht wäre. Wobei, bei dem Gejaule von der Celine Dion wäre ich auch von dem Brett gerutscht.

Mit diesen Worten würde ich sagen, friert nicht zu viel im Wasser und maht et jood.

Vielen Dank fürs Zuhören.


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Dä Appel-Jupp – ein ganz besonderer kölscher Heiliger

Die Marienstatue in St. Maria im Kapitol mit Äpfeln zur Erinnerung an den Appel-Jupp, Bild: Superbass, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
Die Marienstatue in St. Maria im Kapitol mit Äpfeln zur Erinnerung an den Appel-Jupp, Bild: Superbass, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Touristen, die es nicht nur in den Dom, sondern bis in die Kirche St. Maria im Kapitol schaffen, wundern sich: Wieso liegen an der Marienstatue im Chor immer frische Äpfel? Der Kölsche schmunzelt, packt seinen mitgebrachten Apfel aus, legt ihn an die Marienstatue und freut sich diebisch, mal wieder für Verwirrung gesorgt zu haben.

Ein frommer, kleiner Junge aus Köln

Um das Jahr 1150 rum lebte in Köln der kleine Hermann. Ein ganz normaler Junge seiner Zeit, der sich mit seinen Freunden die Zeit vertrieb. Hermann war aber auch sehr, sehr fromm. Und so ging er, immer wenn er Zeit hatte, für ein kurzes Gebet in seine Pfarrkirche St. Maria im Kapitol.

In bester rheinisch-katholischer Art führte er regelmäßig Gespräche mit Maria, der Mutter Gottes. Sie wurde für ihn zu einer Freundin, der er in tiefstem Kölsch von seinen Sorgen, Nöten aber auch von seinen Freuden erzählte. Und er wartete vergeblich darauf, dass ihm die Statue auch einmal antwortete.

Ein Apfel für das Jesuskind

Bis zum Nikolaustag. An diesem Tag hatte der fromme Hermann vom Nikolaus einen besonders schönen Apfel bekommen. Hermann war schnell klar: Diesen Apfel wird er dem Jesuskind schenken.

Sofort ging er in die Kirche, und dann geschah das ersehnte Wunder: Die Statue der Maria erwachte zum Leben, nahm den Apfel und gab diesem dem Jesuskind. Für Hermann wurde ein Traum wahr. In Zukunft besuchte er noch öfters Maria mit dem Jesuskind, er spielte mit dem kleinen Jesus und brachte ihm noch weitere Geschenke mit. Für moderne, aufgeklärte Menschen eine eher bizarre Vorstellung.

Anthonis van Dyck,: Vision des Hermann Joseph, um 1630, Bild: Public domain, via Wikimedia Commons
Anthonis van Dyck,: Vision des Hermann Joseph, um 1630, Bild: Public domain, via Wikimedia Commons

Der Theologe Manfred Becker-Huberti sieht hinter dieser Geschichte einen ganz anderen Sinn. In einem Interview im Domradio erklärt er: „Das sieht für heutige Leute eher komisch aus. … Aber der Sinn, der dahinter steckt, ist ein anderer. Die Maria ist die neue Eva. Und die alte Eva hat die Schuld in die Welt gebracht, indem sie einen Apfel vom Baum der Erkenntnis heruntergenommen hat und rein gebissen hat. Dieser Apfel ist in den Händen der Eva das Symbol für die Erbschuld und in den Händen der Maria für die Befreiung von der Schuld. Der Hermann-Joseph ist derjenige, der sie um diese Erlösung bittet, das heißt, den Apfel an das Jesuskind weiterzugeben.“1Quelle: Domradio Ob der eher volkstümlich geprägte Glaube im 12. Jahrhundert diese Interpretation geteilt hätte, kann aber durchaus bezweifelt werden.

Große Marienverehrung

Hermann trat mit zwölf Jahren in das Kloster der Prämonstratenser in Steinfeld in der Eifel ein, studierte in Friesland, kehrte nach Steinfeld zurück und wurde dort zum Priester geweiht. Er war als Seelsorger im Umkreis des Klosters tätig.

Hermann war zeitlebens ein großer Marienverehrer und bekam, durch eine „mystische Vermählung mit der Gottesmutter Maria“ den Beinamen Joseph. Seine große Frömmigkeit führte zu weiteren Wundern. So sollen bei seinen Gottesdiensten regelmäßig in dem Kelch Rosen erschienen sein, deren Duft ganze Gotteshäuser erfüllt habe.

Hermann schrieb auch erbauliche Texte und Lieder. So wird ihm auch das älteste bekannte Herz-Jesu-Lied „Gruß an das heiligste Herz-Jesu“ zugeschreiben. Dort lautet es:

Öffne dich gleich einer Rose,
Duftend aus dem Blätterschoße,
Und vereine meinem Herzen
Deinen Duft und deine Schmerzen.
Wer liebt, was muss der leiden nicht?

Bis in das fast schon biblische Alter von 90 Jahren hielt Hermann an der Marienverehrung fest. Er starb am 7. April 1241 oder 1252.

Der Hermann-Joseph-Brunnen am Waidmarkt zeigt die entscheidende Szene: Maria nimmt von Hermann dem Apfel entgegen, Bild: Raimond Spekking
Der Hermann-Joseph-Brunnen am Waidmarkt zeigt die entscheidende Szene: Maria nimmt von Hermann dem Apfel entgegen, Bild: Raimond Spekking

Erinnerung in Köln als Appel-Jupp

Heute erinnern sich Kölner an ihren Hermann Joseph als „Appel-Jupp“, also „Apfel-Joseph“. Und so finden sich regelmäßig besagte Äpfel an der Marienstatue in St. Maria im Kapitol.

Zusätzlich wurde ihm ein Brunnen gewidmet. Dieser Brunnen steht am Waidmarkt und zeigt an seiner Spitze die ganz entscheidende Szene für das Leben vom Appel-Jupp: Maria nimmt von ihm dem Apfel entgegen.

Hermann-Josef-Brunnen am Waidmarkt um 1895, Fotograf: unbekannt
Damals noch im Mittelpunkt des Platzes, heute eher „an den Rand geschoben“: Der Hermann-Joseph-Brunnen am Waidmarkt um 1895, Fotograf: unbekannt

Heute geht der Brunnen am Waidmarkt etwas unter. Werner Schmidt schreibt, der Brunnen wirke „wie ein an den Platzrand geschobenes sperriges Möbel“.2Werner Schmidt: Der Bildhauer Wilhelm Albermann (1835–1913). Leben und Werk. In: Werner Schäfke (Hrsg.): Publikationen des Kölnischen Stadtmuseums. Band 3. Köln 2001 Auch Ronald Füllbrandt von den Kölschgängern sieht den Standort kritisch: „Der Brunnen stand am Platzeingang und war ein herrlicher Blickfang. Heute, nachdem sich das Stadtbild grundlegend verändert hat, ist sein Platz nicht mehr besonders schön. Er steht da, wie in die Ecke gedrängt und wird kaum beachtet.“3Quelle: Kölschgänger

Dann doch lieber – in bester kölscher Tradition – Äpfel zur Marienstatue in St. Maria im Kapitol bringen.


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Robert Pferdmenges – erfolgreicher Bänker und „Strippenzieher“ für Adenauer

Robert Pferdmenges hält die Rede als Alterspäsident bei der konstituierenden Sitzung des 4. Deutschen Bundestages am 17 Oktober 1961, Bild: Bundesarchiv, B 145 Bild-F011609-0006, Rolf Unterberg, CC-BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
Robert Pferdmenges hält die Rede als Alterspäsident bei der konstituierenden Sitzung des 4. Deutschen Bundestages am 17 Oktober 1961, Bild: Bundesarchiv, B 145 Bild-F011609-0006, Rolf Unterberg, CC-BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Die beiden kannten sich bereits mehr als 42 Jahre, als Adenauer dem Bankier Robert Pferdmenges das „Du“ anbot. Das war an Adenauers 85. Geburtstag. Zu diesem Zeitpunkt war Pferdmenges auch bereits 81 Jahre alt. So wurde Robert Pferdmenges zum einzigen Menschen, der auf „Du und Du“ mit dem Kanzler war. Daher gilt der Bankier Pferdmenges bei Historikern als einziger wirklicher Freund des in persönlichen Dingen eher unterkühlten ersten deutschen Bundeskanzlers.  

Erfolgreicher Bänker – Friedrich Engels als (angeheirateten) Onkel  

Geboren wurde Robert Pferdmenges am 27. März 1880 in Mönchengladbach als zweites von neun Kindern des Textilunternehmers Wilhelm Albert Pferdmenges und seiner Frau Helene. Nach Abitur und Banklehre machte er Karriere bei verschiedenen Banken mit Positionen in Antwerpen und London. Im Jahr 1919 zog er mit seine Frau Dora und den beiden Kinder nach Köln und wurde Vorstand der A. Schaaffhausen’scher Bankverein Actiengesellschaft.

Kurios: Sein (angeheirateter) Onkel war ein gewisser Friedrich Engels aus Wuppertal. Pferdmenges dazu: „Es ist nicht wahr, daß ich ihn je gesehen hätte. Aber es stimmt, daß es in unseren Familien ein geflügeltes Wort gab, das immer dann drohend angewandt wurde, wenn jemand über die bürgerlichen Stränge schlug: “Du wirst noch wie Onkel Friedrich.‘1DER SPIEGEL 5/1954 vom 26.01.1954. Diese Gefahr bestand beim Bankier Pferdmenges eher nicht.

1931 wechselte Pferdmenges die Position: Vom bisher angestellten Manager verschiedener Bankhäuser zum Teilhaber des Kölner Bankhaus Sal. Oppenheim jr. & Cie. Dort war er bis 1953 persönlich haftender Gesellschafter.

Pferdmenges – die „graue Eminenz“ Adenauers

Konrad Adenauer hatte dem erfolgreichen Manager viel zu verdanken: Obwohl keine eindeutigen Beweise vorliegen, gehen Historiker davon aus, dass es Robert Pferdmenges war, der Adenauer, welcher 1930 nahezu sein gesamtes Vermögen durch Fehlspekulation am Aktienmarkt verloren hatte, finanziell rettete.

Und auch die CDU profitierte von den Fähigkeiten des Strippenziehers Pferdmenges. Denn der Mann mit den besten Kontakten in die Industrie und Wirtschaft organisierte die notwendigen Spenden, ohne die die Kassen der CDU in den aufreibenden Wahlkämpfen der 1950er Jahre leer geblieben wären.

Gleichzeitig war er in der gerade neu gegründeten CDU der Mann, der den bürgerlich-evangelischen Flügel repräsentierte, während Adenauer als Katholik eher in der Tradition der Zentrumspartei stand. Daher drängte Adenauer den Protestanten Pferdmenges zu einer Kandidatur bei der ersten Bundestagswahl: 

Brief von Adenauer an Pferdmenges am vom 1. Juli 1949, Quelle: Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus, 12.02/3
Brief von Adenauer an Pferdmenges am vom 1. Juli 1949, Quelle: Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus, 12.02/3

Nur eine einzige Rede im Bundestag – und diese auch nur gezwungenermaßen

Pferdmenges gab dem Drängen Adenauers nach und war von 1950 bis zu seinem Tode im Jahr 1962 Mitglied des Bundestags. Allerdings war nicht der Plenarsaal und das Rednerpult sein eigentliches Arbeitsgebiet. Viel mehr agierte er im Hintergrund und diente Adenauer als „machtvoller, finanzkapitalistischer Drahtzieher der Politik in jenen Jahren“2Der SPIEGEL: Adenauers Mann für die Moneten, 05.11.2006

Seine in zwölf Jahren einzige Rede im Parlament hielt Pferdmenges auch eher unfreiwillig: Als Alterspräsident eröffnete er Mitte Oktober 1961 die vierte Legislaturperiode. Allerdings war er nicht der klassische „Hinterbänkler“, sondern ein Machtmensch, der genau wusste, welche Strippen im richtigen Moment zu ziehen sind.

Die Pferdmengesstraße in Marienburg erinnert an Robert Pferdmenges, Bild: Uli Kievernagel
Die Pferdmengesstraße in Marienburg erinnert an Robert Pferdmenges, Bild: Uli Kievernagel

Pferdmenges fungiert als Platzhalter für die Oppenheim-Familie

Als die nationalsozialistischen Machthaber die Familie Oppenheim im Jahr 1938 wegen derer jüdischen Wurzeln aus der Bank drängten, stell­te sich Pferd­men­ges vor die Fa­mi­lie und rettete das Bankhaus, indem er es zwar formell übernahm, die Fa­mi­lie Op­pen­heim blieb aber im Hintergrund Haupt­ei­gen­tü­mer. So fungierte er von 1938 bis 1947 als Platzhalter für die Eigentümerfamilie. Damit war auch eine Namensänderung verbunden. Aus Sal. Oppenheim wurde Pferd­men­ges & Co.. Für die Nationalsozialisten galt die Bank somit als „ari­siert“. Im Jahr 1947 konnte die Familie Oppenheim die Bank wieder übernehmen und unter der ursprünglichen Bezeichnung Sal. Oppenheim jr. & Cie. die Geschäfte wieder aufnehmen.

Dies führte später zu dem Vorwurf, Pferdmenges wäre ein „Nazi-Bänker“ gewesen. Es ist davon auszugehen, dass diese Vorwürfe haltlos sind. Tatsächlich wurde Pferdmenges nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 im Zusammenhang mit der Fahndung nach seinem Geschäftspartner Waldemar von Oppenheim sogar fest­ge­nom­men. Gegen ihn wurde ein Berufsverbot verhängt und er wurde auf sei­nem Gut in der Mark Bran­den­burg un­ter Haus­ar­rest ge­stellt.

Nach dem Krieg wurde Robert Pferdmenges von den Alliierten als „politisch einwandfrei“ beurteilt und auch ein eigens eingerichteter Untersuchungsausschuss der Kölner Stadtverordnetenversammlung bestätigte dies. Auch die Familie Oppenheim betonte, dass Pferdmenges durch die Zurverfügungstellung seines Namens das Bankhaus gerettet hatte.

Mandate in 27 (!) Aufsichtsräten 

Pferdmenges kehrte im Sommer 1945 nach Köln zurück und wurde bereits im September 1946 zum Präsidenten der Industrie- und Handelskammer ernannt. Der Netzwerker im Hintergrund führte erfolgreich die Bankgeschäfte des Bankhauses Oppenheim und sammelte Aufsichtsposten wie andere Menschen Briefmarken. So war er ab 1954 in 27 Aufsichtsräten vertreten.

Darunter waren Unternehmen wie Felten & Guilleaume, die Klöckner-Werke AG, die Nordstern Versicherung, Bahlsens Keksfabrik in Hannover oder auch die Zuckerfabrik von Pfeifer & Langen.

Robert Pferdmenges und Konrad Adenauer im Deutschen Bundestag (Mai 1960), Bild: Bundesarchiv, B 145 Bild-F008112-0015 / Egon Steiner, CC-BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
Robert Pferdmenges und Konrad Adenauer im Deutschen Bundestag (Mai 1960), Bild: Bundesarchiv, B 145 Bild-F008112-0015 / Egon Steiner, CC-BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Jahrzehntelange Freundschaft mit Adenauer

Verständlich, dass der streitlustige Adenauer den eher ausgleichenden Bänker eng an seiner Seite wissen wollte. So half der Vermittler Pferdmenges dem Kanzler nicht nur, die Mitbestimmung in der Montanindustrie im bürgerlichen Lager durchzusetzen, sondern auch die großen Spannungen zwischen Adenauer und seinem Wirtschaftsminister Ludwig Erhard auszugleichen. Es ist davon auszugehen, dass ohne den Vermittler Robert Pferdmenges die Regierung im dritten (1957 – 1961) und vierten (1961 – 1963) Kabinett Adenauers zerbrochen wäre. Deshalb ist es zu verstehen, dass ausgerechnet ein protestantischer Bänker zum einzigen Duz-Freund Adenauer wurde.

Robert Pferdmenges verstarb am 28. September 1962 im Alter von 82 Jahren in seiner Wahlheimat Köln. Sein Grab befindet sich auf dem evangelischen Friedhof in Mönchengladbach. Bei der Trauerfeier in der Kölner IHK3am 3. Oktober 1962 betonte Adenauer seine äußerst enge Verbindung zu seinem (vermutlich einzigen echten) Freund:

 „Wir haben uns zunächst in Köln nach dem ersten Weltkrieg kennengelernt. Wir sind uns bald nahe gekommen und schlossen Freundschaft, die jahrzehntelang bis jetzt gedauert hat, und niemals in ihrer Harmonie getrübt war, eine Freundschaft, die durch alle Zeiten und Wechselfälle des Lebens gewahrt wurde von ihm und von mir.“


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Kölsche Originale: Fressklötsch – legendärer Vielfraß und hochgeachteter Bürger

Johann Arnold Klütsch, genannt "Fressklötsch", um 1834, Portait von Simon Meister, aus dem Buch "Kölsche Originale", Reinhold Louis, Greven Verlag Köln, 1985
Johann Arnold Klütsch, genannt „Fressklötsch“, um 1834, Portait von Simon Meister, aus dem Buch „Kölsche Originale“, Reinhold Louis, Greven Verlag Köln, 1985
Podcast Fressklötsch, 36
 

Um Johann Arnold Klütsch, in Köln als „Fressklötsch“ bekannt, ranken sich unzählige Legenden:

„Er hat ein 1.000 Pfund schweres Kanonenrohr eigenhändig weggeschleppt.“

„Er hat ein ganzes Rad Käse auf einen Schlag gegessen.“

„Er hat einen Franzosen mitsamt Wachhaus einfach weggetragen.“

„Er hat ein ganzes Kalb gegessen – und dazu noch ein ganzes Brot.“

„Nur er war in der Lage, die originale Rüstung Jan von Werths zu tragen.“

Wieviel Wahrheit in diesen Erzählungen steckt, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Fest steht, dass Johann Arnold Klütsch eine beeindruckende Karriere hingelegt hat – vom Analphabeten bis zum geachteten Geschäftsmann und Geschäftspartner von Ferdinand Franz Wallraf. Doch die kolportierten Geschichten über seine Fähigkeit, Unmengen trinken und essen zu können sowie über seine gewaltige Köperkraft überstrahlen alles.

Bärenstark und immer hungrig

Die bekannteste Legende rund um Fressklötsch ist die Geschichte mit dem holländischen Käse: Als Lohn dafür, dass der bärenstarke Klütsch beim Entladen eines Schiffs aus Holland geholfen hatte, erhielt er ein ganzes Rad Käse. Auf dem Weg nach Hause passierte er die Zollgrenze der Stadt. Doch statt, wie vom Zöllner aufgefordert, den fälligen Steuersatz auf den Käse zu entrichten, setzte sich Fressklötsch ganz entspannt an den Wegesrand und fing an, unter den Augen der Grenzbeamten den Käse zu verspeisen. Als dieser restlos verputzt war, setze Klütsch ungerührt seinen weg in die Stadt fort. Ohne auch nur eine Taler Zoll zu bezahlen.1Andere Zeitgenossen war bei der Vermeidung der fälligen Zollsätze etwas raffinierter, wie die Geschichte von Bolze Lott beweist.

Wieviel Wahrheit in dieser Legende liegt bleibt offen. Genau wie die Geschichte, als Fressklötsch sich mit einem französischen Soldaten angelegt hatte. Dieser hatte darauf bestanden, dass Klütsch, wie vorgeschrieben, ohne Zigarre im Mund an ihm vorbeilaufen sollte. Klütsch sah das ganz anders, packte den Besatzungssoldaten, stellte ihn in sein kleines Wachhäuschen und setzte Soldat samt Wachhaus so nah an die Kaimauer des Rheins, dass der Soldat schlichtweg nicht mehr aus seinem Häuschen kam, ohne in den Fluß zu fallen.

Überhaupt hatte Johann Arnold Klütsch es so gar nicht mit den Franzosen. Angetrunken beobachtete er, wie in der Trankgasse französische Kanonen von einem Pferdefuhrwerk abgeladen wurden. Der bärenstarke Klütsch fackelte nicht lange und schnappte sich eine der Kanonen und lief damit schnell weg. Schnell wurde klar, dass in Köln nur Fressklötsch in der Lage wäre, solche Gewichte einfach fortzutragen. Doch in dem eilig anberaumten Gerichtsprozess wurde Klütsch freigesprochen, weil es Richter und Geschworene nicht für möglich hielten, dass ein einzelner Mann ein „1.000 Pfund schweres Geschützrohr“ stehlen könnte. Hocherfreut über den Freispruch schnappte sich Klütsch noch im Gerichtssaal das als Beweismittel herbeigeschaffte Kanonenrohr und verließ mit diesem unter dem Arm tänzelnd das Gebäude.

Kein tumber Vielfraß

Die legendären Geschichten um Fressklötsch beginnen bereits mit seiner Geburt: Je nach Quelle kursieren verschiedene Geburtsdaten. Gemäß seiner Todesanzeige wäre Klütsch am 23. Februar 1775 geboren. Im Kirchenbuch seiner Pfarre wird das Geburtsjahr mit 1778 angegeben, auch gemäß der Heiratsurkunde wäre er Jahrgang 1778. Egal welcher Quelle man traut: Als Klütsch am 29. November 1845 starb, hatte er mit mindestens 67 Jahren, vielleicht sogar 70 Jahren, ein fast schon biblisches Alter erreicht. Statistisch gesehen betrug im 19. Jahrhundert die durchschnittliche Lebenserwartung für Männer etwas mehr als 35 Jahre.

Bei seiner Hochzeit am 13. April 1804 fehlt auch seine Unterschrift unter der Urkunde. Stattdessen wurde dort vermerkt „Ehegatte erklärt, er könne nicht schreiben.“ Packt man diese Information mit den erzählten Legenden über Fressklötsch zusammen, ergibt sich das Bild eines tumben, übermäßig gefräßigen Menschen.

Doch je mehr man über Johann Arnold Klütsch erfährt, desto mehr erkennt man, dass dieses Bild trügt. Tatsächlich war er ein angesehener Bürger und Geschäftsmann. Im Jahr 1804, zum Zeitpunkt der Heirat, war Klütsch Abdecker und handelte mit Fleischabfällen. Doch dann lernte er Schreiben und Lesen und wurde Altrüscher.2Altwarenhändler Er lernte den Gelehrten und in der Oberschicht verkehrenden Franz Ferdinand Wallraf kennen und durch ihn auch den Blick auf wertvolle Antiquitäten. So wurde aus dem Altwarenhändler Klütsch der Antiquitätenhändler Klütsch mit einem so hervorragenden Ruf, dass er sogar als Taxator für die Stadt Köln den Wert von Antiquitäten feststellte.

Fahnenstange der 2. Compagnie des Pompiers-Corps. Klütsch war Sous-Chef dieser Compagnie, Bild: Nicola, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons
Fahnenstange der 2. Compagnie des Pompiers-Corps. Klütsch war Sous-Chef dieser Compagnie, Bild: Nicola, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Wegbereiter der Feuerwehr

Dank seiner Freundschaft zu Ferdinand Franz Wallraf, einem der Mitbegründer des „Festordnenden Comités“3Welches später zum heute noch existierenden Festkomitee des Kölner Karnevals werden sollte. war Fressklötsch im Jahr 1823 ganz eng an dem Kreis von Menschen, welcher den Kölschen Karneval wiederbeleben sollte. In einem späteren Rosenmontagszug soll es Klütsch gewesen sein, der dank seiner Bärenkräfte als einziger in der Lage war, die aus dem Stadtmuseum geliehene Rüstung des Jan von Werth den ganzen Zug über tragen zu können.

Ebenfalls machte er sich einen Namen beim Aufbau der Freiwilligen Feuerwehr. Stolz trug der den Titel „Sous Chef der 2. Compagnie des Pompiers-Corps“.

Gemäß dem Totenzettel Johann Arnold Klütsch nachempfunden, Original: Historisches Archiv der Stadt Köln
Gemäß dem Totenzettel Johann Arnold Klütsch nachempfunden, Original: Historisches Archiv der Stadt Köln

Für die damaligen Verhältnisse hochbetagt verstarb Johann Arnold Klütsch im Alter von 67 – oder 70 Jahren – am 29. November 1845 an einer Unterleibsentzündung, welche wohl ein Lungenödem hervorgerufen hatte. Sein Totenzettel besagt, dass es sich um einen „wohlachtbaren Herrn“ gehandelt hätte.

Und das ist ein schöneres Vermächtnis als „nur“ als Kraftprotz und Vielfraß in die Geschichte einzugehen.


Tief im kollektiven Gedächtnis der Stadt verankert: Die "Kölschen Originale"
Tief im kollektiven Gedächtnis der Stadt verankert: Die „Kölschen Originale“

Weitere Geschichten zu den „Kölschen Originalen“ gibt es hier:


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Kölsche Originale: Fleuten-Arnöldche – gutmütiger Künstler mit einer ausgeprägten Schwäche für Alkohol

Der Musikant Arnold Wenger, bekannt als Fleuten-Arnöldche, auf dem Karl-Berbuer-Brunnen Bild: Uli Kievernagel
Der Musikant Arnold Wenger, bekannt als Fleuten-Arnöldche, auf dem Karl-Berbuer-Brunnen Bild: Uli Kievernagel

Eine Kölner Schankstube in den in 1860er Jahren: Eine ganze Schänke voller  fröhlicher Zecher, jeder einen vollen Becher Bier vor sich und in der Ecke steht ein kleingewachsener, pausbäckiger Mann und spielt auf seiner Flöte. Der kleine Mann mit der Flöte ist Arnold Wenger, in Köln aber als „Fleuten- Arnöldche“ bekannt: 

„In der Wirtsstube herrscht reges Leben und fast sämtliche Tische sind besetzt. Es sind nur Kölner in der Wirtsstube, Fremde sieht man nicht und man hört auch keinen fremden Dialekt; die Leute sprechen alle kölsch. … Die einzelnen Gruppen sind in lebhafter Unterhaltung begriffen, und es geht ziemlich laut dabei zu. … Doch plötzlich bemerkt man ein Getuschel an den Tischen, die Gäste stoßen sich an und aller Augen sind auf die Türe gerichtet, wo eben ein neuer Gast mit einer langen Flöte unter dem Arm hereingetreten war. Gleich am ersten Tisch wurde „Fleuten-Arnöldchen“, das war der neue Gast, festgehalten und herzlich begrüßt. Er bekam ein Glas Bier, das er in einem Zuge leerte, und dann blies er ein Stück auf seiner Flöte, während der Zappjung sein Glas wieder füllte.“1 Heinz Sartorius, ein Zeitzeuge, zitiert nach Reinhold Louis: Kölner Originale, Greven Verlag 1985, Seite 136

Gasthäuser, Flöte und der Alkohol bestimmen das Leben vom Flöten Arnöldche

Diese eindrucksvolle Schilderung beinhaltet fast alles, was das Leben von Arnold Wenger, genannt Fleuten-Arnöldche, auszeichnete: Geselligkeit, Gasthäuser, Flöte spielen und viel Alkohol. Wenger wurde am 12. Februar 1836 in Köln geboren. Sein Geburtshaus lag in der Sankt-Apern-Straße, unweit vom Römerturm. Und genau hier beginnt auch der Aufstieg und Fall des kölschen Musikanten.

Sein Vater betreibt eine Weinstube, so der frühe Zugang des jungen Arnold zum Alkohol. Außerdem ist der Vater ein talentierter Musiker, der Wert darauf legt, dass sein Sohn Noten lesen und ein Instrument, in diesem Fall Querflöte, zu spielen erlernt. Alkohol und Flöte – die Grundlagen des späteren Lebens vom Fleuten-Arnöldche wurden somit schon in frühester Kindheit gelegt.

Arnold Wenger, ermuntert vom Applaus der Zecher in der väterlichen Weinstube, beschließt, seinen Lebensunterhalt mit Musik zu bestreiten. Dabei hätte er auch die Begabung gehabt, in einem Orchester zu spielen. Allerdings entscheidet sich das Fleuten-Arnöldche dazu, als Straßenmusikant sein Geld zu verdienen. Eine fatale Entscheidung.

Er zieht mit seiner Flöte durch die kölschen Gaststuben. Der sanfte, gutmütige Flötenspieler war durchaus beliebt, und die Gäste in den Kneipen schätzten sein Flötenspiel. Seinen Lohn erhält er regelmäßig in flüssiger Form. Bis in die 1870er Jahre ging das auch noch halbwegs gut. Die Kölner Marktfrauen, eigentlich eher schroffe Naturen, schlossen den kleine Arnold ins Herz und versorgten ihn regelmäßig mit etwas zu essen – und auch zu oft mit Getränken.

Doch obwohl Fleuten-Arnöldche ein durchaus geübter Zecher war, kam es immer öfter zu „Totalausfällen“ und die Polizei musste den Trinker immer öfter von der Straße aufsammeln.

Ironie des Schicksals: Zwei Kölsche Originale begegnen sich – aber unfreiwillig

Ab 1875 eskalierte die Situation. Der völlig verwahrloste Wenger, übersät mit Eiterpusteln und gehüllt in schäbige, stinkende Kleidung, wurde in die Arbeitsanstalt Brauweiler eingewiesen. Er bekam keinen Alkohol und musste tatsächlich zum ersten Mal in seinem Leben körperlich arbeiten.

Genau hier kreuzen sich die Lebenswege zweier Kölscher Originale: Genau wie das Fleuten-Arnöldche ist auch das Kölsche Original Heinrich Peter Bock, besser bekannt als „Maler Bock“, in den 1870er Jahren ebenfalls unfreiwilliger Insasse in Brauweiler. Die beiden sind sich in ihrer tiefen, gegenseitigen Ablehnung einig: Der Bohémien Bock moniert, dass der eher einfältige Wenger ihm den Respekt verweigert und ihn mit „du“ anspricht. Arnold Wenger ist der abgehobene Lebemann Bock mit seiner oft gestelzten Sprache zuwider.

Et Fleuten-Arnöldche, Bild: rs-bierdeckel.de, Reinhold Schäfer
Et Fleuten-Arnöldche, Bild: rs-bierdeckel.de, Reinhold Schäfer

Unverhoffte Erbschaft von 6.000 Mark

Doch das Fleuten-Arnöldchen hatte Glück. Er erhielt eine unverhoffte Erbschaft in Höhe von 6.000 Mark. Dieses Geld versetzte ihn in die Lage, mit der Stadt Köln einen Vertrag auszuhandeln: Er zahlte die gesamte Erbschaft an die Stadt, diese verpflichtete sich im Gegenzug dazu, ihm zeitlebens eine Unterkunft zu bieten und ihn zu verpflegen.

So zog Fleuten-Arnöldche im November 1875 in das Bürgerhospital am Neumarkt. Doch auch hier konnte es der alkoholabhängige Wenger nicht lange aushalten. Sein geringes Taschengeld setzte er umgehend in Schnaps um. Mit den bekannten Auswirkungen. Daher wurde Arnold Wenger bereits ein Jahr später in die Krankenanstalt Lindenburg verlegt. Und hier gelang es den Ärzten und Therapeuten, den kranken Arnold Wenger wieder aufzubauen.

Und alle, die das Fleuten-Arnöldchen bereits abgeschrieben hatten, wurden eines Bessern belehrt. Der dank seiner Erbschaft als „Pensionär 1. Klasse“ geführte Wenger blühte regelrecht auf. Und auch seine Flöte kam wieder zu Ehren. Regelmäßig sonntags spielte das Fleuten-Arnöldche für alle in der Lindenburg. Und bekam dafür seinen verdienten Applaus.

So konnte Arnold Wenger seine letzten Lebensjahre zufrieden und – zumindest in der Lindenburg – geachtet verbringen, bis er am 25. Oktober 1902 dort an einem Kehlkopfleiden verstarb. Er wurde 66 Jahre alt – bei seinem Lebenswandel ein durchaus bemerkenswertes Alter.

Das "Fleuten-Arnöldche" als Sgraffito (Hauswand Alte Wallgasse 27-29), Bild: Sebastian Löder / CC BY 4.0
Das „Fleuten-Arnöldche“ als Sgraffito (Hauswand Alte Wallgasse 27-29), Bild: Sebastian Löder / CC BY 4.0

Flöte wird 2019 wiederentdeckt

Seine Flöte vermachte das Fleuten-Arnöldche dem Kölner Heimatverein. Von dort aus gelang das Instrument zum Kölnischen Stadtmuseum. Und geriet in Vergessenheit. Erst bei Aufräumarbeiten im Archiv im Jahr 2019 entdeckten Mitarbeiter des Museums die Flöte, die sich noch im Originalkarton befand.

Und die irgendwann, wenn das Museum in den am Roncalliplatz geplanten Neubau einzieht, erhält die Flöte des Kölner Originals Fleuten-Arnöldche mit Sicherheit einen Ehrenplatz.


Funkrufname „Arnold“ – Herkunft unbekannt

Wenn sich die Kölner Polizisten per Funk ansprechen, nutzen sie zur Identifizierung den Funkrufnamen „Arnold“. Woher dieser Name stammt, ist unbekannt. Der Polizeisprecher Christoph Gillen im Kölner Stadt-Anzeiger2vom 5. Mai 2024 dazu: „Die Herkunft ist tatsächlich nicht eindeutig geklärt, es gibt keine Quellen dazu.“  

Die Funkrufnamen anderer Polizeibehörden sind nachvollziehbar: In München lautet dieser „Isar“, in Aachen „Printe“, in Düsseldorf „Düssel“ oder in Oberhauen „Emscher“. Nur für „Arnold“ in Köln gibt es keine Erklärung. Daher mutmaßt Tim Stinauer in Kölner Stadt-Anzeiger3vom 6. Mai 2024, dass es vielleicht vom „Fleuten-Arnöldchen“ stammt. Lustig, aber eher unwahrscheinlich.

Nur am Rande: Der Funkrufname der KVB lautet „Tünnes“. Und das ist urkölsch und bedarf keiner weiteren Erklärung.


Em Himmel es d´r Düvel loss

Da wäre ich auch gerne irgendwann mal mit dabei! In dem bekannten Schunkel-Walzer „Un et Arnöldche fleut“ von Karl Berbuer treffen sich die ganzen Kölner Originale im Himmel und feiern Karneval. Selbstverständlich mittendrin: Arnold Wenger mit seiner Flöte.

Un et Arnöldche fleut, un d´r Herrgott hät sing Freud,
und d´r Ostermanns Will dä sing so schön,
es quietschen däm Palm sing Urgelstön,
un et Arnöldche fleut, un dr Herrgott hät sing Freud,
un der Läsche Nas ehr as wed nass,
weil Kölle nit unger geiht.


Tief im kollektiven Gedächtnis der Stadt verankert: Die "Kölschen Originale"
Tief im kollektiven Gedächtnis der Stadt verankert: Die „Kölschen Originale“

Weitere Geschichten zu den „Kölschen Originalen“ gibt es hier:


Michael Waßerfuhr von den Kölschgängern erzählt die Geschichte vom Fleuten-Arnöldche in einem wunderschönen Kölsch. Schaut mal rein, lohnt sich!


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Ein paar Fragen an Christiane Rath – „Grabaneignung“ auf dem Kölner Südfriedhof

Christiane Rath am Grab von Heinz und Heinzchen Rausch, Bild: Uli Kievernagel
Christiane Rath am Grab von Heinz und Heinzchen Rausch, Bild: Uli Kievernagel

Ein scheinbar herrenloses Grab auf dem Südfriedhof pflegen. Ohne irgendeine Beziehung zu den dort bestatteten Menschen. Und dann darüber ein Buch veröffentlichen. Klingt nach einer erzählenswerten Geschichte.  Deswegen treffe ich Christiane Rath direkt dort, wo alles angefangen hat: Auf dem Südfriedhof, Flur 33, gegenüber der Bestattungsgärten.

Dr. Christiane Rath ist ein eine bemerkenswerte Frau. Sie ist eine nur zufällig in Oberhausen geborene und in Düren aufgewachsene Rheinländerin, hat in Bonn Romanistik studiert und auch dort promoviert. Sie lebt seit 1988 in Köln. Neben ihrer Tätigkeit als freischaffende Künstlerin, Autorin und Redakteurin des Kölner Straßenmagazins „Draussenseiter“ leitet sie gemeinsam mit agii gosse den Kölner Kunstverein „68elf e.V.“.

Bereits 2017 reift bei einem ihrer zahlreichen Spaziergänge über den Südfriedhof die Idee, sich eines der offensichtlich verlassenen Gräber „anzueignen“. Es dauerte aber noch bis Ende 2019, bis dieser Plan in die Realität umgesetzt wurde. Jetzt stehen wir vor dem Grab von Heinz und Heinzchen Rausch mit dem bemerkenswerten Grabstein aus drei verbundenen Kreuzen.

Christiane – du hast eine Jahreskarte vom Kölner Zoo. Anscheinend ist aber der Südfriedhof für dich interessanter als Giraffen, Löwen und Erdmännchen. Warum?

Ich kenne den Zoo in- und auswendig, ich habe auch bereits zwei Bücher über den Zoo geschrieben – über Friedhöfe noch keins. Ich liebe Friedhöfe und schaue mir diese überall an. Ich bin auch viel auf dem Melaten-Friedhof unterwegs. Aber der Südfriedhof ist für mich schöner als Melaten. Er ist verwinkelter, geheimnisvoller.

Christiane Rath: "Der Kölner Zoo" und "Die Elefanten zu Köln", beide bei Kiepenheuer & Witsch erschienen
Christiane Rath: „Der Kölner Zoo“ und „Die Elefanten zu Köln“, beide bei Kiepenheuer & Witsch erschienen

Wie kommt man auf die Idee, einfach ein Grab von wildfremden Menschen zu pflegen?

Es stört mich, wenn Gräber verlassen sind und nicht gepflegt werden. Das macht mich traurig. Eigentlich zupfe ich ständig an irgendwelchen Gräbern herum, wenn ich auf Friedhöfen unterwegs bin. Tatsächlich habe ich heute auch wieder Handschuhe dabei, um Gräber von Dornen zu befreien.

Moment mal – da könnte ja jeder kommen und einfach wildfremde Gräber pflegen. Wir sind doch schließlich in Deutschland! Hier ist alles geregelt. Ist das denn überhaupt erlaubt?

Eigentlich ist das nicht so außergewöhnlich, wie man denkt. Viele Menschen pflegen auch Nachbargräber. Juristisch ist das irgendwie eine Grauzone. Man zerstört ja nichts, sondern pflegt eine Grabstelle. Wieso sollte das also verboten sein? Eine „Temporäre Grabaneignung“, wie ich sie mit dem Rausch-Grab vorgenommen habe, ist natürlich nicht mit einem Patenschaftsgrab zu vergleichen.1Anmerkung: Patenschaftsgräber sind eine kölsche Erfindung: Menschen können Patenschaften an denkmalgeschützten Grabanlagen übernehmen. Sie erhalten damit das Recht dort beigesetzt zu werden und sind im Gegenzug dazu verpflichtet, die Anlage mit Übernahme der Patenschaft in Abstimmung mit der Denkmalbehörde instand zu setzen und zu unterhalten. Die Nutzungsgebühr wird erst im Beisetzungsfall erhoben.

Auf dem Südfriedhof gibt es insgesamt 47.400 Grabmäler. Ich schätze mal, 5% davon sind verwildert und werden nicht mehr gepflegt. Macht knapp 2.400 Gräber. Warum hast du dir gerade das Rausch-Grab „angeeignet“?

Ich habe gezielt auf dem Südfriedhof nach einem Grab gesucht, das mich persönlich anzieht und stand plötzlich vor dem Rausch-Grab.

Rausch klingt nach Fröhlichkeit, nach Ausschweifung. Und dann wurde Heinz Rausch ausgerechnet am 22.2.22 geboren – diese Schnapszahl passt zum Namen „Rausch“. Heinzchen wurde nur 17 Jahre alt. Der Grabstein besteht aus drei miteinander verbundenen Kreuzen – es wurden hier aber nur zwei Personen bestattet. Es bleibt eine Leerstelle: Was ist mit der Mutter? Dieses ganz spezielle und sehr verwilderte Grab hat direkt meine Phantasie spielen lassen.

Das Rausch-Grab noch vor der Grabaneignung, Bild: Christiane Rath, aus dem Buch "Unvergessen - Eine temporäre Grabaneignung" (76 Seiten, 30 Euro, Bestellung unter christiane@rath-art.de)
Das Rausch-Grab noch vor der Grabaneignung, Bild: Christiane Rath, aus dem Buch „Unvergessen – Eine temporäre Grabaneignung“ (76 Seiten, 30 Euro, Bestellung unter christiane@rath-art.de)

Ein befreundeter Biologe hat, bevor ich Anfang 2020 angefangen habe, das Rausch-Grab zu pflegen, mit mir eine Bestandsaufnahe gemacht und geht davon aus, dass sich mindestens drei Jahre lang niemand mehr um dieses Grab gekümmert hat.

In deinem Buch „Unvergessen – Eine temporäre Grabaneignung“ beschreibst du dein Projekt. Warum geht es in dem Buch nicht um Fakten oder Lebensläufe der verstorbenen Heinz und Heinzchen Rausch, sondern um mögliche Varianten, wie sich das Leben dieser beiden Menschen abgespielt haben könnte?

Ich habe tatsächlich, bevor ich angefangen habe, das Grab zu pflegen, kurz recherchiert, ob ich hier nicht ein „Wespennest“ stoße. Aber ich habe nichts gefunden. Also habe ich angefangen mir zu überlegen, wie das Leben von Heinz und Heinzchen gewesen sein könnte.

Dabei habe ich mir keine ganzen Lebensläufe ausgedacht, sondern immer nur mögliche Episoden aus dem Leben – so wie Puzzlestücke.  

In dem Buch verschmelzen deine eigenen Erlebnisse mit den fiktiven Lebensläufen von Heinz und Heinzchen Rausch. In einer Variante ziehst du eine Parallele zwischen Heinzchen und deinem ersten Freund. Einer der beiden kommt bei einem tragischen Verkehrsunfall ums Leben. Offen bleibt, ob Heinzchen Rausch oder dein erster Freund gemeint ist.

Aus realen Lebensläufen kann man sich fiktive Lebensläufe – oder Episoden wie Puzzlestücke aus dem Leben – zusammensetzen. Wir alle haben ähnliche Puzzlestücke, zum Beispiel Geburt, Weihnachtsfeiern, erster Schultag. Es gibt aber auch große Unterschiede, zum Beispiel die erste Liebe oder Verlust durch Todesfälle.

Bei dem in dem Buch erwähnten Unfall habe ich Puzzlestücke aus dem Leben zweier Personen in einer Fiktion zusammengeführt: Ich hatte einen Freund, meine erste große Liebe. Ich war 14 Jahre alt, er 17. Ständig bastelte er an seinem Moped herum. Und dann gab es den Sohn von Freunden meiner Eltern, der bei einem Unfall ums Leben kam. Eine freie Straße, schnurgeradeaus und er fährt auf der linken Spur mit seinem Motorrad frontal in einen LKW. Ob es ein Selbstmord war, ist nie geklärt worden.

In der Fiktion zu „Heinzchen“ verschmelzen diese beiden Puzzlestücke.


Christiane Rath: Unvergessen - Eine temporäre Grabaneignung
Christiane Rath: Unvergessen – Eine temporäre Grabaneignung

Christiane Rath: Unvergessen – Eine temporäre Grabaneignung.
76 Seiten, 30 Euro, Bestellung unter christiane@rath-art.de


Du hast zwischenzeitlich in Erfahrung bringen können, wer Heinz und Heinzchen Rausch wirklich waren. Gab es Überraschungen?

Ich bin von Bekannten der Familie angesprochen worden. Es gibt tatsächlich Überraschungen. Hinter dem Grab steckt eine urkölsche und tragische Geschichte. Aber die verrate ich nur den Menschen, die mein Buch gelesen haben, und das auch nur persönlich.

Wie geht es jetzt weiter? Wirst du dich auch weiterhin um das Rausch-Grab kümmern oder zieht es dich dann doch irgendwann lieber wieder regelmäßig in den Zoo?

In den Zoo gehe ich regelmäßig mit meinem Patenkind. Das Projekt der Grabaneignung habe ich am 29. Dezember 2020 beendet. Trotzdem lässt mich das Rausch-Grab nicht los, ich bin oft hier, um das Grab zu pflegen.

Vielleicht ist es auch eine Projektionsfläche für mich: Auch mein Vater und mein Bruder sind in einem gemeinsamen Grab in Düren beigesetzt. Unter einer Marmorplatte. Dort kann man nichts pflegen.

So spiegelt das Grab von Heinz und Heinzchen Rausch auch irgendwie Puzzlestücke aus meinem Leben wider. Aber dies war auf keinen Fall die ursprüngliche Idee der Grabaneignung.


 

Christiane Rath, eine nur zufällig in Oberhausen geborene Rheinländerin, Bild: Christiane Rath, www.rath-art.de/
Christiane Rath, eine nur zufällig in Oberhausen geborene Rheinländerin, Bild: Christiane Rath, www.rath-art.de/

Genau wie alle anderen Menschen in meiner Rubrik „Ein paar Fragen an …“ hat auch Christiane Rath zu meinen „kölschen Fragen“ Rede und Antwort gestanden. 

Wenn nicht Köln – wo sonst könntest du leben? Und warum gerade dort?

Eigentlich nur in Köln. Aber wenn ich weg muss, dann gerne nach Ligurien. Dort gibt es das Meer und hervorragendes Essen. Und Genua ist irgendwie wie Köln: Nicht überall schön.

Was machst du zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch?

Fastelovend fiere.

Und was zwischen Aschermittwoch und Weiberfastnacht?

Sehnsüchtig auf den 11.11. warten.

Nenne ein/zwei/drei Gründe, warum man Köln morgen verlassen sollte.

Kenne keine. Ich will ja auch nicht weg.

Dein Lieblingsschimpfwort auf Kölsch?

Tütenüggel

Bitte vervollständige den Satz: Köln ist …

… mein zuhause! Ich fühle: Ich muss irgendwie in Köln sein.


Diese Menschen haben bisher meine Fragen beantwortet: 


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Kölsche Originale: Bolze Lott – gewiefte Schmugglerin mit losem Mundwerk

Ein " Cul de Paris", hier auf einem Bild von Renoir, ist ein extrem ausladender Reifrock, welcher sich hervorragend eignet, darunter Schmuggelgut zu verstecken.
Ein „Cul de Paris“, hier auf einem Bild von Renoir, ist ein extrem ausladender Reifrock, welcher sich hervorragend eignet, darunter Schmuggelgut zu verstecken.

 

Es muss ein ganz besonderer Anblick gewesen sein, der sich den Kölner Zöllnern etwa um das Jahr 1850 geboten hat: Eine Frau, kaum noch Zähne im Mund, aber gekleidet nach der neuesten Mode mit einem extrem ausladenden „Cul de Paris“, watschelt schwerfällig über die Deutzer Schiffsbrücke. Dabei verdeckt der ausladende Reifrock mit der starken Überbetonung des Hinterteils nicht nur den Frauenkörper, sondern auch mehrere Pfund Mehl und Speck, welche die Dame unter ihrem Rock versteckt an den Beamten vorbei in das linksrheinische Köln schmuggelt.

Die Zöllner hatten eindeutig Respekt vor dieser ganz besonderen Gestalt, die da über die Brücke kam. Handelte es sich doch um niemand geringeres als Scholastika Steinhausen, geb. Bolz. In Köln besser bekannt als „Bolze Lott“ und der Schrecken eines jeden Zollbeamten. Denn jede Leibesvisitation wird von der Dame lautstark und mit Worten, die selbst einen Bierkutscher rot werden lassen, als Grabscherei bezichtigt und die Zöllner als Föttchesföhler verunglimpft. Dabei wollten die Beamten nur ihrer Aufgabe nachgehen und die im Jahr 1856 neu eingeführte Mehl- und Schlachtsteuer einziehen.

Bolze Lott lebte in einer rauen Welt

Geboren wurde Scholastika Lott (lat. scholastica „die Lernende) am 8. Dezember 1825 in der Kostgasse am (heutigen) Breslauer Platz. Zu Zeiten der Bolze Lott wurde die Straße Kotsgasse (von „kut“ für Innereien) genannt, weil hier Metzger Eingeweide und Abfälle des Schlachtviehs verarbeiteten. Eine raue Gegend, in der sich Bolze Lott aber durch ihr vorlautes Mundwerk durchzusetzen wusste.

Ihr Eheglück – im Jahr 1846 heiratet sie den Rhingroller1Rhingroller waren billige Tagelöhner, die die Rheinschiffe mit reiner Muskelkraft be- und entladen mussten. Johann Friedrich Steinhausen – währte nur sehr kurz. Der bekannte Schläger und Raufbold Steinhausen muss noch während der Flitterwochen ins Gefängnis und stirbt kurz darauf. So ist Bolze Lott bereits mit 22 Jahren Witwe und muss alleine für ihren Lebensunterhalt sorgen.

Karriere als gewiefte Schmugglerin

Als „Käätzemöhn“ verkauft Bolze Lott vor den Kirchen Kerzen an Gläubige – inklusive dem Service, diese Kerzen auch aufzustellen und anzuzünden. Um das Geschäft etwas lukrativer zu machen, „vergisst“ sie regelmäßig, die Kerzen auch tatsächlich in der Kirche  aufzustellen. Als sich das herumspricht, bleiben die Kunden aus.

Wie gut für Bolze Lott, dass ab 1856 zwei Dinge zusammenkommen: Die neue Steuer für Produkte aus dem Rechtsrheinischen und die Mode der ausladenden Röcke. So verdient sie sich als Schmugglerin ihren Lebensunterhalt.

Die listige Lotte wurde so der Albtraum der Zöllner. Denn sie verstand es auch ohne Schmuggelgut unter dem Reifrock, so zu gehen, als ob sie einen Zentner Mehl und ein halbes Schwein darunter verstecken würde. Die dann fälligen Kontrollen der Zöllner konterte die Dame lautstark als unsittliche Berührung. So waren sich die Zöllner nie sicher, ob die als Schmugglerin bekannte Bolze Lott jetzt gerade tatsächlich schmuggelte oder die Zöllner nur aufs Glatteis führen wollte. Die Beamten wurden immer unsicherer: Manche vergebliche Leibesvisitation endete in einer wüsteten Schlägerei, immer aber in üblen Beschimpfungen durch Bolze Lott, die sich vor den herbeieilenden Bürgern, davon viele selber als Schmuggler unterwegs, als unschuldiges Opfer darstellte.  

Et Bolze Lott, Bild: rs-bierdeckel.de, Reinhold Schäfer
Et Bolze Lott, Bild: rs-bierdeckel.de, Reinhold Schäfer

Abschaffung der Steuer beendet Schmuggelei der Bolze Lott

1874 wurde die Mehl – und Schlachtsteuer abgeschafft. Und Bolze Lott musste sich ein neues Betätigungsfeld für ihren Lebensunterhalt suchen. So verkaufte sie in einem Bauchladen Kerzen, Heiligenbildchen und anderes Jedöns vor Kirchen, an Wallfahrtsorten oder auf den umliegenden Kirchweihfesten.

Doch auch hier stand ihr ihr loses Mundwerk oft im Weg. Kunden, die nicht sofort kaufen, sondern zunächst nur schauen wollen, werden übel beschimpft. Auf einer Kirmes beleidigt sie den örtlichen Geistlichen, der ebenfalls nichts für ihren Tand übrig hat, mit den Worten „Paafgott – Raafgott. Düvel. Halt der Sack op!“2„Pfaffengut – Raffgut, Teufel halt den Sack auf!“

Tod mit 76 Jahren im Jahr 1902

Erstaunlich, dass Bolze Lott das stolze Alter von 76 Jahren erreicht. Ihre letzten Jahre verbringt sie in einer Wohnung in der Große Spitzengasse, heute als Tel-Aviv-Straße ein Teil der Nord-Süd-Fahrt. Doch auch im hohen Alter sind ihre Schimpftiraden noch berüchtigt. Als sie einen herumziehenden Kesselflicker beleidigt, entgegnet dieser „Lott, ich krigge alles gefleck, nur ding Schnüß, do kann ich och nix mache.“

Scholastika Steinhausen, geborene Bolz, stirbt am 3. September 1902. Über ihren Tod schreibt der Arzt und Heimatschriftsteller Josef Bayer:

„Ob sie bis hart an der Pforte des Todes ihr wüstes Schimpfen fortgesetzt hat oder ob sie, als Freund Hein sie beim Schopfe nahm, zu guter Letzt doch noch Reu und Leid erweckte, ist nicht bekannt, denn man hat sie an dem genannten Tage entseelt im Bett gefunden.“


Tief im kollektiven Gedächtnis der Stadt verankert: Die "Kölschen Originale"
Tief im kollektiven Gedächtnis der Stadt verankert: Die „Kölschen Originale“

Weitere Geschichten zu den „Kölschen Originalen“ gibt es hier:


In einem wunderschönen Kölsch hat Michael Waßerfuhr von den Kölschgängern die Geschichte von Bolze Lott erzählt. Schaut mal rein, lohnt sich!


Der Podcast: Kölsche Originale: Bolze Lott

 

Shownotes

Was für ein Glück, dass der „Cul de Paris“ Mitte des 19. Jahrhunderts modern war. Denn unter dem extrem ausladenden Reifrock konnte die in Köln als „Bolze Lott“ bekannte Schmugglerin Scholastika Lott mehrere Pfund Mehl und Speck vor den Zöllnern verstecken.

Mehr zu dieser Dame mit außergewöhnlich losem Mundwerk und ganz besonderen Schmuggel-Methoden gibt es im heutigen Köln-Ding der Woche.


Text dieser Podcast-Folge

Herzlich Willkommen zu einer neuen Folge von Köln-Ding der Woche.

Der super mega tolle Uli und der weniger unglaublich tolle, unglaublich mega tolle und gut aussehende Frank präsentieren euch heute ein kölsches Original. Ja, das ist nämlich die Bolze Lott.

Und wenn ihr die vorherige Folge über Bolze Lott gehört gabt, da haben wir über Kölsche Schimpfwörter gesprochen. Und die Bolze Lott ist sozusagen die Königin der Kölschen Schimpfwörter. Die hatte, ich will nicht sagen erfunden, aber zur Perfektion getrieben.

Bevor wir zu Bolze Lott selber kommen und ihre doch recht derben Ausdrucksweise, noch mal ganz grundsätzlich zu diesen Kölschere Originalen. Die haben alle was gemeinsam. Ich meine, ihr kennt die wahrscheinlich. Das ist sowas wie zum Beispiel Fleuten-Arnöldsche, Orjels Palm, dä Fressklötsch und so was.

Köln wächst ab 1880 gewaltig

Das sind alles Kölsche gewesen, die so im 18./19 Jahrhundert gelebt haben, tatsächlich als Köln noch überschaubar war. Also wenn wir über das Jahr 1880 reden, hatte Köln etwa 140.000 Einwohner. Und als dann richtig abging mit den Eingemeindungen, hatten wir auf einmal bis 1914 etwa 650.000 Einwohner in der Stadt. Die wurde unüberschaubar. Vorher alles schön klein und kuschelig. Und da hatten die Originale ihren Platz. Danach nicht mehr. Deswegen ist das alles, wenn man diese Originale so abklappert, alles in diesem Zeitraum vor dem großen Wachstum unserer Stadt.

Ja, es ist also heute ungemein schwierig, noch ein Original zu werden oder zumindest ein Original außerhalb des eigenen Veedels zu werden. Das haben jetzt vielleicht eine Handvoll Menschen geschafft, der Hans Süper, die Müllers Aap, auch die Plaat, also Jürgen Zeltinger. Dann wird es wahrscheinlich schon eng, naja, Tommy Engel natürlich.

Was aber schon skurril ist, ist, diese kölschen Originale werden heute so ein bisschen verehrt, vergöttert, weiß ich auch nicht genau. Kein Bierdeckel ohne kölsches Original, kein Kölschglas. Man findet die an verschiedenen Hauswänden angebracht, man findet die in ganz vielen Erzählungen. Und deswegen haben die durchaus ihren Platz. Das als kleine Vorgeschichte zu dem, was uns eigentlich heute erwartet, nämlich eine wilde Geschichte zu Scholastika Lott.

Bolze Lott

Ja, es muss also ein unglaublicher Anblick gewesen sein, als die Kölner Zöllner, sage ich mal, um 1850 herum, eine Frau auf sich zukommen haben sehen, die hatte kaum noch Zähne im Mund. Okay, damals war die Zahnhygiene, jetzt nicht so verbreitet wie heute Die hatten noch keine Boni-Hefte und keine Zahnärzte so richtig. Da ging man noch zum Medikus wahrscheinlich.

Aber sie war nach der neuesten Mode aus Paris gekleidet. Und diese neueste Mode, die hat es im wahrsten Sinne des Wortes in sich. Das war der Cul de Paris. Das ist so ein Rock mit so einer ausgestellten Fott. Also stellt euch vor, ihr habt einen Rock an und da hinten ist irgendwie bei Höhe der Fott wie so ein Fässchen draufgeschnallt. So ungefähr ist ja der Cul de Paris aus. Das war die neueste Mode damals und das war das große Glück für Bolze Lott.

Einführung Mehl- und Fleischsteuer 

Das zweite große Glück für sie war, dass 1856 in Köln die Mehl- und Fleischsteuer eingeführt worden ist. Das galt natürlich nicht außerhalb Kölns. Und die Schäl Sick war eben nicht Köln. Bis 1888, bis dann da drüben alles eingemeindet worden ist, war das nicht Köln. Und deswegen konnte man drüben billig einkaufen und dann nach Köln bringen.

Ja, dann hat Bolze Lott drüben billig gekauft und hat ihren ausladenden Reifrock, den man damals auch Königin-Hintern oder Watte-Hintern genannt hat ausgestopft mit den Sachen, die sie so gekauft hat. Das kennt man jetzt heute vielleicht, haben wir da vielleicht schon beim Film gesehen, wenn irgendwelche Frauen so tun, dass wenn sie schwanger werden, dann machen sie da was für sich, einen Luftballon rein oder wie auch immer.

So und dann ist die über diese Brücke hier watschelt und auf die Zöllner zu. Und was dann passierte war schon bemerkenswert. Die Bolze Lott hatte halt dann tatsächlich unter diesem ausladenden Rock unter Umständen ein paar Kilo Mehl und mehrere Pfund Speck versteckt und ging dann auf die Zöllner zu. Und die wollten die Dame natürlich kontrollieren, um den Zoll einzutreiben. Aber das haben die natürlich nicht ohne die Rechnung mit Bolze Lott gemacht, weil die war damit definitiv nicht einverstanden. Die zog mal richtig vom Leder.

Ja, man muss auch sagen, dass die Zöllner, die standen unter Eid, das waren jetzt nicht alles irgendwelche hergelaufenen Jungs, die den Zugang zu Zülpicher Straße am 11.11 kontrollieren und dann für fünf Euro das Türchen aufmachen, sondern die haben ihren Job wirklich ernst genommen. Also die haben angefangen zu kontrollieren. Was geschah dann, lieber Uli?

Ich will es nicht aussprechen. Ja, Bolze Lott hat die unflätig beschimpft, hat gesagt, das wären Föttchesföhler. Ein wunderschönes Schimpfwort. Wer letztes Mal aufgepasst hat, weiß noch genau, was das ist. Also die würden ihr ja an die Fott gehen, an das Gesäß gehen. Und da muss es ziemlich rüde zur Sache gegangen sein. Das ging dann auch schon bis zu Handgreiflichkeiten.

Schmugglerin

Diese Dame hat dann auch wirklich nichts gescheut, um ihrer Tätigkeit als Schmugglerin nachzugehen. Ja, zumal sie das auch sehr perfide bzw. klug eingefädelt hat. Also hat ist teilweise nichts geschmuggelt und ist über die Brücke. Wenn sie dann kontrolliert wurde, hat sie ein Riesentheater gemacht. Dann waren die schon so ein bisschen verunsichert, weil die haben ja nichts gefunden. Und dann ist sie beim nächsten Mal mit was drüber, dann haben die ja nicht kontrolliert. Also sie hat sich da immer sehr geschickt angestellt, muss man sagen.

Jetzt muss man die Dame natürlich im Zuge ihrer Zeit sehen. Also es hört jetzt alles so an, als wenn das irgendwie eine nur perfide Persönlichkeit gewesen wäre. Scholastika Botz wurde am 8.Dezember 1825 in Köln geboren. Die war natürlich schon ein Kind ihrer Zeit. Und die hatte nicht das allerschönste Leben, muss man dazu sagen.

Geboren in der wunderschönen Kotzgasse. Das war am Breslauer Platz. Also das ist dann später die Kostgasse geworden. Und das war deswegen die Kotzgasse, weil da wurde Kutt verarbeitet. Und das war das Innereien von allen möglichen Tieren. Da haben nämlich die Metzger gesessen damals. Und diese Gegend war alles andere als piekfein. Also das war schon eine ziemlich raue Gegend, wo auch die wilden Menschen gewohnt haben. Und da ist die Scholastika geschult worden.

Ja, da hat sie ihr grobes Mundwerk oder vorlautes Mundwerk auf jeden Fall da verfeinert. Ihr Vater war laut Übermittlung in Rhingroller. Also ein Tagelöhner, der seinen Lohn eher versoff, als dass er das Geld nach Hause gebracht hat.

Dann hat sie im Jahre 1846, glücklich weiß ich nicht, aber zumindest hat sie heiratet und zwar den Tagelöhner Johann Friedrich Steinhausen. Leider Gottes ist Folgendes passiert: Der war auch Tagelöhner, der war auch Ringroller. Und Rhingroller, das waren die Typen, Scheuer-Leute, das waren die Tagelöhner, die die Rheinschiffe be- und entladen haben und zwar nicht mit Kränen oder Gabelstaplern sondern mit purer Muskelkraft. Die Jungs hatten wahrscheinlich viel in de Maue, aber jetzt nicht unbedingt so unwahrscheinlich viel im Kopf.

Ehe nur von sehr kurzer Dauer

Ja, und dieser Friedrich Steinhausen und Bolze Lott haben geheiratet. Aber der war nicht nur Ringroller, sondern der hat auch noch einen anderen Ruf gehabt. Ja, der war ein stadtbekannter Schläger und ist noch während der Flitterwochen ins Gefängnis gekommen und leider Gottes auch kurz darauf gestorben.

Dann hat die mit 21 geheiratet und war mit 22 bereits Witwe und musste irgendwie für den Lebensunterhalt sorgen. Und das war für eine Frau in der damaligen Zeit nicht leicht. Wir reden jetzt über die Zeit um 1850.

Das war nicht besonders einfach und eine Gelegenheit für sie, um am Geld ranzukommen, war das als Kääze Möhn. Kääze Möhne haben Kirchen Kerzen an Gläubige verkauft, inklusive dem Service, dass sie selber in der Kirche anstecken würden. Also als Ersatz dafür, dass ich nicht selber in die Kirche gehe, zahlst man ihr das Geld, sie steckt die Kääz an und du bist von allen Sünden befreit.

Es gab nur ein kleinen Makel an dem Geschäftsmodell von ihr. Sie hat ab und an mal vergessen, das auch wirklich zu machen und hat dann ihre Kerzen, sag ich mal, doppelt, dreifach und vierfach verkauft. Das hat sich dann natürlich irgendwann mal rumgesprochen und dann blieben die Kunden aus. So und was hat sie dann gemacht?

Dann kam Gott sei Dank 1856 diese besagte Steuer für Produkte, die außerhalb der Stadt Köln produziert worden sind. Und das war diese Fleisch, Mehl und sonst was Steuer. Und das war ihre Chance, im Geld zu verdienen. Ja, dann hat sie die Zöllner mehr oder minder veräppelt und hat geschmuggelt oder auch nicht. Auf jeden Fall immer mit ziemlich viel Schreierei. Und deshalb war sie stadtbekannt als sehr, sehr loses Mundwerk.

Arbeit als Hausiererin

1874 wurde diese Mehl- und Schlachtsteuer dann abgeschafft und sozusagen hatte Bolze Lott auf einmal kein Betätigungsfeld und kein Lebensunterhalt mehr. Das war dann schon ein Problem für sie. Sie hat dann als nächstes versucht, wie so eine Art Hausierer mit einem Bauchladen irgendwelche Kääze und Bildchen von Heiligen und sonstiges Gedöns zu verkaufen. So ist dann zu diesen verschiedenen Wallfahrtsorten Sankt Ursula und auch hier am Rhein gezogen und hat dann da versucht, so die eine oder andere Mark zu machen.

Nun ist das ein bisschen schwierig. Wenn du aus der Kotzgasse kommst und mit dem Mundwerk aufgewachsen bist und Heiligenbildchen verkaufst, das passt nicht so unbedingt zusammen. Ja, also die hat auch dort auf den Kirmessen und vor den Kirchen die Kunden beleidigt, wenn sie denn dann nichts kaufen wollten.

Unter anderem hat sie mal einen Geistlichen wohl beleidigt, der ihren Tant, also für ihren Kram, nichts übrig hatte. Mit den Worten Paffjott, Raffjott, Düvel, Halt der Sack ob. Das heißt, also ich würde das jetzt mal so frei übersetzen, Pfaffe, du raffgieriger Teufel, halt den Sack auf.

76 Jahre alt geworden

Erstaunlich, dass diese Frau mit diesem Lebenswandel und mit den ganzen Umständen tatsächlich 76 Jahre alt geworden ist. Das hätte man eigentlich nicht gedacht. Damit war die weit über dem Durchschnitt ihrer Zeit. Ja, also nicht nur, dass sie in heutiger Zeit natürlich, sag ich mal, bei Google Bewertungen zu Kundenzufriedenheit, sag ich mal, relativ niedrig abschneiden würde. Aber sie ist wirklich 76 Jahre alt geworden. Das ist schon wirklich bemerkenswert.

Und sie ist im Jahre 1902 gestorben. Trotzdem hat sie auch bis zum hohen Alter ihre Schnüss, also doch ihr loses Mundwerk beibehalten. Da gibt es die schöne Geschichte noch, dass da Kesselflicker unterwegs waren. Das waren die Typen, die halt irgendwelche Kessel gelötet haben, wenn die dann leck gegangen sind. Das waren auch nicht gerade Typen, die um die Worte verlegen waren.

Aber bei der Lott kam einer von diesen Kesselflickern an und sagte dann zu ihr, Lott, ich kriege in alles jefleck, nur ding Schnüss, doch kann ich auch nix mieh machen. Ja, was auch frei übersetzt, so viel heißt, Lott, ich bekomme alles repariert, nur dein loses Mundwerk, da kann auch ich nichts dran machen.

Dann 1902 war es soweit, am 3. September 1902 ist Lott gestorben. Und es gibt ein wunderschönes Zitat von dem Arzt, der tatsächlich den Totenschein für sie ausgestellt hat, das war Josef Bayer und der hat gesagt, ob sie bis hart an der Forte des Todes ihr wüstes Schimpfen fortgesetzt hat oder ob sie, als Freund Hain sie beim Schopfe nahm, zu guter Letzt doch noch Reue und Leid erweckte, ist nicht bekannt, denn man hat sie an den genannten Tagen entseelt im Bett gefunden.

Und letztendlich würde ich diese Folge beschließen, wenn ihr mal einen blöden Spruch von einer Verkäuferin bekommt, beim Einkaufen oder was weiß ich wo. Ja, denkt dran, seid froh, dass die Bolze Lott nicht an der Kasse steht.

Was für ein schönes Schlusswort. Wir setzen diese Serie fort, mal gucken, welche Kölschen Originale wir sonst noch auspacken. Maht et jood, bleibt unanständig und bis demnächst.

 


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