Kölsche Erfindungen, Teil I: Kölner Zucker, Kölner Teller, Kölner Ei, Kölner Brett

Kölsche Erfindungen: Kölner Zucker, Kölner Brett, Kölner Ei
Kölsche Erfindungen: Kölner Zucker, Kölner Brett, Kölner Ei

Klar – Köln ist innovativ. Es gibt zahlreiche Erfindungen aus der Domstadt. Dazu gehören weltbekannte Produkte wie Farinas Eau de Cologne, Motoren von Nikolaus Otto, aber auch kurioses Produkte wie Adenauers beleuchtetes Stopfei, seine Sojawurst oder sein spezielles Maisbrot.

Und dann gibt es noch ganz spezielle Erfindungen , die fest mit der Domstadt verbunden sind, zum Beispiel der Kölner Teller, der Zuckerwürfel, das Kölner Ei oder das Kölner Brett.


Der Zuckerwürfel

Die Schweizer, Holländer, Belgier, Tschechen und Franzosen behaupten, den Zuckerwürfel erfunden zu haben. Doch wir Kölschen wissen ganz genau, dass der Zuckerwürfel eine rheinische Erfindung ist. Der gebürtige Kölner Eugen Langen besaß zwar nicht das Patent zur Herstellung der süßen Würfel, dafür hat er aber ein besonderes Herstellungsverfahren entwickelt.

Die von ihm und Emil Pfeifer im Jahr 1870 gegründete Zuckerfabrik gibt es noch heute. Die Pfeifer & Langen GmbH & Co. KG produziert auch die Marken „Kölner Zucker“ oder „Diamant Zucker“ und ist Deutschlands drittgrößter Zuckerproduzent.

Würfelzucker - das beste Verfahren zur Herstellung kommt aus Köln, Bild: Jan Mesaros
Würfelzucker – das beste Verfahren zur Herstellung kommt aus Köln, Bild: Jan Mesaros

Mein treuer Leser Kurt aus Nürnberg hat sich die Arbeit gemacht, die Patenschrift Eugens Langens „Improvements of Refining Sugar“ vom 24. März 1894 herauszusuchen.  Kurt scheibt, dass einige der alten deutschen Patentschriften über die Jahrzehnte verloren gegangen sind und oft nur noch in England oder den USA zu finden sind.

Englische Patentschrift "Improvements of Refining Sugar" vom 24. März 1894
Englische Patentschrift „Improvements of Refining Sugar“ vom 24. März 1894

Der Kölner Teller

Nein, der „Kölner Teller“ ist kein Sauerbraten oder „Decke Bunne met Speck“. Genau genommen sollte man ihn auch nicht davon essen, denn der Kölner Teller dient der Verkehrsberuhigung. Es handelt sich um eine etwa tellergroße Metallvorrichtung, die in die Straßen eingelassen wird. Den Effekt kennt ihr alle: Das Auto (oder auch das Fahrrad) werden ordentlich durchgeschüttelt und man fährt langsamer.

Neben dem Kölner Teller existieren auch noch weitere sogenannte „Bremsschwellen“ mit schönen Namen wie Krefelder Kissen oder Delfter Hügel. Der schönste Begriff dafür aber stammt aus dem englischen. Dort nennt man solche Vorrichtungen „Schlafender Polizist“ (sleeping policeman“).

Der Kölner Teller, Bild: Tilman Kluge, Creative Commons Lizenz 3.0
Der Kölner Teller, Bild: Tilman Kluge, Creative Commons Lizenz 3.0

Das Kölner Ei

Wenn ihr in der Nähe von Gleisen wohnt, werdet ihr diese Erfindung ganz besonders zu schätzen wissen: Das Kölner Ei. Dabei handelt es sich um zwei Metallteile, die durch ein Gummiplatte verbunden sind.

Unter die Schienen geschraubt, reduziert diese Konstruktion Schwingungen bei darüberfahrenden Zügen und macht diese somit wesentlich leiser. Die Gummiplatte ist oval, daher hat das Ei seinen Namen. Und wer hat es erfunden? Zwei findige Ingenieure der Clouth Gummiwerke in Nippes.

1978 wurde das „Kölner Ei“ zum Patent angemeldet. Im Kölner Straßenbahnnetz wurden bisher etwa  14.000 „Kölner Eier“ verbaut. Aber auch in London, Sydney, Washington oder Marseille sorgt das Kölner Ei für einen leiseren Bahnverkehr.

Das Kölner Ei, Bild: HReuter (CC BY-SA 4.0)
Das Kölner Ei, Bild: HReuter (CC BY-SA 4.0)

Das Kölner Brett

Darauf hatte die Welt gewartet: Eine spezielle Gardinenaufhängung, bei der die Röllchen der Gardinenaufhängung nicht zu sehen waren. Zu verdanken haben wir diesen optischen Genuss Hugo Bohn, den Firmeninhaber des Kölner Traditionsunternehmens Messing Müller.

Bohn hatte 1932 die Idee, ein zweites Brett im rechten Winkel vor eine Gardinenschiene zu schrauben. Dieser Sichtschutz ging in die Geschichte ein und wurde als „Kölner Brett“ besonders in den 1950/60er Jahren nicht nur in Köln sehr erfolgreich verkauft.

Das Kölner Brett, Bild: HReuter (CC BY-SA 4.0)
Das Kölner Brett, Bild: HReuter (CC BY-SA 4.0)

Die kölsche Innovationskraft wird auch in dem Imagefilm der Wirtschaftsförderung Köln angepriesen.  Hier schwimmen sogar Wale rund um den Dom.


In „Kölsche Erfindungen – Teil II“ geht es um weitere Kölner Erfindungen, z.B. dem Türschließer „Imperator“, die Schwebebahn und Afri Cola.


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„Neugierig war des Schneiders Weib“ – Die Kölner Heinzelmännchen

Der Heinzelmännchenbrunnen direkt vor dem Brauhaus Früh, Bild: Berthold Werner, Berthold Werner / CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)
Der Heinzelmännchenbrunnen direkt vor dem Brauhaus Früh, Bild: Berthold Werner, Berthold Werner / CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)

„Wie war zu Cölln es doch vordem,
mit Heinzelmännchen so bequem!“

Podcast Heinzelmännchen 17

Es müssen wunderbare Zeiten in Kölle gewesen sein

Der Kölner an sich zeichnet sich nicht durch seinen großen Fleiß aus. Eher gemütlich ein Kölsch trinken als hektisch arbeiten lautet die Devise in unserer Stadt. Dies zeigt sich auch darin, wie der Kölsche tanzt: Bequem eingehakt wird geschunkelt. Das bezeichnet der Kölsche bereits als „Tanz“. Und das am liebsten im Sitzen. Könnte sonst ja anstrengend sein.

Aber: Der Kölner hatte auch allen Grund dazu, faul zu sein. Denn trotz seiner Faulheit wurden – zumindest früher – alle Arbeiten zuverlässig erledigt. Zu verdanken hatten wir dies den Heinzelmännchen. Kleine Zwerge oder Wichtel, die nachts in die Werkstätten kamen und die gesamte Arbeit erledigten, während der Kölsche selig in seinem Bettchen schlief:

„Da kamen bei Nacht,
Ehe man’s gedacht,
Die Männlein und schwärmten
Und klappten und lärmten
Und rupften
Und zupften
Und hüpften und trabten
Und putzten und schabten …
Und eh ein Faulpelz noch erwacht, …
War all sein Tagewerk … bereits gemacht!“

Während der Kölner schläft, sind die Heinzelmännchen fleißig (Detailansicht des Heinzelmännchenbrunnens), Bild: Raimond Spekking
Während der Kölner schläft, sind die Heinzelmännchen fleißig (Detailansicht des Heinzelmännchenbrunnens), Bild: Raimond Spekking
Fleißige Heinzelmännchen – faule Kölner

Die erste Erwähnung der fleißigen Heinzel stammt von Ernst Weyden (1805–1869). Der Kölner Schriftsteller veröffentlichte 1826 unter dem Titel „Cöln’s Vorzeit“ eine Erzählung über die Heinzelmännchen:

„Es mag noch nicht über fünfzig Jahre seyn, daß in Cöln die sogenannten Heinzelmännchen ihr abentheuerliches Wesen trieben. Kleine nackende Männchen waren es, die allerhand thaten, Brodbacken, waschen und dergleichen Hausarbeiten mehrere; so wurde erzählt; doch hatte sie Niemand gesehen.“

Die fleißigen Heinzelmännchen backen Brot (Detailansicht des Heinzelmännchenbrunnens), Bild: Raimond Spekking
Die fleißigen Heinzelmännchen backen Brot (Detailansicht des Heinzelmännchenbrunnens), Bild: Raimond Spekking

Bekannt wurde die Sage aber erst zehn Jahre später durch die Ballade „Die Heinzelmännchen zu Köln“, geschrieben von dem in Berlin lebenden Breslauer August Kopisch (1799–1853). In insgesamt acht Versen erzählt Kopisch von den Taten der Heinzelmännchen – und den eher faulen Kölnern:

„Denn, war man faul: … man legte sich
Hin auf die Bank und pflegte sich.“

Es muss das Paradies gewesen sein. Alle Arbeit wurde erledigt und der Kölsche konnte sich dem widmen, was er am besten kann: Einfach mal nichts tun. Wer oder was in der Nacht die Arbeit erledigt, war unbekannt und dem Kölner herzlich egal. Hauptsache, morgens war das Brot gebacken, das Schwein geschlachtet und verwurstet oder das Haus gebaut.

Die Heinzel verarbeiten ein Schwein zu Wurst (Detailansicht des Heinzelmännchenbrunnens), Bild: Raimond Spekking
Die Heinzel verarbeiten ein Schwein zu Wurst (Detailansicht des Heinzelmännchenbrunnens), Bild: Raimond Spekking
Die Heinzelmännchen bauen ein Haus (Detailansicht des Heinzelmännchenbrunnens), Bild: Raimond Spekking
Die Heinzelmännchen bauen ein Haus (Detailansicht des Heinzelmännchenbrunnens), Bild: Raimond Spekking
Das Problem: Eine neugierige Frau

Das hätte auch noch bis heute so weitergehen können – wenn nicht das Weib des Schneiders gewesen wäre. Die neugierige Dame wollte unbedingt wissen, wer denn so eifrig in der Nacht arbeitet. Daher streute sie Erbsen auf der Treppe aus, die hinauf zur Schneiderstube führte. Und als die Heinzel nachts kamen, fielen Sie über die Erbsen die Treppe runter. Die Dame entzündet eine Lampe und sieht die übereinanderliegenden Heinzelmännchen:

„Neugierig war des Schneiders Weib,
Und macht sich diesen Zeitvertreib:
Streut Erbsen hin die andre Nacht,
Die Heinzelmännchen kommen sacht:
Eins fähret nun aus,
Schlägt hin im Haus,
Die gleiten von Stufen
Und plumpen in Kufen,
Die fallen
Mit Schallen,
Die lärmen und schreien
Und vermaledeien!
Sie springt hinunter auf den Schall
Mit Licht: husch husch husch husch! – verschwinden all!“

Und das war es! Die Heinzelmännchen verlassen Köln und ab sofort müssen die Kölschen wieder selber arbeiten:

„O weh! nun sind sie alle fort
Und keines ist mehr hier am Ort!
Man kann nicht mehr wie sonsten ruhn,
Man muß nun alles selber tun!“

Der Heinzelmännchenbrunnen zeigt den Fleiß der Heinzel

Mit dem Heinzelmännchenbrunnen wurde den fleißigen Helfern ein Denkmal gesetzt. Direkt vor dem Brauhaus Früh wird dort gezeigt, wie fleißig die Heinzel waren: Sie backen Brot, bauen Häuser, keltern Wein – alle Arbeiten, die der Kölner nicht so gerne erledigt, weil sie ja anstrengend sind. Und sehr prominent, auf der Spitze des Brunnens, sieht man des Schneiders Weib, neugierig mit der Lampe die gesamte Szene ausleuchten.

„Neugierig war des Schneiders Weib“ (Detailansicht des Heinzelmännchenbrunnens), Bild: Raimond Spekking
„Neugierig war des Schneiders Weib“ (Detailansicht des Heinzelmännchenbrunnens), Bild: Raimond Spekking

Hätte die Dame doch mal in Neugierde in Zaum gehalten. Dann würden heute noch die Heinzelmännchen alle Arbeiten erledigen und solche Desaster wie bei der Oper oder U-Bahnbau wären uns erspart geblieben.


Allegorie auf die bürgerliche Gesellschaft

Eine ganz andere Interpretation des Gedichts liefert der Autor Andreas Platthaus. Im Katalog zu einer Kopisch-Ausstellung in Berlin (2015) sieht Platthaus die Heinzelmännchen-Ballade als bittere Allegorie auf die bürgerliche Gesellschaft in der industriellen Revolution: Die „kleinen Leute“ arbeiten und schuften, um das Wohlergehen der wohlhabenden Industriellen, Händler und Bankiers zu sichern.

Wer meint, das wäre längst überwunden: Nein. In unserer Gesellschaft besitzen die reichsten zehn Prozent mehr als die Hälfte des Vermögens. Die ärmere Hälfte der Bevölkerung hat dagegen nur einen Anteil von 1,3 Prozent am Vermögen. Und schuftet wie die Heinzelmännchen.


Schwarzarbeiter aus den Bergwerken

Eine andere, aber eher umstrittene, Interpretation ist die Herleitung über die sogenannten „Heinzemenschen“. Dabei handelt es sich um kleinwüchsige Menschen oder Kinder, die in den Bergwerken dafür sorgten, dass einströmendes Grundwasser zu Tage gefördert wurde. Dies geschah aus reiner Muskelkraft, mit Ledereimern die in einer Menschenkette weitergebeben wurden. Gekleidet waren diese Heinzemenschen mit einem ausgepolsterten, in einer Spitze endenden Zipfelmütze und einer Schulterschürze. Diese sollten vor Steinschlag schützen.

Mit der Erfindung von mechanischen Pumpen Anfang des 16. Jahrhunderts wurden die Heinzemenschen arbeitslos und drängten in die Städte. Dort soll sich ein „Schwarzarbeitsmarkt“ entwickelt haben: Handwerksmeister konnten, wegen der strengen Regeln der Handwerkerzünfte, ungelernte Helfer nur heimlich beschäftigen. Daher sollen die Heinzemenschen nachts illegal gearbeitet haben und somit Kopisch, der selber aus einer Bergbauregion stammte, die Grundlage für die Heinzelmännchen-Sage geliefert haben.


Der Heinzelmännchenbrunnen ist fester Bestandteil der Lotsentour Innenstadt. Kommt mal mit und wir schauen uns den Brunnen gemeinsam an.


Brunnen in Köln
Brunnen in Köln

Neben dem Heinzelmännchenbrunnen haben wir auch andere Brunnen in Köln:


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Drei Kronen und elf Hermelinschwänze: Das Kölner Wappen

Wappen der Stadt Köln um 1500, hier noch mit Löwe und Greif
Wappen der Stadt Köln um 1500, hier noch mit Löwe und Greif

In den Souvenir-Läden rund um den Dom wird mehr Kölle-Jedöns von den Kölschen als von den auswärtigen Touristen gekauft. Der Kölner an sich liebt seine Stadt und bringt das auch zu Ausdruck, indem er seine Wohnung mit Dom-Aschenbechern oder Rhein-Platzdeckchen und sich selbst mit rud-wießen Ringel-Shirts verschönert. Und nirgendwo darf dabei unser Wappen fehlen.

So tragen auch selbstverständlich das Dreigestirn, jede Menge Gebäude, viele Ausflugsschiffe auf dem Rhein, Fenster im Dom und sogar Lukas Podolski1als Tätowierung auf dem Oberarm stolz unser Wappen. Doch was stellt unser Wappen dar? Höchste Zeit für eine Aufklärung!

Die Farben der Hanse

Zunächst muss man unterscheiden zwischen dem „Kleinen Stadtwappen“ und dem Wappen der kreisfreien Stadt Köln. Das „Kleine Stadtwappen“ ist das, was wir in der Regel als Wappen kennen: Drei goldene Kronen und elf Tränen/Flammen/Tropfen in rot & weiß.

Das Kölner Wappen mit den Kronen der Heiligen Drei Könige und den elf Hermelinschwänzen. Bild: Stadt Köln
Das Kölner Wappen mit den Kronen der Heiligen Drei Könige und den elf Hermelinschwänzen. Bild: Stadt Köln

Aufmerksame Leser des „Köln-Ding der Woche“ wissen natürlich Bescheid: Die Kronen stehen für die Heiligen Drei Könige und die Tränen, Flammen oder Tropfen sind eigentlich Hermelinschwänze und stehen für unsere Stadtpatronin, die Heilige Ursula.

Rot und weiß sind die Farben der Hanse. Aus diesem etwa Mitte des 12. Jahrhunderts als Zusammenschluss von Kaufleuten zur Förderung des Handels gegründeten Bündnis entstand ein übergreifender Städtebund. In der Blütezeit der Hanse von ungefähr 1250 bis 1400 war Köln eine der wichtigsten Hansestädte.

Das "Große Wappen" von Köln
Das „Große Wappen“ von Köln

Das Wappen der kreisfreien Stadt Köln

Das kleine Stadtwappen wird im „Großen Wappen der Stadt Köln“ von einem doppelköpfigen Adler eingefasst. Die beiden Adlerköpfe stehen für die kaiserliche und die königliche Macht, daher tragen die Adler auch Zepter und Schwert. Damit wird an die Zeit im Mittelalter erinnert, in der Köln zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation gehörte. Die zwei Adlerköpfe stehen für den römischen Kaiser, der zugleich der deutsche König war. Das Kölner Wappen gibt es in dieser Form bereits seit mehr als 700 Jahren mit nur leichten Anpassungen, so war bis um 1550 die heute weiße Fläche silbern.

Bienen statt Kronen

1794 wurde Köln von den Franzosen besetzt. Im Jahr 1812 verlieh auch niemand geringeres als Napoleon Bonaparte der Stadt den Titel „Stadt erster Ordnung“. Diese Städte wurden auch als „Gute Städte des französischen Kaiserreiches (Bonnes villes de l’Empire français)“ bezeichnet.

Napoleon verleiht der Stadt ein Wappen mit drei Bienen
Napoleon verleiht der Stadt ein Wappen mit drei Bienen

Mit der Ehrung als „Stadt erster Ordnung“ bekam Köln auch ein neues Wappen mit der Biene, dem Emblem Napoleons, im Wappen. Das Kölner Wappen französischer Prägung zeigte daher drei goldene Bienen und wurde von einem Kranz umrahmt, welcher rechts aus Olivenzweigen und links aus Eichenzweigen bestand. Quer darüber liegt ein Merkurstab, welcher als Symbol des römischen Gottes Merkur für den Handel steht.

Ab 1815 wurde Köln Teil des Königreichs Preußen und man kehrte zum gewohnten Wappen mit Kronen und Hermelinschwänzen in rot & weiß zurück.

Das Wappen mit der Karl-Küpper-Gedenktafel im im Gürzenich, Bild: Gestalteratelier Werner Blum, www.gestalteratelier.de

Meine Lieblingsversion unseres Wappens befindet sich im Gürzenich: Diese Version stellt eine Bütt dar und eine der drei Kronen steht schräg – als Erinnerung an den unangepassten Karnevalisten Karl Küpper.

Geht da mal hin und schaut euch das an.


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Der Drüje Pitter und seine „Wanderung“ rund um den Dom

Der "Drüje Pitter" macht auf diesem Bild hier seinem Namen alle Ehre: Mit "drüsch" oder "drüg" meint der Kölsche "trocken", Bild: Uli Kievernagel
Der „Drüje Pitter“ macht auf diesem Bild seinem Namen alle Ehre: Mit „drüsch“ oder „drüg“ meint der Kölsche „trocken“, Bild: Uli Kievernagel

VORSICHT: Bitte nicht verwechseln:
Der „Drüje Pitter“ ist ein Brunnen, der „Decke Pitter“ ist die Petrusglocke und das „Pittermännchen“ ist ein 10-Liter-Fass


Podcast Drüje Pitter 12
 

Die „Papstterrasse“ an der Südseite des Doms (am Roncalliplatz) war bis 2010 einer der beliebtesten Pinkelplätze der Stadt. Dort, direkt am Dom, nur geschützt durch ein paar Bäume, ließen viele Männer die Hosen runter. Die ehemalige Dombaumeistern Barbara Schock-Werner berichtete im Stadt-Anzeiger1in der Ausgabe vom 18./19. April 2020 davon, dass bei Messungen bis zu acht Liter Urin pro Tag (!) zusammengekommen wären. Und das an unserem staatsen Dom. Geht gar nicht.

Es musste also dringend Abhilfe her. Gut, dass im Magazin der Dombauhütte noch der „Drüje Pitter“ lagerte: Der von den Kölschen als „Trockene Peter“ bezeichnete Petrusbrunnen, hatte in den letzten 150 Jahren schon an fast jeder Ecke des Doms einmal gestanden. Schock-Werner entschied daher, diesen Brunnen dort, an der Papstterrasse, wieder aufzubauen und so diese Schmuddelecke aufzuwerten.

Der Namensgeber Petrus auf der Spitze des Brunnens, Bild: Uli Kievernagel
Der Namensgeber Petrus auf der Spitze des Brunnens, Bild: Uli Kievernagel

Ne drüje Brunnen, der nur selten und dann wenig Wasser führt

Der erste Platz des Petrusbrunnen war hinter dem Chor, Richtung Rhein. Die Stadt wünschte sich für die damals aufwändige Treppenanlage dort einen sprudelnden Brunnen. Wie auch heute noch war die Stadt aber mal wieder klamm – es war schlichtweg kein Geld für einen Brunnen aufzutreiben. Doch dann kam die preußische Königin und spätere Kaiserin Augusta als Stifterin ins Spiel. Mit ihrem Geld konnte im Jahr 1870 der ursprünglich bescheiden geplante Brunnen pompöser und viel größer gebaut werden. So, wie es einer königlichen Schenkung würdig ist.

Seltsam war nur, dass der Brunnen zunächst keine Wasserzuleitung hatte. Auch später, nach dem Anschluss an eine Zisterne, sprudelte der Brunnen nur sehr selten. Für den Kölner war der Brunnen daher nur „Drüje Pitter“.2Mit „drüg“ oder „drüsch“ meint der Kölner „trocken“

Stifterin des Petrusbrunnens: Die Kaiserin und Königin von Preußen Augusta, Bild: Franz Xaver Winterhalter
Stifterin des Petrusbrunnens: Die Kaiserin und Königin von Preußen Augusta, Bild: Franz Xaver Winterhalter

Mit dem Bau der Domplatte Ende der 1960er Jahre war an dieser Stelle kein Platz mehr für den Brunnen und er wurde an die Nordseite, Richtung Bahnhof, versetzt. Und weil wir in Kölle sind, wurde auch diesmal nicht daran gedacht, dass ein Brunnen viel Wasser braucht. Mit der auch an seinem neuen Standort eher notdürftigen Wasserversorgung machte der „Drüje Pitte“ seinem Namen alle Ehre.

Spätestens 1999 war klar, dass der Brunnen saniert werden musste. Daher wurde er von der Dombauhütte abgebaut und eingelagert. Gleichzeitig sollte auch ein neuer Standort gefunden werden – diesmal mit einem vernünftigen Wasseranschluss.

Als Referenz an die königliche Stifterin tragen Löwen die Wasserschale des Brunnens, Bild: Uli Kievernagel
Als Referenz an die königliche Stifterin tragen Löwen die Wasserschale des Brunnens, Bild: Uli Kievernagel
Klassisches Eigentor der Stadtverwaltung

Kaum war der Brunnen ordnungsgemäß abgebaut, flatterte der Dombauhütte ein böses Schreiben der Stadtverwaltung ins Haus. Der Dom, so ein übereifriger städtischer Beamter, wolle sich an städtischem Eigentum vergreifen. Es handele sich schließlich um eine Schenkung der Kaiserin Augusta an die Bürger der Stadt.

Die Mitarbeiter der Dombauhütte konnten sich vor Lachen kaum halten: War doch somit klar, wer auch die Sanierung des Brunnens bezahlen muss: Die Stadt Köln. Ohne die Bezichtigung des „Diebstahls“ hätte die Dombauhütte die Kosten getragen.

Der damalige Oberbürgermeister Burger hat vor Wut über seine Verwaltung geschäumt. Und er musste einräumen, dass der Stadt die finanziellen Mittel für eine Sanierung des Brunnens fehlten. Gut, dass mal wieder die Bürger der Stadt eingesprungen sind. Die „Bürgergesellschaft Köln von 1863“ ging kötten und konnte immerhin gut 100.000 Euro für die Sanierung auftreiben. Somit musste die Stadt nur noch die fehlenden 50.000 Euro bezahlen.

Plakette zur Erinnerung an die Spender im Jahr 2010, Bild: Uli Kievernagel
Plakette zur Erinnerung an die Spender im Jahr 2010, Bild: Uli Kievernagel

Der neue Platz des Brunnens ist nun die ehemals verwahrloste Papstterrasse. Und er macht sich gut hier, unser „Drüje Pitter“. Weil der Grundbesitz des Doms exakt mit dem Fundament endet, steht der Petrusbrunnen jetzt korrekt auf städtischen Grund. So kann sich kein Beamter mehr aufregen, dass der Dom einen „Brunnendiebstahl“ begehen würde.

Hoffentlich hält der „Drüje Pitter“ diesen Platz noch lange trocken und vertreibt nachhaltig die Wildpinkler von unserem staatsen Dom.


Ein anderer „Pitter“ hängt exakt 53 Meter über dem „Drüje Pitter“: Der „Decke Pitter“, die mit 24 Tonnen schwerste Glocke des Doms schlägt nur an bestimmten Festtagen. Der Lieblings-Pitter der Kölsche ist aber eher das handliche Pittermännchen.  


Logo der KG "Drügge Pitter". Im "Kranz" um den Brunnen erkennt man auch die Worte "Drügge Pitter", Bild: KG Drügge Pitter
Logo der KG „Drügge Pitter“. Im „Kranz“ um den Brunnen erkennt man auch die Worte „Drügge Pitter“, Bild: KG Drügge Pitter

Karnevalsgesellschaft „Drügge Pitter“  und „EDP“ in Ehrenfeld

Der Name des Brunnens findet sich auch in den Namen der Ehrenfelder Karnevalsgesellschaft K.G. „Drügge Pitter“ von 1962 e.V. und der Kneipe „E.D.P. – EM DRÜGGE PITTER“ ebenfalls in Ehrenfeld wieder. 


Brunnen in Köln
Brunnen in Köln

Neben dem Drüje Pitter haben wir auch andere Brunnen in Köln:


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Die Heilige Ursula, Teil II: Der Reliquienkult wird für die Kölner zum guten Geschäft

Eine Ursulabüste mit Schauöffnung. Die Büsten sind hohl, der Deckel in Form des Kopfes kann abgenommen werden. Gefüllt werden die Büsten mit einem Schädel oder anderen Knochen, Bild: Raimond Spekking
Eine Ursulabüste mit Schauöffnung. Die Büsten sind hohl, der Deckel in Form des Kopfes kann abgenommen werden. Gefüllt werden die Büsten mit einem Schädel oder anderen Knochen, Bild: Raimond Spekking

Podcast Ursuala II, 25

Letzte Woche hatte ich euch von der Legende um die Heilige Ursula und ihren 11.000 Jungfrauen berichtet. Heute geht es darum, wie aus dieser Legende ein lukratives Geschäft mit Reliquien wurde.

Dank der 11.000 Jungfrauen waren ja tatsächlich theoretisch genug Knochen da, welche der Kölner in nette Schachteln verpacken und als Reliquien verkaufen konnte1Zur Erinnerung: Die Kirche hatte das Geschäft mit den Reliquien verboten. Aber der findige Kölner hatte auch dafür eine Lösung: Verkauft wurden nicht die Reliquien selber sondern die hübschen Kisten und Schachteln drumherum..

Es blieb aber ein praktisches Problem: Woher sollte man die Knochen nehmen? Wie gut, dass es direkt außerhalb der Stadtmauer ein altes römisches Gräberfeld und somit genug Nachschub an Knochen gab. Dieses Gräberfeld wurde kurzerhand zur Ruhstätte der 11.000 Jungfrauen erklärt. Und fertig – das Geschäft konnte anlaufen.

Römisches Gräberfeld wird geplündert

Die Menge an Knochen war so gewaltig, dass diese nicht nur als Reliquien verkauft, sondern auch als Zierrat verwendet wurden. Bestes Beispiel dafür ist die „Goldene Kammer“ in St. Ursula. In einer Seitenkapelle der Kirche sind die Wände meterhoch mit Knochen verziert. Dort finden sich Ornamente aus Hüften und Rippen, Muster aus Oberschenkelknochen und eine aus Knochen geformte Inschrift: „S. Ursula pro nobis ora“ – „Heilige Ursula, bitte für uns“. Unzählige Kopfreliquiare, die echte menschliche Schädel beinhalten, stehen sauber aufgereiht in den Regalen, gleich neben hunderten in Seidenpapier eingepackten Schädeln.

Wenn ich mit Gruppen im Rahmen der Lotsentour Innenstadt die Goldene Kammer besuche, herrscht zunächst immer Schweigen, und dann kommt unweigerlich die Frage: „Ist das alles echt?“. Ja, ist es. Das sind alles menschliche Knochen, zum größten Teil von dem geplünderten römischen Gräberfeld. In der Kammer und in der Kirche stehen auch noch große Sarkophage – bis zum Rand gefüllt mit Knochen. Immerhin waren es ja 11.000 Jungfrauen, deren Knochen untergebracht werden mussten.

Aus 11 werden 11.000

Weder für die Legende der Heiligen Ursula noch für die Zahl 11.000 Jungfrauen gibt es historische Belege. In der Kirche St. Ursula selber findet sich eine eingemauerte Inschrift aus dem 4. oder 5. Jahrhundert:

Die Inschrift des Clematius in St. Ursula, Bild: Raimond Spekking
Die Inschrift des Clematius in St. Ursula, Bild: Raimond Spekking

Diese „Inschrift des Clematius“ kann als Ursprung der Ursula-Legende angesehen werden. Dort steht (deutsche Übersetzung):
„Durch göttliche Flammenvisionen häufig ermahnt und durch die sehr große Kraft der Majestät des Martyriums der himmlischen Jungfrauen, die erschienen, aus der östlichen Reichshälfte herbeigeholt, (hat), nach Gelübde, Clematius, im Senatorenrang, auf eigene Kosten, auf seinem Boden, diese Basilika, wie es nach seinen Gelübde schuldete, von den Fundamenten erneuert. Wenn jemand aber unter der so großen Majestät dieser Basilika, wo die heiligen Jungfrauen für den Namen Christi ihr Blut vergossen haben, irgend jemandes Leichnam bestattet, mit Ausnahme der Jungfrauen, so wisse er, daß er mit ewigen Höllenfeuern bestraft wird.”

Aufmerksame Leser werden feststellen, dass in dieser Inschrift keine Rede von 11.000 Jungfrauen ist. Diese, für das Reliquiengeschäft ungemein praktische, Zahl basiert vermutlich auf einem gewollten Lesefehler. In älteren Dokumenten findet sich zu der Ursula-Legende die Angabe „X I M V“.

Liest man dies als „XI MV“ kann es als „11 M(artyres) V(irgines)“, also „Elf jungfräuliche Märtyrerinnen“ verstanden werden. Weil dies aber schlecht für das Geschäft gewesen wäre,  interpretierten die Kölner die Inschrift als „XIM V“. Und flott werden  das somit „11 M(ilia) V(irgines)“, also „11.000 Jungfrauen“.

Das Kölner Wappen mit den Kronen der Heiligen Drei Könige und den elf Hermelinschwänzen. Bild: Stadt Köln
Das Kölner Wappen mit den Kronen der Heiligen Drei Könige und den elf Hermelinschwänzen. Bild: Stadt Köln

Keine Tränen, keine Flammen sondern Hermelinschwänze

Dank ihres Martyriums und der damit verbunden Rettung Kölns hat es Ursula als Stadtpatronin bis auf das Stadtwappen geschafft. Zusammen mit den drei Kronen, welche die Heiligen Drei Könige symbolisieren, finden sich dort elf oft fälschlich als Tränen oder Flammen bezeichnete Symbole. Allerdings handelt es sich hier um Hermelinschwänze. Diese stammen ursprünglich aus dem Wappen der Bretagne und erinnern an Ursula und ihre 11.000 Begleiterinnen.


Hinter der schillernden Legende von Ursula wird ein anderer Stadtpatron oft vergessen: Der „Kriesgdienstverweigerer“ Gereon.


Der Name der Jungferninseln bezieht sich auf Ursula und die Jungfrauen

Kein geringerer als Christoph Kolumbus hat zur Ehre der Elftausend Jungfrauen die Jungferninseln in der Karibik nach Ihnen benannt: Santa Ursula, Once Mil Virgines, Archipiélago de las Vírgenes (Sankt Ursula, Elftausend Jungfrauen, Archipel der Jungfrauen). Noch heute zeigt das Wappen die Heilige Ursula. Ein großes DANKE an meinen treuen Leser Heinz Peter für diesen Hinweis.

Das Wappen der Britischen Jungferninseln Bild: Tobias Jakobs, CC0, via Wikimedia Commons
Das Wappen der Britischen Jungferninseln
Bild: Tobias Jakobs, CC0, via Wikimedia Commons

Ferdinand Magellan nannte das Kap am Eingang der Magellanstraße „Cabo Virgenes“ (Kap der Jungfrauen). da er es am 21. Oktober 1520, dem Ursula-Gedenktag, entdeckte.


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Dreimol „Huh“ op de Frisöre! Gedanken und Bilder zur Corona-Krise

Die Sehnsucht nach dem Friseur wächst, Bild: Martin Jäger / pixelio.de
Die Sehnsucht nach einer ordentlichen Frisur wächst, Bild: Martin Jäger / pixelio.de

Die Corona-Krise hat uns fest im Griff. Und verändert unseren Alltag. Dabei sind Gesichtsmasken und das „sich-aus-dem-Weg-gehen“ hoffentlich nur vorübergehende Erscheinungen. Genau wie der temporäre Klopapapier-Notfall. Mittlerweile gibt es, zumindest in meinem bevorzugten Supermarkt, sogar 16er-Pack vierlagig wieder zu kaufen. Gottseidank – das „Geschäft“ ist gerettet.

Interessanter sind aber die Effekte, die niemand vorher auf dem Zettel hatte:
Zootiere langweilen sich – es fehlen ihnen die Besucher zum Anschauen. Und die Birkhühner in den Wäldern können endlich in Ruhe balzen. Beim Menschen ist die Frage der Balz noch offen: Wird es gegen Ende des Jahres einen Baby-Boom geben oder steigen die Scheidungsraten?

In Köln-Raderberg wird für die Helfer in der Corona-Krise geklatscht. Hier ein leider etwas dunkles Video vom 26.03. um 21 Uhr in der Raderberger Straße), Video: Uli Kievernagel
Abends um 21 Uhr wird für die Helfer in der Corona-Krise geklatscht. Hier ein leider etwas dunkles Video vom 26. März 2020, Video: Uli Kievernagel

Auch interessant: Gerade Väter stellen fest: „Mensch – ich habe Kinder. Und die muss ich beschäftigen.“ Gut zu beobachten in meiner unmittelbaren Nachbarschaft. Außerdem: Einbrecher will man in diesen Tagen bestimmt nicht sein. Genau wie Pfleger im Altenheim, Paketfahrer oder Kassiererin im Supermarkt. Es wurde zwar geklatscht – aber das macht den 10-Stunden-Tag im Aldi hinter Plexiglas auch nicht erträglicher.

Es gibt aber auch positive Erlebnisse, hier ein paar Beispiele:

  • Am kreativsten sind mal wieder Kinder. In meiner Nachbarschaft haben die Pänz Briefkästen gebastelt und an die Gartenzäune gehangen, um sich gegenseitig Nachrichten zu schreiben.
  • Menschen bieten ihren Nachbarn Unterstützung an. In vielen Hausfluren hängen Zettel mit dem Angebot, Einkäufe für Nachbarn zu erledigen.
  • Experten gehen davon aus, dass durch den fast kompletten Wegfall des Flugverkehrs bis zu 100 Mio. Tonnen CO2 eingespart werden. Auf einmal ist Deutschland wieder nah dran am Klimaziel – Corona sei gedankt.
  • Es werden Gabenzäune für die Menschen errichtet, die mit dem Kurzarbeitergeld nicht über den Monat kommen.

Öffnung der Frisöre steht bevor! Nicht nur die Frauen jubeln.

Und morgen, Montag, 4. Mai, ist dann auch der Tag X für alle, die sich selbst nicht mehr im Spiegel ansehen können: DIE FRISEURE ÖFFNEN WIEDER! Zwar unter strengen Auflagen, aber egal: Es heißt endlich wieder „waschen – föhnen – legen“ . Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass ich dieses Thema massiv unterschätzt habe. Fragt gerne dazu bei Gelegenheit mal meine Frau – für sie ist ein Friseur systemrelevant.

Auch meine kölsche Lieblingslyrikern Juliane wartet sehnsüchtig darauf, dat de Hoor widder Fazung kreje. Diese Sehnsucht nach ´nem neuen Kopp hat sie in das Gedicht „Systemrelevante Hoorspalterei“ gepackt und sie hat das Gedicht auch wieder selbst eingesprochen. Härlisch. Unbedingt anhören.
Vell Freud domet.


Systemrelevante Hoorspalterei
Juliane Poloczek

Ich hald‘ et nit us! Wie sinn ich bloß us!
Un dat alles bloß durch dä blöde Virus!
De Hoor nit mieh brung, janz ohne Fazung.
Jetz sinn ich alt us, nit schön un nit jung.

Wie jään ich jetz wör beim mingem Frisör!
Ich bruche janz dringend jet neue Kolör.
Mingen Aansatz es jries, dat fingen ich fies.
Met dä schäbije Pürk föhlen ich mich ärch mies.

Wat maachen ich jetz? Nen Hoot opjesetz?
Fastelovendsdreispetz? Oder leever en Mötz?
Om Däätz nen Turban? Dat hööt sich joot aan.
Koppdooch oder Burka – dat wör doch ne Plan.

Doch baal määt hä op, dä Frisure-Shop.
Dann krijjen ich widder ne „neue Kopp“.
Met Packung un Färverei un janz vell Hoorspray.
Es et endlich vorbei met dä Hoorspalterei.

Dreimol „Huh“ op de Frisöre!


Wie immer ein paar Erklärungen zu ausgewählten kölschen Wörtern

Fazung = Form
schäbije Prück = wörtlich übersetzt: armselige Perücke, hier sind aber tatsächlich die eigenen Haare und keine Perücke gemeint
ärch = sehr
Däätz = Kopf
baal = bald
krijjen = bekommen


Mehr von Juliane Poloczek gibt es auch hier:


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Wüstenschiffe in Weidenpesch: Europas erstes Kamelrennen

So könnte das Kamelrennen in Köln ausgesehen haben, hier ein Bild eines Rennens aus den 1940er Jahren
So könnte das Kamelrennen in Köln ausgesehen haben, hier ein Bild eines anderen Rennens aus den 1940er Jahren

Im September 1969 war endlich mal wieder volles Haus auf der Galopprennbahn in Weidenpesch: 18.000 Besucher waren gekommen. Allerdings standen diesmal nicht die üblichen Rennpferde im Mittelpunkt. Der klamme Kölner Rennverein hatte zum Kamelrennen eingeladen. Zu dieser Zeit konnten die normalen Galopprennen in Weidenpesch kaum noch Zuschauer anlocken, das Wettgeschehen dümpelte vor sich hin. Da kam ein großes Event wie das in Europa einmalige Kamelrennen genau richtig.

Wie gut, dass die Kölner Zigarettenfabrik Neuerburg ein Jahr zuvor die Marke Camel erstmals auf dem deutschen Markt angeboten hatte und jetzt dringend nach Werbemöglichkeiten für diese Marke suchte. Da bot sich das als „Camel-Cup“ deklarierte Rennen perfekt an, um die Marke zu inszenieren.

Der Kölner Oberbürgermeister Theo "Döres" Burauen, Bild: Bundesarchiv
Der Kölner Oberbürgermeister Theo „Döres“ Burauen, Bild: Bundesarchiv

Eingefädelt hatte diese Idee der Kölner Oberbürgermeister Theo Burauen. Der überaus beliebte Politiker wurde von den Kölnern nur „Döres“ (die kölsche Bezeichnung für Theodor) genannt und hatte bereits eine Menge Erfolge zu verbuchen, unter anderem den Neubau des Opernhauses, der Sporthochschule sowie der Severins– und Zoobrücke. Doch ein Kamelrennen war auch für den Döres neu.

Rasen und Kurven für Rennkamele ungewohnt

Die Kamele wurden für das Rennen eigens aus Marokko eingeflogen. Mitsamt Jockeys und Betreuern. Der Besitzer der Kamele, König Hassan II. von Marokko, ließ sich das Spektakel gut bezahlen: Neben einer nicht unerheblichen Leihgebühr mussten die Kölner auch alle anstehenden Kosten bezahlen.

Dabei wäre der Transport fast gescheitert: Die Piloten der eigens gecharterten Frachtmaschinen weigerten sich zunächst, die nicht an Flüge gewohnten Tiere an Bord zu nehmen. Erst als die Tiere gefesselt waren und an Bord zusätzlich Pistolen verstaut wurden, um eventuell wild gewordene Kamele während des Flugs erschießen zu können, hoben die Transportflieger Richtung Köln-Wahn ab. Zum Schuss kam es nicht – die stark betäubten Tiere haben den Flug wohl eher verschlafen.

In Weidenpesch angekommen mussten die Kamele zunächst an die für sie ungewohnten Bedingungen gewöhnt werden. Das Geläuf aus Rasen war den Tieren genauso unbekannt wie die Kurven der Rennbahn. Bei den klassischen Kamelrennen in ihrer Heimat ging es einfach nur im vollen Tempo von bis zu 60 km/h im Sand geradeaus.

Insider-Tipps für kölsche Prominenz

Am Renntag gab es dann ein volles Haus in Weidenpesch. Auch die Buchmacher freuten sich: 35.000 Mark wurden verwettet. Es war auch reichlich Kölner Prominenz anwesend, neben der Stadtspitze auch Baronin Gabrielle von Oppenheim, damals Besitzerin des Gestüts Schlenderhan.

Ob die edle und reiche Dame den Tipp eines marokkanischen Insiders auf die Kamele „Tuareg“ und „Antar“ zu setzen, berücksichtigt, ist nicht überliefert. Es wäre zu empfehlen gewesen: Trotz kuriosem Rennverlauf  – der spätere Sieger brettert zunächst im vollen Lauf in eine Hecke – gewinnt „Tuareg“ das Rennen.

Kamelrennen in Dubai, Bild: Lars Plougmann / CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)
Kamelrennen in Dubai, Bild: Lars Plougmann / CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)

Heute sind die Rennkamele Statussymbole der reichen Scheichs aus dem Nahen Osten. Schnelle Tiere kosten bis zu fünf Millionen Euro und werden in Privatjets zu den Rennen in Katar oder Dubai geflogen. Es ist unwahrscheinlich, dass es in Köln noch einmal zu einem solchen Rennen kommt. Oder doch? Mal sehen.


Übrigens ist auf dem Gelände der Rennbahn auch ein ganz besonderes Stück Filmkulisse zu sehen: Deutschlands älteste erhalten Fußball-Stadiontribüne.


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Un wer is dat schuld? Dä Nubbel!

Ein typischer Nubbel am Eingang einer kölschen Kneipe, Bild: Superbass / CC-BY-SA-3.0 (via Wikimedia Commons)
Ein typischer Nubbel am Eingang einer kölschen Kneipe, Bild: Superbass / CC-BY-SA-3.0 (via Wikimedia Commons)

Jetzt hängen Sie wieder über den Kneipen: Die bemitleidenswerten Nubbel. Das sind Strohpuppen, die in der Nacht zu Aschermittwoch verbrannt werden, um uns von allen (Karnevals-)Sünden zu befreien. Zugegeben: Das ist recht praktisch! Wir feiern heftig Karneval, schlagen über die Stränge und schuld ist immer nur dä Nubbel.

Die ersten Nubbel wurden im Rheinland ab etwa Anfang des 19. Jahrhunderts verbrannt. Allerdings ist der Begriff „Nubbel“ recht neu und stammt aus den 1950er Jahren. Bis dahin war der Begriff „Zachaies“ geläufig. Gleiches Prinzip, nur anderer Begriff: Eine Figur muss für die Verfehlungen einstehen. Dabei steht der Nubbel jedes Jahr wieder neu auf, er entsteht also aus seiner eigenen Asche.

Der Nubbel trägt die Schuld – an allem!

Der Ablauf der Nubbel-Verbrennung ist immer weitesgehend gleich: Die bereits vor Weiberfastnacht aufgehängte Puppe wird in der Nacht zu Aschermittwoch abgenommen. Ein als Geistlicher oder Bestatter kostümierter Jeck liest dann die Anklageschrift mit den Sünden des Nubbels vor. Mit jeder Verfehlung wird das anwesende Volk gefragt: „Un wer is dat schuld?“ Die Antwort ist – na klar – der Nubbel. Klassische Anklagen des Nubbels sind:

  • Wer is et schuld, dat mer noh Fastelovend all malad und blank sin?
    (Wer ist es schuld, dass wir nach Karneval alle krank und pleite sind?)
  • Wer is et schuld, dat dä Eff Zeh alt widder su schläch jespillt hät?
    (Wer ist es schuld, dass der ruhmreiche 1. FC Köln schon so bescheiden gespielt hat?)
  • Wer ist et schuld, dat die bedrissene Autobahnbröck immer noch kapott es?
    (Wer ist et schuld, dass die Autobahnbrücke der A1 über der Rhein immer noch defekt ist?)

Das anwesende Volk antwortet auf jede Anklage immer lauthals mit „Dä Nubbel“. Am Ende der Anklage wird der Nubbel angezündet und verbrannt. Durch das Feuer werden alle Jecken, die Stadt, der FC und wer auch immer von ihren Sünden befreit. So lässt sich anschließend hervorragend weiterfeien – bis zum Morgen des Aschermittwochs. Erst dann ist wirklich Schluss.

Auch dieser Nubbel von einer Kneipe auf Severinsstraße wird Karnevalsdienstag brennen, Bild: Dstern at German Wikipedia [Public domain]
Auch dieser Nubbel, von einer Kneipe auf der Severinsstraße, wird Karnevalsdienstag brennen, Bild: Dstern at German Wikipedia [Public domain]

In der Südstadt wird der Nubbel zum Rebell

Kölns größte Nubbelverbrennung ist im Quartier Latin, im Studentenviertel an der Zülpicher Straße. Dort fährt eine alte Leichenwagen-Kutsche durch die Straßen und sammelt die Nubbel der verschiedenen Kneipen ein. Die eigentliche Verbrennung ist dann vor Hellers Brauhaus auf der Roonstraße. Mehrere Tausend Jecken beschuldigen den Nubbel aller Sünden und singen nach der Verbrennung gemeinsam „In unserem Veedel“ bevor es zurück in die vielen Kneipen des Viertels geht.

Auf der Merowinger Straße in der Südstadt wird der Nubbel vor der Kneipe/Restaurant Filos verbrannt. Der Pfarrer der nahegelegenen Lutherkirche, Hans Mörtter, leitet diese Verbrennung. Hier steht der Nubbel aber nicht für die begangenen Sünden, sondern für das letzte Stück Rebellion in uns allen: Rebellion gegen Intoleranz, Rassismus und Hass. Folgerichtig wird die Asche des verbrannten Nubbels in kleine, durchlöcherte Säcke gefüllt und an mit Helium gefüllte Ballons gebunden. Beim Aufstieg in den Himmel soll dann die Asche des Nubbels auf uns niederrieseln und den Geist der Rebellion anfachen. Daher hofft man auch, dass Südwind herrscht. So kann sich die Asche vorrangig über die Nobelviertel Marienburg und Hahnwald verteilen.

Sündenverbrennung in Raderberg

Einen ganz anderen Weg geht der Bürgerverein RADERBERG und -THAL im Kölner Süden: Bereits weit vor Karneval verteilt der Verein im ganzen Viertel „Sündenkarten“. Hier können die Jecken ihre individuellen Sünden eintragen und an die Pinnwand „Beichtstuhl“ im Brauhaus am Kloster hängen.

RADERBERG und -THAL, Sündenkarte 2020
RADERBERG und -THAL, Sündenkarte 2020

An Karnevalsdienstag kommen dann mit Klaus Eberhard, dem evangelischen Pfarrer der Gemeinde, und Thomas Frings, einem katholischen Geistlichen, zwei echte Profis, die gemeinsam die „schönsten“ Sündenkarten zitieren, die Sünden einordnen und dann verbrennen. Auch hier ist der Sünder somit befreit von der Sündenlast und kann unbeschwert weiterfeiern. Dies ist Kölns schönster Karnevalsabschluss. Vorbeikommen lohnt sich unbedingt.
Übrigens: Ich werde auch dort sein.


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Warum rufen wir „Kölle Alaaf“?

ALAAF-Schriftzug
ALAAF-Schriftzug, Bild: Uli Kievernagel

Podcast Alaaf + Zahl 11, 24

Wir Kölner sind mit unserem Ruf „Alaaf“ zu Fastelovend nicht alleine. Quer durch Deutschland rufen alle Jecken viele unterschiedliche karnevalistische Schlachtrufe. Zu meinen persönlichen Lieblingsrufen gehören:

Hoorig, hoorig – isch dia Katz lautet der Ruf der Narrenzunft Zell am Harmersbach.

Der Ruf in Westernhausen (Hohenlohekreis) wird spätestens nach dem achten Bier auch für geübte Zungen kritisch: Houlzschlaichel ferschi.

Ha-Tschi ruft der Fellbacher Carneval Club 1981 e.V.

Im Dietfurter Chinesenfasching ruft man Kille-Wau.

Wer mal Karneval in Würzburg-Unterdürrbach gefeiert hat, kennt auch „Schnüdel Klar“.

Nicht alle Düsseldorfer rufen „Helau“: In Unterbach lautet der Ruf „I-a“

Mein persönlicher Favorit ist aber Öleme Öwwäh aus dem wunderschönen Dorf Ulmen in der Vulkaneifel. Das geht eindeutig nur nach dem zehnten Bier.

Zweigeteilter Narrenruf

Der klassische Narrenruf besteht aus zwei Teilen: Zunächst etwas, was gewürdigt werden soll, meistens ein Ort, eine Person oder ein Karnevalsverein und dann der der eigentliche Ruf. Ganz klassisch ruft ein Redner den ersten Teil und die Jecken im Saal oder auf der Straße antworten mit dem Narrenruf. Der Ruf wird in de Regel dreimal wiederholt. In Köln bedeutet das regelmäßig: Der Vorrufer ruft „Kölle“ und alle antworten „Alaaf“.

Unzählige viele falsche Herleitungen von Alaaf

Aber woher kommt dieses schöne Wort „Alaaf“? Der Kölner Philologe Heribert Augustinus Hilgers (1935-2012) hat in seinem Buch „Alaaf! Ein Kölner Hochruf“ mit allerhand Fehlinterpretationen aufgeräumt. So schön die Geschichten auch sein mögen, sie sind leider alle falsch:

  • Nicht richtig ist zum Beispiel, dass Alaaf vom keltischen Wort „alef“ („Glück“) abstammt.
  • Schön, aber ebenso falsch, ist die Geschichte, dass sich Alaaf auf das Tarotspiel bezieht, weil der jüdische Buchstabe „aleph“ der Karte des Narren zugeordnet sei.
  • Auch die Herleitungen aus dem alemannischen „A Laaf´n“, dem spanischen „alaber“ oder dem syrischen „hadegel“, sind alle, so Hilgers in seinem Buch, nicht haltbar.
  • Und auch wenn wir aus der französischen Besatzungszeit viele Wörter in die kölsche Sprache übernommen haben, stimmt es auch nicht, dass sich Alaaf von „eleve-toi, cologne“, also „Erhebe dich, Köln“ ableitet.

Alaaf ist viel älter als der institutionalisierte Karneval

Im Rheinland gab es den Begriff „Alaaf“ bereits seit Mitte des 16. Jahrhunderts. Und damit knapp 300 Jahre vor dem institutionalisierten Karneval. Tatsächlich wurde ein Krug mit der Inschrift „Allaf für einen goden Druingk“ also „Nichts geht über einen guten Trank“ gefunden. Dieser Krug stammt ungefähr aus dem Jahr 1550. Und Alaaf war ein durchaus üblicher Ruf, nicht nur als Trinkspruch.

Also – liebe Karnevalisten: Ruft gerne oft und laut Alaaf, denkt aber daran, dass dieser Ruf älter als euer wunderschönes Fest ist. Und es ist durchaus erlaubt, auch mal andere schöne Narrenrufe zu benutzen.

Darauf ein dreifaches „Öleme Öwwäh“


Eine andere Geschichte versucht, die Entstehung von „Alaaf“ und „Helau“ gleichzeitig zu erklären. Diese Legende bezieht sich auf das Stapelrecht, also die Pflicht für alle Kaufleute, alle über den Rhein transportierten Güter in Köln zu einem festgelegten Preis anzubieten. Dabei galt immer der Befehl: Alaaf – also „Alles abladen!“

Ein Kaufmann aus Mainz wollte sich mit den Worten „Ik will he lau fahrn“ dem Stapelrecht nicht unterwerfen. Der arme Mann wurde, so die Legende, bei dem Versuch, das Stapelrecht zu umgehen, tödlich verwundet und im Düsseldorfer Stadtteil Kaiserswerth beerdigt. Von ihm sei heute nur noch der Ruf „Helau“ übriggeblieben.


Eine eindrucksvolle Sammlung von Narrenrufen hat Wolfgang Schallenhofer aus Wien auf der auf der Website „Kirchenweb“ zusammengetragen.


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„Am Nümaat zwei Päädsköpp“ – Richmodis von Aducht

Der Richmodisturm, Bild: Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0
Der Richmodisturm, Bild: Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0

Podcast Richmodis 9

Es ist Mitte des 14. Jahrhundert. In ganz Europa sterben die Menschen an der Pest. Etwa 25 Millionen Tote rafft der „Schwarze Tod“ dahin. Das sind etwa ein Drittel der Einwohner Europas. Besonders stark trifft es die Städte, in denen  die Menschen eng, zum Teil mit Vieh, zusammenleben. Infizierte bekommen zunächst starkes Fieber, dann entstehen am gesamten Körper Beulen, und innerhalb weniger Tage tritt der Tod ein. Die Ärzte sind hilflos. Regelmäßig schaden sie ihren geschwächten Patienten zusätzlich, indem sie diese zur Ader lassen oder mit Brechmittel oder Einläufen behandeln.

Die Seuche erreicht im Sommer 1349 auch Köln. Das öffentliche Leben kommt – aus lauter Angst vor einer Ansteckung – zum Stillstand. Nur wenige Menschen sind bereit, den Kranken zu helfen. Darunter ist die Patrizierin Richmodis von Aducht. Sie stammt aus der angesehenen und wohlhabenden Familie Lyskirchen und heiratet 1346 den einflussreichen Kölner Bürgermeister Richolf Mennegin von Aducht, genannt Mengis. Sie pflegt Pestkranke und steht auch Sterbenden bei ohne sich anzustecken.

Zwei Schimmel auf dem Turm

Doch mit der zweiten Welle der Pest, etwa sieben Jahre später im Jahr 1356, infiziert sich auch Richmodis von Aducht und stirbt an der Krankheit – das dachten zumindest alle. Wegen der Ansteckungsgefahr muss der vermeintliche Leichnam schnell aus dem Haus am Neumarkt geschafft werden. Daher wird ihr eilends ein dünnes Totenhemd angezogen, ein Sarg wird beschafft und Richmodis wird zum nahegelegenen Friedhof an der Apostelnkirche geschafft, um am Folgetag beigesetzt zu werden.

Zwei Totengräbern entgeht dabei nicht, dass der Leichnam der reichen Kölnerin Schmuck trägt. Insbesondere ein wertvoller Ring weckt ihr Interesse. So gehen sie nachts in die Leichenhalle, öffnen den Sarg und wollen die Leiche bestehlen. Der erste Schreck kommt schnell, ist doch die Hand, von welcher einer der Diebe den Ring ziehen will, noch warm. Vollends panisch fliehen die beiden, als sich Richmodis mit den Worten „Mir ist so kalt.“ aufrichtet. Schnell wird ihr klar, wo sie sich befindet und dass sie nicht weit weg von zu Hause ist. Also läuft sie nach Hause und klopft an die Tür. Doch selbstverständlich lässt sie der vom Klopfen geweckte Knecht nicht rein – da könnte ja jeder kommen. Auch ihre Beteuerung, dass sie doch die Dame des Hauses sei, hilft nicht. Aber immerhin weckt der Knecht den vermeintlichen Witwer Mengis. Auch dieser reagiert verständlicherweise eher unwirsch und weist die Person vor der Tür an, zu verschwinden. Auf ihren Einwand, dass sie doch seine Frau sei, antwortet Mengis voller Trauer: „Meine Frau ist tot. Eher steigen meine beiden Schimmel die Treppe hinauf in den Turm und schauen aus dem Dach heraus, als dass Richmodis wiederkehrt.“

Kaum ausgesprochen sind im Treppenhaus die Hufgeräusche von Pferden zu hören, anschließend ein lautes Wiehern aus dem Turm des Hauses – und zwei Pferde schauten aus den Turmluken. Erst jetzt glaubt Mengis, dass tatsächlich seine von den Toten auferstandene Frau vor der Tür steht. Überglücklich schließt er seine totgeglaubte Frau in die Arme. Richmodis wird wieder vollständig gesund und bringt sogar noch drei Kinder zur Welt.

Ende gut – alles gut! Übrigens auch für die Pferde. Diese wurden nicht zur rheinischen Spezialität Soorbroode verarbeitet sondern mit einem Flaschenzug wieder sicher vom Turm herabgelassen. Noch heute erinnert der achteckige „Richmodis-Turm“ an der Richmodstraße an diese Sage und noch immer schauen zwei steinerne Schimmel vergnügt aus den Fenstern.

Die Richmodislegende, Zeichnung von Johann Bussemacher; 1604
Die Richmodislegende, Zeichnung von Johann Bussemacher; 1604
Wahrer Kern der Sage

Wie so oft bei solchen Sagen ist irgendwo ein wahrer Kern verborgen. Tatsächlich muss in der Stadt während der Pest das totale Chaos geherrscht haben. So starben im 14. Jahrhundert etwa 20.000 Menschen in Köln an der Seuche. Das entspricht ungefähr der Hälfte der Bevölkerung. Und deswegen ist davon auszugehen, dass es bei der Leichenschau nicht besonders genau zuging und so mancher vermeintlich Tote schneller in einer der zahlreichen Leichengruben landete als der Tot ihn tatsächlich ereilte.


Richmodis-Kölsch, Bild: REWE Markt GmbH
Richmodis-Kölsch, Bild: REWE Markt GmbH

Neben dem Richmodis-Turm erinnert heute das Richmodis-Kölsch an die Sage. REWE hat die alte Marke, ursprünglich 2002 eingestellt, im Jahr 2012 wieder belebt. Das Logo zeigt die beiden Schimmel und das Gebäude.


Übrigens: Wenn der Kölsche eine Geschichte nicht glaubt, entgegnet er „Klar – un am Nümaat zwei Päädsköpp“. Und Wolfgang Niedecken hat im gleichnamigen Song die Richmodis-Sage musikalisch verarbeitet.  Den wunderschönen Text gibt es hier – auf Kölsch und auch in einer hochdeutschen Übersetzung.


Sehenswürdigkeiten rund um den Kölner Neumarkt, Bilder: Uli Kievernagel, Raimond Spekking
Sehenswürdigkeiten rund um den Kölner Neumarkt, Bilder: Uli Kievernagel, Raimond Spekking

Rund um den Neumarkt gibt es viel zu erkunden!

Am Neumarkt steht nicht nur die riesige Eistüte von Claes Oldenburg, sondern auch die von Rodin geschaffene Skulptur des französischen Schriftstellers Balzac. Etwas versetzt hinter der Neumarktgalerie, in der Richmodstraße, findet sich der Richmodisturm mit den beiden sagenumwobenen Päädsköpp. Auf der Südseite des Platzes steht ein Gebäude mit bewegter Geschichte: Das Bing-Haus. Und zu Geschäftszeiten lohnt sich ein Abstecher in die benachbarte Schalterhalle der Kreissparkasse – dort gibt es 4711 kostenlos.


 

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