Alfred Nourney – ein Kölner überlebt den Untergang der Titanic

Alfred Nourney (1892-1972), ein Überlebender des Titanic-Untergangs aus Köln, Fotograf: unbekannt, Bild: Sammlung Günter Bäbler, Titanic-Verein Schweiz
Alfred Nourney (1892-1972), ein Überlebender des Titanic-Untergangs aus Köln, Fotograf: unbekannt, Bild: Sammlung Günter Bäbler, Titanic-Verein Schweiz

Es war am 14. April 1912 gegen 23:40 Uhr, als Alfred Nourney an Bord der Titanic bemerkt, dass der Whisky in seinem Glas ein wenig schwankt. Viele Menschen um ihn herum bekommen den kleinen Stoß nicht mit. Dabei hat das damals modernste Schiff der Welt soeben einen Eisberg gerammt. Und damit sein Schicksal besiegelt. Zwei Stunden und 40 Minuten später versank der Ozeanriese in den eisigen Fluten des Atlantiks.

Bei dem Unglück kamen 1.514 Passagiere ums Leben. 712 Menschen überlebten das Unglück, unter Ihnen der Kölner Alfred Nourney, der unter dem Pseudonym „Baron Alfred von Drachstedt“ reiste.

Fahrt nach Amerika, um Ehre zu retten

Alfred Nourney, geboren am 26. Februar 1892 stammte aus einer reichen Kölner Weinhändlerfamilie. Schon sehr früh begeisterte sich der technikverliebte Junge für die Fliegerei. So berichtet der Kölner Lokal-Anzeiger vom 22. Januar 1912: “… Sodann bestieg einer seiner Kölner Schüler, Alfred Nourney, den Aeroplan, nahm die Kurven sehr kurz und schnell und landete im Gleitflug. …“.

Ein Artikel im im Kölner Lokal-Anzeiger vom 22. Januar 1912 beschreibt Alfred Nourneys Flugkünste
Ein Artikel im im Kölner Lokal-Anzeiger vom 22. Januar 1912 beschreibt Alfred Nourneys Flugkünste

Und auch sonst lebte Nourney anscheinend eher im Gleitflug, denn seine Reise mit der Titanic trat der junge Draufgänger nicht ganz freiwillig an: Angeblich soll er ein Hausmädchen der Nourneys geschwängert haben. Um ihn aus der „Schusslinie“ zu bringen, soll Alfred vorübergehend bei der amerikanischen Verwandtschaft untergebracht werden.

Doch der junge Hallodri macht aus der Pflicht eine Tugend. Kaum hatte er in Cherbourg auf dem luxuriösen Dampfer eingecheckt, gönnte er sich ein Upgrade auf die 1. Klasse und nennt sich fortan „Baron Alfred von Drachstedt“, wohl um besser in die feine Gesellschaft der 1. Klasse zu passen. Und unter den Millionären fühlte sich der junge Kölner pudelwohl. So telegraphierte er von Bord aus einen Tag vor dem Unglück an seine Mutter:

„Liebe Mutter – Ich bin so glücklich auf meiner ersten Klasse! Ich kenne schon sehr nette Leute! Einen Brillantenkönig! Mister Astor einer der reichsten Amerikaner ist an Bord! Tausend Küsse – Alfred.“

Außerdem schickt er ein weiteres Telegramm an ein gewisses „Fräulein Jarkonska“ in Köln, Rothgerberbach, „Drahtlosen Kuss, in Liebe Alfred.“ Vermutlich handelte es sich dabei um jene Dame, wegen der er Europa verlassen musste.

Die Titanic bei der Abfahrt aus Southampton, Bild: Francis Godolphin Osbourne Stuart, gemeinfrei, via Wikimedia Commons
Die Titanic bei der Abfahrt aus Southampton, Bild: Francis Godolphin Osbourne Stuart, gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Neugierde rettet sein Leben

Alfred erkundet voller Begeisterung das Schiff und dringt dabei auch in Räume vor, die eigentlich der Besatzung vorbehalten sind. So entdeckte er auch eine kleine eiserne Wendeltreppe, die von der Kommandobrücke über alle Decks bis fast zum Kiel der Titanic führte. Diese Entdeckung sollte ihm später das Leben retten.

Am Tag des Unglücks selber dinierte der junge Nourney zunächst im Speisesaal der 1. Klasse, um danach im Rauchersalon bei ein paar Whisky mit seinen neuen Bekannten eine Runde Bridge zu spielen. Als es um 23.40 Uhr leicht rumpelt, werden die Gespräche zunächst etwas leiser, doch keiner ahnt, in welcher Gefahr sich die Menschen an Bord befinden. Die Maschinen liefen genauso weiter wie nur Augenblicke später die Gespräche der Upper Class-Passagiere.

Doch Alfred Nourney hat ein ungutes Gefühl. Er eilt in seine Kabine, holt seinen Mantel und inspizierte das Deck des großen Schiffs. Dort entdeckt er zwar Eisbrocken auf dem menschenleeren Deck, aber sonst keine weiteren Unregelmäßigkeiten. Bis wenig später die Maschinen aussetzen.

Jetzt schrillen die Alarmglocken und Nourney will zurück ins Schiff, doch die Türen sind verschlossen. Dann erinnert er sich an die kleine eiserne Wendeltreppe, die er bei seinen Streifzügen entdeckt hat. Er geht diese Treppe hinunter und stellt fest, dass bereits Wasser in das Schiff eingedrungen ist.

Warnung verhallt ungehört

Schnell eilt er zurück in der Rauchersalon, um die anderen Passagiere zu warnen. Doch die sind wenig beeindruckt von dem aufgeregten „Baron von Drachstedt“. Ein Amerikaner meint nur, dass wahrscheinlich lediglich ein Rohr geplatzt sei – „Oh – it doesn´t matter.“ Doch damit liegt er gänzlich falsch.

Zurück auf dem Deck stellt Nourney fest, dass die Rettungsboote klargemacht werden. Ganz Pragmatiker geht er zunächst zur Küche, um sich mit Whisky und Sandwiches einzudecken, bevor er – nach eigener Aussage – den Matrosen hilft, Passagiere auf die Rettungsboote zu bringen. Dann bricht, so Nourney, Panik aus und Schüsse fallen. In dem folgenden Chaos, so Nourney, wird er mitgerissen und kann sich gerade noch so an einem der Boote festhalten. Dieses wird, noch nicht einmal voll besetzt, um 0:45 Uhr zu Wasser gelassen.

Noch Jahrzehnte später kann sich Alfred Nourney an den Untergang des Luxusliners erinnern:

„Als die Titanic nun wirklich sank, das dauerte eine ganze Weile. Das donnerte – rrrrummms – als sie sich auf den Kopf setzte. Und weg war sie. Und dann kam die schlimmste Zeit, es sind ja, na etwa tausend Leute mit dem Sog runter, dann trieben die in dem eiskalten Wasser und schrien um Hilfe. Und das war wie ein – huuuuuuu – wie ein Sirenenton, dieses Schreien. Und dieser Todesschrei, dieser Notschrei von tausend Menschen, kreischend, das war ein Akkord wie ein Sirenenton, grauenhaft, und dieses Schreien hat über eine Stunde gedauert.“1Quelle: Deutschlandfunk Kultur, „Ein religiös verwerteter Untergang“ von Andreas Malessa, 14.04.2012, https://www.deutschlandfunkkultur.de/ein-religioes-verwerteter-untergang-100.html, abgerufen am 8. Mai 2022

Überwältigt von den Eindrücken und den Strapazen schlief Alfred Nourney auf dem Rettungsboot ein, welches um 5:10 Uhr von dem Dampfer „Carpathia“, welches als erstes am Unglücksort erscheint, aufgenommen wird.

Ein Rettungsboot der Titanic, aufgenommen von einem Passagier der Carpathia, Fotograf: unbekannt, Bild: gemeinfrei / National Archives, Northeast Region, New York City, Records of District Courts of the United States
Ein Rettungsboot der Titanic, aufgenommen von einem Passagier der Carpathia, Fotograf: unbekannt, Bild: gemeinfrei / National Archives, Northeast Region, New York City, Records of District Courts of the United States

Einzelne Quellen behaupten, dass sich Nourney an Bord der Carpathia wenig dankbar verhalten habe. So soll er angeblich einen ganzen Stapel Decken, der unter den frierenden Passgieren verteilt werden sollte, alleine für sich in Anspruch genommen haben.2Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger,
Ein Kölner überlebt das Titanic-Unglück vom 13.01.2012, abgerufen am 20.05.2022

Auch scheinen seine materiellen Verluste doch stark übertrieben zu sein. So gibt er gegenüber der White Star Linie, der Betreibergesellschaft der Titanic, an, Verluste im Wert von zigtausend Dollar erlitten zu haben. Darunter acht Anzüge, zwei Abendanzüge, zwei Jagdanzüge, vier Mäntel, 40 Oberhemden, 15 Schlafanzüge, 14 Paar Schuhe, 10 Sets von Unterwäsche, 40 Kragen, zehn Paar Handschuhe, 120 Krawatten, 50 Taschentücher, einen Diamantring, mit Edelsteinen besetzte Manschettenknöpfe, zwei silberne Zigarettenetuis und eine silberne Haarbürste.

Grab auf Melaten

Die Carpathia lief am Abend des 18. April 1912 in New York ein. Nur wenige Wochen später kehrte Nourney wieder zurück nach Europa. Er lebte in Frankreich und Spanien, allerdings ohne die noch an Bord der Titanic so schrecklich vermisste „Fräulein Jarkonska“ vom Rothgerberbach.

Todesanzeige des Titanic-Überlebenden Alfred Nourney, erschienen in der Honnefer Volkszeitung am 17. November 1972
Todesanzeige des Titanic-Überlebenden Alfred Nourney, erschienen in der Honnefer Volkszeitung am 17. November 1972

Stattdessen vertreibt er sich die Zeit mit Autorennen, heiratet später eine andere Dame, bekommt mit ihr zwei Töchter und lässt sich in Bad Honnef nieder. Er arbeitet als Vertreter für Mercedes Benz und engagiert sich stark im örtlichen Tennisclub.

Alfred Nourney, der als junger Mann den Untergang der Titanic überlebt hat, stirbt am 15. November 1972 im Alter von 80 Jahren. Er wird auf Melaten beigesetzt, dort besitzt die Familie Nourney eine repräsentative Grabstätte.


Die Grabstätte der Familie Nourney auf der sogenannten "Millionenallee" auf dem Melatenfriedhof in Köln-Lindenthal (2020). Bild: Grünwald, Katharina, Landschaftsverband Rheinland, CC-BY
Die Grabstätte der Familie Nourney auf der sogenannten „Millionenallee“ auf dem Melatenfriedhof in Köln-Lindenthal (2020). Bild: Grünwald, Katharina, Landschaftsverband Rheinland, CC-BY

Grabstätte der Familie Nourney

Eine detaillierte Beschreibung der großen Nourney-Grabstätte auf dem Melatenfriedhof haben Katharina Grünwald und Franz-Josef Knöchel auf dem Portal KuLaDig – Kultur. Landschaft. Digital. veröffentlicht. 


 Der Podcast: Die Titanic und der Kölsche

 

Shownotes

Der Kölner Alfred Nourney starb im Jahr 1972 im Alter von 80 Jahren. Dass er
überhaupt so alt wurde, grenzt an ein Wunder, denn er überlebte als Passagier den Untergang der Titanic.

Dabei war es ein großer Zufall, dass er überhaupt auf dem Schiff war, denn eigentlich sollte der Sohn einer reichen Kölner Weinhändlerfamilie nur bei amerikanischen Verwandten aus der „Schusslinie“ gebracht werden, weil er als junger Mann ein Hausmädchen der Nourneys geschwängert hatte.

Mehr zu diesem kölschen Lebemann und seiner fast schon unglaublichen Geschichte in diesem Köln-Ding der Woche.


Text dieser Podcast-Folge

Hallo und herzlich Willkommen, es ist wieder soweit, hier sind der Frank und der Uli und wir haben wieder eine Köln-Geschichte für euch ausgegraben.

Ja heute auf Wunsch von Uli gehen wir auf die romantische Seite unseres Strebens, weil heute geht es um die Titanic, heute geht es um Rose und Jack, oder wie wir sagen würden, Bärbelchen und Jupp.

Jetzt lachst du schon wieder. Du hast dir unbedingt diese Folge gewünscht und jetzt bekommst du sie auch. Es geht um mehr, es geht um den Untergang der Titanic und natürlich um den Zusammenhang mit der schönsten Stadt der Welt, mit Kölle. Was konnte dann diese beiden Dinge zusammenbringen? Das war tatsächlich ein Mann.

Aber fangen wir mal irgendwie mit dem Untergang der Titanic an.: 4 April 1912., gegen 23.40 Uhr.

Und es macht auf einmal so ein bisschen Peng auf diesem riesen Kutter. Und die Eiswürfel in den Whiskygläsern klingeln ein bisschen. Was ansonsten mit Eis war, wusste man zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Upper Class unbeeindruckt

Aber die feine Gesellschaft, die Upper Class, die Oberdeck, die haben dann einfach weiter gefeiert. Ohne zu wissen, dass gerade mal 2 Stunden und 40 Minuten später der ganze Kutter blub, blub abgesoffen ist. Bei dem Unglück kamen 1514 Passagiere ums Leben. Und 712 Menschen überlebten das Unglück.

Unter ihnen der Kölner Alfred Nourney, der sich aber, ich will mal sagen, aus, der war eine Strunzbüggel. Ja, also der hat sich gerne angegeben. Der hat sich dort unter dem Pseudonym Baron Alfred von Drachstädt eingeschrieben. Und jetzt gucken wir uns diesen Alfred Nourney, alias Baron Alfred von Drachstädt, mal ein bisschen genauer an.

Er war eine Kölner, der kam aus einer reichend Kölner Weinhändlerfamilie, geboren 1892. Und hat dann auch sein Reichtum erst mal raushängen lassen. Der war so ein bisschen so ein Dandy, der Typ. Und hat dann auch ein bisschen krachen lassen. Und hat unter anderem 1912 schon den Flugschein gemacht.

Und da gibt es sogar einen Zeitungsausschnitt noch zu, wo beschrieben wird, wie er seine Prüfung macht.Der heißt es nämlich dann in einem Zeitungsartikel vom Januar 1912:

So dann bestieg einer seiner Kölner Schüler, Alfred Nourney, den Aeroplan, nahm die Kurven sehr kurz und schnell und landete im Gleitflug.

Leben im Gleitflug

Das war wohl schon irgendwie so ein echter Dandy Typ. Der hat ein ganzes Leben im Gleitflug geführt.

Denn auf einmal wurde der Junge verklappt. Der musste weg, der musste raus aus Köln. Der hat nämlich das Hausmädchen geschwängert. Also er war nicht nur ein bisschen im Gleitflug in seinem Leben, sondern er war auch ein Föttchesföhler. Also er hat gerne den Damen aufs Bett geholfen und musste dadurch aus der Schusslinie gebracht worden und sollte zu amerikanischen Verwandten gebracht werden.

Also erstmal fott, damit das mit dem Hausmädchen nicht so auffällt, dann haben sie den Filou einfach mal eingebucht und hat bot sich an, den auf der Titanic unterzubringen. Die stach nämlich dann genau in See. Und der ist in Cherbourg dann auf dieses Schiff drauf. Allerdings, der Junge wollte es ja ein bisschen krachen lassen, und  Geld hat er auch noch gehabt. So hat sich dann Baron Alfred von Drachstedt genannt und hat einfach mal sein Ticket, ein Upgrade, sich selbst gegönnt und war auf einmal Passagier der ersten Klasse.

 Ja, und unter den Millionären, da fühlte er sich, der junge Kölner, natürlich pudelwohl, hat es richtig raushängen lassen und so telegrafierte er vom Board an einem Tag, vor dem Unglück noch, an seine Mutter:

Liebe Mutter, ich bin so glücklich auf meiner ersten Klasse. Ich kenne schon sehr nette Leute, einen brillanten König, Mr. Astor, einer der reichsten Amerikaner ist an Bord, tausend Küsse, Alfred.

Das war aber nicht das einzige Telegramm, was er gesendet hat, das andere ist eigentlich viel interessanter. Ja, das hat er seiner Fräulein Jablonska geschickt. Wir gehen jetzt mal davon aus, das ist das Hausmädchen, die er da geschwängert hat.

Da schreibt er ihr: Drahtlosen Kuss in Liebe, Alfred.

Alfred inspiziert das ganze Schiff

Und auch sonst hat er das Schiff wirklich genossen, das Leben auf dem Schiff und ist da rumgeklettert überall. Der hat eigentlich alles sich angeguckt, was es auf dem Schiff gab. Der ist überall rumgeklettert, auch da, wo er gar nicht hin durfte. Der war auch sehr technikverliebt. Und unter anderem hat er eine Treppe entdeckt, die war eigentlich nur für das Personal gedacht, als schnelle Verbindung zwischen den einzelnen Decks. Und das wird später noch wichtig.

Und am Tag des Unglückes dinierte der junge Herr Nourney zunächst im Speisesaal der ersten Klasse. Und danach im Rauchersalon bei ein paar Whiskeys hat er es dann irgendwie raushängen lassen, dass er der Beste ist. Und hat eine Runde Bridge gespielt.

Na gut, auf jeden Fall, 20 vor 12 war das Schiff ruckelte leicht, weil es wurde ja dann, wie bekannt ist, von einem Eisberg gerammt. Respektive der Schiff hat den Eisberg gerammt, wenn man es genau nimmt. Aber das hat keinen so richtig gejuckt. Das ruckelt so ein bisschen. Und die Jungs haben kurz aufgehört, dann haben sie wigger jemaht.

Ja, das wollte auch gar keiner hören, dass der Herr Nourney da irgendwie mit einem unguten Gefühl durch die Kabine gerannt ist und hat irgendwie gesagt, Hilfe, Hilfe, Hilfe, hier kommt Wasser rein. Dann haben die erstmal gesagt, ja, da ist ein Rohr geplatzt oder sowas Ähnliches.

Eisbrocken auf dem Deck

Dann hat er aber Eisbrocken entdeckt, auf dem menschenleeren Deck. Und dann war er doch etwas, sag ich mal, verwirrt. Aber der Nourney kannte natürlich alle Wege in diesem Schiff, unter anderem auch diese Eisentreppe. So konnte er nämlich dann durch diese Eisentreppe genau rauf und ist dann oben aufs Deck gekommen.

Und jetzt wird die Geschichte ein bisschen krude. Und da muss man auch mal ein bisschen überlegen, ob das alles so stimmen kann. Angeblich wird er mitgerissen und kann sich gerade noch so an einem der Rettungsboote festhalten und sitzt da drin. Das Boot wird dann zu Wasser gelassen, unter anderem mit ihm dann, weil er ist ja reingefallen.

Und er sagte mal dazu, als die Titanic nun wirklich sank, das dauerte eine ganze Weile, das donnerte Rums, als sie sich auf den Kopf setzte und weg war sie. Und dann kam die schlimmste Zeit. Dann trieben die Menschen im eiskalten Wasser und schrien um Hilfe. Und das war wie ein Sirenenton.

Unglaubwürdige Verluste

Aber ich glaube nicht, dass es ihn das nachhaltig wirklich irgendwie geprägt hat, weil er ist tatsächlich auf dem Rettungsboot mal entspannt eingeschlafen. Und sein Rettungsboot war auch tatsächlich eins der ersten, welches von der berühmten Carpathia, also der erste Dampfer, der zum Unglücksort kam, was von denen aufgenommen worden ist. Und da war der feine Herr schön fein raus und hat sich dann entsprechend am Deck der Carpathia daneben benommen.

Da soll er nämlich nach Erzählungen einen ganzen Stapel Decken sich genommen haben, weil ihm war es ja kalt, dem feinen Herrn, und die anderen Passagiere konnten schön frieren. Aber der feine Herr hat noch mehr gemacht. Er hat nämlich anschließend dann mal, nachdem der Kutter gesunken ist, mal seine Versicherung angerufen und gesagt, oder die Versicherung von der White Star Line angerufen und gesagt, er hätte ja erhebliche materielle Verluste erlitten.

Und diese materiellen Verluste, die waren wirklich schon erheblich. Ja, also er soll acht Anzüge dabei gehabt haben, zwei Abendanzüge, zwei Jagdanzüge, wofür auch immer man die auf der Titanic und in Amerika braucht. Vier Mäntel, 40 Oberhänden, 15 Schlafanzüge, 14 Paar Schuhe, 10 Sets, Unterwäsche, 40 Kragen. Also ich sag mal, Mariah Carey hat weniger dabei, wenn die auf eine Welttournee geht.

Das ist alles so ein bisschen komisch. Ich würde ihn mal so als leicht Halbseiden bezeichnen. Das war alles nicht so ganz koscher, was der gemacht hat.

Er kam dann mit der Carpathia in New York an, ist dann wieder zurück, ist dann nach Frankreich.

Autorennfahrer

Die Fräulein Jablonska war auch Geschichte. Die war nicht mehr interessant für ihn. Und ist dann nach Bad Honnef gezogen. Er hat noch Autorennen gefahren, hat für Mercedes-Benz irgendwie so ein bisschen was verkauft und hat eigentlich ein sehr glückliches Leben geführt.

Im November 1972 ist er dann im Alter von 80 Jahren verstorben und hat seine letzte Ruhestätte auf einem repräsentativen Friedhofsstück auf Melaten gefunden. Das ist so ne kösche Jung, den eigentlich wirklich kein Mensch kennt. Würde mich jetzt wundern.

Also alle, die den schon vorher kannten, mögen sich mal kurz melden, dann falle ich wahrscheinlich tot um, wenn das mehr als fünf sind. Die Geschichte ist die einzige Verbindung, die mir bekannt ist zwischen Köln und der Titanic. Ich kannte den Alfred vorher auch nicht.

Und jetzt haben wir zwar abschließend nicht geklärt, ob auf dieses bescheuerte Tür, Rose und Jack, beide draufgepasst hätten. Ja, da werden wir auch niemals, werden wir da eine Lösung für finden. Ich sag ja, der hätte locker mal draufgepasst, wenn die mal ein bisschen zur Seite gerutscht wäre. Wobei, bei dem Gejaule von der Celine Dion wäre ich auch von dem Brett gerutscht.

Mit diesen Worten würde ich sagen, friert nicht zu viel im Wasser und maht et jood.

Vielen Dank fürs Zuhören.


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Am 9. November 1992: Arsch huh, Zäng ussenander auf dem Chlodwigplatz

Arsch huh, Zäng ussenander
 Im August 1992 griffen in Rostock-Lichtenhagen rechtsextreme Randalierer unter dem Applaus (!) von etwa 3.000 Zuschauern das „Sonnenblumenhaus“ an. Dort waren zahlreiche Vietnamesen untergebracht. Besonders erschreckend: Als die Ausschreitungen ihren Höhepunkt erreichten, zog sich die Polizei zurück. Die im brennenden Sonnenblumenhaus eingeschlossenen Menschen waren im Kampf gegen den rechten Mob und die applaudierende Mittelmäßigkeit auf sich selbst gestellt.

Ähnliche Bilder gab es zuvor bereits aus Hoyerswerda und vielen weiteren Orten nicht nur im Osten Deutschlands. Auch im Westen gab es vergleichbare Angriffe wie zum Beispiel im Mai 1993 der Brandanschlag auf das Haus der Familie Genç in Solingen, bei dem fünf Menschen starben und 17 weitere Menschen zum Teil schwer verletzt wurden.

Asyldebatte wurde von CDU/CSU und der BILD-Zeitung befeuert

Hintergrund der ausländerfeindlichen Überfälle war die hitzig geführte Asyldebatte. Im Jahr 1992 wurden 440.000 Asylsuchende in Deutschland registriert. CDU und CSU griffen das Thema auf und setzten auf Kampagnen mit den Titeln „Asylbetrug“ oder „Wirtschaftsflüchtlinge“. Beide befürchteten, Wähler an die stark wachsenden rechtsradikalen Parteien „Die Republikaner“ oder „DVU“ zu verlieren.

Schlagzeilen der BILD-Zeitung vom 2. April 1992 (links) und 1. September 1992 (rechts)

Sie konnten dabei auf die Unterstützung der BILD-Zeitung bauen. Der Historiker Ulrich Herbert bezeichnet diese Kampagnen als „eine der schärfsten, polemischsten und folgenreichsten Auseinandersetzungen der deutschen Nachkriegsgeschichte“.1Ulrich Herbert: Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland. Saisonarbeiter, Zwangsarbeiter, Gastarbeiter, Flüchtlinge. München 2001, S. 299.

Fremdenfeindliche Straftaten auch in Köln und Umgebung

Das Bundeskriminalamt berichtet im September, dass in den ersten acht Monaten Jahres 1992 bereits 2.220 Straftaten gegen Ausländer begangen wurden. Die Gewalt gegen Ausländer, so die Behörde, „… habe sich qualitativ verschärft, deutlich sei eine Tendenz zur Brutalisierung und eine Steigerung der Gefährlichkeit der Angriffe.“

Auch im Rheinland randalieren die rechten Scharfmacher, hier eine Auswahl der rassistisch motivierten Straftaten innerhalb von nur sechs Tagen:

  • 3. September 1992:
    Brandanschlag auf eine Aussiedlerunterkunft in Bonn und auf eine weitere Unterkunft in Düsseldorf
  • 4. September 1992:
    Brandanschlag in Leverkusen auf eine Container-Siedlung, in der Aussiedler aus Polen und der GUS untergebracht sind.
  • 6. September 1992:
    In Alfter bei Bonn wird ein Schuss in den Wohnraum eines Asylbewerberheimes abgegeben.
  • 8. September 1992:
    Brandanschlag auf ein Flüchtlingswohnheim in Rösrath

Kölner Künsterlszene reagiert

Die Künstlerszene in Köln ist alarmiert. Die gut vernetzten Kölner Musiker wollen ein Zeichen gegen die rechte Gewalt setzen. Auslöser dieser Überlegung war der Musiker und Journalist Nedim Hazar, Vater von Eko Fresh. Hazar hatte in einem Gespräch den Musikern Anke Schweitzer und Rolf Lammers erzählt, dass er sich in Köln wegen der spürbaren rassistischen Tendenzen zunehmend unwohl fühle. Lammers sprach daraufhin den umtriebigen Musikmanager Karl Heinz Pütz (1954-2013) an.

Pütz fackelte nicht lange und trommelte die Kölner Musikerszene zusammen. So trafen sich am 22. Oktober 1992 unter anderem Stephan Brings, Arno Steffen von L.S.E., Wolfgang Niedecken und „Effendi“ Büchel von BAP, Hannes Schöner von den Höhnern, Tommy Engel sowie Gerd Köster und Matthias Keul von „The Piano has been drinking“ im Stadtgarten. Sie und viele weitere wollen eindeutig Position beziehen. Dabei entstand die Idee, unter dem Titel „Arsch huh, Zäng ussenander“ eine Kundgebung auf dem Chlodwigplatz zu veranstalten.

Als Termin für das Konzert wurde der geschichtsträchtige 9. November 1992 ausgewählt, der Jahrestag der Pogromnacht gegen die jüdische Bevölkerung im Jahr 1938. Von da an muss es schnell gehen – es bleiben gerade noch 18 Tage bis zur Veranstaltung.

Wie wöhr et, wemmer selver jet däät?

Die Veranstaltungsplanung lief sofort auf Hochtouren. Aber neben der kompletten Logistik und Organisation wollten die Musiker auch noch unbedingt ein Lied als Statement veröffentlichen. „Nick“ Nikitakis schreibt die Musik, Wolfgang Niedecken steuert den Text bei.

Dieser Text handelt von einem realen Erlebnis Niedeckens bei der Bäckerei Brochmann in der Südstadt. Er war Zeuge, wie ein Handwerker dort unwidersprochen rassistische Parolen von sich geben konnte, ohne dass jemand einschritt – Niedecken inklusive. Der Musiker später: „Erst auf dem Weg an den Frühstückstisch war mir bewusst geworden, dass ich schlicht gekniffen hatte“.

So kam es zu den legendären Zeilen:

Du jehß ding Brühtcher holle,
Su wie jeden Morje waatste an dä Thek.
Do löht ne Typ em Blaumann Sprüch aff,
Bei dänne et dir nur kotzschlääsch weed.
Du denks: Nur russ he, wat ess bloss passiert,
Dat kein Sau reajiert?
Wiesu’s e janz Land am kusche,
Als wöhr et paralisiert?

Wie wöhr et wenn du dämm Blaumann jetz sähs,
Dat du Rassistesprüch janit verdrähs?
Wenn du en vüür dä Lück blamiers,
Endämm du’n einfach oplaufe löhß?
Un övverhaup: wemmer selver jet däät,
Wemmer die Zäng ens ussenander kräät?
Wenn mir dä Arsch nit huh krieje,
Ess et eines Daachs zu spät.2
Du gehst dir Brötchen holen,
Wie jeden Morgen wartest du an der Theke.
Da klopft ein Typ im Blaumann Sprüche,
Bei denen dir kotzschlecht wird.
Du denkst: Nur raus hier, was ist bloß passiert,
Dass keiner reagiert?
Wieso kuscht ein ganzes Land,
Als wär es paralysiert?


Wie wär es, wenn du dem Blaumann jetzt sagst,
Dass du Rassistensprüche gar nicht verträgst?
Wenn du ihn vor allen blamierst,
Indem du ihn einfach auflaufen lässt?
Und überhaupt: Wird Zeit, dass man was tut,
Dass man den Mund endlich aufbekommt!
Wenn wir den Arsch nicht hochkriegen,
Ist es eines Tages zu spät.

Tommy Engel bezieht eindeutig Stellung gegen Rassismus, Bild: Uli Kievernagel
Tommy Engel bezieht auch heute noch eindeutig Stellung gegen Rassismus, Bild: Uli Kievernagel

Köln war da!

Auch Tommy Engel war einer der Initiatoren des Konzerts: „Die Idee des Konzertes ist relativ spontan entstanden. Wir konnten überhaupt nicht einschätzen, ob die Leute kommen würden. Wir hätten uns da total blamieren können und keiner wäre gekommen. Ich erinnere mich, wir standen oben in der Severinstorburg und schauten auf den Chlodwigplatz. Und langsam fing der Platz an, sich zu füllen. Aus allen Ecken kamen sie plötzlich herbeigeströmt. Das war total beeindruckend. Köln war da!“

Tatsächlich ist es etwa 90 Minuten vor Konzertbeginn noch erschreckend leer auf dem Chlodwigplatz, nur ein paar Hundert Menschen verlieren sich dort – die Organisatoren haben mit etwa 20.000 Teilnehmern gerechnet. Doch dann entwickelt sich eine unglaubliche Dynamik. Unvorstellbare 100.000 Menschen strömten zum Chlodwigplatz und auf die angrenzenden Straßen der Südstadt. Die Bahnen der KVB kommen nicht mehr durch und stellen rund um den Chlodwigplatz den Betrieb ein. Aber der gesamte Abend verläuft ohne Zwischenfälle.

Auf der Bühne waren Karnevalisten, Intellektuelle, Rocker, Alt und Jung vereint

Das Programm der Kundgebung war extrem breit gefasst: Die Höhner spielten „Wann jeit dr Himmel widder op?“, Willy Millowitsch rezitierte Carl Zuckmayers „Des Teufels General“ und der Widerstandskämpfer Jean Jülich berichtete von seiner Zeit als Edelweißpirat. Jürgen Zeltinger singt vom „Müngersdorfer Stadion“, der schwule Männerchor Triviatas steuert Brechts Kinderhymne bei. Und Tommy Engel muss auf der Bühne angesichts der unüberschaubaren Menschenmenge um Fassung ringen, als er das Lied vom „Veedel“ singt. Auf der Bühne stehen Karnevalisten, Intellektuelle, Rocker, Alt und Jung vereint.

Zum Finale kommen alle Künstler auf die Bühne und spielen den Titel „Arsch huh, Zäng ussenander“. Die Lieder des Abends inklusive des Titelsongs wurden vorher im Weilerswister CAN-Studio aufgenommen und erschienen auf einer eilig produzierten CD, deren Verkauf die Finanzierung der Veranstaltung sicherstellen soll.


Nach der Kundgebung waren die Künstler zunächst nur „platt“. Der Stress der letzten Wochen mit der Organisation der Veranstaltung und der Produktion der CD sowie das aufwühlende Konzert hatte viel Kraft gekostet. Keiner der beteiligten Menschen realisiert in diesem Moment, was eigentlich passiert ist.

Musikmanager Karl Heinz Pütz (1954-2013) meinte 20 Jahre später: “Die Idee war, den Rassisten das Spielfeld zu entziehen. Es war ein emotionales Zeichen, mit dem wir klargestellt haben: Wir sind der Mentalitätsfaktor Köln. Besser als mit der Musik konnte man das nicht klarstellen. Ich glaube, das ist seitdem auch erledigt. Weil vom Apotheker über den Schützenbruder bis zum Philharmoniebesucher alle dabei waren.“

Aus dem losen Zusammenschluss wird eine dauerhafte Einrichtung

Die CD verkauft sich außerordentlich gut und spielte schnell 1 Mio. DM ein. Damit wurde der Grundstein für eine äußerst erfolgreiche und langlebige Initiative gelegt und der Verein Arsch Huh e.V. gegründet.

Dieser Verein versteht sich als sich als Sprachrohr für ein offenes, tolerantes, solidarisches Köln und setzt sich vielfach für die Verbesserung des Zusammenlebens und eine solidarische Stadtgesellschaft ein. So haben sich, nach Angaben von Arsch Huh e.-V., bisher mehr als 1.000 Kulturschaffende beteiligt, es wurden mehr als 1 Million Menschen erreicht.

Anküdigung zum Konzert "30 Jahre Arsch Huh - Wachsam bleiben!" am 10. November in der Lanxess Arena
Anküdigung zum Konzert „30 Jahre Arsch Huh – Wachsam bleiben!“ am 10. November in der Lanxess Arena

Jubiläumskonzert in der Kölnarena

Die Überlegungen, zum 30. Jahrestag des legendären Konzerts auf dem Chlodwigplatz eine Wiederauflage an gleicher Stelle zu veranstalten, wurden schnell verworfen. Zu groß sind die Sicherheitsbedenken bei einem solchen Mammutprojekt. Eine Veranstaltung an alternativen Standorten wie dem Heumarkt oder auf der Deutzer Werft scheiterte an den hohen Kosten von bis zu 200.000 Euro.

Doch dann meldete sich der Chef der Lanxess-Arena Stefan Löcher und bot seine Spielstätte an. Hier fand nun am 10. November 2022 unter dem Motto „Wachsam bleiben!“die Jubiläumsveranstaltung statt.

Wachsam bleiben! Das Album zu 30 Jahre Arsch Huh
Wachsam bleiben! Das Album zu 30 Jahre Arsch Huh

Passend dazu wurde auch ein neues Album unter dem Titel „30 Jahre Arsch Huh. Wachsam bleiben!“ veröffentlicht. 

Und auch danach geht es mit Aktionen gegen Rechts und für eine freie Stadtgesellschaft weiter. Denn, so die AG Arsch Huh:

Arsch huh, Zäng ussenander bleibt eine Daueraufgabe – in Köln und überall!


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Dä Appel-Jupp – ein ganz besonderer kölscher Heiliger

Die Marienstatue in St. Maria im Kapitol mit Äpfeln zur Erinnerung an den Appel-Jupp, Bild: Superbass, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
Die Marienstatue in St. Maria im Kapitol mit Äpfeln zur Erinnerung an den Appel-Jupp, Bild: Superbass, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Touristen, die es nicht nur in den Dom, sondern bis in die Kirche St. Maria im Kapitol schaffen, wundern sich: Wieso liegen an der Marienstatue im Chor immer frische Äpfel? Der Kölsche schmunzelt, packt seinen mitgebrachten Apfel aus, legt ihn an die Marienstatue und freut sich diebisch, mal wieder für Verwirrung gesorgt zu haben.

Ein frommer, kleiner Junge aus Köln

Um das Jahr 1150 rum lebte in Köln der kleine Hermann. Ein ganz normaler Junge seiner Zeit, der sich mit seinen Freunden die Zeit vertrieb. Hermann war aber auch sehr, sehr fromm. Und so ging er, immer wenn er Zeit hatte, für ein kurzes Gebet in seine Pfarrkirche St. Maria im Kapitol.

In bester rheinisch-katholischer Art führte er regelmäßig Gespräche mit Maria, der Mutter Gottes. Sie wurde für ihn zu einer Freundin, der er in tiefstem Kölsch von seinen Sorgen, Nöten aber auch von seinen Freuden erzählte. Und er wartete vergeblich darauf, dass ihm die Statue auch einmal antwortete.

Ein Apfel für das Jesuskind

Bis zum Nikolaustag. An diesem Tag hatte der fromme Hermann vom Nikolaus einen besonders schönen Apfel bekommen. Hermann war schnell klar: Diesen Apfel wird er dem Jesuskind schenken.

Sofort ging er in die Kirche, und dann geschah das ersehnte Wunder: Die Statue der Maria erwachte zum Leben, nahm den Apfel und gab diesem dem Jesuskind. Für Hermann wurde ein Traum wahr. In Zukunft besuchte er noch öfters Maria mit dem Jesuskind, er spielte mit dem kleinen Jesus und brachte ihm noch weitere Geschenke mit. Für moderne, aufgeklärte Menschen eine eher bizarre Vorstellung.

Anthonis van Dyck,: Vision des Hermann Joseph, um 1630, Bild: Public domain, via Wikimedia Commons
Anthonis van Dyck,: Vision des Hermann Joseph, um 1630, Bild: Public domain, via Wikimedia Commons

Der Theologe Manfred Becker-Huberti sieht hinter dieser Geschichte einen ganz anderen Sinn. In einem Interview im Domradio erklärt er: „Das sieht für heutige Leute eher komisch aus. … Aber der Sinn, der dahinter steckt, ist ein anderer. Die Maria ist die neue Eva. Und die alte Eva hat die Schuld in die Welt gebracht, indem sie einen Apfel vom Baum der Erkenntnis heruntergenommen hat und rein gebissen hat. Dieser Apfel ist in den Händen der Eva das Symbol für die Erbschuld und in den Händen der Maria für die Befreiung von der Schuld. Der Hermann-Joseph ist derjenige, der sie um diese Erlösung bittet, das heißt, den Apfel an das Jesuskind weiterzugeben.“1Quelle: Domradio Ob der eher volkstümlich geprägte Glaube im 12. Jahrhundert diese Interpretation geteilt hätte, kann aber durchaus bezweifelt werden.

Große Marienverehrung

Hermann trat mit zwölf Jahren in das Kloster der Prämonstratenser in Steinfeld in der Eifel ein, studierte in Friesland, kehrte nach Steinfeld zurück und wurde dort zum Priester geweiht. Er war als Seelsorger im Umkreis des Klosters tätig.

Hermann war zeitlebens ein großer Marienverehrer und bekam, durch eine „mystische Vermählung mit der Gottesmutter Maria“ den Beinamen Joseph. Seine große Frömmigkeit führte zu weiteren Wundern. So sollen bei seinen Gottesdiensten regelmäßig in dem Kelch Rosen erschienen sein, deren Duft ganze Gotteshäuser erfüllt habe.

Hermann schrieb auch erbauliche Texte und Lieder. So wird ihm auch das älteste bekannte Herz-Jesu-Lied „Gruß an das heiligste Herz-Jesu“ zugeschreiben. Dort lautet es:

Öffne dich gleich einer Rose,
Duftend aus dem Blätterschoße,
Und vereine meinem Herzen
Deinen Duft und deine Schmerzen.
Wer liebt, was muss der leiden nicht?

Bis in das fast schon biblische Alter von 90 Jahren hielt Hermann an der Marienverehrung fest. Er starb am 7. April 1241 oder 1252.

Der Hermann-Joseph-Brunnen am Waidmarkt zeigt die entscheidende Szene: Maria nimmt von Hermann dem Apfel entgegen, Bild: Raimond Spekking
Der Hermann-Joseph-Brunnen am Waidmarkt zeigt die entscheidende Szene: Maria nimmt von Hermann dem Apfel entgegen, Bild: Raimond Spekking

Erinnerung in Köln als Appel-Jupp

Heute erinnern sich Kölner an ihren Hermann Joseph als „Appel-Jupp“, also „Apfel-Joseph“. Und so finden sich regelmäßig besagte Äpfel an der Marienstatue in St. Maria im Kapitol.

Zusätzlich wurde ihm ein Brunnen gewidmet. Dieser Brunnen steht am Waidmarkt und zeigt an seiner Spitze die ganz entscheidende Szene für das Leben vom Appel-Jupp: Maria nimmt von ihm dem Apfel entgegen.

Hermann-Josef-Brunnen am Waidmarkt um 1895, Fotograf: unbekannt
Damals noch im Mittelpunkt des Platzes, heute eher „an den Rand geschoben“: Der Hermann-Joseph-Brunnen am Waidmarkt um 1895, Fotograf: unbekannt

Heute geht der Brunnen am Waidmarkt etwas unter. Werner Schmidt schreibt, der Brunnen wirke „wie ein an den Platzrand geschobenes sperriges Möbel“.2Werner Schmidt: Der Bildhauer Wilhelm Albermann (1835–1913). Leben und Werk. In: Werner Schäfke (Hrsg.): Publikationen des Kölnischen Stadtmuseums. Band 3. Köln 2001 Auch Ronald Füllbrandt von den Kölschgängern sieht den Standort kritisch: „Der Brunnen stand am Platzeingang und war ein herrlicher Blickfang. Heute, nachdem sich das Stadtbild grundlegend verändert hat, ist sein Platz nicht mehr besonders schön. Er steht da, wie in die Ecke gedrängt und wird kaum beachtet.“3Quelle: Kölschgänger

Dann doch lieber – in bester kölscher Tradition – Äpfel zur Marienstatue in St. Maria im Kapitol bringen.


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Eine Krake schwimmt im Rhein: Die Müllfalle an der Zoobrücke

Die RHEINKRAKE - eine schwimmende Müllfalle, Bild: Simon Taal / KRAKE e.V.
Die RHEINKRAKE – eine schwimmende Müllfalle, Bild: Simon Taal / KRAKE e.V.

Der Rhein ist – nach den Umweltskandalen der 80er und 90er Jahre – mittlerweile wieder relativ sauber. So gilt der Rhein nur als „mäßig belastet“.1In Deutschland wird Wasserqualität von Gewässern in die Güteklassen I – IV eingeteilt, wobei „Güteklasse I“ als „gering bis unbelastet“ und „Güteklasse IV“ als „Abwasserzone“ eingestuft wird. Der Rhein ist als „mäßig belastetes Gewässer“ in der Güteklasse II. Trotzdem schwimmen jede Stunde etwa 42 Kilogramm Müll im Rhein an Köln vorbei. Das summiert sich auf sagenhafte 365 Tonnen im Jahr. Schlussendlich landet dieser Müll im Meer und verschärft damit die Situation für alles, was dort lebt.

K.R.A.K.E. e.V. - die Kölner Rhein-Aufräum-Kommando-Einheit, Quelle: K.R.A.K.E. e.V.
K.R.A.K.E. e.V. – die Kölner Rhein-Aufräum-Kommando-Einheit, Quelle: K.R.A.K.E. e.V.

Kraklinge räumen auf – Müllsammeln mit Spaß

Christian Stock stört diese Verschmutzung am und im Rhein. Der Wahlkölner Stock ist ein praktischer Mensch: Anstatt zu lamentieren packt er einfach an und sammelt den Müll am Ufer auf.2Genau so macht es auch Eva Pollmeier – sie sammelt Müll an den Stränden Europas ein. Doch schnell erkennt er, dass viele Hände einfach mehr schaffen. Er gründet 2016 die K.R.A.K.E. – Kölner Rhein-Aufräum-Kommando-Einheit mit dem Ziel, das Müllproblem in Köln zu reduzieren. Dabei steht der gemeinsame Spaß im Vordergrund. Das klingt seltsam, doch es funktioniert. Die K.R.A.K.E. schreibt dazu:

Das allerwichtigste ist und bleibt aber, dass wir Spaß am Müllsammeln verbreiten möchten. Für viele klingt es vielleicht erst mal seltsam, aber Müllsammeln ist sexy! Die meisten Menschen, die einmal mit uns Sammeln waren, kommen auch wieder. Müllsammeln ist nicht nur eine gute Tat fürs Gewissen, es ist in der Gruppe eine gesellige Aktivität, für die es viel positives Feedback von Passanten gibt und die ein sofortiges Erfolgserlebnis in Form eines sauberen Uferabschnitts liefert.
(Quelle: K.R.A.K.E. e.V. )

Und dieses Konzept geht auf. Was zunächst als Facebook-Gruppe beginnt, wächst rasant. Bereits zum ersten „Rhine CleanUp Day“ im September 2018 packen 300 fleißige Helfer, Kraklinge genannt, mit an und sammeln knapp eine Tonne Müll. Nur ein Jahr später wird die Arbeit der Müllsammler und des „Krakenpapas“ Christian Stock mit dem Ehrenamtspreis der Stadt Köln und dem Stiftungspreis der Kölner Grün Stiftung ausgezeichnet, im Jahr 2022 folgt der Umweltschutzpreis der Stadt Köln.  

Erfolgreiche Bergung von E-Scootern aus dem Rhein, v.l.n.r.: Jan Odenthal, Christian Stock, Franz Roling, Bild: K.R.A.K.E. e.V.
Erfolgreiche Bergung von E-Scootern aus dem Rhein, v.l.n.r.: Jan Odenthal, Christian Stock, Franz Roling, Bild: K.R.A.K.E. e.V.

Die Kraklinge sind regelmäßig im Stadtgebiet unterwegs und sammeln den Müll ein, den andere Kölner wegwerfen. Aufsehenerregend war die Aktion im August 2022: Die K.R.A.K.E. sammelte im Rhein liegende E-Roller. Eine Aktion, an der die Betreiberfirmen der E-Scooter vorher grandios gescheitert waren. In den Fangarmen der Kraklinge landeten so insgesamt 150 Roller.

Die Rheinkrake, eine schwimmende Müllfalle

Mit der Müllfalle im Rhein geht die K.R.A.K.E. noch einen Schritt weiter: Wieso, so Krakling Nico, fischen wir nicht den Müll direkt aus dem Rhein? Er hatte solche Müllfallen bereits in London gesehen: Ein schwimmender Fangkorb, an einer günstigen Stelle im Fluss platziert, sammelt den Müll ein.

Fast drei Jahre wird an der Idee gefeilt, mit der Verwaltung verhandelt und Sponsoren eingeworben – immerhin liegt das Projektbudget bei 160.000 Euro. Am 15. September 2022 ist es endlich soweit: Die „Rheinkrake“ wird eingeweiht.

Die Verankerung der Rheinkrake in Höhe der Zoobrücke, Bild: Simon Taal / K.R.A.K.E. e.V.
Die Verankerung der Rheinkrake in Höhe der Zoobrücke, Bild: Simon Taal / K.R.A.K.E. e.V.

Dabei handelt es sich um einen zehn mal fünf Meter großen Ponton aus Stahl. Mit einer entgegen die Fließrichtung gelegenen Öffnung wird der an der Wasseroberfläche treibende Müll eingesammelt. Um möglichst viel Abfall einzufangen, ist die Müllfalle etwa in Höhe der Zoobrücke, am Rheinkilometer 690,3 aufgestellt. Diese Stelle ist ideal, weil dort, durch die Rheinbiegung, die fast perfekte Strömung für die Rheinkrake herrscht. Allerdings kann die Müllfalle auch an anderen Stellen und bei unterschiedlichen Wasserständen eingesetzt werden.

Die K.R.A.K.E. weist ausdrücklich darauf hin, dass die Müllfalle so konstruiert wurde, dass sie weder Fische noch Vögel und auch den Schiffsverkehr nicht gefährdet. Sogar die regelmäßigen Routen der Ruderer auf dem Rhein wurden berücksichtigt.

Der erste Müll in der Müllfalle - bereits nach 24 Stunden! Bild: Nico Schweigert / K.R.A.K.E. e.V.
Der erste Müll in der Müllfalle – bereits nach 24 Stunden! Bild: Nico Schweigert / K.R.A.K.E. e.V.

Studie „Welcher Müll schwimmt im Rhein?“

Die Müllkrake soll selbstverständlich den im Rhein treibenden Müll einsammeln. Allerdings geht die K.R.A.K.E. noch einen wichtigen Schritt weiter: Der Müll wird dokumentiert und wissenschaftlich ausgewertet. Durch eine Kooperation mit der Universität Bonn wurde ein Müll-Klassifikationsschema erstellt. So soll eine Langzeitstudie zum Plastikmüll im Rhein später Handlungsempfehlungen für die Politik, die Verwaltung und auch die Zivilgesellschaft geben. Für diese Müll-Klassifikationwerden noch Helfer gesucht, die K.R.A.K.E. freut sich über Unterstützung.

Übrigens: In den fünf Minuten, die du jetzt gebraucht hast, diesen Artikel zu lesen, sind weitere 3,5 Kilogramm Müll durch den Rhein an Köln vorbeigeströmt. Und einen Teil davon hat die Müllkrake eingesammelt.


 

Ein ganz besonderes Museum: Das MÜLLseum

Seitdem die K.R.A.K.E. in Köln aufräumt, ist eine Menge Müll gefunden worden. Die kuriosesten Fundstücke werden im MÜLLseum ausgestellt. Dort wird neben einem Mammutzahn auch ein Vogelnest ausgestellt, in dem Plastikteile verbaut sind. Auch eine 30 Jahre alte Raider-Verpackung ist in dem MÜLLseum zu finden.

Der Eintritt ist frei, die K.R.A.K.E. freuet sich über Spenden. Es gibt auch, außerhalb der regulären Öffnungszeiten, kostenlose Gruppenführungen für Schulklassen und andere Interessierte an. Termine können individuell vereinbart werden.

MÜLLseum  
Öffnungszeiten: Donnerstag, 15 – 19 Uhr (am 22.12. geschlossen)
Adresse:  Burgenlandstraße 3a, 51105 Köln


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Ein Park auf Zeit: Der Pionierpark am Großmarkt

Der Pionierpark in Raderberg - ein Park auf Zeit, Bild: Uli Kievernagel
Der Pionierpark in Raderberg – ein Park auf Zeit, Bild: Uli Kievernagel

Wann Kölns größtes Bauprojekt, die Parkstadt Süd, realisiert wird, ist noch offen. Aber seit dem 22. September 2022 gibt es zumindest einen kleinen Teil des Gesamtprojekts zu bewundern: Den Pionierpark.

Kurios: Das ist ein Park auf Zeit. Su jet jitt nur in Kölle!

Die Parkstadt Süd – Fertigstellung 2037?

Auf dem Gelände des heutigen Großmarkts und den angrenzenden Flächen des „Inneren Grüngürtels“ wird die Parkstadt Süd entstehen. Ein Städtebauprojekt der Superlative:

  • Bebaut werden etwa 115 Hektar. Das entspricht der Fläche von etwa 150 Fußballplätzen.
  • Geplant sind etwa 3.400 Wohneinheiten, dort werden etwa 7.700 Menschen wohnen.
  • In dem Gebiet werden drei Kindertagesstätten, zwei Grundschulen und eine Gesamtschule entstehen.
  • Die Stadt geht von 4.300 Arbeitsplätzen in der Parkstadt Süd aus.
So wird es einmal im "Inneren Grüngürtel" aussehen: Die Parkstadt Süd. Die rote Markierung kennzeichnet die aktuelle Lage des Pionierparks, Bild: Lenzen, Landschaftsarchitekturbüro RMP, Markierung: Uli Kievernagel
So wird es einmal im „Inneren Grüngürtel“ aussehen: Die Parkstadt Süd. Die rote Markierung kennzeichnet die aktuelle Lage des Pionierparks, Bild: Lenzen, Landschaftsarchitekturbüro RMP, Markierung: Uli Kievernagel

Wann das Projekt realisiert wird, ist allerdings eher ungewiss: Die Laufzeit des Großmarkts wurde jüngst noch bis in das Jahr 2025 verlängert, vorgeschlagen wurde ein Umzug nach Marsdorf. Gegen diesen neuen Standort wehren sich die Markthändler mit Händen und Füßen.

Gleichzeitig müssen auch Verhandlungen im zwei Eigentümern, deren Immobilien dem geplanten Großprojekt im Weg stehen, abgeschlossen werden. Sollte es hier zu keiner Einigung kommen, „würde die Stadt zu gegebener Zeit andere Maßnahmen bis hin zur Enteignung prüfen“ – so die Stadt Köln. Starke Worte – allerdings können sich solche Verfahren ewig hinziehen.

Kein Wunder, dass die Verwaltung sich ungern auf einen Fertigstellungstermin festlegen will. Aktuell nennt die Stadt das Jahr 2037.

Ein Park als Interimslösung

Um aber schon heute einen ersten Eindruck zu geben, welche Potenziale das Gelände der Parkstadt Süd bietet, wurde auf etwa 40.000 Quadratmeter Fläche ein neuer Grünzug geschaffen. Dieser Park ist besonders, denn er ist nur auf Zeit angelegt. Kölns Umweltdezernent William Wolfgramm dazu: „Dieser Park ist ein Vorgriff, wie wir die Parkstadt Süd gestalten werden.“ Wir alle sollen einen Eindruck davon bekommen, welche Dimensionen die Parkstadt Süd irgendwann mal annehmen wird.

Der Pionierpark braucht noch etwas Zeit, bis er üppig grün wird. Bild: Uli Kievernagel
Der Pionierpark braucht noch etwas Zeit, bis er üppig grün wird. Bild: Uli Kievernagel

Die Idee stammte von Joachim Bauer, dem stellv. Amtsleiter des Grünflächenamts, und Baudezernent Markus Greitemann. „Warum sollte man so ein Gelände brach liegen lassen?“ fragten sich die beiden und so wurde die Idee des „Parks auf Zeit“ geboren.

Einsatz von Auszubildenden spart Kosten

Dank des Einsatzes von Auszubildenden des Grünflächenamts konnte der Park für 300.000 Euro realisiert werden. Und die Azubis sind glücklich, dass sie dieses Projekt umsetzen durften. „Man ist stolz, ein Teil des Projekts zu sein.“ so Sarah, eine Auszubildende der Stadt Köln. „Und man ist überwältigt, was daraus jetzt schon geworden ist.“. Am 22. September 2022 wurde der Park feierlich eingeweiht.

Die Eröfnung des Pionierparks 22. September 2022 mit Baudezernent Greiteman, Umweltdezernent Wolfgramm, Joachim Bauer, Leiter des Grünflächenamts und vier der insegsamrt zehn Azubis, die den Park realisiert haben, Bild Uli Kievernagel
Die Eröffnung des Pionierparks 22. September 2022 mit Baudezernent Greiteman, Umweltdezernent Wolfgramm, Joachim Bauer, Leiter des Grünflächenamts und vier der insgesamt zehn Azubis, die den Park realisiert haben, Bild Uli Kievernagel

Fußballplatz ist angelegt, weitere Nutzungsmöglichkeiten gewünscht

Tatsächlich wurde die bisher unattraktive Fläche massiv bearbeitet: Wege und ein Fußballplatz wurden angelegt, 40 Bäume gepflanzt sowie eine Fläche für die unter Naturschutz stehende Zauneidechse eingezäunt. Der Planer des Geländes, Stephan Lenzen vom Landschaftsarchitekturbüro RMP, betont die große Dimension des Parks und weist darauf hin, dass durch diese Schneise auch Frischluft vom Rhein nach Raderberg geführt wird.

Die Pänz haben den neuen Fußballplatz im Pionierpark bereits am ersten Tag in Beschlag genommen, Bild: Uli Kievernagel
Die Pänz haben den neuen Fußballplatz im Pionierpark bereits am ersten Tag in Beschlag genommen, Bild: Uli Kievernagel

Trotzdem fehlt dem Park noch die Attraktivität. Der Eingang ist schwer zu finden und bei den Angeboten des Pionierparks ist noch Luft nach oben. Tobias wohnt unweit des Parks und regt an: „Etwas mehr Mühe bei der sportlichen Nutzung eines Parks würde ich mir wünschen.
Meiner Auffassung nach wäre eine Gitterwand hinter den Fußballtoren erforderlich, ausserdem Basketballkörbe und mindestens zwei Tischtennisplatten. Dann wird der Park auch genutzt.“

Unbekannte Altlasten

Unabhängig davon bleibt aber das Problem der Altlasten: Es wurden 20.000 Quadratmeter Vliesstoff auf dem Gelände ausgelegt, denn niemand kann genau sagen, welche Altlasten nach etwa 100jähriger Nutzung durch die Bahn noch in der Erde schlummern. Diese Sanierung findet erst zu einem späteren Zeitpunkt statt. So lange bleibt der Pionierpark ein Provisorium.

Aber das sind wir gewohnt! Wir leben in einer Stadt, die sich mit Provisorien bestens auskennt. So steht seit 1996 eine hässliche blaue Mülltüte namens „Musical Dome“ direkt am Rhein, an der Nord-Süd-Bahn bauen wir bereits seit 18 Jahren und auch der Dom wurde erst nach 632 Jahren Bauzeit fertig.

Deswegen: Auch der „Zwischenlösung“ Pionierpark ist in Köln bestimmt ein langes Leben sicher.


Ausschnitt aus einem Stich von Friedrich W. Delkeskamp (1794–1872)
Lage des jüdischen Friedhofs, Ausschnitt aus einem Stich von Friedrich W. Delkeskamp (1794–1872)

Der jüdische Friedhof „Dude Jüd“

Auf dem heutigen Großmarktgelände liegt auch der „Judenbüchel“, der alte Friedhof der jüdischen Gemeinde. Die Kölschen nannten dieses Gelände „Dude Jüd“„Am todten Jud“.


Lotsentour „Raderberg & Raderthal“

Der Pionierpark befindet sich westlich des Großmarktgeländes, der Eingang ist Bischofsweg 48. Auf der Lotsentour „Raderberg & Raderthal“ statten wir dem Pionierpark einen Besuch ab.


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Robert Pferdmenges – erfolgreicher Bänker und „Strippenzieher“ für Adenauer

Robert Pferdmenges hält die Rede als Alterspäsident bei der konstituierenden Sitzung des 4. Deutschen Bundestages am 17 Oktober 1961, Bild: Bundesarchiv, B 145 Bild-F011609-0006, Rolf Unterberg, CC-BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
Robert Pferdmenges hält die Rede als Alterspäsident bei der konstituierenden Sitzung des 4. Deutschen Bundestages am 17 Oktober 1961, Bild: Bundesarchiv, B 145 Bild-F011609-0006, Rolf Unterberg, CC-BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Die beiden kannten sich bereits mehr als 42 Jahre, als Adenauer dem Bankier Robert Pferdmenges das „Du“ anbot. Das war an Adenauers 85. Geburtstag. Zu diesem Zeitpunkt war Pferdmenges auch bereits 81 Jahre alt. So wurde Robert Pferdmenges zum einzigen Menschen, der auf „Du und Du“ mit dem Kanzler war. Daher gilt der Bankier Pferdmenges bei Historikern als einziger wirklicher Freund des in persönlichen Dingen eher unterkühlten ersten deutschen Bundeskanzlers.  

Erfolgreicher Bänker – Friedrich Engels als (angeheirateten) Onkel  

Geboren wurde Robert Pferdmenges am 27. März 1880 in Mönchengladbach als zweites von neun Kindern des Textilunternehmers Wilhelm Albert Pferdmenges und seiner Frau Helene. Nach Abitur und Banklehre machte er Karriere bei verschiedenen Banken mit Positionen in Antwerpen und London. Im Jahr 1919 zog er mit seine Frau Dora und den beiden Kinder nach Köln und wurde Vorstand der A. Schaaffhausen’scher Bankverein Actiengesellschaft.

Kurios: Sein (angeheirateter) Onkel war ein gewisser Friedrich Engels aus Wuppertal. Pferdmenges dazu: „Es ist nicht wahr, daß ich ihn je gesehen hätte. Aber es stimmt, daß es in unseren Familien ein geflügeltes Wort gab, das immer dann drohend angewandt wurde, wenn jemand über die bürgerlichen Stränge schlug: “Du wirst noch wie Onkel Friedrich.‘1DER SPIEGEL 5/1954 vom 26.01.1954. Diese Gefahr bestand beim Bankier Pferdmenges eher nicht.

1931 wechselte Pferdmenges die Position: Vom bisher angestellten Manager verschiedener Bankhäuser zum Teilhaber des Kölner Bankhaus Sal. Oppenheim jr. & Cie. Dort war er bis 1953 persönlich haftender Gesellschafter.

Pferdmenges – die „graue Eminenz“ Adenauers

Konrad Adenauer hatte dem erfolgreichen Manager viel zu verdanken: Obwohl keine eindeutigen Beweise vorliegen, gehen Historiker davon aus, dass es Robert Pferdmenges war, der Adenauer, welcher 1930 nahezu sein gesamtes Vermögen durch Fehlspekulation am Aktienmarkt verloren hatte, finanziell rettete.

Und auch die CDU profitierte von den Fähigkeiten des Strippenziehers Pferdmenges. Denn der Mann mit den besten Kontakten in die Industrie und Wirtschaft organisierte die notwendigen Spenden, ohne die die Kassen der CDU in den aufreibenden Wahlkämpfen der 1950er Jahre leer geblieben wären.

Gleichzeitig war er in der gerade neu gegründeten CDU der Mann, der den bürgerlich-evangelischen Flügel repräsentierte, während Adenauer als Katholik eher in der Tradition der Zentrumspartei stand. Daher drängte Adenauer den Protestanten Pferdmenges zu einer Kandidatur bei der ersten Bundestagswahl: 

Brief von Adenauer an Pferdmenges am vom 1. Juli 1949, Quelle: Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus, 12.02/3
Brief von Adenauer an Pferdmenges am vom 1. Juli 1949, Quelle: Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus, 12.02/3

Nur eine einzige Rede im Bundestag – und diese auch nur gezwungenermaßen

Pferdmenges gab dem Drängen Adenauers nach und war von 1950 bis zu seinem Tode im Jahr 1962 Mitglied des Bundestags. Allerdings war nicht der Plenarsaal und das Rednerpult sein eigentliches Arbeitsgebiet. Viel mehr agierte er im Hintergrund und diente Adenauer als „machtvoller, finanzkapitalistischer Drahtzieher der Politik in jenen Jahren“2Der SPIEGEL: Adenauers Mann für die Moneten, 05.11.2006

Seine in zwölf Jahren einzige Rede im Parlament hielt Pferdmenges auch eher unfreiwillig: Als Alterspräsident eröffnete er Mitte Oktober 1961 die vierte Legislaturperiode. Allerdings war er nicht der klassische „Hinterbänkler“, sondern ein Machtmensch, der genau wusste, welche Strippen im richtigen Moment zu ziehen sind.

Die Pferdmengesstraße in Marienburg erinnert an Robert Pferdmenges, Bild: Uli Kievernagel
Die Pferdmengesstraße in Marienburg erinnert an Robert Pferdmenges, Bild: Uli Kievernagel

Pferdmenges fungiert als Platzhalter für die Oppenheim-Familie

Als die nationalsozialistischen Machthaber die Familie Oppenheim im Jahr 1938 wegen derer jüdischen Wurzeln aus der Bank drängten, stell­te sich Pferd­men­ges vor die Fa­mi­lie und rettete das Bankhaus, indem er es zwar formell übernahm, die Fa­mi­lie Op­pen­heim blieb aber im Hintergrund Haupt­ei­gen­tü­mer. So fungierte er von 1938 bis 1947 als Platzhalter für die Eigentümerfamilie. Damit war auch eine Namensänderung verbunden. Aus Sal. Oppenheim wurde Pferd­men­ges & Co.. Für die Nationalsozialisten galt die Bank somit als „ari­siert“. Im Jahr 1947 konnte die Familie Oppenheim die Bank wieder übernehmen und unter der ursprünglichen Bezeichnung Sal. Oppenheim jr. & Cie. die Geschäfte wieder aufnehmen.

Dies führte später zu dem Vorwurf, Pferdmenges wäre ein „Nazi-Bänker“ gewesen. Es ist davon auszugehen, dass diese Vorwürfe haltlos sind. Tatsächlich wurde Pferdmenges nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 im Zusammenhang mit der Fahndung nach seinem Geschäftspartner Waldemar von Oppenheim sogar fest­ge­nom­men. Gegen ihn wurde ein Berufsverbot verhängt und er wurde auf sei­nem Gut in der Mark Bran­den­burg un­ter Haus­ar­rest ge­stellt.

Nach dem Krieg wurde Robert Pferdmenges von den Alliierten als „politisch einwandfrei“ beurteilt und auch ein eigens eingerichteter Untersuchungsausschuss der Kölner Stadtverordnetenversammlung bestätigte dies. Auch die Familie Oppenheim betonte, dass Pferdmenges durch die Zurverfügungstellung seines Namens das Bankhaus gerettet hatte.

Mandate in 27 (!) Aufsichtsräten 

Pferdmenges kehrte im Sommer 1945 nach Köln zurück und wurde bereits im September 1946 zum Präsidenten der Industrie- und Handelskammer ernannt. Der Netzwerker im Hintergrund führte erfolgreich die Bankgeschäfte des Bankhauses Oppenheim und sammelte Aufsichtsposten wie andere Menschen Briefmarken. So war er ab 1954 in 27 Aufsichtsräten vertreten.

Darunter waren Unternehmen wie Felten & Guilleaume, die Klöckner-Werke AG, die Nordstern Versicherung, Bahlsens Keksfabrik in Hannover oder auch die Zuckerfabrik von Pfeifer & Langen.

Robert Pferdmenges und Konrad Adenauer im Deutschen Bundestag (Mai 1960), Bild: Bundesarchiv, B 145 Bild-F008112-0015 / Egon Steiner, CC-BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
Robert Pferdmenges und Konrad Adenauer im Deutschen Bundestag (Mai 1960), Bild: Bundesarchiv, B 145 Bild-F008112-0015 / Egon Steiner, CC-BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Jahrzehntelange Freundschaft mit Adenauer

Verständlich, dass der streitlustige Adenauer den eher ausgleichenden Bänker eng an seiner Seite wissen wollte. So half der Vermittler Pferdmenges dem Kanzler nicht nur, die Mitbestimmung in der Montanindustrie im bürgerlichen Lager durchzusetzen, sondern auch die großen Spannungen zwischen Adenauer und seinem Wirtschaftsminister Ludwig Erhard auszugleichen. Es ist davon auszugehen, dass ohne den Vermittler Robert Pferdmenges die Regierung im dritten (1957 – 1961) und vierten (1961 – 1963) Kabinett Adenauers zerbrochen wäre. Deshalb ist es zu verstehen, dass ausgerechnet ein protestantischer Bänker zum einzigen Duz-Freund Adenauer wurde.

Robert Pferdmenges verstarb am 28. September 1962 im Alter von 82 Jahren in seiner Wahlheimat Köln. Sein Grab befindet sich auf dem evangelischen Friedhof in Mönchengladbach. Bei der Trauerfeier in der Kölner IHK3am 3. Oktober 1962 betonte Adenauer seine äußerst enge Verbindung zu seinem (vermutlich einzigen echten) Freund:

 „Wir haben uns zunächst in Köln nach dem ersten Weltkrieg kennengelernt. Wir sind uns bald nahe gekommen und schlossen Freundschaft, die jahrzehntelang bis jetzt gedauert hat, und niemals in ihrer Harmonie getrübt war, eine Freundschaft, die durch alle Zeiten und Wechselfälle des Lebens gewahrt wurde von ihm und von mir.“


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Der Rathausturm – Ausdruck kölschen Selbstbewusstseins

Der Rathausturm in Köln vom Alter Markt aus, Bild: Ansgar Koreng

Podcast Rathausturm, 29
 

Kein anderes Bauwerk in Köln repräsentiert das Selbstverständnis der Kölner so gut wie der mächtige Rathausturm. Vor dem Bau wurde die Skyline der Stadt ausschließlich durch die vielen Kirchtürme geprägt.

Mit der Fertigstellung des Rathausturms im Jahr 1414 wurde der erhabene Turm zum Symbol dafür, dass „Köln eine Stadt der Bürger ist und von Bürgern regiert wird“.1Dr. Ulrich Soénius im Grußwort zur Kölsch-Diplom-Arbeit von Heribert und Laura Günther mit dem Titel „Der Rathausturm in Köln“, Köln 2019 Somit ist der Rathausturm auch ein sichtbares Zeichen der Emanzipation von der Kirche.

Ältestes Rathaus Deutschlands

Die ältesten Urkunden, die ein Rathaus in Köln belegen, stammen aus dem Jahr 1135 und 1152. Dort wurde ein Haus erwähnt, in dem die Bürger zusammenkommen: „domus in quam cives conveniunt“.

Auch die Lage dieses Hauses lässt durch ein Dokument aus dem Jahr 1149 bestimmen: Dieses Haus lag im Judenviertel der Stadt: „domus inter judeos sita“ – exakt der Standort des heutigen Kölner Rathauses. Vermutlich hat es sich dabei um einen Bau im romanischen Stil mit zwei Geschossen gehandelt. In den Jahren 1328 bis 1330 wurde dieser romanische Bau massiv umgebaut, unter anderem entstand auch der repräsentative Hansasaal.

Das Kölner Rathaus, hier auf einem Kupferstich um etwa 1655, Bild: Künstler unbekannt, via Wikimedia Commons
Das Kölner Rathaus, hier auf einem Kupferstich um etwa 1655, Bild: Künstler unbekannt, via Wikimedia Commons

Der „Verbundbrief“ sichert Kaufleuten und Handwerker Teilhabe an der Macht

Köln war im 15. Jahrhundert eine der bedeutendsten und fortschrittlichsten  Städte Europas mit etwa 35.000 bis 40.000 Einwohnern. Der „Verbundbrief“,  eine Art „Verfassung “ der Stadt, wurde im Jahr 1396 verabschiedet. Über ein kompliziertes System erzwangen sich Kaufleuten und Handwerker erstmals Plätze im Stadtrat und somit eine Teilhabe an der Macht.

Dieses wachsende Selbstverständnis der Bürgerschaft sollte auch deutlich nach außen gezeigt werden. Daher wurde am 19. August 1406 beschlossen, einen repräsentativen und gleichzeitig auch funktionalen Rathausturm direkt am bereits bestehenden Rathaus zu errichten. Der Turm wurde in den Jahren 1407 bis 1414 von den Kölner Zünften errichtet. Ein beeindruckender Bau mit 61 Metern Höhe.

Neben der reinen Repräsentation erfüllte der Rathausturm aber auch praktische Funktionen:

  • Ganz oben war die Wachstube des Feuerwächters. Der große Höhe ermöglichte einen guten Blick über die Stadt, Feuer konnten rechtzeitig erkannt werden und mit einer „Feuerglocke“ wurde die Bevölkerung gewarnt.
  • Ganz unten gab es den „Keller zu der Steden Weynen“ – ein Weinkeller.
  • Im ersten Obergeschoß befand sich die Ratskammer.
  • In den Geschossen darüber gab es eine „Kammer zo der Stede Reyschap“. Hier wurde Waffen gelagert.
  • Zusätzlich gab es auch ein „Gevolwe zo der Stede Privilegien“ (Archiv) zur sicheren Lagerung der städtischen Urkunden.

Neben der Feuerglocke wurde auch noch die Ratsglocke aufgehangen. Mit dieser Glocke wurden Sitzungen des Stadtrates einberufen und deren Entscheidungen wurden mit einem Schlag dieser Glocke rechtskräftig.

Der zum größten Teil zerstörte Rathausturm im Jahr 1945, Fotograf: unbekannt
Der zum größten Teil zerstörte Rathausturm im Jahr 1945, Fotograf: unbekannt

Massive Beschädigungen im Zweiten Weltkrieg – Wiederaufbau initiiert durch Bernhard Günther

Das Rathaus sowie der Rathausturm wurden im Zweiten Weltkrieg fast völlig zerstört. Vom Rathausturm stand gerade noch ein Drittel. Es gab sogar Überlegungen, den Turm gänzlich abzureißen und neu aufzubauen.

Dass es zu dem Wiederaufbau kam, ist maßgeblich Bernhard Günther (1906 – 1981) zu verdanken. Günther war Inhaber der Elektrofirma Günther, Präsident der Kölner Handwerkskammer, Stadtverordneter in Köln und von 1949 bis 1965 Mitglied des Deutschen Bundestags.

Der umtriebige Elektromeister Günther war glühender Verfechter des zügigen Wiederaufbaus des Rathausturms. Bei der ersten Vollversammlung am 21. August 1948 der Handwerkskammer erinnerte Bernhard Günther an die alte Zunft-Tradition: „… das Handwerk möge überlegen, ob wir … den renovierten Rathausturm der Stadt Köln zum Geschenk machen können.“ Sein Appell war erfolgreich, einstimmig gab die Vollversammlung ihre Zustimmung zu dem Vorhaben.

Gründung der „Bauhütte Rathausturm“

Bernhard Günther setzte den Wiederaufbau auch ganz praktisch um: Unter seiner Federführung wurde am 24. April 1950 der Bauhütte Rathausturm e.V. gegründet – mit ihm als Vorstand. Konrad Adenauer wurde Schirmherr.

Grundsteinurkunde für den Neubau des Rathausturmes (Kopie Stadtarchiv)
Grundsteinurkunde für den Neubau des Rathausturmes (Kopie Stadtarchiv)

Die Grundsteinlegung zum Wiederaufbau war am 26. Mai 1950. Der Grundstein erhielt die Inschrift

1407 – 1414 von den Zünften erbaut
1943 – 1945 im Bombenhagel zerschlagen
1950 vom Kölner Handwerk wiedererrichtet.

Geschichte wiederholt sich: So wurde der Rathausturm, nach der Errichtung durch die Zünfte Anfang des 15. Jahrhunderts, im 20. Jahrhundert von den Kölnern Handwerkern gerettet. Bis in das Jahr 1975 wurde an dem Rathausturm gebaut und das Gebäude originalgetreu wieder aufgebaut.

Der Platzjabbeck streckt die Zunge raus

Der Rathausturm verfügt auch über eine Uhr und den „Platzjabbek“. Dies ist eine geschnitzte Fratzen-Figur gleich unter dem Zifferblatt der Uhr, welche jeweils zur vollen Stunde den Mund öffnet und die Zunge rausstreckt. Die Figur ist bereits seit dem 15. Jahrhundert am Rathaus zu finden. Aber erst seit 1913 kann der Platzjabbeck auch die Zunge rausstrecken.

Der Platzjabbeck am Rathausturm in Köln, Bild: Raimond Spekking
Der Platzjabbeck am Rathausturm in Köln, Bild: Raimond Spekking

So ergibt sich schnell die Interpretation, dass diese Figur den Stadtrat verspotten sollte. Naheliegend, aber falsch. Denn im Jahr 1445 hat der Rat diese Figur selbst in Auftrag gegeben und auch die Rechnung dafür bezahlt. Und das mit Sicherheit nicht, um sich selbst zu verspotten.

Tatsächlich steht der Platzjabbeck dafür, dass die stolzen Kölner Bürger genau wissen, wann sie „das Maul aufmachen“ und zuschnappen müssen. Dies geht auf eine Legende Karls des Großen zurück.2Der Sage nach soll Karl der Große seine drei Söhne aufgefordert haben, den Mund weit zu öffnen. Der erste Sohn weigerte sich, die anderen beiden folgten dem Wunsch ihres Vaters. Karl legte ihnen ein Stück Apfel in den Mund und übergab ihnen so einen Teil seines Reiches, während der erste Sohn leer ausging.
Die Moral von der Geschichte: Wer also zur rechten Zeit den Mund öffnet und zuschnappt, gewinnt Macht und Einfluss.

Diese Darstellung ist also eine bildliche Darstellung des (leider oft übersteigerten) kölschen Selbstbewusstseins.


Glockenspiel und Figurenprogramm

Für das Auge gibt es das Figurenprogramm des Rathausturms – 124 Persönlichkeiten der Kölner Stadtgeschichte. Für das Ohr sorgt das Glockenspiel vom Rathausturm. Mehr dazu in den folgenden Wochen.


Laura und Heribert Laura Günther: „Der Rathausturm in Köln“, Diplomarbeit, vorgelegt an der "Akademie för uns kölsche Sproch" (2019)
Laura und Heribert Laura Günther: „Der Rathausturm in Köln“, Diplomarbeit, vorgelegt an der „Akademie för uns kölsche Sproch“ (2019)

Ein großes DANKE an Laura und Heribert Laura Günther. Die beiden haben mir für diesen Artikel ein Exemplar ihrer Diplomarbeit mit dem Titel „Der Rathausturm in Köln“ zur Verfügung gestellt, welche sie 2019 im Rahmen ihres Studiums an der „Akademie för uns kölsche Sproch“ vorgelegt hatten.


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Kölner Brücken: Die Mülheimer Schiffbrücke – anfällige Verbindung über den Rhein

Ein Schiff passiert die geöffnete Mülheimer Schiffbrücke, Bildquelle: unbekannt, Public Domain, via Wikimedia Commons
Ein Schiff passiert die geöffnete Mülheimer Schiffbrücke, Bildquelle: unbekannt, Public Domain, via Wikimedia Commons

Für die Mülheimer kam am 18. Mai 1888 eine große Erleichterung: Endlich konnten sie ohne Fähre von Mülheim nach Köln. Möglich machte dies eine neu eröffnete Pontonbrücke. Die aus Holz gefertigte Brücke lag auf 40 schwimmenden Nachen und verband das rechtsrheinische, damals noch eigenständige, Mülheim mit dem heutigen Köln-Riehl. Diese Brücke darf nicht mit einer ähnlichen Schiffbrücke verwechselt werden, welche das linksrheinische Martinsviertel mit Deutz verband.


Steckbrief Mülheimer Schiffbrücke

  • Breite: 12 m
  • Baubeginn: 1885
  • Eröffnung: 18. Mai 1888
  • Einstellung des Betriebs: 20. Juni 1927 

Schiffe und Hochwasser erschweren Betrieb

So bequem die Brücke auch war, hatte sie doch einen großen Haken: Für die Durchfahrt der Schiffe auf dem Rhein musste die Brücke geöffnet werden. Dafür wurde der Mittelteil abgekoppelt, um den Schiffen die Passage zu ermöglichen. Da dies, so der Riehler Stadthistoriker Joachim Brokmeier, bis zu 30 Mal täglich geschah, war ein ordnungsgemäßer Betrieb kaum möglich. 1 Kölner Stadt-Anzeiger vom 20.08.2022

Das zweite große Problem war der Wasserstand des Rheins. So musste bei Niedrigwasser und insbesondere Hochwasser der Betrieb der Brücke gesperrt werden. Und dann waren noch die Schiffe auf dem Rhein selber, welche zu einer Gefahr für die Brücke wurden. Bereits am Tag der Eröffnung rammte ein Schiff die schwimmende Brückenkonstruktion und beschädigte zwei Nachen so schwer, dass diese ersetzt werden mussten. Eine weitere große Gefahr für die Holzkonstruktion war Feuer. Deshalb war das Rauchen auf der Brücke streng untersagt.

Gebraucht gekauft – Refinanzierung durch Brückenmaut

Ursprünglich war diese Brücke in Mainz in Betrieb. Um die ungeliebte Rheinfähre durch die Schiffbrücke abzulösen, kaufte die Stadt Mülheim den Mainzern die schwimmende Brücke ab. Und griff dafür tief in die Tasche: Inklusive Transportkosten, den notwendigen Baumaßnahmen zur Verankerung der Einzelelemente und der Errichtung der Zufahrtsrampen belief sich die Investition auf rund 250.000 Mark. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Jahresverdienst eines Arbeiters lag in dieser Zeit bei etwa 660 Mark.

Ab dem 1.Januar 1915 wurde das Brückengeld für die Mülheimer Schiffbrücke von vier auf zwei Pfennig für Fußgänger reduziert, Bild: Sammlung Brokmeier
Ab dem 1.Januar 1915 wurde das Brückengeld für die Mülheimer Schiffbrücke von vier auf zwei Pfennig für Fußgänger reduziert, Bild: Sammlung Brokmeier

Dieses Geld musste irgendwie wieder eingespielt werden. Daher musste jeder, der die Brücke passieren wollte, eine Brückenmaut entrichten: Vier Pfennig für Fußgänger2Anfang 1915 wurde das Brückengeld auf 2 Pfennig reduziert, drei Pfennig für Kleinvieh, für die Passage eines Esels oder Rinds wurden zehn Pfennig fällig und Kutschen wurden mit 60 Pfennig zur Kasse gebeten. Diese Kosten schreckten aber nicht ab – die Brücke wurde rege genutzt. Allein im Jahr 1910 wurden 755.000 Fußgänger und 100.000 Karren oder Wagen gezählt.

Starke Beschädigung durch Eisgang

Erst ab 1920 wurde kein Brückengeld mehre erhoben. Allerdings war die Schiffbrücke auch bereits schwer in die Jahre gekommen. Am 27. Dezember 1926 hatte starker Eisgang auf dem Rhein die Schiffbrücke schwer beschädigt. Historiker Brokmeier dazu: „Einige Pontons wurden abgetrieben und kamen erst mit einigen Besatzungsmitgliedern führungslos in Merkenich an Land.“3Kölner Stadt-Anzeiger vom 20.08.2022

Der Betrieb der Mülheimer Schiffbrücke wurde am 20. Juni 1927 wird eingestellt und es wurde "Brücken-Abschied" gefeiert, Bild: Sammlung Brokmeier
Der Betrieb der Mülheimer Schiffbrücke wurde am 20. Juni 1927 wird eingestellt und es wurde „Brücken-Abschied“ gefeiert, Bild: Sammlung Brokmeier

Neubau einer Brücke

Im Zuge der Eingemeindungsverhandlungen zwischen Mülheim und der Stadt Köln hatte sich die Stadt Köln im Jahr 1914 dazu verpflichtet, eine feste Brücke zu errichten. Gleichzeitig war die altersschwache Schiffbrücke nicht mehr in der Lage, dem stark wachsenden Verkehr im beginnenden 20. Jahrhundert gerecht zu werden. So wurde am 20. Juni 1927 der Betrieb der Mülheimer Schiffbrücke eingestellt.

Am 13. Oktober 1929 eröffnete die erste Mülheimer Brücke – die damals mit einer Spannweite von 315 m die größte aller selbstverankerten Hängebrücken war. Die Zeit der anfälligen Schwimmbrücken war vorbei.

Aber dafür haben wir heute ganz andere Probleme mit den Kölner Brücken.


Alle bisher erschienenen Geschichten zu den Kölner Brücken 


Riehl - eine Sradtteilgeschichte in Postkarten, Buch von Joachim Brokmeier (18,50 Euro, in jeder Buchhandlung erhältlich). Bild: Brokmeier
Riehl – eine Sradtteilgeschichte in Postkarten, Buch von Joachim Brokmeier (18,50 Euro, in jeder Buchhandlung erhältlich). Bild: Brokmeier

Riehler Geschichten

Ein großes DANKE an Joachim Brokmeier. Der Stadtteilhistoriker hat mir Fotos für für diesen Beitrag zur zur Verfügung gestellt. Brokmeier ist ein Experte für Köln-Riehl und hat auch bereits mehrere Bücher  über diesen Stadtteil veröffentlicht.


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„Jet an de Föß han“ – man ist wohlhabend!

Wer hier wohnt, hät jet an de Föß! Bild: Rolf Heinrich, Köln, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons
Wer hier wohnt, hät jet an de Föß! Bild: Rolf Heinrich, Köln, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons

Der Kölsche schaut, oft verbunden mit ein wenig Neid, auf die, die „jet an de Föß han“. Und Menschen, die kein Kölsch sprechen, wundern sich. Denn die wörtliche Übersetzung führt zunächst in die Irre: „Jet an de Föß han“ kann man mit „Etwas an den Füßen haben“ übersetzen. Und sofort denkt manch einer an den Orthopäden, an Hühneraugen oder gar an Fußpilz. Alles völlig falsch!

Wer jet an de Föß hät: Vielleicht reich, mindestens wohlhabend

„Minsche met jet an de Föß“ sind schlichtweg wohlhabend. So ist die folgende Aussage für den Kölschen ganz einfach nachvollziehbar: „Die uss dä Marienburg und däm Hahnwald han jet an de Föß.“1Die aus Marienburg und Hahnwald sind reich. Und ganz einfach lässt sich nachweisen, dass die Bewohner der Nobelviertel Marienburg und Hahnwald über durchschnittlich mehr Geld als die übrigen Kölner verfügen.

Diese kölsche Redewendung lässt sich aber auch umkehren: So „han die uss Höhenberg oder Vingst nix an de Föß.“ Und jeder versteht, dass dort weniger Geld zu Hause ist.

Herkunft: Schuhwerk

Bleibt die Frage, wieso ausgerechnet das, was man an den Füßen trägt, als Indikator für Reichtum dienen soll. Dies erklärt sich, wenn man in der Zeit zurückreist. Damals konnten sich nur reiche Menschen richtig gute Schuhe leisten. Alle anderen nutzten eher unbequeme Schuhe aus Holz oder sehr einfaches Schuhwerk aus robustem Leder, welches um den Fuß gewickelt wurde und mit Hilfe eines Riemens zusammengebunden wurde. 

Noch bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts besaßen die meisten Menschen nur zwei Paar Schuhe: Ein abgewetztes Paar für den Alltag und ein besseres, welches nur an Sonntagen angezogen wurde. So wurde beim Blick auf die Füße und das daran befindliche Schuhwerk schnell klar, ob der Träger „jet an de Föß hät“ oder eben nicht.

Der Träger dieses (rekonstruierten) Schuhs aus dem Mittelalter hatte mit Sicherheit "jet an Föß", Bild: Wolfgang Sauber, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Der Träger dieses (rekonstruierten) Schuhs aus dem Mittelalter hatte mit Sicherheit „jet an Föß“, Bild: Wolfgang Sauber, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

„wohlbetucht“ – Kleider machen Leute!

Überhaupt wurden die Standesunterschiede an der Kleidung festgemacht. Das hat sich bis heute kaum geändert, denn sonst würde wohl kaum ein Mann stolz sein Krokodil auf dem Lacoste-Shirt oder nur wenige Damen selbstbewusst ihre Gucci-Handtasche tragen. Diese Menschen sind – früher wie heute – schlichtweg „wohlbetucht“, wobei mit „Tuch“ die „guten Tücher“ der Kleidung gemeint sind.

Wer richtig jet an de Föß hät ist „steinreich“

Und dann sagt man Menschen, die „richtig jet an de Föß han“ auch nach, dass sie steinreich sind. Diese Formulierung entstammt der mittelalterlichen Wohnsituation. In dieser Zeit lebten die meisten Menschen in Holzhäusern oder einfachen Lehmhütten. Häuser aus Stein konnten sich nur sehr reiche Menschen leisten – und diese waren dann „steinreich“.

Bläcke Fööss

Wenn man nix an de Föß hät, kann es einem gehen wie den Bläck Fööss bei einem ihrer ersten Auftritte im Gürzenich: Als die langhaarigen Musiker mit bläcke Föß2nackten Füßen, Jeans und Verstärker in der Hand im ehrwürdigen Gürzenich auftreten wollten, hielt man sie zunächst für protestierende Hippies und verweigerte den Zutritt.

Die hatte jo uch nix an de Föß!


Fruchtbarer Ackerboden: Dä Buur hät jet an de Föß! Bild: Thomas, Pixabay
Fruchtbarer Ackerboden: Dä Buur hät jet an de Föß! Bild: Thomas, Pixabay

Kostbarer Ackerboden „an de Föß“

 
Karin Burianski hat mir noch folgende Erklärung zu „jet an de Föß“ gegeben: 
De Buure-Mädche un Jungs – meist us de Eifel- leefen natürlich mit blecke Föß op ihre Feldere eröm. An manschen Föß bleev rude Erde kleven, dat wor en Zeichen für Löß-oder erzhaltigen Boden und bedeutete: Die Buuren hatten ne janz kostbare Bodden. Mädche un Jungs mit „rude Lehmklumpe an dr Föß hatten also „jet an dr Föß“ un woren en jode Partie! 
Diese Erklärung han isch vun minger Mutter als Kind jesaat bekumme.

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Kölsche Originale: Fressklötsch – legendärer Vielfraß und hochgeachteter Bürger

Johann Arnold Klütsch, genannt "Fressklötsch", um 1834, Portait von Simon Meister, aus dem Buch "Kölsche Originale", Reinhold Louis, Greven Verlag Köln, 1985
Johann Arnold Klütsch, genannt „Fressklötsch“, um 1834, Portait von Simon Meister, aus dem Buch „Kölsche Originale“, Reinhold Louis, Greven Verlag Köln, 1985
Podcast Fressklötsch, 36
 

Um Johann Arnold Klütsch, in Köln als „Fressklötsch“ bekannt, ranken sich unzählige Legenden:

„Er hat ein 1.000 Pfund schweres Kanonenrohr eigenhändig weggeschleppt.“

„Er hat ein ganzes Rad Käse auf einen Schlag gegessen.“

„Er hat einen Franzosen mitsamt Wachhaus einfach weggetragen.“

„Er hat ein ganzes Kalb gegessen – und dazu noch ein ganzes Brot.“

„Nur er war in der Lage, die originale Rüstung Jan von Werths zu tragen.“

Wieviel Wahrheit in diesen Erzählungen steckt, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Fest steht, dass Johann Arnold Klütsch eine beeindruckende Karriere hingelegt hat – vom Analphabeten bis zum geachteten Geschäftsmann und Geschäftspartner von Ferdinand Franz Wallraf. Doch die kolportierten Geschichten über seine Fähigkeit, Unmengen trinken und essen zu können sowie über seine gewaltige Köperkraft überstrahlen alles.

Bärenstark und immer hungrig

Die bekannteste Legende rund um Fressklötsch ist die Geschichte mit dem holländischen Käse: Als Lohn dafür, dass der bärenstarke Klütsch beim Entladen eines Schiffs aus Holland geholfen hatte, erhielt er ein ganzes Rad Käse. Auf dem Weg nach Hause passierte er die Zollgrenze der Stadt. Doch statt, wie vom Zöllner aufgefordert, den fälligen Steuersatz auf den Käse zu entrichten, setzte sich Fressklötsch ganz entspannt an den Wegesrand und fing an, unter den Augen der Grenzbeamten den Käse zu verspeisen. Als dieser restlos verputzt war, setze Klütsch ungerührt seinen weg in die Stadt fort. Ohne auch nur eine Taler Zoll zu bezahlen.1Andere Zeitgenossen war bei der Vermeidung der fälligen Zollsätze etwas raffinierter, wie die Geschichte von Bolze Lott beweist.

Wieviel Wahrheit in dieser Legende liegt bleibt offen. Genau wie die Geschichte, als Fressklötsch sich mit einem französischen Soldaten angelegt hatte. Dieser hatte darauf bestanden, dass Klütsch, wie vorgeschrieben, ohne Zigarre im Mund an ihm vorbeilaufen sollte. Klütsch sah das ganz anders, packte den Besatzungssoldaten, stellte ihn in sein kleines Wachhäuschen und setzte Soldat samt Wachhaus so nah an die Kaimauer des Rheins, dass der Soldat schlichtweg nicht mehr aus seinem Häuschen kam, ohne in den Fluß zu fallen.

Überhaupt hatte Johann Arnold Klütsch es so gar nicht mit den Franzosen. Angetrunken beobachtete er, wie in der Trankgasse französische Kanonen von einem Pferdefuhrwerk abgeladen wurden. Der bärenstarke Klütsch fackelte nicht lange und schnappte sich eine der Kanonen und lief damit schnell weg. Schnell wurde klar, dass in Köln nur Fressklötsch in der Lage wäre, solche Gewichte einfach fortzutragen. Doch in dem eilig anberaumten Gerichtsprozess wurde Klütsch freigesprochen, weil es Richter und Geschworene nicht für möglich hielten, dass ein einzelner Mann ein „1.000 Pfund schweres Geschützrohr“ stehlen könnte. Hocherfreut über den Freispruch schnappte sich Klütsch noch im Gerichtssaal das als Beweismittel herbeigeschaffte Kanonenrohr und verließ mit diesem unter dem Arm tänzelnd das Gebäude.

Kein tumber Vielfraß

Die legendären Geschichten um Fressklötsch beginnen bereits mit seiner Geburt: Je nach Quelle kursieren verschiedene Geburtsdaten. Gemäß seiner Todesanzeige wäre Klütsch am 23. Februar 1775 geboren. Im Kirchenbuch seiner Pfarre wird das Geburtsjahr mit 1778 angegeben, auch gemäß der Heiratsurkunde wäre er Jahrgang 1778. Egal welcher Quelle man traut: Als Klütsch am 29. November 1845 starb, hatte er mit mindestens 67 Jahren, vielleicht sogar 70 Jahren, ein fast schon biblisches Alter erreicht. Statistisch gesehen betrug im 19. Jahrhundert die durchschnittliche Lebenserwartung für Männer etwas mehr als 35 Jahre.

Bei seiner Hochzeit am 13. April 1804 fehlt auch seine Unterschrift unter der Urkunde. Stattdessen wurde dort vermerkt „Ehegatte erklärt, er könne nicht schreiben.“ Packt man diese Information mit den erzählten Legenden über Fressklötsch zusammen, ergibt sich das Bild eines tumben, übermäßig gefräßigen Menschen.

Doch je mehr man über Johann Arnold Klütsch erfährt, desto mehr erkennt man, dass dieses Bild trügt. Tatsächlich war er ein angesehener Bürger und Geschäftsmann. Im Jahr 1804, zum Zeitpunkt der Heirat, war Klütsch Abdecker und handelte mit Fleischabfällen. Doch dann lernte er Schreiben und Lesen und wurde Altrüscher.2Altwarenhändler Er lernte den Gelehrten und in der Oberschicht verkehrenden Franz Ferdinand Wallraf kennen und durch ihn auch den Blick auf wertvolle Antiquitäten. So wurde aus dem Altwarenhändler Klütsch der Antiquitätenhändler Klütsch mit einem so hervorragenden Ruf, dass er sogar als Taxator für die Stadt Köln den Wert von Antiquitäten feststellte.

Fahnenstange der 2. Compagnie des Pompiers-Corps. Klütsch war Sous-Chef dieser Compagnie, Bild: Nicola, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons
Fahnenstange der 2. Compagnie des Pompiers-Corps. Klütsch war Sous-Chef dieser Compagnie, Bild: Nicola, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Wegbereiter der Feuerwehr

Dank seiner Freundschaft zu Ferdinand Franz Wallraf, einem der Mitbegründer des „Festordnenden Comités“3Welches später zum heute noch existierenden Festkomitee des Kölner Karnevals werden sollte. war Fressklötsch im Jahr 1823 ganz eng an dem Kreis von Menschen, welcher den Kölschen Karneval wiederbeleben sollte. In einem späteren Rosenmontagszug soll es Klütsch gewesen sein, der dank seiner Bärenkräfte als einziger in der Lage war, die aus dem Stadtmuseum geliehene Rüstung des Jan von Werth den ganzen Zug über tragen zu können.

Ebenfalls machte er sich einen Namen beim Aufbau der Freiwilligen Feuerwehr. Stolz trug der den Titel „Sous Chef der 2. Compagnie des Pompiers-Corps“.

Gemäß dem Totenzettel Johann Arnold Klütsch nachempfunden, Original: Historisches Archiv der Stadt Köln
Gemäß dem Totenzettel Johann Arnold Klütsch nachempfunden, Original: Historisches Archiv der Stadt Köln

Für die damaligen Verhältnisse hochbetagt verstarb Johann Arnold Klütsch im Alter von 67 – oder 70 Jahren – am 29. November 1845 an einer Unterleibsentzündung, welche wohl ein Lungenödem hervorgerufen hatte. Sein Totenzettel besagt, dass es sich um einen „wohlachtbaren Herrn“ gehandelt hätte.

Und das ist ein schöneres Vermächtnis als „nur“ als Kraftprotz und Vielfraß in die Geschichte einzugehen.


Tief im kollektiven Gedächtnis der Stadt verankert: Die "Kölschen Originale"
Tief im kollektiven Gedächtnis der Stadt verankert: Die „Kölschen Originale“

Weitere Geschichten zu den „Kölschen Originalen“ gibt es hier:


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