250.000 Menschen haben an der Rosenmontags-Friedensdemo teilgenommen. Hier der Blick von der Severinstorburg auf die Menschenmassen auf dem Chlodwigplatz. Bild: Festkomitee Kölner Karneval.
Der Rosenmontagszoch, nicht weniger als das „Hochamt des Karnevals“, wurde 2022 zur größten Friedenskundgebung, die Köln je erlebt hat. Passend zum blauen Himmel und der goldgelb strahlenden Sonne haben 250.000 Menschen Flagge gezeigt – Kölle in blau–gelb. Ein großartiges Zeichen der Solidarität mit den Menschen in der Ukraine.
Kompliment an das Festkomitee
Als am Donnerstag die Truppen des Despoten Putin in die Ukraine einfielen, hat das Festkomitee sehr schnell eine ebenso richtige wie großartige Entscheidung getroffen: Kein Zug im Müngersdorfer Stadion, stattdessen eine Friedensdemo auf dem ursprünglichen Zugweg quer durch die Stadt. Ein großes Kompliment an das Festkomitee für diese schnelle und konsequente Entscheidung.
Während eine Teilnehmerin der Demo ihre Motivation erklärt, ziehen im Hintergrund Mitglieder der Kölner Ratsbläser mit dem ebenso einfachen wie zutreffenden Lied „Der Putin ist scheiße, wir wollen keinen Krieg“ vorbei, Video: WDR
Die ganze Stadtgesellschaft war auf den Beinen – mit und ohne Karnevalskostüm
Ob Familien mit Kindern, die Traditionskorps in großer Uniform, alternative Karnevalisten aus der Immisitzung, die LGBTQ-Szene, Mitglieder der Kölner Ratsbläser mit ihrem ebenso einfachen wie zutreffenden Schlachtruf „Der Putin ist scheiße – wir wollen keinen Krieg“, Promis wie Caroline Kebekus und Lück wie ich & du – die 250.000 Menschen auf der Straße waren ein Querschnitt durch die gesamte Stadtgesellschaft.
In den sozialen Medien war dabei Kritik zu lesen, dass auch verkleidete Menschen an der Demo teilgenommen haben. Der Politikberater und Autor Erik Flügge hat dazu eine ebenso einfache wie korrekte Antwort:
Politikberater und Autor Erik Flügge erklärt, warum Kostüme auf der Kölner Rosenmontags-Friedensdemo kein Grund zur Empörung sind, Quelle: Erik Flügge,
Daneben haben sich einige der sogenannten „Spaziergänger“ aus der „Querdenker-Szene“ beschwert, dass diese Demo von der Polizei und der Verwaltung so anders behandelt wurde als die „Spaziergänge“ der Corona-Leugner. Damit liegen sie richtig. Denn das hatte seinen guten Grund: Während bei den „Querdenkern“ Verstöße gegen die Maskenpflicht regelmäßig zu sehen sind, haben die Friedensdemonstranten an Rosenmontag ihre zum Teil kunstvoll verzierten Masken durchgängig getragen. Deshalb hat sich die Polizei auch am Ende der Demo, kurz vor dem Dom, ausdrücklich für die friedliche Demo bedankt. Und bekam dafür auch Applaus von Demonstranten. Das ist bei den „Spaziergängern“ ganz anders.
Brings bei der Eröffnungskundgebung auf dem Chlodwigplatz, Bild: Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)
Kölsche feiern sich selbst – aber jetzt müssen aus Worten Taten werden!
Peter Brings hat die richtigen Worte gefunden: „Das ist der wichtigste Rosenmontagszug, seit ich auf der Welt bin“, so Peter Brings. „Das Allerwichtigste für uns Karnevalisten ist es, Flagge zu zeigen und ein politisches Bewusstsein erkennen zu lassen“. Ähnlich klingt es bei Wolfgang Niedecken: „Die Kölner feiern, sie können aber auch Position beziehen.“, so Niedecken bei der Auftaktkundgebung am rappelvollen Chlodwigplatz.
Rosenmontag 2022 in Köln , Bild: Max Gerlach, CC BY-SA 2.0 ( (via Wikimedia Commons)
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Rosenmontag 2022 in Köln , Bild: Max Gerlach, CC BY-SA 2.0 ( (via Wikimedia Commons)
Aber jetzt ist es an uns, den Worten auch Taten folgen zu lassen
Die Friedensdemo war gut und wichtig. Entscheidend ist aber, was folgt: Entschlossenes Handeln! Das bedeutet ganz praktisch, dass jeder Einzelne unter uns jetzt den Menschen in der Ukraine hilft. Sei es durch Geld- oder Sachspenden oder Hilfe bei der Organisation. Zum Beispiel ganz unmittelbar bei Blau-Gelbes Kreuz Deutsch-Ukrainischer Verein e.V.
Und zusätzlich werden wir unsere Türen ganz weit aufmachen und die Menschen, die als Flüchtlinge zu uns kommen, mit offenen Armen empfangen.
Denn „Drink doch eine met“ ist bei uns in Köln mehr als „nur“ ein Lied!
Zur Unterstützung der Flüchtlinge biete ich zwei BENEFIZ-Touren im März 2022 an:
Es war an Rosenmontag ein großartiges Gefühl, mit 249.999 anderen Menschen friedlich gegen den Krieg in der Ukraine zu demonstrieren. Peter Brings bezeichnete diesen Rosenmontagzug als den wichtigsten, seit er auf der Welt ist. Starke Worte.
Und jetzt müssen aus diesen Worten auch Taten folgen! Wir alle müssen die Ärmel, hochkrempeln, den Menschen in der Ukraine helfen und die Flüchtlinge mit offenen Armen willkommen heißen.
Denn „Drink doch eine met“ ist bei uns in Köln mehr als „nur“ ein Lied!
Eine „Dicke Trumm“ aus dem ganz besonderen Rosenmontagszug 1991, Bild: Raimond Spekking
Bereits im August 1990 fallen die Truppen des irakischen Diktators Saddam Hussein in Kuwait ein. Die USA reagieren und setzen ein Ultimatum: Wenn bis zum 15. Januar 1991 kein Rückzug erfolgt, werden amerikanische Truppen angreifen. Da Hussein keine Reaktion zeigte, starteten die USA am 17. Januar 1991 die Operation „Desert Storm“, der Irak wurde bombardiert.
Die offiziellen Karnevalisten befinden sich in einem Dilemma: Darf man unter diesen Umständen Karneval feiern? Passt es, bunt, kostümiert und ausgelassen zu tanzen?1Fragen übrigens, die bei anderen Kriegen zuvor kaum eine Rolle für den offiziellen Karneval gespielt haben.
Das Festkomitee trifft eine halb/halb-Entscheidung: Festkomitee-Präsident Gisbert Brovot verkündete, dass der Sitzungskarneval und die Bälle durchgeführt werden sollen, der Straßenkarneval inklusive Rosenmontagszug aber abgesagt werde.
Das „Woodstock der Pappnasen“
Genau in diese Lücke, die das Festkomitee durch diese halb/halb-Entscheidung zum Karneval geschaffen hat, schlüpfen blitzschnell die alternativen Karnevalisten. Jürgen Becker, damals noch Präsident der Stunksitzung, erinnert sich: „Da entstand ein Vakuum. Da hieß es sofort in der Stunksitzung: In dieses Vakuum gehen wir rein, wir machen einen Wagen, wir machen einen Zug.“ Es werden Flugblätter gedruckt und in der Stadt verteilt. Dort lautet es:
Text eines Flugblattes zur „Escht kölschen Demonstration“ an Rosenmontag
Vögeln statt Schießen
Was dann passierte, konnte niemand vorhersehen: Am Aufstellplatz des Rosenmontagszugs2Anfang der 1990er Jahre war dieser noch in den Innenstadt Gereonsstraße/Christophstraße. standen etwa 3.000 Menschen bereit. Man zieht im dichten Schneetreiben los.
Während dieses Zugs schließen sich immer mehr Jecke dem Zoch an, die Polizei schätzt, dass insgesamt etwa 100.000 Menschen auf den Straßen unterwegs waren. Und diese Menschen stellten eine vorher und nachher nie mehr gesehene Mischung dar: Durch Kölns Straßen marschieren fröhlich und vereint alternative Karnevalisten, die diesen besonderen Zug als Demonstration verstehen und organisierte Karnevalsvereine, die einfach feiern wollen.
So laufen offizielle Mützenträger und Demonstranten gemeinsam den Zugweg entlang – mit Schildern wie „Vögeln statt Schießen“ oder „Nit scheeße – süht ehr dann nit, dat he Minsche stonn?“3Diese Aussage wird den kölschen Stadtsoldaten zugeschrieben, die sich Napoleons Truppen kampflos ergeben haben. oder der legendären „MAKE FASTELOVEND NOT WAR“-Trommel.
Wagen der Stunksitzung einziger Festwagen
Mittendrin ist das Team der Stunksitzung mit dem einzigen Festwagen dieses ganz besonderen Rosenmontagszugs unterwegs. Am Steuer des Treckers sitzt – sichtlich stolz – Jürgen Becker. Becker, der offensichtlich den Zugweg nicht exakt kennt, ist sich unsicher, welche Strecke er durch die Stadt nehmen soll.
Durch eine glückliche Fügung trifft er genau in diesem Moment zufällig auf der Straße Gisbert Brovot, den Festkomitee-Präsidenten. Und ausgerechnet Brovot, der gut drei Wochen vorher den Straßenkarneval offiziell abgesagt hat, antwortet auf die Frage von Jürgen Becker „Gisbert, wo ist denn jetzt der Zugweg?‘ völlig selbstverständlich: „Jung, jetzt fährste da lang!“
Vielleicht haben sich offizieller und alternativer Karneval nie näher gestanden als genau in diesem Moment.
„Mir klääve am Lääve“ ist die Hymne der seltsamen Session 1991 – und heute wieder topaktuell
Der 1991er-Rusdemondachszoch endete in der Kölner Südstadt, und die Bläck Fööss stimmten mit “Mir klääve am Lääve“ die Hymne dieses denkwürdigen Rosenmontags an.
Alles zu diesem Lied und der erstaunlichen Tatsache, dass dieses Lied nach 30 Jahren mindestens so aktuell ist wie bei der Veröffentlichung, gibt es hier: Kölsche Tön & ihre Geschichte: “Mir klääve am Lääve“.
Das Logo des Geisterzugs, Bild: Ähzebär un Ko e.V.
Wiederbelebung des „Geisterzugs“
Aufgrund des großen Erfolgs des spontanen 1991er-Zochs wurde der „Geisterzug“ im folgenden Jahr wiederbelebt. In Köln haben die Geisterzüge eine lange Tradition, auf der Website des Geisterzugs gibt es eine ausführliche Chronik.
Getragen vom Verein „Ähzebär un Ko e.V.“ geht dieser Zug seit 1992 jeweils Karnevalssamstag durch die Stadt. Anders als bei den traditionellen Zügen kann hier jeder Jeck ohne Anmeldung einfach ein Stück oder auch den ganzen Zug mitlaufen. Der Zugweg wird jedes Jahr neu festgelegt und richtet sich nach dem Motto des jeweiligen Jahres.
„Kölle kommt zu dir – eine Stadtführung vom Stuhl“, hier in der Kapelle der Senioreneinrichtung St. Brigida in Bocklemünd, Bild: B. Steinbacher
Klaus Nelißen ist stellvertretender Rundfunkbeauftragter der NRW-Diözesen beim WDR. Und er geht regelmäßig in der Sendung „Kirche in WDR 2“ on air. Am 17. Februar 2022 hat er über „Kölle kommt zu dir“, meine ganz spezielle Stadtführung vom Stuhl, berichtet.
Und was er sagt und wie er es ausgedrückt hat entspricht zu 100% meiner Intention mit dieser Tour für ältere Menschen.
Ich weiß, es ist noch eine Woche bis Altweiber. Aber hier in Köln sind die Entzugserscheinungen ja nicht mehr zu leugnen: 2 Jahre ohne richtig „Spaß an der Freud“. Und daher will ich Ihnen davon erzählen, dass der Karneval genauso wenig unterzukriegen ist wie das Leben an sich.
Warum ich das weiß? Weil ich die Geschichte von Uli gehört habe. Uli ist einer der weltbesten Stadtführer in Köln (unterhalb des Superlativs geht’s in Köln ja nicht). Und Uli musste, wie so viele Kreative, in der Corona-Zeit besonders kreativ werden. Denn: Von Stadtführungen kannste grad schlecht leben.
Uli, der „Köln-Lotse“, hatte einen genialen Einfall. Und der hatte mit seinem Vater zu tun. Der lebt mittlerweile in einem Altenheim. Und wie er den mal besucht hat und mit seinem Vater mitgelitten hatte, als der in großer Runde einmal mehr „Alle Vögel sind schon da“ singen musste, da dachte Uli sich: Da geht doch noch mehr! Die alten Leute sind ja nicht doof. Und so hat er für die eine ganz besondere Stadtführung erfunden. Denn wenn die alten Leute nicht in die Stadt gehen können, kommt die Stadt halt zu denen: Uli macht jetzt die erste Kölner Stadtführung vom Stuhl aus. Und damit ist er gerade zu Gast in den Kölner Altenheimen.
Und klar, da fängt er bei den Römern an, vielmehr bei den Ubiern. Aber: Uli nimmt die Bewohner*innen eben mit auf eine Zeitreise durch Kölns Geschichte. Und da fehlt der Karneval nicht. Und da werden auch die „ahle Leedscher“ angesungen – nur eben nicht „alle Vögel“, sondern eher die Klassiker des Karnevals.
Und Uli hat mir erzählt, wie bei einer „Stadtführung im Stuhl“ eine alte Dame im Rollstuhl die ganze Zeit völlig weggetreten dabei war. Aber: Als die Ostermann-Lieder angestimmt wurden, da sei die Dame für 8 Minuten völlig wach gewesen und hätte dat Leed vum „Schmitze Billa in der Poppelsdorfer Villa“ mitgeträllert. „Härrlisch – ne?“, würde der Kölner sagen.
Und noch „härrlischer“ finde ich, was Uli dann noch erzählt hat: „Am Ende lass ich die Führung immer eskalieren“, steckt er mir. Nämlich: Er macht mit den Bewohner*innen des Altenheims sogar eine Nubbelverbrennung. Hier geht’s um jenen Pappenheimer, der in Düsseldorf „Hoppeditz“ heißt und der in der Nacht vor Aschermittwoch mit allen Sünden beladen geopfert wird im Feuer des „Fastelovend“, der Fastnacht. Und ich kann mich ja nur darauf verlassen, was Uli mir erzählt hat.
Aber wenn er dann im Altenheim in die Runde hineinruft: „Und wer hat an all dem Schuld?“ Dann wissen die Bewohner*innen alle Bescheid – und mögen sie noch so dement sein. Dann rufen sie laut zurück. Nicht: „Corona; das Alter; Frau Merkel“ oder so. Wenn Uli ruft „wer ist an all dem Schuld?“ dann ruft das ganze Altenheim: „Dä Nubbel“.
Und „dat is doch erstmal härrlisch“, oder? Das finde ich so schön am Karneval. Dass er am Ende jeder Session sogar noch eine Erklärung dafür mitliefert, warum es alles auch nicht so toll ist: Der Nubbel ist schuld. Und damit: am Ende auch keiner. Denn: Der Nubbel ist ja nur ein Platzhalter. Und so ganz genau ist das auch nie so auszumachen mit der Schuld. Dass z.B. der Karneval wieder mal ausfällt, daran hat Corona Schuld, sicher. Auch Karl Lauterbach. Aber auch jede und jeder, der oder die andere nicht gefährden will. Und das ist gut so. Und das ist zugleich „großer Driss“, wie die Kölner sagen würden. Und dann gilt es immer, das Beste draus zu machen. Wie Uli, der Stadtführer, der aus seiner persönlichen Corona-Not die Stadtführung im Stuhl für Altenheime erfunden hat. Übrigens auch die kleinste Karnevalssitzung der Welt. Aber das wäre ein anderes Thema.
Wie auch immer: Das genau ist Karneval: Wir machen das Beste draus und haben Spaß an der Freud dabei. Und falls Sie Herzbluten haben sollten, weil in der nächsten Woche der Karneval nur mit FFP2-Maske gedämpft zu ertragen ist: Dann nehmen Sie nen roten Filzstift und malen Sich auf die Maske ne rote Pappnas. Und wenn Sie jemand darauf hinweist – das Ordnungsamt oder wer auch immer: Dann können Sie ja immer noch sagen: Der Nubbel ist schuld.
Liebesschlösser an der Hohenzollernbrücke, Bild: Patrick Köhler, Pixabay
Sogar die Sängerin Pink hat es getan: Im Mai 2013 hat sie ein pinkes Liebesschloss an der Hohenzollernbrücke aufgehängt. Graviert war dieses Promi-Schloß mit „Alecia, Carey & Willow“.1Alecia ist Pinks tatsächlicher Vorname, Carey ist ihr Mann und die gemeinsame Tochter heißt Willow. Anders als die vielen, vielen anderen Schlösser hing dieses Schloss noch nicht einmal 24 Stunden, bevor es gestohlen wurde.
So sollte es nicht sein – die Liebeschlösser auf der Brücke sind tatsächlich für die Ewigkeit gedacht. Das Procedere ist denkbar einfach: Paare kaufen ein Vorhangschloss, lassen es evtl. mit Namen oder Datum gravieren und bringen dies an der Brücke an. Wichtig ist, dass anschließend gemeinsam der Schlüssel in den Rhein geworfen wird. Somit kann das Schloss nicht mehr geöffnet werden und ist das Symbol für die immerwährende Liebe.
Die tatsächliche Anzahl der Schlösser kann nur geschätzt werden, Bild: Gerhard Kemme, CC BY 2.0
60 Tonnen Gewicht – kein Problem für die Hohenzollernbrücke
Wie viele Paare sich so ihrer Liebe versichert haben, ist unklar. Und somit kennt auch niemand die Anzahl der Liebesschlösser auf der Brücke. Schätzungen gehen von mindestens 750.000 Schlössern aus. Wirklich zählen ist unmöglich: Mangels Platz hängen die Schlösser auch übereinander. Deswegen werden auch schon alle möglichen Geländer, Straßenlaternen etc. rund um die Brücke mit den Schlössern zugehangen.
Mangels Platz hängen die Schlösser an der Hohenzollernbrücke mittlerweile übereinander, Bild: Norbert Bröcheler
So ein Schloss wiegt durchschnittlich etwa 80 Gramm. Geht man von 750.000 Schlössern aus, so bringen es diese auf ein Gesamtgewicht von etwa 60 Tonnen. Für die Hohenzollernbrücke ist das kein Problem – immerhin donnern hier Lokomotiven mit einem Gewicht von 80 bis 100 Tonnen drüber. Ein ICE bringt es bereits auf 450 Tonnen Gewicht. Und da täglich etwa 1.200 Züge über die Hohenzollernbrücke fahren, merkt die Brücke die zusätzlichen Kilos der Schlösser noch nicht einmal.
Problematischer ist tatsächlich die Aufhängung: So ist im Sommer 2014 ein Gitter auf einer Länge von 2,40 Metern zusammengebrochen. Daraufhin hat die Deutsche Bahn angekündigt, die Schlösser entfernen zu lassen. Doch dazu kam es nicht – zu sehr prägen diese bereits das Stadtbild. Anders als andere Städte hat Köln den touristischen Wert der Schlösser erkannt. Liebespaare kommen eigens in die Stadt, um ein Schloss aufzuhängen, und kein Tourist verlässt die Domstadt, ohne mindestens ein Foto der bunten Schlösser gemacht zu haben.
Paris lässt Schlösser entfernen
Ausgerechnet die französische Hauptstadt Paris, immerhin die Stadt der Liebe, sah das anders und ließ im September 2014 etwa 45.000 Schlösser von der Pont des Arts entfernen. Auch dort war ein Teil des Geländers unter der Last zusammengebrochen. Doch die Liebe lässt sich nicht aufhalten, heute hängen die Schlösser in Paris an der Passerelle Léopold-Sédar-Senghor oder am Pont de l’Archevêché.
Liebesschlösser im ungarischen Pécs, Bild: vikkvakk, CC BY-SA 4.0
Andere prominente Liebeschloss-Hotspots sind die Kettenbrücke in Bamberg, die Forth Road Bridge in Edinburgh oder die speziell im Spieler- und Hochzeitsparadies Nevada (USA) eingerichtete „Lover’s Lock Plaza“. Und gefühlt hängt mittlerweile an jeder beliebigen Brücke ein Liebesschloss.
Auch an der Hängeseilbrücke „Geierlay“ bei Mörsdorf im Rhein-Hunsrück-Kreis hängt ein einsames Liebesschloss, Bild: Franz-Josef Knöchel
Ursprung des Brauchs in Italien
In Köln wurden die ersten Schlösser etwa 2008 aufgehängt, doch der Brauch ist viel älter, wobei die genaue Herkunft unklar ist.
Am wahrscheinlichsten ist die Vermutung, dass Studenten in Florenz die ersten Schlösser aufgehängt haben. Mit ihrem Examen benötigten sie die bis dahin für ihre Spinde verwendeten Vorhangschlösser nicht mehr und befestigten diese an einem Gitter des Ponte Vecchio.
Heute sollte man insbesondere in Italien genau prüfen, ob es erlaubt ist, ein Liebeschloss aufzuhängen. So kostet das illegale Anbringen eines solchen Schlosses auf der Rialto-Brücke in Venedig ein Bußgeld von 3.000 Euro. Aber auch in Berlin wird man mit vergleichsweise moderaten 35 Euro an einigen Brücken zur Kasse gebeten, wenn man sich der ewigen Liebe per Vorhangschloss versichern will.
An der Brooklyn-Bridge in New York sind die Liebessschlösser nicht gerne gesehen. Es drohen 100 Dollar Strafe, sollte jemand ein Schloss dort aufhängen, Bild: Holger Heckmann Frankfurt, CC BY-SA 4.0
„Schenk mir dein Herz“ von den Höhnern
Natürlich wurde in Kölle auch flott ein Lied über den Brauch geschrieben. Die Kölner Band Höhner hat bereits 2009 das Lied „Schenk mir dein Herz“ veröffentlicht. Dort lautet es:
Es ist ein neuer Brauch´, er bringt uns beiden Glück so ein Schloss kann jeder seh’n. Und der Dom gibt Acht darauf, Züge kommen und geh’n, Ich schliesse unser Schloss am Brückengitter an und es ist doch nicht allein. Gemeinsam werfen wir den Schlüssel in den Rhein hinein.
Eine sehr schöne Version [Schöner als das Original – SORRY, liebe Höhner.] dieses Liedes hat Cat Ballou im Rahmen des „Kölschen Tauschkonzerts 2022“ veröffentlicht.
Sylvia & Günter haben während einer meiner Stadtführungen ein Liebesschloss aufgehängt, Bild: Monika Becker
Und wenn ihr jetzt auch ein Schloss auf der Hohenzollernbrücke anbringen wollt, plant genug Zeit für die Suche nach einem freien Platz. Und werft in jedem Fall den Schlüssel in den Rhein! Macht es nicht so wie mein ehemaliger Arbeitskollege Klaus – ein Schwabe. Der hat den Schlüssel mit den Worten „Kosch ja no einmol gbraucha.“2Kann man ja noch einmal gebrauchen. mit nach Hause genommen.
Ich kann euch aber versichern: Der Liebe zwischen Klaus und Petra hat es nicht geschadet.
Alle bisher erschienenen Geschichten zu den Kölner Brücken
Anno II. mit seinen Stiftungen, ganz oben die Benediktinerabtei Siegburg, Bild: Public domain,
Egal, ob sie nun Woelki, Meissner, Ruprecht, Hildolf oder Anno hießen: Mit den jeweiligen Erzbischöfen hatten die Kölschen fast durchweg ihre Probleme. Eine Ausnahme stellte dabei der von den Kölnern noch heute verehrte Josef Kardinal Frings dar.
Ein ganz besonders fieser Vertreter in dieser Reihe der dunklen Gestalten war aber Anno II. Wobei selbst das noch umstritten ist – so soll es Fans des Bischofs geben, die ihn als fromm und freigiebig gegenüber den Armen bezeichnen.
Geboren in Schwaben
Geboren um 1010 wuchs Anno im tiefsten Schwaben, etwa 30 Kilometer entfernt von Ulm, auf. Obwohl er nur aus niederem Adel stammte, hatte er recht gute Chancen auf den sozialen Aufstieg. Sein Bruder sollte später Erzbischof von Magdeburg werden, sein Neffe Bischof von Halberstadt – alles mit tatkräftiger Hilfe von Anno. Und er war entfernt mit Rainald von Dassel verwandt – immerhin der Bischof, der die Gebeine der Heiligen Drei Könige nach Köln brachte.
Anno schlug zunächst die klassische Laufbahn eines Adligen seiner Zeit ein: Eine Ritterausbildung mit Reiten und Fechten. Doch diese Karriere erlebte einen heftigen Bruch. Sein Onkel, ein Geistlicher in Bamberg, überredete ihn im Jahr 1021 in die Bamberger Stiftsschule St. Stephan einzutreten. Der Beginn eines bemerkenswerten Aufstiegs in der Kirche.
Anno studierte unter anderem in Paderborn und baute sich ein beeindruckendes Netzwerk auf. So wurde er von Kaiser Heinrich III. im Jahr 1046 an den kaiserlichen Hof berufen und 1054 zum Propst Stiftes St. Simon und Judas in Goslar ernannt. Bereits zwei Jahre später kam der entscheidende Karriereschritt: Am 11.02.1056 starb Hermann II., Erzbischof von Köln. Anno wurde sein Nachfolger auf dem mächtigen Bischofsstuhl in Köln.
Kölner enttäuscht
Die Kölner waren mit diesem Bischof nicht einverstanden: Der Schwabe Anno war für sie ein „Fremder“. Die Patrizierfamilien rümpften über ihn die Nase: Ein Bischof, der nicht dem Hochadel entstammt. Diese Skepsis war dem Erzbischof egal – er begann unmittelbar nach Amtsantritt seine Machtposition zu festigen.
Er drängte den Pfalzgrafen Heinrich (nicht mit dem Kaiser Heinrich zu verwechseln!) zurück, nahm dessen Familie den befestigten Siegberg ab und gründete dort das Kloster Siegburg. Somit war ein wichtiger Konkurrent um die Macht am Rhein ausgeschaltet.
Der Staatsstreich von Kaiserswerth
Kaiser Heinrich III. starb 1056, sein Sohn Heinrich IV. war zu diesem Zeitpunkt erst sechs Jahre alt. Somit war der wichtigste Herrscherthron verwaist. Zwar übernahm Kaiserin Agnes, die Witwe Heinrichs III., die Regentschaft für Ihren Sohn, konnte sich aber in den machtpolitischen Ränken der Fürsten und Bischöfe nicht durchsetzen.
Anno II. setzte sich an die Spitze der Gegner von Agnes. So kam es zum „Staatsstreich von Kaiserswerth“. Kaiserin Agnes und der damals erst 12 Jahre alte Heinrich IV. waren auf dem Weg nach Nimwegen. Anno rüstete ein prächtiges Schiff aus und überredete den jungen Thronerben auf der Kaiserpfalz Kaiserswerth zu einer Besichtigung des Schiffs. Kaum war Heinrich IV. auf dem Schiff, legte dieses plötzlich ab. Anno entführte den jungen Kaiser. Dieser versuchte zwar noch zu fliehen und sprang ins Wasser – doch vergebens. Er wurde aus dem Rhein gefischt und nach Köln gebracht.
Dort wurde Anno nicht nur Lehrer des jungen Thronfolgers, sondern auch sein Vormund. Kaiserin Agnes zog sich auf ein Kloster im Piemont zurück und Anno führte gemeinsam mit Erzbischof Siegfried I. von Mainz und Erzbischof Adalbert von Bremen faktisch die Regierungsgeschäfte.
Auch am Kölner Rathaus findet sich eine Figur von Anno II. (rechte Seite des Bildes), Bild: Raimond Spekking
Anno flieht durch das „Annoloch“
Kölns Bürger wurden immer unzufriedener mit dem selbstherrlichen und strengen Anno. Als dieser dann im Jahr 1074 im Hafen das Schiff eines Kaufmanns beschlagnahmen ließ, um dem Bischof von Münster eine Heimfahrtgelegenheit zu bieten, war das Maß voll: Die Bürger rebellierten gegen den ungeliebten Bischof.
Anno verschanzte sich und der tobende Mob tötete einen harmlosen Kleriker, den man für Anno hielt. Der Bischof hingegen konnte den aufgebrachten Bürgern entkommen. Dafür nutze er das „Annoloch“ – eine kleine Lücke in der römischen Stadtmauer. Anno brachte sich so vor den mordlustigen Kölnern in Sicherheit. Allerdings konnte der machthungrige Anno diese Schmach nicht ungesühnt stehen lassen.
Schon ein paar Tage später kam er mit schwer bewaffneten Truppen zurück und belagerte die Stadt. Die Kölner erkannten die Übermacht der Belagerer und öffneten die Stadttore. Der Bischof fackelte nicht lange und sprach grausame Strafen für die Aufrührer aus: Etliche Kölner wurden geblendet.1Dabei wird ein rotglühendes Stück Eisen, in der Regel ein Schwert, vor die Augen einer Verurteilten gehalten. Durch die Hitze wird die Netzhaut zerstört und die geblendete Person erblindet. Andere belegte er mit dem Kirchenbann. Viele der so nahezu rechtslosen Menschen wurden Opfer von Lynchjustiz. Ungefähr 600 Kaufleute verließen die Stadt und Köln war, so ein zeitgenössischer Bericht, „fast völlig verödet und schauriges Schweigen herrschte auf den leeren Straßen.“
Anno zieht sich aus Köln zurück
Verständlich, dass sich Anno in Köln nicht mehr sicher fühlte. Er zog sich auf den Siegberg, der später zur Abtei Siegburg werden sollte, zurück. Er verfügte auch, dass er dort begraben werden wollte.
Anno starb am 4. Dezember 1075 in Köln. Sein Leichnam wurde in einer aufwändigen Prozession zu allen Kölner Stifts- und Klosterkirchen getragen und dort jeweils drei Tage aufgebahrt. Seine letzte Ruhe hat er, entsprechend seines Wunschs, in der Abteikirche Michaelsberg gefunden. Noch heute steht der prächtige Annoschrein, geschaffen von Nikolaus von Verdun, der immerhin auch den Dreikönigenschrein im Kölner Dom erschaffen hat, dort in einer Seitenkapelle.
Der Annoschrein in der Abteikirche Michaelsberg, Bild: Amekrümel, CC BY-SA 3.0
Kaum zu glauben, dass schnell nach seinem Tod eine regelrechte „Annoverehrung“ stattgefunden hat. So wurde er 1183 heilig gesprochen. Einer seiner Nachfolger auf dem Bischofsstuhl in Köln, Joseph Kardinal Höffner, sagte im Jahr 1975 über Anno „Anno war oft unbeherrscht, heftig, unbequem und unbeugsam, nicht selten bis zum Starrsinn. Er war ein Mann voller Spannungen und Widersprüche.“
Und jetzt werfen wir wieder ein Blick auf unseren aktuellen Bischof. „Starrsinn“, „unbeugsam“, „Widersprüche“ kommen einem sehr bekannt vor, wenn man an Kardinal Rainer Maria Woelki denkt.
Vielleicht sollten wir Kölner mal wieder einen Aufstand wagen und diesen unseligen Kirchenmann in die Wüste schicken.
Die Bläck Fööss haben mit „Feschers Köbes“ dem Aufstand gegen Anno ein Gesicht gegeben. Das Lied handelt von dem fiktiven Charakter Jakob – auf Kölsch: Köbes – dessen Schiff Anno beschlagnahmen wollte und der, zumindest im Lied, zum Anführer der Aufständischen wurde. Zur Strafe wurde er von Annos Schergen geblendet.
De Fescher’s lävten em hellije Kölle
et wor’en Familich vun ech kölscher Art.
Mer schreff de Zick su kootvör Elfhundert
et Levve trof se hatt.
D’r Vatter dat wor d’r Fescher’s Bätes
hatt drei stolze Scheffe, wor Handelshär.
Hä fuhr vun Kölle bes Engeland un Holland,
sing Fuhre tonneschwer.
Singe ältste Son dat wor d’r Köbes,
für dä hatt dä Bätes e Frachscheff jebaut.
Domet wor dä Köbes en Holland jewäse
beim Keetje, dat wor sing Braut.
Hä wor jung un stolz, hatt e Hätz,
standhaff un nit bang,
hä wor ’ne kölsche Fetz.
Hä wor jrad doheim, do braat im d’r Stadtvogt
vum Erzbischof Anno e Schrieve vorbei.
Si Frachscheff sollt d’r Köbes im jewe,
su einfach, als wör nix dobei.
D’r Köbes saat: Su lang wie ich levve
kritt ehr et nit, dozo hat ehr kei Räch.
Un die Kölsche, die dovun hote, die saaten:
D’r Köbes dä hät Räch.
D’r Erzbischof Anno sprung faß us dem Wöbche,
hä bröllte: He driev d’r Düvel si Spill.
Hä dät vun d’r Kanzel janz Kölle usschänge,
dat wor dann denne Kölsche zo vill.
Em Nu hatt sich dat wie e Für römjesproche,
Kölle dä Kölsche heeß jetz die Parol.
Erus met däm Kradeföösch us Schwobe
schmießt en vum Bischofsstohl.
Doch als se de Dür vum Dom objebroche,
do wor dä Anno allt längs durch de Kood.
Hä hatt sich durch e Pözje verkroche,
die Kölsche, die kochten vor Wot.
Se däten ehr Wot an denne usloße
die jrad op Besök beim Anno jewäs.
D’r Fescher’s Köbes, dä wollt‘ se beruhije
un reef laut: Höt op met dam Dreß.
Hä wor jung un stolz, hatt e Hätz,
standhaff un nit bang,
hä wor ’ne kölsche Fetz.
D’r Köbes, dä die Kölsche jefoht hatt,
dä wod jetz en janz Kölle jefiert.
Doch üwer Naach, do kom d’r Anno
met Söldner anmarschiert.
Hä wollt zwar verjewe, doch sing Soldate
han einfach koote fuffzehn jemaat,
se han och dä Köbes zesammejeschlage
un han in dann en Kette jelat.
Sing Mamm die jing beim Anno dann bedde
un sat: Leeve Föösch, verschont minge Jung.
Ehr kritt unser Scheff un all unser Jrosche
doch jewt mer minge Jung.
Denn hä is jung un stolz, hätt e Hätz,
standhaff un nit bang,
hä is ’ne kölsche Fetz.
De Anklach wod vürjelese
un dann passeete wat keiner verstund,
se däten däm Köbes et Augeleech nemme,
en letzte Tron em Aug‘ im stund.
Dem Papp un d’r Mamm es et Hätz faß jebroche,
ehr Siel wod ze Stein vör Troor un vör Ping,
blotrut stund de Sonn üwer Kölle,
d’r Köbes, dä kunnt se nit sin.
Hä wor jung un stolz, hatt e Hätz,
standhaff un nit bang,
hä wor ’ne kölsche Fetz.
Seite 1 des Annoliedes in der Edition von Martin Opitz, Danzig 1639, Bild: Hochschule Augsburg
Das Annolied
Im Gegensatz zu dem Lied der Bläck Fööss wird Anno II. im sogenannten „Annolied“ verherrlicht. In 878 Versen wird sein Leben und Wirken gepriesen. Verfasser war des zwischen 1077 und 1081 entstanden Werks war wahrscheinlich ein Mönch im Kloster Siegburg.
Anno 1074 – Der Aufstand gegen den Kölner Erzbischof, Bild: Bastei-Lübbe
Historischer Roman: Anno 1074.
Der Aufstand gegen den Kölner Erzbischof.
Bei Bastei-Lübbe gibt es auch den passenden Roman von Jörg Kastner zum Aufstand gegen Anno. ( Bastei Lübbe, ISBN-13 : 978-3404141395, nur noch im Antiquariat erhältlich)
DANKE an meinen treuen Leser Chrisi aus der Eifel für diesen Hinweis.
Willem über Anno: „In der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts herrschte Anno II. über die Stadt Köln. Mit einer regen Bautätigkeit in der Stadt ist er bis heute im Stadtbild verewigt. Auch Kunst, Kultur und Handel blühten unter seiner Herrschaft auf. Und die Verehrung des Heiligen Georg verschaffte Anno hier am Rhein eine nie dagewesene Größe.“
Für jeden etwas dabei: Karnevalssitzungen in Kölle
Überblick: Kölsche Karnevalssitzungen
Die kölschen Sitzungen sind das „Hochamt“ des Karnevals – egal, ob sie als Prunk- oder Stunksitzung daherkommen.
Früher, bis etwa Mitte der 1980er Jahre, war es ganz einfach, wenn man zu einer Karnevalssitzung wollte: Frack oder Abendkleid anziehen und ab zur Prunksitzung im Gürzenich oder im Kostüm zu einer der zahlreichen Pfarrsitzungen im Gemeindesaal im Veedel.
Heute ist (gottseidank!) das Angebot an Karnevalssitzungen viel breiter gefächert. Und es gibt für nahezu jeden Geschmack das passende Format. Erstaunlich: Egal wie alternativ die Sitzungen auch sind, das Grundgerüst einer „klassischen“ Sitzung mit Präsident oder Präsidentin, einer Abfolge von Nummern wie in einer Revue, bleibt bestehen. Lediglich ein oft sehr steifer Elferrat und die endlose Begrüßung der Ehrengäste gehören zum Glück heute fast immer der Vergangenheit an.
Doch welche Sitzung ist die richtige für mich?
Wo fühle ich mich wohl ?
Wie will ich Fastelovend feiern?
Damit ihr euch heute schon auf die kommende Session freuen könnt, hier eine Übersicht mit Erläuterung der wichtigsten Karnevalssitzungen in Kölle.
Elferrat der Stunksitzung mit Präsidentin Biggi Wanninger, Bild: Renate Lehmann
Stunksitzung
DIE Mutter aller alternativen Karnevalssitzungen. Seit 1983 bringen die Stunker Schwung in den Karneval. Zuerst in der Alten Mensa an der Universitätsstraße, heute im E-Werk. Und das mit einem unglaublichen Erfolg: Die insgesamt etwa 65.000 Tickets sind regelmäßig binnen Minuten ausverkauft.
Die kleinste Karnevalsitzung der Welt kommt zu dir. Eine komplette Sitzung mit Bands, Büttenredner, Tanzgruppe, Dreigestirn, einem kölschen Traditionskorps und vielem mehr – alles dargestellt von nur einer Person
Mit 1 Stunde 11 Minuten Dauer ist „Die kleinste Karnevalsitzung der Welt“ vielleicht auch die kürzeste Sitzung der Welt. Alle weiteren Infos zu kleinsten Sitzung der Welt gibt es hier.
Auch die Kehrmännchen treten in der Puppensitzung auf, Bild: Kölsch Hänneschen
Puppensitzung
Diese Sitzung muss jeder Kölsche mindestens einmal im Leben gesehen haben. Und es ist so schwer an Karten zu kommen. Schon 24 Stunden vor dem offiziellen Vorverkauf im September richten sich die ersten Jecken mit Zelten und Schlafsäcken am Eisenmarkt vor dem Hänneschen-Theater auf die lange Wartezeit bis zum ersehnten Ticketkauf ein. In der Sitzung selber persiflieren die Puppenspieler liebevoll den traditionellen Karneval. Und haben alle Größen des Fastelovends auf der Bühne: Bläck Föös, Kasalla, Brings, das Dreigestirn, Funken in allen Farben und viele mehr. Und alle mit Holzköpfen. Denn selbstverständlich treten die genannten Personen und Gruppen nicht persönlich, sondern als Puppen auf. Dass hier ausschließlich tiefstes Kölsch gesprochen wird, ist selbstverständlich. Für die Kinder gibt es eine spezielle Kinder-Puppensitzung.
Kalte Ente, Abendkleid, Frack, Weinzwang, Preise wie im Pascha: Die klassische Prunksitzung erfüllt regelmäßig alle Vorurteile. Egal ob im Sartory, Gürzenich oder Maritim – hier trifft man sich nicht unbedingt, um eine Sitzung zu sehen, sondern weil man gesehen werden will. Vorsicht beim Kartenkauf, denn dieses Format tritt auch schon mal als „Festsitzung“ oder „Galasitzung“ auf. Und ganz besondere Vorsicht, wenn auf dem Ticket „um Abendgarderobe wird gebeten“ steht. Aber wer es mag …
Tickets für verschiedene Prunksitzungen gibt es bei kölnticket.
Röschen Sitzung
Hier, so die Macher dieser schwullesbischen Alternative zum klassischen Karneval, tummeln sich „warme Jecken aus aller Welt“. Gestartet als Rosa Sitzung stellte der WDR 2004 die TV-Übertragung ein. Wegen der wegbrechenden Fernsehgelder konnte diese Sitzung nicht mehr finanziert werden. Die Macher konzentrierten sich auf ihre Wurzeln und feiern seitdem eine kleine, aber feine Sitzung in Mülheim op dä Schäl Sick.
Pfarrsitzungen sind bunt, bodenständig und bezahlbar, wie hier in St. Pius, Köln-Zollstock, Bild: Uli Kievernagel
Pfarrsitzungen
Die regelmäßig wunderschönen Pfarrsitzungen sind eine der Grundfesten des kölschen Fasteleers. Grundsätzlich handelt es sich dabei um Kostümsitzungen, die in den Veedeln gefeiert werden. Hier schunkelt die Nachbarschaft miteinander – übrigens vollkommen unabhängig von der Religion. Bei Eintritt und auch Bewirtung zu normalen Preisen können sich diese Sitzungen die Top-Bands und Redner des Karnevals nur selten leisten. Sehr lobenswert: Einige Karnevalisten bieten speziell diesen Sitzungen günstigere Preise an, denn so Jörg Runge, der als „Tuppes vom Land“ über die Karnevalsbühnen zieht: „Sterben die kleinen Vereine, stirbt das Fundament des Karnevals.“. Und wenn es dann doch eng wird mit der Programm, steigt eben der Kirchenvorstand oder sogar der Pfarrer selber in die Bütt.
Falls ihr zu einer solchen Sitzung gehen wollt, schaut rechtzeitig in Schukästen der Gemeinden.
Die Hausband der Immisitzung rockt das Bürgerhaus Stollwerck, Bild: Jassin Eghbal
Immisitzung
Unter dem Motto „Jeder Jeck ist von woanders“ feiern die Immis seit 2010 im Bürgerhaus Stollwerck. Als „Imi“ (abgeleitet von „imitiert“) werden in Köln alle Zugezogenen oder „unechten“ Kölner bezeichnet. Bei der Immisitzung kommt das zweite „m“ hinzu. Hier sind tatsächlich Menschen gemeint, die nicht in Köln geboren wurden, sondern „Immigranten“. Sehr sympathisch (und sehr Kölsch) wird der „Immi“-Begriff hier sehr weit ausgelegt, sogar Immis aus Bayern und Düsseldorf arbeiten im Ensemble mit Menschen aus acht weiteren Nationen unter der souveränen Leitung von Myriam Chebabi als Immi-Mymmi I. zusammen.
Leider mussten die „Imis“ ihre Sitzung 2023 absagen. ABER: Das Ensemble der Immisitzung hat vier Gast-Auftritte bei Fatal Banal!
Die Flüster- oder Nostalgiesitzungen sind der Gegenentwurf zum „Party-Karneval“. Statt lautem Remmi-Demmi gibt es hier die leisen Töne. Alle Musiker spielen „usjestöpselt“, den Rednern wird tatsächlich zugehört (was auf anderen Sitzungen nicht immer der Fall ist). Hier treten auch oft Künstler auf, die eigentlich schon im karnevalistischen Ruhestand sind, wie zum Beispiel der Kölsche Schutzmann Jupp Menth.
Okay – einmal sollte man das mitgemacht haben. Man trifft sich, in der Regel sonntags zur besten Frühschoppenzeit, trinkt die ersten Kölsch („vorglühen“) und geht dann gemeinsam zur Sitzung. Dort steht oft das Kölsch als Getränk und nicht als Sprache im Vordergrund. Die Bands stellen ihre Verstärker etwas lauter und ab geht es. Redner haben hier spätestens ab der zweiten Stunde keine Chance mehr. Und regelmäßig sorgen die leicht bekleideten Nummerngirls für Ärger mit den Offiziellen des Karnevals.
Tickets für verschiedene Herrensitzungen gibt es bei kölnticket.
Damensitzung
Zugegeben: Kenne ich nur vom Hörensagen. Ist das Pendant zur Herrensitzung, nur stehen hier „Kleiner Feigling“ und Prosecco im Vordergrund. Und statt des Nummerngirls gibt es auch schon mal einen Nummernboy.
Tickets für verschiedene Damensitzungen gibt es bei kölnticket.
Nur an Karneval wird die Lanxess-Arena zur „Kölnarena“
Lachende Kölnarena
Eine echte Besonderheit im Sitzungskarneval: Hier ist es erlaubt, Essen und Getränke selber mitzubringen. Und so schleppen die Karnevalsjecken hunderte Fässer, kiloweise Frikadellen und viele, viele Eimer Kartoffelsalat nach Deutz. Mit etwa 10.000 Besuchern für jede der bis zu 15 Veranstaltungen in einer Session ist die Lachende Kölnarena das Schwergewicht unter den Sitzungen. Und hier spielen wirklich ALLE wichtigen Akteure. Besonders schön ist der „Mini-Rosenmontagszug“ zu Beginn jeder Sitzung. Hier ziehen Gruppen und Korps aus dem Fastelovend einmal durch das Rund der Arena – mit dem Dreigestirn als Höhepunkt.
Mit Krätzjer, Klaaf un Kalverei tourt diese Sitzung durch verschiedene Kneipen in Köln. Immer restlos ausverkauft, immer „ballermannfrei und viel mit dem Publikum.“, so Erfinder und Sitzungspräsident Helmut Frangenberg. Dazu gehört auch das gemeinsame Singen von Karnevalsklassikern, die (fast) schon in Vergessenheit geraten sind.
Das 2019er Motto von :Loss mer singe lautet „Mer levve uns Leeder“
Loss mer singe-Sitzung
Mitsingen, Mitfeiern, Mitstimmen, Mitmachen. So einfach und genial kann Karneval sein. Entstanden in einer Wohnküche, wo Erfinder Georg Hinz seine Freunde für den Kneipenkarneval textsicher gemacht hat, ist „Loss mer singe“ (LMS) fester Bestandteil des kölschen Fasteleers. Durchaus fraglich ist es, ob Bands wie Kasalla, Cat Ballou oder die Klüngelköpp ohne LMS den Durchbruch geschafft hätten. 2006 war dann klar, dass auch LMS eine eigene Sitzung veranstaltet. Und das Konzept, gemeinsames Singen mit den traditionellen Elementen des Karnevals zu verbinden, funktioniert. Ein echtes Highlight ist der regelmäßige Auftritt des „Raketenmanns“, der immer dann auftritt, wenn ein Künstler eine ganz besonders gute Leistung auf die Bühne gezaubert hat.
Kindersitzungen
Auch die Jüngsten werden kindgerecht an den Karneval herangeführt. Immer im Kostüm und mit viel Platz für die notwendige Bewegung geht es mit den Pänz in den Sälen hoch her. Neben Clowns und viel Musik ist regelmäßig der Besuch des Kinderdreigestirns Höhepunkt dieser Sitzungen. Mit der „Puppensitzung für Kinder“ bietet das Hänneschen eine spezielle und unbedingt empfehlenswerte Sitzung.
Fatal Banal – alternativer Karneval aus Ehrenfeld
Fatal Banal
Garantiert „tuschfrei“, gerne mit (lokal-) politischen Seitenhieben und herrlich respektlos wird seit 1992 zunächst im BÜZE / Bürgerzentrum Köln-Ehrenfeld, aktuell in Kalk, frecher, alternativer Karneval gefeiert. Die Hausband trägt, nach einer Abstimmung unter den Fans, den Namen „Kalk Kapelle“. Übrigens: Nach dem offiziellen Sitzungsprogramm wird immer gemeinsam weitergefeiert.1Ein großes DANKE an Joachim für die aktuellen Infos zu Fatal Banal.
Deine Sitzung wird im Klettenberger Brunosaal und in den Balloni-Hallen gefeiert
DEINE SITZUNG
Die einzige Sitzung mit dem „Winkemariechen“, welches auf der Bühne das Publikum zum Mitmachen animiert. Auf dieser Sitzung wird mit dem gemeinsamen Ausruf „Backen, Hacken uuuund Mett!“ dem kölschen Grundnahrungsmittel Mett gehuldigt. Es werden METTleys gesungen, das „Orchester der Liebe“ spielt mit Inbrunst Lieder wie „Mett is in the air“ und die Sitzungspräsidentin Karolin Kebekus kommt als Mettwoman auf die Bühne.
Ich dachte eigentlich, das gäbe es heute nicht mehr. Bis ich bei der Recherche die „Große Prunk- und Fremdensitzung“ der Ehrengarde gefunden habe. Tatsächlich hat man früher auf Fremdensitzungen die kölschen Elemente und insbesondere die Verwendung der kölschen Sprache auf ein für „auswärtige Gäste“ vertretbares Maß heruntergeschraubt. Und das, obwohl doch eigentlich immer die Kölschen den größten Teil der Gäste gestellt haben. Wer ausgelassen Karneval feiern will, ist hier nicht richtig aufgehoben, so lautet es in der Ankündigung der Ehrengarde: „Auch diese Sitzung eignet sich insbesondere für unsere auswärtigen Gäste. Abendgarderobe bzw. Smoking ist wünschenswert. Achtung: keine Kostümsitzung!“
Die Südbrücke in Köln, Bild: Michael Musto, CC BY-SA 4.0
Op dä Südbröck stonn ich off Stunde,
immer widder luhr ich dä Möwe
un dä Schleppkähn noh, loss ming Jedanke frei.
BAP: Met Wolke schwaade1Übersetzung:
Auf der Südbrücke stehe ich oft Stunden, immer wieder
sehe ich den Möwen und den Schleppkähnen nach,
lasse meine Gedanken frei.
Bevor man, wie der kölsche Musiker Wolfgang Niedecken von BAP, sich auf der Kölner Südbrücke seinen Träumen hingeben kann, ist zunächst mal der Aufstieg angesagt: Es geht am linken Rheinufer 53 Stufen, knapp vier Stockwerke, hoch. Besonders anstrengend ist diese Treppe, wenn man mit dem Fahrrad unterwegs ist: Mangels Rampe hilft nur hochtragen. Es gibt zwar schmale Eisenschienen auf den Treppen, auf denen man sein Fahrrrad auch hochschieben kann. Aber es bleibt dabei: Der Aufstieg ist schon mit einem normalem Fahrrad sehr mühsam und mit einem vergleichsweise schwerem E-Bike nicht zu schaffen.
Schwingungen der Brücke
Oben angekommen entschädigt das erhabene Gefühl, mitten über dem Rhein zu stehen. Und wenn dann noch ein Güterzug vorbeikommt, ist das Gefühl perfekt: Die leichten Schwingungen der Brücke spürt man im ganzen Körper, das laute Gerumpel des Zugs hört man, und den majestätischen Rhein sieht man.
Weniger majestätisch ist der leider etwas heruntergekommene Zustand der Südbrücke. Die gewaltigen Brückentürme auf der linken Rheinseite sind gesperrt, alles ist von wenig talentierten Sprayern vollgeschmiert. „Die Südbrücke ist richtig versaut, die ist ein Objekt von Schmierereien von oben bis unten.“ so der ehemalige Stadtkonservator Ulrich Krings.2im Kölner Stadt-Anzeiger vom 6. Januar 2022.
Steckbrief Südbrücke
Länge: 368 m
Breite: 10,34 m
Baubeginn: 1906 / 1946
Fertigstellung: 1910 / provisorisch Mai 1946 / endgültig 1950
Eröffnung: 5. April 1910 / 1. Oktober 1950
Speziell für den Güterverkehr konzipiert
Die Südbrücke ist Teil der grundsätzlichen Erneuerung des Kölner Bahnverkehrs ab etwa 1906. Die damalige Dombrücke war, wie heute die Hohenzollernbrücke, hoffnungslos überlastet. Um den wachsenden Bedürfnissen des Bahnverkehrs gerecht zu werden, entstanden neue Eisenbahnringe um die Stadt. Auch die Dombrücke wurde mit dem Schwerpunkt Personenverkehr erneuert. So entstand im Jahr 1911 die Hohenzollernbrücke. Die Südbrücke hingegen wurde hauptsächlich für den Güterverkehr konzipiert.
Schwerer Unfall in Bauphase
Der Bau begann im Jahr 1906. Etwa zwei Jahre nach Baubeginn ereignete sich ein tragisches Unglück: Am 9. Juli 1908 stürzte ein Baugerüst ein, 40 Arbeiter stürzten in den Rhein. Es wurden acht Tote und 14 Verletzte gezählt.
Das Unglück an der Südbrücke forderte acht Tote und 14 Verletzte, Bild: Ludwig Geus (1864-1939), Public domain, via Wikimedia Commons
Trotz dieses tragischen Unglücks konnten die Bauarbeiten an der eigentlichen Brücke bereits im September 1909 fertig gestellt werden – zwei Monate vor dem eigentlichen Plan. Ende des Jahres 1909 waren dann auch die Arbeiten an den Brückentürmen beendet, und am 5. April 1910 fuhr der erste Zug über die Brücke.
Stahl und Stein
Bei der Südbrücke handelt es sich um eine Fachwerk-Bogenkonstruktion mit einer Einfassung durch vier massive Türme. Das entsprach exakt dem Zeitgeist: Nackter Stahl wurde als hässlich empfunden, erst durch die Kombination mit steinernen Elementen galt ein Bauwerk als gelungen. So wurden die Türme der Südbrücke auch reichlich verziert: Auf der stromabwärts gelegenen Seite wurden Reliefs zur Industrialisierung angebracht. Auf der stromaufwärts gelegenen Seite fanden sich Darstellungen zum Rhein, zu den Sagen und zur Geschichte.
Tatsächlich hatten die massiven Brückentürme aber auch eine praktische Funktion: Dort wurden Soldaten stationiert und es wurden Waffen gelagert. Schließlich war ein Krieg gegen den „Erzfeind“ Frankreich jederzeit möglich und große Brücken waren wichtige strategische Ziele. Und genau das sollte der Südbrücke im Zweiten Weltkrieg zum Verhängnis werden.
Zerstörung im Krieg
Bombentreffer im Januar 1945 zerstörten wesentliche Teile der Südbrücke. Die im Rhein liegenden Brückenteile, insbesondere der etwa 160 Meter lange Mittelteil, waren ein erhebliches Hindernis für den Schiffsverkehr und wurden daher gesprengt. Ab Mai 1946 war ein zunächst nur eingleisiger Verkehr auf der Brücke möglich. Erst am 1. Oktober 1950 konnte die Brücke wieder vollständig genutzt werden.
Allerdings wurden Steine der massiven Brückentürme für den Wiederaufbau verwendet, der aufwendige Schmuck wurde nicht wieder hergestellt, die Brückentürme wurden nur noch mit Flachdächern gedeckt.
Und so führt der Weg nach unten auf der rechtsrheinischen Seite durch die begehbaren Brückentürme – verschandelt durch hässliche Graffitis. Auch hier gilt: Keine Rampe – Radfahrer müssen ihren Drahtesel die 47 Stufen heruntertragen, bevor man sich auf den Poller Wiesen von der Schlepperei erholen kann.
Blick über den schmalen Fuß-und Radweg der Südbrücke. Leider auch zu sehen: Eines der unsäglichen Graffitis auf der Brücke. Bild: Velopilger, CC BY-SA 4.0
Ausbau der Brücke
Alle Jahre wieder kommt die Forderung der Radfahrer auf, doch endlich Rampen und breitere Radwege für die Südbrücke zu bauen. Doch dabei wird es kompliziert: Da die Bahn als Eigentümer der Südbrücke bereits beim Bau kein Interesse an den Rad- und Fußwegen hatte und diese nur auf Drängen der Stadt Köln errichtete, ist bis heute die Stadt für die Unterhaltung und Pflege der Gehwege zuständig – ein programmiertes Zuständigkeits-Chaos.
Allerdings keimt Hoffnung auf: Die Südbrücke wird ein wichtiger Teil des neuen S-Bahn-Rings rund um die Stadt. Und das, so der ehemalige Stadtkonservator Krings im Kölner Stadt-Anzeiger „wäre die ideale Gelegenheit, sie aus ihrem Dämmerzustand zu lösen.“
Mal sehen! Und solange schleppen wir halt unsere Fahrräder die Brücke hoch –
undlosse, wie Wolfgang Niedecken , op dä Südbröck die Jedanke frei.
Alle bisher erschienenen Geschichten zu den Kölner Brücken
Hans Imhoffs Vermächtnis: Das Schokoladenmuseum, Bild: Raimond Spekking
Im Kölner Schokoladenmuseum steht der weltberühmte Schokoladenbrunnen. Eine kleine Rechnung: Wenn jeder Besucher des Schokoladenmuseums nur 5 Gramm aus dem Brunnen nascht, macht das insgesamt etwa 3,5 Tonnen Schokolade pro Jahr. Aus einem Brunnen.
Auch hier hatte der Kölner Unternehmer Hans Imhoff wieder den richtigen Riecher. Bei der Konzeption des Museums sah er ausdrücklich diesen Brunnen mit Schokolade vor. Dem Mann mit dem „Herz aus Schokolade“ war klar, dass nur durch eine solch sinnliche Erfahrung das Erlebnis eines Besuchs im Schokoladenmuseums abgerundet wird.
Und damit hatte er Recht. Das Schokoladenmuseum ist eine Institution in Köln. Mit merh als 700.000 Besuchern im Jahr 2024 ist dieses Museum unangefochtener Spitzenreiter bei den Kölner Museen. Dieser Erfolg würde Hans Imhoff vor Stolz platzen lassen.
Imhoff vor seinem wahr gewordenen Traum: Der Schokoladenbrunnen in seinem Schokoladenmuseum, Bild: Schokoladenmuseum Köln
Stollwerck-Fundus ist Grundstock für Museum
Für die Schokoladen-Millionäre in Deutschland gehören Museen zum guten Ton: Die Kunstsammlungen von Peter Ludwig sind neben dem Kölner Museum Ludwig in achtzehn weiteren Museen in fünf Ländern zu finden. Die Familie Sprengel überließ der Stadt Hannover ihre Kunstsammlung, die heute im Sprengel Museum zu finden ist. Doch Kunst war nicht das Metier von Hans Imhoff. Ihm schwebte ein Denkmal in Form eines Museums für Schokolade vor. Oder – um es mit seinen eigenen Worten zu sagen „Köln braucht ein Schokoladenmuseum“.
Wie gut, dass dem Unternehmer Imhoff beim Umzug der Stollwerck-Produktion von der Kölner Südstadt in die modernen Produktionsstätten nach Westhoven zahlreiche „Schätzchen“ auffielen. Darunter waren alte Plakate, Fotos, Maschinen, Akten oder Verkaufsautomaten, die entsorgt werden sollten. Imhoff erkannte sofort den Wert dieses Schatzes und sorgte dafür, dass diese zunächst eingelagert und später aufgearbeitet wurden. Somit gab es bereits einen Grundstock für ein Museum.
Exponate aus der Stollwerck-Geschichte im Schokoladenmuseum, Bild: Palickap, CC BY-SA 4.0
Ausstellung „Kulturgeschichte der Schokolade“ als Generalprobe im Gürzenich
Doch es gab große Skepsis: Kann ein Museum zur Schokolade interessant sein? Imhoff wagte ein Experiment: Zum 150jährigen Stollwerck-Firmenjubiläum wurde im Kölner Gürzenich vom 8. Juli bis 20. August 1989 die große Ausstellung „Kulturgeschichte der Schokolade“ gezeigt. Mit Informationen zur Herkunft des Kakaos, einer kleinen Schokoladenfabrik, welche die Produktion praktisch vorführte und den Exponaten, die eigentlich für den Müll bestimmt waren. Herzstück der Ausstellung: Ein erster Schokoladenbrunnen, den die Techniker des Unternehmens auf Anordnung des Firmenchefs eigens entwickeln mussten.
Imhoffs Wette mit sich selbst: Sollten zu der Ausstellung mehr als 60.000 Besucher kommen, will er anschließend sein Schokoladenmuseum realisieren. Tatsächlich kamen mehr als 320.00 Besucher. Ein unglaublicher Erfolg. Und somit der Beweis für Imhoff, sein Lebenswerk mit einem Schokoladenmuseum zu krönen.
Mehr als 50 Millionen Mark aus Privatvermögen
Dem Unternehmer Imhoff war klar, dass er hier nicht halbherzig agieren konnte: „Was braucht Köln? Köln braucht ein Schokoladenmuseum. Köln braucht das DAS Schokoladenmuseum. Einzigartig in der Welt. Es kann uns keiner vormachen, es kann uns keiner nachmachen, es kann noch nicht mal jemand kritisieren. Es ist einmalig. Es wird so schön, dass Ihnen das Herz höherschlägt.“, so der Unternehmer in einem Interview des WDR-Fernsehens.
Imhoff stellte mehr als 50 Millionen Mark aus seinem Privatvermögen zur Verfügung. Doch wo sollte das Museum seinen Platz finden? Mit der Aufgabe der Standortsuche betraute er seine Frau Gerburg Klara Imhoff. Die Stadt offerierte den Imhoffs eine alte, baufällige Halle mitten im Rheinauhafen – zu einer Zeit, als der Rheinauhafen noch nicht das edle Gelände voller schicker Wohnungen, der Kranhäuser und nobler Restaurants war. Das Unternehmerpaar lehnte ab und sichtete weiter – ein repräsentatives, großes Grundstück näher an der Innenstadt.
Schließlich kaufte Imhoff am 23. Januar 1992 das alte preußische Zollamtsgebäude am Rhein inklusive Malakoffturm und Drehbrücke. Und schnell rückten die Baukräne an. Schon am 31. Oktober 1993, wurde das Museum feierlich eröffnet. Hans Imhoff hatte sein Ziel erreicht: Er verewigte sich selbst in der Geschichte Kölns.
Partner des Schokoladenmuseums ist der Schweizer Schokoladenhersteller Lindt & Sprüngli. Bild: Schokoladenmuseum Köln GmbH
Immer noch zentral: Der Schokoladenbrunnen
Heute bietet das Museum einen Rundgang durch 5.000 Jahre Kulturgeschichte der Schokolade. Inklusive einem Tropenhaus mit Kakaobäumen, den von Imhoff geretteten Plakaten, alten Maschinen und Stollwerck-Archivalien und einer gläsernen Schokoladenfabrik, in der tatsächlich produziert wird.
Das Tropenhaus im Kölner Schokoladenmuseum mit echten Kakaopflanzen, Bild: Schokoladenmuseum Köln GmbH
Im April 2002 verkaufte Imhoff den gesamten Stollweck-Konzern für 175 Millionen Euro an den Schweizer Schokoladenkonzern Barry Callebaut AG. In Köln wurde noch bis in das Jahr 2005 Schokolade produziert – dann endet die Ära der Stollwerck-Schokolade in Köln. Das Schokoladenmuseum kooperiert heute mit Lindt & Sprüngli aus der Schweiz und wird von Annette Imhoff, einer Tochter von Hans Imhoff, und Dominik Schröder geleitet.
Der Schokoladenbrunnen im Kölner Schokoladenmuseum, Bild: I, Noebse, CC BY-SA 2.5
Und immer noch ist der riesige Schokoladenbrunnen das zentrale Erlebnis eines Besuchs im Schokoladenmuseums. Ein Anblick, an dem man sich kaum sattsehen kann. Folgt man dem Imhoff-Biographen Hans-Josef Joest, verkörpert dieser Brunnen das, was Imhoff einst in diese Branche gebracht hat: Der Heißhunger auf Schokolade. „Ohne einen solchen Genussmoment wie dieser Schokoladenbrunnen wäre für ihn nie ein Museum denkbar gewesen.“
Madeleine Albright, Außenministerin der USA von 1997 bis 2001, Bild: United States Department of State
Im Schokoladenmuseum wird geheiratet und wurde Geschichte geschrieben
Das Schokoladenmuseum bietet mit der Bel Etage auch einen Raum für Feiern an. Und als Außenstelle des Standesamts sind hier auch Hochzeiten möglich. Domblick inklusive.
Hier wurde auch Geschichte geschrieben: Als 1999 der G8-Gipfel in Köln stattfindet, nutzt die amerikanische Außenministerin Madeleine Albright das Büro der Museumsdirektorin. Und so kommt im Schokoladenmuseum zuerst die Nachricht an, dass es Frieden im Kosovo-Krieg gibt.
vorab eine kurze Warnung: Dies ist ein Jahresrückblick, in dem ausdrücklich kein einziges Mal „Corona“ vorkommt. Wer das erwartet, wird leider enttäuscht und sollte lieber hier nachschauen.
Diese Ausgabe einberechnet gab es auch im Jahr 2021 insgesamt 52 Ausgaben des Köln-Ding der Woche. Ganz ehrlich: Ich bin schon ein wenig stolz, dass ich es bis heute durchgehalten habe, seit 8. Juli 2017 jede Woche sonntags um 6 Uhr morgens ein Köln-Ding der Woche zu veröffentlichen – heute erscheint somit bereits die 235. Ausgabe.
Und auch 2021 gab es wieder einige Highlights, die ich zum Jahresende vorstellen will.
Die 3 x 3 Highlights zum Köln-Ding der Woche
Die drei am häufigsten geklickten Beiträge des Jahres 2021
Die seit 2017 meist geklickten Beiträge
Meine persönliche „Top-3“ des Jahres 2021
Die drei am häufigsten geklickten „Köln-Dinger der Woche“ im Jahr 2021
Die drei am häufigsten geklickten Beiträge des Jahres 2021
Ich habe mir angesehen, welche Köln-Dinger der Woche im Jahr 2021 am meisten Beachtung gefunden haben. Hier kommt die Top-3-Rangliste:
Es ist eine große Herausforderung, für ein weltbekanntes Bauwerk ein ebenso klares, einprägsames wie auch einfaches und verständliches Logo zu entwickeln. Und wenn es sich dabei um den bereits tausendfach dargestellten Kölner Dom handelt, wird es nicht einfacher. Doch seit Juni 2021 gibt es das neue Dom-Logo. Das neue Logo des Doms (vom 26. Juni 2021)
Am 3. März 1933 warfen die Bewohner der Elsaßstraße „Nachttöpfe auf sowieso schon braune Köpfe.“ Damals haben die mutigen Bewohner der Kölner Südstadt einen Fackelzug der SA mit allem beworfen, was sie in den Haushalten in die Finger bekommen haben, darunter auch gut gefüllte Nachttöpfe. Die Schlacht in der Elsaßstraße am 3.3.1933 (vom 27. Februar 2021)
Es ist weit über die Stadtgrenzen bekannt, dass der kölsche „Jupp“ der hochdeutsche Josef ist. Und auch der „Tünn“ kann ohne große Schwierigkeiten als „Anton“ identifiziert werden. Kein Problem. Aber woher kommt der Döres? Wie heißt Drück auf hochdeutsch? Und wer is et Züff? Kölsche Vornamen: Tünn, Drück, Züff & mehr (vom 21. März 2021)
Die seit Juli 2017 am häufigsten geklickten Beiträge beim Köln-Lotsen.
Die seit 2017 meist geklickten Beiträge
Die Statistik der gesamten Zeit seit Juli 2017 zeigt, welche Beiträge wann und wie oft geklickt wurden. Daraus ergibt sich eine durchaus interessante Hitliste der Beiträge.
Im Februar 2018 gab es die richtige Erklärung für das schöne Wort „Fisternöllche“, also einer heimlichen Liebelei oder Affäre. Um es vorwegzunehmen: Es hat nichts mit „fils à Noel“ zu tun. Aber immerhin ist die Erläuterung dazu so interessant, dass dieser Artikel bisher mehr als 10.000 x angeklickt wurde. Kölsche Wörter – Fisternöll (vom 11. Februar 2018)
Aapefott, Föttchesföhler, Sackjeseech & Co. haben es auf Platz zwei der ewigen Bestenliste beim Köln-Lotsen gebracht. Interessant, was ihr alles so anklickt!
Unabhängig von den Klick-Zahlen hatte ich auch meine ganz persönlichen Erlebnisse mit dem Köln-Ding der Woche und meine Touren durch die Stadt.
Ein Roman aus der Marienburg
Als ich den Anruf von der Autorin Ellen Jacobi bekam, ob ich mal etwas zur Marienburg für ihren neuesten Roman erzählen könnte, dachte ich mir: Kannste ja mal machen. Was daraus geworden ist, macht mich unfassbar stolz: Ellen hat mich ausdrücklich in der Danksagung des Romans, der Ende Juli 2021 erschienen ist, erwähnt.
Ich hatte im Sommer die Idee, auch Menschen, die es zum Beispiel aus körperlichen Gründen nicht schaffen, einen Rundgang in Kölle zu unternehmen, trotzdem mit auf eine Tour durch die Stadt nehmen. Daraus ist „Kölle kommt zu dir“ entstanden: Ich bringe die Stadt zu den Menschen, bevorzugt in Seniorenwohnheime.
Mein schönstes Erlebnis dabei war eine demenzkranke Dame, die sich auf einmal, als ich Lieder von Willi Ostermann anspielte, in ihrem Rollstuhl aufrichtete und lauthals von der Schmitze Billa und ihrer Poppelsdorfer Villa sang. Ein wunderschöner Moment.
Auch an dieser Stelle noch einmal DANKE an alle Verantwortlichen in den Seniorenheimen, die mir die Möglichkeit gegeben haben, mit den älteren Damen und Herren diese kleine Reise durch Kölle unternehmen zu dürfen. Kölle kommt zu dir.
Ich bekomme regelmäßig Rückmeldungen zum Köln-Ding der Woche.
Ganz besonders habe ich mich über die Rückmeldung von Ute aus Nippes gefreut. Sie hat meine Intention, warum ich das Köln-Ding der Woche schreibe, exakt auf den Punkt gebracht:
Über Utes Rückmeldung habe ich mich sehr gefreut.
Auch an dieser Stelle noch einmal ein ganz großes DANKE an Ute aus Nippes und an alle, die sich jeden Sonntag die Zeit nehmen, meine sonntägliche Post zu lesen. Für euch mache ich das. Und ich mache es gerne.
Ich wünsche euch allen ALLES GUTE für 2022!
Euer Uli, der Köln-Lotse
PS Habe Wort gehalten! In diesem Jahresrückblick ist das „C-Wort“ kein einziges Mal aufgetaucht.