Das Weinhaus Brungs – gefährdetes Baudenkmal mitten in der Stadt

Das Gasthaus Brungs in der Kölner Innenstadt, Bild: Raimond Spekking
Das Gasthaus Brungs in der Kölner Innenstadt, Bild: Raimond Spekking

Es ist sehr zentral und ist trotzdem irgendwie versteckt: Das Weinhaus Brungs, ein sehr geschichtsträchtiger Bau. Von außen durchaus beeindruckend, aber spätestens, wenn man die Treppe heruntergeht, bekommen sowohl der Kölner als auch der Tourist den Mund vor Staunen nicht mehr zu: Hier gibt es noch Reste der römischen Stadtbefestigung – Geschichte zum Anfassen. Tatsächlich sind hier die Reste des römischen Stadttors „Marspforte“ zu sehen.

Geschichtsträchtiges Gebäude

Im 16. Jahrhundert hatte sich das Viertel rund um die Marspforte rasant entwickelt: In unmittelbarer Nähe der beiden wichtigen Warenumschlagsplätze Alter Markt und Heumarkt sowie dem Machtzentrum Rathaus florierte hier das Geschäft.

Dabei war das alte, an dieser Stelle noch bestehende, römische Stadttor wohl eher hinderlich. So hatte der Kölner Ratsherr Hermann von Weinsberg in seinen berühmten Tagebüchern notiert, dass es an den Bögen des Stadttors sehr schmutzig sei, weil jeder seinen Unrat dort ablud. Hier ein gekürzter Auszug aus dem Tagebuch von Hermann Weinsberg zur Marspforte:1 Die ursprüngliche Handschrift ist nur für Experten lesbar, Details dazu gibt es beim Weinsberg-Projekt.

Auszug aus den Tagebuch von Hermann Weinsberg, die ursprüngliche Handschrift ist nur für Experten lesbar
Eine sinngemäße Übersetzung:

Auszug aus den Tagebuch von Hermann Weinsberg, die ursprüngliche Handschrift ist nur für Experten lesbar

Weinsberg berichtete, dass der Kölner Ratsherr Gillis Eifler an genau der Stelle des abgerissenen Stadttors zwei Stadthäuser errichtete. Wie damals üblich wurde nicht komplett neu gebaut, sondern bestehende Mauern in den Neubau integriert. Und so sind die Reste des Stadttors heute Bestandteil des Gewölbekellers im Weinhaus Brungs.

Das antike Kellergewölbe im Weinhaus Brungs mit zwei Grinköpfen, Bild: HOWI - Horsch, Willy, CC BY 3.0 via Wikimedia Commons
Das antike Kellergewölbe im Weinhaus Brungs mit zwei Grinköpfen, Bild: HOWI – Horsch, Willy, CC BY 3.0 via Wikimedia Commons

Die ebenfalls dort angebrachten Fratzenmasken sind sogenannte „Grinköpfe“. Diese gehören eigentlich auf die Giebel von Stadthäusern. Durch das Maul dieser Fratzen konnten Seile gezogen werden, und so wurden schwere Waren in die Speicherräume unter den Dächern gehoben.

Häuser werden zusammengelegt

Etwa in der Mitte des 19. Jahrhunderts kaufte die Familie Brungs beide Gebäude. Um mehr Platz zu schaffen, wurden aus zwei Häusern eins. Den Durchgang markiert ein markanter neogotischer Spitzbogen mit dem in den Stein verewigten Stadtnarren „Worbel“.

Laut Überlieferung soll es diesen Worbel tatsächlich gegeben haben. Er hieß Pankratz Weinstock und unterhielt im 12. Jahrhundert die Stadtgesellschaft mit seinen Späßen.

Massive Zerstörung im Krieg – heute Institution in der Innenstadt

Im Zweiten Weltkrieg wurde auch das Gasthaus Brungs schwer beschädigt und wiederaufgebaut. Daher stammt die Inneneinrichtung aus anderen Häusern und wurde hier wieder eingebaut, wie zum Beispiel die hölzerne Wendeltreppe aus dem 18. Jahrhundert.

Heute behauptet sich das Weinhaus Brungs zwischen den vielen Brauhäusern in der Innenstadt. Auf der Touristik-Website TripAdisor nimmt dieses Restaurant Platz 62 von 1.699 gelisteten Häusern in Köln ein2Stand: 1. März 2023. Gäste loben das Essen und die Weinkarte.

Das Gasthaus Brungs in der Kölner Innenstadt, Bild: Horsch, Willy - HOWI, CC BY 3.0 via Wikimedia Commons
Das Gasthaus Brungs in der Kölner Innenstadt, Bild: Horsch, Willy – HOWI, CC BY 3.0 via Wikimedia Commons

Stadt kauft Gebäude – weitere Nutzung ungewiss

Im Zuge der Arrondierung3Arrondierung ist der Einbezug angrenzender Flächen zu einem bestimmten Grundstück. der Flächen rund um das Rathaus hat die Stadt Köln Ende 2019/Anfang 2020 das Gebäude erworben.

Eigentlich wollte die Familie Brungs das Gebäude an eine Privatperson verkaufen. Ein entsprechender Kaufvertrag lag bereits vor, doch Ende 2019 entschloss sich der Stadtrat, von dem im Grundbuch eingetragenen Vorkaufsrecht Gebrauch zu machen und das Gebäude für 3 Millionen Euro4Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger vom 17.01.2020 zu erwerben. Gleichzeitig sicherte die Stadt dem Pächter des Restaurants zu, dass der Pachtvertrag weiterlaufen solle.

Doch augenscheinlich wurde der Pachtvertrag zum Ende Februar 2023 gekündigt. Ob und wie es mit der Gastronomie im Weinhaus Brungs weitergeht, ist völlig offen. Auch ein anderweitiges Nutzungskonzept der Stadt liegt (noch) nicht vor.

Oder will sich unser Rat am Ende nur einen schnellen Weg  zum Wein sichern? Der Stadtführer und Köln-Experte Bernd Imgrund berichtet5„111 Kölner Kneipen, die man kennen muss“ von Bernd Imgrund und Thilo Schmülgen, dass der Notausgang des Gewölbekellers direkt unter das Rathaus führt. Und diesen kann man ja schließlich auch in die andere Richtung nutzen …

Konzept zur Weiternutzung dringend erforderlich!

Es bleibt die Hoffnung, dass schnell eine Weiternutzung des Gebäudes ansteht, damit dieses wunderschöne Gebäude nicht eine ähnliche Entwicklung wie zum Beispiel das Funkhaus in Raderthal durchmacht. Dieses gammelt mangels Entscheidung vor sich hin – vermutlich bis nichts mehr zu retten ist und es einfach abgerissen wird.


+++ UPDATE  Stand: Mai 2023 +++

 Das Team vom Weinhaus Brungs hat in der Decksteiner Mühle (Gleueler Str. 371, Köln-Deckstein) eine neue Heimat gefunden.
Viel Erfolg am neuen Standort!


 

Logo change.org
Petition: Das letzte Alt-Kölner Weinhaus darf nicht sterben!

Die „Freunde von Weinhaus Brungs“ haben auf der Plattform change.org eine Petition gestartet und fordern von der Stadt Köln:

Die Stadt Köln soll als Eigentümerin des Weinhauses Brungs dieses beispielhafte Denkmal erhalten, fachgerecht sanieren und als Juwel der Altstadt in seiner traditionsreichen Nutzung als Weinhaus dauerhaft weiterführen.

Aktuell6Stand 1. März 2023 haben 580 Personen diese Petition unterschrieben. Der Köln-Lotse übrigens auch.

Falls auch du diese Petition unterschreiben willst, findest du hier alle notwendigen Informationen:

Das letzte Alt-Kölner Weinhaus darf nicht sterben.
WIR WOLLEN WEINHAUS BRUNGS ERHALTEN!


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Kölner Stadtteile: Hahnwald – kein Hahn aber viele Promis

Der Kölner Stadtteil Hahnwald, exklusiv und mit hoher Promi-Dichte, Bild: TUBS, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons
Der Kölner Stadtteil Hahnwald, exklusiv und mit hoher Promi-Dichte, Bild: TUBS, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons

Podcast Hahnwald, 57

Der Hahnwald ist eines der Kölner Villenviertel. Zwar gab es bereits, ähnlich wie in Marienburg, auch im Hahnwald die ersten Villen bereits um 1930. Doch der größere Bauboom begann dort mit der Eweiterung des Stadtteils ab den 1970er Jahren. In diesem neuen Teil wurden die Grundstücksgrößen auf 1.000 m² begrenzt.1In dem älteren Teil sind die Grundstücke mit etwa 2.000 m² doppelt so groß.. Bekannte Architekten konzipierten dort ausgefallene Villen. Tatsächlich hat dieser Stadtteil ein ganz anderes Flair als das ehrwürdige Marienburg. Die Kölner bringen es mit folgender Aussage auf den Punkt: „In der Marienburg wohnt das „alte Geld“, im Hahnwald sind die Neureichen zu Hause.“     

Name kommt vom Federvieh, von „Hain“ oder vom „Herr von Hahn“  

Den ersten Nachweis von Hahnwald findet man bereits im Jahr 1231 als „Hanen by Sorden“ (… bei Sürth); in einer weiteren Urkunde aus dem Jahr 1335 heißt es „Hanen an der Bunre straissen“ (… an der Bonner Straße). Mit „Hanen“  ist der Bezug auf das gleichnamige Federvieh, den „Hahn“, deutlich. Doch es ist fraglich, welche herausragende Bedeutung der Vogel dort gespielt haben soll.

Da es im Kölner Süden im ersten Jahrtausend ein großes Waldgebiet gegeben hat, von dem nur Teile erhalten blieben, liegt es näher, Hanen mit einem geschlossenen Waldstück in Verbindung zu bringen. So wird im althochdeutschen ein Hain als „hagan“ bezeichnet. Als 1951 der neue Stadtteil gegründet wurde, hat sich die Gemeinde Rondorf (ab 1961 Rodenkirchen) jedenfalls an diese Herleitung gehalten.

„Der Name geht zurück auf die Flurbezeichnung „Zum Hendtgen“, das ist Hainwald, denn früher hat hier ein Buchenwald (Hainbuche) gestanden.“

Eine andere Erklärung des Namens ist mündlich überliefert. Sie besagt, dass ein Herr von Hahn große Teile des heutigen Gebietes von Hahnwald besessen hat. An ihn soll der Name erinnern.

Besiedlung in drei Schritten

Die Besiedlung von Hahnwald vollzog sich in drei Schritten: Das erste Gebäude und lange Zeit das einzige ist zu Beginn des 19. Jahrhunderts errichtet worden: Es war der Hermannshof (früher auch Zehnpfennigshof), der heute noch bewirtschaftet wird. Die Äcker des Bauern liegen inzwischen jedoch in Rondorf und Immendorf, da Hahnwald vollständig bebaut ist. 

Zum Wohnort – besser gesagt – Villenviertel wurde Hahnwald in den 1920er Jahren erkoren. Initiiert von Ernst Leybold und Theodor Merrill wird ab 1926 der Hahnwald für eine Villenbebauung erschlossen, ein zweites Marienburg wurde geplant.

Das 1935/36 "Haus Birkhof" (2016 abgerissen) war zunächst das Wohnhaus des Fabrikanten Alfons Mauser und von 1970 bi2 2006 die nResidenz des Botschafters der Republik Niger, Bild: Leit, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Das 1935/36 errichtete „Haus Birkhof“ (2016 abgerissen) war zunächst das Wohnhaus des Fabrikanten Alfons Mauser und von 1970 bis 2006 die Residenz des Botschafters der Republik Niger, Bild: Leit, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Bebauung nach dem Zweiten Weltkrieg

Die weitere Bebauung, der zweite Schritt, erfolgte jedoch erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals hatte Hahnwald seinen Namen eigentlich gar nicht verdient; zumindest den zweiten Teil nicht, die Bezeichnung Wald. Dort, wo einmal das Villenviertel errichtet werden sollte, stand kein Baum weit und breit. Der Waldbestand war längst abgeholzt worden. Erst mit den neuen Bewohnern wurden wieder Bäume gepflanzt.

Nördlich der Siedlung wurde zudem der Forstbotanische Garten angelegt. Im Süden wird der Hahnwald von Industrieanlagen abgegrenzt, die mittlerweile zu Godorf zählen. Durch die Bebauung nach dem Zweiten Weltkrieg und die steigende Einwohnerzahl – 1950 sind gerade einmal 234 Einwohner nachgewiesen – kommt es dann 1951 zur Gründung eines eigenen Stadtteils. Der Bau immer neuer Villen lässt die Zahl der Bewohner im Jahr 1967 auf 805 ansteigen.

Promis, Stars und Sternchen lassen sich im Hahnwald nieder 

Schließlich setzt der dritte Schritt der Besiedlung ein: Mit der Erschließung des östlichen Hahnwald-Teils. Ab ca. 1970 wurden dort extravagante Villen von bekannten Architekten relalsiert. Aktuell leben ziemlich genau 2.000 Menschen in Hahnwald.2Stand: 31.12.2021

Das Haus X1, Wohnhaus des Architekten Peter Neufert, erbaut 1961–1962, Bild: A.Savin, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Das Haus X1, Wohnhaus des Architekten Peter Neufert, erbaut 1961–1962, Bild: A.Savin, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Extravagante Architektur

Für Furore haben einige eigenwillige Villenbauten gesorgt. In die Geschichte eingegangen ist vor allem die Villa von Peter Neufert. Nach den Plänen des Architekten entstand 1961 das Haus X1 (Am Zehnpfennigshof 9). Es ist ein zweistöckiger Glasbau, dessen Dach im Halbrund über das ganze Gebäude reicht.

Das "Farina Haus", erbaut in den Jahren 1977-1978. Bild: Farina-Archiv , CC-BY
Das „Farina Haus„, erbaut in den Jahren 1977-1978. Bild: Farina-Archiv , CC-BY

Prominente Bewohner 

Die großzügigen Grundstücke und die Exklusivität des Stadtteils haben auch viele Prominente angezogen. Und diese Bewohner haben ein erhöhtes Sicherheitsbedürfnis. Gemeinsam finanzieren die Hahnwald-Bewohner einen eigenen Sicheheitsdienst.  Mit Erfolg: Der Hahnwald weist die niedrigste Kriminalitätsrate von ganz Köln auf.  

Heute wohnen dort unter anderem die Fußballer Timo Horn oder Toni Kroos. Der Fußball-Trainer Christoph Daum lebte bis zu seinem Tod am 24. August 2024 in diesem Viertel. Aber auch Stars und Sternchen aus den Medien haben sich im Hahnwald niedergelassen, zum Beispiel Oliver Pocher, Stefan Raab, Pietro Lombardi oder Hans Meiser. Einer der prominentesten Bewohner Hahnwalds ist aber sicherlich der Maler Gerhard Richter.


Teile dieses Textes durfte ich mit freundlicher Genehmigung des Emons-Verlags aus dem Buch „Kölns 85 Stadtteile“ von Christian Schuh übernehmen.


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Die einzigartige Sündenverbrennung in Raderberg

Die "Sündenkarte 2023" des Bürgervereins Raderberg und -Thal
Die „Sündenkarte 2023“ des Bürgervereins Raderberg und -Thal

Mit der „Sündenverbrennung“ bietet der Bürgerverein RADERBERG und -THAL e.V. aus dem Kölner Süden einen einzigartigen Service: Ihr könnt an Karneval auch mal die ein oder andere Sünde begehen und diese werden euch an Karnevalsdienstag vergeben!

Sündenverbrennung statt Nubbelverbrennung

Es ist alles ganz einfach! Notiert Eure Sünden und sendet diese bis Karnevalsdienstag an mich. Ich drucke alles aus und leite diese weiter.

Selbstverständlich ist das alles nicht ernst gemeint. Klassische Sünden bei der Sündenverbrennung sind „Ich habe zu viel gefeiert“, „Ich habe Altbier getrunken.“ oder „Ich habe Helau gerufen.“   

Abends ab 20.11 Uhr kommen mit Klaus Eberhard, dem evangelischen Pfarrer der Gemeinde und Peter Otten von der katholischen Kirche, zwei echte Profis ins Spiel. Sie werden die „schönsten“ Sündenkarten zitieren, die Sünden einordnen und dann verbrennen. Und dann ist der Sünder befreit von der Sündenlast und kann unbeschwert weiterfeiern.

Kölns schönster Karnevalsabschluss. Eintritt frei. Keine Anmeldung erforderlich

Wir treffen uns am Dienstag, 21. Februar 2023 um 20.11 Uhr am Kloster der Benediktinerinnen (Brühler Straße 74), trinken ein/zwei Kölsch und dann gehen die Sünden kommentiert in Rauch auf. Danach feiern wir unbeschwert im Café Baumhaus weiter.


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Ein paar Fragen an Mirijam Günter: „Köln ist für mich Fluch und Segen“

Mirijam Günter, prämierte Schriftstellerin aus Köln, Bild: Bild: Dirk Fischer
Mirijam Günter, prämierte Schriftstellerin aus Köln, Bild: Dirk Fischer

Aufgewachsen in unterschiedlichen Heimen, abgebrochene Lehren als Automechanikerin, Köchin, Malerin, prämierte Autorin, wissbegierig und unangepasst. Die Kölner Schriftstellerin Mirijam Günter vereint viele Facetten.

Mit ihr unterwegs zu sein, ist eine spannende Herausforderung. Für dieses Interview haben wir uns in der Innenstadt getroffen, direkt an St. Aposteln. Wir laufen kreuz und quer durch die Stadt. Und ich, der ich sie eigentlich interviewen wollte, werde von der wissbegierigen Mirijam vieles gefragt. 

Halt in der Kirche

Mirijam Günter wächst als Findelkind in verschiedenen Städten auf. Sie verbringt insgesamt 16 Jahre in verschiedenen Kinder- und Jugendheimen. Und immer gibt ihr die Kirche halt.

Für die Betreuer in den Heimen absolut unverständlich, bestand sie auf den Besuch von Gottesdiensten.  Dies tat sie zunächst, um ihre Betreuer zu ärgern, denn diese mussten sie dafür oft in die weit entfernten Kirchen fahren.  Aus dieser Rebellion entsteht ein „Pakt“: So schreibt sie in einem Artikel der Zeitschrift chrismon: „Im Heim schwor ich mir bei Gott, nicht unterzugehen. In meinem Kopf entstand ein Satz, der mich lange begleitete: Ihr verachtet meinen Gott, weil er der Einzige ist, der zu mir hält!“1„Ich bleibe katholisch“ Die Schriftstellerin Mirijam Günter über den einzigen Ort, an dem sie nie Rassismuss erlebte, https://chrismon.evangelisch.de/das-wort/mirijam-guenter-schriftstellerin-haelt-zur-katholischen-kirche-52438 abgerufen am 14. 10.22

Mirijam Günter: Heim dtv, 336 Seiten, ISBN:‎ 978-3423782326
Mirijam Günter: Heim, dtv, 336 Seiten, ISBN:‎ 978-3423782326

Erfolgreiche Autorin

Mirijam Günter ist eine erfolgreiche Schriftstellerin. Für ihren ersten Roman „Heim“ wurde sie im Jahr 2003 mit dem renommierten Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet. Zwischenzeitlich sind mit „Die Ameisensiedlung“ und „Die Stadt hinter dem Dönerladen“ zwei weitere Romane erschienen. 

Sie ist als Kolumnistin unter anderem für „der freitag“ , die „Die Zeit“  und die Süddeutsche Zeitung tätig. Für das Magazin „Draußenseiter“ schreibt sie ehrenamtlich. 

Seit 2006 bietet sie auch „Literaturwerkstätten“ an. Dort bringt sie jungen, benachteiligten Menschen die Literatur nahe. In den Literaturwerkstätten  bietet sie den jungen Menschen die Gelegenheit, sich entsprechend ihrer geistigen Möglichkeiten mit eigenen und/oder fremden Texten, Geschichten, Gedichte auszudrücken.  Ruhig geht es, so Mirijam Günter, in den Werkstätten selten zu: „Denn mit dem Aufsatzschreiben und den Textanalysen fremder Texte in der Schule haben Literaturwerkstatten fast nichts gemeinsam. Das klassische formelle schulische Lernen, mit dem die genannten Zielgruppen in der Regel mehrheitlich Negativerfahrungen gesammelt haben, wird außer Kraft gesetzt.“

Mirijam Günter: Die Ameisensiedlung dtv, 272 Seiten, ISBN:‎ 978-3423782128
Mirijam Günter: Die Ameisensiedlung, dtv, 272 Seiten, ISBN:‎ 978-3423782128

Rassismus-Erfahrungen

Im April 2020 wird Mirijam Günter fälschlich des Fahrraddiebstahls bezichtigt. Aufgrund der Aussage eines Kinds, das eine Frau „Typ Zigeuner“ beobachtet haben will, wird Mirijam von der Polizei festgenommen, rassistisch beleidigt und in Handschellen gelegt. Eine Polizistin durchsucht Mirijams Wohnung – ohne richterlichen Beschluss. Einwände werden abgetan „Was willst du denn dagegen machen? Solchen Typen wie Euch glaubt eh keiner.“

Sie lässt sich das nicht gefallen, klagt gegen die Polizei. Die Polizistin muss 150 Euro Strafe wegen Nötigung und Hausfriedensbruchs bezahlen, die rassistischen Äußerungen werden bestritten und, weil Aussage gegen Aussage steht, fallen gelassen. Dieser Vorgang hat Mirijam nachhaltig erschüttert. Dies geht so weit, dass sie sagt: „Die haben mir meine Heimat genommen“. Seit diesem Tag beschäftigt sich Mirijam mit dem Gedanken, aus dem „doch so toleranten Köln, in dem gefühlt aus jedem zweiten Fenster Anti-Rassismus-Fahnen wehen“ fortzugehen.


Ein paar Fragen an Mirijam Günter

Mirijam, was löst die Aussage „Meine Mutter ist Putze und ich werde auch höchstens Putze.“ in dir aus?

Das löst mein absolutes Unverständnis aus: Wenn du ganz unten bist, kommste nicht mehr rauf. Dass es dafür immer noch keine Lösung gibt, grenzt an ein Weltwunder.
Das betrifft auch mich persönlich: Das Bildungsbürgertum gibt einem ganz deutlich zu verstehen, dass man nicht dazugehört. Du kennst nicht deren Rituale und Verhaltensweisen.

Du hast selber eine „Heimkarriere“ hingelegt: Insgesamt 16 Jahre in verschiedenen Heimen. Die offiziellen Stellen hatten dich nach drei abgebrochenen Ausbildungen schon aufgegeben. Bis du ein hoffnungsloser Fall gewesen?

Mit meiner Biographie kann man froh sein, wenn man im Supermarkt Regale einräumen darf. Ansonsten landet man mit fünf Kindern in Chorweiler oder direkt im Knast.
Daher bin ich für andere ein hoffnungsloser Fall gewesen. Aber sie wussten nicht, dass ich mit Gott einen Pakt geschlossen habe.

Du sagst, dass dich das Schreiben gerettet hat. Wie kommt jemand ohne Erfahrung und entsprechende Kontakte in den Literaturbetrieb?

Literatur ist meine Therapie. Ich bin in die Literatur geflohen, wann immer ich Schutz gebraucht habe. Aber im Literaturbetrieb bin ich ein Außenseiter. Ich habe auf einer Autorenwebsite recherchiert: Alle Autoren dort hatten nur „glatte“ Lebensläufe: Studium, Auslandsaufenthalte etc.

Mirijam Günter: Die Stadt hinter dem Dönerladen Größenwahn Verlag; 200 Seiten, ISBN:‎ 978-3957710512
Mirijam Günter: Die Stadt hinter dem Dönerladen
Größenwahn Verlag; 200 Seiten,
ISBN:‎ 978-3957710512

Die katholische Kirche war für dich zum einen ein räumlicher Rückzugsort und zum anderen aber auch Stütze, an der du – auch in diesen für die Kirche schwierigen Zeiten – festhältst. Warum?

Solche Typen wie ich müssen in der Kirche bleiben, sonst bleiben doch nur noch Arschgeigen übrig.

„Ich bin sozialisiert durch die katholische Kirche, durch Menschen, die mir da begegnet sind und durch Kommunisten“, sagst du im Dezember 2021 im Domradio. Ist das nicht unvereinbar?

Das solltest du meine beiden beste Freunde, einen katholischen Geistlichen und einen Marxisten, fragen. Falls deren Antwort nicht ausreicht, steuere ich auch noch einen halben Kapitalisten bei.

Die Kölner Schriftstellerin Mirijam Günter, Bild: Dirk Fischer
Die Kölner Schriftstellerin Mirijam Günter, Bild: Dirk Fischer

Du bietest Literaturwerkstätten für Jugendliche an. Wie hat man sich das vorzustellen? Was passiert in einer Literaturwerkstatt?

Es klingt vielleicht erstaunlich, aber in einer Literaturwerkstatt geht es nicht ausschließlich um Literatur. Wir treffen uns und reden zunächst miteinander. Vielen, die ich dort treffe, geht es nicht gut. Aber sie bekommen das nicht artikuliert. Dann schreibt man sich selber oder schreibt an andere. Das hilft oft.
Und dann lesen wir auch ausgewählte Texte: Einer liest vor, die anderen hören zu. Tatsächlich ist es mir mal bei einer Literaturwerkstatt im Knast passiert, dass nur einer lesen konnte.

In jedem Fall ist ganz wichtig, dass kein anderer Erwachsener dabei ist. Das lehne ich rigoros ab, dann funktioniert das nicht. Diese Literaturwerkstätten sind für mich eine Berufung, kein Job.

Du hast wahrscheinlich ähnliche Lebenserfahrungen wie deine Schüler in den Literaturwerkstätten. Bist du dadurch näher an ihnen dran?

JA!

Du willst auch der Öffentlichkeit zeigen, was mit den abgehängten Jugendlichen passiert. Wie kann man dich dabei unterstützen?

Im Idealfall mit einer Spende für Bücherpakete für Jugendliche. So etwas gibt es vorbereitet in der Bunt-Buchhandlung


Genau wie alle anderen Menschen in meiner Rubrik „Ein paar Fragen an …“ hat auch Mirijam Günter zu meinen „kölschen Fragen“ Rede und Antwort gestanden.

Wenn nicht Köln – wo sonst könntest du leben? Und warum gerade dort?

Bis April 20202Mirijam wurde fälschlicherweise von der Polizei festgenommen, siehe oben wäre das für mich undenkbar gewesen. Aber seitdem ist dies eine Frage, die mich sehr beschäftigt und die ich im Moment nicht beantworten kann.

Was machst du zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch?

… jeden Tag den Satz sagen: „Nach Karneval trete ich in einen Karnevalsverein ein.“

Und was zwischen Aschermittwoch und Weiberfastnacht?

In der Zeit rette ich die Welt mit Hilfe der Literatur und denke über mein nächstes Karnevalskostüm nach.

Nenne ein/zwei/drei Gründe, warum man Köln morgen verlassen sollte.

  1. Diese unfassbare Großstadt-Arroganz. Der Kölner ist tolerant, und wenn du nicht tolerant bist, dann haut er dir so lange auf den Kopf, bis du so tolerant bist wie er.
  2. Die Verdrängung ärmerer Menschen aus dem Hipster-Vierteln.
  3. Die niedlich „Klüngeleien“ genannten Geschäfte. Das passiert von konservativen bis linksradikalen Kreisen. Wobei – das finde ich ja fast schon wieder lustig.

Dein Lieblingsschimpfwort auf Kölsch?

Schwad mich nit möd, do holle Baum.

Bitte vervollständige den Satz: Köln ist …

… für mich Fluch und Segen.


"Soziale Ungerechtigkeit" - der Blog von Mirijam Günter, https://sozialeungerechtigkeit.de/

Viel mehr von und über Mirijam gibt es auf ihrer Website „Das Leben einer Schriftstellerin“ und auf ihrem Blog „Soziale Ungerechtigkeit“.


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Köln-Ding der Woche – Rückblick 2022 und Ausblick 2023

Collage zu den Klickcharts 2022, Teil III_vers_2

Die Zeit um Silvester ist die Zeit der Jahresrückblicke. Auch beim „Köln-Ding der Woche“ schaue ich zum Jahresende immer auf die vergangenen 52 Wochen.

Insgesamt bin ich stolz darauf, euch auch im Jahr 2022 wieder jede Woche sonntags ein Köln-Ding präsentiert zu haben. Meine Beiträge werden auch fleißig gelesen: Insgesamt gab es im Jahr 2022 über 200.000 Seitenaufrufe, das macht mehr als 500 Aufrufe täglich.

Klicks: Die Top-10-Beiträge im Jahr 2022

Wie schon in den vergangenen Jahren lagen die „Kölschen Schimpfwörter“ auf dem 1. Platz der Klick-Charts. Dies hängt auch damit zusammen, dass der Kölner Express in seinem „Kölsche-Schimpfwörter-Quiz“ auf das Köln-Ding der Woche verwiesen hat.

Das große Kölsch-Quiz beim EXPRESS, der Köln-Lotse durfte dabei unterstützen.
Das große Kölsch-Quiz beim EXPRESS, der Köln-Lotse durfte dabei unterstützen.

Ebenfalls unverändert sind die folgenden Plätze: Die „Kölschen Vornamen“ auf Platz zwei und die Halsbandsittiche auf dem dritten Platz. Nur einhundert Aufrufe weniger hat der Beitrag zum wunderschönen Wörtchen „Fisternöllche“.

Interessant wird es ab Platz fünf: Hier liegt der Schwerpunkt auf Deutz. Die Ellmühle und der legendäre Lommi liegen auf den Plätzen fünf und sechs. Danach folgt in den Klickcharts der hässlichste Platz Kölns. Mit dem Lehrer Welsch und Trude Herr belegen zwei kölsche Originale die Plätze acht und neun. Was mich besonders freut: Die längste Lüge Kölns – das ist mit 33 Meter Länge die „Römische Hafenstraße“ – hat es noch auf Platz zehn geschafft, obwohl ich diesen Beitrag erst im August veröffentlicht habe.

Meine persönlichen Highlights im Jahr 2022

250.000 Menschen haben an der Rosenmontags-Friedensdemo teilgenommen. Hier der Blick von der Severinstorburg auf die Menschenmassen auf dem Chlodwigplatz.. Bild: Festkomitee Kölner Karneval.
250.000 Menschen haben an der Rosenmontags-Friedensdemo teilgenommen. Hier der Blick von der Severinstorburg auf die Menschenmassen auf dem Chlodwigplatz.. Bild: Festkomitee Kölner Karneval.

Der Rosenmontagszoch 2022 wurde zur Demo

Um es mit den Worten von Peter Brings zu sagen: „Das ist der wichtigste Rosenmontagszug, seit ich auf der Welt bin“. Und ich bin stolz, dass ich ein kleiner Teil der 250.000 Menschen sein durfte, die friedlich gegen den Krieg in der Ukraine demonstriert haben.


Christiane Rath am Grab von Heinz und Heinzchen Rausch, Bild: Uli Kievernagel
Christiane Rath am Grab von Heinz und Heinzchen Rausch, Bild: Uli Kievernagel

Die „Grabaneignung“ auf dem Kölner Südfriedhof

Die Künstlerin Christiane Rath hat mitten in der Corona-Zeit angefangen, ein scheinbar herrenloses Grab auf dem Südfriedhof pflegen. Ohne irgendeine Beziehung zu den dort bestatteten Menschen. Die ganze Geschichte dazu hat sie mir ausführlich mitten auf dem Friedhof erzählt.


Polizeiaufnahme des Serienmörders Peter Kürten, Bild: Bundesarchiv, Bild 102-11502 / CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons
Polizeiaufnahme des Serienmörders Peter Kürten, Bild: Bundesarchiv, Bild 102-11502 / CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons

Der Massenmörder Peter Kürten

Zu Halloween wurde es auch beim Köln-Ding der Woche gruselig: Ich habe intensiv die Geschichte des Massenmörders Peter Kürten recherchiert. Stets makellos gekleidet, in der Tasche immer ein feines Tuch, um jederzeit die Schuhe polieren zu können, ausgesprochen freundlich – ein Typ, über den Nachbarn immer sagen „aber er hat doch immer so freundlich gegrüßt“. Peter Kürten spielte tagsüber den netten und unauffälligen Menschen. Nachts jedoch verwandelte er sich in einen perversen Serienmörder, der mindestens neun Menschen ermordete und es bei rund 40 weiteren Menschen versuchte.


Johann Arnold Klütsch, genannt "Fressklötsch", um 1834, Portait von Simon Meister, aus dem Buch "Kölsche Originale", Reinhold Louis, Greven Verlag Köln, 1985
Johann Arnold Klütsch, genannt „Fressklötsch“, um 1834, Portait von Simon Meister, aus dem Buch „Kölsche Originale“, Reinhold Louis, Greven Verlag Köln, 1985

Kölsche Originale: Fressklötsch – legendärer Vielfraß und hochgeachteter Bürger

Um Johann Arnold Klütsch, in Köln als „Fressklötsch“ bekannt, ranken sich unzählige Legenden wie etwa „Er hat ein 1.000 Pfund schweres Kanonenrohr eigenhändig weggeschleppt.“ oder „Er hat ein ganzes Rad Käse auf einen Schlag gegessen.“. Wieviel Wahrheit in diesen Erzählungen steckt, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Fest steht, dass Johann Arnold Klütsch eine beeindruckende Karriere hingelegt hat – vom Analphabeten bis zum geachteten Geschäftsmann. Doch die kolportierten Geschichten über seine Fähigkeit, Unmengen trinken und essen zu können sowie über seine gewaltige Köperkraft überstrahlen alles.


Der Hermann-Joseph-Brunnen am Waidmarkt zeigt die entscheidende Szene: Maria nimmt von Hermann dem Apfel entgegen, Bild: Raimond Spekking
Der Hermann-Joseph-Brunnen am Waidmarkt zeigt die entscheidende Szene: Maria nimmt von Hermann dem Apfel entgegen, Bild: Raimond Spekking

Dä Appel-Jupp – ein ganz besonderer kölscher Heiliger

in der katholischen Kirche gibt es eine Reihe ganz besonderer Heiliger. In Köln verehren wir in bester rheinisch-katholischer Tradition Hermann-Joseph, von den Kölschen liebevoll „Appel-Jupp“ genannt. Wieso an einer ganz bestimmten Marienstatue in St. Maria im Kapitol im Äpfel liegen, hatte ich im Oktober 2022 erklärt.


Die Skulptur Gaea I steht seit 2007 im Rheinpark, Bild: I, HOWI, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons Die Skulptur Gaea II steht seit 2005 in der Stollwerckpassage, Bild: Raimond Spekking

Gaea: Die doppelte Göttin

Kunst im öffentlichen Raum ist immer umstritten. Egal ob es um eine überdimensionierte Eistüte, Balzac auf dem verkehrsumtosten Neumarkt oder das Richter-Fenster geht. Was allerdings mit der „Erdgöttin Gaea“ in der Stollwerckpassage passiert ist, kann man kaum glauben. Im Köln-Ding der Woche von Anfang Dezember 2022 könnt ihr nachlesen, wieso es diese ganz besondere Plastik gleich zweimal in Köln gibt und was ein etwas zu gieriger Schweizer Schokoladenkonzern auf der einen Seite und die großzügige Imhoff-Stiftung auf der anderen Seite damit zu tun haben.

Was sonst noch geschah

Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass mich der renommierte Schriftsteller Jochen Schimmang in seinem Buch „Laborschläfer“ in der Danksagung erwähnt hat.

Vielen Dank lieber Jochen Schimmang für diese Erwähnung in der Danksagung des Romans "Laborschläfer"

Über „Kölle kommt zu dir – Die Stadtführung vom Stuhl“ wurde eifrig berichtet, unter anderem  auf der Website „EVANGELISCH LEBEN“ und in der Zeitschrift „HANDWERK aktiv“.

Die Zeitschrift HANDWERK aktiv (Ausgabe Oktober 2022) hat über "Kölle kommt zu dir" berichtet
Die Zeitschrift HANDWERK aktiv (Ausgabe Oktober 2022) hat über „Kölle kommt zu dir“ berichtet

Was für eine Ehre im September 2022: Ich habe tatsächlich das ehemalige Hohn Peter Horn dafür gewinnen können, auf der Höhner-Ausstellung ein Stündchen über sein Leben als Musiker zu erzählen. Peter hat mit seinen Liedern „Blootwosch, Kölsch un e lecker Mädche“, „Ich bin ene Räuber“ und „Dat Hätz vun der Welt“ kölsche Musikgeschichte geschrieben.

Die kleinste Karnevalssitzung der Welt

Mit der „Kleinsten Karnevalssitzung der Welt“ konnte ich mir selbst den Traum erfüllen, endlich einmal Sitzungspräsident einer Karnevalssitzung zu sein.

Auf besonderen Wunsch des Bürgervereins RADERBERG und -THAL e.V. habe ich die Stadtführung „Veedel der Gegensätze: Raderberg und Raderthal“ konzipiert.

2023 geht es weiter: Neue Führungen und es wird etwas auf die Ohren geben

Freut euch auf weitere 52 Köln-Dinger Woche. Außerdem wird es zwei neue Führungen geben: Mit „Deutz – Schäl Sick is schick“ geht es auf die andere Rheinseite. Bei der Tour „Zwei Kirchen und eine sündige Meile“ laufen wir von St. Ursula über den Eigelstein bis zu St. Agnes. Mehr dazu im Frühjahr.

Und dann wird es im Frühjahr etwas auf die Ohren geben: Zusammen mit dem Ur-Zollstocker Frank Mausbach werde ich einen Podcast zum „Köln-Ding der Woche“ veröffentlichen. Wir sind gerade mitten in den Vorbereitungen. Lasst euch überraschen.

Ich wünsche euch allen ein schönes, erfolgreiches, friedliches und gesundes Jahr 2023.
Oder auf kölsch:
Pros Neujohr!

De Kopp voll Hoor,
de Muul voll Zäng,
de Britzel in de Häng.1Prosit Neujahr! Den Kopf voller Haare, den Mund voller Zähne, die Brezel in den Händen.

Uli, der Köln-Lotse


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Joode Chressdach 2022 mit dem „Weihnachtsmaatwanderwääch“ von Juliane Poloczek

Auch ein Ziel in Julianes Kölner Weihnachtsmarktwanderung: Der Markt am Dom, Bild: Superbass, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Auch ein Ziel in Julianes Kölner Weihnachtsmarktwanderung: Der Markt am Dom, Bild: Superbass, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Wir feiern 2022 Weihnachten in einem ganz besonderen Jahr. Ich gebe zu, dass ich das – Corona-geprägt – auch bereits in den letzen beiden Jahren in meinem „Weihnachts-Köln-Ding-der-Woche“ geschrieben habe. Aber zu dem Zeitpunkt hatten wir noch keinen Krieg in Europa.

Schlimme Zeiten sind gut für den Humor

Klingt schräg – aber Humor ist gerade in Krisen unverzichtbar. Das zeigen auch etliche Studien: Humor stärkt uns gerade in schwierigen Momenten.

Das alles war Grund genug, meine kölsche Lieblingslyrikerin Juliane Poloczek zu bitten, ob sie für euch wieder ein humorvolles kölsches Weihnachtsgedicht schreibt. Meine Bedingung diesmal: Bitte keine Worte wie „Krieg“, „Putin“ oder „Krise“ einbauen. Und wieder mal hat Juliane sich selbst übertroffen, wenn sie von ihrem ganz persönlichen Weg über die kölschen Weihnachtsmärkte erzählt.

Und sie hat es auch wieder vor der Kamera für euch eingelesen. In einem wunderschönen Kölsch! Ein großes DANKE an Juliane, dass ich dieses Weihnachtsgedicht veröffentlichen darf.

Ich wünsche euch JLÖCKSELIJE CHRESSDACH

Uli


 

Weihnachtsmaatwanderwääch

von Juliane Poloczek

Wellste ens op dr Weihnachtsmaat jonn,
Dann häste en Kölle vell ze dunn.
Et jitt ere zwanzisch un noch mieh!
Wie soll mr dat schaffe, wann, wo un wie?
Zom Jlöck maachen die em November ald op.
Dat krijje mr schon hin, maach dr keine Kopp!

Wo fange mr aan, wohin jommer zoeesch?
Op dä Maat vun dä Engele, jo, dat es e Jedeech.
E Einhoon, en Künnijin, dä Klöös om Pääd,
Lück op Stelze un Seraphim, en janze Hääd.
Vun do tirecktemang nohm Heinzel-Wintermärche,
Wo op dr lesbahn sich driehe die janze Pärche.

Die Eislaufbahn am Heinzels-Weihnachtsmarkt auf dem Heumarkt, Bild: Bild von Stefan Bernsmann auf Pixabay
Die Eislaufbahn am Heinzels-Weihnachtsmarkt auf dem Heumarkt, Bild: Bild von Stefan Bernsmann auf Pixabay

Jetz op zum Dom! Do müsse mr hin,
Öm all die Leechter om riesije Chresbaum ze sinn.
He müsse mr endlich nen Jlöhwing drinke.
Un och die Flamm- un Rievkooche sin ald am Winke.
Dann wolle mr wigger nohm „Musée Schockelad“.
Do halden se Backfesch un Brootwoosch parat.

Der Eingang zum Weihnachtsmarkt am Dom auf dem Roncalliplatz, Bild: Franz Gerd Frank, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Der Eingang zum Weihnachtsmarkt am Dom auf dem Roncalliplatz, Bild: Franz Gerd Frank, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Donoh zum Parkhuus en dr Bröckestrooß
Do jitt et „Rooftop Christmas“. Häs do dat jewoss?
Ich jläuv, dat es nur für moderne Lück.
Nix Retro-Weihnachte! Su läuf dat hück.
Dröm kannste em Sartory zum „Holy-Shit-Shopping“.
Ich ävver nit. Dovun krijjen ich bloß Koppping.

Auch im Nikolausdorf auf dem Rudolpplatz an der Hahnentorburg war Juliane zu Gast, Bild: Geolina163, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Auch im Nikolausdorf auf dem Rudolpplatz an der Hahnentorburg war Juliane zu Gast, Bild: Geolina163, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Flöck noch zum Rudolfplatz-Dörp-vum-Klöös
Do fingste Bastelakzijone für die Quös.
Dä Chlodwigplatz es jetz och nit mieh wigg.
Für Punsch un Marone, do hammer noch Zigg.
Wat läuf dann söns noch su en dr Südstadt?
Aan dr Lutherkirch, do es dr kleinste Maat.

Och am Eijelstein es Musik, et jitt Klööse us Schockelad.
Un zum Jlöck han se och en Nippes dr Schillplatz-Weihnachtsmaat.
Widder müsse mr uns jet stärke met Waffele un Lakritz.
Ich jläuv, mr weed et richtisch schlääch. Un dat es keine Witz.
Mr rase noch noh Dünnwald un noh Pooz zur Waldweihnaach,
Nohm Lindenthaler Winterdörp. Dat es en feine Saach.

Heinzels-Wintermärchen auf dem Heumarkt, Bild: Eremeev, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Heinzels-Wintermärchen auf dem Heumarkt, Bild: Eremeev, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Mr dürfe nix verpasse. Dat wör doch wirklich schad.
Dröm jommer och om lehrefeld noch op dr Weihnachtsmaat.
Beim Bumann un beim Herbrands, do fiert mr dr Advent.
Do kannste alles kaufe für e paar Euro un e paar Cent:
Em Stadtjaade schicke Deko un Stääne us Papier.
Un dann noch jet süffele: heiße Bowle un Jlöhbier. (Baah!)

Zoletz noh Rudekirche; un dann es wirklich Schluss.
E paar Plätzje vum Maternusplatz, dat es für mich e Muss.
Dä Büggel voll Klamotte, dä Buch voll wärme Wing.
Noch ens ne Bleck jeworfe op unse schöne Rhing.
Baal schwenke mr op heim an, vielleich nur noch janz koot
Beim Bazar vun uns’rer Farrkirch ens ävvens renjelort.
Un dann es et ävver och joot!


Für diejenigen, die nicht alles verstehen, hier ein paar Übersetzungen:

  • zoesch = zuerst
  • tirekdemang = sofort, direkt, unverzüglich
  • Klöös om Pääd = wörtlich: „Klaus auf dem Pferd“, gemeint ist hier der Nikolaus
  • en janze Hääd = eine ganze Menge
  • Lück = Leute
  • Hück = heute
  • Koppping = Kopfschmerzen
  • flöck = schnell
  • Quös = Kinder
  • nit mieh wigg = nicht mehr weit
  • Zigg = Zeit
  • Klööse us Schockelad = Schokoladennikoläuse.
  • Büggel = Tasche
  • Wing = Wein
  • Rhing = Rhein
  • ens ävvens renjelort = mal eben reingeschaut

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Ein neues Buch über Deutz – vom Römischen Kastell zur Köln-Arena

Michael Kriegel: Deutz – Vom römischen Kastell zur Köln Arena Emons Verlag Köln ISBN 978-3-7408-1565-3 12,00 Euro, erhältlich in jeder Buchhandlung
Michael Kriegel: Deutz – Vom römischen Kastell zur Köln Arena

Das ist tatsächlich ein ideales Weihnachtsgeschenk: Ein flammneues Buch über den lange völlig unterschätzten Stadtteil Deutz. Der Autor Michael Kriegel ist Stadtführer in Köln und hat sein Herz an Deutz verloren, seit er Mitte der 1970er Jahre auf der „Schäl Sick“ studiert hat.

Lange war Deutz für viel Kölner so etwas wie Ausland – es lag ja auf der vermeintlich „falschen Seite“ des Rheins. Und damit lag man nicht ganz falsch, denn Deutz war bis zur Eingemeindung eine selbstständige Stadt. Kriegel beschreibt den Weg des von den Kölschen liebevoll „Düx“ genannten Stadtteils von der Gründung des Kastells Divitia im Jahr 310 bis hin zum heute angesagten Viertel mit Messe, Köln-Arena und Rheinboulevard.

Darstellung der Konstantinbrcke aus dem Jahr 1608 mit viel künstlerischer Freiheit, so gab es z.B. keinen Turm in der Brückenmitte
Die Konstantinbrücke, hier eine Darstellung aus dem Jahr 1608, war die erste feste Brücke zwischen Köln und Deutz 

Wendepunkt: Eingemeindung im Jahr 1888

Im Zuge der Kölner Stadterweiterung wurden im Jahr 1888 zahlreiche zuvor eigenständige Städte eingemeindet. Dazu gehörten unter anderem Ehrenfeld, Longerich, Nippes und auch Deutz. Dabei war gerade Deutz eine – im Vergleich zu Köln – liberale und freie Stadt. Kriegel schreibt dazu:

„Deutz ist nicht der einzige (oft mit Stadtrechten ausgestattete) Vorort Kölns, der 1888 „aufhört“ eigenständig zu existieren. Aufgrund seiner geostrategischen Lage ist der rechtsrheinische Ort aber schon seit Römerzeiten von zentraler Bedeutung – allerdings nicht immer zum Wohl seiner Bevölkerung. Leid und Zerstörung ziehen sich wie ein roter Faden durch die Deutzer Geschichte. Die Ortschaft ist über viele Jahrhunderte hinweg kriegerischen Auseinandersetzungen ausgesetzt, nicht zuletzt bedingt durch die vom Kölner Konkurrenzdenken herbeigeführte Wehrlosigkeit. Deutz ist Spielball politischer und strategischer Rangeleien und wird mehr als einmal von Naturkatastrophen wie Hochwasser und Eisgang heimgesucht. Die Deutzer lassen sich aber nicht unterkriegen. Deutz bleibt über viele Jahrhunderte autonom, wenngleich auch immer unter argwöhnischer Beobachtung der linksrheinischen Metropole. Als Schmelztiegel unterschiedlicher Glaubensrichtungen (Katholiken, Protestanten, Juden) sowie verschiedener Bevölkerungsgruppen und Berufe wird Deutz ein lebendiges urbanes Quartier. Es gibt Epochen (insbesondere im Spätmittelalter), da kann Deutz sogar mit Fug und Recht von sich behaupten, aufgeschlossener, freier und fremdenfreundlicher zu sein als das gegenüberliegende Köln.“

Kult: Die Gaststätte Lommerzheim in Deutz, Bild: Andreas Lofner
Kultkneipe in Deutz: Die Gaststätte Lommerzheim, Bild: Andreas Lofner

Ein Stadtteil zwischen Historie und Moderne

Heute ist Deutz ein aufstrebender, spannender Stadtteil. Eingebettet zwischen historischen Bauwerken boomt Deutz: Messe, RTL, Köln-Arena und Rheinboulevard ziehen Touristen und Kölner gleichermaßen an.

Diesen ganz besonderen Spagat zwischen Historie und Moderne trägt das Buch von Michael Kriegel Rechnung: Es gibt, durch eingebettete QR-Codes, den „Blick über das Buch hinaus“. So kommt zum Beispiel der Kölner Publizist und Kabarettist Martin Stankowski in mehreren Videos zu Wort, und wir können von den Bläck Fööss das Lied über die „Kölsche Bröck“ hören. Zahlreiche weitere intermediale Verknüpfungen führen zu spannenden Bildern, Interviews und viel Musik.

Dadurch nimmt Kriegel uns mit auf einen Rundgang durch Deutz. Er erzählt, dass Deutz durch das Wasser unterhalb des Rheinparks sogar über eine Heilquelle verfügt, deckt auf, wo der berühmte „Kölner Keller“ mit seinen Videoschiedsrichtern zu finden ist und erklärt, dass man die „Deutzer Platte“ nicht essen kann.

Das Bronze-Modell des Kastells in einer ganz besonderen Perspektive, Bild: Silke Koenen
Das Bronze-Modell des Kastells Divitia in einer ganz besonderen Perspektive, Bild: Silke Koenen

Luur ens vun Düx noh Kölle

Egal wie man zu Deutz steht: Ludwig Sebus wusste schon vor 50 Jahren, dass der Ausblick von Deutz auf den Dom mit Rhein und Altstadtpanorama die schönste Perspektive ist:

„Luur ens vun Düx noh Kölle,
vum Zauber bes do platt,
luur ens vun Düx noh Kölle,
wie schön es doch uns Stadt!“


Michael Kriegel: Deutz – Vom römischen Kastell zur Köln Arena Emons Verlag Köln ISBN 978-3-7408-1565-3 12,00 Euro, erhältlich in jeder Buchhandlung

Michael Kriegel: Deutz – Vom römischen Kastell zur Köln Arena

Emons Verlag Köln
ISBN 978-3-7408-1565-3
12,00 Euro, erhältlich in jeder Buchhandlung, auch außerhalb Kölns


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Gaea: Die doppelte Göttin

Die Gaea II von Gerhard Marcks in der Kölner Stollwerckpassage, Bild: © Raimond Spekking
Die Gaea II von Gerhard Marcks in der Kölner Stollwerckpassage, Bild: © Raimond Spekking

Da stand sie jahrelang in aller Ruhe zufrieden in der Stollwerckpassage: Die Skulptur der Göttin Gaea. Gaea ist gemäß der griechischen Mythologie als eine der ersten Gottheiten überhaupt die personifizierte Erde. Eine solche Göttin bringt selbstverständlich nichts aus der Ruhe: Weder die gestressten Menschen beim Shopping noch die lauten Krakeeler, die im Brauhaus Früh ein paar Meter weiter das ein oder andere Kölsch zu viel getrunken haben.

Und wenn da nicht ein etwas zu gieriger Schweizer Schokoladenkonzern gewesen wäre, stände sie auch noch heute dort. Doch was sich tatsächlich abspielte, war dann ein klassisches Drama in fünf Akten.

1. Akt: Gerhard Marcks erschafft die Skulptur

Der renommierte Künstler Gerhard Marcks (1889 – 1981) verbrachte ab 1964 viel Zeit in seinem griechischen Sommerhaus. Sichtlich inspiriert durch antike Skulpturen erschuf er 1965 die Gaea: Eine Frauenfigur als Akt, umgeben von einem fallenden Mantel.

Kunstwerke von Gerhard Marcks finden sich auch anderen Stellen in der Stadt: Er hat den „Düxer Bock“ erschaffen und auch der sinnierende Albertus Magnus direkt am Haupteingang der Universität stammen von ihm.

Detailansicht Düxer Bock, Skulptur von Gerhard Macks, Bild: Uli Kievernagel
Der Düxer Bock, Skulptur von Gerhard Macks, Bild: Uli Kievernagel

2. Akt: Aufstellung der Gaea in der Stollwerckpassage

Die Stollwerckpassage ist der Durchgang von der Hohe Straße zum Brauhaus Früh und zum Heinzelmännchenbrunnen. Eisenbahnfans erinnern sich noch an den Modellbauladen, welcher sich jahrelang mitten in der Passage befand. Heute befinden sich in der Passage unter anderem ein Juwelier und ein Schuhgeschäft.

Und genau hier findet die Gaea ab 1986 ihren Platz: Hans Imhoff, der „Mann mit dem Herz aus Schokolade“ und Eigentümer der Stollwerck-Fabriken, kauft die Figur der Gaea. In enger Absprache mit den Verantwortlichen der Stadt wird die Figur öffentlich mitten in der Stollwerckpassage ausgestellt. Ein idealer Platz für die Gottheit, so Kurator Arie Hartog vom Bremer Gerhard-Marcks-Haus: „Die Skulptur stand da fantastisch“

3. Akt: Ein Konzern will schnell Kasse machen

Im April 2002 verkauft Imhoff den gesamten Stollwerck-Konzern an den Schweizer Schokoladenkonzern Barry Callebaut AG. Die Manager von Barry Callebaut wollen möglichst schnell möglichst viel Kasse machen und flexen die Figur am 29. September 2005 einfach vom Sockel, um diese bei einem Auktionator unter den Hammer zu bringen.

Pikant ist aber, dass die Eigentumsverhältnisse an dem Kunstwerk nicht geklärt waren: Gehörte die Figur zum veräußerten Firmenvermögen? Oder doch noch der Familie Imhoff? Oder handelte es sich gar um öffentliches Eigentum?

In jedem Fall war die Figur bereits abmontiert, als sich der Barry Callebaut Aufsichtsratschef einschaltet und in letzten Moment die Versteigerung der Figur verhindert. Sein Plan damals: Zur Ehrenrettung schenkt der Konzern die Figur der Stadt. Doch wie will er der Stadt Köln eine Skulptur schenken, die ihr vielleicht schon längst gehört?

Die Plakette der Gaea II in der Stollwerckpassage, Bild: Frank Vincentz, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
Die Plakette der Gaea II in der Stollwerckpassage, Bild: Frank Vincentz, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

4. Akt: Der Retter ist da!

Noch während der Schokoladen-Konzern aus der Schweiz fieberhaft bemüht ist, den Imageschaden möglichst klein zu halten, wird in Köln bereits gehandelt. Die Imhoff-Stiftung wollte einen langwierigen Rechtsstreit um die Gaea verhindern und ließ kurzentschlossen eine neue Gaea gießen. Dabei war es ein großes Glück, dass die Gussformen noch vorhanden waren. Satte 62.000 Euro investierte die Stiftung in die Neuauflage der Göttin.

Was dann kam, war tatsächlich eine große Überraschung: Gerhard Marcks hatte die Gussformen noch einmal überarbeitet. In der neuen Form umschließt der Mantel die Unterschenkel der Figur, in der ursprünglichen Version war der Mantel komplett offen.

Die Dombauhütte errichtete einen neuen Sockel für die Skulptur und so steht jetzt seit dem 21. Dezember 2005 mitten in der Stollwerckpassage die Gaea II. Und diese Figur ist – durch die Veränderung der Gussformen – keine Kopie sondern ein echtes Unikat. „Es ist doch erstaunlich, wie sich oft ein großer Verlust im Nachhinein auch als Gewinn herausstellen kann“, so der damalige Oberbürgermeister Fritz Schramma.

Die Skulptur Gaea I steht seit 2007 im Rheinpark, Bild: I, HOWI, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons Die Skulptur Gaea II steht seit 2005 in der Stollwerckpassage, Bild: Raimond Spekking

5. Akt: Die doppelte Göttin!

Weil der Barry Callebaut-Konzern aber irgendwie noch das Gesicht wahren wollte, bot man die ursprüngliche Gaea der Stadt als Geschenk an. Und diese nahm an. Allerdings war klar, dass nach dieser Vorgeschichte die „neue Gaea“ in der Stollwerckpassage mit Sicherheit nicht mehr Platz für ihre Vorgängerin machen würde.

Und so steht seit 2007 im Rosengarten des Rheinparks die ursprüngliche Gaea und Köln verfügt gleich über zwei Skulpturen der Erdgöttin.

Merke: Lieber eine doppelte Göttin als gar keine!


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Karl-Küpper-Preis für Rolly Brings – „Rebell mit Beamtenstatus“

Die Verleihung des Karl-Küpper-Preises an Rolly Brings, von links: Henriette Reker, Rolly Brings, Bernhard Conin, Christoph Kuckelkorn, Bild: Raimond Spekking
Die Verleihung des Karl-Küpper-Preises an Rolly Brings, von links: Henriette Reker, Rolly Brings, Bernhard Conin, Christoph Kuckelkorn, Bild: Raimond Spekking

Alle zwei Jahre wird in Köln der „Karl-Küpper-Preis“ verliehen. Dieser Preis erinnert an den unbeugsamen Büttenredner Karl-Küpper und wird an Menschen vergeben, die sich für den Schutz der Demokratie und gegen Rassismus, Antisemitismus und jede Form der Diskriminierung engagieren. Preisträger im Jahr 2022 ist der Musiker Rolly Brings. Er erhält diesen Preis für seinen Mut und seine Hartnäckigkeit, immer wieder für Demokratie und Gerechtigkeit einzustehen.

Ausgewählt wurde Rolly Brings von einer Jury bestehend aus Oberbürgermeisterin Henriette Reker, dem Präsidenten des Festkomitees Kölner Karneval Christoph Kuckelkorn, dem Vorsitzenden der Freunde und Förderer des Kölnischen Brauchtums Bernhard Conin, dem langjährigen Direktor des NS-Dokumentationszentrums Dr. Werner Jung sowie einem Vertreter der Familie von Karl Küpper.

Der Karl-Küpper-Preis, eine wunderschöne Hommage an den unangepassten Büttenredner, Gestaltung und Bild: Gestalteratelier Werner Blum
Der Karl-Küpper-Preis, eine wunderschöne Hommage an den unangepassten Büttenredner, Gestaltung und Bild: Gestalteratelier Werner Blum

Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert. Die erste Preisträgerin im Jahr 2020 war die Kapitänin Carola Rackete. Zu den unsäglichen Reaktionen in den sogenannten „Sozialen Medien“ auf diese Preisverleihung habe ich bereits im Oktober 2020 Stellung bezogen.

„Rebell mit Beamtenstatus“

Rolly Brings wurde am 19. Juli 1943 in Köln geboren. Er verließ bereits mit 14 Jahren die Familie und wurde Seemann. Zurück in Köln verdiente er sich zunächst sein Geld als Hilfsarbeiter, später macht er eine Maschinenschlosserlehre bei Ford. Doch auch dieser Beruf füllte ihn nicht aus. Der Musiker Stephan Brings über seinen Vater: „Er stand immer bis zu den Oberschenkeln im Öl und hat dann gemerkt, dat kann et nich sein.“1„Dann wird aufgeräumt“ – Stephan Brings über Karneval und Kommunismus, und Journalismus von links, abgerufen am 22.11.2022. Rolly Brings nutzte eine Chance im Rahmen der Begabtenförderung: Er konnte ohne Abitur studieren und wurde Lehrer für die Fächer Deutsch, Englisch und Gesellschaftslehre.

Allerdings war und ist der „Rebell mit Beamtenstatus“ unbequem. Dies hat insbesondere der frühere Regierungspräsident Franz-Josef Antwerpes zu spüren bekommen: Als die Hauptschule Piusstraße, an welcher Brings zu diesem Zeitpunkt unterrichtete, im laufenden Betrieb asbestsaniert werden sollte, wollte der engagierte Lehrer Brings das so nicht hinnehmen. Er organisierte mit seinen Schülern bei seinem Dienstherrn eine Sitzblockade – direkt vor dem Büro Antwerpes im Regierungspräsidium. Der „Kurfürst“ Antwerpes war äußerst erbost, und die Auseinandersetzung der beiden Herren ist wohl äußerst deftig abgelaufen.

Rolly Brings bei einem Auftritt in Köln-Ehrenfeld (2007), Bild: Elke Wetzig (Elya), CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Rolly Brings bei einem Auftritt in Köln-Ehrenfeld (2007), Bild: Elke Wetzig (Elya), CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Gegen den Strich und immer aufrecht

Rolly Brings liebt seine Heimatstadt Köln – aber immer auf eine sehr kritische Weise. Dabei ist er auf die oft als „unregierbar“ bezeichneten Kölner und auf die lange Geschichte der Stadt stolz. Die Kölsche Sprache ist für ihn keine Folklore, sondern einfach näher dran am Menschen. Er schreibt und denkt in Kölsch, weil „Wenn wir Kölsch sprechen, sind Herz und Kopf mit von der Partie.“ Verlässt er Köln, stellt sich automatisch Heimweh ein.

Allerdings verklärt Brings Köln nicht – ganz im Gegenteil. Er sorgt mit seiner Musik und seinen Aktionen für kritische Erinnerungen an über viele Jahre verdrängte Zeiten, insbesondere an die Zeit des Nationalsozialismus. So veranstaltet er seit 1983 jedes Jahr am 10. November für die im Jahr 1944 ermordeten Edelweißpiraten2Als Edelweißpiraten bezeichnete man während der Zeit des Nationalsozialismus oppositionelle Gruppierungen von Jugendlichen, die sich weigerten, der Hitlerjugend beizutreten. eine Gedenkfeier.

Dieses Engagement hat ihm viel Gegenwind eingebracht. Als er in der Aula seiner Schule eine Gedenkveranstaltung für die Edelweißpiraten organisierte, brachte ihm das eine Vorladung zum Schulrat ein, weil er damit ja auch „Kriminelle“ gewürdigt habe. „Wo“, fragt Dr. Werner Jung in seiner Laudatio zur Verleihung des Preises, „stünden wir heute, wenn Du nicht schon damals dagegengehalten hättest?“

Hier zeigt sich die wohltuende Unangepasstheit eines Rolly Brings: Gegen den Strich und immer aufrecht. Genau wie Karl Küpper.

Rolly Brings steht in der Tradition des großen Karl Küpper

Obwohl Rolly Brings schon verschiedene Ehrungen erhalten hat – unter anderem wurde er mit dem renommierten Rheinlandtaler und dem Giesberts-Lewin-Preis der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit ausgezeichnet – ist der Karl-Küpper-Preis auch für ihn eine besondere Anerkennung. Sohn Peter Brings: „Bei vielen anderen Dingen sind ihm die Reaktionen egal, etwa auf seine Musik oder wenn einem seine Meinung nicht gefällt. Aber dieser Preis … erstaunlich, was der mit ihm macht.“

Mit Rolly Brings wird ein ebenso kritischer wie konstruktiver Mensch ausgezeichnet. Durch seine Hartnäckigkeit, gegen jedwede Obrigkeit vorzugehen, steht er ganz in der Tradition des großen Karl Küpper.

Ne janz hätzlische Jlöckwonsch, leeven Rolly Brings!


Der Historiker Werner Jung, langjähriger Leiter des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln, Bild: Raimond Spekking
Der Historiker Dr. Werner Jung, langjähriger Leiter des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln, Bild: Raimond Spekking

Laudatio von Werner Jung

Die äußerst lesenswerte Laudatio auf den Preisträger hat Dr. Werner Jung, der langjährigen Direktor des NS-Dokumentationszentrums, gehalten. Diese steht auf der Website des Dokumentationszentrums zum Download zur Verfügung.


1848 von unge, ein Projekt von Rolly Brings, Bild: Rolly Brings

 

Die Website von Rolly Brings

Auf der lesenswerten Website von Rolly Brings finden sich viele Texte und Informationen zu seinen Projekten, unter anderem zum Projekt „1848“ , und „Logbuch 1“.  

http://www.rollybrings.de/


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Zirkus in der Kirche? Zirkus in der Kirche!

Die Artisten des Cirque Buffon bändigen einen Elefanten auf der Bühne - mitten in der Kirche. Bild: Uli Kievernagel
Die Artisten des Cirque Bouffon bändigen einen Elefanten auf der Bühne – mitten in der Kirche. Bild: Uli Kievernagel

In diesen Tagen fällt es allen – und ganz besonders uns Kölnern – leicht, auf die Kirche draufzuhauen. Die unrühmlichen Nachrichten rund um das Vertuschen, Verdrängen und Verleugnen sind inzwischen Alltag. Es ist momentan echt Zirkus in der Kirche!

Und das mit dem Zirkus ist wörtlich zu nehmen: Ein kleines Häufchen Aufrechter in der „Kirche für Köln“ macht die Türen auf. Für den Zirkus. Und was für ein Zirkus!

Die Weihnachtsshow Cupido des Cirque Bouffon

Aktuell1Vom 23. November 2022 bis zum 8. Januar 2023 gastiert der Cirque Bouffon in St. Michael. In einer Kirche. Ein Zirkus. Hoffentlich erfährt das der Papst nicht! Dabei bietet der Cirque Bouffon genau das, was eigentlich auch die Kirche bieten soll: „Wir wollen die Herzen berühren und die Zeit entschleunigen“ so der französische Regisseur Frédéric Zipperlin über die Weihnachtsshow „Cupido“.

Cupido, besser bekannt als „Amor“, ist der römische Gott der Liebe. Wenn er mit seinen Pfeilen trifft, erweckt er genau diese Liebe. Und im Cirque Bouffon schaffen das die Clowns Helena Bittencourt und Goos Meeuwsen, beide als Amor mit Flügeln verkleidet. Ihre (imaginären) Pfeile treffen das Publikum und bilden den roten Faden der Show, in der sich Tanz, Musik, Komik und die Akrobatik der Artisten zu einem Gesamtkunstwerk verbinden.

Die Clowns Helena Bittencourt und Goos Meeuwsen, beide als Amor mit Flügeln verkleidet. Bild: Uli Kievernagel
Die Clowns Helena Bittencourt und Goos Meeuwsen, beide als Amor mit Flügeln verkleidet. Bild: Uli Kievernagel

„Herzlich willkommen zu einem Abend voller Liebe und Wollust“

Dass überhaupt ein Zirkus in einer Kirche auftreten kann, hat das Team von „Kirche für Köln“ möglich gemacht. In St. Michael am Brüsseler Platz, mitten im Belgischen Viertel, verwirklicht das Team unter der geistlichen Leitung von Uli Merz und Lisa Brentano ihren Traum von Kirche: Ein Haus mit vielen offenen Türen, in dem alle Menschen etwas Gutes für ihr Leben finden.

Verstärkt wird ihr Team durch Priester Thomas Frings, der in seiner Begrüßung zur neuen Show deutlich machte, um was es bei Cupido geht: „Letzte Woche stand hier noch ein Altar, heute treten hier die Artisten auf. Herzlich willkommen zu einem Abend voller Liebe und Wollust.“ Durchaus ungewöhnliche Worte eines Priesters in einer Kirche.

Akrobatik am Seil - die Artistin Anna Abrams nutzt die ganze Höhe des Kirchenbaus, Bild: Uli Kievernagel
Akrobatik am Seil – die Artistin Anna Abrams nutzt die ganze Höhe des Kirchenbaus, Bild: Uli Kievernagel

Cupido nutzt den ganz besonderen Raum einer Kirche konsequent aus

Doch Frings trifft den Nagel auf den Kopf. Der Zirkus nutzt konsequent die ganz besonderen Möglichkeiten, die die drittgrößte Kirche Kölns2nach dem Dom und St. Agnes bietet: Die große Höhe des Hauptschiffs bildet die angedeutete Kuppel des Zirkuszelts und ermöglicht der Seilartistin Anna Abrams, ihre artistischen Übungen in schwindelerregender Höhe zu präsentieren. Die eigens von Sergej Sweschinski komponierte Musik nutzt die großartige Akustik des neoromanischen Baus der Kirche aus – inklusive Orgel.

Eine wunderbare Gelegenheit für Jeden, der mal für ein paar Stunden der hektischen Vorweihnachtszeit entfliehen möchte. In der perfekt inszenierten Show wechseln sich berührende Momente und urkomische Situationen ab. Wie etwa, wenn der Jongleur Evgeny Pimoneko mit federleichten Ringen jongliert. Direkt danach mündet der zunächst anmutige Tanz zweier Ballerinas in einer wüsten Schlägerei, welche man sonst nur aus Wrestling-Arenen kennt.

Was für ein Zirkus. In einer Kirche.


 

 

Kirche für Köln. eine neue Gemeinde
Kirche für Köln. eine neue Gemeinde

Kirche für Köln. Eine neue Gemeinde.
Stellt dir vor, die Kirche macht auf – und jeder geht hin

Während (zumindest bei gutem Wetter) das Leben im Schatten von St. Michael auf dem Brüsseler Platz tobt, war die Kirche immer leer und verlassen.

Die neu gegründete Gemeinde Kirche für Köln will das verändern. Dabei sind die Leitlinien „modern, offen, zugewandt“ nicht nur Lippenbekenntnisse, sondern finden ihren Ausdruck in unterschiedlichen Veranstaltungen, die nicht typisch für die Kirche sind – wie zum Beispiel der Zirkus in der Kirche.


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