Der „Wrede“: Die Schatzkiste der kölschen Sprache

Adam Wrede: Neuer kölnischer Sprachschatz, hier in der 6. Auflage (1978), Bild: Uli Kievernagel
Adam Wrede: Neuer kölnischer Sprachschatz, hier in der 6. Auflage (1978), Bild: Uli Kievernagel

Wer sich mit Köln und unserer Sprache beschäftigt, kommt um ihn nicht drumherum: „Der Wrede“. Gemeint ist das dreibändige Lexikon „Neuer kölnischer Sprachschatz“ von Prof. Dr. Adam Wrede. Seit 1956 wird dieses Standardwerk zur kölschen Sprache regelmäßig neu aufgelegt, aktuell bereits in der 14. Auflage.

Für die Kölner ist es das Buch der Superlative:

  • ein Wörterbuch,
  • mit Fakten zur Stadtgeschichte,
  • eine Auflistung bekannter Originale und historischer Figuren,
  • eine Erklärung der rheinischen Vornamen,
  • ein Verzeichnis von Straßennamen,
  • eine Sammlung der lokalen Bräuche und
  • eine Zusammenstellung kölscher Redewendungen.

Wenig verwunderlich, dass dieses Werk als die „Kölsche Bibel“ bezeichnet wird. Und tatsächlich ist dieses Buch die Referenz, wenn es zu Streitigkeiten über Schreibweise, Deutung oder Herkunft kölscher Wörter kommt.

Als Schatten auf die Person Adam Wrede ist seine Nähe zu den Nationalsozialisten zu sehen. Wrede trat im April 1933 in die NSDAP ein und veröffentliche rassenkundliche Traktate und schrieb auch für den NS-Lehrerbund.

Adam Wrede – aufgewachsen im Kunibertsviertel

Adam Wrede, geboren am 12. April 1875 in Düsseldorf, wuchs im urkölschen Kunibertsviertel auf. Der spätere Professor lernte so bereits als Kind auf der Straße die kölsche Sprache, welche allerdings damals als „Gossensprache“ galt. Er studierte in Bonn und Münster Geschichte, Germanistik, Philologie und Geografie.

Er war Lehrer am Kölner Schiller-Gymnasium, arbeitete aber auch parallel dazu wissenschaftlich und veröffentliche Aufsätze zur Geschichte des Rheinlands. Im Jahr 1905 promovierte er. Seine Dissertation trug den Titel „Die Kölner Bauerbänke.1Bauerbänke waren die wirtschaftlichen und politischen Vertretungen der Bauern, ähnlich der Zünfte und Gaffeln für die Handwerker. Ein Beitrag zur Volkswirtschaftsgeschichte Cölns im Mittelalter“.

Das Kölner Schiller-Gymnasium in Sülz heute, Bild: Raimond Spekking
Das Kölner Schiller-Gymnasium in Sülz heute, Bild: Raimond Spekking

Im Jahr 1921 wurde Wrede Professor an der Kölner Universität. Mehrfach unternahm er Versuche, einen eigenen Lehrstuhl für „Rheinische Volkskunde“ zu errichten. Hier stand ihm aber der Inhaber des Lehrstuhls für Altgermanistik, Friedrich von der Leyen, im Weg, dem dieses Fachgebiet bereits zugeordnet war.

Wrede im Nationalsozialismus

Bereits im April 1933 trat Wrede der NSDAP bei. In der „Geschichte des Schiller-Gymnasiums 1899 – 2015“ schreibt E. Burckhard Schmitz dazu:

“Seine volkskundlichen Arbeiten brachten ihn in der Folgezeit in Kontakt mit völkischen Ideen; nicht von ungefähr stand er Hitler und dem Nationalsozialismus sehr positiv gegenüber und beteiligte sich an rassenkundlichen Traktaten und schrieb für den NS-Lehrerbund. Wrede feierte die Machtergreifung als Wendemarke für eine eigenständige nationalsozialistische deutsche Volkskunde. Im April 1933 trat er der NSDAP bei, sicherlich in einer Mischung von Überzeugung und Opportunismus.“

Im Jahr 1936 veröffentlichte Wrede die Denkschrift  „Deutsche Volkskunde auf germanischer Grundlage. Die nationalsozialistische Erziehungsidee im Schulunterricht“. Wrede selbst schreibt im Vorwort der 1938 erschienenen zweiten Auflage:

„Wichtiger ist zu bemerken, dass die neue Auflage noch mehr als die erste bemüht ist, die nationalsozialistische Auffassung der Volkskunde, die in der Betonung der ureigenen deutschen Volkskräfte und ihrer rassisch-germanischen Grundlagen gipfelt, herauszuarbeiten.“

Wredes Nähe zu den Nationalsozialisten wurde aber nicht in seinem Sinne belohnt – seinen ersehnten Lehrstuhl für Volkskunde sollte er nicht erhalten. Im Jahr 1941 wurde er emeritiert. Auch in der aktuellen Betrachtung seines Werks spielt seine braune Vergangenheit keine Rolle. 

„Neuer kölnischer Sprachschatz“

Kontinuierlich arbeite Wrede weiter an seinem Werk zum „Kölnischen Sprachschatz“. Unterstützung in Form von finanziellen Mitteln für zwei Mitarbeiter erhielt er zunächst von Oberbürgermeister Max Wallraff (Oberbürgermeister von 1907 – 1917) und später von Konrad Adenauer (Oberbürgermeister von 1917 – 1933).

Er unterteilte seine Arbeit Recherchen in den „neuen“ und den „alten“ Sprachschatz. Im ersten Teil wollte er die altkölnische Sprache erforschen, wie sie im 12. bis 18. Jahrhundert gesprochen wurde. Und im zweiten Teil die Mundart im 19. und 20. Jahrhundert. Allerdings wurde er im Zweiten Weltkrieg ausgebombt, und ein groß,er Teil der Manuskripte ging verloren.

Mit den Kriegswirren und den Flüchtlingsbewegungen erkannte Adam Wrede, dass sich nach dem Krieg die Bevölkerungsstruktur der Stadt Köln massiv veränderte und damit auch die Mundart aus dem Alltag mehr und mehr verschwand. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, entschied er sich im Jahr 1949, den ursprünglich als zweiten Teil geplanten „Neuen Kölnischen Wortschatz“ vorzuziehen. Im Mai 1956 erschien die erste Auflage.

„Alter kölnischer Sprachschatz“

Die Veröffentlichung seiner Sammlung zum „Alten Kölnischen Sprachschatz“ sollte Adam Wrede nicht mehr erleben und sein etwa 28.000 Zettel umfassendes Manuskript ging verloren. Irgendwie unglaublich: Tatsächlich wurden diese Sammlung um etwa 1980 im Historischen Archiv eingelagert und geriet in Vergessenheit.

Der Linguist Stefan Winter spürte mit detektivischen Scharfsinn diesen scheinbar vergessenen Schatz auf. Ein großer Bestand von fein säuberlich beschrifteten Schreibheften, gut leserlich mit Schreibschrift beschrieben, wurde dort unter der Signatur „Best. 1377“ archiviert. Und niemand wusste, was sich konkret in diesen Kartons verbarg.

Leider verstarb Winter im Jahr 2006. Und mit dem Einsturz des Stadtarchivs im Jahr 2009 war auch zunächst der Verbleib der Sammlung unklar. Erst im November 2014 teilte das Stadtarchiv auf Anfrage mit, dass „… der Zettelkatalog im „Best. 1377 Adam Wrede“ sich in einem verunordnetem Zustand befindet und noch nicht wieder vollständig vorhanden ist. Eine Ordnung muss erst wiederhergestellt werden, eine Digitalisierung wird aufwendiger sein und wird von daher in absehbarer Zeit nicht stattfinden können.“

Das Grab von Adam Wrede auf dem Kölner Melatenfriedhof, Bild: Egidius~dewiki, CC0, via Wikimedia Commons
Das Grab von Adam Wrede auf dem Kölner Melatenfriedhof, Bild: Egidius~dewiki, CC0, via Wikimedia Commons

Grab auf Melaten

Diese Irrungen und Wirrungen hat Adam Wrede selber nicht mehr mitbekommen. Er verstarb am 21. Dezember 1960 und wurde im Familiengrab auf Melaten bestattet. Mit dem Handbuch „Neuer kölnischer Sprachschatz“ hat er einzigartige Sammlung hinterlassen. Oder, wie es in der Westdeutschen Zeitung hieß:

„Unverzichtbar für alle, die den kölschen Kosmos verstehen möchten.“

Dabei darf aber auch nicht vergesssen werden, dass Wrede eine enge Nähe zu den Nationalsozialisten pflegte und deren Ideen propagierte.  


Adam-Wrede-Straße / 14. Auflage

In Nippes wurde eine Straße nach Adam Wrede benannt. Diese verbindet die Florastraße mit der Inneren Kanalstraße.

Die 14. Auflage des Handbuchs „Neuer kölnischer Sprachschatz“ ist im Juli 2017 erschienen – mit einer Einführung von Wolfgang Niedecken. Der Künstler und Kölschrocker selber sagt (mit einem Augenzwinkern), dass er es nach Möglichkeit vermeiden würde, das Buch aufzuschlagen, weil er sich dann gleich für mindestens eine Stunde „festlesen“ würde.

Adam Wrede "Neuer kölnischer Sprachschatz" mit einem Vorwort von Wolfgang Niedecken, Bild: Greven Verlag
 

Adam Wrede: Neuer kölnischer Sprachschatz
Mit einer Einleitung von Wolfgang Niedecken
1148 Seiten
ISBN 978-3-7743-0677-6
49 Euro, Greven Verlag, Köln


E-Mail-Newsletter

Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Zum Hören als Podcast oder zum Lesen im Blog.

Aber immer kurz & knackig, immer subjektiv & voreingenommen. Und immer kostenlos!
Datenschutz 

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Reinhold Fellenberg – „Ritsch, ratsch, die Botz kapott“

Durchaus beeindruckend: Reinhold Fellenberg in der Parade-Uniform der Deutzer Kürassiere, Bild: Dietrich Jung: Der Trompeter von Köln – Reinhold Fellenberg, ein Godesberger Mitbürger. In: Godesberger Heimatblätter: Jahresheft des Vereins für Heimatpflege und Heimatgeschichte Bad Godesberg e.V.
Durchaus beeindruckend: Reinhold Fellenberg in der Parade-Uniform der Deutzer Kürassiere, Bild: Dietrich Jung: Der Trompeter von Köln – Reinhold Fellenberg, ein Godesberger Mitbürger. In: Godesberger Heimatblätter: Jahresheft des Vereins für Heimatpflege und Heimatgeschichte Bad Godesberg e.V.

Kein Aufmarsch der stolzen Roten Funken ohne diese Erkennungsmelodie: Wenn „Ritsch, ratsch, die Botz kapott“ erklingt wissen alle, dass die Kölsche Funke rut-wieß vun 1823 e.V. da sind

1890 erklang dieser Marsch zum ersten Mal – und gleich zwei Komponisten haben ihren Anteil an dem Erfolg. Der Marsch beginnt mit „Jitz röck an, dat staatse Funkeheer“, komponiert von einem gewissen „Jodocus Fleutebein“. Dies war der Funken-Spitznamen1Spitznamen bei den Roten Funken sind eine alte Tradition. Jeder Funk bekommt seinen Spitznamen bei der Vereidigung verliehen. von Professor Hermann Kipper. Den zweiten Teil „Ritsch, ratsch, de Botz kapott!“ steuerte der Rote Funk mit dem Spitznamen „Pommery“2Jetzt dürfte jedem klar, sein, was sein Lieblingsgetränk war. Reinhold Fellenberg bei.

Der Trompeter von Köln

„Pommery“ Reinhold Fellenberg hat über 100 Karnevalslieder verfasst, darunter viele Märsche wie zum Beispiel „Kölle bliev Kölle“ (1895) oder den „Petersberger Zahnradbahn-Marsch“ (1906).

Werbeanzeige aus den "Kölner Nachrichten" vom 23. Januar 1890 zu den Noten des "Kölner Damen-Marsch" von Reinhold Fellenberg, welcher "mit stürmischen Beifalle aufgenommen wurde"
Werbeanzeige aus den „Kölner Nachrichten“ vom 23. Januar 1890 zu den Noten des „Kölner Damen-Marsch“ von Reinhold Fellenberg, welcher „mit stürmischen Beifalle aufgenommen wurde“

Fellenberg war einer der ersten Komponisten, die speziell Lieder für den Karneval schrieben und brachte – ähnlich wie später Marie-Luise Nikuta – jedes Jahr ein neues Lied heraus.

Weit weg vom kölschen Karneval geboren

Geboren wurde Reinhold Fellenberg am 20. Juni 1848 in Freystadt (Niederschlesien, heute Kożuchów, Polen) – mehr als 600 Kilometer entfernt vom kölschen Karneval. Sein Onkel erkannte früh das musikalische Talent des Jungen und förderte ihn. So trat Fellenberg bereits im Alter von 15 Jahren als Solist in Berlin und Sankt Petersburg auf. Im Alter von 18 Jahren begann sein Militärdienst, vier Jahre später nahm er als Solo-Flügelhornist mit einer Militärkapelle am Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) teil. Nach Stationen in Münster und Gleiwitz kam er 1888 nach Köln.

Dort wurde er Kapellmeister der „Deutzer Kürassiere“, die damals bekannteste Blaskapelle in Köln. Mit diesem 25 Mann starken Ensemble war er nicht nur in seinem Regiment „Graf Gessler“ tätig sondern auch im Kölner Karneval. Man war regelmäßiger Gast auf Karnevalsveranstaltungen und nahm auch am Rosenmontagszug teil.

Der Kölner Karneval wurde Berufung und Leidenschaft des begabten Trompeters und Komponisten Fellenberg. Schon im Jahr 1889 veröffentlichte er den Marsch „Je toller, je besser“, dem mindestens jährlich ein weiteres Karnevalslied oder ein Marsch folgen sollten.

Die Kölner dankten ihm und nannten ihn Fellenberg noch den „Trompeter von Köln“ – ein Ehrentitel, den er gerne annahm und auch passend dazu ein gleichnamiges Stück komponierte, sowie später einen Schriftzug an seiner Villa in Godesberg anbrachte.

Die Villa von Reinhold Fellenberg in Godesberg mit dem Schriftzug "Der Trompeter von Cöln". Bild: Dietrich Jung: Der Trompeter von Köln – Reinhold Fellenberg, ein Godesberger Mitbürger. In: Godesberger Heimatblätter: Jahresheft des Vereins für Heimatpflege und Heimatgeschichte Bad Godesberg e.V.
Die Villa von Reinhold Fellenberg in Godesberg mit dem Schriftzug „Der Trompeter von Cöln“. Bild: Dietrich Jung: Der Trompeter von Köln – Reinhold Fellenberg, ein Godesberger Mitbürger. In: Godesberger Heimatblätter: Jahresheft des Vereins für Heimatpflege und Heimatgeschichte Bad Godesberg e.V.

Eine echte Militärgestalt, beliebt und geachtet

Am 31. Oktober 1906 wurde Reinhold „Pommery“ Fellenberg mit einem großen Abschiedskonzert im Kölner Stapelhaus verabschiedet. Er zog in ein großes, repräsentatives Haus in Godesberg und trat nur noch gelegentlich als Solotrompeter auf.

Am 6. Juli 1912 verstarb der Musiker. Der Kölner Local-Anzeiger vom 9. Juli 1912 widmete ihm folgende Nachruf:

„Reinhold Fellenberg, der langjährige Stabstrompeter des Deutzer Kürassier Regiments, der weit und breit unter dem Titel „Der Trompeter von Köln“ bekannt war, ist gestern in Godesberg im Alter von 64 Jahren gestorben. Der Verstorbene, eine echte Militärgestalt, war in den weitesten Kreisen beliebt und geachtet. Über 40 Jahre hat er des Königs Rock getragen und von 1888 an das Deutzer Trompetenchor bis zum Jahre 1906 geleitet. Unter Fellenberg hat dieses Trompeterkorps einen weit über Köln und die Rheinprovinz hinausragenden guten Ruf erhalten.“

Reinhold Fellenbergs Grab ist auf dem Burgfriedhof in Bad Godesberg.

Nachruf auf Reinhold Fellenberg aus der "Kölnische Zeitung" vom 8. Juli 1912
Nachruf auf Reinhold Fellenberg aus der „Kölnische Zeitung“ vom 8. Juli 1912

Heute in Vergessenheit geraten – prominenter Urenkel

Weitaus bekannter als Reinhold Fellenberg sollte sein Urenkel werden: Der Musiker und Komponist Toni Steingass (1921 – 1987).

Die Märsche und Lieder von Fellenberg werden heute nicht mehr gespielt und sind Vergessenheit geraten. Allerdings ist sein „Galoppmarsch“ fester Bestandteil im Repertoire der Kapelle der Household Cavalry und wird bis heute gelegentlich noch beim Wachwechsel am Buckingham Palace in London gespielt.

„Pommery“ Fellenberg hat aber mit „Ritsch, ratsch, die Botz kapott“ ein Werk für die Ewigkeit erschaffen. Ich nehme jede Wette an, dass die Roten Funken damit auch noch in 200 Jahren die Bühnen erobern werden.


Ein Bläserensemble der Spitzenklasse: Die Kölner Ratsbläser, Bild: Uli Kievernagel
Ein Bläserensemble der Spitzenklasse: Die Kölner Ratsbläser, Bild: Uli Kievernagel

Die Kölner Ratsbläser

Verschiedene Kapellen pflegen weiterhin die Tradition der Bläserensembles im Karneval. Eine der renommiertesten Ensembles sind die Kölner Ratsbläser. Schon im Jahr 1954 gegründet, gehören die Ratsbläser fest zum Kölner Karneval.

Wenn diese Truppe in ihren traditionellen Kostümen mit Blechhelmen loslegt, nimmt der satte Klang alle mit. Die etwa 25 Musiker bringen jeden Saal zum Kochen. Und auch bei offiziellen Anlässen wie bei der Prinzenproklamation oder der Eröffnung des Rosenmontagszuges spielen die Ratsbläser die Eröffnungsfanfare.


E-Mail-Newsletter

Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Zum Hören als Podcast oder zum Lesen im Blog.

Aber immer kurz & knackig, immer subjektiv & voreingenommen. Und immer kostenlos!
Datenschutz 

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Katharina Henot – die vermeintliche Hexe

Figur von Katharina Henot auf dem Rathausturm. Deutlich zu erkennen: Die Flammen des Scheiterhaufens. Sie ist in guter Gesellschaft: Die Figur neben ihr ist Friedrich Spee von Langenfeld, ein Kritiker der Hexenprozesse, Bild: Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)
Figur von Katharina Henot auf dem Rathausturm. Deutlich zu erkennen: Die Flammen des Scheiterhaufens. Sie ist in guter Gesellschaft: Die Figur neben ihr ist Friedrich Spee von Langenfeld, ein Kritiker der Hexenprozesse, Bild: Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Podcast Henot 5

Die sogenante „Hexenverfolgung“ ist ein trauriges Kapitel. Es gibt keine sichere Angabe zu den Opfern, manche Quellen gehen von bis zu 60.000 Toten aus. Darunter waren auch Männer, allerdings fanden überwiegend Frauen als vermeintliche „Hexen“ den Tod. So auch die Kölnerin Katharina Henot (oder auch Henoth, je nach Quelle), die am 19. Mai 1627 ermordet wurde.

Neid auf das lukrative Postmeister-Amt

Katharinas Vater Jacob Henot hatte seit 1579 das hochangesehene Amt des kaiserlichen Postmeisters in Köln inne. Doch seine Bestrebungen, Generalpostmeister zu werden, riefen die Neider aus dem Haus Taxis auf den Plan und führten zu 20 Jahren voller Streit um das lukrative Amt. Faktisch führten Katharina und ihr Bruder Hartger die Post-Geschäfte.

Als ihr Vater im Jahr 1625 im damals unglaublich hohen Alter von 94 Jahren starb, hielten die Geschwister den Tode des Familienoberhaupts zunächst geheim, um nicht die Geschäfte zu gefährden. Der Schwindel flog auf – und die Familie Henot verlor in einem Prozess das Recht auf die Postmeisterei an die Fürsten von Taxis.

Katharina wird der „Peinlichen Befragung“ unterworfen

Zeitgleich kamen in Köln Gerüchte auf, Katharina sei eine Hexe. Beweise waren z. B. eine Raupenplage in einem Kölner Kloster. Die Beschuldigte strengte daraufhin einen Prozess zum Beweis ihrer Unschuld an. Doch die Vorwürfe gegen Katharina häuften sich, sie wurde unter anderem wegen Schadenzaubers, Verbreitung von Zank und „Unzucht mit adeligen Herren“  angeklagt.

Daher wurde sie im Januar 1627 festgenommen und der „Peinlichen Befragung“ unterzogen. Die „Peinliche Befragung“ wurde bei Inquisitionsprozessen eingesetzt. Der Begriff ist von Pein abgeleitet bedeutet deswegen schmerzhaft. Tatsächlich handelt es sich um Folter mit dem Ziel, ein Geständnis zu erhalten. Der Einsatz der Folter wurde zur damaligen Zeit als durchaus legitim angesehen.1Leider wird auch heute noch von finsteren Regimen rund um den Erdball gefoltert. Danke an Thomas für diese Ergänzung.

So könnte auch die "Peinliche Befragung" Katharina Henots ausgesehen haben, Bild: Jan Luyken (1649 – 1712), Public domain, via Wikimedia Commons
So könnte auch die „Peinliche Befragung“ Katharina Henots ausgesehen haben, Bild: Jan Luyken (1649 – 1712), Public domain, via Wikimedia Commons

Insgesamt wurde die vermeintliche Hexe drei Mal gefoltert. Doch Katharina blieb standhaft und verweigerte ein Geständnis ihrer Hexerei. Eigentlich hätte der Prozess hier enden müssen, denn nach den damals gültigen Gesetzen hätte sie nach der dritten Folter ohne Geständnis freigelassen werden müssen. Trotzdem wurde sie zum Tode verurteilt.

Auf Melaten hingerichtet

Am 19. Mai 1627 wurde das Urteil auf Melaten vollstreckt. Der Scharfrichter erwürgte die von der Folter stark gezeichnete Katharina Henot, ihr Leichnam wurde verbrannt. Dieser Mord war der Auftakt zu einer ganzen Serie von Hexenprozessen im „Hillige Kölle“. Bis 1630 wurden mindestens 24 weitere Frauen als Hexen ermordet.

Es sollte aber noch mehr als 380 Jahre bis zur Rehabilitation der vermeintlichen Hexen dauern. Erst im Februar 2012 beschloss der Rat der Stadt Köln, auf Antrag der Nachfahren von Katharina Henot, die Rehabilitierung von insgesamt 38 Frauen, die im Zuge der Hexenprozesse verurteilt worden waren.


Heute trägt eine Straße in Ehrenfeld und eine Schule in Kalk ihren Namen. Das Historische Archiv begründet die Namensgebung der Schule wie folgt (Auszug):
„Ihre Persönlichkeit lässt mit Selbstbewusstsein, Gerechtigkeitssinn und Standhaftigkeit Eigenschaften erkennen, denen heute der Stellenwert von demokratischen Tugenden zugemessen wird.“

Die Bläck Fööss haben ihr mit dem Lied „Katharina Henot“  ein musikalisches Denkmal gesetzt. Den Text gibt es auf der Website der Föös.


Ein großes DANKE an Franz-Josef Knöchel vom Informationssystem  KuLaDig – Kultur. Landschaft. Digital. für wertvolle Korrekturhinweise zu diesem Artikel.


E-Mail-Newsletter

Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Zum Hören als Podcast oder zum Lesen im Blog.

Aber immer kurz & knackig, immer subjektiv & voreingenommen. Und immer kostenlos!
Datenschutz 

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung
 

Kölsche Wörter: „fringsen“ und das 7. Gebot: Du sollst nicht stehlen!

Josef Kardinal Frings (1887 - 1978), hier eine Aufnahme aus dem Jahr 1959, Bild: City archives Kerpen, CC BY 4.0
Josef Kardinal Frings (1887 – 1978), hier eine Aufnahme aus dem Jahr 1959, Bild: City archives Kerpen, CC BY 4.0

Podcast Frings Folge 4

Die Kölner hatten stets ein gespaltenes Verhältnis zu ihrem jeweiligen Bischof. Eine echte Ausnahme war Joseph Kardinal Frings. Im Hungerwinter 1946/47 fehlt es in der zerstörten Stadt Köln an allem. Und der in der Bevölkerung sehr beliebte „Rheinische Kardinal“ Frings steht Silvester 1946 auf der Kanzel der Kirche St. Engelbert in Riehl und predigt:

„Wir leben in Zeiten, da in der Not auch der Einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit notwendig hat, wenn er es auf andere Weise, durch seine Arbeit oder Bitten, nicht erlangen kann“.

Im Klartext: Die Kirche erlaubt von höchster Stelle aus den Diebstahl von überlebensnotwendigen Dingen.

Die handschriftliche Vorlage der berühmten Silvesterpredigt 1946 vom Kölner Erzbischof Josef Kardinal Frings, Bild: Erzbistum Köln
Die handschriftliche Vorlage der berühmten Silvesterpredigt 1946 vom Kölner Erzbischof Josef Kardinal Frings, Bild: Erzbistum Köln

„fringsen“ geht in den Wortschaft ein

Und die Kölner nehmen ihren Bischof beim Wort. Ab 1947 nimmt zum Beispiel der „Kohlenklau“ deutlich zu. Menschen klettern auf Eisenbahnwaggons und „organisieren“ sich Brennmaterial, um den bitterkalten Winter zu überleben – man geht „fringsen“. Ein Wort, welches in den Sprachgebrauch einer ganzen Region eingegangen ist.

Was übrigens gerne vergessen wird: Frings hatte auch deutlich darauf hingewiesen, dass man doch den späteren Schadensersatz nicht vergessen dürfe:

„Aber ich glaube, dass in vielen Fällen weit darüber hinausgegangen worden ist, und da gibt es nur einen Weg: unverzüglich unrechtes Gut zurückgeben, sonst gibt es keine Verzeihung bei Gott!“

Diesen Teil der Predigt überhörten die Kölner aber wohl.


Erinnerung an das „fringsen“ von Zeitzeugen 

Helmut ist in Köln aufgewachsen und lebt heute in Kanada. An das „fringsen“ hat er folgende Erinnerung:
 
„Dat wore Klütte, die mer orjanisiert han. Do sin mer Pänz neven dem Zoch herjelaufe un han de Hevel opjeschlaje, un minge Fründ han se in de Foos jeschosse die Soldate die im letzte Wage oven hu soße. Dat wor am Bahndamm Antwerpener Stross am Grönguerdel. Un dann kom de Razzia un de han us de Klüttesack avjenomme un ne Tritt in the Fott ham och kräje, wenn de uns krigge kunte.“
 
Evelin ist ein echt kölsches Mädchen und lebt heute in Schweden. Auch Sie erinnert sich an daran, dass sie gefringst hat:
 
In der „Hungerzeit“, wie meine Eltern sagten, hab ich selbst als 7jährige „mitgefringst“, hauptsächlich als „Kohlenklau“. Die Nachbarjungen sprangen hinten auf die Lastwagen und warfen Briketts auf die Straße, wir „Kleinen“ sammelten alles auf. Anschließend wurde der Schatz brüderlich geteilt.
 

„Köln hat wieder einen Frings“

Thomas Frings, Geistlicher und Großneffe von Josef Kardinal Frings, wohnt seit Oktober 2017 in Köln. In meiner Reihe „Ein paar Fragen an … „ stand Thomas Frings auch bereits Rede & Antwort.


Kardinal Frings "Der Rheinische Kardinal", von Friedhelm Ruf (J.P. Bachem Verlag, 2015, ISBN: 978-3761629512, nur noch antiquarisch erhältlich) 
Kardinal Frings „Der Rheinische Kardinal“

Mehr über Kardinal Frings gibt es in dem lesenswerten Buch „Der Rheinische Kardinal“, von Friedhelm Ruf (J.P. Bachem Verlag, 2015, ISBN: 978-3761629512, nur noch antiquarisch erhältlich) 


E-Mail-Newsletter

Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Zum Hören als Podcast oder zum Lesen im Blog.

Aber immer kurz & knackig, immer subjektiv & voreingenommen. Und immer kostenlos!
Datenschutz 

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Agrippina – Sex, Intrigen und Mord

Agrippina - Kölns Stadtgründerin, Bild: Uli Kievernagel
Agrippina – Kölns Stadtgründerin, Bild: Uli Kievernagel

 
Wer glaubt, Intrigen, Morde und Sex an Königs- und Kaiserhöfen wären alles nur Erfindungen der Fantasy-Literatur, sollte sich unbedingt mal mit der Kölner Stadtgeschichte beschäftigen: Die Geschichte um unsere Stadtgründerin Agrippina bietet alle Zutaten für ein eigenes Epos mit Mord, Inzest und jeder Menge Intrigen.

Fakt ist, dass Agrippina – mehr oder weniger – ein kölsches Mädchen ist. Immerhin wurde sie in Köln geboren. Ihr Vater Germanicus war Heerführer der riesigen Armee, die die schmähliche Niederlage der Römer in der Varus-Schlacht rächen sollte. Just als diese Armee im Oppidum Ubiorum, dem späteren Köln, stationiert war, wurde Agrippina im Jahr 15 oder 16 n. Chr geboren. Über ihre Jugend ist nichts bekannt.

Ihr Bruder war der berüchtigte Kaiser Caligula, der Agrippina und ihre beiden Schwestern wie Göttinnen verehren lies. Doch das Glück währte nicht lange. Agrippina war in eine Verschwörung gegen ihren Bruder verstrickt und entging dem Tod nur durch die Verbannung auf die Insel Ponza im Tyrrhenischen Meer. Wie gut für Agrippina, dass Caligula selber im Jahr 41 n. Chr. ermordet wurde – so konnte sie zurück in die „upper class Gesellschaft“ Roms.

Die ehemalige Hauptverwaltung der Agrippina-Versicherung mit einer lebensgroßen Statue, Bild: HOWI - Horsch, Willy, CC BY 3.0 via Wikimedia Commons
Die ehemalige Hauptverwaltung der Agrippina-Versicherung mit einer lebensgroßen Statue, Bild: HOWI – Horsch, Willy, CC BY 3.0 via Wikimedia Commons
Entbrannt in völligem Verlangen nach Schreckensherrschaft

Ihr Plan, über verschiedene einflussreiche Ehemänner ihre Stellung in der römischen Gesellschaft zu festigen, ging ordentlich schief: In erster Ehe heiratete sie einen Politiker, der selber wegen Inzestes mit seiner Schwester angeklagt wurde. Aus dieser Ehe entstammt ihr einziges Kind: Lucius Domitius Ahenobarbus, besser bekannt als Nero.

Auch ihr zweiter Ehemann stand ihrem Aufstieg im Weg – er starb an einer Pilzvergiftung. Durch das (wohl durch Agrippina selbst beschleunigte) Ableben ihres zweiten Mannes war sie frei für ihre dritte Ehe: Im Alter von 33 Jahren heiratete sie den 25 Jahre älteren Kaiser Claudius. Eigens für diese Ehe wurde ein Gesetz zur Ehe zwischen Verwandten geändert, denn immerhin war Claudius ihr Onkel.

Jetzt war Agrippina fast am Ziel: Sie sorgte dafür, dass Claudius ihr den Titel einer römischen Kaiserin verlieh und gleichzeitig ihren Sohn Nero adoptierte. Um ihre Macht zu festigen, ging Agrippina über Leichen, der römische Historiker Tacitus beschrieb Agrippina als „entbrannt in völligem Verlangen nach Schreckensherrschaft“.

Köln wird zu Colonia Claudia Ara Agrippinensium

In dieser Zeit verlieh sie auch ihrem Geburtsort am Rhein den Titel einer römischen Kolonie. Colonia Claudia Ara Agrippinensium (CCAA) entstand, daraus erwuchs das heutige Köln. Sicher ist:  Nur durch die Rechte einer Colonia, einer römischen Kolonie, konnte Köln wachsen und sich zu einer der wichtigsten Städte im Römischen Reich entwickeln. Die Kölner verklären diese Entscheidung gerne als Agrippinas Liebeserklärung an ihren Geburtsort. Tatsächlich wollte sie damit aber vermutlich nur ihre Geburt im „Barbarenland“ verschleiern und ihre Macht festigen – immerhin ist die Benennung einer römischen Kolonie nach einer Frau einzigartig. 

Nero, Sohn von Agrippina und Kaiser, Bild: Bibi Saint-Pol
Nero, Sohn von Agrippina und Kaiser, Bild: Bibi Saint-Pol

Nero wird Kaiser und lässt seine Mutter umbringen

Doch Agrippina war noch nicht am Ziel angekommen: Sie wollte unbedingt ihren Sohn Nero auf den Kaiserthron bringen. Unglücklich war nur, dass ihr Ehemann Kaiser Claudius selber einen Sohn aus einer früheren Ehe hatte, welcher als Nachfolger vorgesehen war. Erneut sorgte ein Pilzgericht für die Lösung. Claudius starb an einer Vergiftung und Nero konnte Kaiser werden. Der römischen Gesellschaft gefiel dieses Arrangement nicht, hinter ihrem Rücken wurden Nero und seiner Mutter „inzestuöser Verkehr“ unterstellt.

Nero selber war aus ähnlichem Holz geschnitzt wie seine Mutter. Er empfand Agrippina zunehmend als Rivalin um die Macht. Zunächst verstieß er sie vom Kaiserhof, danach schlugen etliche Mordanschläge, als Unfälle getarnt, fehl und schließlich ließ Nero seine eigene Mutter 59 n. Chr. umbringen.

Da kann man feststellen: Echt schwierige Familienverhältnisse! 


Die Jungfrau im Kölner Dreigestirn. Das Ornat erinnert an Agrippina, Bild: Festkomitee Kölner Karneval/Coelln Coleuer
Die Jungfrau im Kölner Dreigestirn. Das Ornat erinnert an Agrippina, Bild: Festkomitee Kölner Karneval/Coelln Coleuer

Agrippina wird jedes Jahr auf das neue geehrt: Die Jungfrau im Kölner Dreigestirn steht für die Uneinnehmbarkeit der Stadt. Das römisch anmutende Gewand erinnert an die Stadtgründerin.


E-Mail-Newsletter

Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Zum Hören als Podcast oder zum Lesen im Blog.

Aber immer kurz & knackig, immer subjektiv & voreingenommen. Und immer kostenlos!
Datenschutz 

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Mathilde von Mevissen – der „Hunger nach Bildung“

Mathilde von Mevissen (1848 - 1924), Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln, rba_630749.
Mathilde von Mevissen (1848 – 1924), Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln, rba_630749

„Die Frauenfrage interessiert mich! Da ich aber unglücklich war und wohl etwas unterdrückt, habe ich mir fest vorgenommen, in dieser Frage kein Wort mehr zu sagen, bis ich innerlich abgeklärt und meine Ansichten von allen persönlichen Verhältnissen frei sind. Meine Erfahrungen kann ich nützen – meine Erbitterung nicht! Ich will suchen ins Ganze zu sehen über mein erbärmliches Ich weg.“1Tagebucheintrag von Mathilde von Mevissen im Jahr 1890

Dieser Satz aus ihrer eigenen Feder fasst das Leben der Kölner Frauenrechtlerin Mathilde von Mevissen hervorragend zusammen:

  • Unterdrückung durch den Vater
  • Hunger nach Bildung
  • Drang nach Veränderung.

So lässt sich auch ihr Leben in drei Abschnitte unterteilen:

Teil I:  Kindheit und (gescheiterte) Vorbereitung auf eine spätere Rolle als Ehefrau (1848 – 1890)

Am 30. Juli 1848 wird Mathilde von Mevissen als zweite von fünf Töchtern des Unternehmers Gustav Mevissen (1815 – 1899, ab 1884 Gustav von Mevissen) und Elise Mevissen, geb. Leiden (1822 – 1857), geboren.

Ihr Vater war ein schwerreicher Industrieller und Bänker, nach heutigen Maßstäben ein Multimillionär. Ihre Mutter verstarb bereits 1857 nach der Geburt des fünften Kindes. Gustav von Mevissen heiratete im Jahr 1860 Therese Leiden, die Schwester seiner ersten Frau. Ein damals nicht unübliches Arrangement.

Als Tochter „aus guten Hause“ im 19.Jahrhundert war Mathildes Lebensweg eindeutig vorgezeichnet: Die Ausbildung diente alleine dazu, sie auf ihre spätere Rolle als Hausfrau und Mutter vorzubereiten. Um dieses Ziel zu erreichen, wurden eigens Hauslehrer engagiert. Deren vorrangiges Ziel war die „sittliche Erziehung“ der Mädchen, um sie später gut in vornehmen Kreisen verheiraten zu können.

Dafür wurde im Hause Mevissen ein strenges Regiment geführt. Die Töchter durften ohne Begleitung das Haus nicht verlassen, die Post wurde kontrolliert und auch das, was sie lesen durften, war vorgeschrieben.

Gustav Mevissen im Jahr 1848, Bild: Valentin Schertle, Public domain, via Wikimedia Commons
Gustav Mevissen, hier im Jahr 1848, kontrollierte streng das Leben seiner fünf Töchter. Bild: Valentin Schertle, Public domain, via Wikimedia Commons

Diese Zeit der fehlenden Bildung empfand Mathilde als Qual. Als „in­halts­lee­res Da­sein ei­ner un­ver­hei­ra­te­ten Frau im Groß­bür­ger­tum des 19. Jahr­hun­derts oh­ne ech­te Auf­ga­be und oh­ne in­tel­lek­tu­el­len An­spruch“ bezeichnete die Frau­en­recht­le­rin He­le­ne Lan­ge diese Phase im Leben von Mat­hil­de von Me­vis­sen.

Ein kleiner Lichtblick: Heimlich schlich sich Mathilde in die riesige Privatbibliothek ihres Vaters.2Diese umfasste rund 25.000 Bücher. Sie versteckte die Bücher vor dem Zugriff der Eltern und Hauslehrer und las mit Begeisterung alles, was sie finden konnte.

Das repräsentative Wohnhaus der Familie Mevissen in der Zeughausstraße. Das Gebäude ist nicht mehr erhalten, heute steht dort das Regierungspräsidium. Bild: Kunst des 19. Jahrhunderts im Rheinland. Bd. 2. Architektur: II, Profane Bauten u. Städtebau, Schwann, Düsseldorf 1980
Das repräsentative Wohnhaus der Familie Mevissen in der Zeughausstraße. Das Gebäude ist nicht mehr erhalten, heute steht dort das Regierungspräsidium. Bild: Kunst des 19. Jahrhunderts im Rheinland. Bd. 2. Architektur: II, Profane Bauten u. Städtebau, Schwann, Düsseldorf 1980

Teil II: Aufkommendes Engagement in der Frauenfrage (ab 1890)

Nachdem immerhin drei der fünf Mevissen-Töchter in wohlhabende Kölner Familien verheiratet wurden3Nur Mathilde und ihre Schwester Melanie sollten unverheiratet bleiben.lockerte der Patriarch Gustav von Mevissen etwas die Zügel. Sie übernahm Sekretariatsaufgaben für ihn und verwaltete die große Bibliothek.

Mathilde von Mevissen als Figur auf dem Rathausturm, Bild: Raimond Spekking
Mathilde von Mevissen als Figur auf dem Rathausturm, Bild: Raimond Spekking

In dieser Zeit fiel auch ihr „Erweckungserlebnis“. Sie las ein Buch über die Ende des 19. Jahrhunderts aufkommende Frauenfrage. Eckart von Mevissen, ein Verwandter, beschrieb die damit ausgelöste Veränderung eindrücklich: „Ihre vielseitige Bildung, ihr Hunger nach Betätigung, nach wirklicher Leistung … ihr trostloses Dasein in den Fesseln strenger Konvenienz, all das ließ das Wort von der Befreiung der Frau wie eine Erlösung auftauchen.“

Und Mathilde wird aktiv: Sie gründet, gemeinsam mit Elisabeth von Mumm (1860 – 1933), den „Köl­ner Frau­en­fort­bil­dungs­ver­ein“. Dies gilt als heute als Anfang der Kölner Frauenbewegung.

Ihrem Vater konnten diese Aktivitäten nicht gefallen, er warf ihr ungebührliches Verhalten vor. Aber Mathilde hatte mittlerweile das Selbstbewusstsein entwickelt, ihre Ziele auch gegen den Willen des Vaters zu verfolgen.

Teil III: Leben und Wirken nach dem Tod des Vaters (1899 – 1924)

Doch erst mit dem Tod ihrs Vaters 1899 konnte Mathilde von Mevissen endlich ihr eigenes Leben frei gestalten. Und dieses Leben widmete sie der Frauenfrage mit dem Schwerpunkt Mädchen- und Frauenbildung. Ihr Ansatz: Mädchen bzw. Frauen müssen die gleichen Bildungsvoraussetzungen geboten bekommen wie Männer. So war sie treibende Kraft des „Ver­eins Mäd­chen­gym­na­si­um Köln“, welcher 1899 gegründet wurde. Dieses Gymnasium nahm  aber erst nach einem von Mathilde von Mevissen beharrlich ausgeführten Kampf mit den preußischen Bildungsbehörden am 29. April 1903 den Betrieb auf.

Mitgliederverzeichnis der Mitglieder des "Vereins Mädchengymnasium zu Köln" Mathilde von Mavissen stiftetet mit 60.000 Mark alleine 75% der Gesamtsumme
Mitgliederverzeichnis der Mitglieder des „Vereins Mädchengymnasium zu Köln“ Mathilde von Mavissen stiftetet mit 60.000 Mark alleine 75% der Gesamtsumme

Mathilde von Mevissen setzte das vom Vater geerbte riesige Vermögen für die Frauenbildung und Frauenrechte ein. Sie richtete Stipendien speziell für junge Frauen ein und unterstützte großzügig das von ihr initiierte Mädchengymnasium.

In der Gründungsurkunde des „Vereins für Mädchenbildung“ wird deutlich, dass Sie diese Initiative fast im Alleingang finanzierte. Zwar wurden 26 Stifter und Patrone aufgeführt, doch mit einer Stiftungssumme von 60.000 Mark finanzierte Mathilde von Mevissen alleine 75% des gesamten Stiftungskapitals.

Zusätzlich unterstützte sie die bereits von ihrem Vater in­iti­ier­te Han­dels­hoch­schu­le. Diese wurde im Jah­re 1919 als Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät in die neu gegründete Universität zu Köln integriert. Schon seit 1920 wurde die jährliche Gründungsfeier der Uni als „Mevissenfeier“ bezeichnet. Zum speziellen Dank wurde Mathilde von Mevissen im Jahr 1923 – anlässlich ihres 75. Geburtstags – der Titel „Ehrenbürgerin der Universität“ verliehen. 

Familiengrabstätte Mevissen auf dem Melaten-Friedhof. Die Gedenkplatte für Mathilde von Mevissen befindet sich auf der Kopfseite (zweite von links). Bild: Geolina163, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons
Familiengrabstätte Mevissen auf dem Melaten-Friedhof. Die Gedenkplatte für Mathilde von Mevissen befindet sich auf der Kopfseite (zweite von links). Bild: Geolina163, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Am 19. März 1924 stirbt Mathilde von Mevissen. Sie wird im Familiengrab auf dem Melaten-Friedhof beigesetzt. Ihr wurde eine der 124 Rathausfiguren gewidmet, und seit 2005 heißt die älteste Grundschule im Stadtteil Nippes „Mathilde-von-Mevissen-Grundschule“.

Mathilde von Mevissen hat das Leben der Frauen – nicht nur in Köln – verändert. Sie hat nachhaltig Bildungschancen für Mädchen eröffnet. 

Somit hat sie ihren bereits 1890 geäußerten Wunsch „Ich will suchen ins Ganze zu sehen…“ erfüllt.


Logo der TH Köln

Mathilde-von-Mevissen-Promovendinnenförderung

Die TH Köln hat es sich zur Aufgabe gemacht, sich im Hinblick auf Nachwuchsförderung und Personalentwicklung zu engagieren, um der stetigen Abnahme des Frauenanteils bei den voranschreitenden Karrierestufen, zu begegnen.

Mehr zu diesem Förderprogramm gibt es auf der Website der TH Köln.


E-Mail-Newsletter

Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Zum Hören als Podcast oder zum Lesen im Blog.

Aber immer kurz & knackig, immer subjektiv & voreingenommen. Und immer kostenlos!
Datenschutz 

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Kölner Stadtteile: Deutz – Veedel zwischen Historie und Moderne

Deutz um 1900 mit der geöffneten Schiffbrücke und dem Bahnhof Schiffbrücke am Deutzer Rheinufer, Bild: Wilhelm Scheiner, Public domain, via Wikimedia Commons
Deutz um 1900 mit der geöffneten Schiffbrücke und dem Bahnhof Schiffbrücke am Deutzer Rheinufer, Bild: Wilhelm Scheiner, Public domain, via Wikimedia Commons

Im Kölner Lokal-Anzeiger war es am 1. April 1888 nur eine Meldung auf Seite drei unter „Locales“, für das stolze, eigenständige Deutz aber das Ende der Eigenständigkeit: Nach mehr als 1.500 Jahren wird Deutz nach Köln eingemeindet und hört auf, als eigenständiger Ort zu existieren.

Die Eingemeindung vieler bis 1888 eigenständiger Gemeinden nach Köln als Meldung auf Seite 3 unter "Locales" im Kölner Local-Anzeiger vom 1. April 1888
Die Eingemeindung vieler bis 1888 eigenständiger Gemeinden nach Köln als Meldung auf Seite 3 unter „Locales“ im Kölner Local-Anzeiger vom 1. April 1888

Die Eingemeindung betraf aber nicht nur Deutz, sondern viele weitere bis dahin eigenständige Gemeinden. Unter anderem Ehrenfeld, Müngersdorf, Nippes oder auch das rechtsrheinische Poll.

Doch die Deutzer hatten etwas besser verhandelt: So wurde der Bürgermeister von Deutz Beigeordneter in Köln, das Standesamt verblieb im Deutzer Rathaus, und es gab Geld für verschiedene Baumaßnahmen. Trotzdem war es für die traditionell freiheitsliebenden, stolzen Deutzer schwer zu verkraften: Ab diesem Tag war das wirtschaftlich prosperierende Deutz nur noch ein Stadtteil von Köln.

Modell des Kastells Divitia, Bild: Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0
Modell des Kastells Divitia, Bild: Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0

Keimzelle: Das römische „Kastell Divitia“ 

Begonnen hatte alles um das Jahr 308 n. Chr. herum: Um die wichtige Colonia Claudia Ara Agrippinensium, unser heutiges Köln, vor den rechtsrheinischen Germanen zu schützen, wurde in Deutz das Kastell Divitia errichtet. Der Rhein bildete die eigentliche Grenze, das Kastell diente als Brückenkopf der Römer im „Land der Barbaren“. Geschützt wurde dadurch auch die Konstantinbrücke, die erste feste Brücke über den Rhein.

Darstellung der Konstantinbrcke aus dem Jahr 1608 mit viel künstlerischer Freiheit, so gab es z.B. keinen Turm in der Brückenmitte
Darstellung der Konstantinbrücke aus dem Jahr 1608 mit viel künstlerischer Freiheit, so gab es z.B. keinen Turm in der Brückenmitte

Nachdem die Franken ab etwa 355 n. Chr. regelmäßig Köln angriffen, geben die Römer die Stadt im Jahr 462 n. Chr. auf. Aus dem Kastell wurde später ein fränkischer Königshof. Die genaue Entwicklung von Deutz in diesen Jahren ist unklar. Erst mit Erzbischof Heribert, der an der Stelle des Hofes im Jahr 1003 ein Benediktinerkloster gründete, nahm die Entwicklung von Deutz wieder Fahrt auf. Im Jahr 1230 wurde Deutz zur Stadt erhoben.

Deutz im Machtkampf zwischen Köln und den Grafen von Berg

Und genau diese Stadt Deutz stand im Zentrum der Machtkämpfe zweier Rivalen: Auf der linksrheinischen Seite die Freie Reichsstadt Köln, auf der rechtsrheinischen Seite die Grafen von Berg.

Mehrfach wurde Deutz überfallen, geplündert, gebrandschatzt. Der Ort verlor die Stadtrechte und wurde zu einer „Vrijheit“1Eine Art „Stadtrechte light“. herabgestuft. Im Jahr 1538 verbrannten durch eine Brandstiftung große Teile von Deutz. Im sogenannten „Kölner Krieg“ 1583 zerstörten marodierende Truppen die Ortschaft sogar nahezu vollständig.

Gleichzeitig wurde der rechtsrheinische Ort zur Zuflucht für die 1424 aus dem linksrheinischen Köln vertriebenen Juden, später auch für die im „Hillije Kölle“ so ungeliebten Protestanten. So entwickelte sich Deutz und wurde liberaler, freier, aufgeschlossener und fremdenfreundlicher als das linksrheinische Köln und erlebte so nach dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs (1618 – 1648) einen Wirtschaftsaufschwung.

Das Kürassier-Denkmal "Lanzenreiter" an der Deutzer Rheinpromnenade erinnert an die Preußische Garnison in Deutz, Bild: Raimond Spekking
Das Kürassier-Denkmal „Lanzenreiter“ an der Deutzer Rheinpromnenade erinnert an die Preußische Garnison in Deutz, Bild: Raimond Spekking

Die Preußen verändern Deutz massiv

Mit der Neuordnung Europas auf dem Wiener Kongress 1814/15 änderte sich für Köln und Deutz fast alles: Die Preußen erschufen aus Köln die „Festung Cöln“. Auch rechtsrheinisch wehte ein neuer, stark militärisch geprägter Wind. In Deutz entstand die große Dragoner Kaserne, der größte Teil der Deutzer Bevölkerung bestand aus Soldaten oder Mitarbeitern der Militärverwaltung.

Die Deutzer Schiffbrücke um 1900, Bild: US- Library of Congress
Die Deutzer Schiffbrücke um 1900, Bild: US- Library of Congress

Gleichzeitig stieg die Bedeutung von Deutz als Verkehrsknotenpunkt. Die Deutzer Schiffbrücke, errichtet 1822, war die erste Kölner Brücke nach der Konstantinbrücke. Vorher mussten sich die Kölner etwa 900 Jahre mit Fähren behelfen, um die Rheinseiten zu wechseln.

Deutz wird bedeutender Industriestandort und Eisenbahnknotenpunkt

In Köln entwickelte Nicolaus August Otto einen neuartigen Motor – eine Erfindung, die die Welt und auch Deutz grundlegend verändern sollte. Zusammen mit Eugen Langen gründete er die Motorenfabrik „N.A. Otto & Cie“. Doch der Platz in der Servasgasse, fast noch im Schatten des Doms, reichte nicht aus. Ein neues Werksgelände entstand in Deutz. Ähnlich ging es der ursprünglich am Kartäuserwall befindlichen Seilerei Felten & Guilleaume2Von den Kölnern gerne als „faul & gemütlich“ bezeichnet., die genau wie auch die Chemische Fabrik Kalk im Rechtsrheinischen weitläufige Produktionsstätten errichtete.

Um die neuen Industriegebiete zu erschließen und dem stetig wachsenden Bedarf nach Mobiltät gerecht zu werden, konkurrierten mit der „Bergisch Märkischen Eisenbahn“ (BME) und der „Cöln- Mindener-Eisenbahn“ (CME) zwei Eisenbahngesellschaften, wobei jede ihr eigenes, exklusives Schienennetz betrieb. So entstanden zwei große Kopfbahnhöfe und zwei kleinere Bahnhöfe in Deutz – viele Eisenbahnstrecken durchzogen den Stadtteil und schnitten Deutz vom Rheinufer ab.

Der Bahnhof Schiffbrücke direkt am Deutzer Rheinufer, vorne das Stammhaus der Brauerei Sünner an der Deutzer Freiheit, Bild: Wilhelm Scheiner, Public domain, via Wikimedia Commons
Der Bahnhof Schiffbrücke direkt am Deutzer Rheinufer, vorne das Stammhaus der Brauerei Sünner an der Deutzer Freiheit, Bild: Wilhelm Scheiner, Public domain, via Wikimedia Commons

Deutzer Eisenbahnjammer

Diese Entwicklung machte aus dem zuvor beschaulichen Örtchen ohne Rücksicht auf Verluste einen Industriestandort. Insbesondere die Tatsache, dass das Rheinufer durch Bahndämme Deutz faktisch vom Fluss abschnitt, erzürnte die Deutzer und führte zum „Deutzer Eisenbahnjammer“:

Der "Deutzer Eisenbahnjammer" in der Kölnischen Zeitung vom 23. April 1899
Der „Deutzer Eisenbahnjammer“ in der Kölnischen Zeitung vom 23. April 1899

Der Autor beklagte:

„Was ist aus unserm schönen Deutz geworden! Einst ein blühendes Städtchen am Rheinufer … Kein Ort am ganzen Rheinstrom vermochte den malerischen Zauber, die behagliche Geselligkeit darzubieten … uns arme Deutzer hat man durch einen garstigen Eisenbahndamm vom Rheine abgetrennt.  … Tempi passati…“

Gleichzeitig entwickelte sich Deutz zum Amüsierviertel, denn die bis zur Eingemeindung dort eingeräumten Freiheiten führten auch dazu, dass sich insbesondere auf der Prachtstraße Deutzer Freiheit zahllose Gaststätten, Glücksspielbetriebe, Tanzlokale und – für die katholisch geprägten linksrheinischen Kölner unerhört – „Lusthäuser“ ansiedelten.

Rege Bautätigkeit

Schnell entstanden wichtige Infrastrukturprojekte wie der Deutzer Hafen (1907), der Deutzer Bahnhof (1913) und die Messehallen (1923), welche zur „Pressa – Internationalen Presseausstellung“ (1928) massiv ausgebaut werden.  

Die Nationalsozialisten hatten ganz besondere  Pläne für Deutz. Dort sollte ein riesiges „Gauforum“ mit gigantischen Parteibauten und einem großem Aufmarschgelände entstehen. Dafür wäre Deutz nahezu verschwunden. Gut, dass diese Spinnereien nie verwirklicht wurden.

Die Kriegsfolgen waren auch in Deutz verheerend. Hier traf es das rechtsrheinische Köln genau so heftig wie den linksrheinischen Innenstadtbereich. Mit dem Wiederaufbau bekam auch die Entwicklung von Deutz wieder positive Impulse. Die Brücken wurden wieder instandgesetzt, bereits 1947 fanden wieder erste Ausstellungen und Messen statt, bis 1950 standen bereits 52.000 Quadratmeter Hallenfläche wieder zur Verfügung.

Deutz wird Sitz des LVR und der Lufthansa

Mit der umstrittenen Ansiedlung der Hauptverwaltung des Landschaftsverbandes Rheinlandes in Köln3Der Sitz auch der Vorgängerinstitutionen war traditionell in Düsseldorf. Ende der 1950er Jahre nahm Deutz weiter Schwung auf. Die Ford-Werke richteten mitten in Deutz im sogenannten „Ford-Hochhaus“ zahlreiche Großraumbüros ein. Auch die Lufthansa hatte von 1970 bis 2007 im Lufthansa-Hochhaus, heute Lanxess Tower, direkt am Rhein ihren Hauptsitz. Im Deutzer Rheinpark fanden 1957 und 1971 jeweils eine Bundesgartenschau statt.

Prachtstück in Deutz: Der Rheinboulevard, Bild: Raimond Spekking
Prachtstück in Deutz: Der Rheinboulevard, Bild: Raimond Spekking

„Boomtown Deutz“: Düx kütt üvver Kölle

1998 wurde die Kölnarena eröffnet, zeitgleich mit dem „Technischen Rathaus“ der Stadt. Die alten Messehallen wurden im Jahr 2010 neue Heimat des Fernsehsenders RTL und Versicherers HDI. Neue ICE-Gleise im Deutzer Bahnhof ermöglichen Hochgeschwindigkeitsfahrten. So ist der Frankfurter Flughafen von Deutz aus in nur 48 Minuten zu erreichen.

Fazit: Deutz hat eine erfolgreiche Entwicklung genommen. Zwar nennen die Kölner Deutz immer noch spöttisch „Schäl Sick“ – doch mittlerweile ist das schon anerkennend gemeint. Und wenn schon die kölschen Lokalheiligen, die Bläck Fööss, der Schäl Sick huldigen, dann hat Deutz alles erreicht:

Hey Kölle, pass op! Jetz ändert sich die Zick.
Düx kütt üvver Kölle, jetz es et bal su wick.4
„Schal Sick“, Bläck Fööss


Lotsentour „Schäl Sick is schick!“  

Meine Stadtführung „Schäl Sick is schick!“ bietet einen wunderbaren Einblick in dieses ganz besondere Veedel.


Michael Kriegel: Deutz – Vom römischen Kastell zur Köln Arena Emons Verlag Köln ISBN 978-3-7408-1565-3 12,00 Euro, erhältlich in jeder Buchhandlung
Michael Kriegel: Deutz – Vom römischen Kastell zur Köln Arena

Der Autor Michael Kriegel hat sein Herz an Deutz verloren, seit er Mitte der 1970er Jahre auf der „Schäl Sick“ studiert hat. Und diese Liebe hat er in dem lesenswerten Buch „Deutz – vom Römischen Kastell zur Köln-Arena“ verewigt.


E-Mail-Newsletter

Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Zum Hören als Podcast oder zum Lesen im Blog.

Aber immer kurz & knackig, immer subjektiv & voreingenommen. Und immer kostenlos!
Datenschutz 

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Der Eigelstein – 2.000 Jahre Geschichte auf 570 Meter Straße

Die Wanderbäume vor der Eigelsteintorburg, Bild: Wanderbaumallee Köln
Blick in den heute verkehrsberuhigten Eigelstein, Bild: Wanderbaumallee Köln

Podcast Eigelstein-Stüverhoff 14

Der Eigelstein ist gerade mal 570 Meter lang – und trotzdem eine der sagenumwobensten und ältesten Straßen in Köln. Als Teil der römischen Hauptachse in Nord-Süd-Richtung (sog. „Cardo maximus“) war der Eigelstein eine wichtige Verkehrsader für die Römer auf dem Weg in die bedeutenden Legionslager Novaesium (Neuss) und Castra Vetera (Xanten). Noch heute ist dieser Weg auf einer Karte gut zu erkennen: Vom römischen Nordtor über die Marzellenstraße, Eigelstein, Neusser Straße über die Niehler Straße geht es schnurgerade zum Rheinufer und von da aus weiter nach Neuss und Xanten.

Kein Adler, sondern Pinienzapfen

Um gleich mit einem weit verbreiteten Vorurteil aufzuräumen: Nein – die Historiker gehen nicht (mehr) davon aus, dass sich der Name „Eigelstein“ von „Adler“ herleitet. Obwohl der Verdacht nahe liegt, denn immerhin war das Wappentier der römischen Legionen der Adler (lateinisch aquila). Außerdem nannten die Franzosen die Straße „Rue de L` Aigle“ (Straße des Adlers oder Adlerstraße).

Allerdings gab es an den Ausfallstraßen der römischen CCAA regelmäßig Friedhöfe. So auch am Eigelstein. Auf den Gräbern wurden oft Pinienzapfen aus Stein angebracht, diese galten als Symbol der Unsterblichkeit. Die Kölner gingen davon aus, dass es sich Eicheln handelte und nannten die steinernen Zapfen „Eychelsteyne“. Und von da aus ist es nur noch ein kurzer Weg zum „Eigelstein“.

Eines der vielen Gasthäuser am Eigelstein: Der "Brüsseler Hof" (1840)
Eines der vielen Gasthäuser am Eigelstein: Der „Brüsseler Hof“ (1840)

Handwerker Viertel – mit vielen Gaststätten

Rund um den „Eygelsteyn“ siedelten sich im Mittelalter viele Handwerker an. Und diese hatten anscheinend beträchtlichen Durst: Bereits 1170 erwarb „Ezelin der Bruer“ ein Haus und wurde somit der erste namentlich genannte Bierbrauer Kölns – ein echter Pionier!

Im Jahr 1838 gab es am Eigelstein insgesamt 18 Brauereien. Und noch bis 2015 wurde hier Bier gebraut, zuletzt von der Gaffel-Brauerei, die heute ihr Bier rechtsrheinisch, in Gremberghoven, braut. Den Durst kann man am Eigelstein aber immer noch hervorragend stillen, unter anderem im Weinhaus Vogel oder in der bereits 1760 gegründeten Gaststätte „Em Kölsche Boor“

Urjels-Palm in der Bierdeckel-Serie "Kölsche Originale", Bild: Bild: rs-bierdeckel.de, Reinhold Schäfer
Urjels-Palm in der Bierdeckel-Serie „Kölsche Originale“, Bild: Bild: rs-bierdeckel.de, Reinhold Schäfer

Heimat kölscher Originale

Am Eigelstein lebten auch Johann Arnold Klütsch (1775 – 1845), in Köln als „Fressklötsch“ bekannt. Ein legendärer Vielfraß und hochgeachteter Bürger. Und auch der als vornehme Straßenmusikant bekannte Johann Joseph Palm (1801 – 1882) – genannt „Orjels-Palm“ – lebte in dieser Straße.

Früher Kappesboore, in den 1970er „Klein Istanbul“

Wirft man einen Blick in die Mercator-Stadtansicht von 1570. ist der Eigelstein eine eher abgelegene Straße. In der Weidengasse, die auf ungefähr halber Höhe in den Eigelstein mündet, kann man auf der alten Ansicht noch einfache Strohhütten erkennen. Hier haben damals die als „Kappesbure“ bezeichneten Kohlbauern sowie die Stadtsoldaten und auch Wäscherinnen in prekären Verhältnissen gelebt.

Deutlich aurf diesem Ausschnitt des Mercator - Stadtplanes zu erkennen: Die Weidengasse war früher kaum bebaut
Deutlich aurf diesem Ausschnitt des Mercator – Stadtplanes zu erkennen: Die Weidengasse war früher kaum bebaut

Ab den 1970er Jahren war insbesondere die Weidengasse ein bei der türkischen Bevölkerung sehr beliebtes Wohnviertel. Hier wurde auch 1974 der erste türkische Gemüseladen Kölns eröffnet.

Allerdings ist in diesem sehr urbanen Viertel die Gentrifizierung festzustellen: Immer mehr wohlhabendere Bevölkerungsschichten verdrängen die weniger zahlungskräftigen Einwohner. Aber noch finden sich hier unzählige Schnellimbisse mit türkischen Spezialitäten. Der Rauch, der insbesondere beim Grillen der Dönerspieße entsteht, sorgt regelmäßig für Ärger bei den (neuen) Anwohnern.

Die 1970er Jahre war auch das kriminelle Milieu der Stadt stark am Eigelstein vertreten. Insbesondere „Im Stavenhof“, einer kleinen, engen Seitengasse, boomte die Prostitution.

Heute ist der Eigelstein eine in weiten Teilen autofreie Fahrradstraße – was aber regelmäßig zu Konflikten zwischen herumschlendernden Fußgängern und eiligen Lastenradfahrern führt.

Das "Schmalste Haus Kölns", Eigelstein 115, Bild: wowo2008, Public domain, via Wikimedia Commons
Das „Schmalste Haus Kölns“, Eigelstein 115, Bild: wowo2008, Public domain, via Wikimedia Commons

Attraktion: Das schmalste Wohnhaus Kölns

Es ist zwar 30 Meter lang, aber nur 2,56 breit: Das schmalste Wohnhaus Kölns befindet sich am Eigelstein Hausnummer Nr. 115. Kurios: Das Haus hat keine eigene Außenwände sondern wurde zwischen die Brandmauern der beiden Nachbargebäude gebaut. Ebenfalls platzsparend: Die Badezimmer sind über Schiebetüren abgetrennt, die Treppen zu den oberen Stockwerken wurden nach außen gelegt.

Am Eigelstein ist Musik

Selbstverständlich darf in einer Stadt, die sich selbst regelmäßig feiert und besingt auch ein Lied zum Eigelstein nicht fehlen: Die kölsche Band „Räuber“ hat dieser Straße mit dem äußerst eingängigen Lied „Am Eigelstein es Musik“ ein musikalisches Denkmal gesetzt.

Etwas feinsinniger die Lieder, die der Straße „Unter Krahnenbäumen“ gewidmet sind. Diese Straße mündet auf Höhe der Weidengasse in den Eigelstein. Willi Ostermann besingt 1936 das „Kinddauf-Fess Unger Krahnebäume“, Wolfgang Niedecken bezeichnet diese Ecke 2004 in seinem Lied „Unger Krahnebäume“ als „Schattenseite des Doms“:

Rään un Sonnensching und Harel, Eirestein un WiggejassLang nit mieh heher jefahre, och mit wirklich jetzt verpassSonnenbank un Dönerbuude, Ahn- un Verkauf, JlitzerkrommEinmohl mieh erinnjeroode en die Schattesick vum Dom

Von 1979 bis 1988 gab es auch Eigelstein Musikproduktion GmbH. Dieses Label brachte 1979 das BAP-Album „BAP rockt andere kölsche Leeder“ und 1980 das deutlich rockigere „Affjetaut“ heraus.

Heinrich Böll wird von Schwester Antonia wegen seiner Fähigkeit, Menschen zu analysieren und diese Erkenntnis zu formulieren sehr geschätzt. Bild: Harald Hoffmann
Heinrich Böll hat in dem Essay „Straßen wie diese“ seine Sehnsucht nach Straßen wie „Unter Krahnebäume“ beschrieben, Bild: Harald Hoffmann

Heinrich Böll: „Straßen wie diese“

Durch Heinrich Böll hat es das Eigelstein-Viertel auch in die Weltliteratur geschafft. Als Nachwort zu dem sehenswerten Bildband „Unter Krahnenbäumen – Bilder aus einer Straße“ des Kölner Fotografs Chargesheimer schreibt Böll:

„Durch Straßen wie diese führte mein Schulweg, sieben Jahre lang; viele tausend Male bin ich durch solche Straßen gegangen, aber nie in sie eingedrungen; erst viel später – in der Erinnerung begriff ich, was Straßen wie diese bedeuten, ich begriff es, wie man plötzlich Träume begreift, wenn ich in fremden Städten stundenlang durch Straßen ging und eine wie diese suchte, aber nicht fand.“


E-Mail-Newsletter

Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Zum Hören als Podcast oder zum Lesen im Blog.

Aber immer kurz & knackig, immer subjektiv & voreingenommen. Und immer kostenlos!
Datenschutz 

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Der Kallendresser zeigt uns die bläcke Fott

Der Kallendresser am Alter Markt, Bild: Elke Wetzig (elya) [CC BY-SA (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)]
Der Kallendresser am Alter Markt, Bild: Elke Wetzig (elya) [CC BY-SA (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)]

+++ TOP AKTUELL: Film „Der Kallendresser lebt!“  +++

Am 19. April 2023 war die Welturaufführung: Der Kölner Filmemacher Bruno Neurath-Wilson hat seine sehenswerte Dokumentation „Der Kallendresser lebt“ veröffentlicht. 
Ganz am Anfang des Films kommt auch ein ganz bestimmter Kölner Stadtführer zu Wort. Schaut da unbedingt mal rein!


Unerhört!
Da hockt ein kleines Männlein hoch über unseren Köpfen und streckt uns die bläcke Fott (hochdeutsch: das nackte Gesäß) entgegen. Offensichtlich ist es gerade dabei, in de Kall ze drisse (hochdeutsch: seine Notdurft in der Regenrinne zu verrichten). Und das mitten in der Stadt. Am Alter Markt. Diese kleine Männlein wird von den Kölschen liebevoll Kallendresser genannt. Ihr findet es am Alter Markt, Hausnummer 24.

Das Kallendresser-Leed

Die Kölschen lieben diese kleine Figur, es gibt sogar ein eigenes Lied dazu:

Ki-Ka Kallendresser,
hev et Hembche huh!
Kik-Ka Kallendresser,
mähs de Minsche fruh.
Häste Ärger un Verdross,
mähste deer nix druus,
denkste nor wie Goldschmitsjung
un stipps dä Mond erus. 

Übersetzung:
Ki-Ka Kallendresser,
hebt das Hemdchen hoch,
Kik-Ka Kallendresser,
machst die Menschen froh.
Hast du Ärger und Verdruss,
mach dir nichts draus,
denke nur wie ein Lehrling der Goldschmiedekunst1Denken wie ein Goldschmittsjung“ ist eine (heute kaum noch gebräuchliche) Redensart für (vornehm gesagt) „Du kannst mich mal.“
und streckst den Mond2hier: Das Hinterteil heraus.

Verschiedene Legenden zur Herkunft

Genau wie beim Halven Hahn gibt es auch beim Kallendresser verschiedene Legenden zur Entstehung:

  • Am Alter Markt war es anscheinend schon immer etwas lauter. Besonders jedoch störte sich ein Schneider daran, dass unter ihm ein – offensichtlich weniger talentierter – Musiker Tuba übte. Nach vielen Ermahnungen wegen der Ruhestörung wurde es dem Schneider zu bunt, und er hockte sich an die Dachkall und zielte ganz genau …

oder:

  • Für Dachdecker ist es natürlich mühsam, für das „Geschäft“ eine Toilette aufzusuchen. Viel einfacher ist es doch, die Regenrinne zu benutzen.

oder:

  • Die oberen Stockwerke wurden früher von den Dienstboten bewohnt. Selbstverständlich gab es dort oben keine Toilette. Und dann war der Weg zur Dachrinne nicht so weit wie der Weg zum Plumpsklo im Hinterhof.

oder: 

  • Meine Lieblingsgeschichte leitet sich vom Standort des Kallendressers ab: Dreht man sich einmal um, sieht man das Rathaus. Und plötzlich wird der nackte Hintern der Figur zum politischen Statement.

Wie in Kölle so üblich: Zu vielen Legenden gibt es eine ganze Reihe Erklärungen, wobei gilt: Was am Ende richtig ist, ist egal. Hauptsache, die Geschichten sind schön!

Der Kallendressers als Synonym für das Aufbegehren gegen die Obrigkeit

Tatsächlich gab es einen Vorläufer der Figur des Kallendressers. Dieser erste Kallendresser wurde von den Kölner Bürgern am „Haus zur Sonne“ am Alter Markt angebracht. Besonders pikant: Ausgerichtet war der nackte Hintern in Richtung des Klostereingangs von St. Martin.

Die Mönche des Klosters hatten sich den Zorn der Bürgerschaft zugezogen, als sie einen Verbrecher, der sich in der vermeintlichen Immunität des Klosters sicher fühlte, an die städtischen Behörden auslieferten. Die empörten Bürger errichteten daraufhin die provokante Figur. Auch eine Klage des Klosters gegen die Figur des Kallendressers wurde abgewiesen. 

Drastischere Darstellung von Ewald Mataré

Dieser „Vorläufer“ des heutigen Kallendressers, der im Krieg stark beschädigt wurde, war in der Darstellung etwas zurückhaltender. Man erkannte zwar, welcher Beschäftigung die Figur nachging, jedoch war diese mit einem langen Hemd bekleidet. Also war kein Blick auf bläcke Fott möglich. Leider konnte man diese Figur wegen der Beschädigungen nicht mehr aufhängen. 

Dass der Kallendresser überhaupt noch existiert, ist der Initiative von Josef „Jupp“ Engels (1909–1991)3Jupp Engels stiftete übrigens auch das Geld und Material zur Schmitz-Säule. verdanken. Der Mäzen und Freund des kölschen Brauchtums sicherte sich in einem typisch kölschen Deal die Figur des Kallendressers: Er tauschte einen mittalterlichen Torbogen, den er beim Bau eines Hauses gefunden hatte, gegen die Rechte an der Figur des Kallendressers ein.

Nachdem er sich die Rechte gesichert hatte, beauftragte Engels seinen Freund, den renommierten, in Düsseldorf tätigen Künstler Ewald Mataré, eine neue Figur zu schaffen. Und – genau wie beim Rosenmontagszug – scheinen die Düsseldorfer immer etwas drastischer in ihren Darstellungen zu sein. Mataré gestaltete die Nachbildung in grünpatiniertem Kupferblech. Ohne Nachthemd, dafür aber mit freiem Blick auf das entblößte Gesäß. Und so hängt er da oben – sehr zu Belustigung der Passanten.

Der Kallendresser-Orden

Jupp Engels gründete auch den Kallendresser-Orden. In diesen Orden können nur Menschen aufgenommen werden, die sich um das Kölner Brauchtum verdient gemacht haben. Selbstverständlich war Engels als Oberkallendresser Präsident dieses Ordens.

HELLERS Kallendresser ist ein wohlschmeckender und wohltuender Kräuterlikör mit 32% Alkohol, Bezug über https://www.hellers.koeln/
HELLERS Kallendresser ist ein wohlschmeckender und wohltuender Kräuterlikör mit 32% Alkohol

Verschiedene Versionen des Kallendresser in ganz Köln – und sogar in Rumänien und Barcelona

Die Brauerei Heller vertreibt den Kallendresser als Getränk: Ein wohlschmeckender Kräuterlikör mit 32% Alkohol.  Und über der Theke im Hellers Brauhaus an der Roonstraße reckt auch ein kleiner Kallendresser seinen Hintern in Richtung Besucher. 

In Junkersdorf und in Seeberg zeigen jeweils kleine Kallendresser ihre bläcke Fott, wobei die Figur in Seeberg ihren Hintern ausdrücklich in Richtung eines ungeliebten Nachbarn streckt. Genau wie in Rumänien: In der Kleinstadt Braila hat ein Kölner Unternehmer einen Kallendresser an seinem Haus montiert – ebenfalls als Zeichen gegen einen missgünstigen Nachbarn.

Der Caganer, unverzichtbarer Bestandteil jeder katalanischen Weihnachtskrippe und offensichtlich ein Verwandter des kölschen Kallendressers. Bild: Slastic, via Wikimedia Commons
Der Caganer, unverzichtbarer Bestandteil jeder katalanischen Weihnachtskrippe und offensichtlich ein Verwandter des kölschen Kallendressers. Bild: Slastic, via Wikimedia Commons

Und dann gibt es auch noch einen entfernten Verwandten des Kallendressers: In keiner katalanischen Krippe darf der Caganer4katalanisch für Scheißer fehlen. Diese Figur stellt stellt eine Person mit heruntergelassenen Hosen dar, die sich im Umfeld der Geburt Jesu erleichtert. Es ist für Kinder aus Barcelona ein beliebtes Spiel, den Caganer in der Krippe zu finden.

Und die Moral von der Geschichte?

Bruno Neurath-Wilson fasst in seinem Film „Der Kallendresser lebt“ die Intention des Kallendressers perfekt zusammen:

  1. Welche der Legenden zur Entstehung des Kallendressers richtig ist, ist am Ende egal – Hauptsache, die Geschichten sind schön! 
  2. Etwas mehr Kallendresser würde uns allen gut tun: Weniger Streiterei, weniger Gerichtsverfahren. Stattdessen einfach mal die bläcke Fott zeigen und gut ist.

Bei der Lotsentour Innenstadt werfen wir auch einen Blick auf den Kallendresser.


E-Mail-Newsletter

Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Zum Hören als Podcast oder zum Lesen im Blog.

Aber immer kurz & knackig, immer subjektiv & voreingenommen. Und immer kostenlos!
Datenschutz 

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung

Stolpern über Geschichte(n): Stolpersteine und das EL-DE-Haus in Köln

Sieben von mittlerweile etwa 100.000 verlegten Stolpersteinen, davon etwa 2.500 in Köln, Bild: Axel Hindemith
Sieben von mittlerweile etwa 100.000 verlegten Stolpersteinen, davon etwa 2.500 in Köln, Bild: Axel Hindemith

Von Zeit zu Zeit veröffentliche ich Texte von Gastautoren im „Köln-Ding der Woche“. Dieser Beitrag stammt von Andreas „Andy“ Artmann. Der Journalist und Creative Director war einmal der der jüngste Zeitschriften-Verleger Kölns, leitete den Straßenvertrieb der Kölner Illustrierten und erstellte mit „20 Minuten Köln“ die erste echte Onlinezeitung Deutschlands.

In diesem Beitrag schreibt Andy Artmann über die Stolpersteine und das EL-DE-Haus in Köln. Vielen Dank, dass ich diesen Text hier veröffentlichen darf.


Stolpern über Geschichte(n):
Stolpersteine und das EL-DE-Haus in Köln

von Andreas „Andy“ Artmann

Vorab:

Das Kunst- und Erinnerungsprojekt „Stolpersteine“ meines Kollegen Gunter Demnig startete 1995 in Köln. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG), bezeichnet die „Stolpersteine“ als „unerträglich“. Nach Knoblochs Meinung, würden die Namen ermordeter Menschen mit Füßen „…getreten“. Im Dezember 2005 hatte ich Gelegenheit über Demnigs Werk zu schreiben. 

Stolperstein Juliska Artmann, Aachener Straße 28, 50674 Köln, Bild: 1971markus, CC BY-SA 4.0
Stolperstein Juliska Artmann, Aachener Straße 28, 50674 Köln, Bild: 1971markus, CC BY-SA 4.0

Aachener Straße: Kebab-Buden, Cafés, kleine Buchantiquariate, schräg gegenüber das Volkstheater Millowitsch1heute die „Volksbühne“. Freundliches Wetter. Die Menschen flanieren. Mein Blick bleibt an einem zehn mal zehn Zentimeter großen Pflasterstein hängen. Darauf glänzt eine Messingplatte in der Wintersonne. In diese sind Worte eingetrieben: „Hier wohnte Juliska Artmann, geb. Fellner, Jg 1891, deportiert 1941 nach Riga.“ Ein Stolperstein des Künstlers Gunter Demnig. Seit 1995 verlegt er sie, kleine Gedenkstätten auf zehn Quadratzentimetern.

Demnig pflastert die Stadt mit Erinnerungen. Jeder einzelne Stein widmet sich dem Schicksal eines Menschen, den die Nazis zunächst „aussortierten“ und anschließend „auslöschten“. Widerstandskämpfer, Behinderte, Mitglieder von Minderheiten wie die deutsch-jüdischen Bewohner oder die im damaligen Amtsdeutsch als „Zigeuner“ bezeichneten Angehörigen der Sinti und Roma. So kehren diese Opfer der Tyrannei ins Bewusstsein der Passanten zurück. Wer aber war Juliska Artmann?

NS-Dokumentationszentrum und Gedenkstätte im EL-DE-Haus

Mein Interesse ist durch den Stolperstein geweckt, teile ich mit der Unbekannten doch den Familiennamen: „Artmann“. Über das Internet gelange ich auf die Seite des EL-DE-Hauses, benannt nach den Initialen des Erbauers und Besitzers Leopold Dahmen. Bis Kriegsende war das Gebäude die Zentrale der Gestapo (Geheime Staatspolizei) des damaligen „Gaus Köln“. Heute ist es NS-Dokumentationszentrum und Gedenkstätte. Dort erfahre ich, dass Juliska der jüdischen Glaubensgemeinschaft angehörte. Ich beschließe, die Spurensuche im EL-DE-Haus fortzusetzen.

Appellhofplatz Nummer 23 – fußläufig zum weltbekannten deutschen Wahrzeichen Kölner Dom. Neben dem Haus liegt St. Maria in der Kupfergasse, eine alte Wallfahrtskirche, davor zwei Bettler. Gegenüber das Amtsgericht. Bereits am 8. November 1938, einen Tag vor der „Reichskristallnacht“, zerrten dort Nazis die Amtsrichter jüdischer Abstammung heraus und fuhren sie auf Müllkarren durch die Stadt.

Der aus einer kölsch-jüdischen Familie stammende Künstler Manfred Weil erinnert sich später an die Straßenszene. Sein Vater Emil sagte damals: „Wenn die das mit den Richtern machen, weißt Du, was uns geschehen wird.“

Das EL-DE-Haus, NS-Dokumentationszentrum und Gedenkstätte in Köln, Bild: Raimond Spekking
Das EL-DE-Haus, NS-Dokumentationszentrum und Gedenkstätte in Köln, Bild: Raimond Spekking

Das EL-DE-Haus ist ein solides gräuliches Gebäude, Neoklassizismus. Unkompliziert hilft mir dort Barbara Becker-Jèkli bei der Spurensuche. Die Historikerin der Stadt Köln dokumentiert im EL-DE-Haus die Stolpersteine. In ihrem Büro sucht sie eine Karteikarte aus dem Archiv. Juliska Artmanns eingetragener Beruf ist „Heimarbeiterin“. In Köln-Sülz war sie als Schneiderin gemeldet. Später lebte sie in der Richard-Wagner-Straße, heute gibt es hier Comic- und Musikgeschäfte. Das Haus in der Aachener Straße mit dem Stolperstein davor, der Juliskas Namen trägt, scheint ein Ghetto-Haus gewesen zu sein. Darauf deuten die vielen Namen anderer Deportierter in der Kartei hin.

Was mit Juliska weiter passierte, verliert sich in den Wirren von Umquartierung, Deportation und Vernichtung. Insgesamt wurden etwa 25.000 deutsche Juden nach Riga deportiert. Die Überlebensquote, sofern die Frau das Ghetto überhaupt lebend erreicht hat, war gering. In der Bibliothek des EL-DE-Hauses versorge ich mich mit weiteren Informationen. 

Detailansicht einer Wandinschrift in einer Zelle des EL-DE-Hauses, Bild: Elya, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Detailansicht einer Wandinschrift in einer Zelle des EL-DE-Hauses, Bild: Elya, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Beeindruckende Gedenkstätte im Keller

Danach besuche ich die Dauerausstellung über den Nationalsozialismus. Es empfiehlt sich eine Führung. Im zweiten Stockwerk verharre ich vor einem riesigen Luftbild des 1945 zu mehr als 90 Prozent zerstörten Kölns.

Ein schlechter Treppenwitz der Geschichte: Die Bomben der Alliierten verschonten das EL-DE-Haus – und damit ausgerechnet das Folterhaus der Gestapo.

Die Dauerausstellung erläutert, wie Menschen ausgegrenzt werden. Ein schleichender Prozess, wie aus übler Nachrede vermeintliches Allgemeinwissen, aus Propaganda verquere Wahrheit wird. Die eigentliche Gedenkstätte befindet sich im Keller. Der Zellentrakt ist erhalten geblieben. Knapp 1800 Inschriften an den Wänden zeugen vom Martyrium der Inhaftierten. Teilweise mit Fingernägeln in die Wände gekratzt, versuchten die Opfer, Botschaften zu hinterlassen. Ein Gefangener schrieb an die Zellenwand: „Kämen doch bloß die Amerikaner.“

Claus Hinrich Casdorff (1925 – 2004), späterer Gründer des WDR-Magazins „Monitor“, war hier im letzten Kriegsjahr als junger Wehrmachtsoffizier inhaftiert. Casdorff ein Mitwisser des Putschversuches vom 21. Juli 1944 (Tag des Stauffenberg Attentats auf Adolf Hitler): „Eigentlich wusste ich nichts. Da kam ich nur lebend raus, weil Kameraden schweigend in den Tod gingen, ohne meinen Namen zu nennen. Das Gedenken an diese Widerständler war mein Antrieb, Journalist zu werden.“

Die Zelle 9, eine von zehn insgesamt zehn Zellen im EL-DE-Haus, Bild: Factumquintus, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Die Zelle 9, eine von insgesamt zehn Zellen im EL-DE-Haus, Bild: Factumquintus, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Folter- und Hinrichtungsstätte mitten in der Stadt 

Der Folterkeller befindet sich noch eine Etage tiefer im zweiten Untergeschoss. Die Schreie der Gequälten, worttäuschend als „Schutzhäftlinge“ bezeichnet, sollten nicht nach draußen dringen; so blieb die ordentliche Fassade des NS-Staates gewahrt. Die überlebende Insassin Käthe Brinkler schildert später, dass ihre Tortur pünktlich um zwölf Uhr unterbrochen und um 13 Uhr fortgesetzt wurde: Mittagspause im Deutschen Reich.

1944 waren die verbliebenen Kölner an Tod und Verwüstung gewöhnt, jetzt wurden im Hof des Hauses die ersten Menschen hingerichtet. Hunderte weitere Hinrichtungen sind belegt. Wie viele Häftlinge genau durch Folter, Schnellgerichte oder Krankheit hier starben, weiß heute niemand.

An einige wenige Menschen erinnern in den Straßen von Köln die Stolpersteine von Gunter Demnig.

Nachtrag:

Der Artikel erschien im Dezember 2005 in der Urversion »Erinnerung: Stolpern über Geschichte« in »Y. Magazin der Bundeswehr« (12/2005, Seite 100 f.) als Arbeit für die Frankfurter Societät (Mediengruppe Frankfurt). Dies rund zehn Jahre nach der ersten Verlegung eines Probe-Stolpersteines in der Kölner Thieboldsgasse (1995). Dieser Text wurde von überarbeitet und durch eine Passage meines persönlichen Gespräches mit Claus Hinrich Casdorff (1925 bis 2004) und eines Satzes von Manfred Weil (1920 bis 2015) ergänzt. Casdorff lernte ich 1996 für Reporter ohne Grenzen Deutschland in seiner Funktion als Chef des Kölner Presseclubs kennen und schätzen.

Andreas „Andy“ Artmann


E-Mail-Newsletter

Das "Köln-Ding der Woche" per E-Mail frei Haus. Jede Woche sonntags ein neues Detail zur schönsten Stadt der Welt. Zum Hören als Podcast oder zum Lesen im Blog.

Aber immer kurz & knackig, immer subjektiv & voreingenommen. Und immer kostenlos!
Datenschutz 

Für den Fall, dass dich die standardisierte Anmeldeprozedur nervt, gibt es auch die kölsche Lösung: Schick mir einfach eine Mail an uli@koeln-lotse.de und ich trage dich in den Verteiler ein.


*Datenschutzerklärung